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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


36 – 37/2009 · 31. August 2009

Zweiter Weltkrieg
Norbert Frei
1939 und wir

Jerzy Kochanowski
Der Kriegsbeginn in der polnischen Erinnerung

Martin Sabrow
Den Zweiten Weltkrieg erinnern

Rolf-Dieter Müller
Kriegsbeginn 1939: Anfang vom Ende des Deutschen Reichs

Elena Stepanova
Bilder vom Krieg in der deutschen und russischen Literatur

Svenja Goltermann
Kriegsheimkehrer in der westdeutschen Gesellschaft

Hermann Parzinger
Folgen des Zweiten Weltkriegs für Kunst- und Kulturgüter

Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament


Editorial
Als am Morgen des 1. September 1939 mit dem Beschuss der
Westerplatte vor Danzig der Zweite Weltkrieg begann, rechtfer-
tigte die NS-Presse den Überfall auf Polen mit „polnischen
Grenzübergriffen“. Nun werde „Gewalt gegen Gewalt gesetzt“,
jeder Soldat müsse „seine Pflicht bis zum Letzten“ erfüllen. Zwei
Tage später erklärten Frankreich und Großbritannien dem Deut-
schen Reich den Krieg. Am 17. September marschierte die Rote
Armee gemäß der Absprachen im Ribbentrop-Molotow-Pakt in
Ostpolen ein. Die Diktatoren Stalin und Hitler teilten Osteuropa
unter sich auf und waren Verbündete – bis zum Sommer 1941.

Viele glaubten der NS-Propaganda vom friedliebenden „Füh-


rer“, manche nicht. Im November 1939 schlug der tollkühne
Versuch des Schreiners Johann Georg Elser nur denkbar knapp
fehl, Hitler im Alleingang zu töten und damit den Krieg umge-
hend zu beenden. Im Mai 1945 lag die Welt in Trümmern. Die
Bilanz des vom Deutschen Reich angezettelten Krieges lautet:
mehr als 55 Millionen Tote, fast die Hälfte davon Zivilisten. Die
Folgen des Zweiten Weltkrieges veränderten die Landkarte Eu-
ropas und prägten Generationen.

Polen hatte am längsten unter der brutalen Besatzungspolitik


der Nationalsozialisten gelitten. Trotz der Anerkennung der
Oder-Neiße-Grenze durch die DDR im Görlitzer Vertrag von
1950 war das Verhältnis der „Bruderländer“ nie spannungsfrei.
Seit Willy Brandts historischem Kniefall vor dem Ghetto-Mahn-
mal in Warschau am 7. Dezember 1970 ist eine lange Wegstrecke
im deutsch-polnischen Verhältnis zurückgelegt worden. Heute
sind Polen und das vereinte Deutschland gute Nachbarn sowie
Mitglieder in NATO und EU. Nur ein Phantast hätte das prophe-
zeit. Die Erinnerung an den Krieg, die Schatten der Vergangenheit
sind immer präsent, aber sie sind nicht mehr übermächtig.

Hans-Georg Golz
Norbert Frei Wandel auch an der seit Ende der 1960er
Jahre konzipierten und erst kürzlich zum Ab-

1939 und wir schluss gebrachten zehnbändigen Reihe des


Militärgeschichtlichen Forschungsamts. 2

Essay Im Unterschied zur Situation nach 1918


lagen die Probleme der gesellschaftlichen Ver-
gegenwärtigung des Zweiten Weltkriegs je-
doch schon seit 1945 nicht in der fehlenden

W er den historischen Ort und die Bedeu-


tung des 1. September 1939 im Ge-
dächtnis der Deutschen zu bestimmen sucht,
Anerkennung der deutschen militärischen
Niederlage. Und anders als nach dem Ersten
Weltkrieg stellte sich auch die Schuldfrage so
der kommt an einer gut wie nicht, obgleich am unbelehrbaren
Grundtatsache nicht rechten Rand die These eines von Hitler
Norbert Frei
vorbei: Ausgangs- spätestens seit Sommer 1941 geführten anti-
Dr. phil., geb. 1955; Professor
und über Dekaden bolschewistischen „Präventivkriegs“ bis heute
für Neuere und Neueste
hinweg auch Flucht- ihre Verfechter findet. Höhere Hürden lagen –
Geschichte an der Friedrich-
punkt jener aufklä- und liegen zum Teil noch immer – vielmehr
Schiller-Universität Jena und
rerischen Zeitge- dort, wo es um die Vorstellung geht, die Deut-
Leiter des Jena Center Geschichte
schichtsforschung, die schen hätten den Krieg bloß auf Befehl ihres
des 20. Jahrhunderts,
sich seit den frühen „Führers“ geführt – und nicht zumindest pha-
Fürstengraben 13, 07743 Jena.
Jahren der Bundesre- senweise auch aus eigener Überzeugung.
sekretariat.frei@uni-jena.de
publik aus widrigen
Anfängen heraus ent- Ironischerweise war es der Nürnberger Pro-
wickelte, war nicht der Beginn des Zweiten zess, der es einer Mehrheit der Deutschen er-
Weltkriegs, sondern der 30. Januar 1933. Hitlers möglichte, sich mit der Tatsache der deutschen
„Machtergreifung“, die brutale Umformung Schuld am Zweiten Weltkrieg abzufinden; dies
der Weimarer Demokratie in die nationalsozia- allerdings um den Preis der Fixierung auf jene
listische Diktatur – das war es, was eine erste vergleichsweise kleine Gruppe von „Haupt-
Generation empirischer Zeitgeschichtsforscher kriegsverbrechern“, die dort, soweit man ihrer
in den 1950er und 1960er Jahren vor allem be- noch habhaft geworden war, vor Gericht ge-
wegte. Der deutsche Überfall auf Polen kam standen hatten. In den späten 1940er und den
demgegenüber erst in zweiter Linie in den 1950er Jahren halfen dann die verbreiteten to-
Blick, gewissermaßen als Konsequenz der talitarismustheoretisch inspirierten Deutungen
„Auflösung der Weimarer Republik“ (Karl des „Dritten Reiches“, die Alleinschuld an
Dietrich Bracher) und ihrer Verwandlung in Krieg und „Zusammenbruch“ bei Hitler und
den „Staat Hitlers“ (Martin Broszat). dem engsten Kreis der NS-Führung abzula-
den. Die hohe gesellschaftliche Akzeptanz, die
Obgleich von jeher auch als eine interna- der Krieg sehr wohl gefunden hatte, so lange er
tionale Aufgabe betrachtet und betrieben, nichts als schnelle Siege zu produzieren schien,
stand die Geschichtsschreibung über den Na- trat dahinter ebenso zurück wie die Verant-
tionalsozialismus in der Bundesrepublik stets wortung der Eliten.
im Spannungsfeld widerstreitender gesell-
schaftlicher Erinnerungsinteressen. So erklärt In das kollektiv entlastende Bild einer zwar
sich, dass die frühen Gesamtdarstellungen von Hitlers bis dahin erzielten Erfolgen be-
zur Geschichte des „Dritten Reiches“ die geisterten, den Krieg jedoch ablehnenden
Kriegsjahre meist nur als eine Art Annex be- „Volksgemeinschaft“ passte, was die Sozial-
handelten und dass die Erforschung der zwei- demokraten im Exil, aber auch der Sicher-
ten Hälfte der Regimezeit, jedenfalls soweit heitsdienst der SS in den ersten Tagen nach
damit mehr gemeint ist als die Militär- und
Diplomatiegeschichte des Zweiten Welt-
1 Dazu Norbert Frei, 1945 und wir. Das Dritte Reich
kriegs, erst im Abstand von etwa einer Gene-
im Bewußtsein der Deutschen, erweiterte Taschen-
ration stärker in Gang kam: nämlich in den buchausgabe, München 2009.
1970er Jahren, als es nicht mehr ausschließ- 2 Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.), Das
lich Hitlers Zeitgenossen waren, die den Ton Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bde. 1-10,
und die Themen setzten. 1 Ablesbar ist dieser Stuttgart 1979-2008.

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dem Einmarsch in Polen registrierten und rende Empörung über den Anschlag des Johann
was sogar ausländische Beobachter zu bestäti- Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller am
gen schienen. William Shirer zum Beispiel, 8. November 1939, dem Hitler nur knapp ent-
der gegenüber den Deutschen nicht eben un- ging. „Die Liebe zum Führer ist noch mehr ge-
kritische amerikanische Rundfunkkorrespon- wachsen, und auch die Einstellung zum Krieg
dent in Berlin, notierte am 3. September 1939 ist infolge des Attentats noch positiver gewor-
in sein Tagebuch: „keine Hurras, kein Froh- den“, registrierte der Sicherheitsdienst ein paar
locken, kein Blumenwerfen, kein Kriegsfie- Tage später. 5 Eine solche Formulierung ließ ei-
ber, keine Kriegshysterie. Noch nicht einmal nerseits erkennen, dass der Krieg, über dessen
Haß auf Franzosen und Briten.“ 3 Der in die- Fortgang im Westen Ungewissheit herrschte,
sen Zeilen angelegte und in den Jahrzehnten noch immer auf gewisse Vorbehalte stieß; ande-
danach vielfach aufgerufene kontrastierende rerseits deutete sie aber auch an, dass es keine
Vergleich mit dem „Augusterlebnis“ 1914 ist unüberwindlichen politisch-moralischen Be-
mittlerweile allerdings von beiden Seiten her denken waren, die die Deutschen bewegten.
ins Wanken geraten: sowohl hinsichtlich der Das zeigte sich höchst eindrucksvoll im Früh-
postulierten Skepsis 1939 als auch in Bezug sommer 1940, als nach dem triumphalen Frank-
auf die angenommene Kriegsbegeisterung ein reichfeldzug die letzten Skrupel zugunsten
Vierteljahrhundert zuvor. 4 Nicht, dass es für einer weithin geteilten Siegermoral wichen.
das eine wie für das andere keine Belege gäbe.
Aber im Lichte neuerer, auch medienwissen- Die kollektiven Begeisterungsstürme über
schaftlich informierter Untersuchungen stel- die Niederringung des linksrheinischen „Erb-
len sich Fragen nach Aussagekraft und Trag- feindes“ waren nach 1945 so wenig erörterungs-
weite der Quellen schärfer denn je. fähig wie die Umstände und Folgen des Über-
falls auf Polen. Wurde gegenüber Frankreich im
Zweifellos war die enorme Popularität, die Zeichen der von oben dekretierten Aussöhnung
Hitler an seinem 50. Geburtstag genoss, nicht vor allem die Rücksichtslosigkeit und Systema-
dem Nimbus des prospektiven Kriegsherrn ge- tik der ökonomischen Ausplünderung in den
schuldet, sondern dem Faktum, dass er alle Er- Jahren der Besatzung beschwiegen, so ver-
folge, die als Revision der „Schmach von Ver- schwanden die in Polen bereits seit September
sailles“ verstanden werden konnten, bis dahin 1939 „hinter der Front“ in großer Zahl verübten
ohne Blutvergießen errungen hatte. Nicht dem Verbrechen – mehr noch und länger als jene des
kriegslüsternen Diktator, sondern dem „Gene- Krieges gegen die Sowjetunion – im Zeichen
ral Unblutig“ galt die Bewunderung der Deut- des nun vorwaltenden Antikommunismus in
schen und seiner „heim ins Reich“ geholten einem ominösen Niemandsland des „Ostens“.
österreichischen Landsleute am 20. April 1939. Nur so erklärt sich, dass der von Wehrmacht
In der Stilisierung des „Führers“ zum Vollender und SS-Einsatzgruppen in Gestalt von Erschie-
der deutschen Geschichte, wie sie jetzt nicht ßungen Tausender polnischer „Freischärler“,
nur im nationalprotestantischen Bürgertum an- Kriegsgefangener, Zivilisten und Juden exer-
zutreffen war, schwang unüberhörbar die zierte „Auftakt zum Vernichtungskrieg“ (Jo-
Furcht vor einem Krieg mit, der alles Erreichte chen Böhler) hierzulande über Jahrzehnte hin-
zunichte machen könnte. Implizit ist damit weg kaum wahrgenommen wurde. 6 Und nur
aber auch gesagt, dass es keine prinzipielle Ab- so erklärt sich, dass zum Beispiel die Taten und
lehnung weiterer Revisionen und Annexionen, Karrieren der nach Kriegsende in die Bürger-
sondern die Frage des damit verbundenen Risi- lichkeit der Bundesrepublik zurückgekehrten
kos war, die viele „Volksgenossen“ im Sommer einstigen Kreishauptleute im Generalgouverne-
1939 um den Erhalt des Friedens bangen ließen. ment bis in unsere Tage hinein als Verwaltungs-
routine verharmlost werden konnten. 7
Das erklärt den schnellen abermaligen Stim-
mungsschwenk nach dem unerwartet raschen 5 Heinz Boberach (Hrsg.), Meldungen aus dem Reich

Abschluss des Polenfeldzugs – und die grassie- 1938-1945. Die geheimen Lageberichte des Sicher-
heitsdienstes der SS, Herrsching 1984, S. 449 (13. 11.
1939).
3 William L. Shirer, Berliner Tagebuch. Aufzeich- 6 Vgl. Jochen Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg.

nungen 1934-1941, Leipzig 1991, S. 192. Die Wehrmacht in Polen, Frankfurt/M. 2006.
4 Vgl. vor allem Jeffrey Verhey, Der „Geist von 1914“ 7 Dazu jetzt Markus Roth, Herrenmenschen. Die

und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen – Kar-
2000. rierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte,

4 APuZ 36–37/2009
Nicht nur sind diese Verbrechen unter- aber nicht nur düsterer, sondern auch dichter
halb der Schwelle zur systematischen Ver- geworden. Das gilt für die Gesellschaftsge-
nichtung der europäischen Juden in der schichte der „Heimatfront“, für die Ge-
deutschen Öffentlichkeit lange Zeit prak- schichte der Kriegsmobilisierung, der „Ari-
tisch unbekannt geblieben; auch die zeitge- sierung“ und der Ausplünderung der besetz-
schichtliche Spezialforschung hat sich damit ten Gebiete ebenso wie für die Erfah-
schwer getan. 8 Welche Anstrengungen es rungsgeschichte des Krieges. Dies alles ist seit
kostete und welche gesellschaftlichen Span- 1989 ins Zentrum eines gesteigerten, haupt-
nungen damit verbunden waren, ein unge- sächlich wohl dem Generationenwandel ge-
schminktes Bild von der Kriegführung der schuldeten Interesses gerückt, das längst
Wehrmacht – längst vor dem „Kommissar- nicht mehr allein die Zeitgeschichtsforschung
befehl“ und dem „Unternehmen Barba- bedient. Der Aufmerksamkeit für den Krieg
rossa“ – durchzusetzen, zu schweigen von des – zunächst vor allem: soldatischen –
ihrer Beteiligung am Holocaust, das hat die „kleinen Mannes“ 12 folgten die Erinnerungs-
harte Debatte um die so genannte Wehr- berichte der „Zeitzeugen“ und die Familien-
machtsausstellung des Hamburger Instituts romane der Nachgeborenen. 13 Neuerdings
für Sozialforschung noch in der zweiten sind es Bücher über die Kinder des Krieges,
Hälfte der 1990er Jahre demonstriert. Die die Aufmerksamkeit finden: 14 verfasst nicht
seit damals deutlich intensiver gewordene selten von diesen selbst unter Rückgriff auf
Forschung hat das Bild, wie man schon sei- eine zunehmend kultur-, gedächtnis- und tra-
nerzeit vermuten konnte, 9 nur noch dunk- dierungsgeschichtlich fokussierte Fachwis-
ler werden lassen. 10 senschaft. 15

Gemessen am Forschungsstand von vor Es wäre viel erreicht, wenn es gelänge, die
zwei Jahrzehnten, zum 50. Jahrestag des Be- Erfahrungen und Reflexionen dieser jüngsten
ginns des Zweiten Weltkriegs, 11 ist unser Bild „Teilnehmer“ und Betroffenen des Krieges,
die nun nicht nur in Deutschland an die Öf-
fentlichkeit treten – man denke an das Vorha-
Göttingen 2009. Ähnliches gilt etwa auch für die in das
ben eines Museums des Zweiten Weltkriegs
annektierte Gebiet um Auschwitz übergesiedelten
Reichsdeutschen; vgl. Sybille Steinbacher, „Muster- in Danzig, das gerade Kontur gewinnt –, mit
stadt“ Auschwitz. Germanisierungspolitik und Juden- aufgeklärtem geschichtlichem Wissen und
mord in Ostoberschlesien, München 2000. einer daraus erwachsenden historischen Ur-
8 Vgl. zum Beispiel die von Helmut Krausnick, dem
teilskraft zu verbinden. Womöglich böte das
ehemaligen Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, in Zeiten, in denen manche Erwartungen an
betriebene Untersuchung über die Tätigkeit der Ein-
ein gemeinsames europäisches Gedächtnis
satzgruppen „hinter der Front“, deren lange erwartete
Publikation noch Anfang der 1980er Jahre von lebhaf- enttäuscht worden sind, auch eine neue und
ten Protesten „soldatischer Kreise“ begleitet wurde, günstigere Chance für eine integrative Erin-
weil darin die Kooperation von Wehrmacht und SS nerung an den Beginn des Zweiten Weltkriegs
erstmals deutlich zum Ausdruck kam; Helmut Kraus- und seine Folgen.
nick/Hans-Heinrich Wilhelm, Die Truppe des Welt-
anschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicher-
heitspolizei und des SD 1938-1942, Stuttgart 1981, hier
bes. S. 278.
9 Norbert Frei, Faktor 1000. Wehrmacht und Wahr-

heit in Zeiten der Krawallkommunikation, in: Frank-


furter Allgemeine Zeitung vom 2. 11. 1999, S. 49.
10 Vgl. vor allem Johannes Hürter, Hitlers Heerführer.

Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die 12 Vgl. Wolfram Wette (Hrsg.), Der Krieg des kleinen
Sowjetunion 1941/42, München 2006; Felix Römer, Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München
Der Kommissarbefehl. Wehrmacht und NS-Verbre- 1992.
chen an der Ostfront 1941/42, Paderborn 2008. 13 Kritisch dazu Harald Welzer, Schön unscharf. Über
11 Hier soll der Hinweis auf einen Sammelband des
die Konjunktur der Familien- und Generationen-
Militärgeschichtlichen Forschungsamts und das Pro- romane, in: Mittelweg 36, 13 (2004), S. 53-64.
tokoll einer internationalen Konferenz des Instituts für 14 Vgl. vor allem Nicholas Stargardt, Kinder in Hitlers
Zeitgeschichte genügen: Wolfgang Michalka (Hrsg.), Krieg, München 2008.
Der Zweite Weltkrieg. Analysen, Grundzüge, For- 15 Siehe Elisabeth von Thadden, Die Kriegskinder
schungsbilanz, München 1989; Norbert Frei/Hermann sind unter uns, in: Die Zeit vom 7. 5. 2009, S. 50.
Kling (Hrsg.), Der nationalsozialistische Krieg,
Frankfurt/M. 1990.

APuZ 36–37/2009 5
Jerzy Kochanowski men zum Wiederaufbau der Armee ergriffen
wurden.

Der Kriegsbeginn Während die Armee – sowohl die Unter-


grundarmee als auch die regulären Streit-

in der polnischen kräfte im Exil – gezwungenermaßen auf die


Vorkriegseliten zurückgreifen musste, wurde
die politische Szene im Exil nunmehr von den

Erinnerung Parteien beherrscht, die sich noch vor kurzem


in der Opposition befunden hatten. Diese be-
zogen einen wichtigen Teil ihrer Legitimation
aus der Kritik an den Machthabern der Vor-

I m Sommer 1939 glaubte ein Großteil der


polnischen Bevölkerung den Versicherun-
gen, die eigene Armee sei – wie es auf den
septemberzeit, die sie für die Niederlage ver-
antwortlich machten. Deren Evakuierung
nach Rumänien zehn Tage vor der Kapitulati-
Propagandaplakaten on der Hauptstadt wurde zu einem der be-
hieß – „stark, ge- liebtesten Motive der Propaganda; ein Teil
Jerzy Kochanowski
schlossen und bereit“, der Piłsudski-Anhänger wurde in Lagern iso-
Dr. phil., Dr. habil., geb. 1960;
der potenzielle Geg- liert, und man berief eine Kommission zur
Professor am Institut für Ge-
ner Deutschland hin- Untersuchung der Gründe ein, die zur Nie-
schichte an der Universität
gegen schwach und derlage im September geführt hatten (im Ja-
Warschau, ul. Krakowskie
unvorbereitet. Die nuar 1940 wurde gar der Vorschlag gemacht,
Przedmieście 26/28,
Wirklichkeit erwies den Oberbefehlshaber der Streitkräfte Ed-
00-927 Warschau/Polen.
sich als brutal: Es war ward Rydz-Śmigły sowie Außenminister
j.p.kochanowski@uw.edu.pl
die polnische Armee, Józef Beck vor ein Staatstribunal zu bringen).
die sich als schwach All dies zog kaum Konsequenzen nach sich,
herausstellte, die Entscheidungen der Be- denn man schreckte vor einer radikalen, ent-
fehlshaber waren chaotisch, und Regierung schiedenen Abrechnung zurück, die zu Kon-
wie Präsident verließen das Land bereits, als flikten mit den Militärs hätte führen können,
die Kämpfe noch andauerten. Angesichts unter denen die Piłsudski-Anhänger nach wie
dessen nimmt es nicht Wunder, dass die Nie- vor eine gewichtige Rolle spielten. Ein Groß-
derlage mit Gefühlen der Enttäuschung, der teil der Emigranten hing der „Zwei-Feinde-
Verbitterung, ja zuweilen sogar der Wut ge- Theorie“ an (womit Deutschland und die So-
genüber den politischen Eliten der „Vorsep- wjetunion gemeint waren) und betrachtete
temberzeit“ einherging. Nichtsdestoweniger nicht den 1. September als Ende der II. Repu-
war die Überzeugung, dass man den Kampf blik, sondern den Tag, an dem die Rote
selbstverständlich fortsetzen müsse, ebenso Armee die polnische Ostgrenze überschritt.
allgemein verbreitet; die (zuerst in Frank- So lässt etwa der bekannte Publizist Stanisław
reich, dann in Großbritannien residierende) Cat-Mackiewicz seine Geschichte Polens in
Exilregierung wurde als natürliche Nachfol- der Zwischenkriegszeit am 17. September
gerin der Vorkriegsregierung betrachtet, und 1939 enden. 1
die (deutsche wie sowjetische) Besatzung galt
als Übergangszustand, der sowohl aus eigener Obwohl es paradox anmuten mag, wurde
Kraft als auch dank der Hilfe der westlichen die Verbitterung im besetzten Polen durch
Verbündeten um jeden Preis zu überstehen die Niederlage Frankreichs 1940 gemildert,
sei. Die im Herbst 1939 von der deutschen das kaum länger Widerstand leistete als
Obrigkeit in Warschau aufgestellten riesigen Polen. Hinzu kam, dass die polnische Armee
Plakate, auf denen ein verwundeter polni- zwar unterlegen war, aber nicht (wie die fran-
scher Soldat zu sehen war, der dem britischen zösische) kapituliert hatte. Auch der zuneh-
Premierminister Neville Chamberlain rau-
chende Ruinen zeigte und als „Englands
Werk“ kommentierte, wurden allgemein mit Übersetzung aus dem Polnischen: Dr. Sven Sellmer,
Poznan/Polen.
Verachtung aufgenommen. Bereits im Sep- 1 Vgl. Stanisław Cat-Mackiewicz, Historia Polski. Od
tember 1939 formierte sich in Warschau der 11 listopada 1918 do 17 września 1939 [Geschichte
militärische Untergrund, während im Exil Polens. Vom 11. November 1918 bis zum 17. Septem-
eine neue Regierung entstand und Maßnah- ber 1939], London 1941.

6 APuZ 36–37/2009
mende Terror hatte Einfluss auf die Haltung absturz ums Leben gekommenen Premier der
der Polen. So ist es nicht verwunderlich, dass Exilregierung Władysław Sikorski, nach Ste-
man in der wichtigsten polnischen Unter- fan Starzyński, der als Stadtpräsident die Zi-
grundzeitung, dem „Biuletyn Informacyjny“, vilverteidigung von Warschau organisiert
bereits am ersten Jahrestag des Kriegsbeginns hatte und im Oktober 1939 von der Gestapo
lesen konnte: „Seit dem deutschen Überfall verhaftet worden war, sowie nach dem 1940
auf Polen ist ein Jahr vergangen. In diesem hingerichteten sozialistischen Aktivisten
Jahr haben wir vieles von dem verstanden, Mieczysław Niedziałkowski. Auch kollektive
was unbegreiflich schien. (. . .) Dass wir im Helden erhielten ihre Straße: die „Verteidiger
gegenwärtigen Krieg Gegner der Deutschen Warschaus“ und die „Verteidiger der Wester-
sind, ist nicht das Ergebnis politischen Kal- platte“. 3 Wichtig war, dass ein beträchtlicher
küls. Unser nationaler Selbsterhaltungstrieb Teil der Warschauer die vom Untergrund ver-
ist dafür verantwortlich. (. . .) Die Schuld für liehenen Namen respektierte.
unsere Niederlage im September liegt zu
einem gewissen Teil bei der politischen und Ein Jahr später war der östliche Teil Polens
militärischen Führung. Das militärische De- bereits von den deutschen Besatzern befreit
bakel hat aufgezeigt, wie degeneriert ein Teil (obwohl man kaum sagen kann, dass er damit
der nationalen Führungsschicht war, welcher schon frei gewesen wäre), in Warschau hinge-
Kleinmut in der Verwaltung herrschte, wie gen dauerte seit einem Monat der Aufstand
orientierungslos das Regime und wie inkom- an, der – auch wenn er tragisch und blutig
petent die militärische Führung war. Doch enden sollte – (für kurze Zeit) das Gefühl der
für die Niederlage war dies von nachrangiger Freiheit verlieh. Der Aufstand lenkte von
Bedeutung. (. . .) Unser Debakel war eine Neuem die Augen der Welt auf die polnische
Folge der gewaltigen militärischen Überle- Hauptstadt und trug dazu bei, dass der fünfte
genheit des Reiches (. . .). Der Blitzkrieg des Jahrestag des Kriegsbeginns mit besonderem
Septembers hat unsere Geschichte um eine Aufwand begangen wurde. Von London bis
ganze Reihe unsterblicher Beweise polnischer Peking, von Washington bis Stockholm
Größe, polnischen Heldenmuts und polni- brachte man auf Kundgebungen seine Unter-
schen Ehrgefühls bereichert. Erst im Lichte stützung für die seit fünf Jahren kämpfenden
der Kämpfe im Westen erscheinen die drei- Polen zum Ausdruck (insbesondere für War-
wöchige Verteidigung Warschaus, (. . .) (die schau, das sich zu einem Symbol von interna-
Schlacht) bei Kutno, der Kampf um die Wes- tionaler Bedeutung entwickelt hatte). 4
terplatte etc. in vollem Glanze.“ 2

In der „Erinnerungspolitik“ des loyal zur


„Lebendige Erinnerung“:
Londoner Exilregierung stehenden Unter- 1944/45–1948
grunds wurde die Schuldfrage bis Kriegsende
zurückgestellt; stattdessen konzentrierte man Stand bei dieser globalen Unterstützungsakti-
sich auf die symbolische Bedeutung der Ver- on der menschliche Aspekt im Vordergrund,
teidigung Warschaus, des Kampfs um die nicht die Suche nach Schuldigen, so schlug
Westerplatte oder der Schlacht an der Bzura, die Propaganda der polnischen Kommunisten
der größten des Septembers 1939. Vor einem einen ganz anderen Weg ein. Bereits in dem
besonderen Hintergrund wurde der vierte am 22. Juli 1944 veröffentlichten Manifest des
Jahrestag des Kriegsausbruchs begangen: An Polnischen Nationalen Befreiungskomitees 5
der Ostfront zog sich die Wehrmacht 1943
3 http://wladyslawbartoszewski.blox.pl/2007/07/
zurück, in Sizilien und Sardinien waren die
Rocznice-Wrzesnia-w-okupowanej-Warszawie-III.ht
Alliierten gelandet. Zusätzlich dazu, dass, wie
ml (7. 5. 2009).
bei solchen Gelegenheiten üblich, Sonder- 4 Vgl. Andrzej Krzysztof Kunert, Rzeczpospolita
nummern der Untergrundzeitschriften er- Walcza˛ca. Powstanie Warszawskie 1944. Kalendarium
schienen und Flugblattaktionen stattfanden, [Die kämpfende Republik. Der Warschauer Aufstand
wurden in Warschau symbolträchtige Ände- 1944. Eine Zeittafel], Warszawa 1994, S. 227 –234.
5 Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego (PKWN)
rungen von Straßennamen vorgenommen. So
– größtenteils aus polnischen Kommunisten bestehen-
benannte man Straßen zum Beispiel nach
de, von der Sowjetunion abhängige Organisation, die
dem zwei Monate zuvor bei einem Flugzeug- vom 22. Juli bis Ende 1944 auf den von der Roten Ar-
mee eroberten polnischen Gebieten als provisorische
2 Biuletyn Informacyjny vom 30. 8. 1940. Regierung tätig war (Anm. d. Übers.).

APuZ 36–37/2009 7
fand sich die Warnung: „Für diejenigen, die gesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen
Polen im September 1939 verraten haben, Bedingungen zu Akten der Selbstjustiz füh-
werden die Grenzen der Republik geschlos- ren würde“. 10
sen sein.“ Der fünfte Jahrestag des Kriegsaus-
bruchs stellte eine günstige Gelegenheit dar, Dem Durchschnittspolen der Nachkriegs-
die vor dem September herrschende „Sanacja- zeit war jedoch nicht so sehr an der Bestrafung
Clique“ 6 nicht nur für die Niederlage von der Vorseptembereliten gelegen, sondern
1939 verantwortlich zu machen, sondern mehr an der Ehrung von Opfern und Helden.
auch für die gegenwärtige Tragödie War- Die unmittelbare Nähe der traumatischen
schaus, welche Folge „eines unverantwortli- Kriegserlebnisse bedingte eine gewaltige emo-
chen und hinterhältigen Spiels“ sei. 7 tionale Anteilnahme der Bevölkerung, 11 und
im Gegensatz zu den Absichten und Vorstel-
An dieser Stelle ist es angebracht, den chro- lungen der Machthaber stellte der September
nologischen Rahmen zu verlassen und darauf 1939 für viele nicht ein Symbol von Niederla-
hinzuweisen, dass die neuen Machthaber im ge und Erniedrigung dar, sondern von Kampf
Januar 1946 das Dekret „Über die Verantwor- und Heldentum, eine Erinnerung an eine Ver-
tung für die Niederlage im September und die gangenheit, die – aus dem Abstand einiger
Faschisierung des staatlichen Lebens“ verab- Jahre heraus – um vieles besser erschien. Im
schiedeten. Dieses Dokument verdient eine öffentlichen Raum entstanden – oft spontan –
ausführlichere Behandlung, da es für ein gan- Gedenkstätten, die mit „1939“ verbunden
zes Jahrzehnt die Hauptrichtung der kommu- waren: vor allem dort, wo die heftigsten
nistischen „Erinnerungspolitik“ vorzeich- Kämpfe stattgefunden hatten oder wo der
nete. „Der Grund für die Niederlage im Sep- deutsche Terror bereits während des Abwehr-
tember“, heißt es, „war das verbrecherische kampfes begonnen hatte (Pommerellen,
Sanacja-Regime und das widerrechtliche Großpolen, Oberschlesien). In den ersten
Handeln seiner damaligen Führer.“ 8 Denn Nachkriegsjahren, als sich die Kultur noch
diese hätten „durch die Schwächung der ma- nicht vollständig unter staatlicher Kontrolle
teriellen und geistigen Abwehrkräfte der Na- befand, wurde der September 1939 zu einem
tion“ die Ausbreitung des Faschismus geför- zentralen Thema der Literatur. In Werken wie
dert und seien daher mitschuldig am Krieg. „Lotna“ von Wojciech Żukrowski (1945),
Auf diese Weise wurden nicht nur Politiker „Wrzesień“ [September] von Adolf Rudnicki
beschuldigt, sondern auch Militärs, Wirt- (1946) oder „Wieża spadochronowa“ [Der
schaftslenker und Diplomaten, die „als Ver- Fallschirmturm] von Kazimierz Gołba (1947)
treter ihres Staates (. . .) auf der internationa- ging es vor allem darum, die menschlichen,
len Bühne die Position der faschistischen nicht so sehr die politischen Aspekte der er-
Länder gestärkt haben“. 9 Die Höhe der sten Kriegswochen zu zeigen. Gołbas Buch
ihnen drohenden Strafen (darunter die Todes- trug sogar dazu bei, dass ein außerordentlich
strafe) wurde mit der Sorge um die Gewähr- langlebiger Mythos über die Verteidigung
leistung der rechtlichen Ordnung begründet, Oberschlesiens entstand, der erst nach sechzig
denn die Gesellschaft, die „während des Krie- Jahren richtiggestellt wurde.
ges so sehr gelitten hat, weiß sehr wohl, wer
dafür die Schuld trägt, und ist denjenigen ge-
genüber, die für die Niederlage im September Die Zeit des Stalinismus
verantwortlich sind, aufgrund ihres verbre-
cherischen Handelns so negativ eingestellt, Gegen Ende der 1940er Jahre wurden die
dass deren Auftreten in der Öffentlichkeit an- letzten Freiräume abgeschafft; nun war es
vorgeschrieben, woran man zu glauben, wie
6 Sanacja – Bezeichnung für das nach dem Mai-Um-
man zu denken, ja sogar – wie man zu geden-
sturz von 1926 in Polen herrschende, eng mit Józef ken hat. Die Verteidigung der Westerplatte,
Piłsudski und dessen Ideen verbundene autoritäre Re- Warschaus, Modlins oder der Halbinsel Hela,
gime (Anm. d. Übers.).
7 A. K. Kunert (Anm. 4), S. 235. 10 Ebd., S. 180.
8 Protokoły posiedzeń Prezydium Krajowej Rady 11 Vgl. Barbara Szacka, Druga wojna światowa – pa-
Narodowej 1944 – 1947 [Sitzungsprotokolle des Präsi- mie˛ć i upamie˛tnienie [Der Zweite Weltkrieg – Erinne-
diums des Landesnationalrats], hrsg. von Jerzy Kocha- rung und Gedenken], in: dies., Czas przeszły, pamie˛ć,
nowski, Warszawa 1995, S. 180. mit [Vergangenheit, Erinnerung, Mythos], Warszawa
9 Ebd., S. 181. 2006, S. 152.

8 APuZ 36–37/2009
die Schlachten an der Bzura oder bei Kock habe. Diesen Kämpfern waren die meisten
wurden zum „sichtbaren Beweis des unbeug- zwischen Ende der 1940er und Mitte der
samen Willens der Nation, für ihre Unabhän- 1950er Jahre entstandenen Gedenkstätten ge-
gigkeit zu kämpfen“. Dabei sei dieser Kampf widmet. An den Septemberfeldzug wurde ge-
von vornherein zum Scheitern verurteilt ge- wöhnlich nur am Rande erinnert, indem man
wesen, und zwar nicht aufgrund der gegneri- auf den Denkmälern die rituelle Aufschrift
schen Übermacht, sondern wegen der „verrä- „Den Helden von 1939–1945“ anbrachte 14 –
terischen Politik der Sanacja-Regierung“, wobei, was den September 1939 betraf, der
welche die Nation „des einzigen echten Ver- Befehlshaber der Westerplatte, Henryk
bündeten, wie ihn die Sowjetunion hätte dar- Sucharski, der Warschauer Stadtpräsident Ste-
stellen können“, beraubt habe. 12 Im Laufe fan Starzyński oder der bis zum Frühling
der kommenden Jahre wurde der Katalog der 1940 kämpfende Major Henryk Dobrzański
Ursachen für die Niederlage des Septembers (Pseudonym „Hubal“) nicht mehr zu diesen
systematisch erweitert. Zum 15. Jahrestag des Helden gehörten.
Kriegsausbruchs (1954) zeigte sich, dass die
Niederlage nicht nur die Konsequenz von Symbolische Bedeutung erlangte dagegen
„zwanzig Jahren, in denen Großgrundbesit- Marian Buczek, ein wenig bekannter Kom-
zer und Kapitalisten die Regierungsgeschäfte munist, der sich nach seiner Entlassung aus
bestimmten und lebenswichtige nationale In- dem Gefängnis einer Armeeeinheit ange-
teressen verrieten“ sowie von deren schon schlossen hatte und am 10. September 1939
1933 einsetzender Faszination für Hitler ge- bei einem Gefecht ums Leben gekommen
wesen sei, sondern ebenso eine Folge ver- war. In einer offiziellen Biographie (in der
hängnisvoller Grenzziehungen (die im Wes- nicht erwähnt werden durfte, dass er im Ers-
ten zu eng gewesen seien und im Osten auf ten Weltkrieg in den von Józef Piłsudski ge-
„fremdes“ Gebiet gereicht hätten) sowie fal- führten Legionen gekämpft hatte) wurde die-
scher Bündnisse (mit Frankreich und Groß- ser Abschnitt seines Lebens folgendermaßen
britannien). Auf den Listen der Schuldigen dargestellt: „Als der Krieg die Gefängnismau-
standen nicht mehr nur Piłsudski-Anhänger ern zerbrach, dachte Buczek nicht mehr an
und „Nationalfaschisten“, sondern auch das von ihm erlittene Unrecht. Er zitterte bei
Politiker der Bauernparteien, Sozialisten, dem Gedanken, die Niederlage des Regimes
Geistliche, Grundbesitzer und Industrielle. könnte zur Niederlage Polens werden. Er
Als wahre Patrioten blieben allein die war ein Kommunist und Patriot. (. . .) So
Kommunisten übrig. 13 starb ein außergewöhnlicher Soldat des Sep-
temberfeldzugs.“ 15 Kaum ein Städtchen, das
Beim Studium der Schulbücher, der Presse, nicht eine Straße, eine Schule oder Fabrik sei-
der Literatur, des Films und der Schönen nes Namens besessen hätte.
Künste der damaligen Zeit könnte man zu
dem Schluss kommen, dass die Polen ihre
erste „echte“ Schlacht erst im Oktober 1943 1956–1989
bei Lenino geschlagen hätten und der Kampf
auf polnischem Boden mit dem Entstehen Mitte der 1950er Jahre kam es auch auf dem
kommunistischer Partisanengruppen und Gebiet des nationalen Erinnerns zu Anzei-
dem Überschreiten des Bugs (als der neuen chen von Tauwetter. 1955 erschien der (1940
Ostgrenze) durch die Rote Armee und die sie bis 1949 verfasste) Roman „Polska jesień“
begleitenden, in der Sowjetunion gebildeten [Der polnische Herbst; dt. 1983] von Jan
polnischen Verbände im Juli 1944 begonnen Józef Szczepański, der fern aller Schemata des
Sozialistischen Realismus auf außerordentlich
tiefe und subtile Weise sowohl das Tragische
12 Vgl. Kalendarz Robotniczy 1949 [Arbeiter- wie auch das Prosaische, ja das geradezu Tri-
kalender], Warszawa 1948, S. 111. Publikationen dieses
viale der ersten Kriegswochen darstellt. Doch
Typs sind verhältnismäßig repräsentative Quellen. Der
zitierte Kalender, der jährlich in einer Auflage von die dem Erinnern gesetzten Grenzen wurden
mehreren hunderttausend Stück veröffentlicht wurde, erst ein Jahr später – im Zuge der politischen
war Lektüre in jeder Schule, jeder Armeeeinheit und
jedem Betrieb; er enthielt offizielle Hinweise zu den 14 Vgl. Scenes of fighting and martyrdom guide. War

Jahrestagen des gesamten kommenden Jahres. years in Poland 1939–1945, Warszawa 1968.
13 Vgl. Kalendarz Robotniczy 1954, Warszawa 1953, 15 Kalendarz Robotniczy 1956, Warszawa 1955,

S. 255 –262. S. 171.

APuZ 36–37/2009 9
Umwälzungen und der Machtübernahme Ereignissen des Septembers. Heute mag einen
durch Władysław Gomułka – durchlässig, als die Zurückhaltung, ja Furchtsamkeit dieser
man sowohl den Angehörigen der Heimatar- Texte unangenehm berühren, doch damals
mee 16 als auch den Soldaten des September- waren sie mutig und boten neue Einsichten.
feldzugs Gerechtigkeit widerfahren ließ. Die Der „polnische September“ wurde auch in
Niederlage von 1939 wurde nicht mehr aus- der öffentlichen Wahrnehmung immer prä-
schließlich als Folge der verhängnisvollen Po- senter, etwa im Film, der bis dahin das Thema
litik der „faschistischen“ Machthaber im Vor- des Kriegsbeginns vermieden hatte (obwohl
kriegspolen betrachtet, man nahm nicht mehr die Leser der Wochenzeitschrift „Film“ be-
nur Schwarz-, sondern auch Grautöne wahr. reits im Jahr 1946 Filme etwa über die Vertei-
digung der Westerplatte gefordert hatten).
1956 ließen sich diese sogar in der Zeit- Jetzt fanden sich sowohl Geld als auch Dreh-
schrift „Żołnierz Polski“ [Der Polnische Sol- bücher, vor allem aber gab es die Erlaubnis
dat] beobachten, die einer strengen ideologi- von oben. Bereits 1958 entstand der Film
schen Kontrolle unterworfen war. In der Sep- „Wolne miasto“ [Freie Stadt] über die Vertei-
tember-Nummer wurde hervorgehoben, dass diger der Polnischen Post in Danzig. Im
die vergangenen Monate „gewissermaßen nächsten Jahr folgte „Orzeł“: die (wahre) Ge-
unser Gedächtnis geschärft haben. In der Tra- schichte eines in der Ostsee stationierten pol-
gödie des Septemberfeldzugs nehmen wir nischen Unterseeboots, das sich bis nach
heute – neben der Unfähigkeit und dem Ver- Großbritannien durchschlug.
rat der Sanacja-Machthaber des damaligen
Polens – das gewaltige Ausmaß an Helden- Beide Filme waren (gemessen am damali-
tum und Patriotismus des polnischen Volkes, gen Wissen) treue Rekonstruktionen der Er-
der polnischen Soldaten wahr. (. . .) Unser eignisse des Septembers 1939. Dies lässt sich
Gedenken ist nicht mehr der Namen beraubt. von dem Film kaum behaupten, der vor
Wir ehren nicht mehr nur die gefallenen Sol- einem halben Jahrhundert die heftigsten Kon-
daten, sondern auch die Tausenden, die bis troversen erregte: Andrzej Wajdas (recht
heute am Leben sind.“ 17 In den folgenden freie) Verfilmung der bereits erwähnten No-
drei Nummern wurde – wohl zum ersten Mal velle „Lotna“ von Żukrowski (die das Schick-
seit 1946 – die bereits erwähnte Erzählung sal einer Kavallerie-Abteilung erzählt). Der
„Lotna“ abgedruckt. Film stellte zugleich eine Verneigung vor den
Helden und ein Abschied an die von Ritter-
Unter der Voraussetzung, dass man den romantik geprägte Legende des Septembers
Anteil der Sowjetunion vergaß, wurde der 1939 dar. „Ich möchte“, so der Regisseur im
September 1939 für die Obrigkeit zu einem Jahre 1959, „mit diesem Film eine schöne na-
bequemen Teil der Erinnerungspolitik, der tionale Tradition verabschieden.“ Es erwies
eine wichtige Integrationsfunktion erfüllte. sich jedoch, dass die Polen keineswegs diesel-
Er enthielt eine entsprechende Dosis Patrio- be Absicht hatten, so dass Wajdas Werk mehr
tismus sowie Deutschenfeindlichkeit und Kritik als Lob zuteil wurde. 18 Daher nimmt
kam den Erwartungen der Bevölkerung ent- es nicht Wunder, dass andere Künstler sich
gegen. Am schnellsten wurde der Wandel auf bemühten, nicht denselben Weg wie Wajda
den Bücherregalen sichtbar: Es erschienen zu gehen – was nicht bedeutet, dass sie es sich
Romane (sowohl neue als auch seit langem leicht gemacht hätten. Dies zeigt der wohl
nicht mehr aufgelegte), Tagebücher und hi- herausragende polnische Kriegsfilm der
storische Abhandlungen. Das Ausmaß dieser 1960er Jahre: „Westerplatte“ von 1967 (Regie:
„Erinnerungsrevolution“ nach 1956 machten Stanisław Różewicz), nach einem Drehbuch
die Veranstaltungen zum 20. Jahrestag des von Jan Józef Szczepański. Obwohl dieses
Kriegsausbruchs deutlich: Vom katholischen Werk im Zuge der (stark antideutsch gepräg-
„Tygodnik Powszechny“ bis zur linksgerich- ten) Feiern zum tausendjährigen Bestehen des
teten „Polityka“ war die Presse voll von den polnischen Staates entstand, in deren Rahmen
auch das Denkmal auf der Westerplatte
16 Poln.: Armia Krajowa (AK) – der Londoner Exil-
(1966) enthüllt wurde, bemühten sich seine
Schöpfer darum, nicht nur den Mut der Sol-
regierung gegenüber loyale, im Untergrund agierende
Militärorganisation (Anm. d. Übers.).
17 W rocznice ˛ Września [Zum Jahrestag des Septem- 18 Siehe www.wajda.pl/pl/filmy/film04.html (11. 5.

bers], in: Żołnierz Polski, 17 (1956) 9, S. 4. 2009).

10 APuZ 36–37/2009
daten zu zeigen, sondern auch die Entschei- digte eine neue Sichtweise an. Und tatsächlich
dungsnöte ihrer Führer, den Konflikt zwi- war Moczulski der erste Historiker „im
schen Heroismus und Vernunft sowie die Tat- Lande“, der mit solcher Offenheit die Ent-
sache, dass Krieg unlösbar mit moralischen scheidungen (und die Ehre) der polnischen
Dilemmata verbunden ist. Führung verteidigte. Das Buch wurde bald
aus den Buchhandlungen entfernt, jedoch
Auch dieser Ansatz jedoch stieß nicht auf nicht in erster Linie aufgrund einer Rehabili-
allgemeine Zustimmung, denn die späten tierung des Sanacja-Regimes, sondern wegen
1960er Jahre waren von Nationalismus und der allzu deutlichen Erwähnung der sowjeti-
einer steigenden Bedeutung der Veteranenor- schen Aggression vom 17. September 1939.
ganisationen geprägt, in der „Erinnerungskul- Kritik von Seiten der Machthaber bedeutete
tur“ war allmählich kein Platz mehr für Ent- aber automatisch Anerkennung durch das op-
scheidungsnöte, für Unschlüssigkeit oder die positionelle Veteranenmilieu. So wurde Mo-
Erinnerung an Niederlagen. Der Jahrestag des czulski schon bald zu einer der prominentes-
Kriegsausbruchs begann die Bedeutung eines ten Figuren der antikommunistischen Oppo-
Festes anzunehmen, das den Zusammenhalt sition. Es ist bemerkenswert, dass er die erste
der Nation förderte, das für alle symbolische (selbstverständlich illegale) politische Oppo-
Bedeutung hatte, ohne Rücksicht auf die poli- sitionspartei seit Ende der 1940er Jahre, die
tischen Ansichten oder den exakten Schnitt Konfederacja Polski Niepodległej [Konföde-
der im Krieg (oder danach) getragenen Uni- ration des Unabhängigen Polens], am Jahres-
form. 1967 nahmen die wichtigsten Personen tag des Kriegsausbruchs ins Leben rief: am 1.
des Staates an den Feierlichkeiten teil. Vor September 1979.
dem Grab des Unbekannten Soldaten versam-
melten sich beinahe 200 000 Menschen, beim Ein Jahr nach dem Erscheinen von Mo-
„Zählappell der Gefallenen“ wurde sowohl an czulskis Buch kam ein Film über das Schick-
die Soldaten des Septemberfeldzugs erinnert sal der Abteilung von Major Henryk Dobr-
wie auch an diejenigen der kommunistischen zański („Hubal“) in die Kinos. „Hubal“ hatte
Volksarmee (AL), der londontreuen Heimat- nach der Niederlage nicht die Waffen ge-
armee (AK), der Bauernbataillone (BCh) streckt, sondern setzte den Kampf bis zu sei-
sowie der sozialistischen und jüdischen nem Tod im Frühling 1940 fort. Der Regis-
Kampfeinheiten. In Kattowitz wurde der Tag seur Bohdan Pore˛ba, ein bekennender Natio-
zum Anlass genommen, um ein Denkmal für nalist, zwang die Zuschauer nicht zum
die Teilnehmer der schlesischen Aufstände Grübeln über moralische Dilemmata. Sein
von 1919 bis 1921 zu enthüllen. 19 Film sollte dazu dienen, den Zusammenhalt
der Gesellschaft zu stärken, indem er den
Obwohl die von Dezember 1970 bis Som- „Ruhm der polnischen Waffen“ beschwor
mer 1980 herrschende Gruppe um den neuen und auf die für die polnische Kultur spezifi-
Ersten Sekretär der Polnischen Vereinigten schen Motive des Opfers und Heldenmutes
Arbeiterpartei, Edward Gierek, sich an zeit- zurückgriff. 20 In den Worten eines Rezensen-
gemäßeren Vorbildern orientierte und ihr ten sei dieses Werk, im Gegensatz zu anderen
daran gelegen war, dem Ausland gegenüber Kriegsfilmen, nicht „kalt“, sondern „heiß“
als der Modernisierung verpflichtet und welt- gewesen und habe „den Zuschauer emotional
offen zu erscheinen, setzte sie gerade in be- restlos in Beschlag genommen, während er
stimmten Bereichen der Geschichtspolitik gleichzeitig das in den Hintergrund rückte,
den Kurs ihrer Vorgänger fort. In der mit was man als intellektuelle Rezeption bezeich-
Nachdruck betriebenen Erfolgspropaganda nen könnte“. 21 Es ist daher nicht weiter ver-
durfte auch ein „historischer Erfolg“ nicht wunderlich, dass bereits in den ersten zwei
fehlen. Im Jahre 1972 veröffentlichte ein offi- Wochen eine halbe Million Kinobesucher den
zieller Posener Verlag das Buch „Wojna pols-
ka 1939“ [Der polnische Krieg 1939] des 20 Vgl. Pore
˛ ba chce zmartwychwstać. Z reżyserem
Journalisten und Historikers Leszek Moczul- Bohdanem Pore˛ba˛ rozmawia Grzegorz Sroczyński
ski. Bereits der Titel, der sich von den bisheri- [Pore˛ba will die Auferstehung. Mit dem Regisseur
Bohdan Pore˛ba spricht Grzegorz Sroczyński], in:
gen Formulierungen unterschied (gewöhnlich
Duży Format, Nr. 9, Beilage zur Gazeta Wyborcza
sprach man von „Verteidigungskrieg“), kün- vom 3. 3. 2008.
21 Henryk Weber, „Hubal“, in: Polityka vom 22. 9.
19 Vgl. Trybuna Ludu vom 1. 9. 1967. 1973.

APuZ 36–37/2009 11
Film sahen. Der Titelheld „Hubal“ nahm die staatliche Geschichtsmonopol aushöhlten,
Phantasie der Massen gefangen – und mit ihm und das Wissen vom Anteil der Sowjetunion
der Septemberfeldzug samt seinen Soldaten, an der polnischen Niederlage von 1939 verließ
der nun nicht mehr in erster Linie tragisch, allmählich den Bereich der „Privaterinne-
sondern heroisch erschien. rung“. 24 Nachdem im Zuge der Revolution
von 1989 alle ideologischen Beschränkungen
Wenngleich die Regierenden in den 1970er verschwanden, wurde die historische Erinne-
Jahren andere als militärische Legitimations- rung von dieser „östlichen“ Sphäre geradezu
quellen suchten und auf den Tribünen der dominiert. Die Feierlichkeiten zum 50. Jahres-
Feierlichkeiten zu den Jahrestagen des tag des deutschen Überfalls, an denen (auf der
Kriegsausbruchs meist zweitrangige Politiker Westerplatte) zwei ehemalige politische Geg-
erschienen, wurde doch die Schaffung neuer ner teilnahmen – Präsident General Wojciech
Gedenkstätten (Denkmäler, Friedhöfe, Mu- Jaruzelski sowie der erste nichtkommunisti-
seen), die unter Władysław Gomułka begon- sche Premierminister Tadeusz Mazowiecki –,
nen hatte, nicht aufgegeben. Diese Richtung waren bis 1999 die letzten, auf denen die Be-
setzte in den 1980er Jahren Wojciech Jaruzel- deutung des 1. Septembers hervorgehoben
ski fort, in dessen Regierungszeit sich die Er- wurde. Der Schwerpunkt der „Erinnerungs-
innerungspolitik wieder deutlich dem Zwei- politik“ verlagerte sich auf die bis dahin tabui-
ten Weltkrieg zuwandte. Jahrestage – insbe- sierten polnisch-sowjetischen Beziehungen
sondere der 1. September und der 12. (der Angriff am 17. September 1939, die Beset-
Oktober (an dem im Jahre 1943 die Schlacht zung und der Verlust der Grenzlande, die De-
bei Lenino stattgefunden hatte) – dienten als portationen, Katyn) und auf die stalinistischen
Anlass für Veranstaltungen, die für die histo- Verbrechen. Der „deutsche“ Teil der polni-
rische Identität der Gesamtgesellschaft von schen Geschichte des Zweiten Weltkriegs
Bedeutung waren. Im Jahre 1984 etwa stellte wurde in einem solchen Maße in den Hinter-
es ein zentrales Element der Feiern zum 45. grund geschoben, dass man zuweilen den Ein-
Jahrestag des Kriegsbeginns dar, dass die re- druck gewinnen konnte, der Krieg habe nicht
konstruierten Innenräume des 1939 zerstör- am 1. September 1939 begonnen, sondern
ten Königsschlosses allgemein zugänglich ge- siebzehn Tage später.
macht wurden und die Urne mit dem Herzen
des Nationalhelden Tadeusz Kościuszko wie- Historiker und Publizisten begannen ernst-
der dorthin zurückkehrte. Obwohl Marian haft darüber nachzudenken, ob der Zweite
Buczek im Heldenpantheon weiterhin eine Weltkrieg seine Rolle als zentrales Ereignis der
wichtige Stellung einnahm, hob man zugleich polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts
hervor, dass auf demselben Friedhof wie er bereits verloren habe. Jedoch belegte das seit
auch der – ebenfalls im September 1939 gefal- Ende der 1990er Jahre zu beobachtende explo-
lene – Fürst Artur Radziwiłł begraben sei. 22 sionsartig zunehmende Interesse an der Zeit
des Zweiten Weltkriegs das Gegenteil. Die auf
der deutschen Erinnerungskarte zu beobach-
„Erinnerungspolitik“ nach 1989 tenden Verschiebungen (von „Tätern“ hin zu
„Opfern“ des Krieges), wie sie bei Themen
Doch es gab eine Konstante: das offizielle wie Vertreibung und Bombenkrieg sichtbar
Schweigen zum Ribbentrop-Molotow-Pakt, wurden, hatten internationale Konsequenzen
zum Einmarsch der Roten Armee am 17. Sep- und führten zu einer Art deutsch-polnischen
tember und zur Besetzung der sog. Östlichen „Erinnerungskonkurrenz“ sowie zu einer um-
Grenzlande. 23 Allerdings erschienen in der
zweiten Hälfte der 1970er Jahre und insbeson-
24 Karol Liszewskis zuerst in London erschienenes
dere seit dem August 1980, als es der entste-
henden Solidarność-Bewegung gelang, das Buch „Wojna polsko-sowiecka 1939 r.“ [Der pol-
nische-sowjetische Krieg von 1939] erlebte mindestens
kommunistische Regime durch Streiks und
fünf Untergrundausgaben, „W zaborze sowieckim“
Proteste zu einer Lockerung der Zensur zu [Im sowjetischen Teilungsgebiet] von Jan Tomasz
zwingen, immer öfter Publikationen, die das Gross ebenfalls fünf, „Agresja 17 września 1939“ [Der
Angriff am 17. September 1939] von Jerzy Łojek
22 Vgl. Trybuna Ludu vom 1./2. 9. 1984. mindestens drei: vgl. Katalog zbiorów Archiwum
23 Poln.: Kresy Wschodnie – früher zum polnischen Opozycji (do 1990 roku), [Katalog der Bestände des
Staat gehörende Gebiete, die heute Teile Litauens, Archivs der Opposition (bis 1990)], Ośrodek KARTA,
Weißrusslands und der Ukraine sind (Anm. d. Übers.). Warszawa 2001.

12 APuZ 36–37/2009
fassenden Politisierung des Erinnerns. Die Er- Darüber hinaus ist der September 1939 auch
innerung an den Zweiten Weltkrieg wurde zu einem Bestandteil der Popkultur gewor-
zum wichtigen Element sowohl der polni- den: Die Verteidigung von Wizna (auch als
schen Außen- wie der Innenpolitik, und der 1. „polnische Thermopylen“ bezeichnet, denn
September kehrte in den Kalender der dort leisteten 700 polnische Soldaten Wider-
wichtigsten historischen Daten zurück (wo er stand gegen 40000 deutsche Angreifer) ist
lediglich mit dem Jahrestag des Ausbruchs des Thema eines Stücks der schwedischen
Warschauer Aufstandes um den ersten Platz Heavy-Metal-Band „Sabaton“, und in Polen
konkurrierte). An den Feierlichkeiten zum 60. erfreut sich der Science-Fiction-Roman
Jahrestag des Kriegsbeginns nahmen nicht nur „www.1939.pl“ von Marcin Ciszewski (2008)
die wichtigsten polnischen Politiker teil, son- einer beachtlichen Popularität. Gleichzeitig
dern auch Bundespräsident Johannes Rau (die haben angesehene Historiker öffentlich die
Teilnahme deutscher Politiker bei Veranstal- Meinung vertreten, es wäre wesentlich besser
tungen dieser Art wurde seither zur Regel, gewesen, Polen hätte 1939 Zugeständnisse an
womit betont werden soll, dass eine Erinne- Deutschland gemacht und gemeinsam mit
rungsgemeinschaft besteht). diesem die Sowjetunion angegriffen. 27

Seit 1999 beginnen die Feierlichkeiten zum Andererseits ist der Heldenmythos von
1. September (gewöhnlich auf der Westerplat- 1939 zur Staatsräson geworden – und zwar in
te vor Danzig) bereits um 4.45 Uhr, zur glei- einem solchen Maße, dass ein geplanter Spiel-
chen Stunde, als im Jahre 1939 die ersten Sal- film über die Verteidigung der Westerplatte,
ven des Linienschiffs „Schleswig-Holstein“ in dem die Filmemacher es wagten, wenig
abgefeuert wurden. Es ist bezeichnend, dass heldenhafte Verhaltensweisen der Soldaten zu
es auch in diesem Zusammenhang zu Rivali- zeigen, im Jahre 2008 eine landesweite Dis-
täten kommt: Mittlerweile konkurriert das kussion hervorrief. Daraufhin wurde dem
bei Lodz gelegene Wieluń mit Danzig um Film der staatliche Zuschuss gestrichen und
den „Erinnerungsort“ für den Beginn des somit die Produktion unmöglich gemacht.
Zweiten Weltkriegs, denn diese Ortschaft Das kann nicht verwundern – ist doch in
wurde am Morgen des 1. September 1939 von Danzig das wichtigste Projekt der gegenwär-
deutschen Bombern zerstört (und wird daher tigen Regierung auf dem Bereich der „Erin-
auch „polnisches Guernica“ genannt). Hier nerungspolitik“ angesiedelt, das Museum des
fanden am 1. September 2004 die zentralen Zweiten Weltkriegs. Das Projekt wurde be-
Feierlichkeiten zum Ausbruch des Zweiten reits in der Planungsphase von der konserva-
Weltkriegs statt. Selbst der 2008 erbrachte Be- tiven Opposition kritisiert, da es allzu kos-
weis, dass Wieluń erst eine Stunde nach den mopolitisch sei und die Rolle Polens im
ersten Schüssen auf die Westerplatte bombar- Zweiten Weltkrieg herabwürdige.
diert wurde, tat seiner symbolischen Rolle
keinen Abbruch; im Januar 2009 wurde der Der Grundstein für dieses Museum soll am
Antrag gestellt, dieser Stadt den Friedensno- 1. September 2009 gelegt werden, im Beisein
belpreis zuzuerkennen. 25 hochrangiger Vertreter der Europäischen
Union sowie der Länder, die im Zweiten
Das Erinnern an den Kriegsbeginn hat in- Weltkrieg auf alliierter Seite gekämpft haben.
zwischen ganz verschiedenartige, bisweilen Möglicherweise treffen sich in Danzig die
überraschende Gestalten angenommen. Ei- deutsche Kanzlerin, der russische Minister-
nerseits ist es zu einer außerordentlichen Zu- präsident und der amerikanische Präsident.
nahme der materiellen Formen des Geden- Der Tag, der vor 70 Jahren die Welt spaltete,
kens gekommen (so haben etwa die einzel- könnte sie heute verbinden.
nen, 1939 kämpfenden polnischen Armee-
einheiten eigene Denkmäler erhalten), und
Begegnungen zwischen polnischen und deut- www.mw.mil.pl/index.php?akcja=archiwum&years=
schen Veteranen wundern niemanden mehr. 26 2001 &months=&id=891 (12. 5. 2009).
27 Vgl. Wojna polska, rozmowa Piotra Zychowicza z

Pawłem Wieczorkiewiczem [Der polnische Krieg. Ein


25 Vgl. www.um.wielun.pl/index.php?page=pokojowa
Gespräch von Piotr Zychowicz mit Paweł Wieczor-
-nagroda-nobla-2008 (22. 5. 2009). kiewicz], in: Rzeczpospolita vom 17. 9. 2005.
26 Wie etwa im Jahre 2001, als sie sich an Bord des

Museumskriegsschiffes ORP „Błyskawica“ trafen; vgl.

APuZ 36–37/2009 13
Martin Sabrow keit“, das im Juli 2009 im Rahmen des Afgha-
nistan-Einsatzes zum ersten Mal verliehen

Den Zweiten wurde: „Für viele Bundeswehrangehörige geht


es um eine Anerkennung ihres gefährlicher ge-
wordenen Jobs – andere fühlen sich unange-

Weltkrieg nehm an unheilvolle Wehrmachtszeiten und


den Schrecken der Nazidiktatur erinnert.“ 2
Der Schatten einer unsicheren Erinnerung
erinnern schlägt sich gleichermaßen noch heute in der
öffentlichen Unentschlossenheit nieder, die
mutmaßlich bis zu 20 000 von der NS-Justiz
hingerichteten „Kriegsverräter“ als rehabilita-

70 J ahre nach dem deutschen Überfall


auf Polen ist der Zweite Weltkrieg
aus dem kommunikativen Gedächtnis der
tionswürdige Opfergruppe anzuerkennen,
und er zeigt sich in der Unentschlossenheit, ob
im Afghanistan-Einsatz umgekommene Bun-
Zeitgenossen herausgerückt und mehr und deswehrsoldaten als „getötet“ oder „gefallen“
mehr in das gegen wi- anzusehen sind. 3
derläufige Individual-
Martin Sabrow erinnerungen weitge- Zur Uneinheitlichkeit der historischen Ver-
Dr. phil., geb. 1954; Professor hend geschützte Ver- ortung des Krieges trägt bei, dass er als Ge-
für Neueste Geschichte und Zeit- gangenheitsverständ- dächtnisort auf denkbar unterschiedliche
geschichte an der Humboldt- nis der Gesellschaft Weise in Anspruch genommen wurde. Die
Universität zu Berlin und Direk- übergegangen, das wir Erinnerungstradition der Nachkriegszeit war
tor des Zentrums für Zeithistori- mit Aleida und Jan lange Zeit generationell in Zeitgenossen und
sche Forschung Potsdam (ZZF), Assmann als kulturel- Nachwelt gespalten und in unterschiedlichste
Am Neuen Markt 1, les Gedächtnis be- Erzählgemeinschaften fragmentiert, wie sie
14467 Potsdam. zeichnen. Im Jahr nach 1945 etwa die bombengeschädigte Zivil-
schneider@zzf-pdm.de 2009 steht das Geden- bevölkerung in den vier Besatzungszonen bil-
ken an den weltzerstö- deten oder die Flüchtlinge und Vertriebenen
renden Kriegsausbruch in der öffentlichen aus den deutschen Ostgebieten, die Displaced
Aufmerksamkeit deutlich hinter der Würdi- Persons im „Altreich“ und die Holocaust-
gung des 20. Jahrestags von Mauerfall und re- Überlebenden der Tötungsfabriken im
volutionärer Wende in der DDR zurück, mit Osten, die verschiedenen Gruppen des antifa-
denen 1989 die vierzigjährige Nachkriegszeit schistischen Widerstands und die „Stalingrad-
der territorialen Teilung Deutschlands endete. kämpfer“. Unterschiedliche Blickwinkel er-
öffneten zudem die verschiedenen histori-
Anders als in Russland, Großbritannien schen Koordinatensysteme von nationaler
oder Frankreich, wo die Erinnerung an die Niederlage und politischem Neuanfang, in
Niederringung des NS-Reiches mit den jährli- die sich die Geschichte des Weltkriegs einpas-
chen Gedenkfeiern zum 8. Mai und zur alliier- sen und auf die Kristallisationspunkte von
ten Landung in der Normandie eine feste und Kapitulation oder Befreiung ausrichten ließ.
ritualisierte Tradition ausgebildet hat, ist der
Platz des Zweiten Weltkriegs im deutschen Schließlich war die Erinnerung an den
Gedächtnis bis heute nicht eindeutig fassbar. furchtbarsten Krieg der Geschichte in
So erklärt es sich, dass im Vorfeld des 70. Jah- Deutschland über vierzig Jahre lang auch
restags einerseits längst ausgemusterte Narra- immer entlang der Blocklinien des Kalten
tive einer kriegsgeschichtlichen Entlastungser- Krieges gespalten: Einer antifaschistischen
innerung in den öffentlichen Diskurs zurück- Heldenerzählung im Osten stand eine post-
kehren können, wie „Der Spiegel“ jüngst mit katastrophische Opfererzählung im Westen
einer Titelgeschichte zur alliierten und auf den
Versailler Vertrag zurückgehenden Verant-
1 90 Jahre Versailler Vertrag. Der verschenkte Frieden.
wortung für den Zweiten Weltkrieg ver-
Warum auf den Ersten Weltkrieg ein Zweiter folgen
anschaulichte. 1 Auf der anderen Seite be- musste, in: Der Spiegel, (2009) 28, Titelseite.
schwert die Bürde einer lastenden Weltkriegs- 2 Michael Schmidt, Die neue Tapferkeit, in: Der Ta-
erinnerung noch die Schaffung eines gesspiegel vom 6. 7. 2009.
„Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapfer- 3 Rhetorische Lufthoheit, in: ebd.

14 APuZ 36–37/2009
gegenüber: In der parteioffiziellen Deutung Schon 1948 waren die Schicksale von Verfolg-
des SED-Regimes begann der Krieg bereits ten außerhalb des kommunistischen Wider-
mit der Machtübernahme durch den kriegs- standes und besonders der Opfer der national-
lüsternen Faschismus und das hinter ihm ste- sozialistischen Rassenpolitik im Rundfunk
hende Monopolkapital 4 und endete mit der der SBZ kein Thema mehr, 9 während das Lei-
Befreiung vom Mai 1945; in der westdeut- den der Zivilbevölkerung etwa in der Zerstö-
schen Deutungslinie setzte er mit der Kriegs- rung Dresdens vorwiegend als politisches Ar-
erklärung vom 1. September 1939 ein, reichte gument im Kalten Krieg Verwendung fand:
aber mit der Erfahrung und Bewältigung von „Die Ruinen unserer Städte und die Leichen,
militärischem Zusammenbruch, Flucht und die unter ihnen begraben sind, verdanken wir
Vertreibung weit über 1945 hinaus. Amerika und England. Das, was unser Volk
(. . .) an Lebens- und Aufbaukräften behalten
In der Sowjetischen Besatzungszone und in hat, verdanken wir der Sowjetunion.“ 10 Statt-
der DDR galt eine Offizialkultur der Hero- dessen stieg der im KZ ermordete KPD-Füh-
isierung, die in der ersten Zeit sogar darauf rer Ernst Thälmann, der in den ersten Nach-
drängte, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jeho- kriegsjahren nur eine Randrolle in der kom-
vas und Homosexuelle als „Nur-Opfer“ und munistischen Erinnerungspolitik spielte, zur
„Nicht-Kämpfer“ aus der Kategorie Opfer beispielgebenden Ikone eines parteisakralen
des Faschismus (OdF) auszugrenzen. 5 Zu ihr Heldenkultes auf. 11 Entsprechend nahm die
sollten nach einer sächsischen Richtlinie vom ab 1956 zum „Mahnmal für die Opfer des Fa-
September 1945 allein „Kämpfer gegen den schismus“ umgewidmete Neue Wache Unter
Faschismus“ zu zählen sein, die in der Zeit den Linden in Berlin gleichrangig nebeneinan-
ihrer NS-Haft und danach „kämpferische der zwei symbolische Gräber auf: das des un-
Einstellung“ bewiesen hätten. 6 Eine so enge bekannten Widerstandskämpfers und das des
Auslegung des „Kämpferideals“ wurde zwar unbekannten Soldaten.
rasch zugunsten einer Integrationspolitik wie-
der aufgegeben, die auch rassisch Verfolgte als Die leitenden Topoi der westdeutschen Er-
OdF anerkannte; 7 sie setzte sich aber in einer innerung kreisten im öffentlichen Diskurs der
Hierarchisierung der Opfergruppen fort, die ersten beiden Jahrzehnte mit der Ausnahme
den Kämpferstatus für die Gruppe der „politi- Stalingrads weniger als nach dem Ersten
schen Überzeugungstäter“ reservierte. 8 Weltkrieg um die militärischen Kriegshand-
lungen selbst – deren Thematisierung weitge-
hend auf die Heftchenwelt der Landserro-
4 Das Bemühen der kommunistischen Exilpublizistik,
mane und die militärische Memoirenliteratur
die auf Krieg zielende Politik des NS-Regimes zu ent-
beschränkt blieb – als vielmehr um deren
larven, illustrieren etwa die Schriften Albert Schrei-
ners, z. B. Hitler treibt zum Krieg. Dokumentarische Auswirkungen. Im Vordergrund standen das
Enthüllungen über Hitlers Geheimrüstungen (Paris Grauen des Bombenkriegs und die Zerstö-
1934). Vgl. dazu Joachim Petzold, Parteinahme wofür?
DDR-Historiker im Spannungsfeld von Politik und
Wissenschaft, Potsdam 2000, S. 79 ff. 9 Christoph Classen, Faschismus und Antifaschismus.
5 Vorläufige Richtlinien zur Betreuung der Opfer des Die nationalsozialistische Vergangenheit im ost-
Faschismus in Berlin und Sachsen, 28. 6. 1945, zit. deutschen Hörfunk (1945–1953), Köln-Weimar-Wien
nach: Karin Hartewig, Zurückgekehrt. Die Geschichte 2004, S. 263.
der jüdischen Kommunisten in der DDR, Köln-Wei- 10 So der Vorsitzende der NDPD, Lothar Bolz, 1953,

mar-Wien 2000, S. 301 zit. nach: Jürgen Danyel, Die Erinnerung an die
6 Vgl. Verordnung zur Wiedergutmachung für die Wehrmacht in beiden deutschen Staaten. Vergangen-
Opfer des Faschismus in der Provinz Sachsen vom 9. 9. heitspolitik und Gedenkrituale, in: Rolf-Dieter Mül-
1945, zit. nach: ebd. ler/Hans-Erich Volkmann (Hrsg.), Die Wehrmacht.
7 Juden sind auch Opfer des Faschismus, in: Deutsche Mythos und Realität, München 1999, S. 1144.
Volkszeitung vom 25. 9. 1945, zit. nach: Olaf Groehler, 11 „Thälmann und Thälmann vor allen, Deutschlands

Integration und Ausgrenzung von NS-Opfern. Zur unsterblicher Sohn, Thälmann ist niemals gefallen –
Anerkennungs- und Entschädigungsdebatte in der So- Stimme und Faust der Nation“, lautet der Refrain des
wjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945 bis 1951 von Kurt Bartel („Kuba“) getexteten „Thäl-
1949, in: Jürgen Kocka (Hrsg.), Historische DDR- mannliedes“. Vgl. auch Annette Leo, „Stimme und
Forschung. Aufsätze und Studien, Berlin 1993, S. 109. Faust der Nation. . .“ – Thälmann-Kult contra Anti-
8 Ebd., S. 110 f. Vgl. auch Christoph Hölscher, NS- faschismus, in: Jürgen Danyel (Hrsg.), Die geteilte
Verfolgte im „antifaschistischen Staat“. Vereinnah- Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus
mung und Ausgrenzung in der ostdeutschen Wieder- und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin
gutmachung (1945–1989), Berlin 2002. 1995, S. 205–211.

APuZ 36–37/2009 15
rung der Städte, die Umstände von Flucht traf seine Schrift über die „12 Jahre des Tau-
und Vertreibung aus den Ostgebieten und das sendjährigen Reiches“ auf den Widerstand
Schicksal der Soldaten in der Kriegsgefangen- parteiamtlicher Zensoren: Wenn es „heißt, daß
schaft. Öffentliche Aufmerksamkeit wurde die Freiheit zu den Deutschen ,in Gestalt von
daneben, wenngleich zögernd und heftig um- Millionen fremder Soldaten in (. . .) verschlis-
kämpft, dem militärischen und dem christli- senen erdbraunen Uniformen‘ gekommen sei,
chen Widerstand gegen das NS-Regime zu- so scheint uns das weder historisch richtig for-
teil, während dessen Terrormaschinerie und muliert noch politisch vertretbar zu sein“. 14
die in den Holocaust mündende Verfolgung
von Juden und anderen als „fremdrassig“ aus In der Folge war und ist die Erinnerung an
der Volksgemeinschaft Ausgegrenzten lange den Zweiten Weltkrieg in Deutschland stärker
Zeit nur einen randständigen Platz in der öf- als andere Aspekte der Zeitgeschichte von
fentlichen Erinnerung fanden. Die antifaschis- Umschreibungen und Deutungskämpfen ge-
tische Geschichtserzählung der DDR wieder- prägt, in denen sich die tiefgreifenden Ver-
um rückte den Überfall auf die Sowjetunion schiebungen des sozialen Gedächtnisses in oft
und deren vom kommunistischen Unter- ebenso überraschender Weise bemerkbar ma-
grundwiderstand in Deutschland unterstütz- chen wie die Distanz des öffentlichen Ge-
ten Befreiungskampf in das Zentrum der öf- schichtsdiskurses von der fachwissenschaftli-
fentlichen Thematisierung. chen Erkenntnisbildung. Es ist Aufgabe der
Weltkriegsforschung, dagegen anzugehen und
Spiegelbildlich standen auch die Tabus und gegen das Schweigebedürfnis alter Eliten, aber
Blindstellen der beiden Kriegsgedächtnisse auch die Suggestionskraft der Zeitzeugen-
zueinander: 12 Im Westen blieben die von der erinnerung oder den medialen Aufmerksam-
Wehrmacht gedeckten und mit ihrer Beteili- keitswert der fachlichen Außenseiterthese an
gung durchgeführten Massenmorde hinter der den Erkenntnisstand der zeithistorischen
Front im Osten und die Auslöschung der in- Fachwissenschaft zu erinnern. Zugleich aber
tellektuellen Eliten in Polen und Russland sollte die zeithistorische Aufklärung über die
über Jahrzehnte hinweg praktisch ausgeblen- Erinnerung der Wirklichkeit nicht die Aus-
det, ebenso das Verbrechen an den über drei einandersetzung mit der Wirklichkeit der Er-
Millionen in deutscher Kriegsgefangenschaft innerung vernachlässigen. Während noch vor
umgekommenen sowjetischen Soldaten, aber zwanzig Jahren eine Forschungsbilanz zum
auch der kommunistische Widerstand gegen Zweiten Weltkrieg die Bedeutung einer Re-
Hitlers Herrschaft und die Beteiligung der zeptionsgeschichte hinter der Realgeschichte
deutschen Gesellschaft am nationalsozialisti- gar nicht zu erkennen vermochte, 15 hat seit-
schen Zivilisationsbruch. In der DDR hinge- her der Erinnerungsboom längst die öffentli-
gen wurden bis in die 1980er Jahre der mörde- chen Modi der Vergangenheitsverständigung
rische Antisemitismus des „Dritten Reichs“ selbst zum Thema gemacht und die Frage in
und der Elitenwiderstand gegen das Regime den Mittelpunkt gestellt, welchen übergrei-
ebenso ausgespart oder marginalisiert wie der fenden Verarbeitungsmustern das deutsche
westalliierte Anteil am Sieg über Hitler und und europäische Weltkriegsgedächtnis seit
die barbarischen Begleitumstände der sowjeti- 1945 gefolgt ist.
schen Eroberung des deutschen Ostens und
Berlins. Als der DDR-Historiker Günter Pau- Opferzentrierte Kriegserinnerung
lus 1965 davon zu sprechen wagte, dass die
„Freiheit (. . .) nicht als freundlich blickende Die offensichtlichste Konstante der Nach-
Göttin mit einem Palmenzweig in der Hand kriegsauseinandersetzung mit dem Krieg und
(. . .) zu uns Deutschen“ kam, sondern „in den Folgen stellt für die Bundesrepublik ihr
Panzern über unsere Straßen“ rollte und „mit postheroischer Grundzug dar. Der verlorene
dem Gewehrkolben an die Türen“ pochte, 13
14 Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK
12 Vgl. z. B. Lutz Niethammer, Juden und Russen im der SED, Lehrstuhl Geschichte der Arbeiterbewegung,
Gedächtnis der Deutschen, in: Walter H. Pehle (Hrsg.), Bemerkungen zum Buch von Günter Paulus (. . .),
Der historische Ort des Nationalsozialismus, Frank- 24. 1. 1966, zit. nach: Martin Sabrow, Geschichte als
furt/M. 1990, S. 114–134. Herrschaftsdiskurs. Der Fall Günter Paulus, in: Initial,
13 Günter Paulus, Streiflichter auf die Zeit der faschis- (1995) 4/5, S. 60.
tischen Diktatur über Deutschland, o. O. u. J. [Berlin 15 Vgl. Wolfgang Michalka (Hrsg.), Der Zweite Welt-

(O) 1965], S. 185. krieg, München 1989.

16 APuZ 36–37/2009
Weltkrieg diente als Brücke einer jahrhun- aber auch zu Opfern ihrer eigenen Verfüh-
dertgeschichtlichen Verschiebung des Ge- rung durch einen teuflischen Messias und der
schichtsbewusstseins, die in erstaunlichem immer terroristischer agierenden Repression
Maße das Opfergedenken an die Stelle der seiner Schergen. Allein der Widerstand gegen
Heldenverehrung gesetzt hat und sich frap- das NS-Regime bot nach 1945 Anknüpfungs-
pant von überkommenen monarchischen wie punkte einer zaghaften Heroisierung, die al-
republikanischen Traditionen der Kriegserin- lerdings vielfach durch die Akzentuierung
nerung unterscheidet. Nicht nur das wilhel- des erlittenen Verfolgungsschicksals viktimis-
minische, sondern auch das Weimarer Hel- tisch getönt blieb. Dies gilt selbst für die Eh-
dengedenken würdigte in erster Linie den rung der Hitler-Attentäter im Berliner Bend-
Heros und nicht das Opfer: „Den Gefallenen lerblock, in dem der Auflehnungsversuch
zum ehrenden Gedächtnis, den Lebenden zur Claus Schenk Graf von Stauffenbergs und sei-
ernsten Mahnung und den kommenden Ge- ner Mitverschwörer am Abend des 20. Juli
schlechtern zu Nacheiferung“. So lautete 1944 zusammenbrach. Ihrer mutigen Tat ge-
Paul von Hindenburgs Hammerspruch bei denkt seit 1953 eine von einem früheren NS-
der Grundsteinlegung des Tannenberg-Denk- Bildhauer geschaffene Bronzestatue eines ge-
mals 1924, 16 während die eine Welle öffentli- fesselten Jünglings, die der Heroisierungs-
cher Empörung auslösende Äußerung, dass kraft des Aufstellungsortes im Ehrenhof des
das geeignete „Kriegerdenkmal der deutschen Bendlerblocks, in dem Stauffenberg den Tod
Soldaten nicht eine leicht bekleidete Jungfrau fand, schon durch die Motivwahl entgegen-
mit der Siegespalme in der Hand, sondern zuwirken sucht und darin durch Edwin Reds-
eine große Kohlrübe“ sei, den bekannten Sta- lobs Sockeltext „Ihr trugt die Schande nicht,
tistiker und Publizisten Emil Julius Gumbel Ihr wehrtet Euch“ noch weiter bestärkt wird.
bereits 1932 die akademische Lehrbefugnis Damit nicht genug, wurde die Statue 1980
kostete und ins Exil trieb. 17 Den Heldenkult buchstäblich vom Sockel geholt und so bezie-
der NS-Zeit beschwor ein Soldatenbild, das hungslos neu platziert, dass sie heute im Kon-
nicht auf die besondere Auszeichnung, son- text der sachlich statt heroisierend gehaltenen
dern auf die kollektive Opferbereitschaft ab- Ausstellung „vor allem als Zeitdokument ge-
stellte: „Niemals kann ein Volk untergehen, sehen und kritisch analysiert“ werden
solange es Männer sein eigen nennt, die jeder- kann. 20
zeit bereit sind zu sterben, damit ihr Volk le-
be.“ 18 Nur scheinbar ergab sich die opferzen-
trierte Ausrichtung der Kriegserinnerung in
Die westdeutsche Kriegserinnerung nach der Bundesrepublik unmittelbar aus dem mit
der Zäsur von 1945 hingegen kreiste um das dem Krieg verbundenen Sterben und Leiden
Opfer. Sie ließ die Deutschen „als passiv Dul- selbst; tatsächlich aber setzte der Aufstieg des
dende, als Leidende und Opfer einer skrupel- Opfers in der Kriegserinnerung schon vor
losen, zutiefst bösartigen Führung erschei- 1945 ein. Eine spezifische Amalgamierung
nen“, 19 die je nach eigenem Schicksal zu Op- von Held und Opfer ist dem nationalen Bild
fern der vordringenden Roten Armee im des Krieges spätestens seit dem Ersten Welt-
Osten und ihrer Vertreibungspolitik wurden, krieg eingeschrieben. Sie zeigt sich im My-
zu Opfern der „Operation Gomorrha“ in thos des tragischen Märtyrer-Helden, den in
Hamburg und der Auslöschung Dresdens, der deutschen Kriegserinnerung der Lange-
marck-Mythos um den Opfertod deutscher
16 Helmut Scharf, Kleine Kunstgeschichte des deut-
Studentenkompanien auf den flandrischen
schen Denkmals, Darmstadt 1984, S. 277 f. Schlachtfeldern im Herbst 1914 und ebenso
17 Christian Jansen, Emil Julius Gumbel – Portrait ei-
das Aufkommen der Dolchstoßlegende über
nes Zivilisten, Heidelberg 1991, S. 265.
18 Joachim von Ribbentrop auf der Totenfeier zu Ernst das von der Heimat verratene Heldenheer
vom Rath, Düsseldorfer Nachrichten vom 17. 11. 1938, 1919 ausbildeten. In der semantischen Dop-
zit. nach: Volker Ackermann, Nationale Totenfeiern in pelbedeutung des Begriffs „Opfer“ ver-
Deutschland. Eine Studie zur politischen Semiotik,
Stuttgart 1990, S. 190.
19 Edgar Wolfrum, Die Anfänge der Bundesrepublik, 20 Stefanie Endlich, Das Bundeswehr-Ehrenmal im

die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die Fern- Kontext der Berliner Denkmalslandschaft. Nationale
wirkungen für heute, in: Ursula Bitzegeio/Anja Kru- und dezentrale Formen der Erinnerung, in: Manfred
ke/Meik Woyke (Hrsg.), Solidargemeinschaft und Er- Hettling/Jörg Echternkamp (Hrsg.), Bedingt erinne-
innerungskultur im 20. Jahrhundert, Bonn 2009, S. 364. rungsbereit, Göttingen 2008, S. 124.

APuZ 36–37/2009 17
schwimmt der Unterschied zwischen dem Selbstviktimisierung der Nachkriegszeit hin-
freiwilligen Selbstopfer des sacrificium und überreichte.
dem ohnmächtigen Erdulden der victima.
Das heldische Opferbild der Erinnerung an „Stalingrad“ steht somit für ein Transiti-
den Ersten Weltkrieg kreiste allein um das ak- onsphänomen, das den Heldendiskurs der
tive Märtyreropfer im Sinne des sacrificium, ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Op-
während sich der Wandel des Opferbildes ferdiskurs der zweiten Hälfte überführte. Mit
vom sacrifice zum victime in der Opferpers- dem als Katastrophe erfahrenen Untergang
pektive erst in der Untergangsphase des des „Dritten Reiches“ löste sich das Leidens-
„Dritten Reichs“ vollzog. opfer vom Heldenopfer und konnte sich die
Nachkriegszeit als „Gemeinschaft von Op-
Die semantische Verschiebung vom hero- fern“ konstituieren, 22 wenngleich das Genre
ischen zum leidenden Opfer lässt sich wie in der Soldatenerinnerungen das Erzählmuster
einem Brennspiegel an einem einzigen Vorgang eines sakrifizierenden Opfertodes noch bis in
ablesen: der Rezeption der Schlacht von Stalin- die 1950er Jahre hinein pflegte 23 und auch
grad und des Untergangs der 6. Armee im Win- das staatliche Gedenken sich noch betont
ter 1942 auf 1943. Bereits vor der fachhis- „des dargebrachten und des erlittenen Op-
toriographischen Erschließung 21 wurde Stalin- fers“ zugleich annahm. 24
grad zum Thema der populären Literatur, die in
Illustriertenreportagen ebenso wie im Rechtfer-
tigungs- und Memoirenschrifttum breite Leser- Entlastungsnarrativ
resonanz erzeugte, dokumentarischen wie dra-
matischen und später auch filmischen Nieder- Auf die schon im Zweiten Weltkrieg ausge-
schlag fand. Die Erklärung ist darin zu suchen, bildete Memorialfigur der Selbstviktimisie-
dass „Stalingrad“ einen erinnerungskulturellen rung konnte nach 1945 die entlastende Erin-
Paradigmenwechsel markiert und den narrati- nerung der „Kollektivunschuld“ (Edgar
ven Wechsel vom heroischen zum viktimisti- Wolfrum) aufbauen, in der die eigene Täter-
schen Opferbild einleitete: In der Erinnerung schaft hinter der Selbstwahrnehmung als
an den Untergang der 6. Armee lösten sich die Opfer brauner Verführung, „anglo-amerika-
Deutschen von der mimetischen Vergegenwär- nischer“ Bombardierung und sowjetischer
tigung der Vergangenheit als heroischer Selbst- Siegerwillkür zurücktrat. Das Ende des Welt-
behauptung und reorganisierten ihr Ge- kriegs wurde in den westlichen Zonen und in
schichtsbild als Opfererzählung, in deren Zen- der Bundesrepublik von einer überwältigen-
trum immer gebieterischer das erduldete den Mehrheit als „düsterer Tag der tiefsten
Leiden stand. Während die NS-Führung mit Erniedrigung“ wahrgenommen 25 und zu
der Leonidas-Rede Hermann Görings die dem 1950 eingerichteten jährlichen Volks-
Deutschen am Radio auf das Untergangsnarra- trauertag besonders mit religiöser Sinngebung
tiv des tragischen Helden einzuschwören gefüllt, die den Rahmen des Gedenkens an
suchte, sah schon der zur Kapitulation gezwun- ein „beispiellos grausames Dahinsterben von
gene Verantwortliche, General Friedrich Pau- Millionen Menschen“ abgab. 26
lus, sich selbst als passives Heldenopfer. Für die
deutsche Bevölkerung schließlich wurde Stalin-
grad rasch zum Schreckenssymbol des Verfüh- 22 K. Erik Franzen, In der neuen Mitte der Erinne-

rungs- und Führungsopfers, das bruchlos in die rung. Anmerkungen zur Funktion eines Opferdiskur-
ses, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG),
51 (2003), S. 49.
21 Eine Übersicht bei Gerd R. Ueberschär, Die 23 Vgl. z. B. Heinz Guderian, Erinnerungen eines Sol-

Schlacht von Stalingrad in der deutschen Historio- daten, Heidelberg 1951.


graphie, in: Wolfram Wette/Gerd R. Ueberschär 24 Rede von Bundespräsident Theodor Heuß zum

(Hrsg.), Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Volkstrauertag 1952, in: Volksbund Deutsche Kriegs-
Schlacht, Frankfurt/M. 1992, S. 192–204; vgl. auch gräberfürsorge (Hrsg.), Wir gedenken. Eine Auswahl
Manfred Kehrig, Stalingrad im Spiegel der Me- von Gedenkreden, die aus Anlaß der Zentralen Ge-
moiren deutscher Generäle, in: ebd., S. 205 –213; denkstunde des Volksbundes Deutsche Kriegsgräber-
Ulrich Baron, Stalingrad als Thema der deutsch- fürsorge gehalten wurden, Ulm 1987.
sprachigen Literatur, in: ebd., S. 226–232; Michael 25 Zit. nach: E. Wolfrum (Anm. 19), S. 372.

Kumpfmüller, Die Schlacht von Stalingrad. Meta- 26 Rede des Vorsitzenden des Deutschen Bundestags

morphosen eines deutschen Mythos, München Hermann Ehlers zum Volkstrauertag 1951, in: Volks-
1995. bund (Anm. 24), S. 11.

18 APuZ 36–37/2009
Als Bauformen des Erinnerns dienten in die dem bisherigen „Beschweigen“ 31 den Wil-
der Nachkriegsgesellschaft neben der entkon- len zur ernsthaften Auseinandersetzung mit der
kretisierenden und tabuisierenden Ausblen- beschämenden Vergangenheit entgegensetzte
dung und der Selbstrechtfertigung 27 die Ar- und mit der Ausstrahlung der amerikanischen
gumentationsfiguren der Schuldaufrechnung Fernsehserie „Holocaust“ Ende 1979 Deu-
und des Werterelativismus. Sie lieferten etwa tungshoheit zu erlangen begann. Seine volle ge-
die Lebensbeschreibungen aus der Feder denkpolitische Anerkennung erfuhr der Bewäl-
Heinz Guderians oder Erich Mansteins 28 tigungsdiskurs 1985, als Bundespräsident Ri-
und Ernst von Salomons Millionenerfolg chard von Weizsäcker das Befreiungsnarrativ
„Der Fragebogen“, in dem der Autor den zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in das histo-
moralischen Überlegenheitsanspruch der rische Selbstverständnis der Bundesrepublik
amerikanischen Sieger am Beispiel seiner ei- aufnahm. Damit hatte die historisch-politische
genen Internierungserfahrung in erzähleri- Kultur der Bundesrepublik einen tiefgreifenden
scher Eingängigkeit konterkarierte. 29 Als Paradigmenwechsel vollzogen, wie „Der Spie-
weit wichtigere Denkfigur der Entlas- gel“ 1995 in seiner Ausgabe zum 50. Jahrestag
tungserinnerung aber erwies sich die trost- der Niederlage verkündete, die auf dem Titel-
spendende Kontrastierung von Vernichtung blatt die „Bewältigte Vergangenheit“ prokla-
und Wiederaufbau, die die lokale Kriegserin- mierte und mit der Titelgeschichte „Besiegt,
nerung noch bis zur Wahrnehmung der städ- besetzt, befreit“ unterlegte. Wie sehr der neue
tischen Weihnachtsbeleuchtung prägte: „Wo gesellschaftliche Grundkonsens auf die Aner-
man in jener Nacht, und noch Monate später, kennung der eigenen historischen Schuld ge-
sich mühsam einen Weg durch die Trümmer gründet war, bewies ein Jahr später Bundesprä-
bahnte, strahlen jetzt wieder bunte Lichter- sident Roman Herzog, als er den Jahrestag der
ketten, gehen frohe Menschen ihrer Arbeit Befreiung von Auschwitz zum offiziellen Ge-
nach.“ 30 denktag für die Opfer des Nationalsozialismus
erklärte. Die Integrationskraft des postnationa-
Ende der 1950er Jahre geriet dieser histori- len Befreiungsnarrativs erwies sich als so durch-
sche Entlastungsdiskurs zunehmend unter Le- schlagend, dass sie umgekehrt schon bald zur
gitimationsdruck. Er wurde im Gefolge der Sorge Anlass gab, die Erinnerung an den Holo-
NS-Prozesse von Ulm und Frankfurt/Main caust könnte zur „produktive(n) Ressource
und des politisch-kulturellen Generations- deutscher Identitätsbildung ex negativo“ wer-
wechsels der 1960er Jahre unter dem Schlag- den. 32
wort der „unbewältigten Vergangenheit“ all-
mählich durch eine Kriegserinnerung abgelöst,
Neuer Opferdiskurs
27 „Das Verständnis gerade der militärischen obersten
Dieser seit Mitte der 1980er Jahre weithin gel-
Führung für die ausschlaggebende Bedeutung be-
tende Erinnerungskonsens wurde in den ver-
weglicher und kampfkräftiger operativer Reserven hat
unserer Kriegführung bis zum bitteren Ende gefehlt gangenen Jahren auf überraschende und viel-
und war wesentlich an unserer Niederlage mit- fach geradezu verstörende Weise in Frage ge-
schuldig.“ H. Guderian (Anm. 23), S. 271. stellt, nachdem gerade erst mit der Zerstörung
28 „Das von den kriegführenden Großmächten auf
der Legende von der sauberen Wehrmacht die
den Plan gerufene Partisanentum mit seiner völker- letzte Bastion einer „unbewältigten Vergangen-
rechtswidrigen Kampfesweise zwang zur Abwehr, und
heit“ geschleift zu sein schien. Unterstützt
diese Abwehr wurde uns dann von den Klägern und
Richtern in Nürnberg als völkerrechtswidrig und ver- durch die mediale Karriere des Zeitzeugen, hat
brecherisch zum Vorwurf gemacht, obwohl die Alli- sich das Opfernarrativ aus den Schranken einer
ierten beim Einmarsch in Deutschland wesentlich här-
tere Strafbestimmungen erließen (. . .).“ Ebd., S. 343 f. 31 Vgl. Michael Schornstheimer, Die leuchtenden Au-
29 Vgl. Ernst von Salomon, Der Fragebogen, Ham- gen der Frontsoldaten. Nationalsozialismus und Krieg
burg 1951: „Ich hatte in diesem Lager über das ent- in den Illustriertenromanen der fünfziger Jahre, Berlin
setzliche Faktum der physischen Vernichtung des Ju- 1995.
dentums nicht ein einziges zynisches Wort gehört – 32 Jan-Holger Kirsch, „Befreiung“ und/oder „Nie-

außer von Amerikanern.“ (S. 636) derlage“? Zur Konfliktgeschichte des deutschen Ge-
30 Badische Zeitung vom 27. 11. 1953, zit. nach An- denkens an Nationalsozialismus und Zweiten Welt-
dreas Weber, Der Bombenangriff von 1944 im Ge- krieg, in: Burkhard Assmuss/Kay Kufeke/Philipp
dächtnis der Stadt Freiburg, in: Erinnern gegen den Springer (Hrsg.), Der Krieg und seine Folgen. Kriegs-
Schlußstrich (Geschichtswerkstatt, 29), Freiburg i. Br. ende und Erinnerungspolitik in Deutschland, Berlin-
1997, S. 65. Bönen 2005, S. 67.

APuZ 36–37/2009 19
aufklärerischen Vergangenheitsbewältigung ge- entsorgung deuten, 39 und tatsächlich ist der
löst und ist von den Opfern der Deutschen zu neue deutsche Opferdiskurs nicht frei von
den Deutschen als Opfern zurückgekehrt. Wie Misstönen einer relativierenden Unbefangen-
durchgreifend diese abermalige Fokusverände- heit, welche die Singularität des Holocaust
rung wirkt, zeigt sich an so unterschiedlichen hinter einer dekontextualisierten und ubiqui-
literarischen Erzeugnissen und Initiativen wie tären Nutzung der Chiffre „Auschwitz“ oder
Günter Grass’ Novelle „Im Krebsgang“, 33 der gedenkpolitischen Gleichsetzung von
Jörg Friedrichs Bombenkriegsanklage „Der „erster und zweiter deutscher Diktatur“ zu-
Brand“ 34 oder dem neu verlegten und mittler- rücktreten lässt. 40 Gegen eine Dominanz die-
weile verfilmten Anonyma-Buch. 35 Gleiches ser relativierenden Erinnerung mit dem verlo-
vollzieht sich auf politischer Ebene mit Erika ckenden „Charme des Opferstatus“ 41 spricht
Steinbachs Initiative für ein „Zentrum gegen allerdings, dass der abermalige Wandel der
Vertreibungen“ und schon vorher mit der Re- Opferperspektive sich mit dem Selbstver-
naissance des Vertreibungsthemas überhaupt, ständnis verbindet, die Erinnerungsfigur der
die „Der Spiegel“ 2002 als Rückkehr zur histo- Schuldaufrechnung nicht etwa zu erneuern,
rischen Normalität interpretierte. 36 Wie sehr sondern überhaupt erst außer Kraft zu setzen.
die Viktimisierung sogar das Zentrum des na- Die erinnerungskulturelle Neuausrichtung
tionalsozialistischen Verbrechens erreicht hat, richtet sich gegen den „Wiederholungszwang
machte der Publikumserfolg von Oliver der halbierten Erinnerung“, 42 der in seiner
Hirschbiegels und Bernd Eichingers Film „Der aufklärerischen Bewältigungsabsicht die Ver-
Untergang“ (2004) deutlich, der mit einem drängungsleistung des historischen Entlas-
Tabu der filmischen Hitler-Darstellung brach tungsdiskurses fortgeführt und lediglich von
und den Diktator selbst als Opfer präsentierte – der einen missliebigen Leiderfahrung auf eine
seiner Illusionen und seines Wahns, aber auch andere übertragen habe. Gerade weil die im
des gewandelten Kriegsglücks und des politi- Wandel begriffene Kriegserinnerung fest in
schen Verrats wie der menschlichen Vereinsa- dem seit den 1980er Jahren erreichten Deu-
mung. tungskonsens über den verbrecherischen
Charakter des NS-Systems gegründet ist, ver-
Wie lässt sich die neuerliche Zuwendung mag sie die „Traumatisierung von weiten Tei-
zur Geschichte der Bombenopfer, der Flücht- len der deutschen Gesellschaft“ in den Blick
linge und Vertriebenen und der Kriegskinder- zu nehmen, ohne „zu alten Verdrängungsstra-
generation interpretieren? Entspringt sie tegien zurückzukehren“ oder gar die NS-Ver-
einer längst überwunden geglaubten Mentali- brechen zu relativieren. 43
tät der Schuldaufrechnung: die Deutschen –
ein Volk von Opfern? 37 Aus der Perspektive Dementsprechend stark legitimiert sich die
eines aufklärerischen Bewältigungsgedächt- neue Sicht aus einer vermeintlichen oder
nisses lässt sich der erinnerungskulturelle wirklichen Tabuisierung des erlittenen
„Gezeitenwechsel“ 38 seit den 1990er Jahren Kriegsschicksals im deutschen Bewältigungs-
nur zu leicht als geschichtspolitische Schuld- gedächtnis, dessen gedenkpolitische Schwei-

33 Günter Grass, Im Krebsgang. Eine Novelle, Göt- 39 Vgl. etwa die Reaktion auf die städtische Auf-

tingen 2002. stellung von Großfotos der Zerstörung Freiburgs zum


34 Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bom- 50. Jahrestag des Angriffs auf die Stadt im Jahre 1994;
benkrieg 1940–1945, München 2002. A. Weber (Anm. 30), S. 68. Vor einem förmlichen
35 Anonyma [Marta Hillers], Eine Frau in Berlin. Ta- „Rückschlag der deutschen Opfererinnerung“ warnte
gebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945, auch Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit und Ge-
Frankfurt/M. 2003; Anonyma – eine Frau in Berlin schichtsversessenheit revisited, in: APuZ, (2003) 40–
(Originaltitel: A Woman in Berlin), Kinofilm von Max 41, S. 9.
Färberböck (2008). 40 Vgl. Michael Jeismann, Auf Wiedersehen Gestern.
36 Die Deutschen als Opfer, in: Der Spiegel, (2002) 13, Die deutsche Vergangenheit und die Politik von mor-
S. 36 –60. gen, Stuttgart-München 2001, S. 175 ff.
37 Vgl. Lothar Kettenacker (Hrsg.), Ein Volk von Op- 41 Samuel Salzborn, Kollektive Unschuld. Deutsche

fern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940– als Opfer, in: Freitag vom 26. 4. 2002.; K. E. Franzen
45, Berlin 2003. Vgl. auch Bill Niven (ed.), Germans as (Anm. 22), S. 49–53.
Victims. Remembering the Past in Contemporary 42 Wolfgang Sofsky, Die halbierte Erinnerung, in: L.

Germany, Basingstoke 2006. Kettenacker (Anm. 37), S. 124 f.


38 Norbert Frei, 1945 und wir. Das Dritte Reich im 43 Elisabeth Domansky/Jutta de Jong, Der lange

Bewußtsein der Deutschen, München 2005, S. 21. Schatten des Krieges, Münster 2000, S. 16..

20 APuZ 36–37/2009
gegebote auf die Fortwirkung einer anhalten- Rolf-Dieter Müller
den Traumatisierung durch die verstörenden
Schockerlebnisse in den Luftschutzkellern,
auf den Flüchtlingstrecks und in der „Kriegs- Kriegsbeginn 1939:
kindschaft“ schließen ließen. 44

Vieles spricht daher dafür, den neuen Op-


Anfang vom
ferdiskurs als Ausdruck eines abermaligen
Paradigmenwandels der zeithistorischen Be- Ende des
sinnung zu interpretieren. Getragen von einer
Pluralisierung ihrer Erzählmuster im Zeichen
des cultural turn und von der historischen
Deutschen Reichs
Vergewisserungssehnsucht der Erinnerungs-
kultur mit ihrem geradezu unbändigen „Be-
dürfnis nach gegenwärtiger Verortung qua
Erinnerung“, 45 löst sich die öffentliche Aus-
D ass der ehemalige Gefreite des „Großen
Krieges“ sein Regierungsprogramm am
2. Februar 1933 zuerst in einer geheimen An-
einandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg sprache vor der Reichswehrführung erläu-
aus ihrer seit den 1960er Jahren erarbeiteten terte, war bezeichnend. 1 Vieles blieb dabei
Gefechtsstellung der Bewältigung durch An- undeutlich, aber wenn Adolf Hitler bereits
klage. Stattdessen ist sie im Begriff, eine hier von der Sicherung von „Lebensraum“
Kriegserinnerung herauszubilden, die sich an sprach, dann kündigte
der für die gegenwärtige Diktaturaufarbei- sich ein dramatischer Rolf-Dieter Müller
tung geltenden Inklusionsformel 46 orientiert Kurswechsel an. Nach Dr. phil. habil., geb. 1948;
und von einem entpolitisierten Opferbegriff dem Ende der ersten Honorarprofessor für Militärge-
ausgeht. deutschen Republik schichte an der Humboldt-Uni-
entwickelte sich die versität zu Berlin; Leiter des For-
Das inklusive Aufarbeitungsgedächtnis der deutsche Politik ziel- schungsbereichs „Zeitalter der
Gegenwart hat den Akzent von der lernenden strebig auf die Auslö- Weltkriege“ im Militärgeschicht-
Aufklärung zur heilenden Anerkennung ver- sung eines neuen lichen Forschungsamt der
rückt, und in ihrem Zentrum rangiert die europäischen Krieges Bundeswehr, Postfach 601122,
Kompensation historischen Unrechts durch hin. Hitlers Machtan- 14411 Potsdam.
Opferanerkennung und Täteridentifizierung tritt bedeutete, dass die rolfdietermueller@
höher als die Unterscheidung zwischen dem von den konservativen bundeswehr.org
Tod in der Gaskammer und dem Tod im Feu- Machteliten bislang an-
ersturm oder zwischen einem deutschen gestrebte Revision der Ergebnisse des Welt-
Schreibtischtäter und einem englischen Bom- kriegs nur eine Zwischenstufe bilden würde,
bergeneral. um den Kampf um eine Weltmachtposition
Deutschlands wiederaufnehmen zu können.
Erst in der Weltherrschaft der „arischen
44 Malte Thiessen, Eingebrannt ins Gedächtnis. Ham-
Rasse“ und der Beseitigung der „jüdisch-bol-
burgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende 1943– schewistischen“ Gefahr sollte sich Hitlers Le-
2005, Hamburg 2007, S. 395. Zum Konstruktions- bensraum-Programm vollenden: durch die Bil-
charakter der Kriegskindergeneration vgl. Dorothee dung eines „Großgermanischen Reiches deut-
Wierling, „Kriegskinder“: westdeutsch, bürgerlich, scher Nation“.
männlich?, in: Lu Seegers/Jürgen Reulecke (Hrsg.),
Die „Generation der Kriegskinder“, Gießen 2009,
Aus dem Blickwinkel von 1933 mochten das
S. 141 –155.
45 M. Thiessen (ebd.), S. 399 ff. noch irrlichternde Visionen sein. Weil Hitler
46 „Die NS-Verbrechen dürfen durch die Ausei- der militärischen Führung aber die „Wehrhaft-
nandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus machung“ der Nation versprach und der
nicht relativiert werden. Die stalinistischen Verbrechen Armee zusicherte, dass sie der einzige „Waf-
dürfen durch den Hinweis auf die NS-Verbrechen fenträger“ des Reiches bleiben werde, wurde
nicht bagatellisiert werden.“ Schlussbericht der En-
die Reichswehr neben der NSDAP zur mäch-
quete-Kommission „Überwindung der Folgen der
SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“, tigsten Stütze des Regimes und konnte ihre bis
Bd. 1, Baden-Baden 1999, S. 614.
1 Der Beitrag beruht auf Rolf-Dieter Müller, Militär-

geschichte (UTB), Köln u. a. 2009.

APuZ 36–37/2009 21
dahin geheimen Aufrüstungspläne nun zügig dieser erpresste im März 1939 die Unterwer-
umsetzen. Trotz des deutschen Auszugs aus fung der sog. Rest-Tschechei, ermutigte die
dem Völkerbund brachte man Hitler im Aus- Slowakei, sich als Satellitenstaat mit dem Reich
land ein gewisses Vertrauen entgegen, weil er zu verbünden, und hatte zunächst auch die
sich als „Bollwerk gegen den Bolschewismus“ Hoffnung, Polen auf seine Seite zu ziehen,
propagandistisch in Szene zu setzen verstand. indem er sich mit einigen Grenzkorrekturen
Der Abbruch der geheimen Kontakte seiner zufrieden geben wollte und Warschau an der
Militärs mit Moskau war unausweichlich. tschechischen Beute beteiligte.

Sogar eine überraschende Annäherung an Mit der Garantieerklärung für Polen und
Polen wurde nun möglich. In Europa kam der Wiedereinführung der allgemeinen Wehr-
die 1919 in Versailles konstruierte Nach- pflicht gab Großbritannien schließlich im
kriegsordnung schneller als erwartet in Bewe- März 1939 ein deutliches Signal, dass von nun
gung und erwies sich bald als hohle Fassade. an jede weitere deutsche Aggression in einen
Für ihre Aufrechterhaltung war selbst die bis- neuen großen Krieg führen würde. Der polni-
herige Hegemonialmacht Frankreich nicht sche Widerstand verstärkte Hitlers Entschlos-
bereit, größere militärische Risiken einzuge- senheit zur kriegerischen Unterwerfung des
hen. 2 Doch der wichtigste Impuls zur Zer- Landes. Er war davon überzeugt, dass die
störung des internationalen Systems ging von Westmächte letztlich vor dem Krieg zurück-
Deutschland aus. Zusammen mit Italien und schrecken würden. Deren Anstrengungen, die
Japan nutzte das „Dritte Reich“ die erneute Sowjetunion für eine Militärallianz zur Ein-
Einschränkung des globalen Engagements dämmung Deutschlands zu gewinnen, schei-
der USA als Folge der Weltwirtschaftskrise, terten an Stalins Forderungen, die faktisch auf
um eine Neuverteilung der wichtigsten Roh- eine sowjetische Einflussnahme im Baltikum
stoffzentren und Absatzgebiete zu erreichen sowie in Polen hinausliefen. Hitler erkannte
und auf diese Weise eigene, autarke „Groß- seine Chance, die sich bildende Front seiner
räume“ zu schaffen. Die britische Regierung Gegner zu spalten. Dafür war er bereit, seinem
hielt einige Korrekturen des Versailler Ver- Todfeind Stalin, der gerade in der Mongolei
trags für berechtigt. Sie folgte nur widerwillig eine japanische Expeditionsarmee geschlagen
dem von Deutschland ausgelösten Wettrü- hatte, Ostmitteleuropa zu überlassen.
sten, was ihrer Bevölkerung nicht einfach zu
vermitteln war. Zudem war Frankreich durch Das „weltpolitische Dreieck Berlin-Rom-
die Volksfrontregierung tief gespalten und au- Tokio“, das der deutsche Diktator seit Ende
ßenpolitisch kaum handlungsfähig. 1937 anstrebte, reduzierte sich am 22. Mai 1939
auf den sog. Stahlpakt mit Italien, was zunächst
Zu den Turbulenzen des Spanischen Bürger- militärisch ohne Bedeutung blieb, weil Musso-
krieges kam 1937 Japans neuer Krieg in China. lini erst ab 1942 mit der Kriegsbereitschaft sei-
Auch hier griffen die Westmächte nicht ein. nes Landes rechnete. Durch den überraschen-
Hitler beschleunigte nun seinen auf Krieg zie- den Abschluss eines Nichtangriffsvertrages mit
lenden Kurs. Der „Anschluss“ Österreichs ge- der UdSSR am 23. August 1939 sorgte Hitler
lang ihm 1938 ebenso wie die „Zerschlagung“ dafür, dass im Kriegsfall nicht wieder eine
der Tschechoslowakei durch eine Mischung Zweifrontensituation entstand, was er in seiner
aus Gewaltandrohung, innerer Zersetzung programmatischen Schrift „Mein Kampf“ als
und geschickten diplomatischen Schachzügen. den größten Fehler des Kaiserreichs bezeichnet
Im Falle der Tschechoslowakei war er bereits hatte. Damit überzeugte er die zögernde Gene-
zum „Schlagen“ entschlossen, als ihn der italie- ralität, die zwar ein Vorgehen gegen Polen be-
nische Diktator Benito Mussolini zur Über- fürwortete, aber Deutschland für noch nicht
einkunft mit den Westmächten drängte, die im ausreichend gerüstet hielt, um einen Weltkrieg
Münchener Abkommen zunächst zur Abtre- wagen zu können.
tung des Sudetenlandes an das Reich führte.
„Frieden für unsere Zeit“ glaubte der britische Zwei Tage nach dem spektakulären Hitler-
Premierminister Neville Chamberlain mit Stalin-Pakt schlossen Großbritannien und
Hitlers Unterschrift erreicht zu haben. Doch Frankreich einen Beistandspakt mit Polen. Ihre
demonstrative Entschlossenheit beeindruckte
2 Vgl. Rainer F. Schmidt, Die Außenpolitik des Drit- Hitler für einen Moment, so dass er den An-
ten Reiches 1933–1939, Stuttgart 2002. griffsbefehl zurückzog und durch hektische di-

22 APuZ 36–37/2009
plomatische Aktivitäten Großbritannien zur So herrschten im Westen noch Wochen nach
Zurückhaltung drängen wollte. Polen ließ sich Kriegsbeginn fast friedensähnliche Verhält-
nicht auf direkte Verhandlungen ein, mit denen nisse. Die geplante totale Mobilmachung
es sich gegenüber seinen Verbündeten isoliert wurde im Reich bereits Mitte Oktober 1939
hätte. So erteilte Hitler erneut den Angriffsbe- abgebrochen, um die Bevölkerung nicht wei-
fehl, jetzt zum 1. September 1939, in der Erwar- ter zu beunruhigen.
tung, dass sich Risikobereitschaft und Nerven-
stärke wieder einmal auszahlen würden. Doch Im Rückblick zeigt sich, dass angesichts der
Paris und London stellten am 3. September ulti- personellen und materiellen Unterlegenheit
mativ die Forderung nach einem deutschen Deutschlands gegenüber der künftigen Anti-
Rückzug und erklärten nach Fristablauf dem Hitler-Koalition bereits am 3. September 1939
Deutschen Reich den Krieg. Hitler zeigte sich das Ende des Deutsche Reiches eingeläutet
entschlossen, den Krieg unter allen Umständen wurde. 4 Dafür sprechen der maßlose Expansi-
weiterzuführen, auch um den Preis eines mögli- onsdrang, der die alten Grenzen des Kaiser-
chen neuen Weltkriegs. 3 reichs bereits überschritten hatte, und das
wahnwitzige Kriegszielprogramm des Dikta-
Vom europäischen zum globalen Krieg tors, vor allem aber der veränderte Charakter
des Krieges, der bereits in Polen mit einer völ-
Mit der Inszenierung immer neuer außenpoli- kerrechtswidrigen Ausbeutungs- und Ver-
tischer Konflikte hatte Hitler die Friedens- nichtungspolitik erkennbar wurde.
sehnsucht der europäischen Großmächte und
Nachbarn strapaziert und sich Erfolge ver- Wenn es nach dem 3. September 1939 über-
schafft, die in seinem eigenen Volk, das auf haupt zu einer zumindest zeitweilig offenen
die Erhaltung des Friedens hoffte, die Zuver- Entscheidungssituation 5 des Zweiten Welt-
sicht förderten, der „Führer“ werde auch die- kriegs gekommen ist, dann lag dies in einer
ses Mal die Krise meistern. Als diese Hoff- militärisch-operativen Entwicklung begrün-
nung am 3. September 1939 scheiterte, ent- det, die niemanden mehr überrascht hat als
stand alles andere als Kriegsbegeisterung. die Wehrmacht und Hitler selbst. Großbri-
Hitler musste freilich nicht nur die deutsche tannien rechnete mit einem langen Blockade-
Bevölkerung durch eine geschickte Propagan- krieg, im Vertrauen darauf, wie im Ersten
da und Täuschungsmanöver an den Krieg ge- Weltkrieg zusammen mit der französischen
wöhnen, sondern auch seine Generalität Armee den zu erwartenden deutschen An-
davon überzeugen, dass er die Risiken zu be- sturm aufhalten zu können. Auch wenn die
herrschen vermochte. In mehreren internen USA vorerst neutral blieben, sicherte Präsi-
Ansprachen legte er sein Kalkül dar; die Be- dent Franklin D. Roosevelt insgeheim Unter-
hauptung, man habe einen Rüstungsvor- stützung zu und machte sein Land zum „Ar-
sprung erreicht, der nun genutzt werden senal der Demokratie“. Im Sommer 1941
müsse, überzeugte nicht jeden. Tatsächlich würde man zum Angriff gegen Deutschland
hätte ein entschlossener Gegenschlag der ausreichend gerüstet sein.
Westmächte mit gleichzeitiger Kriegserklä-
rung der USA Hitlers Position ins Wanken Als sein Verbündeter Stalin die Initiative er-
bringen können. Zum Staatsstreich kam es griff und Finnland überfiel, geriet Hitler in die
nur deshalb nicht, weil Hitler sich dazu be- politische Defensive und musste die pro-
wegen ließ, den Angriffsbefehl gegen Frank- deutsch gesinnte finnische Armee im Stich las-
reich 29-Mal zu verschieben. sen. Dafür dachten die Westmächte daran,
einen Schlag gegen die Ölquellen des Kaukasus
Der Generalstab hatte – anders als 1914 – zu führen, um eine wichtige „Tankstelle“ der
keinen ausgearbeiteten Operationsplan in sei- Wehrmacht zu schließen. Gleichzeitig bereite-
nen Schubladen. Das deutsche Heer bezog te man sich darauf vor, die für Deutschland le-
hinter dem seit 1937 eiligst errichteten „West- benswichtige Zufuhr schwedischer Eisenerze
wall“ Stellung und lieferte sich mit den Fran- über den norwegischen Hafen Narvik zu blo-
zosen, die ihre Maginotlinie bezogen hatten,
in einem „Sitzkrieg“ lediglich Scharmützel. 4 Vgl. Rolf-Dieter Müller, Der letzte deutsche Krieg

1939– 1945, Stuttgart 2005.


3 Vgl. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. 5 Vgl. Ian Kershaw, Wendepunkte. Schlüsselent-

10 Bde., Stuttgart 1979/München 2008. scheidungen im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 2008.

APuZ 36–37/2009 23
ckieren. Ein schlecht vorbereiteter, übereilter hätte das siegreiche Ende des europäischen
deutscher Angriff im Westen hätte den Verlauf Krieges bedeuten können. Auf der Gegensei-
des Zweiten Weltkriegs ebenso in eine andere te war mit dem neuen Premierminister Wins-
Richtung lenken können wie ein Erfolg dieser ton Churchill ein robuster Gegner ins Spiel
alliierten Gegenzüge. Nicht zuletzt bewirkte gekommen. Diesem gelang es, die Kräfte
der Zufall, dass die von Johann Georg Elser am Großbritanniens bis zur Erschöpfung zu mo-
8. November 1939 im Münchner Bürgerbräu- bilisieren. Fast ein Jahr lang leisteten die Bri-
keller gezündete Bombe ihr Ziel verfehlte und ten, auf sich allein gestellt, den Deutschen
Hitler den Krieg fortsetzen konnte. Welchen erbitterten Widerstand. Trotz einzelner Vor-
Kurs sein designierter Nachfolger Hermann stöße 1941/42 in Nordafrika sowie im U-
Göring eingeschlagen hätte, bleibt offen. Bootkrieg gelang es der Wehrmacht nicht, die
britische Umklammerung zu zerbrechen und
Ein für die Alliierten zweites „Wunder an deren überseeische Basen zu zerstören.
der Marne“ verhinderte General Erich von
Manstein, der im Herbst 1939 einen Feldzugs- Was deutschen Truppen im Ersten Welt-
plan entwickelt hatte, mit dem die Wehrmacht krieg in vier Jahren nicht gelungen war,
– anders als 1914 – den Sieg im Westen er- wurde im Juni 1940 innerhalb von vier Wo-
kämpfte und den „Blitzkrieg“ zu einem Er- chen erreicht: eine Siegesparade in Paris.
folgsrezept werden ließ, das die deutschen Sol- Nichts wäre Hitler in diesem Augenblick lie-
daten später bis vor die Tore Moskaus führen ber gewesen, als sich seinem „Programm“
sollte. Als am 10. Mai 1940 der Angriff begann, gemäß mit Großbritannien über die Auftei-
konnten die Deutschen ihren Operationsplan lung der Welt zu verständigen und sich dann
umsetzen, weil die zahlenmäßig überlegene nach Osten wenden zu können. Doch Chur-
französische Luftwaffe ihre Kräfte in Erwar- chill war nicht Stalin: Der sowjetische Dikta-
tung einer längeren Auseinandersetzung zu- tor zögerte nicht, seinen versprochenen An-
rückhielt. Dagegen warf Göring alle Geschwa- teil an der Beute in Ostmitteleuropa einzu-
der in die Schlacht, sicherte die Luftüberlegen- treiben, was ihm zugleich den Vorteil
heit im Kampfraum und bombte den verschaffte, sein strategisches Vorfeld zu er-
deutschen Angriffskräften den Weg frei. Der weitern. Solange die Wehrmacht am Kanal
unkonventionellen Führung von zusammen- gebunden war, würde Hitler keinen Zwei-
gefassten Panzerverbänden durch General frontenkrieg wagen, wie Stalin in Kenntnis
Heinz Guderian kam ebenfalls große Bedeu- von „Mein Kampf“ annehmen konnte. Den
tung zu. Auf französischer Seite hatte Oberst Verlockungen des „Führers“, der die UdSSR
Charles de Gaulle mit ähnlichen Vorstellungen gegen Großbritannien in Stellung zu bringen
zum Panzerkrieg keine ausreichende Unter- versuchte, widerstand er weitsichtig.
stützung gefunden. Seine Vorgesetzten blieben
in Vorstellungen des Ersten Weltkriegs verfan- Das zweite Kriegsjahr stand im Zeichen ge-
gen und erwiesen sich angesichts der beschleu- genseitigen Belauerns. Inzwischen hatte Hit-
nigten Führungsentscheidungen eines schnel- ler längst die Weichen für seinen eigentlichen
len Bewegungskriegs als überfordert. Dennoch Krieg, die Eroberung von „Lebensraum im
blieb der deutsche Feldzug im Westen ein hoch Osten“ gestellt. Aufgrund erster Überlegun-
riskantes Unternehmen, dessen Erfolg bis zur gen der Heeresführung zur Sicherung der
letzten Minute fragwürdig war. 6 Ostgrenze ordnete Hitler am 31. Juli 1940 an,
dass die Wehrmacht bereit sein solle, ab 1.
Mit Blitzfeldzügen, die zur Besetzung Dä- Mai 1941 jederzeit einen größeren Feldzug
nemarks und zur Unterwerfung Norwegens zur Eroberung des europäischen Teils Russ-
führten, zahlte sich Hitlers Bereitschaft zum lands, der Ukraine und des Kaukasus führen
höchsten Risiko ebenfalls aus, obwohl die zu können. Damit würde das Großdeutsche
Marine vor Narvik erhebliche Verluste erlitt. Reich zur unangreifbaren Weltmacht werden.
Als sich bei Dünkirchen die Chance bot, das Dann könnten auch die rassenideologischen
britische Expeditionskorps gefangen zu neh- „Neuordnungs-“ und Siedlungspläne umge-
men, fehlte ihm die Entschlossenheit, Groß- setzt werden, für die das besetzte Polen be-
britannien eine Niederlage beizubringen. Es reits zum Experimentierfeld geworden war.

6 Vgl. Karl-Heinz Frieser, Blitzkrieg-Legende. Der Im Rückblick ist es erstaunlich, wie gering
Westfeldzug 1940, München 1995. man in Berlin das militärische Risiko des Un-

24 APuZ 36–37/2009
ternehmens einschätzte. Die deutsche Rüs- letzten Minute kriegswichtige Lieferungen
tung war nach dem Frankreich-Feldzug ge- über die deutsche Grenze rollen. Umso grö-
bremst worden, um die Bevölkerung an den ßer war sein Schock, als ihm bewusst wurde,
Früchten des Sieges teilhaben zu lassen. In dass die am Morgen des 22. Juni gemeldeten
den ersten zwei Jahren des Krieges stagnierte deutschen Kriegshandlungen der Beginn
die Rüstungsproduktion. Mit dem Zustrom eines Überfalls waren. In den ersten Wochen
aus der laufenden Rüstungsproduktion und zeigte sich die Rote Armee nicht in der Lage,
dem erbeuteten Kriegsmaterial wurde eine die deutschen Armeen zu stoppen. Beide Sei-
Operationsarmee bereitgestellt, die nicht stär- ten erlitten in Kesselschlachten schwere Ver-
ker war als die Heeresgruppen, mit denen luste. Stalin, dem wider Erwarten die Mo-
man Frankreich besiegt hatte. Dabei verfügte bilisierung der Kräfte seines Riesenreiches
Stalin über das größte Militärpotential der gelang, konnte immer neue Divisionen zu-
Welt, das sich nach der Beseitigung der alten sammenstellen, während das deutsche Ost-
Führungselite rasch personell regenerierte heer aus der Substanz lebte, weil Hitler Re-
und die Kriegserfahrungen des deutschen serven für die Feldzüge gegen die angelsächsi-
Verbündeten zu adaptieren versuchte. schen Mächte zurückhielt.

Dennoch waren sich Hitler und sein Gene- So überschritt die Wehrmacht bereits im
ralstab darin einig, dass der Überfall auf die August 1941 den Kulminationspunkt ihres
UdSSR ein „Sandkastenspiel“ sein würde. Angriffs, ohne daraus die Konsequenzen zu
Die deutschen Panzerkorps würden die ziehen. Zur gleichen Zeit radikalisierte die SS
Masse der sowjetischen Armee einkesseln, den Völkermord an den europäischen Juden,
vernichten und so schnell nach Osten vorsto- was in der antisemitischen Wahnwelt des Dik-
ßen, dass sich keine neue durchgehende Front tators auch als Drohgebärde gegen Roosevelt
mehr bilden konnte. Den Rest würden Vor- galt. Mit der am 14. August verkündeten At-
stöße in Richtung Kaukasus und Ural erledi- lantik-Charta über die britisch-amerikani-
gen, um dann eine Militärgrenze ostwärts von schen Nachkriegsziele zeichnete sich ab, dass
Moskau vorzuschieben, die sich mit geringen Washington die Expansion der faschistischen
Kräften halten ließ. Die Masse des Ostheeres Mächte nicht länger hinnehmen wollte. Des-
würde nach wenigen Wochen in die Heimat halb verband sich die deutsche Kriegserklä-
zurückkehren, um die Waffen zu schmieden, rung am 11. Dezember 1941 an die USA mit
mit denen man die angelsächsischen Mächte der Entscheidung zur systematischen Ermor-
im globalen Maßstab angreifen könnte. dung der europäischen Juden, die am 20. Janu-
ar 1942 während der Wannseekonferenz de-
Der Plan war ebenso kühn wie vermessen. tailliert besprochen wurde.
Um den Zusammenbruch des Sowjetregimes
zu beschleunigen, sollte jeglicher Anschein Nach zwei Jahren Krieg in Europa hatte
von Widerstand in der Bevölkerung mit bru- der Zweite Weltkrieg globale Ausdehnung er-
talsten Methoden unterdrückt, die kommu- reicht. Roosevelt hatte nach seiner Wieder-
nistische Führungselite liquidiert und die jü- wahl (1940) eine deutliche Eindämmungspo-
dische Bevölkerung ermordet werden. Der litik gegenüber dem aggressiven Japan betrie-
Feldzug sollte als rücksichtsloser Vernich- ben und zusammen mit Großbritannien –
tungs- und Ausbeutungskrieg geführt wer- nach dem deutschen Überfall – auch die
den, was eine weitere Radikalisierung der bis- UdSSR mit Wirtschafts- und Rüstungsliefe-
herigen Kriegführung bedeutete und von der rungen unterstützt. Noch immer gab es eine
militärischen Führung trotz einiger Bedenken starke isolationistische Grundströmung in
schließlich mitgetragen wurde. der Bevölkerung, die sich gegen eine Einmi-
schung in den europäischen und den asiati-
schen Krieg wehrte. Roosevelt setzte das roh-
Kriegswende stoffarme Japan unter den Druck von Wirt-
schaftssanktionen. Tokio entschied sich für
So vollzog sich im Mai/Juni 1941 der Wende- den Angriff, um die Ressourcen Südostasiens
punkt des Zweiten Weltkriegs. Hitlers Ar- zu erobern und durch eine weiträumige Ver-
meen marschierten unter größter Geheimhal- teidigungszone im Pazifik gegen die USA ab-
tung auf, und Stalin ließ trotz vielfältiger zusichern. Mit dem Luftangriff auf den Hei-
Warnungen seines Geheimdienstes bis zur mathafen der amerikanischen Pazifikflotte in

APuZ 36–37/2009 25
Pearl Harbor auf Hawaii am 7. Dezember stellt werden mussten, um auch der Landung
1941 sollten günstige militärische Vorausset- von US-Streitkräften in Algerien zu begegnen,
zungen geschaffen werden. Dieser heimtücki- die zusammen mit den von El Alamein vorrü-
sche Schlag veränderte die Stimmung in der ckenden Briten die deutsch-italienische Hee-
amerikanischen Bevölkerung grundlegend, resgruppe unter der Führung von General
weshalb bis heute spekuliert wird, dass Roo- Erwin Rommel im Brückenkopf Tunis ein-
sevelt vom Anmarsch der japanischen Flotte schlossen. In Berlin hatte Propagandaminister
gewusst und die Verluste von Pearl Harbor Joseph Goebbels mit einer demagogischen
riskiert haben könnte. 7 Rede am 18. Februar 1943 das deutsche Volk
zum „Totalen Krieg“ aufgerufen. Hitlers
Dass sich Hitler mit seiner Kriegserklärung Durchhaltestrategie setzte im Westen auf eine
dem japanischen Angriff anschloss, obwohl Ausweitung des U-Bootkrieges, den Bau des
zur gleichen Zeit die Ostfront unter den Atlantikwalls und die Vorbereitung des Einsat-
Druck der sowjetischen Gegenoffensive bei zes von modernen Flugkörpern („Wunderwaf-
Moskau geriet, markierte seinen Willen, den fen“), im Osten auf einen Abnutzungskrieg.
Krieg unter allen Umständen bis zum „End-
sieg“ fortzusetzen. So entschied er sich für Das „Unternehmen Zitadelle“ war Anfang
eine strategische Defensive und setzte 1942/43 Juli 1943 ein Frontalangriff auf den stark be-
auf die Verteidigung der „Festung Europa“. festigten Frontbogen von Kursk, mit dem
Um das kurze Zeitfenster vor einem Eingrei- deutsche Verbände gegen einen zahlenmäßig
fen der USA auf den Kontinent auszunutzen, weit überlegenen Gegner antraten. Nach An-
wollte er mit einer zweiten Sommeroffensive fangserfolgen brach Hitler den Angriff ab,
im Osten endlich die reichen Ölquellen im weil die Alliierten inzwischen auf Sizilien ge-
Kaukasus in die Hand bekommen, damit die landet waren und Kräfte zu ihrer Abwehr
Kriegswirtschaft der UdSSR lahm legen und verlagert werden mussten. Daraufhin trat die
deren wichtigen Versorgungsstrang über den Rote Armee zu Großoffensiven an, die für
Iran für angelsächsische Hilfslieferungen kap- die Deutschen zum Verlust der Ukraine führ-
pen. Das angeschlagene deutsche Ostheer ten, deren Ausbeutung nach Hitlers Willen
konnte mit Hilfe einer neuen Rüstungspolitik, das wirtschaftliche Rückgrat der Ostfront bil-
zu deren Verantwortlichen Albert Speer er- den sollte. Die Alliierten hatten sich nach un-
nannt wurde, wieder soweit ausgestattet wer- erwarteten Verzögerungen in Nordafrika
den, dass die Heeresgruppe Süd erneut zum dazu entschlossen, die Invasion auf dem Kon-
Angriff anzutreten vermochte. tinent um ein Jahr zu verschieben. Bei der
Konferenz von Casablanca entschieden sie
Doch der Vormarsch in den Kaukasus sich im Januar 1943 dafür, einerseits durch die
wurde durch Hitlers fatale Entscheidung ge- Ausweitung des strategischen Bombenkrieges
schwächt, die Heeresgruppe aufzuspalten und das noch immer wachsende deutsche Rü-
mit größeren mobilen Kräften Stalingrad an- stungspotential zu schwächen und durch An-
zugreifen. Aus dem Prestigeduell der beiden griffe auf Großstädte die deutsche Kriegsmo-
Diktatoren entwickelte sich am Jahresende ral zu zerstören, andererseits im Pazifik of-
1942/43 die bis dahin größte Katastrophe der fensiv zu werden, um eine Entscheidung
deutschen Militärgeschichte, der Untergang gegen Japan zu erzwingen.
einer kompletten Armee auf dem Schlachtfeld.
Hitler hatte, um Kräfte für den gleichzeitigen Im Rüstungswettlauf lagen die Briten und
Angriff auf Baku und Stalingrad freizumachen, Amerikaner schon weit vor den Deutschen
die Flanke am Don mit weniger kampfkräfti- und den Japanern. Auch die Sowjetunion hatte
gen Armeen der Verbündeten besetzt. Stalins den Rückschlag von 1941 überwunden und
Gegenoffensive am 19. November gefährdete produzierte mittlerweile mehr Panzer als das
mit der Vernichtung der 6. Armee die gesamte „Dritte Reich“. Stalin profitierte nicht nur von
deutsche Südfront. Nur mit Mühe gelang es, den Hilfslieferungen seiner Verbündeten, son-
im Frühjahr 1943 die Front vorübergehend zu dern auch von der bequemen strategischen
stabilisieren, obwohl starke Kräfte bereitge- Lage, nur an einer Front seine Kräfte einsetzen
zu müssen, denn Japan hielt an der Neutrali-
7 Vgl. z. B. Robert B. Stinnett, Pearl Harbor. Wie die tätspolitik gegenüber der UdSSR fest, um seine
amerikanische Regierung den Angriff provozierte und schwache Position auf dem chinesischen Fest-
2476 ihrer Bürger sterben ließ, Frankfurt/M. 2003. land nicht zu riskieren.

26 APuZ 36–37/2009
Mit „Operation Overlord“ starteten die Alli- Elena Stepanova
ierten am 6. Juni 1944 das größte Landungsun-
ternehmen der Weltgeschichte, ein bis zur letz-
ten Minute höchst riskanter Einsatz. Es gelang
ihnen, die zwischen Nordkap und spanischer
Bilder vom Krieg
Grenze verteilte deutsche Abwehr zu überlisten
und überraschend in der Normandie einen
in der deutschen
Brückenkopf zu bilden, den sie dank ihrer Luft-
überlegenheit schrittweise ausweiteten. Die Be-
freiung Frankreichs warf für die Alliierten
und russischen
keine großen Schwierigkeiten auf, doch zöger-
ten sie im Herbst 1944, den Vorstoß ins Reich
zu wagen. Der Oberkommandierende General
Literatur
Dwight D. Eisenhower wollte kein Risiko ein-
gehen, weil in den USA die Wiederwahl Roose-
velts anstand und das „Dritte Reich“ nicht so
geschwächt erschien wie das Kaiserreich im
D en meisten Besuchern aus Deutschland
ist St. Petersburg vor allem als pracht-
volle Zarenresidenz, pulsierende Metropole
Herbst 1918. und Sitz einer der größten Kunstsammlungen
der Welt, der Eremitage, bekannt. Im Hinter-
Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, grund bleibt das ande-
mit dem die Militäropposition einen Ausweg re, dunkle Kapitel der
Elena Stepanova
aus dem Krieg versuchte, war gescheitert, und Stadtgeschichte, das
Dr. phil, geb. 1982;
die Nazis organisierten eine letzte verzwei- sehr anschaulich den
Politologin und Historikerin;
felte Mobilmachung. Am 16. Dezember 1944 Charakter des deut-
Promotion am Otto-Suhr-Institut
gelang den Deutschen ein Überraschungsan- schen Vernichtungs-
für Politikwissenschaft der
griff in den Ardennen. Ähnlich wie 1940 kriegs gegen die So-
Freien Universität Berlin.
durchbrachen sie die unvorbereiteten Vertei- wjetunion illustriert:
elena_st@yahoo.com
digungslinien des Gegners, konnten aber die- die Blockade Lenin-
ses Mal den Durchbruch nicht in die Tiefe aus- grads. Im September
weiten. Es fehlte der Wehrmacht nicht nur die 1941 hatte die Wehrmacht die Millionenstadt
Luftherrschaft über dem Gefechtsfeld, son- bis auf einen Zugang zum Ladogasee umzin-
dern auch ausreichend Treibstoff. gelt. Man entschied in Berlin, die Metropole
nicht zu besetzen, sondern ihre Bewohner
Der Schlussakt wurde Mitte Januar 1945 verhungern zu lassen und anschließend die
von der Roten Armee eröffnet, die in kürzester Stadt dem Erdboden gleich zu machen. Die
Zeit von der Weichsel bis zur Oder vorstieß dreijährige Belagerung forderte etwa eine
und eine Fluchtwelle unter der ostdeutschen Million ziviler Opfer. Dieser Teil der Kriegs-
Bevölkerung auslöste. Durch die nachfolgen- geschichte ist vielen Deutschen bis heute so
den Vertreibungen wurden historische Sied- gut wie unbekannt.
lungsgebiete der Polen und Deutschen in Ost-
mitteleuropa nachhaltig zerstört und Grenzen Die „ambivalente Unvergessenheit“ des
verändert. Als die Westalliierten Anfang März Russlandfeldzuges (Christina Morina) – Ver-
den Rhein überschritten, war Hitlers Krieg- drängung begangener Verbrechen einerseits
führung am Ende. Der Selbstmord des Dikta- und allgegenwärtige Erinnerung an das erlit-
tors löste die letzten Bande innerhalb der tene eigene Leid andererseits – machte den
Wehrmacht, deren Führung am 8. Mai 1945 die Krieg gegen die Sowjetunion im Deutschland
bedingungslose Kapitulation akzeptierte. Die der Nachkriegszeit zu einem der meist be-
Kämpfe im Pazifik dauerten noch bis August; schriebenen und meist verdrängten histori-
zur gleichen Zeit besiegelte die Konferenz in schen Ereignisse. Getragen und maßgeblich
Potsdam das Ende des Deutschen Reiches. Der geprägt wurde diese Erinnerung in den
Überfall auf Polen vor 70 Jahren, im Sommer 1950er und 1960er Jahren nicht zuletzt von
1939, hatte den Anfang vom Ende markiert. Kriegsbelletristik. Die Mehrheit der west-
deutschen Schriftsteller stellten die Kriegslei-
den der deutschen Landser in den Mittel-
punkt, ohne über die Gründe dieser Leiden
und den gesamtgeschichtlichen Kontext

APuZ 36–37/2009 27
nachzudenken. Die sowjetischen Kriegsopfer Umerziehung im sowjetischen Gefangenenla-
blieben meistens unerwähnt, die Beschrei- ger war in der DDR-Literatur stark verbreitet,
bung Russlands und der russischen Bevölke- exemplarisch genannt sei der Roman von Her-
rung in alten Stereotypen verfangen. 1 Jost bert Otto „Die Lüge“ (1956), in dem der
Hermand stellte fest: „Obwohl die meisten Autor seine Wandlung während der Kriegsge-
dieser Romane handlungsmäßig an der Ost- fangenschaft im Ural beschrieb. Doch obwohl
front spielen, werden in ihnen die Gräuel die- solche Schilderungen mit der NS-Ideologie ab-
ses Vernichtungskrieges gegen slawische Un- rechneten und eine antifaschistische Botschaft
termenschen, wie sie die Wehrmachtsausstel- transportierten, entsprachen sie nur in seltenen
lung vor wenigen Jahren endlich aufgedeckt Fällen den tatsächlichen Kriegserinnerungen
hat, weitgehend ausgeblendet.“ 2 der meisten Menschen.

Die Romane dienten eher dem Ziel, die Auffällig ist, dass in den literarischen Wer-
deutschen Armeeangehörigen – von denen ken, die zu den Musterbeispielen der Ausei-
die meisten am Russlandfeldzug teilnahmen – nandersetzung mit dem Nationalsozialismus
von der Schuld an Kriegsverbrechen zu im Nachkriegsdeutschland zählen, der Zweite
entlasten und dem massenhaften Sterben der Weltkrieg kaum vorkommt, so in den Werken
deutschen Soldaten im Osten einen Sinn zu von Günter Grass, Siegfried Lenz oder Chris-
geben. Den Roman des Österreichers Fritz ta Wolf. Der Krieg bleibt im Hintergrund, ist
Wöss, „Hunde, wollt ihr ewig leben?“, veröf- Kulisse, vor der sich andere Dramen abspie-
fentlicht 1958 und später in der Bundesrepu- len. In „Wages of Guilt“ nannte Ian Buruma
blik erfolgreich verfilmt, könnte man als Zu- den Roman „Die Blechtrommel“ von Grass
sammenfassung der westdeutschen Nach- „die berühmteste fiktionale Chronik des
kriegswahrnehmung des Krieges an der Zweiten Weltkrieges“. 4 Es ist seltsam, dass in
Ostfront betrachten. Er zeigt deutsche Solda- einer „Kriegschronik“ der Krieg selbst nicht
ten, die von den Eliten nach Stalingrad ge- vorkommt. In den Romanen über den Natio-
schickt wurden, um getötet oder gefangenge- nalsozialismus wird der Krieg zur Nebensa-
nommen zu werden. Die Handlung des Ro- che, so, wie in den meisten deutschen Kriegs-
mans setzt 1942 ein, und es wird nicht romanen der Nationalsozialismus ausgeklam-
gefragt, warum oder wie die deutsche Armee mert wird.
überhaupt nach Stalingrad kam.
In der Sowjetunion bildete Kriegsliteratur
In der DDR wurde die Ostfront vor allem einen wichtigen Gegenpol zur offiziellen In-
als „Hauptfront des militärischen Klassen- terpretation des Großen Vaterländischen
kampfes“ 3 und die sowjetische Gefangen- Krieges. Die unmittelbare Kriegserfahrung,
schaft als erste Etappe der Erziehung im antifa- die so wenig Heroisches enthielt, fanden so-
schistischen Sinne verstanden. Das Thema der wjetische Bürger jenseits der Küchentischge-
spräche fast ausschließlich in der Literatur,
1 Als Beispiele seien hier folgende, in der Bundes-
die eine Nische für den Austausch über das
republik viel gelesene Werke genannt: „Null acht Erlebte darstellte. Mit ihren Werken haben
fünfzehn“-Trilogie (1954/55) von Hans Helmut Kirst;
Autoren wie Viktor Nekrassow, Juri Bonda-
„Woina, Woina“ (1951) von Curt Hohoff; „Ni-
kolskoje“ (1953) von Otto Heinrich Kühner; „So weit rew oder Wassili Bykow dazu beigetragen,
die Füße tragen“ (1954) von Josef Martin Bauer; „Der die offizielle Sicht auf den Krieg zu untergra-
Arzt von Stalingrad“ (1956) und „Das Herz der 6. Ar- ben, indem sie dem sowjetischen Leser unge-
mee“ (1964) von Heinz G. Konsalik. schminkte Schilderungen von Feigheit, in-
2 Jost Hermand, Die Kriegsschuldfrage im west-
kompetenter Führung und Leid der Zivilbe-
deutschen Roman der fünfziger Jahre, in: Ursula Heu-
völkerung präsentierten. Auch das Thema des
kenkamp (Hrsg.), Schuld und Sühne? Kriegserlebnis
und Kriegsdeutung in deutschen Medien der Nach- Völkermords an den Juden, in der offiziellen
kriegszeit (1945–1961), Amsterdam 2001, S. 430. Diese sowjetischen Historiographie nicht existent,
Aussage trifft selbst für die frühe Nachkriegsprosa tauchte in der Literatur auf – in den Werken
Heinrich Bölls zu, wobei er selbst später eine heraus- von Anatoli Kusnezow, Wassili Grossman
ragende Rolle im Prozess der Versöhnung mit der oder Jewgeni Jewtuschenko. Die Schrecken
Sowjetunion spielte.
3 Hermann Kant/Frank Wagner, Die große Abrech-
der Leningrader Blockade haben zum ersten
nung. Probleme der Darstellung des Krieges in der
deutschen Gegenwartsliteratur, in: neue deutsche lite- 4 Ian Buruma, Wages of Guilt. Memories of War in

ratur, 12 (1957), S. 138. Germany and Japan, London 1995, S. 292.

28 APuZ 36–37/2009
Mal zwei Schriftsteller angesprochen: Daniil die sich das Kriegsthema aneignen. Auch sonst
Granin und Alex Adamowitsch in ihrem gestaltet sich die Suche nach zeitgenössischen
„Buch der Blockade“. russischen Schriftstellern, die über den Krieg
schreiben, nicht einfach. Das Kriegsthema ver-
Nach einer fast dreißigjährigen Pause spielt schwindet allmählich aus der russischen Lite-
der „Russlandkrieg“ wieder eine wichtige ratur, was mit dem Tod der meisten Schriftstel-
Rolle in der deutschen Literatur: Von Günter ler der Frontgeneration zusammenhängt. Es
Grass über Wibke Bruhns bis Uwe Timm und gibt kaum neue, geschweige denn junge Auto-
Ulla Hahn thematisieren die Literaten den ren, die es wagen, ohne eigene Kriegserfahrun-
Krieg im Osten, vor allem gegen die Sowjet- gen das Thema aufzugreifen. Viktor Astafjew
union, meist aus einer sehr persönlichen (1924–2001) gehört zur Generation der
Perspektive. Auf diesem Weg kam nach dem Kriegsteilnehmer, Michail Kononow (Jg. 1948)
Rückzug der Wehrmachtsausstellung das zur ersten Nachkriegsgeneration.
Thema „Russlandkrieg“ zurück in die deut-
sche Öffentlichkeit. Auch in Russland waren Im Folgenden möchte ich der Frage nach-
die 1990er Jahre von Diskussionen über den gehen, zu welchen Interpretationsmustern
Großen Vaterländischen Krieg gekennzeich- zeitgenössische Schriftsteller greifen, um
net. Diese Diskussionen wurden nicht zuletzt ihren Leserinnen und Lesern die weltan-
literarisch ausgetragen. Dabei diente der Krieg schauliche Seite des Krieges zu verdeutlichen.
den Schriftstellern im weitesten Sinne als Pro- Welche Rolle spielt die nationalsozialistische
jektionsfläche für die Reflexion über die Bezie- Rassenideologie bzw. die stalinistische Indok-
hungen zwischen der Staatsmacht und dem In- trinierung? 5 Welche Bilder von politisch um-
dividuum sowie über die Rolle der „Macht“ strittenen historischen Begebenheiten werden
im und nach dem Krieg. von den Literaten produziert und an die Le-
serschaft weitergegeben?
Exemplarisch für die literarischen Deutun-
gen des Krieges gegen die Sowjetunion in
Russland und in Deutschland sollen im Fol- Rassenideologie
genden zwei deutsche und zwei russische
Prosawerke aus der Zeit zwischen 1994 und Man geht davon aus, dass Ideologie ein wich-
2004 präsentiert werden: „Verdammt und tiger Faktor hinsichtlich der Motivation im
Umgebracht“ (1994) von Viktor Astafjew, Krieg an der Ostfront gewesen ist. Auf bei-
„Die nackte Pionierin“ (2002) von Michail den Seiten hat Propaganda dazu gedient, die
Kononow, „Himmelskörper“ (2003) von Soldaten von der „gerechten Sache“ zu über-
Tanja Dückers und „Unscharfe Bilder“ zeugen, für die sie ihr Leben lassen sollten,
(2003) von Ulla Hahn. Diese Werke werden und die Identifikation mit dem Kollektiv zu
hier hinsichtlich der Bedeutung, welche die ermöglichen, für das sie sich opfern sollten. 6
Autorinnen und Autoren der Rolle der Ideo- Als wichtige Motivationsgründe auf der
logie im Krieg gegen die Sowjetunion beimes- deutschen Seite werden vor allem Überle-
sen, interpretiert und verglichen. genheitsgefühle gegenüber den slawischen
„Untermenschen“ und Juden genannt. 7
Die Texte sind für die literarischen Land- Auch zeigt sich die Affinität der Wehr-
schaften beider Länder repräsentativ, insbe- machtsangehörigen zum Nationalsozialismus
sondere was die generationelle und geschlech-
5 Diese Analyse basiert auf dem Kapitel „Die Rolle
terspezifische Zusammensetzung betrifft. Ulla
Hahn (Jg. 1946) gehört zur so genannten der Ideologie“ meiner Dissertation, die unter dem Titel
„Den Krieg beschreiben“ 2009 erschienen ist. Ich dan-
„Kriegskindergeneration“, während Tanja
ke dem Transcript-Verlag für die Möglichkeit, einige
Dückers (Jg. 1968) aus der Perspektive der Passagen aus dieser Publikation hier wiederzugeben.
„Enkelkindergeneration“ schreibt. Das ist 6 Vgl. Wolfram Wette, Die Wehrmacht. Feindbilder,

nicht untypisch für die deutsche zeitgenössi- Vernichtungskrieg, Legenden, Frankfurt/M. 2002;
sche Prosa über den Krieg, ebenso wie die Tat- Omer Bartov, Hitler’s army. Soldiers, Nazis, and War
sache, dass beide Autorinnen in ihren Werken in the Third Reich, New York 1991; Klaus Latzel,
Deutsche Soldaten – nationalsozialistischer Krieg?
die Sicht der Töchter bzw. Enkeltöchter auf
Kriegserlebnis – Kriegserfahrung 1939–1945, Pader-
die Familiengeschichte darstellen, zu der auch born 1998; Alexander Proskouriakov, Feldpost aus
der Krieg gegen die Sowjetunion gehört. An- Stalingrad, Berlin 2004.
ders in Russland: Dort gibt es kaum Frauen, 7 Vgl. W. Wette (Anm. 6), S. 102 ff.

APuZ 36–37/2009 29
„in ihrer ausgeprägten Glaubensbereitschaft Partisanin vergewaltigen wollte; mit dieser
gegenüber dem Führer, in ihrer Reprodukti- Partisanin ist Musbach dann – als Liebespaar
on des Hitlermythos, dem sie wohl noch – durchgebrannt. Dieses Narrativ erinnert
länger und stärker verfallen waren als die stark an das Erzählmuster der westdeutschen
Zivilbevölkerung“. 8 Ostfrontromane der 1950er Jahre, das auf
diesem Weg in die deutsche Literatur zurück-
Für die sowjetische Seite betonen Historiker kehrt.
unter anderem die Überzeugung von der Not-
wendigkeit der Landesverteidigung, den Exis- Laut Musbach gab es beim Militär keine
tenz- und Freiheitskampf sowie die Opferbe- ideologische Erziehung: „Man ließ ihre
reitschaft der Bevölkerung als ausschlaggeben- Köpfe in Ruhe. (. . .) Sogar eine gewisse Frei-
de Motive zum Kampf gegen die Invasoren. heit glaubte Musbach sich so bewahren zu
„Unter dem Zeichen dieser Gefühle – Liebe können, eine innere zumindest.“ 11 Die Ideo-
zur Heimat und Hass auf den Feind – erlebte logisierung der Frontsoldaten, die zahlreiche
der sowjetische Soldat den ganzen Krieg.“ 9 historische Studien belegen, 12 wird im
Roman bestritten. Musbach vertritt die Mei-
Die historischen Tatsachen haben mit dem nung, dass die meisten deutschen Soldaten bei
Geschichtsbild der Bevölkerung oft nicht viel Kriegsausbruch keine nationalsozialistische
zu tun. Gerade wenn der Abstand zu einem Überzeugung teilten: „Warum sollten wir
historischen Ereignis größer wird, verfestigen gegen den Kommunismus kämpfen? (. . .) Ein
sich alte und entstehen neue Geschichtsbilder, „Volk ohne Raum“? Nein, einen Drang nach
die den historischen Fakten widersprechen, Osten spürten wir nicht. (. . .) Laut sangen
unangenehme Tatsachen auslassen und von wir nicht, und am Ende brüllten wir auch
der aktuellen gesellschaftspolitischen Kon- nicht das gewohnte ,Sieg Heil!‘ (. . .) Und ver-
junktur beeinflusst sind. Schriftsteller sind giss niemals, wir hatten uns nicht freiwillig
neben Filmemachern wichtige Produzenten gemeldet! Ich hatte Hitler nie gewählt! Ich
solcher Geschichtsinterpretationen. So wird war in Russland ein Gefangener meines eige-
gefragt, wie deutsche und russische Schrift- nen Landes.“ 13 Gekämpft habe er aus Angst,
steller die Gründe erklären, aus denen heraus weil ihm nichts anderes übrig blieb: „Letzten
Soldaten auf beiden Seiten zum Töten und Endes sind wir eigentlich nur aus Feigheit da-
Sterben bereit waren. Welche Antwort wür- geblieben. Desertieren führte meist in den si-
den sie mit ihren Werken auf die gemeinsame cheren Tod, in der Truppe gab es wenigstens
Frage von Heinrich Böll und Lew Kopelew eine Chance zu überleben.“ 14
geben: „Warum haben wir aufeinander ge-
schossen?“ 10 Für diesen spezifischen Fall könnten die
Aussagen stimmen, im Roman wird sugge-
Der Krieg in Russland ist das zentrale riert, es handele sich um die Regel. Inwieweit
Thema des Romans „Unscharfe Bilder“ von diese Sicht im Widerspruch zu neuesten For-
Ulla Hahn. Eine der beiden Hauptfiguren, schungsergebnissen steht, zeigt die Studie
die Gymnasiallehrerin Katja, glaubt, ihren von Stephen G. Fritz „Hitlers Frontsolda-
Vater Hans Musbach auf einem Foto der ten“, in der anhand von zahlreichen Inter-
Wehrmachtsausstellung erkannt zu haben. Sie views und Feldpostbriefen belegt wird, dass
konfrontiert ihn mit Fragen, woraufhin der es in der Truppe in Russland ein derart auffäl-
Vater von seinen Kriegserlebnissen in Russ- liges Einverständnis mit der Auffassung des
land erzählt. Am Ende gesteht er, an einer NS-Regimes vom bolschewistischen Feind
Partisanenerschießung teilgenommen, jedoch und von dessen Behandlung gab, dass sich
danebengeschossen zu haben und ohnmäch- viele Soldaten bereitwillig an Mordaktionen
tig geworden zu sein. Nach dem Aufwachen beteiligten.
habe er den SS-Mann erschlagen, der ihm den
Befehl gegeben hatte, als dieser gerade eine
11 Ulla Hahn, Unscharfe Bilder, München 2003, S. 32.
8 K. Latzel (Anm. 6), S. 371. 12 Vgl. O. Bartov (Anm. 6); Stephen G. Fritz, Hitlers
9 Elena Senjavskaja, 1941–1945. Frontovoe pokolenie, Frontsoldaten. Der erzählte Krieg, Berlin 1998; W.
Moskva 1995, S. 84. Wette (Anm. 6).
10 Vgl. Heinrich Böll/Lew Kopelew, Warum haben 13 U. Hahn (Anm. 11), S. 37, 82, 207, 107.

wir aufeinander geschossen?, Bornheim-Merten 1981. 14 Ebd., S. 51.

30 APuZ 36–37/2009
Im Roman „Himmelskörper“ von Tanja Nach dem Tod ihrer Großeltern findet
Dückers geht es um den Versuch der 30-jähri- Freia in einem Pappkarton Bücher zur Ras-
gen Freia, das Familiengeheimnis über die senlehre, welche die Großeltern auf die
fragwürdigen Umstände der Flucht ihrer Flucht mitgenommen haben, und die sie –
Großeltern aus Westpreußen aufzudecken. worauf Unterstreichungen und Eselsohren
Der Russlandkrieg ist in der Familie ständig hindeuten – gründlich studiert haben. Diese
präsent: Großvater hat in Russland ein Bein Einstellung der Großeltern stellt ihre „Opfer-
verloren. Unter welchen Umständen das ge- geschichte“ von Krieg und Vertreibung in ein
schah, wird vom Großvater nur widerwillig ambivalentes Licht.
erzählt: „Er war Soldat, erfuhren wir, ,für
Hitler‘ zog er in den Krieg, nach Russland, Auch Musbach im Roman von Ulla Hahn
am Anfang ,lief alles wie am Schnürchen‘, lässt kein gutes Haar an „Parteibonzen, Goldfa-
murmelte er. Dann wurde alles ,immer sane(n), großmäulige(n) Ideologen“, die „über-
schwieriger‘, sein ,Regiment‘ wurde zurück- all die Oberhand“ gewannen. Denn er selbst
gedrängt, sie konnten nicht, wie Hitler ver- war kein Nazi, im Gegensatz zum Kompanie-
sprochen hat, Weihnachten wieder nach schützen Mertens. „Ein bösartiger Rassist“
Hause. Es ging nicht ,voran‘, der Horizont nennt ihn Musbach, „er war in Russland, um,
,brannte immer‘, ,Feuer, manchmal ganz nah‘, wie er es nannte, einen ,Sumpf trockenzulegen‘,
und sie waren immer noch in diesem fernen einen ,Sumpf von Untermenschen‘.“ 17 Der Un-
Land. . . Irgendwann hörte Großvater einfach sympathischste ist der SS-Mann Katsch, den
auf mit den Worten, ,minus 52 Grad und Musbach später erschießt. „Der Totenkopf auf
diese Weite. . . diese Weite. . . ach, Kinder, seiner Mütze grinste mich an, als wolle er sagen:
diese schreckliche Weite‘. Wir sprachen leise Siehst du, wir kriegen euch alle.“ 18 Während
miteinander. Man hatte auf Großvater ge- Musbach als unfreiwilliger Befehlsvollstrecker
schossen. Armes Mäxchen. Der Russe musste präsentiert wird, sind die „Nazis“ im Roman –
ein besonders fieses Monster sein.“ 15 besonders die SS-Angehörigen – Überzeu-
gungstäter. Sie werden als Sonderlinge, als eine
Auch der Großvater verliert kein Wort über Art „Missbildung“ dargestellt.
die ideologische Seite des Krieges. Ideologieträ-
ger sind „die Anderen“, die SS oder generell die Es lässt sich feststellen, dass die Konfliktli-
„Nazis“. In „Himmelskörper“ erzählt die nie in den Argumentationen beider Autorin-
Großmutter von der Flucht aus Westpreußen. nen entlang der Frage verläuft, ob die Indok-
Ihr Hass auf die „Bonzen“ wird deutlich: Diese trinierung im nationalsozialistischen Sinne
konnten sich „sicherer“ retten. Aber auch sie die Regel oder die Ausnahme darstellte.
gelangte auf das sichere Minenschiff, denn ihre Dabei geht es auch um die Beschäftigung mit
Parteizugehörigkeit öffnete bessere Fluchtmög- der Frage nach den Grenzen der Freiheit und
lichkeiten. Dückers zeigt das Heuchlerische an der Abhängigkeit in einem totalitären Staat.
der Einstellung, dass „Bonzen“ immer die an- Obwohl die Kriegsziele im Russlandfeldzug
deren waren. Die Großeltern können sich bis in beiden Romanen als verbrecherisch aner-
zum Ende ihres Lebens nicht von der Rassen- kannt werden, herrscht keine Übereinstim-
theorie lösen. Zwar behaupten sie immer das mung bezüglich der Frage individueller Ak-
Gegenteil, doch wenn Großvater über seine zeptanz nationalsozialistischer Ideologie. Die
Bienen spricht, wird seine Überzeugung offen Diskussion über die „saubere“ bzw. ideolo-
gelegt: „So etwas gibt es eben nicht nur beim giefreie Wehrmacht geht auf der literarischen
Menschen: diese Heimatlosigkeit, dieses No- Ebene weiter.
madentum. Für mich sind die Kuckucksbienen
die Juden im Bienenvolk. Sie bereichern sich an Indoktrinierung
den Grundlagen, die andere Völker für sie ge-
schaffen haben. Nutznießerisch. Berechnend. Wie gehen russische Autoren mit der Frage
Aber eine starke Bienenkönigin – immerhin hat nach der Rolle der Ideologie im Krieg um?
sie ein Heer von bis 60 000 Arbeiterinnen an Schon während der Perestroika wurden in
ihrer Seite (. . .) – lässt die Kuckucksbienen na- der Sowjetunion Zweifel laut, ob der Glaube
türlich verjagen.“ 16 an das Regime tatsächlich so stark gewesen
15 Tanja Dückers, Himmelskörper, Berlin 2003, S. 87. 17 U. Hahn (Anm. 11), S. 90.
16 Ebd., S. 187. 18 Ebd., S. 265.

APuZ 36–37/2009 31
war, wie es die sowjetische Historiographie Anders ist die Darstellung des Politkom-
hatte glauben machen wollen, und ob patrio- missars im Roman „Die nackte Pionierin“ von
tische Gefühle tatsächlich alle ergriffen hat- Michail Kononow, in dem der Krieg aus der
ten, was in Anbetracht der großen Zahl an Perspektive eines 14-jährigen Mädchens,
Überläufern, Kollaborateuren und Deserteu- Motte, gezeigt wird, die als „Regimentshure“
ren unwahrscheinlich ist. Die Macht von agiert und diese Tätigkeit in ihrer Verblen-
Angst und Einschüchterung – beides wichtige dung als Beitrag zum Sieg über den Faschis-
Faktoren im stalinistischen System – wird der mus mit stalinistischen Kampfparolen schön-
„Patriotismusthese“ entgegengesetzt, wie es redet. Anfangs wehrt sie sich gegen die Zu-
im Roman „Verdammt und Umgebracht“ dringlichkeiten, schämt sich, will lieber
von Viktor Astafjew der Fall ist. sterben als „das“ tun, aber dann nimmt sie der
mächtige Kommissar Tschaban in die Mangel:
Die Handlung des Romans spielt in einem „Die ganze Zeit bilde ich mir ein, ich hätte es
sibirischen Ausbildungslager. Dort werden mit einer fortschrittlichen, kampfgestählten
Kampfeinheiten formiert und auf die Front Genossin zu tun, und wen sehe ich vor mir
vorbereitet. Nach Astafjews Auffassung hat- stehen? Eine schamlose Zimperliese. (. . .) R-r-
ten die staatlichen Maßnahmen zur Hebung reiß Dich zusammen, Töchterchen! (. . .) Es
des Patriotismus keine besondere Wirkung. gibt ein Wörtchen, das heißt ,muss‘!“ 20
Der Hauptkonflikt verläuft im Roman nicht
zwischen Deutschen und Russen, sondern Die Haltung Kononows zu Tschaban und zu
zwischen dem Militär und den Politkommis- dem, was er propagiert, ist zwiespältig: Einer-
saren. Im Roman sind die Kommissare Vertre- seits zeigt der Autor einen durchaus aufrichti-
ter einer geheimen Parallelwelt, die mit dem gen Glauben an den Sieg, das Vaterland und sei-
Teufel einen Pakt geschlossen hat: „Hier wird nen Führer. Die Hauptfigur Motte ist dafür das
Er, der Barmherzige, nicht aufhören, und beste Beispiel. Andererseits zeigt er, dass sich
wirft alle in die brennende Hölle, und wird die mit diesen Slogans auch Dinge rechtfertigen las-
Kommissare nicht vergessen; sie, die ersten sen, die für einen Menschen unzumutbar sind –
gottlosen Unruhestifter, wird er wahrschein- so wie Mottes „Dienst am Kollektiv“. Der
lich in der ersten Kolonne, in erster Linie, in Zwang wurde von ihr so verinnerlicht, dass er
die Hölle treiben, wird ihnen ihre roten Reit- als eigener Wille empfunden wird. Mottes Vor-
hosen ausziehen und mit glühenden Stäben bild ist der Komsomolze Pawel „Pawka“ Kor-
auf den Arsch schlagen. Und zu Recht, und zu tschagin, der Held des populären Romans „Wie
Recht – verpestet nicht die Luft, verwirrt der Stahl gehärtet wurde“ von Nikolai Ostrow-
nicht das Volk, besudelt nicht den Glauben ski aus der Frühzeit der Sowjetunion. Der
und den heiligen Namen Gottes!“ 19 Roman spricht von Selbsthingabe und fordert
revolutionäre Askese. Alles wird geopfert, und
Die „Politerzieher“ sind bei Astafjew fast wenn es nichts mehr zu opfern gibt, opfert man
ausschließlich Juden, wodurch ihr „Fremd- sich selbst. Diese Bereitschaft zur Selbstaufop-
sein“, ihre Andersartigkeit noch unterstrichen ferung erhält im Roman von Kononow zweier-
wird. Das scheußliche Äußere verstärkt die lei Bedeutung: Er würdigt die Kraft dieser
Wirkung dieses Bildes. Astafjew distanziert Selbstlosigkeit und sieht darin die Erklärung für
sich von der Tradition der offiziellen Darstel- den sowjetischen Sieg. Gleichzeitig verdeutlicht
lung, in welcher der politische Offizier, zu- er, dass diese Bereitschaft an Selbstzerstörung
ständig für ideologische Erziehung, üblicher- grenzt und die Persönlichkeit ruiniert.
weise mit seinem feurigen Wort die Rotarmis-
ten zur Attacke treibt. Er verachtet diese So zeigen russische Autoren einen unter-
Prediger, denn statt gegen die Deutschen zu schiedlichen Grad an Akzeptanz staatlicher
kämpfen, verbrauchen sie die Munition gegen Propaganda durch Kriegsteilnehmer. Auf der
die eigenen Leute als Strafe, verhören diejeni- einen Seite demonstriert Kononow am Bei-
gen, die der Kriegsgefangenschaft entflohen spiel von Motte die fatale Wirksamkeit staat-
sind und die nun als potentielle Verräter gelten, licher Indoktrination. Mottes Bewusstsein ist
oder erschießen Unschuldige nach dem Befehl von sowjetischer Ideologie durchdrungen,
Stalins „Kein Schritt zurück“. und alle Denkstrukturen sind dieser Propa-

19 Viktor Astaf’ev, Prokljaty i ubity, Moskva 2002, 20 Michail Kononow, Die nackte Pionierin, München

S. 115. 2003, S. 171.

32 APuZ 36–37/2009
ganda unterworfen, selbst ihre Selbstschutz- Zwangsarbeiter kommen sowohl in den Wer-
mechanismen. Die Rekruten in Astafjews ken der deutschen als auch der russischen Auto-
Roman bleiben dagegen von den Indoktrinie- ren nicht vor. Die historische Tatsache, dass
rungsversuchen der Politkommissare unbe- das nationalsozialistische Deutschland einen
einflusst und empfinden die politischen Er- machtpolitisch und rassenideologisch motivier-
ziehungsmaßnahmen als sinnlose Zeitver- ten Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen
schwendung. Somit wird kommunistische die Sowjetunion führte, findet keine literarische
Ideologie als Fremdkörper betrachtet und die Resonanz.
sowjetische Epoche als Fremdherrschaft von
„Kommunisten“ und „Juden“ stilisiert. Die Gründe dafür sind unterschiedlich:
Den russischen Literaten geht es nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion um die
Ideologie und Verantwortung Abrechnung mit dem eigenen Regime und
die Verbrechen der eigenen Führung, als
In der Deutung der Rolle der kommunistischen deren Opfer man sich stilisiert; den deutschen
bzw. nationalsozialistischen Weltanschauung Autorinnen geht es um Familienangehörige.
zeichnen sich zwei „Lager“ ab: Autoren, die Obwohl der Osten, Russland, Hauptschau-
Ideologie als externen Korpus außerhalb der platz des Krieges war, bleibt er in der Darstel-
kämpfenden Truppe betrachten (die Armee als lung der deutschen Schriftstellerinnen ein
„ideologiefrei“ darstellen), und solche, die von Nebenschauplatz der Verbrechen. Dadurch
einem großen Einfluss ideologischer Faktoren verliert der Krieg gegen die Sowjetunion sei-
auf alle Bereiche des Kriegsgeschehens ausge- nen besonderen Charakter.
hen. In den untersuchten Romanen lasten die
Protagonisten die Schuld am Missbrauch der Es fällt auf, dass auch russische Autoren
Soldaten „den Anderen“ an, den sog. Ideologie- die nationalsozialistische Rassenideologie
vermittlern – „Kommissaren“ oder „Nazis“. nicht erwähnen. Das könnte daran liegen,
Diese tragen die Verantwortung für die Verluste dass eine Auseinandersetzung mit den ideolo-
bzw. für das gesamte Regime. Man distanziert gischen Komponenten des Nationalsozialis-
sich von ihnen und betrachtet sich selbst als mus in der Sowjetunion und im postsowjeti-
Opfer dieser „Mistbande“. Sie seien „die schen Russland nicht stattfand. Die fehlende
Bösen“, denen auf der anderen Seite „die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen
Guten“, „die einfachen Soldaten“ gegenüber- Ideologie bei den Literaten hat seine Ur-
stehen. Implizit wird die NS-Ideologie sogar sprünge in der sowjetischen Erklärung des
reproduziert, wenn, wie etwa bei Astafjew, ein Nationalsozialismus als „radikaler Ausdruck
metaphysisch überhöhter Antibolschewismus des Kapitalismus“, wobei der Rassenwahn
und der rote Kommissar als Verkörperung des und der Antibolschewismus der Nazis den
absolut Bösen zum literarischen Leitnarrativ „Kapitalisten“ zugeschrieben wurde, was den
avancieren. Auch im Roman von Hahn wird „einfachen Mann“ jeglicher Verantwortung
diese Trennlinie zum inhaltlichen Mittelpunkt. entzog. Als „Feind“ werden nicht die Deut-
Kononow und Dückers folgen dieser Trennung schen, sondern die „Eigenen“ betrachtet –
nicht: Sie zeigen das tiefe Eindringen der Ideo- Kommissare, NKWD, Militärführung, natio-
logie in das Bewusstsein der einfachen Men- nale Minderheiten. Man findet bei keinem
schen, die sich mit der staatlichen Propaganda der Protagonisten das Gefühl des Hasses ge-
identifiziert haben. In ihren Romanen sind genüber den Deutschen, was teilweise erst
Ideologieträger keine isolierte Gruppe, sondern durch die Ausblendung der NS-Ideologie
die breite Masse der Bevölkerung, die das Re- möglich wird. Es wird eine soldatische Soli-
gime mitgetragen hat. Die Frage nach Verant- daritätsgemeinschaft unter dem Motto „Wir
wortung bekommt vor diesem Hintergrund waren alle Opfer des Krieges“ konstruiert.
eine andere Bedeutung. Dadurch ist die Annäherung an den ehemali-
gen Feind und die Aussöhnung möglich; eine
Die nationalsozialistischen Verbrechen blei- echte „Aufarbeitung“ kann jedoch auf diesem
ben in den hier vorgestellten Romanen weitge- verkürzten Weg nicht stattfinden.
hend unerwähnt. Die Mordaktionen der Ein-
satzgruppen, der Hungertod von Millionen so-
wjetischer Kriegsgefangener, die Opfer der
Blockade von Leningrad oder das Leid der

APuZ 36–37/2009 33
Svenja Goltermann jenseits aller Verzweiflung weiterglüht.“ Spen-
der fügte hinzu: „Denselben Ausdruck kannte

Kriegsheimkehrer ich von den Gesichtern der hoffnungslosen jun-


gen Männer der aufgelösten Wehrmacht, aber
auch von denen repatriierter französischer Ge-
in der west- fangener und von Männern und Frauen, die
man als Deportierte, als Displaced Persons be-

deutschen zeichnet.“ 1

Spenders Beobachtung einer scheinbar auf-

Gesellschaft fallend apathischen Verfassung der Menschen


war kein Einzelfall. Vor allem für Nachkriegs-
deutschland ist diese Beobachtung häufig doku-
mentiert. Davon zeugt auch Hannah Arendts

A ls der englische Schriftsteller Stephen


Spender im Sommer 1945 im Auftrag
der Alliierten Kontrollkommission mehrere
berühmt gewordener „Bericht aus Deutsch-
land“, in dem die Emigrantin das Verhalten der
Deutschen außergewöhnlich fand. Nirgends
Reisen durch das zer- werde der „Alptraum von Zerstörung und
störte Deutschland Schrecken weniger verspürt“ als in Deutsch-
Svenja Goltermann
unternahm, sammelte land, interpretierte sie jedoch, und sah die
Dr. phil. habil., geb. 1965;
er eine Vielzahl von Deutschen auf der Flucht vor der Wirklichkeit
Privatdozentin am Historischen
Eindrücken, die er und damit auch vor ihrer Verantwortung für die
Seminar der Universität Frei-
schon bald nach sei- begangenen Verbrechen. Die deutsche Gesell-
burg, Rempartstraße 15 – KG IV,
ner Rückkehr in schaft schien von Gleichgültigkeit erfasst, auf-
79085 Freiburg i. Br.
Form eines Reisebe- fallend war in Arendts Augen lediglich Selbst-
svenja.goltermann@
richts veröffentlichte. mitleid: „Die Angesprochenen sind lebende
geschichte.uni-freiburg.de
Zwei Monate lang Gespenster, die man mit Worten, mit Argumen-
hatte er sich im ten, mit dem Blick menschlicher Augen und der
Rheinland aufgehalten, meist in den größeren Trauer menschlicher Herzen nicht mehr rühren
Städten, deren Verwüstung auf ihn wie auf kann.“ 2 Stattdessen ließ sich offenbar bereits
viele andere ausländische Besucher erschüt- geraume Zeit nach Kriegsende unter den Deut-
ternd wirkte. schen eine ausgesprochene Neigung beobach-
ten, den Besatzungsmächten für alle Notstände
Spender kam wiederholt auf die Deutschen der Nachkriegszeit die Schuld zu geben. Das
und ihre seelische Verfassung zu sprechen, die Bewusstsein darüber, wie man überhaupt in
er zu entziffern versuchte. So geschah es, als er diese Lage geraten war, schien zwei Jahre nach
bei einem seiner Streifzüge entlang des Rheins dem Krieg vielerorts bereits dem Vergessen an-
auf sechs Männer traf. Sie schauten still und heim gefallen zu sein. Mehr als vierzig Prozent
„trübsinnig“ auf den Fluss, Spender hielt sie für der Bundesdeutschen betrachteten laut Umfra-
ehemalige Angehörige der Wehrmacht: „Deut- gen aus dem Jahr 1951 das „Dritte Reich“ als
sche Soldaten haben heute denselben seelenlos- die beste Zeit ihres Lebens. 3
niedergedrückten Gesichtsausdruck wie die aus
Holz geschnitzten Figuren von slawischen Bau- Entnazifizierung
ern“, erläuterte er, bevor er einen Moment spä-
ter feststellen musste, dass er keine deutschen Vieles an diesem Bild über die unmittelbare
Kriegsgefangenen, sondern ehemalige polni- Nachkriegszeit hat sich bis heute nicht geän-
sche Zwangsarbeiter vor sich hatte. Es war ein dert. Auch die Zeitgeschichtsforschung hat in
kurzes Gespräch, das sich mit den Männern
entspann, bevor sie wieder in Schweigen verfie- 1 Stephen Spender, Deutschland in Ruinen. Ein Be-

len. Spender sah in dieser „Apathie“ nur ein richt, Frankfurt/M. 1995 [engl. Orig.: European Wit-
„vordergründiges Symptom“. „Hinter ihr steht ness, London 1946], S. 50–53 (Hervorh. im Orig.).
2 Hannah Arendt, Bericht aus Deutschland, in: dies.,
etwas viel Bedrohlicheres“, erklärte er, „etwas,
In der Gegenwart. Übungen im politischen Denken II,
was geschah und seine Spuren hinterlassen hat, München 2000, S. 38-63, Zitate auf S. 39 und S. 46.
die Feuer nämlich, in denen die Städte Europas 3 Vgl. Michael Geyer, Der Kalte Krieg, die Deutschen
verbrannten und die noch im Geist der Men- und ihre Angst, in: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg
schen schwelen. Dies ist ein Geisteszustand, der in Deutschland, Hamburg 2001, S. 267-318, hier S. 163.

34 APuZ 36–37/2009
ähnlicher Weise über viele Jahre ein Übermaß Verantwortlichkeit für die Verbrechen an Mil-
des Schweigens der Deutschen über den Mas- lionen von Menschen Vorschub geleistet habe.
senmord an den Verfolgten des Nationalsozia-
lismus und die Gräuel des Krieges beklagt und Auch das aber ist, wie es scheint, nur die
daraus auf weitgehende Unberührtheit, auf halbe Wahrheit. Denn tatsächlich war das
Amnesie oder Verdrängung, gerade auch unter „normale“ Leben in vielen Fällen prekärer,
den heimkehrenden Soldaten, geschlossen. 4 Al- als es der gängige Eindruck über die Nach-
lerdings haben jüngere Studien das Bild inso- kriegsgesellschaft vermuten lässt. 8 Aufgrund
fern modifiziert, als sie zeigen, dass die Deut- der Verdichtung und der Eskalation der ex-
schen über ihre eigenen Leiden während und im tremen Gewalt in den 1940er Jahren ist zwar
Gefolge des Krieges durchaus sprachen, wes- von einem „Schock der Ereignisse“ gespro-
halb eher von „selektiver Erinnerung“ und chen worden, der die Menschen außer Stande
einer „Rhetorik der Viktimisierung“ die Rede gesetzt habe, „sich ernsthaft mit Krieg und
sein müsse – und nicht von Verdrängung. 5 Tat- Tod zu beschäftigen“. 9 Doch die „Normali-
sächlich lassen sich dafür in der öffentlichen Er- tät“ dieser Gesellschaft zeichnete sich gerade
innerungskultur viele Beispiele finden. Den- nicht dadurch aus, dass sich die Apokalypse
noch haben insbesondere die Studien über die von Krieg und Völkermord „verdrängen“
Entnazifizierungsverfahren wiederholt ein- ließ. Vielmehr waren der Tod und die Toten
drücklich gezeigt, dass sich im Nachkriegs- in der persönlichen Erinnerungs- und Vor-
deutschland ein regelrechter „Wettbewerb des stellungswelt immer gegenwärtig.
Opportunismus, des Abstreitens und Nicht-
wahrhabenwollens“ ausbreitete. 6 Das gilt jedenfalls für eine große Anzahl ehe-
maliger Soldaten, die zurückgekehrt waren. Sie
Die in den Entnazifizierungsverfahren einge- hatten den Krieg keineswegs einheitlich erfah-
räumte Möglichkeit zur eigenen Verteidigung ren, auch die Dauer und die Härte der Kriegsge-
zog fieberhafte Bemühungen von Millionen von fangenschaft waren ausgesprochen unterschied-
Menschen nach sich, eine möglichst große Zahl lich. 10 Während sich zum Jahreswechsel 1944/
von Entlastungszeugnissen beizubringen. Ende 45 die Zahl der Kriegsgefangenen noch auf zwei
1948, als die Verfahren in den Westzonen abge- Millionen belief, schnellte sie mit der Kapitula-
brochen wurden, waren lediglich 1 670 Perso- tion auf etwa elf Millionen hoch. Mehr als zwei
nen als Hauptschuldige und etwa 23 000 Perso- Drittel von ihnen befanden sich im Gewahrsam
nen als Belastete eingestuft worden. Die Entna- der Westmächte, der andere Teil im Osten,
zifizierungsverfahren waren, so ist jüngst noch überwiegend bei den Sowjets. Bis zu Beginn des
einmal bekräftigt worden, zur „Farce einer Jahres 1947 waren die deutschen Kriegsgefan-
Reinwaschanstalt“ geworden. 7 Im Übergang genen von den Alliierten mehrheitlich wieder
der deutschen Gesellschaft von der Nazi-Dikta- entlassen worden. Auch die etwa zwei Millio-
tur zur Demokratie gilt die Entnazifizierung nen deutschen Soldaten, die in den Gefangenen-
deshalb oft als absoluter Fehlschlag, der nicht lagern verblieben, kehrten nahezu vollständig
nur eine politische „Säuberung“ verhindert, bis Ende 1949 wieder ins zivile Leben zurück.
sondern einer bizarren Wahrnehmung von der Nur die Sowjetunion hielt noch etwa 30 000
Gefangene fest. Erst 1956 wurden die letzten
4 Vgl. etwa Wolfgang Benz, Postwar Society and Na- von ihnen nach Deutschland entlassen. 11
tional Socialism: Remembrance, Amnesia, Rejection,
in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 19 8 Vgl. K. Naumann, Einleitung, in: ders. (Anm. 3), S.

(1990), S. 1–12. Kritisch gegenüber dieser Annahme 9-27.


einer Verdrängung deutscher Schuld Anthony D. 9 Richard Bessel, Leben nach dem Tod. Vom Zweiten

Kauders, „Repression“ and „Philo-Semitism“ in Post- Weltkrieg zur Zweiten Nachkriegszeit, in: Bernd
war Germany, in: History and Memory, 15 (2003), Wegner (Hrsg.), Wie Kriege enden, Paderborn 2002,
S. 97 –122. S. 240 f.
5 Vgl. vor allem Robert G. Moeller, War Stories. The 10 Vgl. Andreas Hilger, Deutsche Kriegsgefangene in

Search for a Usable Past in the Federal Republic of der Sowjetunion 1941–1956, Essen 2000; Stefan Kar-
Germany, Berkeley 2001. ner, Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und
6 Vgl. Ulrich Herbert, Rückkehr in die Bürger- Internierung in der Sowjetunion 1941–1956, München
lichkeit? NS-Eliten in der Bundesrepublik, in: Bernd 1995; Matthias Reiß, „Die Schwarzen waren unsere
Weisbrod (Hrsg.), Rechtsradikalismus in Niedersach- Freunde“. Deutsche Kriegsgefangene in der ame-
sen nach 1945, Hildesheim 1995. rikanischen Gesellschaft 1942–1946, Paderborn 2002.
7 Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 11 Vgl. Rüdiger Overmans, The Repatriation of Priso-

Bd. 4, München 2003, S. 959. ners of War once Hostilities are Over: A Matter of

APuZ 36–37/2009 35
Gerade in der unmittelbaren Nachkriegszeit nach den Erlebnissen während des Krieges
zeigt sich jedoch mit Blick auf diese Kriegs- stellten die Psychiater nicht.
heimkehrer: Das Streben der westdeutschen
Gesellschaft nach Wiederaufbau und sozialer Die im Leben der Kriegsheimkehrer be-
Sicherheit war durchsetzt von Schrecken und drückende und irritierende Allgegenwart des
quälenden Alpträumen, die von der ansonsten Todes zeigt sich in schriftlichen Zeugnissen
zu beobachtenden Nüchternheit nichts mehr der Patienten, schlug sich aber auch in kurzen
erkennen ließen. Die Konfrontation mit den Erzählsequenzen nieder, die in den Aufzeich-
Besatzern, insbesondere die Entnazifizie- nungen der Gespräche festgehalten sind. Die
rungsverfahren, trugen in einer Vielzahl von sinnliche Präsenz der Toten nahm Gestalt an
Fällen erheblich dazu bei. Denn ebenso wie die in der Traumwelt der Nacht, schließlich brach
Angst vor Vergeltung bei den Gewaltexzessen das Wissen um die Toten auch in Wahnvorstel-
gegen Ende des Krieges eine Rolle spielte, war lungen und Halluzinationen hervor. Wie
es nach der totalen Niederlage, bei dem Ver- Träume reproduzieren diese zwar keine reale
such, sich mit der neuen Demokratie zu arran- Wiedergabe erlebter Ereignisse und sind daher
gieren, die Angst vor Entdeckung. Die west- dem Bereich der Fiktionen zuzuordnen.
deutsche Nachkriegsgesellschaft zeigt aus die- Gleichwohl aber sind sie als historische Quel-
ser Perspektive ein verändertes Gesicht: Es le lesbar. Denn sie sind Bestandteil der wahr-
trägt die Züge einer ausgesprochenen Angstge- genommenen Gewalt und ähneln insofern
sellschaft. 12 „psychischen Innenaufnahmen“, wie Reinhart
Koselleck im Hinblick auf die Träume des
„Dritten Reiches“ argumentiert hat. 13
Angstgesellschaft
Zweifellos waren es nicht nur Angstzustän-
Einen Zugang zu diesem eher verdeckten
de, in denen sich die Erfahrung des Massento-
Umgang mit den mörderischen Ereignissen
des niederschlug. In den ersten vier Jahren
der Vergangenheit bieten psychiatrische
nach dem Krieg waren diese, verglichen mit
Krankenakten, von denen mir mehr als 600
der darauf folgenden Zeit, jedoch von auffal-
aus der Zeit zwischen 1945 und 1960 vorlie-
lender Häufigkeit. Dass Angstzustände in
gen. Die meisten von ihnen stammen von
psychiatrischen Krankenakten zu finden sind,
Männern, die zu irgendeinem Zeitpunkt des
ist nicht verwunderlich. Immerhin können sie
Krieges Soldaten gewesen waren. Das Spek-
ein wichtiges Symptom für spezifische Krank-
trum ihrer Leiden war breit; meist kamen sie
heitsbilder sein, etwa für Verfolgungsangst
auf Anraten eines Arztes, der an die Grenzen
oder Schizophrenie. Dennoch ist die Annah-
seiner diagnostischen und therapeutischen
me falsch, dass Äußerungen der Angst, die im
Fähigkeiten gestoßen war, oder sie folgten
Kontext dieser Quellen auftreten, auf nichts
dem Druck von Familienangehörigen, die mit
anderes verwiesen als auf den Krankheitszu-
den Verhaltensweisen der Heimgekehrten
stand selbst. Sogar im Falle einer diagnosti-
nicht zurecht kamen. Ihre Angehörigen be-
zierten Schizophrenie, die Schübe angstdurch-
schrieben sie als außergewöhnlich zurückge-
zogener Wahnvorstellungen zeitigte, legen
zogen und unzugänglich, aber auch als nervös
diese Spuren zeitspezifische Ängste frei, die
und gereizt, als ängstlich und misstrauisch.
auf den Erfahrungshorizont verweisen, in
Von psychischen Leiden infolge des Krieges
deren Gefolge sie entstanden. In den hier vor-
ging dabei kaum jemand aus, am allerwenigs-
liegenden Fällen umspannte dieser Erfah-
ten die Psychiater. Entsprechend der vorherr-
rungshorizont die Lebenswirklichkeit und
schenden Lehrmeinung schlossen sie einen
Vorstellungswelt des Nationalsozialismus und
solchen Zusammenhang aus. Gezielte Fragen
des Krieges. Das heißt nicht, dass die in den
Course?, in: Bob Moore/Barbara Hately-Broad (eds.), Akten auftauchenden Angstsequenzen immer
Prisoners of War, Prisoners of Peace. Captivity, eindeutig an Erlebnisse aus dem Krieg zurück-
Homecoming and Memory in World War II, Oxford gebunden werden könnten; meist ist das nicht
2005, S. 17 f.; Arthur L. Smith, Heimkehr aus dem möglich. Als „Konservatoren der Erinne-
Zweiten Weltkrieg. Die Entlassung der deutschen
Kriegsgefangenen, Stuttgart 1985, S. 11.
12 Dazu ausführlicher Svenja Goltermann, Die Ge- 13 Vgl. Reinhart Koselleck, Terror und Traum. Me-

sellschaft der Überlebenden. Kriegsheimkehrer und thodologische Anmerkungen zu Zeiterfahrungen im


ihre Gewalterinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, Dritten Reich, in: ders., Vergangene Zukunft, Frank-
München 2009. furt/M. 1989, S. 287.

36 APuZ 36–37/2009
rung“ 14 erzählen die in der Nachkriegszeit ar- Rolf S. fühlte sich, wie seine Eltern richtig be-
tikulierten Ängste jedoch immer etwas über obachteten, verfolgt. Er müsse für seine Ange-
die Vergangenheit. Doch erst wenn man die je- hörigen kämpfen, habe er wiederholt gesagt,
weiligen Fälle näher und in der historischen und einmal sogar geschrien: „Gebt uns Eier,
Konstellation, in der sie zum Ausdruck kom- dann können wir für Euch kämpfen.“ Eine ge-
men, untersucht, wird die Vielschichtigkeit an waltige Angst um die Angehörigen hatte ihn
zirkulierenden Angstzuständen in der Nach- ergriffen. Oft habe er davon gesprochen, „dass
kriegszeit deutlich. er sich aufhängen müsste, dass seine Angehöri-
gen nicht mitleiden müssten“. Wiederholt hör-
So lassen sich die artikulierten Ängste in der ten die Eltern ihren Sohn sagen: „Ich muss
Nachkriegszeit in vielen Fällen als Sprach- kämpfen, ich muss kämpfen.“ In anderen Mo-
raum der eigenen Todesangst während des ver- menten wiederum beobachteten sie, wie Ge-
gangenen Krieges lesen. „Der Krieg. . . Du räusche vorbeifahrender Züge oder Autos ihn
weißt das doch. . . im Krieg. . . ich kann das hochschrecken ließen. Rolf S. „fuhr (dann) in
nicht mehr tragen“, hatte etwa Alfred S. im die Höhe und blickte immer zum Fenster hi-
Sommer 1949 im Schlaf geschrien, wie seine naus“. Er hatte die Befürchtung, erklärte er
Schwester dem Arzt berichtete. Sie erzählte ihnen, „dass ihn die Russen abholten“.
auch von den jüngsten Verhaltensauffälligkei-
ten ihres Bruders, der seit einer Woche Auch bei den psychiatrisch behandelten Fäl-
„durcheinander“ rede, zwischendurch sei er len wird man Verfolgungsangst nicht nur unter
aber wieder klar gewesen. Ihr Bruder habe be- dem Blickwinkel eines Krankheitssymptoms
hauptet, „er sei Todeskandidat, er müsse ster- betrachten können. Die Angst, verfolgt, bespit-
ben“. In diesen Tagen sprach er oft vom Krieg. zelt, denunziert oder abgeholt zu werden, er-
Er zeigte dabei, so seine Schwester, eine griff nicht nur Einzelne, und es lassen sich hin-
„immer stärker werdende unbestimmte reichend Fälle auffinden, die diesen Ängsten
Angst“. 15 Von Vorkommnissen wie diesen und jeder Art von Gerücht einen realen Kern
wird während der frühen Nachkriegsjahre gaben. 17 In den hier betrachteten Fällen ist je-
häufig berichtet. In einer ganzen Reihe von doch besonders auffällig, wie sehr die Präsenz
Fällen geben Sprachfetzen und bruchstückhaft der Alliierten die Verfolgungsangst nährte. Oft-
überlieferte Traumbilder zu erkennen, dass mals artikulierte sie sich, wie bei Rolf S., als
die einstige Bedrohung durch den Kriegstod Angst „vor den Russen“. Auch Günter B. er-
die ehemaligen Soldaten in der Gegenwart zählte eines Tages seiner Frau von seiner Sorge,
weiterhin verfolgte. Mit dem Leben waren sie „in die russ(ische) Zone abtransportiert“ zu
davon gekommen. Doch die wahrgenommene werden, weshalb er „am Fenster gestanden
Nähe des Todes ließ sich nicht abschütteln. u(nd) alle Autos, die vorbeifuhren aufgeschrie-
ben“ habe. 18 Es war die Gegenwart der Besat-
Oft waren die Ängste auch diffus und ihre zer, die Ängste auslöste oder verstärkte. Aller-
Hintergründe nur schwer zu entziffern. Häu- dings ist bei den hier betrachteten Fällen eine
fig scheint es der Fall gewesen zu sein, dass gewichtige Besonderheit zu erkennen: In der
sich Elemente aus der Kriegs- und Nach- panischen Furcht, vor den Siegermächten letzt-
kriegszeit in imaginierten Szenarien der Angst lich nichts verbergen zu können, und geleitet
vermischten. Der Fall von Rolf S. zeigt das bei- von dem Empfinden, bei Wahrung des eigenen
spielhaft. 16 Seine plötzlich zutage tretenden Geheimnisses von diesen unverhältnismäßig
Ängste erwecken den Eindruck, als seien sie hart für die NS-Verbrechen zur Verantwortung
ein verzerrter Widerhall verschiedener Emp- gezogen zu werden, lieferte sich mancher
findungslagen aus der Kriegs- und Nach- schließlich freiwillig den amerikanischen oder
kriegszeit. Drei Jahre nach Kriegsende – der britischen Behörden aus. 19 Den russischen Be-
Einsatz des Soldaten an der Ostfront lag be- satzern stellte sich niemand.
reits über fünf Jahre zurück – hatte es begon-
nen. Er fragte: „Sind die Russen schon da?“ 17 Beispiele: Anonyma, Eine Frau in Berlin. Tage-

buchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945,


14 Vgl. Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Frankfurt/M. 2003, S. 212; Carl Schüddekopf, Im
Wandel des kulturellen Gedächtnisses, München 1999. Kessel. Erzählungen von Stalingrad, München 2002
15 Vgl. Hauptarchiv der von Bodelschwinghschen (Beispiel: Jakob Vogt), S. 232 –285, bes. S. 282.
Anstalten Bielefeld (HBAB), Psychiatrieakten, Be- 18 Vgl. HBAB, Bestand Morija, 4524.

stand Morija, 5054. 19 Vgl. ebd., 3885, 4473 und 4559; Psychiatrische und
16 Vgl. ebd., 4560. Neurologische Klinik Heidelberg, Nr. 47/163.

APuZ 36–37/2009 37
Das Wissen über die im Osten begangenen Zweifellos mag dazu beigetragen haben,
Verbrechen war, so scheint es, groß genug, um dass eine geordnete Berufsausübung bis zum
die Bestrafung durch die Russen weit mehr zu Abschluss des Entnazifizierungsverfahrens
fürchten als jede Ahndung der Taten seitens nicht möglich war. Die hohe personelle Konti-
der Westalliierten. Diese Vermutung drängt nuität in fast allen Berufen täuscht über die le-
sich im Fall von Herbert I. geradezu auf, der bensgeschichtliche Bedeutung dieses Ein-
die unterschiedliche Sanktionsbereitschaft der schnitts hinweg. Berufliche Perspektivlosig-
Westmächte im Blick hatte. 20 Wie bei den keit, finanzielle Nöte und schmerzliche
allermeisten, deren Verfolgungsängste sich auf soziale Deklassierungserfahrungen waren die
die Besatzer bezogen, artikulierten sich diese Realität eines großen Teils der westdeutschen
auch bei Herbert I. im Zuge seines Entnazifi- Bevölkerung. Diese Dinge sind hier insofern
zierungsverfahrens. „Konflikt bei Ausfüllung von Belang, als in dem Schrecken über den
des Fragebogens“, hatte der Arzt in der Kran- materiellen Verlust und in der Erschütterung
kenakte unter der Rubrik „Jetzige Erkran- über die soziale Misere, die wesentlich mit den
kung“ festgehalten, in der er über seinen Pa- Entnazifizierungsverfahren verknüpft zu sein
tienten notierte: „Angst vor Auslieferung an schienen, der Krieg und die begangenen Ver-
die Russen. Pat. reiste vom amerikanisch ins brechen immer wieder nachhallten. Rückblen-
englisch besetzte Gebiet, stellt sich freiwillig den waren geradezu unvermeidlich, das lässt
dem Secret Service, dort nach Ausfragen frei- sich anhand von zahlreichen Beispielen aus
gelassen. Mit dem Taschenmesser Suizidver- den Krankenakten belegen. So manche Erin-
such.“ Herbert I., der ein Jahr nach dem nerung an Ereignisse und Handlungen wäh-
Kriegsende wieder eine Pfarrstelle bekleidete rend des Krieges wurde dabei durch die Wahr-
und mit Frau und Kind zusammenlebte, hatte nehmung, den Besatzern schutzlos ausgelie-
keinen Ausweg mehr gesehen. Die Reaktion fert zu sein, im Nachhinein beängstigend.
der Engländer hatte ihm die Furcht vor einer
Auslieferung nicht genommen. Immer noch In der bedrohlich erscheinenden Situation
drückte ihn, wie er es gegenüber dem Arzt for- der Nachkriegszeit konnten sich Ängste ver-
mulierte, eine „ganz erbärmliche Angst“. selbständigen. Unter Umständen brachen sich
nun Kriegsängste, rückprojizierte Ängste, ban-
Tatsächlich erwies sich anders, als viele Dar- ges Erschrecken über die Verbrechen, für die
stellungen über die Entnazifizierung vermuten man zur Verantwortung gezogen werden sollte,
lassen, die konkrete Anforderung des Entnazi- und diffuse Lebensängste Bahn. Sie alle hallten
fizierungsverfahrens in sehr vielen Fällen als jedoch nur wie in einem Echo in dem allgemei-
hinreichend, derart jähe Ängste hervorzurufen, nen Angstzustand wider, der wie in einer Un-
dass der äußere Anschein inneren Halts erkenn- terströmung von dem Wissen um die zahllosen
bar einbrechen konnte. Nicht nur für die ehe- Toten begleitet war.
malige NS-Elite war die Einlieferung in ein In-
ternierungslager ein Schock; 21 selbst in Fällen, Im Fall von Gustav N., der 1939 der Deut-
in denen scheinbar keine ernsthafte persönliche schen Arbeitsfront (DAF) beigetreten und
Belastung durch die Verbrechen des NS-Sys- nur kurze Zeit beim Volkssturm Soldat gewe-
tems vorlag, erschien nach der einstigen Loyali- sen war, kann man das beobachten: 23 Sofort
tät zu „Führer“ und „Reich“ die Zukunft als be- nach der totalen Niederlage verübte er aus
ängstigend und die Wirklichkeit als ausweg- Angst davor, für die Verbrechen des Natio-
los. 22 nalsozialismus zur Rechenschaft gezogen zu
werden, einen Suizidversuch. Auch zwei
Jahre später noch verfolgten ihn, nachdem er
20 Vgl. HBAB, Bestand Morija, 3885.
aus dem Internierungslager entlassen worden
21 Vgl. Norbert Frei, Hitlers Eliten nach 1945, Frank-
furt/M. 2001; U. Herbert (Anm. 6); Konrad Jarausch, war, starke „innere Angst und Unruhe“. Die
Die Umkehr, München 2004. Furcht vor weiterer Strafe trieb ihn um. Im
22 Das galt auch für die große Zahl an „Volks- Gespräch mit dem Psychiater stammelte er
deutschen“, von denen viele in die SS eingegliedert nur, doch wurde deutlich, wie sehr ihn das
worden waren, um einen besonderen Beweis ihres Wissen quälte, durch seine Stellungnahmen
„Deutsch-Seins“ anzutreten. Vgl. Doris L. Bergen, The
und Zeugenaussagen anderen „wehe getan“
Nazi Concept of „Volksdeutsche“ and the Exacerba-
tion of Anti-Semitism in Eastern Europe, 1939–45, in: zu haben. Seine Erzählungen brachten aber
Journal of Contemporary History, 29 (1994), S. 569–
582. 23 Vgl. HBAB, Bestand Morija, 4189.

38 APuZ 36–37/2009
auch weitere Verängstigungen zum Vor- Hermann Parzinger
schein. Vor allem ein Ereignis aus dem Krieg
hing ihm nach: seine eigene Flucht, als die
Russen „im Anmarsch“ waren. Todesangst Folgen des Zweiten
hatte ihn befallen. Doch es war nicht nur die
Nähe des eigenen Todes, die ihm noch immer
vor Augen stand. Denn er hatte damals ande-
Weltkriegs für Kunst-
re über seine eigene Panik hinweggetäuscht
und lauthals zu Durchhaltevermögen und und Kulturgüter
Standhaftigkeit aufgefordert. Es waren die
Gesichter der anderen Menschen, die er zu-
rückgelassen hatte, und von denen er anneh-
men musste, dass dies für viele den Tod be-
deutet hatte, die ihn nun in seiner Erinnerung
D ie besonderen Auswirkungen des
Zweiten Weltkriegs für Kunst- und
Kulturgüter als Folgen der gezielten staatli-
quälten. chen Raubkunststrate-
gie im nationalsozia- Hermann Parzinger
Unwirkliche Vergangenheit listischen Deutschland Dr. phil., Dr. h.c. mult., geb. 1959;
in der Zeit von 1933 Honorarprofessor am Institut
Man kann zusammenfassend sagen, dass in bis 1945 stehen in Zu- für Prähistorische Archäologie
der Nachkriegszeit Viele ein immenses Unbe- sammenhang mit den der Freien Universität Berlin;
hagen mit sich trugen. Oft ist es nicht zu ent- Begriffen „NS-Raub- Präsident der Stiftung Preußischer
scheiden, ob der Blick in die Vergangenheit kunst“, „Entartete Kulturbesitz, von-der-Heydt-
oder derjenige in die Zukunft den größeren Kunst“ und „Beute- Straße 16–18,
Schrecken einflößte. Doch insgesamt scheint kunst“, Themen, die 10785 Berlin.
es, als ob eine Stimmung der Verängstigung nicht nur Kunsthisto- parzinger@hv.spk-berlin.de
das Leben einfärbte. Dabei war Unzähligen riker und Museums-
ihr bisheriges Wirken schon in dem Augen- fachleute, sondern auch die Politik noch Jahr-
blick zur Bürde geworden, in dem der Ein- zehnte nach Kriegsende immer wieder neu
marsch fremder Truppen nur noch eine Frage beschäftigen.
von Tagen war. Auch Gustav V. erzählte, er
habe, „als der Zusammenbruch da war (. . .) Der Begriff „NS-Raubkunst“ steht für den
in seinem Wehrpass ausradiert, dass er Mit- massiven rechtswidrigen Entzug von Privatei-
glied der DAF war“. Viele suchten, wie er, so- gentum im Kontext von Diskriminierung, En-
fort nach einer neuen Identität – eine ver- trechtung, Verfolgung und letztlich Vernich-
suchte Flucht vor der Verantwortung, wie sie tung durch das NS-Regime. Der Staat war in
auch Hannah Arendt beobachtete. Viele heg- diesem Bereich systematisch – unter Ausnut-
ten den Wunsch, die Vergangenheit möge un- zung seiner gesetzgeberischen Möglichkeiten
wirklich gewesen sein. – gegen seine eigenen Bürgerinnen und Bürger
vorgegangen. Bei der „Raubkunst“ ist die be-
Das zeigen auch die Krankenakten; sie ver- sondere Qualität des Unrechts signifikant, das
deutlichen aber auch, dass die Begegnung mit insbesondere den jüdischen Eigentümern der
der Besatzungsherrschaft ein laufendes De- Kulturgüter widerfahren ist. Die Ausplünde-
menti der Täuschungsbereitschaft über die ei- rung der jüdischen Bevölkerung ist in dieser
gene Vergangenheit erzwang. Die Zeit der Dimension einmalig in der Geschichte. In dem
Entnazifizierung wirkte dabei wie eine Art Maße, wie sich die Verfolgung der jüdischen
verlängerter Bannzone des nationalsozialisti- Bevölkerung qualitativ verschärfte, veränder-
schen Krieges, in der die Vergangenheit und ten sich auch die Verfolgungs- und Verlustsze-
die Auseinandersetzung mit dem Massentod narien, von mehr oder minder erzwungenen
eine nahezu permanente, zermürbende und Veräußerungen bis zu entschädigungslosen
irritierende Herausforderung war, die den staatlichen Beschlagnahmungen.
Weg in die Demokratie, vielleicht wider Wil-
len, aber doch von Anbeginn begleitete. Anders sind die Eingriffe und Auswirkungen
bei der Aktion „Entartete Kunst“ und bei der
„Beutekunst“ zu betrachten, da in beiden Fällen
in erster Linie staatliche Einrichtungen betrof-
fen waren. Bei der Aktion „Entartete Kunst“

APuZ 36–37/2009 39
stand die Kunst selbst im Visier des Staates; sie Großzügigkeit jüdischer Mäzene. Namen wie
entsprach nicht den „völkischen“ Idealen und James Simon, Eduard Arnhold oder Oskar
wurde deshalb eingezogen oder in erheblichem Huldschinsky sind mit der Geschichte der
Umfang vernichtet. Dabei hatte man in erster Berliner Museen so eng verbunden wie Lud-
Linie Kunst aus öffentlichen Sammlungen be- wig Darmstaedter und Martin Breslauer mit
schlagnahmt und aus der Öffentlichkeit ver- der Preußischen Staatsbibliothek. 3 Das Mä-
bannt. Privateigentum war dann betroffen, zenatentum jüdischer Sammler war umfas-
wenn es sich als Depositum im Museum befand send und einmalig; ihr großzügiges bürger-
oder in öffentlichen Auktionen angeboten schaftliches Engagement hat manchen Mu-
wurde, ohne Differenzierung nach Eigen- seen und Bibliotheken erst zu dem Ruhm
tümern und deren Herkunft oder Glaube. 1 verholfen, der trotz mancher Kriegsverluste
bis heute anhält. 4
Mit dem Begriff „Kriegsbedingt verlagerte
Kulturgüter“, verkürzt als „Beutekunst“ be- Die verfolgungsbedingten Auflösungen
zeichnet, werden die deutschen Kunst- und von jüdischen Kunstsammlungen in der Zeit
Kulturgüter beschrieben, die nach Ende des zwischen 1933 bis 1945 erfolgten durch Ver-
Krieges insbesondere von der sowjetischen käufe, in Auktionen – oftmals erheblich unter
Armee abtransportiert wurden und bis heute Wert – oder durch staatliche Zwangseingriffe
nicht zurückgegeben worden sind. Diese Zu- ohne jede Entschädigung für die Eigentümer.
griffe nach dem 8. Mai 1945 waren auch eine Vieles ging in den Besitz öffentlicher Museen,
Reaktion auf die massiven Zerstörungen und Bibliotheken und Archive oder in private
Mitnahmen von Kunst- und Kulturgütern Hände über. Die Rückgabe unrechtmäßig
durch die Wehrmacht während ihres Angriffs- entzogener Kunst- und Kulturgüter aus ehe-
krieges gegen die Sowjetunion. Entsprechende mals jüdischem Eigentum oder deren Ent-
Beutezüge hat es in der Geschichte wiederholt schädigung war nach 1945 durch verschie-
gegeben, beispielhaft sind die Napoleonischen dene gesetzliche Bestimmungen der West-Al-
Kunstraubzüge zu nennen, 2 und dennoch er- liierten, später durch die Bundesrepublik
reichte dieses Phänomen in der NS-Zeit eine Deutschland geregelt. 5 Die DDR erließ keine
bisher nicht gekannte Dimension. vergleichbaren Regelungen zur Aufarbeitung
und Wiedergutmachung des Unrechts, wel-
ches durch die nationalsozialistische Gewalt-
„Raubkunst“ herrschaft erfolgt war. In der DDR waren
Leistungen in der Regel nur an systemkon-
In vielen deutschen Kultureinrichtungen, vor- forme Opfer des Faschismus gezahlt worden.
nehmlich in Museen und Bibliotheken, befin- Für Vermögenswerte, die man bis 1945 jüdi-
den sich bis heute Kunst- und Kulturgüter, schen Bürgern entzogen hatte, sah weder die
die nachweislich aus ehemals jüdischem Ei- sowjetische Besatzungsmacht noch die späte-
gentum stammen oder von denen angenom- re DDR-Regierung Regelungsbedarf. 6
men werden muss, dass sie diese Provenienz
haben. Nicht alle diese Werke stehen unter Im Zuge der Wiedervereinigung der beiden
dem Generalverdacht, ihren Alteigentümern deutschen Staaten hatte sich die Bundesregie-
verfolgungsbedingt abhanden gekommen zu rung 7 verpflichtet, das Bundesrückerstattungs-
sein. Vieles ist vor 1933 in die öffentlichen und das Bundesentschädigungsgesetz auf das
Sammlungen gelangt und steht damit außer- Beitrittsgebiet zu erstrecken und Bestimmun-
halb der nachfolgenden Betrachtungen. So
entwickelten sich beispielsweise die Berliner
3 Vgl. Waltraud und Günter Braun (Hrsg.), Mäzena-
Museen seit ihrer Gründung in den 1830er
Jahren in kurzer Zeit zu Orten der Kunst, tentum in Berlin, Berlin 1993.
4 Vgl. Sammeln, Stiften, Fördern. Jüdische Mäzene in
Kultur und Wissenschaft von Weltrang mit
der deutschen Gesellschaft. Veröffentlichungen der
herausragenden Sammlungen. Dies verdan- Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, Bd. 6,
ken sie in nicht unwesentlichem Maße der Köthen 2008.
5 Vgl. Jürgen Lillteicher, Raub, Recht und Restitution,
1 Vgl. Gesa Jeuthe, Die Moderne unter dem Hammer, Göttingen 2007.
in: Uwe Fleckner (Hrsg.), Angriff auf die Avantgarde, 6 Vgl. Kerstin Röhling, Restitution jüdischer Kultur-

Berlin 2007, S. 198. güter nach dem Zweiten Weltkrieg, Baden-Baden 2004,
2 Vgl. Susanne Schoen, Der rechtliche Status von S. 217.
Beutekunst, Berlin 2004, S. 27 ff. 7 BGBl 1990, II, S. 1386, Nr. 4c.

40 APuZ 36–37/2009
gen zu erlassen, die den dortigen Gegebenhei- nebst dazugehörigen Ansprüchen der ehema-
ten Rechnung tragen. Zwar sind diese Gesetze ligen Eigentümer bzw. deren Rechtsnachfol-
im Beitrittsgebiet in Kraft getreten, Ansprüche ger. Streitigkeiten sollen zur Erreichung einer
konnten dennoch nicht geltend gemacht wer- hohen Einzelfallgerechtigkeit durch alternati-
den, da die Anmeldefristen zum 1. April 1958 ve Schlichtungsmechanismen beigelegt wer-
abgelaufen waren und 1990 nicht neu eröffnet den. Das wichtigste und bis heute grundle-
worden sind. Dies bedeutete faktisch, dass An- gende Prinzip ist die Aufforderung an An-
sprüche nach dem Bundesrückerstattungs- und tragsteller und heutige Besitzer, bei der
dem Bundesentschädigungsgesetz im Beitritts- Behandlung von Restitutionsbegehren faire
gebiet nicht durchsetzbar waren. 8 Mit dem In- und gerechte Lösungen zu finden. Diese
krafttreten des Einigungsvertrages am 3. Okto- Prinzipien sind als soft law sehr unterschied-
ber 1990 wurde auch das von der Regierung der lich bewertet worden; gelegentlich war von
DDR noch kurz vor der Wiedervereinigung be- einem „stumpfen Schwert“ die Rede. 12 Trotz
schlossene Gesetz zur Regelung offener Ver- des nur empfehlenden Charakters haben die
mögensfragen (Vermögensgesetz/VermG) 9 in „Washingtoner Prinzipien“ inzwischen eine
bundesdeutsches Recht übernommen. Kunst- gewisse Verbindlichkeit dadurch erlangt, dass
und Kulturgüter, die sich bis zur Wiedervereini- sie als anerkannte Basis für Restitutionsent-
gung auf dem Gebiet der DDR befunden hat- scheidungen insbesondere deutscher öffentli-
ten, konnten nach diesem Gesetz zurückerstat- cher Museen gelten. Eine weitere nachhaltige
tet werden. Dies galt für vermögensrechtliche Wirkung haben die Prinzipien für die Prove-
Ansprüche von Bürgern und Vereinigungen, nienzforschung zur Aufklärung des national-
die in der Zeit vom 30. Januar 1933 bis zum 8. sozialistischen Kulturraubs in Deutschland,
Mai 1945 aus rassischen, politischen, religiösen aber auch weltweit entfaltet. In Deutschland
oder weltanschaulichen Gründen verfolgt wur- entwickelte sich die Erkenntnis, dass in der
den und deshalb ihr Vermögen infolge von Provenienzforschung der Museen, Bibliothe-
Zwangsverkäufen, Enteignungen oder auf an- ken und Archive die wesentliche Grundlage
dere Weise verloren hatten. Die Rückgabean- für die erhobenen Ansprüche liegt.
sprüche für Kunst- und Kulturgüter mussten
bis zum 30. Juli 1993 angemeldet werden. In der Bundesrepublik Deutschland erfolgte
die Umsetzung der Grundsätze durch die im
Im Dezember 1998 wurde in Washington Dezember 1999 verabschiedete „Gemeinsame
eine internationale Konferenz über das Ver- Erklärung der Bundesregierung, der Länder
mögen von Holocaust-Opfern durchgeführt, und der Kommunalen Spitzenverbände zur
bei der zum Abschluss Prinzipien zur Behand- Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbe-
lung von „Kunstwerken aus Opferbesitz“ ver- dingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere
abschiedet wurden. Auch wenn die Konfe- aus jüdischem Besitz“. 13 Um Museen, Biblio-
renzergebnisse keine Rechtsverbindlichkeit theken und Archive bei der Handhabung zu
beanspruchen konnten, ist dort doch das un- unterstützen, wurde im Februar 2001 die als
umkehrbare Zeichen gesetzt worden, sich in- „Handreichung“ bekannte Anleitung zur Prü-
ternational der Verantwortung zu stellen und fung und Behandlung von Restitutionsanfra-
Schritte einzuleiten, um die beabsichtigte späte gen auf Initiative des Kulturstaatsministers
Wiedergutmachung mehr als 50 Jahre nach von einer Expertenarbeitsgruppe formuliert,
Ende des Zweiten Weltkrieges umzusetzen. 10 die im November 2007 grundlegend überar-
beitet wurde. 14 Die umfangreichen und viel-
An erster Stelle der „Washingtoner Prinzi- schichtigen Erfahrungen mit Restitutionsersu-
pien“ 11 steht die Aufforderung zur Identifi- chen aus zehn Jahren, die seit der Konferenz
zierung beschlagnahmter Kunstwerke und von Washington vergangen waren, haben
die Einrichtung eines zentralen Registers dabei Eingang gefunden. In der Folge der Wa-
shingtoner Erklärung wurde die Koordinie-
8 Vgl. J. Lillteicher (Anm. 5). rungsstelle für Kulturgutverluste in Magde-
9 BGBl 2005, I, S. 205 m. spät. Änd.
10 Vgl. Tono Eitel, „Nazi-Gold“ und andere „Holo-

caust-Vermögenswerte“, in: Festschrift für Knut Ipsen 12 Vgl. Hannes Hartung, Kunstraub in Krieg und

zum 65. Geburtstag, München 2000, S. 57 ff. Verfolgung: die Restitution der Beute- und Raubkunst
11 Washingtoner Erklärung, in: Handreichung vom im Kollisions- und Völkerrecht, Berlin 2005, S. 102.
Februar 2001, überarbeitet im November 2007; 13 Wortlaut auf www.lostart.de.

www.lostart.de. 14 Wortlaut ebd.

APuZ 36–37/2009 41
burg beauftragt, identifizierte Kunstwerke in Claims Conference (JCC) über Kunstwerke,
einem Zentralregister zu erfassen und zu ver- die vor Kriegsende in die heutigen Sammlun-
öffentlichen, welches über das Internet welt- gen der Einrichtungen der Stiftung gelangt
weit zugänglich ist. Die Meldung von Er- waren. Manches konnte auf der Grundlage
kenntnissen aus der Provenienzrecherche ein- des Vermögensgesetzes gelöst werden, für an-
zelner deutscher Kultureinrichtungen beruht dere Sachverhalte fehlt es an einer rechtlichen
allerdings auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Grundlage für eine Rückgabe. Die SPK ge-
langte im Sommer 1999 zu einer eigenen Hal-
Mit der Einrichtung der sog. Beratenden tung in dieser Frage. Als Nachfolgerin des
Kommission, die nach ihrer Vorsitzenden Trägers der Preußischen Staatlichen Museen
Jutta Limbach auch als „Limbach-Kommissi- und der Preußischen Staatsbibliothek, die im
on“ bezeichnet wird, hat die Bundesregierung Laufe ihrer Entwicklung maßgeblich von jü-
eine weitere Anforderung der „Washingtoner dischen Mäzenen gefördert wurden, fühlt
Prinzipien“ erfüllt. Die Kommission hat die sich die SPK in besonderer Weise verpflichtet.
Aufgabe, bei Differenzen über die Rückgabe Die enorme Großzügigkeit früherer Mäzene
von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kul- wurde zum Anlass für weit greifende Ent-
turgütern, die sich heute in Museen, Biblio- scheidungen im Umgang mit Restitutionsan-
theken, Archiven oder anderen öffentlichen sprüchen. Angesichts der Rechtslage berief
Einrichtungen der Bundesrepublik Deutsch- sich die Stiftung auf die Freiheit zur freiwilli-
land befinden, als Vermittler zwischen den gen Leistung im Einzelfall. Hinzu kamen die
Trägern der Sammlungen und den ehemaligen Erfahrungen mit Restitutionsersuchen von
Eigentümern der Kulturgüter bzw. deren Erben jüdischer Alteigentümer, die seit 1990
Erben zu agieren und entsprechende Empfeh- formuliert wurden. Ganz im Geiste der Wa-
lungen auszusprechen, die allerdings rechtlich shingtoner Grundsätze und der später veröf-
nicht bindend sind. Die Kommission kann fentlichten „Gemeinsamen Erklärung“ fasste
angerufen werden, wenn dies von beiden Sei- der Stiftungsrat der SPK am 4. Juni 1999 den
ten gewünscht wird. 15 Sie hat bislang vier Beschluss, zu den Bemühungen zur Aufklä-
Empfehlungen ausgesprochen. rung entsprechender Sachverhalte beizutra-
gen und die Dokumentationen Dritten zu-
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gänglich zu machen. Der Stiftungsrat ermäch-
(SPK) befasst sich seit der Wiedervereinigung tigte den Präsidenten, einvernehmliche
mit Restitutionsansprüchen. Mit dem 3. Ok- Lösungen zu suchen und auch über die He-
tober 1990 hat die SPK die seit Kriegsende rausgabe von Kunstwerken zu entscheiden,
und der Teilung Deutschlands auf dem Ge- selbst wenn dies nicht zwingende Folge einer
biet der DDR verwalteten Teile der Staatli- gesetzlichen Regelung ist. 16 Damit wurde der
chen Museen zu Berlin, der Staatsbibliothek Weg für eine freiwillige Restitution geebnet,
zu Berlin und des Geheimen Staatsarchivs da in den meisten Fällen gesetzliche Fristen
durch die Bestimmungen des Einigungsver- verstrichen und Ansprüche somit nicht mehr
trages in ihre Trägerschaft übernommen; die durchsetzbar waren.
seit 1961 geteilten Sammlungen und Bestände
wurden wieder vereinigt. Ansprüche nach Bis heute hat der Präsident der SPK über 29
dem Wiedergutmachungsrecht der Bundesre- Anträge auf Restitution entschieden, in 22
publik auf Kunstwerke in der Stiftung waren Fällen wurde einer Rückgabe zugestimmt, da
1961 zum Zeitpunkt der Arbeitsaufnahme nach Klärung der Provenienz kein Zweifel an
der SPK nicht mehr anhängig und wegen des der Verfolgungsbedingtheit des Verlustes be-
Ablaufs der gesetzlichen Anmeldefristen stand. Das wohl prominenteste Stück ist das
auch nicht mehr möglich. Bis zur Wiederver- Gemälde „Watzmann“ von Caspar David
einigung 1990 sah sich die Stiftung – wie im Friedrich, welches in der Alten Nationalgale-
Übrigen auch andere deutsche Museen, Bi- rie in Berlin ausgestellt ist. Einige der restitu-
bliotheken und Archive – nicht mit solchen ierten Werke konnte die SPK erwerben und
Restitutionsfragen konfrontiert. dauerhaft in ihren Einrichtungen halten. Im
Bibliotheksbereich der SPK sind es vor allem
Seit 1991 ergaben sich zunehmend Kon- die aktiven Recherchen der Staatsbibliothek
takte zwischen der SPK und der Jewish
16 Vgl. Norbert Zimmermann, Die Praxis der Restitu-
15 Zur Beratenden Kommission vgl. ebd. tion, in: Jahrbuch der SPK, (2001), S. 233 ff.

42 APuZ 36–37/2009
zu Berlin, die immer wieder zu Restitutionen Aktion „Entartete Kunst“
führen. Beispielhaft sind Rückgaben an die
Erben von Arthur Rubinstein, Leo Baeck und Die Aktion „Entartete Kunst“ gehört zu den
Edwin Geist zu nennen. Das in der Staatsbi- dunkelsten Kapiteln der deutschen Museums-
bliothek laufende Projekt zur Aufklärung der und Kunstgeschichte. Zur nationalsozialisti-
Wirkungen der „Reichstauschstelle“ fördert schen Ideologie gehörte als zentraler Bestand-
zahlreiche weitere Hinweise zutage, denen in- teil ein Idealbild deutscher, „völkischer“
tensiv nachgegangen wird. 17 Kunst. Als Gegenbild zu diesem Ideal wur-
den Werke bestimmter Kunstrichtungen, die
Unter dem Eindruck der fortschreitenden mit den Schönheitsvorstellungen der Natio-
Zeit seit der Verabschiedung der „Washingto- nalsozialisten nicht in Einklang zu bringen
ner Prinzipien“ berief Kulturstaatsminister waren, als „Verfallskunst“ gebrandmarkt. In
Bernd Neumann im November 2006 eine Ar- der NS-Zeit war der Kampf gegen die künst-
beitsgruppe zu Restitutionsfragen ein, in der lerische Avantgarde fester Bestandteil der
Bund, Länder, Kommunen und Fachleute aus staatlichen Propaganda.
dem Kulturbereich mitwirkten. Zu den Er-
gebnissen dieser Beratungen zählte auch der 1937 erreichte die Aktion „Entartete Kunst“
Entschluss, eine Arbeitsstelle für Provenienz- ihren Höhepunkt. Eine staatliche Kommission
recherche und -forschung einzurichten. Im beschlagnahmte innerhalb weniger Tage Hun-
Juni 2008 hat diese Arbeitsstelle, die organisa- derte von Werken der Moderne. Diese Werke
torisch bei der SPK angegliedert ist, ihre Ar- wurden in München in der Ausstellung „Entar-
beit aufgenommen. Mit der Gewährung einer tete Kunst“ gezeigt, die am 16. Juli 1937 öffnete.
finanziellen Unterstützung in Höhe von einer Sie war in jeder Hinsicht als Gegenveranstal-
Million Euro wurde bundesweit für Museen, tung zur „Großen Deutschen Kunstausstel-
Bibliotheken und Archive die Möglichkeit lung“ konzipiert, die tags zuvor im neu errich-
einer projektbezogenen Förderung der Pro- teten „Haus der deutschen Kunst“ eröffnet
venienzforschung etabliert. Die Unterhaltung worden war. Während die „Große Deutsche
der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/ Kunstausstellung“ den Werken der Künstler,
-forschung wird durch die finanzielle Unter- die von den Nationalsozialisten verehrt wur-
stützung der Kulturstiftung der Länder er- den, ein weihevolles Denkmal setzen sollte,
möglicht. Fördermittel stehen für Nachfor- wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“
schungen zum Verbleib von Kunstwerken die Werke der Avantgarde auf engstem Raum
und anderen Kulturgütern zur Verfügung, die zusammengepfercht und von schmähenden In-
infolge der nationalsozialistischen Herrschaft schriften begleitet. Auf diese Weise sollte die
ihren rechtmäßigen Eigentümern entzogen deutsche Öffentlichkeit von der Minderwertig-
wurden und auf unterschiedliche Art und keit der gezeigten Werke überzeugt werden.
Weise in deutsche öffentliche Sammlungen
bzw. Institutionen gelangt sind. In einer zweiten Beschlagnahmewelle, die
nach der Eröffnung der Ausstellung stattfand,
Schon im ersten Jahr des Bestehens dieser ging man noch einen Schritt weiter: Sämtliche
Arbeitsstelle hat sich gezeigt, dass die neuen Werke der Kunst, die vom Regime als „entar-
Fördermöglichkeiten intensiv in Anspruch tet“ betrachtet wurden, sollten aus den
genommen werden. Die Arbeitsstelle für Pro- Sammlungen entfernt werden. Die National-
venienzrecherche/-forschung wird einen galerie in Berlin hatte unter ihrem Direktor
wichtigen Beitrag zur Institutionalisierung Ludwig Justi in der Zeit zwischen den Welt-
des wissenschaftlichen Austausches auf dem kriegen eine der bedeutendsten Sammlungen
Gebiet der Provenienzforschung und zur zeitgenössischer Kunst aufgebaut. Als Ergeb-
Verstetigung der Forschungsergebnisse lei- nis der Aktion „Entartete Kunst“ verlor al-
sten. 18 lein dieses Museum über 500 Werke, 19 insge-
samt waren fast 20 000 Werke aus 101 Museen
17 Vgl. Hans-Erich Bödeker/Gerd.-J. Bötte, NS-
und Sammlungen betroffen. 20
Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staats-
bibliothek, München 2008. 19 Vgl. Roland März u. a., Kunst in Deutschland
18 Zu Einzelheiten der Arbeitsstelle und Förderungs- 1905– 1937, Berlin 1992.
möglichkeiten vgl. www.smb.spk-berlin.de/provenienz 20 Vgl. Dossier der Forschungsstelle „Entartete

forschung. Kunst“ an der FU Berlin vom 15. 12. 2004.

APuZ 36–37/2009 43
Erst nachträglich mit dem „Gesetz über rung des Gesetzes wäre diesen Transaktionen
Einziehung von Erzeugnissen entarteter die rechtliche Grundlage entzogen worden.
Kunst“ vom 31. Mai 1938 erhielt die Aktion Eine Rückforderung der Werke durch die
„Entartete Kunst“ eine gesetzliche Grundla- früheren Eigentümer würde heute nicht zum
ge. 21 Das Gesetz sah die entschädigungslose Erfolg führen. 23 Für die Kunstwerke, die im
Enteignung der beschlagnahmten Werke zu Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ aus öf-
Gunsten des Reiches vor. Damit war die fentlichen Sammlungen Deutschlands vom
Grundlage für die „Verwertung“ der Werke Staat entfernt wurden, ist ohnehin ein anderer
zur Devisenbeschaffung gelegt. Mit der Ver- Gesichtspunkt entscheidend. Soweit die
äußerung der als „verwertbar“ eingestuften staatlichen Sammlungen Opfer der Aktion
Werke wurden vier Kunsthändler beauftragt, „Entartete Kunst“ wurden, waren sie doch
die jeweils über besondere Erfahrungen mit schicksalhaft zugleich mit dem Staat verwo-
dem Handel mit moderner Kunst verfügten: ben, der die Eingriffe vornahm. Rückforde-
Karl Buchholz und Ferdinand Möller, Bern- rungen staatlicher Museen gelten daher als
hard D. Böhmer und Hildebrand Gurlitt. Die rechtlich nicht durchsetzbar. 24
Stücke, die die Händler nicht übernommen
hatten, wurden als „unverwertbar“ am 20.
März 1939 im Hof der Hauptfeuerwache in „Beutekunst“
Berlin verbrannt. 22
Der Tabu-Bruch, den das NS-Regime im
Nicht nur wegen der riesigen Lücken, die Zweiten Weltkrieg mit seinem Kunstraubzug
die Aktion „Entartete Kunst“ in die Sammlun- beging, bewirkte, dass die Sowjetunion nach
gen der Museen riss, sondern auch wegen der Kriegsende als Gegenreaktion auf direkte
Rolle, die Mitarbeiter der Museen bei der Aus- Weisung Stalins „Trophäenkommissionen“
sonderung und Vernichtung von Kunstwerken der Roten Armee zur Requirierung von deut-
spielten, sind die Umstände und Wirkungen schen Kunst- und Kulturgütern einsetzte. 25
bis heute Anlass für zahlreiche Forschungsvor- Unmittelbar nach Einstellung der Kampf-
haben. Vorrangig zu nennen ist dabei die For- handlungen im Mai 1945 beschlagnahmten
schungsstelle Entartete Kunst an der Freien diese in deutschen Kultureinrichtungen über
Universität Berlin. Diese hat es sich zur Aufga- 2,6 Millionen Kunstwerke, mehr als sechs
be gemacht, zu klären, welche Werke der Mo- Millionen Bücher und unzählige Kilometer
derne von der Aktion betroffen und von der von Archivalien zum Abtransport in die
Beschlagnahmekommission eingezogen wor- Sowjetunion. Berlin, Dresden und Potsdam,
den waren, sowie deren weiteres Schicksal zu auch Schwerin, Gotha, Leipzig und Dessau
erhellen. Besonderheiten gelten mit Blick auf hatten massive Verluste zu beklagen, und ins-
die heutigen Eigentumsrechte an den Werken, gesamt 80 Museen in Deutschland leiden
die im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ ent- noch heute unter den massiven Verlusten.
eignet wurden. Das „Gesetz über Einziehung
von Erzeugnissen entarteter Kunst“, mit wel- Die Sowjetunion betrachtete die nach 1945
chem die Unrechtsakte legalisiert worden aus Deutschland abtransportierten Kulturgü-
waren, ist nach Ende des Zweiten Weltkriegs ter jedoch zunächst noch als das geistige und
durch die Alliierten nicht aufgehoben worden. kulturelle Erbe des deutschen Volkes. Seit
Begründet wurde dies damit, dass durch das 1955 kam es zu Rückführungen, zunächst der
Gesetz keine Personen verfolgt wurden, viel- verlagerten Gemälde aus der Dresdner Gale-
mehr habe sich die Stoßrichtung des Gesetzes rie. Ab Herbst 1958 übergab die Sowjetunion
gegen bestimmte Werke gerichtet. umfangreiche Bestände aus Berlin, Potsdam,
23 Vgl. Carl-Heinz Heuer, Die Kunstraubzüge der
Diese Argumentation dürfte allerdings nur Nationalsozialisten und ihre Rückabwicklung, in:
ein Grund dafür sein, warum das Gesetz Neue Juristische Wochenschrift, (1999), S. 2558 ff.
nicht angetastet wurde. Im Zuge der „Ver- 24 Vgl. Stellungnahme des Präsidenten der SPK,

wertung“ der Bilder waren sie auf der ganzen Klaus-Dieter Lehmann, vom 23. 8. 1999.
25 Im Textbeitrag wird exemplarisch ausschließlich auf
Welt veräußert worden. Durch eine Annullie-
die besonderen deutsch-russischen Kulturgutrück-
führungsbemühungen eingegangen. Unter anderen
21 RGBl 1938, I, 612. historischen Vorzeichen wie auch unterschiedlichen
22 Vgl. Alfred Hentzen, Die Berliner Nationalgalerie rechtlichen Voraussetzungen gibt es bilaterale Ge-
im Bildersturm, Köln–Berlin 1971, S. 53. spräche auch mit Polen, der Ukraine und Georgien.

44 APuZ 36–37/2009
Gotha, Leipzig, Dessau und Schwerin sowie Der politische Wandel in Europa stellte das
anderen Orten an die Regierung der DDR. deutsch-russische Verhältnis auf eine neue
Über 300 Eisenbahnwaggons aus Moskau Grundlage. Ausgangspunkt für die deutsche
und Leningrad mit etwa 1,5 Millionen Wer- Haltung ist nach wie vor, dass es sich bei den
ken trafen in Berlin ein, darunter so Einmali- noch in Russland verwahrten Kunst- und Kul-
ges wie die Friesplatten des Pergamon-Altars, turgütern um deutsches Eigentum handelt.
Donatellos „Madonna mit Kind“, Botticellis Auf ihre Rückgabe macht die Bundesrepublik
Illustrationen zu Dantes „Göttlicher Komö- Deutschland Rechtsansprüche geltend, insbe-
die“, aber auch Adolph von Menzels „Das sondere, soweit es sich um Bestände aus öf-
Eisenwalzwerk“ und eine Vielzahl anderer fentlichen Sammlungen handelt. Der deutsche
unersetzlicher Werke der Weltkunst. Rückführungsanspruch stützt sich auf die ver-
bindlichen völkerrechtlichen Regeln der Haa-
In umgekehrter Richtung gab es ebenfalls ger Landkriegsordnung (HLKO) aus dem
Rückführungen. Die Westalliierten hatten die Jahr 1907. Durch sie wird bis heute der Schutz
in ihren Besatzungszonen liegenden Kunstgü- von Kulturgütern in Kriegszeiten geregelt. 27
terdepots in Collecting Points in Wiesbaden
(USA), Celle (GB) und Tübingen (F) zusam- Nach 1990 hat die Bundesrepublik Deutsch-
mengezogen. Dort identifizierbare Kunst- und land mit der UdSSR und später mit der Russi-
Kulturgüter wurden umgehend zurückgege- schen Föderation darüber spezielle Abkom-
ben. Mehr als 500 000 Objekte kehrten auf men geschlossen. Ausschlaggebend für die
diese Weise zwischen 1945 und 1949 sowie heutigen Verhandlungen ist der „Vertrag über
1952/53 nach Russland zurück. Umfangreiche gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusam-
Nachforschungen nach russischen Beständen menarbeit“. 28 Danach sollen verschollene
gab es nach der Wiedervereinigung ab 1990. oder unrechtmäßig verbrachte Kunstschätze,
Die wenigen entdeckten Einzelstücke sind die sich auf ihrem Territorium befinden, an
umgehend an die Russische Föderation zu- den Eigentümer oder seinen Rechtsnachfolger
rückgegeben worden. Der größte Teil der zurückgegeben werden. Die Berufung auf
heute von Russland vermissten Kunst- und diese völkerrechtliche Grundlage durch die
Kulturgüter ist indes durch Zerstörung unwie- deutsche Seite ist daher grundsätzlich folge-
derbringlich verloren gegangen. richtig. 1993 begannen erste Gespräche zwi-
schen Russland und Deutschland über die Kul-
Trotz der erheblichen Rückführungen turgüterrückführung. Jedoch gab es rasch zu-
durch die Sowjetunion in den Jahren 1955 und nehmende innerrussische Spannungen, da die
1958 werden noch etwa eine Million Kunst- Duma-Abgeordneten eine Rückgabe mehr-
werke, darunter 200 000 Stücke von besonde- heitlich ablehnten.
rem musealen Wert, in Russland und den um-
liegenden Staaten vermutet. Dort, wo deut- Seit 1995 stagnieren die Gespräche, ein Jahr
schen Fachleuten der Zugang zu Depots und später erklärte die Duma die „Beutekunst“ zu
Sonderarchiven gewährt wird, ist der Aufent- russischem Eigentum. Nur für Werke aus pri-
haltsort der verlagerten deutschen Werke be- vatem, kirchlichem und jüdischem Eigentum
kannt, so die frühbronzezeitlichen Depotfun- wurden Ausnahmen zugelassen, für diese
de aus Troja („Schatz des Priamos“) oder der sollte eine Rückführung grundsätzlich mög-
Eberswalder Goldfund sowie Teile des Vor- lich sein. Schließlich passierte das Gesetz auch
kriegsbestandes der „Ostasiatischen Samm- den Russischen Föderationsrat. Das „Duma-
lung“ des heutigen Museums für Asiatische Gesetz“ wurde in letzter Instanz vom russi-
Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin. Die schen Verfassungsgericht bestätigt und trat
Werke lagern in Moskau und St. Petersburg. schließlich am 20. Juli 1999 in Kraft. Es erklärt
Neben den Kunstwerken aus musealen Samm- alle deutschen Kunst- und Kulturgüter aus öf-
lungen sind auch Bücher und Archivalien be- fentlicher Hand, die als Folge des Zweiten
troffen. Es werden noch etwa 4,6 Millionen
Bücher und Handschriften sowie drei Regalki- Jahrbuch der SPK, (2004), S. 199 ff; Klaus-Dieter Leh-
lometer Archivgut in Russland vermutet, über- mann/Günther Schauerte (Hrsg.), Kulturschätze –
verlagert und vermisst. Eine Bestandsaufnahme der
wiegend mit unbekanntem Aufenthaltsort. 26
Stiftung Preußischer Kulturbesitz 60 Jahre nach
Kriegsende, Berlin 2004.
26 Vgl. Günther Schade, „Kriegsbeute“ – oder 27 Vgl. S. Schoen (Anm. 2).

„Weltschätze der Kunst, der Menschheit bewahrt“?, in: 28 BGBl 1991, II, 702.

APuZ 36–37/2009 45
Weltkrieges nach Russland verbracht worden dingt verlagerte Kunst- und Kulturgüter“ dar-
sind, zu russischem Eigentum. Betroffen von gelegt, ein Novum in den deutsch-russischen
dieser Regelung sind alle Bestände aus den Beziehungen
deutschen öffentlichen Sammlungen, die nach
dem Krieg von der Besatzungsmacht in die 2005 haben sich die drei großen Museums-
UdSSR verbracht wurden und sich heute in komplexe in Berlin, Dresden und Potsdam
russischen Museen, Bibliotheken und Archi- zusammen mit der Kulturstiftung der Länder
ven befinden. Die russische Seite bezeichnete zu einer gemeinsamen Initiative entschlossen,
diese Inbesitznahme als „kompensatorische die auf der Fachebene zu einem Zusammen-
Restitution“, die für die eigenen kriegsbeding- schluss aller von dieser Problematik betroffe-
ten Verluste entschädigen sollte. Die aus deut- nen deutschen Museen geführt hat. Auf einer
scher Sicht völkervertraglich bindende Rück- Vollversammlung in Berlin im November
gabepflicht wurde ignoriert. 2005 wurde der „Deutsch-Russische Mu-
seumsdialog“ gegründet. Diese Nichtregie-
Die deutsch-russischen Verhandlungen rungsorganisation umfasst bisher über 80
zum Thema „Beutekunst“ gestalten sich deutsche Museen. Der von diesem Dialog
schwierig. 2007 wurden im Rahmen der ausgehende Impuls für den Aufbau eines bila-
Regierungskonsultationen bilaterale Fachar- teralen Expertennetzwerks ist ausgesprochen
beitsgruppen zu klar umgrenzten Sonderthe- wichtig und gewinnbringend, und zwar so-
men eingerichtet. Es geht in diesen Arbeits- wohl für die notwendige und bislang nicht
gruppen durchweg um Bestände aus Katego- umfassende Bestandsaufnahme von kriegsbe-
rien, die nach dem Duma-Gesetz ausdrücklich dingt verlagerten Kunst- und Kulturgütern in
nicht zu russischem Staatseigentum erklärt Russland und Deutschland als auch für den
worden sind. Exemplarisch wird über die Austausch und die Kooperationen unabhän-
„Baldin-Sammlung“ mit 362 Zeichnungen gig von der „Beutekunst“. 29 Die gute
und zwei Gemälden der Kunsthalle Bremen deutsch-russische Zusammenarbeit auf der
verhandelt. Als Beispiel für eine gelungene Ebene der Museen und im Kultur- und Wis-
Rückgabe nach dem Inkrafttreten des Duma- senschaftsbereich insgesamt wird schon seit
Gesetzes lassen sich vor allem die mittelalterli- Jahren von beiden Seiten mit großem Inter-
chen Glasfenster der Marienkirche in Frank- esse und vielfältigem Engagement betrieben;
furt/Oder anführen, die überwiegend 2002 diese Form der Kooperation muss im 21.
und dann Ende 2008 vollständig von der russi- Jahrhundert als Chance genutzt werden.
schen Regierung restituiert wurden.
Ausblick
Unbeschadet der nach wie vor klärungsbe-
dürftigen Rechtsfragen und der schwierigen Sowohl für die „Raubkunst“ als auch für die
Verhandlungssituation auf politischer Ebene „Beutekunst“ und ebenso für die offenen Fra-
haben sich die Fachkontakte zwischen deut- gen der Auswirkungen der Aktion „Entartete
schen und russischen Museen, aber auch zu ge- Kunst“ ist bis heute weniger die Rechtslage
orgischen und ukrainischen Museen und Bi- als vielmehr die Faktenlage ausschlaggebend.
bliotheken weiterentwickelt. Intensiviert wur- Die grundlegenden Fragen sind die nach der
den sie insbesondere durch gemeinsame Provenienz der betroffenen Bestände und
Ausstellungen seit 1998. Mit der Ausstellung dem heutigen Aufenthaltsort dieser Kunst-
„Europa ohne Grenzen“ zur Welt der Mero- und Kulturgüter. Erst wenn hierzu gesicher-
winger 2007 erreichte die Kooperation eine tes Wissen vorliegt und der Zugang zu den
neue Dimension. Wieder wurden dabei kriegs- Werken möglich ist, kann über weitergehende
bedingt verlagerte Bestände des Museums für Lösungen nachgedacht werden.
Vor- und Frühgeschichte gemeinsam mit Leih-
gaben aus Berlin präsentiert. Die Ausstellung
fand in Moskau und St. Petersburg große öf-
fentliche Aufmerksamkeit. In einem umfangrei-
chen mehrsprachigen Katalog wurden dabei
29 Vgl. Britta Kaiser-Schuster, Die Initiative Deutsch-
neben einer beträchtlichen Menge an Fachinfor-
mationen und neuesten wissenschaftlichen Er- Russischer Museumsdialog, in: Museumskunde, 73
(2008) 1, S. 41.
kenntnissen auch die rechtlichen Standpunkte
der beiden Regierungen zum Thema „kriegsbe-

46 APuZ 36–37/2009
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Karl-Rudolf Korte
Die neue Qualität des Parteienwettbewerbs Vertriebsabteilung der
im „Superwahljahr“ 2009 Wochenzeitung Das Parlament
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Kurt Lenk
Die Veröffentlichungen
Vom Mythos der politischen Mitte
in Aus Politik und Zeitgeschichte
stellen keine Meinungsäußerung
Günther Rüther der Herausgeberin dar; sie dienen
Vertrauen, Verantwortung und die Würde des Kompromisses der Unterrichtung und Urteilsbildung.

Henrik Gast Für Unterrichtszwecke dürfen


„Kanzlerkommunikation“ von Adenauer bis Merkel Kopien in Klassensatzstärke herge-
stellt werden.
Michael Püschner
Der Fraktionsreferent – ein politischer Akteur? ISSN 0479-611 X
Zweiter Weltkrieg APuZ 36–37/2009

Norbert Frei
3-5 1939 und wir
Unser Bild vom Krieg ist dichter geworden. Das gilt für die Gesellschaftsge-
schichte der „Heimatfront“ ebenso wie für die Geschichte der Kriegsmobilisie-
rung, der „Arisierung“ und der Ausplünderung der besetzten Gebiete.

Jerzy Kochanowski
6-13 Der Kriegsbeginn in der polnischen Erinnerung
Seit sieben Jahrzehnten nimmt der September (insbesondere dessen erster Tag)
eine besondere Stellung im polnischen Gedenkkalender ein. Das Gedenken an
den „Polnischen September“ hat eine außerordentlich verwickelte Geschichte.

Martin Sabrow
14-21 Den Zweiten Weltkrieg erinnern
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg hat grundlegende Wandlungen durch-
gemacht. Sie ist bis heute eine „unsichere Erinnerung“ geblieben, die beständig
zwischen den Deutschen als Opfern und den Opfern der Deutschen schwankte.

Rolf-Dieter Müller
21-27 Kriegsbeginn 1939: Anfang vom Ende des Deutschen Reichs
Vor 70 Jahren zeigte sich Hitlers Bereitschaft, Grenzen und Traditionen des Bis-
marck-Reiches zu sprengen. Im Verlauf „seines“ Weltanschauungskrieges zer-
störte er das alte Europa und stürzte das Reich in den Untergang.

Elena Stepanova
27-33 Bilder vom Krieg in der deutschen und russischen Literatur
Welche Bilder vom Krieg gegen die Sowjetunion werden von zeitgenössischen
deutschen und russischen Schriftstellern produziert? Wie erklären sie die Grün-
de, aus denen Soldaten auf beiden Seiten zum Töten und Sterben bereit waren?

Svenja Goltermann
34-39 Kriegsheimkehrer in der westdeutschen Gesellschaft
Für viele ehemalige Soldaten war das „normale“ Leben nach 1945 prekär. Die
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dem Krieg blieb eine zermür-
bende Herausforderung, wie sich während der Entnazifizierung zeigte.

Hermann Parzinger
39-46 Folgen des Zweiten Weltkriegs für Kunst- und Kulturgüter
Der Beitrag verhandelt die Themen „NS-Raubkunst“, „Entartete Kunst“ und
„Beutekunst“, beispielhaft dargestellt anhand der unmittelbaren Arbeit der Stif-
tung Preußischer Kulturbesitz.