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AURELIUS

AUGUSTINUS

Über

den Wortlaut Genesis

der

D E

GENES I

AD LITTERA M

LIBR I

DUODECI M

Der große Genesiskommentar in zwölf

Büchern

Zum erstenmal in deutscher Sprache

von Carl Johan n

I.BAN D

Per l

Buch I bis VI

MCMLXI

VERLAG FERDINAND SCHÖNINGH PADERBORN

<

.

AUe Rechte, auch die des Nachdrucks im Auszug, der pbotomechanischen

und der Übersetzung,

vorbehalten

fQ' Ferdinand Schoningh, Paderborn

1961

Printed in

Germany

Wiedergabe

Heratellung: Ferdinand Schoningh, Paderborn 1961

Bayerische

Staatsbibliothek

München

INHALT

VORWORT

XVII

ERSTES BUCH DIE ERSTEN FÜNF VERSE DES BUCHES DER GENESIS

ERSTES

KAPITEL

3

Was in der Heiligen Schrift zu beachten ist. Der eigentliche Sinn der ersten beiden Verse.

ZWEITES

KAPITEL

 

5

Auf welche

Weise

Gott

gesprochen

ob

durch

ein

Geschöpf

oder durch

das

Ewige

hat: ,,Es werde Licht"; Wort.

 

DRITTES

KAPITEL

7

Was jenes Licht ist. Warum bei der Schöpfung

des Himmels nicht wie

bei

der des

Lichtes

gesagt

wird:

Es

werde.

 

VIERTES

KAPITEL

1)

Eine

andre

Antwort

auf diese

Frage.

 

FÜNFTES

KAPITEL

 

9

Die geistige Schöpfung bleibt so lange ungeformt, bis sie sich zum gött- lichen Wort hinwendet.

SECHSTES

KAPITEL

 

11

Beginn

und

Vollendung

der

Schöpfung

deuten

die

Trinitat

an.

SIEBENTES

KAPITEL

 

11

Über

das

Schweben

des

Geistes

Gottes

über

dem

Wasser.

 

ACHTES

KAPITEL

12

Der Beweis für die Liebe Gottes zu den Geschöpfen ist, daß sie sind und daß sie bleiben.

NEUNTES

KAPITEL

 

13

Nochmals,

ob

„Es

werde

Licht" in

der Zeit

oder

zeitlos

gesagt

ist.

ZEHNTES

KAPITEL

 

15

Der Ablauf des einen Tages.

 

ELFTES

KAPITEL

19

Vom

Dienst der Sonne, der der bisherigen Auffassung

neue

Schwierig-

keiten

bietet.

INHALT

ZWÖLFTES

KAPITE L

20

Eine andre

Schwierigkeit

bietet

die Folge von drei Tagen und

Nächten

noch

vor

der

Erschaffung

der

Sonne.

Wie

die

Sammlung

der

Wasser

gemacht wurde.

 

DREIZEHNTE S

KAPITEL

 

22

Wann

Wasser

und

Land

erschaffen

wurden.

VIERZEHNTE S

KAPITEL

 

23

Die

ungeformte

Materie.

FÜNFZEHNTE S

KAPITEL

 

24

Die Materie geht der Form nur dem Ursprung, nicht aber der Zeit voraus.

nach

SECHZEHNTES

KAPITEL

26

Der Versuch, Tag und Nacht mit Aussenden und Zurückziehen des Lichtes zu erklären, wird nicht gebilligt.

SIEBZEHNTES

KAPITEL

 

27

Die Schwierigkeit, sich in einem geistigen Licht Abend und Morgen und eine Scheidung von der Finsternis vorzustellen.

ACHTZEHNTES

KAPITEL

 

30

Wie

Gott

arbeitet.

NEUNZEHNTE S

 

32

Bei

dunklen

KAPITEL Stellen in der

Schrift

soll nichts

von ungefähr

behauptet

werden.

ZWANZIGSTES

KAPITEL

 

34

Warum die Genesis besser nach verschiedenen Meinungen interpretiert werden soll und nicht anmaßend nach einer einzigen.

EINUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

 

35

Die

Frucht

einer

Interpretation

ohne

Anmaßung.

ZWEITES BUCH

 

VOM

SECHSTE N

BI S

ZU M

NEUNZEHNTE N

VER S

DE

S

ERSTE N

KAPITELS .

ZU M

SCHLUS S

EINIGE S

GEGE N

DI E

 

WAHRSAGE R

 

ERSTES

KAPITEL

39

Die

Feste

inmitten

der

Gewässer.

Manche bestreiten, daß es

Gewässer

oberhalb

des

Sternenhimmels

gibt.

ZWEITES

KAPITEL

42

Die

Luft

über der

Erde.

DRITTES

KAPITEL

43

Das

Feuer

über

der

Luft.

VIERTES

KAPITEL

44

Es gibt nach Aussage eines Autors Gewässer oberhalb des Lufthimmels, der auch Firmament heißt.

INHALT

FÜNFTES KAPITEL

 

46

Es gibt

auch Wasser über dem

Sternenhimmel.

 

SECHSTES

KAPITEL

 

47

Ob mit dem Zusatz: „Und Gott offenbart wird.

." die Person des Gottessohnes

SIEBENTES

KAPITEL

 

SO

Fortsetzung.

 

ACHTES

KAPITEI

 

51

Warum es bei der Erschaffung schuf".

des Lichtes nicht heißt: „Und Gott er-

NEUNTES

KAPITEL

 

54

 

Die

Gestalt des Himmels.

 

ZEHNTES

KAPITEL

 

56

Die Bewegung des Himmels.

 

ELFTES

KAPITEL

 

57

Der neunte und der zehnte Vers.

 

ZWÖLFTES

KAPITEL

 

59

Der elfte, zwölfte und dreizehnte Vers.

 

DREIZEHNTES

KAPITEL

 

60

Über die Verse 14 bis 19. Warum die Leuchten erschaffen wurden.

erst

am vierten Tag

VIERZEHNTES

KAPITEL

 

63

Auf welche Weise die Leuchten Zeichen und Zeiten. Tage und bestimmen.

Jahre

FÜNFZEHNTES

KAPITEL

 

65

In welchem

Zustand

der Mond erschaffen

wurde.

SECHZEHNTES

KAPITEL

 

67

Ob die Gestirne in gleicher

Weibe strahlen.

 

SIEBZEHNTES

KAPITEL

 

69

Gegen die Wahrsager.

 

ACHTZEHNTES

KAPITEL

 

72

Die schwierige Frage, ob die Gestirne durch Geister belebt uud geleitet werden.

DRITTES BUCH

 

VOM

ZWANZIGSTEN

BIS

ZUM

EINUNDDREISSIGSTE N

 

VERS

DE S

ERSTEN

KAPITELS

ERSTES

KAPITEL

75

Die Hervorbringung der Lebewesen aus dem Wasser wird früher er- zählt als die aus der Erde: das Wasser steht als Element der Luft am nächsten und die Luft dem Himmel.

INHALT

ZWEITES

KAPITEL

76

Einmal gingen schon die Himmel durch die Wasserflut zugrunde, und die Luft ist in die Natur des Wassers übergegangen.

DRITTES

KAPITEL

77

Über die Umwandlung

der Elemente. Auch die Luft

wird in

der

 

Schöpfungsgeschichte erwähnt.

 

VIERTES

 

79

KAPITEL Sinne beziehen sich auf die vier Elemente.

Die fünf

 

FÜNFTES

KAPITEL

80

Wie verschieden sich die Empfindungskraft in den fünf Sinnen zu den vier Elementen verhält.

SECHSTES

KAPITEL

 

80

Das Element der Luft ist vom Verfasser der Genesis nicht worden.

übergangen

SIEBENTES

KAPITEL

 

81

Von der Vogelwelt heißt es nicht ohne Grund, daß sie aus den Wassern erzeugt wurde.

ACHTES

KAPITEL

83

Warum

die

Fische

Kriechende

unter

den

lebenden

Wesen

genannt

werden.

 

NEUNTES

KAPITEL

85

Gewisse

Philosophen

haben jedem

Element

seine eigenen

Lebewesen

zugeteilt.

 

ZEHNTES

KAPITEL

86

Wenn man auch von den Dämonen als Luftwesen spricht, hindert das

nicht, mit der Heiligen Schrift

zu sagen, daß die Vogelwelt aus dem

Wasser hervorgegangen

ist.

ELFTES

KAPITEL

88

Die Verse 24 und 25, die über die Lebewesen berichten, die aus der Erde erschaffen wurden.

ZWÖLFTES

KAPITEL

 

90

Warum

dieses „nach

seiner

Art"

bei bestimmten

Geschöpfen,

nicht

aber beim Menschen gesagt wird.

 

DREIZEHNTES

KAPITEL

 

92

Warum die Segnung nebst dem Menschen nur den im Wasser Lebenden erteilt wurde. Die Leistung des Zeugens.

VIERZEHNTES

KAPITEL

 

93

Die Erschaffung

der

Insekten.

 

FÜNFZEHNTES

KAPITEL

 

95

Die Erschaffung

der giftigen

Tiere.

 

SECHZEHNTES

KAPITEL

 

96

Warum Bestien erschaffen

wurden, die sich gegenseitig

schaden.

INHALT

SIEBZEHNTES

KAPITEL

 

97

Die Besorgnis um die umgekommenen

Leiber der Toten.

 

ACHTZEHNTES

KAPITEL

 

98

Warum und wann die Dornen und Disteln und unfruchtbares erschaffen wurden.

Gehölz

NEUNZEHNTES

KAPITEL

 

99

Warum machen 4 *.

es nur bei der Erschaffung

des Menschen heißt: „Lasset uns

ZWANZIGSTES

KAPITEL

 

101

Worin der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen ist und warum vor der Erschaffung des Menschen nicht gesagt wird: „Und so geschah es".

EINUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

103

Die Schwierigkeit, die dem Menschen gewährte Speise mit seiner Un-

sterblichkeit

in Einklang zu bringen.

 

ZWEIUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

104

über die Ansicht, die Erschaffung der Seele sei mit den Worten: „Und

er schuf

" gekennzeichnet, die des Leibes aber mit: „Und Gott

bildete

."

 

DREIUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

105

Der Zweck des dreißigsten Verses: „Und

so geschah es".

 

VIERUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

106

Warum es beim Menschen nicht auch wie sonst heißt: „Und Gott sah,

daß es gut

ist".

 

VIERTE S

BUC H

D E R

ANFANG

DES

ZWEITEN

KAPITEL S

DE R

GENESIS.

 

BETRACHTUNGE N

ÜBER

DIE

ZAHL

SECHS.

UND

NOCH-

MALS WIR D

DIE FRAGE

ERÖRTERT , WIE

BEI

ERSCHAF-

FENE M LICHT ABEND UND MORGEN UND EIN E

ZÄHLUNG

DER

SECHS

ODER

SIEBEN

TAGE

ZU

VERSTEHE N

IST

ERSTES

KAPITEL

 

111

 

Über die Auffassung

der sechs Tage.

ZWEITES

KAPITEL

 

112

Die Vollkommenheit

der

Sechszahl.

DRITTES

KAPITEL

 

116

 

Über die Schriftstelle

aus der Weisheit: „Alles hast du

."

VIERTES

KAPITEL

 

117

Maß, Zahl und

Gewicht sind nicht

nur an sichtbaren

Dingen zu be-

obachten;

auch

die

Geistseele empfindet

sie als Angelegenheiten

des

Verstandes.

 

FÜNFTES

KAPITEL

 

119

In Gott selbst befindet sich die Überlegung von Maß, Zahl und Ge- wicht, nach der alles geordnet ist.

 

INHALT

SECHSTES

KAPITE L

 

120

Über

das

Verfahren

Gottes

bei

seiner

Ordnung.

 

SIEBENTE S

KAPITE L

 

120

Wie

wir die

Vollkommenheit

der

Sechszahl

wahrnehmen.

 

ACHTES

KAPITE L

121

Wie

Gottes

Ruhe

am

siebenten

Tage

zu

verstehen

ist.

 

NEUNTE S

KAPITE L

 

122

In welchem

Sinne vom

Ausruhen

Gottes gesprochen

wird; die lobens-

werte

Betrübnis.

ZEHNTE S

KAPITE L

 

124

Die

Frage, ob es überhaupt ein eigentliches

Ruhen

Gottes geben kann.

ELFTE S

KAPITE L

125

Auf welche Weise beides Tatsache ist: daß Gott am siebenten Tage ge-

ruht hat und

daß

er

bis jetzt

wirkt.

 

ZWÖLFTE S

KAPITE L

 

126

Eine

andre

Überlegung

derselben

Frage.

 

DREIZEHNTE S

KAPITE L

 

128

Die

Beobachtung

des

Sabbatgebotes.

Der

christliche

Sabbat.

 

VIERZEHNTE S

KAPITE L

 

129

Warum

Gott

den

Tag

seiner

Ruhe

geheiligt

hat.

FÜNFZEHNTE S

KAPITE L

 

130

Die

Lösung

dieser

Frage.

SECHZEHNTE S

KAPITE L

 

131

Nochmals

die

Gottesruhe

am

siebenten

Tage.

SIEBZEHNTE S

KAPITE L

 

132

Unsrc

Ruhe

in

Gott.

 

ACHTZEHNTE S

KAPITE L

 

133

Warum der siebente Tag einen Morgen, aber keinen Abend haben sollte.

NEUNZEHNTE S

KAPITE L

 

137

Ein weiterer Grund, um zu verstehen, weshalb der siebente Tag einen Morgen ohne Abend gehabt hat.

ZWANZIGSTES

KAPITE L

 

138

Ob

der

siebente

Tag

überhaupt

erschaffen

wurde.

 

EINUNDZWANZIGSTE S

KAPITE L

 

139

Das

den

Himmelsleuchten

vorangehende

Licht, das den

Wechsel

von

Tag

und

Nacht

bestimmt.

 

ZWEIUNDZWANZIGSTE S

KAPITE L

 

141

Wie es zu verstehe n ist, da ß daB geistige Licht den Wechsel von

Tag

und

Nacht

hervorgebracht

hat.

DREIUNDZWANZIGSTE S

KAPITEL

 

143

Die

Erkenntnis

der

Dinge

im

Worte

Gottes

und

in

ihnen

selbst.

INHALT

VIERUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

144

Das Wissen der

Engel.

FÜNFUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

145

Warum es für

die sechs Tage keine Nacht

gegeben

hat.

SECHSUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

145

Wie die Zahl

der Tage aufzufassen

ist.

 

SIEBENUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

147

Unsere sieben Tage der Woche unterscheiden sich sehr von den sieben

Tagen der

Schöpfungsgeschichte.

 

ACHTUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

148

Die so versuchte

Deutung eines geistigen

Lichtes und

eines

geistigen

Tages soll weder

als unpassend

noch

als bildlich

angesehen

werden.

NEUNUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

149

Tag, Abend und Morgen in der Erkenntnis

der

Engel.

 

DREISSIGSTES

KAPITEL

 

150

Wenn es auch im Wissen der Engel Abend und Morgen gibt, ist es des- wegen um nichts weniger edel.

EINUNDDREISSIGSTES

KAPITEL

151

Wieso der Anfang der Schöpfung der Dinge in der Erkenntnis der Engel nicht zugleich Tag, Abend und Morgen ist.

ZWEIUNDDREISSIGSTES

KAPITEL

151

Wenn sich damals all das zugleich im Wissen der Engel abspielte, 90

geschah dies zumindest

nicht

ohne eine bestimmte

Ordnung.

DREIUNDDREISSICSTES

KAPITEL

154

Ob alles zugleich oder innerhalb von Tagen erschaffen

worden

ist.

VIERUNDDREISSIGSTES

KAPITEL

156

Alles ist

zugleich

und

nichtsdestoweniger

innerhalb

von

sechs

Tagen

erschaffen

worden.

 

FÜNFUNDDREISSIGSTES

KAPITEL

159

Abschließendes über die

Schöpfungstage.

FÜNFTES BUCH

VOM VIERTE N

BIS ZUM

SECHSTEN

VER S

DE S

ZWEITE N

 

KAPITEL S

DE R

GENESIS

 

ERSTES

KAPITEL

163

Die sechs oder sieben

Schöpfungstage

konnten

nur

als

Wiederholung

eines und

desselben Tages gezählt

werden.

 

ZWEITES

KAPITEL

165

Warum hier

vom

Grün des Feldes gesprochen

wird.

 

INHALT

DRITTE S

KAPITE L

166

Aus der Ordnung der Erzählung wird einleuchtend, daß alles zugleich er- schaffen worden ist.

VIERTE S

KAPITE L

168

Warum vom Gras gesagt wird, es sei erschaffen worden, bevor es auf- gegangen ist.

FÜNFTE S

KAPITE L

172

Die

Schöpfungsordnung

der

Dinge

während

der

sechs

Tage

beruht

nicht

auf

Zeiträumen,

sondern auf ursächlicher

Verknüpfung.

 

SECHSTE S

KAPITE L

175

Ob die Worte des fünften Verses: „Denn Gott hatte noch nicht regnen

lassen

." das Verständnis fördern, daß alles zugleich erschaffen ist.

SIEBENTE S

KAPITE L

177

Der

Quell, der die ganze Erde

bewässerte.

ACHTES

KAPITE L

179

Was die Heilige Schrift verschweigt, läßt sie gelegentlich durch Ver- mutungen offenbar werden.

NEUNTE S

KAPITE L

180

Die Schwierigkeit mit dem Quell, der die gesamte Erde bewässert haben soll.

ZEHNTE S

KAPITE L

181

Wie dieser Quell, der die ganze Erde bewässerte, zu verstehen ist.

ELFTE S

KAPITE L

182

Die

Urschöpfung

ist

ohne

Zeitablauf

erfolgt;

anders ist es mit

ihrer

Verwaltung.

ZWÖLFTES

KAPITEL

181

Die Betrachtung

der Werke

Gottes von drei

Gesichtspunkten

aus.

DREIZEHNTE S

KAPITE L

181

Alles existierte, bevor es wurde, in der Weisheit

Gottes.

 

VIERZEHNTE S

KAPITE L

185

Über die richtige "

worden ist

Interpunktion

des Satzes von

Johannes: „Was ge-

FÜNFZEHNTE S

KAPITE L

186

Welcher Art das Leben

aller Dinge in Gott

ist.

SECHZEHNTE S

KAPITE L

187

Gott

wird leichter

mit dem

Verstand erfaßt

als die

Geschöpfe.

 

SIEBZEHNTE S Vor der Zeit,

KAPITE L seit der Zeit

und in der Zeit.

189

ACHTZEHNTES

KAPITE L

190

Viele Geschöpfe, die uns unbekannt sind, werden von Gott und von den Engeln gekannt; morgendliche und abendliche Erkenntnis.

NEUNZEHNTE S

KAPITE L

190

Die Engel als Gottes Boten kannten das Geheimnis des Himmelreiches von Zeitbeginn an.

INHALT

ZWANZIGSTES

KAPITEL

192

Gott wirkt bis jetzt.

EINUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

 

194

Alles wird durch die göttliche Vorsehung geleitet.

 

ZWEIUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

 

195

Die Beweise für die göttliche Vorsehung.

 

DREIUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

 

196

Wie Gott alles zugleich erschaffen hat und doch bis jetzt

weiterwirkt.

SECHSTES BUCH

IM ZUSAMMENHANG

MIT

DEM

SIEBENTE N

VER S

DE S

ZWEITE N KAPITELS DER GENESIS : „UN D

GOTT

BIL-

DET E

DEN

STAUB

DER

ERD E

ZUM

MENSCHEN

"

WIRD UNTERSUCHT, WANN UND AU F WELCH E WEIS E DER MENSCH AUS SCHLAMM GEFORMT WORDE N IST; UND ZWAR WIR D LEDIGLICH VOM LEIB E ADAMS GE- SPROCHEN

 

ERSTES

KAPITEL

203

Ob die Stelle: „Und Gott bildete

." sich auf die erste Formung am

sechsten Tage bezieht oder auf eine andre, die als spätere und erst im

Laufe der Zeit erfolgte zu verstehen

ist.

ZWEITES

KAPITEL

204

Erklärung, wie sie der weitere Schrilttext

bietet.

 

DRITTES

KAPITEL

206

Dieselbe Frage wird auf Grund anderer

Schriftstellen

untersucht.

VIERTES

KAPITEL

207

Die weitere Untersuchung des achten und neunten Verses im zweiten Kapitel der Genesis.

FÜNFTES

KAPITEL

209

Über denselben

Gegenstand.

 

SECHSTES

KAPITEL

211

Um einem Mißverständnis vorzubeugen, wird der Gedankengang deutlicher klargelegt.

noch

SIEBENTES

KAPITEL

213

Man kann nicht sagen, daß die Seelen früher worden sind.

als die Leiber

erschaffen

ACHTES KAPITEL Die schwierige Deutung der Stimme Gottes, die sich am sechsten Tage an den Menschen gewendet hat.

214

NEUNTES

KAPITEL

215

In welcher Weise Jeremias, noch bevor er im Leibe seiner Mutter ge- formt war, Gott bekannt gewesen ist.

 

INHALT

ZEHNTES

KAPITEL

218

Die

Dinge

existieren

auf

verschiedene

Weisen.

ELFTES

KAPITEL

219

Wieso die Schöpfungswerke sowohl am sechsten Tage bereits vollbracht

als auch

bis jetzt

noch

unvollendet

sind.

ZWÖLFTES

KAPITEL

 

221

Ob der Leib des Menschen auf eine einzige Art von Gott geformt wurde.

DREIZEHNTES

KAPITEL

 

223

Wie

alt

oder

wie

groß

Adam

erschaffen

worden

ist.

 

VIERZEHNTES

KAPITEL

 

225

Von

welcher

Art

die

Urpotenzen

waren,

die

von

Anfang

an

der

Welt

einerschaffen

sind.

 

FÜNFZEHNTE S

KAPITEL

 

226

Der

Mensch

ist

genau

so

geformt

worden,

wie

es

die

uranfänglichen

Beweggründe

verlangt

haben.

SECHZEHNTES

KAPITEL

 

227

Die Möglichkeit des Seins liegt in der Natur jeder Sache; daß etwas aber sein muß, liegt nur im Willen Gottes.

SIEBZEHNTES

KAPITEL

 

228

Was

unter

den

zukünftigen

Dingen

wahrhaft

künftig

ist.

ACHTZEHNTES

KAPITEL

 

229

Adam

erfuhr

die

Formung,

die

seiner

Anlage

in

den

uranfänglichen

Ursachen

entsprach.

 

NEUNZEHNTES

KAPITEL

 

230

Der Leib Adams ist von

Gott

nicht

als spiritualer, sondern als anima-

lischer geformt

worden.

 

ZWANZIGSTES

KAPITEL

 

232

Die

Schwierigkeit,

die

sich

dieser Meinung

entgegenstellt.

 

EINUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

233

Diese

Ansicht

wird

verworfen.

 

ZWEIUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

233

Unrichtig ist, was manche meinen, daß Adam durch die Sünde nur den Tod der Seele und nicht auch den des Leibes verdient habe.

DREIUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

234

Gegen jene,

die sagen,

Adams

Leib sei im

Paradies aus einem

anima-

lischen

zu

einem

geistigen

gemacht

worden.

 

VIERUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

235

Wie wir in unsrer Erneuerung wiedererlangen, was Adam verloren

hat.

FUNFUNDZWANZICSTES

KAPITEL

236

Adams

Leib

ist

zugleich

sterblich

und

unsterblich.

 

SECHSUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

237

Adams

Leib ist

verschieden

von

unsrem

Leib.

 

INHALT

SilEBENUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

238

Wie wir in unsrer Erneuerung im Verstand und Leib das wiedererlangen werden, was Adam verloren hat.

AiCHTUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

239

Obwohl Adam verstandesmäßig spiritual war, war er körperlich auch im Paradies animalisch.

NEUNUNDZWANZIGSTES

KAPITEL

240

Die Abhandlung über die Seele sei dem nächsten Buch vorbehalten.

ANMERKUNGE N

241

Als Textvorlage diente:

SANCTI AURELI

AUGUSTINI

DE GENESI AD LITTERAM LIBRI

Recensuit Ioscphus Zycha

DUODECIM

Corpus bcriptorum ecclesiasticorum latinorum editum consilio et impensis Academiae Littcrarum Cacsareae Vindobonensis Vol. XXVIII (Pars 1)

Pragae

Vindobonae

Lipsiae

MDCCCLXXXXIIII

VORWOR T

AURELIUS AUGUSTINUS, DER LAIENMÖNGH AUS THA- gaste, wird an einem Friihlingssonntag des Jahres 391 in der Großen Kirche von Hippo-Regius zu seiner Überraschung und zu seinem Schrecken von Bischof Valerius zum Priester geweiht. „Man packte mich", erzählt er später in einer Predigt (serm 355), und der Ahnungslose wird buchstäblich zur Priesterbank ge- schleppt. Und vier Jahre später, um Weihnachten 395, besteigt er die Kalhedra derselben Stadt; er ist einundvierzig Jahre alt und trägt nun das Bischofsamt als „schwere Last" durch fünfund- dreißig Jahre. Und diese Jahre sind so mit Arbeit angefüllt, und er ist so „dieser Last Tag und Nacht eingedenk" (serm 339), daß nur das Evangelium ihn davor schrecken kann, dieser Arbeit zu ent- fliehen. Er hat tatsächlich so viel zu tun, daß es, wie er in einem Brief (ep 110) schreibt, eine Ausnahme ist, wenn ein paar Tröpf- chen Zeit für ihn abfallen. Die Arbeit der Mönche, ein Buch aus dem Jahre 402, schließt mit einem sehnsüchtigen Blick auf die ge- regelte und gemäßigte Tätigkeit der Mönche, die ihr Tagwerk zwischen Handarbeit, Studium und Gebet teilen; längst ist der Wunsch, „sich frei von Geschäften zu vergöttlichen", begraben. Das ungemein vielschichtige Hirtenamt nimmt scheinbar alle Kraft dieses von Natur aus eher schwächlichen Mannes in An- spruch; aber doch nur scheinbar. Possidius, sein Freund und Biograph, hat uns davon getreu be- richtet, und daher wissen wir, daß es kaum je einen Denker ge- geben hat, der gleichzeitig so viele Dinge zu behandeln hatte, die sein Amt verlangte, sein menschliches Gefühl gebot, sein Pflicht- bewußtsein ihm befahl. In der erwähnten Predigt sagt er: „Zu Müßiggang wird mich wohl niemand bringen können. Nichts ist besser, nichts süßer, als ungestört im Schatz der göttlichen Weis- heit zu forschen; wie süß und gut ist das! Aber predigen, rügen, zurechtweisen, auferbauen und für jeden da sein, das ist eine große Last, eine große Beschwer und eine große Mühe. Wer wollte einer solchen Qual nicht ausweichen?"

VORWORT

Nein, er weicht ihr nicht aus, er nimmt sie auf sich, aber er unter- lieg! ihr auch nicht. Er setzt als Priester seine schriftstellerische Arbeit fort und, Bischof geworden, steigert er sie noch in einer Weise, die tatsächlich auf ein rastloses Leben schließen läßt. Die Bücher Musik, Der Lehrer und Die wahre Religion sind bereits früher erschienen. In Ilippo entstehen vorerst Der Nutzen des Glaubens, Die zwei Seelen, Gegen Fortunalus, Glaube und Bekennt- nis. Die Bergpredigt, ein halbes Dutzend umfangreicher Streit- schriften, mehrere große Auslegungswerke und Fragensammlun- gen, die allerdings erst später zusammengestellt wurden. Und kaum ist er Bischof, beginnt er mit den großen Schriften. Dazwischen liegen die Diktate von mindestens einhundert Briefen. Das mag genügen zur Einordnung des Genesiskommentars in das Biogra- phische.

Damit wir uns aber dem Werk bewußter nähern können, dem diese Einbegleitung dienen will, ist es von Vorteil, die Motive und An- triebe zu betrachten, aus denen jene Schriften entstanden sind, die in der unmittelbaren Nähe des Genesiskommenlars verfaßt wurden, dessen Beginn erwiesenermaßen in das Jahr 401 fällt. Denn bekanntlich gehört es seit den Jugendjahren Augustins zu den Eigentümlichkeiten seiner schriftstellerischen Tätigkeit, zu gleicher Zeit an mehreren Werken zu arbeiten. Die erste Schrift nach seiner Erhebung zum Bischof ist Der Christliche Kampf; er stellt gewissermaßen seinen ersten Hirtenbrief dar aus dem Jahre 39f>. Ein Jahr darauf erscheinen die ersten drei Bücher der Christ- lichen Wissenschaft (das vierte Buch kommt erst nach dreißig Jahren zum Abschluß). Es ist ein Buch der Praxis, ein Lehrbuch für Prediger, das gerade er zu schreiben sich genötigt sieht, als der weithin gerühmteste Prediger, in Anbetracht des niederen Niveaus der Kanzelredner seiner Umgebung. In dieser Schrift, die heute, nach anderthalb Jahrtausenden noch, nichts von ihrer prak- tischen Bedeutung verloren hat, weil sie nicht nur als die älteste, sondern auch als die geistvollste Homiletik des Christentums gilt, wird dem Studium der Heiligen Schrift der erste Platz eingeräumt. Es ist aber sehr bezeichnend, daß hier einer Methodik das Wort gesprochen wird, die, zumindest scheinbar, dem Konzept unsres Werkes entgegensteht. Wir lesen hier (III 5,9), daß vorerst der Buchstabe nur tötet, der Geist allein lebendig macht, daß Zeichen keine Realität besitzen, und daß das Christentum an die Stelle der Bilder Wahrheiten gesetzt hat, ja daß es Knechtschaft bedeutet,

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unter dem Joch des Buchstabens und der Zeichen bleiben zu wollen. Das gilt freilich nur für den verkündenden Seelsorger, der theo- logische Ausleger denkt darüber anders. Aus derselben Zeit und gewissermaßen aus demselben Geist stammt auch Die Katechese für die Neulinge, der sich noch andere seel- sorgerliche Schriften des Bischofs anschließen wie Das Gut der Ehe und Die heilige Jungfräulichkeit. Und schließlich müssen wir in diese Jahre den Beginn an der Arbeit der Bekenntnisse setzen, die um 400 zur Vollendung gelangen. Die äußere Veranlassung ist uns bekannt, die Augustin bewogen hat, sein Leben darzustellen;

er fühlte sich dazu verpflichtet. Es war zu viel Falsches über seine Vergangenheit im Umlauf, der Hirt mußte vor seiner Herde Rechenschaft ablegen, ein „Bekenntnis vor den Menschen, das von

das möchten viele wissen, die mich

kennen und die mich nicht kennen, die etwas von mir oder über mich gehört haben" (Bekenntnisse X 3, 4). Diese zu einem Lob- psalm auf Gott umgedichtete Beschreibung seines Lebens mündet bekanntlich in den letzten drei Büchern in die mystische Medita- tion über die Schöpfungsgeschichte „bis zur Sabbatruhe", die als Dichtung alles überragt, was auf dem Gebiet der Exegese versucht worden ist. Wir begegnen hier einer Reihe von Gedanken, ja von erstmaligen Erkenntnissen, die noch ganz unreflektiert, sozusagen im Urzustand auftreten, und die dann im Genesiskommentar zur sorgsamen Verarbeitung gelangen. Und unmittelbar vor den Be- ginn des Kommentars setzt Augustinus den Anfang seines dogmati- schen Hauptwerkes Die Dreieinigkeit, das ihn zwanzig Jahre lang beschäftigt, also während der ganzen Zeit neben dem Kommentar einhergeht.

mir aussagt, wer ich bin

Mögen die meisten der bisherigen Schriften aus der Situation und ihrer Not und aus Forderungen seiner Epoche entstanden sein, so ist dieses Buch, das den Nachweis der Dreieinigkeitslehre aus der Idee des göttlichen Wesens bringt, aus eigener Initiative auf reiner Spekulation aufgebaut. Sein Ziel ist die wissenschaftliche Aufklä- rung, die Augustin, als dem damals bereits autoritativsten Lehrer seiner Zeit, dringlich erforderlich erschien, und sie wendet sich zum größten Teil an Zweifler im eigenen Lager. Die christlichen Autoren vor ihm hatten sich mit den Ansätzen, die in der griechi- schen Philosophie für die Trinität in etwa vorhanden sein mochten, begnügt, und bloß bei den griechischen Vätern konnte er auch auf Vorarbeiten rechnen, im Lateinischen gab es nichts, oder er kannte

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es nicht. Wir wissen aus den Briefen (epp 158—164), daß Augusti- nus zeitweilig nahezu synchron an den beiden Werken gearbeitet hat — De Trinitate ist 419 beendet worden, De Gcnesi ad litteram 415 — und daß er mit plötzlichem Entschluß im Jahre 413 beide unterbrochen hat, um, der brennenden Aktualität zuliebe, die ersten von den zweiundzwanzig Büchern des Gollesstaales zu be- ginnen und auch gleich herauszugeben.

Damit dürfte, in großen Zügen, die Stellung fixiert sein, die der Genesiskommentar, rein äußerlich gesehen, innerhalb des Schrif- tenkomplexes jener zwei Jahrzehnte einnimmt. Ein Anstoß von außen ist uns nicht bekannt, demzufolge Augustinus dieses Werk verlaßt haben könnte. Aber um so stärker muß der innere Impuls gewesen sein, der den mit so viel ihn bedrängenden Arbeilen über- häuften Hohenpriester zu dieser von vornherein so groß ange- legten Schrift vermocht hat. Der radikale Unterschied, der allein zwischen den Methoden der verschiedenen Sachgebiete liegt, das in den Fundamenten verschiedene Material, das herangezogen werden mußte, um dort und hier den Denker zu unterstützen, ja das sich beim Kommentar als nötig erweisende besondere System der Ge- staltung: all das zeigt, welch eine große Willenstat sich hier offen- bart, die im Verlauf von so vielen Jahren dieses Werk zur Ent- stehung bringen sollte.

Dem Großen Genesiskommentar sind zwei Versuche vorangegan- gen, der erste datiert aus dem Jahre 389, der zweite aus 393. Wir können also sagen, daß sich Augustinus mindestens zwölf Jahre lang bereits mit dem Stoff beschäftigt hatte, bevor er daran ging, ihn in die Form zu bringen, die uns vorliegt. Und daß er ihn über diese Form hinaus noch intensiver gestalten wollte, beweisen die Bücher XI und XII des Guttesstaates, in denen, von einem ganz andern Blickpunkt aus gesehen, mehrere Fragen, die der Bericht der Genesis aufwirft, noch einmal sehr ausführlich zur Erörte- rung gelangen. Hieraus ergibt sich die höchst merkwürdige Ge- legenheit für den Leser des Kommentars, daß er an wesentlichen, wenn auch nicht gerade an schwierigsten Stellen einmal die Be- kenntnisse, ein andermal den Gottesslaat mit heranziehen kann, um sich dort in poelisch-mystisch-pncumatischem, liier in philo- sophischem Sinn Hat zu holen. So hat auch die wissenschaftliche Forschung, die sich mit De Gencsi ad litteram libri duodeeim be- laßt, immer wieder diese beiden opera anvisiert, die in gewissem Sinn am Eingang und am Ausgang tinsres Werkes stehen.

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Aber nicht weniger wichtig, wenn auch vor allem für die Forschung, erscheinen die beiden erwähnten Vorläufer: De Genesi contra Ma- nichaeos libri duo und De Genesi ad litteram über imperfectus, der eine als allegorisch-apologetische Streitschrift, der andre als typischer Torso mit den Merkmalen des schöpferisch Fragmenta- rischen. Das Verhältnis, in dem die drei Kommentare zueinander stehen, läßt sich am besten an den ihnen gewidmeten Revisions- berichten erkennen, die Augustinus in den Retractationen (I 10, I 18, II 24) niedergelegt hat. Sie seien hier, gekürzt, wiederge- geben.

Nachdem ich mich (wieder) in Afrika niedergelassen hatte, schrieb ich Zwei Bücher über die Genesis gegen die Manichäer. Mag auch alles, was ich in meinen vorangegangenen Büchern ge- schrieben habe, gegen die Manichäer gerichtet gewesen sein, wenn ich zum Beispiel erklärte, daß Gott als der Höchstgütige und Unwandelbare der Schöpfer aller wandelbaren Naturen sei, und daß keine Natur oder Substanz in dem Maße, als sie Natur oder Substanz ist, schlecht sei, so wurden trotzdem diese zwei Bücher erst recht ausdrücklich gegen sie veröffentlicht, um das Alte Gesetz zu verteidigen, das sie in ihrem Irrtum mit solch leidenschaftlicher Heftigkeit bekämpfen. Das erste Buch beginnt mit dem Satz: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" und erstreckt sich bis zum siebenten Tag, bis zu der Stelle, die da- von spricht, daß Gott am siebenten Tage geruht habe. Das zweite Buch beginnt mit dem Satz: „Das ist das Buch von der Erschaf- fung des Himmels und der Erde" und geht bis zu der Vertrei- bung Adams und seines Weibes aus dem Paradies und der Ein- setzung eines Wächters beim Baum des Lebens. Hernach, bis zum Ende des Buches, stelle ich dem Irrtum der Manichäer den Glauben an die katholische Wahrheit entgegen, indem ich kurz und klar zusammenfasse, was sie und was wir selbst sagen Als ich die Zwei Bücher über die Genesis gegen die Manichäer schrieb, habe ich die Worte der Schrift in ihrem allegorischen Sinn ausgelegt, weil ich nicht wagte, so große Geheimnisse der Natur buchstäblich zu interpretieren, das heißt in einem Sinn, in dem die Erzählungen des heiligen Buches in ihrer geschicht- lichen Bedeutung verstanden werden können. In diesem Sinne wollte ich nun meine Kräfte erproben und machte mich an ein neues Werk voller Mühen und Schwierigkeiten. Aber ich war noch viel zu unerfahren in der Erklärung der Schriften und

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mußte der Last einer Arbeit von solcher Größe unterliegen. Be- vor noch ein erstes Buch hiervon beendet war, unterbrach ich die Arbeit, zu der ich mich noch nicht stark genug fühlte. Während ich gegenwärtig an die Revision meiner sämtlichen Werke ging, fiel mir dieses Buch, unvollendet wie es war, in die Hände. Ich habe es nicht veröffentlicht, sondern war entschlossen, es zu ver- nichten, zumal ich später den Großen Genesiskommentar in zwölf Büchern verfaßt habe. Mögen darin auch mehr Fragen als Antworten enthalten sein, so läßt sich doch jener Versuch mit dieser Arbeit in keiner Weise vergleichen. Immerhin habe ich ihn durchgesehen und mich entschlossen, ihn in seiner un- vollendeten Form zu bewahren, weil ich ihn für einen nützlichen Zeugen meiner ersten Bemühungen in der Auslegung und Kom- mentierung göttlicher Aussprüche halte, und so bestimmte ich seinen Titel: Ein unvollendetes Buch über den Wortlaut der Genesis. Diktiert hatte ich bis zu den Worten: „Der Vater ist allerdings nur Vater, und der Sohn ist nichts andres als der Sohn. Aber selbst wenn man ihn (nur) Ebenbild des Vaters nennt, worin der Beweis liegt, daß zwischen beiden kein Unter- schied ist, so ist doch der Vater nicht allein, da es einen gibt, der ihm ähnlich ist." Daraufhin habe ich die Worte der Schrift wieder vorgenommen, um sie noch einmal zu überlegen und zu erklären: „Und Gott sprach: Lasset uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis." So weit hatte ich diktiert, als ich das Buch seinerzeit unvollendet liegengelassen hatte. Als ich es revidierte, fand ich es richtig, noch einige Sätze anzu- fügen. Aber auch damit war es nicht abgeschlossen, sondern ich ließ es unvollendet. Andernfalls hätte ich zumindest alle Werke und Worte Gottes behandeln müssen, die noch zum sechsten Tag gehören. Es scheint mir überflüssig, hier in diesem Revisions- bericht all das anzuführen oder zu verteidigen, was mir oder an- deren mißfallen könnte oder falsch zu verstehen ist. Kurz ge- sagt, ich bitte, man möge lieber die zwölf Bücher lesen, die ich viel später, als ich bereits Bischof war, geschrieben habe. Sie mögen dazu dienen, das erste Buch zu beurteilen. Es beginnt folgendermaßen: „Wenn man es unternimmt, die unverständ- lichen Dinge in der Natur zu behandeln, von denen wir wissen, daß der allmächtige Gott ihr Urheber ist, darf man sich nicht auf Behauptungen beschränken, sondern muß forschen und suchen; vor allem, wenn es sich um die Bücher handelt, hinter

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denen die Autorität Gottes steht. Zu leicht verfällt man in

Gotteslästerung, wenn man da Meinungen zu äußern wagt, die nicht gesichert oder gar zweifelhaft sind. Vor allem aber dürfen weder Zweifel noch Forschung die Grenzen des katholischen

Glaubens überschreiten

der Ehe und Die heilige Jungfräu-

Zur selben Zeit (als Das Gut

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lichkeit entstanden), schrieb ich die zwölf Bücher über die Ge- nesis, vom Anfang bis zur Vertreibung Adams aus dem Paradies, das heißt bis zu dem Vers: „Und ein Flammenschwert wurde errichtet zur Bewachung des Weges zum Baume des Lebens" (Gen 3, 24). Hierfür waren elf Bücher nötig, und ich fügte noch ein zwölftes hinzu, das in ausführlicher Weise über das Paradies handelt. Das Werk trägt den Titel Über den Wortlaut der Genesis, das heißt, es handelt nicht über die allegorischen Be- deutungen, sondern über das sachliche Wesen der Geschehnisse. In diesem Werk findet man mehr Fragen als Antworten und unter den Antworten nur wenige, die bewiesen sind. Und auch die anderen Antworten sind so vorgetragen, daß sie von sich aus nach Überprüfungen verlangen. Ich begann diese Bücher, als ich bereits an der Dreieinigkeit arbeitete, beendete sie aber noch vor ihr Im Jahre 412 spricht Augustinus in einem Brief (ep 143, 4) von den überaus gefährlichen Fragen, die ihn in diesen beiden Werken so ungebührlich lange aufhalten; zwei Jahre später ist das zwölfte Buch des Genesiskommentars geschrieben, im Jahre 415 verbessert er immer noch daran, um wahrscheinlich erst 419 das in allen Teilen bis dahin unbekannte Werk zu veröffentlichen. Zusammen- gerechnet hat es demnach sechsundzwanzig Jahre gedauert, bis Augustinus diesem Stoff die endgültige Form geben sollte.

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SCHON EIN ERSTER BLICK AUF DAS INHALTSVERZEICHNIS zeigt uns, welche Art von Fragen es sind, die sich für Augustin aus dem Schöpfungsbericht ergeben. Und ebenso erkennt der Leser auch bereits aus den ersten Kapitelüberschriften, wie und von welchem Blickpunkt aus Augustinus die Fragen behandeln will, wie er sie, sofern er es vermag, beantworten will. Kein andrer

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Denker unsrer Zeit hat die Kardinalfrage, die Augustin bewegt hat, souveräner gedeutet als Karl Jaspers, der 1952 folgende Sätze schrieb: „Der Weltschöpfungsgedanke erweckt uns gerade dadurch,

daß er kein Wissen in ihm erlaubt. Er weist in die Tiefe, in der er

zugleich unsre Herkunft verbirgt. Das Wissen davon, wodurch wir geworden sind, die Mitwisserschaft mit unserm Geschaffensein, als ob wir dabei gewesen wären, würde die Bewegung unsres Menschseins in der Zeit aufheben. Das Wissen vom Vorgang der 1 Schöpfung, wie es war und wie es geschah, wäre ein Wissen voll- endeten Charakters. Wir würden wissen, was wir sind, brauchten es nicht mehr zu werden. Mit der vollen, restlosen Helligkeit des

Vorher ist kein Nachher mehr, durch das das Vorher erst zur Klar-

heit kommen müßte. Wir lebten nicht mehr in den Möglichkeiten

unsrer Situation, sondern würden sie übersehen, beherrschen und

damit zum Abschluß gebracht haben. Alles wäre offenbar. Mit

dem Wissen des Ursprungs wären wir zugleich am Ende unsres

Menschseins. Wir wären durch die Weise unsres Wissens zu einem andern, uns jetzt unvorstellbaren Seinswissen und Denkenkönnen gelangt und damit andere Wesen geworden; wir wären nicht mehr Menschen" (Der Weltschöpfungsgedanke).

So wenig wie hier, bei dem Philosophen Jaspers, eine direkte Be- ziehung zu Augustins Werk bestehen mag, so wenig gilt sie für die zweite Äußerung, die von dem Staatsmann Winsion Churchill stammt, der in „My carly Life" schreibt: „Ich habe mich immer darüber gewundert, daß manche unserer Bischöfe und ein Teil des Klerus sich über die Frage erregen, wie der Inhalt der Bibel mit

den zeitgenössischen Ergebnissen der Naturwissenschaft und Ge-

schichtsforschung vereinbart werden könne. Denn warum müssen diese beiden überhaupt übereinstimmen? Als Empfänger einer

Botschaft, die das Herz erfreut und die Seele stärkt, die eine Ver- einigung mit unseren Nächsten in einer Welt unendlicher Freuden

und noch größerer Freundschaften verspricht, braucht man sich

doch kaum Gedanken darüber zu machen, welche Form und welche Farbe der Umschlag dieses uns endlich erreichenden Briefes trägt, oder ob die Frankierung und das Datum auf dem Poststempel richtig oder falsch sind. Von Bedeutung ist doch wohl allein die Botschaft und ihr positiver Inhalt. Sorgfältige Überlegungen mögen

einen zu der eindeutigen Schlußfolgerung führen, daß Wunder unmöglich seien und daß man sehr viel eher mit fehlerhafter menschlicher Beobachtung als mit einer Durchbrechung der Natur-

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geselze rechnen müsse. Doch gleichzeitig kann man mit Freude vernehmen, wie Christus Wasser in Wein zu verwandeln, über Wellen zu schreiten oder von den Toten aufzuerstehen fähig war. Der menschliche Verstand ist nicht imstande, den Begriff der Un- endlichkeit wirklich zu erfassen, und doch ist er mit Hilfe der Mathematik in der Lage, sich mühelos seiner zu bedienen. Die Be- hauptung, es sei nur das wahr, was wir verstehen können, erscheint mir unsinnig, und noch unsinniger kommt es mir vor, daß zwei Gedanken sich automatisch wechselseitig aufheben müßten, nur weil unser Verstand sie nicht miteinander vereinbaren kann Ich habe mir daher schon sehr früh in meinem Leben ein System zurechtgelegt, nach dem ich alles glaube, woran zu glauben mir etwas bedeutet, während ich andrerseits dem Verstand die Frei- heit gebe, alle ihm zugänglichen Wege zu beschreiten." Im Grunde geht es hier wie dort, dem Philosophen ebenso wie dem liberalen Staatsmann, um das Gleiche, um jene ewige Spannung zwischen Glauben und Wissen. Die reine Wesens- betrachtung, zu der der Schöpfungsbericht in der Heiligen Schrift den Denker einlädt, liegt Augustin fern, und zu phy- siologischer Beschreibung der Schöpfungsvorgänge entschließt er sich nur selten. Gewiß ist bei ihm ein naturwissenschaftliches Interesse vorhanden, aber dem liegt kein Wissensdrang zugrunde, sondern einzig und allein die Einstellung des christlichen Denkers, der das Lob des Schöpfers als einzige Antwort auf alle Fragen kennt, die sich aus dem Geheimnis der Weltschöpfung ergeben. Darin vor allem zeigt sich der Unterschied gegenüber der antiken

Philosophie, die an so vielen Stellen unsres Werkes nachzittert und polemisch beleuchtet wird, daß Augustinus den Schöpfer der Welt

Gott in drei Personen kennt, daß er die Güte aller Ge-

schöpfe in ihrer Urverfassung behauptet und daß er schließlich den christlichen Glauben an die Wiederherstellung der durch die Sünde gefallenen, aber ursprünglich guten Schöpfung mit allen ihren Kreaturen in der Auferstehung bekräftigt. Wenn Martin Heidegger in unseren Tagen den Satz geprägt hat:

„Jeder Denker hat nur einen Gedanken; nur Flachköpfc viele", trifft das wörtlich auf den Heiligen Augustinus zu. Der „eine Ge- danke", den er „hat", zumindest in diesem Werk, ist das „Firma- ment", der unerschütterliche Himmel „der Heiligen Schrift". Sie hat uns die Urkunde von der Schöpfung übermittelt, durch Moses, der sie geschrieben. Nun zitiert Augustinus nichts andres als die

als den

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Bibel und ist der Überzeugung, daß sie Gottes Wahrheit spricht.

Er weiß und hat es oft gesagt, daß die Bibel für den blinden

menschlichen Geist zuerst dunkel, ja unverständlich ist. Nur der

vom Geist Gottes erleuchtete Mensch, der die Gottesliebe im

Herzen trägt und demütig geworden ist, wird fähig, die Bibel zu begreifen, und wenn er philosophisch denken kann, wird er die philosophischen Wahrheiten in der Bibel entdecken. Wir wissen, daß der Heilige Augustinus auf dem Wege der Philosophie, durch Cicero und durch die Neuplatoniker, zur christlichen Wahrheit, zumindest in ihre Nähe hingeführt worden ist, aberseine wirklichen Erkenntnisse, seine existentielle Umkehr und die sich daraus er- gebende Haltung als Denker, Theolog und Lehrer hat er durch die Heilige Schrift erhalten. Man kann von ihm, gleichviel ob man den Philosophen oder den Theologen meint, nicht sprechen, ohne

sein „Schriftprinzip" als den wesentlichsten Faktor seines ge-

samten Denkens anzuerkennen. „Das ganze Werk Augustins", sagt

v. d. Meer in ,Augustinus der Seelsorger', „verdankt sein Fleisch, sein Blut, sein Mark dem Worte Gottes." Dem gilt der „eine Ge- danke", und von dem allein handelt unser Werk. Es ist, darüber

darf auch beim Lesen der oftmals rein philosophisch gefaßten

Erörterungen nie ein Zweifel aufkommen, ein theologisches Werk, in dem die philosophischen Gedanken Voraussetzungen sind, dessen Gegenstand aber religiös ist. Und dieser religiöse Gegenstand ist Augustins Schöpfungsglaube. Daher ist für ihn auch die philo- sophische und naturwissenschaftliche, theoretische und praktische, ideelle und empirische Auslegung der Heiligen Schrift kein Zweig

der Wissenschaft, sondern ein religiöses Beginnen. Aber das ist

auch gar nicht anders zu erwarten, denn religiös war bereits auch

die heidnische Wcltcntstehungslehre, und Augustinus findet nicht nur auf dem Gebiet der Naturphilosophie, sondern auch was die religiöse Auffassung der Weltentstehung anlangt, eine reiche Tra- dition vor. Und entsprechend seiner kritischen Einstellung zur heidnischen Philosophie setzt er sich mit ihr in der gleichen apologetischen Schärfe, mit dem gleichen philosophischen Schwung auseinander, mit denen er im elften und zwölften Buch des Goltesslaatcs die „haltlose Auffassung Epikurs von unzähligen Welten" bekämpft oder die „Elementenwäger" verspottet, von

ihrer „verkehrten und gottlosen Hohlköpfigkeif spricht, weil sie an sich falsche antike Naturauffassungen den offensichtlichen Naturerscheinungen entgegenstellen. Für Augustin ist die Welt

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kein Schein, keine dunkle Höhle, wie sie Plato sah, in der wir nur die Schatten der wahrhaften Wirklichkeiten wahrnehmen, son- dern sie ist Schöpfung Gottes und damit wirklich und wahr und „im Lichte Gottes" auch in ihrer Wahrheit erkennbar. Sein Schöpfungsglaube widerspricht der von Heraklit, Plato und den Neuplatonikern behaupteten Auflösung der Wirklichkeit, er wider- spricht aber auch mit der gleichen Heftigkeit der mythischen Auf- fassung der Materie als einem von Ewigkeit her bestehenden Sein. Augustinus geht an seine Kosmogonie von Anfang an mit der ihm eigenen unverrückbaren Gläubigkeit an jedes, auch an das un- scheinbarste Wort der Heiligen Schrift, das heißt an Gottes Wort heran, in der Haltung des demütig Hingegebenen, der dort, wo das Geheimnis stärker als sein Intellekt sein sollte, lieber eine Frage unbeantwortet läßt, als daß er sie „verwegen" zur Lösung brächte. Und für den Hochmut der auf ihre Lehrmeister stolzen Weisen hat er nur Worte wie diese: „Ich für mein Teil bin froh, nicht Aristoteles oder Chrysippus, sondern Christus zum Lehrer zu haben" (op imp contra Julianum 5,23). Aus zahlreichen Stellen unsres Werkes geht hervor, wie genau Augustinus die heidnischen Philosophen gekannt hat, die „Platoniker, Aristoteliker und Zeno- niker" (ebda), aber die Ergebnisse ihrer Gelehrtheit tauscht er nicht mit den „ungebildeten" Heiligen der Kirche, die durch die Schrift gelehrt wurden. Die meiste Achtung zollt er immer noch dem „göttlichen" Plato, dessen Kosmogonie des „Timaios", dessen Ideenlehre er in gewissem Sinn auch in der Heiligen Schrift zu erkennen meint. Die Gedankenverbindung Piatos von Sein und Werden übernimmt er, wenn er sie auch umschmilzt. Das plato- nische Sein als das Ewige, Unkörperliche, Unsichtbare, das Werden als das Veränderliche, Körperliche, Sichtbare tritt fast in der gleichen Ausdrucksweise oft hervor. Nur fehlt in diesem Zusam- menhang der platonische Demiurg, der in göttlichem Auftrag die Materie bildet und formt. Das tut allein der allmächtige Schöpfer- gott, der mit seinem Wort und seinem Geist die Urwelt, die es vorher nicht gegeben hat, schuf, und der als Vatergott der sicht- baren Welt die Wirklichkeit gab, oder, anders ausgedrückt: aus den Möglichkeiten, aus der Potentialität, die der Urwelt einerschaffen wurde, die Realität werden ließ, die eine ihr ebenfalls von ihm ein- erschaffene Dynamik besitzt, für die wir das Wort „Entwicklung" *

benützen.

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ÜBER DIE SCHÖPFUNGSURSACHE GIBT ES BEREITS IM antiken Judentum keinen Zweifel, das beurkundet der mosaische Schöpfungsbericht, eben die Genesis, die Augustinus vor unseren Augen wörtlich auslegt. In den Erläuterungsschriften zum Penta- teuch, die wir von Philo dem Alexandriner (25 v. Chr. bis 50 n. Chr.) besitzen, dürfte sich die judaische Schöpfungslehre, frei- lich schon mit Stoizismus und Piatonismus verschmolzen, abge- setzt haben. (Es ist hier der Ort, auf die „Anonymität der Philo- sophen bei Augustin" hinzuweisen, die Rudolf Schneider in „Seele und Sein" erwähnt. Es fällt vor allem in unserm Werk auf, daß Augustinus kaum einen Philosophen beim Namen nennt. Es heißt immer nur: der eine oder andre, manche Leute, einige; oder unsere Autoren, die Unsrigen oder so ähnlich. Für ihn, der aus dem Strom der Philosophie sehr vieles aufgenommen hat, ist das überkommene philosophische Gut nicht die eigentliche Quelle der Wahrheit. Mögen in diesem Gut auch Wahrheiten Gottes enthalten sein, Auto-

ritäten sind die Philosophen für ihn keine; wenn sie so sprechen,

wie die Heilige Schrift spricht, benützt er sie, ohne sie zu nennen,

sprechen sie nicht so, entgegnet er ihnen, als hätten sie keinen

Namen: die höchste Wahrheit, die allein zitiert wird, ist die Schrift). Die philonische Deutung der Schöpfung hat auf die christ-

lichen Autoren des zweiten und dritten Jahrhunderts ungemein

stark eingewirkt und ist über sie hinaus auf Augustin übergegan-

gen. Philos allegorische Auslegung der Genesis ist motiviert durch den Zustand des jüdischen Volkes, das in der Zerstreuung unter den Heiden lebt. Die Diaspora, vornehmlich in Alexandrien, trachtet nach einer Harmonisierung mit der hellenistischen Philo-

sophie und Theosophie. In dieser historischen Exegetik Philos be-

gegnen wir der Transzendenz des unfaßbaren, einpersönlichen

Gottes, dem der Logos, eine Gott unterworfene Kraft, als Träger

und Verwirklicher der Ideen dient, die zu Gottes erster Schöpfung gehören. Die asketische Loslösung von Welt und Materie ist For- derung, die Vereinigung mit Gott durch die Gnade ist die Er- füllung. Philos Schrift ist deshalb so bedeutungsvoll, weil in ihr zum erstenmal der schroffe Gegensatz zum Ausdruck kommt, der der ganzen späteren frühchristlichen Apologetik zu ihrer Konzep- tion des Schöpfergottes verholfen hat. Philo drückt die radikale Verneinung der heidnischen Weltentstehungslehre aus, die pan-

theistisch, polytheistisch, dualistisch orientiert war. Von eben-

solcher Wichtigkeit ist seine Polemik gegen die Weltcwigkeitslehre,

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wie sie Aristoteles vertritt. Aus dieser Polemik ergibt sich für Philo seine historische Interpretation des Schöpfungsprozesses. Sie führt ihn auf allegorischem Wege zu der Spiritualisierung des soge- nannten Sechstagewerkes, das er, wahrscheinlich als erster, figür- lich auffaßt: Gott schafft, seinem der Ewigkeit und nicht der Zeit gemäßen Sein entsprechend, alles in einem zeitlosen Zugleich. Dieser Gedanke, den Augustinus übernommen, auf geniale Weise durchdacht, vertieft und mit dem ganzen Pathos seiner Imagination zu seiner eigenen Anschauung gemacht hat, ist also wurzelhaft philonischen Ursprungs. Es fällt hierbei nicht ins Gewicht, daß Philo samt den späteren Autoren, die diese homochronistische Fassung des Schöpl'ungsaktes von ihm übernahmen, dennoch an der biblischen Ordnung, das heißt an der Aufeinanderfolge der ein- zelnen Kreaturen festgehalten hat. Denn alle, auch Augustinus selbst, sehen in dieser Ordnung der sechs Tage nur die logische Verknüpfung der Ursachen und keine zeitlichen Intervalle. Zwischen dieser Deutung des Philo und den frühchristlichen Aus- legungen steht als letzter Vertreter der heidnischen Kosmogonie der Neuplatoniker Plolin (203—269) aus Lykopolis in Ägypten, dessen Einfluß auf Augustin sehr groß war. (Im Gottesstaat zitiert ihn Augustinus siebenmal ausgiebig.) Sein Monismus, der das All mit Gott zusammen als Einheit sieht, negiert gewissermaßen den einmaligen Schöpfungsakt, oder besser gesagt, er kennt keinen solchen. Vielmehr nimmt er eine allmähliche Emanation an, aus der sich jener fatale Dualismus gedanklich auf neue Art entwickeln konnte, denn im Grunde war er eine genuin orientalische Idee, der wir nichtsdestoweniger auch bei Plato begegnen. Ist doch die „ewige Materie" Piatos gleichzusetzen der „Welt" Plotins, die, aus der Materie geformt, zum Sitz des Bösen, zum Gegenpol der Gottheit, ja zum unabhängigen Gegenspieler gegenüber dem „guten Prinzip" wird, wie er uns auch im Manichäismus entgegentritt. Den ersten Genesiskommentar im christlichen Schrifttum verdan- ken wir Theophilus von Antiochia, der knapp einhundert Jahre nach den Aposteln mit seiner Schutzschrift „An Autolykus" die fast unübersehbare Reihe der patristischen Ilexaemeron-Auslcger er- öffnet. In dieser rein apologetisch intentionierten Schrift wird allen heidnischen Mythen die dreipersönliche Gottheit als Schöpfungs- ursache vor Augen geführt. Gott hat alles aus Nichtseiendem er- schaffen, er wird aus seinen Werken erkannt und eklatant be- wiesen. Mit Theophilus, der den Monotheismus und die Transzen-

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denz Gottes rein und verständlich darstellt, wird das Schöpfungs- dogma in seinen Grundzügen festgelegt, und alle Motive des Schöpfungsglaubens sind sachlich bereits an die richtige Stelle gesetzt. In der Folgezeit schwanken die Meinungen jeweils nach Schulen und Methoden hin und her, werden durch die Lehre des Manes (216—276) schwer beunruhigt, nehmen ihre Richtung teils auf die Spiritualisierung, teils auf die AUegorisierung und tendieren ausnahmslos auf die ethische Motivierung des Schöpfungsaktes hin. Es entwickelt sich nämlich allmählich die Verbindung des Schöp- fungsglaubens mit dem Erlösungsglauben. Die Schriften, die sich mit der Schöpfungsgeschichte befassen, wer- den nun immer zahlreicher, unter den Griechen von Klemens, Ori- genes, Methodius, Athanasius, Basilius, unter den Syriern von Ephräm, Diodorus, Theodor von Mopsuestia, Chrysostomus, unter den Lateinern von Tertullian und Ambrosius, um nur einige von ihnen zu nennen. Bis auf schulmäßige Abhängigkeiten und die apolo- getischen Tendenzen lassen sich kaum Verbindungen und Gemein- samkeiten erkennen. Gewiß sind fast alle Autoren der Meinung, daß der Schöpfungsglaube Bestandteil des theologischen Systems wer- den muß, ob er aber Dogma oder Wissenschaft darstellen soll, wird scharf diskutiert. Ob eine Vielheit der Welten angenommen werden darf, ob Gott Form und Stoff zugleich gemacht hat, ob die Schöpfung selbst zeitlos, von Ewigkeit her, ob sie „in einem Augen- blick" erfolgte, das sind alles Fragen, die, je näher wir dem Jahr- hundert Augustins kommen, um so heftigere Lchrkämpfe ent- fesseln. So lehnt etwa der Antiochener Johannes Chrysostomus, der bereits Zeitgenosse Augustins ist, in seiner Riesensammlung von Predigten nur über die Genesis (die übrigens deutsch erschie- nen ist) die simultane Schöpfungstheorie des Philo strikte ab, wäh- rend Augustinus sich zu ihr bekennt und sie genial in sein System einbaut. Es begegnen uns in dem, wie schon gesagt, fast unüberseh- baren Schrifttum der Genesisauslegungen unbeschreibliche Irr- tümer, schiefe Deutungen, absurde Seltsamkeiten. Sie gründen nicht nur auf dem unvollkommenen Wissensstand der Zeit, auf Übersetzungsfehlern, es sind nicht nur allegorische Überspitzungen und symbolische Zahlenspielcreien, sondern sehr oft treffen wir auf Gedanken, die dann bei Augustin zu fruchtbarer Entfaltung kommen. Bei ihm, der offenbar das allermeiste gekannt haben dürfte, was vor ihm erdacht, erklügelt und niedergeschrieben

VORWORT

wurde, vertieft sich der allzu flache Spiritualismus des Origenes, die nahezu mythische homochronistische Auffassung des Schöp- fungsaktes des Philo wird logisch und mit Hilfe einer Sirachstelle fundiert, die Spekulationen über den Himmel, das Licht, die Zeit und die Ewigkeit erhalten fast scholastische Formulierungen, und mit seiner metaphysisch-theologischen Begabung meistert er die vielen Schwierigkeiten, die den Schöpfungsbericht für seine Vorgänger zu einem so unzugänglichen Geheimnis gemacht haben, daß sie nur zur Allegorie flüchten konnten.

Es war schon einmal die Rede von der Einstellung des christlichen Denkers, die sich im Lob des Schöpfers das Wunder und den Reich- tum der Schöpfung vor Augen führt. Aus ihr entspringt, wie Rudolf Schneider in „Seele und Sein" sagt, ein eigenartiges In- teresse an den Wesen, an der Form der Dinge und an ihren mate- riellen Bedingungen. Wo dieses Interesse seinen Niederschlag findet, wo also die Dingwelt behandelt wird in unserm Werk, da zeigt sich stets, wie wenig Wert Augustinus auf jenes gegenständ- liche Wissen legt, dem zum Beispiel die aristotelische Schule den ersten Platz vor dem Wissen von der eigenen Existenz einräumt. Den Heiligen Augustinus interessiert bei jedem Ding seine Sub- stanz, seine Natur, die in sich die Potentialität besitzt, die ihr vom Schöpfer einerschaffen ist. Darum verweilt sein reflektierender Geist beim Samenkorn, in dem die künftige Gestalt, die Form als Möglichkeit angelegt ist, um einmal Wirklichkeit zu werden. Darum bei der Betrachtung der Kreaturen einschließlich des Men- schen die ausgedehnten Erörterungen über die Urschöpfung; Re- flexionen, die sich auf keine Vorgänger stützen, vielmehr originale Gedanken Augustins offenbaren und die zum Teil auch die augusti- nische Umprägung der platonischen Ideenlehre darstellen. Aus diesen Reflexionen hat die heutige Forschung durch Albert Mitlerer eine Entwicklungslehre Augustins konstruieren, oder besser, rekon- struieren können, die nicht nur in ihrer religiösen Konzeption über- raschte, sondern die auch den Nachweis erbrachte, daß diese bis- her eher verdeckte „Leistung Augustins der inzwischen erkannten naturwissenschaftlichen Wahrheit wesentlich näherkommt als die heidnische Erzeugungslehre des Aristoteles" (Albert Mitterer, Die Entwicklungslehre Augustins im Vergleich mit dem Weltbild des hl. Thomas und dem der Gegenwart, 1956).

Es hat keinen Zweck, das eine oder andre Detail, das in das Gebiet

der Naturwissenschaft

gehört, mit heutigen Erkenntnissen zu kon-

VORWORT

frontieren und auf Stellen im Text den Finger zu legen mit den Worten: Hier irrt Augustinus. Vielmehr ist zu bedenken, daß heute das Bemühen um die Erkenntnis der Natur sowohl bei der Philo- sophie als auch bei der Theologie nach Hilfen sucht. „Daß das Leben ist", sagt Karl Jaspers (a.a.O.), „und daß wir Menschen sind und daß das Bewußtsein auftritt, für das dies alles ins Un- absehbare erkennbar wird, das ist aus der heute rein mathematisch erkannten Welt so wenig zu begreifen wie früher aus dem Mecha- nismus des Spiels der Atome." Wenn wir daher außer acht lassen, daß Augustins Werk, wie es tatsächlich der Fall ist, ein religiöses Werk ist, und es nur von seiner naturwissenschaftlichen Seite her sehen wollen, was sehr kurzsichtig wäre, müssen wir gehörige Ab- striche vornehmen, die aber am naturphilosophischen Gehalt des Werkes nichts verringern. Dennoch soll, gerade bei der Erwägung des naturbedingten Ablaufes des Schöpfungsvorganges, die augu- stinische Auffassung so präzise wie möglich mit ein paar Worten skizziert werden: Augustinus spricht von zwei Arten der Kreatur. Die eine hat ihre endgültige Form im sogenannten Sechstagewerk erhalten, ist vollendet, besitzt in sich ihre Bewegungsursache und gleicht gewissermaßen einem aufgezogenen Uhrwerk, über dem der Wille Gottes waltet. Darunter kann man den Tag, die Gestirne am Firmament, die Erde, das Meer, die Luft und das Feuer rechnen. Die andre Art der Kreatur ist in der Urschöpfung ursächlich, po- tentiell angelegt, sie ist ideelich vorgeformt und gewinnt ihre Realität erst in der für sie bestimmten Zeit. Hierher gehören die Ursamen aller Lebewesen pflanzlicher und tierischer Art, das heißt alles Animalische, und darunter auch der Leib Adams.

*

DER TITEL DE GENESI AD LITTERAM IST IN SEINER GANZ unmißverständlichen Bedeutung im Deutschen nicht so präzise wiederzugeben, wie er im Lateinischen lautet. Dieses ad litteram heißt im Grunde nichts andres als „wörtlich". Und das bringt es mit sich, daß die Übertragung in die deutsche Sprache weit mehr noch jedes Wort des augustinischen Textes und sein Latein be- achten muß, als das sonst im allgemeinen nötig ist. Und zwar be-

VORWORT

zieht sich das natürlich nicht nur auf den Text Augustins, sondern auch auf den von ihm zitierten Text der Schrift, auf den später noch eingegangen werden soll. Um die Problematik dieses Sachver- haltes an einem einzigen Beispiel aufzuzeigen, sei das lateinische Wort facerc herangezogen, das, wie es Augustinus in dem ihm vor- liegenden Text der Genesis fand, für folgende hebräische Wörter steht: asa (machen), bana (bauen), jasad (gründen), jasar (bilden), konen (aufstellen), kana (schaffen), holid (erzeugen) und bara (als Terminus allein für das Erschaffen Gottes). „Schöpfungsbericht'' wird im allgemeinen nur der Passus von Ge- nesis 11 bis II 3 genannt. Die weiteren Verse bis Genesis III 24 — so weit geht Augustins Kommentar — sind bis Genesis II2 3 Re- kapitulation, wie Augustinus sich ausdrückt, und von II2 4 bis II I 24 die Erzählung von Adam und Eva, ihrer Verfassung, Ver- suchung und Sünde, ihres Verhörs, ihrer Verurteilung und ihrer Vertreibung aus dem Paradies.

Der Schöpfungsbericht als solcher ist schematisch aufgebaut, was Augustinus sehr genau beobachtet. Die Darstellung beruht selbst- verständlich auf dem damaligen Weltbild, das sich nach dem Augenschein richten mußte: Die Dinge werden nicht so dargestellt, wie sie tatsächlich sind, sondern wie der Mensch sie erfährt und beobachtet. Der Bericht bedient sich daher auch im allgemeinen nur der Ausdrücke und Redensarten, die seiner Entstehungszeit entsprechen, das heißt der Mitte des vorletzten Jahrtausends vor Christus (Eugen Henne, Vorrede zum Pentateuch, 1934). Und seiner religiösen Anlage kommt es auch nicht zu, die Struktur des Weltalls oder das innere Wesen der Welterscheinungen zu er- klären. Hieraus ergibt sich, um nur auf einige Einzelheiten hin- zuweisen, daß das Firmament den Eindruck eines festen Gewölbes macht, an dem sich die Himmelskörper bewegen, oder daß der sich rundum schließende Horizont zur Halbkugel wird, die die Erde umgibt, die selbst eine runde flache Scheibe ist, deren Kugelgestalt allerdings von Augustin bereits vermutet wird. Der Regenfall weckt den Eindruck, als befänden sich oberhalb des Firmamentes Vorratskammern, durch deren Schleusen das Wasser auf die Erde strömt. Weil es hell sein kann, ohne daß Sonne oder Mond sicht- bar sind, behauptet sich das Licht als selbständige Größe, und seine Erschaffung wird von derjenigen der eigentlichen Lichtquellen getrennt.

3 Augustinus: Genesis, I. Band

XXXIII

VORWORT

Wie weit der „heilige Verfasser", wie Augustinus meist Moses nennt, wörtlich verstanden werden will, ist unerheblich, und der Satz, mit dem Augustinus sein Auslegungswerk beginnt, annulliert gewissermaßen diese Frage: das Verständnis wird immer ein zwei- geteiltes sein. Seiner Meinung nach gibt es für die ganze Heilige Schrift nur doppelte Deutungen; sobald man bloß figürlich deuten will, gerät man ebenso in Irrtum, wie wenn man ausschließlich wörtlich deutet. Sicher ist nur, daß der Schöpfungsbericht eine religiöse und keine wissenschaftliche Belehrung geben will, was nur zu oft übersehen wird und daher immer wieder betont werden muß. Und dieser Lmstand ist es, der unserm Werk seine über alle vorhergegangenen Auslegungen erhabene Bedeutung gibt. Es bedurfte der gewaltigen Religiosität und der tiefen Erfahrung des Religiösen, die Augustinus der Heilige besaß, daß er die kon- sequente Linie der religiösen Auslegung durch das ganze Werk füh- ren konnte, so daß er die immer wieder sich vordrängenden Fragen naturwissenschaftlicher Art auch dort, wo er sie philosophisch er- örtern mußte, dennoch stets religiös beantworten durfte. Und nicht minder bedeutungsvoll ist es, daß sein vom Religiösen her bezoge- ner Sprachstil nie vom Sachlichen abgleitet. Selbst die ausführ- lichsten Exkurse, in denen seine Reflexionen scheinbar vom Thema abschweifen und in entlegenste metaphysische Gebiete eindringen, erlauben sich keine Akzentverschiebungen auf die dichterische oder hymnische Ebene hin. Vergeblich wird der Leser nach jener Sprachmelodie suchen, die in den letzten Büchern der Bekenntnisse die Genesisdeutung so poetisch verklärt. Sondern alles, was in der Genesis erzählt wird, ist in striktem Sinn auf den einen allmächti- gen Gott zurückgeführt, und erklärt, gedeutet und ausgelegt wird nur, daß dieser unerschaffenc und vor allem Geschaffenen existie- rende Gott die ganze Welt mühelos, durch sein bloßes Wort aus nichts in ein verborgenes, zugleich aber auch sichtbares Dasein ge- rufen hat.

Zum Unterschied von der mystisch reflektierenden Auslegung in den Bekenntnissen, die durch ihre subjektive Poesie entzückt und sich mit Moses nahezu persönlich auseinandersetzt, tritt die Figur des Verfassers der Genesis in unserm Werk fast ganz in den Hinter- grund. Für Augustin ist Moses der „Mann Gottes", der seine Heilig- keit und Autorität der göttlichen Inspiration verdankt und als Ver- fasser derart unter dem Einfluß des Heiligen Geistes steht, daß sein Werk zwar im vollen menschlichen Sinne seine eigene Arbeit

VORWORT

ist, im göttlichen Sinne aber die Arbeit und das Wort Gottes dar- stellt. Was Moses schreibt und erzählt, ist das Handeln Gottes mit der Welt, er entschleiert die göttliche Wirksamkeit, indem er ihr fortschreitendes Innewerden durch den Menschen nachzeichnet. Es ist für Augustin ausgemacht, daß Gott seinen Propheten Moses bei aller Freiheit, die er ihm zugesteht, nur das darstellen läßt, was er will und wie er will, so daß das Buch der Erschaffung der Welt das von Gott geschriebene Buch genannt werden darf. Das macht es, daß wir in Augustin den gläubigsten Bibelleser erkennen, der so gläubig war, daß er sich nicht dazu bewegen ließ, die Re- vision des Heiligen Hieronymus nach dem Originaltext der Schrift zu akzeptieren. So kommt es, daß der Heilige Augustinus uns einen Bibeltext aus- legt, der mit dem uns geläufigen Text der Genesis nicht überein- stimmt. Um dem heutigen Leser eine Handhabe zum Verständ- nis der vielfachen Abweichungen zu geben, folgt hier eine Gegen- überstellung der zwei Texte, des hieronymianischen der soge- nannten Vulgata und des augustinischen, der zum Teil auf der so- genannten Itala, zum Teil auf einer afro-italischen Variante be- ruht; den beiden Texten werden die deutschen Übersetzungen von heute an die Seite gestellt.

VORWORT

Es ist der Anspruch auf Wörtlichkeit, den ja schon der Titel unsres Werkes erhebt, daß zum Abschluß dieses Vorwortes der Bibel- text charakterisiert wird, auf dem das augustinische Werk be- ruht. Hierzu gehört die auf das Wesentlichste beschränkte Dar- stellung der historischen Entwicklung, die der Text der Bibel durchgemacht hat, bis es zu der Fassung kam, die Augustin in seinem Kommentar sowohl als auch in allen seinen anderen Schrif-

ten gedient hat. Im 42. und 43. Kapitel des 18. Buches des Gottes-

staates erzählt Augustinus ausführlich, „wie es göttliche Vor- sehung fügte, daß die Heilige Schrift des Alten Testamentes aus

dem Hebräischen ins Griechische übertragen wurde, um den Heiden bekannt zu werden". Auch in der Christlichen Wissenschaft (II

15, 22) kommt er eingehend darauf zu sprechen. Er bezieht sich

auf die durch den Aristeasbrief (eine Fälschung um 140 v. Chr.) überlieferte Legende, nach der auf Wunsch des Ägypterkönigs Ptolomäus II. Philadelphus (285—247 v. Chr.) der jüdische Pen- tateuch von siebzig (angeblich zweiundsiebzig), im Hebräisch und Griechisch sehr gelehrten Männern übersetzt worden ist. „Man erzählt sich von der wunderbaren und erstaunlichen, ja geradezu göttlichen Übereinstimmung" der siebzig Übersetzungen, die in ebensovielen voneinander getrennten Zellen entstanden sind. „Was alle vollkommen gleich übersetzt hatten, wurde eine einzige Über- setzung, als ob sie einer allein gemacht hätte, da ja in der Tat der eine Geist in allen war."

Dieser Legende liegt ein historischer Kern zugrunde. Jedenfalls

handelt es sich hier um die Entstehung der sogenannten

Septuaginta,

deren große historische und philologische Bedeutung in der Tat- sache liegt, daß die alte Kirche das Alte Testament im griechischen Wortlaut der Septuaginta und nicht im hebräischen Urtext von der Synagoge übernommen und sozusagen kanonisiert hat; und zwar ausschließlich im Wortlaut der Septuaginta, als wäre sie die einzige Übersetzung, obwohl bis zum Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts neben ihr noch mindestens vier andere griechische Übersetzungen entstanden sind. Sie alle erwähnt Augustinus mit ihren historischen Namen und schreibt dann: „Da in den siebzig

Gelehrten (der Septuaginta) ein so deutliches Zeugnis von Gött- lichkeit zutage getreten ist, wird jeder andre, er mag als Über- setzer aus dem Hebräischen in eine beliebige andre Sprache in der Tat noch so zuverlässig sein (was offenbar auf Hieronymus zielt), entweder mit den siebzig Übersetzern übereinstimmen, oder, wenn

VORWORT

das nicht der Fall zu sein scheint, hat an eine prophetische Tiefe bei ihnen geglaubt zu werden. Der nämliche Geist, der in den Pro- pheten war, als sie sprachen, war auch bei den siebzig Männern, als sie übersetzten." In dieser Gesinnung stand Augustinus der Sep- tuaginta zeit seines Lebens gegenüber, und da aus dieser Septua- ginta auch, wie er berichtet, „die lateinische Fassung übertragen wurde, die in den lateinischen Kirchen in Gebrauch steht", hat für ihn ebenfalls zeitlebens nur jene Übersetzung Geltung haben können, die dem Septuagintatext in jener Wörtlichkeit folgte, die (um ein Wort Heimito von Doderers zu zitieren) für den Heiligen „die Kernfestung der Wirklichkeit" bedeutete. Bei Augustin und bei Hieronymus lesen wir von mehreren altlatei- nischen Übersetzungen, guten und schlechten, deren Herkunft im Dunkel liegt. Man nimmt aber an (Bibellexikon 1951), daß sie in Africa proconsularis zuerst aufgetreten sind. Um 250, zur Zeit des Heiligen Cyprian, liegt eine vollständige afrikanische Über- setzung ins Lateinische vor. Und um dieselbe Zeit kamen auch in Rom mehrere Übersetzungen heraus, die „nach einer rätselhaften Äußerung Augustins" (ebda) in wissenschaftlichen Kreisen heute noch unier dem Namen llala zusammengefaßt werden, womit man früher aber nur die fragmentarischen Übersetzungen vor Hierony- mus bezeichnete, für die wiederum heute der Name Vetus Latina gebraucht wird. Dieser Texttypus geht in allen seinen Fassungen auf die Septuaginta zurück, und einer dieser Texte dürfte Augustin vorgelegen haben.

Von 390 bis 406 übersetzte der Heilige Hieronymus im Auftrage des Papstes Damasus I. aus dem hebräischen, beziehungsweise ara- mäischen Originaltext fast das ganze Alte Testament und schuf damit die offizielle Vulgata, die bis heute in der abendländischen römischen Kirche in Gebrauch ist und die „dank ihres ausge- zeichneten Textverständnisses und ihres einfachen, aber eleganten und flüssigen, bisweilen idiomatischen Laieins eine der größten Gelehrtenleistungen und eine der allerbesten Übersetzungen der Antike" darstellt (ebda). Der Heilige Augustinus aber blieb bis an sein Lebensende seiner Fassung treu, die, wenn wir sie auch nur aus seinen Werken kennen, also nur fragmentarisch beurteilen, dürfen, eine sehr hohe Qualität besitzt. Wir wissen, wie sich der Heilige allmählich mit dem Einleben in die christliche Glaubens- und Gedankenwelt auch die christliche Sprache zu eigen machte und wie er, je mehr seine Bibelkenntnis

VORWORT

wuchs, einen Sprachstil entwickelte, der zu jener sprachlichen Höhe gelangte, die wir besonders in den Bekenntnissen bewundern. Dort gelang ihm die Synthese, die seinen Stil mit dem Stil der Bibel vermählte. Er hat sich im wahrsten Sinn des Wortes des Bibeltextes bemächtigt, den er der von ihm bevorzugten afro-itali- schen Fassung entnahm, und hat daraus jene Latinitas Augustiniana geformt, die ihr unverkennbares Gepräge trägt. Hiervon leuchtet ein Abglanz auch im Genesiskommentar, wenn hier auch nicht die dichterischen Ambitionen vorhanden sind. Aber hier wie dort ist es das Wort Gottes, an dem sich das produktive Verhältnis Augu- stins zu der Sprache der Heiligen Schrift kundgibt. Und dieses Wort Gottes nimmt er, der sich um den hebräischen Urtext weder kümmern wollte noch konnte, in der von ihm gewählten lateini- schen Fassung auf, die für seinen Glauben, sein Wissen, seine Demut und seine Frömmigkeit die höchste Autorität besitzt, weil er in ihr das Walten des Heiligen Geistes und seine Inspiration wahrgenommen hat.

Wien, am Feste des Heiligen Hieronymus 1960.

GJ.P .

ERSTES BUCH

DIE ERSTEN FÜNF VERSE

DES BUCHES

GENESIS

ERSTES KAPITEL

Was

in

der

Heiligen

Schrift

zu

beachten

ist.

Der eigentliche

Sinn

der

ersten

beiden

Verse.

1

Die ganze Heilige Schrift ist zweigeteilt ia dem Sinn, den der Herr andeutet, wenn er sagt, der Lehrer, der über das Reich Gottes unterrichtet ist, gleiche dem Hausvater, der aus seinem Schatze Neues und Altes hervorholt (Mt 13,52), wie man ja auch die beiden Testamente so nennt. In sämtlichen heiligen Büchern soll der darin verborgene ewige Gehalt ebenso betrachtet werden wie die Geschehnisse, die sie er- zählen, die zukünftigen Dinge, die sie voraussagen, ebenso wie die Forderungen und Mahnungen, die sie an uns richten. Gerade bei den Berichten über vergangene Dinge wird sich die Frage stellen, ob alles nur in figürlichem Sinne aufgefaßt werden soll, oder ob es auch als Tatsache den Glauben zu beanspruchen hat und dementsprechend zu verteidigen ist. Es würde wohl kein Christ zu sagen wagen, ein Satz etwa wie der des Apostels: „All das widerfuhr ihnen sinnbildlich" (I Kor 10,11) sei nicht figürlich aufzufassen, und keiner wird die Stelle in der Genesis: „Und sie werden zwei sein in einem Fleisch" (Gen 2,24) nicht auf das große Mysterium beziehen, das uns anvertraut ist in Christus und der Kirche (Eph 5, 32).

2

Wenn also die Heilige Schrift von diesem doppelten Ge- sichtspunkt aus durchforscht werden soll, fragen wir, welchen andern außer dem allegorischen Sinn der Satz hat: Im An- fang schuf Gott Himmel und Erde (Gen 1.1). Sind Himmel

:<

ERSTES

BUCH

und Erde am Anfang der Zeit erschaffen oder, weil zu- erst von allen, in dem Anfang, der „das Wort", Gottes ein- geborener Sohn ist? Und wie kann erwiesen werden, daß Gott ohne eigene Veränderung Dinge wirkt, die der Ver- änderung und der Zeit unterworfen sind? Und was ist ge- meint mit den Worten: „Himmel und Erde"? Wurde diese Bezeichnung gewählt für die geistige und für die körperliche Schöpfung, oder bloß für die körperliche, so daß wir an-

nehmen sollen, der Verfasser habe in diesem Buch über die geistige Schöpfung überhaupt nichts ausgesagt, dafür aber so von „Himmel und Erde" gesprochen, daß er damit die ge- samte körperliche Schöpfung, die obere wie auch die untere, bezeichnen wollte? Oder ist mit „Himmel und Erde" die un- geformte Materie beider gemeint, so zwar, daß wir einer- seits das geistige Leben darunter verstehen, wie es in sich selbst bestehen kann, noch nicht hingewendet zum Schöpfer — denn erst durch eine solche Hinwendung erhält es seine Formung und Vollendung, und ohne sie bleibt es unge- formt —, das körperliche Leben anderseits aber so, daß es bar jeder körperlichen Eigenschaft war, die erst an einer geformten Materie erscheint, sobald sie körperliche Gestalt gewonnen hat, die mit den Augen oder durch einen andern

Körpersinn wahrnehmbar

ist?

3

Ist „Himmel" als die geistige Kreatur aufzufassen, die be- reits zu Beginn, da sie erschaffen wurde, vollendet und für immer selig ist, „Erde" aber als der körperliche Stoff, der vorerst noch unvollendet blieb? Denn der heilige Verfasser scheint mit den Worten: Die Erde war unsichtbar und un- geordnet, und Finsternis war über dem Abgrund (Gen 1,2) die Ungeformtheit der körperlichen Substanz zu bezeichnen. Oder bedeutet diese Aussage die Ungeformtheit beider Sub- stanzen, die der körperlichen, indem es heißt: „Die Erde war unsichtbar und ungeordnet", die der geistigen mit den Worten: „Finsternis war über dem Abgrund", damit wir

ZWEITES

KAPITEL

unter dem übertragenen Ausdruck des finsteren Abgrundes die ungeformte Natur des Lebens verstehen, solange sie sich nicht zum Schöpfer wendet? Kann das Leben sich doch nur auf diese Weise formen, um kein Abgrund zu sein, und nur erleuchtet werden, um nicht Finsternis zu sein. Und wie ist der Satz zu verstehen: „Finsternis war über dem Abgrund"? War hier kein Licht? Wenn eines da gewesen wäre, es wäre jedenfalls reichlich gewesen und hätte sich gleichsam dar- über ergossen, so wie es immer der Fall ist in der geistigen Schöpfung, sobald sie sich dem unveränderlichen und un- körperlichen Lichte zuwendet, das Gott ist.

///// welche

ob durch

ZWEITES KAPITEL

Weise

ein

Gott

gesprochen

oder

hat:

Geschöpf

durch

„Es werde

das

Ewige

Licht":

Wort.

4

Und wie hat Gott gesagt: Es werde Licht (Genf, 3)? Zeit- lich oder in der Ewigkeit des Wortes? Wenn zeitlich, muß es veränderlich gewesen sein. Dann kann es nur so erklärt werden, daß Gott durch eine Kreatur gesprochen hat, denn er selbst ist unveränderlich. Hat nun aber Gott durch eine Kreatur „Es werde Licht" gesprochen, wie kann dann das Licht das erste Geschöpf sein, wenn es bereits ein Geschöpf gegeben hatte, durch das Gott sein „Es werde Licht" gesagt hat? Oder ist das Licht doch nicht das erste Geschöpf, weil es ja vorher heißt: „Im Anfang schuf Gotl Himmel und Erde", und konnte nicht durch die himmlische Schöpfung eine der Zeit und Veränderung unterworfene Stimme ent- stehen, mit der gesagt wurde: „Es werde Licht"? Wenn das so ist, dann ist das erschaffene Licht jenes körperliche Licht, das wir mit den Körperaugen erblicken und das entstanden ist, indem Gott „Es werde Licht" durch ein geistiges Geschöpf

ERSTES

BUCH

gesprochen hat, das Gott bereits erschaffen hatte, als er im Anfang Himmel und Erde schuf. Auf diese Weise also, durch eine innere und verborgene Bewegung einer sol- chen Kreatur, könnte der göttliche Ausspruch: „Es werde Licht" getan worden sein.

5

Tönte die Stimme auch körperlich, als Gott sprach: „Es werde Licht", so wie sie hörbar tönte, als er sprach: „Du bist mein vielgeliebter Sohn" (Mt 3,17) ? Dann geschah dies durch eine körperliche Kreatur, die Gott erschaffen hatte, als er im Anfang Himmel und Erde schuf, bevor noch das Licht ward, das in dieser tönenden Stimme erschaffen wor- den ist. Und wenn es so ist, in welcher Sprache erklang diese Stimme, als Gott sagte: „Es werde Licht"? Es gab ja noch nicht die Verschiedenheit der Sprachen, die erst später auf- trat beim Turmbau nach der Sintflut (Gen 11,7). Was war das für eine einzige und alleinige Sprache, in der Gott ge- sprochen hat: „Es werde Licht"? Und wer war das, der das hören und verstehen durfte, zu wem drang diese einzigartige Stimme? Aber vielleicht ist das eine abseitige fleischliche Er- wägung oder nur Vermutung?

6

Was sollen wir also sagen? Was wird hier richtig als Stimme Gottes angenommen, wenn gesagt wird: „Es werde Licht", der verstandesmäßige Sinn, den die Stimme ausdrückt, oder der körperliche Ton allein? Und bezieht sich das auch auf das Wesen des göttlichen Wortes, von dem es heißt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort"? Da nämlich von ihm gesagt ist: „Alles ist durch dasselbe gemacht worden" (Jo 1,1, 3), dürfte es ge- nügend offenbar sein, daß auch das Licht durch dasselbe gemacht worden ist, als Gott sprach: „Es werde Licht". Ist das in der Tat so, dann ist der Ausspruch Gottes: „Es werde Licht" ewig, weil das Wort Gottes. Gott bei Gott, der ein- geborene Sohn Gottes, gleichewig mit dem Vater ist, wenn

DRITTES

KAPITEL

auch durch den im ewigen Worte sprechenden Gott eine Schöpfung in der Zeit zustandegebracht worden ist. Freilich beziehen sich Worte wie „wann" und „einstmals" auf die Zeit, trotzdem ist es im Worte Gottes ewig, „wann" etwas werden muß; und es wird dann, wenn es werden mußte in jenem Worte, in dem kein Wann und Einst ist, weil ja das Ganze jenes ewige Wort ist.

DRITTES KAPITEL

Was

jenes

Licht

ist. Warum

bei der Schöpfung

des

Himmels

nicht

wie

bei der

des

Lichtes

gesagt

wird:

Es

werde.

7

Und was ist eigentlich dieses erschaffene Licht? Ist es ein geistiges oder ein körperliches Licht? Wenn es geistig ist. kann es das erste Werk der Schöpfung sein, das durch jenen Ausspruch bereits vollendet und fürs erste „Himmel" ge- nannt wurde in dem Satz: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Unter dieser Voraussetzung wäre anzunehmen, daß, wenn „Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht", es durch den Schöpfer zu ihm zurückgerufen wurde und so seine Hinwendung und Erleuchtung erfahren hat.

8

Und warum heißt es: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" und nicht: Im Anfang sprach Gott: Es werde Himmel und Erde, und es wurden Himmel und Erde, so wie vom Licht erzählt wird: „Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht"? Ist das so aufzufassen, daß zuerst ganz allge- mein durch den Ausdruck „Himmel und Erde" das, was Gott gemacht hat, vermittelt und verstanden, und hernach durch die Teile beschrieben werden sollte, wie er es gemacht hat. indem bei jedem einzelnen gesagt wird: „Gott sprach", weil er ja, was immer er machte, durch sein Wort erschaffen hat ?

:

ERSTES

BUCH

VIERTES KAPITEL

Eine

andre

Antwort

auf

diese

Frage.

9

Daß es zu Beginn nicht heißt: Gott sprach: Es werde

vorerst die geistige wie auch die körperliche Materie in Un- geformtheit entstehen sollte, mag noch einen andern Grund haben. Die Unvollendetheit in ihrer Unähnlichkeit gegenüber dem, was das Höchste und Allererste ist, trachtet infolge einer gewissen Ungeformtheit zum Nichts. Sie deckt sich nicht mit der Form des dem Vater anhangenden Worteß, durch das Gott in seiner Ewigkeit alles sagt. Spricht er doch weder mit dem Ton der Stimme noch mit einer die Zeiten der Töne bestimmenden Überlegung, sondern durch ein mit ihm gleich ewiges Licht seiner aus ihm geborenen Weisheit. Und diese Unvollendetheit erlangt ihre Ähnlichkeit mit der Form des Wortes erst dann, wenn sie für immer und unver- änderlich dem Vater anhangt, wenn sie als solche durch die ihr gemäße Hinwendung zu dem, was wahr und immer ist, das heißt zum Schöpfer ihrer Substanz, Form annimmt und zur vollendeten Kreatur wird. So gesehen, erkennen wir in dem, was die Schrift erzählt: „Gott sprach: Es werde", Got- tes unkörperlichen Ausspruch in der Natur seines gleichewigcn Wortes, das zurückruft zu ihm die unvollendete Kreatur, auf daß sie nicht angeformt sei, sondern geformt werde, so wie die anderen Werke der Schöpfung auch, die der heilige Ver- fasser in der ihnen gebührenden Ordnung aufzählt. In dieser Hinwendung und Formung stellt die Kreatur auf ihre Weise nachahmend Gott, das Wort, dar, das heißt den Sohn Gottes? der immer dem Vater anhangt in völliger Ähnlichkeit und Wesensgleichheit, in der er und der Vater eines sind (Jo 10,

30). Nicht aber ahmt sie diese Form des Wortes nach, wenn sie, abgewendet vom Schöpfer, ungeformt und unvollendet zurückbleibt. Wenn daher die Schrift an der Stelle: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" den Sohn nicht nennt, so unterläßt sie das nicht, weil er das Wort, sondern nur,

., da

FÜNFTES

KAPITEL

weil er der ,,Anfang" ist: hier soll uns bloß der Ursprung der Schöpfung beigebracht werden und zwar vorläufig nur in der Ungeformtheit ihrer Unvollendetheit. Die Erwähnung des Sohnes, der auch das „Wort" ist, findet statt an der Stelle,

wo es heißt: „Gott sprach: Es werde

Wort, das der Anfang ist, verständlich wird der Ursprung der zum Vorschein kommenden Kreatur aus ihrem bis dahin unvollendeten Stadium. Damit wird gezeigt, daß die Voll- endung der Kreatur durch das Wort erfolgt, indem sie zum Schöpfer zurückgerufen wird, um, ihm anhangend, geformt zu werden und nachzuahmen nach Maßgabe ihrer Art die Form, die ewig unveränderlich vereinigt ist mit dem Vater und zugleich dasselbe ist wie er.

.", damit in ihm, dem

FÜNFTES KAPITEL

Die geistige

Schöpfung

bleibt

so lange

angeformt,

bis sie sich zum

göttlichen

Wort

hinwendet.

10

Das Wort als der Sohn hat kein formloses Leben, denn ihm ist nicht nur das Sein gegeben, das Leben ist, sondern sein Leben ist das weise und selige Leben. Die Kreatur aber, ob- zwar geistig und verständig oder vernünftig, die jenem Wort näher zu sein scheint, kann ein formloses Leben haben, weil

ihr Leben, das zugleich ihr Sein ist, nicht das weise und selige Leben ist. Abgewendet von der unwandelbaren Weis- heit ist ihr Leben töricht und elend, und das ist ihre Unge- formtheit. Indes erlangt sie ihre Formung durch die Hin- wendung zum unwandelbaren Lichte der Weisheit, dem Worte Gottes. Denn von ihm ist sie ausgegangen, auf daß

sei und lebe, zu ihm kehrt sie sich hin, um

sie wie immer

weise und selig zu leben. Denn der Anfang der geistigen Kreatur ist die ewige Weisheit. Dieser Anfang, der un- wandelbar in sich verharrt, hört niemals auf mit seiner

ERSTES

BUCH

geheimnisvollen Einsprcchung auf die Kreatur, deren Anfang er ist, er beruft sie mit seinem Reden, damit sie sich hin- wende zu dem, aus dem sie ist, weil sie anders weder ihre Formung noch ihre Vollendung erhalten kann. Und deshalb hat das Wort auf die Frage, wer es sei, die Antwort gegeben: „Der Anfang, darum spreche ich auch zu euch" (Jo 8,25).

11

Was aber der Sohn spricht, das spricht der Vater, weil auf Grund des sprechenden Vaters der Sohn das Wort auf ewige Weise genannt wird, sofern man von einer Weise des mit dem sprechenden Gott gleichewigen Wortes reden kann. In Gott ist höchste, heilige und gerechte Güte, und die Liebe zu seinen Werken entspringt nicht aus Bedürfnis, sondern aus Wohltätigkeit. Bevor daher geschrieben steht: „Gott sprach: Es werde Licht", geht in der Schrift voran: Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser (Gen 1, 2). Wir kön- nen annehmen, daß der heilige Verfasser mit dem Wort „Wasser" die ganze körperliche Materie nennen wollte, um auf diese Art verständlich zu machen, woraus alles geschaffen und geformt ist, was wir in seinen Arten schon unterscheiden können, indem er von Wasser spricht, weil wir sehen, wie alles auf Erden aus der feuchten Natur sich formt und er- wächst. Oder wir können auch sagen, er wollte mit dieser Ausdrucksweise ein gewisses geistiges Leben bezeichnen, das vor der Form seiner Hinwendung noch gleichsam hin und her flutet. Jedenfalls schwebte der Geist Gottes darüber, wäh- rend unten, freilich mit dem guten Willen des Schöpfers, all das lag, was er begonnen hatte zu formen und zu vollenden, so daß, als Gott in seinem Wort das „Es werde Licht" aus- sprach, das, was erschaffen war, in gutem Willen, das heißt nach seinem Wohlgefallen, gemäß seiner Artung verblieb. Daher ist es richtig, weil es Gott so gefiel, wenn die Schrift sagt: Und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut ist (Gen 1, 3,4).

SIEBENTES

KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

12

Beginn

und

Pollendung

die

der

deuten

Trinität

Schöpfung

an.

Bereits beim Ursprung der begonnenen Schöpfung, die im Hinblick auf das, was von ihr zu vollenden ist, „Himmel und Erde" benannt wird, tritt die Trinität des Schöpfers in Er- scheinung. Wenn die Schrift sagt: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde", verstehen wir unter „Gott" den Vater, unter „Anfang" den Sohn. Doch ist das nicht der Anfang des Vaters, sondern der Anfang der durch ihn zuerst und haupt- sächlich erschaffenen geistigen Schöpfung und somit der An- fang der gesamten Schöpfung. In der Schriftstelle nun: „Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser" erkennen wir die vervollständigte Anführung der Dreifaltigkeit. Und zu- gleich wird in der Hinwendung und Vollendung der Schöp- fung, indem die Einzelarten der Dinge geordnet werden, diese Trinität zum Ausdruck gebracht: das Wort Gottes und der Erzeuger des Wortes, wenn gesagt wird: „Gott sprach", und die heilige Güte, in welcher Gott Gefallen findet an all dem, was ihm nach dem Maße seines Wesens in seiner Vollendung gefällt, wenn es heißt: „Gott sah, daß es gut ist" (Gen 1,4).

SIEBENTES KAPITEL

Über das Schweben

13

des

Geistes

Gottes

über

dem

Wasser.

Warum spricht wohl die Schrift zuerst von der unvollendeten Schöpfung und dann erst vom Geiste Gottes? Zuerst heißt es:

„Die Erde aber war unsichtbar und ungeordnet, und Finster- nis war über dem Abgrund", und dann wird hinzugefügt:

„Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser" (Gen 1,2).

U

ERSTES

BUCH

Die arme und bedürftige Liebe liebt so, daß sie sich den Dingen, die sie liebt, unterwirft. Wenn es nun vom Geiste Gottes, in dem seine heilige Güte und Liebe verstanden wird, heißt, er schwebte darüber, kann damit vielleicht gemeint sein, daß Gott seine zu schaffenden Werke nicht aus Not- wendigkeit eines Bedürfnisses, sondern vielmehr aus Über- fluß eines Wohlwollens geschaffen hat. Das hat der Apostel im Sinn, wenn er von der Liebe spricht, er wolle „den vor- züglicheren Weg weisen" (I Kor 12,31), und an einer andern Stelle: „die alle Erkenntnis übersteigende Liebe Christi" (Eph 3,19). Wenn also der Geist Gottes so verstanden werden soll, daß von einem Darüberschweben gesprochen werden kann, ist es leichter gemacht, wenn man zuerst an etwas Un- fertiges denkt, über dem ein Darüberschweben erfolgt, wo- bei man freilich nicht an einen Ort zu denken hat, sondern an eine Kraft, die alles überragt und alles übertrifft.

ACHTES KAPITEL

Der Beweis

für

die

Liebe

Gottes

zu den

Geschöpfen

ist,

daß

sie sind

und

daß

sie

bleiben.

14

So auch „sah Gott, daß es gut ist", an den Dingen, die aus ihrer Unfertigkeit zur Geformtheit und Vollendung gelangt sind; denn ihm gefiel, was geschaffen worden war, in jener Güte, mit der es ihm gefallen hatte, daß es wurde. Und zweierlei ist es, weshalb Gott seine Schöpfung liebt: damit sie ist und damit sie bleibt. Damit sie also ihr Sein zum Bleiben habe, „schwebte der Geist Gottes über dem Wasser", damit sie aber bleibe, „sah Gott, daß es gut ist". Und was hier vom Lichte gesagt ist, gilt von allen seinen Werken. Manche von ihnen bleiben in höchster Heiligkeit unter Gott, weil sie alle zeitliche Beweglichkeit überschritten haben, während andere nach den Bestimmungen ihrer Zeit bestehen,

NEUNTES

KAPITEL

indem sich ihre Schönheit aus dem Kommen und Gehen der zeitlichen Dinge zusammensetzt.

15

NEUNTES KAPITEL

Nochmals,

ob „Es werde

oder zeitlos

Licht"

ist.

gesagt

in

der

Zeit

Sprach Gott also: „Es werde Licht" an einem bestimmten Tage oder vor jedem Tag? Wenn er es nämlich mit dem ihm gleichewigen Wort ausgesprochen hat, dann hat er es jedenfalls zeitlos gesagt. Hat er es aber während einer Zeit ausgesprochen, dann war es nicht mit dem ihm glcichewigen Wort, sondern durch irgendeine der Zeit unterworfene Krea- tur. Dann wäre freilich das Licht nicht das erste Geschöpf, weil schon etwas da war, wodurch zeitlich gesagt wurde: „Es werde Licht". Der Satz: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" wird als ein Erschaffen vor jedem Tag aufgefaßt, und unter „Himmel" versteht man die geistige Schöpfung als erschaffene und geformte, eben als den Himmel jenes Himmels, der unter den Körpern das Höchste ist. Denn am zweiten Tage ist das Firmament erschaffen worden, das aber- mals den Namen Himmel bekam. Mit den Ausdrücken „un- sichtbare und ungeordnete Erde" und „finsterer Abgrund" wird schließlich die Unvollendetheit der körperlichen Sub- stanz bezeichnet, aus der alle jene zeitlichen Dinge entstan- den sind, deren erstes das Licht war.

16

Aber schwer zu verstehen ist, wie durch eine Kreatur, die Gott vor den Zeiten erschaffen haben soll, in der Zeit gesagt werden konnte: „Es werde Licht". Wir können nicht an- nehmen, daß es mit dem Ton einer Stimme gesprochen wor- den ist, denn eine Stimme, wie immer sie auch beschaffen

ERSTES

BUCH

sein mag, ist etwas Körperliches. Ob Gott etwa aus jener un- vollendeten materiellen Substanz eine körperliche Stimme gemacht hat, durch die er jenes „Es werde Licht" ertönen ließ? Dann wäre also vor dem Lichte irgendein stimmhafter Körper erschaffen und geformt worden. Aber wenn wir das annehmen, war schon eine Zeit gewesen, durch welche die Stimme lief und die Tonfolgen hintereinander vergingen. Wenn es also schon eine Zeit gegeben hat, bevor das Licht wurde, in welcher Zeit entstand dann die Stimme, durch die das „Es werde Licht" ertönte? Zu welchem Tage gehörte diese Zeit? Die Zählung beginnt mit einem Tag, und das ist auch zugleich jener erste, an dem das Licht erschaffen wurde. Ob zu diesem Tag ein ganzer Zeitraum gehörte, innerhalb des- sen sowohl der stimmhafte Körper erschaffen worden ist, durch den „Es werde Licht" ertönte, als auch das Licht selbst? Indes wird doch eine jede derartige Stimme von einem Spre- chenden in Hinsicht auf den körperhaften Sinn eines Zu- hörers hervorgebracht; so ist ja auch dieser Sinn gemacht, daß er durch die Schwingungen der Luft empfindet. Sollen wir also sagen, daß jenes Etwas, das unsichtbar und unge- ordnet war, einen solchen Gehörsinn besaß, dem sich Gott auf diese Weise zu verstehen gab, als er sprach: „Es werde Licht"? Eine solche Ungereimtheit möge keinen Platz in unserm Denken finden!

17

Dann hätten wir es also mit einer geistigen Bewegung zu tun, wenngleich sie zeitlich war, und der Ausspruch: „Es werde Licht" wäre vom ewigen Gott durch das gleichewige Wort in der geistigen Schöpfung getan worden, die er nach der Schriftstelle: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde'" bereits erschaffen hatte; mit anderen Worten: diese Be- wegung wäre im Himmel des Himmels erfolgt? Oder soll dieser Ausspruch so verstanden werden, daß er ohne einen Ton und ohne irgendeine zeitliche Bewegung der geistigen Schöpfung von dem mit dem Vater glcichewigen Worte in

ZEHNTES

KAPITEL

ihrem Verstand und ihrer Vernunft auf irgendeine Weist befestigt und gewissermaßen ihr eingeprägt worden ist, wo- raufhin jene niedrige, finstere Unvollendetheit der körper- haften Natur bewegt und in die Schönheit umgewandelt wurde und das Licht entstanden ist? \ber hier stehen wir vor einer noch viel schwierigeren Frage. Wenn der Befehl Gottes nicht der Zeit unterworfen ist und auch nicht an eine zeitlieh horchende Schöpfung ergeht, die in ihrer Betrachtung der Wahrheit alle Zeiten übersteigt, wenn ihr vielmehr von der Weisheit des unwandelbaren Got- tes selbst nur geistig erkennbare Ratschlüsse Gottes als intel- ligible Aussprüche innerlich übermittelt werden: wie können sie zu zeitlichen Bewegungen, sei es in formender oder leiten- der Weise, der zeitlichen Dinge werden? Wenn aber dem Lichte, das als erstes von allen Worten ausgesprochen wurde, damit es werde und geworden ist, der Vorrang in der Schöp- fung gebührt, dann ist es nichts andres als das geistige Leben, das so lange ungeformt flackern muß, bis es sich zum Schöp- fer hinwendet, um erleuchtet zu werden. Hat es nun seine Hinwendung vollzogen und seine Erleuchtung erhalten, dann ist zur Tat geworden, was im Worte Gottes ausgesprochen wurde: „Es werde Licht".

ZEHNTES KAPITEL

18

Der Ablauf

des einen

Tages.

Man könnte vielleicht die Frage stellen, ob die Erschaffung des Lichtes auch ohne Zeit erfolgt ist, da sie ja durch den zeitlosen Ausspruch Gottes geschah und in dem mit dem Vater gleichewigen Wort kein Zeitablauf besteht. Aber wie sollte das zu verstehen sein? Es ist gesagt, daß das Licht er- schaffen und von der Finsternis geschieden wurde, die Namen „Tag und Nacht" sind den beiden gegeben worden, und die

5 Augustinus: Genesis, I. Haml

L5

ERSTES

BUCH

Schrift sagt: Es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag (Gen 1,5). Hieraus ergibt sich scheinbar, daß dieses Werk Gottes im Laufe eines Tages vollbracht wurde, bis es zum Abend gekommen ist, der der Anfang der Nacht ist. Nach vorübergegangener Nacht nun ist der ganze Tag vollendet, und der Morgen gehört zum andern Tag, an dem Gott ent- sprechend andres verrichtete.

19

Aber hier begegnet uns etwas ganz Seltsames. Ohne Zwischen- raum der Silben hat Gott mit dem ewigen Ratschluß seines Wortes das „Es werde Licht" gesprochen: wie sollte dann das Licht einen so großen Zeitaufwand für seine Erschaffung benötigt haben, bis ein ganzer Tag vorübergegangen und der Abend gekommen war? Sollte vielleicht das Licht zwar rasch erschaffen, aber der Zeitraum eines Tages benötigt worden sein, um es von der Finsternis zu scheiden und beiden ihre unterschiedlichen Namen zu geben? Es wäre doch verwunder- lich, wenn Gott dafür etwa auch so viel Zeit gebraucht hätte, wie wir, um es auszusprechen. Ist doch die Scheidung von Licht und Finsternis jedenfalls im Werke selbst enthalten, als das Licht wurde, denn es konnte kein Licht werden, wenn es nicht von der Finsternis geschieden wurde.

20

Wenn wir indes den Fall setzen würden, Gott hätte das Be- nennen des Lichtes mit „Tag" und der Finsternis mit „Nacht" silbenmäßig mit dem Ton der Stimme vollzogen:

brauchte er hierfür nicht genau so viel wie wir, wenn wir sagen: „Das Licht soll Tag und die Finsternis Nacht heißen"? Denn es wird wohl kaum jemand so töricht sein zu glauben, daß auch noch so wenige Silben aus Gottes Mund, da Gott selbst über alles groß ist, den großen Zeitraum eines ganzen Tages in Anspruch nehmen könnten. Dieser ganzen Annahme steht entgegen, daß Gott eben nicht mit materiellem Ton der Stimme „das Licht Tag und die Finsternis Nacht"

ZEHNTES

KAPITEL

genannt hat, sondern mit dem ihm gleichewigen Wort, das heißt mit den inneren und ewigen Ratschlüssen der un- wandelbaren Weisheit. Und es bliebe noch einmal zu fragen, wenn Gott tatsächlich diese Benennung mit Worten vorge- nommen hat, wie wir sie gebrauchen: welcher Sprache hat er sich bedient? Ja, war es überhaupt nötig, tönende Worte zu verwenden, die vorübergingen, da doch kein Mensch vor- handen war, der sie hören konnte? Auf solche Fragen gibt es keine Antworten.

21

Sollte man etwa sagen, daß das Licht, wenn auch seine Er- schaffung durch Gott erfolgte, so lange ohne eine ihm nach- folgende Nacht stehen geblieben ist, bis die Zeit eines Tages vorübergegangen war, und die Nacht wieder, die dem Lichte folgte, so lange währte, bis der nächtliche Zeitraum vollendet war und es Morgen des folgenden Tages wurde, nachdem der eine und erste vorüber war? Aber wenn ich dies sage, fürchte ich, von denen ausgelacht zu werden, die über diese Dinge sehr gut Bescheid wissen, weil sich ganz leicht beobachten läßt, wie in derselben Zeit, in der bei uns Nacht ist, das Licht durch seine Gegenwart jene Teile der Welt erleuchtet, die von der Sonne von ihrem Untergang bis zu ihrem Aufgang durchmessen werden, weil während der vierundzwanzig Stunden des jeweiligen Kreislaufes der Sonne auf einer Seite Tag, auf der andern Nacht ist. Oder sollten wir Gott an einen bestimmten Ort hinstellen, wo es für ihn gerade Abend wird, weil das Licht sich von dort anderswohin zurückzieht? Im Buche „Ecclesiastes" (1,5) heißt es ja: „Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter und wird wieder zu ihrem Ort zurückgeführt", das heißt zu dem Ort, an dem sie aufge- gangen ist. Und dann heißt es weiter: „Aufgehend schreitet sie dahin nach Süden und macht die Runde nach Norden" (ebda 6). Wenn also der Süden die Sonne hat, ist für uns Tag; wenn sie sich in ihrer Drehung nach Norden gewendet hat, ist für uns Nacht. Dann ist aber in dem andern Teil

ERSTES

BUCH

durch die gegenwärtige Sonne Tag, es sei denn, wir lassen uns durch die Fantasie der Dichter bewegen zu glauben, die Sonne versänke sich ins Meer, um am Morgen auf der andern Seite ihrem Bade zu entsteigen. Und selbst wenn es so wäre, würde schon allein der Abgrund durch die Gegenwart der Sonne erleuchtet werden und es wäre dort Tag. Da müßte sie nämlich auch die Wasser beleuchten, weil sie nicht von ihnen ausgelöscht werden könnte. Eine solche Vorstellung ist zu ungeheuerlich, zumal die Sonne ja noch gar nicht vorhanden war.

22

Wenn es also ein geistiges Licht ist, das am ersten Tage er- schaffen ward, geht es dann unter, damit ihm eine Nacht folgen kann? Ist es hingegen ein körperliches Licht, was für ein Licht ist dann jenes, das wir nach Sonnenuntergang nicht sehen können, da doch damals weder Mond noch irgend- welche Sterne vorhanden waren? Wenn es aber stets in jenem Teil des Himmels ist, in dem die Sonne leuchtet, ist es den- noch nicht das Sonnenlicht, sondern gleichsam ihr Begleiter und ihr so zugesellt, daß man es von ihr nicht unterscheiden und trennen kann, und dann stehen wir vor der gleichen Schwierigkeit bei der Lösung dieser Frage. Solch ein Licht wandert, wenn es gewissermaßen der Begleiter der Sonne ist, auf dieselbe Weise wie sie rundum von Niedergang zum Auf- gang und befindet sich zu der Zeit, in der sich der Teil, in dem wir sind, in Nacht verfinstert, im andern Teil der Welt. Das würde uns, was Gott verhüte, zwingen zu glauben, Gott sei nur in dem einen Teil der Welt gewesen, den jenes Licht verlassen hat, damit es Abend werden konnte. Ob er aber vielleicht das Licht nur in jener Region erschaffen hat, in der der Mensch erschaffen werden sollte, und deshalb von der Tatsache des Abends gesprochen wird, weil sich das Licht aus dieser Region entfernte, wenn es auch in der andern Re- gion war, um von dort wieder zu entweichen, damit nach vollendetem Umlauf der neue Morgen erscheine?

ELFTES

KAPITEL

ELFTES KAPITEL

Vom

Dienst

der

Sonne,

der

der

bisherigen

Auffassung

 

neue Schwierigkeiten

bietet.

23

Warum ist dann auch noch die Sonne erschaffen worden als

sollte über

die Erde, wenn jenes Licht zur Erschaffung des Tages genügt hatte und ja auch „Tag" genannt worden ist? Beleuchtete jenes Licht früher nur die von der Erde weit entfernten höheren Regionen, so daß es auf der Erde nicht wahrgenom- men werden konnte, und deshalb eine Sonne nötig war. durch welche das Tageslicht den unteren Teilen der Welt erschiene? Man könnte auch sagen, daß der Schimmer des Tageslichtes durch die hinzutretende Sonne vermehrt worden ist, wenn man annimmt, daß der Tag unter dem Strahl jenes Lichtes nicht die heutige Helligkeit besessen hat. Ich kenne auch noch eine andre Theorie, die jemand aufgestellt hat. Nach ihr ist als erstes in das Werk des Schöpfers das Licht ein- geführt worden mit den Worten: „Es werde Licht, und es ward Licht". Nachher aber, als von den Leuchten am Himmel die Rede ist, wird uns erzählt, was aus jenem Lieht gemacht worden ist, und zwar in der Ordnung von Tagen, in der es dem Schöpfer beliebte, das Gesamte zu erschaffen. Wohin sich freilich die Substanz jenes Lichtes zurückzog, als es Abend wurde, so daß die Nacht an seine Stellt* treten konnte, hat besagter Autor nicht mitgeteilt, und ich glaube auch nicht, daß man das leicht finden könnte. Es darf nämlich nicht ge- glaubt werden, daß es ausgelöscht v» urde, um der nächt- lichen Finsternis Platz zu machen, und dann wieder an- gezündet wurde, damit es Morgen würde, bevor das durch den Dienst der Sonne geschah; ein Vorgang, der, wie die Schrift bezeugt, erst am \ierten Tage sich abzuspielen be- gonnen hat.

„Herrscherin bei Tag" (Ps 135, 8), die leuchten

ERSTES

BUCH

ZWÖLFTES KAPITEL

Eine andre Schwierigkeit bietet die Folge von drei Tagen und Nächten noch vor der Erschaffung der Sonne. Wie

die

Sammlung

der

Wasser

gemacht

wurde.

24

Schwierig zu ermitteln und zu erklären ist, was sich vor der Erscheinung der Sonne zugetragen hat. In welchem Umlauf konnten drei Tage und Nächte einander folgen, während die Substanz des zuerst erschaffenen Lichtes weiter fortbestand? Voraussetzung hierfür wäre allerdings, daß man dieses da- mals erschaffene Licht als ein körperliches versteht. Man könnte vielleicht sagen, Gott habe die Erd- und die Wasser- masse, bevor sie voneinander geschieden wurden, was als drittes Tagewerk beschrieben wird, „Finsternis" genannt wegen ihrer dichten körperlichen Substanz, durch die kein Licht zu dringen vermochte, oder wegen des allzu dunklen Schattens einer so gewaltigen Masse, wie sie notwendig war, damit aus dem einen Teil ein Körper werde, während der andre Teil zu Licht wurde. Auf der einen Seite eines Körpers, zu der die Masse des Körpers dem Lichte den Zugang ver- wehrt, ist Schatten. Wäre der Körper selbst nicht das Hinder- nis, brauchte die eine Seite das Licht nicht zu entbehren; so aber sagt man von dieser Seite des Körpers, sie liege im Schatten. Sobald dieser Schatten, den die Masse des Körpers verursacht, soviel Raum auf der Erde einnimmt, wie das Tageslicht auf der andern Seite beansprucht, nennt man ihn „Nacht". Nicht jede Finsternis ist aber Nacht. In großen Höhlen, in deren Tiefe das Licht durch die entgegenstehende Masse nicht eindringen kann, ist stets Finsternis,' denn dort ist kein Licht; der Ort als ganzer Raum entbehrt des Lichtes. Und trotzdem kann man eine solche Finsternis nicht Nacht nennen. Nacht ist nur die Finsternis, die in jenem Teil der Erde auftritt, aus dem sich das Tageslicht zurückgezogen hat. Ebenso wird auch nicht jedes Licht „Tag" genannt, denn es gibt auch ein Licht des Mondes, der Sterne, der Lampen, der

ZWÖLFTES

KAPITEL

Blitze

und

anderer

schimmernder

Dinge. Jenes

Licht

wird

allein

„Tag"

genannt,

dem eine

Nacht

vorangeht

und

eine

folgt.

25

Jenes erstmalige Licht jedoch, das die Erdenmasse von allen Seiten übergoß, es mag bewegungslos oder umherwandelnd gewesen sein, war nirgendwo imstande, der Nacht zuzulassen, ihm zu folgen, weil es selbst nirgends sich entfernte, auf daß es ihr Platz gemacht hätte. War es etwa nur auf einer Seite derart erschaffen, daß es, selbst umherwandelnd, der Nacht auf der andern Seite die gleiche Möglichkeit zum Umher- wandeln gab? Da das Wasser noch die ganze Erde bedeckte, hinderte nichts, daß durch die Anwesenheit des Lichtes die eine Seite der wässerigen und kugelförmigen Masse Tag hatte, während die andre durch die Abwesenheit des Lichtes Nacht hatte. In diesem Falle trat die Nacht seit der Abendzeit auf jener Seite die Nachfolge an, aus der das Licht auf die andre Seite abschweifte.

26

Wo sind nun die Wasser gesammelt worden, wenn sie ur- sprünglich die ganze Erde bedeckt hatten? In welchen Teil sind vor allem jene Wasser gebracht worden, die abgezogen werden mußten, damit die Erde entblößt wurde? Wenn es anderseits schon etwas Entblößtes auf der Erde gab, wo sie gesammelt wurden, mußte dieser Teil bereits trocken er- schienen sein, und der Abgrund hatte nicht das Ganze be- deckt. Wenn aber die Wasser das Ganze bedeckt hatten, wo war dann noch ein Platz übrig, wo sie gesammelt worden sind, damit die Trockenheit der Erde erschien? Wir können nicht annehmen, daß sie etwa in der Höhe vereinigt wurden, so wie das gedroschene Getreide in der Tenne zum Worfeln emporgeschleudert wird und als zusammengeballter Haufen den Platz leermacht, den es früher bedeckt hatte. Wer würde so etwas sagen, wenn er die überall gleichmäßig ausgebreite- ten Meeresgefilde sähe. Wenn sich auch Wasserwogen wie

ERSTES

BUCH

Berge erheben können, ebnen sie sich doch wieder, sobald sich das Wetter beruhigt hat. Und wenn ein Küstenstrich durch die Ebbe trockengelegt wird, muß es einen andern Raum auf der Erde geben, wo sich die Flut nähert, um schließlich wieder dorthin zurückzukehren, von wo sie aus- gegangen war. Da aber das wellenreiche Element die ganze Erde samt und sonders bedeckt hatte, wohin wich es, damit es einige Teile entblößte? Bedeckte vielleicht das Wasser die Länder in verdünnter Weise gleich einem Nebel, hat es sich dann erst durch seine Vereinigung verdichtet, um so von vielen Seiten her den Boden zu entblößen, so daß das trockene Land erscheinen konnte? Es mag auch sein, daß die Erde in ihrer Länge und Breite nachgab, sich senkte und Höhlungen entstanden, in deren Tiefen die zusammenfließenden Ge- wässer einströmten. So konnte in jenen Teilen, von wo sich die Feuchtigkeit abgesetzt hatte, trockenes Land erseheinen.

27

Dann ist die Materie schon nicht mehr ganz und gar

unge-

formt, wenn sie auch

nur als Nebel in Erscheinung

tritt.

DREIZEHNTES KAPITEL

IVann

Wasser

und

Land

erschaffen

wurden.

So darf also nun gefragt werden, wann eigentlich Gott diese sichtbaren Gestaltungen von Gewässern und Ländern in ihren Beschaffenheiten hervorgebracht hat; an keinem der sechs Tage ist das nämlich zu finden. Nehmen wir einmal an, Gott hätte sie vor jedem Tag erschaffen, so wie es vor der Erwäh- nung jener ersten Tage heißt: „Im Anfang schuf Gott Him- mel und Erde". Dann hätten wir uns unter dem Wort „Erde" eine bereits geformte irdische Gestaltung vorzustellen mit den darüber sich ergossen habenden Gewässern, und das Ganze wäre als sichtbare Erscheinung in seiner Art erklärt.

VIERZEHNTES

KAPITEL

In diesem Falle müßten wir aus den weiteren Worten der Schrift: „Die Erde aber war unsichtbar und ungeordnet, und Finsternis war über dem Abgrund; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern" keine Ungeformtheit der Ma- terie annehmen, sondern Erde und Wasser bereits ausgestat- tet mit ihren allbekannten Eigenschaften, nur ohne Licht, da* ja noch nicht erschaffen war. Daß die Erde unsichtbar ge- nannt wird, hätten wir dann so zu erklären, daß sie, weil sie von Wasser ganz bedeckt war, nicht gesehen werden konnte, wenn etwa jemand da gewesen wäre, der sehen konnte. Ungeordnet aber wäre sie in diesem Falle deshalb genannt worden, weil sie noch nicht vom Meer unterschieden war, noch nicht umzingelt von Küsten, noch nicht im Schmucke ihrer Früchte und Lebewesen stand. Wenn das wirklich so wäre, warum sind dann diese Gestaltungen, die zweifellos körperlich sind, vor jedem Tag erschaffen worden ? Warum steht dann nicht geschrieben: Gott sprach: Es werde die Erde; und es ward die Erde ? Und ebenso: Gott sprach:

Es werde das Wasser; und es ward das Wasser? Oder, wenn wie durch ein einziges Gesetz die beiden unendlichen Räume in eines zusammengefaßt waren: warum sagt dann nicht die Schrift: Gott sprach: Es werde Erde und Wasser; und so ge- schah es?

VIERZEHNTES KAPITEL

Warum

heißt

Die ungeformte

es hier,

nachdem

Materie.

das erschaffen

war,

nicht:

Gott sah, daß es gut ist?

28

Wenn w ir uns das überlegen, erscheint es uns selbstverständ- lich, daß alles Veränderliche erst einmal aus irgendeiner Ungeformtheit zur Form gebracht wird. Dasselbe erklärt

ERSTES

BUCH

auch der katholische Glaube, und die Vernunft lehrt es auf die sicherste Weise, daß keinerlei Materie existieren könnte, wenn sie nicht von Gott, dem Schöpfer und Beginner aller geformten und noch zu formenden Dinge, käme. Diese Materie ist es, welche die Schriftstelle meint, wenn sie zu Gott spricht: „Der du erschaffen die Welt aus ungeformtem Stoff" (Weish 11,18). Und so erkennen wir sie auch in jenen Worten, die für geistig weniger regsame Leser oder Hörer bestimmt sind, wenn es noch vor der Aufzählung der Tage heißt: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" und so weiter, bis: „Und Gott sprach". Daran schließt sich die ge- ordnete Aufzählung der geformten Dinge.

FÜNFZEHNTES

KAPITEL

 

Die Materie

geht

der

Form

nur

dem

Ursprung,

nicht

aber

der

Zeit

nach

voraus.

29

Nicht daß wir glauben sollen, die ungeformte Materie sei der Zeit nach früher entstanden als die geformten Dinge:

beides ist zugleich erschaffen, sowohl das, woraus, als auch das, was gemacht worden ist. So wie die Stimme die Materie der Worte ist, die Worte aber die geformte Stimme deutlich werden lassen, wobei der Sprecher nicht vorher eine unge- formte Stimme hören läßt, die er dann später erst sammeln und zu Worten formen könnte: auf gleiche Weise schuf auch der Sehöpfer-Gott nicht in früherer Zeit die formlose Ma- terie und formte sie nachher gewissermaßen mit einem zwei- ten Ratschluß mittels einer den verschiedenen Naturen an- gepaßten Reihenfolge, sondern die Schrift mußte in der Weise ihrer Erzählung nach Zeiten teilen, was Gott in der Weise seines Erschaffens nicht geteilt hat. Das lag darin be- gründet, daß jenes, aus dem etwas wird, zwar nicht der Zeit nach, aber in gewissem Sinne dem Ursprung nach früher ist

FÜNFZEHNTES

KAPITEL

als das, was daraus wird. Stellt man zum Beispiel die Frage, ob wir die Stimme aus Worten machen oder die Worte aus der Stimme, wird wohl kaum jemand mit der richtigen Ant- wort zögern, daß selbstverständlich die Worte aus der Stimme gemacht werden. Und doch „produziert" der Spre- cher beides zugleich, was sich der natürlichen Beobachtung unschwer kundgibt. Wenn nun Gott beides zugleich er- schaffen hat, sowohl die Materie, die er geformt hat, als auch die Dinge, zu denen er sie formte, und von der Schrift beides gesagt werden sollte, aber doch nicht zugleich auch gesagt werden konnte: mußte da nicht zweifellos zuerst ein- mal von dem die Rede sein, aus dem etwas gemacht worden ist, und hierauf von jenem, das daraus wurde? Auch wenn wir „Materie und Form" sagen, sind wir uns über die gleich- zeitige Existenz beider klar und können trotzdem nicht beides zugleich aussprechen. Und was für so einen kurzen Ausspruch gilt, wenn wir diese zwei Worte sagen, daß wir nämlich eines nach dem andern aussprechen müssen, das gilt auch für die wesentlich länger ausgedehnte Erzählung, in der das eine vor dem andern berichtet werden muß. Obwohl also Gott, wie gesagt, beides zugleich erschuf, mußte doch das. was nur dem Ursprung nach bei der Erschaffung früher war. bei der Erzählung auch der Zeit nach früher an die Reihe kommen, weil eben zwei Dinge, von denen keines früher ist. nicht zu gleicher Zeit genannt, um wieviel weniger zugleich erzählt werden können. Es kann also keinem Zweifel unter- liegen, daß jene ungeformte Materie, mag sie auch fast als ein Nichts angesehen werden, nur von Gott gemacht und zu- gleich mit den Dingen, die aus ihr geformt sind, zusammen erschaffen worden ist.

30

Wir wollen nun annehmen, daß diese ungeformte Materie mit den Worten bezeichnet wird: „Die Erde aber war un- sichtbar und ungeordnet, und Finsternis war über dem Ab- grund; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser" (Gen 1,2). Wenn wir von der Erwähnung des Geistes Gottes

ERSTES

BUCH

absehen, bezieht sich der ganze Satz zwar auf die sichtbare Schöpfung, stellt aber, um auch von Einfältigeren ver- standen zu werden, ihre Ungeformtheit in den Vordergrund. Erde und Wasser erscheinen als Elemente brauchbarer in den Händen eines Herstellers als die anderen, um etwas aus ihnen zu machen. Auf diese Weise wurde das Wesentliche, nämlich die Ungeformtheit der Materie, am passendsten mit diesen zwei Worten ausgedrückt.

SECHZEHNTES KAPITEL

Der Versuch,

Tag und Nacht

mit Aussenden

und

Zurück-

ziehen

des Lichtes

zu erklären,

wird

nicht

gebilligt.

Wenn diese Annahme als Erklärung standhält, dann war es keinerlei geformte Masse, die das Licht von der einen Seite her beleuchten konnte, während es die andre Seite in Finster- nis versetzte, indem eine Nacht einem scheidenden Tag fol- gen konnte.

31

Anderseits gibt es keinen rechten Grund, Tag und Nacht als eine Aussendung und Rücknahme jenes Lichtes zu verstehen. Wozu sollte das geschehen? Es gab ja noch keine Lebewesen, denen ein solcher Wechsel von Licht und Finsternis jenes heilsame Geschenk bedeutet hätte, wie wir es bald hernach durch den Umlauf der aufgetretenen Sonne gewährt sehen. Auch begegnet uns kein analoges Beispiel, durch das wir eine solche Aussendung und Rücknahme des Lichtes als den Wechsel von Tag und Nacht anerkennen könnten. Der Seh- vorgang ist ein Strahlenwurf aus unseren Augen und ist aller- dings der Wurf eines bestimmten Lichtes, der auf dem uns zunächst umgebenden Dunstkreis beschränkt werden kann oder ausgeschickt wird in gerader Richtung auf etwas ent- fernter Gelegenes. Wird er beschränkt, hört er allerdings

SIEBZEHNTES

KAPITEL

nicht auf, Entferntes zu erkennen, wird aber jedenfalls un- deutlicher, als wenn der Blick direkt hingewandt wird. Nichtsdestoweniger ist dieses Licht, das sich im Sehorgan be- findet, nach der Theorie, die uns gelehrt wird, so spärlich, daß wir, wenn wir nicht durch ein von außen kommendes Licht unterstützt werden, nichts sehen können. Das eine kann aber vom andern nicht unterschieden werden, und darum ist es schwierig, wie ich schon sagte, ein analoges Beispiel zu finden, mit dem die Aussendung des Lichtes zur Schaffung des Tages und seine Rücknahme zur Schaffung der Nacht be- wiesen werden könnte.

SIEBZEHNTES KAPITEL

Die Schwierigkeit,

sich

in

einem

geistigen

Licht

Abend

und

Morgen

und

eine

Scheidung

von

der

Finsternis

vorzustellen.

32

Wenn es sich aber um die Erschaffung eines geistigen Lichtes gehandelt hat, als Gott sprach: „Es werde Licht", ist dar- unter nicht das wahre, mit dem Vater gleichewige Licht zu verstehen, durch das alles gemacht worden ist und das jeden Menschen erleuchtet, sondern jenes Licht, von dem die Schrift sagen konnte: „Vor allem andern ist die Weisheit erschaffen worden" (Sir 1,4). Da die ewige und unwandel- bare Weisheit, die nicht erschaffen, sondern gezeugt wurde, in die geistigen und vernünftigen Geschöpfe eindringt, so wie sie in die heiligen Seelen übergeht (Weish 7,27), wodurch sie erleuchtet leuchten können, entsteht in ihnen eine gewisse Regung strahlender Vernunft. Und diese könnte als das durch das Wort Gottes: „Es werde Licht" erschaffene Licht angenommen werden. Allerdings nur unter der Vor- aussetzung, daß bereits eine geistige Kreatur da war. Das

ERSTES

BUCH

wäre der Fall, wenn diese Kreatur mit dem Namen „Him- mel" bezeichnet würde in der Stelle: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde"; wenn hier eben nicht der körperhafte Himmel, sondern der immaterielle Himmel des materiellen Himmels gemeint wäre, der über jeden Körper durch die Erhabenheit seiner Natur, nicht aber im Sinne einer räum- lichen Stufung hinausragt. Wie beides zu gleicher Zeit ent- stehen konnte, das, was erleuchtet wurde, und die Erleuch- tung selbst, und warum bei der Erzählung ein Hintereinander eintreten mußte, habe ich schon erklärt, als ich über die Materie sprach.

33

Wie sollen wir aber verstehen, daß diesem Lichte die Nacht folgte, so daß es Abend ward? Was war das für eine Finster- nis, von der ein solches Licht geschieden werden konnte, wie es in der Schrift heißt: Und Gott schied zwischen Licht und Finsternis (Gen 1, 4) ? Es gab doch noch keine Sünder und Toren, Abgefallene vom Lichte der Wahrheit, zwischen denen und den im Lichte Verbliebenen Gott gleichsam wie zwischen Licht und Finsternis geschieden hätte, um so das Licht „Tag" und die Finsternis „Nacht" zu nennen und sich zu offenbaren, nicht als der Bewirker der Sünden, sondern als der Ordner, der nach Verdienst zuteilt. Vielleicht ist mit diesem Tag die ganze Zeit gemeint, und alle wechselbaren Windungen der Zeitalter sind in diesem einen Wort inbe- griffen, und er wird deshalb nicht „der erste", sondern „ein" Tag genannt, wie die Schrift es sagt: Und es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag (Gen 1, 5). So gesehen, schiene die Erschaffung des Abends die Sünde der vernünftigen Kre- atur zu bedeuten, und die Erschaffung des Morgens ihre Er- neuerung.

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Indes ist das ein Auslegungsversuch prophetischer Allegorie, wie ich ihn in dieser Abhandlung nicht beabsichtigt habt;.

SIEBZEHNTES

KAPITEL

Denn unser Vorhaben zielt auf die Bedeutung der in der Schrift enthaltenen tatsächlichen Geschehnisse und nicht auf die Rätsel der Zukunft, die darin vorgebildet sein mögen. Wie finden wir also im Zusammenhang mit der Er- schaffung und Gründung der Naturen eine Erklärung von Abend und Morgen im geistigen Licht? Ist die Einteilung von Licht und Finsternis die Unterscheidung zwischen be- reits Geformtem und Ungeformtem, die Benennung von Tag und Nacht aber der Hinweis auf eine Verteilung, durch den bezeichnet werden soll, daß Gott nichts ungeordnet zurück- läßt, und daß die Ungeformtheit als solche, durch welche die Dinge von einer Gestalt in die andre in einer Art Übergang verwandelt werden, nicht ungeplant ist? Ist denn Abnahme und Zunahme in der Schöpfung, die einander in einer ge- wissen Zeitlichkeit folgen, nicht ein Beitrag zu der Schönheit des Alls? Die Nacht ist eben die geordnete Finsternis.

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Gleich nachdem das Licht erschaffen war, heißt es: Gott sah, daß das Licht gut ist (Gen 1, 4). Eigentlich hätte das erst nach all den Werken desselben Tages gesagt werden können, so daß die Reihenfolge gewesen wäre: Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht, und Gott schied das Licht von der Finsternis, und Gott nannte das Licht „Tag" und die Fin- sternis „Nacht", damit es dann heißen konnte: Und Gott sah, daß es gut ist, und hinzugefügt wurde: Und es ward Abend und es ward Morgen, so wie das bei den anderen Werken auch gesagt wird, denen Namen gegeben werden. Hier hat Moses es nicht so gemacht, und zwar deshalb, weil damit die Unterscheidung zwischen der geformten Sache und jener Un- geformtheit gewahrt bleiben sollte, die kein Endzustand war, sondern die noch ihre Formung zu erwarten hatte durch die übrigen Kreaturen, die schon körperlich waren. Hätte es erst nach der Scheidung, Einteilung und Benennung geheißen:

Gott sah, daß es gut ist, müßten wir annehmen, daß alles schon erschaffen gewesen sei und nichts mehr in seiner Art

ERSTES

BUCH

ihm hinzuzufügen war. Gott hatte aber nur das Licht allein so vollendet, daß geschrieben werden konnte: „Gott sah, daß es gut ist", und er schied es durch Einteilung und unterschied es mit dem Namen von der Finsternis. Dazu sagt die Schrift nicht: Gott sah, daß es gut ist, denn hiervon war die Un- geformtheit abgesondert, weil von da an erst alles andre ge- formt werden sollte. Erst als die Nacht, wie wir sie kennen — macht sie doch der Umlauf der Sonne über den Ländern —, durch die Verteilung der Himmelsleuchten vom Tag getrennt wird, heißt es nach dieser Trennung von Tag und Nacht:

„Gott sah, daß es gut ist". Diese Nacht war keine ungeformte Substanz, aus der nun andres geformt werden sollte, sondern sie war ein mit Luft erfüllter Raum, der das Tageslicht ent- behrte. Dieser Nacht wäre kaum mehr etwas hinzuzufügen gewesen, wodurch sie auf ihre Art schöner oder besonders geworden wäre. Der Abend endlich, den es während all der drei Tage noch vor der Erschaffung der Himmelsleuchten gegeben hat, kann vielleicht mit einer gewissen Berechtigung als Grenze des vollendeten Werkes, der Morgen hingegen als Hinweis auf das künftige Wirken verstanden werden.

ACHTZEHNTES KAPITEL

Wie

Gott

arbeitet.

36

Aber vor allem wollen wir uns erinnern, daß Gott, was ich schon mehrfach angedeutet habe, nicht mit zeitlich meßbaren Bewegungen seines Geistes oder Leibes wirkt, so wie ein Mensch oder ein Engel wirkt, sondern mit den ewigen, dauernden und unveränderlichen Ratschlüssen seines ihm gleichewigen Wortes. Er arbeitet, wenn ich so sagen darf, gewissermaßen mit der ausbrütenden Wärme seines ihm ebenfalls gleichewigen Heiligen Geistes. Die Aiisdrurksweise

ACHTZEHNTES

KAPITEL

über den Geist Gottes, wie wir sie in griechischer und lateini- scher Sprache übernommen haben, daß er „über den Ge- wässern schwebte", hat im Syrischen, das dem Hebräischen verwandt ist, einen andern Sinn. Ein christlicher Gelehrter aus Syrien hat darauf hingewiesen, daß es sich hier nicht so sehr um ein „Schweben" handelt, sondern daß man sich dar- unter eher ein „Warmhalten" vorstellen muß. Nur ist damit nicht eine Behandlung gemeint, wie man sie bei einer Ge- sehwulst oder Wunde am Körper vornimmt, die durch kalte oder warme Umschläge eine entsprechende Erwärmung er- zeugt, sondern die Brutwärmc, mit der die Vogelmutter ihre Eier brütet und den zu formenden Küken durch eine gewisse Regung einer ihrer Art entsprechenden Liebe Beistand leistet mit der Wärme ihres eigenen Körpers. So müssen wir der fleischlichen Vorstellung entsagen, daß die Aussprüche Got- tes zeitlich durch die einzelnen Tage der göttlichen Werke bestimmt sind. Denn die Weisheit Gottes selbst, die unsre Schwäche auf sich genommen hat, ist gekommen, um die Kinder Jerusalems unter ihre Fittiche zu sammeln, wie die Henne ihre Küken (Mt23,37), nicht damit wir in allem und jedem kleine Kinder bleiben, sondern nur in der Bosheit, im Geist aber aufhören, Kinder zu sein (I Kor 14, 20).

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Wir lesen in der Heiligen Schrift von so manchen dunklen, unseren Augen allzuweit entfernten Dingen, über die wir auch in dem gesunden Glauben, in den wir eingeweiht sind, verschiedene Meinungen haben dürfen. Aber in keine von ihnen sollen wir uns kopfüber so hineinstürzen, daß wir gleich am Sinn der göttlichen Schrift verzweifeln, sobald unsre Meinung vielleicht durch eine sorgfältige Untersuchung in Wahrheit umgestoßen wird. Unser ringendes Streben soll nicht dahin gehen, daß wir wollen, die Schrift sei so verfaßt, wie es unsrer Meinung nach sein soll, sondern, daß wir unsre Meinung so uns bilden können, wie sie in der Schrift enthalten ist.

ERSTES

BUCH

NEUNZEHNTES KAPITEL

Bei

dunklen

Stellen

in

der

Schrift

soll

nichts

von

ungefähr

behauptet

werden.

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Nehmen wir den Fall an, der eine verstehe unter der Schrift- stelle: „Gott sprach: Es werde Licht" die Erschaffung eines körperlichen Lichtes und der andre die eines geistigen. Unser Glaube setzt keinen Zweifel darein, daß es in der geistigen Schöpfung auch ein geistiges Licht gibt. Daß es aber auch ein himmlisches körperliches Licht geben kann, sei es über oder auch vor dem Himmel, dem eine Nacht hinterdrein folgen könnte: das widerspricht so lange nicht dem Glauben, bis es durch eine ganz sichere Wahrheit zurückzuweisen ist. Würde dieser Fall eintreten, dann läge das nicht an der göttlichen Schrift, sondern lediglich an der menschlichen Unwissenheit. Gibt aber die sichere Vernunft den Beweis, daß es wahr ist, wird es immer noch unsicher bleiben, ob der Verfasser der heiligen Bücher mit diesen Worten diesen Sinn gemeint hat oder nicht doch etwas andres, nicht weniger Wahres sagen wollte. Wenn nun aus dem ganzen Zusammenhang hervor- geht, daß der Verfasser diese Meinung nicht hatte, braucht deshalb die andre, wie er sie verstanden wissen wollte, nicht falsch zu sein. Vielmehr wird sie die wahre sein und um so nützlicher anzuerkennen. Ergibt sich indes aus dem Zusam- menhang der Schrift kein Gegenargument, daß der Verfasser tatsächlich so verstanden werden wollte, bleibt immer noch die Frage, ob er nicht außerdem auch etwas andres meinen konnte. Finden wir, daß er auch etwas andres meinen konnte, wird es unsicher bleiben, welche der beiden Meinungen die seine war, und wir werden getrost glauben können, daß er beide Meinungen zulassen wollte, wenn die übrigen Umstände sie bekräftigen sollten.

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Oft genug kommt es vor, daß auch ein Nichtchrist ein ganz sicheres Wissen durch Vernunft und Erfahrung erworben

NEUNZEHNTES