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Prague Papers on the History of International RelationsInstitute of East European History Faculty of Historical and Cultural Sciences University of Vienna 2011

Prague Papers on the History of International Relations Institute of East European History Faculty of Historical

Institute of East European History Faculty of Historical and Cultural Sciences University of Vienna

2011 / 2

and Cultural Sciences University of Vienna 2011 / 2 Institute of World History Faculty of Arts

Institute of World History Faculty of Arts Charles University of Prague

CONTENS / INHALT

Dana Picková, Valburga Vavřinová Westeuropäer als Informationsquelle über Russland

11

Ivo Budil Trojans, Franks and Their Enemies. French Genealogical Imagination and Its Historical Transformations in the Sixteenth Century

23

Mónika Pilkhoffer Changes in the Building Stock and Their Effect on Cityscapes in Towns

40

of

the Austro-Hungarian Monarchy

Jaroslav Valkoun The British Attitudes to the Mahdist and the Italian Activities in East Africa, 1885–1896, and the Conquest of Dongola

58

Roman Kodet The Austria-Russian Entente and the Ottoman Empire at the Beginning of the 20 th Century

69

Aleš Skřivan, Sr. Die Übereinkunft Österreich-Ungarns mit der Türkei im Zusammenhang mit der Annexion Bosniens und der Herzegowina

77

Richard Lein Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

86

Géza Gecse Panslawismus in der russischen und in der sowjetischen Außenpolitik 1914–1991

110

Lukáš Novotný

Great Britain and the Road to the Rhineland Pact (March–July 1925).

132

A

Contribution to the Issue of Collective Security in the 1920s

Events / Ereignisse

 

Charles University Scholars as Ciudad de la Luz’s Guests (Eliana Antia Conte)

151

Book Reviews / Buchbesprechungen

Roman Míšek, František Ondráš, Miroslav Šedivý: Egypt v době Muhammada Alīho [Egypt in the time of Muhammad Alī], Praha 2010 (Roman Kodet)

157

Radko Břach: Die Tschechoslowakei und Locarno. Europäische Variationen, München 2011 (Lukáš Novotný)

158

Authors / Autoren

161

Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

RICHARD LEIN

Die Person Erzherzog Franz Ferdinand erfreut sich, all ihrer scheinbaren Widersprüchlich- keiten zum Trotz, 1 seit nunmehr fast 100 Jahren regen Interesses seitens der historischen Forschung. Während insbesondere in populärwissenschaftlichen Werken der Schwerpunkt der Darstellung zumeist auf die persönlichen Lebensumstände, die morganatische Ehe 2 sowie die Ermordung des Thronfolgers in Sarajewo am 28. Juni 1914 gelegt wird, 3 tritt seine politische Einstellung zumeist eher in den Hintergrund oder wird rein spekulativ abgehandelt. Eher vage dargestellt werden dabei in der Regel die Pläne des Erzherzogs und seines Um- felds, wie im Falle eines Ablebens Kaiser Franz Josephs der Thronwechsel vor sich zu gehen hatte und welche Maßnahmen zur politischen Umgestaltung des österreichisch-ungarischen Staatswesens gesetzt werden sollten. 4 Zwar wurde insbesondere die Frage nach den Plänen des Erzherzogs für eine Reichsreform nach seinem Regierungsantritt in der Vergangenheit immer wieder an die Wissenschaft herangetragen, von einigen politisch mitunter nur schwer zu verortenden Werken abgesehen 5 jedoch gleichfalls nur kursorisch behandelt. Die erste wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex fand erst in den 1950er Jahren statt, als der Historiker Robert A. Kann im zweiten Band sei- nes Werks „Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie“ 6 die seit dem Jahr 1848 seitens verschiedener Personengruppen gehegten Pläne für eine Reform des österreichisch- ungarischen Staatswesens – darunter auch jene Erzherzog Franz Ferdinands 7 – ausführlich analysierte. Kann ging dabei mit den politischen Plänen des Thronfolgers recht hart ins Gericht und zweifelte vor dem Hintergrund des ab der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert immer stärker werdenden Nationalitätenkonflikts innerhalb der Habsburgermonarchie die Sinnhaf- tigkeit und Umsetzbarkeit der verschiedenen, Franz Ferdinand zum Teil nur zugeschriebenen Reformansätze an. Auch wenn einige seiner Thesen keine ungeteilte Zustimmung fanden, wurde die Thematik in weitere Folge nicht mehr von der historischen Forschung aufgegriffen, auch Kann selbst kam in seinen späteren Werken zur Geschichte der Habsburgermonarchie

1 R. A. KANN, Franz Ferdinand Studien, Wien 1976, S. 30–32.

2 Vgl. etwa: E. BESTENREINER, Franz Ferdinand und Sophie von Hohenberg. Verbotene Liebe am Kaiserhof, München 2004; B. HAMMOND, Habsburgs größte Liebesgeschichte. Franz Ferdinand und Sophie, Wien 2001.

3 Vgl. etwa: M. POLATSCHEK, Franz Ferdinand. Europas verlorene Hoffnung, Wien, München 1989; G. BROOK- SHEPHERD, Die Opfer von Sarajevo. Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie von Chotek, Stuttgart 1988.

4 Vgl. hierzu etwa F. WEISSENSTEINER, Franz Ferdinand. Der verhinderte Herrscher, Wien 1983, S. 174–199.

5 C. BARDOLFF, Soldat im alten österreich. Erinnerungen aus meinem Leben, Jena 1938; G. FRANZ, Erzherzog Franz Ferdinand und die Pläne zur Reform der Habsburger Monarchie, Brünn 1943.

6 R. A. KANN, Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie. Geschichte und Ideengehalt der nationalen Bestrebungen vom Vormärz bis zur Auflösung des Reiches im Jahr 1918, 2 Bde., Graz, Köln 1964.

7 KANN, Nationalitätenproblem. Bd. 2, S. 191–200.

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

nicht mehr sie zurück. 8 Vor diesem Hintergrund stellt der Themenkomplex rund um die Frage nach den Plänen des Erzherzogs für eine politische und eventuell auch territoriale Neugestal- tung der Habsburgermonarchie nach wie vor eine Forschungslücke dar, zu deren Schließung der vorliegende Beitrag beizutragen versucht. Der Grund für das scheinbar geringe Interesse der historischen Wissenschaft an den Plänen Franz-Ferdinands für eine im Zuge seiner Thronbesteigung geplante Reichsreform ist sowohl in der unbefriedigenden Quellenlage als auch in der schwankenden politischen Haltung des Erzherzogs zu suchen. So ist zwar im Nachlass Franz Ferdinands 9 eine Reihe von Konzep- ten und Reformstudien erhalten geblieben, die dem Thronfolger von Seiten seiner Berater seit den 1890er Jahren zugetragen wurden, 10 der überwiegende Teil dieser Dokumente ist inhaltlich jedoch nicht besonders ausführlich und vor dem Hintergrund, dass sich die ein- zelnen Konzepte einander zum Teil widersprechen, in seiner realen Bedeutung nur schwer zu erahnen. 11 Hinzu kommt, dass Franz Ferdinand bei seinen Zeitgenossen insbesondere in politischen Fragen als recht sprunghaft galt 12 und im Laufe der Zeit verschiedene Konzepte für eine mögliche Staatsreform in Betracht zog. 13 Die Sekundärliteratur nennt in diesem Zusammenhang zumeist drei möglichen Varianten, namentlich 1. die Beibehaltung der be- stehenden Territorialorganisation des Reiches unter Neuverhandlung des Ausgleichs von 1867, Stärkung der Zentralgewalt und Gleichberechtigung der Nationalitäten; 2. die Bildung eines neuen, aus den südslawischen Bevölkerungsgruppen gebildeten, dritten Reichsteils, der Cis- und Transleithanien gleichgestellt werden sollte (Trialismus) sowie 3. die Föderalisierung des Reiches unter Schaffung neuer, national homogener Einzelstaaten nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Carl Bardolff, 1911–1914 Flügeladjutant des Thronfolgers, 14 nennt in seinen Erinnerungen noch eine vierte, von ihm als Katastersystem bezeichnete Variante, die sich am mährischen Ausgleich orientieren hätte sollen. 15 Nachdem diese in der Literatur jedoch ansonsten uner- wähnt bleibt, darf angenommen werden, dass sie von Seiten des Erzherzogs nicht längerfristig in Erwägung gezogen wurde. Ob Franz Ferdinand im Fall seiner Thronbesteigung tatsächlich auf eines dieser Konzepte zurückgegriffen hätte, gilt jedoch keinesfalls als sicher, da der neue

8 R. A. KANN, Geschichte des Habsburgerreiches 1526–1918, Wien, Köln, Weimar 1993. Der Artikel in den in Fußnote 1 zitierten „Franz Ferdinand Studien“ stellt lediglich einen Neuabdruck von Kanns Ausführungen zu dem Thema in seinem Werk „Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie“ dar.

9 Zu dem Bestand vgl. R. KISZLING, Das Erzherzog Franz Ferdinand Archiv, in: Mitteilungen des Österreichi- schen Staatsarchivs, Bd. 6, Wien 1953, S. 407–410.

10 Zum Charakter des Thronfolgers vgl. KANN, Nationalitätenproblem. Bd. 2, S. 192–193.

11 Siehe etwa die verschiedenen Konzepte und Denkschriften, die alleine im Nachlass von Oberst Alexander Brosch-Aarenau zu finden sind. Vgl. dazu: Österreichisches Staatsarchiv (OeStA), Kriegsarchiv (Ka), Nach- lässe, B/232:11a–21, Nachlass Brosch.

12 KANN, Franz Ferdinand Studien, S. 30–32.

13 Vgl. dazu: P. BROUCEK, Reformpläne aus dem Beraterkreis Erzherzog Franz Ferdinands und Kaiser Karls, in: R. G. PLASCHKA, H. HASELSTEINER, A. SUPPAN et al. (Hrsg.), Mitteleuropa-Konzeptionen in der Ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Zentraleuropa-Studien, Bd. 1, Wien 1995, S. 111–121; KANN, Natio- nalitätenproblem, Bd. 2, S. 191–200.

14 Zur Person Bardolffs vgl. vor allem: J. MENDE, Dr. Carl Freiherr von Bardolff, Univ.-Diss, Wien 1984.

15 BARDOLFF, S. 109.

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2011/ 2 Herrscher aufgrund der jeweiligen politischen Lage wohl gezwungen gewesen wäre, gewisse Kompromisse einzugehen.

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Herrscher aufgrund der jeweiligen politischen Lage wohl gezwungen gewesen wäre, gewisse Kompromisse einzugehen. Umso interessanter erscheint es vor diesem Hintergrund, abseits der in der Literatur ausführlich diskutierten, großen Reformprogramme den Focus auf die archivarisch erhaltenen, aus dem Umfeld des Thronfolgers stammenden Thronwechselkon- zepte zu legen, da diese die realpolitische Situation innerhalb der Habsburgermonarchie sowie die in diesem Zusammenhang angestellten Überlegungen der Berater des Erzherzogs wesentlich präziser widerspiegeln. Obgleich die Frage, wie die tatsächlichen politischen Pläne Franz-Ferdinands für die Zeit seiner Regierung ausgesehen hätten, vor dem Hintergrund der Ereignisse von Sarajewo am 28. Juni 1914 rein akademischer Natur ist, scheint eine neuerliche wissenschaftliche Auseinadersetzung mit der Thematik dennoch geboten zu sein. So wird es nur unter Berücksichtigung auch dieser Forschungsfrage in Zukunft möglich sein, das komplexe Bild der Persönlichkeit Erzherzog Franz-Ferdinands neu zu zeichnen und damit ein weiteres, umso größeres Forschungsdesiderat zu erfüllen.

Das Thronwechselprogramm des Jahres 1911 Aus der zuvor genannten Reihe verschiedener, aus dem Dunstkreis der Militärkanzlei des Thronfolgers stammender Fallstudien sticht das vom seinerzeitigen Flügeladjutanten Franz Ferdinands, Oberst Alexander Brosch von Aarenau, 16 mit der Unterstützung von Heinrich Lammasch, Edmund Steinacker und Josef Kristóffy 17 verfasste „Programm für den Thron- wechsel“ gleich in mehrfacher Hinsicht hervor. So stellt das auf den August 1911 datierte Konzept zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht nur das jüngste, sondern zugleich auch das ausführlichste und umfangreichste archivarisch erhaltene Dokument zu diesem Thema dar, was es für die Forschung besonders interessant macht. Gleichwohl sollte man nicht dem Trugschluss erliegen, dass die vorliegende Studie die letztgültige Variante der von Seiten des Umfelds des Erzherzogs getroffenen, vorbereitenden Maßnahmen für einen Thronwechsel darstellt. 18 Das Fehlen ähnlich umfangreicher Dokumente für den Zeitraum 1912–1914 scheint nicht zuletzt auf personelle Umwälzungen innerhalb der Militärkanzlei des Thronfolgers zurückzuführen sein, fällt doch genau in diese Zeit der Abgang Broschs, der für viele Jahre der engste und wohl beste Mitarbeiter des Thronfolgers gewesen war, und sein Ersatz durch Oberst Carl von Bardolff. 19 Obwohl letzterer dem Thronfolger von Oberst Brosch, der zum Kommandanten des Zweiten Regiments der Tiroler Kaiserjäger ernannt worden war, als sein Nachfolger vorgeschlagen worden war, besaß Bardolff jedoch nicht die geistigen und organisatorischen Qualitäten seines Vorgängers, der sowohl von Zeitgenossen 20 als auch in der Historiographie 21 zu Recht als „Mastermind“ der Militärkanzlei Franz-Ferdinands

16 Zur Person Brosch-Aarenaus vgl. vor allem: M. SITTE, Alexander von Brosch. Der Flügeladjutant der Militär- kanzlei des Thronfolgers Franz Ferdinand, Univ.-Diss., Wien 1961.

17 FRANZ, S. 83. Zu den genannten Personen vgl. ebenda, S. 69–71.

18 So wurde etwa bereits im Jahr 1911 ein Portrait Franz-Ferdinands angefertigt, das den Erzherzog in Uniform mit den Insignien des Kaisers zeigte. Das Bild befindet sich heute in der Schausammlung des Heeresgeschicht- lichen Museums in Wien.

19 Zur Tätigkeit Bardolffs als Flügeladjutant Franz Ferdinands vgl. MENDE, S. 10–64.

20 BARDOLFF, S. 107–109.

21 SITTE, S. 32–39.

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

bezeichnet wird. Zwar ist aus der Historiografie bekannt, dass im Jahr 1912 der Diplomat Johann Andreas von Eichhoff mit der Überarbeitung des von Oberst Brosch stammenden Konzepts beauftragt wurde, 22 Bardolff selbst dürfte an diesem Projekt jedoch nur am Ran- de beteiligt gewesen sein. 23 Unklar bleibt dabei, ob Eichhoff seinerzeit beauftragt wurde, das Brosch’sche Programm radikal umzugestalten oder ob er lediglich den Auftrag erhalten hatte, es den geänderten innen- wie außenpolitischen Rahmenbedingungen anzupassen. So veröffentlichte der Diplomat zwar im Jahr 1926 in der Tageszeitung Reichspost die von ihm überarbeitete Version des anlässlich des Regierungsantritts Franz Ferdinands zu verkündenden kaiserlichen Manifests, 24 ein aus seiner Feder stammendes Thronwechselprogramm, das in Umfang und Ausführlichkeit jenem des Jahres 1911 gleichzusetzen wäre, ist jedoch bislang nicht bekannt. Archivarisch erhalten geblieben sind lediglich einige Konzepte Eichhoffs zur einer geplanten Verfassungsreform des Reiches sowie einige für den Fall des Thronwechsels gedachte Durchführungsverordnungen, die jedoch auf dem von Brosch erstellten Konzept aufzubauen scheinen. 25 Ähnliches trifft auch auf die in der Historiografie genannten Vorschläge des früheren ungarischen Innenministers Josef Kristóffy 26 aus dem Jahr 1912 zu, die offenbar gleichfalls auf den Vorschlägen aus dem ursprünglichen Konzept von 1911 basieren, die le- diglich an die geänderte politischen Bedingungen angepasst wurden. 27 In keinem der beiden Fälle, also weder bei Eichhoff noch bei Kristóffy, ist eine radikale politische Umorientierung des Thronfolgers, der die Studien nachweislich in Auftrag gegeben hatte, gegenüber dem ursprünglichen Konzept zu erkennen. Trotz der Tatsache, dass es sich bei dem Brosch’schen Programm also mit größter Wahr- scheinlichkeit nicht um die letztgültige Variante des Thronwechselkonzepts Franz Ferdinands handelt, ermöglicht das Dokument dennoch einen wertvollen Einblick in die innen- wie au- ßenpolitischen Überlegungen und Strategien des Umfelds des Erzherzogs wenige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Bemerkenswert ist, dass das Dokument gleich in zwei Varianten erhalten geblieben ist, von denen eine im Nachlass Oberst Broschs im Wiener Kriegsarchiv, 28 die andere wiederum im Nachlass des Thronfolgers im Österreichischen Haus-, Hof- und Staatsarchiv 29 aufbewahrt wird. Für die historische Forschung ist vor allem das im Nachlass Brosch enthaltene, insgesamt 62 Seiten umfassende Konzept von Interesse, da dieses aufgrund seiner Datierung mit August 1911 die letzte bekannte Version des Dokuments darstellt und darüber hinaus der Aktenbestand auch zusätzliches Quellenmaterial zu der Thematik enthält. Das eigentliche Thronwechselprogramm gliedert sich in insgesamt 14 Unterpunkte (A bis N), deren jeweiliger Inhalt zum Teil mit jenem anderer Punkte in Zusammenhang steht,

22 FRANZ, S. 89.

23 MENDE, S. 56–61.

24 Reichspost, Ausgabe 26. 3. 1926, S. 1–3.

25 Vgl. dazu den Nachlass von Johann Eichhoff, OeStA/KA/Nachlässe, B/874, Nachlass Eichhoff. Zum Bestand siehe auch: BROUCEK, S. 113.

26 Zur Person Jósef Kristóffys vgl. BENDA, Kristóffy, József, in: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL), Bd. 4, Wien 1969, S. 278.

27 FRANZ, S. 94–96.

28 Vgl. OeStA/KA/Nachlässe, B/232, Nachlass Brosch.

29 Vgl. KANN, Franz Ferdinand Studien, S. 36, Fußnote 13.

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2011/ 2 zum Teil aber auch gleich mehrere für den Thronwechsel maßgebliche Materien auf einmal

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zum Teil aber auch gleich mehrere für den Thronwechsel maßgebliche Materien auf einmal berührt. 30 Dem Konvolut beigeschlossen sind Entwürfe für ein kaiserliches Manifest, 31 einen Armeebefehl 32 sowie eines Schreibens an die militärischen Führungsstellen des Reiches, 33 die unmittelbar nach der Thronbesteigung Franz Ferdinands zu veröffentlichen gewesen wären. Zusätzlich enthält der Aktenbestand eine 28-seitige Stellungnahme des Juristen und späteren österreichischen Ministerpräsidenten Heinrich Lammasch, 34 der gleichfalls zu den Beratern des Thronfolgers gehörte und der in seinem Schreiben zu zum Inhalt der vier zuvor genannten Dokumente ausführlich Stellung nahm. 35 Das Thronwechselkonzept selbst wurde im Dezember 1923/Jänner 1924 in zwei Teilen erstmals in der Tageszeitung Neues Wiener Journal veröffentlicht, wobei jedoch seitens der Redaktion darauf verzichtet wurde, die Quelle, aus der die Dokumente stammten, zu benen- nen. 36 Auffällig ist, dass der abgedruckte Text zwar das eigentliche Konzept, das kaiserliche Manifest sowie den Armeebefehl umfasste, nicht jedoch die kritischen Anmerkungen Heinrich Lammaschs oder eine der anderen Beilagen, die heute im Nachlass Brosch zu finden sind. Das Dokument wurde in weiterer Folge mehrfach rezipiert, ein textgleicher Abdruck findet sich in der 1929 von Theodor von Sosnovsky, der gleichfalls zum Mitarbeiterstab des Thron- folgers gezählt wird, 37 publizierten Franz-Ferdinand Biografie, wobei der Autor wiederum die beiden Ausgaben des Neuen Wiener Journals als Quelle angab. 38 Ähnliches trifft auch auf die 1943 von Georg Frantz publiziere Arbeit über die Pläne des Erzherzogs zur Reform der Habsburgermonarchie zu, in der das Thronwechselkonzept gleichfalls thematisiert wird. 39 Frantz zitierte in diesem Zusammenhang ebenfalls das 1923 publizierte Konzept mit den beiden Beilagen, berief sich jedoch gleichfalls auf Informationen, die die er aus mündlichen und schriftlichen Mitteilungen verschiedener ehemaliger Berater des Thronfolgers erlangt hatte. 40 Unter diesen befand sich auch Johann Eichhoff, dessen Schriftverkehr mit Frantz als Teil seines Nachlasses im Wiener Kriegsarchiv erhalten geblieben ist. 41 Gleichfalls mit dem Thronwechselkonzept von 1911 in Verbindung gebracht 42 wird in der Historiografie gelegentlich das im März 1929 von Eichhoff in der Tageszeitung Reichspost publizierte

30 Konzept für den Thronwechsel, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

31 Entwurf eines Völkermanifests, ebenda, B/232:12, Nachlass Brosch.

32 Entwurf eines Armeebefehls, ebenda, B/232:15, Nachlass Brosch.

33 Beilagen zum Entwurf eines Armeebefehls, ebenda, B/232:15, Nachlass Brosch.

34 Zur Person Heinrich Lammaschs vgl.: M. LAMMASCH, H. SPERL (Hrsg.), Heinrich Lammasch. Seine Auf- zeichnungen, sein Wirken und seine Politik, Wien, Leipzig 1922.

35 Kommentar Heinrich Lammasch zum Konzept für den Thronwechsel, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

36 Neues Wiener Journal, Ausgabe vom 30. 12. 1923, S. 1 sowie 7–10 und Ausgabe vom 2. 1. 1924, S. 2–4.

37 FRANZ, S. 70.

38 T. SOSNOVSKY, Franz Ferdinand der Erzherzog Thronfolger. Ein Lebensbild, München, Berlin 1929, S. 78.

39 FRANZ, S. 82–89.

40 Ebenda, vgl. etwa Fußnote 344, 348, 351 und 360.

41 Vgl. den Schriftverkehr zwischen Georg Frantz und Johann Eichhoff, OeStA/KA/Nachlässe, B/874, Nachlass Eichhoff.

42 KANN, Franz Ferdinand Studien, S. 36

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

Völkermanifest, 43 bei dem es sich jedoch, wie zuvor bereits ausgeführt wurde, um eine spätere Auftragsarbeit des Diplomaten für den Thronfolger handelte. Das in weiterer Folge zitierte, aus dem Nachlass Brosch stammende Aktenkonvolut dürfte demgegenüber erst relativ spät in den Besitz des Wiener Kriegsarchivs gelangt sein. So findet sich in dem Aktenkarton, in dem die Dokumente aufbewahrt werden, bis heute ein früher zur Verpackung des Konvoluts benutzter Bogen Kartonpapier, auf dem ein Aktenvermerk angebracht ist, demzufolge der Bestand dem Direktor des Kriegsarchivs von Feldmarschallleutnant Carl Bardolff während des Zweiten Weltkriegs übergeben wurde. 44 Wie das Konvolut in den Besitz Bardolff gelangt war, ist nicht mehr zu eruieren, es liegt jedoch der Schluss nahe, dass dieser es bei der Auflösung der Militärkanzlei nach der Ermordung Franz Ferdinands an sich genommen hatte, sodass es nicht in den Nachlass des Thronfolgers oder den Archivbestand der Militärkanzlei gelangte. Wie bedeutend der Inhalt der Dokumente selbst nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar noch eingeschätzt wurde, zeigt die unter dem Herkunftsvermerk zu findende Aufschrift „Nur mit Bewilligung des Herrn Archivdirektors zu öffnen!“. 45

Zum Inhalt des Programms Schon die Präambel des Dokuments (Unterpunkt A) lässt erkennen, wie weit die Planungen für den Thronwechsel im Jahr 1911 bereits fortgeschritten waren und wie genau die Ratgeber des Erzherzogs die kritische innen- wie außenpolitische Lage der Habsburgermonarchie 46 und die sich daraus ergebenden Probleme offenbar einzuschätzen vermochten. So bemerkte Oberst Brosch, der aufgrund der bekannten Indizien als Hauptautor des Konzepts angenom- men wird, gleich zu Beginn des Dokuments: „Der Thronwechsel muss sich vollkommen glatt vollziehen. Nun gibt es viele Stimmen im In- und Auslande, welche meinen, die Monarchie sei bloß ein Staatswesen auf Kündigung und gehe beim Ableben des alten Kaisers aus allen Fugen. Revolution in Ungarn, Krieg mit Italien, eventuell Serbien und Montenegro werden als ganz bestimmt erwartet.“ 47 Vor diesem Hintergrund, so Brosch in der Präambel, müsse es das Ziel des neuen Regenten sein, einerseits das Ausland von seinen friedlichen Absichten zu überzeugen und sich ande- rerseits, wenn auch nur vorübergehend, um Verständigung mit der in Ungarn herrschenden Gentry zu bemühen, um so gegenüber den anderen europäischen Staaten das Bild eines ge- einten, ich sich befriedeten und geordneten Staatswesens zu erwecken. 48 Im Hinblick auf die Wahrnehmung des Regenten im In- und Ausland warnte der Oberst den Thronfolger nicht nur an dieser Stelle eindringlich davor, überhastete oder unüberlegte Maßnahmen zu treffen, die man gegebenenfalls nicht umsetzen könne und schon bald wieder zurücknehmen müsse. Viel mehr wäre es gerade in der Anfangszeit für den neuen Regenten wichtig, sich der Öffentlichkeit als moderner Herrscher mit klaren Zielen und Grundsätzen zu präsentieren, der mit Ruhe

43 Reichspost, Ausgabe 26. 3. 1926, S. 1–3.

44 Umschlagbogen, OeStA/KA/Nachlässe, B/232, Nachlass Brosch.

45 Ebenda.

46 Zur innenpolitischen Lage des Staates und den sich daraus ergebenden Problemen vgl. als kurze Übersicht:

H. P. HYE, Das politische System in der Habsburgermonarchie, Praha 1998.

47 Konzept für den Thronwechsel, S. 1, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

48 Ebenda, S. 1–2.

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2011/ 2 und fester Hand planmäßig vorgehen würde. 4 9 Aus diesem Grund, so war

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und fester Hand planmäßig vorgehen würde. 49 Aus diesem Grund, so war sich der Beraterstab des Erzherzogs offenbar einig, sollte seitens der Krone vermieden werden, sich allzu schnell auf ein präzises politisches Programm festzulegen, dessen mögliches Scheitern das Anse- hen des neuen Regenten kompromittieren könnte. Statt dessen sei es ratsam, gegenüber der Öffentlichkeit und den politischen Repräsentanten beider Reichshälften zunächst nur grobe politische Leitlinien vorzugeben, die Raum für Interpretationen offen lassen würden und als Basis für spätere Verhandlungen dienen könnten. 50 Hinter den Kulissen hingegen sollte, wie aus dem Thronfolgekonzept mehr als deutlich hervorgeht, jedoch schon in der ersten Stunde der Regentschaft des neuen Herrschers mit der Umsetzung eines präzisen, gut vorbereiteten Programms begonnen werden, dessen Ziele nicht geringer waren als die völlige politische Neuordnung der ungarischen Reishälfte sowie die Wiederherstellung der Reichseinheit der Habsburgermonarchie. 51 Wie komplex die hierbei vorgesehenen Maßnahmen waren und wo die Schwachpunkte des Konzepts lagen, zeigen die folgenden Ausführungen.

Die Frage des Krönungseids Die Dringlichkeit der Umsetzung der im Thronwechselprogramm definierten Maßnahmen hing vor allem mit der komplizieren innenpolitischen Situation Österreich-Ungarns zusam- men. So hatte der Regent, wie in § 8 des österreichischen Staatsgrundgesetzes von 1867 52 bzw. im ungarischen Gesetzesartikel III von 1791 53 geregelt war, nach seinem Regierungs- antritt in beiden Reichshälften einen Eid abzulegen, demzufolge er die Grundgesetze, sprich die Verfassung des Staates respektieren würde und nur in Übereinstimmung mit diesen zu gelobte. Während die Ableistung dieses Gelöbnisses in Zisleithanien kaum negative Folgen für die Reformpläne des Thronfolgers nach sich gezogen hätte, sah die Situation in Ungarn ganz anders aus. Verkürzt dargestellt hätte die Ableistung des ungarischen Krönungseides bedeutet, 54 dass es dem neuen Monarchen unmöglich geworden wäre, auf eigene Faust und ohne Duldung des ungarischen Parlaments Reformen in staatsrechtlichen Fragen vorzuneh- men, ohne sich dabei des Mittels des Oktrois zu bedienen und damit den Boden verfassungs- mäßigen Handelns zu verlassen. 55 Hinzu kam, dass gemäß der ungarische Rechtslage die Ableistung des Krönungseides durch den neuen Monarchen sowie dessen Krönung innerhalb von sechs Monaten nach der Thronbesteigung zu erfolgen hatte. 56 Dieses Zeitfenster, das war den Beratern Franz-Ferdinands bewusst, war jedoch viel zu kurz, um die gewünschten, ein- schneidenden politischen Reformen in Ungarn durchzusetzen, umso mehr, als mit scharfem Widerstand seitens der Gentry, also der in Transleithanien herrschenden Adelsschicht, zu

49 Ebenda.

50 Ebenda, S. 2–3.

51 KANN, Franz Ferdinand Studien, S. 36.

52 Staatsgrundgesetz vom 21. Dezember 1867 über die Ausübung der Regierungs- und Vollzugsgewalt. Reichs- gesetzblatt für das Kaisertum Österreich 145/1867.

53 S. RADO-ROTHENFELD, Die ungarische Verfassung. Geschichtlich dargestellt, Berlin 1898, S. 180–181.

54 Zum Text des Krönungseides vgl. ebenda, S. 186–190.

55 Ebenda, S. 6–7.

56 LAMMASCH, SPERL, S. 82; RADO-ROTHENFELD, S. 180–181; Konzept für den Thronwechsel, S. 6, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

rechnen war. Da der Thronfolger jedoch von der unbedingten Notwendigkeit der Beseiti- gung der im Ausgleich von 1867 festgeschriebenen Sonderstellung Ungarns innerhalb des Reichsverbands überzeugt war, mussten Mittel und Wege gefunden werden, die festgesetzte, sechsmonatige Frist auf ein Maximum zu strecken. Den einzigen halbwegs verfassungskonformen Weg, dieses Ziel zu erreichen, stellte eine formaljuristische Finte dar. So regte Oberst Brosch in seinem Konzept, offensichtlich auf Rat der beigezogenen Juristen und Staatsrechtsgelehrten hin, an, die Ableistung des Krö- nungseides in beiden Reichshälften mit der Begründung aufzuschieben, dass sich die Ver- fassungen der beiden Länder sich widersprechen würden und eine Beeidigung derselben durch den Monarchen erst erfolgen könne, wenn die Widersprüchlichkeiten ausgeräumt wären. Zu diesem Zweck wiederum müssten Verhandlungen eingeleitet wären, deren Ziel es aus zweckmäßigen Gründen auch zu sein habe, die ungeklärte staatsrechtliche Stellung Bosnien-Herzegowinas zu regeln, sodass nach ihrem Abschluss der Regent guten Gewissens den Krönungseid leisten könne. 57 Dazu ist zu bemerken, dass die Behauptung, die Verfas- sungen der beiden Reichsteile würden sich widersprechen, tatsächlich zutreffend war, da die Formulierung der in ihnen enthaltenen Ausgleichsgesetze in der deutschen und der ungari- schen Variante von einander abwich. 58 Darüber hinaus beanspruchten sowohl Cis- als auch Transleithanien das Kronland Dalmatien für sich und führten dessen Landeswappen, drei goldene Löwen auf blauem Schild, in ihrem jeweiligen Staatswappen. Beide Umstände waren unter den Politikern der Habsburgermonarchie seit langem bekannt gewesen und durchaus auch kritisch diskutiert worden, dass man nun seitens der Militärkanzlei jedoch den Versuch unternahm, unter Verweis auf diese beiden rechtliche Fehlstelle die Verfassung gleich beider Reichshälften auszuhebeln, erscheint aus heutiger Sicht eher gewagt. Bedenkt man darüber hinaus, dass die beiden Parlamente die Verlängerung der Frist für die Eidesleistung als Gesetz verabschieden hätten müssen 59 (was diese ohne weiteres auch verweigern konnten), wird klar, auf wie tönernen Füßen das Konzept Broschs bereits in diesem Punkt stand. Tatsache ist, dass die Einberufung der Verhandlungsdelegationen sowie die Klärung der strittigen Fragen, darunter vor allem jene betreffend die seit der Annexion 1908 ungeklärte staatsrechtliche Stellung Bosniens, so viel Zeit in Anspruch genommen hätte, dass die kaiserliche Regierung ihre wichtigsten Reformen ohne zeitlichen Druck umsetzen hätte können.

Die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Ungarn Noch vor Beginn der Verhandlungen der Krone mit den politischen Repräsentanten, auf die in weiterer Folge noch eingegangen wird, sollten jedoch die politischen Verhältnisse in

57 Ebenda, S. 15–16.

58 Zu den Ausgleichsgesetzen vgl. etwa: P. BERGER (Hrsg.), Der österreichisch-Ungarische Ausgleich von 1867. Vorgeschichte und Wirkungen, Wien, München1967; T. MAYER (Hrsg.), Der österreichisch-ungarische Ausgleich von 1867. Seine Grundlagen und Auswirkungen, (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission, Bd. 20), München 1968. Für einen vergleich der divergierenden Textpassagen vgl. ebenda, S. 124–198. Zur staatsrechtlichen Problematik des Dualismus vgl. G. STOURZH, Der Dualismus 1867 bis 1918: Zur staats- rechtlichen und völkerrechtlichen Problematik der Doppelmonarchie, in: H. RUMPLER, P. URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918. Bd. 7/1: Verfassung und Parlamentarismus, Wien 2000, S. 1177–1230.

59 Konzept für den Thronwechsel, S. 32, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch. Vgl. dazu auch die zeitgenössische Studie: A. OFFERMANN, Das Verhältnis Ungarns zu österreich, Wien, Leipzig 1902.

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2011/ 2 Ungarn durch eine weitere Maßnahme ein für alle Mal neu geregelt werden, nämlich

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Ungarn durch eine weitere Maßnahme ein für alle Mal neu geregelt werden, nämlich durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Dieser Schritt stellte der Ansicht Oberst Broschs und zahlreicher anderer Berater Erzherzog Franz-Ferdinands nach die Grundbedingung für das Gelingen alle weiteren politischen Reformen dar, sah man doch darin die einzige Möglichkeit, die Macht der bisherigen politischen Führungsschicht Ungarns zu brechen. Dazu ist zu bemerken, dass sich in Cisleithanien bereits seit dem Jahr 1907 ein allgemeines Männerwahlrecht in Geltung befand, 60 während in Ungarn kaum 10 % der Bevölkerung wahlberechtigt waren und das Wahlsystem darüber hinaus die magyarische Führungsschicht bevorzugte. 61 Auf diesem Umstand berief sich auch Brosch, der in seinem Konzept bemerkte, dass das allgemeine Wahlreicht bereits in allen anderen Landesteilen der k.u.k. Monarchie gelten würde daher und auch in der ungarischen Reichshälfte früher oder später zur Einführung gelangen würde. Vor diesem Hintergrund riet der Oberst dem Thronfolger, dem ungarischen Volk das Wahlrecht bei seinem Regierungsantritt gewissermaßen zum Geschenk zu machen. Schließlich sei es besser, so Brosch wörtlich, „die Krone beglückt die bisher entrechteten Volksklassen mit dem Wahlrecht als sie lässt sich dasselbe erpressen“. 62 Die Befürchtung einiger Politiker, mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts würden Vertreter der Sozialisten, Juden, radikalen Slawen, irridentistischen Rumänen und Serben in das Parlament einziehen und das Land damit politisch noch unberechenbarer machen als zuvor, hielt der Oberst für unbegründet. So argumentierte er, dass die genannten Gruppen, wenn überhaupt vorhanden, zahlenmäßig unbedeutend wären und vermutlich nur dann zu einem tatsächlichen politischen Problem werden könnten, wenn man sie länger dem „Terror“ der ungarischen Gentry aussetzen würde. Der Oberst verwies dabei vor allem auf das Beispiel der Kroaten, die man „indem man sie den Magyaren ohne Erbarmen auslieferte, glücklich bis zur Fiumer Resolution gebracht“ 63 habe, ein Argument, dass tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Der ungarische Bauer hingegen sei loyal 64 und das wäre der Umstand, auf den es ankäme. Auch mit Widerstand anderer von vielen Entscheidungsträgern kritisch betrachteter Bevölkerungsgruppen rechnete Brosch offenbar nicht, wobei in diesem Zusammenhang deutlich wird, dass bei allem vordergründigen Einsatz für die Rechte der nicht-magyarischen Nationalitäten Transleithaniens auch der Oberst offenbar nicht frei von Vorurteilen war. So bemerkte er in diesem Zusammenhang an einer Stelle im Text wörtlich:

60 Vgl. dazu etwa S. MALFER, Der Konstitutionalismus in der Habsburgermonarchie – siebzig Jahre Verfassungs- diskussion in „Cisleithanien“, in: RUMPLER, URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Bd. 7/1, S. 11–67, hier: S. 48–53; J. KALBOUCH, Die Lokalverwaltung in Cisleithanien, in: A. WANDRUSZ- KA, P. URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Bd. 2: Verwaltung und Rechtswesen, Wien 2003, S. 270–305, hier: 301–302.

61 Zum ungarischen Wahlrecht vgl. L. RÉVÉSZ, Parlament und Parlamentarismus im Königreich Ungarn, in:

RUMPLER, URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Bd. 7/1, S. 1007–1060, hier:

1026–1054; G. BARANY, Ungarns Verwaltung 1848–1918, in: WANDRUSZKA, URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Bd. 2, S. 306–468, hier: 397–398 sowie 418–420. Konzept für den Thronwechsel, S. 10, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

62 Ebenda, S. 9.

63 Ebenda; Zum Volltext der Resolution vgl.: http://www.europa.clio-online.de/site/lang

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mid

11373/40208215/Default.aspx, abgefragt am 26. 10. 2011.

64 Konzept für den Thronwechsel, S. 9, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

„Der Jude hält immer mit der stärkeren Partei [und] ist, wenn es um ein Geschäft zu machen, sein muss, sogar Antisemit und also nicht zu fürchten.“ 65 Gleichzeitig verwies Brosch darauf, dass von den 19 Millionen Einwohnern Ungarns 8,7 Millionen der magyarischen, 10,3 Millionen hingegen den übrigen Nationalitäten an- gehörten. Dies würde, so der Oberst, bei gerechter Umsetzung des allgemeinen Wahlrechts bedeuten, dass zumindest 247 der 453 Mandate des ungarischen Abgeordnetenhauses auf die nicht-magyarischen Vertreter entfallen würden, wodurch die gewünschte Umverteilung der politischen Macht gewährleistet wäre. 66 Vor diesem Hintergrund würde es die Regierung auch nicht notwendig haben, sich im Parlament auf Vertreter der Sozialisten, Juden und Freimaurer zu stützen. 67 Selbst bei einer höchst ungünstigen Festlegung der Wahlkreise, so Brosch weiter, würden immer noch an die 200 Abgeordnete der übrigen Nationalitäten ins ungarische Parlament einziehen, was immer noch eine deutliche Verbesserung gegenüber dem bisherigen Wahlmodus, der stets zu einer erdrückenden Mehrheit der Magyaren im Parlament geführt hatte, 68 darstellen würde. Der Oberst beeilte sich jedoch zugleich, in einer Seitenbemerkung festzuhalten: „Es wird Sache der Krone sein, speziell die Wahlkreiseinteilung nicht dazu benützen zu lassen, dass die Nationalitäten künstlich in die Minorität gebracht werden!“ 69 Tatsächlich ist anzunehmen, dass die kaiserliche Regierung alles daran gesetzt hätte, die Einteilung der Wahlkreise eher im Sinn der nicht-magyarischen Nationalitäten zu beeinflussen, stellte die Macht der ungarischen Gentry doch das größte Hindernis für das Re- formprogramms des Thronfolgers ab. Für den Fall einer Annahme der Wahlrechtsreform durch das ungarische Parlament oder einer Oktroyierung derselben rechnete Brosch interessanter- weise nicht mit der Bildung einer magyarischen, der Krone feindlich gegenüberstehenden Opposition. Vielmehr ging er davon aus, dass sich die bisherige politische Führungsschicht mit aller Kraft bemühen würde, auf die eine oder andere Weise und unter Aufgabe fast aller ihrer Prinzipien an der Machtausübung beteiligt zu bleiben, um so die eigenen Privilegien nicht zu verlieren. Der Oberst bemerkte dazu mit sichtlicher Genugtuung: „Da ist es also gewiss aus mit der chauvinistischen Politik und es wird ein großes Wettkriechen seitens der Magyaren um die Gunst der Krone eintreten, weil letztere das Zünglein an der Wage sehr zu Ungunsten der Magyaren beeinflussen könnte.“ 70 Im schlimmsten Fall rechnete Brosch mit einer dauernden Arbeitsunfähigkeit des ungari- schen Parlaments in Folge des Nationalitätenstreits, was er jedoch keinesfalls für nachteilig hielt. So wies der Oberst einerseits darauf hin, dass sich in diesem Fall die ungarische Regie- rung, sollte diese der Krone feindselig gegenüber stehen, in ihren Protesten nicht mehr auf den Willen der Nation berufen könnte, da die Uneinigkeit der Parlamentarier gewissermaßen den Beweis dafür liefern würde, wie gespalten die ungarische Bevölkerung tatsächlich war. 71

65 Ebenda.

66 Ebenda, S. 10.

67 Ebenda, S. 9–10.

68 Vgl. dazu: B. SÁRLOS, Das Rechtswesen in Ungarn, in: WANDRUSZKA, URBANITSCH (Hrsg.), Die Habs- burgermonarchie 1848–1918, Bd. 2, S. 499–535, hier: 522–523.

69 Konzept für den Thronwechsel, S. 10–11, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

70 Ebenda, S. 11.

71 Ebenda.

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2011/ 2 Außerdem führte Brosch ins Treffen, dass eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit des transleit- hanischen

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Außerdem führte Brosch ins Treffen, dass eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit des transleit- hanischen Abgeordnetenhauses dem Ansehen der Krone nur dienlich sein könnte, da der Regent in einer Situation politischer Instabilität zum entscheidenden Machtfaktor werden würde. Schließlich hätte es ja auch in Österreich keine Diskussionen um die Kronrechte und andere entscheidende Machtfragen mehr gegeben, seitdem das Parlament geschwächt worden wäre, weshalb auch eine möglicherweise drohende Arbeitsunfähigkeit des ungarischen Ab- geordnetenhauses durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts nicht zu fürchten sei. 72 Diese Behauptung erscheint wiederum recht gewagt, vor allem, wenn man das von Brosch genannte Beispiel des österreichischen Reichsrats betrachtet. Hier hatten tatsächlich die nach der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts in den Jahren 1907 und 1911 abgehalte- nen Wahlen, durch die bedeutende Massenparteien, wie etwa die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten, Eingang in das Abgeordnetenhaus gefunden, das Parlament weitgehend arbeitsunfähig gemacht. Dieser Umstand hatte jedoch vor allem die Arbeit der cisleithanischen Regierung erheblich verkompliziert, da diese keine parlamentarischen Mehrheiten mehr fand und sich in weiterer Folge darauf zurückziehen musste, durch Notverordnungen und ähnliche Zwangsmaßnahmen die Führung der Staatsgeschäfte aufrecht zu erhalten. 73 Vor dem Hintergrund dieser Fakten, die auch Brosch bekannt gewesen sein mussten, stellt sich die Frage, warum man seitens des Umfelds des Thronfolgers offenbar bereit war, sich trotz des Lippenbekenntnisses zur politischen „Befreiung“ der Nationalitäten Transleithaniens auf politische Planspiele einzulassen, an deren Ende im Extremfall nicht weniger stand als ein arbeitsunfähiges Parlament und eine von der Krone geduldete Diktatur einer loyalen ungarischen Regierung. Zwar ist zu bemerken, dass dieser Fall selbst von Broschs als recht unwahrscheinlich angesehen wurde, die Beurteilung der möglichen Folgen solcher Ereignisse durch den Oberst zeigt jedoch mehr als deutlich, dass das Motiv für die geplante Einführung des Wahlrechts in Ungarn keinesfalls in einer etwa geplanten Demokratisierung der Habsbur- germonarchie zu suchen ist. Das eigentliche Ziel des Projekts, die Zerstörung der Macht der Gentry, war viel mehr so offensichtlich, dass nicht einmal die Berater des Erzherzogs damit rechneten, dass sich das ungarische Parlament bereit erklären würde, eine solche Reform zu sanktionieren. So hielt es Brosch für das Beste, gegenüber den ungarischen Politikern in der Frage von Anfang an mit dem Oktroi zu drohen und, sollte dies nicht den gewünschten Effekt haben, das Dekret über die Einführung des allgemeinen Wahlrechts tatsächlich zu oktroyieren, 74 wodurch man freilich einen Verfassungsbruch begangen hätte.

Das Völkermanifest Die allererste Maßnahme, die nach der Thronbesteigung des neuen Herrschers zu setzen gewesen wäre, war jedoch die Verkündigung eines Manifests an die Völker der Habsbur- germonarchie, in dem die wesentlichen Eckpunkte des Regierungsprogramms des neuen

72 Ebenda, S. 12.

73 Zur Kriese des österreichischen Reichsrats vgl. ausführlich: H. RUMPLER, Parlament und Regierung Cis- leithaniens 1867 bis 1914, in: RUMPLER, URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Bd. 7/1, S. 667–894, hier: 831–894.

74 Konzept für den Thronwechsel, S. 12–13, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

Herrschers, der sich den Namen „Franz II“ zu geben gedachte, 75 in möglichst unverbindlicher Form angesprochen werden sollten. 76 Zu den Fragen, zu denen im Rahmen des Manifests Stellung genommen werden musste, zählte Oberst Brosch: a) die Aufrechterhaltung der Reichseinheit, b) die Aufrechterhaltung der Einheit der Armee, c) die Aufrechterhaltung der politischen Basis von 1867, d) die Verfassungsmäßigkeit der Regierung, e) Außenpolitik und Friedensgarantie, f) den Sprachenstreit in Böhmen und Österreich sowie die Gleichberechti- gung aller Nationalitäten in Ungarn, g) die Gleichberechtigung aller Religionsbekenntnisse, h) die Gleichberechtigung aller Stände und Klassen der Gesellschaft, i) die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Ungarn, j) die Angleichung der sich widersprechenden Ausgleichs- bestimmungen in Österreich und Ungarn, k) die Regelung der Stellung Bosniens zur Mon- archie sowie l) die Zusicherung der Ablegung des Krönungseides in Österreich und Ungarn nach dem Vollzug der unter Punkt J geforderten Verfassungsreform. 77 Brosch definierte das Manifest dabei als eine Art verkürzte Thronrede, in dem die wichtigsten Punkte des Regie- rungsprogramms des Monarchen angedeutet werden sollten. Den politischen Vertretern der beiden Reichshälften hingegen sollte der volle Umfang des Programmes erst zu einem späteren Zeitpunkt unterbreitet werden. 78 Der Text des Manifests, das auf Basis dieser Anforderungen erstellt wurde und das dem Thronwechselkonzept als handschriftlicher Entwurf beiliegt, 79 war ungeachtet der zahlreichen in ihm behandelten Themengebiete kaum länger als eine Druckseite heutigen Zuschnitts. Bei seiner Lektüre wird jedoch deutlich, wie groß der Spagat war, den der Verfasser des Textes, als den wir gleichfalls als Oberst Brosch vermutet dürfen, zwischen Informationspolitik auf der Einen und Unverbindlichkeit auf der anderen Seite zu machen hatte. So findet sich in dem Dokument etwa die Formulierung, der neue Regent wolle die Verfassungsgesetze in Österreich und Ungarn beschwören, sobald die volle Übereinstimmung zwischen diesen hergestellt worden wäre. 80 Vor dem Hintergrund weithin bekannten Konflikts rund um die Ausgleichsgesetze bestand hier bereits die Gefahr, dass die politische Führung Transleitha- niens in der Formulierung die Absicht des Thronfolgers erkannte, die Beeidigung der unga- rischen Verfassung auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Noch offener war die Ankündigung, allen Ständen und Berufsklassen, soweit dies noch nicht erfolgt wäre, die Mitwirkung an der gesetzgebenden Tätigkeit durch Erlassung eines gerechten Wahlrechts zu ermöglichen, 81 was wohl für jeden Beobachter als Drohung mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Ungarn zu verstehen war. Ob es vor dem Hintergrund der in weiteren Folge abzuhaltenden Verhandlungen tatsächlich klug gewesen wäre, die Karten gleich zu Beginn so offen auf den Tisch zu legen und damit der Gegenseite im Vorfeld die Möglichkeit zu geben, entsprechende Gegenstrategien zu entwickeln, sei dahingestellt. Tatsache ist jedoch, dass diese recht offene Informationspolitik mit Sicherheit beim nächsten notwendigen Schritt Probleme bereitet

75 Entwurf eines Völkermanifests, S. 1, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:12, Nachlass Brosch.

76 Konzept für den Thronwechsel, S. 3–5, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

77 Ebenda, S. 2–3.

78 Ebenda, S. 3.

79 Entwurf eines Völkermanifests, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:12, Nachlass Brosch.

80 Ebenda, S. 2–3.

81 Ebenda, S. 3–4.

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2011/ 2 hätte, nämlich bei der von Gesetzes wegen vorgesehenen Gegenzeichnung des Manifests durch die

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hätte, nämlich bei der von Gesetzes wegen vorgesehenen Gegenzeichnung des Manifests durch die Ministerpräsidenten der beiden Reichshälften. Grundsätzlich sah der Plan des Obersten vor, im Gegensatz zum Revolutionsjahr 1848, als Kaiser Franz Josef ein Manifest für Österreich und eines für Ungarn herausgeben hatte lassen, in diesem Fall nur ein Manifest zu erlassen, dieses jedoch in sämtlichen Landesspra- chen des Habsburgerreiches zu publizieren. 82 Der Knackpunkt lag darin, dass ein solches Manifest der seinerzeit gültigen Rechtsmeinung zufolge von den Ministerpräsidenten Cis- und Transleithaniens gegengezeichnet werden musste, um Rechtskraft zu erlangen. 83 Grundlage dafür bildete die Rechtsmeinung, dass sich der Ministerpräsident mit seiner Unterschrift dazu verpflichtete, für alle aus dem Dokument erwachsenden Rechtsfolgen gegenüber dem Parlament zu haften. Im Hinblick darauf, dass weder der Kaiser noch die gemeinsamen Mi- nister von den beiden Abgeordnetenhäusern zur Verantwortung gezogen werden konnten, bedeutete dieser Rechtsakt für die Abgeordneten also ein Mindestmaß an Absicherung ge- genüber dem Monarchen, musste dieser doch damit rechnen, dass im Fall einer Verletzung der Grundrechte einer der beiden Reichshälften, die durch das Manifest begründet wurde, die jeweilige Regierung stürzen würde. Da im Hinblick auf den zuvor skizzierten Inhalt des Manifests nicht sicher war, ob der ungarische Ministerpräsident sich bereit erklären wür- de, das Dokument gegenzuzeichnen, schlug Brosch vor, das Dokument notfalls durch den gemeinsamen Außenminister unterzeichnen zu lassen, um es so doch noch in Rechtskraft erwachsen zu lassen. Der ungarischen Verfassungsbestimmung, derzufolge die gemeinsamen Minister nicht berechtigt waren, Einfluss auf die politischen Geschäfte in einem der beiden Reichsteile auszuüben, 84 hoffte man mit dem Einwand umgehen zu können, das Völker- manifest behandle lediglich persönlichen Beziehungen des Monarchen zu seinen Völkern, weshalb die betreffende Bestimmung in diesem Zusammenhang nicht relevant wäre. 85 Ob die Anwendung dieses juristischen Kunstgriffs im Anlassfall tatsächlich widerspruchslos geblieben wäre, darf bezweifelt werden. Alternativ dazu schlug Brosch vor, statt einem drei inhaltlich weitgehend identische Manifeste für Österreich, Ungarn und Bosnien-Herzegowina zu erlassen, die offenbar nicht gegengezeichnet hätten werden sollen. 86 Dabei war jedoch nicht vorgesehen, Bosnien-Herzegowina zum dritten Reichsteil zu erheben, Ziel der Maßnahme wäre es offenbar nur gewesen, mit der scheinbaren Gleichstellung Bosniens gegenüber der politischen Führung Ungarns das Schreckgespenst des Trialismus an die Wand zu malen, wie noch zu behandeln sein wird.

82 Konzept für den Thronwechsel, S. 3, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

83 Ebenda, S. 4.

84 Gemeint ist hier der §27 des ungarischen Gesetzesartikels XII des Jahres 1867, mit dem der österreichisch- ungarische Ausgleich in die ungarische Gesetzgebung integriert worden war. Zum Volltext des Artikels vgl. RADO-ROTHENFELD, S. 190–203, hier: S. 195. Zu Geschichte und Bedeutung des Gesetzesartikels XII vgl. L. PÉTER, Die Verfassungsentwicklung in Ungarn, in: RUMPLER, URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburger- monarchie 1848–1918, Bd. 7/1, S. 239–540, hier: S. 322–326. Zur ungarischen Verfassung im Allgemeinen vgl. A. RADVÁNSZKY, Grundzüge der Verfassungs- und Staatsgeschichte Ungarns, München 1990; sowie das zeitgenössische Werk H. MARCZALI, Ungarische Verfassungsgeschichte, Tübingen 1910.

85 Konzept für den Thronwechsel, S. 4, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

86 Ebenda, S. 4–5.

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

Kritik an dem geplanten Vorgehen in diesem Zusammenhang kam vor allem von Heinrich Lammasch, der, wie bereits erwähnt, das Konzept für Oberst Brosch gegengelesen hatte. So lobte Lammasch zwar die Offenheit, mit der der Oberst das geplante politische Programm des Erzherzogs im Völkermanifest zur Sprache gebracht hatte, wies jedoch gleichzeitig auf die politischen Schwierigkeiten hin, die sich aus dieser Vorgehensweise ergeben konnten. So wies Lammasch vor allem darauf hin, dass selbst die vorsichtigen Formulierungen in dem Entwurf nicht ausreichen würden, die Absichten des Regenten gegenüber der politischen Führung Ungarns zu verstecken. 87 Vor diesem Hintergrund sei auch nicht zu erwarten, dass der ungarische Ministerpräsident sich bereit erklären würde, das Dokument gegenzuzeichnen, da die darin enthaltenen, klar gegen die magyarische Führungsschicht gerichteten Absichten des Programms klar erkennbar wären. Und selbst wenn man den ungarischen Ministerpräsi- denten auf die eine oder andere Art dazu bewegen könne, das Dokument zu unterzeichnen, könne man sich sicher sein, dass dieser innerhalb kürzester Zeit von den Mitgliedern seines eigenen Kabinetts zur Demission gedrängt werden würde. 88 Die Idee der Gegenzeichnung des Manifests durch den gemeinsamen Außenminister lehnte Lammasch aus juristischen Gründen rundweg ab. Wäre das Manifest als Staatsakt anzusehen, wäre die Unterzeichnung durch den Außenminister im Hinblick auf die bestehende Rechtslage ungültig, 89 da der Minister mit seiner Unterschrift für die aus dem Dokument entstehenden Folgen haften würde, gleichzeitig aber vom ungarischen Parlament nicht zur Verantwortung gezogen werden könne. Wäre es hingegen nur als persönliche Mitteilung des Monarchen an sein Staatsvolk zu betrachten, wäre eine Gegenzeichnung jeglicher Art von vornherein überflüssig, das Dokument jedoch gleichzeitig im juristischen Sinn bedeutungslos. 90 Lam- masch plädierte aus diesem Grund dafür, bereits im Vorfeld einen loyalen Nachfolger für den ungarischen Ministerpräsidenten zu suchen und diesen das Dokument unterfertigen zu lassen. 91 Notfalls, so Lammasch, müsse das Dokument ohne Gegenzeichnung veröffentlicht werden, was jedoch vermieden werden sollte, „damit nicht schon der erste Schritt des neuen Kaisers verfassungsrechtlich angefochten werde“. 92 Alles in allem erscheinen die kritischen Bemerkungen Lammaschs, der im Gegensatz zu Brosch ausgebildeter Jurist war, gerade in verfassungsrechtlicher Hinsicht durchaus berechtigt zu sein, sodass sich die Frage stellt, wie man tatsächlich im Fall des Thronwechsels vorgehen hätte können. Zwar ist anzunehmen, dass seitens der Militärkanzlei zu einem späteren Zeitpunkt Überlegungen angestellt wurden, wie man den aufgezeigten Problemen begegnen konnte, diese wurden jedoch entweder nicht schriftlich niedergelegt oder sind nicht archivarisch erhalten geblieben. Tatsache ist, dass mit den im Völkermanifest die wesentlichen Eckpunkte des Regierungsprogramms des Thronfol- gers vorgegeben gewesen wären, die in weiterer Folge die Grundlagen für die Verhandlungen zwischen der Krone und den Vertretern der beiden Reichshälften bilden hätten sollen.

87 Kommentar Lammasch, S. 3.

88 Ebenda, S. 3–4.

89 Vgl. dazu wiederum § 27 des ungarischen Gesetzesartikels XII von 1867, RADO-ROTHFELD, S. 195.

90 Kommentar Lammasch, S. 4, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

91 Ebenda, S. 4–5.

92 Ebenda, S. 5.

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2011/ 2 Verhandlungen und Verordnungen Trotz der ungeklärten juristischen Fragen ist klar, dass der neue

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Verhandlungen und Verordnungen Trotz der ungeklärten juristischen Fragen ist klar, dass der neue Regent und seine Regierung bei den folgenden Verhandlungen mit der politischen Führung Ungarns mit der geplanten Aufschiebung des Krönungseides sowie der geplanten Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Transleithanien gleich zwei Trümpfe in der Hand gehalten hätten. Diesem Umstand war sich auch Oberst Brosch bewusst, der in seinen Ausführungen ein Maximalprogramm für die Verhandlungen definierte, von der er annahm, dass die ungarische Gentry diesem wohl oder übel zustimmen werde müssen, um ihre politische Machtbasis zumindest ansatzweise zu verteidigen. Das Programm zerfiel dabei in drei Untergruppen, namentlich die zwischen Österreich und Ungarn sowie die zwischen der Krone und Österreich bzw. der Krone und Ungarn separat zu regelnden Fragen. 93 Den wichtigsten Punkt bildeten dabei die an erster Stelle erwähnten, sogenannten „Gemeinsamen Angelegenheiten“ 94 der beiden Reichshälften. An den Verhandlungen sollten sich grundsätzlich weder der Monarch noch die gemeinsa- men Minister beteiligen, schon alleine, um diese bei einem Scheitern der Gespräche nicht zu kompromittieren. 95 Viel mehr war vorgesehen, die Führung der Verhandlungen den beiden Ministerpräsidenten sowie dem Direktor des kaiserlichen Kabinetts zu überlassen. Letzterer spielte in den Plänen eine Doppelrolle, da er einerseits als Vertrauter des Monarchen den Gesprächen der beiden Ministerpräsidenten beiwohnen und andererseits zur Klärung der Angelegenheiten zwischen Krone und den beiden Reichshälften direkt mit diesen verhandeln sollte. 96 Das Verhandlungsprogramm in den gesamtstaatlichen Angelegenheiten barg bereits ei- niges an Zündstoff. Als Ziele vorgegeben wurden von Brosch dabei zu allererst die schon erwähnte Abgleichung des Inhalts der Ausgleichsgesetze von 1867, die Wiederherstellung des Titels des „Österreichisch-Ungarischen Reiches“ als Bezeichnung für den Gesamtstaat, die Abschaffung der Praxis der Unterzeichnung von Handelsverträgen durch Vertreter beider Reichshälften, die Wiederherstellung des wechselseitigen Zoll- und Handelsbündnisses, 97 die Regelung der Frage der gemeinsamen österreichisch-ungarischen Bank, der Abschluss eines langfristigen wirtschaftlichen und finanziellen Ausgleichs mit unabänderlichem Quo- tenschlüssel 98 sowie die Regelung der staatsrechtlichen Stellung Bosnien-Herzegowinas. 99 Verhandelbar bleiben sollten zukünftig lediglich die Rekrutenkontingente für die gemeinsame k.u.k. Armee, 100 die jedoch, wenn überhaupt, nur noch alle fünf Jahre zur Diskussion gestellt

93 Konzept für den Thronwechsel, S. 16–17, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

94 Zur Definition des Begriffs der „Gemeinsame Angelegenheiten“ der beiden Reichshälften vgl. W. GOLDIN- GER, Die Zentralverwaltung in Cisleithanien – Die zivile gemeinsame Zentralverwaltung, in: WANDRUSZKA, URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Bd. 2, S. 100–189, hier: S. 168–183.

95 Konzept für den Thronwechsel, S. 17, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

96 Ebenda.

97 Vgl. dazu: RADO-ROTHFELD, S. 203–212.

98 Zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Ausgleichs vgl. etwa J. GRUNTZEL, Handelspolitik und Ausgleich in österreich-Ungarn, Wien 1912.

99 Konzept für den Thronwechsel, S. 18–21, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

100 Zu den Kontingenten vgl.: H. RUMPLER, P. URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918. Bd. 9/2: Soziale Strukturen. Die Gesellschaft der Habsburgermonarchie im Kartenbild. Verwaltungs-, Sozial- und Infrastrukturen. Nach dem Zensus von 1910, Wien 2010, S. 236.

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werden sollten. 101 Brosch argumentierte in Zusammenhang mit fast allen diesen Punkten, dass es notwendig wäre, die seit 1867 gemachten Fehler, die er zu einem erheblichen Teil der Regierung des österreichischen Ministerpräsidenten Beck 102 anlastete, 103 zu beheben und so den Gesamtstaat wieder zu stärken. Besondere Aufmerksamkeit widmete Brosch dabei den wirtschaftlichen Fragen, da er mit Recht argumentierte, dass die Habsburgermonarchie mit ihrer ungünstigen inneren Handels- und Zollpolitik ihrer eigentlichen wirtschaftlichen Entwicklung im Weg stehen würde. Auch die Regelung der Frage der gemeinsamen Bank hielt der Oberst für besonders bedeutend und nicht verhandelbar, vor allem im Hinblick da- rauf, dass der Goldvorrat der Institution gleichzeitig die Kriegskasse Österreich-Ungarns darstellen würde. So bemerkte Brosch in dem Zusammenhang: „Darauf kann man es nicht ankommen lassen, dass im Kriegsfall eine Neuauflage von 1848 in Ungarn eintritt und von der ungarischen Bankhälfte das Geld für die Mobilisierung verweigert und so die Monarchie gezwungen wird, den Kriegsbeginn mit dem Staatsbankrott einzuleiten.“ 104 Keine klaren Leitlinien konnte Brosch hingegen in Zusammenhang mit der zukünftigen staatsrechtlichen Stellung Bosnien-Herzegowinas geben, was vor dem Hintergrund, dass es trotz intensiver Bemühungen in Folge des Jahres 1908 nicht gelungen war, diese Frage zu lösen, 105 kaum verwundert. In diesem Zusammenhang macht der Oberst auch seine einzigen Andeutungen zu der in dem Thronwechselkonzept ansonsten ausgesparten Frage, wie eine zukünftige territoriale Umgestaltung des österreichisch-ungarischen Staatsverbands aussehen könnte. Brosch wandte sich dabei entschieden gegen eine Neuordnung im Sinne des Trialis- mus, der die Bildung eines dritten Reichsteils unter Einbeziehung der slawisch besiedelten Teile Cis- und Transleithaniens vorgesehen, 106 der in etwa die Gebiete des heutigen Sloweni- ens, Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas umfasst hätte. Ungeachtet der Tatsache, dass die Favorisierung eines solchen Vorhabens dem Thronfolger in der Vergangenheit mehrfach zugeschrieben wurde, waren seine Berater offensichtlich gegenteiliger Ansicht. So bemerkte Brosch in diesem Zusammenhang, die Idee des Trialismus hätte zwar viele Anhänger, sei jedoch im Endeffekt nur „ein ganz gutes Schreckmittel gegen die ungarischen Chauvinisten, ohne aber wirkliche Vorteile für die Dynastie oder österreich zu bringen“. 107 Tatsächlich, so führte der Oberst aus, bestünde die Gefahr, dass die Habsburgermonarchie durch die Schaffung eines dritten Reichsteils noch schwerfälliger und unregierbarer werden würde als sie es oh- nehin schon war. Darüber hinaus, so Brosch, ließe sich eine solche territoriale Umgestaltung der Monarchie ohnehin nur im Rahmen eines Staatsstreichs verwirklichen, und wolle man

101 Konzept für den Thronwechsel, S. 24–25, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

102 Zur Regierung Beck vgl. L. HÖBELT, Parteien und Fraktionen im Cisleithanischen Reichsrat, in: RUMPLER, URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Bd. 7/1, S. 895–1006, hier: S. 986.

103 Konzept für den Thronwechsel, S. 18–20, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

104 Ebenda, S. 19.

105 Zum Status und zur Verwaltung Bosniens vor 1918 vgl. V. HEUBERGER, Politische Institutionen und Ver- waltung in Bosnien und der Hercegowina 1878 bis 1918, in: RUMPLER, URBANITSCH (Hrsg.), Die Habs- burgermonarchie 1848–1918, Bd. 7/2, S. 2383–2425.

106 SOSNOVSKY, S. 75.

107 Konzept für den Thronwechsel, S. 22, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

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2011/ 2 tatsächlich einen solchen riskieren, wäre es ratsam, in diesem Fall lieber auf das

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tatsächlich einen solchen riskieren, wäre es ratsam, in diesem Fall lieber auf das großöster- reichische Programm Aurel Popovicis 108 zurückzugreifen, da dieses mit seinem Konzept eines Zentralstaates mit weitgehender Länderautonomie der Krone mehr Möglichkeiten bieten würde. 109 Bosnien-Herzegowina sollte vor diesem Hintergrund bis auf weiteres seinen Status als Reichsland behalten, jedoch Vertreter in die Delegationen 110 der beiden Reichshälften entsenden, um so der Bevölkerung des Gebiets eine Teilhabe an den gesamtstaatlichen Ange- legenheiten zu ermöglichen. 111 Diesen Ausführungen stimmte Heinrich Lammasch in seinem Kommentar größtenteils zu, merkte jedoch an, dass die Vertreter Bosnien-Herzegowinas in den Delegationen im Hinblick auf die deutlich geringere Größe des Landes nicht das gleiche Stimmrecht erhalten könnten wie die Vertreter Cis- und Transleithaniens. Als Lösung schlug Lammasch vor, ein Zentralparlament zu schaffen, in dem alle drei Reichsteile proportional zu ihrer Bevölkerung vertreten sein sollten, 112 es ist jedoch davon auszugehen, dass ein solches Projekt erst in deutlichem zeitlichen Abstand zum Thronwechsel verwirklichbar gewesen wäre. Weniger brisant erschienen demgegenüber die gleichfalls im Zuge der österreichisch- ungarischen Verhandlungen zu klärenden Fragen betreffend die Schaffung der Funktion eines Reichskanzlers sowie die Neuregelung der Wappen- und Fahnenfrage, 113 wobei in letzterem Punkt die Vereinheitlichung aller Wappen, Fahnen und Feldzeichen des Staates, des Heeres und der zivilen Behörden im In- und Ausland angestrebt wurde, was vermutlich für Diskus- sionsbedarf innerhalb der beiden Verhandlungsdelegationen gesorgt hätte. Was die Verhandlungen zwischen der Krone sowie den einzelnen Reichshälften betraf, wären diese mit der Delegation Cisleithaniens wohl recht schnell abgeschlossen gewesen. Neben der Regelung der bereits in den gesamtstaatlichen Verhandlungen berührten Wappenfrage sowie dem schon im kaiserlichen Manifest angekündigten Aufschub des Verfassungseides bot nur die anstehende Regelung der Sprachenfrage in Österreich einigen Konfliktstoff. 114 Hier hielt Oberst Brosch jedoch gleich zu Beginn seiner Ausführungen fest, dass diese Frage am Besten durch die Anwendung eines Oktrois vor der Ableistung des Verfassungseides zu lösen wäre. Als Grundlage für die Lösung der Sprachenfrage, die auch als Basis für die zunächst zu führenden Verhandlungen dienen sollte, schlug Brosch vor, festzustellen, dass es jedermann freigestellt werden sollte, welcher Sprache er sich bediente, Deutsch jedoch als offizielle Staatssprache der österreichischen Reichshälfte festzulegen wäre. 115 Hier wandte auch Lammasch ein, dass ein solcher Schritt nur

108 Zu Popovici vgl. W. HLOUSA, Das Föderalisierungskonzept von Aurel C. Popovici „Die Vereinigten Staaten von Groß-österreich“, Univ.-Diss., Wien 1989. Zu seinem Werk vgl. A. C. POPOVICI, Die Vereinigten Staa- ten von Groß-österreich. Politische Studien zur Lösung der nationalen Frage und staatsrechtlichen Krisen in österreich-Ungarn, Leipzig 1906.

109 Konzept für den Thronwechsel, S. 22–23, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

110 Zur Zusammensetzung und Tätigkeit der Delegationen vgl. É. SOMOGYI, Die Delegationen als Verbindungsin- stitution zwischen Cis- und Transleithanien, in: RUMPLER, URBANITSCH (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Bd. 7/1, S. 1107–1176.

111 Konzept für den Thronwechsel, S. 24–25, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

112 Kommentar Lammasch, S. 21–22.

113 Konzept für den Thronwechsel, S. 26–29.

114 Ebenda, S. 29–31.

115 Ebenda, S. 29.

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

antideutsche Ressentiments hervorrufen würde und es gerade in Ungarn genügen würde, auf die Einhaltung des Nationalitätengesetzes zu bestehen, um den Einfluss der ungarischen Sprache zurückzudrängen. 116 In Österreich hingegen hielt selbst Lammasch die Situation die Situation für so verfahren, dass er zu ihrer Lösung die Oktroyierung eines geeigneten Gesetzes vorschlug. 117 Demgegenüber war das Verhandlungsprogramm zwischen der Krone und der ungarischen Reichshälfte schon wesentlich umfangreicher. Dieses umfasste unter anderem die Verlän- gerung der Frist für die Krönung, die Neuformulierung des Textes für den Krönungseid, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, die Aufhebung der den „nationalen Widerstand“ unterstützenden Passagen der ungarischen Verfassung, die Verstaatlichung der Verwaltung, die Umsetzung des Nationalitätengesetzes sowie die Abänderung bzw. Klarstellung mehrerer Paragraphen des ungarischen Gesetzesartikels XII von 1867, also sprich der im Gesetzestext festgeschriebenen Ausgleichsbestimmungen, 118 die den zentralstaatlichen Plänen des neuen Regenten und seiner Regierung zuwider liefen. 119 Letzte betrafen vor allem militärische Fragen, um so den ungarischen Bestrebungen, ein autonomes Herr neben der gemeinsamen k.u.k. Armee aufzubauen, entgegenzuwirken. 120 Ob es den Vertretern der kaiserlichen Regierung tatsächlich gelungen wäre, sich mit der ungarischen Delegation trotz deren deutlich schlech- terer Verhandlungsposition in all diesen Punkten zu einigen, darf bezweifelt werden. Dies wäre jedoch im Zweifelsfall gar nicht erforderlich gewesen, schwebte doch über sämtlichen Verhandlungen, wie es auch Brosch in seinem Konzept wieder bemerkte, das Damokles- schwert des Oktrois. 121 Einige darüber hinaus bestehende, staatsrechtliche Fragen sollten dagegen nicht Gegen- stand von Verhandlungen sein, sondern von der kaiserlichen Regierung auf dem Verordnungs- weg geregelt werden. Dazu zählte etwa der Titel, den der neue Herrscher offiziell tragen sollte, existierte doch weder in Österreich noch in Ungarn ein Gesetz, dass diese Frage regelte. 122 In diesem Zusammenhang schlug Brosch vor, die seinerzeit noch von Kaiser Franz Josef angenommenen Titel zumindest so lange beizubehalten, als die Krone am Ausgleich von 1867 festzuhalten gedachte. Handlungsbedarf sah Brosch lediglich beim Titel des Königs von Bulgarien, den er im Hinblick auf die völkerrechtliche Souveränität, die der Balkanstaat inzwischen erlangt hatte, empfahl, entfallen zu lassen. Neu hinzukommen sollten dagegen der Titel des Königs oder Großfürsten von Bosnien und Herzegowina sowie der Namenszusatz – Este zum Titel des Erzherzogs von Österreich. 123 Wie aus dem Entwurf des Völkermanifests

116 Kommentar Lammasch, S. 23.

117 Ebenda, S. 29.

118 RADO-ROTHFELD, S. 89.

119 Gemeint ist hier wiederum der GA XII/1867, darunter auch der erwähnte § 27. Vgl. RADO-ROTHENFELD, S. 195; Konzept für den Thronwechsel, S. 32–35, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

120 Ebenda, S. 35.

121 Ebenda, S. 32.

122 Ebenda, S. 36.

123 Ebenda, S. 36–37. Tatsächlich hatte sich Franz Ferdinand bei Antritt des Estenischen Erbes verpflichtet, den Namenszusatz zu führen.

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2011/ 2 hervorgeht, sollten darüber hinaus auch alle übrigen von Franz Josef geführten Titel, 1

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hervorgeht, sollten darüber hinaus auch alle übrigen von Franz Josef geführten Titel, 124 darun- ter etwa jene des Königs von Jerusalem und des Großherzogs der Toskana, aus denen schon lange keine territorialen Ansprüche mehr abgeleitet werden konnten, beibehalten werden. 125 Heinrich Lammasch wandte in seinem Kommentar demgegenüber ein, dass die Weglassung der Titel des Königs von Bulgarien und Serbien (letzterer wird zwar von Brosch nicht erwähnt, fehlt jedoch im Entwurf des Manifests 126 ) zwar einen richtigen Schritt darstellen würde, man in diesem Fall jedoch auch die Titel der früheren italienischen Besitzungen entfallen lassen müsse, da man den Schritt ansonsten als feindseligen Akt gegenüber Italien interpretieren könne. 127 Die Bezeichnung „apostolischer König von Ungarn“ empfahl Lammasch beizube- halten, sei es doch wünschenswert, zumindest „in Formfragen die Empfindlichkeit Ungarns zu schonen“. 128 Gleichzeitig wies er auf die Problematik des Ehrentitels „König von Jerusalem“ hin, der in der Vergangenheit von Anhängern des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger dazu benutzt worden war, Kaiser Franz Josef als „König der Juden“ zu verunglimpfen. Trotzdem schlug Lammasch vor, diesen vorerst noch beizubehalten, da unklar sei, ob mit der Ablegung des Titels die Habsburgermonarchie nicht auch das Protektorat über die Kirchen und Stif- tungen in Palästina aufgeben würde. 129 Im Verordnungsweg geregelt werden sollten auch die offiziellen Titel des Gesamtstaates sowie der gemeinsamen Minister, wobei Brosch vorschlug, wenn es schon nicht möglich wäre, die Bezeichnung „Österreichische Monarchie“ wiedereinzuführen, zumindest die Verwendung der offiziell vorgesehenen Bezeichnung „Österreichisch-Ungarisches Reich“ durchzusetzen und die gemeinsamen Minister zukünftig als „Reichsminister“. 130 Gerade in letzterer Frage rechnete der Oberst offenbar mit Widerstand seitens der politischen Füh- rung Transleithaniens, merkte jedoch gleichzeitig an, dass die ungarischen Gesetze durch die Umbenennung der Ministerien nicht tangiert werden würden, weshalb die Frage nicht verhandelbar sei. Wörtlich bemerkte Brosch in diesem Zusammenhang: „Über das Geschrei in Ungarn wird man sich eben hinwegsetzen müssen.“ 131 Ebenfalls per Verordnung geregelt werden sollte die zukünftige Stellung der Gemahlin des Erzherzogs. Bekanntlich hatte Fer- dinand vor seiner Heirat mit der von Seiten des Hofes als nicht standesgemäß angesehenen Gräfin Sophie Chotek von Chotkowa im Jahr 1900 auf sämtliche Ansprüche seiner Kinder auf den Thorn verzichten und die rangmäßige Zurücksetzung seiner Frau gegenüber den anderen Damen des Hofes akzeptieren müssen. Brosch empfahl in diesem Zusammenhang, der Gemahlin Franz Ferdinands unmittelbar nach dem Thronwechsel den Titel einer Kaiser- und Königsgemahlin und ersten Dame am Allerhöchsten Hof zu verleihen. 132 Dadurch, so der

124 Vgl. dazu etwa RADO-ROTHFELD, S. 187.

125 Entwurf eines Völkermanifests, S. 1, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:12, Nachlass Brosch.

126 Ebenda.

127 Kommentar Lammasch, S. 6, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

128 Ebenda, S. 7.

129 Ebenda, S. 6.

130 Konzept für den Thronwechsel, S. 37–39, ebenda.

131 Ebenda, S. 39.

132 Vorbild hierfür bildete der Titel des Ehemanns von Queen Victoria, Prinzgemahl Albert, über dessen Rechtsstel- lung bei Hof Dr. Turba im Vorfeld Erkundigungen eingeholt hatte. Vgl. Studie Dr. Turba, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:14, Nachlass Brosch.

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

Oberst, würden sich Querschüsse von unberufener Seite ebenso vermeiden lassen wie spätere „magyarische Anbiederungen“ im Zuge der offensichtlich nicht vorgesehenen Krönung der Herzogin zur Königin von Ungarn. 133 Gleichzeitig mit dem zuvor genannten Rechtsakt war vorgesehen, Erzherzog Karl Franz Josef, also den späteren Kaiser Karl I, zum Thronfolger zu ernennen. Brosch argumentierte mit der Notwendigkeit des Schritts, um so die gerade in Ungarn immer wieder aufkochen- den Diskussionen rund um die Thronfolgefrage von Anfang an im Keim zu ersticken und klarzustellen, dass Franz-Ferdinand beabsichtigte, an dem anlässlich seiner Verehelichung gegebenen Eid betreffend den Erbverzicht seiner Kinder festzuhalten. 134 Dies ist insofern von Bedeutung, als auch bis heute immer wieder spekuliert wird, der Erzherzog habe für den Fall des Thronwechsels die Aufhebung des Eides und die Ernennung seiner Kinder zu Thronerben geplant gehabt. Der Oberst hielt in diesem Zusammenhang jedoch explizit fest, dass allenfalls die Kinder Franz Ferdinands aus einer zweiten, ebenbürtigen Ehe als Thron- erben in Frage kommen würden, 135 was Spekulationen in dieser Frage eigentlich überflüssig macht. Als letzte im Verordnungsweg zu regelnde Frage sprach Brosch noch kurz die der ungarischen Regierung seit 1867 gemachten Zugeständnisse im Bereich des Heereswesens an, die seiner Einschätzung nach nur als jederzeit zurücknehmbare Gnadengeschenke des Herrschers anzusehen wären, da sie auf keiner gesetzlichen Grundlage basieren würden. Der Oberst beeilte sich jedoch gleichzeitig anzumerken, dass es für den neuen Herrscher nicht ratsam wäre, diese Konzessionen unmittelbar nach seinem Amtsantritt im Verordnungs- weg zurückzunehmen, viel mehr sollte diese eher undankbare Aufgabe dem gemeinsamen Kriegsministerium übertragen werden. 136

Der Vorgang beim Thronwechsel Um das Aufgehen dieses mehr als anspruchsvollen Plans zu gewährleisten, war von Oberst Brosch, wie eingangs bereits erwähnt, auch ein detaillierter Zeitplan erarbeitet worden, wel- che Verfügungen im Zuge des Thronwechsels wann und in welcher Reihenfolge zu treffen waren. Brosch teilte die Maßnahmen dabei in drei Gruppen ein, namentlich solche, die sofort in Angriff genommen werden mussten, solche, für deren Erledigung einige Wochen Zeit zur Verfügung stand und solche, die mit einigem zeitlichem Abstand, jedenfalls jedoch vor der Krönung abzuschließen waren. Der Thronwechsel sollte somit in drei Phasen vor sich gehen, die unmittelbar ineinander überzugehen hatten. Zu den Maßnahmen, die in der ersten Phase umgesetzt werden sollten, zählten hauptsächlich verwaltungstechnische Handlungen, wie etwa die Notifizierung der Thronbesteigung an die ausländischen Mächte, die Bestellung neuer oberster Hoforgane, die Betrauung der gemeinsamen Minister mit der Weiterführung der Regierungsgeschäfte, die Vereidigung der Beamtenschaft auf den neuen Herrscher so- wie die Erlassung der zuvor erwähnten Handschreiben über die Stellung der Herzogin von Hohenberg und des Erzherzogs Karl Franz Josef. 137 Zugleich sollten das kaiserliche Manifest

133 Konzept für den Thronwechsel, S. 40, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

134 Ebenda, S. 41.

135 Ebenda.

136 Ebenda, S. 42–43.

137 Ebenda, S. 44–45.

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2011/ 2 und ein gleichfalls vorbereiteter, dem Manifest inhaltlich verwandter Armeebefehl publiziert werden. 1 3

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und ein gleichfalls vorbereiteter, dem Manifest inhaltlich verwandter Armeebefehl publiziert werden. 138 Damit wäre gleichzeitig die zweite Phase eingeleitet worden, in der es zunächst abzuwarten galt, wie man insbesondere in Transleithanien auf den Inhalt des Manifests re- agierte. Brosch betonte in diesem Zusammenhang nochmals, wie wichtig es wäre, keine übereilten Maßnahmen zu setzen, um so nicht eine Gegenreaktion von ungarischer Seite zu provozieren. So sollte etwa der Entschluss, die Krönung und damit die Ableistung des Krö- nungseides zu verschieben, vorerst überhaupt nicht zur Sprache gebracht werden, um so die reibungslose Fortführung der Amtsgeschäfte der Regierung, darunter etwa auch die Bewilli- gung des Budgets und der Rekrutenkontingente, zu gewährleisten. 139 Über die tatsächlichen politischen Pläne sollten lediglich die beiden Ministerpräsidenten informiert werden, die, so der Vorschlag des Obersten, sofort ausgewechselt werden sollten, wenn ersichtlich werden würde, dass sie die politischen Pläne des neuen Herrschers nicht mitzutragen bereit waren. Um dies zu gewährleisten sollte etwa vom ungarischen Ministerpräsidenten eine Garantie verlangt werden, dass dieser sowohl das Gesetz über die Verlängerung der Krönungsfrist als auch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts im ungarischen Parlament durchsetzen würde. 140 Ob es in der Praxis gelungen wäre, einen ungarischen Politiker zu finden, der sich mit diesen Zielen einverstanden erklärt hätte, darf vom heutigen Standpunkt aus freilich stark bezweifelt werden. Dass man auch seitens der Berater des Erzherzogs in der nun folgenden, dritten Pha- se, in der die Verhandlungen zwischen Krone und den Politikern der beiden Reichshälften stattfinden sollten, nicht mit einer kampflosen Preisgabe der nationalen Interesse durch die ungarischen Politiker rechnete, zeigt der folgende Abschnitt, in dem Brosch ausführlich auf die Möglichkeiten der Krone für den Fall einging, dass sich das transleithanische Parlament weigern sollte, die gewünschten Reformen zu beschließen. Für diesen Fall betonte der Oberst die Notwendigkeit, nicht zu rasch den Boden des verfassungsmäßigen Handelns zu verlassen, um so die Person des Monarchen nicht sofort in ein schlechtes Licht zu rücken. So schlug Brosch etwa vor, in Ungarn durch einen der Krone loyalen Ministerpräsidenten auf Basis des alten Wahlrechts Neuwahlen ausschreiben zu lassen, deren Abhaltung durch das Militär über- wacht werden sollte, um so Manipulationen zu verhindern. Sollte diese Wahl wider erwarten doch keine Mehrheit für eine der Krone geneigten Regierung bringen, war vorgesehen, das Parlament erneut aufzulösen und die Reformen kurzerhand zu oktroyieren, 141 was jedoch, wie bereits ausgeführt wurde, einen Verfassungsbruch dargestellt hätte. Der Oberst beton- te in diesem Zusammenhang jedoch ausführlich, dass man sich vor einem solchen Schritt nicht zu fürchten brauche, da der Großteil der Bevölkerung Transleithaniens die Reformen sicherlich begrüßen würde. 142 Eine Wiederholung der Ereignisse des Jahres 1848 sei gerade vor diesem Hintergrund nicht zu befürchten, denn „die Gentry alleine kann keine Revolution machen“. 143 Mit wenig bis keinem Widerstand rechnete man dagegen in der österreichischen

138 Ebenda, S. 45–46; Entwurf eines Armeebefehls, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:15, Nachlass Brosch.

139 Konzept für den Thronwechsel, S. 46–47, OeStA/KA/Nachlässe, B/232:11a, Nachlass Brosch.

140 Ebenda, S. 47–48.

141 Ebenda, S. 55.

142 Ebenda, S. 50–53.

143 Ebenda, S. 55.

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

Reichshälfte, hier müsse man, so Brosch, lediglich den Irrglauben, der Dualismus sei nicht

so schlecht, da er die Hegemonie der Deutschen in Cisleithanien schütze, ausräumen. 144 Erst nach dem erfolgreichen Abschluss all dieser Maßnahmen war die Ableistung des Krönungsei- des durch den Herrscher sowie dessen feierliche Krönung vorgesehen. Auch hier enthält das Thronwechselkonzept wiederum eine Spitze gegen Ungarn, schlug Oberst Brosch doch vor, unmittelbar an die Krönung in Budapest den neuen Herrscher in Prag zum König von Böhmen krönen zu lassen, um so den Staatsakt in Budapest in seiner Bedeutung herabzusetzen. 145 Als letzten Punkt in seinem Konzept sprach Oberst Brosch noch die Möglichkeit an, dass zur Umsetzung der Reformvorhaben die Anwendung von physischer Gewalt möglich sein könnte. Zwar beeilte sich Brosch zu erklären, dass seiner Einschätzung zufolge die Durch- setzung des allgemeinen Wahlrechts in Ungarn ausreichen würde, um die politische Macht in Transleithanien neu zu verteilen, „nichtsdestoweniger muss auch mit diesem äußersten

Mittel gerechnet werden, denn der Thronwechsel [

um Ordnung zu machen“. 146 Als Grundbedingung für den Einsatz militärischer Gewalt legte der Oberst dabei fest, dass man 1. ohne Hilfe von außen das Auslangen finden müsse, 2. die Aktion nicht unmittelbar nach dem Thronwechsel erfolgen dürfe, um das Ausland nicht zu verschrecken, 3. der Habsburgermonarchie nicht ein Krieg mit einer ausländischen Großmacht drohen würde und 4. der Krönungseid in Ungarn noch nicht abgelegt wäre. 147 Hätte man sich freilich entschlossen, so Brosch, zu diesem, letzten Mittel zu greifen, müsse die Chance zu einer radikalen Umgestaltung des Staates genützt und die ungarischen Sonderrechte ein für allemal abgeschafft werden. Die neue Verfassung des wiederhergestellten Kaisertums Österreich sollte in weiterer Folge vom Herrscher oktroyiert werden, eine Mitbestimmung der Abgeordnetenhäuser der beiden Reichshälften, sofern diese noch existiert hätten, war offenbar nicht vorgesehen. Auch Brosch selbst war der radikalen Lösung offenbar nicht abgeneigt, bemerkte der doch gegen Ende des Textes: „Jedem wahrhaft patriotischen österreicher wäre aber diese radikale Lösung, welche der Monarchie ihre Einheit, ihr altes Ansehen im Staaten- konzert, die Machtmittel für ihre äußere und innere Entwicklung, die wegen des steten Streites zwischen den beiden Reichshälften lahmgelegt ist, wiedergeben würde, die sympathischere und beinahe muss man es herbeisehnen, dass die Krone – durch die Umstände gezwungen – den gewaltsamen Weg einschlagen möge.“ 148

]

darf nicht vorübergehen gelassen werden,

Schlussbemerkung Welche Aussage kann nun abschließend über das Thronwechselkonzept getroffen werden? Zunächst einmal ist anzumerken, dass das Programm keineswegs den großen, radikalen Wurf darstellte, als der er mitunter bezeichnet wird. Genauso wenig ist jedoch der Aussage zuzustimmen, es handle sich um ein versöhnliches Programm mit gemäßigten Forderungen, das eine Lösung des politischen Konflikts der beiden Reichshälften aus Basis des Ausgleichs

144 Ebenda, S. 56–57.

145 Ebenda, S. 58–59.

146 Ebenda, S. 60.

147 Ebenda, S. 60–61.

148 Ebenda, S. 62.

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2011/ 2 von 1867 vorgesehen hätte. 1 4 9 Viel mehr entsteht der Eindruck, dass

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von 1867 vorgesehen hätte. 149 Viel mehr entsteht der Eindruck, dass das Umfeld Erzherzog Franz Ferdinands für den Fall seiner Thronbesteigung ein politisches Programm vorbereitet hatte, dass einem Vabanquespiel gleichgekommen wäre. So waren die zahllosen Vorbedin- gungen für das Aufgehen des Konzepts, das auf eine Schwächung der ungarischen Sonder- stellung innerhalb des Reichsverbandes abzielte, so eng miteinander verzahnt, das selbst die kleinste Abweichung von dem an sich gut vorbereiteten Plan diesen zum Scheitern verurteilt hätte. In diesem Fall wäre der kaiserlichen Regierung tatsächlich nur noch der Weg des Ver- fassungsbruchs oder der Anwendung militärischer Gewalt geblieben, um die gewünschten Reformmaßnahmen durchzusetzen, was zumindest eine zeitweise Ausschaltung der Volks- vertretung der beiden Reichshälften bedeutet hätte. Liest man das Konzept aufmerksam, so entsteht darüber hinaus der Eindruck, dass gerade letzterer Umstand von Seiten der Berater des Erzherzogs nur allzu gerne in Kauf genommen worden wäre. Abgesehen von dem offenen Plädoyer Oberst Broschs für eine gewaltsame Lösung in seinem Schlusswort fällt auch im Rest des Textes immer wieder zwischen den Zeilen auf, dass das Ziel der Verantwortlichen sichtlich nicht die Demokratisierung und Föderalisierung der Habsburgermonarchie war. Viel mehr scheint das Programm auf die Errichtung eines Zentralstaates mit starker mon- archischer und geringer parlamentarischer Kontrolle abzuzielen, ein Konzept, das selbst im Jahr 1911 nicht mehr unbedingt als fortschrittlich gelten konnte. Selbst der an sich zu begrüßende Plan, in Transleithanien das allgemeine Wahlrecht einzuführen, hätte nicht das Ziel gehabt, die Gleichberechtigung der Völker der Habsburgermonarchie zu garantieren, sondern lediglich dazu gedient, die politische Macht der Magyaren zu brechen. Dies und zahlreiche weitere Punkte haben wesentlich zu der nachhaltigen Kritik an dem Programm in der Historiografie beigetragen. 150 Abgesehen davon ist zu bemerken, dass die Chancen auf erfolgreiche Umsetzung des Thronwechselkonzepts offenbar schon von Zeitgenossen als nicht besonders hoch einge- schätzt wurden. Das beste Beispiel dafür sind die Ausführungen Heinrich Lammaschs, der sich in seinem Kommentar mehrfach kritisch zu den juristischen Ansichten und Annahmen Broschs äußerte und wiederholt darauf hinwies, dass zahlreiche der vom Oberst geplanten Maßnahmen entweder überhaupt keine juristische Deckung aufwiesen oder aber von Seiten der ungarischen Politiker keinesfalls widerspruchslos hingenommen werden würden. Auch aus heutiger Sicht erscheint es im Hinblick auf die mitunter gewagten formaljuristischen Konstrukte mehr als fraglich, ob sich einige der zentralen Pläne des Obersten, wie etwa die Verlängerung der Frist für den Krönungseid, verwirklichen hätten lassen. Was darüber hinaus irritiert, ist das weitestgehende Fehlen von konkreten Plänen für die nach der Regelung der Verhältnisse mit Ungarn durchzuführende Staatsreform. So wird zwar die Idee des Trialismus abgelehnt und mehrfach auf das großösterreichische Konzept Popovicis verwiesen, tatsäch- liche Vorschläge für die Umsetzung desselben fehlen jedoch. Vor diesem Hintergrund drängt sich tatsächlich die Feststellung auf, die Umsetzung des Programms hätte, trotz gegenteiliger Zielsetzung, in gewisser Weise nicht wesentlich mehr gebracht als das von Brosch noch zu Beginn seines Textes verteufelte politische „Fortwursteln“ unter Beibehaltung des territori- alen Status quo und unter Ausweitung der Rechte der Krone gegenüber den Parlamenten.

149 SOSNOVSKY, S. 76.

150 KANN, Nationalitätenproblem, Bd. 2, S. 191–200.

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Das Thronwechselprogramm der Militärkanzlei Erzherzog Franz Ferdinands aus dem Jahr 1911

Ob das Programm letztlich in dieser Form im Jahr 1914 noch Gültigkeit besaß bzw. ob seine Umsetzung von Franz Ferdinand überhaupt jemals in Erwägung gezogen wurde, kann aufgrund der Quellenlage nicht ausgesagt werden. Nachdem auch Oberst Brosch den Krieg nicht überlebte – er fiel im September 1914 bei Rawa Ruska 151 – und sich auch zuvor zur Angelegenheit des Thronwechsels nie öffentlich geäußert hatte, wird die Frage, welche Be- deutung dem vorliegende Konzept tatsächlich beizumessen ist, auch in Zukunft nur schwer zu beantworten sein.

151 SITTE, S. 137.

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Authors / Autoren

Ivo Budil (The University of West Bohemia, Pilsen) Eliana Antia Conte (Ciudad de la Luz, Alicante) Géza Gecse (Eötvös Loránd University, Budapest) Roman Kodet (The University of West Bohemia, Pilsen) Richard Lein (Andrássy University, Budapest) Lukáš Novotný (The University of West Bohemia, Pilsen) Dana Picková (Charles University, Prague) Mónika Pilkhoffer (University of Pécs, Pécs) Aleš Skřivan, Sr. (Charles University, Prague) Jaroslav Valkoun (Charles University, Prague) Valburga Vavřinová (National Heritage Institute, Prague)