Sie sind auf Seite 1von 2

22

Freizeit

SpatzZeitung / www.myspatz.ch / Dezember 2011

Herrscher über europäische Wasserstrassen

Französische Kanäle verbinden Rhone und Rhein, der Handel floriert. Geschickte Spieler können diesen auf dem
Französische Kanäle verbinden Rhone und Rhein,
der Handel floriert. Geschickte Spieler können
diesen auf dem Spielbrett beherrschen dank dem
Spielentwickler Pascal André Schnell.
Seine achtjährige Tochter steht ihrem Vater
nicht nach. Sie entwickelte zwei Spiele.
Von Martin Binkert

Pascal André Schnell aus dem so- lothurnischen Bärschwil sieht man sein Hobby, seine grosse Leiden- schaft nicht an. Dabei gehört er zu den wenigen, die sich einen Traum erfüllt und selbst ein Spiel entwickelt haben. «Meine Frau und ich spielen schon lange Ge- sellschaftsspiele. Manchmal orga- nisierten wir eigene Spielabende», sagt der Vater von drei Kindern. «Diesen Traum trage ich sicher schon fünfzehn Jahre mit mir he- rum, doch neben Familie, Geschäft, Ausbildung und dem Bau meines Hauses reichte die Zeit nicht aus, dies zu verwirklichen», stellt er sachlich fest.

Doch inzwischen hat es den Inhaber eines Architekturbüros in Röschenz richtig gepackt: Aus sei- nem Rucksack zieht er eine mit dem Bild eines Schiffes versehene Schachtel, öffnet diese, nimmt ver- schiedenfarbige Gegenstände he- raus und beginnt sein Spiel zu er- klären: Jeder Spieler erhält eine durchsichtige Box mit kleinen Häu- sern, einem Lastschiff und Symbo- len für Treidelpferde. Auf den Spieltisch werden Platten gelegt, die Abschnitte eines schiffbaren Kanals symbolisieren. Zu seinem Spiel «Kanal-baufieber – Abenteu- er auf den Wasserstrassen Europas», gehört ein Würfel, dessen Seiten

mit Bildern versehen sind. Das Bild, das nach dem Würfeln oben aufliegt, bestimmt den nächsten Spielzug. Liegt zum Beispiel das Bild eines Kanals obenauf, kann der Spieler eine bestimmte Strecke eines Schiff- kanals bauen. Der 41-jährige Familienvater hat sich in sein Hobby richtig hin- eingekniet. Er kaufte Fachliteratur und meldete sich in Deutschland bei der Spiele-Autoren-Zunft e.V. an. Grund dieses Engagement war die Aufgabe, für die Diplomarbeit sein siebensemestrigen Master- Studium als Design-Ingenieur an der Hochschule Luzern ein Thema zu finden. Als er gemeinsam mit

seiner Familie auf einem Boot auf einem französischen Kanal Ferien machte, mache es bei ihm «Klick». Die Idee des Spiels war geboren. Zuerst müssen die Spieler Schiffkanäle erstellen. Dabei haben Kreuzungen und Verästelungen ihren speziellen Reiz. Später gilt es mit Silber- oder Goldmünzen Schleusen und Treidelpferde zu kaufen um möglichst effizient mit Lastschiffen Güter zu transportie- ren und diese zu verkaufen. Die Treidelpferde ziehen die Schiffe, wie dies vor dem Aufkommen der mit einem Dieselmotor betriebenen Lastkähne war. Die Schiffe transportieren Güter vom Abbauort zum Hafen, wo diese gelöscht und die Güter verkauft werden. Doch aufgepasst. Ab und zu schleicht sich ein blinder Passagier aufs Boot und durchkreuzt die Pläne des Spielers. Trotzdem gilt: Wer am meisten verkauft hat, hat gewonnen. Das Spiel dauert eine bis anderthalb Stunden und eignet sich für vier bis sechs Personen ab zehn Jahren. Was sich so einfach anhört, ist das Resultat harter Arbeit. Ange- fangen hatte der Spielentwickler mit einem weissen Blatt Papier. Alleine während seiner Diplomar- beit investierte er vierhundert Stun- den. Seine Vorarbeit und der Besuch

Ein bedeutender Spielverlag interessiert sich um ein von Tamara entwickeltes Spiel.

Fotos: Martin Binkert, zVg (2)
Fotos: Martin Binkert, zVg (2)

SpatzZeitung / www.myspatz.ch / Dezember 2011

23

von Fachmessen Deutschland sind dabei nicht eingeschlossen. «Mei- ne grösste Herausforderung war es, Gedankengänge und Spielzüge immer einfacher zu machen. Gleich- zeitig galt es, die Teile des Spieles zu reduzieren. In meiner ersten Variante zählte mein Spiel 566 Tei- le. Heute sind dies noch 252 Stü- cke», sagt er. Natürlich hofft Pascal André Schnell, dass dieses Spiel in den Handel kommt. Kontakte laufen. Am 30. Spieleautorentreffen im deutschen Göttingen zeigte ein Verlag Interesse. Die Entschädigung für einen Spielautor bewegen sich zwischen drei und fünf Prozent des Händ- lerpreises. Zum Vergleich: Die Firma Lu- dofact rechnet für die Produktion von 500 Spielen mit 17,30 Euro pro Spiel, bei einer Auflage von 5000 Stück sinkt der Herstellungspreis auf 8,55 Euro pro Spiel. Bei einem sehr guten Spiel kann mit einem Verkauf von 30 000 Exemplaren pro Jahr ausgegangen werden. Trägt dieses zusätzlich die Aufschrift «Spiel des Jahres», gehen 300 000 Stück über die Ladentheke.

Tamara mit eigenen Spielen

Vom Spielvirus angesteckt ist auch seine achtjährige Tochter Tamara.

Sie hat zwei Spiele erfunden und diese als jüngste Teilnehmerin an der «Internationale Spieleerfinder- Messe 2011» in Haar bei München mehreren Spielverlagen präsentiert. Das erste Spiel heisst «1+1, 2+2». Die Spielidee: Alle Spieler ziehen gleichzeitig ein Plättchen von ihrem Stapel. Diese Plättchen zeigen einen Wert in drei verschie- denen Arten auf: als Zahl, als Rech- nung oder als Würfelaugen. Wer den höchsten Wert hat, erhält alle Plättchen dieser Spielrunde. Wer am Schluss am meisten Plättchen besitzt, hat gewonnen. Dieses Spiel eignet sich ab fünf Jahren und ist auf vier Teilnehmer ausgelegt. An diesem Spiel ist ein bedeutender Verlag für Kinderspiele interessiert. Das zweite Spiel nennt sie «Links oder Rechts». Jeder Spieler zieht pro Runde eine Karte und versucht einen Weg vom Start zum Ziel zu erstellen. Wer die Verbindung geschafft hat, muss eine Spielfigur durch den Weg hindurch würfeln. Wer zuerst am Ziel ist, hat gewon- nen. Dieses Legespiel für zwei Spie- lende eignet sich für Kinder ab fünf Jahren. Wenn Tamara nicht am Spie- len ist, bastelt und malt sie gerne, spielt Klarinette oder geht in Lau- fen die Pfadi. In Bärschwil besucht sie die zweite Klasse.

und malt sie gerne, spielt Klarinette oder geht in Lau- fen die Pfadi. In Bärschwil besucht