Sie sind auf Seite 1von 19
 

Ratio

und

Überlieferung

 

in

der

Erkenntnislehre

 
 

al-As'ari's

und

al-Mäturidi's

 

Von

Ulrich

Rudolph,

Göttingen

 

I.

 

AS'ari

und

Mäturidi

sind

als

jene

islamischen

Theologen

 

bekaimt

geworden,

 

die

den

sunnitischen

Kaläm,

wenn

nicht

begründet,

so

doch

in

wesentlichen

Zügen

geprägt

haben.

Deswegen

werden

sie

geme

mit

einer

übereinstimmenden

Formel

charakterisiert,

in

der

die

Gmndele-

mente

der

sunnitischen

Theologie

musterhaft

hervorgehoben

sind.

Beide,

so

heißt

es

nämlich,

hätten

einerseits

mit

den

Traditionalisten

gemeinsam,

daß

sie

neben

dem

Koran

auch

die

prophetische

Überliefe¬

mng

ohne

Einschränkung

anerkannten,

und

beiden

soll

es

andererseits

gelungen

sein,

das

daraus

abgeleitete

Credo

— wie

die

Mu'tazila

— mit

den

Mitteln

der

rationalen

Argumentation

zu

verteidigen.'

 

Mit

dieser

Beschreibung

indessen,

so

bündig

 

und

gleichsam

definito¬

risch

sie

auch

sein

mag,

wird

jedoch

zunächst

nur

ihr

historischer

 

Standort

näher

bezeichnet

und

von

der

Haltung

anderer

theologischer

Richtungen

abgegrenzt.

Ihr

besonderer

methodischer

 

Ansatz

hingegen,

der

eine

solche

Stellung

ja

erst

ermöglicht

hat,

ist

damit

noch

nicht

erklärt.

 

Denn

wie

hat

man

sich

eigentlich

das

Verhältnis

von

Überliefe¬

mng

und

rationaler

Spekulation

genau

vorzustellen,

 

wenn

der

Verstand

in

der

Lage

sein

soll,

die

geoffenbarten

Wahrheiten

zu

begründen

 

und

zu

verteidigen?

Ist

damit

vielleicht

gemeint,

die

Überliefemng

selbst

sei

so

rational,

 

daß

sie

durch

Verstandesargumente

 

durchleuchtet,

 

ja

ersetzt

werden

könne?

Oder

zeigt

uns

die

Spekulation

nur

ihre

eigenen

'

Diese

Charakterisierung

ist

seit

langem

selbstverständlich

und

wurde

 

schon

in

den

einschlägigen

 

Artikeln

der

EI'

vorausgesetzt

 

(K.

V.

Zetterstäen:

al-Ash'ari;

D.

B.

MacDonald:

Mäturidi).

Klassisch

 

formuliert

wird

sie

bei

Gar-

det-Anawati:

Introduction,

S.

54

u.

60.

Zum

grundsätzhchen

Problem

des

Konfliktes

 

zwischen

Überlieferung

 

und

rationaler

Spekulation

und

seiner

allgemeinen

Situierung

in

der

Geschichte

der

islamischen

Theologie

vgl.

ebenfalls

Gardet-Anawati:

 

Introdu.ction,

S.

349ff.

u.

374

IT.

und

van

Ess:

Erkenntnislehre,

S.

12

ff.

 

Ratio

und

Überlieferung

in

der

Erkenntnislehre

 

73

Grenzen

 

und

macht

damit

den

Weg

zu

der

Einsicht

frei,

wie

sehr

wir

auf

die

unerforschliche

Überlieferung

angewiesen

 

sind?

Die

Fragen

ließen

sich

ohne

weiteres

vermehren,

und

sie

demonstrie¬

 

ren

hinlänglich,

wie

prekär

die

vermittelnde

 

Position

gewesen

 

sein

muß,

die

nicht

 

nur

von

den

beiden

genannten,

 

sondem

von

allen

sunnitischen

 

mutakallimün

eingenommen

worden

ist.

Und

in

der

Tat

trafen

sie

ja

auf

Anfeindungen

genug,

sowohl

von

Seiten

 

der

Traditionalisten,

 

für

die

das

überlieferte

Wissen

nicht

erklämngsbedürftig

 

war,

als

auch

von

Seiten

 

der

Mu'tazila,

die

darin

eine

Beeinträchtigung

der

rationalen

Spekulation

gesehen

hat.

hides:

Die

Theologen

 

der

Sunna

sind

solchen

Herausfordemngen

nicht

ausgewichen,

 

sondern

haben

gedankliche

 

Modelle

 

entwiekelt,

mit

deren

Hilfe

eine

präzise

Bestimmung

 

des

Ver¬

hältnisses

 

von

Ratio

und

Überlieferung

 

möglich

 

geworden

ist.

Zwei

die¬

ser

Modelle,

nämlich

die

Überlegungen

Aä'ari's

und

Mäturidi's,

 

sollen

im

folgenden

 

stellvertretend

zusammengefaßt

und

nebeneinander

 

gestellt

 

werden.

Dabei

bringt

es

der

unterschiedliche

Stand

unserer

Kenntnisse

 

mit

sich,

daß

die

Darstellung

 

nicht

völlig

symmetrisch

 

auf¬

gebaut

 

sein

kann.

Zu

Aä'ari

liegen

inzwischen

 

einige

Spezialuntersu¬

chungen

vor,

so

daß

es

in

seinem

Fall

genügt,

die

Quintessenz

 

seines

Standpunktes

zu

resümieren.

Mäturidi's

Theologie

dagegen

liegt

weit¬

gehend

 

im

Dunkeln

und

wird

deshalb

vergleichsweise

ausführlich

zur

Sprache

kommen

müssen.

 

n.

 

Aä'ari's

 

Vorstellungen

sind

uns

vor

allem

durch

zwei

Textstellen

 

bekannt,

 

in

denen

die

methodischen

Gmndlagen

seiner

Theologie

genauer

 

dargelegt

werden.

Die

erste

entstammt

 

seinem

„Schreiben

an

die

Bewohner

der

Grenze"

(Risälat

ilä

 

ahi

at-tagr)

, einer

kurzen

Zusam¬

menfassung

 

der

Prinzipien

der

Religion,

die

uns

in

einem

Istanbuler

 

Dmck

 

schon

seit

langem

zugänglich

ist^

;

die

zweite

verdanken

 

wir

dem

erst

kürzlich

edierten

Mubarrad

maqälät

al-AS'ari

des

Ibn

Fürak,

dem

Werk

eines

Enkelschülers,

durch

das

sich

unsere

Kenntnis

der

Lehren

 

^

Edition

des

Textes

in:

Ilähiyat

Fakültesi

Mecmuasi

(Istanbul)

8

(1928)

80-

108;

die

Neuedition

von

Muhammad

 

as-Saiyid

 

al-Öulainid,

Kairo

1987

(u.d.T.:

Ui^ül

ahi

as-sunna

wa-l-^amä'a

al-musammät

bi-risälat

aht

at-tagr)

war

mir

leider

nicht

zugänglich.

Zur

Authentizität

 

der

Risäla

vgl.

Allard:

Attributs,

S.

53-58

und

Gimaret:

Bibliographie,

S.

270-276.

 

Sie

ist

vermuthch

 

eines

der

ersten

Werke,

die

AS'ari

nach

seiner

Konversion

 

verfaßt

hat:

vgl.

Frank:

Al-

Ash'ari's

 

al-Ifathth,

S.

124

Anm.

5.

74

Ulrich

Rudolph

des

Meisters

beträchtlich

erweitert

und

verfeinert

hat*.

Beide

Passagen

 

sind,

wie

sich

zeigen

wird,

nicht

immer

übereinstimmend,

sondem

 

wei¬

sen

Differenzen

auf,

die

gerade

im

Hinblick

auf

unsere

Fragestellung

 

nicht

ohne

Bedeutung

sind.

 

In

seinem

„Schreiben

an

die

Bewohner

der

Grenze"

war

AS'ari

von

der

religiösen

Unterweisung

ausgegangen,

die

der

Prophet

selbst

am

Anfang

seiner

Sendung

den

Menschen

gegeben

hatte.

Mohammed,

 

so

fiihrt

er

aus,

habe

sich

einer

Vielzahl

von

Sekten

und

Religionen

gegen¬

über

gesehen,

deren

Zerstrittenheit

er

dadurch

überwand,

daß

er

sie

alle

mit

der

einen

Wahrheit

konfrontierte.

Dies

geschah

durch

die

Ver¬

kündung

der

neuen

Botschaft,

die

sich

in

vier

aufeinander

folgenden

Schritten

vollzogt.

Als

erstes

lemten

die

Menschen

erkennen,

 

daß

die

Welt

und

all

ihre

Bewohner

nicht

von

Ewigkeit

her

existierten,

sondem

in

der

Zeit

geschaffen

seien;

im

zweiten

Schritt

dann,

daß

dies

alles

nur

das

Werk

eines

einzigen

Schöpfers

sein

könne;

drittens,

daß

Moham¬

med

wahrhaftig

dessen

 

Gesandter

sei;

und

schließlich,

daß

sie

nun

alles

befolgen

müßten,

was

der

Gesandte

Gottes

ihnen

über

den

Glauben

 

und

über

ihre

religiösen

 

Pflichten

mitzuteilen

hatte^.

Die

prophetische

Botschaft

war

somit

logisch

aufgebaut

und

konnte

auch

zeitlich

nur

in

der

von

AS'ari

beschriebenen

Sequenz

erfolgen.

Aber

sie

war

deswegen

 

noch

nicht

in

ihrer

methodischen

Gmndlage

 

uni¬

form.

Denn

was

der

Prophet

den

Menschen

vortmg,

begründete

er

je

nach

dem

sachlichen

 

Zusammenhang

auf

unterschiedliche

Weise.

Die

beiden

ersten

Wahrheiten

— daß

alles

geschaffen

sei

und

nur

von

einem

Sehöpfer

stamme

erklärte

Mohammed,

indem

er

sich

ausschließlich

 

auf

rationale

Argumente

 

berief.

Ab

dem

dritten

Sehritt

hingegen

 

war

es

'

Edition

durch

Gimaret,

Beirut

1987.

Gimaret

hatte

schon

1985

in

Ara¬

bica

auf

die

grundlegende

 

Bedeutung

dieses

Textes

aufmerksam

gemacht

(Un

document

majeur).

Inzwischen

ist

aus

seiner

Hand

eine

umfassende

Studie

der

Lehren

al-AS'ari's

erschienen

(Doetrine.

Paris

1990),

die

sich

ganz

wesentlich

auf

den

Mugarrad

stützt.

Dort

fuhrt

er

auch

den

Nachweis

(S.

17

fr.),

daß

Ihn

Fürak

Aä'ari's

Vorstellungen

zuverlässig

\\ ic^dcrgegcben

hat.

 
 

*

Risäla

Sl,

1511'.

Der

methodische

Ansatz

der

Risäla

ist

bereits

von

Frank:

Al-AS'ari's

conception,

 

untersucht

worden,

dessen

eingehender

Analyse

ich

mich

im

folgenden

anschließe.

 

Vgl.

daneben

Ghoraba:

Al-Ash'ari's

Method,

der

sich

jedoch

auf

eine

Darstellung

der

bekannten

Äiiärn-Verteidigung

in

der

Risälat

Istihsän

al-haud

fi

'ilm

al-kaläm

(jetzt

neu

ediert

von

Frank

u.d.T.

: Kitäb

al-

IJall

'alä

l-baht)

beschränkt.

 

^

Risäla

81,

20-82,

1;

vgl.

87,

17-20

u.

88,

12-89,

11.

"

Schon

das

Vokabular,

mit

dem

Aä'ari

die

ersten

Teile

der

prophetischen

 

Unterweisung

charakterisiert,

weist

eindeutig

auf

deren

rationale

Begründung

hin,

wie

Frank:

Al-AS'ari's

conception,

S.

138

gezeigt

hat.

Die

Argumente

des

 

Ratio

und

Überlieferung

in

der

Erkenntnislebre

 

75

ein

Kennzeichen

seiner

Botschaft,

von

der

Ratio

unabhängig

zu

sein.

Denn

daß

Mohammed

wahrhaftig

Prophet

sei,

erfuhr

man

dureh

die

ihn

bestätigenden

Zeichen

und

Wunder,

und

daß

man

schließlich

seinen

Anweisungen

und

Verboten

in

der

Religion

zu

folgen

hatte,

ergab

sich

schlicht

und

einfach

aus

seiner

Autorität'

. Jetzt

nämlich,

bei

dieser

letz¬

ten

Stufe

der

Belehrung

angekommen,

hatten

die

Menschen

ja

bereits

eingesehen,

daß

Mohammed

als

Gottesgesandter

zu

ihnen

geschickt

worden

war.

Also

war

es

nicht

mehr

nötig,

Fragen

der

Ethik

und

des

religiösen

Gesetzes

mit

dem

Verstand

zu

überdenken.

Man

folgte

dem,

was

der

Prophet

verkündete,

denn

es

war

richtig,

weil

es

 

aus

dem

Munde

des

Propheten

kam.

Aus

dieser

 

ursprünglichen

Unterweisung

Mohammeds,

die

Aä'ari

als

Modell

fiir

jede

spätere

Theologie

verstanden

haben

will,

ergibt

sich

demnach,

daß

der

Verstand

nur

sehr

beschränkt

 

in

der

Religion

dienlich

sein

kann.

Fragen

der

Ethik

und

des

Gesetzes,

ja

der

religiösen

 

Praxis

überhaupt,

 

sind

von

ihm

gar

nicht

zu

beantworten,

weil

hier

allein

zählt,

was

der

Gesandte

Gottes

den

Menschen

mitgeteilt

hat.

Nur

im

engeren

Bereich

der

Theologie

begegnen

wir

noeh

der

Spekulation,

also

stets

dann,

wenn

Grundsatzprobleme

wie

die

Existenz

Gottes

und

die

Geschaffenheit

 

der

Welt

zu

erörtem

sind.

Denn

bei

diesen

Fragen,

die

in

den

beiden

ersten

Abschnitten

seiner

Botschaft

behandelt

 

werden,

hatte

ja

auch

der

Prophet

ausschließlich

rational

 

argumentiert,

so

daß

der

Mensch

aufgefordert

ist,

seine

Argumente

aufzugreifen

und

selb¬

ständig

denkend

naehzuvollziehen*.

 

Dennoch

 

bleibt

hier

ebenfalls

ein

Vorbehalt

bestehen,

der

von

prinzi¬

pieller

Wichtigkeit

ist

und

den

Aä'ari

in

der

gesamten

Risäla

nicht

auf¬

hebt:

Auch

die

rationalen

Argiunente

für

die

Zeitlichkeit

der

Welt

und

die

Einzigkeit

des

Schöpfers

haben

die

Menschen

keineswegs

 

selbst

ersonnen,

 

sondem

nur

aus

dem

Munde

ihres

Propheten

gehört.

Ohne

diese

überlieferte

Offenbamng

wüßten

sie

folglich

nichts

von

ihnen,

und

das

fiihrt

zu

der

eindeutigen

Konsequenz,

daß

der

Mensch

allein

mit

Propheten

 

ließen

laut

AS'ari

keinen

Zweifel

zu

(Risäla

88,

3f

),

schlössen

jedes

Gegenargument

aus

(86,

15-17)

und

bedurften

keiner

Ergänzung

(86,

17

f

u.

88,

5).

'

Für

die

bestätigenden

Wunder

vgl.

81

ult.

; 86,2

ff.

; 89,

6-8,

für

die

Autorität

des

Prophetenwortes

89,

8-11.

*

Daraus

ergibt

sich

für

Aä'ari

nicht

nur

die

Ablehnung

des

taqlid

(z.

B.

Risäla

88,

11

f

und

al-ffatt

2.

332),

sondern

auch

die

Verpflichtung

jedes

einzelnen

zu

einem

Mindestmaß

an

Spekulation

(Gimaret:

Doetrine,

S.

215

ff.).

76

Ulrich

Rudolph

 

dem

Verstand

und

ohne

die

Überheferung

 

seinen

Gott

und

seine

eigene

Geschöpflichkeit

nicht

erkennen

kann*.

 

Dieses

Bild

wird

indessen

deutlich

nuanciert,

wenn

man

zum

Ver¬

gleich

die

Aussagen

heranzieht,

die

uns

Ibn

Fürak

in

seinem

Mubarrad

überliefert

hat.

Was

Ibn

Fürak

seinem

Lehrer

in

den

Mund

legt,

stellt

zwar

das

bisher

Gesagte

nicht

grundsätzlich

in

Frage,

aber

es

gibt

uns

doch

die

Möglichkeit,

die

Konstanten

in

AS'ari's

Denken

von

den

weni¬

ger

fest

stehenden

Vorstellungen

zu

unterscheiden.

 

Unumstößlich,

so

erweist

sich,

war

für

ihn

die

Tatsache,

daß

der

Ver¬

stand

in

der

Ethik

und

in

den

praktischen

Fragen

des

Glaubens

keine

begründende

Rolle

spielen

kann.

Sie

ergibt

sich

nicht

nur

aus

der

ge¬

schilderten

prophetischen

Unterweisung,

sondem

aus

einer

Maxime,

die

Aä'ari

seiner

gesamten

Lehre

zugmnde

gelegt

hat.

Nach

seiner

Überzeugung

 

nämlich

kann

der

Mensch

gar

nicht

die

moralische

Bewer¬

tung

einer

Handlung

vornehmen,

weil

die

Handlungen

aus

sich

heraus

nicht

moralisch

qualifizierbar

 

sind.

Sie

werden

nur

gut,

weil

sie

Gott

befiehlt,

und

werden

nur

schlecht,

weil

Gott

sie

verbietet.

Mithin

steht

per

Definition

fest,

daß

bei

solchen

Entscheidungen

nur

die

Über¬

liefemng

unsere

Quelle

sein

kann'".

 

Anders

verhält

es

sich

dagegen

mit

dem

zentralen

Bereich

der

Theolo¬

gie,

also

mit

den

Überlegungen,

 

die

mit

der

Existenz

Gottes

und

dem

Status

der

Welt

befaßt

sind.

Denn

hier

konfrontiert

 

uns

der

Mubarrad

 

mit

der

unerwarteten

Tatsache,

daß

Aä'ari

sehr

wohl

rein

rationale

Got¬

tesbeweise

übemommen

 

und

fiir

schlüssig

 

befunden

 

hat".

Das

steht

 

im

offenen

Widerspmch

 

zu

den

Aussagen

 

der

Risäla

und

bedarf

deshalb

einer

methodischen

Erklämng,

die

gmndsätzlich

anders

lauten

muß

als

jene,

die

unser

Tlieologe

noch

in

der

Risäla

vertreten

hatte.

"

Risäla,

92,

Uff.;

87,

Uff.

und

vieheicht

 

am

deutlichsten

89,

8ff.,

wo

das

Wissen

um

Gott

durch

die

Überiieferung

gegen

den

rein

rationalen

Gottesbe¬

weis

(mittels

der

Akzidentien)

ausgespielt

 

wird.

 

'"

Vgl.

z.B.

Mu§arradZ2,

3ff.

u.

94,

20ff.;

Risälam,

ult.-99,

2;

Lwma'

§

171

und

dazu

Gimaret:

Doetrine,

S.

444

ff.

Bei

Fragen,

die

nicht

speziell

die

Ethik,

sondem

Einzelheiten

 

des

Glaubens

betreffen,

 

zeigt

der

Verstand

laut

AS'ari

immer

nur,

daß

die

religiösen

Bestimmungen

 

möglich

(d.

h.

nicht

logisch

absurd)

sind,

während

die

Überlieferung

ihre

tatsächliche

Existenz

und

Gültigkeit

 

beweist:

vgl.

z.

B.

Gimaret:

Doetrine,

S.

501

(für

den

Bereich

der

Eschatologie)

u.

548

(für

das

Imämat).

 

"

Gimaret:

Doetrine,

S.

219ff.

Die

beiden

ersten

Gottesbeweise,

die

teil¬

weise

im

Mubarrad

und

vollständig

dureh

al-Füraki

bezeugt

sind,

kommen

ganz

ohne

Überheferung

aus.

Der

dritte,

mit

dem

das

K.

al-Luma'

eröffnet

(§ 3-6),

ist

insofem

mit

der

Überlieferung

verknüpft,

als

er

von

der

Entwicklung

des

Men¬

schen

ausgeht,

wie

sie

im

Koran

(Sure

22,

5

u.

23,

13-14)

beschrieben

wird.

 

Ratio

und

Überlieferung

 

in

der

Erkenntnislehre

 

77

Sie

findet

sich

denn

auch

in

der

Einleitung

zum

Mu^arradund

besagt,

in

wenigen

Worten

zusammengefaßt,

 

das

Folgende:

Die

rationale

Spe¬

kulation

muß

ihren

Ausgang

 

nicht

unbedingt

von

überliefertem

Wissen

nehmen,

sondem

kann

auch

auf

den

Gewißheiten

aufbauen,

die

uns

die

Sinneswahmehmung

verschafft.

 

Sie

liefert

uns

nämlich

ebenfalls

einen

Gmndbestand

an

axiomatischem

Wissen,

 

und,

von

ihm

ausgehend,

ist

es

genauso

möglich,

bis

zur

Erkenntnis

 

Gottes

zu

gelangen'^.

Abgesi¬

chert

wird

dieses

modifizierte

 

Konzept,

indem

Aä'ari

prinzipielle

Über¬

legungen

Über

das

menschliche

Wissen

anstellt,

die

diesmal

in

vielerlei

Hinsicht

den

mu'tazilitischen

Vorstellungen

verpflichtet

sind'*.

Denn

jetzt

unterscheidet

er

in

guter

Äa/äm-Tradition

 

zwisehen

notwendigem

(darün)

Wissen,

das

jeder

Mensch

qua

Mensch

besitzt,

und

erworbenem

(muktasab)

Wissen,

das

man

sich

aktiv

aneignen

muß.

Ersteres

besteht

unter

anderem

aus

den

Erkenntnissen

der

Sinne

und

aus

gesicherter

Überliefemng,

das

andere

erwirbt

man

durch

die

eigene,

rationale

Spe¬

kulation'^.

Somit

besitzt

die

Verstandestätigkeit

nicht

nur

eine,

sondem

zwei

mögliche

Gmndlagen,