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Parlamentarische Gruppe Frei fließende Flüsse
Brunhilde Irber, Eva Bulling-Schröter, Dr. Anton Hofreiter

Erklärung
zur Wasserkraftnutzung am Wehr Geesthacht 10. März 2009
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I. Erklärung zur geplanten Wasserkraftnutzung am Elbwehr Geesthacht Appell zum Verzicht auf die Wasserkraftnutzung am Wehr Geesthacht / Elbe
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II. Begründung 1. 2. 3. Einleitung Die Elbe und das Elbeinzugsgebiet Die Fischfauna der Elbe und Hindernisse für die Fischwanderung im Großraum Hamburg Das Stauwehr Geesthacht 4.1. Bestehende Fischwechselanlage Geesthacht (Südufer) 4.2. Geplante Fischwechselanlage Geesthacht (Nordufer) 4.3. Auswirkungen einer Wasserkraftnutzung am Wehr Geesthacht auf die Funktionsfähigkeit der bestehenden und geplanten Fischwechsel 5. Fazit zur Wasserkraftnutzung am Wehr Geesthacht

4.

Unterzeichner

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Parlamentarische Gruppe Frei fließende Flüsse
Brunhilde Irber, Eva Bulling-Schröter, Dr. Anton Hofreiter

I. Erklärung zur Wasserkraft am Elbwehr Geesthacht
Appell zum Verzicht auf die Wasserkraftnutzung am Wehr Geesthacht / Elbe Die Parlamentarische Gruppe Frei fließende Flüsse begrüßt die Maßnahmen zur Verbesserung der Durchgängigkeit für wandernde Fischarten an dem Elbwehr Geesthacht und appelliert zugleich an die verantwortlichen Genehmigungsbehörden und Konzessionsnehmer, auf die geplante Wasserkraftnutzung zu verzichten. Die Parlamentarische Gruppe würdigt damit die besondere Bedeutung der Durchgängigkeit speziell an diesem Standort für die biologische Vielfalt der Fischfauna im gesamten Elbeinzugsgebiet. Für den Aufbau gesunder Fischpopulationen der stark gefährdeten Wanderfischarten wie Aal und Stör ist der gefahrlose Fischabstieg über das Wehr Geesthacht von existentieller Bedeutung. Die Bewahrung und Wiederherstellung der Durchgängigkeit der Flüsse und Ströme für wandernde Fischarten hat für die Parlamentarische Gruppe Frei fließende Flüsse des Deutschen Bundestages einen hohen Stellenwert. Die Passierbarkeit des Wehres Geesthacht ist von entscheidender Bedeutung für die gewässerökologische Anbindung der Mittleren und Oberen Elbe sowie ihrer Nebengewässer an die Tideelbe und die Nordsee. Die Staustufe Geesthacht bei Hamburg ist das einzige Querbauwerk im Hauptstrom der Elbe für 731 km auf deutschem Gebiet. Oberhalb des Wehres Geesthacht befinden sich 135.013 km² des Elbeeinzugsbereiches. Dies entspricht 91 Prozent der gesamten Flussgebietseinheit. Die vorhandene Fischwechselanlage am Südufer der Staustufe Geesthacht stammt aus dem Jahr 1998. Seit Bestehen der Anlage konnte der erfolgreiche Aufstieg von 33 Fisch- und Rundmaularten nachgewiesen werden. Darunter nach Flora-Fauna-Habitat Richtlinie (FFHRichtlinie) geschützte Arten wie z.B. der Lachs, die Meerforelle aber auch die nach EGWRRL geschützten Langdistanzwanderfische wie z.B. Fluss- und Meerneunaugen, die Quappe sowie der durch die EG-Aalschutzverordnung besonders geschützte Aal. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung - insbesondere der störungsempfindlichen Arten - ist die derzeitige Fischwechselkapazität am Wehr Geesthacht unzureichend. Die Erhöhung der Fischwechselkapazität am Wehr Geesthacht ist zur Stabilisierung der Fischpopulationen im gesamten Elbeinzugsbereich dringend erforderlich. Durch eine solche Maßnahme können das Wanderhindernis ‚Sauerstoffmangel‘ im Hamburger Hafenwasser sowie die Fischverluste durch die zukünftige Kühlwasserentnahme für das in Bau befindliche Kraftwerk Moorburg zum Teil ausgeglichen werden. Der saisonbedingte Sauerstoffmangel im Elbwasser stellt aus gewässerökologischer Sicht ein Hauptproblem der Elbe im Hamburger Bereich dar. Ein Unterschreiten der für das Überleben von Fischen notwendigen Sauerstoffkonzentration (3 mg/l) ist seit Ende des 19. Jahrhunderts regelmäßig vor allem in den Sommermonaten im Hamburger Hafen und im Unterlauf der ..3

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Elbe festzustellen. Dieses sog. Sauerstoffloch führt immer wieder zu Fischsterben und blockiert die Fischwanderung. Eine der Ursachen für den Sauerstoffmangel ist die künstliche Vertiefung der Elbe im Seeschifffahrtsbereich und das damit verbundene Absinken und Absterben von Algen. Der Zersetzungsprozess entzieht dem Wasser den für die Fische lebensnotwendigen Sauerstoff. Verschärft werden könnte dieser Sauerstoffmangel durch die künftige Kühlwassereinleitung aus dem Kraftwerk Moorburg. Denn mit steigender Wassertemperatur sinkt der Sauerstoffgehalt im Wasser. Bis heute ist es noch nicht möglich Kleinlebewesen wie Fischnährtiere sowie Fischbrut - auch kleinere Fische - zuverlässig aus dem Kühlwasser für Industrie- und Kraftwerksanlagen herauszuhalten. So auch im Falle des Kraftwerks Moorburg. Ein Großteil der Lebewesen, die in den Kühlwasserstrom gelangen, werden abgetötet. Die Fischfauna der Elbe leidet bereits heute unter den immensen Kühlwasserentnahmen an den Kernkraftwerksstandorten in Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel. Der Großraum Hamburg und insbesondere die Staustufe Geesthacht stellen deshalb einen Engpass für wandernde Fischarten und damit unmittelbar für die biologische Vielfalt der Fischlebensgemeinschaften im gesamten Einzugsbereich der Elbe dar. Mit der neuen Fischwechselanlage am Nordufer der Staustufe Geesthacht soll der Anteil der in Moorburg durch die Kühlwassernutzung getöteten Fische durch eine Verbesserung der Aufstiegsmöglichkeiten für die verbliebenen Fische am Wehr in Geesthacht ausgeglichen werden. Mit der verbesserten Durchgängigkeit am Wehr Geesthacht scheint es möglich, die negativen Folgen der Kühlwasserentnahmen auszugleichen und darüber hinaus grundsätzlich eine höhere Durchgängigkeit des Flusses zu erreichen. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn auf eine Wasserkraftnutzung an diesem Standort verzichtet wird. Denn für den Aufbau stabiler Fischpopulationen ist ein möglicher Fischaufstieg genau so bedeutend wie ein gefahrloser Abstieg. Die Fischwanderung flussabwärts wird im Gegensatz zum Aufstieg von den meisten Fischarten passiv treibend im Hauptströmungsbereich des Flusses vollzogen. Damit geraten die abwandernden Fische zwangsläufig in die Turbinen. Eine Wasserkraftnutzung am Wehr Geesthacht steht in Widerspruch zur Verbesserung der Durchgängigkeit mittels der geplanten Fischwechselanlage am Nordufer. Eine Wasserkraftnutzung und die Fischwechselanlagen sind deshalb im konkreten Fall Geesthacht nicht sinnvoll vereinbar. Der Appell zum Verzicht auf die Wasserkraftnutzung im speziellen Fall Geesthacht stellt keine generelle Ablehnung gegenüber einer sinnvollen und umweltverträglichen Wasserkraftnutzung an anderer Stelle dar.

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II. Begründung für die Ablehnung der Wasserkraftnutzung am Elbwehr Geesthacht
1. Einleitung Die EG-Wasserrahmenrichtlinie (EG-WRRL) sieht vor, dass bis zum Jahr 2015 der „gute ökologische Zustand“ der Flüsse, Seen, Übergangs- und Küstengewässer erreicht wird. Die ökologische Qualität der Flüsse wird neben dem Zustand des Gewässers selbst an der Zusammensetzung sowie der Struktur fortpflanzungsfähiger Fischlebensgemeinschaften gemessen. Deshalb kommt zukünftig der Erhaltung, Entwicklung und Verknüpfung von Lebensräumen für die heimischen Fischarten eine besondere Bedeutung zu. Viele Fischarten haben im Lauf der Evolution ein Wanderverhalten entwickelt, das es ihnen ermöglicht verschiedene Lebensräume optimal zu nutzen. Für die Fortpflanzung werden häufig andere Ansprüche an Umweltfaktoren wie Strömung, Temperatur und Untergrund gestellt, als sie für die Ernährung, den Aufwuchs oder die Winterruhe notwendig sind. Aus diesem Grund unternehmen viele heimische Fischarten mehr oder weniger ausgedehnte Wanderungen. Einige Arten wechseln dabei auch zwischen Süß- und Meerwasser. Für die wandernden Fischarten ist die Durchgängigkeit der Flüsse und die Vernetzung mit allen erforderlichen anderen Teillebensräumen lebensnotwendig. Die ökologische Durchgängigkeit eines Fließgewässersystems für wandernde Fischarten sowohl stromauf als auch stromab ist neben einer natürlichen Gewässerbeschaffenheit die wesentliche Voraussetzung für eine standortgerechte Ausbildung der Fischlebensgemeinschaften. Sind diese Bedingungen gestört, z.B. durch Staustufen und Querbauwerke, verliert der Fluss ein wesentliches Stück seiner ökologischen Potenz und damit einen Teil seiner Funktion im Naturhaushalt. In Anhang V der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (EG-WRRL) wird der Aspekt Durchgängigkeit als unabdingbarer Bestandteil des „sehr guten ökologischen Zustands“ explizit hervorgehoben. Im Sinne der Richtlinie kann dieser Zustand nur dann erreicht werden, wenn eine uneingeschränkte Wanderbewegung von Fischen und anderen Wasserlebewesen möglich ist.

2. Die Elbe und das Elbeinzugsgebiet Die Elbe ist 1.094 Kilometer lang, ihr Einzugsgebiet beträgt 148.268 km². Nach Donau, Weichsel und Rhein ist sie der viertgrößte Fluss in Mitteleuropa. Sie wird von ihrer Quelle im Riesengebirge bis zur Mündung in die Nordsee in drei Abschnitte unterteilt: Obere, Mittlere und Untere Elbe. Die Obere Elbe endet nach 463 km Flusslauf unterhalb von Meißen. Die nachfolgende Mittlere Elbe ist bis zum Wehr Geesthacht oberhalb Hamburgs 489 km lang. Das Abflussverhalten der Unteren Elbe zwischen Geesthacht und der Mündung in die Nordsee an der Seegrenze bei Cuxhaven-Kugelbake wird durch die Gezeiten geprägt, sie wird deshalb auch Tideelbe genannt. Dieser Abschnitt ist 142 km lang. Die größten Nebenflüsse ..5

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der Elbe sind Moldau, Saale und Havel mit über 51 % des Einzugsgebiets. Auf Eger, Schwarze Elster, Mulde, Ilmenau, Sude, Jizera, Orlice und die Müritz-Elde-Wasserstraße, mit jeweils mehr als 2.000 km² Einzugsbereich, entfallen 21 %. Die Elbe ist ein ausgewiesenes Fischgewässer. Sie war bis Ende des 19. Jahrhunderts praktisch der wichtigste Lachsfluss in Deutschland und Böhmen. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gingen die Lachszüge jedoch durch den Bau von Wehren, vor allem in den als Laichgewässern dienenden Nebenflüssen, zurück. Mit der Errichtung der Staustufe Střekov an der Elbe in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Wanderungen in den tschechischen Abschnitt endgültig unterbrochen. Ein Anteil am Verschwinden des Lachses kann auch auf die sich verschlechternde Wasserbeschaffenheit in der Elbe zu Zeiten der DDR-Planwirtschaft zurückgeführt werden. Nachdem die Hochbelastungsphase mit anorganischen und organischen Schadstoffen weitgehend beendet scheint, weist die Elbe inzwischen wieder ein artenreiches Fischspektrum auf, das sich in einigen Bereichen fast vollständig mit den historischen Angaben deckt. Trotz der erfreulich hohen Zahl von aktuell 104 Fischarten ist der Fluss für Fische jedoch kein optimaler Lebensraum. Nur wenige der vorzufindenden Fischarten sind in der Lage nennenswerte Bestände mit einer gesunden Altersstruktur auszubilden. Hauptursache sind die zahlreichen Strombaumaßnahmen der letzten 100 Jahre. Die Lebensräume der Fische bzw. ihre Laichplätze wurden hierdurch massiv eingeschränkt oder verschwanden sogar gänzlich. 3. Die Fischfauna der Elbe und Hindernisse für die Fischwanderung im Großraum Hamburg Von Querbauwerken in einem Fließgewässersystem sind besonders die Fisch- und Rundmaularten wie Flussneunauge, Meerneunauge, Atlantischer Stör, Maifisch, Finte, Atlantischer Lachs, Meerforelle, Schnäpel, Quappe, Rapfen, Stint, Aal, Dreistachliger Stichling und Flunder betroffen, die im Zusammenhang mit ihrer Fortpflanzung lange Wanderungen stromauf in die Flüsse (anadrom) und stromab ins Meer (katadrom) ausführen müssen. Aber auch innerhalb der einzelnen Flussgebietsabschnitte vollziehen viele Arten stromauf und stromabgerichtete saisonale Wanderbewegungen (potamodrom), um geeignete Laichgründe, Nahrungsgründe oder Winterlager zu erreichen. Alle oben genannten Wanderfischarten, die zum Teil auch nach der europäischen FaunaFlora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) und der Bundesartenschutzverordnung einen besonderen Schutzstatus genießen, müssen nach EG-Wasserrahmenrichtlinie (EG-WRRL) zu den störungsempfindlichen Arten gezählt werden. Ohne sie ist ein guter ökologischer Zustand oder ein gutes ökologisches Potenzial nicht erreichbar. Die Verbesserung der Durchgängigkeit sowie die Wiederherstellung von angemessenen Lebensräumen mit geeigneten Laichhabitaten und Aufwuchsgebieten für Fische sind daher ein in der nationalen Flussgebietsgemeinschaft Elbe (FGG Elbe), aber auch in der internationalen Flussgebietseinheit Elbe (FGE Elbe) entscheidende Bewirtschaftungsziele von überregionaler Bedeutung. Diese Ziele müssen im Maßnahmenprogramm und im Bewirtschaftungsplan für das Elbeinzugsgebiet ihren Niederschlag finden. ..6

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4. Das Stauwehr Geesthacht Bezüglich der durch die EG-WRRL geforderten Durchgängigkeit aller Flüsse für wandernde Organismen kommt in der Elbe dem im Jahr 1960 in Betrieb genommenen Wehr Geesthacht (Strom-km 585,9) eine Schlüsselstellung zu. Dieses etwa 140 km oberhalb der Mündung in die Nordsee gelegene Querbauwerk, das die Schnittstelle zwischen der Tideelbe und der tidefreien Elbe darstellt, ist das einzige Hindernis auf bundesdeutschem Gebiet für die im Elbestrom wandernden Arten. Wegen seiner Fallhöhen von 1,3 m bis 2,9 m sowie der dort herrschenden Strömungsgeschwindigkeiten von ca. 3 m/s bei mittleren Tidewasserständen stellt es ohne Fischwechselanlagen ein selbst für leistungsstarke Fische unüberwindbares Querbauwerk dar. Die Passierbarkeit des Wehres Geesthacht ist von entscheidender Bedeutung für die gewässerökologische Anbindung der Mittleren und Oberen Elbe sowie ihrer Nebengewässer an die Tideelbe und die Nordsee. 4.1. Bestehende Fischwechselanlage Geesthacht (Südufer) Mit einem mittleren Durchfluss von ca. 6 m3/s ist die im Jahr 1998 in Betrieb gegangene Fischwechseleinrichtung am Südufer der Elbe bei Geesthacht zwar eine der größten in Deutschland, ihre Durchflussmenge ist aber im Vergleich zum mittleren Abfluss der Elbe, der ca. 735 m3/s beträgt, mit weniger als 1 % sehr gering. Der Mindestdurchfluss einer effektiven Fischwechseleinrichtung sollte mindestens 2 - 3 % des mittleren Oberwasserabflusses entsprechen. Übertragen auf die Elbe bei Geesthacht würde dies einen Durchfluss von mindestens 15 – 22 m3/s bedeuten. Die derzeitige Fischwechselanlage am Wehr in Geesthacht ist damit eindeutig unterdimensioniert. 4.2. Geplante Fischwechselanlage Geesthacht (Nordufer) Am Nordufer der Staustufe Geesthacht ist derzeit keine Durchgängigkeit für flussaufwärts wandernde Organismen gegeben. Hier kommt es daher regelmäßig zu einer starken Ansammlung von Fischen, die vergeblich versuchen das Wehr zu passieren, um ihre Laichgebiete zu erreichen. Wegen der starken Turbulenzen im Wehrbereich führen nur wenige, leistungsstarke Fische eine Flussquerung, verbunden mit einem erfolgreichen Aufstieg am Südufer durch. Deshalb besteht aus Gewässerschutzsicht der dringende Bedarf, unabhängig von der Fischwechselanlage am Südufer, eine effektive Fischwechselanlage am Nordufer zu errichten und zu betreiben. Die Parlamentarische Gruppe Frei fließende Flüsse begrüßt ausdrücklich die Entscheidung des Bundes und der Flussgebietsgemeinschaft Elbe (FGG Elbe), den Bau einer ausreichend dimensionierten Fischwechselanlage am Nordufer der Staustufe in die Bewirtschaftungspläne für die Elbe aufzunehmen. Die aktuell projektierte Fischwechselanlage am Nordufer soll als sogenannter Doppelschlitzpass mit einer Gesamtlänge von ca. 550 m und insgesamt 45 aufeinanderfolgenden Stufenbecken realisiert werden. Die geplante Fischwechselanlage soll die Anforderungen des DWA-Merkblattes M-509 „Fischaufstiegsanlagen und fischpassierbare Bauwerke“ in Bezug auf die Standortbedingungen am Wehr Geesthacht erfüllen. Dies bedeutet u.a., dass an ..7

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mindestens 300 Tagen im Jahr ein durchgehender Wanderkorridor sowohl für die leistungsschwächsten als auch für die größten Arten der heimischen Fischfauna vorhanden ist. 4.3. Auswirkungen einer Wasserkraftnutzung am Wehr Geesthacht auf die Funktionsfähigkeit der bestehenden und geplanten Fischwechsel Der Betrieb einer Wasserkraftanlage führt unweigerlich zu Fischverlusten. Während bei der Aufwärtswanderung die Fische aufgrund ihres großen Laichtriebes bereit sind Suchbewegungen aktiv durchzuführen, was genutzt werden kann, um über strömungslenkende Maßnahmen (sog. Leitströmung) den Einschwimmkanal der Fischwechselanlage aufzuzeigen, findet die Abwärtswanderung überwiegend passiv treibend im Hauptstrom statt. Organismen lenkende Maßnahmen (z.B. durch Stromimpulse) sind hier daher nur bedingt wirksam. Weil im Sinne einer stabilen Fisch- und Rundmaulpopulation zu einem erfolgreichen Aufstieg der Elterntiere auch ein erfolgreicher Abstieg der Jungfische gehört (bei den Aalen auch in umgekehrter Richtung), bedarf es bei der Gesamtbewertung der Funktionstüchtigkeit der geplanten Fischwechselanlage nicht nur des Nachweises des erfolgreichen Aufstieges sondern auch des ebenso erfolgreichen Abstieges. Die derzeitige Planung des Doppelschlitzpasses am Nordufer sieht eine Erhöhung des Strömungsimpulses, d.h. der Wahrnehmbarkeit der Leitströmung der Fischwechselanlage durch die zusätzliche Überströmung des benachbarten Wehrfeldes vor. Über fünf abgesenkte Muldenbereiche sollen dauerhaft insgesamt ca. 10 m³/s abfließen damit die aufsteigenden Fische den Einstieg in den Fischwechsel besser auffinden können. Diese Maßnahme ist aus Gewässerschutzsicht zu begrüßen. In den Planungsunterlagen zur neuen Fischwechselanlage finden sich jedoch auch Angaben, dass dieses Wehrfeld für eine mögliche Wasserkraftnutzung zur Verfügung steht. Bei Realisierung einer Wasserkraftanlage würden an dieser Stelle ca. 200 m³/s bis 500 m³/s anstatt 10 m³/s, wie bisher vorgesehen, passieren. Dies hätte zur Folge, dass die als Verstärkung der Leitströmung vorgesehene Maßnahme in Gänze unwirksam werden würde, da der Turbulenzbereich des aus der Wasserkraftanlage strömenden Wassers die Leitströmung der Fischwechselanlage überdecken würde. Die Folge wäre, dass die wanderwilligen Fische den Einstieg in die Fischwechselanlage nicht mehr sicher und in ausreichender Zahl finden könnten. Eine Durchführung von 200 - 500 m³/s durch die Wasserkraftanlage hätte zur Folge, dass an 100 bis 300 Tagen im Jahr mindestens die Hälfte des vorhandenen Oberwassers über diese Anlage geleitet werden würde. Selbst bei den als „Langsamläufer“ bezeichneten Kaplanturbinen beträgt die Rotorgeschwindigkeit je nach Größe und Umdrehungsgeschwindigkeit zwischen 75 km/h bis 100 km/h. Fische und Rundmäuler, die eine Rechenanlage unversehrt passiert haben, droht durch den Rotorschlag eine folgenschwere Verletzung ihres Schuppenkleides mit anschließender Pilzinfektion bis hin zum direkten Tod in der Turbine.

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Größere Fische und Rundmäuler, die nicht durch die Rechenanlage passen, müssten bei Realisierung einer Wasserkraftanlage zur erfolgreichen Abwanderung die Ausschwimmbereiche der Fischwechselanlage am Nord- und Südufer aufsuchen. Diese liegen jedoch 300 m bis 350 m entfernt stromaufwärts und zudem quer zur Strömungsrichtung. Das hat zur Folge, dass nur ein zu geringer Anteil der Fisch- und Rundmaulfauna diesen Ausweg findet. Der akut vom Aussterben bedrohte Aal würde durch eine Wasserkraftanlage am Wehr Geesthacht besonders schwer in Mitleidenschaft gezogen. Bereits heute werden die Zielvorgaben des Aalmanagementplans hinsichtlich einer erfolgreichen Abwanderungsquote der Blankaale von mindestens 40 % deutlich verfehlt. Dies bedeutet, dass auch gemäß dem Verschlechterungsverbot nach EG-WRRL keine Maßnahmen genehmigt werden dürfen, die eine weitere Gefährdung des Aalbestandes bedingen. Im Gegenteil: Gemäß Verbesserungsgebot nach EG-WRRL sowie aufgrund der Vereinbarungen des Aalmanagementplanes sind effektive Maßnahmen zur Populationsstützung beim Aal zwingend notwendig. Ein weiterer Punkt aus dem die Unverträglichkeit von Fischwechselanlage mit der Wasserkraftanlage hervorgeht, ist die Tatsache, dass die Funktionstüchtigkeit der bestehenden Fischwechselanlage am Südufer wesentlich von der Ausprägung des Hauptstromes abhängig ist. Untersuchungen haben belegt, dass bei geschlossenen südlichen Wehrfeldern die Aufstiegsrate in der Fischwechselanlage signifikant abnimmt. Eine durch die Wasserkraftanlage bedingte Verlagerung der bisherigen Hauptströmung nach Norden würde daher einhergehen mit einer Reduzierung der Funktionstüchtigkeit der Fischwechselanlage am Südufer.

5. Fazit zur Wasserkraftnutzung am Wehr Geesthacht Die geplante Fischwechselanlage am Nordufer der Elbe bei Geesthacht ist geeignet den derzeit bestehenden Mangel hinsichtlich der Passierbarkeit für Wanderorganismen an diesem Flussabschnitt entscheidend zu verbessern. Die technischen Anforderungen an die Anlage bezüglich Auffindbarkeit und Passierbarkeit werden erfüllt. Sowohl der größte als auch der schwächste zu erwartende Fisch sowie bodenorientierte Organismen werden über die Anlage von der Tideelbe in die Mittelelbe aufsteigen können. Die besonderen Ansprüche von Aalen und Rundmäulern wird ebenso Rechnung getragen. Aufgrund der Ausmaße, der Funktionsweise und der Positionierung werden die Anforderungen an eine derartige Anlage eingehalten. Die relevanten Grenzwerte u.a. Passierbarkeit an mindestens 300 Tagen im Jahr des künftigen DWA-Regelwerkes M-509 „Fischaufstiegsanlagen und fischpassierbare Bauwerke“ werden berücksichtigt. Eine Konkurrenz zwischen den beiden Fischwechselanlagen am Nord- und Südufer bezüglich der Wasserspeisung und damit der Funktionstüchtigkeit ist nicht zu befürchten. Im Gegenteil, die Anlagen werden sich in ihrer Funktion ergänzen. Während der erfolgreiche Fischaufstieg über die zukünftig beiden Fischwechselanlagen gesichert wird und auch die Abwanderung über die Wehrfelder bis dato kein gravierendes Wanderhindernis darstellt, ändert sich die positive Bewertung der geplanten Fischwechselanlage gänzlich, wenn hiermit gleichzeitig der Bau einer Wasserkraftanlage an ..9

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dieser Stelle des Flusses verbunden ist. Aufgrund des Abwanderverhaltens - überwiegend passiv treibend im Hauptstrom - würden die Fisch- und Rundmaularten unvermeidlich in den Einströmbereich der Wasserkraftanlage geraten. Kleinere Fische und ein Teil der Aale würde durch die Abfangrechen in die Turbine gelangen und dort durch den Rotorschlag geschädigt oder getötet werden. Für größere Fische, welche nicht durch die Rechensiebe passen, würde de facto ein unpassierbares Wanderhindernis entstehen, da die Erfolgsrate für das Auffinden der Abstiegsmöglichkeit am Nord- und Südufer als gering einzuschätzen ist. Zusätzlich würde unter der Verlagerung der Hauptströmung nach Norden die Funktionstüchtigkeit der bestehenden Fischwechselanlage am Südufer erheblich leiden. Dem geringen energetischen Gewinn durch eine Wasserkraftanlage am Wehr Geesthacht steht ein unverhältnismäßig hoher gewässerökologischer Schaden gegenüber. Bei Realisierung einer Wasserkraftanlage am Elbwehr bei Geesthacht bestünde ein gravierender Verstoß gegenüber dem Verschlechterungsverbot / Verbesserungsgebot gemäß EG-Wasserrahmenrichtlinie. Es zeichnet sich ein erheblicher Konflikt zwischen der Nutzung der Wasserkraft und der Funktionsfähigkeit der Fischwechselanlagen ab. Eine Verträglichkeit der Fischwechselanlage mit einer Wasserkraftnutzung am Wehr Geesthacht besteht nicht. Die geplante Errichtung einer Wasserkraftanlage an dieser, aus ökologischen Gesichtspunkten besonders wichtigen Stelle des gesamten Elbe-Einzugsgebietes, ist daher nach Auffassung der Parlamentarischen Gruppe Frei fließende Flüsse konsequenterweise abzulehnen.

Berlin, 10. März 2009

Brunhilde Irber, MdB Eva Bulling-Schröter, MdB Dr. Anton Hofreiter, MdB

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Abbildung: Wehr Geesthacht

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Quellen: Arge Elbe (2000): Funktionsüberprüfung der neuen Fischaufstiegsanlage am Elbewehr bei Geesthacht. Arbeitsgemeinschaft für die Reinhaltung der Elbe, Umweltstiftung der Hamburgischen Electricitäts-Werke AG, Wasser- u. Schifffahrtsamt Lauenburg, 51 S. Arge Elbe (2004): Kontrolluntersuchungen im Fischaufstieg am Elbewehr bei Geesthacht. Arbeitsgemeinschaft für die Reinhaltung der Elbe. Wassergütestelle Elbe in Zusammenarbeit mit limnobios, 4 S. Arge Elbe (2005): Kontrolluntersuchungen im Fischaufstieg am Elbewehr bei Geesthacht. Arbeitsgemeinschaft für die Reinhaltung der Elbe. Wassergütestelle Elbe in Zusammenarbeit mit limnobios, 20 S. FGG Elbe (2008a): Aalmanagementplan – Flussgebietsgemeinschaft Elbe. Institut für Binnenfischerei e.V. Potsdam-Sacrow, 46 S. FGG Elbe (2008b): Die Notwendigkeit der Erhöhung der Fischwechselkapazität am Wehr Geesthacht. Wassergütestelle Elbe, 11 S. FGG Elbe (2008c): Ermittlung überregionaler Vorranggewässer im Hinblick auf die Herstellung der Durchgängigkeit für Fische und Rundmäuler im Bereich der FGG Elbe sowie Erarbeitung einer Entscheidungshilfe für die Priorisierung von Maßnahmen. Ad-Hoc-AG „Durchgängigkeit / Fische der Flussgebietsgemeinschaft Elbe, 57 S. FGG Elbe (2008d): Fischaufstiegsanlage am Wehr Geesthacht - Zweiter Fischaufstieg am nördlichen Ufer - Antrag auf Errichtung und Betrieb einer Fischaufstiegsanlage am Wehr Geesthacht gemäß § 31 Wasserhaushaltsgesetz (WHG). Wassergütestelle Elbe, 14 S. FGG Elbe (2008e): Überregionale Bewirtschaftungsziele für die Oberflächengewässer im deutschen Teil der Flussgebietseinheit Elbe für die Belastungsschwerpunkte Nährstoffe, Schadstoffe und Durchgängigkeit. Flussgebietsgemeinschaft Elbe, 11 S. IKSE (2005): Die Elbe und ihr Einzugsgebiet. Ein geographisch-hydrologischer und wasserwirtschaftlicher Überblick. Internationale Kommission zum Schutz der Elbe, 258 S. IKSE (2008): Die Fischfauna des Elbestroms - Bewertung nach Wasserrahmenrichtlinie. Internationale Kommission zum Schutz der Elbe, 31 S.

Abbildung: Wehr Geesthacht, Bildquelle: Wassergütestelle Elbe, Hamburg ..12

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Postanschrift: Parlamentarische Gruppe Frei fließende Flüsse c/o Büro Brunhilde Irber Deutscher Bundestag Platz der Republik 1 11011 Berlin Ansprechpartner: Frau Brunhilde Irber, MdB Koordinationsstelle: Herr Jonas D. Hiermer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter c/o Büro Brunhilde Irber Deutscher Bundestag Platz der Republik 1 11011 Berlin Telefon: 030 227 71 156 Fax: 030 227 76 205 Mail: brunhilde.irber@bundestag.de