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Das Ikosaeder

Walter Fendt 27. Februar 2005

1 Grundlagen: Das gleichseitige Dreieck

Satz 1

Für ein gleichseitiges Dreieck mit Seitenlänge a gelten folgende Formeln:

Höhe h = a √ 3 2 Umkreisradius r = a √ 3 3 Flächeninhalt
Höhe
h = a √ 3
2
Umkreisradius
r = a √ 3
3
Flächeninhalt
2
A = a
4 √ 3
r h
r
h

Gleichseitiges Dreieck mit Höhe und Umkreis

2 Grundlagen: Die eulersche Polyederformel

Satz 2

Für die Anzahlen der Ecken ( e), der Flächen ( f ) und der Kanten ( k ) eines beliebigen konvexen Polyeders gilt folgende Beziehung:

Eulersche Polyederformel

e + f = k + 2

Bemerkung: Der Begriff Polyeder (Vielflächner) bezeichnet einen Körper, der von Vielecken (Polygonen) begrenzt wird. Konvex bedeutet, dass eine beliebige Verbindungsstrecke von zwei Punkten des Polyeders ste ts vollstän- dig innerhalb des Polyeders liegen muss. Alle Ecken müssen also nach au ßen gerichtet sein.

3 Definition und einfache Eigenschaften

Definition 1

Ein Ikosaeder (von griechisch eikosáedron für Zwanzigflächner) ist ein konvexes Polyeder, das von kongruenten gleichseitigen Dreiecken begrenzt wird, wobei in jeder Ecke fünf Flächen zusammentreffen.

Bemerkung 1: Grundsätzlich wäre es denkbar, dass ein Körper mit den geforderten Eigenschaften gar nicht existiert. Auf den Nachweis der Existenz wird hier jedoch verzichtet.

Bemerkung 2: Zwei verschiedene Ikosaeder sind in jedem Fall zueinander ähnlich. Daher spricht man häufig von dem Ikosaeder, als ob es nur ein einziges gäbe.

Bemerkung 3: Das Ikosaeder gehört – zusammen mit dem regelmäßigen Tetraeder, dem Hexaeder (Würfel), dem Oktaeder und dem Dodeka eder – zu den fünf platonischen Körpern.

Satz 3

Jedes Ikosaeder besitzt 12 Ecken, 30 Kanten und 20 Flächen.

2

Beweis (nach [2]): Ist e die Anzahl der Ecken, so lässt sich auch die Zahl der Flächen ( f ) durch e ausdrücken. Würde man allerdings einfach die Eckenzahl mit der Zahl der Flächen pro Ecke multiplizieren ( e · 5), so würde man jede Fläche dreifach zählen, nämlich je einmal für jede ihrer Ecken. Dahe r muss man noch durch 3 dividieren. Für die Zahl der Flächen ergibt sich folglich

f

Eine entsprechende Überlegung ist für die Zahl der Kanten ( k ) möglich. Da eine Kante zwei Ecken enthält und in jeder Ecke fünf Kanten zusam mentref-

fen, muss k =

Setzt man die gefundenen Rechenausdrücke in die eulersche Polyed erformel e + f = k + 2 (siehe Satz 2) ein, so erhält man:

= 5

3 e.

5

2

e gelten.

e + 5 3 e

1

6 e

e

=

=

=

5 2 e + 2

2

12

Aus diesem Ergebnis folgt nun sofort:

f

k

=

=

5

5

=

3 e 2 e =

5

3

5

2

· 12

· 12 = 30

= 20

3

4 Symmetrieeigenschaften

Satz 4

Ebenensymmetrie: Ein Ikosaeder hat 15 Symmetrieebenen. Jede Sym- metrieebene enthält zwei gegenüber liegende Kanten und die Symme trie- achsen von vier Dreiecksflächen. Auf einer Symmetrieebene liegen da her stets vier Ecken, vier Kantenmittelpunkte und vier Flächenmittelpu nkte.

Drehsymmetrie: Ein Ikosaeder besitzt

6 fünfzählige Drehachsen (jeweils durch zwei gegenüber liegende Ecken),

10 dreizählige Drehachsen (jeweils durch die Mittelpunkte zweier gegenüber liegender Flächen) und

15 zweizählige Drehachsen (jeweils durch die Mittelpunkte zweier gegenüber liegender Kanten).

Punktsymmetrie: Ein Ikosaeder ist punktsymmetrisch.

Bemerkung: Es gibt insgesamt 120 (gleichsinnige oder ungleichsinnige) Kongruenzabbildungen (Isometrien), die das Ikosaeder auf sich abb ilden. Sie bilden bezüglich der Hintereinanderausführung eine Gruppe. Diese Grup- pe, die als Ikosaedergruppe (seltener als Dodekaedergruppe ) bezeichnet wird, ist isomorph zum direkten Produkt A 5 × Z 2 der alternierenden Gruppe A 5 und der zyklischen Gruppe Z 2 .

Beschränkt man sich auf die 60 gleichsinnigen unter den genannten 1 20 Kon- gruenzabbildungen, so erhält man eine Untergruppe, die zu A 5 isomorph ist. (Die Bezeichnungen sind allerdings nicht einheitlich; manchmal wird dies e Untergruppe Ikosaedergruppe bzw. Dodekaedergruppe genannt.)

4

Ikosaeder mit Symmetrieebene 5

Ikosaeder mit Symmetrieebene

5

Ikosaeder mit fünfzähliger Drehachse (durch zwei gegenüber liegende Ecken) 6

Ikosaeder mit fünfzähliger Drehachse (durch zwei gegenüber liegende Ecken)

6

Ikosaeder mit dreizähliger Drehachse (durch die Mittelpunkte zweier gegenüber liegender Flächen) 7

Ikosaeder mit dreizähliger Drehachse (durch die Mittelpunkte zweier gegenüber liegender Flächen)

7

Ikosaeder mit zweizähliger Drehachse (durch die Mittelpunkte zweier gegenüber liegender Kanten) 8

Ikosaeder mit zweizähliger Drehachse (durch die Mittelpunkte zweier gegenüber liegender Kanten)

8

5 Dualitätseigenschaft

Satz 5

Verbindet man die Mittelpunkte der Begrenzungsflächen eines Ikosae ders, so entsteht dadurch ein Dodekaeder. Umgekehrt erhält man durch Ver- binden der Flächenmittelpunkte eines Dodekaeders ein Ikosaeder.

man durch Ver- binden der Flächenmittelpunkte eines Dodekaeders ein Ikosaeder. Ikosaeder mit zugehörigem Dodekaeder 9

Ikosaeder mit zugehörigem Dodekaeder

9

Dodekaeder mit zugehörigem Ikosaeder Bemerkung: Aus der Dualität zwischen Ikosaeder und Dodekaeder folgt unmittelbar,

Dodekaeder mit zugehörigem Ikosaeder

Bemerkung: Aus der Dualität zwischen Ikosaeder und Dodekaeder folgt unmittelbar, dass beide Körper die gleichen Symmetrieeigenschafte n haben.

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6 Berechnungen

Satz 6

Die Entfernung eines Kantenmittelpunkts vom Mittelpunkt des Ikosa eders ist gegeben durch:

Entfernung Kantenmittelpunkt - Ikosaedermittelpunkt

x = a (1 + 5)

4

Dabei bedeutet a die Länge einer Ikosaederkante.

Beweis:

a E K E 2 2 2 1 x x h a x − a
a
E
K
E
2
2
2
1
x
x
h
a
x − a
2
2
K 3
K 1
M
H
E
K
3
E 4
4

Jede Symmetrieebene des Ikosaeders enthält vier Ecken ( E 1 , E 2 , E 3 , E 4 ) und vier Kantenmittelpunkte ( K 1 , K 2 , K 3 , K 4 ). Bezeichnet man die Entfernung der Punkte E 1 und K 1 mit h und die gesuchte Entfernung zwischen dem Ikosaedermittelpunkt M und einem beliebigen Kantenmittelpunkt K i mit x, so gilt nach dem Satz des Pythagoras (angewandt auf das Dreieck E 1 HK 1 )

x 2 + (x a ) 2 = h 2 .

2

h ist die Höhe eines gleichseitigen Dreiecks mit Seitenlänge a. Einsetzen des Ergebnisses von Satz 1 ergibt somit:

11

x 2 + (x a ) 2

2

x 2 + x 2 2 · x · a + a 2

2

2

1

4 a 2

1

2x 2 ax 2 a 2

2x 2 ax +

= a √ 3 2 2 3 = 4 a 2 = 3 4 a
= a √ 3 2
2
3
=
4 a 2
=
3 4 a 2
=
0

Nun kann die Lösungsformel für quadratische Gleichungen verwend et wer- den:

x =

=

=

=

(a) ± (a) 2 4 · 2 ·

1

2 a 2

a

± a 2 + 4a 2

2 · 2

a

4

± 5a 2

a

4

± a 5

4

Wäre das Minuszeichen von ± richtig, so würde sich – sinnloserweise – ein negativer Wert für x ergeben. Damit bestätigt sich die Behauptung:

x =

a + a 5

4

=

a 4 (1 + 5)

Satz 7

Der Umkugelradius eines Ikosaeders ergibt sich aus:

Umkugelradius r = a 2(5 + √ 5) 4
Umkugelradius
r
= a 2(5 + √ 5)
4
Umkugelradius r = a 2(5 + √ 5) 4

a bezeichnet wieder die Länge einer Ikosaederkante.

12

Beweis:

E K 2 2 E 1 a 2 x r K 3 K 1 M
E
K
2
2
E 1
a
2
x
r
K 3
K 1
M
E
K
E
3
4
4

Aus dem Satz des Pythagoras (angewandt auf das Dreieck E 1 K 2 M) folgt unter Verwendung von Satz 6:

r 2

=

=

=

=

=

=

x 2 + a

2

2

a (1 + 5) 2 + a 2

a

4

2

16

4

1 2 + 2 · 1 · 5 + 5 2 + a 2

4

2

a (6 + 2 5) + a 2

16

4

2

2

16

16 a (10 + 2 5)

a

· 2(5 + 5)

Durch Wurzelziehen erhält man wie behauptet

r =

a 2(5 + √ 5). 4
a 2(5 + √ 5).
4

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Satz 8

Für den Inkugelradius eines Ikosaeders mit Kantenlänge a gilt:

Inkugelradius a ̺ = 12 √ 3(3 + √ 5)
Inkugelradius
a
̺ = 12 √ 3(3 + √ 5)
Inkugelradius a ̺ = 12 √ 3(3 + √ 5)

Beweis:

E K E 2 2 1 y r F F 2 1 ̺ K K
E
K
E
2
2
1
y
r
F
F
2
1
̺
K
K
3
1
M
F
3
F 4
E
K
3
E 4
4

Eine beliebige Symmetrieebene des Ikosaeders enthält – neben vier Ecken und vier Kantenmittelpunkten – die Mittelpunkte von vier Flächen. Au s Symmetriegründen berührt die Inkugel des Ikosaeders jede Fläche (von der Form eines gleichseitigen Dreiecks) in ihrem Mittelpunkt. Die in der Zeich - nung dargestellten Berührpunkte sind mit F 1 , F 2 , F 3 und F 4 bezeichnet.

Ein weiteres Mal kann man den Satz des Pythagoras anwenden, dies es Mal auf das Dreieck MF 1 E 1 . Die Länge der Hypotenuse ist gleich dem Umkugel- radius r , die Längen der Katheten stimmen mit dem gesuchten Inkugelradius ̺ beziehungsweise mit dem Umkreisradius y einer (dreieckigen) Ikosaeder- fläche überein.

̺ 2 + y 2

=

r 2

̺ 2 = r 2 y 2

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Nun werden die früheren Ergebnisse für r (Satz 7) und y (Satz 1, dort Be- zeichnung r ) eingesetzt.

̺ 2 =

=

=

=

a 2(5 + √ 5) 2 − a √ 3 2 4 3 2 a
a 2(5 + √ 5) 2 − a √ 3 2
4
3
2
a (10 + 2 √ 5) − a 2
· 3
16
9
2
a
144 (90 + 18 √ 5 − 48)
2
a
144 (42 + 18 √ 5)

Um den Inkugelradius zu erhalten, muss man die Wurzel ziehen.

̺ =

a

12 42 + 18 5

Die folgende, nicht gerade naheliegend erscheinende Überlegung er möglicht eine weitere Vereinfachung:

(3 + 5) 2

=

3 2

+ 2 · 3 · 5 + ( 5) 2

(3 + 5) 2

=

14 + 6 5

 

3(3 + 5) 2

=

42 + 18 5

3(3 + 5)

=

42 + 18 5

Damit erhält man sofort – wie behauptet –

̺ =

a 12 √ 3(3 + √ 5).
a
12 √ 3(3 + √ 5).

Satz 9

Der Oberflächeninhalt eines Ikosaeders mit Kantenlänge a lässt sich mit folgender Formel berechnen:

Inhalt der Oberfläche

S = 5a 2 √ 3 15
S = 5a 2 √ 3
15

Beweis: Der Flächeninhalt eines gleichseitigen Dreiecks wurde in Satz 1 angegeben mit

A =

2 a 4 √ 3.
2
a 4 √ 3.

Dieser Wert ist nur noch mit der Anzahl der Flächen (also mit 20) zu mu l- tiplizieren.

Satz 10

Für das Volumen eines Ikosaeders gilt:

Volumen

V

5

= 12 a 3 (3 + 5)

Dabei steht a wieder für die Länge einer Ikosaederkante.

Beweis: Verbindet man die Ecken einer Seitenfläche mit dem Mittelpunkt des Ikosaeders, so erhält man eine Dreieckspyramide. Für das Volum en einer Pyramide gilt allgemein die Formel

V P

=

3 1 Ah,

wobei A für die Grundfläche der Pyramide steht und h für die Pyramiden- höhe. Diese Höhe stimmt aber mit dem Inkugelradius des Ikosaeders ( ̺ ) überein. Das gegebene Ikosaeder lässt sich zerlegen in 20 Pyramiden des genannten Typs. Wegen S = 20A und h = ̺ erhält man für das Ikosaeder- volumen:

V

=

=

1

20 · 3 Ah

1 3

Hier können die Ergebnisse von Satz 9 und Satz 8 eingesetzt werden .

V

=

=

1

3 · 5a 2 3 · 12 3(3 + 5)

a
a

5

12

a 3 (3 + 5)

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Literatur

[1] Friedrich Barth, Gert Krumbacher, Elisabeth Matschiner, Konr ad Os- siander: Anschauliche Geometrie 3. Ehrenwirth Verlag, München, 1988.

[2] Pierre Basieux: Die Top Ten der schönsten mathematischen Sätz e. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 2000.

[3] Walter Fendt: Die platonischen Körper (Java-Applet). Version Java 1.4: www.walter-fendt.de/m14d/platon.htm Version Java 1.1: www.walter-fendt.de/m11d/platon.htm

[4] Udo Hebisch: Mathematisches Café; Ikosaeder. www.mathe.tu-freiberg.de/~hebisch/cafe/ikosa.html

[5] Jürgen Köller: Mathematische Basteleien; Ikosaeder. www.mathematische-basteleien.de/ikosaeder.htm

[6] Eric W. Weisstein: Math World, Icosahedral Group. mathworld.wolfram.com/IcosahedralGroup.html

Letzte Änderung: 8. März 2005

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