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WIRTSCHAFT UND RECHT

NACH DER

MATEßlALISTISCHEX GESCHICHTSAUFFASSUNG.

EINE

SOZIALPHILOSOPHISCHE ÜNTERSUCHUNa

VON

Dr. RUDOLF STAMMLER,

PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT HALLE A. S.

Vitam impendere vero.

LEIPZIG, VERLAG VON VEIT & COMP.

1896.

Druck yon Metzger * Wittig in Leipzig.

MEINEM

LIEBER FREUNDE

PAUL NATORP

ZUGEEIGNET.

Inhalt.

Einleitung.

Sozialphilosophie.

1.

Idee einer Sozialphilosophie

3

2. Eechts- und Wirtschaftsphilosophie. Verallgemeinerungen ge-

schichtlicher Thatsachen ; Rechtsvergleichung

3. Sozialphilosophie und allgemeine Rechtslehre

4. Methode der sozialphilosophischen Untersuchung

5. Die materialistische Geschichtsauffassung

Erstes Buch.

Stand der Frage.

Erster Abschnitt.

Sozialer Materialismus.

7

11

15

22

6. Grundgedanken. 1. Der gemeinsame Kampf um das Dasein

die Grundlage der menschlichen Gesellschaft

27

7. Fortsetzung. 2. Soziale Ideen als Reflex wirtschaftlicher Verhält-

nisse

8. Schluß. 3. Verhältnis zum Historismus und zum Fatalismus

9. Dogmengeschichtliche Bemerkungen

.

10. Der moderne Sozialismus. 1. Seine theoretische Begründung .

11. Fortsetzung. 2. Erläuternde Einzelausführung

12. Fortsetzung. 3. Polemischer Dialog des Bürgers und des So-

zialisten

30

86

40

43

53

58

13. Schluß. 4. Korrekte Fragestellung für kritische Nachprüfung der

sozialistischen Lehre

62

Zweiter Abschnitt.

Gegner der materialistischen Geschichtsauffassung.

14. Wirtschaftlich nicht bestimmte Einzelheiten sozialer Geschichte .

15. Die wissenschaftliche Bedeutung der materialistischen Soziallehre

69

76

Zweites Buch.

Der Gegenstand der Sozialwissenschaft.

Erster Abschnitt. Soziales Lehen der Menschen.

16. Der Begriff der Gesellschaft

17. Der isolierte Naturzustand

18. Genossenschaftsleben bei Tieren

19. Vereinzelt lebende Vernunftwesen

20. Von der äußeren Regelung im besondei-en

21. Bestimmung des Begriffes „sozial"

83

90

98

102

111

115

Zweiter Abschnitt.

Die Form des sozialen Lebens.

22.

23.

Rechtssatzung und Konventionairegel Unterschied im Geltungsanspruche sozialer Regeln

125

128

VI

Iiilialt.

Dritter Abschnitt.

Die Materie des sozialen Lebeus.

25. Das auf Bedürfnisbefriedigung gerichtete Zusammenwirken

26. Gleichgültigkeit der Unterscheidung höherer und niederer Bedürf-

nisse

27. Wirtschaft in abstracto und soziale Wirtschaft

28. Das „ökonomische Prinzip" .

.

29. Ökonomische Basis und politischer Überbau

136

141

149

154

157

Drittes Buch.

Monismus des sozialen Lebens.

Erster Abschnitt.

Reditsordiinng und Sozialwirtschaft.

Erste Abteilung.

Rechtswissenschaft.

30. Wissenschaftliche Selbständigkeit der Jurisprudenz

31. Das Problem des Naturrechtes

82 Unhaltbarkeit eines a priori feststehenden Rechtsinhaltes

.

.

.

33.

Naturrecht mit wechselndem Inhalte

Zweite Abteilung.

Nationalökonomie.

34.

Die ausschließende Alternative: naturökonomisch und sozialöko- nomisch

 

35.

Ökonomische Psychologie

36.

Seitherige nationalökonomische Richtungen

37.

Keine selbständige Gesetzmäßigkeit der sozialen Wirtschaft

.

.

Dritte Abteilung.

Angebliche Wechselwirkung von Recht und Wirtschaft.

38.

Verhältnis von Regel und Geregeltem

39.

Einfluß des Rechtes auf die Technik

40.

Einwirkung des Rechtes auf die Unterworfenen

Zweiter Abschnitt. Ökonomische PhHnomene.

Erste Abteilung.

Vorerinnerungen.

41.

Von der Arbeitsteilung

42.

Soziale Produktionsweise

43.

Die Rechtsverhältnisse

Zweite Abteilung.

Systematik der sozialwirtschaftlichen Erscheinungen.

 

44.

BegriflF eines ökonomischen Phänomens

45.

Allgemeine Systematisierung sozialer Massenerscheinungen

46.

Analytische Klassifizierung

47.

Synthetische Klassifizierung

48.

Von den negativen sozialen Phänomenen

49.

Behandlung des Problems in der mar.xistischen Litteratur

.

.

.

Dritte Abteilung.

Entwickelung ökonomischer Phänomene.

50.

Gründe und Art ihrer Ausbildung

51.

Unerläßlichkeit von Masöenbeobachtungen

52. Tendenzen der P^ntwickelung

165

169

176

184

188

197

204

220

229

235

237

245

255

259

263

269

271

275

278

281

284

298

299

 

Inhalt.

VII

Dritter Abschnitt.

 

Der Kreislauf des sozialen Lebens.

 
 

Erste Abteilung-.

 

Prinzip einer ursächlichen Erklärung rechtlicher

 
 

Veränderungen.

53.

Die erste Entstehung des Rechtes

 

305

54.

Verantwortlichkeit des Rechtes für die sozialen Phänomene

.

.

309

55.

Dualismus der Ursachen für Recht und für Wirtschaft

314

56.

Sozialer Spiritualismus

317

57.

Nationale Eigentümlichkeiten

 

319

 

Zweite Abteilung.

 

Die bestimmenden Gründe rechtlicher Veränderungen.

 

58.

Die sozialen Phänomene als Quellen von Reformbestrebungen

 

324

59.

Dui'chgängige Einheit der sozialen Erfahrung

328

60.

„Große Männer"

331

61.

Rangunterschied ursächlicher sozialer Phänomene. 1. Politische

und ökonomische Phänomene

 

335

62.

Fortsetzung. 2. Phänomene der Produktion und der Konsumtion

3o8

 

Viertes Buch. Soziale Teleologie.

Erster Abschnitt.

Kausalität und Telos.

63.

Die zwei Möglichkeiten von Vorstellungen künftiger Handlungen. 349

64.

Berechtigung des Zweckgedankens neben bloßer Kausalerkenntnis 357

65.

Gesetzmäßigkeit des Wollens

 

364

66.

Das empirische Ich und das Sollen

373

67.

Praktische Anwendung des Zweckgesetzes

380

68.

Empirischer Erwerb der Idee des Guten

385

69.

Endurteil i. S. des Telos

891

 

Zweiter Abschnitt.

Soziale Konflikte.

70.

Dialektischer Charakter der Geschichte

 

395

71.

Das Recht ein Mittel für den Zweck der Produktion

899

72.

Begriif eines sozialen Widerspruches

404

73.

Produktivkräfte im sozialen Sinne

411

74.

Die zwei Klassen sozialer Bewegungen

415

75.

Genetische xmd systematische Betrachtung sozialer Bestrebungen . 420

76.

Vom Gesetze der Lösung gesellschaftlicher Widersprüche .

.

.

423

77.

Teleologie in der materialistischen Geschichtsauffassung

430

78.

Kritik des sozialen Materialismus

440

 

Dritter Abschnitt.

 

Prinzip der sozialen Gesetzmäßigrlceit.

 

79.

Soziale Nomologie

449

80.

Untauglichkeit von Einzelzielen als oberstes soziales Prinzip

 

455

81.

Von der Notwendigkeit sozialer Gesetzmäßigkeit

461

82.

Wandelbarkeit praktischer Grundsätze

465

83.

Bewußtsein und Sein

472

84.

Berechtigte Bestrebungen im sozialen Leben

 

478

vin

Inlialt.

Fünftes Buch. Das Recht des Rechtes.

Erster Abschnitt.

Recht uud Willkür.

86.

Konventionalregel, rechtliche und willkürliche Gewalt

.

.

.

487

87.

Bestimmung des EechtsbegrifFes

492

88.

Von der nur bedingten Unverletzbarkeit des Rechtes

499

89.

Originäre Rechtsentstehung

502

90.

Die zuständige Instanz für Aburteilung des Rechtsbruches .

.

.

510

91.

Grenzstreitigkeiten zwischen Recht und Willkür

514

Zweiter Abschnitt.

Beg-rUudung- des Bechtszwangres.

92.

Begründung: quoad forrnalia quoad materialia

524

93.

Dynamische Theorien

533

94.

Teleologische Begründung. 1. A^'ermeidung des bellum oniniuni contra omnes

 

541

95.

Fortsetzung. 2. Das Recht als Bedingung der Sittlichkeit ,

 

.

547

96. Schluß. 3. Das Recht ein notwendiges Mittel zu möglicher Ge-

 
 

setzmäßigkeit des sozialen Lebens

551

97. Der Irrtum von der absoluten Vollkommenheit konventionaler Sozialgemeinschaft

557

98. Inkonsequenz eines nur teilweise postulierten Rechtszwanges

 

562

 

Dritter Abschnitt.

Sozialer Idealismus.

99.

Die Gemeinschaft frei wollender Menschen

572

100.

Sozialer Eudämonismus

576

101.

Anmerkungen zum sozialen Grundgesetz

584

102.

Eine Vorlesung: Vom sozialen Ideal

588

Lehrsatz

588

Erläuterung

589

Deduktion

591

Epimetrum

594

Reservation

598

Postulat

600

Erste Folgerung

604

Zweite Folgerung

608

Dritte Folgerung

609

Appendix

610

108. Die Entdeckung der rechten sozialen Mittel

 

613

104. Von der Kollektivierung der Produktionsmittel im besonderen . 624

634

641

Anmerkungen

105. Schluß

Einleitung.

Sozialphilosophie.

Stammler, Wirtschaft und Recht.

'OnoTB yuQ lö Sixaiov firj oida ö e<nt,

ojCoXrj sl'ffofini ehe uqexij iig ovaa xvyxo'vei

etre xal

ov,

xai nöieqov

6 e/av avio

ovx evdttifiwv iaziv r/ evdaifiwv.

Solange ich nicht weiß, was das Gerechte

ist, hat es gute Wege, daß ich wissen sollte,

ob es eine Tugend ist oder nicht, und ob der,

welcher es an sich hat, nicht glückselig ist

oder glückselig.

Pia ton, de republ. I p. 354 C.

1

\ie Wissenschaft von dem sozialen Leben der Menschen befindet sich heute in einer unsicheren und schwanken-

den Lage. Gewaltig rollt die Flut ungebändigter Probleme unseres gesell- schaftlichen Daseins einher, ohne an dem regelnden Damme, den

nur eine wissenschaftlich begründete Technik zu errichten vermag,

zur Auflösung zu gelangen; und die rastlos zuckenden Wogen des

sozialen Drängens und Strebens dräuen mit blindem Verhängnis, unerkannt in ihrer letzten bestimmenden Gesetzmäßigkeit.

D'

Es ist diese grundgesetzliche Einsicht, auf die es hier ankommt.

Alle exakte Einzelforschung hat nur dann einen wahrhaftigen

Wert, wenn

sie

in

abhängigem Zusammenhange mit einer all- j

~^

gemeinen Gesetzmäßigkeit steht und an einer allgemeingültigen Rieht-

linie der Erkenntnis geleitet ist. Ohne Beziehung auf eine solche

grundlegende Gesetzmäßigkeit, auf einen einheitlichen objektiven Ge- sichtspunkt für alle Einzelbetrachtung, Aväre die letztere außer stände,

den Beweis für ihre Existenzberechtigung zu erbringen.

Und es ist

nicht nur eine notwendige persönliche Einsicht von dem Werte und

der Würde dessen, worum man sich müht, die den Forscher zwingen

sollte, zur Tiefe hinabzusteigen und den objektiven Grundgesetzen

seiner Erkenntnis nachzuspüren; sondern es wird durch jene vorhin genannte Beziehung auf die allgemeingültige Gesetzmäßigkeit wahrer Erkenntnis überhaupt, erst eine gefestigte Methode des Vorgehens 1 in der Einzeluntersuchung möglich: Fehlt das Wissen jener Funda- \ \

mentalgesetze, so muß jeder isolierte Versuch, an bestimmtem Punkte

aufhellende Wahrheit zu erhalten, in seiner Ausführung wie seinem

Erfolge zufällig 8ein.Qi--<<^r*yvVy~I-ti<e>^|->>-r

-v /^\jrv ri^v^.-^.^^

Für die Sozialwissenschaft hat alles dieses wohl ganz im be-

sonderen zu gelten. Noch hat sie die rechte Methode nicht gefunden, mit der sie, so wie es namentlich in der mathematischen Natur-

1*

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'

4

1. Idee einer Sozialphilosophie.

Wissenschaft möglich ist, im einzelnen sicher fortschreiten könnte,

auch ohne sich überall die grundlegende Gesetzmäßigkeit ihrer Er-

kenntnis zum Bewußtsein zu bringen. Vielmehr können wir ein ständiges Tasten nach der rechten wissenschaftlichen Methode finden; wovon kaum eine gründlichere Untersuchung im Gebiete der Juris-

prudenz und Nationalökonomie frei zu sein vermag.

Aber schon die richtige Art und Weise, in der man Einzel- erkenntnis in den erwähnten Wissensgebieten sammeln soll, kann

nur unter stützender Bezugnahme auf die Einsicht in einen all-

gemeingültigen gesetzmäßigen Zusammenhang aller beson-

deren hier möglichen Erkenntnisse dargelegt werden. Denn nur aus dem letzteren heraus kann deduziert werden, in welchem Sinne

man überhaupt in sozialen Dingen beobachten und feststellen soll.

Jede juristische Einzeluntersuchung beispielsweise, die überhaupt

^vis8enschaftlichen Erkenntniswert beansprucht, muß sich in das

Ganze einer einheitlichen Grundauffassung vom Wesen und

Werden des Rechtes einfügen.

Sodann ist es klar, daß jedes Hinausgehen über festgestellte

Einzelbeobachtung als solche und jeder Versuch, das konkret Wahrgenommene als gesetzmäßig darzuthun, nur auf Grund der

Annahme einer allgemeingültigen Gesetzmäßigkeit des sozialen

So oft jemand, sei es de lege lata

oder ferenda, einen Satz besonderen Inhaltes aufstellt, mit der Be-

hauptung, daß dieser notwendig sei: so hat er doch selbstverständ-

lich ein allgemeines Gesetz angenommen, von dem jener Satz in

seinem besonderen Inhalte die Eigenschaft der Notwendigkeit erst ableiten kann. Und wie der Physiologe allüberall das Kausalitäts-

gesetz in formaler Allgemeingültigkeit voraussetzt; und jede natur- gesetzliche Erkenntnis auf der Grundlage der allgemeinen Gesetz- mäßigkeit in der Natur beruht, so muß das Gleiche in entsprechender

Weise auch für die wissenschaftliche Erkenntnis des gesellschaftlichen

Lebens der Menschen durchgeführt werden.

Wer bei der Bildung von Rechtssätzen und Rechtsinstituten

und in der Entwicklung des sozialen Lebens überhaupt gesetz-

mäßige Vorgänge festzustellen bestrebt ist, der legt besonderen

Thatsachen in dem gesellschaftlichen Dasein der Menschen die

Eigenschaft der Notwendigkeit bei; so muß er doch auch

Lebens Sinn und Bedeutung hat.

Rede und Antwort darauf stehen: was er damit eigentlich sagen will?

In welchem Sinne kann bei der Bildung neuen Rechtes von

Notwendigkeit gehandelt werden? Läßt sich eine allgemeine

1. Idee einer Sozialphilosophie.

5

Gesetzmäßigkeit des sozialen Lebeus der Menschen ebenso

aufstellen und durchführen, wie die Gesetzmäßigkeit der Natur als Grundlage der Naturwissenschaft es ist; oder bestehen hier nicht

In wie Aveit ist danach

vielleicht allgemeingültige Unterschiede?

Übertragung oder parallele Anwendung naturwissenschaftlicher Be-

griffe und Methoden auf soziale Erkenntnis, insbesondere auf die

Rechtswissenschaft, begründet und gerechtfertigt?

Es wird gewiß keinen denkenden Jm-isten oder Nationalökonomen

geben, dem nicht solche Fragen schon zur Sorge gediehen wären.

Wird er doch, wie bemerkt, gauz unerläßlich, sobald er ein Ziel wissenschaftlicher Erkenntnis in Selbständigkeit sich stecken will,

aiif die Frage der richtigen Methode, des rechten einheitlichen

Verfahrens bei seiner Forschung gestoßen; und stellt sich doch nur

zu leicht nach vollendeter Arbeit die zweifelnde Frage ein: Welchen

Wert und welche Bedeutung hat nun das Ergebnis deiner Unter-

suchung im Ganzen unserer Wissenschaft?

Aber zu der radikal durchgreifenden Fragestellung, nach der

es sich hier um einen eigenen Gegenstand kritischer Beobachtung

und Klarstellung, nämlich um die Gesetzmäßigkeit aller unserer

Erkenntnis in sozialen Dingen handelt, ist man zumeist nicht aus-

reichend vorgeschritten.

Das Gebiet der wissenschaftlichen Untersuchung ist weit und nicht leicht zu übersehen; wer in ihm ganz heimisch werden und es

sicher beherrschen mll, hat reiche und große Arbeit vor sich.

Je

schärfer und gewissenhafter er sie in Angriff nimmt, um so leichter

bohrt er sich an bestimmtem Einzelpunkte fest, um nach dessen Erledigung der Bearbeitung eines anderen anheim zu fallen. Je

selbständiger er hierbei vorgeht, um so riesenhafter schwillt ihm die

Aufgabe einer klaren Durcharbeitung seines Spezialfa ches an.

Kaum daß er noch einige Berührung mit den ihm zunächst Karrenden

das den Schatz

positiver Einzelkenntnisse gar nicht mehrt; das keine Aussicht auf

ein Wissen von besonderem geschichtlichem Inhalte bietet und mit der Ergründung von formaler Einheit dieses Wissens und von der

behält. Was bleibt

da übrig für ein Problem,

grundsätzlichen Art dieser Einheit sich begnügt?

Und doch braucht man eine Antwort auf dieses Problem, will

man nicht in unsichere Zufälligkeit mit seiner ganzen forschenden

Arbeit versinken.

So ist die häufigste Erscheinung die, daß

der

einzelne für seinen, ich möchte sagen, Hausbedarf sich eine gewisse

Grundauffassung nebenher zu beschaffen sucht, ohne daß man

G

1. Idee einer Sozialphilosophie.

immer behaupten könnte, er habe tief genug gegi'abeu, um ein solides

Fundament seines wissenschaftlichen Gebäudes zu besitzen.

Aber

die ursprünglich vielleicht nur sehr von ungefähr aufgegriffene oder

zusammengelesene theoretische Unterlage verhärtet sich ihm allgemach:

und in mannigfachen Auslassungen über wissenschaftliche Aufgaben

und Methoden treten Richtungen und Schulen auf, um in parteiischer Zerrissenheit einander zu bekämpfen.

Das

ist

aber kein

Streit mehr,

der die Akademie allein zu

interessieren vermöchte. Die Frage nach der obersten Gesetzmäßig-

keit, unter der das soziale Leben in Abhängigkeit zu erkennen ist,

mündet praktisch in die grundsätzliche Auffassung über das Ver-

hältnis des einzelnen zur Gemeinschaft sofort aus; und von jener ersten prinzipiellen Einsicht hängt die Ergreifung und Lösung der

Aufgabe von der Weiterbildung, der Umwandlung und der Vervoll-

kommnung unserer sozialen Ordnungen ab.

Jede politische Partei,

die nicht sich selbst zur Eintagsfliege verurteilen und durch Be-

schränkung bloß auf konkrete Ziele den Todeskeim sich einpflanzen

will, muß von einem festen Prinzipe über Grund, Bestimmtheit und Aufgabe aller Gesellschaftsordnung ausgehen. In diesem Sinne

werden die politischen Programme aufgestellt; oder sollten es doch

sein, sofern sie logisch klar und begründet, sowie ehrlich und reell

gemeint sind. Wenn es kein objektives Richtmaß des sozialen

Lebens überhaupt gäbe,

so könnte man

über

die

einzelnen

historisch auftretenden Gesellschaftsordnungen ein kritisch begründetes

Urteil, welches dieselben billigen oder verwerfen wollte, gar nicht

abgeben.

Durch die wissenschaftliche Einsicht in die für menschliches

(jremeinschaftsleben überhaupt geltende Gesetzmäßigkeit ist daher die Möglichkeit bedingt, das menschliche Zusammenleben in jeweils be-

.sonderer geschichtlicher Lage gesetzmäßig zu gestalten und die 1

\

Berechtigung bestimmter einzelner Bestrebungen objektiv über- zeugend darzuthun, indem die Entscheidung über konkrete sozial-

politische Fragen nicht mehr von einer dunkel gefühlten, d. i. zufä,llig

zusammengerafften, Grundstimmung des betreffenden Subjektes aus zu treffen wäre, sondern nach dem Grundgesetze des sozialen Lebens nun gerichtet und bestimmt werden kann. ^

Das Ringen aber nach gesetzmäßiger Ausgestaltung des ge-

sellschaftlichen Lebens ist da; es läßt sich nicht verdecken, noch

übersehen; es heißt: die soziale Frage.

Aus allen diesen Erwägungen entsteht die Forderung einer

2. Rechts- und Wirtschaftsphilosophie.

7

Sozialphilosophie, das ist einer wissenschaftlichen Untersuchung

darüber: Unter welcher grundlegenden formalen Gesetz-

mäßigkeit das soziale Leben der Menschen steht.

Sie fragt danach, was sich für das gesellschaftliche Dasein

von Menschen notwendig und allgemeingültig feststellen läßt.

Ihr Ziel ist somit Erkenntnis derjenigen Begriffe und Grundsätze,

die für alles soziale Leben einheitlich gelten. Sie hat in ihrer Lehre

von jedem besonderen Inhalte irgend eines geschichtlich gegebenen

sozialen Daseins ganz zu abstrahieren ; und geht auf eine systematische

Einsicht in die Gesetzmäßigkeit, welche dem gesellschaftlichen

Leben der Menschen überhaupt eignet.

Alle seitherigen Systeme der Rechtsphilosophie stimmen in

der Eigentümlichkeit überein, daß sie von dem Begriffe des Rechtes,

als einer letzten Einheit fiir die hier anzustellenden Erwägungen aus-

gehen. Die Gesetze Platon b und das (fvaet dixaiov des Aristo-

teles ; das jus naturale sive divinum der katholischen Kirche nicht minder, als das ius naturae ae gentium des Grotius, das Vernunft-

recht, der contral social und die gemeinsame Überzeugung der in

rechtlicher Gememschaft Stehenden, sie alle mit ihren verschiedenen

Abarten und Begleitern nehmen stets das Recht zum Angelpunkte

und zum obersten Gegenstande ihi'er Betrachtung. Sie vergleichen es wohl mit nachbarlichen Begriffen und grenzen es davon ab; suchen auch nach Beeinflussungen der rechtlichen

Ordnung durch andere Faktoren des menschlichen Lebens und reden

von einer „Wechselwirkung", in der es zur sozialen Wirtschaft stehe;

stets aber wird angenommen, daß es sich um ein selbständig

letztes Objekt einer wissenschaftlichen Untersuchung handele. Dies aber ist nicht anders, als wenn jemand für eine theoretische

Grundlegung der Naturerkenntnis den Begriff der Schwere zu seinem

letzten Ausgangspunkte nehmen wollte.

Andererseits geht es auch nicht an, mit der durchgängig üblichen Art der politischen Ökonomie den Begriff der Wirtschaft als einen obersten Begriff zu behandeln und ihn in selbständiger Weise zur

letzten Unterlage einer sozialwissenschaftlichen Forschung einzusetzen. Es ist übel gethan, von einem „wirtschaftlichen Leben" als einem

eigenen und an sich unabhängigen Dinge zu reden;

anderen Äußerungen des menschlichen Kulturlebens in Beziehung

das

nun mit

8 . 2. VerallgemeineruHgen geschichtlicher Thatsachen.

stünde, von diesen sieh ICingriffe gefallen lassen müßte und wiederum

von seiner Art aus bestimmende Einflüsse zurückgäbe.^ Es ist statt dessen nötig, mit der Untersuchung bei dem Begriflfe

des sozialen Lebens selbst, als unserem letzten problematischen

Gegenstande zu beginnen; bei dessen grundlegender Analyse erst dem Rechte, wie der sozialen Wiitschaft ihre zutreffende Stellung in dem

Ganzen des gesellschaftlichen Daseins der Menschen anzuweisen; für dieses Ganze des sozialen Lebens aber die allgemeingültige Gesetz-

mäßigkeit zu bestimmen und kritisch zu begründen.

Man hat doch den Begriff" der sozialen Entwickelung, oder

verwendet ihn wenigstens in Eigenart. Man spricht von einer Gesetz-

mäßigkeit in jener, überhaupt von sozialen Gesetzen; und geht dabei über die Sonderbetrachtung des Rechtes wie über die der

sozialen Wirtschaft, als abgeschlossene Objekte, hinaus. Sobald nun

der Begriff" der menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Zu-

sammenlebens vorgebracht und erwogen wird, so muß deutlich sein,

daß es sich dabei um einen Grundbegriff" handelt, neben welchem

derjenige der Rechtsordnung und der Sozialökonomie in dienender

Stellung sich befinden. Denn sie beide rücken in verschiedener Art

in die Erwägung des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen

ein; dieses letztere ist der Grundbegriff', hinter dem für die soziale Betrachtung ein weiterer nicht mehr ersichtlich ist, in welchem aber

auch alle sozialen Einzelbegriff'e, vor allem die angeführten Begriff"e

der rechtlichen Regel und der gesellschaftlichen Wirtschaft, ihre

Wurzel und Stütze haben und in höherer Einheit sich zusammen-

finden.

Darum hat jede kritische Grundlegung der Sozialwissenschaft bei dem BegriflTe der menschlichen Gesellschaft und des sozialen

Lebens überhaupt einzusetzen und hierfür eine begriffliche Klar-

legung und gesetzmäßige Einsicht von allgemeingültigem Werte zu

schaflTen.

In welcher Methode kann man nun eine solche Einsicht be-

wirken und die Gesetzmäßigkeit des sozialen Lebens in überzeugendem

Beweise aufinchten?

Ich muß auch hier zunächst ein allgemeiner beliebtes Verfahren

als nicht ausreichend ablehnen: dasjenige der Generalisation aus

geschichtlichen Daten.

Auf verschiedenen Wegen ist man bei solchen Verallgemeinerungen

vorgegangen.

Vor

allem hat

man zu allen Zeiten die Geschichte gerne als

2. Verallgemeinerungen geschichtlicher Thatsachen.

9

Lehrmeisterin derartig nehmen wollen, daß aus ihr praktische!!

Lehren und Maximen für den Staatsmann zu gewinnen seien.]

Indem man bestimmte historische Vorgänge als Äußerungen von all-

gemeineren gesetzmäßigen Gründen nimmt, so erhofft man in der

Generalisation des Geschehenen zu der Einsicht in die letzteren und dann zu deren praktischer Bedeutung für spätere und jetzige wie

auch kommende Fragen des sozialen Lebens zu gelangen. So zog

Macchiavell i aus der römischen Geschichte nach Livrus nützliche

Lehren für das spätere italienische Mittelalter; es verarbeitete be- sonders Montesquieu ein reiches geschichtliches Material in gleichem

und es sind bis in die neueste Zeit Politiker und National-

Sinne;

ökonomen also vorgegangen, jene meist miahnend und warnend, letztere

mehr lehrhaft nach der Formel: wenn diese und jene geschichtlichen

Thatbestände sich zeigen, so folgt in der Regel in bedingter Ab-

hängigkeit dies und das. Nun sollte von vornherein klar sein,

daß bei jeder Verall-

gemeinerung, die man für bestimmte geschichtliche Erlebnisse vor- nimmt, eine oberste Einheit für das in der Menschengeschichte sich

abrollende soziale Leben notwendig vorausgesetzt wird. Man kann doch nicht in das Blaue hinein „verallgemeinern"; sondern muß stets

auf die Frage gefaßt sein: In welchem Sinne wird denn eigent-

lich diese Verallgemeinerung vorgenommen und mit welchem

Rechte wird generalisiert?

Nach welchem einheitlichen Ge-

sichtspunkte ist in den jeweils besonderen Fällen von Generali-

sationen bestimmter Beobachtungen verfahren worden? Geschieht es

im Sinne der Kausalität oder in dem der Zweckidee; warum das eine

oder das andere, und in welchem Sinne jedes des näheren?

Jede Verallgemeinerung trägt in die generalisierte Einzelwahr-

nehmung den Gedanken der Notwendigkeit, unter der das Ver-

allgemeinerte steht.

Nur durch die nähere Bestimmung der not-

w

^

wendigen Bedingtheit des einzelnen kann dessen Erkenntnis zu dem

Range einer allgemeinen