Sie sind auf Seite 1von 10

Was ist gesellschaftlich relevante Wissenschaft?

von Peter Weingart

Gibt es irrelevante Forschung?

Ein angesehener amerikanischer Senator, William Proxmire, ist der Urhe­ ber des von ihm so genannten »Golden Fleece Award«, einer Ehrung für den größten Unfug, für den öffentliche Behörden verantwortlich gemacht wer­ den können. Im Jahre 1975 hat er die »National Science Foundation«, die Förderorganisation für Forschung, aufs Korn genommen. Er verlieh das »Gol­ den Fleece« an die NSF für die Finanzierung eines Projekts über das »Sexual­ verhalten der ›screw­worm‹­Fliege«. Die NSF sah sich dem Gelächter der Senatoren und Abgeordneten sowie der Medien ausgesetzt. Einige Zeit später gestand Proxmire gegenüber dem Direktor der NSF jedoch offen seine späte Erkenntnis ein, dass die von ihm verlachte Forschung von großer Bedeutung auf dem Gebiet der Schädlingsbekämpfung war (vgl. Atkinson 1999). Dieses Beispiel steht für die Fehleinschätzung der Relevanz von Forschung seitens eines Politikers, der sich in der guten Absicht, verschwenderischen Umgang mit Steuergeldern zu verhindern, an einem irreführenden Indikator, dem Titel des Projekts, orientiert hatte. Das Beispiel illustriert aber zugleich auch einen Aspekt des grundlegenden Konflikts, der zwischen den Politikern als Repräsentanten der Bürger und Wissenschaftlern als den Empfängern von Forschungsgeldern besteht. Ganz offensichtlich ist es möglich, dass zwischen ihnen unterschiedliche Vorstellungen darüber bestehen, welche Forschung relevant ist und welche nicht. Ein anderes Beispiel: Die Geisteswissenschaften befinden sich seit vielen Jahren in einer Dauerkrise, weil sie sich gegenüber der Frage, welche ge­ sellschaftliche Relevanz sie hätten, nicht recht zur Wehr setzen können. Ihr Anteil an der Förderung der gesamten Wissenschaft durch die DFG bleibt

1515

I. Wissens-Gesellschaft

zwar über die Jahre hinweg in etwa stabil, aber die »gefühlte« Situation ist deutlich schlechter (Wissenschaftsrat 2006, S. 151). Einige schon fast für tot gehaltene Fächer wie die Sinologie und die Islamwissenschaften, deren ge­ sellschaftliche Relevanz kaum einer recht sehen wollte, erfreuen sich jedoch urplötzlich eines großen Zuspruchs. Die Sinologie profitiert vom dramati­ schen Aufstieg Chinas zur Welthandelsmacht, die Islamwissenschaften von der Ratlosigkeit gegenüber den Islamisierungstendenzen vor der eigenen Haustür. – In diesem Fall hat sich offensichtlich die Auffassung darüber, was als gesellschaftlich relevant gelten kann, aufgrund äußerer Entwicklungen grundlegend verändert. Wohlhabende jungverheiratete Paare in Manhattan, deren Eltern noch mit einer Mischung aus Angst und Verachtung auf die »blauen Ameisen« aus Maos China schauten, lassen ihre Kinder von chinesi­ schen Kindermädchen Mandarin lernen. Ein drittes Beispiel: Seit einer Reihe von Jahren ist die Nanoforschung in aller Munde, vor allem denen der Wissenschaftspolitiker. In allen Wissen­ schaftsnationen wird viel Geld für diesen neuen Forschungszweig ausgege­ ben, werden neue Zentren gegründet. Die Wissenschaftler haben zu diesem Hype selbst viel beigetragen, unter anderem mit Versprechungen von atoma­ ren Robotern, die wie U­Boote durch die Adern fahren und ihre Innenwände von lebensbedrohenden Ablagerungen reinigen, oder von Mikrochips, die ins Gehirn eingepflanzt werden und dessen Kapazitäten unermesslich erwei­ tern. Noch nicht ein einziges dieser Versprechen ist derzeit eingelöst worden, und die Wissenschaftler distanzieren sich derweil von ihren medienwirksa­ men Utopien. – In diesem Fall ist die gesellschaftliche Relevanz der betref­ fenden Forschung von den Wissenschaftlern aufgrund von Erkenntnissen in der Grundlagenforschung (der Manipulierbarkeit von Atomen) überzeugend behauptet, aber bislang nicht bewiesen worden. Die Politiker in den reiche­ ren Industrieländern haben die Versprechen der Wissenschaftler geglaubt und ihnen (viel) Geld im Vertrauen auf ihre Versprechen gegeben. Alle drei Beispiele ließen sich vielfach vermehren. Sie belegen die Schwie­ rigkeit im Verhältnis von Wissenschaft und Politik bzw. Gesellschaft. Die (gesellschaftliche) Relevanz von Forschung ist offenbar keine stabile Größe, sondern wandelt sich in Abhängigkeit von Entwicklungen, die außerhalb der Kontrolle der Politik liegen. Außerdem verändern sich Vorstellungen von Re­ levanz in Abhängigkeit von Erkenntnissen der Wissenschaft selbst, die neue,

16

Was ist gesellschaftlich relevante Wissenschaft?

vorher gar nicht vorhandene, nur in faszinierenden Utopien beschriebene Perspektiven eröffnen. Fazit: Ob es irrelevante Forschung gibt, lässt sich also ebenso schwer beantworten wie die umgekehrte Frage, welche Forschung gesellschaftlich relevant ist.

Wer stellt wie fest, welche Forschung gesellschaftlich relevant ist?

Wenn sich schon keine inhaltliche Antwort auf die Frage nach der gesellschaft­ lichen Relevanz der Forschung geben lässt, führt vielleicht die Frage weiter, mittels welcher Verfahren sich ggf. eine Antwort finden lässt. Verfahren ver­ leihen Legitimität. Hier stellt sich jedoch wieder das gleiche strukturelle Pro­ blem. Anders als z.B. im Verhältnis zwischen Regierung und Gewerkschaften oder Arbeitgebern besteht zwischen Regierung und Wissenschaft eine spe­ zifische Asymmetrie. Eine Regierung kann sich ein genaues Bild über die Arbeitsbedingungen verschaffen. Sie kann aber vernünftigerweise nicht dar­ über befinden, welche nächsten Forschungsschritte am besten geeignet sind, um den Ursachen der Alzheimerkrankheit auf die Spur zu kommen. Sie kann zwar – unter dem oben angedeuteten Risiko – entscheiden, das Forschungs­ gebiet der Entomologie zugunsten der Nanoforschung zurückzufahren, weil ihr deren Erkenntnisse nicht relevant genug erscheinen. Die Entscheidungen darüber, welche Forschungsergebnisse von den verbliebenen Entomologen für richtig und wichtig erkannt werden, bleibt aber eine Angelegenheit eben dieser Wissenschaftler selbst. Anders gesagt: Ein wesentlicher Mechanismus zur Bestimmung von wissenschaftlicher (nicht gesellschaftlicher!) Relevanz ist der »organisierte Skeptizismus« unter den Mitgliedern einer Disziplin bzw. spezialisierter Forschungsgebiete (s. das dritte Beispiel oben). Die Entscheidungen von Politikern über die gesellschaftliche Relevanz bestimmter Forschungsgebiete bleiben also notgedrungen »außen vor«. Sie müssen sich auf die Qualität und Verlässlichkeit der wissenschaftsinternen Entscheidungsverfahren verlassen. Das fällt ihnen zunehmend schwer, was angesichts des unbegrenzten Universums möglicher, aber eben auch unbe­ zahlbarer Forschungsfragen verständlich ist. Politiker wollen sich nicht auf eine »Relevanz in ferner Zukunft« einlassen, sie müssen in spätestens vier Jahren wiedergewählt werden.

17

I. Wissens-Gesellschaft

Seit einiger Zeit versuchen sie deshalb, über Evaluierungen der Wissen­ schaftler bzw. ihrer Einrichtungen eine bessere Kontrolle zu gewinnen. In derartigen Evaluierungen kommt manchmal ein Kriterium wie »gesellschaft­ liche Relevanz« der Forschung vor, oder die Wissenschaftler werden außer an ihren Publikationen und der Häufigkeit der Zitate, die sie erhalten, u.a. an ihren Auftritten in der Öffentlichkeit »evaluiert« (englisch: »outreach«). Es gibt aber keine Instanz, die die vielfältigen Vorstellungen von gesellschaftli­ cher Relevanz zu einem einheitlichen Maß amalgamieren könnte. Deshalb bleibt die Bewertung letztlich den Wissenschaftlern selbst überlassen, und auch die anderen Kriterien (Publikationen, Zitate, Drittmittel usw.) bilden nur den wissenschaftlichen Kommunikationsprozess ab. Die Kontrolle bleibt also dem Forschungsprozess äußerlich, sie orientiert sich unweigerlich an Indikatoren des Prozesses. Neben der »internen« Steuerung des Forschungsprozesses, die dessen Ori­ entierung an »gesellschaftlicher Relevanz« gerade nicht garantiert, gibt es noch andere Mechanismen. Die Geldgeber, staatliche Organisationen wie Ministerien oder aber Fördereinrichtungen wie die Deutsche Forschungsge­ meinschaft und private Stiftungen (Volkswagenstiftung, der Stifterverband, Thyssen usw.) sind u.a. auch dem Ziel verpflichtet, gesellschaftlich relevante Forschung (meistens parallel zu dem Ziel, die Wissenschaft als solche oder einzelne Gebiete) zu fördern. Das geschieht durch die Formulierung von For­ schungsprogrammen. Forschungsprogramme haben eine selektive und eine steuernde Wirkung auf die Forschung. Die selektive Wirkung ergibt sich aus dem einfachen Umstand, dass mit ihnen Geldströme verbunden sind. Geldströme sind auch ein indirek­ ter Ausdruck politischer Entscheidungen für Relevanz. Es macht sicher einen Unterschied, ob ein Land wie die USA rund die Hälfte der staatlichen Ausga­ ben für Forschung und Entwicklung (F&E) für Militärforschung ausgibt; in England ist es immerhin noch ein Drittel der öffentlichen Ausgaben, während Japan und Deutschland weniger als 5 Prozent in diesem Gebiet ausgeben (vgl. Koizumi 2002).* In aller Regel geht die umfangreiche Förderung militärischer Forschung auf Kosten anderer Bereiche und zumal der Grundlagenforschung.

* Dabei wird unterstellt, dass die Zahlen verlässlich und die Kategorien vergleichbar sind.

18

Was ist gesellschaftlich relevante Wissenschaft?

Während des Kalten Krieges lagen die Ausgaben für militärische Forschung in den USA noch höher. Es ist allerdings zu bedenken, dass das amerikanische Verteidigungsministerium als größter Finanzier von F&E nicht nur direkte Waffenforschung fördert, sondern z.B. auch die Nanoforschung – freilich in Erwartung späteren militärischen Nutzens. Ein nicht unerheblicher Teil der rund 50 Milliarden US­Dollar geht deshalb in Forschungsgebiete, die Innova­ tionen in der zivilen Wirtschaft initiieren (z.B. das Internet!). Außerdem ist das DOD ein zentraler Förderer der Sozialwissenschaften. Dies ist eine Beson­ derheit des amerikanischen Wissenschaftssystems und zeigt zugleich, dass die Auffassung davon, welche Wissenschaft für die Verteidigung relevant ist, ein breites Spektrum der Wissenschaft erfassen kann. Die steuernde Wirkung von Forschungsprogrammen beruht in erster Linie auf ihrer monetären Anreizwirkung. Wissenschaftler sind gezwungen, dort ihre Forschungsgelder zu holen, wo sie sie finden können. Wenn es keine »freien« Mittel für Grundlagenforschung ihrer eigenen Wahl gibt, müssen sie sich in Programme einfügen. Je nachdem, wie konkret die Vorstellungen von Relevanz sich in Forschung übersetzen lassen, fallen die Programme spe­ zifischer oder allgemeiner aus. Aber selbst im Bereich der Militärforschung, wo man aufseiten der Politik (bzw. des Militärs) sehr klare Vorstellungen hinsichtlich der Relevanz vermuten darf, sind die Auftraggeber darauf an­ gewiesen, mit den Wissenschaftlern über die Aussichten bestimmter For­ schungsstränge im Bezug auf die von ihnen gewünschten Waffen zu ver­ handeln. Diese Mitwirkung der Wissenschaftler bei der Formulierung von Forschungsprogrammen ist in den Förderorganisationen, denen vor allem das Wohl der Wissenschaft insgesamt am Herzen liegt, noch sehr viel aus­ geprägter. Eine Steuerung der Forschung ohne die Mitwirkung der Wissen­ schaftler selbst wäre zumindest sehr ineffizient. Wo diese Mitwirkung nicht gegeben ist, müssen die Auftraggeber sich mit der interpretativen Fantasie der Wissenschaftler auseinandersetzen. Die Forscher werden immer versu­ chen, ihre eigenen Forschungsinteressen als relevant für ein gegebenes For­ schungsprogramm zu deklarieren, und je nachdem, wie überzeugend diese Interpretation ausfällt, können sie für sich Handlungsspielräume eröffnen und sich ggf. der direkten Steuerungsabsicht entziehen. Der eingangs erwähnte Konflikt zwischen Politik und Wissenschaft ist ein Konflikt um Kontrolle über den Gang der Forschung, soweit sie aus öffent­

19

I. Wissens-Gesellschaft

lichen Mitteln finanziert wird, und schlägt sich im Verhältnis der über Pro­ gramme gesteuerten Forschung zu der Förderung ohne inhaltliche Bedingun­ gen nieder. Letztere wird als Grundlagenforschung ausgeflaggt. In den Augen der meisten Wissenschaftler an Universitäten (nicht allen!) im Unterschied zu denen in anderen (industriellen oder ressorteigenen) Forschungseinrich­ tungen hat die Grundlagenforschung ein höheres Prestige. Diese Hierarchi­ sierung hat eine lange, bis in die Antike zurückreichende Tradition mit Be­ zügen zur Höherwertigkeit der Kopf­ über die Handarbeit und historischen Sonderentwicklungen wie dem deutschen Idealismus. Im frühen 19. Jahr­ hundert zur Zeit der Gründung der Berliner Universität nach den Plänen Humboldts wurde die Nutzlosigkeit der Wissenschaft geradezu zum Prinzip erhoben. Die Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung, die der Entde­ ckung von Naturgesetzen gewidmet ist, und angewandter Forschung, die die Grundlagenerkenntnisse für praktische Zwecke nutzbar macht, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Paradigma der Wissenschaftspolitik in den OECD­Ländern und bildet die kategoriale Grundlage für die Forschungssta­ tistiken. Sie beruht auf einem Konzept von forschungsbasierter Innovation – dem sogenannten »linearen Modell« –, wonach alle anwendungsbezogene Forschung und Technikentwicklung auf der vorangehenden Grundlagenfor­ schung beruht – ohne sie gar nicht zu haben ist. Dieses Modell hat in den ca. vier Jahrzehnten zwischen Kriegsende und dem Fall der Berliner Mauer aber auch noch eine starke ideologische Funktion gehabt. Grundlagenforschung wurde mit »Freiheit der Wissenschaft« identifiziert, Steuerung der Forschung durch den Staat mit Unterdrückung à la sozialistische Staaten, ungeachtet des Umstands, dass der Anteil der für militärische und industrielle Zwecke finanzierten Forschung in jener Zeit eher höher als danach war. Schon der bloße Appell an »gesellschaftliche Relevanz« der Forschung konnte die Empö­ rung von Wissenschaftlern und Wissenschaftspolitikern auslösen.* Gemessen an den noch eher kruden Steuerungsversuchen jener Zeit sind Umfang und Intensität der staatlichen Steuerung seitdem dramatisch gestie­ gen, ohne dass sich die einen oder die anderen darüber aufregen. Ganz im Gegenteil: Das lineare Modell ist für tot erklärt worden, stattdessen werden neue Modelle propagiert, ein »Modus 2« der Wissensproduktion, in dem For­

* Zur zeitgenössischen Aufregung vgl. W. Schäfer (ed.) 1983, insbes. Appendix.

20

Was ist gesellschaftlich relevante Wissenschaft?

scher und Bürger, Universitäten und Industriebetriebe (angeblich) miteinan­ der forschen oder zumindest die Forschung sehr viel enger an den Bedürf­ nissen der Gesellschaft orientiert ist (vgl. Gibbons et al. 1994). An die Stelle der Abfolge von Grundlagenforschung – Anwendung – Entwicklung werden Modelle gesetzt, die Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen For­ schungstypen und damit natürlich auch den ihnen entsprechenden Institutio­ nen, Universitäten und Industrie, postulieren (vgl. Stokes 1997). Partizipation der Bürger, der sogenannten »stakeholder« oder auch zivilgesellschaftlicher Organisationen ist geradezu zum Mantra der Wissenschaftspolitik erhoben worden. Damit wird, so sollte man meinen, die gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaft per Deliberation gesichert und bedarf gar nicht mehr der verfahrensmäßigen Absicherung. Die Begeisterung, mit der diese Konzepte insbesondere von Wissenschaftsadministratoren in den Universitäts­, Stif­ tungs­ und anderen wissenschaftsbezogenen Verwaltungen aufgenommen worden sind (und noch weiter werden), sollte Grund zu skeptischem Auf­ horchen sein. Funktionieren die verschiedenen Verfahren der »Beteiligung« der Öffentlichkeit an der Forschung (und an der Technikfolgenabschätzung) wirklich so, dass damit die gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaft ge­ währleistet ist? »Dialog« ist inzwischen zum Schlagwort für Bemühungen geworden, die Öffentlichkeit an die Wissenschaft heranzuführen, gar an der Prioritätenset­ zung für die Wissenschaftspolitik zu beteiligen. Die vom BMBF veranstalte­ ten »Wissenschaftsjahre« stehen unter diesem Motto, sie sollen das eher pa­ ternalistische Konzept des »Public Understanding of Science« ablösen. Noch weitergehend ist der von 2001 bis 2005 vom BMBF organisierte sogenannte Futur­Prozess, in dem 1500 ausgewählte »Experten« in einem aufwändigen Prozess Themen zukünftiger Forschungspolitik erarbeiten sollten (vgl. BMBF 2003). Dieses und ähnliche Verfahren (z.B. die dänischen Konsensuskonfe­ renzen) leiden unter unüberwindlichen Problemen: Die Auswahl der »Exper­ ten« kann keine Repräsentativität erreichen, selbst wenn sie es wollte. Die Gremien stehen in einem ungeklärten Verhältnis zur Politik, d.h., ihre Ver­ handlungsergebnisse können nicht in politische Entscheidungen umgesetzt werden, weil ihnen dazu das Mandat fehlt. Die Wirkung ihrer Empfehlungen bleibt letztlich intransparent. Selbst wenn man ihnen nicht unterstellen will, dass sie nur zur Legitimationsbeschaffung dienen sollen, bleiben sie den

21

I. Wissens-Gesellschaft

Nachweis eines nachhaltigen Dialogs schuldig (vgl. Abels/Bora 2004). Eine allseits akzeptierte Antwort auf die Frage nach gesellschaftlich relevanter Wissenschaft wird man also weder von den wissenschaftspolitischen Steue­ rungsinstrumenten noch von den Mechanismen der »Beteiligung« erwarten können.

Nationale Innovationssysteme und Relevanz

Angesichts der Schwierigkeiten, Verfahren oder Akteure zu identifizieren, die in der Lage wären, die gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaft zu bestimmen – von inhaltlichen Antworten ganz zu schweigen –, tut man gut daran, das Wissenschaftssystem insgesamt aus analytischer Distanz zu betrachten. Spätestens seitdem Europa in den 1960er Jahren die »technolo­ gische Lücke« gegenüber den USA entdeckte (die Amerikaner kurz darauf wiederum ihre Lücke gegenüber Japan), gilt die Wissenschafts­ und Techno­ logieentwicklung eines Landes als Motor der Innovationskraft. Da Innovation mit gesellschaftlichem Wohlstand identifiziert wird, kann man innovativer Forschung auch unterstellen, gesellschaftlich relevant zu sein.* Man könnte also schließen, dass die jeweiligen Wissenschaftssysteme – inzwischen ist von Nationalen Innovationssystemen (NIS) die Rede – so organisiert sind, dass sie den stetigen Fluss an Innovationen garantieren. Schon der flüchtige Blick auf verschiedene nationale Systeme offen­ bart, dass das nicht der Fall ist. Verschiedene Länder haben auf recht un­ terschiedliche Weise ihre Wissenschaftssysteme organisiert, hatten also offenbar divergierende Auffassungen darüber, wie Innovationen am besten zu gewährleisten seien. Es kommt erschwerend hinzu, dass Institutionen wie z.B. Universitäten, Akademien, die staatlichen Ressortforschungs­ und Großforschungseinrichtungen und Forschungsorganisationen wie die Max­ Planck­Gesellschaft – einmal gegründet – sich über lange Zeiträume hinweg entwickeln und sich weder beliebig verändern noch per Handstreich schlie­

* Entgegen der verbreiteten Meinung, nur technische, wirtschaftlich verwertbare Innovationen seien relevant: Gesellschaften gedeihen nur, wenn sie auch sozial innovativ sind.

22

Was ist gesellschaftlich relevante Wissenschaft?

ßen lassen, wenn sie sich als zu wenig innovativ erwiesen haben. Nationale Innovationssysteme sind die Produkte einer Abfolge historisch kontingen­ ter politischer Entscheidungen, denen je unterschiedliche Einschätzungen zugrunde liegen. Diese konstituieren ihrerseits aufgrund der Langlebigkeit von Organisationen Pfadabhängigkeiten in den (wissenschaftspolitischen) Entscheidungen. Eine historische Analyse der Entwicklung des deutschen NIS hat gezeigt, dass über einen Zeitraum von 150 Jahren und über vier sehr unterschiedliche politische Systeme hinweg, einschließlich des Quasiexpe­ riments der vier Jahrzehnte währenden deutschen Teilung, sich das Innova­ tionsprofil des deutschen Wissenschaftssystems nicht maßgeblich verändert hat: »Die Grundmuster der wissenschaftlichen Spezialisierung verändern sich auch bei großen politischen Systemänderungen nur sehr langsam … jedenfalls nicht innerhalb einer Forschergeneration« (Grupp/Breitschopf 2006, S. 195). Die Autoren kommen deshalb zu dem Schluss, dass sich Inno­ vationskulturen nicht mit den bisher eingesetzten Steuerungsmechanismen verändern lassen. Das verweist zugleich darauf, dass die politische Rhetorik von Innovation, Exzellenz, Relevanz, internationaler Konkurrenzfähigkeit, Clusterbildung, »public­private partnerships«, Dialog und vielen weiteren schönen Begriffen der Sache selbst, der Innovationskraft des Systems, äußer­ lich bleibt, allenfalls Irritationen erzeugt. Wie Innovationen durch die Wis­ senschaft erzeugt werden können, haben weder Ökonomen noch Soziologen oder Psychologen abschließend erklären können, deshalb jagt eine Manage­ mentmode die andere (vgl. Birnbaum 2000). Kurzfristige Ad­hoc­Maßnahmen sind nur so lange überzeugend, wie ihre unbeabsichtigten Nebenfolgen noch nicht bekannt sind. Wenn sie es denn werden, sind diejenigen, die für sie verantwortlich sind, schon nicht mehr im Amt. Ein Aspekt des strukturellen Konflikts zwischen Politik und Wissenschaft sind eben die stark unterschied­ lichen Zeithorizonte, sowohl im Hinblick auf die Einschätzung von Relevan­ zen als auch im Hinblick auf die zu ihrer Realisierung durch Forschung zu treffenden Entscheidungen. Zur Ausgangsfrage zurückkehrend, liegt nunmehr auf der Hand: Eine in­ haltliche Antwort auf die Frage, welche Wissenschaft gesellschaftlich relevant ist, kann nicht gegeben werden, weil es zu viele mögliche Antworten gibt und die Wissenschaft ihrerseits ständig neue Relevanzen schafft. Keine Antwort würde sozial und zeitlich stabil sein können. Eine optimale Antwort auf die

23

I. Wissens-Gesellschaft

Frage, welche institutionelle Struktur und welche Verfahren am ehesten geeig­ net wären, die Innovativität der Wissenschaft zu gewährleisten – unterstellt, dass Innovativität als allgemeiner Nenner von Relevanz gelten kann –, ist auch nicht möglich, da nicht bekannt ist, wie Innovation hergestellt werden kann. In derartigen Situationen der Unsicherheit empfiehlt es sich, nach dem sogenannten »precautionary principle« zu verfahren: Vielfalt der Forschung erhalten und dafür günstige Rahmenbedingungen schaffen. Das heißt: die Gesellschaft offen für Veränderungen halten und die Wissenschaft in ihrer Vielfalt fördern. Zugegeben: keine sehr originelle Antwort.

Literatur

Abels, G./Bora, A. (2004): Demokratische Technikbewertung. Bielefeld: transcript Verlag.

Atkinson, R. (23.6.2008): Proceedings of the American Philosophical Society, Vol. 143, No. 3 http://www.ucop.edu/pres/comments/gfleece.html [Stand 23.6.2008].

Birnbaum, R. (01. – 02.2000): The Life Cycle of Academic Management Fads. The Journal of Higher Education, Vol. 71, No. 1.

BMBF (2003): Eine erste Bilanz. Futur: Der deutsche Forschungsdialog. Bonn.

Gibbons, M., et al. (1994): The New Production of Knowledge. London: Sage.

Grupp, H. / Breitschopf, B. (2006): »Innovationskultur in Deutschland. Qualitäten und Quantitäten im letzten Jahrhundert«, in: P. Weingart / N. Taubert (Hg): Das Wissens­ ministerium. Ein halbes Jahrhundert Forschungs­ und Bildungspolitik in Deutschland. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Koizumi, K. (2001): »R & D in the FY 2002 Department of Defense Budget«, in:

AAAS Report XXVI: Research & Development. FY 2002. http://www.aaas.org/spp/rd/xxvi/chap6htm [Stand 25.6.2008].

Schäfer, W. (1983): Finalization in Science. Boston Studies in the Philosophy of Science Vol. 77, Dordrecht.

Stokes, D.E. (1997): Pasteur’s Quadrant. Basic Science and Technological Innovation. Washington D.C.: Brookings Institution Press.

Wissenschaftsrat (2006): Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissen­ schaften in Deutschland. Köln.

24