You are on page 1of 2

Die Weiten des Raumes

Gnade oder nicht – der Deutsche Herbst ist allgegenwärtig. In erster und zweiter Generation
überzog die RAF die Bundesrepublik mit einer Welle der Gewalt. Während der internationale
Terrorismus mittlerweile fester Bestandteil des allabendlichen Fernsehprogramms geworden
ist, heilen die nationalen Narben nur schwer.

Es ist 22:45 Uhr, im Fersehen läuft Black Box BRD von Andres Veiel. Der mehrfach
preisgekrönte Dokumentarfilm von 2001 stellt die Biografien des ermordeten
Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, und seines mutmaßlichen
Mörders Wolfgang Grams anhand von Interviews mit Wegbegleitern und Angehörigen
gegenüber. Die unterschiedlichen Karrieren der beiden Hauptpersonen vermitteln zwei
diametrale Lebensentwürfe politischen Handelns.

Herrhausen, der früh geborene Eliteschüler der Reichsschule Feldafing, der die Deutsche
Bank in den Achtziger Jahren nicht nur an die Spitze der Branche bringt, sondern auch deren
Verantwortung anmahnt, ist sich der Macht der Konzerne bewusst, als er 1987 einen
Schuldenerlass für Entwicklungsländer fordert. Sein Reformeifer und seine
Moralvorstellungen stoßen auf Widerstand innerhalb des Konzerns. Bevor ihn die Druckwelle
einer TNT-Sprengung zerreißt, liegt ein Rücktrittsgesuch Herrhausens bereits in der Luft.

Grams ist ein Flüchtlingskind des Ostens. Er wird 23 Jahre nach Herrhausen geboren und
kennt den Krieg nicht. Mit absolutem Gehör gesegnet, lernt der Schüler das Geigen- und
Gitarrenspiel. Er wird Statist beim Wiesbadener Theater. Dann kommt der Krieg zu ihm. Er
verweigert den Wehrdienst und demonstriert gegen die Angriffe der US-Armee auf Vietnam.
Beeindruckt vom Hungerstreik der ersten Terrorgeneration, solidarisiert sich Brams mit den
Häftlingen und entscheidet sich in den Achtziger Jahren für ein Leben als Terrorist im
Untergrund. Ein Schusswechsel in Bad Kleinen am 27. Juni 1993 tötet Grams und den 14
Jahre jüngeren GSG-9-Beamten Newrzella.

1968 ist Wolfgang Grams gerade 15 Jahre alt. Wie wird ein junger Mensch so radikalisiert?
Die Argumentation leuchtet nur dann ein, wenn das Denken durch eine radikale Konsequenz
ersetzt wird, deren Abstraktion das Persönliche zugunsten des Institutionellen ausblendet.
Geschäfte im Zusammenhang mit Enteignungen und Deportationen in Armenien, die
Verweigerung von Krediten an Verfolgte des NS-Regimes im Zuge der so genannten
Arisierung, der Handel mit Gold aus Auschwitz und die Beteiligung an Rüstungsgeschäften
gehören zur 137-jährigen Firmengeschichte des größten deutschen Bankunternehmens und
werden im Terrorakt mit Gewalt aufgewogen.

Bomben werden bezahlt, Befehle gegeben, Rechnungen gestellt. Auf beiden Seiten. Wird
Herrhausen von seiner Persönlichkeit heimgesucht, als sich der Machtkampf im Unternehmen
zuspitzt? Unterliegt Grams Seele dem Kollektivbewusstsein einer gewaltbereiten
Organisation? Nach 101 verdichteten Minuten kommentiert eine Sprecherin das eben
Gesehene und der Zuschauer öffnet die Fenster und kehrt an den Bildschirm zurück. Im
Anschluss wird das Gaus-Interview mit Christian Klar gezeigt.

Klar, das Lehrerkind und Ex-Mitglied der FDP, wird 24-jährig RAF-Mitglied und beschert der
Republik den Deutschen Herbst. 24 Jahre später erklärt er, „Schuldbewusstsein und
Reuegefühle“ seien „[i]n dem politischen Raum, vor dem Hintergrund von unserem Kampf
[...] keine Begriffe“1. Die Äußerungen holen die RAF in die Gegenwart zurück, der „Kampf“
wird immer noch geführt, Zweifel sind undenkbar, weil sie unsagbar wurden. Keine Begriffe.

Die systematische Reduzierung des Wortschatzes kennzeichnet auch die Amtssprache


Ozeaniens. Das Neusprech-Wörterbuch der Orwellschen Weltmacht verklärt das persönlich
Gesagte zum Ideologischen, indem es andere Bedeutungsebenen verschüttet. Die Klärung der
Schuldfrage jenseits der Literatur verlangt, dass diese verlorenen Schichten ausgegraben und
freigelegt, zur Sprache gebracht werden, um die juristisch notwendige emotionale
Handlungsfähigkeit des Menschen wiederherzustellen.

Die Funktion der Reue ist eine räumliche, sie verlangt nach einer Positionierung. Auf diese
Weise ist sie mit dem Schlachtfeld verbunden, wo Stellung bezogen und aufgeklärt wird.
Entsprechend verlangt die Analyse systemimmanenten Handelns nach einem
Beobachtungspunkt. Ein Terrorakt wird in einem politischen Raum, vor einem Hintergrund
ausgeübt, wie Klar beschreibt.

Der Abspann flimmert über den Bildschirm, der Betrachter geht ans Fenster und schaut hinaus
in den leeren politischen Raum, der sich allabendlich zu einem winzigen Punkt zu verdichten
scheint.

1
Im Interview mit Günter Gaus, Der Spiegel, 5/2007.