Sie sind auf Seite 1von 5

sucht Auf neurobiologischer Ebene wird häufig ein mög-

liches Belohnungsdefizitsyndrom angeführt. Dieses


gründet auf der Beobachtung, dass sich bei Menschen
Süchtiges Essverhalten mit Adipositas eine reduzierte Verfügbarkeit striata-
ler dopaminerger D2-Rezeptoren zeigt15, was mit Be-
Adrian Meule, Würzburg funden bei substanzabhängigen Patienten vergleichbar
ist16, 17. Ähnliche Mechanismen könnten sich auch bei
Adipositas bzw. übermäßiges Essen zeigt sowohl auf der Menschen mit BN zeigen18, 19. Eine mögliche Erklärung
Verhaltensebene als auch hinsichtlich neurobiologischer hierfür wäre, dass aufgrund der erhöhten Stimulation
durch exzessives Essen sich diese Rezeptorverfügbar-
Mechanismen starke Ähnlichkeiten zu Substanzabhän- keit herunterreguliert und daher auch immer mehr
gigkeiten. Aufgrund dieser Befunde wird insbesondere gegessen werden muss, um das Belohnungssystem
in den letzten Jahren die Validität eines Konzepts süch- wieder adäquat zu stimulieren. Für diesen kausalen
tigen Essverhaltens (engl.: Food Addiction) diskutiert. Zusammenhang gibt es bisher aber lediglich Hinwei-
se aus Tierstudien20. Eine weitere Annahme ist, dass
Aktuelle Forschung beschäftigt sich damit, wie dieses
Menschen mit Adipositas und/oder BES hypersensitiv
süchtige Essverhalten erfasst werden kann, wer davon auf Nahrungsreize reagieren, d. h. mit erhöhter Akti-
betroffen ist und vor allem welche therapeutischen und vität des Belohnungssystems21, 22. Die Befunde hierzu
gesellschaftlichen Konsequenzen hieraus gezogen wer- sind zum derzeitigen Stand der Forschung aber eben-
den können. falls inkonsistent9, 14 und neben sich überschneidenden
 Mechanismen wird auch auf Unterschiede zwischen
Essen als Sucht Essens- und Drogen-induzierten dopaminergen Beloh-
nungsmechanismen hingewiesen23-25.
In den letzten Jahren gewinnt ein Suchtmodell von
Überessen und Adipositas zunehmend an Popularität. Welche Nahrungsmittel machen „süchtig“?
Eine beachtenswerte Zunahme der Anzahl von Pub-
likationen, die sich mit Food Addiction beschäftigen, Es wird häufig diskutiert, ob es sich bei süchtigem
lässt sich insbesondere seit dem Jahr 2009 beobach- Essverhalten um eine substanzgebundene Abhängig-
ten1. Das Konzept des süchtigen Essverhaltens zeigt keit handelt oder dies eher den Verhaltenssüchten zu-
verschiedene Parallelen − sowohl auf neurobiologi- zuordnen ist2. Die Aufnahme von Nahrungsmitteln
scher als auch behavioraler Ebene − zwischen Über- kann eine psychotrope Wirkung beinhalten wie bei-
essen bzw. Adipositas und Substanzabhängigkeit auf. spielsweise eine Stimmungsverbesserung oder -ver-
Als mögliche Erklärung dafür wurde vorgeschlagen, schlechterung. Diese emotionalen Wirkungen von Nah-
dass manche Nahrungsmittel ein Suchtpotenzial be- rung können durch assoziative, sensorische, energeti-
sitzen könnten1. Zahlreiche Übersichtsartikel beschäf- sche, neurochemische und pharmakologische Mecha-
tigen sich mit der Frage, ob sich Substanzabhängig- nismen vermittelt sein26. Allerdings lässt sich bei Nah-
keitskriterien und andere mit Sucht assoziierte As- rungsmitteln keine eindeutig süchtig machende Sub-
pekte auf Menschen mit Adipositas oder übermäßigem stanz identifizieren. Tiermodelle weisen darauf hin,
Essen, wie bei Bulimia nervosa (BN) oder Binge Ea- dass vor allen Dingen der Konsum von Zucker einen
ting Störung (BES), übertragen lassen und sich deren suchthaften Charakter entwickeln kann27. Dieser Zu-
Essverhalten somit als süchtig bezeichnen lässt2-9. ckerkonsum alleine führt jedoch noch nicht zu Über-
Einige der Diagnosekriterien lassen sich sehr gut auf gewicht und Adipositas, sondern erst in Kombinati-
Überessen und Adipositas übertragen. Beispielsweise on mit einem hohem Fettanteil in der Nahrung28-30.
essen die meisten Menschen mit Adipositas und/oder Bei Menschen wurde entsprechend vorgeschlagen,
BES größere Mengen oder über einen längeren Zeit- dass Nahrungsmittel mit einem hohen glykämischen
raum als beabsichtigt, haben den anhaltenden Wunsch Index ein Suchtpotenzial haben könnten31. Darüber hi-
abzunehmen oder haben bereits erfolglose Versuche naus wurden aber ebenso verarbeitete Lebensmittel32
unternommen weniger zu essen, und überessen sich oder solche mit einem hohen Salzgehalt33 als poten-
weiterhin trotz körperlicher oder psychischer Pro- ziell süchtig machend diskutiert. Schließlich lautete
bleme aufgrund des Essens bzw. des Gewichts10-12 ein Vorschlag1, dass wahrscheinlich verarbeitete Nah-
(Tab. 1). In einer Studie13 konnten sogar 92,4% der rungsmittel, die eine Kombination aus hohem Zucker-,
Patienten mit einer BES als süchtig klassifiziert wer- Fett- und Salzgehalt – d. h. höher als in unverarbei-
den, nachdem in den Substanzabhängigkeitskriterien teten Nahrungsmitteln – besitzen und somit extrem
neuro aktuell 1/2014

die Verweise auf „Substanz“ durch „Binge Eating“ er- schmackhaft (engl.: hyperpalatable) sind, ein Sucht-
setzt wurden. Nichtsdestotrotz sind einige Kriterien, potenzial besitzen könnten.
wie beispielsweise Entzugssymptome, Toleranzent- Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass sich ein mög-
wicklung oder die Einschränkung wichtiger Aktivitä- liches süchtiges Essverhalten auf eine bestimmte Sub-
ten aufgrund des Substanzgebrauchs, schwierig auf stanz zurückführen lässt. Außerdem legen Ergebnis-
Essverhalten übertragbar und deren genaue Definitio- se aus Tierstudien nahe, dass das Muster des Essver-
nen hinsichtlich süchtigen Essverhaltens werden kon- haltens (die sogenannte Esstopografie5) entscheidend
trovers diskutiert13, 14. dazu beiträgt − oder sogar eine Voraussetzung dafür 31
ist − dass Nahrungsmittel einen suchthaften Charak- zeitiger Nahrungsrestriktion und Überessen (welcher
ter bekommen können. Beispielsweise zeigen Ratten für das Essverhalten bei BN und BES typisch ist),
erst einen suchtartigen Konsum von Zucker, nach- ebenfalls eine entscheidende Bedeutung zukommt.
dem sie mehrere Wochen zyklische Phasen bestehend
aus wechselnder Nahrungsdeprivation und freiem Wie kann „süchtiges“ Essverhalten erfasst werden?
Zugang zu Futter und einer Zuckerlösung durchlau-
fen haben27. Süchtiges Essverhalten zeigt somit Über- Ein wesentlicher Bestandteil zur Bewertung der Gül-
schneidungen mit Substanzabhängigkeiten, wobei aber tigkeit des Suchtkonzepts übermäßigen Essens stellt
der Art des Essverhaltens, d. h. ein Wechsel aus kurz- die valide Erfassung süchtigen Essverhaltens dar.
Diese orientiert sich meist an den Diagnosekriterien
Diagnosekriterien für Beispiel-Item
für Substanzabhängigkeit des Diagnostischen und Sta-
%a
Substanzabhängigkeit tistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM-IV;
1) Anhaltender Wunsch oder „Bestimmte Nahrungsmittel ein- 94,8 Tab. 1). In einer Studie13 wurde dies beispielsweise
erfolglose Versuche, den zuschränken oder gar nicht mehr durch ein diagnostisches Interview realisiert, indem
Substanzkonsum zu ver- zu essen, ist etwas worüber ich
ringern oder zu kontrollie- mich sorge.“ das Substanzabhängigkeitsmodul des Strukturierten
ren Klinischen Interviews für DSM-IV-Achse-I-Störungen
2) Fortgesetzter Substanz- „Ich habe die gleichen Nahrungs- 75,0 (SKID) hinsichtlich Binge Eating umformuliert wurde.
konsum trotz Kenntnis mittel oder die gleiche Menge
eines anhaltenden an Essen weiterhin konsumiert, Ein ähnlicher Ansatz zur Identifikation süchtigen Ess-
oder wiederkehrenden obwohl ich emotionale und/oder verhaltens liegt der Yale Food Addiction Scale (YFAS)
körperlichen oder psy- körperliche Probleme hatte.“
chischen Problems, das zugrunde34, 13. Dieser Selbstauskunftsfragebogen er-
wahrscheinlich durch die fasst anhand von 25 Fragen die sieben Abhängigkeits-
Substanz verursacht oder
verstärkt wurde
kriterien bezogen auf Nahrungsmittel und Essverhal-
3) Toleranzentwicklung „Ich habe bemerkt, dass die 54,2
ten sowie eine klinisch signifikante Beeinträchtigung
gleiche Menge an Essen meine oder ein Leiden aufgrund des Essverhaltens (Tab. 1).
negativen Emotionen nicht mehr Bei Vorliegen von mindestens drei Symptomen sowie
so vermindert oder Wohlbefinden
nicht mehr so erhöht wie früher.“ einer Beeinträchtigung oder eines Leidens kann dann
4) Es besteht eine klinisch „Mein Verhalten in Bezug auf 47,9 eine Diagnose süchtigen Essverhaltens gestellt wer-
signifikante Beeinträch- Nahrung und Essen verursacht den.
tigung bzw. Leiden eine erhebliche Belastung.“
aufgrund des Substanz-
konsums Wie häufig ist „süchtiges“ Essverhalten
5) Die Substanz wird häufig „Ich ertappe mich dabei, be- 31,2 und wer ist davon betroffen?
in größeren Mengen oder stimmte Nahrungsmittel weiter
länger als beabsichtigt zu essen, obwohl ich nicht mehr Erste Untersuchungen unter Verwendung der YFAS
eingenommen hungrig bin.“
ergaben, dass etwa 20 bis 40% der Teilnehmer mit
6) Viel Zeit für Aktivitäten, „Ich finde, wenn ich bestimmte 30,2
um die Substanz zu Nahrungsmittel nicht da habe, Adipositas als „esssüchtig“ klassifiziert werden konn-
beschaffen, sie zu sich zu scheue ich keine Mühen, diese ten35, 36, 12. Es fanden sich aber ebenfalls, wenn auch
nehmen oder sich von ih- zu beschaffen. Bspw. gehe ich in
ren Wirkungen zu erholen den Supermarkt, um bestimm- in geringerem Ausmaß, Menschen mit süchtigem Ess-
te Nahrungsmittel zu kaufen, verhalten mit Unter-, Normal- und Übergewicht34, 37, 13.
obwohl mir zu Hause Alternativen
zur Verfügung stehen.“ Die häufigsten Diagnosen finden sich unter adipö-
7) Wichtige soziale, berufli- „Es gab Zeiten, in denen ich 29,2 sen Patienten mit BES10. Viele Studien fanden jedoch
che oder Freizeitaktivitä- bestimmte Nahrungsmittel so keinen oder lediglich einen geringen Zusammenhang
ten werden aufgrund des oft oder in solch großen Mengen
Substanzkonsums aufge- konsumiert habe, dass ich
zwischen dem Ausmaß süchtigen Essverhaltens und
geben oder eingeschränkt begann zu essen anstatt zu arbei- der Körpermasse38. Diese auf den ersten Blick wider-
ten, Zeit mit meiner Familie oder sprüchlich erscheinenden Befunde legen einen nicht-
meinen Freunden zu verbringen
oder mich mit anderen wichtigen linearen Zusammenhang zwischen diesen beiden Va-
Tätigkeiten oder Freizeitaktivitä- riablen nahe38 (Abb. 1). In den unteren Gewichtska-
ten, die ich mag, zu befassen.“
tegorien bleibt das Ausmaß süchtigen Essverhaltens
8) Entzugssymptome „Ich hatte Entzugssymptome wie 27,1
körperliche Unruhe, Ängstlich- zunächst konstant und steigt erst im übergewichtigen
keit oder andere körperliche und adipösen Bereich an. Eine mögliche Erklärung
Symptome, wenn ich das Essen
hierfür wäre, dass wahrscheinlich Menschen mit buli-
neuro aktuell 1/2014

bestimmter Nahrungsmittel
eingeschränkt oder vollständig mischen Symptomen ebenfalls die Kriterien süchtigen
darauf verzichtet habe.“
Essverhaltens erfüllen39, 40. Aufgrund der kompensa-
torischen Gegenmaßnahmen führt das exzessive Ess-
Tab. 1: Diagnosekriterien für Substanzabhängigkeit nach DSM-IV und verhalten jedoch nicht zu einer Gewichtszunahme. Bei
dazugehörige Beispiel-Items der Yale Food Addiction Scale Menschen mit extremer Adipositas flacht der Zusam-
a
Prozentuale Häufigkeit des Vorliegens der einzelnen Suchtsymptome
in einer Stichprobe präbariatrischer Patienten mit Adipositas (N = 96). menhang wiederum ab, was sich durch das Erreichen
32 Daten aus Meule et al. (2012)12 körperlicher Grenzen erklären lassen könnte.
tuellen Studie mit adipösen Teilnehmern ging die An-
zahl der Suchtsymptome gemessen mit der YFAS mit
einem geringeren Gewichtsverlust nach einer sieben-
wöchigen Gewichtsreduktionstherapie einher, was auf
die Notwendigkeit einer speziellen Anpassung solcher
Therapien an Menschen mit süchtigem Essverhalten
hinweist35. Diese könnte sich beispielsweise auf eine
betonte Förderung alternativer Emotionsregulations-
strategien, insbesondere in „Rückfallsituationen“, be-
ziehen35.
Ein weiterer Ansatz, der sich aus der Suchttherapie
Abb. 1: Anzahl der Suchtsymptome gemessen mit der Yale Food Addic- ableitet, könnte die Konfrontation mit Nahrungsrei-
tion Scale in Abhängigkeit der Gewichtskategorien nach World Health zen und gleichzeitiger Reaktionsverhinderung darstel-
Organization (2000). Die gestrichelte Trendlinie stellt einen möglichen len. Bisherige Pilotstudien konnten zeigen, dass bei-
kubischen Zusammenhang zwischen Gewichtskategorie und Sucht-
symptomen dar (R² = .95). Abbildung modifiziert nach Meule (2012)38.
spielsweise Menschen mit einem häufigen Verlangen
nach Schokolade ihren Schokoladenkonsum reduzie-
Diesen Befunden entsprechend ist die derzeitige Kon- ren, nachdem sie ein Verhaltenstraining absolvierten,
zeptualisierung süchtigen Essverhaltens in Abbildung in dem die Reaktionen auf Schokolade (z. B. ein Tas-
2 dargestellt. Süchtiges Essverhalten zeigt die größte tendruck) zurückgehalten werden sollte41, 42. Eine mög-
Überschneidung mit der Binge-Eating-Störung (BES), liche Erklärung für solch eine Verhaltensänderung
kann aber ebenfalls normal- und übergewichtige Men- könnte eine Stärkung von Kontrollmechanismen sein,
schen sowie Menschen mit Adipositas ohne BES um- aber auch eine Abschwächung bzw. ein Verlernen au-
fassen. Umgekehrt erfüllen nicht alle Patienten mit tomatischer Annäherungsreaktionen oder impliziter
Adipositas bzw. BES die Diagnose süchtigen Essver- affektiver Bewertungen der Nahrungsreize darstellen.
haltens (Abb. 2). Langfristige Effekte eines solchen Ansatzes sind je-
doch noch unbekannt.
Ein häufiger Kritikpunkt des Suchtmodells besteht
darin, dass eine konsequente Übertragung von Thera-
piebausteinen der Suchttherapie das Anstreben einer
Abstinenz der süchtig machenden Substanz nach sich
ziehen würde. Die Vermeidung bestimmter Nahrungs-
mittel gilt bei der Therapie der BN und BES jedoch
als kontraindiziert43. Andererseits findet solch ein Ab-
stinenzansatz auch Befürworter. Beispielsweise ori-
Abb. 2: Derzeitige Konzeptualisierung süchtigen Essverhaltens nach entieren sich Selbsthilfegruppen wie die Overeaters
dessen Beziehung zu Körpermasse und Binge Eating. Süchtiges Ess-
verhalten zeigt die größte Überschneidung mit der Binge-Eating-Stö-
Anonymous am 12-Punkte Programm der Anonymen
rung (BES), aber kann ebenfalls normal- und übergewichtige Menschen Alkoholiker. Der Abstinenzbegriff ist hier zwar nicht
sowie Menschen mit Adipositas ohne BES umfassen. Umgekehrt erfül- eindeutig definiert, dennoch finden manche Teilneh-
len nicht alle Patienten mit BES die Diagnose süchtigen Essverhaltens. mer es hilfreich, auf beispielsweise Einfachzucker zu
Abbildung modifiziert nach Ahmed et al. 40.
verzichten44. Randomisierte, kontrollierte Studien zur
Wirksamkeit der Teilnahme an solchen Selbsthilfe-
Korrelate süchtigen Essverhaltens
gruppen fehlen jedoch.
Bisherige Studien konnten in Stichproben mit adipösen Neben therapeutischen Implikationen könnte ein
Menschen keinen Zusammenhang mit Alter und Ge- Suchtmodell ebenfalls Auswirkungen auf gesellschaftli-
schlecht feststellen z.B. 35. In vorwiegend normalgewich- cher Ebene haben. Vorschläge zur politischen Einfluss-
tigen Stichproben war die Häufigkeit süchtigen Ess- nahme als Prävention von Übergewicht und Adiposi-
verhaltens jedoch bei Frauen erhöht, was wiederum tas wurden meist durch bereits erfolgte Regulationen
für eine Assoziation mit bulimischer Symptomatik in des Tabakmarktes inspiriert und umfassen beispiels-
dieser Gewichtskategorie spricht13. Süchtiges Essver- weise die Besteuerung von zuckerhaltigen Softdrinks,
halten ist positiv assoziiert mit einer erhöhten Essstö- eine stärkere Regulation von Werbung oder die Ein-
rungspathologie (z. B. Binge Eating und emotionalem führung von Ernährungsstandards an Schulen3, 45-48.
neuro aktuell 1/2014

Essverhalten) sowie erhöhter Impulsivität, Depressi- Gleichzeitig werden aber auch kritische Punkte ange-
vität, Emotionsregulationsschwierigkeiten und gerin- führt. Da in den bisherigen Studien nur eine bestimm-
gerem Selbstwert z.B. 35, 36, 10, 13. te Untergruppe von adipösen Personen als „esssüch-
Therapeutische und gesellschaftliche Implikationen tig“ klassifiziert wurde, könnte die Nahrungsmittel-
industrie süchtiges Essverhalten als seltene Störung
Die Adaptation eines Suchtmodells auf Überessen und
präsentieren, die das politische Eingreifen zur Be-
Adipositas zieht sowohl therapeutische als auch ge-
einflussung des Essverhaltens auf gesellschaftlicher
sellschaftliche Implikationen nach sich. In einer ak-
Ebene nicht erfordert49. Ein weiteres Bedenken grün- 33
det darauf, dass die Konzeptualisierung als „esssüch-
tig“ zwar das Stigma des Versagens vom Individuum Literatur
hin zu Einflussfaktoren der Umwelt lenken könnte, 40 Ahmed, S., Avena, N. M., Berridge, K. C., Gearhardt, A., & Guillem, K.
(2013). Food Addiction. In D. W. Pfaff (Ed.), Neuroscience in the 21st
aber ebenso zu einem neuen Stigma führen und die Century (pp. 2833-2858). New York: Springer.
Wichtigkeit von körperlicher Aktivität zur Gewichtsab- 2 Albayrak, O., Wolfle, S. M., & Hebebrand, J. (2012). Does food addiction
exist? A phenomenological discussion based on the psychiatric clas-
nahme reduzieren könnte49. sification of substance-related disorders and addiction. Obesity Facts, 5,
165-179.
Fazit 3 Allen, P. J., Batra, P., Geiger, B. M., Wommack, T., Gilhooly, C., & Pothos,
E. N. (2012). Rationale and consequences of reclassifying obesity as an
Süchtiges Essverhalten findet sich insbesondere bei addictive disorder: Neurobiology, food environment and social policy
perspectives. Physiology & Behavior, 107, 126-137.
Menschen mit BES. Ebenfalls findet sich eine erhöh- 27 Avena, N. M., Rada, P., & Hoebel, B. G. (2008). Evidence for sugar ad-
te Prävalenz bei Menschen mit Adipositas. Allerdings diction: Behavioral and neurochemical effects of intermittent, excessive
sugar intake. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 32, 20-39.
zeigt sich dies nur bei einem bestimmten Anteil, so 28 Avena, N. M., Rada, P., & Hoebel, B. G. (2009). Sugar and fat bingeing
dass Adipositas nicht mit „Esssucht“ gleichgesetzt, have notable differences in addictive-like behavior. The Journal of Nutri-
sondern innerhalb der Gruppe der adipösen Menschen tion, 139, 623-628.
4 Barry, D., Clarke, M., & Petry, N. M. (2009). Obesity and its relationship to
zwischen denjenigen mit und denjenigen ohne süch- addictions: Is overeating a form of addictive behavior? American Journal
tigem Essverhalten differenziert werden kann. An- on Addictions, 18, 439-451.
dererseits erfüllen aber auch manche Menschen mit 23 Benton, D. (2010). The plausibility of sugar addiction and its role in obesity
and eating disorders. Clinical Nutrition, 29, 288-303.
Unter- oder Normalgewicht die Kriterien süchtigen 18 Broft, A., Berner, L. A., Martinez, D., & Walsh, B. T. (2011). Bulimia ner-
Essverhaltens, die hier möglicherweise stark mit buli- vosa and evidence for striatal dopamine dysregulation: A conceptual
review. Physiology & Behavior, 104, 122-127.
mischer Symptomatik assoziiert sind. 19 Broft, A., Shingleton, R., Kaufman, J., Liu, F., Kumar, D., Slifstein, M.,
Hinsichtlich therapeutischer und gesellschaftlicher Im- Walsh, B. T. (2012). Striatal dopamine in bulimia nervosa: A PET imaging
plikationen lässt sich schließen, dass das Suchtkon- study. International Journal of Eating Disorders, 45, 648-656.
45 Brownell, K. D., & Frieden, T. R. (2009). Ounces of prevention - The public
zept übermäßigen Essens von Nutzen sein kann, bei- policy case for taxes on sugared beverages. New England Journal of
spielsweise durch die Ableitung von Therapiemaßnah- Medicine, 360, 1805-1808.
35 Burmeister, J. M., Hinman, N., Koball, A., Hoffmann, D. A., & Carels, R. A.
men oder politischen Regulationen aus dem Bereich (2013). Food addiction in adults seeking weight loss treatment. Implica-
der Substanzabhängigkeiten, aber dennoch auch po- tions for psychosocial health and weight loss. Appetite, 60, 103-110.
tenzielle Gefahren in sich birgt. Zum aktuellen Zeit- 13 Cassin, S. E., & von Ranson, K. M. (2007). Is binge eating experienced as
an addiction? Appetite, 49, 687-690.
punkt bleibt daher der Nutzen des Suchtmodells un- 33 Cocores, J. A., & Gold, M. S. (2009). The Salted Food Addiction Hypoth-
klar. esis may explain overeating and the obesity epidemic. Medical Hypoth-
Das Konzept süchtigen Essverhaltens befindet sich eses, 73, 892-899.
5 Corsica, J. A., & Pelchat, M. L. (2010). Food addiction: true or false? Cur-
noch in der Entwicklung und bedarf grundlegender rent Opinion in Gastroenterology, 26, 165-169.
Forschung, die zu einer präziseren Definition des Be- 6 Davis, C., & Carter, J. C. (2009). Compulsive overeating as an addiction
disorder. A review of theory and evidence. Appetite, 53, 1-8.
griffs sowie zur Überprüfung der Gültigkeit des Ansat- 36 Davis, C., Curtis, C., Levitan, R. D., Carter, J. C., Kaplan, A. S., & Ken-
zes im Humanbereich beiträgt. Ein integraler Bestand- nedy, J. L. (2011). Evidence that ‚food addiction‘ is a valid phenotype of
teil hierbei wären longitudinale Studien, die sich dem obesity. Appetite, 57, 711-717.
24 DiLeone, R. J., Taylor, J. R., & Picciotto, M. R. (2012). The drive to eat:
Übergang von impulsivem hin zu kompulsivem Ess- comparisons and distinctions between mechanisms of food reward and
verhalten widmen. Diese könnten ebenfalls zur Klä- drug addiction. Nature Neuroscience, 15, 1330-1335.
46 Gearhardt, A. N., Bragg, M. A., Pearl, R. L., Schvey, N. A., Roberto, C.
rung bisher wenig beachteter „Esssuchtssymptome“, A., & Brownell, K. D. (2012). Obesity and public policy. Annual Review of
wie beispielsweise der Toleranzentwicklung, führen, Clinical Psychology, 8, 405-430.
um somit die bislang anhand von Fragebögen erhobe- 47 Gearhardt, A. N., & Brownell, K. D. (2013). Can food and addiction change
the game? Biological Psychiatry, 73, 802-803
nen Selbstberichte durch objektive Verhaltensbeobach- 7 Gearhardt, A. N., Corbin, W. R., & Brownell, K. D. (2009a). Food addic-
tungen zu belegen. tion – an examination of the diagnostic criteria for dependence. Journal
Dipl.-Psych. Adrian Meule of Addiction Medicine, 3, 1-7.
Lehrstuhl für Psychologie I · Universität Würzburg 34 Gearhardt, A. N., Corbin, W. R., & Brownell, K. D. (2009b). Preliminary
Marcusstraße 9-11 · 97070 Würzburg validation of the Yale Food Addiction Scale. Appetite, 52, 430-436.
Tel.: 0931/31 808 34 · Fax: 0931/31 8 24 24 1 Gearhardt, A. N., Davis, C., Kuschner, R., & Brownell, K. D. (2011). The
E-Mail: adrian.meule@uni-wuerzburg.de addiction potential of hyperpalatable foods. Current Drug Abuse Reviews,
4, 140-145.
48 Gearhardt, A. N., Grilo, C. M., DiLeone, R. J., Brownell, K. D., & Potenza,
M. N. (2011). Can food be addictive? Public health and policy implica-
tions. Addiction, 106, 1208-1212.
10 Gearhardt, A. N., White, M. A., Masheb, R. M., Morgan, P. T., Crosby, R.
D., & Grilo, C. M. (2012). An examination of the food addiction construct in
obese patients with binge eating disorder. International Journal of Eating
neuro aktuell 1/2014

Disorders, 45, 657-663.


41 Houben, K. (2011). Overcoming the urge to splurge: Influencing eating
behavior by manipulating inhibitory control. Journal of Behavior Therapy
and Experimental Psychiatry, 42, 384-388.
42 Houben, K., & Jansen, A. (2011). Training inhibitory control. A recipe for
resisting sweet temptations. Appetite, 56, 345-349.
32 Ifland, J. R., Preuss, H. G., Marcus, M. T., Rourk, K. M., Taylor, W. C.,
Burau, K., . . . Manso, G. (2009). Refined food addiction: A classic sub-
stance use disorder. Medical Hypotheses, 72, 518-526.

34
20 Johnson, P. M., & Kenny, P. J. (2010). Dopamine D2 receptors in addic-
tion-like reward dysfunction and compulsive eating in obese rats. Nature
Neuroscience, 13, 635-641.
21 Kenny, P. J. (2011a). Common cellular and molecular mechanisms in
obesity and drug addiction. Nature Reviews Neuroscience, 12, 638-651.
22 Kenny, P. J. (2011b). Reward mechanisms in obesity: new insights and
future directions. Neuron, 69, 664-679.
49 Lee, N. M., Carter, A., Owen, N., & Hall, W. D. (2012). The neurobiology of
overeating. Embo Reports, 13, 785-790.
29 Lindberg, M. A., Dementieva, Y., & Cavender, J. (2011). Why has the BMI
gone up so drastically in the last 35 years? Journal of Addiction Medicine,
5, 272-278.
26 Macht, M. (2005). Die Gefühle und das Essverhalten. Moderne Ernährung
Heute, 4, 6-9.
37 Meule, A. (2011). How prevalent is „food addiction“? Front. Psychiatry,
2(61), 1-4.
38 Meule, A. (2012). Food addiction and body-mass-index: A non-linear
relationship. Medical Hypotheses, 79, 508-511.
12 Meule, A., Heckel, D., & Kübler, A. (2012). Factor structure and item analy-
sis of the Yale Food Addiction Scale in obese candidates for bariatric
surgery. European Eating Disorders Review, 20, 419-422.
11 Meule, A., & Kübler, A. (2012). The translation of substance dependence
criteria to food-related behaviors: Different views and interpretations.
Frontiers in Psychiatry, 3(64), 1-2.
13 Meule, A., Vögele, C., & Kübler, A. (2012). [German translation and valida-
tion of the Yale Food Addiction Scale]. Diagnostica, 58, 115-126.
8 Pelchat, M. L. (2009). Food addiction in humans. The Journal of Nutrition,
139, 620-622.
44 Russel-Mayhew, S., von Ranson, K. M., & Masson, P. C. (2010). How
does Overeaters Anonymous help its members? A qualitative analysis.
European Eating Disorders Review, 18, 33-42.
25 Salamone, J. D., & Correa, M. (2013). Dopamine and food addiction:
Lexicon badly needed. Biological Psychiatry,73, e15-e24
39 Speranza, M., Revah-Levy, A., Giquel, L., Loas, G., Venisse, J.-L., Jeam-
met, P., & Corcos, M. (2012). An investigation of Goodman‘s addictive
disorder criteria in eating disorders. European Eating Disorders Review,
20, 182-189.
31 Thornley, S., McRobbie, H., Eyles, H., Walker, N., & Simmons, G. (2008).
The obesity epidemic: Is glycemic index the key to unlocking a hidden
addiction? Medical Hypotheses, 71, 709-714.
40 Umberg, E. N., Shader, R. I., Hsu, L. K., & Greenblatt, D. J. (2012). From
disordered eating to addiction: The „food drug“ in bulimia nervosa. Jour-
nal of Clinical Psychopharmacology, 32, 376-389.
16 Volkow, N. D., Wang, G.-J., Fowler, J. S., & Telang, F. (2008). Overlapping
neuronal circuits in addiction and obesity: evidence of systems pathology.
Philosphical Transactions of the Royal Society B, 363, 3191-3200.
17 Volkow, N. D., Wang, G.-J., Tomasi, D., & Baler, R. D. (2013). Obesity and
addiction: neurobiological overlaps. Obesity Reviews, 14, 2-18
15 Wang, G. J., Volkow, N. D., Logan, J., Pappas, N. R., Wong, C. T., Zhu,
W., . . . Fowler, J. S. (2001). Brain dopamine and obesity. Lancet, 357,
354-357.
43 Wilson, G. T. (2010). Eating disorders, obesity and addiction. European
Eating Disorders Review, 18, 341-351.
14 Ziauddeen, H., Farooqi, I. S., & Fletcher, P. C. (2012). Obesity and the
brain: how convincing is the addiction model? Nature Reviews Neurosci-
ence, 13, 279-286.
9 Ziauddeen, H., & Fletcher, P. C. (2013). Is food addiction a valid and use-
ful concept? Obesity Reviews, 14, 19-28
30 Zilberter, T. (2012). Food addiction and obesity: do macronutrients mat-
ter? Frontiers in Neuroenergetics, 4(7), 1-2.

neuro aktuell 1/2014

35