Sie sind auf Seite 1von 2

Totgesagte leben länger

Eine Tagung „Zur Lage des Marxismus“ an der Humboldt-Universität

Nach 1989 verkündete der konservative Politikwissenschaftler Frances Fukuyama das Ende der Geschichte. Mit dem „real existierenden Sozialismus“ hielten die Konservativen auch den Marxismus für erledigt. Aber wer als Linker etwa in der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) las, wie immer wieder die „Endspiele des Marxismus“ beschworen wurden, musste schmunzeln. Deutete der Wiederholungszwang doch darauf hin, dass der „tote Hund“ Marx noch biss.

Nachdem wir seit 2007 die tiefste Krise des Kapitalismus seit der großen Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre erleben, hat auch die FAZ differenziertere Töne angeschlagen. So durfte dort am 18.1.2012 der marxistische Sozialwissenschaftler Oliver Nachtwey berichten, wie der angelsächsische akademische Marxismus etwa mit der Gründung der Zeitschrift „Historical Materialism“ wieder an Dynamik gewonnen hatte. Allerdings sah Nachtwey die Entwicklung des Marxismus in Deutschland vergleichsweise kritisch. Sein Ländervergleich provozierte eine Debatte zur Lage des Marxismus im deutschsprachigen Raum, an der am vergangenen Wochenende auf Einladung der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und des Arbeitskreises kritischer Juristinnen und Juristen an der Humboldt-Universität etwa 300 Personen teilnahmen.

Ziel der Tagung war eine marxistische Selbstreflexion, eine Diskussion über die Leistungen und Defizite, die Möglichkeiten und Grenzen marxistischer Theorie im Kontext ihrer sich verändernden gesellschaftlichen Produktionsbedingungen. Elmar Altvater führte in seinem Vortrag aus, warum es einzig durch die Marxsche Methode der materialistischen Kritik möglich ist, die planetarischen Menschheitsprobleme wie die globale Erwärmung, die durch die kapitalistische Produktionsweise verursacht sind, adäquat zu begreifen und zu lösen. Frank Deppe verwies darauf, dass die Geschichte des Marxismus selbst Teil des Klassenkampfes ist. Trotz der Brüche, die mit der Durchsetzung des Neoliberalismus und dem Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ verbunden waren, sei es gelungen, ausgehend von alten Stützpunkten marxistischer Wissenschaft in Marburg, Frankfurt am Main oder Berlin neue Stützpunkte in Jena, Kassel oder Wien zu entwickeln. In der Sicherung und Ausweitung dieser neuen Stützpunkte sah Deppe eine zentrale Aufgabe.

Michael Heinrich betonte die Differenz zwischen Marx und dem Marxismus. Die Marx-Engels- Gesamtausgabe (MEGA) zeige, dass Marx Denken sich verändert habe und dass seine Theorie unabgeschlossen sei. Daher sei es problematisch, diese auf einen mehr oder minder kleinen Zitatenschatz zu reduzieren. Außerdem habe der Marxismus selbst nicht nur als Kritik, sondern auch als Instrument von Herrschaft gedient. Daher könne man sich nicht ungebrochen auf ihn beziehen. Klaus Dörre forderte, sich ernsthaft mit den Methoden und Theorien der „bürgerlichen“ Wissenschaft auseinanderzusetzen und die akademischen Anforderungen angemessen zu berücksichtigen, um eine weitere Marginalisierung des Marxismus an den Hochschulen zu verhindern. Demgegenüber bezweifelte Lutz Brangsch, dass unter den heutigen Bedingungen an den Hochschulen überhaupt eine Weiterentwicklung marxistischer Theorie möglich ist. Brangsch kritisierte in seinen Ausführungen zur Entwicklung des Marxismus in der DDR, dass dieser im Westen nur als Legitimationsideologie der Partei- und Staatsführung gesehen werde. Dadurch sei es unmöglich, die politischen Auseinandersetzungen, die in der DDR auf dem Terrain des Marxismus geführt wurden, zur Kenntnis zu nehmen. Die marxistische Untersuchung des Scheiterns des real

existierenden Sozialismus sei noch längst nicht abgeschlossen. Auch eine marxistische Analyse linker Parteien wie der PDS stehe aus.

Beiträge von Birgit Sauer, Katharina Hajek, Katharina Pühl, Pia Garske u.a. beschäftigten sich mit dem spannungsreichen Verhältnis von Marxismus und Feminismus. Silvia Kontos spannte einen Bogen von der Hausarbeitsdebatte der 1970er Jahre zu den heutigen Diskussionen über Pflege- und Sorgearbeit. Sie zeigte, wie die vorwiegend von Frauen geleistete, unbezahlte Hausarbeit indirekt zur Mehrwertproduktion beiträgt. Nikita Dhawan und María do Mar Castro Varela reflektierten das Verhältnis zwischen Marxismus und Theorien des Postkolonialismus. Thomas Sablowski und Alex Demirović betonten die Notwendigkeit einer kohärenten Weiterentwicklung der Marxschen Theorie, um Beliebigkeit und Opportunismus zu vermeiden. Ob es einen unveränderlichen Kern des Marxismus gibt und worin dieser besteht, blieb strittig. Die Diskussionen hatten aber insgesamt ein hohes Niveau und waren ein weiterer Beweis für die Lebendigkeit des Marxismus.

Thomas Sablowski