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Saartje Bartmann ein postkoloniales Frauenbild Referat gehalten von Markus Saxinger am 9. Dezember 2005 im

Saartje Bartmann

ein postkoloniales Frauenbild

Referat

gehalten von Markus Saxinger am 9. Dezember 2005

im Rahmen des Seminars

Die „Hottentotten-Venus“. Konstruktionen schwarzer Weiblichkeit zwischen „Kunst“ und „Wissenschaft“

bei Kerstin Brandes

Fachbereich 09 - Kunstwissenschaften Universität Bremen

Inhaltsverzeichnis

1.1) Intention dieses Referates

Seite

3

1.2) Theoretische Grundlage der Arbeit

3

2.1) Nation als Familie

3

2.2) Das Familienbild der Nation

4

2.3) Biologismus als Grundlage der Nationenbildung

4

3.1)„Nation“ glorifiziert die Vergangenheit

5

3.2)„Nation“ strebt nach Fortschritt

6

3.3)Fortschrittsglaube als Legitimation von Rassismus und Kolonialismus

6

4.1)Nation ist gendere d

7

4.2)Nation als organisches Wesen

7

5.1)Postkolonialismus – Chance und Herausforderung

8

5.2)Gerndering setzt sich im Postkolonialismus fort

8

5.3)Feministische Theorie des Nationalismus

9

6.1)Das Bild von Saartje Baartman

10

6.2)Beschreibung des originalen Bildes

11

6.3)Die Veränderung am Bild

12

6.4)Der Bildkontext

12

7.1)Der Nationale Frauentag

12

7.2)Nationaler Frauentag wird Saartje Baartman gewidmet

13

8.1)Die Kleidungszeremonie für Saartie Baartman

14

8.2Saartie Baartman wird zur nationalen Symbolfigur

15

8.3)Saartie Baartman als Figur für nationale Einheit

15

8.4)Nach wie vor Bruchstellen in der nationalen Einheit

16

9.)Die Verbreitung des Bildes von Saartie Baartman 9.1)Saartie Baartman Centre for Women and Children

16

9.2)Nationales Kulturerbe in Hankey

16

10)Resumé

17

11)Abschliessende Gedanken

18

1.1) Intention dieses Referates Mit dem Ende des Apartheid Regimes in Südafrika entstand eine neue 3 Südafrikanische Nation, eine Nation, die nicht mehr wie zuvor eine Minderheit repräsentieren sollte, sondern ihrem Anspruch nach alle Bewohnerinnen und Bewohner des Landes. Wie weit die post-apartheid Nation Südafrikas diesem Anspruch gerecht zu werden vermag, übersteigt die Beurteilung durch eine einfache Hausarbeit. Jedoch möchte ich in diesem Kontext das Bild einer Frau in Betracht ziehen, das sehr häufig im Zusammenhang mit dem südafrikanischen Nationenbildungsprozess steht: ein Bild von Saartje Bartmann. Ich möchte in diesem Text der Frage nachgehen, welche Frauenrolle mit diesem „Frauenbild“ verkörpert wird und ob ausgehend von diesem Frauenbild in der entstehenden Nation Frauen eine gleichberechtigte Repräsentation und Partizipation erfahren können?

1.2 )Theoretische Grundlage der Arbeit Um dieser Frage nachzugehen, beziehe ich mich auf den Aufsatz „No Longer in a Future Heaven“: Nationalism, Gender and Race von Anne McClintock. Darin setzt sie sich kritisch mit „Nationalismus“, bzw. der Bildung nationaler Identitäten unter dem Zusammenspiel der Geschlechterverhältnisse und der Ethnizität mit dem besonderen Augenmerk auf die Begriffe „Familie“ und „Zeit“ auseinander. Dabei schlussfolgert sie, dass die Schaffung einer Nation eine historische Praxis zur Herausbildung sozialer Unterschiede ist: „Nations are contested systems of cultural representation that limit and legitimize peoples access to the resources of the nation-state“ 1 Ausgehend davon, wie im Bildungsprozess europäischer Nationalismen Geschlechterverhältnisse in Bezug auf die „Nation“ festgelegt werden bezieht sie sich auf postkoloniale Theorien. Denn so wie sie feststellt, dass Frauen im Bildungsprozess der Nationen in Europa praktisch nicht vorkamen und unsichtbar blieben, kommt sie zu dem Schluss, dass in den postkolonialen Definitionen von Nationalität das weibliche Geschlecht als Akteur zumeist ebenfalls unberücksichtigt bleibt, bzw. nicht vorgesehen ist, d.h. die Schemata der Ausgrenzung, die der europäische Nationalismus vorgenommen hat, existieren auch im Nationalismus postkolonialer Prägung. Dabei stellt sich Anne McClintock jedoch nicht grundsätzlich gegen den Postkolonialismus an sich, gleichwohl sie ihren Aufsatz schon damit beginnt, zu betonen, dass Nationalismen grundsätzlich „gendered“, d.h. von Geschlechterverhältnissen definiert sind und demnach auch grundsätzlich Gefahren mit sich bringen. Aber sie kritisiert ebenso die Tatsache, dass viele „weisse“ Feministinnen Begriffe wie „Ethnizität“ und „Nationalität“ außen vor lassen sondern stellt vielmehr Überlegungen an, wie eine feministische Theoriebildung in Bezug auf Nationalismus von statten gehen könnte.

2.1)Nation als Familie

Auffällig zeigt sich in McClintocks Aufsatz, dass Nationen zumeist mit Familienbildern bzw. häuslichen (Familien)Wohnraum bildlich und literarisch dargestellt werden. Allein schon der Begriff „Nation“ leitet sich vom lateinischen „natio“- zu deutsch „Geburt“ ab. Anne McClintock benennt hierzu verschiedene

Begriffszuweisungen wie z.B. „Vaterland“ oder „Mutterland“ oder, wie in der englischen Sprache gängig, AusländerInnen ein anderes Land „adoptieren“ und sich in die Nationale „Familie“ integrieren, „Foreigners „adopt“ countries that are not their native homes and are naturalized into the national „family““ 2 . Für das Verhältnis der verschiedenen Nationen zueinander steht im englischen der Begriff:

„Family of Nations“. In den USA werden der Präsident und seine Ehefrau als „First Family“ bezeichnet und in Südafrika galt Winnie Mandela vormals als „Mutter der Nation“.

Dass diese Implizierung von Nation mit Familie in keiner Weise harmlos ist, zeigt die von McClintock herausgearbeitete Feststellung, dass Hierarchien innerhalb der jeweiligen Nationen durch familiäre Begriffe legitimiert wurden, bzw. als naturgegeben und deshalb nicht veränderbar dargestellt wurden. „Hierarchies within the nation could be decipted in familial terms to guarantee social difference as a category of nature“. Koloniale Herrschaft wurde ebenso mit familiären Vergleichen legitimiert, indem der „Weisse Vater“ die „Schwarzen Kinder“ beschützen und erziehen müsse „the colony as a „family of black children ruled over by a white father““ 3

2.2)Das Familienbild der Nation

In dem Kapitel „The national family of Man: A domestic Genealogy“ wird auf den paradoxen Umgang mit dem Familienbild im Zusammenhang mit Nationen hingewiesen. Denn zum Einen betont Anne McClintock: „nations are symbolically

figured as domestic genealogies“ 4 , was den geschichtlichen Verlauf der Nation untermalt, gleichzeitig stellt sie heraus, dass im westlichen Kulturkreis seit dem 19. Jhd. die Familie als die Antithese zur Geschichte herausgebildet wurde, d.h. es wird impliziert, dass die Familie in ihrer bestehenden Form seit jeher existierte und auch immer in dieser bestehenden Form existieren wird: „The family itself has been figured as the antithesis of history.“ Anne McClintock betont in diesem Zusammenhang, dass das Sinnbild „Familie“ eine Schöpfungsgeschichte für die Nation bietet, während die Familie als Institution von jeglicher Geschichtlichkeit und damit auch von jeglicher Macht losgelöst wird. Wichtig ist hierbei, was im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch stärker herausgearbeitet wird, die Tatsache, dass die als ahistorisch betrachtete Institution „Familie“ der Frau zugeordnet wird:

family itself (conventionally the domain of private, female space) was

figured as beyond history.“ 5

the „

2.3) Biologismus als Grundlage der Nationenbildung

Um 1850, in der Zeit in der in Europa der Nationenbildungsprozess im Gange war und die entsprechenden Darstellungsweisen und Allegorien für die jeweilige Nation herausgebildet wurden, entwickelte sich auch der Sozialdarwinismus zu einer prägenden Ideologie. In diesem Zusammenhang wurde dem Familienstammbaum eine besondere Rolle zuteil. Die bildliche Darstellung aus der

2 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 262

3 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 262

4 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 262

Biologie für Ahnenfolgen wurde von den derzeitigen Ideologen verwendet, um die „Evolution des Menschengeschlechts“ in einer Weise darzustellen, die eine neue Schöpfungsgeschichte zeichnet, in der die Hierarchien als naturgegeben dargestellt werden. „It offers a „natural“ trope for sanctoning national hierarchy within a putative organic unity of interests.“ 6

3.1„Nation“ glorifiziert die Vergangenheit

Im Kapitel „The gendering of nation time“ zeigt McClintock eine ähnliche Paradoxie wie im Verhältnis von der Nation zur Familie im Verhältnis der Nation zur Zeit. Die Nation ist einerseits im Zuge des westlichen Fortschrittsgedankens entstanden, sie sollte sich beständig weiter entwickeln, indem sie den (ökonomischen und naturwissenschaftlichen) Fortschritt huldigte. Andererseits, hier greift sie auf Tom Narim zurück, nimmt die Nation Bezug auf ihre archaischen Wurzeln: „Gazing back into the primordial mists of the past, the other into an infinitive future“ 7 , oder auch: „For (Walter) Benjamin, a central feature of nineteenth century industrial capitalism was the „use of archaic images to identify what was historically new about the 'nature' of commodities.““ 8 Der Nationalismus betreibt also eine Nostalgie der „guten alten Zeit“, indem vorindustrielle Lebensformen hochstilisiert werden, wie es beispielsweise der Nationalsozialismus mit der „Blut und Boden Ideologie“ betrieb.

Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Glorifizierung der Vergangenheit liefert McClintock im Kapitel: „Inventing the archaic: the tweede (second) trek“ mit der Beschreibung des „Tweede Trek“, einer Inszenierung des „Großen Trek“, der Flucht der südafrikanischen Buren vor den Briten in das Hinterland und die darauf folgenden Massaker an den Zulus. „In 1938, two decades after the recognition of Africans as a language, an epic extravaganza of invented tradition enfamed Afrikanerdom into aa delirium of nationalist passion. Dubbed the Tweede Trek (second trek), or the Eeufees (centenary), the event celebrated the Boers' first mutinous Great Trek in 1838 away from British laws and effrontery of slave Nine replicas of Voortrekker wagons were built in a vovid example of the reinvention.“ 9 Zu diesem Ereignis bemerkt McClintock: „The Tweede Trek was inspired not only by the Nazi creed Blut und Boden but by a new political style: the Nurenberg politics of fetisch symbol and cultural persuasion.“ 10 So wurde ein Ursprungsmythos der Buren als Nation, bzw. des weissen Südafrikas unter dem Vorzeichen der Apartheid als eigenständige Nation zelebriert, indem die entbehrungsreiche Vergangenheit, in der mit vorindustriellen Mitteln das südafrikanische Hinterland erobert und dann besiedelt wurde. Die Entbehrungen, welche die Trekker sicherlich hatten, werden in Verbindung mit dem grausamen Massaker an 3000 Zulu Kriegern, um ihren Besitzanspruch über das Land Geltung zu verschaffen, zu Heldentaten erklärt.

So wie Walter Benjamin die Benutzung archaischer Begriffe durch den Nationalimus zur Erklärung des neuen Charakters der warenförmigen Natur der

6 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 262

7 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 263

8 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 263

9 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 273

Dinge im Zuge der Entwicklung des Modernen Kapitalismus betonte, kommt McClintock vor dem Hintergrund des Beispiels Tweede Trek zu der Erkenntnis, dass die Warenförmige Natur der Dinge neue Möglichkeiten zur Herausbildung einer suggestiven Einheit bietet: „Indeed the singular power of nationalism since the late nineteenth century , I suggest, has been its capacity to organize a sense of popular, collective unity through the management of mass national commodity spectacle.“ 11

3.2)Nation strebt nach Fortschritt

Während die Vergangenheit entsprechend hochstilisiert wurde, hatte man mit McClintocks Worten die Zeit „säkularisiert“, um damit den Fortschritt zu bemessen, ihm dadurch zu huldigen und entgegen zu eifern. „Säkularisierte Zeit“ bedeutet in diesem Fall, dass Zeit und Zeitspannen wie z.B. Raum vermessen wurden, so dass sie auf einer Zeittafel bildlich darstellbar wurde. Die Zeit wurde damit Sichtbar und damit auch vergleichbar. Ebenfalls anhand einer Zeittafel darstellbar wurde damit „Fortschritt“. Man konnte jetzt mit einer anscheinenden wissenschaftlichen Grafik darstellen, wie „weit“ eine Nation auf dem Weg in die Zukunft fortgeschritten ist. Man konnte sich fortan darüber ereifern vergleichbar wie bei einem sportlichen Wettkampf , wer weit „vorne“ und wer „rückständig“ ist. „In the process history, especially national and imperial history, took on the character of a spectacle.“ 12

3.3)Fortschrittsglaube als Legitimation von Rassismus und Kolonialismus

Zeit wurde nicht nur „säkularisiert“, sie wurde auch „domestiziert“ 13 : Hierbei kommen wieder Begriffe aus dem Bereich „Familie“ ins Spiel, sowie der bereits behandelte „Stammbaum“. Der vorherrschende Sozialdarwinismus versuchte die nationale Politik auf eine Zeitschiene des menschlichen Stammbaumes zu projizieren, um so den Vergleich zur Familie zu erzielen. Daran sollte die Überlegenheit der weissen Rasse und der westlichen Nationen dargestellt und Kolonialismus und Imperialismus gerechtfertigt werden, indem von „erwachsenen“ Nationen geredet wurde, den Nationen, die Kolonien bilden und von den Völkern, die noch nicht in diesem Stadium, d.h. noch nicht reif seien und sich noch in einem früheren, d. h. weiter zurück liegenden Stadium befänden.

Die Tatsache, dass nur Europäische Nationen „erwachsen“ sind, d.h. Kolonialismus betreiben, bot wiederum die Möglichkeit, anhand der Entwicklungsstammbäume, die jetzt gezeichnet werden konnten, Rassismus wissenschaftlich zu legitimieren. „The image of the evolutionary progress was represented as a series of anatomically distinct family types, organized into a linear Prozession from the „childhood“ of „primitive“ races to the enlightened „adulthood“ of European imperial nationalism.“ 14 Die kolonialisierten Völker werden, weil sie angeblich keinen eigenständigen Fortschritt schaffen konnten auch als archaische Relikte angesehen, die keine Geschichte haben, also ahistorisch sind.

11 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 273

12 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 263

13 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 264

Als eine Antithese zum Postkolonialismus liesse sich daraus ableiten, die kolonialisierten Völker seien gar nicht in der Lage einen eigenen Nationenbildungsprozess zu führen.

4.2)Nation ist gendere d

Das als universalistisch angesehene Konzept von Nationalität mittels einer Staatsbürgerschaft zeigt sich nach McClintock auch aus Frauenperspektive anders, weil es ursprünglich die Frauen gar nicht vorgesehen hatte, Frauen hatten keine Nationalität. Der Code Napopléon war das erste Gesetz, das die Staatsbürgerschaft und damit auch die Nationalität von Frauen geregelt hat. Demnach sollte die Staatsbürgerschaft einer Frau nach der Nationalität de Ehemannes festgelegt werden. Andere Nationalstaaten übernahmen diese Regelung. Hierin sieht McClintock den unmittelbaren Beweis, dass im Konzept des europäischen Nationalismus ein Gendering zu Ungunsten der Frauen stattfand: „This chapter is directly concerned with the consequences for women of this uneven gendering of the national citizen.“ 15

Die gerade beschriebene ahistorische Rolle, die den kolonialisierten Völkern zugeschrieben wurde, hatte man im Bildungsprozess der europäischen Nationen auch den europäischen Frauen zugeschrieben. „Women are represented as the atavistic and authentic body of natural tradition (inert backward-looking and natural), embodying nationalism's conservative principle of continuity.“ 16 Während also die Frau, den Part als Bewahrerin der Tradition zugeschrieben bekommt, in dem sie die Rolle als Hüterin des Hauses übernimmt, wo sie sich um die Familie zu kümmern hat, die wie bereits erwähnt ebenfalls als geschichtslos, d.h. als ewig gleich bleibend und archaisch gilt, ist die männliche Zuschreibung die des fortschrittlichen, zukunftsgewandten Parts. „Men by contrast, represent the progressive agent of national modernity (forward-thirsting, potent and historic), embodying nationalism's progressive and revolutionary, principle of discontinuity.“ 17

Auch hierfür eignet sich das Beispiel des Tweede Trek hervorragend: McClintock beschreibt, dass alle nachgebauten Planwagen nach einem (männlichen) Helden des Tweede Trek benannt wurden und ein Wagen wurde ganz allgemein der Name „Frau und Mutter“ gegeben. Sie konstatiert dazu: „This wagon, creaking across the country, symbolized woman's relation to the nation as indirect, mediated through her social relation to men, her national identity lying in her unpaid services and sacrifices, through husband and family, to the volk.“ 18

1. 4.2) Nation als organisches Wesen

Indem das widerspüchliche Zeitverhältnis des Nationalismus den Geschlechtern zugeschrieben wird, stellt McClintock eine Auflösung dieses Widerspruchs, zwischen den Streben in die Zukunft bei gleichzeitigem Verhaften an der

15 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 263

16 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 263

17 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 263

Vergangenheit, fest: „Nationalism's anomalous relation to time is thus managed as a natural relation to gender.“ Die Besetzung zweier entgegengesetzter Pole innerhalb der Nation durch Männer und Frauen, bzw. indem diese Besetzung dieser Pole durch die Geschlechter zumindest suggeriert wird, vermag die Nation als Ganzes eben die beiden gegensätzlichen Pole zu besetzten. Noch stimmiger erscheint diese Annahme, wenn die Geschlechterverhältnisse als naturgegeben angesehen werden, das Wesen der Nation erscheint dann als ein ebenfalls naturgegebenes, geradezu organisches Wesen.

5.1) Postkolonialismus – Chance und Herausforderung

Nun liegt der Nationenbildungsprozess in Europa rund 150 Jahre zurück. Pseudowissenschaften wie der Sozialdarwinismus gelten nicht mehr unbedingt als fundierte Wissenschaft und auch die biologische Determination der anscheinend bipolaren Geschlechterrollen gilt in der aktuellen Wissenschaft eher als zweifelhaft. Demnach ergäbe sich auch die Möglichkeit, dass in heute stattfindenden nationalen Formationsprozessen die beschriebenen Ausgrenzungen keine Wiederholung finden.

Der Postkolonialismus liefert die theoretische Grundlage für die Nationenbildungsprozesse in den von den europäischen Nationen kolonialisierten Ländern, die in den vergangenen Jahrzehnten von statten gingen und immer noch stattfinden. Dabei steht die Überwindung der auf Grundlage von Rassismus, bzw. der bereits geschilderten von den europäischen Nationen suggerierten Überlegenheit über andere Völker, geschaffenen ökonomischen Ausbeutungs- und der kulturellen Unterdrückungsstrukturen. Postkolonialismus versucht quasi die Antithese zum europäischen Rassismus zu bilden.

Wichtig ist noch einmal zu betonen, dass mit der Herausbildung nationaler Einheit einer Nation auch der Ausschluss derer die nicht dazugehören einhergeht. Das hat das erwähnte Beispiel des Tweede Trek eindrucksvoll darlegen können. Indem eine Nation weisser Siedler begründet wird, werden alle, anderen Bewohner des Landes ausgeschlossen. Für die schwarze Bevölkerung Südafrikas bedeutet das eine ideologische Verdichtung der Kolonialerfahrung.Sie werden per Definition der neuen weissen Nation und mit der Erringung deren unabhängigen Nationalstaates zu quasi Fremden im eigenen Land deklariert. Dies erfordert nach dem Ende des Apartheitsregimes erhebliche Anstrengungen, um eine neue Nation herauszubilden, die keine Bevölkerungsgruppe mehr ausschliesst.

5.2)Gerndering setzt sich im Postkolonialismus fort

Doch wie sieht der Nationenbildungsprozess in Bezug auf die Rolle der Frauen im Postkolonialen Kontext aus? McClintock konstatiert in dem Aufsatz: „Yet with the notable exeption of Frantz Fanon, male theorists have seldom felt moved to explore how nationalism is implicated in gender power.“ Und alle Klassiker des postkolonialen Theorien waren Männer. Auch bei dem gerade gelobten Frantz Fanon stellt McClintock letztendlich fest, dass er zwar das Prinzip der gendered power erkannt, aber keine praktischen Rückschlüsse gezogen hat. So bringt sie ein

Beispiel von Fanon, wo er die Wünsche des „native“ beschreibt; „

settlers table, to sleep in the settlers bed, with his wife if possible“ 19 und schlussfolgert: „For Fanon both colonizer and colonized are here unthinkingly male and the Manichean agon of decolonization is waged over thr territoriality of female, domestic space.“ 20

to

sit at the

Die praktische Grundlage für den Nationenbildungsprozess war zweifellos der Kampf um Nationale Befreiung, in Form von politischen, kulturellen und in vielen Fällen auch bewaffneten Wiederstandes. In sämtlichen Formen der nationalen Befreiungskämpfe haben Frauen aktiv mitgewirkt. Diese aktiv kämpfenden Frauen nicht in Betracht zu ziehen, ist eine fatale Verfälschung historischer Begebenheiten. Tatsächlich gilt aber bis heute, wie McClintock feststellt: „Women are typically constructed as the symbolic bearers of the nation, but are denied any direct relation to national agency.“ 21 Dies lässt bzgl. Nationalimus Cynthia Enloe, zu folgender Feststellung kommen: „Typically sprung from masculinized humliation and masculinized hope.“ 22 , wie sie in McClintocks Aufsatz zitiert wird.

5.3)Feministische Theorie des Nationalismus

Anne McClintock schlussfolgert daraus die Notwendigkeit, eine feministische Theorie des Nationalismus zu entwickeln. Für diese Theoriebildung sieht sie in den folgenden vier Punkten eine Herausragende Bedeutung:

1.„investigating the gendered formation of sanctioned male theories“ 23 , d.h. wie in dem Beschriebenen Beispiel von Fanon zu Verdeutlichen, dass die Sichtweise einer Frau darin nicht vorkommt.

2.„bringing into historical visibility women's active cultural and political participation in national formations“ 24 , es bedarf also einer Geschichtsschreibung, die explizit die akive Partizipation von Frauen benennt.

3.„bringing nationalist institutions into critical relation with other social structures and institutions“ 25 , d.h. das Verhältnis der nationalen Institutionen zu z.B. Familienstrukturen, Ethnizität oder Religion, sowie politische und kulturelle Organisationen und die Auswirkungen auf diese, bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit.

4.„paying scrupulous attention to the structures of racial, ethnic and class power that continue to bedevil privileged forms of feminism“ 26 , d.h. andere Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse ausser acht zu lassen, würde den Feminismus entwerten. Sie Kritisiert in diesem Zusammenhang auch Europäische Feministinnen mit dem Vorwurf: „Issues of ethnicity and nationality have tended to

19 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 261

20 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 261

21 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 261

22 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 260

23 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 261

24 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 261

25 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 261

26 „No Longer in a Future Heaven“ Nationalism, Gender, and Race – Seite 261

be ignored.“

6.1) Das Bild von Saartje Baartman

Vor diesem Hintergrund möchte ich mich nun diesem Frauenbild zuwenden, das an verschiedenen Stellen des heutigen Südafrika auftaucht:

an verschiedenen Stellen des heutigen Südafrika auftaucht: Es ist ein Bild von Saartje Bartmann, die unter

Es ist ein Bild von Saartje Bartmann, die unter der Bezeichnung „Hottentotten Venus“ bekannt wurde. Bartmann war eine Khoi Frau, die Ende des 18. Jhd. noch als Teenager von Südafrika nach Europa, zuerst nach England und dann nach Frankreich, gebracht wurde. Dort wurde sie als Kuriosität öffentlich ausgestellt und viele Wissenschaftler der Zeit, wie z.B. Pasteur oder Cuvier, betrachteten sie als Untersuchungsobjekt. Das Bild ist der Onlineausgabe von Sephadi 27 entnommen, dem Mitteilungsmagazin des ANC, der vorherigen Dachorganisation des Wiederstands gegen das Apartheid Regime und der heutigen Regierungspartei Südafrikas.Das Bild basiert auf folgender Illustration aus dem Jahr 1815:

Bild basiert auf folgender Illustration aus dem Jahr 1815: 6.2) Beschreibung des originalen Bildes 27

6.2)Beschreibung des originalen Bildes

27http://www.anc.org.za/ancdocs/pubs/sephadi/2002/3rd-term/

Bei dem Bild, ursprünglich entnommen aus einer biologischen Abhandlung „Histoire naturelle des mammiferès“, gemalt von einem unbekannten Künstler, handelt es sich um eine wissenschaftliche Illustration -eine Zeichnung ausgefüllt mit Wasserfarben auf Pergament, im Hochformat.

Am unteren Ende des Bildes befindet sich ein in Schreibschrift gehaltener französischer Text, der mit einer darüberliegenden Abbildung illustriert wird. Für mich erkennbar ist dabei aber nur der Titel Femme de race Bôchisman. Dargestellt wird vordergründig eine nackte Frauengestalt, stehend, frontal dem Betrachter zugewandt, in der Normalperspektive. Die Figur -formatfüllend- erstreckt sich im Wesentlichen über das ganze Bild.

Der Hintergrund ist ausgespart. Ein Untergrund auf dem sie platziert ist, leicht angedeutet in einer felsartigen mit gräulich-naturfarbenen Wasserfarben ausgefüllten Schraffur, versehen mit einigen angrenzenden groben, lockeren grünen Pinselstrichen.

Auf dem nur schematisch angedeuteten Untergrund ist eine Frauengestalt positioniert. Diese hebt sich sowohl vom Untergrund als auch vom Hintergrund durch Ihre deutlichen dunklen Konturen und Ihrem mit brauntönigen Wasserfarben ausgefüllten Körper sehr stark ab. Die Frauist sehr detailliert, in großer anatomischer Genauigkeit dargestellt. Ihr Körper erscheint in einer enormen Plastizität. Muskeln und einzelne Körperpartien sind sehr deutlich nachgezeichnet, unterstützt und verstärkt durch den Einsatz starker Schattierungen. Die Frau selbst ist von stämmiger Natur, mit ausladenden Hüften und großen Brüsten und Brustwarzen. Im Mittelpunkt des Bildes ist Ihre Scham. Das Gesicht ist emotionslos. Sie schaut den Betrachter nahezu ausdruckslos an, mit locker herabhängenden Armen. Der Mund ist geschlossen. Ihr Haar ist sehr kurz geschnitten, dunkel und lockig.

In Auftrag gegeben wurde die Abbildung von dem französischen Zoologen und Paläontologen Frederic Cuvier und seinem Landsmann dem Zoologen Etienne Geoffroy Saint-Hilaire für obig genannte „Abhandlung“ über Säugetiere.

Saartje Bartmann scheint komplett entpersonifiziert. Dargestellt wird allein Ihr nackter Körper, ganz im naturwissenschaftlichen Stil, reduziert auf seine reine Anatomie im Stil naturwissenschaftlicher Darstellungen wie wir sie aus Biologiebüchern von Lebewesen oder Pflanzen kennen. Möglicherweise sind Ihre ausladenden Proportionen sogar leicht überzogen dargestellt, um markante Merkmale Ihrer „Spezies“ herauszuarbeiten. Der Blick bleibt beim Betrachten des Bildes vor allem im Bereich der Hüften und der Brüste hängen, ihr Gesicht spielt dagegen eine untergeordnete Rolle.

Die Tatsache, dass Saartje Bartmann in völlig entpersonifizierter Weise in einem Buch über Säugetiere illustriert wurde, bedarf meines Erachtens keiner weiteren Kommentierung mehr.

6.3)Die Veränderung am Bild

Die heutige Darstellung Baartmans ist nur der Kopf der ursprünglichen Abbildung. Das Augenmerk steht in ihrem Gesicht. Man sieht nicht mehr, dass sie nackt ist, bzw. ursprünglich nackt gemalt wurde. Der Kopf ist nicht in Farbe, sondern in Schwarz-Weiß (wobei einige Internet Seiten auch den Farbigen Kopf der Illustration verwenden). Der Charakter einer anatomischen Illustration verschwindet dadurch.

Bei genauer Betrachtung stellt sich heraus, dass in der modernen Version der Kopf runder ist, als in der ursprünglichen Illustration. Ansonsten ist die Übereinstimmung sehr groß. Ich nehme an, dass es keine einfache Kopie der Illustration aus dem 19 Jhd. ist, diese aber zum Vorbild genommen wurde, weil es das Aussehen der Saartje Bartmann anscheinend sehr überzeugend getroffen hat (ohne dass man heute wissen kann, wie sie wirklich ausgesehen hat).

6.4)Der Bildkontext

Der Kontext in dem das Bild auf der Internet Seite von Sephadi steht, ist die Zeremonie um die Rückführung der sterblichen Überreste der Saartje Bartmann im Vorfeld des 9. August 2002. Der 9. August ist der nationale Frauentag Südafrikas. Der offizielle Rahmen zur Begehung des nationalen Frauentages ist im Jahr 2002 die Beisetzung der Saartje Bartmann. Im selben Text des Sephadi befindet sich weiter unten das selbe Bild der Saartje Bartmann mit einem roten Festband eingelegt, das den Schriftzug „National Womens Day 9thAug“ trägt. Das Bild mutete wie ein offizielles Plakat zum Frauentag an:

Das Bild mutete wie ein offizielles Plakat zum Frauentag an: 7.1)Der Nationale Frauentag Der 9 August

7.1)Der Nationale Frauentag

Der 9 August wurde zum nationalen Frauentag erkoren, im Gedenken daran, dass

about 20,000 women marched to the Union Buildings in Pretoria

to protest against the proposed amendments to the Urban Areas Act of 1950. This Act was meant to "tighten up control of movement of African women to town, registration of their service contracts, and a compulsory medical examination for all African women town-dwellers" (Walker; 1982: p.129). This Act was also meant to extend passes to African women in a form of reference books . The march was organised under the banner of the Federation of South African Women, and challenged the idea that 'a women's place is in the kitchen', declaring it instead to be everywhere'.“ 28 Anlässlich des 50. Jahrestags dieses Protestes wurde das Jahr

im Jahr 1956: „

28http://www.sahistory.org.za/pages/specialprojects/womens-struggle/frameset.htm

2006 zum "Year of the Women in South Africa" 29 erkoren.

7.2) Nationaler Frauentag wird Saartje Baartman gewidmet

Der Text zu dem Nationalen Frauentag 2002 trägt die Überschrift: „Sarah Bartmann dignity finally restored“ und er leitet ein mit: „History has always been

harsh to Africans but to Sarah Bartmann, a daughter of the soil, it was even worse.

A sober atmosphere filled the National Assembly as parliamentarians put aside

their differences and paid tribute to our ancestor on the 8th of August 2002.“ 30

Saartje Bartmann wird mit dieser Aussage zum Sinnbild für die Rassistische Ausbeutung und Unterdrückung aller Menschen Afrikas stilisiert. Ihr leidvolles Schicksal wird zu einem Ursprungsmythos des Südafrikanischen Volkes erkoren und gleichzeitig (wohl weil sie vor über zwei Jahrunderten lebte) vom Autor des Textes zu „unserer Vorfahrin“ ernannt.

Am Ende zitiert er den südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki aus seiner Rede zum Nationalen Frauentag. „We cannot undo the damage that was done to her. But

at least we can summon the courage to speak the naked but healing truth that must comfort her whenever she may be. I speak of courage because there are many in our country who would urge constantly that we should not speak of the past. They pour scorn on those who speak about who we are and where we come from and why we are where we are today. They make bold to say the past is no longer, and

all that remains is a future that will be. But, today, the gods would be angry with us

if we did not, on the banks of the Gamtoos River, at the grave of Sarah Bartmann, call out for restoration of the dignity of Sarah Bartmann, of the Khoi-San, of the millions of Africans who have known centuries of wretchedness.“ 31 Ich stimme zweifellos zu, dass es bedeutend ist, sich über die eigene Vergangenheit und die eigenen Ursprünge bewusst zu sein, um sich die Gegenwart zu erklären. Interessant

hierbei ist jedoch, dass in diesem Fall eine Frau, die Saartje Bartmann, vergleichbar wie in McClintock's Analyse, als Synonym der archaischen Vergangenheit der Nation herangezogen wird. Der Wesentliche Unterschied ist hierbei, dass nicht neben der Frau, die für den Ursprung steht, der Mann im Streben nach Fortschritt in diesem Nationalen Kontext in den Vordergrund tritt, sondern die entpersonalisierte archaische Frau als Opfer eben dieses nach Fortschritt strebennden Mannes einer anderen Nation - Europas. Dieser Mann, bzw. die Männer, die für ihr Schicksal verantwortlich sind, sind eindeutig personalisierbare Männer. Man weiss, wer sie ausgestellt, wer sie untersucht und wer über sie geschrieben hat. Die Namen dieser Männer sind bekannt und viele Schriften von ihnen und über sie sind überliefert – sie haben Geschichte gemacht. Aber man weiss in diesem Fall gar nicht, wer diese Frau eigentlich war. Über sie persönlich

ist nichts überliefert, ausser dass sie ein Opfer von Rassismus und von Sexismus

war.

Abschliessend sagt Mbeki: „Today we celebrate our National Women's Day. We therefore convey our congratulations and best wishes to all women of our country. We mark this day fully conscious of the responsibility that falls on us to ensure that

29http://www.capegateway.gov.za/eng/directories/projects/15148/127784

30http://www.anc.org.za/ancdocs/pubs/sephadi/2002/3rd-term/

31http://www.anc.org.za/ancdocs/pubs/sephadi/2002/3rd-term/

we move with great speed towards the accomplishment of the goal of creation of a

It will never be possible for us to claim that we are making

significant progress to create a new South Africa if we do not make significant progress towards gender equality and the emancipation of women.“ 32 Hierzu möchte ich zuerst anerkennen, dass ein Staatschef die Notwendigkeit zur Überwindung von Sexismus betont und sagt, dass ohne dessen Überwindung kein neues Südafrika geschaffen werden könne. Im weltweiten Vergleich sind solche Äusserungen durch die Staatsspitze zwar nicht einzigartig, aber doch in vielen Ländern z.Z. nicht denkbar. Dass Mbeki solche Worte anlässlich eines Nationalen Frauentages spricht, ist das Resultat davon, dass die Frauen in Südafrika für ihre Rechte gekämpft haben und immer noch für ihre Rechte eintreten, und dass der Kampf der Frauen ein Teil des Kampfes gegen die Apartheid war, der das neue Südafrika, von dem Mbeki spricht, erst ermöglicht. Die Frauen Südafrikas haben sich so eine politische Macht erkämpft, die nicht mehr ignoriert werden kann.

non-sexist

Aber der Alltag der südafrikanischen Frauen zeigt davon leider wenig. Von den 40% Arbeitslosen in dem Land sind 57% Frauen. Ein nicht unerheblicher Teil von diesen sind alleinerziehende Mütter 33 , D.h. die Armut in Südafrika ist weiblich. In dem Land finden 1,5 Millionen Vergewaltigungen pro Jahr statt, eine der höchsten Raten weltweit 34 . Dass Mbeki vor diesem Hintergrund behauptet, das Land würde sich mit hoher Geschwindigkeit auf eine nicht-sexistische Gesellschaft zubewegen, erscheint fast zynisch.

Vor diesem Hintergrund Frage ich mich auch, ob eine inszenierung einer Frau als Opfer sinnvoll ist, wo doch so viele Frauen Opfer sind. Wäre nicht eine Frau die Kämpft, eine Frau, die sich wehrt ein Symbol, das südafrikas Frauen erheblich mehr Kraft und Inspiration geben könnte. Denn letztendlich vermittelt die Regierung den Eindruck, da sie die Würde des Opfers wieder hergestellt hat:

verlasse Dich auf Deine Regierung.

8.1)Die Kleidungszeremonie für Saartie Baartman

Das bereits beschriebene Bild der Saartie Baartman erscheint noch an anderen Stellen. So war es auch auf einer großen Tafel bei einer sogenannten Kleidungszeremonie abgebildet, die im Vorfeld von Baartmans Beerdigung, nach Vorgaben der Khoi Riten am 4. August 2002 in der Stadthalle von Kapstadt stattfand.

Folgendes Foto ist in der Onlineausgabe der Zeitung Dispatch 35 anlässlich dieses Ereignisses abgebildet worden:

32http://www.anc.org.za/ancdocs/pubs/sephadi/2002/3rd-term/

33http://www.socialistworld.net/eng/2006/03/01iwd_02.html

34http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/4080162.stm

35http://www.dispatch.co.za/2002/08/05/southafrica/BART.HTM

Es trägt die Bildunterschrift: „Thought-Provoking: Khoisan leader John Little listens to tributes to Sarah Bartmann

Es trägt die Bildunterschrift: „Thought-Provoking: Khoisan leader John Little listens to tributes to Sarah Bartmann at her enrobement ceremony“.

8.2)Saartie Baartman wird zur nationalen Symbolfigur

In dem Zugehörigen Artikel über die Kleidungszeremonie schreibt der Autor, dass Südafrikas Botschafter in Frankreich Thuthu Skweyiya (die sterblichen Überreste Baartmans wurden aus einem Museum in Frankreich überführt) dort sagte: „ she was a symbol of the emancipation of South Africans and also a symbol of freedom for Africa.“ 36 Die Frage an diesem Punkt ist allerdings, warum ist sie ein Symbol für Freiheit und Emanzipation? Sie wird sich möglicherweise nach Freiheit und Emanzipation gesehnt haben – wie die meisten Menschen. Dass gerade Sie zu diesem Symbol wird liegt schlichtwegs daran, dass sie im Zuge dieser, von der politischen Elite des Landes beigewohnten Zeremonie, dazu gemacht wurde. Warum wurde ausgerechnet Sartie Baartman zu diesem Symbol gemacht, wo von ihr doch hinsichtlich Befreiung oder gar Emanzipation gar nichts überliefert ist?

Die Frau zu wählen, die eine jede Frau Südafrikas zu jedem Beliebigen Zeitpunkt in der Vergangenheit hätte sein können, weil man eben nichts über sie weiss, ist ein bequemer Schritt. Man muss ihre Taten und ihre Worte nicht rechtfertigen – es gibt sie nicht. Alle können sich so mit ihr identifizieren, indem sie wie in Sephadi zu unser aller Vorfahr erklärt wird. Man muss nicht rechtfertigen, warum man statt dessen der einen oder der anderen Gruppe bzw. Vertretern der Gruppe diese Symbolhaftigkeit zuspricht. Der einzigen Gruppe, der man sie tatsächlich zuspricht, sind die Khoi, eine der Marginalisiertesten Bevölkerungsgruppen des Landes.

8.3)Saartie Baartman als Figur für nationale Einheit

Darauf bezieht sich der Artikel im nächsten Absatz, indem er Themba Wakashe, den Vize General-Direktor des Department of Arts and Culture bezgl. der Zeremonie mit den Worten „apropriate and affirming to the Khoisan community“ zitiert, und er er fährt fort: „It is more than symbolic; it is an articulation of the constitutional principles of this country. It's about nation building.“ 37 Saartie Baartman soll eine Figur bilden, die als Symbol für die Befreiung und Emanzipation des Landes symbolisiert und hinter der alles Bevölkerungsgruppen stehen. Indem sie als eine Vertreterin der Khoi zu dieser Figur Gewählt wurde, sollen die Khoi in die gemeinsame Nation integriert werden. Die Gedanken, die mit dem Foto von John Little vor Baartmans Bildnis provoziert werden sollen, sind vor allem die, dass mit dieser Zeremonie Südafrika einschließlich der

36http://www.dispatch.co.za/2002/08/05/southafrica/BART.HTM

37http://www.dispatch.co.za/2002/08/05/southafrica/BART.HTM

marginalisiertesten Gruppen als Nation zusammen geschlossen wird.

8.4)Nach wie vor Bruchstellen in der nationalen Einheit

Dass dieser Prozess des Nation Building dennoch nicht so einfach von statten geht, zeigt sich aus einem Artikel der South African Broadcasting Corporation, der am 3. Mai 2002, dem Tag von Baartmans Rückführung nach Südafrika erschien. Dort heißt es, die Khoi Gemeinschaft im Northern Cape werfe der Regierung Frankreichs und dem Department of Arts and Culture vor, sie nicht am Prozess der Rückführung zu beteiligen. Und führt aus: „However, the Northern Cape Department of Arts and Culture denies the charge. While the return of Baartman's remains is being hailed by many, some members of the Khoisan community are unhappy. They claim they were excluded even though they originally initiated the campaign, and the Khoisan leaders, believe an explanation is still necessary as to why this was so.“ 38 Interessant ist, das in dieser Internet Seite das vollständige Bild Baartmans, wie es im Französischen Buch über Säugetiere abgebildet ist dargestellt wird.

9.)Die Verbreitung des Bildes von Saartie Baartman 9.3)Saartie Baartman Centre for Women and Children

Dass das Ansinnen Saartie Baartman als Symbol für Freiheit und Emanzipation in Südafrika Akzeptanz findet, zeigt sich daran, dass es auch jenseits der offiziellen Veranstaltung dafür Verwendung findet. Ein Beispiel hierfür ist das Saartie Baartman Centre for Women and Children, einem Frauenhaus, in dem Frauen seit 1999 Zuflucht vor sogenannter häuslicher Gewalt finden. Im Projektbericht 39 , der die Ergebnisse der Arbeit von 1999 – 2004 auf 48 Seiten darlegt befindet sich das gleiche Bild der Saartie Baartman auf dem Deckblatt umrundet von dem „o“ der Überschrift „The Story“.

9.2)Nationales Kulturerbe in Hankey

Dieses Bild taucht in Südafrika noch in einem ganz anderen Zusammennhang auf:

In einer Internetseite für Tourismus in der Region Bavianns 40 , auf der Seite, die über den größten Ort der gegend namens Hankey berichtet. Hier wird der Kopf der Saartie Baartman in den original Farben neben diversen Fotografien der dortigen Landschaft gezeigt. Das Bild kann angeklickt werden und man kommt auf eine Seite, auf der das selbe Bild noch einmal großformatig erscheint und in der Baartmans Geschichte kurz dargestellt wird. Man erfährt, dass sie in der Nähe von Hankey begraben wurde. Nicht ohne Stolz endet der Text mit der Bemerkung, dass Präsident Mbeki den Friehof zum nationalen Kulturerbe erklärt hat.

38http://www.sabcnews.com/politics/the_provinces/0,2172,33518,00.htm

39http://www.preventgbvafrica.org/Downloads/SBaartmanFINAL.july05.pdf

40http://www.baviaans.net/hankey.htm

10)Resumé

Es hat sich gezeigt, dass bei der Verwendung dieses Bildes der Saartie Baartman im Kontext des nationalen Frauentags nationale Einheit und Würde wieder herzustellen und gleichzeitig ein Symbol der südafrikanischen Emanzipation und für die Freiheit des afrikanischen Kontinents zu schaffen viele der Muster wiederholt werden, die Anne McClintock am Beispiel des europäischen Nationenbildungsprozesses wiederholt werden. Vor allen, dass ein Frauenbild benutzt wird, das ein Ideal einer archaischen vergangenheit Verkörpert und selber auch ahistorisch ist, in dem Sinne, dass sie zwar opfer bestimmter historischer Begebenheiten wurde, selber aber keine bestimmte Zeit verkörpert. Man weiß nichts über sie als Person. Stattdessen betrachtet man sie als gemeinsame Urahnin der Nation.

Abschliessend möchte ich noch einmal die vier Punkte, die McClintock zur feministischen Theoriebildung in Bezug auf Nationalismus als bedeutend ansieht, in Bezug auf die Verwendung von Saartie Baartman als Frauenbild für Südafrika anwenden.

1. „investigating the gendered formation of sanctioned male theories“ Dieser Punkt ist an dieser Stelle am schwierigsten in Verbindung zu bringen, weil in dem Zusammenhang keine Theorien aufgestellt wurden, sondern Pressemeldungen und Reden von Politikern vorliegen. Jedoch möchte ich anmerken, dass die Regierung in diesem Zusammenhang den nationalen Frauentag, der den Rechten der Frauen gewidmet sein sollte, versucht für einen Ereignis zur allgemeinen Herausbildung der nationalen Einheit zu nutzen, was letzendlich auf Kosten des Anliegens der Frauen geht. 2. „bringing into historical visibility women's active cultural and political participation in national formations“ Dieser Punkt ist eindeutig: Saartie Baartman ist in keiner Weise in diesem Zusammenhang geeignet. Zwar basiert der nationale Frauentag explizit auf den historischen Käpfen der Frauen, diese verlieren jedoch hinter dem Bild einer allgegenwärtigen Saartie Baartman ihr Gesicht, ihr Gedenken wird entwertet. 3. „bringing nationalist institutions into critical relation with other social structures and institutions“ In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Beitrag der South African Broadcasting Corporation verweisen, der zu bedenken gibt, dass sich Teile der Khoi Gemeinschaft aus einem Prozess, der eigentlich mit ihnen im Einklang verlaufen sollte, aussen vor gelassen fühlen. 4. „paying scrupulous attention to the structures of racial, ethnic and class power that continue to bedevil privileged forms of feminism“ Baartmans Bild und auch der Kontext iher Rückführung und Beerdigung ermöglichen feministische Diskurse und sie finden durchaus auch statt. Aber diese Diskurse vermögen keine Antworten auf den schwierigen Alltag eines großen Teils der Frauen Südafrikas, geprägt duch Armut und Gewalt, zu geben. Dass die Ehre einer Frau, die seit fast 200 Jahren tot ist, wieder hergestellt wurde, hilft einer Frau, die von sexualisierter Gewalt traumatisiert wurde nicht unbedingt weiter. Es vermag höchstens einen vermeintlichen Altruismus privilegierter Frauen zu fördern, weniger privilegierten Frauen unter dem Bild der Saartie Baartman zu helfen, nach dem Motto: Auch diese Frau könnte Saartie sein . Aber es ändert nichts an den Strukturen, die Frauen zu Opfern machen.

11.)Abschliessende Gedanken

Es bedarf nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, wie sich der unbekannte Künstler, der einst die Illustration der Hottentotten Venus für ein Buch über Säugetiere malte, von der Tatsache geehrt fühlen würde, dass seine Illustration gut 200 Jahre später die gestalterische Grundlage für ein Nationalsymbol einer neu entstandenen Nation werden würde. Und sein Model? Wie hätte Saartie Baartman den Gedanken gefunden, während sie gemalt wurde, dass dieses Bild das von ihr Angefertigt wurde, in einer 200 Jahre später entstehnenden Nation in ihrer fernen Heimat von Millionen von Menschen betrachtet wird?