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Actaforschung seit 1982

III. Die Apostelgeschichte als Geschichtswerk

Jens Schröter

6. Oie Apostelgeschichte als Teil des lukanischen Doppelwerkes

Thomas B e rg h o lz , Der Aufbau des lukanischen Doppelwerkes. Untersuchungen zum formalliterarischen Charakter von Lukas-Evangelium und Apostelgeschichte

(EHS.T 545). Peter Lang, Frankfurt (Main) u.a. 1995, 156 S. —R obert L. B raw ley,

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IX + 319 S. - W illiam S. K urz, Reading Luke-Acts. Dynamics o f Biblical Narrative. Westminster/John Knox, Louisville (KY) 1993, X + 261 S. - Thomas J. Lane, Luke and the Gentile Mission. Gospel anticipates Acts (EHS.T 571). Peter Lang Verlag,

240 S. - FEARqHus Ó F ea r q h a il, The Introduction to

o f Luke’s Two-

Volume Work (AnBib 126). Editrice Pontificio Istituto Bíblico, Roma 1991, X II+ 256

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M ikeal C. P a rso n s/R ich a rd

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Role o f Lk 1,1—4,44 in the Composition

I. P ervo, Rethinking the Unity o f Luke and Acts.

1999, X X V + 828 S.

Zu den wichtigen Entwicklungen der neueren Actaforschung gehört die In- terpretation der Schrift als zweiter Teil des lukanischen Doppelwerkes. Wir sind hierauf bereits bei den Kommentaren von Tannehill und Johnson, aber auch in Aufsätzen wie etwa demjenigen von Marshall im ersten Band von »The Book o f Acts in Its First Century Setting« oder demjenigen von Wolter in der Festschrift für Eckhard Plümacher gestoßen. In diesem Abschnitt wird es speziell um diese Fragestellung gehen. Dabei ist vorab darauf hinzu- weisen, dass die Thematik implizit auch in etlichen Darstellungen vor-

Theologische Rundschau, Band 72 (2007), S. 383-419 © 2007 Mohr Siebeck · ISSN 0040-5698

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kommt, die in anderen Teilen behandelt werden, da inzwischen viele Themen im Blick auf das lukanische Werk insgesamt behandelt werden. War die ältere Forschung noch davon ausgegangen, dass Lukas zweimal auf unterschiedliche Weise gearbeitet habe, das LkEv deshalb im Rahmen der synoptischen Evangelien, die Apg dagegen als eigenes, der Geschichts- Schreibung zugehöriges Werk zu interpretieren sei, so wird diese Sicht immer mehr in Frage gestellt. Die damit zusammenhängenden Fragenkreise betref- fen verschiedene Themen: Es geht zum einen um die Frage nach Komposi- tions- und Erzählweise des Lukas, des Weiteren um die Frage nach Gattung und Intention des Gesamtwerkes, schließlich um diejenige, wie der Zusam- menhang zwischen beiden Teilen des lukanischen Werkes genauer zu be- schreiben ist. Die im Folgenden zu besprechenden Arbeiten kreisen um diese Problemfelder. Die Dissertation von M ik e a l C. P a r s o n s (Faculty of the Southern Bap- tist Theological Seminary, Louisville, KY), befasst sich mit den Berichten vom Weggang Jesu in Lk 24 und Apg 1 und fragt sowohl nach der verbin- denden wie auch nach der je eigenen literarischen Funktion beider Texte.

Dabei verbindet P. synchrone und diachrone Analysen: Teil I (Kap. 2 und 3) unter- sucht den Weggang Jesu in Lk 24,50-53, Teil II (Kap. 4 und 5) die entsprechenden Schilderungen in Apg 1,1 —11. In beiden Teilen nimmt P. zunächst eine diachrone (Kap. 2 bzw. 4: »Historical Context«), sodann eine synchrone Analyse (Kap. 3 bzw. 5:

»Narrative Context«) vor. Den Schlussteil (Kap. 6) bildet eine vergleichende Analyse des Weggangs Jesu im kanonischen Kontext. Bemerkenswert im Blick auf die diachronen Analysen ist, dass P. im LkEv dem westlichen Text den Vorzug gibt. Daraus folgt, dass es sich hier um eine Abschieds- szene nach dem Modell vergleichbarer biblischer Berichte, aber nicht um eine Him- melfahrts- oder Entrückungserzählung handle. In Apg 1,1-11 stünden dagegen grie- chisch-römische Entrückungserzählungen im Hintergrund. Hinter beiden Texten könne eine urchristliche Erzählung von der Erhöhung Jesu im Hintergrund gestanden haben, die von Lukas zweimal auf je eigene Weise bearbeitet wurde. Dementsprechend entdeckt P. eine je eigene literarische Funktion beider Erzählun- gen. Die Abschiedsszene im LkEv fungiere, wie P. im Rückgriff auf Theorien aus der Literaturwissenschaft darlegt, »to resolve the tensions of the major plot strategies of Luke’s story of Jesus« (111). In Entsprechung zum Beginn der Erzählung werde der Leser hier zum Ende der Erzählung geführt. In der Apg fungiere die Entrückungser- Zahlung dagegen als Beginn der durch die Nachfolger Jesu auszuführenden Verbrei- tung der Botschaft Jesu in die Welt. Mit Hilfe eines »reverse linkage« werde das Ende der irdischen Geschichte Jesu dabei als Beginn der Geschichte der Ausbreitung der Kirche in der Welt erzählt. Die Beziehung zwischen Erzähler und Lesern werde auf diese Weise neu bestimmt: Die Geschichte werde nicht von einem den Ereignissen fern stehenden Erzähler berichtet, sondern aus der Perspektive der Jünger, in die der Leser mit hineingenommen werde (179). Die abschließende gemeinsame Betrachtung beider Texte stellt die literarische Ge- wandtheit des Lukas heraus, der mit Hilfe der beiden Erzählungen vom Weggang Jesu

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seine beiden Schriften zugleich verklammert und auf je eigene Weise aus- bzw. einge- leitet habe.

Die Studie besitzt ihre Stärke in der konsequenten Orientierung auf die Frage nach der literarischen Funktion der zweimaligen Erzählung vom Weg- gang Jesu. Dabei werden ältere Theorien (verschiedene Quellen, nachträgli- che Teilung des lukanischen Werkes) zugunsten einer Analyse der je eigenen Darstellung des Geschehens zurückgestellt. Die literarischen Theorien, die P. heranzieht, könnten im Blick auf die biblischen Texte sicher noch verfeinert werden, denn sie sind vorrangig für moderne literarische Texte entwickelt worden. Die Untersuchung stellt gleichwohl einen wichtigen Beitrag zur Frage nach dem Verhältnis von LkEv und Apg und damit nicht zuletzt für diejenige nach einer gemeinsamen Gattung dar. Im Jahr 1990 erschien die Studie von R obert B raw ley, »Centering on God«. B. möchte einen einseitigen ahistorischen Zugang zum Text des Neuen Testaments, den er als Gefahr in der Anwendung des literary mticism sieht, vermeiden und plädiert stattdessen dafür, verschiedene Zugänge zur Erschließung der Welt des Textes fruchtbar zu machen. Für sein Textmodell

greift er auf Roland Barthes zurück, der fünf Stimmen (»voices«) innerhalb eines Textes identifiziert hatte, die sich an bestimmten Punkten kreuzen: »(1) the hermeneutic voice consists of elements o f the text that formulate a que- stion and its responses, (2) the voice o f semes has to do particularly with

characters, that is, persons as signifiers, (3) the proairetic voice [

network o f actions tied together by cause and effect, (4) the cultural voice

] [

symbolic

Diese fünf »Stimmen« oder: Perspektiven auf den Text bilden gemeinsam ein komplexes Netzwerk, das den Text konstituiert und zugleich eine Plurali- tät von Verstehensweisen ermöglicht. B. wendet dieses Schema auf das luka- nische Werk an, jedoch so, dass jede Stimme einzeln untersucht wird - was dem Modell von Barthes eigentlich zuwiderläuft, dem zufolge sie gemeinsam zu interpretieren sind.

]

is the

is the repertoire o f knowledge upon which the text draws, and (5) the

voice

[

]

focuses on mediation between antitheses« (17-20).

Gerahmt wird die Arbeit durch Kapitel zu Analyse (1) und Synthese (9).

B. plädiert für die Synthese als Ziel des Lesens und Interpretierens.

Kap. 2 heißt »Progressive Discovery: Truth in the Narrative World« und geht auf der Grundlage verschiedener narratologischer Theorien (Genette, Ricoeur) der Frage nach, wie die Geschichte Jesu innerhalb des lukanischen Werkes sukzessive entfaltet wird. Kap. 3 (»Retrospective Recovery: The Logic in the Story of Luke«) greift wieder- um auf Erzähltheorien zurück (Greimas und Courtés) und befasst sich mit dem Ver- hältnis von Verheißung und Erfüllung mit besonderem Augenmerk auf Lk 1—4. Das

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-Kapitel ist mit viel methodischem Aufwand verfasst, dessen Ertrag für die Interpreta :tion nicht völlig deutlich wird. Kap. 4 korrespondiert dem vorangegangenen und heißt Retrospective Recovery: The Logic in the Story of Acts«. B. legt hier dar, wie er sich» die Einheit von LkEv und Apg vorstellt. Auch wenn der Prolog des LkEv noch nicht -auf die Apg vorausblicke (wie B. im Anschluss an Haenchen und Conzelmann konze diert), werde die Einheit gleichwohl durch verschiedene Themen sichergestellt, die im -LkEv begonnen und in der Apg fortgesetzt werden. Dazu gehörten etwa die Ankündi gung des Herrschens Jesu über das Haus Jakob (Lk 1,33) sowie die von Johannes dem Täufer angekündigte Taufe mit heiligem Geist und Feuer (Lk 3,16). Am wichtigsten aber sei die Sammlung des Gottesvolkes durch Jesus und seine Jünger, die im LkEv ,«beginne und sich in der Apg fortsetze. Insgesamt erzähle Lukas »a theocentric story .in die »human stories« eingebunden seien -Kap. 5 und 6 befassen sich mit der Beschreibung von Charakteren (»Characteriza ,tion«) im lukanischen Werk. In Kap. 5 geht es um die Darstellung von Gott und Jesus in Kap. 6 um das Bild von Petrus und Paulus. Kap. 7 heißt »Shared Presumptions and the Unformulated Text«. Hier geht es um das von Autor und Lesern geteilte kulturelle Wissen, das im Text oft vorausgesetzt, aber nicht explizit gemacht ist. B. macht dies anhand sozialer Aspekte, dem Auftreten von Engeln und Dämonen sowie dem Töpos vom gewaltsamen Prophetengeschick deutlich. Kap. «Ambiguous Borders: The Symbolic Voice« arbeitet symbolische Oppositionen heraus, die dem lukanischen Werk .inhärent sind. Dazu gehören: hidden/revealed; inside/outside oder present/future -Diese Oppositionen sind in der Tat erhellend, um der lukanischen Erzählung zugrun -de liegende Strukturen zu identifizieren. Das letzte Kapitel (»The Challenge of Synthe sis«) fasst die Ergebnisse anhand einer Auslegung des Gleichnisses vom barmherzigen .Samariter zusammen

-B.s Studie ist ein ansprechender Versuch, narratologische und hermeneuti sehe Ansätze für die Interpretation der lukanischen Schriften fruchtbar zu machen. Die Frage bleibt freilich, inwieweit sich das lukanische Werk mit -Hilfe derartiger Theorien analysieren lässt. Hierfür wäre eine intensivere Be achtung seines literarischen Charakters notwendig gewesen. Auch die Frage -nach dem Zusammenhang von LkEv und Apg wird von B. nicht themati siert, sondern stillschweigend vorausgesetzt. Es ist deshalb nicht immer deutlich, ob herangezogene methodische Ansätze und der Ertrag für die .Textinterpretation in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen Die leicht überarbeitete Fassung der Dissertation von F e a r g h u s O F e a r q h a il zu Lk 1 - 4 (Pontifical Biblical Institute, Rom, 1987, betreut von Fritzleo Lentzen-Deis, SJ und Albert Vanhoye, SJ) untersucht die literarische -Struktur und die Funktion der ersten vier Kapitel des LkEv für das lukani .sehe Doppelwerk. Entsprechend ist die Untersuchung aufgebaut

Die ersten beiden Kapitel untersuchen die »literary structure« von Lk 1,1-4,44 )Kap. 1) sowie von Lk 5,1 - Apg 28,31 (Kap. II). Dabei gelangt Ó F. zu dem Resultat, Lk ! י5_ 4יstelle eine vorbereitende Erzähleinheit dar, die sich zwischen Proömium und 44 eigentlicher Erzählung befinde und dazu diene, in die Gesamterzählung von Lk/Apg

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einzuführen. Des Weiteren sei ein größerer Einschnitt zwischen Lk 4,44 und 5,1 zu konstatieren, der die Gesamterzählung in zwei analog aufgebaute Teile gliedere. In deren Mitte stehe jeweils ein nach geographischen Gesichtspunkten gegliederter Part, der thematisch auf die Universalität des Heils gerichtet sei. Sodann wird die jeweilige Funktion von Lk 1,1-4 und 1,5-4,44 für das Gesamt- werk beleuchtet. Eine intensive Untersuchung des Lk-Proömiums im Kontext helle- nistisch-römischer Literatur zeigt, dass dieses zum einen als Einführung sowohl des LkEv als auch der Apg diene, zum anderen seinerseits bezeichnenderweise auf Lk 5,1 als den Beginn der eigentlichen Erzählung des Evangeliums vorausverweise (Kap. III). Lk 1,5-4,44 bereite den Leser dagegen inhaltlich auf die »eigentliche Erzählung« vor

(Kap. IV). Als »preparatory narrative unit« geschehe dies »with the aid of inspired pro- phecies, angelic communications, reminiscences and citations of Old Testament texts, the foreshadowing and anticipation of future events, programmatic scenes, composite units and statements. It makes clear the eschatological nature of the age ushered in by

the announcement of the forerunner’s birth [

It introduces the person and mission

of Jesus, indicating his significance both for Israel and the Gentiles. The portrait of Jesus drawn in this preparatory section lends an added interest to various aspects of

the development of the narrative, creates narrative tensions that help to bind the va- rious episodes of the two-volume work together, and bestows on it an additional ca-

pacity for irony. Lk 1,5—4,44 [

does share one aim with Lk 1,1—4, namely, that of

preparing the hearer or reader for the narrative that follows« (154). Die ersten vier Kapitel des LkEv bildeten somit die Einleitung zum lukanischen Gesamtwerk, in der nahezu alle wichtigen Themen zur Sprache kämen.

O F. lehnt Conzelmanns dreiphasiges Schema ebenso ab wie alle darauf aufbauen- den Modifikationen, da hier die Funktion des Geistes nicht angemessen berücksichtigt werde (123-127). Lukas habe vielmehr ein zweiphasiges Schema von Verheißung und Erfüllung im Blick (154), wobei der Täufer, Jesus und die Kirche der Erfüllungszeit zuzurechnen seien und der Geist sowie die Ausdrücke νυν und σήμερον »the advent of the eschatological age« (128) zum Ausdruck brächten. »It is not John who forms a

bridge or stands as a transitional figure between the old and the new [time] [

role is filled by the figures of Zachary and Elizabeth, Mary and Joseph, the shepherds, Simeon and Anna - the faithful ones in Israel. They have lived with the promise. Now, inspired by the Spirit, they witness the beginning of its fulfilment« (127). Schließlich untersucht O F. die literarische Form von Lk/Apg als Ganzem (Kap. V). Er gelangt zu dem Schluss, das Gesamtwerk sei gattungsmäßig als »kerygmatische Ge- schichtsSchreibung« (»kerygmatic history«) zu beschreiben (173-180): »with the term >kerygmatic< expressing the uniqueness of this >history< both with respect to the purpo-

se of its narration and the nature of the events it recounts. The qualification >kerygma-

tic< also indicates the active role of the evangelist who [

ning faith and proclaiming the message of salvation [

].

]

].

This

]

is [

]

intent on strengthe-

(179).

Die Arbeit ist eine wichtige Untersuchung zur Bedeutung der ersten vier Kapitel des LkEv für das lukanische Gesamtwerk. Sie stellt damit zugleich einen Beitrag zur Diskussion um die Einheit der lukanischen Schriften dar. Besonders zu beachten sind die Untersuchung des Lk-Proömiums sowie die Beobachtungen zur Funktion der einleitenden Kapitel für das Gesamtwerk. Dass sich das übrige lukanische Werk (Lk 5 —Apg 28) in derselben Weise als

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übergreifende literarische Struktur verstehen lässt, erscheint dagegen weni- ger eindeutig. Der Zusammenhang beider lukanischen Werke, einschließlich der Gattungsfrage, bedarf weiterer differenzierter Analysen. Einen narratologischen Ansatz verfolgt die Untersuchung von S t e v e n M.

S h e e le y , »Narrative Asides in Luke-Acts«. Es handelt sich um

beitete Dissertation des Verfassers (Louisville [KY], 1987). S. möchte zu einem besseren Verständnis der Art und Weise beitragen, in der Lukas den Leser durch direkte Adressierung in die Welt seiner Erzählung hineinzieht. Gegenstand dieser erzähltheoretischen Untersuchung sind deshalb kommen- tierende Bemerkungen (»narrative asides«), mit denen der Autor die Erzähl- weit verlässt, um sich unmittelbar an seine Leser zu wenden. Das Phänomen wird charakterisiert als der narrative Akt »of halting the story line, changing narrative levels, and addressing the reader directly« (36). »Narrative asides« - als Untergruppe von Erzählerkommentaren - dienten dazu, eine Beziehung

zwischen Autor und Leser jenseits der Erzählwelt aufzubauen.

die überar-

Die ersten drei Kapitel umreißen das Thema, indem sie zunächst auf die Erfor- schung des Phänomens in den Evangelien eingehen und konstatieren, dass das lukani- sehe Werk diesbezüglich noch kaum in die Diskussion einbezogen worden sei. Es folgen einige methodische Bemerkungen. Die »narrative asides« fungierten wie Paren- thesen und vermittelten zusätzliche Kommentare. Es könnten z.B. Prologe, Postskrip- te oder Appelle an den Leser sein, sie ließen sich aber nicht grammatisch bestimmen. Diese ausgesprochen diffuse Definition lässt kaum ein weiterführendes Ergebnis der Untersuchung erwarten. Dass die Prologe des lukanischen Werkes als »narrative asides« zu bestimmen seien, ist kaum nachzuvollziehen und widerspricht auch S.s eige- ner Definition. S. untersucht im Folgenden »narrative asides« in antiken Romanen, Geschichtswerken und Biographien, um sich dann dem Befund bei Lukas zuzuwen-

den. S. rechnet zu den »narrative asides« solche Informationen, die zum Verstehen der Erzählung notwendig sind (z.B. Erklärungen von Handlungen, Nennung von be- stimmten Daten oder die Beschreibung einer Szenerie), generelle Informationen, die internen Motive von Handlungsfiguren und Ausführungen über die Haltung des Er- Zählers zu den Ereignissen und zum Leser. Die asides bei Lukas bezögen sich auf den Konflikt über die Autorität und Bot- schaft Jesu bzw. der Apostel, auf den Bereich von Weissagung und Erfüllung sowie auf das Wachstum der Kirche. Darüber hinaus zieht S. den Schluss, »that the asides were important to the readers perception of the narrator and functioned to affirm the au-

thority of the narrator to tell his story. [

reader into the correct response as well as the correct interpretation« (178). Das Fazit

]

asides were used most often to guide the

lautet: »The narrator of Luke-Acts interrupts the telling of his story to address the reader only a few times« (185).

Die Untersuchung leidet darunter, dass S. keine Definition von »narrative asides« vorlegen kann, die diese als eine spezifische Gruppe von Erzählkom- mentaren markant von anderen Informationen abgrenzen würde, die durch

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das gesamte lukanische Werk hindurch gegeben werden und natürlich inner- halb der Erzählung verbleiben, also kein »changing o f narrative levels« und auch keine direkte Hinwendung zum Leser darstellen. Ein derartiges Phäno- men lässt sich im lukanischen Werk nur in sehr wenigen Fällen feststellen, weshalb S.s Untersuchung letztlich ein signifikanter Gegenstand fehlt. Eine sehr gute Einführung in die narratologische Interpretation des luka- nischen Werkes hat W illia m S. K u r z vorgelegt. In der knappen Einfüh- rung legt K. dar, dass er eine narrative Lektüre als Weiterführung historisch- kritischer Arbeit versteht. Eine historische Analyse beantworte für sich ge- nommen noch nicht die Frage nach der Bedeutung der Texte. Eine narrato- logisch ausgerichtete Auslegung könne deshalb dem Auseinanderfallen von Exegese und Hermeneutik, von universitärer und kirchlicher Auslegung, be- gegnen. K. versteht LkEv und Apg dezidiert als ein Werk in zwei Teilen. Lukas habe seine Schriften als Fortsetzung der biblischen Geschichte ver- fasst, sie seien sodann selbst Teil der christlichen Bibel geworden. Sie als solche zu lesen, bedeute, einen Standpunkt innerhalb des christlichen Glau- bens einzunehmen.

Die Monographie umfasst sodann vier Teile. Teil 1 beschäftigt sich mit methodi- sehen Überlegungen zur Erzählung. Es geht hier zum einen um das Konzept der im- pliziten Autoren und Leser {Kap. 2), zum anderen um den planvollen Aufbau (»plot«) und die Leerstellen (»gaps«) in der Erzählung. K. bezieht sich in seinen Beispielen schon hier auf das lukanische Doppelwerk. So seien z.B. Anfang und Ende des LkEv im Tempel, die Ankündigung der »Kraft von oben« in Lk 24,49, die Überlappung von Ende des LkEv und Beginn der Apg sowie das Ende der Apg »Leerstellen« der Erzäh- lung, die der Leser ausfüllen müsse. Teil 2 wendet diese methodischen Überlegungen detailliert auf die Erzählung von LkEv und Apg an. Dabei stellt K die Rollen der Erzähler (bewusst im Plural) in den Mittelpunkt. Kap. 4 behandelt den Prolog des LkEv unter narrativen Gesichtspunkten (»Luke’s principal narrator is obviously the third-person omniscient narrator who re- counts most of Luke-Acts«, 43). In Kap. 5 geht es um Erzähler im LkEv, in Kap. 6 um Erzähler in der Apg. Diese beiden Kapitel stellen im Wesentlichen eine Paraphrase von LkEv und Apg aus der Sicht des »impliziten Erzählers« dar. Ausgehend von den verschiedenen Erzählerperspektiven in der Apg wendet sich K. in Kap. 7 den Wir- Passagen der Apg gesondert zu, um ihre Funktion für die lukanische Erzählung zu erheben. Er versteht sie in erster Linie als erzählerisches Mittel, mit dem der Autor eine Gruppe um Paulus kennzeichne, zu der er selbst gehörte. Des Weiteren macht K. darauf aufmerksam, dass Paulus in das »Wir« zuweilen eingeschlossen ist, in anderen Fällen dagegen nicht. Letzteres diene dazu, zur Erzählung in der 3. Person zurückzu- kehren. Diesen instruktiven Ausführungen schließt K. eine Bemerkung zum histori- sehen Hintergrund an. Er hält es durchaus für plausibel, dass die Wir-Passagen auf eine tatsächliche zeitweilige Paulusbegleiterschaft des Autors zurückgehen. Die Diffe- renzen zu den Paulusbriefen seien kein Gegenargument, denn sie bezögen sich auf solche Episoden, wo ohnehin kein »Wir« begegne. Diese sorgfältige Analyse ist ausge- sprochen instruktiv und weiterführend.

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In Kap. 8 untersucht K. Episoden, die mehrfach und von verschiedenen Erzählern berichtet werden, und zwar zum einen vom allwissenden Erzähler der Apg (äußere Perspektive) und zum anderen von Personen der Apg (innere Perspektive). K. macht

diese besondere Erzähltechnik deutlich am Beispiel der Berichte von der Berufung des

Paulus in Apg 9 ; 22 und 26.

Teil 3 {Kap. 9) geht der Frage nach impliziten Kommentaren im lukanischen Dop- pelwerk nach, die durch den Erzähler eingebracht werden. Dabei konzentriert sich K. auf die Formen Ironie und Missverständnis. Teil 4 zieht unter der Überschrift »Luke-Acts as Scripture» Schlussfolgerungen. K. betont noch einmal, dass die lukanischen Schriften als Teil des Kanons eine spezifi- sehe, über ihren historischen Kontext hinausreichende Bedeutung erhalten, da die ka- nonischen Schriften einander ergänzen, statt miteinander zu konkurrieren. Der Epilog, Kap. //, bringt Literaturwissenschaft und Kanon ins Gespräch mit der mündlichen Entstehungssituation der Evangelien. Lk-Apg sei für die mündliche Weitergabe ge- dacht, das mache die Werke auch für heutige mündliche Verwendungszusammenhänge —auch in Übersetzung —geeignet. K. schließt mit einer Relativierung aller Methoden durch den kanonischen Kontext.

Die Studie ist ausgesprochen informativ und gut zu lesen. Sie zeichnet sich auch dadurch aus, dass eine Analyse des lukanischen Doppelwerkes aus narratologischer Perspektive durchgeführt wird, ohne dabei in technisches Sondervokabular zu verfallen oder eine Alternative zur historisch-kritischen Interpretation zu behaupten. Sie ist deshalb eine willkommene Ergänzung traditioneller exegetischer Methoden. Die Frage bleibt allerdings, ob Lk-Apg ohne weitere Diskussion als einheitliche Erzählung interpretiert werden können. Damit sind wir bereits beim Thema des nächsten zu besprechenden Bandes angelangt.

In ihrer 1993 —also im selben Jahr wie die Studie von Kurz —erschiene- nen kleinen Studie »Rethinking the Unity o f Luke and Acts« stellen M ik e a l

C. P a r s o n s und R ic h a r d I. P e r v o die heute zumeist unhinterfragt voraus-

gesetzte Einheit beider Teile des lukanischen Werkes auf den Prüfstand. Be- reits im Titel wird die Bezeichnung »Luke-Acts« bewusst vermieden. Die Au-

toren schreiben stattdessen stets »Luke and Acts« —und enden mit dem pro- grammatischen Satz : »Because a number of the assumptions about the unity of Luke and Acts have resulted in subordinating one book to the other or blocking off possibly promising avenues of research, we propose that Cad- bury,s long-suffering hyphen be awarded some times of refreshment and be spelled, at least now and then, by a far from superfluous >and«< (127).

In der »Introduction« (Kap. 1) werden verschiedene Formen von »Einheit« unter- schieden: »authorial unity«, »canonical unity«, »generic unity«, »narrative unity« und »theological unity«. Die ersten beiden Punkte sind unproblematisch: Dieselbe Autor- schaft für beide lukanischen Werke ist unstrittig, ebenso wie der Befund ihrer jeweili- gen kanonischen Eigenständigkeit. Bei letzterer stellt sich allerdings die Frage, warum

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beide Werke in Kanonverzeichnissen nie aufeinander folgen. Die je eigene Behänd- lung deutet vielmehr darauf hin, dass sie in der frühen Kirche als eigenständige Werke eines Autors angesehen wurden, nicht einfach als zwei Teile eines Werkes. Kapitel 2 -4 behandeln sodann »The Generic Unity«, »The Narrative Unity« und »The Theological Unity«, gefolgt von einer »Conclusion«. Ausgangspunkt von Kap. 2 über »Generic Unity« ist die Feststellung, die Behaup- tung David Aunes »Luke and Acts must be treated as affiliated with one genre« sei zu überprüfen. Die Gattungsvorschläge für das lukanische Gesamtwerk (historische Mo- nographie, Universalgeschichte, Altertümer, apologetische Geschichtsschreibung, bi- blische Geschichtsschreibung, Philosophenbiographie) erwiesen sich zumeist als un- tauglich. Sie arbeiten entweder mit zu unspezifischen Gattungsbegriffen (historische Monographie, Altertümer) oder mit solchen, die sich auf Lk-Apg nur schwer anwen- den lassen (Universalgeschichte, apologetische Geschichtsschreibung). Am ehesten ließen sich die lukanischen Werke mit der biblischen Geschichtsschreibung verglei- chen. Allerdings sei Lukas im Rahmen der hellenistischen Geschichtsschreibung, nicht der atl., zu verstehen. Zwischen Lk und Apg zeigen sich gattungsrelevante Unterschie- de: Reden, ein typisches Merkmal von Geschichtswerken, begegnen nahezu aus- schließlich in der Apg; der sog. »Reisebericht« im LkEv und die Reisen der Apg weisen

deutliche Unterschiede auf; das Thema der Vergebung spielt nur im LkEv eine Rolle; die Charakterisierung des Petrus sei in Lk deutlich anders als in der Apg. Dies zeige, dass Lukas beide Werke mit einer jeweils eigenen Intention und eigenen literarischen Mitteln verfasst habe. Am ehesten kämen als Analogie deshalb Zusammenstellungen mehrerer Bücher unterschiedlichen Charakters in Frage: 1 -4 Kön; l-2 E s r; 1 -2 (3-4) Makk. Lukas könne diesem »biblischen« Modell gefolgt sein. Die Teilung von Lk und Apg sei zudem zu markant, um auf Willkür oder technische Gründe (Länge einer Rolle) zurückgeführt zu werden. Die Frage, warum es sich um zwei Bücher handle, sei ernst zu nehmen. Die Analyse von Lk und Apg aus je eigener Perspektive könne demnach durchaus sinnvoll sein. Zudem dürfe die These der gattungsmäßigen Einheit nicht zu weit getrieben werden: Das LkEv wäre dann nur ein »halbes«, also

unvollständiges

müsste. Auch die »narrative unity« wird problematisiert. Es bestünden markante Unter- schiede auf dem »level of discourse«, also der Art und Weise, in der die Erzählung realisiert werde. Die Reden der Apostel in der Apg unterscheiden sich markant von denjenigen Jesu im LkEv, der Prolog der Apg verbinde das Buch nicht nur mit dem LkEv, sondern unterscheide es zugleich von diesem, was häufig übersehen werde. Zwischen den beiden Himmelfahrtserzählungen in Lk 24 und Apg 1 bestünden mar- kante Unterschiede. Das »Wir« der Apg führe einen Erzähler ein, der von demjenigen des Evangeliums unterschieden sei. Es könne demzufolge eine Einheit auf einem vom Leser zu konstruierenden »story level«, aber nicht auf dem »discourse level« angenom- men werden. Bezüglich der »theological unity« ließen sich sowohl Kontinuität (vor allem in der Anthropologie) als auch Diskontinuität (in der Christologie) feststeüen.

Werk, was

für

die

anderen

Evangelien

in

analoger Weise gelten

Das Fazit des Buches lautet, es werde in der Regel zu undifferenziert von einer »Einheit« des lukanischen Werkes gesprochen. Obwohl beide Werke von demselben Autor stammen und ein einheitliches Thema verfolgen, gebe es gravierende Differenzen in der Erzählweise, die auch für die Gattungsfra­

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ge von Bedeutung seien. Schließlich dürfe der Befund, dass beide lukani- sehen Werke in der frühen Kirche als eigenständige Schriften aufgefasst und entsprechend behandelt wurden, nicht einfach beiseite geschoben werden. Für die weitere Arbeit am lukanischen Werk sind die hier vorgebrachten Ar- gumente von überaus großer Bedeutung. Sie stellen die Diskussion über die Gattung des lukanischen Werkes und das Verhältnis von LkEv und Apg auf eine neue Diskussionsgrundlage. Ebenfalls 1993 erschien die von Ulrich Luz betreute, bereits im Winterse- mester 1988/89 angenommene Berner Dissertation von M a n fr e d K o r n . Es geht um das Verhältnis von LkEv und Apg, speziell um die Frage: »Wel- ches ist die bleibende Bedeutung der im Lukasevangelium beschriebenen Verkündigung und Geschichte Jesu für die christliche Verkündigung der Ge- genwart angesichts der von Lukas bewusst reflektierten Differenz der Zeiten?« (1). Damit soll die etwa von Ernst Käsemann und Erich Gräßer vertretene These geprüft werden, die das Verhältnis der lukanischen Schrif- ten so bestimmt hatten, dass die Bedeutung der Verkündigung Jesu mit der Zeit des irdischen Jesus an ihr Ende komme und durch die Wirkungen des Geistes in der Kirche ersetzt werde.

Die Arbeit besteht, neben der Einleitung, aus zwei Teilen und einer kurzen Zusam- menfassung. Im ersten Teil stellt K. »Grundlagen für die Apostelgeschichte im Lukas- evangelium« anhand einer Analyse des Prologs, der Kindheitsgeschichten, der An- trittspredigt Jesu in Nazaret, des Reiseberichts sowie des Ostergeschehens dar. Bereits im Prolog blicke Lukas auf die Apg voraus, indem er die Augenzeugen zugleich als »Diener des Wortes« charakterisiere, was sich auf ihre Funktion nach Pfingsten bezie- he. Diese Interpretation dürfte zutreffend sein. Denselben Befund erhebt K. in den Kindheitsgeschichten (Johannes als der, der »das Volk bereit machen wird«, Lk 1,17; Weissagung des Simeon über Jesus als »Licht zur Erleuchtung der Heiden«, Lk 2,32), in der Nazaretepisode (Beschreibung der Sendung Jesu durch das Zitat aus Jes 61 und seine Ablehnung durch die Einwohner Nazarets) sowie auf analoge Weise in den übri- gen genannten Teilen des LkEv. Der zweite Teil untersucht »Die bleibende Bedeutung Jesu nach der Apostelge- schichte«. Diskutiert werden Apg 1,1-14, »Jesus, seine vergangene Geschichte, die Zeugen und die Kirche«, »Die Geschichte Jesu in den Missionsreden« sowie »Die Be- deutung der Einzelmotive der Geschichte Jesu in der Apostelgeschichte«. Es soll der Nachweis erbracht werden, dass die Geschichte Jesu Inhalt des Zeugnisses in der Apg sei. Dem diene die Autorisierung der Zeugen in Apg 1,1 —14 (eine Interpretation, die ich dort schlechterdings nicht zu entdecken vermag). Die Reden seien keine Zusam- menfassung lukanischer Theologie, sondern setzten »die Kenntnis des ganzen Weges Jesu voraus« (204). Dass die Reden nur ein sehr spärliches Gerüst des Lebens Jesu überliefern und deutlich auf die Auferweckung hin konzipiert sind, lässt sich damit nicht vereinbaren. Am Schluss der Arbeit steht eine Zusammenfassung in 15 Thesen.

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K. s Untersuchung stellt die Sicht einer im zweiten Teil des lukanischen Werkes angeblich überholten Bedeutung des Wirkens Jesu zu Recht in Frage. Sie arbeitet ebenso zutreffend heraus, dass das LkEv des Öfteren Vorverwei- se darauf enthält, was dann in der Apg ausgeführt werden wird. Der umge- kehrte Nachweis, dass also die Geschichte Jesu Grundlage der Apg sei, ist dagegen nicht gelungen. Er kann in der von K. anvisierten Weise auch nicht gelingen, weil die Modifikationen, die durch die neue Thematik und Blick- richtung der Apg gegeben sind —Wirken und Verkündigung Jesu begegnen hier als das weltweit auszurichtende Christuszeugnis - , nicht genügend be- achtet werden. Verantwortlich hierfür ist die Differenz in der Christologie zwischen LkEv und Apg, die K. ebenfalls nicht thematisiert. Der Wert der Untersuchung liegt deshalb in der Herausarbeitung der Bezüge des LkEv auf die Apg. Die umgekehrte, spannendere Frage, inwiefern nämlich die Apg die Kenntnis der Jesusgeschichte oder sogar des LkEv voraussetzt, ist dagegen nicht beantwortet. Dass sich durch die »Geschichte Jesu« eine Einheit von LkEv und Apg herstellen lasse, erscheint deshalb eher fraglich. Die Bonner Dissertation von T h o m a s B e r g h o lz aus dem Jahr 1995 widmet sich dem Aufbau des lukanischen Doppelwerkes. B. will zeigen, »dass das lukanische Doppelwerk ein von Anfang bis Ende durchgeplantes Kunstwerk seines Autors ist« (Rückseite des Einbands).

Teil I skizziert den Stand der Forschung zum Abfassungszweck des lukanischen Doppelwerkes, zur Frage nach seiner literarischen Gestalt sowie zur Parallelität von LkEv und Apg. Teil II untersucht die Parallelen zwischen den lukanischen Schriften. Die parallele Gestaltung beider Teile des Werkes soll dabei als grundlegendes Gestal- tungsprinzip vor Augen geführt werden. Lukas wolle die Kontinuität der sich etablie- renden Kirche mit Leben und Lehre Jesu erweisen, indem er Leben, Lehre und Taten Jesu diejenigen seiner Jünger an die Seite stellt. Augenfällig sei etwa die Parallelität der Vorgeschichten, Proömien, Epiloge und der jeweils ersten Hauptteile. Signifikant seien auch die parallelen Leidensweissagungen. Die Parallelität des jeweiligen zweiten und dritten Hauptteils sei dagegen eine versetzte. Teil III widmet sich dem Aufbau des lukanischen Doppelwerkes unter literaturwis- senschaftüchen und kunsttheoretischen Aspekten. Die Ergebnisse der Exegese zu den literarischen Formen von LkEv und Apg werden dazu an der literarischen Kunsttheo- rie von Jurij Lotmann überprüft. Lotmanns Prämisse ist, die Form eines Kunstwerkes sei integraler Bestandteil seines Inhalts. Dementsprechend versteht B. die herausgear- beitete Form des Doppelwerkes als Teil der Botschaft und Theologie seines Autors. Die christliche Gemeinde ist an ihre Herkunft und Geschichte gebunden und kann nur dann in der lebendigen Nachfolge Christi stehen, wenn sie sich dieser Herkunft und ihrer Verwirklichung in ihrer Gegenwart bewusst ist. Am Ende steht eine hilfreiche Tabelle, die die Parallelen zwischen LkEv und Apg auflistet.

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Die Darstellung ist sehr knapp gehalten. Das ist einerseits leserfreundlich, andererseits fällt dem häufig die Differenziertheit der Argumentation zum Opfer. Parallelen zwischen beiden Teilen des lukanischen Werkes sind schon häufig beobachtet worden. Dennoch haben beide Werke ein eigenes Thema, eine eigene literarische Gestalt und weisen durchaus Unterschiede im sprach- liehen und kulturellen Milieu auf. Wie dies mit den notierten Parallelen zu- sammenzubringen ist, müsste geklärt werden, um die These eines parallel ge- stalteten Kunstwerkes überzeugend nachzuweisen.

L a n e möchte zeigen, dass Lukas bereits

die Jesusgeschichte so erzählt, dass die in der Apg dargestellte Einbeziehung der Heiden in die Kirche vorbereitet wird. Die Kirche, zu der auch getaufte Heiden gehören, werde so als in der Geschichte des Lebens Jesu gründend

dargestellt.

Die Dissertation von T h o m a s J.

Eine Einleitung befasst sich mit der Einheit des lukanischen Doppelwerkes, bietet einen forschungsgeschichtlichen Überblick zur Frage der Heidenmission und klärt das methodische Vorgehen der Studie. Für die Einheit von Lk-Apg beruft sich L. auf Cad- bury und Tannehill sowie auf einige neuere Studien, darunter diejenige von Korn. Die Frage, wie die Heidenmission in die lukanische Theologie zu integrieren sei, sei bislang nicht hinlänglich geklärt. Die Arbeit umfasst sodann fünf große Teile: Teil I stellt das LkEv als Vorbereitung für die Apg dar. Hier werden zunächst Lk 1,1—4 und Lk 1,5—4,44 als Proömium und Prolog des gesamten lukanischen Doppelwerkes interpretiert. Sodann wird die Bedeu- tung des Lebens Jesu in der Darstellung des LkEv für das Leben der Kirche in der Apg herausgearbeitet. Die Universalität des Heils werde verschiedentlich angedeutet, z.B. in der Erzählung vom Hauptmann zu Kafarnaum, der Aussendung der 70 (72) oder dem Gleichnis vom großen Gastmahl. Auch Jesu Hinwendung zu Zöllnern, Sün- dern und Armen, sein Umgang mit dem Gesetz, Gebet und Brotbrechen bereiteten die Heidenmission der Apg vor. Des Weiteren wird die Bedeutung der »lukanischen Lücke« besprochen. Die hier vorkommenden Details würden in der Apg aufgenom- men. Zudem würden bestimmte Jesusworte, wie etwa die Aufforderung, sich nicht zu sorgen, wenn man vor Gerichte oder Synagogen geschleppt wird (Lk 12,11 f.), auf die Apg vorausverweisen. Schließlich werde eine Verbindung durch die Betonung der Schuld der Juden am Tod Jesu und den Bericht von seiner Erhöhung hergestellt. Teil II stellt die Mission der 70 bzw. 72 in Lk 10 als Vorwegnahme der Heidenmissi- on in der Apg dar. Dazu werden (1) quellen- und redaktionskritische Untersuchungen vorgenommen; (2) wird die Episode im Kontext der lukanischen Reiseerzählung ver- ortet; (3) zeigt L., dass es in der Apg gerade nicht die zwölf Apostel sind, die das Evangelium an die Enden der Erde tragen; (4) wird das mögliche Vorkommen der 70 bzw. 72 in anderen Szenen des lukanischen Doppelwerkes untersucht. Teil III stellt dar, inwiefern einige Texte des LkEv besser und andere erst angemes- sen verstanden werden können, wenn sie im Zusammenhang mit der Apg gelesen werden. Dabei geht es konkret um Parabeln mit Anspielungen auf die Heidenmission, das Jesuslogion Lk 8,9 f. (»Euch sind die Geheimnisse des Gottesreiches anvertraut«, dies erlange seine eigentliche, tiefere Bedeutung durch den Bezug auf das Geheimnis von Ablehnung Jesu durch die Juden und Rettung der Heiden), die Zachäusperikope

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(Rettung eines Heiden als Vorausverweis auf Apg 10-11) und die Vorstellung von Jesus als Davidssohn (dies werde durch die Erhöhung realisiert, von der Petrus in der Pfingstpredigt spricht). Teil I V stellt dar, dass die Apg das LkEv fortführt und vollendet. Des Weiteren wird der Ort der Heidenmission in der lukanischen Theologie untersucht. Im Zen- trum der lukanischen Heilsgeschichte stehe das in Jesus gekommene Heil. Die Hei- denmission sei dabei von Beginn an in Gottes Heilsplan eingeschlossen und werde in der Apg umgesetzt. Zur Legitimation würden dabei ad. Bezüge in den Reden, himmli- sehe Erscheinungen, die Führung des Heiligen Geistes und Machttaten aufgeführt. Teil V stellt heraus, dass Lukas sein Evangelium so verfasste, dass dadurch die Kirche, zu der auch getaufte Heiden gehören, als im Leben Jesu verankerte Gemeinschaft legi- timiert werde.

Man mag dem Autor in seiner Auffassung von der Intention des lukani- sehen Werkes grundsätzlich zustimmen. In der exegetischen Durchführung vermisst man allerdings häufig eine differenzierte Argumentation. Die an- geblichen Vorausverweise des LkEv auf die Apg oder gar auf die Heidenmis- sion sind oftmals kaum nachzuvollziehen. Dass etwa das Jesuswort aus Lk 8,9 f. oder die Zachäusgeschichte auf die Heidenmission vorausverweisen würden, lässt sich durchaus bezweifeln, bei der Mission der 70 (72) ist es zumindest umstritten. L. übersieht, dass die lukanische Jesusgeschichte zu- nächst einmal für sich steht und ein eigenes Thema hat. Dass die Apg hieran anknüpft und dieses Thema in bestimmter Hinsicht entfaltet, ist zweifellos zutreffend. Die Beziehungen zwischen beiden Teilen des lukanischen Werkes sind jedoch wesentlich differenzierter. Dies kommt in der den Textbefund häufig vergröbernden Darstellung L.s nur ungenügend zum Ausdruck. Der im Folgenden zu besprechende Sammelband geht auf das 47. Collo- quium Biblicum Lovaniense zurück, das vom 29. bis 31. Juli 1998 unter der Präsidentschaft von J o sep h V e r h e y d e n an der Theologischen Fakultät Leuven stattfand und der Einheit der lukanischen Schriften gewidmet war. Der im darauffolgenden Jahr erschienene, von V. herausgegebene Band trägt den Titel »The Unity of Luke-Acts«.

Im ersten Teil sind die 15 »Main Papers« abgedruckt. Die Presidential Address von Joseph Verheyden heißt »The Unity of Luke-Acts. What Are We Up To?« Sie führt in die Thematik ein und bietet einen Forschungsüberblick. Einigkeit bestehe darüber, dass LkEv und Apg vom selben Autor geschrieben wurden. Jenseits dieses Konsenses werden allerdings verschiedene Modelle angeboten, um das Verhältnis zwischen beiden Werken zu bestimmen. V. zieht anhand der Arbeiten von Cadbury und Conzel- mann Linien in die weitere Diskussion. Cadburys berühmte Definition von Lk-Apg als »a single continuous work« sei für die Sicht des Doppelwerkes als einer narrativen Ein- heit grundlegend. Dies wird anhand der Diskussion um den Prolog des LkEv und mögliche Vorausverweise im LkEv auf die Apg veranschaulicht. Eine zweite Linie geht von Conzelmann aus, der einen substantiellen Beitrag zur Diskussion über die Theolo­

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gie des Lukas geleistet hat. Daraus resultierten verschiedene Fragestellungen. Wie ver- halten sich der Theologe und der Historiker Lukas zueinander? Wie ist das Verhältnis beider Schriften unter dem Aspekt einer theologischen Einheit zu betrachten? In neuerer Zeit seien das Thema »Lukas und die Juden« sowie das lukanische Werk als Quelle für die Frühzeit der Kirche in den Vordergrund getreten. V. bespricht sodann verschiedene Modelle, die lukanische Theologie unter einem einheitlichen Thema bzw. aus einer übergreifenden Perspektive zu entwickeln. Abschließend wirft er einen Blick auf die Diskussion über die Gattungs- und die Erzähleinheit beider Schriften des Lukas. Der Beitrag von Daniel Marguerat (»Luc-Actes : une unité à construire«) entspricht im Wesentlichen seinem neuerem Aufsatz »L’unité de Luc-Actes : un travail de lecture« in seinem Aufsatzband »La première histoire du christianisme. Les Actes des Apôtres«, der noch zu besprechen sein wird. M. zufolge wird die Einheit von Lk-Apg im Akt des Lesens realisiert. Der Leser müsse die Zeichen entdecken, die der Autor in seinem Text verteilt habe, damit sein Werk als Einheit gelesen würde. M. analysiert drei ein- heitsstiftende Modelle von relecture (»la relation des Actes à l’évangile n’est pas de l’ordre du commentaire, mais de la relecture par continuation«, 72). Jedes der drei Ver- fahren enthalte spezifische Textkennzeichen. Das erste, welches auf fortschreitende

Erhellung durch erneute Lektüre zielt, basiert auf der Technik der elliptischen Prolep- sen (»Prolepses elliptiques«). Es handelt sich um Stellen, die künftige Erzählereignisse (bereits) vorwegnehmen. So fungiert z.B. die Prolepse in Apg 1,8 als Schlüssel zur Auslegung der gesamten Erzählung (vgl. auch Lk 2,29.34-35; 9,51; Apg 9,15f.; 13,2;

21,11). »Une tournure elliptique ou ambiguë peut donc être [

stratégie narrative visant à exciter la quête de vérification chez le lecteur. [

dans le macro-récit conduit ainsi le lecteur à vérifier la fiabilité des promesses, et par là, à déceler la logique unificatrice de la narration« (67). Die zweite Erzählstrategie heißt »Des chaînes narratives«. So besteht etwa eine auffällige Verbindungslinie in der »Kette«, die die drei Hauptmänner verbindet, deren Glaube vorbildlich ist (Lk 7,1-10; 23,47; Apg 10-11; 15,7-11). Die dritte Strategie heißt »Une procédure de modélisati- on: la syncrisis« Hier geht es um die aus der antiken Rhetorik stammende Methode, eine Figur oder Szene nach dem Vorbild einer anderen Figur oder Szene der Erzäh- lung zu gestalten. Eine derartige Gegenüberstellung zweier oder mehrerer Personen soll zum Vergleich anregen oder zumindest eine wechselseitige Verbindung zwischen ihnen herstellen, so z.B. die Jesus-Petrus-Paulus-Parallele, das Martyrium Jesu und des Stephanus, die Begegnung in Emmaus und die Bekehrung des Äthiopiers usw. Im letzten Abschnitt seines Beitrags geht M. auf ein komplexeres Beziehungsge- flecht zwischen LkEv und Apg ein, indem er zwei auffällige Akzentverlagerungen ins Auge fasst —Verschiebungen im Hinblick auf die Tora und die christliche Einstellung zu Reichtum und Besitz -, die eine Spannung zwischen den beiden Lukasschriften hervorzurufen scheinen. Hier gelte es allerdings auch, zwischen Lukas, dem Histori- ker, und Lukas, dem Theologen, zu unterscheiden. M. unterstreicht sodann die Funk- tion dieser beiden Themen bei der Entwicklung einer christlichen Identität durch Lukas. Das Fazit lautet: »Plutôt que d’attribuer à Luc une pensée théologique massi- fiée qu’il distribuerait au gré des épisodes du récit, considérer les Actes comme une suite, ou mieux comme un effet de Γévangile, ménage d’un récit à l’autre un jeu de miroir, avec ses nécessaires reprises, déplacements et recompositions. Le va et vient de l’évan- gile aux Actes et des Actes à l’évangile, qu’appelle ce jeu de miroir, est le travail de la

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le résultat d’une

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Avancer

lecture; de ce travail naît l’unité de Lc-Ac« (80).

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Joël Delobel (»The Text of Luke-Acts. A Confrontation of Recent Theories«) gibt einen Überblick über neuere Arbeiten zum Text von Lk-Apg. Er konstatiert ein erneut erwachtes Interesse am westlichen Text. Für die Vielfalt der Theorien über den lukani- sehen Text sieht er im Wesentlichen drei Gründe : das Fehlen einer direkten »evidence« aus dem 2. Jh., den mitunter unbewussten Übergang von einer Hypothese zur Be- hauptung eines gesicherten Faktums sowie als dritten und wichtigsten Grund unge- klärte methodologische Zugänge, die zu einer geradezu paradoxen Aufwertung des »westlichen« Textes in der neueren Diskussion geführt hätten. Sodann nennt er neun Aspekte, anhand derer das methodische Vorgehen in den verschiedenen Modellen ge- prüft werden soll: (1) »Source and Redaction Criticism of Acts and of the Lucan Son- dergut« - der Übergang von einer Texttradition zur Annahme einer schriftlichen Quelle bei Boismard/Lamouille sei nicht hinreichend begründet; (2) »The Attribution of Luke-Acts to Luke, the Companion of Paul«; (3) »The Argument of Doublets« - von Dubletten sei nicht auf verschiedene Quellen zu schließen; (4) »The Argument of >Lucanism<« - hier seien die Kriterien häufig undeutlich; (5) »The Reconstruction of the >Western< Text«; (6) »The Reconstruction of the Second-Century Situation«; (7) »The Date of the >Western< Text«; (8) »The Nature of the >Western< Readings«; (9) »A Balanced Text-Critical Method«. —Die Debatte um den lukanischen Text, insonderheit das neue Interesse am »westlichen« Text, sei zu einem wesentlichen Teil der Tatsache geschuldet, dass diese Fragen nicht sorgfältig behandelt würden. Robert L. Brawley, »Abrahamic Covenant Traditions and the Characterization of God in Luke-Acts« bietet eine Interpretation derjenigen Passagen des lukanischen Werkes, die auf Abraham anspielen. Diese böten eine Beschreibung Gottes als desjeni- gen, der seine Versprechen hält, insbesondere das Versprechen, alle Geschlechter der Erde zu segnen (vgl. Lk 3,8; 13,10-17; 13,28-29; 16,19-31; 19,1-19; Apg 3,25/ Gen 22,18). In den Reden der Apg würden diese Verheißungen durch diejenigen an Mose und David aufgenommen, und sie blickten auf das Wirken Jesu voraus. - Dass die Tradition des Abrahambundes für die lukanische Theologie eine grundlegende Rolle spielt, ist zutreffend beobachtet. Es könnte einen interessanten Hinweis auf das Verhältnis von lukanischer und paulinischer Theologie liefern. Christopher M. Tuckett, »The Christology of Luke-Acts«, geht der Frage nach, ob die lukanischen Schriften eine Christologie enthielten oder von mehreren lukanischen Christologien zu sprechen sei. Etliche neuere Studien verteidigten die Sicht, wonach die lukanischen Schriften eine »hohe« Christologie repräsentierten, etwa Jesus als »regal Messiah-Servant» (Bock), den mit Gott Gleichgestellten (Buckwalter) oder als »prophet-servant-king Christology« (Strauss). Im lukanischen Werk trete die Kategorie »royal messianic« hervor. Insgesamt stünden aber der Glaube an die Auferstehung im Allgemeinen bzw. die Behauptung, dass die Christen das jüdische Gesetz nicht verlet- zen und keine politische Gefahr darstellen, im Vordergrund. Die Christologie sei auf Jesus als den Christus konzentriert und zeige diesen als einen, der gemäß dem göttli- chen Plan leiden musste. Joseph A. Fitzmyer, »The Role of the Spirit in Luke-Acts«, geht einem möglichen Hintergrund der lukanischen Geistvorstellung in der griechisch-römischen Literatur und in der Septuaginta nach. Bezüglich eines hellenistischen Einflusses ist F. skeptisch. Obwohl die Inspirationsvorstellung in zeitgenössischer griechischer Literatur gut be- zeugt ist, fehle hier die spezifische Interpretation von πνεύμα, wie sie in den Texten des Neuen Testaments begegnet. Lukas sei von der Septuaginta abhängig - sowohl im Blick auf den Wortschatz als auch auf die damit verbundenen Bedeutungen. Mit einer Ausnahme (dem »Geist« Jesu in Apg 16,7) beziehe sich πνεύμα άγιον bzw. κυρίου) auf

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den Geist Gottes und drücke Gottes dynamische Gegenwart bei seinem Volk aus. Diese Gegenwart wird zu Beginn jeder Periode in der lukanischen Konzeption von Heilsgeschichte erwähnt. Es ist der Geist Gottes, der eine weitere Entwicklung in jener Geschichte inauguriert (Lk 1,35; 3,22; 4,1.14; Apg 1,9 —11; 2,4.36). Diese Beto- nung der Geistgegenwart zu Beginn einer neuen Ära in der Heilsgeschichte steht im Gegensatz zu seinem Fehlen bei Jesu Wundern oder denjenigen seiner Jünger. Zu kon- statieren sei auch das Fehlen einer Erwähnung des Geistes in Apg 17-18 und 22-27. Andererseits wird der Geist Gottes bei entscheidenden Ereignissen in der Geschichte der frühen Kirche erwähnt, wie z.B. in Apg 15 oder bei der Saulusbekehrung in Apg 9. In der Apg wird der Geist gelegentlich personifiziert (5,3 f. u.ö.). Im AT wird vom Geist häufig als von einer Gabe gesprochen, als einer Größe, die auf Menschen fällt oder über sie kommt, so dass sie voll des Geistes bzw. mit dem Geist erfüllt werden. Diese Gebrauchsweise stimmt mit dem LkEv und der Apg überein. Des Weiteren sind beide Werke des Lukas durch Verweise auf den Geist zusammengebunden, wie die Zitierungen von Jes 61,1 f. und Joel 3,1 f. in Lk 4,18f. und Apg 2,17—21 zeigen. Die Hinweise auf den Geist in den Antrittsreden Jesu und des Petrus machen dem Leser klar, dass der Geist, der Jesus zu Beginn seines Wirkens gegeben wurde, identisch ist mit demjenigen, der später der ganzen Gemeinde gegeben werden wird, bzw. dass die Jünger in Apg 2 den Geist Jesu empfangen. Martin Rese widmet sich dem Thema »The Jews in Luke-Acts. Some Second Thoughts«. R.s »erste« Überlegungen finden sich in seinem Artikel in der Festschrift für Gerhard Schneider von 1991. Diese werden im ersten Teil des hiesigen Beitrags kurz zusammengefasst und ergänzt durch einen Überblick über die jüngste Diskussion (Sanders, Tyson, Tiede). Im Zentrum steht die Frage, ob Lukas die Juden als verloren ansieht. R. steht Jervells positiver Interpretation der Juden im LkEv und der Apg kri- tisch gegenüber. Obwohl er eine jüdische Herkunft des Lukas und eine Identifizierung der impliziten Leser als Gottesfürchtige (Tiede, Tyson) für möglich hält, macht er auf die methodische Schwierigkeit aufmerksam, den lukanischen Text auf der Grundlage von Vermutungen über die historische Situation des Lukas und seiner Leserschaft zu

interpretieren. »Historical facts or facts assumed to be historical are taken up for atta-

eking text-interpretations of other exegetes and for defending one’s own. [

concerns me here is the very polemical attempt to condemn other interpretations, an attempt based on a historical presupposition which is, at best, conjecture« (196). R. stellt sodann die Differenz heraus, die zwischen der Erwähnung von οι ’Ιουδαίοι im LkEv (5mal in neutralem Sinn) und der Apg (79mal, häufig in negativer Verwendung) besteht. Diese deutliche Differenz der Perspektive auf die Juden sei gattungsbedingt, denn eine negative Darstellung war in einem Bericht über das Wachstum der Kirche über das Judentum hinaus verständlich, nicht jedoch in einer Erzählung über Jesus. Lukas habe den Ausdruck in seinen beiden Büchern also vermutlich deshalb unter- schiedlich gebraucht, weil die Juden aus seiner Sicht unterschiedliche Rollen in der Zeit Jesu und derjenigen der frühen Kirche gespielt hätten. R. schließt mit einer Un- tersuchung über das Ende der Apg (28,17-31). Er steht Versuchen skeptisch gegen- über, das lukanische Gesamtwerk von der Schlussszene Apg 28,17-31 her zu lesen und diese als einen Ausdruck der Hoffnung für die Juden zu verstehen. Er hebt viel- mehr hervor, dass ein Gegensatz zwischen dem Paulus der Apg (28,17-31) und dem Paulus der Briefe (Röm 9-11) im Umgang mit dieser Thematik verbleibe: »the last word spoken by the Paul of Acts is a condemnation of >the Jews<, and in the last chap- ter of Acts there is not the slightest trace of an interest in the fate of the unbelieving

Jews» (201).

What

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Friedrich Wilhelm Horn, »Die Haltung des Lukas zum römischen Staat im Evange- üum und in der Apostelgeschichte«: In LkEv und Apg lasse sich dieselbe Haltung zum römischen Staat feststellen. Die Gerichtsszenen Jesu und des Paulus stünden an her- ausgehobener Stelle, in beiden Fällen wird die Anklage von jüdischer Seite erhoben, von römischer Seite hingegen die Unschuld der Angeklagten festgestellt. Des weiteren erscheinen die Jesusbewegung und die apostolische Mission an keiner Stelle als eine ernsthafte Gefährdung für den römischen Staat, vielmehr werde der unpolitische An- Spruch mehrfach festgehalten. Zudem nehme der römische Staat das Christentum in Schutz. Für diesen Befund habe sich die Bezeichnung »lukanische Apologetik« einge- bürgert. Allerdings habe die jüngere Forschung gezeigt, dass Lukas ungeachtet dieser grundsätzlichen Tendenz um Differenzierungen bemüht sei. H. geht dem anhand einer Analyse der beiden Prozessberichte nach, einschließlich eines Blicks auf die For- schungsgeschichte. Für sein Argument spielt die Darstellung der Herodesfamilie im lukanischen Doppelwerk eine wichtige Rolle. Die Mitglieder der Herodesfamilie würden als »in Religionsfragen kenntnisreiche und politisch verlässliche Zeugen« dar- gestellt. Damit übernehmen sie die Funktion einer Verteidigung des Christentums ge- genüber römischen Lesern. Andreas Lindemann behandelt »Einheit und Vielfalt im lukanischen Doppelwerk. Beobachtungen zu Reden, Wundererzählungen und Mahlberichten«. Im Unterschied etwa zum MtEv könne man im Blick auf das LkEv von »Reden« im eigentlichen Sinn kaum sprechen. Eine Ausnahme bilde die sogenannte Antrittspredigt Jesu in Nazaret (Lk 4,16-30). In Anbetracht der Tatsache, dass auch in der Apg mit der Pfmgstpredigt des Petrus in Jerusalem eine Redeszene am Anfang des öffentlichen Wirkens der christlichen Apostel stehe (2,14—41), erachtet es L. für angemessen, beide Texte trotz

ihrer Unterschiedlichkeit miteinander zu vergleichen, was er im ersten Teil seines Bei- trags tut. Die beiden Redeszenen seien von Lukas offensichtlich bewusst parallel ge- staltet worden. Dies gelte umso mehr, als sie sich auch hinsichtlich ihrer Stellung im Kontext miteinander vergleichen ließen, denn sowohl in Lk 4 als auch in Apg 2 folge auf die Rede ein Summarium. Das erste diene einer grundsätzlichen Aussage über Jesu andauernde und erfolgreiche Predigttätigkeit in Kapernaum. Das zweite diene in ähnü- eher Weise dazu, »grundsätzlich die Lebenswirklichkeit der auf wunderbare Weise so groß angewachsenen Gemeinde zu beschreiben« (235). - Die zu diskutierende Frage laute: »Warum lässt Lukas Jesu öffentliches Wirken mit einem derartigen Fehlschlag

dagegen mit einem so

überaus großen Erfolg?« —Grund sei, dass Lukas mit den beiden Szenen »theolo- gisch« sagen wolle: »zwar habe Jesu irdisches Wirken ebenso begonnen, wie es dann endete, nämlich in einer Katastrophe, das Wirken der durch den von Jesus verheiße- nen Geist geleiteten Kirche hingegen sei von Anfang an in höchstem Maße erfolgreich gewesen« (237). Im zweiten Teil vergleicht L. die im LkEv und in der Apg erzählten Wundergeschichten. Die Totenerweckungen weichen nach Form und Erzählzweck er- heblich voneinander ab. »Auffällig ist aber die ihnen allen gemeinsame starke Bindung an die biblische Überlieferung von Elia und Elisa; diese verdankt sich möglicherweise der lukanischen Redaktion und entspricht jedenfalls den Interessen der Theologie des Lukas« (248). Der dritte Teil handelt schließlich von Abendmahl und Mahlgemein- schaft im LkEv und der Apg. Dabei gelangt L. zu der Einsicht: »Das in Lk 22,14-20 geschilderte Mahl ist nach der lukanischen Darstellung offensichtlich als einmalig und unwiederholbar gedacht; nur bei der χλάσις του άρτου hat Jesus ausdrücklich eine Wiederholung angeordnet.« Dem entspreche die Form der Mahlfeier in der Apg, die dort als »Brotbrechen« bezeichnet wird.

beginnen, das nachösterliche öffentliche Wirken des Petrus [

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Adelbert Denaux behandelt »The Theme of Divine Visits and Human (In)hospitali- ty in Luke-Acts. Its Old Testament and Graeco-Roman Antecedents«. Justin Taylor, »La fraction du pain en Luc-Actes«, befasst sich mit dem Verhältnis von Brotbrechen und Eucharistiefeier im Urchristentum. Das Brotbrechen könne ein eigener Ritus mit verschiedenen Konnotationen gewesen sein. Walter Radi, »Die Beziehungen der Vor- geschichte zur Apostelgeschichte, dargestellt an Lk 2,22-39«, legt dar, dass sich die lukanischen Kindheitsgeschichten bereits auf die Apg beziehen. Besonders sei dies am Auftreten »frommer Menschen«, der Begegnung mit Jesus sowie der Simeon-Prophe- tie abzulesen. Odette Mainville, »Le messianisme de Jésus. Le rapport annonce / ac-

complissement entre Lc 1,35 et Ac 2,33«, vertritt die These, die beiden genannten Pas- sagen würden einander ergänzen. Die erste kennzeichne die Messianität Jesu als eine pneumatische Messianität, während die zweite die Bestätigung dieser Verheißung dar- stelle. Apg 2,22-36 ordne die Einsetzung Jesu als des Messias der Auferstehung zu. Dies komme auch in der Paulusrede im pisidischen Antiochia zum Ausdruck, die dem- selben Argumentationsschema folge. Was am Ende des Evangeliums erfüllt und am Anfang der Apg durch Petrus der Welt bekannt gemacht worden war, wurde bereits ganz zu Anfang des Lukasevangeliums in den Worten über die Verheißung des Geistes und die Geburt eines heiligen Kindes angekündigt (Lk 1,35). Jacob Kremer, »Die dreifache Wiedergabe des Damaskuserlebnisses Pauli in der Apostelgeschichte. Eine Hilfe für das rechte Verständnis der lukanischen Osterevan- gelien«, geht dem dreifachen Bericht von der Paulusbekehrung in Apg 9; 22; 26 zu- nächst synchron, dann diachron nach. Anschließend vergleicht er den Befund mit Lk

24. Ein solcher Vergleich »ermöglicht es sodann, daraus Folgerungen [

tionale Darstellungsweise des Verfassers von Lk/Apg und das damit gegebene Pro- blem heutiger Vermittlung dieser Aussagen über die Ostererfahrungen bzw. die Beru- fung des Paulus zu ziehen« (329). In den Texten liege eine typisch lukanische Erzähl- weise vor. Der Verfasser habe die ihm vorgegebenen Traditionen sehr eigenständig

gestaltet. Dabei gehe es ihm nicht um »historisch exakte, protokollarische Geschichts- Schreibung«. Vielmehr sollten »die einzigartige Wende im Leben des Verfolgers Paulus und sein Engagement für die Heidenmission als eine durch den auferstandenen Herrn bzw. durch Gott gewirkte Bekehrung und Berufung« verstanden werden (353). Vergli- chen mit den eigenen Darstellungen des Paulus sei diejenige der Apg »unvollkommen,

sogar falsch« (354). Sie sei ein Versuch, ein menschliches Verstehen

übersteigendes Ereignis verständlich zu machen. Dasselbe gelte für die Erscheinungen des Auferstandenen in Lk 24, die ebenfalls eine Reduktion auf ein innerweltliches Ge-

schehen darstellten. Frans Neirynck, »Luke 4,16-30 and the Unity of Luke-Acts«, untersucht die An- spielungen auf Jesu Antrittsrede (Lk 4) in der Apg. Derartige Aufnahmen ließen sich in den Reden des Paulus (Apg 9,19b—25; 13,14—52), in den Missionsreden des Petrus (Apg 2,17—40; 3,11—26; 10,34—43) und im Finale der Apg (28,17 —31) feststellen. Im zweiten Teil des Bandes folgen 24 »Offered Papers«. Diese befassen sich mit folgenden Themen: Prologe und Gattung von Lk-Apg (Loveday Alexander; David P. Moessner; Steve Walton; Eckhard Plümacher), die Frage nach einem Proto-Lukas (Thomas L. Brodie), Lukas und Paulus (George P. Carras; Josef Pichler; Günter Was- serberg), Fragen der (symbolischen) Geographie und der Chronologie (Dean P. Béchard; Armand Puig i Tàrrech; Benedikt Schwank), die Beziehung zum Judentum (Peter J. Tomson; Sabine Van Den Eynde), Christologie (Camille Focant) sowie mit einzelnen Aspekten der Theologie des Lukas (Heinrich Baarlink; Michael Bachmann;

inadäquat und [

für die fik-

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Agustín del Agua; Georg Geiger; Gerbern S. Oegema; Ulrich Schmid; Nicholas H. Taylor; Florian Wilk) und aus seiner sozialen Welt (Bart J. Koet; Veronica Koperski).

Der Band bietet reichhaltiges Material für die Beschäftigung mit der Frage nach Einheit und Differenz im lukanischen Doppelwerk. Er ist für die Be- handlung dieser Thematik künftig eine der zentralen Grundlagen. Im Blick auf die Frage der Einheit des lukanischen Werkes sind die Beiträge von Mar- guerat und Alexander (»Reading Luke-Acts from Back to Front«) besonders hervorzuheben.

Wir schließen diesen Überblick ab mit einem Blick auf die 2001 erschiene- ne Arbeit von H é c t o r S á n c h e z , »Das lukanische Geschichtswerk im Spie- gel heilsgeschichtlicher Übergänge«. Die Arbeit wurde als Dissertation von der Theologischen Fakultät Paderborn angenommen. Sie möchte das For- schungsparadigma »apostolische und nachapostolische Zeit« anhand zweier Aspekte überprüfen: des Motivs des »Übergangs« (»Transitus«) sowie der Darstellung der Entwicklung und des Ausgangs der »apostolischen Zeit« bei Lukas. Dabei konzentriert sie sich insbesondere auf zwei »Übergänge«: den- jenigen von Jesus zu den frühen christlichen Gemeinden (die zwölf Apostel als maßgebliche Kontinuitätsträger der Christuszeugnisse in Israel) sowie denjenigen von der apostolischen zur nachapostolischen Zeit (die Idee von der Ekklesia als dem »Israel der Endzeit«).

Nach einer knappen Einleitung bestimmt S. zunächst im /. Kap. die Begriffe »Über- gang/Transitus« sowie »apostolische und nachapostolische Zeit« näher. Der Begriff »Übergang« wird als »Ausdruck einer neuen Zeiterfahrung« bzw. als »Epochenschwei- le« definiert, wobei unklar bleibt, warum S. nicht gleich den letzteren verwendet, son- dern stattdessen den unscharfen und mehrdeutigen Ausdruck »Übergang« bevorzugt. Die Einteilung »apostolische und nachapostolische Zeit« verfolgt S. von Tertulüan bis in die Forschung des 20. Jh.s. Es lägen hier eine historische und eine theologische Komponente ineinander, wobei die letztere dominierend sei. Die folgenden Kapitel untersuchen das Transitus-Motiv bei Lukas. Zunächst geht es anhand von Lk 1,1-4 um Verheißung und Erfüllung. Kap. 3 untersucht »apostolische und nachapostolische Zeit« bei Lukas. Die Apostel und Paulus setzten das Werk Jesu fort. Im Folgenden kommen die beiden schon genannten Übergänge in den Blick: Kap. 4 behandelt den »Transitus« von der Zeit Jesu zu der Zeit der Apostel anhand von Apg 1. Nach dieser Hinführung zum Anfang der Apostelzeit stellt Kap. 5 dar, wie Lukas die apostolische Zeit in Apg 2 —5 und 6 —8 schildert. Im 6. Kap. geht es sodann um den Übergang von der apostolischen zur nachapostolischen Zeit anhand von Apg 15. Am Ende steht ein Schlusswort (7. Kap.), das die wesentlichen Ergebnisse zusammenfasst.

Lukas selbst befinde sich in einer Übergangszeit, in der eine eigene Stand- ortbestimmung nötig sei. Übergangszeiten sind nach dem Verständnis des Lukas wichtige Momente im Heilsgeschehen, die das in Erfüllung gegangene Heilsereignis nach- und das Kommende vorbereiten. Sie zeigen den Rieh-

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tungssinn des Heilshandelns Gottes und die Kontinuität auf. Die apostoli- sehe Zeit ist in der Interpretation des Lukas die Zeit der Sammlung Israels um das Christusgeschehen durch das Zeugnis der Apostel. Die nachapostoli- sehe, paulinische Zeit sei gekennzeichnet durch die Annahme des Christus- Zeugnisses durch die Heidenvölker. Die dem Lukas vorliegenden Einzelüber- lieferungen habe er erstmals in einen inneren Zusammenhang gebracht, wobei es ihm nicht um chronologische Schilderungen, sondern um den Erweis der Kontinuität von Christusgeschehen und Kirche gegangen sei, wodurch der Kirche zugleich eine Zukunft eröffnet werde. Die spezifische Pointe der Arbeit hat sich dem Verfasser dieses Berichtes nicht erschlossen. Ein zusammenfassender Blick auf die hier besprochenen Arbeiten zeigt zunächst, dass die Einbeziehung der Apg in das lukanische Doppelwerk zu den zentralen Bemühungen des hier zu besprechenden Zeitraums gehört. Dabei zeigte sich, dass die Einheit von Lk-Apg oftmals als gegeben voraus- gesetzt wird und thematisch oder strukturell aufgewiesen werden soll. Dies führt mitunter dazu, dass ohne Unterscheidung verschiedener Möglichkeiten der Realisierung dieser Einheit (als narrative, theologische oder gattungsmä- ßige Einheit) LkEv und Apg gemeinsam unter bestimmten Fragestellungen behandelt werden. Hierin liegt ein methodisches Defizit, das sich in den ent- sprechenden Arbeiten dann auch regelmäßig niederschlägt. Die Problematik wurde von Parsons und Pervo in ihrer kleinen, aber überaus wichtigen Studie von 1993 in aller wünschenswerten Klarheit benannt. Diese Arbeit hat bislang noch nicht diejenige Bedeutung in der Forschung am lukanischen Doppelwerk erlangt, die ihr eigentlich zukommt. Schließlich stellt der von Joseph Verheyden herausgegebene Band vom Leuvener Colloquium 1998 eine reichhaltige Grundlage für die weitere Dis- kussion bereit. Hier wird sowohl die Frage nach der Λ τί der Hinheit des luka- nischen Werkes diskutiert als auch auf verschiedene thematische Aspekte von LkEv und Apg eingegangen. Die Fragen, was es für die Interpretation der Apg bedeutet, sie als Fortsetzung des LkEv zu lesen, und was es für das Verständnis des lukanischen Werkes insgesamt impliziert, dass sein zweiter Teil auf die freie Predigt des Paulus in Rom zuläuft, sind noch längst nicht ausgelotet. Hier liegt deshalb ein wichtiges und Gewinn versprechendes Gebiet künftiger Lukasforschung.

7. O ie Apostelgeschichte als Geschichtsschreibung und Geschichtstheologie

S y l v ia H a g e n e , Zeiten der Wiederherstellung. Studien zur lukanischen Geschichts- theologie als Soteriologie (NTA NF 42). Aschendorff, Münster 2003, IX + 366 S. -

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Hellenistic History. Ed. by

Conrad H. Gempf (WUNT 49). Mohr Siebeck, Tübingen 1989, X IV + 482 S. - Jacob

J e r v e ll, The Theology o f the Acts o f the Aposdes (New Testament Theology). Cam-

bridge University Press,

M aloney, »All that God had Done with Them«. The Narration o f the Works o f God in the Early Christian Community as Described in the Acts o f the Apostles (AmUSt.TR 91). Peter Lang, New York u.a. 1991, XIII + 273 S. - D a n ie l M argue- r a t, La première histoire du christianisme. Les Actes des Apôtres (LeDiv 180). Les Éditions du Cerf/Labor et Fides, Paris/Geneva 1999 (22003), 454 S. - D ers., The First Christian Historian. Writing the >Acts o f the Aposdes<. Translated by Ken McKinney, Gregory J. Laughery, and Richard Bauckham (MSSNTS 121). Cambridge

Cambridge 1996 (repr. 2000), X III+ 142 S. - Linda M.

C o lin J. Hemer, The Book o f Acts in the Setting o f

University Press, Cambridge 2002, X II+ 299 S. - R ichard I. P ervo, Profit With De- light. The Literary Genre o f the Acts o f the Aposties. Fortress, Philadelphia 1987, XIII+ 212 S. - E ckhard P lüm acher, Geschichte und Geschichten. Aufsätze zur Apostelgeschichte und zu den Johannesakten. Hg. von Jens Schröter und Ralph Brücker (WUNT 170). Mohr Siebeck, Tübingen 2004, X X IV + 320 S. - C la re K. R o th sc h ild , Luke-Acts and the Rhetoric o f History. An Investigation o f Early

Christian Historiography (WUNT 11/175).

S. - John T. Squires, The plan of God in Luke-Acts (MSSNTS 76). Cambridge Uni-

S te r lin g , Historiography

versity Press, Cambridge 1993, X + 233 S.

- and Self-Definition. Josephos, Luke-Acts and Apologetic Historiography (NT.S 64). Brill, Leiden u.a. 1992, XV + 500 S.

Mohr Siebeck, Tübingen 2004, X V I+ 371

G re g o r y

E.

In diesem Abschnitt tritt uns eine weitere Perspektive auf die Apg entgegen:

ihre Wahrnehmung als erste christliche Geschichtsdarstellung. Diese ist von ihrer Einordnung in das lukanische Doppelwerk nicht in allen Fällen eindeu- tig abzugrenzen, denn beide Werke können auch gemeinsam als ein solches Geschichtswerk betrachtet werden. Zudem kann unter dieser Beschreibung Verschiedenes verstanden werden: Der Akzent kann auf dem Geschichts- wert der Apg liegen, auf ihrer Gattung, ihrer Stellung innerhalb der antiken Historiographie oder ihrer Geschichtstheologie. Die Arbeiten zu diesem Gebiet wenden sich je einem dieser Schwerpunkte zu. Sie verbindet dabei die Auffassung, dass die Apg als ein der antiken Geschichtsschreibung zugehöri- ges Werk zu betrachten und entsprechend zu interpretieren sei. Im zuletzt genannten Aspekt kommt zum Ausdruck, dass die Geschichtsdarstellung der Apg zugleich als die spezifische Form ihrer Theologie anzusehen ist. Wir beginnen mit der auf eine Dissertation (1979, Harvard University, an- geregt von Helmut Koester und Dieter Georgi) zurückgehenden, 1987 er-

schienenen

tersuchung könnte die Überschrift dieses Teils des Berichts gleich wieder in Frage stellen, denn P. versteht anders als die übrigen in diesem Teil zu besprechenden Untersuchungen —die Apg nicht als Geschichtsschreibung, sondern als historischen Roman, aus dessen Lektüre man »profit with de- light« (der Titel ist einem dem Buch vorangestellten Horaz-Zitat entnom­

Studie von R ic h a r d I.

P e r v o , »Profit With Delight«. Diese Un-

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men) ziehen könne. Diese Auffassung basiert auf der Beobachtung, dass die Darstellung des Lukas von unterhaltenden Elementen volkstümlicher Litera- tur geprägt und deshalb der romanhaften Unterhaltungsliteratur zuzurech- nen sei.

P. entwickelt seine These in fünf Schritten. Zunächst legt er dar, warum es sich lohne, die Frage nach der Gattung der Apg neu aufzugreifen. Die hierfür in der For- schung häufiger angeführten Merkmale wie das Vorwort, die Reden oder weitere Ana- logien zu Geschichtswerken seien, wie P. zu Recht bemerkt, keine eindeutigen Indizien für die Zuweisung der Apg zur Geschichtsschreibung, denn sie finden sich auch in anderen Werken. Anhand von Apg 19 zeigt er zudem, dass die Darstellung der Apg durchaus die Gestalt einer unterhaltenden Erzählung auf schmalem historischem Hin- tergrund annehmen könne. Die in der Forschung aufgetretene Alternative »Historiker« (Zahn, Ramsay) oder »Schriftsteller« (Dibelius, Cadbury) sei bislang nicht gelöst worden, auch nicht durch Haenchen, der beides miteinander zu verbinden suchte (Lukas als erbaulicher, nicht als zuverlässiger Historiker). In den nächsten beiden Kapiteln stellt P. die romanhaften Züge der Apg dar. Als Vergleich dienen dabei Romane aus der griechisch-römischen Literatur sowie die apo- kryphen Apostelakten. So werden etwa auf S. 14—17 33 Abenteuergeschichten der Apg aufgelistet, zu denen z.B. Befreiungswunder, Martyrien, Verhöre oder der Schiff- bruch des Paulus gehören. Analogien hierzu findet P. in der genannten Romanliteratur sowie in den Apokryphen. Sodann wendet sich P. Ursprung und literarischer Gestalt des antiken Romans zu. Dieser Teil (Kap. 4 und 5) ist als literaturwissenschaftliche Einführung in den antiken Roman durchaus instruktiv. Der antike Roman setze die weltoffene Atmosphäre des Hellenismus voraus und sei durch seine unterhaltende Darstellung verschiedener Le- bensSituationen gekennzeichnet. Als Adressaten sei an eine junge gebildete Schicht zu denken, die in Städten wohnte. Charakteristische Erzählzüge seien etwa die spannen- de, humorvolle oder ironische Schilderung von Reisen, Wundern oder auch politi- sehen Ereignissen. Hieran anschließend werden einige Romane aus dem paganen, jüdi- sehen und christlichen Bereich näher in den Blick genommen, die nach P. für die Gat- tungsbestimmung der Apg am ehesten von Bedeutung sind (z.B. der Alexanderroman, Artapanus, Tobit, Joseph und Aseneth). P. schließt, die Apg sei als historischer Roman zu betrachten, eine Gattung, die dann durch die apokryphen Apostelakten fortgesetzt werde.

Der Beitrag von P.s Studie besteht darin, ein Charakteristikum der Erzähl- weise des Lukas —die unterhaltsame, oft auch humorvolle oder spannende Schilderung von Ereignissen —herausgestellt zu haben. Für eine Zuweisung der Apg zur antiken Romanliteratur reicht dies allerdings kaum aus. Das 1989 posthum erschienene Buch des 1987 unerwartet verstorbenen britischen Althistorikers C o lin J. H em er stellt einen Kontrapunkt zu dem- jenigen von Pervo dar. Das Manuskript des Buches lag zum größten Teil in einer publikationsreifen Form vor. Es wurde von Conrad C. Gempf, einem Freund des Verstorbenen, in die letzte Druckfassung gebracht. Ein Vorwort

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von I. Howard Marshall informiert über die Entstehung und inhaltliche Aus- richtung des Buches. In der Tradition der britischen Actaforschung - im deutschsprachigen Bereich wären vornehmlich Alfred Wikenhauser, Adolf von Harnack und Martin Hengel zu nennen —versteht H. die Apg als einen im Wesentlichen zutreffenden historischen Bericht über die erzählten Ereig- nisse.

Das erste Kapitel »Acts and Historicity« steuert sogleich auf diese Frage zu. Die Frage der Historizität der Apg sei in der Forschung zu Unrecht vernachlässigt worden. Sie sei aber von Bedeutung, weil nur so etwas über die Mission des Paulus und die Anfän- ge des Christentums in Erfahrung zu bringen sei. Zudem sei die Apg von einer großen Anzahl bedeutender Forscher als ein früh zu datierendes, von einem Paulusbegleiter stammendes Werk beurteilt worden. Schließlich dürfe die theologische nicht gegen die historische Frage ausgespielt werden. Kap. 2 bespricht »Preliminary Questions« wie die Einheit des lukanischen Werkes, die Gattung, das Textproblem und die Quellenfrage. Zum Thema »Meaning of Histo- ricity« vermerkt H., dass Lukas nicht am Maßstab moderner Geschichtsschreibung ge- messen werden dürfe. Zugleich dürften die antiken Maßstäbe nicht als minderwertig abgetan werden. Vielmehr sei ein Verständnis von Historizität anhand von Begriffen wie »>accurate<, >trustworthy< or >reliable<« zu entwickeln. Hierfür seien die literarischen, vor allem aber die epigraphischen und numismatischen Zeugnisse der in der Apg vor- kommenden kleinasiatischen Städte heranzuziehen. Kap. 3 wendet sich der Stellung des Lukas in der antiken Geschichtsschreibung zu. Zum Vergleich werden vor allem Josephus und Polybius herangezogen. Die Grenzen zwischen Biographie, Historiographie und »technischer Literatur« seien fließend. Auch sei eine Spannbreite von eher zuverlässigen (Polybius) bis zu unzuverlässigen (Tacitus, Josephus) Werken festzustellen. Das Werk des Lukas müsse deshalb aus sich selbst heraus auf seine historische Zuverlässigkeit hin geprüft werden. Kap. 4 und 5 wenden sich der Frage nach der Historizität der Apg konkret zu. Kap. 4 nimmt zunächst »Types of Knowledge Displayed in Acts« in den Blick. Neben allge- meinen Informationen geht es vor allem um solche Aussagen, hinter denen sich histo- risches Wissen vermuten lasse. Das Kapitel ist im Wesentlichen eine Aufzählung und kurze Kommentierung der entsprechenden Stellen, beginnend mit Apg 1,12.19 usw., die Kenntnis von der Topographie Jerusalems zeigten, über die Erwähnung von Reise- wegen, Personen (Prokonsul auf Zypern), Städten, die Schilderung konkreter Verhält- nisse in den Städten der Paulusmission bis zu derjenigen der Seefahrt des Paulus nach Rom. Kap. 5 heißt »Evidence from Historical Details in Acts«. Hier werden z.B. die Ein- Ordnung des Täufers in die Regierungszeit des Tiberius, die gemeinsame Nennung von Annas und Kajaphas in Apg 4,6, die Erwähnung der Kandake in 8,27, der Flucht des Paulus aus Damaskus, das Claudiusedikt u.a.m. genannt. Zum Teil werde dies durch die paulinischen und deuteropaulinischen Briefe bestätigt. H. betont ausdrücklich, »that we are far removed from a simplistic attempt to prove the historicity of Acts. There is no simple correspondence between the confirmation of individual details and the overall historicity of a book« (219). Allerdings zeige sich Lukas als ein an Details interessierter Autor, der, anders als Josephus, sorgfältig gearbeitet habe.

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Kap. 6 bespricht das Verhältnis von Apg und Paulusbriefen. Die Apg stimme in weiten Teilen mit den Paulusbriefen überein, zu denen H. auch Kol und sogar Eph rechnet. Dabei wird der Jerusalembesuch aus Gal 2 mit demjenigen in Apg 11,30 gleichgesetzt. Kap. 7 plädiert für die südgalatische Hypothese, Kap. 8 für eine persönliche Kennt- nis von Lukas und Paulus auf der Grundlage der Wir-Passagen, vor allem anhand von Apg 27 f. Kap. 9 wendet sich der Datierung der Apg zu. Sie reflektiere die Situation vor 70 und sei um 62 entstanden. Ein Exkurs liefert vor allem epigraphisches Material zu »Names and Tides in Acts« (221-243), zwei Appendices gehen auf Reden und Wunder in der Apg sowie auf die Gottesfürchtigen ein.

H.s Buch ist zweifellos eine gelehrte Studie. Ihre Stärke liegt in der Ein- Ordnung der Apg in den Kontext antiker Geschichtsschreibung sowie in der Untersuchung des historischen Wissens des Lukas. Wie es bei derart gelager- ten Untersuchungen zumeist der Fall ist, wird auch bei derjenigen von H. der Unterschied zwischen derartigem Wissen und der Historizität der berich- teten Ereignisse nicht genügend unterschieden. Zudem werden die Unter- schiede in den historischen Kenntnissen in den verschiedenen Teilen der Apg nicht genügend beachtet. Die Untersuchung macht zu Recht darauf auf- merksam, dass Lukas seine Erzählung mit zahlreichen Details des Milieus der Gegenden und Städte versehen hat, in denen sich die berichteten Ereig- nisse zutragen. Die Frage nach der Authentizität dieser Ereignisse selbst, nach dem Verhältnis zu den Paulusbriefen sowie nach Verfasser und Abfas- sungszeit der Apg sind damit noch nicht beantwortet, sondern bedürfen einer eigenen, kritischen Untersuchung. Dem Thema »Geschichte als Theologie« ist die 1991 erschienene, von Gerhard Lohfink betreute Dissertation von L in d a M. M a lo n e y gewidmet. Ihre Ausgangs frage lautet, welchen Beitrag Lukas zur Frage nach dem Han- dein Gottes in der Geschichte leistet. Diese Frage versteht sie nicht nur als eine historische, sondern durchaus als eine aktuelle, auch unsere Gegenwart betreffende. Ihre Arbeit ist vor diesem Hintergrund auf die exegetische Un- tersuchung zentraler Textpassagen im lukanischen Werk gerichtet, die vom Eingreifen Gottes in die Geschichte berichten. M. möchte herausfinden, ob dabei ein »underlying pattern« zu entdecken sei (2).

Nach einer knappen Einleitung folgt ein »Backgrounds« überschriebenes Kap. 1. Hier werden Schriften der hebräischen Bibel (Psalmen) und atl. Pseudepigraphen an- gesprochen, ein Blick wird auf 1 QH geworfen. Dies sei nötig, da Lukas tief in der Septuaginta verwurzelt sei, weshalb sich dort Vorbilder für das gesuchte Schema finden könnten. Warum dazu hebräische und aramäische Schriften herangezogen werden und nicht von der Rezeption der Septuaginta im lukanischen Werk ausgegan- gen wird, bleibt unklar. Lukas habe jüdische Feiern, in denen die Taten Gottes geprie-

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sen wurden, mit hoher Wahrscheinlichkeit aus eigener Anschauung gekannt. Woher M. dieses Wissen nimmt, verrät sie nicht. Die folgenden Kapitel untersuchen sieben Texte aus dem lukanischen Werk: Den Anfang macht Lk 24,33-35 (die Rückkehr der Emmausjünger nach Jerusalem, Kap. 2,

3 Seiten [!]), es folgen sechs Texte aus der Apg {Kap. 3 -8 ). Kap. 9 beinhaltet eine

Zusammenfassung. Ausgewählt sind solche Texte, in denen die christliche Gemein- schaft zusammenkommt, um den Bericht von Taten Gottes zu hören (z.B. nach der Freilassung der Apostel in Apg 4,23 —31, nach der Befreiung des Petrus in Apg 12,11-17 oder nach der Rückkehr von Barnabas und Paulus von der ersten Missions- reise). Die Textanalysen sind an »Tradition, Composition and Redaction« orientiert und bestätigen das bereits auf S. 2 vorgestellte Schema: »Transition - Arrival - Assem- bly —Report —Response«. Dass sich eine Zusammenkunft nach diesem Schema voll- zieht, ist keine allzu überraschende Erkenntnis. Gelegentlich finden sich passable se- mantische Beobachtungen, fragwürdig ist allerdings, dass M. immer wieder auf die Entsprechung hebräischer Termini zur Septuagintaübersetzung rekurriert. Dies trägt für die Untersuchung des lukanischen Textes und seiner Grundlage nichts aus. Bezüglich der lukanischen Geschichtstheologie kommt M. im Wesentlichen zu drei Ergebnissen: Es gebe eine Korrespondenz von Schöpfung und Eschatologie, von Einst und Jetzt. 1. Das Schicksal Jesu (Tod und Auferstehung) sei zum Schicksal der Gemeinde geworden, die dessen Geschichte fortsetze. 2. Die Juden seien nicht mehr Gottes Volk, sondern den Heiden gleichgestellt, die gegen Gott und seinen Gesalbten aufbegehren (Apg 4/Ps 2). 3. Das Wirken Gottes in der Geschichte sei nicht abge- schlossen. Das Osterereignis sei eine Vorwegnahme der Erfüllung der Geschichte. Es müsse jedoch in der Geschichte noch realisiert werden, um zu seiner Vollendung zu gelangen. Am Ende steht ein Abschnitt »Narrating God’s Works Today«, in dem M. auf ihre Eingangs frage zurückkommt.

Die Arbeit von M. bleibt unter dem Niveau der Diskussion um die Ge- schichtstheologie des Lukas. In einer ebenso anspruchsvollen wie umfangreichen Dissertation nähert sich G r e g o r y E. S t e r l i n g der Stellung des lukanischen Werkes innerhalb der hellenistischen Geschichtsschreibung. Wie bereits der Titel anzeigt, ordnet S. das lukanische Werk einer Richtung zu, die er »apologetische Ge- schichtsschreibung« nennt und zu der er auch die »Antiquitates« des Jose- phus, aber auch eine ganze Reihe weiterer antiker Geschichtswerke paganer und jüdischer Herkunft rechnet.

Im Emleitungskapitel (»Genre and Historiography«) erklärt S., dass bisherige Défini- tionen der Gattung sowohl des lukanischen Doppelwerkes als auch der »Antiquitates« des Josephus unzureichend seien. Letztere legten sich zum Vergleich mit Lukas nahe, da sie etwa zur selben Zeit die Geschichte einer bestimmten Gruppe innerhalb der hellenistisch-römischen Welt mit apologetischem Ziel erzählten. Daraus erwachse die Frage nach einer entsprechenden Tradition apologetischer Geschichtsschreibung. Me- thodisch schließt sich S. an eine Gattungstheorie an, die Inhalt, Form und Funktion eines Werkes gleichermaßen Beachtung schenkt. »Apologetische Historiographie« wird definiert als die Geschichte einer Gruppe (»subgroup«) von Menschen in einer ausge­

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dehnten Prosaerzählung, die von einem Mitglied der Gruppe verfasst wurde, das den gruppeneigenen Traditionen folgt, sie aber hellenisiert, um so die Gruppenidentität innerhalb der weiteren Umwelt aufzubauen (17). Kap. 2 -5 stellen die Entwicklung von den Anfängen griechischer Ethnographie über »Ethnographie im Übergang« zu apologetischer Historiographie dar. Dabei ent- wickelt S. die Auffassung, dass sich »apologetische Geschichtsschreibung« in bewuss- ter Auseinandersetzung mit hellenisch zentrierter Ethnographie entwickelt habe. Kap. 2 (»Greek Ethnography«) setzt mit der Περιήγησις Γης des Hekataios von Milet (ca. 500 v.Chr.) ein, die am Beginn griechischer Ethnographie und Geschichts- Schreibung stehe. Der Kommentar des Hekataios über die Völker des Mittelmeer- raums besitze entscheidenden Anteil an der Entwicklung der Ethnographie. Herodot habe, dies aufnehmend, seine völkerkundlichen Untersuchungen in die Geschichte des Konfliktes zwischen Griechen und Persern gestellt und so eine Verbindung von Ge- schichte und Völkerkunde geschaffen. Kap. 3 (»Ethnography in Transition«) verfolgt diese Entwicklung weiter über die Bedeutung der Eroberungen Alexanders des Großen für die Ethnographie. Erkennbar werde diese in den Werken von Hekataios von Abdera und Megasthenes, die den Übergang zur apologetischen Historiographie darstellten: Beide schrieben als Grie- chen in neuen Heimadändern und stellten diese positiver dar als ihre Vorgänger. Ihre Schriften zeigten deshalb die Verbindung von griechischer Ethnographie und apologe- rischer Geschichtsschreibung (91). Ziel der Darstellungen sei es gewesen, die Reputati- on der miteinander konkurrierenden ptolemäischen und seleukidischen Königreiche zu steigern. Kap. 4 (»The Origins of Apologetic Historiography«) zieht diese Linie weiter aus. Besprochen werden die Werke von Berossus, einem babylonischen Bel-Priester, und Manetho, einem ägyptischen Sarapis-Priester. Die Reaktion unterworfener Volksgrup- pen auf die hellenistische Überfremdung habe zur Entstehung der eigentlichen »apolo- getic historiography« geführt, bei der sich Angehörige der entsprechenden Volksgrup- pen (insbesondere Priester) unter Verwendung einheimischer Quellen gleichzeitig vom Hellenismus abgegrenzt und mit ihm identifiziert hätten. Die neue Gattung sei dem- nach wesentlich aus einer Verschmelzung von Hellenismus und einheimischen Tradi- tionen des Nahen Ostens hervorgegangen. Kap. 5 (»The Hellenistic Jewish Historians«) beschäftigt sich mit Demetrius, Artap- anus, Pseudo-Eupolemus und Eupolemus. Die jüdischen Historiker hätten die bibli- sehen Überlieferungen so dargestellt, dass die Geschichte des eigenen Volkes als Wiege der menschlichen Kultur erscheine. Damit werde die eigene Tradition in helle- nistischen Kategorien dargestellt und ihr ein Platz innerhalb der neugeordneten Welt gegeben. Trotz der Differenzen zwischen ihnen würden alle diese Autoren »ad maiorem ludaeorum gloriam« schreiben und die Überlegenheit der jüdischen Nation gegenüber den anderen orientalischen Völkern sowie den Griechen behaupten, um auf diese Weise den Juden eine Identität innerhalb der hellenistischen Welt zu verschaffen. Kap. 6 (»The Antiquitates Judaicae ofjosephos«) ordnet das Werk des Josephus der identifizierten Tradition zu. Josephus habe sein Werk als Ersatz für die Septuaginta verstanden, da es die jüdische Geschichte angesichts der Situation der Juden im Römi- sehen Reich neu erzählte. Sein Ziel sei es gewesen, dem Judentum auf diese Weise einen gesicherten Platz innerhalb des römischen Imperiums zu verschaffen. Kap. 7 (»Luke-Acts«) wendet sich zunächst Verfasserschaft und Einheit des lukani- sehen Doppelwerkes zu. Lukas sei ein Gottesfürchtiger und möglicherweise ein Pau- lusbegleiter gewesen. Bezüglich der Zuordnung von Lk und Apg argumentiert S.,

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Lukas habe von Beginn an ein Doppelwerk geplant (Lk 1,1-4 beziehe sich auf das gesamte Werk), beide Teile allerdings separat und mit zeitlichem Abstand in Umlauf gebracht. Daraus folge, dass LkEy und Apg derselben Gattung angehörten. Da die Apg ein apologetisches Geschichtswerk sei, müsse diese Gattung auf beide Bücher bezogen werden. Lk-Apg erzähle die Geschichte des Christentums von seinen Anfän- gen bis hin zu einer auf das gesamte römische Imperium bezogenen Bewegung. Es diene, in Analogie zu Josephus, dazu, dem Christentum einen Platz im Römischen Reich zuzuweisen und seine Überlieferungen in hellenistischem Gewand zu präsentie- ren. Lukas habe sein Werk zudem als Fortsetzung der Septuaginta verstanden: »His deliberate composition in Septuagintal Greek and the conviction that his story was the fulfillment of the promises of the OT imply that as a continuation, Luke-Acts repre- sents sacred narrative« (363). Lukas richte sich mit seinem Werk also an Christen, nicht an Römer.

S.s monumentales Werk ist eine überaus eindrucksvolle Studie, aus der man reiche Belehrung erhält. Insbesondere der Vergleich des lukanischen Werkes mit Josephus, aber auch mit den hellenistisch-jüdischen Historikern, ist aufschlussreich. Die Frage bleibt freilich, ob sich die große Linie, die S. von den Anfängen griechischer Ethnographie und Geschichtsschreibung her zieht, bewähren wird. Dies könnte schon den Übergang von Herodot zur apologetischen Geschichtsschreibung, aber auch die Einordnung der späte- ren Autoren zu dieser angenommenen Gattung betreffen. Zudem hätte ge- fragt werden können, ob beide Teile des lukanischen Werkes in gleicher Weise als »apologetic historiography« zu bezeichnen sind oder hier nicht zu differenzieren wäre. Unabhängig von diesen Fragen ist die Lektüre von S.s Untersuchung von großem Gewinn. Die 1993 erschienene, ungleich schmalere Arbeit von J o h n T. S q u ires ist einer vergleichbaren Thematik gewidmet. Sie basiert auf der Dissertation des Verfassers, die von Abraham Malherbe betreut und 1988 an der Yale Univer- sity eingereicht wurde. Die Arbeit vertritt die These, dass der »Plan Gottes« das leitende Thema des lukanischen Werkes ist, und untersucht, auf welche Weise dies konkret durchgeführt wird. Die lukanischen Schriften werden dabei der hellenistischen Historiographie zugeordnet, weshalb Analogien in anderen Geschichtswerken zum Vergleich herangezogen werden.

Kap. 1 stellt den Ansatz der Arbeit vor. S. erwähnt diejenigen Stellen, an denen der

Ausdruck »Plan Gottes« (ή βουλή του θεου) explizit begegnet, und ordnet dem andere Formulierungen, wie »es gefällt Gott«, »es ist notwendig«, Verweise auf Schrifterfül- lung oder Vorverweise auf Dinge, die sich ereignen werden (Zusammensetzungen mit προ-), zu. Daraus ergibt sich ein Spektrum von Aussagen, die gemeinsam auf die das

lukanische Werk durchziehende Thematik eines

Gottes hinweisen. Kap. 2 ist der grundlegenden Bedeutung der göttlichen Vorsehung in der hellenisti- sehen Historiographie und bei Lukas gewidmet. S. wirft zunächst einen kurzen Blick

die Geschichte lenkenden Planes

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auf Diodorus Siculus, Dionysius von Halikarnassus und Josephus. Diodorus nennt Geschichtsschreiber in seinem Vorwort »Diener der göttlichen Vorsehung«, weil sie in Entsprechung zur göttlichen Vorsehung Ordnung in die Dinge brächten, bei Dionysi- us spielt das Schicksal eine entsprechende Rolle. Josephus verweist darauf, dass die Menschen dann glücklich leben werden, wenn sie den göttlichen Willen erkennen und die Gesetze Gottes nicht übertreten. Darauf wendet er sich dem lukanischen Werk, insonderheit Lk 1—2 und Apg 26, zu. In diesen Kapiteln kämen die verschiedenen Stränge zum Ausdruck, die Lukas mit dem Thema des göttlichen Planes verbindet. Kap. 3 -7 untersuchen diese Stränge näher. Sie behandeln: die göttliche Vorsehung, Zeichen göttlichen Handelns in der Geschichte der Menschen, Epiphanien, Prophetie und Schicksal. In jedem dieser Bereiche komme im lukanischen Werk das Wirken Gottes innerhalb der Geschichte zum Ausdruck. Dabei ließen sich durchgehend Ana- logien zu den hellenistischen Historikern feststellen. Eine besondere Rolle spielen die Reden von Petrus und Paulus, in denen die Darstellung der göttlichen Lenkung der Geschichte in der Apg in konzentrierter Form begegne. Als zentrale Themen innerhalb des lukanischen Werkes erweisen sich der Tod Jesu und die Heidenmission. Indem Lukas diese dem Plan Gottes zuordne, verschaffe er ihnen zugleich eine Legitimation. Sein Werk lasse sich deshalb als »apologetische Ge- schichtsschreibung« bezeichnen. Die an der göttlichen Vorsehung orientierte Form der lukanischen Geschichtsschreibung sei von stoischer Philosophie beeinflusst und stelle zugleich den Versuch dar, die Bedeutung der Geschichte Jesu und der frühen Kirche für einen hellenistischen Kontext darzustellen. Sein Werk lasse sich deshalb als »a kind of cultural )translation«( (190) bezeichnen.

Das Verständnis des Handelns Gottes in der Geschichte ist zweifellos eines der zentralen Themen des lukanischen Werkes. Die Untersuchung von S. ist deshalb ein wichtiger Diskussionsbeitrag zur Einordnung des lukani- sehen Werkes in die hellenistische Historiographie. Seine Grenzen sind zum einen die zumeist nur oberflächliche Behandlung der Texte, die zwar ge- nannt, aber nicht eingehend interpretiert werden, zum anderen die Vernach- lässigung der Septuaginta und der jüdischen Geschichtsschreibung mit Aus- nähme von Josephus. Dies ist um so erstaunlicher, als Lukas gerade in den Reden in ausführlicher Weise auf die Geschichte Israels Bezug nimmt und sich mit diesen Summarien in die israelitisch-jüdische Geschichtsschreibung einordnet, sich aber nirgendwo auf einen griechischen Historiker bezieht. S. ist deshalb auch immer wieder genötigt, Differenzen zu konstatieren, etwa zwischen der göttlichen Lenkung der Geschichte durch den Gott Israels und den Verweisen auf das Schicksal bei den hellenistischen Historikern oder zwischen prophetischen Weissagungen und Orakeln. Wenn er sein Vorgehen damit rechtfertigt, danach fragen zu wollen, wie »hellenistische Leser« das von Lukas beschriebene Handeln Gottes in der Geschichte verstanden hätten (37 f.), konstruiert er zudem einen Leser, der mit der Septuaginta nicht vertraut ist. Dies ist mit Blick auf den historischen Leser durchaus frag- würdig und gibt zum anderen keine Auskunft über den von Lukas intendier-

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ten Leser. Hätte er sich an der israelitisch-jüdischen Geschichtsschreibung orientiert und auf dieser Basis die paganen Historiker herangezogen, wäre ihm dies erspart geblieben. Ob sich schließlich das LkEv in gleicher Weise wie die Apg der hellenistischen Geschichtsschreibung zuordnen lässt, hätte zumindest diskutiert werden können.

1996 einen

In der Reihe »New Testament Theology« hat J a co b kleinen Band zur Theologie der Apg vorgelegt.

J e r v e l l

Der Band enthält folgende Kapitel: Der Autor und seine Quellen (Kap. /), Intenti- on und historische Einordnung (Kap. 2), die Theologie der Apg (Kap. 3), die Stellung der Apg innerhalb des Neuen Testaments (Kap. 4), die Apg in der Geschichte des frühen Christentums (Kap. 5) sowie die Bedeutung der Apg für heute (Kap. 6). Kap. 3 nimmt den breitesten Raum ein und ist das Zentrum des Bandes. Hier wird die bekannte Sicht J.s auf die Apg noch einmal konzise vorgeführt. Lukas schreibe die Geschichte des Gottesvolkes Israel fort. Israel sei das eine und einzige Gottesvolk, Jesus sein völlig in jüdischen Kategorien gezeichneter Messias, über den es in Israel zur Spaltung komme. Die Kirche sei das »erneuerte Israel«, das im Wesentlichen aus Juden bestehe, Heiden könnten nur durch Hinzustoßen zu Israel am Heil teilhaben. Die Kirche sei auf die zwölf Apostel und die Schriften Israels gegründet sowie auf das Halten des Gesetzes verwiesen, eine Heidenmission gebe es nicht, bekehrungsunwilli- ge Juden seien vom Gottesvolk ausgeschlossen. Mit der Ankunft des Paulus in Rom, das J. als das in 1,8 erwähnte »Ende der Erde« versteht, sei die Erneuerung Israels zu ihrem Ziel gelangt. Die Herausforderung der Apg für heute sei, die Deutung der Geschichte nicht der Philosophie zu überlassen, sondern eine Geschichtstheologie für unsere Zeit zu entwer- fen.

J.s Position ist ebenso stringent wie provokant. Ob sich alle seine Urteile am Text der Apg bewähren werden, wird weiter zu diskutieren sein. Zweifel- los hat J. aber einen prägnanten, gut lesbaren Entwurf zur Theologie der Apg vorgelegt.

1999 ist eine Sammlung von Aufsätzen des Lausanner Exegeten D a n i e l

M a r g u e r a t erschienen. Inzwischen liegt eine zweite Auflage in französi- scher Sprache vor. Eine Auswahl der Aufsätze ist auch in englischer Überset- zung erschienen.

Bereits der erste Beitrag, »Comment Luc écrit l’histoire«, macht deutlich, dass M. mit der neueren geschichtstheoretischen Forschung den Dualismus von »Fakten« und »Fiktionen« für unzureichend hält. Wie bei anderen Geschichtswerken greife auch bei der Apg die Alternative »Geschichte oder Erzählung« zu kurz. Geschichte werde stets als Erzählung konstruiert und sei deshalb immer aus einer bestimmten Perspektive verfasst. M. nimmt sodann Paul Ricceurs Unterscheidung dokumentarischer, explikati- ver und poietischer Merkmale einer Geschichtsdarstellung auf. Da diese auch in der Apg festzustellen seien, lasse sich das Werk im Rahmen der antiken Historiographie

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verstehen. Die Besonderheit sei seine Stellung am Schnittpunkt jüdischer und griechi- scher Geschichtsschreibung. Im zweiten Beitrag, »Un récit de commencement«, befasst sich M. mit der Frage nach Gattung und Ziel der Apg sowie der Intention, die Lukas bei der Abfassung einer Fortsetzung seines Evangeliums leitete. Auf die Apg lasse sich am ehesten die Gattung Historiographie anwenden, wobei die Grenze zwischen dieser und dem anti- ken Bios nicht immer scharf zu ziehen sei. Näherhin lasse sie sich als »Geschichte eines Anfangs« (»histoire de commencement«) charakterisieren. M. übernimmt diesen Ausdruck von Pierre Gibert, der damit die grundlegende Bedeutung hervorhebt, die ein bestimmtes Ereignis im Rückblick für die eigene Geschichte erhält. Gründend in der Geschichte Israels und dem Wirken Jesu erzähle die Apg die Entstehung einer neuen Bewegung, also eines Anfangs. Damit werde zugleich die Geschichte selbst zum Raum des Wirkens Gottes: Das Wirken Jesu könne nicht ohne seine Fortsetzung durch die Apostel verstanden werden, Jesus nicht ohne Paulus. Der dritte Beitrag befasst sich mit der Frage nach der Einheit von LkEv und Apg. Diese liege nicht an der Textoberfläche, sei also keine gattungsmäßige Einheit, son- dern eine im Leseprozess herzustellende. Lukas verwende hierfür verschiedene Tech- niken, um den Leser zu lenken: elliptische Prolepsen (etwa die vorgreifende Beschrei- bung der Ausbreitung des Jesuszeugnisses in Apg 1,8, die Weissagung Simeons in Lk 2,29-35 oder die Hinwendung Jesu nach Jerusalem in Lk 9,51), narrative Verknüpfun- gen (»des chaînes narratives«, z.B. die verschiedenen »Hauptmänner« in LkEv und Apg oder die mehrfache Erzählung der Paulusbekehrung in der Apg) sowie die Herstellung von Intertextualität durch Synkrisis (z.B. Jesus - Stephanus oder Jesus - Petrus - Paulus). Ein weiterer Beitrag ist dem Thema »Un Christianisme entre Jérusalem et Rome« gewidmet. M. möchte hier das übliche Negativ/Positiv-Schema durchbrechen, das häufig mit der Bedeutung der beiden Städte in der Apg verbunden wird. Sie stünden jedoch vielmehr für die Verbindung jüdischer und griechisch-römischer Erzählwelt. Dies wird anhand der Charaktere Paulus, Barnabas und Timotheus sowie der soge- nannten »Gottesfürchtigen« vorgeführt. Es zeige sich auch, wie M. in Aufnahme einer Bemerkung von Cadbury argumentiert, an der semantischen Ambivalenz des lukani- sehen Werkes. Als Beispiele werden das Bekenntnis des Hauptmanns (»dieser Mensch war ein Gerechter«), die Charakterisierung der Athener als »sehr religiös« oder aber »sehr abergläubisch« in Apg 17,22 oder die Verwendung des Terminus »Retter« ange- führt. Hinter derartigen semantischen Mehrdeutigkeiten stehe ein »theologisches Inte- grationsprogramm«. Die mit Jerusalem und Rom bezeichneten Welten sollten im luka- nischen Werk deshalb nicht gegeneinander gestellt, sondern einander gerade angenä- hert werden. Das nächste Kapitel befasst sich mit der Rolle Gottes im Geschichtsbild des Lukas (»Le Dieu des Actes«). Lukas rede in impliziter Weise von Gott, wenn er nämlich durch einen Engel, die Apostel oder den Geist wirke, aber auch explizit, so etwa in den Bezeichnungen als Gott, Herr und Vater. Auch in den letzteren Fällen erscheine Gott aber nur in Worten der handelnden Figuren, trete dagegen niemals direkt als Handlungsträger auf. Gott sei also in der Apg nie unmittelbar erfahrbar. Dies erkläre auch, warum die Personen der Handlung oftmals nicht erkennen, dass bzw. auf welche Weise sie zur Durchführung des göttlichen Geschichtsplans beitragen (wie z.B. Gama- liel, der sich für die Freilassung der Apostel einsetzt, oder Petrus, der die Bedeutung seiner Vision erst später erkennt). Gott lenke so oftmals auf verborgene Weise die Geschichte und mache sich dabei auch die Pläne seiner Gegner zunutze (so z.B. wenn

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sie den gefangenen Paulus nach Rom bringen). Die Darstellung des Handelns Gottes in der Geschichte habe deshalb des Öfteren eine ironische Note. Ein weiterer Beitrag behandelt das Thema »Juden und Christen im Konflikt«. M. hält die Alternative »judenfeindlich oder judenfreundlich« für unzureichend und möchte die Parameter der Diskussion neu definieren. Lukas vertrete beide Sichtweisen gleichzeitig: Einerseits läge in der Diskontinuität von Judentum und Christentum ein deutlich negativer Akzent der Beurteilung Israels. Dies erkläre sich nicht zuletzt aus dem Bestreben, die Identität der von Israel getrennten Kirche zu stärken. Zugleich werde die Geschichte des entstehenden Christentums jedoch als Fortsetzung der Ge- schichte Israels erzählt. Insofern bestehe zugleich eine Kontinuität in der Diskontinui- tät. Das Bild des Judentums bei Lukas sei demnach ein dialektisches. Dem korrespondiert der Beitrag über das Ende der Apg (»L’énigme de la fin des Actes [Ac 28,16 —31]«). Das Rätsel bestehe darin, dass Lukas den Leser mit dem Bild des in Rom ungehindert predigenden Paulus entlässt, seinen Tod dagegen nicht er- zählt. Dieses offene Ende sei bewusste literarische Gestaltung. Der frei predigende Paulus, dessen Mission an ihr Ende gekommen ist, sei das Bild, das der Kirche im Gedächtnis bleiben solle. Damit bleibe auch das Geschick Israels in der Schwebe. Zwar dürfe nicht verharmlost werden, dass mit dem letzten Wort des Paulus die Hoff- nung auf eine Bekehrung des jüdischen Volkes an ihr Ende gekommen sei. Gottes Verheißungen an Israel würden von Lukas jedoch - ähnlich wie in Röm 9-11 - nicht revoziert. Weitere Kapitel behandeln das Wirken des Geistes (»L’œuvre de l’Esprit«), Wunder und Heilungen (»Magie et Guérisons«), die »Ursünde« von Ananias und Saphira (»Ananias et Saphira [Ac 5,1 —11]: le péché originel«), die Bekehrung des Saulus (»La conversion de Saul [Ac 9; 22; 26]«) sowie Reisen und Reisende als Charakteristikum der Erzählwelt der Apg (»Voyages et voyageurs«). Der letzte Beitrag befasst sich mit den Paulusakten als einer »Relecture« der Apg (»Les >Actes de Paul<, une relecture des Actes canoniques«).

M.s Ansatz ist durch die Verbindung narratologischer Forschungen mit der Historiographie gekennzeichnet. Die Beiträge zeichnen sich deshalb, neben ihrer guten Lesbarkeit, durch einen eigenständigen Zugriff auf die erste christliche Geschichtsdarstellung als bewusst gestalteter Erzählung aus. Damit werden neuere Entwicklungen in der Geschichtstheorie aufgenom- men und für die Actaforschung fruchtbar gemacht. Zum Verhältnis von LkEv und Apg ist in dem einen kurzen Beitrag sicherlich das letzte Wort noch nicht gesprochen, und auch das Verhältnis von Geschichte Israels und Geschichte der Kirche wäre weiter zu diskutieren. Trotz zahlreicher anregen- der Beobachtungen bleibt der Eindruck, dass es dem Band etwas an Kohä- renz mangelt. Für eine gemeinsame Veröffentlichung der zuvor separat pu- blizierten Aufsätze wären eine bessere Abstimmung aufeinander sowie ein Resümee des Ertrages hilfreich gewesen. Die vor allem in methodischer Hin- sicht vorbildlichen Aufsätze bieten wichtige Anregungen für eine difieren- zierte Zuordnung von LkEv und Apg sowie für die Einordnung des lukani- sehen Werkes in die Geschichtsschreibung.

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Einen weiteren Beitrag zur lukanischen Geschichtstheologie stellt die von

Löning betreute Dissertation von S y lv ia H a g e n e dar. Lukas gelte

zwar als versierter Historiker und Erzähler, drängt aber nach Meinung vieler

Exegeten die Frage nach dem Heil an den Rand oder »individualisiert« sie. H. möchte zeigen, dass die Behauptung eines derartigen »soteriologischen Defizits« unzutreffend ist. Zentrum der lukanischen Geschichtstheologie sei die Frage nach der Rettung Israels. Deshalb begegne Soteriologie hier in der Gestalt von Geschichtstheologie.

Karl

Teil I enthält eine Auseinandersetzung mit Forschungspositionen von Conzelmann bis zu Wasserberg und Löning, Bemerkungen zum eigenen Ansatz sowie eine ausführ- liehe hermeneutische Grundlegung. Als »Kardinalpunkte« der Diskussion über die lu- kanische Soteriologie identifiziert sie: die Gattungsfrage, die lukanische Soteriologie als Individualsoteriologie, die fehlende sühnetheologische Reflexion sowie die Parusie- Verzögerung (15). Merkwürdigerweise fehlt in der Bestandsaufnahme der Aufsatz von David Moessner in dem von Ben Witherington III herausgegebenen Sammelband, der für das Thema von Bedeutung gewesen wäre. Überhaupt ist die Perspektive der Ver- fasserin stark von der deutschsprachigen Actaforschung geprägt. Bei den Ausführun- gen zur »Sühnetheologie« vermisst man die neueren Arbeiten, die diese Terminologie und ihre Anwendung auf die urchristlichen Texte problematisiert haben, sowie die ein- schlägigen Studien zu den ύπέρ-Formulierungen. Zu begrüßen ist dagegen, dass nicht mit einem vorgefertigten Konzept von »Soteriologie« gearbeitet wird, sondern die Heilsvorstellung aus dem lukanischen Werk selbst erhoben werden soll. Die »herme- neutischen Vorüberlegungen« befassen sich mit der Funktion von Geschichtsschrei- bung, wobei das lukanische Werk thematisch dem Bereich jüdischer Geschichtsschrei- bung zugeordnet wird, was bedeutet, dass seine Art der Geschichtsschreibung zu- gleich Geschichtstheologie ist (55). Im Anschluss an Löning bestimmt H. die Funkti- on von Geschichtsschreibung zugleich als ätiologisch: Es gehe darum, »im historiogra- phischen Prozess durch Erinnerungsarbeit die Entstehungsgeschichte eines geschichtlichen Resultates aufzudecken«, um dadurch die Ausbildung von Identität zu ermöglichen (67). Im Mittelpunkt des II. Teils steht eine synchrone Analyse von Apg 3 als »heuristi- schem Paradigma« für die lukanische Soteriologie. Dieser Text veranschauliche exem- plarisch, was Lukas unter Rettung und Heil verstehe, indem die Rettung eines Einzel- nen (des Gelähmten) durch die anschließende Petrusrede in den größeren Horizont einer allgemeinen Wiederherstellung gerückt werde. Hier in V.21 begegnet auch der Ausdruck »Zeiten der Wiederherstellung«, der als Titel über der Arbeit steht. Von dort her werden die drei für die lukanische Soteriologie konstitutiven Elemente Anthropo- logie (»Die Wiederherstellung des Menschen«), Christologie (»Die Weisheit Jesu«) und Eschatologie (»Die Wiederherstellung der Schöpfung«) anhand einer systematischen Lektüre des lukanischen Doppelwerkes entfaltet. H. gelangt zu dem Ergebnis, dass im Zentrum der lukanischen Soteriologie nicht eine sühnetheologisch argumentierende, positive Sinngebung des Todes Jesu stehe, sondern die Idee der Stiftung eines »rettenden Wissens«. Inhalt dieses Wissens seien Ereignis und Bezeugung der Rettung des Gerechten Jesus aus seinem durch die Un- wissenheit der Menschen bewirkten Tod. Lukas formuliere seine Soteriologie also

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weisheitlich. Sie gründet in der Heilsgeschichte Israels, die mit Jesus von Nazaret ihren Höhepunkt erreicht hat und deren Vollendung noch aussteht.

Die Untersuchung stellt zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um die lukanische Soteriologie dar. Die alte Konstellation der deutschen Forschung, die in der Einleitung benannt wird, dürfte damit endgültig zu den Akten gelegt sein. Allerdings greift die Bestimmung der lukanischen Soterio- logie - und damit des Zentrums seiner Geschichtstheologie - als Beseitigung von Unwissenheit, die zu einer neuen Identität führe (149-159), zu kurz. Lukas hat mehr - und anderes - über das Heil der Menschen zu sagen. Vor allem geht es ihm um einen universalen heilsgeschichtlichen Zusammen- hang, der mit der Geschichte Israels beginnt und durch die Heraufführung des Reiches Gottes fortgesetzt wird. Demgegenüber ist der von H. gesteckte Rahmen deutlich zu eng. Er ist aber auch deshalb zu eng, weil H. die vor allem nichtdeutschsprachige Forschung nur äußerst selektiv zur Kenntnis nimmt. Warum etwa die gesamte Diskussion um das Problem Israel und die Juden bei Lukas in der angelsächsischen Forschung in der Arbeit fehlt, ist völlig unerklärlich. Dasselbe gilt für entsprechende Arbeiten zur Gattungs- frage und zum Zusammenhang Lk-Apg. Zu besprechen ist des Weiteren die 2004 erschienene Dissertation von C la r e K. R o t h s c h i ld , die von Hans Dieter Betz betreut und 2003 an der University of Chicago eingereicht wurde. Ihr Thema ist die Bedeutung der Rhetorik antiker Geschichtsschreibung für Gestalt und Aussage des lukani- sehen Doppelwerkes.

Antike Geschichtsschreibung, so die zentrale These der Arbeit, basiere zu einem wesentlichen Teil auf der Beglaubigung der erzählten Ereignisse durch die Form der Darstellung. Behauptungen von Historikern wie Herodot, Thukydides oder Polybius, sie würden auf Rhetorik und stilistische Raffinessen zugunsten der ungeschmückten Wahrheit verzichten, dürften nicht für bare Münze genommen werden, sondern seien selbst Teil der Strategie, die Wahrheit des eigenen Berichts zu verbürgen. Rothschild knüpft hier an neuere Forschungen an, die gezeigt haben, dass auch Historiker wie Thukydides nicht als »objektive« oder »wissenschaftliche« Geschichtsschreiber im mo- dernen Sinn zu verstehen sind, sondern ihre Darstellungen in vielfältiger Weise mit mythischen Elementen durchsetzt haben. Die Schilderung göttlicher Eingriffe in den Lauf der Ereignisse sei eine in antiken Geschichtswerken durchgehend anzutreffende narrative Strategie, die Unterscheidung von Fakten und Fiktionen demzufolge ein wenig taugliches Instrument zu ihrer Beurteilung. Dies gelte für die israelitisch-jüdi- sehe Historiographie in analoger Weise wie für die griechisch-römische. Die in der Forschung am lukanischen Doppelwerk entstandene Alternative »histori- sehe oder theologische Darstellung« sei deshalb unzureichend. R. verfolgt deren Ent- stehung im frühen 19. Jh., ihre Zuspitzungen durch die Positionen von Franz Over- beck und Adolf Harnack, später dann durch Martin Dibeüus und Henry Joel Cadbury sowie durch Hans Conzelmann, Ernst Haenchen und die Beiträge in der Festschrift

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für Paul Schubert von 1966, schließlich ihre Adaptionen in neueren Beiträgen, etwa in Gregory Sterlings oben besprochener Untersuchung oder in Hubert Canciks Vor- schlag, die Apostelgeschichte als »institutional history« zu klassifizieren. Ihre eigene Lösung lautet, die Beachtung der rhetorischen Dimension der Geschichtsschreibung könne diese Diastase in der Beurteilung des lukanischen Werkes überwinden. Die Darstellung der Forschung ist allerdings etwas einseitig. So ist etwa die Ein- Schätzung der Sicht von Dibelius, der Lukas als einen Prediger beurteilt habe, der sich der Geschichte nur pro forma bediene, nicht ganz zutreffend. Für Dibelius besitzt die Apostelgeschichte durchaus historischen Wert, allerdings wurde Lukas ihm zufolge erst dadurch zum »ersten christlichen Historiker«, dass er den berichteten Ereignissen durch seine Darstellung einen »Richtungssinn« verlieh, nämlich die Ausbreitung der christlichen Heilsbotschaft hin zu den Heiden. Wenn R. moniert, die bisherige For- schung hätte die rhetorische Dimension bei der Beurteilung der lukanischen Ge- schichtsdarstellung unterschätzt, wäre an ihre eigene Untersuchung zudem die Frage zu richten, ob die ausschließliche Konzentration auf die Form der Darstellung nicht die Gefahr einer Verkürzung der Interpretation in sich birgt, denn die Form lässt sich von dem Inhalt des Berichteten nicht trennen. Bevor sie sich dem lukanischen Doppelwerk genauer zuwendet, untersucht R. zu- nächst »Methods of Authentication in Hellenistic and Early Roman Historiography«. Die Prologe zu Geschichtswerken ließen mit der Versicherung, das Dargestellte sei wahr, sorgfältig erforscht, präzise dargestellt und durch Augenzeugen beglaubigt, die Notwendigkeit erkennen, die Glaubwürdigkeit des Berichteten zu verteidigen. Die Art der Darstellung war deshalb von großer Bedeutung, wiewohl es - insbesondere bei Lukian —auch Skepsis gegenüber Ausschmückungen und Übertreibungen durch Ge- schichtsSchreiber gab. Im lukanischen Doppelwerk identifiziert R. vier Merkmale his- toriographischer Rhetorik, die in den folgenden Kapiteln genauer untersucht werden:

»historical recurrence«, »prediction«, »divine guidance«, angezeigt insbesondere durch den Gebrauch von δει, sowie die Erweiterung der Augenzeugen und die summarische Verkürzung von Berichten (»epitomization«). »Historical Recurrence as Rhetoric« lasse sich im lukanischen Doppelwerk häufig feststellen. R. bietet zunächst eine tabellarische Gegenüberstellung analoger Themen im LkEv, in Apg 1-12 sowie 13-28 (etwa: die Konstatierung der Erfüllung propheti- scher Verheißungen; Heilungen durch Jesus, Petrus und Paulus; Einladungen durch heidnische Hauptmänner in Lk 7 und Apg 10 bzw. den Kerkermeister in Apg 16; die Ergreifung von Jesus in Lk 22,54, Petrus in Apg 12,4 und Paulus in Apg 21,30 u.a.m.). Lukas bediene sich dabei der rhetorischen Mittel der Synkrisis, der Eikon, verbaler Echos sowie der historischen Charakterisierung. Durch diese werde ein enges Netz zwischen den Episoden beider Teile seines Werkes geknüpft, die Geschichte der frühen Jesusbewegung auf diese Weise als »dynamic complex of interrelated series of reenactments« dargestellt. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit »Prediction in Historiography«. Seit Homers Odyssee spielt die Weissagung kommender Ereignisse in der antiken Geschichtsschrei- bung eine wichtige Rolle. Auch Lukas mache hiervon Gebrauch, insbesondere in den Zitaten aus der Septuaginta, die als durch die Ereignisse um Jesus in Erfüllung gegan- gene Weissagungen aufgefasst werden. Darüber hinaus gebe es bei Lukas Weissagun- gen durch Boten Gottes (so etwa die Geburten Johannes des Täufers und Jesu), durch den auferstandenen bzw. erhöhten Christus (so z.B. der Empfang des Geistes durch die Jünger oder das Leiden des Paulus) sowie durch den heiligen Geist (so z.B. in den Episoden von Philippus und dem Kämmerer sowie Petrus und Kornelius). Eine weite-

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re Kategorie seien Weissagungen durch Menschen: jüdische Propheten (z.B. Agabus), Jesus und weitere Personen, z.B. christliche Propheten. Lukas greife mit dem Weissa- gungs-Erfüllungs-Schema ein Instrument griechisch-römischer Geschichtsschreibung auf, stelle sich aber zugleich durch den Bezug auf die Schriften Israels und die Eingrif- fe in die Geschichte durch Boten des Gottes Israels inhaltlich in die Tradition bibli- scher Historiographie. Zur lukanischen Geschichtsschreibung gehöre weiter die insbesondere durch den Gebrauch des δει angezeigte Herausstellung der göttlichen Lenkung der Geschichte. Lukas beglaubige auf diese Weise seine Darstellung der berichteten Ereignisse, indem er aufzeige, dass sich diese so und nicht anders ereignen mussten. Es handle sich also nicht um einen auf die göttliche Notwendigkeit von Leiden und Tod Jesu ausgerichte- ten Gebrauch, sondern um ein rhetorisches Mittel, das sich semantisch in die gängige hellenistische Verwendung einordne. Schließlich werden die Beglaubigung des Erzählten durch Augenzeugen und die summarische Darstellung von Ereignissen beleuchtet. Beides bilde gemeinsam die »übertreibende Sprache« des lukanischen Werkes. Betonung von Augenzeugenschaft - sowohl des Autors selbst wie auch weiterer Zeugen - war in der antiken Geschichts- Schreibung ein verbreitetes Mittel, die Zuverlässigkeit des Berichteten zu sichern. Lukas greife hierauf häufig zurück, angefangen vom Prolog des Evangeliums, der sich auf »viele« Vorgänger bezieht, über die Erwähnung des »ganzen Volkes«, das von Jo- hannes getauft wurde (Lk 3,21), und die großen Menschenmengen während des Wir- kens Jesu bis hin zu den vielen Augenzeugen in der Apostelgeschichte, etwa der großen Zahl der zur Jerusalemer Gemeinde Bekehrten oder den »vielen Juden und Gottesfürchtigen«, die Paulus und Barnabas im pisidischen Antiochia folgen. In diesen Zusammenhang ordnet R. auch die »Wir-Passagen« ein: Es handle sich um ein Mittel, mit dem Lukas dem Leser an entscheidenden Punkten der Erzählung den Eindruck unmittelbarer Verbindung mit den Ereignissen vermittle. Freilich haben nicht alle diese »Augenzeugen« die Funktion, das Erzählte zu beglau- bigen. Häufig wird auf diese Weise vielmehr die große Wirkung der urchristlichen Mis- sion, also die Bedeutung der Ereignisse, herausgestellt. Ob sich zudem das Rätsel der »Wir-Passagen« dadurch lösen lässt, dass es zu einem rein rhetorischen Mittel erklärt wird - dieser Vorschlag ist ja nicht neu -, erscheint zumindest fraglich. Hier zeigt sich wiederum, dass die ausschließliche Konzentration auf die Rhetorik der Interpretation Grenzen setzt. Historische und (geschichts)theologische Gesichtspunkte, die ja für die Beurteilung der Darstellungsweise des Lukas zweifellos von Bedeutung sind, treten dabei kaum in den Blick. Mit »epitomizing« bezeichnet R. summarische Bemerkungen, etwa über die Macht- taten Jesu (Lk 7,22 f.), über »alle Dinge«, die in Gesetz, Propheten und Psalmen über Jesus geschrieben sind und nunmehr in Erfüllung gehen mussten (Lk 24,44), oder über die Tätigkeit des Philippus in Samaria (Apg 8,6-8). Auf diese Weise erwecke Lukas den Eindruck, umfangreichere Ereignisse in geraffter Form darzustellen (wobei häufig offen bleibe, ob er tatsächlich mehr zu berichten gehabt hätte), was sowohl zur Klarheit der Darstellung als auch zu deren Glaubwürdigkeit beitrage.

R.s Arbeit ist eine beachtliche Untersuchung. Nicht alle Beobachtungen überzeugen allerdings in gleicher Weise. Häufig werden die Texte mehr an- einander gereiht als analysiert. Bisweilen wirken die Interpretationen zu stark auf das gewünschte Ergebnis hin forciert. Dessen ungeachtet ist die Studie

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ein wichtiger Beitrag zur Einordnung des lukanischen Werkes in die antike Geschichtsschreibung. Dass Lukas als antiker Historiker diverse Mittel ein- setzte, um seine Erzählung als glaubwürdigen Bericht über die Frühzeit des Christentums zu erweisen, wird überzeugend herausgearbeitet. Nicht zuletzt wird die längere Zeit gängige Aufteilung der antiken Geschichtsschreibung in eine »pragmatische«, eine »mimetische« und eine »rhetorische« Richtung

implizit in Frage gestellt. R. zufolge ist das lukanische Werk keine theologische Abhandlung, son- dern das Werk eines »master of style, rhetoric and technique«. Diesbezüglich stellt sich die Frage, ob Lukas seine Leser nicht gerade deshalb für seine Sicht der erzählten Ereignisse gewinnen wollte, weil er von deren Wahrheit überzeugt war. Dann würde es sich nicht nur um eine rhetorisch und stilis- tisch versierte Darstellung, sondern auch um eine bemerkenswerte ge- schichtstheologische Deutung des Berichteten handeln. Zum Abschluss dieses Teils werfen wir einen Blick auf die 2004 erschiene- ne Sammlung zentraler Aufsätze zur Apostelgeschichte von E c k h a r d P-

m a c h e r , ergänzt durch einige Aufsätze zu den Johannesakten. P.s

Arbeiten

zur Apg stehen, wie in der Einleitung der Herausgeber verdeutlicht wird, seit seiner Dissertation »Lukas als hellenistischer Schriftsteller« von 1972 fest in der Tradition von Hans Conzelmann und Ernst Haenchen. Dabei hat er sich vor allem um die Einordnung der Apg in die hellenistische Geschichtsschrei-

bung verdient gemacht.

Der Band enthält folgende Aufsätze zur Apg: »Die Apostelgeschichte als histori- sehe Monographie«; »Cicero und Lukas. Bemerkungen zu Stil und Zweck der histori- sehen Monographie«; »Τερατεία. Fiktion und Wunder in der hellenistisch-römischen Geschichtsschreibung und in der Apostelgeschichte«; »Wirklichkeitserfahrung und Geschichtsschreibung bei Lukas. Erwägungen zu den Wir-Stücken der Apostelge- schichte«; »Die Missionsreden der Apostelgeschichte und Dionys von Halikarnass«; »Eine Thukydidesreminiszenz in der Apostelgeschichte«.

Die Aufsätze behandeln P.s zentrale Thesen zur Apg: Es handle sich um eine historische Monographie, die der »mimedschen« Geschichtsschreibung zugehört. Lukas habe sich als Historiker verstanden, der Heilsgeschichte ge- schrieben und sich dazu der Septuagintamimesis und des »dramatischen Epi- sodenstils« bedient habe. Die Reden seien von Lukas selbst komponiert, um den Gang der Ereignisse an zentralen Punkten zu deuten und voranzutrei- ben. Die Wir-Stücke seien ein Stilmittel, mit dem sich Lukas als weitgereister, erfahrener Historiker präsentiert und die deshalb vor allem im Zusammen- hang mit den Seereisen begegneten. Das von Paulus in der Miletrede zitierte Jesuswort (»Geben ist seliger als Nehmen«) sei eine Thukydidesreminiszenz.

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Die Aufsätze sind für den Band gegenüber ihrer Erstveröffentlichung überarbeitet und mit englischen Zusammenfassungen versehen worden. Ins-

der Beitrag » Τ ε ρ α τ ε ί α . Fiktion und Wunder in der hellenistisch-

römischen Geschichtsschreibung und in der Apostelgeschichte« wurde we- sentlich revidiert und erweitert. Er stellt in gewisser Weise das »Herzstück« des Bandes dar. Die Diskussion um die Stellung der Apg innerhalb der anti- ken Geschichtsschreibung wurde durch die Arbeiten P.s wesentlich berei- chert. Sie wird auch künftig nicht an diesen Vorbeigehen können. Geschichtsdarstellung und Gcschichtstheologie des Lukas sind zwei Perspek- tiven auf dasselbe Phänomen. Dies machen die vorgestellten Arbeiten deut- lieh. Dabei lassen sich drei Akzentuierungen erkennen:

1) Der Geschichtswert der Apg wird betont. Dies war bereits in etlichen Beiträgen in den Bänden von »The Book o f Acts in its First Century Setting« sowie in diversen neueren Kommentaren, vornehmlich aus dem angelsächsi- sehen Bereich, begegnet. In diesem Abschnitt steht die Arbeit von Colin Hemer für diese Tradition. Auch wenn diese Arbeiten häufig über die Kon- statierung der Historizität der Apg hinaus nicht nach der Aussageabsicht des Lukas fragen, leisten sie doch insofern einen substantiellen Beitrag zur Frage nach seinem Geschichtsentwurf, als sie deutlich machen, das dieser nicht ohne die Beachtung der materialen Seite der lukanischen Darstellung ange- messen beschrieben werden kann. 2) Die Apg wird als Geschichtsdarstellung im Rahmen der hellenistischen Historiographie wahrgenommen. Die Arbeiten von Sterling, Rothschild sowie die Aufsätze von Marguerat und Plümacher machen je auf ihre Weise deutlich, dass diese Zuordnung durch zahlreiche Beobachtungen zur Gestal- tung und Intention der Apg in hohem Maße plausibel ist. In gewissen Gren- zen lässt sich auch die Untersuchung von Squires hier einordnen 3) Die Apg tritt als ein Werk in Erscheinung, das eine Geschichtstheologie im Anschluss an die biblische Geschichte entwirft. Die Studien von Jervell und Hagene zeigen, dass hier ein fruchtbares Feld für weitere Arbeit liegt, um das Spezifikum des lukanischen Werkes innerhalb der antiken Historio- graphie präzise zu beschreiben. Die Rolle Israels spielt dabei, wie beide Ar- beiten zeigen, ohne Zweifel eine zentrale Rolle. Damit sind wir bereits beim Thema des nächsten Abschnitts angekommen.

besondere

(Fortsetzungfolgt)

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