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60 Jahre Währungsreform

Veröffentlicht: 18.6.2008

Der Teuro von 1948


Sie hatten jede Menge Geld und trotzdem Hunger: Nach dem

verlorenen Krieg fanden sich die Deutschen im Wirtschaftschaos

wieder. Bis die D-Mark kam. Die neue Währung sorgte im Juni

1948 von heute auf morgen für volle Läden - aber auch für einen

Showdown mit den Sowjets. Von Michael Heim

AP
Geld zu Rauch: Da die Reichsmark 1948 nichts mehr wert war, konnte man die
Scheine ebensogut zum anzünden einer Zigarette benutzen.
Eingereicht von: Michael Heim
DEBATTE
Letzter Beitrag:
MAREK CZYSZ
19. Jun 2008, 21:48
Die D-Mark als Geburtsstunde des Wirtschaftswunders ist ein Mythos... mehr...
Keiner durfte es wissen. Unter den Planen der amerikanischen Militärlaster, die
vor dem Gebäude in der Frankfurter Taunusanlage hielten, kamen nur
unbeschriftete Stahlkisten hervor. Hunderte von Angestellten arbeiteten in dem
Gebäude, in dem die Boxen verschwanden, doch nur sechs Personen wussten,
was sich dort im Keller, streng abgeschottet, zu stapeln begann. Aus den USA
waren die gewichtigen Kisten im Frühjahr 1948 per Schiff in Bremerhaven
eingetroffen, mit Ziel Barcelona - das jedenfalls hatte in den Frachtpapieren
gestanden. Doch dann war die Ladung umdirigiert worden. Monatelang
brachten Lkw-Konvois die geheime Fracht von Bremerhaven nach Frankfurt am
Main zu dem Gebäude mit dem großen Keller - und nicht einmal die Wachen
am Ziel ahnten, welcher besondere Stoff in den 23.000 Kisten lagerte.

Der Krieg war vorbei, das Land lag am Boden; besetzt und aufgeteilt von den
vier Siegermächten. Auf deutsche Tische kamen Steckrüben und dünne Suppe,
der Kohlenklau war fester Bestandteil der Wintervorsorge, die Städte boten ein
Bild der Verwüstung. Und doch lag weit weniger in Trümmern, als es zunächst
den Anschein hatte.

Die Schäden seien schnell zu beheben, Maschinen und Hallen überwiegend


intakt, die Arbeiter am Platz, berichtete etwa ein Gutachter, der für die US-
Militärregierung die Bedingungen für den Wiederaufbau im fränkischen Fürth
untersuchen sollte. Der Experte, ein Ökonomieprofessor namens Ludwig
Erhard, sah für einen raschen Wiederaufbau daher kein Hindernis. Auch beim
Stahlgiganten Krupp beurteilte man die Lage durchaus optimistisch. Je nach
Sparte glaubte man, zwischen 20 und 40 Prozent der Höchstproduktion
erreichen zu können - aus dem Stand.
Schwimmen im Geld

Ein Wunder war das durchaus nicht. In vielen Unternehmen hatte man der NS-
Propaganda vom "Endsieg" angesichts der näher rückenden Fronten keinen
Glauben mehr geschenkt und sich nach Kräften bemüht, die Belegschaft
zusammenzuhalten und Rohstoffe zu bunkern. Auch waren Deutschlands
Industrieanlagen 1945 besser ausgebaut als vor dem Krieg. Die alliierten
Bomber hatten vor allem die Wohngebiete der Arbeiter ins Visier genommen,
und so waren im Krieg lange Zeit Kapazitäten schneller entstanden, als sie
zerstört wurden. Das Potential für ein Wirtschaftswunder war also da. Das
Problem lag an einer ganz anderen Stelle: Die Deutschen hatten zu viel Geld.

Die Nazis nämlich hatten 1936 per Dekret die Preise eingefroren und seitdem
nach Bedarf neues Geld für Aufrüstung und Krieg gedruckt. Der Preisstopp
verhinderte, dass die Lebenshaltung teurer wurde und in der Bevölkerung für
schlechte Stimmung sorgte. Doch änderte er nichts daran, dass der
tatsächliche Wert der Reichsmark immer mehr verfiel, je mehr Geld in Umlauf
gelangte. Ohne Gegenmaßnahmen wären mit der Geldflut die Regale
leergekauft worden. Deshalb musste man beim Einkauf bald Scheine aus dem
Portemonnaie ziehen, die es weniger reichlich gab als die Reichsmark:
Lebensmittelmarken, Kleiderkarten und andere Bezugsscheine rationierten das
Angebot.

Nach Kriegsende verschärfte sich die Situation. Die alliierten Besatzer ließen
die Reichsmark als Zahlungsmittel im Umlauf und druckten für den eigenen
Bedarf noch reichlich "Militärmark" nach. Dermaßen im Geld zu schwimmen,
lähmte den Wiederaufbau. Unternehmen konnten keine Gewinne machen, die
auch etwas wert gewesen wären - also produzierten sie wenig und horteten
lieber. Arbeiter verdienten mehr, als sie angesichts der Rationierung ausgeben
konnten, also machten sie auf lau, jedenfalls nach den Maßstäben der Zeit.
"Anstatt 48 werden meist nur 40 Stunden gearbeitet", monierte im Mai 1948
der SPIEGEL, eine "erhebliche Leistungssteigerung" sei möglich.
Zahlbar in Rauch

Die meisten Geschäfte wurden bald bargeldlos abgewickelt - nicht per


Kreditkarte, sondern durch den Tausch von Naturalien. Städter brachen zu
Hamsterfahrten ins Umland auf und tauschten den Familienschmuck gegen
Lebensmittel, was so manchem Bauern zu unverhofftem Wohlstand verhalf.
Der Schwarzmarkt florierte, und an den Straßenecken setzte sich schnell ein
halboffizielles Zahlungsmittel durch: Man rechnete in Zigaretten ab.

Mit diesem Chaos musste Schluss sein - darin waren sich die Alliierten offiziell
einig. Hinter den Kulissen jedoch regierte das Misstrauen. Pläne für eine
Währungsreform lagen schon seit 1946 in der Schublade, doch im Alliierten
Kontrollrat kamen die Gespräche nicht voran. Der sowjetische Vertreter
verschleppte die Beratungen; in der amerikanischen Militärregierung nahm
man an, die Sowjets hätten kein echtes Interesse an der Schaffung
funktionierender Märkte und wären vor allem an der Ausbeutung Deutschlands
und der Demontage der industriellen Anlagen interessiert.

Am Poker um das neue Geld waren bald auch die Geheimdienste beteiligt.
Sowjetische Agenten versuchten dringend in Erfahrung zu bringen, ob
Amerikaner und Briten einen Überraschungscoup vorbereiteten und im
Alleingang eine neue Währung in ihren Zonen einführen wollten. Im Gegenzug
interessierte sich der US-Geheimdienst intensiv für eine Druckerei in Leipzig,
die im Osten für den Notendruck in Frage kam. Der Grund für das Gezerre war
naheliegend: Wenn es einer Seite gelingen sollte, die andere mit einer
Währungsreform zu überrumpeln, würde eine Flut von Altgeld in die
Besatzungszone des Nachzüglers schwappen und die Reichsmark dort
endgültig wertlos machen. Wer so überrascht wurde, konnte sich der
Währungsreform der anderen Seite nur noch anschließen - oder musste sofort
seine eigene Währung aus dem Hut zaubern. Wohl dem also, der vorbereitet
war.

Wettrüsten mit Papier

Und so kam es, dass seit Februar 1948 in großer Heimlichkeit amerikanische
Militärlaster durch Deutschland rollten und Kisten voller frischgedruckter D-
Mark-Scheine im Keller des Frankfurter Reichsbankgebäudes verschwanden.
Die Banknoten waren in den USA hergestellt worden und sahen aus wie Dollar
auf Deutsch - unter anderem hatten sich Figuren von amerikanischen
Eisenbahnaktien auf die Scheine verirrt.

Auch den Ausgabeort hatte man vorsichtshalber weggelassen - die Tür für eine
Einigung mit den Sowjets war damit noch nicht ganz geschlossen. Die hatten
ihrerseits nicht genug geeignetes Papier, um sich mit eigenen Scheinen zu
wappnen. So rüsteten sie stattdessen mit Aufklebern auf, mit denen sie im
Bedarfsfall gebrauchte Reichsmark in eine neue Währung umetikettieren
konnten.

Im Frühjahr 1948 machten mehr und mehr Gerüchte über die Einführung einer
neuen Währung die Runde. Im Juni, als sich die Hinweise weiter verdichteten,
war die Anspannung mit Händen zu greifen. Selbst der Schwarzmarkt kam zum
Erliegen - die einen hielten nervös das Geld, die anderen die Waren fest. Am
Freitag, dem 18. Juni 1948, hatte das Warten ein Ende: Per Rundfunk erfuhren
die Bewohner der Westzonen, dass sie am Sonntag die neue Deutsche Mark an
den Ausgabestellen für Lebensmittelkarten erhalten würden.

40 Mark sofort, 20 später

Der Schnitt war radikal, und nur eine Militärregierung konnte eine derart
drastische Maßnahme durchsetzen. Pro Kopf durften lediglich 60 Reichsmark
eins zu eins in die neue Währung umgetauscht werden - 40 Mark sofort, 20
Mark nach zwei Monaten. Zum zweiten Mal innerhalb einer Generation, gerade
einmal 25 Jahre nach der Hyperinflation von 1923, verloren deutsche Sparer
fast ihr gesamtes Vermögen. Wer 1000 Reichsmark auf der hohen Kante hatte,
sah sein Erspartes durch den Währungsschnitt auf überschaubare 26 D-Mark
geschrumpft; wer nur 500 Reichsmark hatte sparen können, behielt davon gar
nichts übrig.

Ohne Verluste blieb allein, wer Sachwerte besaß. Die zu horten, gab es nun
keinen Grund mehr, denn Geld war wieder knapp - und also etwas wert.
Buchstäblich über Nacht kamen die zurückgehaltenen Waren aus den Kellern.
Ebenso rasant stiegen aber auch die Preise. Der "Teuro" von 1948 brachte die
Bürger, gerade erst ihrer Ersparnisse beraubt, erst einmal auf die Barrikaden.
Mehrfach versuchte die SPD in der Opposition, Erhard aus seinem Amt als
Wirtschaftsdirektor - dem Vorläufer des Wirtschaftsministers - zu entfernen. An
einem Generalstreik im November beteiligten sich neun Millionen Menschen.

Der Blick in den Osten trug jedoch dazu bei, dass Erhards Marktwirtschaft nicht
dauerhaft in Misskredit geriet. Schon vier Tage nach der West-Reform brachten
die Sowjets in ihrer Zone ihre Aufkleber zum Einsatz. Doch die getunten
Reichsmarkscheine - genannt "Tapetenmark" - waren auf dem freien Markt
gerade mal ein Viertel der Westmark wert, und da Preiskontrollen und
Planwirtschaft östlich der Elbe weitergalten, blieb das Wunder der gefüllten
Schaufenster im Osten aus. Der Systembruch war vollzogen, die Einheit
Deutschlands passé: Am Morgen des 24. Juni 1948 hatte Deutschland zwei
Währungen.

Am Abend schlossen die Sowjets alle Zugänge nach Berlin.