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Freitag, 27. März 2009

FOKUS

Freitag, 27. März 2009 FOKUS 3

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Freitag, 27. März 2009 FOKUS 3 Eindrückliche Sonnenblumenfelder bereichern unsere Landschaften. Eine gute

Eindrückliche Sonnenblumenfelder bereichern unsere Landschaften.

Sonnenblumenfelder bereichern unsere Landschaften. Eine gute Schweinehaltung braucht viel Arbeit und

Eine gute Schweinehaltung braucht viel Arbeit und Fachwissen.

gute Schweinehaltung braucht viel Arbeit und Fachwissen. Schöne Kühe sind der Stolz vieler Bauern. Auch Bauern

Schöne Kühe sind der Stolz vieler Bauern.

Auch Bauern leiden unter Burnout

Überforderte Bauernfamilien sind im Bauernverband Aargau ein wichtiges Thema

Martin Binkert

Die hohe Belastung auf Bauernbetrieben kann Bauern ins Burnout treiben. Das bäuerliche Sorgentelefon und das rechtzeitige Aufbieten des Betriebshelferdiensts könn- ten hier Abhilfe schaffen.

FRICKTAL. Auf der Wiese grast ein Kalb, die Bäuerin pflanzt im Garten und der Bauer bestellt mit seinem Traktor die Felder. Natur und Har- monie pur, ist ein Aussenstehender versucht zu sagen. Doch der Schein der heilen Welt kann trügen. Denn hinter dem Betrieb eines Bauernho- fes steckt enorme Arbeit. Hohe Verantwortung, keine oder nur ungenügende Stellvertretung und finanzielle Sorgen können zu- sätzlich Bauersleute so stark bela- sten, dass sie überfordert werden.

Klares Burnout Auf den Punkt brachten es kürzlich ei- nige Landwirte an der Versammlung des Freiämter Landwirtschaftsverei- nes. Von 200 bis 300 Bauern bekann- ten sich einige zu ihrer Überforderung

und sprachen in ihrer direkten Spra- che deutsch und deutlich über ihr Burnout. Einer sagte, «ich hätte mich erschossen, wenn ich zu Hause ein Ge- wehr gehabt hätte». Für einige, die sich outeten, war dies wie ein Befrei- ungsschlag. «Diese Aussagen waren sehr eindrücklich und gingen vielen nahe. Im Saal war es ganz still. Die Be- troffenheit war gross, denn viele hat- ten vorher das Gefühl, Burnout sei nur ein Modewort für Krankheiten von Managern», sagte Ralf Bucher, Ge- schäftsführer des Bauernverbandes Aargau. «Anschliessend fragten wir uns was sollen wir diesen Leuten, die sich so äusserten, sagen», ergänzte er.

Überforderung beginnt langsam Wenn es finanziell klemmt, gilt es ein weiteres Standbein aufzubauen. Di- rektvermarktung landwirtschaftlicher Produkte wird manchmal als ein Zau- berwort angesehen. So steht manche Bäuerin während vielen Stunden in der Backstube, backt Dutzende Bau- ernbrote, andere führen einen Hofla- den, verkaufenÄpfel,Birnen,Zwetsch- gen, Würste, Honig und Schnaps. An- dere laden im Herbst zu einer grossen Kürbisausstellung ein verbunden mit Essen und Trinken, halten sich eine Blumenwiese, wo jeder seine Blumen selbst abschneiden und bezahlen kann oder bieten Schlafen im Stroh an.

Möglichkeiten gibt es viele. Doch hinter all diesen Aktivitäten steht oft eine enorme Arbeit. In der Regel wird damit besonders die Bäuerin, die sich auch um die Erziehung der Kinder, um den Haushalt und um die Admini- stration des Bauerngutes kümmert, besonders stark belastet. «Wer diese Arbeit nicht abschätzen und in sei- nem Betrieb einordnen kann, soll lie- ber die Hände davon lassen», sagt Roland Nussbaum, Landwirt des Aemethofes in Densbüren und Vor- standsmitglied des Bauernverbandes Aargau. «Es gibt Bauern, die regel- recht in die Überforderung hinein- rutschen, ohne dass sie es merken. Sie machen einfach immer mehr, bis es zuviel ist», so Nussbaum. Er erlebte und erlebt immer wie- der wie Bauern bestimmte Projekte aufzogen und später davon wieder Abstand nahmen, weil diese für ihre Möglichkeiten eine Nummer zu gross war. «Es war zwar schön, doch es hat unheimlich viel Arbeit gegeben», hör- te er schon. Dass solche ausserge- wöhnlichen Engagements auch mit Spannungen und Stress verbunden sind, die in der Familie ausgetragen werden, kann er nur vermuten. Der erfahrene Landwirt meint, die hohe Belastung dürfte auch ein Grund ist für eine zunehmende Scheidungsra- te bei den Bauern sein. «Manchmal

zunehmende Scheidungsra- te bei den Bauern sein. «Manchmal Ohne gute Maschinen läuft bei der Zuckerrübenernte nichts.

Ohne gute Maschinen läuft bei der Zuckerrübenernte nichts.

Fotos: zVg

werden einfach Arbeiten an Ehefrau- en abgeschoben, auch wenn dies nicht bös gemeint ist.» Eine Überforderung kommt oft auch vom Büro, von der Administrati- on her. Denn diese liegt vielen Land- wirten nicht und wird daher oft von der Frau erledigt. Mit der neuen Agrarpolitik, welche 1993 eingeführt wurde, ist der administrativeAufwand massiv gestiegen. Die geforderten Un- terlagen müssen sorgfältig ausgefüllt werden, denn wenn man etwas falsch macht, kann dies enorme finanzielle Auswirkungen haben. «Doch es gibt auch Betriebe, die sich richtig gut or- ganisieren», sagt Roland Nussbaum.

Betriebshelferdienst «Überlastung in Bauernfamilien be- kommen wir am ehesten über Anfra- gen an unseren Betriebshelferdienst mit», sagt Ralf Bucher. Diesen Dienst können Bauern, die aus irgendeinem Grund in ihrem Betrieb einen Ausfall haben, in Anspruch nehmen. Dieser Dienst verfügt über Adressen von Landwirten, die bei Engpässen ein- springen können. «Doch die Bauers- leute müssen wollen. Bei einer Überforderung ist dies nicht immer einfach. Da kann es sein, dass eine Bäuerin telefonisch einen Betriebs- helfer anfordert, weil es einfach nicht mehr geht und sich später ihr Mann

weil es einfach nicht mehr geht und sich später ihr Mann Roland Nussbaum, Densbüren: «Landwirtschaftsbetriebe

Roland Nussbaum, Densbüren:

«Landwirtschaftsbetriebe machen immer mehr und können leicht in eine Überforderung hinein rutschen».

meldet und alles widerruft. Hilfe an- zunehmen und damit einzugestehen, dass man mit den eigenen Möglich- keiten am Anschlag ist, ist für viele schwer. Dies ist sich Ralf Bucher be- wusst. Dabei besteht für den Be- triebshelferdienst eine Stiftung, die durch ihre Beiträge die den Bauern entstehenden Kosten herabsetzt. «Aufgrund der hohen Spezialisierung und unterschiedlicher Betriebsgrösse des Hofes ist es jedoch nicht immer leicht, einen geeigneten Stellvertreter zu finden», räumt der Geschäftsfüh- rer des Bauerverbandes Aargau ein.

Schwierig zu urteilen «Für uns ist es oft schwierig, die Si- tuation vor Ort richtig einzuschätzen und richtig zu reagieren. Denn Land- wirte sind traditionell pflichtbewuss- te Leute und wollen anderen nicht zur Last fallen, bis es eventuell zu spät ist», sagt Ralf Bucher. Bei einer angespannten Lage kann jedoch schon ein kleineres Problem eine ganze Kettenreaktion auslösen», er- gänzt Roland Nussbaum. «Im Verband diskutierten wir für stark vernachlässigte Höfe schon die Bildung einer ‹Aufräumtruppe›», wirft Roland Nussbaum ein. Doch um- gesetzt ist noch nichts. Ralf Bucher ist ein Fall bekannt, wo der Turnverein des Ortes auf einem Hof aufräumte.

wo der Turnverein des Ortes auf einem Hof aufräumte. Für Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbandes

Für Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbandes Aargau, sind über- forderte Bauernbetriebe ein wichtiges Thema.

Bäuerliches Sorgentelefon

Gut hundert Telefonate wurden im 08 beim Bäuerlichen Sorgentelefon ent- gegen genommen. Der Männeranteil nahm seit 2007 von 33 Prozent auf 45 Prozent zu. Es zeigt sich, dass in der Mit- te der Lebensspanne gehäuft Proble- me auftauchen.Wenn die Familienpha- se zu Ende geht, stellt sich die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens plötzlich neu. Im letzten Jahr orga- nisierte dieses Sorgentelefon eine Tagung zum Thema «Betriebe ohne

Nachfolge», wo drückende Sorgen zur Sprache kamen. Damit wurde einThe- ma aufgegriffen, das die Mitarbeiter am Telefon am meisten zu hören be- kommen. Das Sorgentelefon für Bäuerinnen, Bauern und Angehörige (0418200215) ist am Montag von 8 bis 12 Uhr und am Donnerstag von 18 bis 22 Uhr besetzt. Zu jederTag- und Nachtzeit steht dieTe- lefonnummer 143 der Dargebotenen Hand zur Verfügung. (nfz)