Sie sind auf Seite 1von 164
ROLF WALKER Die Heilsgeschichte im ersten Evangelium
ROLF
WALKER
Die Heilsgeschichte im
ersten Evangelium
ROLF WALKER Die Heilsgeschichte im ersten Evangelium
ROLF WALKER Die Heilsgeschichte im ersten Evangelium
ROLF WALKER Die Heilsgeschichte im ersten Evangelium GÖITINGEN . VANDENHOECK- & RUPREClIT . 1967
ROLF WALKER
Die Heilsgeschichte im
ersten Evangelium
GÖITINGEN . VANDENHOECK-
& RUPREClIT . 1967
Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments Herausgegeben von Ernst Käsemann und
Forschungen zur Religion und Literatur
des Alten und Neuen Testaments
Herausgegeben von
Ernst Käsemann und Ernst Würthwein
91. Heft der ganzen Reihe
Umdlq: Cb.riatel StelplDlUUl. - C Vandeaboeck
Ruprecht,
G6ltinaen 1967 - Printed in German,
Ohne .UJdrüC'kllche GenC!'h.
m1aunl d~ Verlqes "I d nicht p.tattet. du Buch oder Teile daraUf
auf fo~ oder akultOmecb.anilcbem We~ zu vervielflltiaen. GII!IIUDt.
benteUUDI: Huben. •
Co., Glttin,rn
8702
MEINER MUTfER
MEINER MUTfER
INHALT I. Problemstellung 11 11. Israel im Matthäusevangelium 11 A. Die Repräsentanten Israels 11 1.
INHALT
I. Problemstellung
11
11.
Israel im Matthäusevangelium
11
A. Die Repräsentanten Israels
11
1.
Die
Pharisäer und
Sadduzäer.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
11
2. Die Schriftgelehrten und Phari&iier
17
3. Die
Oberpriester und Ältesten des
Volks.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
29
4.
Ihre
Synagogen
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
33
5.
Dieses Geschlecht
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
35
B. Israel als Einheit des
Bösen
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
38
1. Markus- Stoffe
Die
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
38
2. Q-Materialien
Die
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
48
3. .
Das
Sondergut
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
59
111. Die Heiden im Matthäusevangelium
75
1. Die
Markus-Stoffe
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
75
2. Die Q-Materialien
87
3. Daa
Sondergut
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
97
IV. Die Heilsgeschichte im Matthäusevangelium
114
1. Die heilsgeachichtliche
Konzeption.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
114
a) Das
Zeitvaratindnis des
114
b) Die Funktion der
118
c) Israel und
die
Heiden.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
120
2. Die Funktion der Judaismen
lichen
innerhalb der heilsgeachicht-
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
127
a) Die Partikulariamen 10,5C; 15,24
128
b) Sondergut zum Thema
Israel"
128
c) Die Measianität Jesu
128
Cl)
Hoheitstitel
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
128
~)
Reflexionszitate .
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
132
d) Gesetzliches
134
e) .
Einzelzüge
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
142
3. Zur
Form"
des Matthäusevangeliuma
145
a) Polemisch-apologetische KampCschrift!
145
b) Kerygmatisches Geschichtswerk
145
V. Literaturverzeiohnis
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
150
I. PROBLEMSTELLUNG Im ersten Band seiner Erläuterungen zum Neuen Testament bemerkt Adolf Schlatter zu Mt.
I. PROBLEMSTELLUNG
Im ersten Band seiner Erläuterungen zum Neuen Testament bemerkt
Adolf Schlatter zu Mt. 22,4-6:
Jesus
stellt dar, mit welcher Geduld
er Israel zur Gnade Gottes lud
Jedenfalls soll Israel empfinden, wie
dringlich und lange ihm Gottes Gnade angeboten worden ist. Aber es
blieb stumpf
Darum verwandelt sich nun für die Geladenen die Be-
rufung zum Fest in ihr
Gegenteil." 1 Zu 22,7 führt
Schlatter aus:
Damit ist das Geschick Israels beschrieben, dem die Anbietung der
höchsten Gnade den Untergang bringt.". Er fährt fort:
Nun
sorgt der
König für andere Gäste. 22, ~10
Jesus blickt auf die Berufung der
Heiden. Der Fall Israels wird das Heil der Heiden. An sie geht nun das
einladende Wort; sie sollen die Genossen des Christus bei seinem Feste
werden."·
Spinnt man den Faden der Schlatterschen Auslegung hypothetisch
weiter und achtet auf strenge heilsgeschichtliche Periodisierung, so er-
geben sich folgende Thesen:
1. Israel schlägt das wiederholte Angebot der Gnade Gottes aus,
Israel als ganzes, nicht bloß einzelne Israeliten.
2. Diese Ablehnung des Angebots besiegelt Israels heilsgeschicht-
liches Geschick (22,7).
3. Nun kommt es zur Berufung der Heiden. So ergibt sich das heils-
geschichtliehe Nacheinander
Erst Israel, dann die Heiden".
4. Ist Israel aus der göttlichen Berufungsgeschichte ausgeschieden
und nehmen die Heiden seinen Platz ein, so bedeutet das hinsichtlich
der kerygmatischen Ausrichtung des Matthäus-Evangeliums: die
Heilsbotschaft hat nur noch die Heiden als Adressaten. Israel als
Adressat des Evangeliums gehört der Vergangenheit an.
5. Ist das Matthäus-Evangelium im Blick auf die universale Heiden-
berufung geschrieben, so entbehrt es - vom heilsgeschichtlichen Ge-
samtentwurf her - der direkten polemischen oder apologetischen Bot-
schaft an Israel. Die ganze Darstellung der Auseinandersetzung Jesu
mit Israel steht unter heilsgeschichtlichem Aspekt; sie ist (keryg-
matische) Gt.8Chü:htuckreibung, nicht Spiegel aktueller Kontroversen
der Kirche mit Israel.
1 Das Evangelium nach Matthäua, NeuauCl. 1961,326.
• A.a.O. 32öf.
I A.a.O. 326.
10 Problemstellung Das sind befremdliche Thesen; doch sie sind nicht allzu befremdlich, wenn man sich
10
Problemstellung
Das sind befremdliche Thesen; doch sie sind nicht allzu befremdlich,
wenn man sich einen charakteristischen Schematismus des Matthäus-
Evangeliums vor Augen hält: seine Tendenz, Israel als geschlossene
Einheit darzustellen, als massa perditionis, die für den Messias Jesus
nur das Kreuz übrig hat und deren Gerichtsverfallenheit von daher
offenkundig ist. Dieses matthäische Theologumenon nötigt zu der
Frage, ob der Evangelist damit nicht ein gutes Stück der heilsgeschicht-
lichen Entwicklung, wie er sie sieht, darlegt und motiviert: Israel wird
durch seinen König berufen, verwirft das Angebot mit aller Macht,
weshalb es aus der Berufung zur Himmelsherrschaft ausscheidet. Dazu
kommt die Beobachtung, daß gerade der Matthäus-Evangelist es ist,
der die Heiden unübersehbar ins Blickfeld rückt. Wo die Vertreter
Israels z. B. die Auferstehung leugnen, sendet der Auferstandene dafür
-man beachte den Kontrast!-die Jünger zu allen Heiden (Kap. 28).
Sprechen Kapitel 24 und 25 mit Absicht nur noch von den Heiden als
dem Gegenüber der berufenden Jünger und des kommenden Gerichts,
nachdem Kapitel 23 das innergeschichtliche forensische Ende der Be-
rufungsgeschichte Israels angesagt hat? Steht die Basileia-Berufung
der Heiden bei Matthäus auf dem dunklen Hintergrund des heils-
geschichtlichen Untergangs Israels? Ist die heilsgeschichtliehe Stunde
seiner Kirche dadurch gekennzeichnet, daß die Heiden - vor dem in
die Zukunft gerückten Ende - anstelle Israels in den Horizont der
Basileia-Berufung getreten sind und treten werden? In dieselbe Gnade
und unerhörte Beanspruchung wie vordem Israel? - Auf diese Fragen
soll die vorliegende Untersuchung Antwort zu geben versuchen.
11. ISRAEL IM MATTHÄUSEVANGELIUM A. Die Repräsentanten Israels 1. Die Pharisäer und Sadduzäer "Israel"
11. ISRAEL IM MATTHÄUSEVANGELIUM
A. Die Repräsentanten Israels
1. Die Pharisäer und Sadduzäer
"Israel" erscheint im Matthäus-Evangelium als handelndes Gegen-
über Jesu vornehmlich in Gestalt seiner Repräsentanten. Bald be-
treten die "Schriftgelehrten" oder die "PhariBii.er" den Ort der Hand-
lung, bald die "PhariBii.er und Sadduzäer" oder "Schriftgelehrten und
Pharisäer". Das auffallendste Phänomen für den historisch geschulten
Betrachter sind zweifellos die "PhariBii.er und Sadduzäer". Diese Be-
griffsverbindung, die geschichtlich höchst Disparates und Gegen-
sätzliches zu einer Einheit zusammeofaßt', begegnet - als Bildung des
Evangelisten - nur im Matthäus-Evangelium. Bei Markus und Lukas
treten die Sadduzäer je nur einmal auf; in der Perikope der Sadduzäer-
frage erscheinen sie als Auferstehungsleugner (Mk.12,18; Lk. 20, 27).
Mk. 12,18 wurde von Matthäus in veränderter Gestalt übernommen
(22,23). Im Anschluß an die Sadduzäer-Perikope führt der Evangelist
bei der Einleitung zur Frage nach dem größten Gebot (22,34) den
Sadduzäer-Begriff aus dem vorausgehenden Stück 22,23-33 ein, um
die beiden Perikopen - im Unterschied zu Markus - eng miteinander
zu verbinden. Sonst spricht er an fünf Stellen stereotyp von den
"PhariBii.ern und Sadduzäern" (3,7; 16,1.6.11 &.12). Mit Recht stellt
Reinhart Hummel fest: "An diesen Stellen ist interessant, daß sie
alle eindeutig auf den Evangelisten zurückgehen. Die häufige Er-
wähnung der Sadduzäer hat ihren Grund also nicht in der Tradition. '"
Es ist aufschlußreich, wie der Evangelist die von ihm geschaffenen
"PhariBii.er und Sadduzäer" charakterisiert. Wo bei Lukas das aus Q
stammende Stück 3,7b-9 (= Mt. 3,7b-l0) nach der lukanischen
Rahmenbemerkung von 3,7 a
gegen die Mengen gerichtet ist, die hin-
• Vgl. zum Geschichtlichen: Juliua Wellhauaen, Die Pharisäer und die
Sadducäer, 2. Aun. 1924; Paul Billerbeck (H. L. Strack - P. Billerbeck, Kom·
mentar zum NT aus Talmud und Midraach, I-V, 2. Auf!. 1956) II 494ft'.; IV,I
334ff.; Joachim Jeremias, JeruaaJem zur Zeit Jesu, 3. Auf!. 1962, 252ft'. und
27Uff.; E. L. Dietrich in RGG, 3. Auf!., V 326ft'. und 1277f.; RudolfMeyer, Art.
l:"88ou)(,,ro~, ThW VII 35ft'.
• In starker Abweichung von Mk. 8,15 (Sauerteig der Pharisäer und Sauer·
teig d
Herodes).
• Die AWIIlinandersetzung
zwischen Kirche und Judentum im Matthäus·
evangelium, BevTh 33, 1963, 18; 2. durchgce. und vermehrte Auf!. 1U66.
12 Israel im Matthäuaevangelium ausgingen, um sich von Johannes taufen zu lassen, sind bei Matthäus
12 Israel im Matthäuaevangelium
ausgingen, um sich von Johannes taufen zu lassen, sind bei Matthäus
"viele der Pharisäer und Sadduzäer" (3,7a) die Adressaten des Droh-
worts; sie gelten ihm als die vom Täufer gegeißelte "Schlangenbrut"
(3,7). Sie stehen für Israel, vertreten die typisch israelitische Heils-
prärogative: wir haben Abraham zum Vater (3,9)7. In Mk. 8,11 treten
die Pharisäer als "Versucher" Jesu auf; Mt. 16,1 sind es die "Pharisäer
und Sadduzäer", die Jesus versuchen. Der Evangelist gestaltet den aus
Markus übernommenen Stoft'kräftig um, versieht ihn mit einer scharfen
Spitze, indem er 16,4 die Wendung von dem bÖBen und ehebreche-
rischen Geschlecht einfügt (gegen Mk. 8,12; vgl. aber Mk. 8, 38), und
vereinheitlicht die Szene: statt der Warnung vor dem Sauerteig der
Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes Mk. 8, 15 erscheint in konse-
quenter Fortführung von 16,1 die Warnung vor dem Sauerteig der
"Pharisäer und Sadduzäer" (16,6), die der Evangelist in 16,11 wieder-
holt (fehlt bei Markus). Schließlich deutet er den fraglichen Sauerteig
in einem von ihm selbst beigebrachten Vers auf die Lehre der "Pharisäer
und Sadduzäer" (16,12). Somit hat man sich die "Pharisäer und Sad-
duzäer" im matthäischen Sinne als die verderbliche Lehrerschaft
Israels vorzustellen. Sie repräsentieren das "böse und ehebrecherische
Geschlecht" (16,4), das durch ihren Mund zu Wort kommt.
Mit alledem heben sich freilich die "Pharisäer und Sadduzäer" um
keine Nuance von der matthäischen Charakterisierung der "Schrift-
gelehrten und Pharisäer" oder der Schriftgelehrten und Pharisäer je
als "Einzelerscheinungen" ab. Denn "Schlangenbrut", um mit dem
kräftigsten Epitheton zu beginnen, heißen bei Matthäus in 12,34 auch
die Pharisäer (von 12,24) oder in 23,33 die "Schriftgelehrten und Phari-
säer" (von 23,29). Der Evangelist nimmt in 12,34 das in Q vor-
gefundene "Otterngezücht" (vgl. Lk. 3,7) in seinen Text auf; 23,33 ist
ein redaktionelles (abgewandeltes) Duplikat von 3,7. Ähnlich ist die
"Versuchung" Jesuin 19,3 (= Mk.l0,2) und 22,35 Sache der Pharisäer,
wobei in 22,35 das Motiv der Versuchung wie die ganze Einleitung zur
Frage nach dem größten Gebot 22,34f. (gegen Mk. 12,28) von der Hand
des Redaktors stammt. Als Repräsentanten des "bösen und ehe-
brecherischen Geschlechts" wiederum begegnen in 12,38 "etliche der
Schriftgelehrten und Pharisäer". Hier hat Matthäus seinen "Pharisäer
und Sadduzäer"-Text von 16,1.2.4 mit gewissen Veränderungen in der
Einleitung (12,38/16,1) unter einer neuen Personal-Überschrift kurzer-
hand wiederholt (12,39 = 16,28
4).
Schließlich ist die Lehrerfunktion
der Schriftgelehrten, der Pharisäer oder "Schriftgelehrten und Phari-
säer" durch das ganze Evangelium hin mit Händen zu greifen. Dieser
Sachverhalt der sachlichen Identität: daß sich die "Pharisäer und
, Vgl. BUierbeek I 116C.
Die Pharisier und Sadduzlier 13 Sadduzäer" bei Matthäus in keiner Weise von den &Ilderen gen&llnten
Die Pharisier und Sadduzlier
13
Sadduzäer" bei Matthäus in keiner Weise von den &Ilderen gen&llnten
Repräsentanten Israels unterscheiden und derselben negativen und
stereotypen Charakterisierung unterliegen, erlaubt das vorläufige Ur-
teil: Die "Pharisäer und Sadduzäer" sind im Matthäus-Evangelium
keine besondere, individuell qualifizierte Gruppe, sondern lediglich
Spielart der einen Führerschaft Israels. NQA;h AU8WIlia seiner bewußten
redaktionellen Arbeit bilden. die Reprä8entanten ft1,r MattM:u8 eine hrmw-
gem Einheit.
Das wird eindrucksvoll bestätigt durch 22,23.34. H&Ildelt es sich
Mk.12, 18 um eine besondere Gruppe und ihr Spezifikum, um "Saddu-
zäer, die (bekanntlich) behaupten, es gäbe keine Auferstehung" (vgI.
Lk.20, 27), so treten inMt.22, 23 die Sadduzäer mit einer in die Situation
gesproohenen Leugnung der Auferstehung auf: An jenem Tage traten
Sadduzäer zu ihm mit der Behauptung, es gäbe keine Auferstehung
Durch >.Cyovr~ I'lJ ctvOlL «vclaTOlaLV formuliert hier der Verfasser des
Evangeliums im voraus den Inhalt der folgenden vorgebrachten Ge-
schichte; eben mit ihr sagen die Sadduzäer, es gäbe keine Auferstehung.
Daß sie damit nicht die Meinung einer sadduzäischen Sondergruppe im
Munde führen, sondern für das Volk sprechen, deutet der gegenüber
Mk. 12,27 stark veränderte Schluß der Perikope an: und als die Mengen
es hörten, gerieten sie außer sich über seine Lehre (22,33). M&Il wird
aus dieser Bemerkung folgern dürfen, daß Jesus im Sinne des Evange-
listen kein speziell sadduzäisches Theologumenon ad absurdum geführt
hat, sondern eine Meinung, die das Volk mit seinem Entsetzen über
Jesu Lehre indirekt als die seine erkennt und bestätigt; auch in 7,28
stehen die Mengen mit ihrem Entsetzen Jesus gegenüber, der anders
lehrt als "ihre Schriftgelehrten" •. Interessant ist der Fortg&llg der
Handlung in 22,34fJ., wo es um die "Solidarität" der Repräsentanten
Israels geht: Als aber die Pharisäer hörten, er habe den Sadduzäern
den Mund gestopft, kamen sie eben da zusammen, und einer von ihnen,
ein Gesetzeskundiger, fragte und versuchte ihn
(ganz &Ilders
Mk.12, 28). Von "Schadenfreude" der Pharisäer über die Niederlage der
Sadduzäer ist dem Text nichts zu entnehmen'. Das hat Hummel genau
beobachtet, der richtig vermerkt: "Es steht vielmehr da, daß die
Schlappe der Sadduzäer die Pharisäer auf den Plan rief." 10 In der Tat
hat man den Eindruck, die Pharisäer müßten auf den gestopften Mund
der Sadduzäer hin zum "Gegenschlag" ausholen. - Die Lehrer Israels,
seien es Sadduzäer oder Pharisäer, stehen für Matthäus in einer Front
• Hwrunel spricht &.&.0.
19 von einer zufillig vertretenen Ansicht. Die
Leugnung
der Auferstehung ist für MatthiUl jedoch sadduziische = "israe-
litische" Lehre.
• Gegen R. Meyer. ThW VII 52:
die Sadduzäer
an deren Niederlage
sich die Pharisier freuen."
10 A.&.O. 19.
14 Israel im Mattbäusevangelium und kämpfen gemeinsam einen Kampf gegen Jesus. Der Evangelist kennt auch
14 Israel im Mattbäusevangelium
und kämpfen gemeinsam einen Kampf gegen Jesus. Der Evangelist
kennt auch dort, wo er getrennt von Sadduzäern und Pharisäern
spricht (22,23.34), der Sache nach nicht die beiden
historischen
Indi
vidualitäten" der Pharisäer und Sadduzäer, sondern nur die feind-
selige, aus 3,7; 16,1.6.11.12 bekannte Gesamtheit der
Pharisäer
und
Sadduzäer".
Von daher wird G. D. Kilpatricks These fragwürdig, nach der Mat-
thäus zwischen pharisäischen und nichtpharisäischen Juden unter-
scheidet und
Sadduzäer"
als Sammelbegriff für alle nichtchristlichen
und nichtpharisäischen Juden zu gelten hat ll . Man wird sich fragen
müssen, ob es bei Matthäus überhaupt Sadduzäer neben den Pharisäern
gibt
Nominell"
sind sie gewiß vorhanden (22,23.34), doch schwerlich
virtuell".
Wo sie neben den Pharisäern auftreten, geschieht es doch
innerhalb der sachlichen Einheit von
Pharisäern
und Sadduzäern".
Auch Hummel kann die Rolle der von ihm in unerlaubter Weise isoliert
betrachteten
Sadduzäer"
nur mühsam in Einklang bringen mit der
beherrschenden Rolle der Pharisäer, die er bei Matthäus feststellt (mit
welchem Recht, wird sich zeigen müssen) und aus der er folgert, im
Matthäus-Evangelium spiegle sich die Auseinandersetzung der
Kirche"
mit dem einheitlich pharisäisch geleiteten Judentum der
Jahre nach 70 11 • Um seine These über die Wacken und Klötze der für
sein
zeitgeschichtlich-pharisäisches"
Verständnis so unpassenden
Pharisäer
und Sadduzäer"-Stellen glücklich hinwegzubringen, trägt
Hummel verschiedene Argumente vor:
1. Matthäus bringe, anders als im Falle der Pharisäer, den Saddu-
zäern kein selbständiges Intereaae entgegen. Sie seien ihm nur im Zu-
sammenhang mit den Pharisäern wichtig l3 •
2. Im Zusammenhang mit 22,23 müsse 16,12 doch wohl so ver-
standen werden, daß Matthäus die Lehrunterschiede zwischen Phari-
aäem und Sadduzäern für unwesentlich halte. Für ihn gäbe es nur die
eine Lehre der Pharisäer und SadduzäerI'.
3. Die Zusammenstellung der Pharisäer mit ihren aadduzäischen
Gegenspielern geschehe aus Gründen der Polemik. Wenn man bedenke,
daß im rabbinischen Judentum
Sadduzäer"
zur Bezeichnung für
Häretiker wurde (Frage: wann!), so verstehe man, daß die Formel
Pharisäer und Sadduzäer" das Urteil über die Pharisäer einschließe:
ihr seid auch nicht besserlI!
11 The Origina of the Gospel according to St. Matthew, 1946, 120. Vgl. B. C.
Butlers Einwände liegen Kilpatrick in: The historical aetting of St. Matthew'.
G~r;I, The DOWDS.de Review 66 (19481, -'2:;-138, besonders 131.
A.a.O.
17; 20. Zum Thema
Pharl8B8r
vgl. a.a.O. 12ff.
11 A.a.O. 18C.
I. A.a.O. 19f.
It A.a.O. 19.
Die Pharialier und Sadduzller 15 4. Der Gegell8&tz zwischen Kirche und Judentum sei bei Matthäus
Die Pharialier und Sadduzller
15
4. Der Gegell8&tz zwischen Kirche und Judentum sei bei Matthäus
80 groß geworden, daß die Unterschiede innerhalb des Judentums nicht
mehr scharf ins Blickfeld kämen 11.
5. Die Frage bleibe, warum sich dann Matthäus überhaupt für die
Sadduzäer interessiere. Die einzig mögliche Antwort laute, hier sei ein
"historisierendes" Interesse am Werk. Der zeitliche Abstand von den
Ereignissen bewirke einerseits eine Angleichung der Vergangenheit an
die Verhältnisse der Gegenwart, andererseits ein stärkeres Interesse an
der Vergangenheit 17.
Es ist fraglich, ob diese unter sich wenig ausgeglichenen Thesen dem
Textbefund gerecht werden.
1. Hat Matthäus, wie Hummel annimmt, an den Sadduzäern kein
selbständiges Interesse, 80 muß im Blick auf die Texte dasselbe in aller
Strenge auch für die Pharisäer gelten. Der eine Begriff "Pharisäer und
Sadduzäer" läßt auch sie nicht als eigenständige Gruppe hervortreten
(- was die Untersuchungen zu "Schriftgelehrte und Pharisäer" bzw.
"Pharisäer" bestätigen werden).
2. Der Satz, Matthäus halte die Le1arunter8C1&iede zwischen Phari-
säern und Sadduzäern für unwesentlich, setzt voraus, daß Matthäus
lOlche Lehrunterschiede kennt. So wie sich die Texte bisher darstellen,
lassen sie jedoch von einer Lehrdifferenz zwischen den beiden Größen
wenig erkennen. 16,(6.11.)12 sprechen nachdrücklich von der (einen)
Lehre des einen Phänomens "Pharisäer und Sadduzäer". Auch wenn
in 22,34f. die Niederlage der Sadduzäer in der Frage der Auferstehung
(nach Hummels eigener Darstellung) die Pharisäer zur "Gegenaktion"
bewegt, wird man nicht gerade auf "Lehrdilferenzen" geführt. Legt
sich nicht vielmehr der Gedanke an das Gegenteil nahe! Ruft die
Schlappe der Sadduzäer die Pharisäer auf den Plan, wenn nicht die
"Sache" der Sadduzäer auch ihre Sache ist'
3. Hummels Erklärung, die Zusammenstellung der Pharisäer mit
ihren aadduzäischen Gegnern sei auch Ausdruck der antipharisäischen
Polemik, ist nur sinnvoll, wenn Matthäus "Sadduzäer" polemisch gegen
"Pharisäer" aU88pielen konnte und sich also über das harte polemische
Profil von "Sadduzäer" als Nachbarbegriff zu "Pharisäer" im klaren
war. Hummel bemerkt nicht, daß er durch dieses "polemische" Argu-
ment mit seinem folgenden 4. Argument in Konßikt gerät, denn dem-
nach sind die innerjüdischen Unterschiede nicht mehr exakt zu Gesicht
gekommen. Liegt es nahe, Undeutliches mit Undeutlichem polemisch
zu attackieren! Weiter wäre über Hummels Beweisführung hinaus zu
fragen: Hat die Solidarität der Pharisäer mit den Sadduzäern in 22,34
einen aggressiven Beigeschmack' Stellt Matthäus die fragliche Soli-
A.a.O. 20.
A.a.O. 20.
16 Israel im Matthäusevangelium darität nicht rein deskriptiv heraus, um die Pharisäer, vereint mit den
16 Israel im Matthäusevangelium
darität nicht rein deskriptiv heraus, um die Pharisäer, vereint mit den
Sadduzäern und repräsentativ für Israel, als im gemeinsamen
Kampf gegen den Messias Israels begriffen darzustellen? Ihre Einheit
mit den Sadduzäern ist hier nicht die von außen formulierte und unter-
stellte Einheit in Schimpf und Schande, sondern die "positive" Soli-
darität einer geschlossen kämpfenden feindseligen Front. Wäre nicht
auch zu fragen, wie Argument 3 hinsichtlich des 5. Arguments zu er-
klären sei, die polemische Ausrichtung der Darstellung zu der so stark
betonten "historisierenden"? Werden "historisierendes Interesse" und
Verwendung zu polemischen Zwecken im Blick auf denselben Gegen-
stand ohne weiteres Hand in Hand gehen?
4. Kommen die innerjüdischen Unterschiede nicht mehr scharf zu
Gesicht, so werden damit doch (ungenaue) Unterschiede angenommen.
Könnte es nicht sein, daß diese Unterschiede nur in der Vorstellung des
Auslegers existierten und bei Matthäus gar nicht gegeben wären (vgl.
zu 2.)?
5. Die Angleichung der Vergangenheit an die Verhältnisse der Gegen-
wart bezieht sich nach Hummel auf die Pharisäer, das "stärkere Inter-
esse an der Vergangenheit" auf die Sadduzäer. Muß ein derartig
entgegengesetzt-zweigleisiges Verhältnis zur "Historie" im Blick auf
den einen Begriff "Pharisäer und Sadduzäer" nicht konstruiert an-
muten?
Sieht man auf den Sachverhalt der "Pharisäer und Sadduzäer" und
verzichtet auf eine sachliche Isolierung und Sonderstellung der Saddu-
zäer (und Pharisäer), stellt sich die Frage nach der "GeschichtIichkeit"
anders als bei Hummel. Denn daß in der Zeit vor oder nach 70 die
Pharisäer und Sadduzäer so zusammengehörten, wie die Texte es dar-
stellen, wird niemand bchaupten wollen. Die "Pharisäer und Saddu-
zäer" des Matthäus-Evangeliums sperren sich gegen jede historisierende
Einordnung; sie sind, soweit die Pharisäer und Sadduzäer der histo-
rischen Forschung zugänglich sind, für das Jahr 30 historisch ebenso-
wenig denkbar wie für die Zeit nach 70. Da sich der Begriff der "Phari-
säer und Sadduzäer" geschichtlich nicht verifizieren läßt und auch im
Medium einer Matthäus vorliegenden Überlieferung historisch nicht zu
fixieren ist - der Evangelist schafft den Begriff ja erst -, kann er auch
nicht "geschichtlich" interpretiert werden. Es ist vielmehr damit Ernst
zu machen, daß der Evangelienschreiber diesen Begriff für die Zwecke
seines Evangeliums konzipiert. Er ist ein literarischer Begriff mit rein
literarischer Funktion, der innerhalb des Evangeliums die Einheit des
"geschichtlichen" Israel darzustellen hat. Er bezeichnet die Repräsen-
tanten Israels als Gegenüber des Täufers und Jesu selbst und ist so ein
literarischer Baustein in der vom Evangelisten entworfenen Heils-
geschichte, wie wir fürs erste vermuten.
Die Schriftgelehrten und Pharialier 17 2. Die 8ckriftgeleArten UM PhaNiür Zunächst einiges Statistische zum Stichwort
Die Schriftgelehrten und Pharialier
17
2. Die 8ckriftgeleArten UM PhaNiür
Zunächst einiges Statistische zum Stichwort "Schriftgelehrte". An
5 Stellen treten bei Matthäus für die "Schriftgelehrten" des Markus-
Textes die "Pharisäer" ein: Mt. 9,11; 12,24; 21,45f.; 22,34.41 /
Mk.2,16; 3,22; 11,18; 12,28.35. An weiteren 4 Stellen entfallen bei
unserem Evangelisten die "Schriftgelehrten" ganz: Mt. 17,14; 21,23;
26,47; 27,lfMk.9,14; 11,27; 14,43; 15,1; an einer Stelle weichen sie
den "Ältesten des Volks": 26,3/14,1. Diesen Passiva in Sachen der
"Schriftgelehrten" stehen 4 Aktiva-Stellen gegenüber, die ohne Par-
allelen sind: 2,4; 8,19; 13,52; 23,34. Dazu kommen noch 9 Loci mit
der auffallenden Formel "Schriftgelehrte und Pharisäer": 5,20; 12,38
und 23,2.13.15.23.25.27.29 18 • Hummels Urteil: "Die Schriftgelehrten
treten bei Matthäus im Vergleich zu Markus stark zurück"" gilt also
nur für den Terminus "Schriftgelehrte". Schließt man das matthäische
"Schriftgelehrte und Pharisäer" in die Betrachtung ein, bekommt das
Bild eine andere Farbe. Die Texte Lk. 5,21; 6,7; 11,53 und 15,2 unter-
scheiden deutlich die Schriftgelehrten und die (mit neuem Artikel ein-
geführten) Pharisäer10. Für Matthäus ist charakteristisch der von
einem Artikel bestimmte Geasmtbegrift' "die Schriftgelehrten und
Pharisäer" (5,20; 12,38), unverkennbar eine Parallel-Bildung zu "die
Pharisäer und Sadduzäer" und aufgenommen durch das ihm zugehörige,
artikellose und vocative "Schriftgelehrte und Pharisäer" (23,13 usw.) 11.
Die Originalität des Begriffs - wieder geht er auf den Evangelisten zu-
rück - und seine wiederholte Verwendung verlangen gebieterisch, ihm
alle Aufmerksamkeit zuzuwenden, ehe man die Einzelbegrift'e "Schrift-
gelehrte" und "Pharisäer" untersucht. Denn es liegt auf der Hand, daß
die Singulärbegrift'e in unmittelbarer Nachbarschaft der stereotypen
Begrilfseinheit "Schriftgelehrte und Pharisäer" in einem anderen Licht
stehen als in einem Kontext ohne jene formelhafte Prägung (wie etwa
bei Markus). Hummel nimmt an, "daß für Matthäus die jüdischen
Schriftgelehrten als solche zu den Pharisäern gehören"." Doch ist hier
im Blick auf die "Schriftgelehrten und Pharisäer" als der Parallel-
Bildung zu den "Pharisäern und Sadduzäern" große Vorsicht geboten.
Die matthäische Formel "die Schriftgelehrten und Pharisäer" läßt, für
sich betrachtet, von einer dominierenden Rolle der Pharisäer nichts
,. Gegeniiber Mk. 12,38
Schriftgelehrte".
,.
A
O. 17.
Vgl. 7,30 (5,17; 14,3).
11 V. 23,2 mit
wiederholtem
Artikel
wird
dem
Evangelisten vorgelegen
h
ben;
vgl.
Rudolr Bultmann,
Die Geschichte der Iynoptischen Tradition,
3. Auf!. 1951, 118 (
80ndertradition?").
Du Johann8l.Evangelium kennt üller·
raochenderweil8 einzig die Phariaier (1,24; 3,1; 4, I; 7,32.47.48; 8,13; 9,13.16.
16.40; 11,46; 12,19.42). Nur in dem unechten Text 8,3 begegnen
gelehrten und die Phariaier".
die
Schrift·
u A
O.17.
I 8701 WoIbr, _~Io
18 Israel im lIIatthäuaevangeliwn erkennen. Der Begriff des Schriftgelehrten ist hier nicht von seinem Nebenbegriff
18 Israel im lIIatthäuaevangeliwn
erkennen. Der Begriff des Schriftgelehrten ist hier nicht von seinem
Nebenbegriff "Pharisäer" her bestimmt, sondern "die Schriftgelehrten
und Pharisäer" bezeichnet wie "die Pharisäer und Sadduzäer" ein ein-
heitliches Phänomen, angesichts dessen man sagen kann, daß die
Schriftgelehrten als solche zu den Pharisäern und die Pharisäer als
solche zu den Schriftgelehrten gehören.
Unübersehbar ist die Häufung der Anrede "Schriftgelehrte und
Pharisäer" in Kap. 23, das auf die Höhe der Auseinandersetzung Jesu
mit seinen Gegnern führt, bis hin zur definitiven Gerichtsansage an
"dieses Geschlecht" (23, 32ft".). Die Schriftgelehrten und Pharisäer
sitzen auf dem Stuhl Moaea (23,2); sie haben als die Lehrer Israels zu
gelten (23,3ft".). Man muB es Joachim Jeremias in diesem Zusammen-
hang bestreiten, daß die Rede Jesu in Kap. 23 in zwei Teile zerfällt,
in einen Teil, der den Schriftgelehrten das Nötige sagt (1-22, 29-36),
und einen anderen, der die Vorwürfe gegen die Pharisäer zur Sprache
bringt (23-28)11. Es gibt bei Matthäus nur ein Gegenüber der Wehe-
rufe, den einen heuchlerischen Adressaten "Schriftgelehrte und Phari-
säer", mägen die einzelnen Logien auch, wie anzunehmen ist, in ihrem
ursprünglichen Sitz im Leben an sehr verschiedene Adressaten ge-
richtet gewesen sein. Matthäus bezieht als Redaktor alle Vorwürfe auf
ein und dasselbe Subjekt; nach 1-22 geht es nahtlos zu 23-28 weiter,
ebenso von 28 zu 29ft". Die zu dem ursprünglich antipharisäischen Stoft"
23-28 gehörige Anrede "du blinder Pharisäer" (23,26) bedeutet in
ihrem jetzigen Kontext nicht mehr die Markierung eines individuellen
Israeliten: "Pharaiäer" kann hier nur noch Synonym für den Einheits-
begriff sein. Auch in der Bergpredigt sind nicht zwei verschiedene
Gruppen zu unterscheiden, wie Jeremias wieder vorschlägtM, so daß
auf die Rede gegen die Theologen 5,21-48 die andere Rede gegen die
Mitglieder der pharisäischen Gemeinschaften 6,1-18 folgte. 5,20
spricht durchaus nicht von den beiden Gruppen der Schriftgelehrten
und der Pharisäer. Vorausgesetzt ist vielmehr die Homogenität einer
Gruppe, der "Schriftgelehrten und Pharisäer", und das Folgende ist
ihrer Gerechtigkeit entgegengesetzt, nicht etwa der spezifisch "schrift-
gelehrten" oder "pharisäischen" im konkret-historischen Verständnis
der Begriffe. Für den Evangelienverfasaer Matthäus kämpft Jesus nicht
gegen zwei Richtungen, sondern wider die eine Lehrerschaft Israels.
Das wird bestätigt durch Beobachtungen zu den "Einzelbegriffen"
der "Schriftgelehrten" oder "Pharisäer":
1. Ist in 23,26, wie schon erwähnt, "Pharisäer" Synonymon zu
"Schriftgelehrte und Pharisäer", so tritt in 7,29 das Synonym "Schrift-
gelehrte" für diesen Gesamtbegriff ein. Nachdem Jesus in der Berg-
Jeruaalem zur Zeit Jeau 288; vgl. ThW I 741f.
ThW 1742.
Die Schriftgelehrten Wld Phariailer 19 predigt die bessere Gerechtigkeit über die der Schriftgelehrten und
Die Schriftgelehrten Wld Phariailer
19
predigt die bessere Gerechtigkeit über die der
Schriftgelehrten
und
Pharisäer" gestellt hat (5,20ff.), wird ihm am Schluß der Rede im
Unterschied zu
ihren
Schriftgelehrten" eschatologische Vollmacht
nachgesagt. Der Evangelist übernimmt den Vers aus MIt. 1,22; dabei
verwandelt er
die
Schriftgelehrten" des
Markus-Textes in
ihre
Schriftgelehrten" und interpretiert damit das in seinem Text ,-oraus-
gehende
die
Schriftgelehrten und Pharisäer". Das eben sind für ihn
die
Schriftgelehrten
und Pharisäer": ihre, der Israeliten -
Israels"
Schriftgelehrte, vgl. den matthäischen Ausdruck
die
Schriftgelehrten
des Volks" (2,4).
2. Ähnliches ist zu 15,1 ff. zu sagen.
Im Paralleltext MIt. 7,1 U heißt
es:
die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die von Jerusalem
gekommen waren." Matthäus verschleift die klaren Konturen des
Markus-Textes und rückt die beiden Begriffe in seinem artikell08en
Pharisäer
und Schriftgelehrte" eng zusammen. In 15,12 wechsclt er
jedoch plötzlich das Subjekt. Jetzt ist zu lesen:
Weißt
Phari&äer
Anstoß genommen haben~" Für
Pharisäer
du, daß die
und Schrift-
gelehrte" kann kurzerhand
die
Pharisäer" stehen.
3. Nachdem in Mt. 12,2.14.24 dreimal hintereinander die Pharisäer
aufgetreten sind, nehmen in 12,38 - bei durchgehender Einheitlichkeit
der Szene von 12,22 an - ohne Umschweife
etliche
der Schrift-
gelehrten und Pharisäer" ihren Platz ein. Die Personen bleiben offen-
sichtlich dieselben, ja sie können nun in einen letzten, dramatisch ge-
steigerten Akt eintreten (12,43--45), nur die Begriffe wechseln. Sie
sind völlig kongruent. Die
Pharisäer" sind für Matthäus identisch mit
den
Schriftgelehrten
und Pharisäern" oder
Pharisäern
und Schrift-
gelehrten", wie andererseits
ihre
Schriftgelehrten" und die
Schrift-
gelehrten und Pharisäer" dasselbe meinen.
4. So ist es auch nicht verwunderlich, daß im Matthäus-Evangelium
die Pharisäer
Schüler"
haben, die mit gegen Jesus zu Felde ziehen.
Zwar spricht schon Hk.
2,18 von den
Jüngern
der Pharisäer", doch
während man im entsprechenden Matthäus-Text 9,14 den Terminus
vergeblich sucht, verwendet ihn der Evangelist in einer spezifischen
Kampf-Perikope"
(22,16), wo ihn nun wieder Markus vermissen läßt
(12,13). Die Pharisäer, d.h. die Lehrer Israels und ihre
Schüler",
ge-
hören für Matthäus - in Abweichung von dem unpolemischen Text
MIt 2,18 - als Feinde Jesu zusammen.
6. Wenden sich nach 21,16 die Oberpriester und die 8c1iriftgeleAt1en
im Tempel gegen Jesus, 80 sind es wenig später die Oberpriester und
Vgl. 7,11
die
U
Schriftgelehrten"
Pharisäer Wld die Schriftgelehrten", wobei der Artikel bei
riieo-eisenden (7,1 !), nicht generellen Sinn hat. So mit
Jeremiae, Jeruaalem zur Zeit J
u 287, Anm. 3.
20 Iarael im Matthäua8vangelium die Pharist'ür, die seine im Tempel gesprochenen Gleichnisse verstehen (21,45).
20 Iarael im Matthäua8vangelium
die Pharist'ür, die seine im Tempel gesprochenen Gleichnisse verstehen
(21,45). Matthäus kann dieselben Subjekte "Schriftgelehrte" oder
"Pharisäer" nennen. Die Begri1fe sind austauschbar. Ähnlich stehen in
der Leidensgeschichte bald die Schriftgelehrten, bald die Pharisäer an
der Seite der Ältesten oder Oberpriester (26,1I7f.; 27,62).
Aus alledem ergibt sich: In allen großen Rede- oder Streitgesprächs-
komplexen des Matthäus-Evangeliuma, die indirekt (5, 20ff.) oder direkt
(Kap. 12; 15,lff. [12-14]; 21-23) die Auseinandersetzung Jesu mit
Israel darstellen bzw. abschließen (Kap. 23), treten als Gegner Jesu
niemals die Schriftgelehrten als einzelne (MIt. 12,28) oder in ihrer be-
sonderen Eigenschaft als die geschulten Theologen der gemeinhin nicht
schriftgelehrten Pharisäer (wie Mk. 2,16) hervor, sondern immer
"Schriftgelehrte und Pharisäer" - als unterschiedslose Einheit, und
zwar so, daß die "Einzelbegriffe" der "Schriftgelehrten" oder "Phari-
säer" stets und mühelos den Einheitsbegriff ersetzen können und um-
gekehrt. Singulärbegriffe und Einheitsbegriff meinen durchweg dasselbe
wie "Pharisäer und Sadduzäer": die eine, da8 (damalige) ImJel du
MaUMu-EmngeliU1II8 literari8cA repräBenlierende LeArertd,a/e.
Diesen Befund bestätigen gerade auch die Stellen, an denen die
matthäischen "Pharisäer" den markinischen "Schriftgelehrten" das
Wasser abzugraben scheinen:
1. Mk. 2,16fMt. 9,11. Matthäus ändert das markinische "die Schrift-
gelehrten der Pharisäer" in "die Pharisäer". Wo die Formel "die
Schriftgelehrten und Pharisäer" Eingang gefunden hat, kann es kon-
sequenterweise keine Schriftgelehrten der Pharisäer mehr geben,
sondern nur noch, beliebig austauschbar und wechselseitig identisch,
Schriftgelehrte oder Pharisäer (vgl. 9,3/Mk.2,6; 9,11 = 9,14.34).
2. Mk. 3, 22/Mt. 12,24. Matthäus streicht die Herodianer von Mk. 3, 6,
so daß in 12,14 nur die Pharisäer übrigbleiben. Für "die Schrift-
gelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren" (Mk.3,22) setzt
er in 12,24 schlichtweg "die Pharisäer". Nachdem Matthäus in 12,2
(= Mk.2,24) die Pharisäer als Handlungsträger eingeführt hat, ver-
einheitlicht er die Szene radikal: von 12,1 bis 12,45 steht Jesus (trotz
des Ortswechsels 12,15) im Kampf mit der einen Front der Pharisäer
= Schriftgelehrten und Pharisäer (12,38).
3. Mk. l1,18/Mt. 21,45f. Der Evangelist nimmt die "Oberpriester
und die Schriftgelehrten" von Mk.l1,18 zunächst in einen bei Markus
fehlenden Zusammenhang der Tempelszene auf (21,15), dann trägt er
11,18 stark verändert in 21,45f. nach, dergestalt, daß nun für die
"Schriftgelehrten" die "Pharisäer" erscheinen: und als die Oberpriester
und die Pharisäer seine Gleichnisse
hörten
Von einer Unter-
bzw. 16,1 "Phariaäer und Schriftgelehrte".
Die Schriftgelehrten und Pharisäer 21 drückung der Schriftgelehrten zugunsten der Pharisäer kann also auch
Die Schriftgelehrten und Pharisäer
21
drückung der Schriftgelehrten zugunsten der Pharisäer kann also auch
hinsichtlich MIt.ll,18 nicht die Rede sein. Die Identität der Begriffe
vorausgesetzt, gebraucht Matthäus für den einen von Markus über-
nommenen Begriff an anderer Stelle nur den eigenen anderen.
4. MIt. 12,28iMt.22,34. MIt. 12,28 geht esum
einen
vonden Schrift-
gelehrten". Matthäus dagegen bringt, wie gesagt (vgl. S. 11. 13f.), die
Sadduzäer der vorhergehenden Perikope mit den Phari&äern zusam-
men, weil für ihn
Pharisäer
und Sadduzäer" eine vorgegebene, ge-
prägte Begriffseinheit darstellt, nicht jedoch
Schriftgelehrte
und
Sadduzäer". Diese Begri1fskombination müßte entstehen, wollte der
Evangelist bei seiner die Solidarität und Identität der Lehrer Israels
betonenden Ausrichtung der Perikope bleiben und zugleich in treuerer
Anlehnung an den Markus-Text lediglich den einzelnen Schriftge·
lehrten von 12,28 - in Analogie zum jetzigen
die
Pharisäer" -
generalisieren. Der eine Schriftgelehrte von 12,28 faUt bei Matthäus
also nicht den Pharisäern als individueller Gruppe zum Opfer, sondern
der schon in 3,7; 16,1.6.11.12 anvisierten und dort formelhaft ange-
sagten Einheit von
Pharisäern
und Sadduzäern".
5. MIt. 12, 35fMt. 22, 41. Nachdem in 12, 28
einer
der Schriftgelehrten"
das Wort ergriffen hat, der nicht feme ist vom Reiche Gottes (12,34!),
steUt Jesusin 12,35 die Frage: wie sagen denn die Schriftgelehrten
Ein streitbares Gegenüber fehlt; Zuhörer ist nach 12,38 /) 7to>.U~ 6XAO~,
von dem zu sagen ist: 'ljXOUEV IlUTOÜ -Ij3'6)~. Matthäus hat aus oben ge-
nanntem Grund die Pharisäer eingeführt. Da für ihn, anders als für
,
Markus, die ganze Komposition, die er in 22,46 redaktioneU abschließt,
unter der Überschrift
Auseinandersetzung
mit dem einen Gegner"
steht, richtet er auch die Perikope von der Davidssohnfrage dement-
sprechend aus. Er formt sie bewußt zu einem
Streitgespräch"
mit
den schon vorhandenen Pharisäern um - Einheit der Szene! -
und läßt sie nun direkt angesprochen sein (22,42). Wieder stehen
die Pharisäer für die eine Lehrerschaft Israels des Matthäus-
Evangeliums.
In diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache belangvoU, daß das
Matthäus-Evangelium die
Schriftgelehrten"
an 4 Stellen (vgl. S. 17)
als
Sondergut"
aufweist.
Auch sie spricht gegen eine bewußte, ein-
seitig
pharisäische"
Tendenz des Evangelisten. Von den 4 Loci, an
denen bei Matthäus die Schriftgelehrten des Markus-Textes ganz ent-
faUen (vgl. S. 17), geht die Auslassung dreimal zu Lasten der Formel
die
Oberpriester und Ältesten des Volks" (MIt. 11,27; 14,43; 15,1/
Mt. 21,23; 26,47; 27,1; vgl. 14,1/26,3), was wieder kein Votum zu-
guDSten der
Pharisäer"
ergibt. Von diesen Stellen soU ausführlich im
nächsten Abschnitt gehandelt werden. Zu MIt.II,14fMt.17 ,14 vgl. S. 42.
22 Israel im Matthäusevangelium Nach alledem ist der These Hummels, daß Matthäus die Phari· säer
22 Israel im Matthäusevangelium
Nach alledem ist der These Hummels, daß
Matthäus die Phari·
säer so oft wie möglich als Gegner Jesu auftreten läßt 27" , nicht zuzu·
stimmen. Sie kommt zustande auf Grund einer methodisch frag·
würdigen Behandlung der Texte, die Hummel wahllos heranzieht,
ohne Rücksicht auf ihre konkrete Gestalt, sofern sie nur das Stichwort
Pharisäer"
enthalten. So ist nach Hummel
das
Wort von der bes·
seren Gerechtigkeit (5,20), das die Bergpredigt thematisch beherrscht",
gegen die Pharisäer gerichtet l7
;
ferner
das ganze Kapitel 23"17.
Und:
Im
Gegensatz zu den anderen Evangelisten konfrontiert er
auch schon den Täufer mit den Pharisäern (3,7)"27. Das eine 1\IaI
spricht Matthäus jedoch prägnant von den
Schriftgelehrten
und
Pharisäern", das andere Mal von den
Pharisäern
und Sadduzäern".
Es ist falsch,
daß
für Matthäus die Pharisäer die eigentlichen Gegner
Jesu sind"·. Die Untersuchung von 5,20 /7,29; Kap. 12; 15; 22; 23
hätte Hummel über die totale Kongruenz der Einheits- und
EinzeI-
begriffe" belehrt, über deren gegenseitiges Verhältnis er nichts aus-
sagt. Diese Kongruenz hätte es ihm verwehrt, von Schriftgelehrten
und Pharisäern zu sprechen, zwischen denen Matthäus nicht mehr
deutlich unterscheide·, und von einer
Zusammenfassung,
die an
eine Identifizierung grenzt"n. Das besagt, daß Matthäus im Text
Unterschiede stehenläßt. Sie sind nicht exakt auszumachen, immer-
hin sind sie - undeutlich - vorhanden. Die Zusammenfassung grenzt
an Identifizierung, kommt ihr also nur nahe; am Ende bleiben doch
Differenzen. Tatsächlich stellt die matthäische Formel die unter-
schiedslose Einheit der Lehrer Israels dar. Matthäus hat nicht -
ungenau - zwei verschiedene Gruppen vor Augen, die er formelhaft
zu einer Beinahe-Einheit verbindet, sondern nur im vorgegebenen
Material zu unterscheidende Handlungsträger, die schon als einzelne
das Ganze sind, die eine Schlangenbrut der Pharisäer (12,34), Phari-
säer und Sadduzäer (3,7) und Schriftgelehrten und Pharisäer (23,33).
Jesu
eigentliche",
d.h. einzige Gegner sind im Matthäus-Evangelium
Israels Lehrer, die Schriftgelehrten = Schriftgelehrten und Pharisäer
= Pharisäer = Pharisäer und Sadduzäer, also etwas sehr anderes als
die Pharisäer im historischen Verständnis des Begriffs. Jeder dem
Evangelisten zugeschriebene Anti-Pharisäismus bleibt ohne Anhalt
im Text, sofern der ganze Textbestand zu Wort kommt 30 • Die einzige
17 A.a.O. 13; vgl. Kilpatrick a.a.O. 106; T. F. OI888On, Anti·Pharisaism in
St. Matthew, JQR 51 (1961-62) 316--320, 317: "There is an increase ofseverity
against the Pharisees." Wie Hummel urteilt auch Wolfgang Tril1ing, Das wahre
IIII'RCI, StANT 10, 3. umgearb. Auf!. 1964, 90.
a
A.a.O. 14.
A.a.O. 15.
H
Georg Strecker, Das Geschichtsverständnis des Matthius, EvTh 26 (1966)
57-" sagt S. 68, der PharisiismuB (I) reflektiere im MatthiuB.Evangelium
nicht primir die Situation d
zeitgenössischen Judentums, sondern habe die
FunktIon eines Topos, der im Gegenüber zur ethischen Forderung die Haltung
Die Schriftgelehrten und Pharieäer 23 Anti-Tendenz des Evangelisten ist sein "Anti-Doktorismus": der Stoß ist
Die Schriftgelehrten und Pharieäer
23
Anti-Tendenz des Evangelisten ist sein "Anti-Doktorismus": der Stoß
ist gegen das Israel der Vergangenheit gerichtet, das in den doctores von
ehedem begegnet. Somit ist das historische Urteil zu revidieren, das
Hummel mit der angeblichen Vorherrschaft der Pharisäer im Mat-
thäus-Evangelium verbindet
Er sagt: "Darin spiegelt sich offensicht-
lich seine eigene Lage wider: die Vorherrschaft des Pharisäismus nach
der Tempelzerstörung"3l. Nach Hummel trägt Matthäus den Anblick
des Judentums seiner Zeit in die historia Jesu ein, eine These, die
durch die "Sadduzäer" in Verbindung mit den "Pharisäern" emp-
findlich gestört wird (vgl. Hummel 20); in die historia Jesu, in der
gewiß schon Pharisäer eine Rolle spielten, doch nicht so einseitig,
wie Matthäus es darstellt 3l . Die eine Lehrerschaft des Matthäus-
Evangeliums sperrt sich demgegenüber gegen jede zeitgeschichtliche
Einordnung. In der bei Matthäus konstatierbaren Synonymität hat
es Israels Lehrerschaft nie gegeben. Als eine Größe perfekter Begriffs-
Kongruenz, in die auch die "Pharisäer und Sadduzäer" einbezogen
sind, kann sie mit dem einheitlich pharisäisch geleiteten Judentum
der Zeit nach 70, von dem Hummel spricht, kaum etwas zu tun haben.
Die Begriffe haben das geschichtliche Profil verloren, das sie bei
Markus, der sie unreflektiert gebraucht, noch an sich tragen. An die
Stelle mehrerer individueller, geschichtlich gewachsener Termini ist
ein einziger, vom Evangelisten entworfener "Uniformbegriff" der
Lehrerschaft Israels getreten, der aus realen Verhältnissen weder ab-
zuleiten noch auf sie anzuwenden ist. Diese Gegnerschaft Jesu gibt es
nur in der literarischen Geschichte Israels des Matthäus-Evangeliums,
nicht in historischer Funktion.
Der deutliche Anti-Doktorismus des Matthäus-Evangeliums wider-
legt auch Hummels Urteil, nach dem "
der Begriff des Schriftge-
lehrten für Matthäus ein neutraler Begriff ist, der erst durch die Zu-
gehörigkeit zur Gemeinde oder zum Pharisäismus qualifiziert wird" SI.
Wie der Begriff der "Schriftgelehrten", eins mit dem der "Pharisäer"
oder "Schriftgelehrten und Pharisäer" und so einbezogen in die stereo-
type Qualifizierung, die Matthäus für diese Begriffe bereithält, ein
"neutraler" Begriff sein soll, wird schwer zu erklären sein. Hat man
die geschlossene Front der Lehrer Israels mit ihren dunklen Epitheta
im Matthäus-Evangelium zu Gesicht bekommen, muß einen der Be-
griff "neutral" fremd anmuten.
d Unglaubens repräsentiere. Die Rückschlüsse auf
die
Lage in der Gegen.
wart" müßten hinter die Frage nach den theologischen und historischen Inten·
tionen des Matthiius zurücktreten (ebenda. Anm. 33). Dem ist - cum grano
salis - zuzustimmen. Die doctores sind keine aktuellen, aondem "g88Chichtliche"
Größen: die Exponenten Israels·von·damals, d
aen
Ungehorsam sich freilich
nicht nur auf die
ethische
Forderung" bezieht
(vgl. z.B. 9,34; 11,16-24;
12,22-42; 16,1-4; 21,33-46).
A.a.O. 14.
•• A.a.O. 27; vgl. 17f.
Iarael im MatthäU8eVallgelium - Aber Matthäus redet doch auch von christlichen Schriftgelehrten! Dann muß der
Iarael im MatthäU8eVallgelium
- Aber Matthäus redet doch auch von christlichen Schriftgelehrten!
Dann muß der Begriff doch ambivalent werden I - Hummel verweist
(in dieser Reihenfolge) auf die Stellen 13,52; 23,34; 8,19 und 23,8-10.
1. Mt. 23,8-10. Hummel schreibt: "Das Verbot, sich mit den Ehren-
titeln der jüdischen Schriftgelehrten anreden zu l&BBen, setzt die
Existenz christlicher Schriftgelehrter voraus"u. Oder: "Der Hinweis
auf Christus als den einen Lehrer der Gemeinde (v. 8 und 10) setzt der
Autorität der christlichen Schriftgelehrten eine Grenze und stellt sie
als Lernende und als Brüder in die Gemeinde hinein"u. Nun ist, vom
Formalen her geurteilt, nicht zu übersehen, daß 23,8 nicht mit einer
Anrede an Schriftgelehrte, sondern mit einem prononcierten und ge-
nerellen "ihr aber" beginnt, das in 23,8b durch das ebenso ausnahms-
lose 7t«vrCt; 31 Öf.LE~ aufgenommen wird. Will man mit Hummel an-
nehmen, durch 23,8-10 bekämen Schriftgelehrte der matthäisehen
Kirche ihren Platz angewiesen, so kann es in dieser Kirche nicht ein-
zelne, sondern überhaupt nur Schriftgelehrte geben. Denn mit 23,8
sind durchaus alle (Jünger = "Schriftgelehrte") angesprochen. Auch
die inhaltliche Ausrichtung der Verse 8-10 muß zu denken geben.
23,8 lautet: Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen l&BBen, denn einer
ist euer Lehrer, ihr aber seid alle Brüder. Ist einer Lehrer und sind die
Jünger ihm gegenüber alle Brüder, so bleibt logischerweise nur der
eine "Meister" übrig und in und mit seinen "Titeln" ist das christ-
liche Rabbinat selbst grundsätzlich abgewiesen, wie Schlatter richtig
sagt: "Sie [die neue Gemeinde] hat kein Rabbinat, sondern in Jesus
ihren einzigen Lehrer, der ihr Gottes Willen sagt"·. Es ist beachtlich,
daß nicht nur die Titel angegriffen, sondern auch die Funktionen der
Titelträger geleugnet werden. So heißt es im ganzen gleich dreimal:
ein Meister, ein Vater, ein Lehrer! Wurden diese Worte in ihrem Sitz
im Leben (mit einem speziell auf "Schriftgelehrte" zielenden "ihr aber"
und ohne TtIlvm; 23,8b) gegen Titel und Wesen christlicher Schrift-
gelehrter gesprochen, was anzunehmen ist; setzen sie also ursprünglich
Titel und Existenz christlicher Schriftgelehrter voraus", so wurden
diese Titelträger und ihre Funktion doch durch eben diese Worte ra-
dikal aus dem Raum der Kirche verbannt. Von hier aus ist weiter zu
fragen, ob Hummels Ausführungen nicht an mangelnder methodischer
Exaktheit leiden. Er nimmt 23,8-10 ohne weiteres für Matthäus und
seine Kirche in Anspruch, ohne zwischen der ursprünglichen Ausrich-
tung der Worte und ihrer Verwendung durch den Evangelisten zu
u A.a.O. 27.
A.a.O. 28.
Der Evangelist Matthius. Seine Sprache, seine Ziel, seine Selbständigkeit.
Ein Kommentar zum ersten Evangelium; Neudruck 1957,670 z. St.
In seinem Aufsatz ,Die Anlange christlicher Theologie', ZThK 57 (1960)
H
164 erläutert E. KäsemBnn z. St., "daß hier Polemik gegen eine sich
in der
Weise eines christlichen Rabbinatee bildende Gemeindeordnung geübt wird".
Die Schriftgelehrten und Pharisler 25 unterscheiden. Die Annahme, die Verse 23,8fF. seien - im Sinne
Die Schriftgelehrten und Pharisler
25
unterscheiden. Die Annahme, die Verse 23,8fF. seien - im Sinne des
Evangelisten - mit dem Blick auf christliche Schriftgelehrte ge-
sprochen, erweist sich als unhaltbar angesichts ihrer Stellung inner-
halb der matthäischen Komposition des 23. Kapitels, die allein über
die Intentionen des Evangelisten Auskunft gibt. Hier sind von Anfang
an bestimmte nicht-christliche
Schriftgelehrte"
vorausgesetzt, die
Lehrer Israels, die
Schriftgelehrten
und Pharisäer" und ihre in
23,2-7 beschriebenen Praktiken. Von die8em Hintergrund ist das
generelle
ihr
aber" in 23,8 abgesetzt. Die Jünger (von damals) sind
streng dazu aufgefordert, anders als Israel zu sein,
nicht-schrift-
gelehrt" und entsprechend
titellos",
positiv: brüderlich und dia-
konisch. Sie haben nur einen Meister. Er schließt für die Seinen alle
menschliche
Größe
zugunsten
seiner Alleingeltung aus
Israel", dar-
gestellt durch die eine, Mose repräsentierende und sich selbst lebende
Lehrerschaft, und die
Jünger"
unter dem einen Meister, neben dem
es nur Brüder und Diener gibt, sind wie Feuer und Wasser. Mit l\-litteln
der Komposition, durch 23,8fF. im Gegenüber zu 23,2fF. paralysiert
Matthäus die (bedingte)
Anerkennung
des Rabbinats" durch Jesus,
das ihm überkommene, unechte judenchristliche Logion von 23,3:
Die
Jünger"
(von damals) sind in totalen Gegensatz zu
Israel"
und
seiner Lehrerschaft gerufen. Dieses Wort an die Jünger von einst hat
sicher auch seine kerygmatische Bedeutung für das
Heute"
des
Evangelisten. Für die
daraus) ist menschliche,
Jüngerschaft"
schlechthin (nicht für einzelne
schriftgelehrte"
Größe von der Art des
Textes und Kontextes, die jenseits der Alleingeltung Jesu steht
(23,8.10; 23,11: Der Größte unter euch soll euer Diener sein), gleich-
bedeutend mit einem Rückfall in das von Jesus verworfene Wesen der
Lehrer Israels. So i8t 23,811. weder von seiner ursprllnglichen Av.sricA-
tung aus noch von seiner Konteztjunktion in Kapitel 23 oder seiner
aktuell-kerygmatischen Bedeutung /Ur das Heute de8 Evangeli8ten her /o.r
das
positive
Dasein" christlicher Schriftgelehrter bei MaltMus in An-
spruch zu nehmen.
2. Von hier aus ist 23,34 zu beurteilen: Darum, siehe, sende ich zu
euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte
, wobei offensicht-
lich an die
Jünger"
gedacht ist, die an Jesu Schicksal teilhaben
(aTcxupc:.CJEu). V. 23,34 steht sachlich zu 23, 8fF. in unauflösbarem Wider-
spruch. Weist Jesus dort Titel und Funktion der Schriftgelehrten für
seine Bruder- und Diener-Jüngerschaft ab, so sendet er sie hier aus.
Der Widerspruch löst sich indessen auf, wenn man man auf die
Zeit" .-
achtet, die der Evangelist den verschiedenen Sprüchen zuordnet.
23,8fF. ist uneingeschränkt gesprochen; jedes Wort ist mit dem ganzen
Gewicht des Gerichtes versehen (23,12). Hier hat man die bis ans Ende
verbindliche Lehre des Messias;
hier expliziert er
seine
Ekklesiologie"
26 Israel im IIlatthälJll8V&ll8"lium (vgl. Kap. 18; 20,20-28). Demgegenüber ist 23,34 im Sinne des Evangdi~ten
26 Israel im IIlatthälJll8V&ll8"lium
(vgl. Kap. 18; 20,20-28). Demgegenüber ist 23,34 im Sinne des
Evangdi~ten an die Zeit Israels gebunden. Die Schriftgelehrten sind zu
"euch" 1!8II&ndt, erleiden Verfolgung und Tod, damit die ganze Un-
heilsges;ehichte Israels zu ihrem Ende komme (23,32) und in einer
einzigerl Zusammenballung des Gerichts über "dieses Geschlecht"
hereinbreche (23,35f.). Jesus tritt hier Israel als der Inaugurator seines
innerge/i!ohichtlichen Gerichtes und Endes gegenüber (die Wehe;
23,32.34). Das Logion 23,34, von Jesus aus in die Zukunft des inner-
geschichtlichen Gerichts über Israel verweisend, ist für Matthäus nur
noch "htlilsgeschichtlich" aktuell. Er sieht auf das von Jesus ange-
zeigte 1lTld herbeigeführte Gericht und Ende Israels schon zurück
(21,43; :12,7-10; 23,32-24,2- vgl. unten S. 43f. 79ff./55f. 91ff.
/ 56ff.). Beides, Israels Untergang und die ihm vorausgehende
Sendung der "Schriftgelehrten" und ihre Abweisung, liegt hinter ihm.
Er kann 23,34 verwenden, indem er es in den Kontext der Gerichts-
ansage einkomponiert und es 80 lokaliter und zeitlich auf das zurück-
liegend!! Israel festlegt und beschränkt. Das von Matthäus aufge-
griffene Logion beweist, daß es im Raum der Urchristenheit christliche
Schriftgelehrte neben "Propheten und Weisen" gegeben hat. Matthäus
selbst kann ihm freilich nur noch "historische" Bedeutung für das
heilsgeschichtliehe Ende Israels zuerkennen, nachdem er durch die
"kirchlich" und eschatologisch verbindliche Spruchgruppe 23, S-12
die darin vorkommenden Schriftgelehrten als eine vom Messias Israels
verworfelle Größe dargetan hat.
3. Hunu:nel führt weiter aus: "Auch 8,19 muß genannt werden. Die
Bereitschaft, Jesus nachzufolgen, wird hier im Gegensatz zur Lukas-
parallele (Lk.9,57) von einem Schriftgelehrten geäußert. Wenn Mat-
thäus in 8,21 den folgenden Jüngerspruch mit der Einleitung ver-
sieht: ,E~n anderer aber der Jünger sprach zu ihm
', 80 ist damit
der Schriftgelehrte in 8,19 als Jünger qualifiziert" 87. Diese Erklärung
ist in dOl1pelter Hinsicht unbefriedigend. Es bleibt zu bedenken, daß
der eine- Schriftgelehrte von 8,19 mit dem Hinweis auf Jesu "Armut"
eine abw<eisende Antwort erhält, der "andere der Jünger" (8,21) je-
doch eine. radikal verpflichtende (8,22)81; für ihn gilt die Bedingungs-
~:().
Ef; markiert die Singularität d"" Falles.
eltt
a Julius Schniewind, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 2, 1953,
113: "B.-zoej,chnend für beide Geschichten ist, daß Jesus die Nachfol~er ab-
schreckt." - In Wirklichkeit ist
solch
abweisender Ernst" allein für die erste
Nachfolger:g'e8Chichte zu konstatieren, während die zweite mit einem ausdrück-
lichen
(oligte
mir" schließt. Sie ist also durchaus "anziehend" gemeint und
illuatri.rt nllllr die Radikalität der Forderung Jesu. Im ersten Fall \\ird die Nach-
folge von e,ir~em "Außenstehenden" bedingungslos angeboten (gegen Bultmann,
Tradition liI5;: Matthäua spreche von einem Schriftgelehrten, offenkundig weil er
annehnlBo 'dl&ß der Mann sich nicht zur Nochfolge entschließen könne), doch
wird d~, Angebot zurückgewiesen; im zweiten Fall wird sie von einem Jünger
"bedingt Zlurgesagt", jedoch rücksichtslos gefordert.
Die Schriftgelehrten und Pharisäer 27 losigkeit der Nachfolge, die jedes npwTov ausschließttO. Ein" andere
Die Schriftgelehrten und Pharisäer
27
losigkeit der Nachfolge, die jedes npwTov ausschließttO. Ein" andere
tiefgreife:Jde Differenz wird durch die verschiedene Jesus-Anrede der
beiden "Nachfolger" markiert. Der Schriftgelehrte nennt Jesus
"Meister" (3r.3ciaxacAE), wie es sonst im ganzen Evangelium Dur die
Gegner und Außenstehenden tun, während der Jünger bezeicllnender-
weise "Herr" sagt, also die im Sinne des Evangelisten genuint' Jünger-
anrede gebraucht'l. Wird der nachfolgefreudige Schriftgelellrte von
8,19 durch 8,21 auch nachträglich als Jünger qualifiziert, so bleibt er
doch im Rahmen des Kontextes bloßes Paradigma der Nachfolge, an
dem sich der schroffe Ernst Jesu und die ganze Schwere des .xlLOAr,U&c1:v
offenbart. Die Anrede des Schriftgelehrten-Jüngers, Jesu zurück-
weisende Antwort und der beabsichtigte Kontrast zu dem bedingungs-
los Geforderten weisen schwerlich in Richtung auf eine "Neutralität"
des matthäischen Schriftgelehrten-Begriffs. Man kann sich friLgen, ob
Matthäus, von seinem negativen Bild der Lehrer Isrsels geleitet, den
abgewiesenen nachfolgewilligen Jünger (gegen Lk. 9,57) nicht mit Ab-
sicht "einen Schriftgelehrten" sein läßt u .
4. Weiter erklärt Hummel: "Von christlichen Schriftgelehrten ist in
13,52
die Rede"u. - 7tii~ YP«!L!L«n:6~ erfährt durch !L«Ihln:u&&l~
Tii ~«av.E(q. TWV oup«vwv" eine dezidierte Näherbestimmung : jeder
Schriftgelehrte, der ein Jünger der Himmelsherrschaft wird, also jeder
"bekehrte", "christliche" Schriftgelehrte. Dem so bestimmten Sub-
jekt hat das folgende Gleichnis sein "Prädikat" zu beschaffen. Es ver-
hält sich U mit jedem "bekehrten" Schriftgelehrten wie mit einem
Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt. Was
will dieses Gleichnis der Sachhälfte nach aussagen ~ Es besteht hier
die Gefahr, daß der Text durch Allegorese zu einer typisierellden Be-
schreibung christlicher Schriftgelehrsamkeit ausgestaltet und so über-
fordert wird. Julius Schniewind erläutert: "Die Anwendung liegt wohl
•• Auch Ferdinand Hahn, Christologische Hoheitstitel, FRLA!oo"'T 83, 1963
urteilt S. 83f. (wörtlich zitiert): "daß V. 19f
Is
Abweisung eines di" Jünger-
schaft begehrenden Menschen, V. 21 f. umgekehrt
Is
die Bindung eine" Jüngers
n das schon bestshende Nachfolgeverhiltnis zum Ausdruck bringt".
CI Vgl. Hahn
0.76, bzw. für "Herr" 85f.
Vgl. Erich KI08termann, Das Matthiusevangelium, HNT 4, 2. Auft. 1927,
77: "Y"'CXfLfLCX~.u~ vielleicht erst von Mt. zugesetzt, um die in 20 gefundene Ab-
weisung zu motivieren. tl
••
A.a.O. 27 .
Die Wendung (paas. Dep.) entspricht sachlich gen
u
27,57 lj>CX&1JTOU&1J
TCi> 'I~aoü. Es handelt sich offensichtlich um Missionsterminologie, v~1.Ign Eph.
10, 1 UfLiv fL"&1Jn:u&i\vcx. im Zusammenhang mit der Ermahnung zun' Gebet für
die "anderen Menschen" und dem Stichwort lv cxUToi~ l).7rI~ fLETcxv.I':~; weiter
Ign Eph. 3, 1 clPX~vIx., TOÜ fLcx&1JTOu.a&o<.; vgl. Ign Röm. 5,1 fLIDov ~"IhJ
UOfLCX'
(5,3 vüv 4pXOfLCX' fL"lhi~~ 01
",).
In diesen Zusammenh ng gehört auch das tran-
sitive fLcxlhiTE1l
=
zum Jünger machen, Mt. 28,19; Apg. 14,21; Ign ]~öm. 3,1 •
Zu 3fLO'~.aT" vgl. Joachim JeremiBS, Die G1eichnisee Jesu, 6. neu bearb.
Au1\. 1962, 101.
28 darin, daß bei Jesua Beides eins ist: das Festhalten am Alten (5,17fF.) und das
28
darin, daß bei Jesua Beides eins ist: das Festhalten am Alten (5,17fF.)
und das umstürzende Neue (5,21fF.)"". Doch hält der Hauaherr im
Gleichnis durchaua nicht am Alten fest. Er nimmt es - zusammen mit
dem Neuen - heraus, holt es hervor t7 • Die
Allegoristen"
unter den
Aualegern deuten an unserer Stelle viel zu rasch, was mit dem
Alten
und Neuen" gemeint ist -
Neues
und Altes" steht im Text, nicht
wie es für die Allegorese passender wäre:
Altes
und Neues"u. Es gilt
damit Ernst zu maohen, daß der Vergleich nicht einseitig auf den
Schatz t • oder das ,,Neue und Alte"" zielt, sondern wie in den anderen
(nicht sekundär allegorisierten) Basileia-G1eichnissen auf den ganzen
Vorgang: auf den Hausherm in seinem bestimmten Verhalten mit
dem Schatz - er holt Neues und Altes daraua hervor. Was tut er also!
Doch wohl das Gegenteil des ewig Hortenden und Sammelnden, der in
seiner Schatztruhe (oder Vorratskammer) tunIicbst Neues auf Altes
häuft. Der Hausherr im Gleichnis ist unbesorgt, er entledigt sich aller
VorbeJuJlte ö er holt Neues und, erstaunlich zu hören, Altes aua seinem
Schatz hervor. Seltsam freier, bedenkenloser Mann! - So auch jeder
Schriftgelehrte, der ein Jünger der Himmelsherrschaft wird. Er ver-
bindet nicht in
schriftgelehrter"
Weise Altes und Neues, fördert
schon das Neue und bewahrt dabei doch das Alte. Ihn charakterisiert
vielmehr die kühne
Reservelosigkeit"
des Hausherm im Gleichnis.
Nur so steht das Schlußgleichnis in saohlicher Einheit mit allem Vor-
ausgehenden. Am Schluß der G1eichnisrede erscheint nicht, äußerlich
auf das Stichwort
Basileia"
bin angefügt, eine wunderliche Jünger-
belehrung über den christlichen Schriftgelehrten und seine Verbindung
von altem und neuem Bund, die mit Kap. 13 auch nicht einen Ge-
danken gemein hat. Die Allegoresen vermögen nicht naohzuvollziehen,
daß Matthäua in 13,51 ausdrücklich an alles Vorherige anknüpft:
habt ihr da8 allu verstanden! Durch 13,GI!. beschließt der Evan-
gelist - mit einem von ihm selbst geprägten Herrenworti1f - seine
Gleichnis-Komposition, setzt er ein kräftiges Fazit. Im saohlichen
Horizont und auf dem Boden des Verständnisses von
dem
allem"
will er am Beispiel seines Textes das Wesen der Basileia-Jüngerschaft
," A.a.O. (NTD 2) 17'.
Vg\. 12,35.
Die Beispiele in ANn. 30 bieten alle die (an den
Testamenten"
orientierte)
Reihenfolge
Altes und Neues".
Trilling, D
wahre I
ael
1.8 meint, die GleichniMammlung des Kapitels
U
aei Modell für die Lehrweile des Schriftgelehrten und gehöre zugleich zu aeiner
( I) Schatztruhe.
80 Jeremi
Gleichnitae 2":
du
früher Gelernte und die nauen Er-
kenntniaae". T. W. Manaon. The SayingB of Jeaua. 1960. 198:
The
old will be
the Law of MOII88; the new will be the new interpretation given by J 08US."
Ahnlich J. Hoh. Der christliche ypCl"IL"~ (Mt. 13,52). BZ 17 (1928) 258--289.
266. - Anders und phantasievoll Schlatter, Evangelist Matthäu8 '50f.
", Vgl. Bultmann, Tradition 108.
Die Oberprieeter und Altesten dee Volks 29 (nicht der christlichen "Schriftgelehrsamkeit"), die der
Die Oberprieeter und Altesten dee Volks
29
(nicht der christlichen "Schriftgelehrsamkeit"), die der "Schluß" aller
Basileia-Predigt ist, heraUlllltellen. An der Verkündigung der Himmels-
herrschaft scheiden sich nach (3-9) 18-23 die Geister in Ungehorsam
und Gehorsam. Sie ist - als G1eichnisrede - die Gewalt des Gerichts
und der Verstockung für das widerborstige Israel (10--15), Heil für
die Beschenkten und sehenden Augen (11.16f.). Sie wird von Gott
wunderbar heraufgeführt (31-33), ist kosmische Macht des End-
Gerichts (24--30.36-43.'7-50), vom Menschen freudig und mit
letztem Einsatz zu ergreifen ('4--'6). Wo sie das alles ist und als solche
von den Jüngern verstanden wird, ist "darum" jeder Schriftgelehrte,
der zum Jünger der Himmelsherrschaft wird, ein Mensch der Rück-
haltlosigkeit und ebenso - der paradigmatische Charakter des Verses
ist unverkennbar - das Exempel der seltsamen Bedenkenlosigkeit
aller "Nachfolge", aller Hinwendung zur Basileia. Damit ist er zugleich
und zum guten Schluß der matthäischen Komposition das aufgerichtete
Zeichen für die alles erheischende Gewalt und totale Vertrauens-
Würdigkeit der von Jesus verkündigten Basileia. - Es ist deutlich,
daß der Evangelist 13,52 ad vocem ~aW!at um seiner paradigmati-
schen Funktion und Kraft willen aufgreift. Daraus auf ein positives
Interesse des Evangelisten am christlichen Schriftgelehrten "als
solchem" zu schließen, geht u. E. zu weit. Die Zusammenschau der
besprochenen Texte 23,8-10; 23,3', 8,19 und 13,52 verwehrt den
Gedanken, Matthäus habe sich in seinem Evangelium zum christlichen
"Schriftgelehrten" bekannt oder sich gar selbst als solchen verstanden.
3. Die Oberpriuler und Altulen du Yol1:l
Die doctores Israels spielen in der Paasionsgeschichte des Matthäus-
Evangeliums eine bescheidene Rolle; immerhin sind sie unmittelbar am
Leiden und Sterben Jesu beteiligt (vgl. 26,67/Mk. 1',63; 27,'1/Mk.
15,31; 27,62: die Oberpriester und die Pharisäer, Sondergut; zu-
sammen mit den Oberpriestern erscheinen die "Schriftgelehrten" bzw.
die "Pharisäer" schon 21,16.'5/Mk. 11,18). Als die dominierenden
Handlungsträger begegnen die "Oberpriester und Ältesten (des
Volks)". Wo Matthäus nur die Oberpriester erwähnt, scheint er dafür
- so Hummel 6l - seine Gründe zu haben: konkrete Kenntnisse ihrer
Kompetenzen. Judas z. B. wendet sich nur an sie mit seinem Angebot,
Jesus zu verraten (26,1' = Mk. 1',10) - an sie wohl als vorgesetzte
Behörde der TempelpoIizei. Oder die Oberpriester beraten über die
Verwendung der von Judas zurückgebrachten Silberlinge (27,6) -
"offensichtlich in ihrer Eigenschaft als Finanzverwaltung des Tem-
pels" ". Endlich laufen die aufgescheuchten Grabeswächter von 28,11
A.a.O. 21.
30 Iarael im lIIatthäuaevangelium (Sondergut) zu den Oberpriestern, d.h. wieder: zu den Chefs der Tem-
30 Iarael im lIIatthäuaevangelium
(Sondergut) zu den Oberpriestern, d.h. wieder: zu den Chefs der Tem-
pelpolizei n . Dabei ist nicht berücksichtigt, daß Judas 27,3ff. mit
seinen Silberlingen zuallererst bei den Oberprieatern und Älteaten vor-
spricht als bei der kompetenten "Behörde". Ihnen bringt er das Geld
zurück (27,3; das ganze Stück 27,3-10 ist Sondergut). Sie sind ge-
meinsam betroffen und sagen miteinander: Was geht es uns an? Siehe
du zu (27,.)! Diese Darstellung der Dinge spricht nicht gerade für
konkrete Kenntnisse des Evangelisten in Sachen oberpriesterlicher
Kompetenzen, auch wenn im folgenden - unmittelbar nach dieaem
Auftakt - die Oberpriester das Heft in
die Hand nehmen (27, 6f.).
Ähnliches gilt für 26,1•. Angenommen, Judas verhandelt mit den
Oberpriestern in ihrer Eigenschaft als vorgesetzte Behörde der Tem-
pelpolizei, so kann es nur verwundern, daß im weiteren Verlauf des
Geschehens die bewaffneten Scharen um Judas von den Oberprieatem
und Ältea/en dea Volk" ausgehen (26,.7), als wären sie gemeinsam
die "Oberen der Tempelhüter". Und wenn die Grabeswächter von
28,11 allein den Oberpriestern Bericht erstatten, so stecken die doch
alsbald die Köpfe wieder mit den - Ältesten zusammen. Als ob sie
nicht selbst "Behörde" genug wären! Sie sind es nicht. Matthäus
schildert die "Oberpriester und Ältesten des Volks" als Handlungs-
einheit. Der Singulärbegriff "Oberpriester" erscheint zweimal als
Parallelbegriff zu "Oberpriester und Älteste" (26,1.'.7; 27,6 '3);
nirgends bezeichnet er etwas Selbständiges (vgl. 28,11 f.). Die "außer-
gewöhnliche Sorgfalt und Genauigkeit", die Hummel dem Evange-
listen in dieser Sache nachrühmt und die er mit dem Stichwort "hi-
storisierendes Interesse" erklären möchten, ist tatsächlich die Sorgfalt
und Genauigkeit schriftstellerischer Systematik bei der Darstellung
des messiasfeindlichen Geschlechts. Wieder isoliert Hummel den
"Einzelbegriff" in unerlaubter WeiBe. Wieder verkennt er die Funktion
des von Matthäus geschaffenen "Einheitsbegriffs" und seine Aus-
wechselbarkeit mit dem Singulärbegriff.
Hummel führt weiter aus: "Für die Verwendung des Begriffs der
Ältesten gilt dasselbe wie für die des Begriffs der Oberpriester. Mat-
thäus läßt erhebliche Sorgfalt und Genauigkeit walten, weil es um den
Prozeß gegen Jesus und um die Rolle geht, die die einzelnen Gruppen
dabei gespielt haben"lII. Die Rolle der ÄUeaten ist aber /ar Mattluiw
keine andere al8 die der Oberprieater (oder Schriftgelehrten 26,57; oder
beider zusammen 16,21; 27,.1). Nirgendwo spielen sie ihren eigenen
Part. Immer sind sie mit dem Partner zusammengesehen und bilden
eine Aktionsgruppe mit ihm (21,23; 26,3.•7; 27,1.U2.20; 28,l1f.).
Was Hummel seinerseits nur bestätigen kann: "Sie werden bei Mat-
thäus nie allein, sondern stets zusammen mit den Oberpriestern bzw.
A.a.O. 21.
A.a.O. 22.
Die Oberpriester und Altesten des Volka 31 Oberpriestern und Schriftgelehrten genannt"". Ihr einziges Spezifikum
Die Oberpriester und Altesten des Volka
31
Oberpriestern und Schriftgelehrten genannt"". Ihr einziges Spezifikum
bei Matthäus (gegenüber Markus) besteht darin, daß sie, wieder nur
in Verbindung mit den Oberpriestern, betont als Älteste des Volle,
fungieren (21,23; 26,3.47; 27,1). Im Sinne des Evangelisten sind auch
die Oberpriester und Ältesten Repräsentanten Israels: das Volk
handelt in seinen Autoritäten H • Von dieser Anschauung her ist es nur
konsequent, wenn sich nach 27,22 (redaktionell, gegen Mk. 15,13) aus-
drücklich aUe mit dem Ansinnen der Oberpriester und Ältesten identi-
fizieren, Barabbas freizubitten, Jesus aber "ans Messer zu liefern"
(27,20). Das ganze Volk übernimmt im selben Zusammenhang vor
Pilatus erklärtermaßen die Schuld am Tode Jesu (27,25; Sondergut).
Auch hier ist die Tendenz des Evangelisten zu erkennen: der Tod Jesu
ist nicht bloß Sache der "Oberen"; die "Oberen" stehen vielmehr für
das Ganze 17 •
Die Oberpriester und Ältesten treten außerhalb der Leidensge-
schichte (und 28,11 f.) nur noch in den Tempelstreitgesprächen
21,23ff., und zwar als die ersten Kontrahenten Jesu auf (21,23). Da
sie nirgendwo im Evangelium das Weichbild JerusaJems verlassen,
muß man sie sich als die spezifisch jerusalemiBc1le "Körperschaft"
Israels vorstellen, und in concreto als die Vorkämpfer des Todes Jesu
in der Heiligen Stadt. Um ihnen die Kontur und Geschlossenheit einer
handelnden Einheit zuzum_n, bedient sich Matthäus eines zwie-
fachen Verfahrens. An solchen Stellen, wo Markus nur die Oberpriester
erwähnt, setzt er noch die Ältesten in den Text (Mk.15,3.11 H fMt.
27,12.20; vgl. Mk. 15,31fMt. 27,41, wo der Evangelist die Ältesten zu
den Oberpriestern und Schriftgelehrten hinzutreten läßt). Wo aber bei
Markus die Schriftgelehrten nach seiner Vorstellung "überschießen",
streicht er sie und reduziert den Text auf seine zweigliedrige Einheit
der "Oberpriester und Ältesten" (Mk. 11,27; 14,43; 15,lfMt. 21,23;
26,47; 27, 1"). Oder er macht aus den Oberpriestern und Schriftge-
A.a.O. 21.
••
In 2,4 spricht Matthiua von den ypatl'l"'"""~
1 MOG•
Die Identität von Füh
rachaft
und
Volk"
e~bt sich auch aua 21,43;
vgl. Theodor Zahns Bemerkung z. St. in: Das Evangelium des Matthiua, Komm.
zum NT I; 4. Auß. 1922, 632f.:
die Anwesenden sind nicht in ih
r Eigen.
schaft als ilplC,0V'rCl; TOG >-!loG, sondern als Vert
ter
des jüdischen Volka angeredet.
Dies ergibt 81ch WlZweideutig daraus, dall nicht, wie man nach v.41 erwarten
könnte, gesagt wird, die Regierung des jüdischen Volks werde von den bis·
herigen Regenten auf ande
"&genten übertragen werden, sondern die Gottes·
herrachaft werde von einem Volk auf ein anderes Volk übergeben." - Vom
jüdischen
Volk" bitte Zahn beaacr nicht gesprochen. Matthäua blickt auf die
Generation der Basileia.Berufung von damals.
Die Oberpriester von Mk. 15,10 st
icht
Matthius (27,18).
•• Vgl. S. 21. Die Schriftgelehrten von Mk. 9,14 fallen der radikalen Um·
formung von 9,14ff. bei Matthiiua zum Opfer (17,'4ff.; vgl. S. 42). Doch fragt
KI08tennann, HNT 143 im Blick auf die starke Verwandtschaft des Mt.· und
Lk
Textea:
"hatten Mt. und La. eine ande
Mcform vor sich'"
32 Iarael im Matthiuaevangelium lehrten von Mk.l', 1 die Oberpriester undÄlteaten des Volks von 26,3.
32 Iarael im Matthiuaevangelium
lehrten von Mk.l', 1 die Oberpriester undÄlteaten des Volks von 26,3.
Dazu kommen in 27,' die Oberpriester und Ältesten im matthäischen
Sondergut. So konzentriert sich Matthäus auf einen Aktionsträger und
gewinnt damit eine relativ starke Einheitlichkeit der Szenerie. Er gibt
den Oberpriestern und Ältesten bzw. Oberpriestern und Ältesten des
Volks in der Pasaionsgeschichte (und darüber hinaus) den Faden der
Handlung in 8 von 13 Fällen in die Hand (26,3."; 27,1.'.12.20;
28,11f; ohne Formel und zusammen mit den Schriftgelehrten 27,'1).
Daß sie als die handelnden Pel'llOnen zu gelten haben, illustrieren 26,'
und 27, 1 sehr eindrücklich: ein Todesbeschluß genügt den Ober-
priestern und Ältesten nicht. Nach Mk.lIS, 1 beschließendieAutoritäten
Jesu Auslieferung - im Vollzug ihres Tod_7I8CIalag" von 1',1, wie-
man ergänzen mag. Bei Matthäus dagegen wiederholen und bekräftigen
die Oberpriester und Ältesten des Volks ihren ersten solennen Todes-
bucAlufJ von 26,,10 in 27,1 in aller Form, um daraufhin Jesus ge-
bunden an Pilatus auszuliefern. Das will sagen: Die Oberpriester und
Ältesten des Volks sind für Matthäus die Exponenten der Christus-
Todfeindschaft Israels auf dem Boden Jerusalems. Erst Matthäus hat
dieses Bild der Oberpriester und Ältesten als einer Aktionseinheit ge-
schafFen und ihm seine charakteristischen Züge aufgeprägt. Es handelt
sich also um einen durchaus ungeschichtlichen Pel'llOnenkomplex, der
aus tendenziöser Bearbeitung vorgegebener Traditionen stammt. Weil
Matthäus von vorneherein diesen Komplez anvisiert, ist es dem Exe-
geten verwehrt, die Ältesten wie Hummel gleichsam als "alleinstehend"
zu betrachten (der das im Widerspruch zu seiner These S. 21 tut, sie
würden bei Matthäus nie allein genannt) und Überlegungen anzu-
stellen, was mit den Ältesten in Verbindung mit den Oberpriestern
allein oder den Oberpriestern und Schriftgelehrten zusammen jeweils
gemeint sei ll • Antwort: nichts; sie sind jeweils nur, was
ihre Partner
auch sind. AIs selbständiges Phänomen existieren sie für Matthäus so
wenig wie die Sadduzäer. Die Oberpriester und Ältesten des Volks
sind für Matthäus Repräsentanten Israels als Kollektiv des Bösen wie
andernorts die Schriftgelehrten und Pharisäer oder Pharisäer und
Sadduzäer. Malt Matthäus jedoch die doctores in den Farben völliger
wechselseitiger Synonymität, so empfangen demgegenüber die Ober-
priester und Ältesten durch seine redaktionelle Arbeit den Charakter
einer eigenständigen Gruppe. Der Grund liegt darin: Matthäus hält
sich an die Basis des Markus-Textes, der die Oberpriester und Ältesten,
singulär oder mit anderen agierende einzelne, auch schon auf Jerusalem
beschränkte. Auf diesem Fundament baut er mit der ihm eigenen
Vgl. Kloatennann, HNT 207: ,,3f
und ein fömilioher BeaohluB des Synedriuma'
11 vgl. Hummel a.a.O. 21.
wird aus Mo' Worten ,eine SitzUDg
Ihre Synagogen 33 Konsequenz weiter. Es genügt ihm, die Identität der "Jerusalemer" mit dem Volk
Ihre Synagogen
33
Konsequenz weiter. Es genügt ihm, die Identität der "Jerusalemer"
mit dem Volk zu betonen. So verzichtet er auf jede systematisch-
literarisch entwickelte Synonymität der Jerusalemer mit den doctores
(nach Art der doctores untereinander), kraft deren die Lehrer stereotyp
mit den Oberpriestern und Ältesten zu einer "Einheitsfront" ver-
bunden wären. Genug, daß beide "Gruppen" da sind; die Lehrer
Israels (Schriftgelehrte, Pharisäer) und die Oberpriester und Ältesten
(des Volks), 80 21,15.45; 26,57; 27,41.62. In der Jerusalems- und
Passionsgeschichte ergeben diese "Gruppen" gemeinsam das Bild der
Repräsentanten Israels. - Was sich bei den "Pharisäern und Saddu-
zäern" und "Schriftgelehrten und Pharisäern" beobachten ließ, wie-
derholt sich im engeren Bereich der Leidensgeschichte bei den "Ober-
priestern und Ältesten (des Volks)".
4. Ihre Synagogen.
Zur Erhärtung des oben Gesagten ist noch die Wendung "ihre Syn-
agogen" in die Betrachtung einzubeziehen.
Wir fragen nach den Wirkungsstätten der Repräsentanten Israels
im Matthäus-Evangelium. Die Oberpriester und Ältesten gewahrt
maneinmalim Tempel (21,23; vgl.21,15),einmal im Palast des Hohen-
priesters Kaiphas, wo sie Konvent halten (26,3; vgl. 26,57). Dies sind
die einzigen repräsentativen Lokalitäten Jerusalems, an denen sie in
Erscheinung treten; sonst folgen sie dem Ort der Handlung zu Pilatus
und zum Kreuz Jesu.
Anders die Lehrer Israels. Die Schriftgelehrten und Pharisäer z. B.
werden direkt auf "eure Synagogen" angesprochen (23,34"). Sie und
die Synagogen gehören zusammen (23,2/6 A ; vgl. 6,2.5 im Zusam-
menhang mit 5,21). Zieht man den Kontext heran, muß man "ihre
Synagogen" in 12,9" als die der Pharisäer (von 12,2) verstehen. Da-
mit ist der Konnex zwischen den doctores und "ihren Synagogen"
schon erschöpfend beschrieben.
Wichtig sind noch die Summarien 4,23 und 9,35. Wenn es 4, 23 heißt:
Und er zog in ganz Galilia umher, lehrte in ihren Synagogen und ver-
kündigte das Evangelium vom Reich
11, so meint "ihre Syn-
agogen" offensichtlich eine stehende galiliische Einrichtung, wobei
freilich zu beachten ist, daß sich nach dem Gesamtzusammenhang
4,23--9,35 der Begri1f "Galilia" sachlich mit dem Israels über-
I. Das Motiv der S)'Il8808I!D.GeiBelllDlJ ist
gegenüber Lk. 11, ", übenchiiMi§
(wohl redaktioneU a08 10,17, wo eich "ihre Synagogen" auCdie ,,Menachen'
bezieht).
u Zu 23,6 vgl. Mk. 12,39 und Lk. 20,46.
Redaktionell gegenilbor Mk. 3,1.
Vgl. Mk. 1,39. Schon hier ateht "ihre Synagogen".
• '?II! Woltor. IIoIJlpoaIUaIoIo
I_I im MatthäWI8Vangelium schneidet. Denn auf galiläischem Boden folgen JesU8 die Scharen aus Galiläa. den
I_I im MatthäWI8Vangelium
schneidet. Denn auf galiläischem Boden folgen JesU8 die Scharen aus
Galiläa. den Zehnstädten. aU8 Jerusalem. Judäa und von jenseits des
Jordans (4.25) - mit einem Wort:
Israel"
versammelt sich im Be-
reich Galiläas. Hier beginnt JesU8 seine Auseinandersetzung mit den
Lehrem Israels (5.21ff.). Hier fällt das Wort: Solchen Glauben habe
ich bei niemandem in Israel gefunden (8.10). Hier erfüllt sich nach 8.17
die Heilsweissagung an Israel. Und hier sprechen die staunenden
Mengen: Nie ist solches in Israel gesehen worden (9.33). was die Re-
präsentanten Israels. die Pharisäer. sofort abwehren: Durch den Ober-
sten der Teufel treibt er die Teufel aus (9.34). 4.23. von MatthäU8 fast
gleichlautend dupliziert. lautet 9.35: Und JesU8 zog durch alle Städte
und Dörfer. lehrte in ihren Synagogen und verkündigte das Evange-
lium vom Reich
Demnach gehören
ihre
Synagogen" zum Lo-
kalkolorit galiläischer (=
israelitischer")
Dörfer und Städte". Der
zwischen den Summarien 4.23 und 9.35 liegende Komplex schildert
für MatthäU8 - auf dem Boden Gali1äas - die exemplarische Hin-
wendung Jesu zu
Israel".
sein
Wort"
an das Volk (Kap. 5--7; vgl.
5.1; 7. 28f.) und seine
Tat"
(Kap. 8--9)17.
Nach allethm legt Bich die Deutung Ik,
Synagoge" als ,eligiös-re-
prtiaentalivu In.9Iitul 18f'am 7UZM. Hummels These:
Für
die Kirche
des MatthäU8 sind die Synagogen als solche die Synagogen des phari-
säischen Judentums
ist nicht gerechtfertigt. In ihr wirkt sich seine
verfehlte Behandlung der Pharisäer-Texte aU8. die ihm den Blick für
die wechselseitige Austauschbarkeit der Autoritäten und ihre reprä-
sentative Funktion verstellt. Auch 4.23 und 9.35 mit ihrer Besonderheit
im Kontext (Galiläa = Israel) läßt er außer acht. Schließlich kann man
sich fragen. ob Hummel mit seiner Deutung der Wendung
agogen" nicht seine Interpretation des Para1lelbegriffs
ihre
Syn-
ihre
Schrift-
gelehrten
deasvouiert.
Zunächst spricht er von
ihren
Schrift-
gelehrten" als von den Schriftgelehrten der Pharisäer im Unterschied
zu christlichen Schriftgelehrten. Dann plädiert er bei
ihre
Synagogen"
in Analogie zu
ihre
Schriftgelehrten" für pharisäische Synagogen;
doch gibt es hier kein christliches Gegenstück. Er erklärt:
Wo
er die
Synagogen nicht ausdrücklich .ihre Synagogen' nennt. qualifiziert er
Vg\. die Nazareth.Perikope 13,1I3/f. mit "ihrer SynaROge" (13,114).
11 In diesen Rahmen bezieht Matthäua auch ursprünglich ganz andera al18jl8.
richtetee "Material" ein, vg\. 8,28/f. - Die beiden Sammelberichte sind als
Ober. und Unterschrift des ganzen Komplexes zu verstehen (der Nestle·Text
führt hinsichtlich des Veraea 9,35, der in Entsprechung zu 4,23 zum Voraus·
gehenden gehört, in die Irre; die Zäsur liegt hmter 9,35; erat 9, 36 bildet den
Auft.akt zur Auaaendungarede). Sie bringen eine kurze, typisierende Inhalts·
angabe von Kap. 11--9 nach den Stichworten : Lehre Jesu, die Predigt des
Evangeliume vom Reich (Kap. 11--7) und Heilung jeder Krankheit und jedes
Gebrechens im Volk (Kap. 8-9).
A.a.O. 29.
•• A.a.O. 17f.
Dieaea Gschlecht sie doch als Stätten der Heuchelei und Ehrsucht. Christliche Syn- agogen wird er
Dieaea Gschlecht
sie doch als Stätten der Heuchelei und Ehrsucht. Christliche Syn-
agogen wird er dabei wohl nicht gemeint haben" 70. Kann man aber bei
"ihre Synagogen" nicht an pharisäische Synagogen im Unterschied zu
christlichen denken, so wird man sich auch bei
ihre
Schriftgelehrten"
nicht gern auf pharisäische Schriftgelehrte im Gegensatz zu christ-
lichen führen lassen. Die formale Parallelität der Wendungen mahnt
zur Vorsicht. Die Begriffe "ihre Schriftgelehrten" (vgl. 2,4 "die Ober-
priester und Schriftgelehrten du Volks") und "ihre Synagogen" setzen
gleichermaßen die Einheit des Gottesvolkes in allen seinen Gliedern
voraus. "Sie" sind das eine, homogene Volk, repräsentiert durch seine
Lehrer, nicht die Spezies der Pharisäer 7l • So bestätigt die Wendung
"ihre Synagogen" auf ihre Weise die matthäisehen Topoi von der
Einheit Israels und der Identität Israels mit seinen Repräsentanten.
5. Die8e8 Ge8CAlecht
Die vorliegende Darstellung der Repräsentanten Israels wandte sich
bisher ganz dem Thema der "Repräsentanten" zu, ohne den Begriff
"Israel" näher zu beschreiben. Nun ist die Frage zu stellen, welches
"Israel" die Autoritäten zu repräsentieren haben. Das Bundesvolk
seit seinen ersten Tagen' Das von Jesus aus gesehen
zeitgenÖBBische"
Israel, die "jetzt" lebende Generation' Oder überschneidet sich beides,
Anders gefragt:_ Welche "heilsgeschichtliehe Betrachtung" ist auf
"Israel" angewandt - sofern eine solche Betrachtung vorliegt' Eine
Untersuchung des BegrifFs "dieses Geschlecht" soll auf diese Fragen
Antwort geben.
Zunächst führt der Terminus "dieses Geschlecht" noch einmal auf
die Kongruenz der Repräsentanten mit "Israel". Nach 12,38 erheben
"etliche der Schriftgelehrten und Pharisäer" ihre Zeichenforderung 7l •
Die Antwort lautet aber: Das böse und ehebrecherische Ge8CAlecht
sucht ein Zeichen (12,39), so daß die Autoritäten von hier aus in der
Tat als Reprä8entanten, als "Stimme des Volks" zu gelten haben. Im
folgenden bringt der Evangelist die Logien vom Gericht über
dieses
Geschlecht" 71 und fügt den Spruch von der Rückkehr unreiner Geister
in den Menschen an", den er redaktionell am Ende der Kompositions-
A.a.O. 29.
71 Daß du eine Volk nun doch
verachieden"
repriiaentiert wird, hat seinen
Grund in dem Matthiua vorgegebenen Matarial mit Phariaiem, Schriftgelehrten
uaW., das
pietätvoll und doch in seinem Sinne weiteriuMt, indem er die (ver-
schiedenen) unter sich synonymen Rapriiaentanten schafft, ohne sich radikal
auf eine
Gruppe"
festzulegen.
Vgl. Bultmann, Tradition 114:
Die
Zaichenfordarung wurde in Q offenbar
von unbenannten Subjekten (Lk. 11,16) ausgesprochen; bei Matthäua sind
12,38 daf"ur die Schriftgelehrten und Phariaier eingesetzt."
7. 12,41f.; aWl Q, vgl. Lk. lI,3H.
n 12,43-45; aus Q, vgl. Lk. 11,24-26.
0
36 einheit wieder auf "dieees Geschlecht" bezieht: 80 wird es auch diesem bösen Geschlecht ergehen
36
einheit wieder auf "dieees Geschlecht" bezieht: 80 wird es auch diesem
bösen Geschlecht ergehen (12,45c). 16,1 wiederholt daa Thema der
Zeichenforderung (nach Mk. 8,1111'.). Dieses Mal wonen die Pharisäer
und Sadduzäer 71 ein Zeichen vom Himmel sehen. Und wieder ent-
gegnet Jesus: Das böse und ehebrecherische Guc1Iledü BUcht ein
Zeichen (16,4)". Nicht anders in Kapitel 23. Die Adresaaten heißen
jetzt: Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler
Sie Bind es, die Jesus
durch seine Weherufe dem Gericht anheimgibt. Gleichwohllieet man
23,36: Das aHes wird über dieees GucIIldt kommen 77. Ähnlich spricht
Matthäus (mit Markus) von "diesem Volk". In 15,1 geht es um "Pha-
risäer und Schriftgelehrte". Von ihnen, 80 vernimmt man im jetzigen
Kontext, habe Jeeaja geweissagt: Dieees Volk ehrt mich mit seinen
Lippen
Dieser erste Überblick über die Texte könnte es nahelegen, sich
unter "diesem Geschlecht" Israel als Gegenüber Jesu in Einheit mit
seinen Repräsentanten vorzustellen7'. Zwei Momente blieben dabci
jedoch unberücksichtigt. Zunächst gilt unsere Aufmerksamkeit den
von Matthäus übernommenen Logien 11,1611'.10. Auf die Frage T(VI
3l 1Il'ou!lcsw -rljv yac~v T«UnjV antwortet daa Gleichnis von den spielen-
den Kindern: einer höchst launischen Kinderschar. Und die folgende
Anwendung schließt Johannes und Jesus als Leidensgenossen "dieses
Geschlechts" zusammen (11, 18f.). Das 80 in 11, 1611'. enthaltene Motiv
"der Täufer und dieses Geschlecht" (vgl. 21,28-32) überträgt Mat-
thäus auf die Johannes-Perikope 3,111'. durch Einfügung der "dieses
Geschlecht" vertretenden Pharisäer und Sadduzäer als Adresaaten des
Täufers (3,7): schon der Täufer hat es bei seinem ersten Auftreten in
ihrer Person mit "diesem Geschlecht" zu tun. So win es der Evan-
gelist. Doch nicht nur Jesus und der Täufer stehen in Auseinander-
setzung mit "diesem Geschlecht". 23,34 fügt noch die Jünger hinzu.
Auch die Q-Logien 23,3411'.11 kommen Matthäus für seine Sicht der
Dinge sehr zupaß. Der Blick ist in die Zukunft gerichtet: Siehe, ich
sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte. Von denen
werdet ihr etliche töten und kreuzigen, und etliche von ihnen werdet
ihr in euren Synagogen geißeln und von einer Stadt zur andern ver-
folgen, damit über euch komme alles gerechte Blut, das auf Erden
vergosaen wird, vom Blut des gerechten Abel bis zum Blut des Za-
78
Gegen Mk. 8,11
die
Phari8ier"•
Mattbäus folgt hier nicht Mk. 8,12, aondern dupliziert den Q.Te"t (Lk.
11,29 = Mt. 12,39).
" Aus Q, vgl. Lk. 11,61. Der Evangelist verwandelt du ureprunglich eacha.
tologiach orientierte Logion in eine ,,Anaage innergeachichtlichen Gerichte" und
bringt es nun glatt mit 23,3711'. zusammen.
••
16,7C. = Hk. 7,6C.
Aus Q, vgl. Lk. 7,31-36.
,. Vgl. 17,17 oder 23,3711'•
., Vgl. Lk. 11,'911'.
Di_ GeaohIeoht 37 charias, des Sohnes Berechjas Fügt 23,36 dem hinzu, daß "das alles" über
Di_ GeaohIeoht
37
charias, des Sohnes Berechjas
Fügt 23,36 dem hinzu, daß "das
alles" über "diuu Ge8diledlt" hereinbrechen wird 11, so ist klar, daß
~ yae« 'tOtuTJj unter dem Blickwinkel des Sprechenden eine Größe der
"Zukunft" sein muß, genau gesagt das II/f'ael, das im Gegen1Jber UM
Gegen8atz zu den 1r:Unlligen Bolen vollends zum GerickI reil wird l8 (vgl.
23,32) und das doch jetzt schon Jesus gegenübersteht, aus seinem
Mund die Unausweichlichkeit des Gerichts vernimmt.
Der Terminus "dieses Geschlecht" gewinnt also, aufs Ganze der in
Frage kommenden Texte gesehen, drei verschiedene Aspekte. Er be-
schreibt das Israel des Täufers, das Israel Jesu und der Jesus-Boten.
Achtet man nun darauf, daß gerade diese drei von der Hand des Evan-
gelisten als Träger der Basileia-Botschaft für Israel gezeichnet sind
(3,2 redaktionell/4,17 = Mk. 1,16; 4,23 und 9,35 red./10, 7 red., vgl.
Lk. 9,2), so hat man unter "diesem Geschlecht" nicht Israel im Sinne
des alten und bis zur Zeit Jesu gegenwärtigen Bundesvolkes oder das
Jeaus zeitgenÖBBische Israel "dieser Generation" zu verstehen, sondern
exakt: Israel im Anblick der Basileia-Verkündigung, das 18f'ael der
eschatologischen Slunde, die, angekündigt vom Täufer, von Jesus ver-
kündigend und mit Werken des Heils vergegenwärtigt (Kap. 5-7.8--
9; vgl. 12,28), schließlich durch die Jünger, gesandt zu den verlorenen
Schafen des Hauses Israel (10,5f.), als nahe bevorstehend ausgerufen
wird". Somit ist nicht bloß an das "Volksganze"86 gedacht, sondern
an das Isrsel einer sehr präzis zu bestimmenden Stunde: sie hebt mit
dem Täufer an und findet mit der Verwerfung der Jesus-Boten ihr
Ende (vgl. 22,7fr.)". "Dieses Geschlecht" und seine "Zeit" gehören
zusammen. Jesus, dem Johannes als Vorläufer vorausgeht und der die
Jünger sendet, ist die "Mitte" seiner Zeit. So wenig wie auf das aus den
••
Vgl. Anm. 77 •
•• Gegen Max Meinertz,
Di_
(1957) 283-289, der S. 286 auf
du
Geechlecht" im Neuen Teetament, BZ NF 1
jüdische Volk als solches" deutet. M. über·
sieht den Kontext;
dieses
Geschlecht" ist Adressat Jesu und der künftigen
Boten. Abwegig auch Joaeph 8chmid, Du Evangelium nach Matthiua, RNT
I, ,. Auß. 1959, 330:
das
ganze jüdische Volk seit grauer Vergangenheit bis
zur Gegenwart ist hier gemeint." AhnIich Schniewind NTD 237 (vgl. 1'5)
du
Judenvolk als Ganzes". Die Bedeutung
diese
Art" (Schniewind NTD 162,237)
scheidet überhaupt aus, vgl. Walter Bauer, Wörterbuch zum Neuen Teetament,
5. Auf). 1963, 305f.
Mt. 24,34 kann auller Betracht bleiben. War
dieses
Geechlecht" hier ur-
sprünglich du Israel der letzten, unmittelbar bevorstehenden Stunde, so
emplangt die Wendung aus ihrem jetzigen Kontext den allgemeineren Sinn
von
Menache~hlecht"
(vgl. 2',30). Die Parusie hat sich verzögert (2',48;
25,5) und die Ml88ionierung der Heiden soll dem Ende noch vOrBlI8genen (24, I') .
Dieses
Geschlecht" hat hier also seine spezifisch
jüdische"
Farbe verloren.
•• 80 F. BüchseI, ThW I 661.
Du Stück 23, Mtr. verbietet eine Prolongierung des Begriffs
dieses
Ge·
schlecht" bis in die Gege~wart des Evangelisten hinein. Für Matthius liegt
dieses
Geschlecht" mit dem Widerfahrnia seines Gerichts als ganzes in der
Vergangenheit.
38 Israel als Einheit des Bösen Schriften bekannte "alte Israel" ist ~ YEVEIi TlXUTll demnach
38 Israel als Einheit des Bösen
Schriften bekannte "alte Israel" ist ~ YEVEIi TlXUTll demnach pauschal
auf die "Juden" zu deuten 87, was schon das konkret hinweisende
"dieses" ausschließt. EB ha1Ul.elt Bich um da8 IBrCUl einer butimmlen Be-
ru/ungBphaBe, einer einzigartigen, Btreng chriBlologiscA und eschalologiBch
qualifizierten heilBgeBChichUichen Stunde.
Ist also mit dem Matthäus-Evangelium von den Repräsentanten
Israels zu sprechen, so stehen diese Repräsentanten nicht für "ganz
Israel" oder gar das
Judentum",
sondern allein für jenes durch das
Matthäus-Evangelium vor Augen gerückte Israel, das in drei aufein-
anderfolgenden Akten die Nähe der GotteshelTllchaft erfährt und durch
sein dreimaliges Nein, wie noch zu zeigen ist, der Berufung zur Basileia
verlustig geht, sein heilsgeschichtliches Ende findet. Die Repräsen-
tanten Israels sind im Matthäus-Evangelium die Vertreter der inner-
halb des Evangeliums dargestellten, überschaubaren und zeitlich
determinierten heilBgeBChichUichen Gröpe
IMael".
B. Israel als Einheit des Bösen
Das Folgende soll die Thesen des vorausgehenden Abschnitts durch
eine Untersuchung der von Matthäus übernommenen, "Israel" be-
treffenden Markus-Stoffe und Q-Materialien sowie der einschlägigen
Stücke des Sonderguts untermauern und zugleich in extenso dar-
stellen, daß der Evangelist die eine, heilsgeschichtliche Größe
Israel"
seines Evangeliums konsequent
negativ"
qualifiziert. Zunächst sind
sämtliche
wertenden"
Abweichungen des Matthäus-Textes gegen-
über Markus (in Sachen
Israels")
festzuhalten.
1. Die MarkuB-SIoUe
MI. 9,l-8/Mk 2.1-lS
Mk. 2,8 spricht Jesus zu "etlichen der Schriftgelehrten" (2,6 =
Mt 9,3): Was denkt ihr solches in euren Herzen! Der Vers blickt zu-
rück auf 2, 7 (mit der Frage: Was redet dieser so? Er lästert. Wer kann
Sünden vergeben außer Gott allein ?), wo bei Matthäus nur die abrupte,
unbegründete These:
dieser
lästert" (9,3) steht. 9,4 bringt gegenüber
Mk. 2,8 eine kräftige Verschiebung in malam partem: Warum denkt
ihr BÖBU in euren Herzen 1 Die unbegründete, schroffe Behauptung
17 Gegen Victor Haaler, Die königliche Hochzeit, Matth. 22,1-14; ThZ 18
(1962) 25--35,33, Anm. 34:
Die
Juden sind daa böse und ehebrecherische
Geschlecht." - Ein ergänzender Hinwei8 auf 23,30. 31.32.35 darf nicht fehlen.
Hier zeigt aieh, daß
dieses
Geschlecht" eine lange Vorgeschichte hat, mit der
es zusammengehört; vgl. auch S. 115, Anm. 2 und S. 132ft'. (bee. 133, Anm. 65).
Die lIlarkus·Stoft'e 39 der Lästerung und das harte "Böses" bedeuten gegenüber Markus eine deutliche
Die lIlarkus·Stoft'e
39
der Lästerung und das harte "Böses" bedeuten gegenüber Markus
eine deutliche "Peiorisierung" des Textes.
Jft. 9,18--26/Jfk. 5,21--43
Aus dem Synagogen·Vorsteher (Mk. 5,22 =
Lk. 8,41!) ist bei Mat-
thäus ein beliebiger "Oberster" geworden. Tendenziöse Änderungen des
Redaktors: ein um Hilfe bittender offizieller Vertreter Israels scheint
für Matthäus nicht mehr akzeptabel zu sein (vgL zu 17,14-21 S. 42).
Jft. 13,10--15/Jfk. 4,10--12
Ist die Verstockung Israels bei Markus Ziel und Wirkung der
G1eichnisrede (4,12), so bei Matthäus, der bewußt auf "dieses Volk"
blickt (13,16), die Voraus8etzung, auf die Jesus mit seinen Basileia-
Gleichnissen richterlich reagiert (13, 13): Darum rede ich zu ihnen in
Gleichnissen, weil sie mit sehenden Augen nicht sehen usw. Auch der
vom Evangelisten aus Mk. 4,25 beigebrachte Vers 13,12 gibt Auskunft
über das Versagen Israels. Jenen ist es nicht gegeben, die Geheimnisse
des Himmelreichs zu erkennen (13,11), denn, so darf man sinngemäß
ergänzen, sie "haben" nicht; wer aber nicht "hat" (sc. die Frucht, das
Christusbekenntnis o.ä.), von dem wird auch noch genommen
werden, was er hat: daher die Parabelrede ; sie soll Israels vorgegebene
Schuld des Nicht-Habens besiegeln, indem sie vom Heil aUBBchließt,
das Angebotene entzieht (0 ~XE~ <xp&-ljcn:TGU <xn:' (lÖTOÜ 13,12). Steht der
Text bei Markus im Dienst der Geheimnistheoriel, so bei Matthäus im
Horizont seiner speziellen Israel-Darstellung. "Dieses Volk" hat mit
sehenden Augen nicht gesehen usw., also hat es keinen Anteil am heil-
vollen Geheimnis der Basileia. Jeder Zugang dazu wird ihm von JeJ1U8
Selb8t durch das Jfedium der Parabelrede ve1'8pIlrrt! So machen Jesu
Gleichnisse Israels Unheil definitiv, bringen das früher geweiSsagte
Verderben zu gegenwärtiger Erfüllung, vgL 13,14 mit dem bezeich-
nenden <XV(ln:A"lPOÜT(l~: Israel, das die ihm dargebotene Hand des Heils
ausgeschlagen hat, ist die von Jesus richterlich preisgegebene massa
perditionis.
1 Vgl. William Wrede, Das MessiasgeheirnniB in den Evangelien, 3. Aufl.
1963, 64ft'. J oachim Gnilka, Die Veratockung IBraels, laaias 6,9-10 in der
Theologie der Synoptiker, StANT 3 (1961), möchte auch für Markus von einem
Strafcharakter
drohte
Strafe"
der Parabelrede" sprechen (80). Doch liegt 3,22ft'. die ange·
nicht im Gleichniacharakter der Antwort Jeau, die den Vorwurf
der Beaessenheit abwehren will (3,23-27), 80ndern in der Nicht·Vergebung für
die Lästerung dea Geiates (3,29). Der Evangeliat folgt hier seinem Stoft', der die
Parabeln durchaus alB
Veratändniahilfen"
darbietet, ohne einen Auagleich mit
seiner Theorie zu Buchen. Ebenao 2,1811'. Von der verhüllenden Wirkung der
Parabe11'ede ist nur 4, 2ft'. etwaa zu bemerken, und gerade hier fehlt daa Gericht.-
Motiv.
40 Israel als Einheit des Bösen Alt. 14,3--12/Alk. 6,17--29 Die Verhältnisse des Markus-Texte& sind bei
40 Israel als Einheit des Bösen
Alt. 14,3--12/Alk. 6,17--29
Die Verhältnisse des Markus-Texte& sind bei Matthäus auf den Kopf
gestellt. Mk. 6,19 ist es Herodias, die dem Täufer nach dem Leben
trachtet. Sie richtet jedoch nichts aus, weil Herodes seinen Gefangenen
fürchtet, wohl wissend, daß er ein gerechter und heiliger Mann sei. He-
rodes steht gleichsam als Schutzschild vor Johannes: "
und er ließ
ihn bewachen, und wenn er ihn hörte, kam er in schwere Verlegenheit
und hörte ihn doch immer wieder gern" (6,20). Ganz anders der
Matthäus-Text. Hier ist von vorneherein klar, daß Herodes selber Jo-
hannes töten will (14,5), doch fürchtet er sich vor dem Volk, das den
Täufer für einen Propheten hält, wie es nach 21,46 auch Jesus diesen
Rang beimißt (vgl. 21,11), was wiederum den dort genannten Autori-
täten Respekt einflößt. Wolfgang Trilling beurteilt diese tiefgreifende
Differenz zu Markus richtig: "Herodes Antipas wird 80 in eine Linie
mit seinem Vater gestellt, der Jesus nach dem Leben trachtete (2,13),
und mit seinem Bruder Archelaus, dessen Herrschaft Furcht weckt und
die 'übersiedlung nach Galiläa erforderlich macht (2,22). Alle stehen in
einer einzigen gottfeindlichen Front
"I. Wenn Trilling freilich hinzu-
fügt, es gäbe nur zwei Fronten, und Herodes stehe auf der Seite der
Prophetenmörder, trifft er den Text nicht. Denn Johannes gilt, ab-
gesehen von der Meinung des Volkes, im Matthäus-Evangelium keines-
wegs bloß als Prophet (vgl. 11, 9ff.). Er steht mit Jesus und den Jüngern
in einer Front als Bote der Himmelsherrschaft : gegen diese drei wütet
die gesammelte Feindseligkeit Israels. Diese drei erleiden von seiner
Hand den Tod (Johannes: 14,10; 17,12; Jesus: 12,14; 16,21; 17,12
usw.; die Jünger: 22,6; 23,34). Israel -- doppelter und dreifacher
Mörder der Basileia-Boten: an diesem Bild arbeitet der Evangelist
durch seine "Korrektur" des Markus-Texte& in der Täufer-Perikope 8 •
Alt. 14,13/Mk. 6,30-32
Markus berichtet nach der Täuferperikope von der Rückkehr der
Apostel zu Jesus. Um dem Andrang der Vielen auszuweichen, fahren
Jesus und die Jünger mit dem Schiff abseits an einen verlassenen Ort
(6,32). Matthäus übergeht Mk. 6,30f. und schließt hart an 14,12 die
Notiz vom Entweichen Jesu an; die Jünger bleiben außerhalb des Ge-
sichtsfeldes. 14,13 ist deutlich nach Mk. 6,32 formuliert, nur tritt «VE-
X~P"llan an die Stelle des harmlosen «mj>.&ov. Der Sinn dieser Aus-
lassung und Akzentverschiebung ist offenkundig: 80 bedrohlich ist die
I Die Tiufertradition bei Matthäua, BZ 3 (1959) 271-289,275.
I Daß Matthäua den Markua·Text bearbeitet, ist z. B. an der bei ihm stehen·
gebliebenen Notiz von der tiefen Betrübnis des Königs zu erkennen. Sie hat bei
Markus ihren guten Sinn, da Herodea hier im Vorausgehenden zum Täufer hält.
In der matthäiachen Fassung der Legendo steht sie sinnlos im Leeren.
Die MarkU8.Stoft'e 41 dem Täufer bewiesene Todfeindschaft Israels, daß Jesus (der mit Jo- hannes zusammengehört)
Die MarkU8.Stoft'e
41
dem Täufer bewiesene Todfeindschaft Israels, daß Jesus (der mit Jo-
hannes zusammengehört) vor ihr fliehen muß-.
Mt. 15,1-20IMk. 7,1-23
Im matthäischen Text fallen sofort die Verse 12-14 auf, die bei
Markus fehlen'. Die Jünger fragen: Weißt du, daß sich die Pharisäer
ärgerten, als sie das Wort hörten 1 15,13 bestätigt dieses von 15,12
vorausgesetzte faktische Ärgernis der Repräsentanten; sie sind - an
Jesus - zu Fall gekommen (vgl. 11,6). Die Antwort Jesu besteht in
einer herben Gerichtsankündigung für
jede
Pflanze, die mein himm-
lischer Vater nicht gepRanzt hat". Eindrucksvoll illustriert der Text
unsere These von der Einheit Israels mit seinen Repräsentanten bei
Matthäus. Denn die Pharisäer und das von ihnen geführte
Volk"
gehen gemeinsam dem Gericht entgegen; das
Volk"
mit seinen
Führern. Wieder dieses harte, negative Kollektivurteil über Israel:
Blinde, von Blinden geführt. Wieder keine Silbe von Heil und guter
Aussicht für Israel. Das ganze Volk, Führer und Geführte in ihrer Ein-
heit, ist dem
Abgrund"
verfallen. Ja, Jesus selbst überläßt sie aus-
drücklich ihrem Verderben. Sie sollen ihren Weg weiter gehen -
lasset
sie
"
Mt. 16,1-12IMk. 8,11-21
Das Stück von der Zeichenforderung der Pharisäer und Sadduzäer
(16,1.2a.4; vgl. 12, 38f.) formuliert Matthäus im Anschluß an Mk. 8,11
bis 13. Bezeichnend, daß der Evangelist die Versuchung Jesu als
Hauptmotiv"
der Gegner energisch an die Spitze rückt (ähnlich
Mt. 19,3/Mk. 10,2). Aus der Frage Mk. 8,12 (Was sucht dieses Ge-
schlecht ein Zeichen 1) wird die anklagende Behauptung: das böse
und ehebrecherische Geschlecht sucht ein Zeichen'! Für die Phari-
säer von Mk. 8,11 setzt Matthäus die
Pharisäer
und Sadduzäer" und
behält diese Gegnerschaft in der folgenden Szene bei (gegen Mk. 8,15:
Sauerteig der Pharisäer und Sauerteig des Herodes); er verbindet also
die beiden Textgruppen zu einer größeren Einheit. Während Markus
das Gespräch vom Sauerteig in aller Breite unter den Aspekt des
Jüngerunverständnisses rückt,
formt es Matthäus in einen Angriff Jesu
auf die Lehrerschaft Israels um : Sehet zu und hütet euch vor dem Sauer-
teig der Pharisäer und Sadduzäer (16,6; wiederholt 16,11) - das ist,
wie 16,12 abschließend feststellt, nichts anderes als die Ure der
• Vgl. "'"x.:.P"l
',12, wieder in Verbindung mit dem (gefangen gesetzten)
Täufer;
12,15: Flucht Jeau nach dem Todeabeachluß der Pharisäer (= JrIk. 3,7);
16,21 : Jeau Entweichen nach der Auecinandereetzung mit den Pharisäern und
Schriftgelehrten (16, 1ft'.); vgl. 2, 12.13.1 '-22.
• 16,13 Sondergut; 16,14 aU8 Q (vgl. Lk. 6,39)!-Zu 111,1-20 vgl. S. 140ff.
Israel als Einheit dea BÖllen Pharisäer und Sadduzäer. Verwerfliches Israel; vor der Lehre seiner Repräsentanten
Israel als Einheit dea BÖllen
Pharisäer und Sadduzäer. Verwerfliches Israel; vor der Lehre seiner
Repräsentanten wird gewarnt.
Al,. 17,l4--21/Alk. 9,14--29
In der Perikope von der Heilung des Epileptischen streicht Mat·
thäus den Disput der Schriftgelehrten mit den Jüngern. Wo Jesus die
Lehre
Israels" so
nachdrücklich perhorresziert, können sich die Jünger
begreiflicherweise nicht mehr mit den Vertretern des
bösen
und ehe·
brecherischen Geschlechts" unterreden.
Al'- 19,1-12/Alk. 10,1-12
Mit ihrer Frage nach der Entlassung des Weibes erscheinen bei Mat-
thäus die Pharisäer von vorneherein in einem viel ungünstigeren Licht
als bei Markus (10,2), wo sie nach der Möglichkeit der Ehescheidung
überhaupt fragen. Für Matthäus haben sich die Versucher Jesu, wie der
Text suggeriert,längst fUr die Ehescheidung entschieden, ja sie möchten
wissen, ob es erlaubt sei, seine Frau um jeder Ur~ willen zu ent-
lassen - ihre Praxis, wie man ergänzen muß. Jesus bekämpft ihre
Iibertinistische Haltung, die fUr die Haltung
Israels"
steht', nach
dem Matthäus-Text zunächst mit einem kategorischen
überhaupt
nicht" (19,4--6; der Evangelist stellt das Schöpfungsargument anders
als Mk. 10,6-9 als wuchtige Gegenthese an die Spitze), dann mit
einem Satz, der auf die laxe Scheidungspraxis Israels eingehen, sie in
aller Form zurückweisen will (19,9): Wer seine Frau I'~ !nl nopve(qt
entläßt (
nicht
wegen Unzucht" = um jeder Ursache willen)
be-
geht Ehebruch I. Bemerkenswert ist auch, daß sich nach 19,7 die
Pharisäer aufMose und sein
Gebot"
berufen, während Jesus von einer
Erlaubnis"
redet und darauf hinweist, von Anfang an sei es nicht also
gewesen (19,8; das ausgesprochene argumentum principii fehlt bei
Markus), wo im Markus-Text Jesus selbst unbefangen nach dem von
Mose Gebotenen fragt (10,3; vgl. 10,6), dieweil seine Gegenüber mit
der
Erlaubnis"
Moses argumentieren. Der Evangelist will zeigen:
Jesus schlägt
Israel"
seine vornehmste Waffe, das Gebot Moses, mit
dem argumentum principii aus der Hand. Gott steht, was die Ehe-
scheidung betrifft, von Anfang an gegen Mose, Gesetz und Pharisäer.
Mit alledem ist der Text wieder viel schärfer als bei Markus gegen
Israel gewandt.
• Wohl BUS Q (vgl. Lk. ll,29), vom Evangeliaten nach
inen
Absichten
redigiert.
7 Weil die Pharia6er für "Israel" votieren, muß man den Streit zwiachen
Hillei und Schammai von 19,UI". femhalten. Waa hilltorisch geoehen (cum grano
aalill) HiUela "Lehre" war, i.t für Matthäus Sache (der Vertreter) lJaDZ Ja
,
19,3-9 zeigt, wie weit der Redaktor von konkret·hilltorillchen
hiltniaaen entfemt iIIt.
jüdischen"
Ver.
• Zu 11,32 und 19,9 vgl. S. 137f.
Die Markus·Stoffe Mt. 21,18f./Mk. 11,12-14 Nur im Blick auf den Matthäus-Text ist von einer Verfluchung
Die Markus·Stoffe
Mt. 21,18f./Mk. 11,12-14
Nur im Blick auf den Matthäus-Text ist von einer Verfluchung des
unfruchtbaren Feigenbaums zu sprechen (vgl. 21,41.43). Dieser Zug der
Darstellung liegt Mk. 11,13 (
denn es war nicht die Zeit der Feigen")
völlig fern. Da der Feigenbaum als
Symbol"
Israels zu gelten hat",
motiviert Matthäus mit der fehlenden Frucht die folgende Verfluchung
Israels zu ewiger Unfruchtbarkeit (!), deren Unumstöllichkeit und
Gegebenheit er (gegen Mk. 11,14) kräftig herausstreicht: und alsbald
-
in that it describes the only miracle ofJesus which is purely destructive"
(Fenton) 10.
verdorrte der Feigenbaum
This
story is unique in the Gospels,
Mt. 21,33--46/Mk.12,l-12
21,35 spricht im Unterschied zu Mk. 12,3 (f8tLpat" Xat! 1i7t~a-;Eu.at"
xcv6,,) schon vom Tod und der Steinigung der Knechte. Mk. 12,4f. faßt
der Evangelist in einem Satz zusammen (21,36): Wiederum sandte er
andere Knechte, mehr als die ersten, und sie taten ihnen gleichalso.
Trilling beurteilt diesen Vorgang richtig i er sagt: "Das Handeln der
Winzer ist von Anfang an gleich, die Tötung des Sohnes steht in einer
Linie mit den vorherigen Missetaten. So entsteht der Eindruck: Das
ist die Regel, das ist die Art dieser Winzer"ll. Neben dieser Betonung
der "mörderischen Art" Israels legt Matthäus wie in 21,18f. den Finger
auf seine "Unfruchtbarkeit". Schon 21,34 zielt auf dieses Motiv.
Mk. 12,2 steht das neutrale Ti;I XatLpi;li 21,34 sagt dagegen: Als aber die
Zeit der FrUdite gekommen war
Ist es Mk. 12,2 das Interesse des
Weinbergbesitzers, "bei den Weingärtnern von den Früchten des
Weinbergs (seinen Anteil!) in Empfang zu nehmen", so verlangt er in
21,34 durch die Boten prononciert nach Beinen Früchten. 21,41 zu-
folge wird er den Weinberg anderen Weingärtnern austun, die ihre
Früchte bringen zu ihrer Zeit, und 21,43 8pricht davon, die Gottes-
herrschaft werde von "euch" genommen und einem Volk gegeben
werden, das ihre (der Basileia) Früchte bringe. Beides fehlt bei Marku8.
Dann läßt es sich Matthäus wieder angelegen sein, das unausweichliche
Gericht mit dem Hinweis auf die Bosheit der Delinquenten einsichtig
zu machen. Mk. 12,9 heißt es: Er wird kommen und die Weingärtner
umbringen. Anders 21,41: Er wird die BÖBeuJickter übel umbringen,
wobei der Evangelist noch eine besondere Pointe bereithält insofern,
• VgJ. Joachim Jeremias, Jeau Verheißung für die Völker, 2. Aufl. 1959,42,
Anm.167.
'0 John C. Fenton, The Gospel or St. Matthew, Tho Pelican Gospel Com-
mentaries, 1963, 336.
11 Das wahre Iarael 56.
Iarael als Einheit des Dosen als er die "Weingärtner" sich selbst das Urteil sprechen läßt
Iarael als Einheit des Dosen
als er die "Weingärtner" sich selbst das Urteil sprechen läßt 11. Schließ-
lich fügt Matthäus in 21,45 noch die Bemerkung hinzu, die Ober-
priester und die Pharisäer hätten erkannt, daß Jesus von ihnen sprach.
Sind sie gemeint, so ist es nur logisch, daß sie im folgenden Jesus zu er-
greifen suchen (21,46 = Mk. 12,12): in ihnen verkörpert sich das blut-
besudelte und verworfene Isra.el des Gleichnisses, das auch vor "seinem
Sohn" nicht haltmacht.
Jlt.22,lö--22jAlk.12,l3--17
Zwei Dinge fallen auf. Einmal ersetzt der Evangelist clYPMLV, "er-
haschen, fangen" aus Mk. 12,13 durch nlXyL3tUCLv, "mit der Schlinge
fangen", fügt also 22,15 die Nuance des lauernden Schlingenlegens
hinzu. Zum andern verwandelt er das Wissen Jesu um die Heuchelei
der Gegner von Mk. 12,15 in seine Erkenntnis ihrer B08heit (22,18),
ohne sich freilich das ön6xpLaLt;-Motiv des Markus-Texte& entgehen zu
lassen. Formuliert Markus die folgende Frage Jesu ohne sonderliche
Anrede, so fährt Matthäus fort: Was versucht ihr mich, ihr Heuchler'
Jlt. 22,23--33/Alk. 12,18--27
Der Redaktor nimmt 22,33 aus Mk. 11,18 auf und trägt es hier nach.
Mit der Schlußsentenz, daß die Mengen, die es hörten, sich über Jesu
Lehre entsetzten, will er die peinigende Fremdheit der Antwort Jesu
für die Ohren Israels zum Ausdruck bringen: das Volk steht auf der
Seite der Sadduzäer, deren Anliegen zugleich das Anliegen Israels ist--
und deren Niederlage, wie das Folgende zeigt, die Pharisäer nicht ruhen
läßt, bis sie zum "Gegenschlag" ausgeholt haben. (So wenig ist Mat-
thäus an "historischen VerhältniBBen" interessiert; so wenig kennt
er sie.)
Jlt.22,34--40/Jlk.12,28--34
Erstaunlicher Gegensatz! Bei Markus "einer von den Schrift-
gelehrten", der weiß, daß Jesus den Sadduzäern trefflich geantwortet
hat; der eine sachliche Frage stellt und auf Jesu gelungene Antwort
hin sein Lob nicht zurückhält, um im gleichen Gesprächsgang dieWorte
Jesu ergänzend, kommentierend fortzuführen, worauf ihm Jesus unter
dem Eindruck seiner verständigen Rede bekennt, er sei nicht ferne
vom Reiche GottesI'.
Bei Matthäus dagegen "die Pharisäer", auf-
11 21,44 kann hier auller Betracht bleiben, da sich diese GerichtsankÜDdigung,
die wohl als zum ursprünglichen Text Ir,hörig anzusprechen ist, nicht nur auf
Israel",
aondem &I
generelle
Sentenz' auch auf das 21,'3 genannte
andere
Volk" bezieht; vgl. Georg Strecker, Der Weg der Gerechtigkeit, Untersuchung
zur Theologie des Matthiua, FRLANT 82, 1962, 111.
II Vgl. Günther Bomkamm, Das Doppelgebot der Liebe, in, Neuteatament·
liehe Studien für Rudolf Bultmann, BZNW 21, 2. Au1\. 1957, 85-93.
Die Markua·Stoffe gescheucht durch die "Schlappe" der Sadduzäer; ein Gesetzeskundiger aus ihrer Mitte, der
Die Markua·Stoffe
gescheucht durch die "Schlappe" der Sadduzäer; ein Gesetzeskundiger
aus ihrer Mitte, der Jesus fragt, um ihn zu verBUChen - die Pha.1anx des
Bösen. Die "positiven" Züge des Markus·Textes sind konsequent
unterdrückt. In der Perikope vom größten Gebot tritt (aufdem Hinter·
grund von Mk. 12,28ff.) die Härte und Systematik des Evangelisten in
seiner Israel·Darstellung besonders schroff zutage.
Mt. 22,41-46/Mk. 12,35-37
Die Verse Mk. 12,35ff. entrollen das Bild einer "sa.chlichen" Aus-
einandersetzung in der Davidssohnfrage. Jesus lehrt im Tempel: Wie
aagen die Schriftgelehrten
! Als Zuhörerschaft ist das Volk zu
denken, vgI. 12,37: Und die große Volksmenge hörte ihm gerne zu.
Matthäus führt in 22,41 die Pharisäer des vorausgehenden Stücks in
die Szene ein und transponiert den Text auf die Ebene eines "Streit-
gesprächs". - Da aber die Pharisäer veraammelt waren, fra.gte sie
Jesus: Was dünkt euch um Christus
1 Am Ende sind - nach den
Sadduzäern - auch die Pharisäer geschlagen. 22,46 stellt abschließend
fest: Und keiner konnte ihm ein Wort antworten; auch wagte es von
jenem Tag an keiner mehr, ihn noch weiter zu fragen. Da.e heißt im
Kontext: Jesus schlägt mit seiner Attacke die geschlossen anlaufende
Front der Feindschaft Israels zurück. Er wird zwar versucht, aber er
behält endgültig die Oberhand. Auf seiner Seite ist der Sieg der über-
legenen guten Sache.
Mt. 26,1-6/Mk. 14,1-2
Markus berichtet vom TodesaMChlag der Oberpriester und Schrift-
gelehrten (it~-rouy
n:C;;~ a:lrrov n 36>.Cjl Xpot~aotVTEl; cln:ox-rdvColalv).
Nach Mt. 26,3f. versammeln sich die Oberpriester und Ältesten des
Volks im Pa.1ast des Hohenpriesters Kaipha.e und fassen den "offi-
ziellen" Besclilu{Jl', Jesus mit List gefangenzunehmen und zu töten.
Man sieht: Jesu Tod ist die solenne Entscheidung Israels.
Mt. 26,14--16/Mk. 14,10--11
Judas erbietet sich, Jesus zu verraten (Mk. 14,10). Der folgende Satz
lautet: AIs die (Oberpriester) es hörten, freuten sie sich und ver-
sprachen, ihm Geld zu geben. Matthäus übergeht die "Freude" der
Autoritäten; dafür stellt er das Ganze unter den beherrschenden Ge-
sichtspunkt des Geldgeschäfts. Judas tritt auf und fragt: Wa.e wollt
ihr mir geben, daß ich ihn euch verrate! Und die Oberpriester machen
den bösen Handel alsbald perfekt: Sie aber wogen ihm dreißig Silber-
linge dar. Bei Markus kommt das clprUPlov-Motiv erst nachträglich ins
Vgl. Bauer, Wörterbuch 1540.
Israel als Einheit des Bösen Spiel; Matthäus gibt der Szene von vorneherein die eine düstere
Israel als Einheit des Bösen
Spiel; Matthäus gibt der Szene von vorneherein die eine düstere Note:
Israel, auf dessen Seite Judas hier steht,
verschachert"
seinen Messias.
Mt. 27,1-2/Mk. 15,1
Im Markus-Text fassen die Autoritäten einen Beschluß und lassen
Jesus fesseln, abführen und an Pilatus ausliefern. Nach 27, I f. jedoch
wiederholen vor der Auslieferung Jesu alle (!) Oberpriester und Ältesten
des Volks ihren feierlichen Todellbe8chluP von 26,4 (vgl. 12,14) in aller
Form. - Diese eiserne Stirn, dieses grimmig zum Tode Jesu ent-
schlossene Israel!
Mt. 27,11-14/Mk. 15,2-ö
Wo Markus nach der Auslieferung Jesu sofort zu 15,2 überleitet:
Und Pilatus fragte ihn
, verweist Matthäus (nach den von ihm ein-
geschobenen Versen 27,3-10) gleich mit dem ersten, die Szene würdig
eröffnenden Satz auf die Hoheit Jesu: Jesus aber trat vor den Statt-
halter l6 • Diese Linie führen 27,12ff. konsequent weiter. Jesus ant-
wortet auf die Anklagen der Oberpriester Wld Ältesten nicht, wie 27, 12
(gegenüber Mk. 15,3) vermerkt. Als daraufhin Pilatus das Wort er-
greift, wird auch er in Jesu Schweigen einbezogen: Und er antwortete
ihm auch nicht auf ein einziges Wort, so daß sich der Statthalter sehr
verwunderte (viel schwächer Mk. 15,5). Israels Anwürfe gegen seinen
König verdienen keine Erwiderung - an die Adresse der Ankläger und
des Pilatus. Schweigen, Schweigen sagt alles.
Mt. 27,1S--26/Mk.15,6--15
Zuletzt ist noch die Barabbas-Perikope zu betrachten. Mattbäus be-
tont den schroffen Kontrast zwischen Barabbas und Jesus. Erläutert
Mk. 15,7 verhältnismäßig ausführlich und in referierendem Ton, Ba-
rabbas gehöre zu den Aufrührern, die bei dem Aufruhr einen Mord be-
gangen hätten, so spricht Matthäus in 27,16 deftig plakatierend von
dem
berüchtigten
Gefangenen namens Barabbas" und suggeriert so
den Gedanken an einen üblen Verbrecher. Dem stellt er das reine Bild
von
jenem
Gerechten" gegenüber, um dessetwillen das Weib des Pi-
latus im Traum viel erlitten hat (27,19 Sondergut). Dazu übernimmt
er 27,23
(Was hat er denn Böses getan 1) unverändert aus. Mk. 15,14.
Auch die Wleingeschränkte Verantwortlichkeit Israels für den Tod Jesu
will der Evangelist wieder herausstellen. Nach Mk. 15,11 wiegeln die
Oberpriester das Volk auf,
daß
er ihnen lieber den Barabbas frei-
gäbe" - Wld nichts weiter. In Mt. 27,20 überreden die Oberpriester
Wld Ältesten die Volksmenge, sie sollten Barabbas
begehren", Jesus
r"'"IILL (Aor. pass.) hier intransitiv I Vg\. Bauer, Wörterbuch 765.
Die Markus·Stoft'e 47 aber zum Tode bringen, wie es nun heißt. Diesem Ansinnen leistet das
Die Markus·Stoft'e
47
aber zum Tode bringen, wie es nun heißt. Diesem Ansinnen leistet das
Volk bereitwillig Folge. Es erklärt sich mit seinen Repräsentanten soli·
darisch, macht den Tod Jesu zu seinem ausgesprochenen Anliegen.
Alle sprechen sie: Er soll gekreuzigt werden (27,22; anders Mk.15,13) 18.
Das ganze Volk übernimmt die Schuld am Tode Jesu (27,25 Sondergut).
Eine weitere Differenz gegenüber Markus liegt darin, daß Matthäus das
Entweder-Oder im Blick auf Barabbas und Jesus in die Mitte der
Szenerie rückt. Das Volk hat die Wahp7: Verbrecher oder Christus.
Das ist schon 27,17 die Frage (anders Mk. 15,9), die Pilatus dem Volk
noch einmal in aller Form vorlegt: Welchen von den beiden wollt ihr,
daß ich euch freilasse (27,21; fehlt so bei Markus}t Das Volk ent·
scheidet sich expressis verbis für Barabbas (wieder fehlt das mar·
kinische Gegenstück). Und auf die Frage des Statthalters, was mit
Jesus geschehen solle, verlangt es entschlossen nach seinem Kreuz
(27,22; mit Mk. 15,12f.), bereit, alle Konsequenzen seiner Ent·
scheidung auf sich zu nehmen: Sein Blut komme über uns und unsere
Kinder (27,25). "Da", auf diese Erklärung hin, so unterstreicht Mat·
thäus, gibt Pilatus ihnen Barabbas frei (27,26; anders Mk. 15,15),
Jesus aber überweist er zur Kreuzigung. Wichtig ist noch das mat-
thäische Sondergut. Trilling hat richtig gesehen, daß 27,19, vom Evan·
gelisten (wie 27,24f.) geschickt in den Kontext eingebettet, zunächst
den Gang der Handlung aufhalten soll: die Autoritäten bekommen
Zeit, das Volk zu überreden. Auch das ist exakt beobachtet, daß die
Mahnung "Habe nichts mit diesem Gerechten zu schaffen" dem 27, 24f.
Berichteten auf seine Weise vorarbeitet. In der Tat tut Pilatus dann
das Entsprechende; er will am Blut Jesu nicht schuldig sein 18 • "Da-
durch, daß
1L'Il8ev aoE KTA. (Vers 19) und ci&iji6~ dILL KTA. (Vers 24)
aufeinander abgestimmt sind, wird die alleinige Verantwortung der
Juden für den Urteilsspruch vorbereitet
Matthäus verwendet das
Wort der Heidin als helle Folie, damit die Schuld der Juden sich um so
dunkler abhebe"u. So mit Recht Trilling. 27,24 zufolge sieht Pilatus,
daß sein Hinweis auf die Unschuld Jesu (27,23) "nichts nützt", sondern
das Geschrei nur gewaltig aufrührt. Er hat getan, was er konnte. Er hat
dem Volk vorgelegt, was ihm zusteht: die Wahl, ohne Zweifel an seiner
Wahl (hätte er hier zu wählen) aufkommen zu lassen. Das Volk aber hat
anders entschieden und hält leidenschaftlich an seinem Willen fest. Also
wäscht Pillitus seine Hände - mit Recht I - in Unschuld: Sehet ihr
zu '" Das ist der Duktus der matthäischen Darstellung: "Israel" ist
11 In 26, 66 übergeht Matthäus das nciv
~von
lIIk. 14,64; er trägt es hier nach.
" &.1\&.>.0.27,16 statt 6. "exPYlTOÜVTO lIIk. 15,6.
,. Der Kontl'llllt zu dem berüchtigten Gefangenen von 27,111 ist TriUing
entgangen.
,. Das wahre Israel 68. Von den ,.Juden" sollte Trilling im Blick auf die vor.
liegenden Texte besser nicht sprechen, vgI. S. 116, Anm. 45.
Iarael als Einheit des Böeen eil, das den berüchtigten Barabbas seinem König vorzieht und sich
Iarael als Einheit des Böeen
eil, das den berüchtigten Barabbas seinem König vorzieht und sich
feierlich zu seiner Schuld bekennt.
2. Die Q-Materiolim
Ähnlich wie im Vorausgehenden gilt es nun, die Matthäus und Lukas
gemeinsamen, von Israel handelnden oder darauf bezogenen Stoffe auf
qua1ifizierende"
Änderungen der Redaktion hin zu untersuchen.
MI. 3,7-10IL1c. 3,7-9
Die Logien sind bei Mätthäus und Lukas bis auf leichte stilistische
Anderaartigkeiten wörtlich identisch, nur die redaktionellen Rahmen-
Notizen weichen voneinander ab. Nach Lk. 3,7 a ergehen die Worte des
Täufers an die Volksmenge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu
lassen. Matthäus aber denkt sofort an
Israel".
Seine Adressaten sind
3,7a
viele
der Pharisäer und Sadduzäer", die Johannes zur Taufe
kommen sieht. Zudem stellt er seinem Text anders als Lukas die zu-
meist aus Mk. 1,5 übernommene Notiz voran, die davon spricht, Jeru-
saJem, das ganze jüdische Land und die ganze Landschaft um den
Jordan 10 sei zu Johannell hinausgezogen usw.
Den bei Markus folgenden
Vers 1,6 vom äußeren Habitus des Täufers bringt er schon in 3,4, so
daß er von der Johannes-Taufe Israels 3,5f. in einem Zuge zu der
Gerichts-Adresse an Israel (die Pharisäer und Sadduzäer) übergehen
kann. Kaum tritt der erste Bote der Basileia auf (vgl. 3,2 redaktionell)
und stößt auf
Israel",
schon muß er drohend die Stimme erheben!
Q-BfoUe der Bergpredigt
Die von Matthäus zwischen 5,20 und 7, 28f. zusammengestellten und
redigierten Q-Stoffe der Bergpredigt (vgl. Lk. 6,27-38.41-44.46-49;
11,2-4.9--13.34--36; 12,22-31.33--34.58-59; 13,23--24.26-27;
16,13), die bei Lukas auf verschiedene Szenen verteilt und zumeist an
die Adresse der Jünger (6,20; vg1.6,27; 11,1; 12,22; 16,l),aberauch
an die Volksmenge (11,29; 12,54) oder freischwebend zu
ihnen"
ge-
sprochen sind (13,23), hat der Evangelist durch die Rahmen-
bemerkungen 5,20 und 7,28f. zusammen mit anderem Gut zu einer
gegen
Israel"
gerichteten Rede Jesu ausgesta1tet· l • Die Logien dienen,
mit 5,20 zu sprechen, zur Beachreibung der Gerechtigkeit, die besser
ist &1s die der BcAriftgde1&rlen und PlaariaiW. Mit dem Blick auf
diese
Worte" (7,28) stellt 7,29 abschließend fest, Jesus habe das Volk ~~
i~oua~ fx.fijV gelehrt und nicht wie ihre BcAriftgek1irlen. Sehr ein-
Fehlt bei lIIarkus. Lk.3.3 berichtet MYOn, JoMnnu habe sich in die
ganze Landschaft. um den Jordan begeben.
11 5,20 redaktionell; zu 7,28f. "81. Mk. 1,22.
Die Q·Materia1ien 49 drucksvoll hat der Evangelist sein Vorhaben beim Vaterunser durch· geführt, das Lk.
Die Q·Materia1ien
49
drucksvoll hat der Evangelist sein Vorhaben beim Vaterunser durch·
geführt, das Lk. l1,lff. unter dem Stichwort
Herr,lehre
uns beten"
den Jüngern zugeeignet ist. Matthäus dagegen bringt das Vaterunser
nach 6,5-8, der Wamung vor den Heuchlern 11, und fügt im Kontrast
zum also beschriebenen Beten IsraelsIll hinzu: So sollt ihr beten
Mt. 8,S-13/Lk. 7,1-10; 13,281-
Der erste in die Augen springende Unterschied zum lukanischen
Text liegt darin, daß sich bei Matthäus der Hauptmann in persona an
Jesus wendet und seinem Glauben selbst beredten Ausdruck verleiht,
während er nach Lk. 7,3
Älteste
der Juden" zu ihm sendet, die sein
Anliegen vortragen und sich mit dem Hinweis auf seine Verdienste um
Israel (I) für ihn einsetzen (7,4f.); im folgenden bekundet er seinen
Glauben durch den Mund von Freunden (7,6ff.). Die Hinwendung der
Oberen Israels zu Jesus und die Sympathie eines Heiden für Israel sind
für Matthäus, falls diese Momente in seiner Q-Vorlage eine Rolle
spielten u, in Konsequenz seiner ganzen Israel-Zeichnung, wie sie seine
Formulierung von 8,10 wieder erkennen läßt, unmöglich geworden
(vgL 9,18). Heißt es Lk.7,9: Nicht einmal in Israel (das doch das
Glaubensvolk"
ist) habe ich solchen Glauben gefunden; überbietet
hier &\so der Glaube des Heiden denjenigen Israels, so schreibt der
harte Griffel des Redaktors in 8,10: Bei niema1lllem habe ich so großen
Glauben in Israel gefunden, was um so schwerer wiegt, &1s Matthäus
dem die Verse 8,11 f. folgen läßt, die der endzeitlichen Erwählung der
Heiden Israels Verwerfung gegenüberstellen". Der totale Unglaube
Israels rechtfertigt die ihm angedrohte endgeschichtliche Katastrophe.
Die Verae 6, 7 f. haben, isoliert betrachtet, eine andere Ausrichtung und
.ind von einem anderen Standpunkt aue fonnuliert aJa 6,lIf. (
c p 01
"""
I), doch .tört daa den Evangeliaten nicht, oie aeinem übergreifenden Zu-
aammonhang "wider Iarael"
unterzuordnen (vlfl.
6,1-4.16-18) .
Auffallend iat du absolute "die Heuchler' in 6,2.5.16; vgl. 2.,111, daa auch
Did. 8,1.2 vorkommt, wo unzweideutig und kollektiv
die
Juden" gemeint Bind.
Steff und Tennini entatammen wie Did. 8,1 f. der cbriatlichen
Aueeinander·
eetzung mit dem "Judentwn"; Matthiue jedoch gebraucht .ie im Rahmon
eeiner
geachichtlichen"
Ierael.Schilderung für du Gegenüber Jeau.
Bultmann, Tradition 39 vennutet, daß erat Luku die Älteaten und ihre
"Tmente in eeinen Text einführte.
Vgl. die 80rgfältige Analyae Trillinga, Du wabre larael 88 f. - Gnilka 98,
Anm. 36 möchte nicht zugeben,
daß
Jeaue hier ganz Iarael aJa Nation (I) ver·
wirft
Demgegenüber iat Trilling beizupflichten, der die achneidenden Kon-
turen dea Textea gewi.aeenhaft nachzieht. Nach Trilling 89f
iat der Tenor
ao auf Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit a~immt, daß man kawn be·
zweifeln
kann, Mattbiu. habe du Wort aJa gültigen Urtai\aapruch über Iarael
in eeiner heilsgeechichtlichen 80nderatellung aufgeraUt". Weniger zufrieden·
stellend iat Triflinga Erklirung der
Söhne
der Baaileia" (89), unter denen er
"du aueerwihlte Volk aJa 8Olchea" verateht - in Anlehnung an G. Dalman,
Worte Jeau 94: "Die ,Söhne der Gotteaberrachaft' sind 80mit die ihr durch ihre
Geburt angehörenden, welche dadurch ein naturhaftea Recht auf ihren Beaitz
, 8701 Walte•• B~"
50 Israel als Einheit des BOsen Mt. 8,19-22/Lk. 9,57-60 Auch diese Verse hat der Evangelist
50 Israel als Einheit des BOsen
Mt. 8,19-22/Lk. 9,57-60
Auch diese Verse hat der Evangelist in Q vorgefunden. Die Ab-
weichungen gegenüber Lk. 9,57ff. sind charakteristisch. Wo sich nach
Lk. 9,57 "irgendeiner" zur Nachfolge bereit erklärt, setzt Matthäus
dafür einen Schriftgelehrten; ihm widerfahrt Jesu abweisende Ant-
wort. Der "andere" (Lk. 9,59), den Jesus bedingungslos beansprucht,
ist für Matthäus "ein anderer von den Jüngern" (vgl. S. 26f.). Wie der
Evangelist den um Hilfe bittenden Synagogenvorsteher eliminiert
(9,18; vgl. den vorausgehenden Abschnitt S. 49), so "streicht" er
auch den nachfolgewilligen Schriftgelehrten: in seinem Text muß Jesus
den Repräsentanten Israels zurückweisen. Das harthörige, ungläubige,
radikal-bÖBe und deshalb von Jesus selbst auf sein Verderben zurück-
geworfene, dem zukünftigen Gericht verfallene "Israel" kommt für die
Nachfolge Jesu nicht mehr in Frage.
Mt. 11,16-27/Lk. 7,31-35; 10,13-15. 21-22
Unsere Aufmerksamkeit gilt zunächst der Kompositionsarbeit des
Evangelisten 11. Matthäus und Lukas bieten die Anfrage des Täufers,
Jesu Zeugnis über Johannes und seine Klage über "dieses Geschlecht"
mit kleineren redaktionellen Modifikationen (Mt. 11, 12-15; Lk. 7,29 f.)
in derselben Reihenfolge: 11,2-6.7-11.1&--19; Par Lk. 7,18-23.
24-28.31-35. Wo Lukas im folgenden sein Sondergut, die Perikope
von der großen Sünderin 7,36-50, einbringt, "führt Matthäus die An-
klagen gegen dieses Geschlecht einem Höhepunkt zu, indem er Jesus
die Wehrufe gegen die unbußfertigen Städte Galiläas sprechen läßt, die
darüber hinaus bei Matthäus einen noch schärferen Klang haben als
Par Lk. 10,13-15
"17 Aber damit nicht genug, bringt der Evan-
gelist mit dem hart an 11,20-24 angeschlossenen "Jubelruf" (11,25
bis 27; Lk. 10,2lf.) noch einmal den Gedanken der Verwerfung
Israels zum Ausdruck, so daß er die ganze Komposition als Gerichts-
rede wider Israel verstanden wissen will 11. 11,16-19 entspricht in der
Substanz genau Lk. 7,31-35. Dagegen fallen die Abweichungen von
11,20 -24 gegenüber Lk.
10,13 -15 stark ins Gewicht. Gnilka hält
haben." Dabei ist übersehen, daß auf dem Boden des Matthaua-Evangeliuma
die Buileia durchweg keine GröBe der Geburt oder "Natur" ist, die in den
"alten Bund" zurückzudatieren und mit ihm identisch wäre, IOndem eine
GröBe verbaler Berufung, die dem Volk durch ihre Boten (Täufer, Jeeua, Jünger)
zuteil wird und erat mit Johannes anhebt. Die 8aaileia begründet eine einzig-
artige, neue, endzeitliche Berufungageachichte, fordert Glauben. Der Unglaube
(gegenüber Jesua, wie im Falle unseres Textes) schligt als furchtbares Gericht
auf Israel zurück.
.
H VgJ. Gnilka \H.
17 Gnilka \H. Vgl. seine Analyse von 11,20-24 a.a.O. 118.
11 Zu Gnilkaa Auee88lung von der "antijüdischen Note" der matthiischen
Komposition a.a.O. 118 vgJ. 8. 66, Anm. 46.
Die Q-Materialien 51 präzise fest, daß die Weherufe in der lukanischen Komposition einen anderen Ton
Die Q-Materialien
51
präzise fest, daß die Weherufe in der lukanischen Komposition einen
anderen Ton tragen, "den Tonus der Jüngerbelehrung"'· . Seinen Aus-
führungen ist zuzustimmen: "Voran geht die Aussendungsrede mit der
abschließenden an die ablehnenden Städte gerichteten Drohung
(10,1-12). Die Wehrufe wollen den Jüngeru sagen: Ich, euer
Meister, habe Ablehnung erfahren. Deshalb müßt auch ihr damit
rechnen. Aber ihr sollt wissen: ,Wer euch hört, der hört mich; und wer
euch verachtet, der verachtet mich. Wer aber mich verachtet, ver-
achtet den, der mich gesandt hat' (10,16)"'·. Matthäus leitet die
Logien durch die Rahmennotiz 11,20 ein: Da fing er an, die Städte
anzuklagen 30, in denen die meisten seiner machtvollen Taten ge-
schehen waren, weil sie (trotzdem) nicht umgekehrt waren. Das gibt
allem Folgenden seinen bestimmten Akzent. Denn nun erscheinen die
Weherufe als vernichtende richterliche Antwort Jesu auf die voraus-
zusetzende, faktische Unbußfertigkeit der Städte, nicht mehr als dro-
hendes Werben um ihre mögliche, schleunigst zu unternehmende Buße:
definitive Unbußfertigkeit bedingt die definitive Gerichtsansage (11,21
bis 23a). Diese Note wird von Matthäus in 11,23b.24 unterstrichen"'.
Mit 11,23b begründet er den kommenden Höllensturz Kapernaums
durch den Verweis auf "Sodom": Denn wären in Sodom die Macht-
Taten geschehen, die bei dir geschehen sind, es stände noch heute.
M. a. W., Kapernaum ist schlimmer als Sodom - wieviel sicherer ist ihm
das angedrohte Gericht! Ja, so bekräftigt 11,24 am Schluß, es wird
dem Lande der Sodomer am Tage des Gerichts erträglicher ergehen als
Kapernaum. - So schwer trifft es das unausweichliche Verderben.
Auch hinsichtlich des "Jubelrufs" Mt. 11,25-27; Par Lk. 10,21f.
weicht Matthäus stark von der lukanischen Komposition ab. Nur vom
Lukas-Rahmen her ist das Stück wirklich als "Jubelruf" zu charakteri-
sieren. Im Vorausgehenden (Rückkehr der Siebzig) begegnet das Stich-
wort "Freude" gleich zweimal (10,17.20). In 10,21a spricht Lukas
dann expressis verbis von der pneumatischen Agalliasis Jesu und gibt
10,21 b.22 so die Höhenlage eines jubilierenden Ausbruchs. Nichts der-
gleichen bei Matthäus. Zu jener Stunde, so führt 11,25a die Gerichts-
verkündigung fort, hub Jesus an und sprach
Der Herr Himmels
und der Erde ist es, der "solches" vor den Weisen und Verständigen in
seiner souveränen Wahl (11,26; vgl. 11,27) verborgen, jedoch den Un-
mündigen offenbart hat. Man fühlt sich an 13, 10ff. erinnert, wo es in
Jesu Souveränität beschlossen liegt, das ungehorsame Israel durch
seine Parabelrede auf seine Verstocktheit festzulegen, die Jünger aber
A.a.O. 98, Anm. 38.
Für 6w:,at~
v vgl. die
Bedeutung
,,(berechtigte)
Vorwürfe
machen",
Bauer, Wörterbuch 1129 (2.).
•, 1I,23b redaktionell; obenso 11,24 nach 10,15.
1_1 als Einheit des Bösen selig zu preisen, denen die Geheimnisse der Himmelsherrschaft zu er-
1_1 als Einheit des Bösen
selig zu preisen, denen die Geheimnisse der Himmelsherrschaft zu er-
kennen gegeben sind (vgl. 13, 16f.). In diesem Horizont wird man die
matthäische "Synopse" von 11,20-24 und 11,25--27 interpretieren
müssen: Wird "Israel"8. das unumstößliche Gericht verkündigt, 80
begegnet es darin dem in seiner Offenbarung frei verfügenden, das
Weise und Kluge ausschließenden, doch das Geringe erwählenden Gott
(vgl. den Heilandsruf l1,281f.).
M'.12,2Z-50ILk.ll,1~2
Auch diese beiden größeren Einheiten sind, grob gesagt, aus Q-
Stoffen aufgebaut, und zwar bei Matthäus in der Reihenfolge: Heilung
des Besessenen (12,22--24), "Beelzebub"-Perikope (12,25--30), Vom
Zeichen des Jona (12,38--42), Spruch vom Rückfall (12,43--45),
(Jesu wahre Verwandte 12,4~0); bei Lukas: Heilung des Besessenen
(11, 14f.), "Beelzebub"-Perikope (11,17-23), Spruch vom Rückfall
(11,2~-26), (Seligpreisendes Weib 11,27f.), Vom Zeichen des Jona
(11,16.29-32)88. Schon die von Lukas abweichende Anordnung und
"Adressierung" der Stücke gibt Auskunft über die Tendenz der mat-
thäischen Darstellung. Der Text reflektiert eine durchgehende Aus-
einandersetzung mit den Repräsentanten Israels (12,24 die Pharisäer;
12,38 etliche der Schriftgelehrten und Pharisäer), wo im Lukas-Text
das Gegenüber der Handlung relativ unbestimmt bleibt (11,14 die
Volksmenge; 11, 15 etliche von ihnen; 11, 16 andere; 11,27 eine Frau
aus dem Volk; 11,29 die Volksmenge) und mit l1,27f. die szenische
Einheit des Ganzen durchbrochen ist: lose verbundene Stoffe, wo Mat-
thäus eine straffe Kompositionseinheit schafft und alles einem Leit-
gedanken unterstellt. Es wird sich zeigen, daß auch die "Abweichung"
von 12,4~ den großen Gesamtentwurf nicht zerbrechen, sondern
ihm dienen, ihn mit einer letzten "Spitze" abschließen soll.
In 12,23 führt der Evangelist (gegen Lk. 11,14) die Frage des Volks
nach der Davidssohnsschaft = Messianität J esu ein, die er vom Anfang
des Evangeliums an voraussetzt H • Diese Würde Jesu greifen die Pha-
11 Daß Matthäus ad vocem Chorazin, Bethsaida, Kapemaum an "Israel"
denkt, deutet er durch die Einordnung der WeheruCe hinter der Klage über
"dieses Geschlecht" an. Doch auch seine Bemerkun~ 11,20, in jenen Städten
seien die meisten seiner Macht-Taten geechehen, ist lUcht gleichgültig: Wo sich
Jeaus Israel in besonderer Weise zugewandt hat, verfällt seine ünbullCertigkeit
veratändlicherweiae dem schroffsten Verdikt. Zu bedenken ist auch, daß Mat-
thäus Kapemaum in 9, 1 bewußt als "seine Stadt" charakterisiert.
11 Zur Analyse vgl. Bultmann, Tradition 10-12.
Der "Sohn Davids" begegnet schon 1,1 (vgl. den Stammbaum von 1,6--
16), dann 9,27; 12,23; 16,22; 20,30.31 (ParMk. 10,48.49),21,9.15; 22,42 (Par
Mk.12,35). Die Synonymitit von Davidsschn· und Chriatusprädikat wird
nirgends (in Analogie zu "Christus" und "Sohn Gottes" 16,16; 26,63) direkt
ausgesagt,
ist aber verschiedentlich deutlich zu konstatieren, vgl.
l,l/16f.;
21,5/9; 22,42.
Die Q.Materialien risäer an (12,24), ziehen sie durch den (gegenüber Mk. 3,22; Lk. 11,15 erheblich
Die Q.Materialien
risäer an (12,24), ziehen sie durch den (gegenüber Mk. 3,22; Lk. 11,15
erheblich krasser vorgetragenen 85) Vorwurf der dämonischen Be-
sessenheit Jesu in den Schmutz H . So schafft Matthäus einen grellen
Aufta.kt. Die Front zwischen den kämpfenden Parteien ist deutlich ab-
gesteckt, Israels aggressive Bosheit scharf markiert. Damit ist der
Boden bereitet, auf dem die folgenden "Attacken" Jesu (vgL 12,31f.
33-36) als ric1&terlicke Reaktion möglich und einsichtig werden.
Das folgende Beelzebub·"Streitgespräch"37 gestaltet Matthäus bis
12,30 im wesentlichen nach Q, dann bringt er wie Mk. 3, 28f. das Wort
von der "Feindseligkeit wider den Geist" (12,31f.)H, deren Un-
verzeihlichkeit er mit härterer Eindringlichkeit als bei Markus, nämlich
gleich zweimal vor Augen rücken will 3t ; schließlich rundet er den
ersten Gesprächsgang durch 12,33-36 ab 10. Bemerkenswert
ist die
Abweichung von 12,28 (Austreibung der Dämonen durch den Geist
Gottes) gegenüber Lk. 11,20 (Austreibung durch den Finger Gottes).
Nach Hummels zutreffender Beobachtung weist die matthäische
Fassung des Logions "
Lästerung des Geistes
im jetzigen Zusammenhang vorweg auf die
in v. 31f
"Cl Was Israel Jesus angetan
hat, 80 will der Evangelist durch 12,31f. im Konnex mit 12,28 dartun,
kann weder in dieser noch in der zukünftigen Welt Gnade finden. Die
Lästerung des in Jesus Wunder wirkenden Geistes ist unvergebbarl
Die Verse 12,31 f. haben bei Matthäus ihren ursprünglichen, warnenden
Ton verloren und sind zu definitiv deklarierenden Gerichtsworten ge-
worden u, die Israels ungeheuerliche Behauptung mit der Ver-
kündigung seiner ewigen Verlorenheit beantworten. Mit 12,33-36
weist Matthäus in dieselbe Richtung. An der Frucht erkennt man den
Baum; Israel aber ist Schlangenbrut: Wie könnt ihr, die ihr böse seid,
Gutes reden! Hummel sagt richtig: "V. 33-35 führt die bösen Worte
der Pharisäer darauf zurück, daß sie grundsätzlich böse sind"u. Wer
aber aus bösem Herzen Böses redet wider den Messias Israels, wird am
Tage des Gerichts, wie 12,36 zu verstehen gibt, aus seinen Worten ver-
worfen werden. So steht es um IsraelI
•• Mit Hummel 123: "Dieaer treibt die Dämonen "ur (oöx
durch Beelzebul, den Obersten der Teufel, aus."
o. Vgl. 9,32-34; Bultmann, Tradition 226.
17 Vgl. Mk. 3,23--27.
Bei Lukas fehlt an dieaer Stelle das Entsprechende, vgl. 12, 10.
cl ,,1) .•• )
11 Die "Liaterung des Geistes" (Mk.3,29) verwendet er schon 12,31. In
12,32 wiederholt er das Motiv mit eigenen Worten: Wer (ein Wort) wider den
Heiligen Geist redet
•• Zu 12,33.34b.35 vgl. Mt. 7,16-20; Lk.6,43--45. Die Verse 12,34&.36
stammen vom Evangelisten.
A.a.O. 124.
Vgl. Hummel 126 (
A.a.O. 126.
keine
werbende Auseinandersetzung
mehr") .
54 Iamel als Einheit des Bösen Mit 12,38 beginnt ein zweiter Gesprächsabschnitt, wieder eingeleitet durch
54 Iamel als Einheit des Bösen
Mit 12,38 beginnt ein zweiter Gesprächsabschnitt, wieder eingeleitet
durch Worte der Repräsentanten. Auffallend ist der Kontrast zu
12,22ff., den Matthäus durch sein von Lukas abweichendes Arrange-
ment des Textes erzielt. Schnödes Israel- die geistgewirkten Wunder
Jesu verteufeln sie, aber ein Zeichen (zu seiner Beglaubigung) wollen
sie sehen! Dieses Begehren spricht wieder für die abgründige Bosheit
der Opponenten, die der Evangelist auch an dieser Stelle nachdrück-
licher konstatiert, als es im lukanischen Parallel-Text 11,29 ("Dieses
Geschlecht ist ein böses Geschlecht") der Fall ist. Das Adjektiv "ehe-
brecherisch" und ein durch !1r1 verstärktes ~7jTE"Cv (= darauf aus sein)
verschärfen die matthäische Fa.ssung (12,39). Dem verruchten Ge-
schlecht wird kein Zeichen gegeben werden denn das Zeichen des Pro-
pheten Jona. Lk. 11,30 läßt nicht klar erkennen, worin dieses Zeichen
bestehen soll. Man mag an die Auferstehung Jesu denken, doch legt es
der Text selbst nicht nahe. Demgegenüber hebt Matthäus in 12,40 auf
die drei Tage und Nächte ab, die der Menschensohn im Schoß der Erde
sein wird wie Jona im Bauch des Walfisches: die Auferstehung Jesu
vom Tode ist das eine Zeichen, das Israel (in Zukunft) gegeben wird.
Ist jedoch dies das Zeichen, wiegt Israels Absage an seinen Messias nur
noch schwerer, wird seine Gerichtsverfallenheit noch unausweichlicher.
Denn die Leute von Ninive und die Königin von Süden werden am
Tage des Gerichts das Geschlecht verdammen, das dem die Stirn ge-
boten hat, der mehr ist als Jona und Salomo, d. h. in der Nachbarschaft
von 12,40: dem Herrn der künftigen Auferstehung! Man wird Hummel
nicht zustimmen können, der dafür hält, 12,38ff. diene Matthäus dazu,
das Jonazeichen, nämlich die Auferstehung Jesu aus dem Tode, als die
eigentliche Beglaubigung seiner Messianität herauszustellen. Er sagt:
"Die Pharisäer, die die geistgewirkten Wunder verketzern, werden a.lso
an die Auferstehung verwiesen. Das dürfte der Sinn dieses Abschnittes
in dem von Matthäus hergestellten Zusammenhang sein"". Gewiß soll
die Auferstehung Jesu seine Messianität "beglaubigen", doch liegt hier
nicht das Akumen. Hummel läßt die Verse 12,41 f. außer acht, die noch
einmal das Gericht über "dieses Geschlecht" ausrufen, dieses Mal unter
Berufung auf das doppelte !30u "ltAeLOV • •• 6'13" das Matthäus, wie ge-
sagt, a.uf dem Hintergrund von 12,40 sieht. Der ganze Ton fällt wieder
auf die Gericht~verkündigung, die 12,40 nur vorbereiten hilft, indem es
die leuchtende Höhe Jesu, die Auferstehung (und "Beglaubigung"
seiner Messianität) vor Augen führt, an der sich die schaurige Tiefe der
von 12,41f. vorausgesetzten Unbeweglichkeit Israels und des ihr ent-
sprechenden, mit 12,41f. angedrohten Gerichtes auftut.
Auch der folgende Spruch vom Rückfall (12,43-45) soll in den Chor
der Gerichtsansage einstimmen. Bei Lukas ist das Stück trotz der
•• A.8.0. 126.
Die Q.Materialien Situationsangabe 11,14.( 15.16.) 17 eigentümlich allgemein und gleichnis- ha.ft gehalten, so daß
Die Q.Materialien
Situationsangabe 11,14.( 15.16.) 17 eigentümlich allgemein und gleichnis-
ha.ft gehalten, so daß nicht auszumachen ist, von wem und welchen
Umständen des näheren die Rede ist. Matthäus dagegen bezieht 12,4311".
resolut auf Israel und seine Verderbtheit. Der unreine Geist fahrt aus
und kommt mit sieben anderen übleren Geistern zurück; hernach wird
es mit jenem Menschen schlimmer als zuvor. So wird es auch
diesem
bösen Geschlecht" - sc. bei seiner Begegnung mit dem David880hn-
ergehen (12,45c). Wieder setzt Matthäus einen kompositorischen
Kontrapunkt. Israels Vorwurf der dämonischen Besessenheit Jesu
(12,24) schlägt furchtbar auf sein eigenes Haupt zurück. Mit Israel,
das Jesus so verdächtigt, steht es am Ende schlimmer als zuvor.
Israel" selbst" ist (im Gegenüber zu seinem Messias) schließlich von
teuflischer Bosheit nur so besessen - und eben darin zugleich gerichtet I
Zuletzt bezieht Matthäus noch 12,4~50" statt Lk. l1,27f.-
in seine Komposition ein, um
dieses
böse Geschlecht" noch von seinem
positiven Gegenstück abzuheben. Jesu wahre Angehörige sind nicht
seine Blutsverwandten (= Israel, wie man vom Kontext her mithören
darf), sondern seine Jünger (12,49). Das unbußfertige Israel ist mit
dem Vorausgehenden mehrfach abgetan. An seiner Stelle kon-
stituieren nun die Gehorsamen die wahre
Verwandtschaft"
des Mes-
sias. Sie allein gehören ihm an (jetzt und auch später; 12,50 gilt für die
Situation und darüber hinaus). So schiebt Jesus Israel mit 12,4~50
endgültig beiseite, um dafür seine Hand gegen die Täter des Gottes-
willens auszustrecken &7 (- nun folgen in der Komposition sachgerecht
die Gleichnisse von der Himmelsherrschaft); ähnlich ist es in 11,25
bis 30 nach 11,1~24 und in 12,15--21 nach 12,1-14, vgl. 13,1011".
Auch so vollzieht sich das Gericht an Israel.
Me. 22,l-lOILl&.14,16-24
Folgende Abweichungen des matthäischen Textes gegenüber dem
lukanischen stehen im Dienst der
negativen"
Beschreibung Israels":
Hummels Thesen a.a.O. 126f.,
dieses
Geschlecht" sei für Matthaus das
ihm zeitgenÖBBiache Judentum (I) und der Vergleich des Judentums mit dem
siebenfach (') Beaeaaenen sei die achiirfste Antwort auf den Beelzebulvorwurf,
laaaen einen empfindlichen Mangel an Klarheit hinsichtlich des matthiiBchen
IaracI"·Bellriffes
erkennen, der die Exegese - auch anderer Ausleger - be-
lastet. Matthiua hilt sich 8treng an seinen hiatoriachoen Entwurf; er beschreibt
die Situation von damala, wie er .ie veroteht, nicht die seinige
Israel"
ist in
Kapitel 12 (und den anderen, bilher besprochenen Testen) der
zeitgenÖ8Biache"
Kontrahent seines M_iso (und seines Vorlaufers; 3,18".; 11,168".; U,38".).
Vgl. Mk. 3,31-36, aber auch Lk. 8,19-21.
"
Gnilka 96:
Allein
Matthiua betont, daß Jes
mit dar Hand auf seine
Jünger wies
Anders Mk. 3,34•
Zur Analyse vgl. Eta Linnemann, Überlegungeo zur Parabel vom grollen
Abendmahl La. 14,16-24/Mt. 22,I-U; ZNW 61 (19160) 246-266.
56 Israel als Einheit des Bösen 1. In 22,3 erscheinen die Knechte (vgl. 21,34). Schon
56 Israel als Einheit des Bösen
1. In 22,3 erscheinen die Knechte (vgl. 21,34). Schon bei ihrem
ersten Einladen werden sie abgewiesen. Keine Entschuldigungen, keine
Erklärungen; nur das lapidare: sie wollten nicht kommenl
2. Wiederholte, freundliche Einladung durch andere Knechte. Hin-
weis auf die reichen Vorbereitungen des Gastgebers (22,4). Schroffe
Reaktion der Geladenen (22,5), die jene Boten einfach stehen lassen:
Sie jedoch achteten nicht darauf, sondern gingen ihres Wegs
3. Damit nicht genug, werden die Knechte des Königs von
den
übrigen" mißhandelt und getötet (22,6; vgl. 21,35.36).
4. Die Darstellung der geduldigen Liebenswürdigkeit des Königs
und jener
unwilligen"
und mörderischen Antwort der Geladenen mo-
tiviert die Begebenheiten von 22,7. Die Heere des Königs bringen jene
Mörder"
um (vgl. 21,41) und zünden ihre Stadt (I) an.
5. Feierlicher UrteiIsspruch:
Die Geladenen waren es nicht wert
(22,8).
6. AU8Bendung der Boten zu anderen Geladenen:
rufet zur
Hochzeit, welche ihr findet. Sie aber bringen alle herzu, die sie finden,
Böse und Gute (22,9f.).
EB ist nicht die Absicht, den Text hier en d~tail zu exegesieren. Nur
soviel ist zu sagen, daß die einschneidenden
Peiorisierungen"
des
Textes nach unseren bisherigen Untersuchungen zum Thema wohl
nicht auf eine Matthäus vorgegebene, echte Erzählungsvariante zu Q,
sondern eher auf die redaktionellen Eingriffe des Evangelisten schließen
lassen. Matthäus gestaltet auch mit dem Gleichnis von der königlichen
Hochzeit das Bild Israels: Es ist, freundlich und geduldig geladen und
doch widerwärtig und mörderisch, seiner Berufung nicht wert; es ver-
fällt dem gerechten Gericht, daß Gott an ihm vorübergeht, um andere
Geladene an seine Stelle zu setzen (vgl. S. 55 zu 12,46-50). Neu und
eigenartig ist 22,7 mit seiner auf den Untergang Jerusalems zielenden CI,
historisch"
fixierenden Darstellung des Gerichts. Israels Ende fällt mit
dem Mord an den Knechten und der Zerstörung der Heiligen Stadt zu-
sammen.
Mt. 23,32-36.37-39/Llc.ll,49-öl; 13,34/.
Vor dem hier betrachteten Schlußabschnitt von Kap. 23 hat der
Evangelist schon einige Q-Stoffe in die Weherede aufgenommen (23,4.
13.25.29f./Par Lk. l1,46.52.42.39.47f.), wieder charakteristisch ver-
•• So trotz Karl Heinrich Rengatorfa These vom traditionell·topischen, nur·
literarischen Charakter des Verses: Die Stadt der Mörder (Mt. 22,7), in: Juden.
tum -
Urchristentum -
Kirche, Festschrift für Joachim JeremiBS zum 60.
Geb., BZNW 26, 2. Au1I. 1964, 106-129; mit Strecker 35, Anm. 1. Daß Mat-
thius sich eines traditionel1en Topos bedient, schließt nicht aUB, daß er ihn im
Blick auf ein
historisches
Ereignis", eben die Zerstörung J erusalems, gebraucht.
Die Q·Materialien 57 ändert. Die Gegner Jesu sind für ihn nicht die Gesetzeslehrer (Lk. 11,
Die Q·Materialien
57
ändert. Die Gegner Jesu sind für ihn nicht die Gesetzeslehrer (Lk. 11,
46.52) oder Pharisäer (Lk. 11,39.42), sondern die offiziellen Vertreter
Israels, die auf dem Stuhl Moses sitzen (23,2), die
Schriftgelehrten
und
Pharisäer", die er gegenüber den Lukas-Texten stereotyp als
Heuch-
ler" qualifiziert (23,13.23.25.29). Mit den Versen 23,32ff. tritt nun die
ga.nze Kompositionseinheit in ein gewaltig gesteigertes, zum letzten
und härtesten Angriff Jesu auf Israel führendes Finale ein. Ist schon
der mehrfache Weheruf des Vorausgehenden
seinem Wesen nach
die Form, in der das Gericht definitiv verkündigt wird 50", so ver-
schärfen 23, 32ff. die Gerichtsverkündigung noch dadurch, daß sie
Jesus noch eiumal und
direkt"
als den unerbittlichen Herrn und
Inaugurator der endgültigen Heimsuchung Israels darstellen. Er selbst
fordert die Söhne der Prophetenmörder mit Bestimmtheit auf, das
Maß ihrer Väter voll zu machen (23,32). Er tut es mit gutem Grund,
wie der von Matthäus beigebrachte Vers 23,33 im Kontext dartut,
denn seine Gegner sind die Leute dazu: Schlangen, Otterngezücht61,
dem Gericht der Hölle verfallen. Da sie als solche Ausgeburten des
Bösen nach Jesu Willen das Maß ihrer Väter zum Vollmaß zu bringen
haben -
darum"
23,34 -, sendet er ihnen
Propheten, Weise und
Schriftgelehrte", die sein Geschick von ihrer Hand erleiden werden
(Kreuzigung), die sie in ihren Synagogen geißeln und von einer Stadt
zur andern verfolgen werden 63, damit über sie komme alles gerechte
Blut, das auf Erden vergossen ist, vom Blut des gerechten Abel bis
zum Blut des Sacharja, des Sohnes Berechjas, den sie zwischen Tempel
und Altar getötet haben", d.h. das Blut der einen und ganzen (Blut-)
Hummel 87.
11 Vgl. Werner Foerster, ThW n 815: "die Natur der Schlange ist es, bösartig
und verderblich zu sein
" Und ebenda, Anrn. 2: "yewllll.'''''' betont die
Naturhaftigkeit ih
,r
Art, sie sitzt ihnen im Blut wie ihren Vätern."
In Lk. 11,49 hat der Satz ein anderes Subjekt: die
Weisheit
Gottes". Vgl.
Jl1lius Wellhausen, Das Evangolium Matthaei, Berlin 1904, 119: "Jesus zitiert
nicht, sondern redet im eigenen Namen und zwar von der Aussendung seiner
JÜnger. 11
•• 23,34 enthält das redaktionelle Duplikat bestimmter Motive aus 3,7;
10,17.23. Die christlichen "Schriftgelehrten" des Textes machen darauf auf·
merksam, daJI nicht der ganze Vers vom Redaktor stammen kann.
Mit guten Gnlnden wendet sich Julius Wellhausen a.a.O. 120 (vgl. Ein·
leitung in die drei ersten Evangelien, 2. Ausg. 1911, 118ft".) gegen die Deutung
auf Sacharja ben Jojada 2. Chron. 24,20f. Gedacht ist mit großer Wahrschein·
lichkeit an Zacharias, Sohn des Bariscaeus (Josephus bell. 4,335), der wirklich
im Tempel, nicht im Vorhof getötet wurde. Auch kann sein Blut viel passender
al. das letzte vergossene Blut eines Gerechten dem des "Erstlings" Abel ent·
gogengesetzt werden, da er erst einige dreißig Jahre nach dem Tode J 68U um·
kam (anno 68; vgl. Loo Baeck; Paulus, die Pharisäer und das Neue Testament,
1961, 153f.) und für Matthäus das Ende Israels nach 22,7 und 23,38 in Ver·
bindung mit 23,32ft". und 24,1 f. mit dem Untergang JerusaleID8 und der Zer-
störung des Tempels zusammenfällt: der Jojada·Sohn kann -
als Antipode
Abels I -
niemals am Ende der Geschichte Israels (im matthäischen Sinne)
58 Israel als Einheit des Bösen Geschichte Israels. Die "Jünger", auf die hier deutlich angespielt
58 Israel als Einheit des Bösen
Geschichte Israels. Die "Jünger", auf die hier deutlich angespielt ist 66 ,
sind nicht gesandt zum Heil; sie sind Boten im Dienste des
Gerichts 6 ',
Katalysatoren des Unheils, die den Greueln Israels ihr volles Maß geben
und so auch die Zusammenballung allen Verderbens auf Israel nieder-
ziehen sollen. Wieder ist mit "diesem Geschlecht", auf das Matthäus
ausdrücklich verweist (23,36), nicht auf das "Judentum" oder einzelne
seiner Gruppen gesehen, sondern auf das Israel der Jesuszeit, dem ER
seine Boten und ihre künftige Misere ankündigt, so daß es als in die
nachösterliche Zeit hinein prolongiert zu denken ist. Das heilsgeschicht-
liche Ende Israels, mit dem Jesus hier als seinem und seiner Boten
Gegenüber abrechnet, liegt von seinem Standort aus in der Zukunft.
Es vollzieht sich nach der Verwerfung der Gesandten mit dem Unter-
gang Jerusalems (22,7) und der Zerstörung des Tempels (23,38; 24,2).
Doch hat der Evangelist dieses Ende hinter sich; er setzt es voraus. Es
gehört zur zurückliegenden Geschichte Juu mit seinem Volk, die er
darstellt, nicht zur Geschichte seiner "kirchlichen" Gegenwart. Auf
drei Momente ist in diesem Zusammenhang noch einzugehen.
1. Matthäus leitet mit dem redaktionellen Vers 23,36 zu der von
ihm in Q vorgefundenen, hierher gezogenen Weissagung wider Jeru-
salem über (23,37-39)57, die Lukas an anderer Stelle bringt (13,34f.).
So macht er klar, wie "das alles" über Israel kommen, mit welchem
historischen Ereignis die Geschichte Israels samt ihrer Vorgeschichte
zum Abschluß gebracht wird: Siehe, euer Haus wird euch verlassen
werden 158.
stehen. Auch muß mit Trilling 82 "
nach der Intention des Evangelisten in
du "ii. IIIfLlI 31)(11'0' (Vers 35) auch du Blut der christlichen Propheten, Weisen
und Schriftgelehrten mit eingeschlOBBen gedacht werden." Wäre auf den Jojada-
Sohn angespielt, so bekäme Israelsozuaagen nur du Blut seiner "Vorgeschichte"
zu schmecken, die Heimsuchung für du Blut Jesu (27,251) und du künftig (I)
vergOBBene Blut der Boten bliebe aua, und jenes "i. IIIfL(l, du gerade mit dem
Blick auf die künftigen Zeugen gesprochen ist, würde entleert. Matthäus, der
den Q·Stolf in ein Jesuswort umformt (vgl. Anm. 52), liißt Jesus von einem
Ereignis sprechen, du er mit dem Gedanken an den kommenden Untergang
Israels verbindet, von dem der Text alsbald konkret redet.
•• Auch in lO,llf. sind die Jünger - zur Zeit Jesu - betont zu "Israel"
geeandt. 23,34 dagegen spricht im Kontext von den kommenden christlichen
"Missionaren", vgl. Hummel 88.
Mit Hummel 88: "Die Sendung der Boten Jesu wird hier unter dem Aspekt
des Gerichtes
gesehen."
07 Zum einzelnen der Exegeee vgl. Hummel 88f.; Strecker 1131f.; Trilling
86f.
11 Zu 23,39 äußert sich sehr gut Strecker 114f., vg\. 115: "Da iur Matthäus
der Gedanke der Rückführung Israels sonst nicht einmal in Andeutungen zu
belegen ist [man muß ergänzen: dafür aber etliche Male der Gedanke seiner
endgültigen Verwerfung I], wird V. 39 in eine andere Richtung weisen. Nicht die
Bekehrung
ist [sc. im Sinne des Evangelisten] vorausgesagt, sondern -
durch den traditionellen Meesiaaruf - nur die Anerkennung der Tatsache, daß
des Messias·l\Ienschensohn am Weitende in Herrlichkeit erscheinon wird, und
zwar, um. Gericht zu halten. 11
Du Sondergut 59 2. Matthäus tut noch mehr. Er streicht die Perikope vom Scherflein der
Du Sondergut
59
2. Matthäus tut noch mehr. Er streicht die Perikope vom Scherflein
der Witwe, die bei Markus und Lukas vor der Tempelweissagung steht
(Mk. 12,'1-44; Lk.21,1-'), und bringt 23,37-39 80 in engsten
Konnex mit 2',1f. Damit gibt er dem "Verlassen eures Hauses" von
23,38 seine konkrete Interpretation; er denkt an die Zerstörung des
TempelsI'.
3. Wenn Hummel meint, Matthäus wolle durch die Eliminierung
von Mk. 12, '1-44 die beiden Reden von Kap. 23 und 24f. miteinander
verbinden lO , 80 ignoriert er die Zäsur, die der Evangelist hinter 2',2
setzt. Ist nach Mk. 13,3 die eschatologische Rede auf dem Ölberg
"gegenüber dem Tempel" gesprochen, 80 streicht Matthäus in 24,3
diese das Heiligtum betreffende Ortsangabe und rückt damit die fol-
genden "letzten Dinge" von den zuvor beschriebenen Wegen Jesu mit
Israel und seinem Tempel ab. Zudem stellt er heraus, daß er nun zu
einem anderen Thema, eben dem eschatologischen, übergeht. Liest man
Mk.13,' (= Lk.21,7!): Sage uns, wann wird dies geschehen, und
welches ist das Zeichen dafür (n! konjunktiv), wann dies alles voll-
endet werden 8011 (- die Zerstörung des Tempels und die letzten Dinge
gehören in eine gemeinsame Zukunft -),80 heißt es Mt. 2',3: Sage
uns, wann dies geschehen wird und (Xat! explikativ: "und zwar",
nd.h.") welches das Zeichen deiner Wiederkunft und der Vollendung
der Welt ist ll . M.a. W., der Evangelist zieht das von Markus (oder Q1)
überkommene 7t6n 'fatÜTat IlJ'ratLI. durch seine Textgestaltung vom
zuvor genannten Tempel weg ganz nach "vorne" und interpretiert es
als Frage nach dem Welt-Ende, die nun nichts mehr mit der Frage
nach dem Schicksal des Tempels zu tun hat". Matthäus will, aufs
Ganze seiner Arbeit an 2',3 gesehen, nur 2',1f. mit 23,37-39, nicht
aber die ganzen Kapitel 23 und 2'f. zu einer thematischen Einheit
verbinden.
3. Da 801Ulergul
Schließlich ist noch zu fragen, was das reiche Sondergut des Matthäus-
Evangeliums in seinem jeweiligen, vom Evangelisten hergestellten
Kontext zum Thema "Israel" beizutragen hat. Die Stellen 15,12-1'
und 27,19 (das Weib des Pilatus), 27,2,r. (Unschuld des Pilatus,
•• Dem entspricht, daß er 24, 1f. die Gebiude dea Tempels = ,.d<M alIu',
(anders Mk. 13,2) in den Vordergrund rückt.
A.a.O. 85.
"'IXpou"Lz (24,3.27.37.39) und aum>.c ""ü
u;,,,,,~
(13,39.40.49; 24,3; 28,20)
hat nur Matthäua.
I. Du UÜ~IX "civrIX dea Markua-Textea übergeht Matthiua; er hat ea zuvor
(24,2) als Parallel-Ausdruck für die Tempelgebiude verwendet I
I. Diesen Sachverhalt hat M. Punge, Endgoachehen und Heilageachichte 16
klar geaohen:
Mt.
24,3 leitet oine neue Szene und einen neuen Sachkcmplex
em."
60 Israel als Einheit des Böeen Schuld Israels) wurden schon bei der Untersuchung der Markus-Stoffe
60 Israel als Einheit des Böeen
Schuld Israels) wurden schon bei der Untersuchung der Markus-Stoffe
in die Betrachtung einbezogen; sie können deshalb hier übergangen
werden.
MI. 2,1-23
Dieses Kapitel ist durchzogen vom Gedanken der Feindschaft
Israels gegen den neugeborenen König der Juden, den MeBBias (vgl.
S. 128f.). Befremdlich ist schon die Reaktion auf das Erscheinen der
Weisen. Man sollte erwarten, die Heilige Stadt würde auf die Frage der
Magier in Staunen und Freude ausbrechen, statt dessen vernimmt man,
Herodes und mit ihm das ganze Jerusalem (!) seien erschrocken - wie
bei der Kunde von einem einfallenden Feind. Daß der Text an "Israel"
denkt, zeigen verschiedene Züge der Erzählung. Herodes erforscht von
allen den Oberpriestern und Schriftgelehrten des Volks (I), wo der
Christus sollte geboren werden (2,4). Und von Bethlehem im Lande
Juda soll der Herrscher kommen, der "mein Volk Israel" weiden wird
(2,6), wie auch Joseph nach dem Tode des Herodes den Befehl erhält,
ins Land larael zu ziehen (2,20), was er denn zunächst auch tut (2,21).
Von seiner ersten Stunde in Israel an trifft der Messias auf tückische,
blutrünstige Verfolgung, während ihm die Heiden, die Weisen aus dem
Morgenland huldigen. Ja, schließlich kann er auch nach dem Umweg
über Ägypten keine Bleibe im Lande Israel finden. Das Dasein des
Archelaus nötigt Joseph, nach Nazareth in galiläisches Gebiet aus-
zuweichen (2,22). Der König der Juden - doch diese steilen Wände des
Hasses, die Israel vor ihm aufrichtet I
MI.I0,5f.24/.
Mit Mt. 10, 5f.; 115,24 "
begegnen uns Worte von offenbar streng
partikularistischem Charakter. Im ersten weist Jesus die Jünger an,
nicht zu den Heiden und Samaritern, sondern zu den ,verlorenen
Schafen des Hauses Israel' zu gehen, im zweiten bekennt er mit fast
den gleichen Worten, selbst nur zu Israel gesandt zu sein" (Trilling)".
Es erhebt sich die Frage, welche Funktion diesen Logien in einem
Evangelium beizumessen ist, das die HeidenmiBBion deutlich als
"kirchliche" Gegebenheit voraussetzt; man denke nur an den MiBBions-
befehl 28, 18ff. mit seiner exponierten Stellung am Schluß des Evan-
geliums. Für 10,5f. 16 zeigt sich im Kontext, daß der Evangelist mit
Das wahre Israel 99. Zur Analyse und traditionageachichtlichen Frage.
stellung vgl. ebends 99 ff.
Zu 15,24 vgl. Tril1ing 103 ff. Die Perikope vom "kanaanäischen Weiblein"
steht bei Matthäus, der Mk. 7,24 ff. energisch umgestaltet, im Dienst seines
IsraeI.Themas. Sie hat nicht mehr den "überwindenden" Glauben einer Heidin
darzustellen; ihre Tendenz geht nun dahin (mit Tri1Iing 104), "die Einachräo·
Das Sondergut 61 diesen Versen die zur Jesuszeit gehörige Sendung der Jünger zu Israel schildern
Das Sondergut
61
diesen Versen die zur Jesuszeit gehörige Sendung der Jünger zu Israel
schildern will. Sie sind nach seiner Textgestaltung wie ihr Meister als
Boten der Israel nahe gekommenen Himmelsherrschaft zu verstehen
(10,7 nach Q/Lk. 9,2; vgl. ',17.23; 9,35), die mit derselben Heilsfülle
Gottes für Israel ausgestattet sind, wie sie dem sie sendenden Messias
zu eigen ist". Auch in Gestalt der Jünger schlägt Israel im Angesicht
der nahenden Basileia die große Stunde des Heils. Die
verlorenen
Schafe des Hauses Israel"s7 bringen jedoch die heilspendenden Boten
der Himmelsherrschaft in größte Gefahr. Die Jünger sind wie Schafe
mitten unter die Wölfe gesandt (10,16). Matthäus gestaltet die Verse
10,5-25 unter Verwendung der verschiedensten Materialien als
Aussendungsrede Jesu zur Instruktion, Warnung und zum Trost der
Basileia-Boten auf ihrem Weg in die Dörfer und Städte Israels 18 • Seine
kung der Sendung J8II\l und damit die Vorzugaatellung Israels durch die Frau
bestätigen zu l88118n". Der engere Kontext der Perikope rechtfertigt diese Exe·
gese. Nach 15,21 entweicht J8II\lS in die Gegend von Tyrus und Sidon. Er
kommt also nur "umständehalber" auf heidnisches Gebiet; eigentlich gehört er
nach "Israel". Das redaktionelle Flucht·Motiv (anders Mk. 7,24 <imj>'&CV; vgl.
red.4,12; 14,13; 12,15 = Mk.3,7) erklärt 15,21-28 als "Ausnahme": die
Ausnahmsl08igkeit der Sendung Jesu zu Israel 8011 gerade durch den einen "Aus·
nahmefall" der Heidin bekräftigt werden, die auf dem "Sonderwege" die Hei·
lung ihrer Tochter erlangt. Auch das Folgende ist von MatthBus bewußt auf
15,24 hin gestaltet. Es dient als Illustration der Hinwendung Jesu zu Israel. Die
Szene ist mit Mk. 7,31 an das galiliische Meer verlegt. Man befindet sich 80mit
wieder auf dem Boden Israels (vgl. 4,25). Das vom Evangelisten gebildete
Summarium, d
n
enge Verwandtschaft mit 11,5 auf der Hand liegt, zeigt
J esu umfassende HeilBmacht für die Seinen (gegen J eremiaa, Verhei/lung 29:
"eine Heidenwirksamkeit großen Stils"); es schließt mit dem entsprechenden
"Und sie priesen den Gott Israels" (vgl. 9,33). Auch 15,32-39 ist noch zu
nennen, das Jesu Erbarmen mit dem Volk veranschaulichen 8011 (15,32 =
Mk. 8,2; vgl. Mt. 9,36; 14,14). Wir stimmen Trillings Antwort auf die Frage
nach dem Skopus von 15,24 im großen ganzen der matthiischen Israel·Dar·
stellung zu (105): "Damit Israel unentschuldbar sei und seine Schuld eindeutig
festgestellt werden könne, muß Jesus nur zu ihm getl8Ddt sein." MatthäuB will
mit dem strengen Partikularismus des Textes und dem entsprechenden Kontext
das bedingungslose Ja Jesu zu Israel in der Geschichte mit seinem Volk vor
Augen führen. Auf diesem Hintergrund vermag er dann das ebenso radikale
Nein Israels zu seinem Messias in seiner ganzen Verwerflichkeit und Gerichts·
verfallenheit verständlich zu machen. Die endgültige heilsgeschichtliche Abro·
gation Israels durch Jesus setzt seine totale heilageschichtllche Zuwendung zu
Israel voraus.
10,1 (vgl. Mk. 6,7; Lk. 9,1); 10,8 red.; von Jesus: 4,23f.; 8,16; 11,11;
14, ".3I1f.; 15,30f.
" Mit Jeremiaa, Verheißung 23, Anm. 89: der Genitiv o("ou 'lapodJ>' ist als
gon. epex. zu fassen, 80 da/l die Wendung "Geaamtisrael in seiner Verlorenheit"
meint, vgl. 9,36.
11 Vgl. 10,11 "Stadt oder Dorf" (red. gegenübar Mk. 6,10; Lk.9,4; 10,5);
10,14 "Stadt" (mit Q/Lk. 9,5; 10,10.11); 10,15 "jener Stadt" (mit Q/Lk. 10,
12); 10,23 "Stadt", "die Städte Israels" (S). Von Jesus: 9,35 red. "aUe die
Städte und Dörfer"; 11,1 red. "in ihren Städten". Auch mit diesem Zug der
Enählung hebt Matthäus die Parallelität zwischen Jesus und den Jüngern
hervor.
62 Israel als Einheit des Bösen "Missionsrede Jesu für Israel"" läßt keinen Zweifel über die
62 Israel als Einheit des Bösen
"Missionsrede Jesu für Israel"" läßt keinen Zweifel über die bösen
Widerfahrnisse der Jünger aufkommen. Sie erleiden das Geschick Jesu,
Geißelung 70 und Schmähung: Haben sie den Hausherrn Beelzebub ge-
heißen, wieviel mehr seine Hausgenossen (10,25)71. Auch hier sind
Trillings Beobachtungen heranzuziehen: "Vom Inhalt her gesehen
nimmt Vers 25b offensichtlich auf 9,32-34 Bezug mit einer wiederum
typisch matthäischen Vereinfachung und sachlichen Verschärfung. In
9,34
heißt es nur, daß Jesus ,durch Beelzebul' die Dämonen aus-
treibe, nicht aber, daß er selbst Beelzebul genannt
worden sei" 7•• Mit
seinem Sondergut 9,32-34 legt der Evangelist den Repräsentanten
Israels zum erstenmal den Vorwurf des Teufelsbündnisses in den
Mund, und zwar an exponierter Stelle. Die Kapitel 8-9, die von der
großen heilvollen Hingabe des Davidssohnes 78 an Israel handeln 7t und
in den Satz ausmünden: Noch nie ist solches in Israel gesehen worden
(9,33; vgl. 15,31), bricht Matthäus mit der Schmährede der Pharisäer
ab (9,34). Am Ende aller Heilszuwendung steht die böswillige Ver-
ketzerung des helfenden Messias durch Israel! In genauer Ent-
sprechung zu diesem kompositorischen Verfahren werden mit 10,25
am Ende der Aussendungsrede (soweit sie sich expressis verbis auf
Israel bezieht) auch die Jünger in die Lästerung der Frevler ein-
bezogen. Auch das Heil aus ihren Händen weist Israel zurück - es wird
sie noch mehr verteufeln als Jesus selbst. Ja, der "teuflische" Vorwurf
Israels gegen Jesus soll mit 12,24 noch ein drittes Mal zur Sprache
kommen, wieder mit einer schärferen Note als in dem entsprechenden
Q-Text Lk. 11,15 76 • Es ist, als könne sich der Evangelist nicht genug
tun, die Perversität Israels herauszustreichen.
Was also, um auf 10,5f. zurückzukommen, zu 15,24 im Blick auf
Jesu eigene Israel-Sendung festzustellen ist, gilt entsprechend auch
hinsichtlich der Israel-Sendung der Jünger. Die Verse 10,5f. dienen im
Matthäus-Evangelium nach dem Kontext des 10. Kapitels nicht der
"Apologie J esu", wie Leonhard Goppelt meint 78, sondern als Steine für
•• Mit 10,26ft". geht die Komposition zu allgemeineren Themen der Sendung,
Nachfolge und Jüngerschaft über. Der historische Aufriß der Ierael·Sendung
ist nicht verlaseen, doch wird nun das kirchlich.aktuelle, "zeitlose" Missionsgut
unbefangen in die Szene einbezogen. Auch 10,18 durchbricht die Text·Si.
tuation: ihnen und den Heiden zum Zeugnis.
10,17 red. (gegen Mk. 13,9; Lk. 21,12); 23,34 (S). Von Jesue 20,19
Mk. 10,34; Lk. 18,33.
71 (S). Zur Analyse von 10, 24f. vgl. Tri1Iing 82f.
A.a.O. 82.
9,27ft". ist redaktionelles (abgewandeltes) Duplikat von 20,29ft"., vom
Evangelisten mit voller Absicht hier eingefügt.
7.
Vgl. S. 33f.
7. Vgl. Mk. 3,22. Zum einzelnen s. S. 53, Anm. 35.
7. Christentum und Judentum im ersten und zweiten Jahrhundert, BFChTh
56, 1954, 40, Anm. 1; vgl. 181: "Die ,partikaluristische' Weisung liiJlt er als
apologetischen Aueweis der Messianität Jesu stehen." Zum geechichtlichen Ur·
Das Sondergut 63 das große geschichtliche Moaa.ik der Jesuszeit. Die Exklusivität des Heils für Israel
Das Sondergut
63
das große geschichtliche Moaa.ik der Jesuszeit. Die Exklusivität des
Heils für Israel durch das Wirken der Jünger geht auch hier dem
totalen Widerstand Israels voraus. Neben der Verwerfung des Davids-
sohnes ist Israels Feindschaft gegen die Gesandten Grund und Ursache
seiner heilsgeschichtlichen Katastrophe (vgl. 23,32ff.). Matthäus will
zeigen: Die Auflehnung und Verlorenheit des Volks entzündet sich an
dem vollen, ihm allein zugekehrten Heil. 10,5f. gehört mit zur hellen
Vorderseite seines Israel-Bildes.
Mt. 12,5.7; 19,4; 21,16
Diese Stellen mit dem stereotypen oöx civtyv61'rE und ähnlichen Wen-
dungen enthält nur dlU! Matthäus-Evangelium. Hierher gehören noch
12,3 = Mk. 2,25; 21,42 = Mk. 12,10; 22,29 = Mk. 12,24; 22,31 = Mk.
12,26. Matthäus nimmt das Thema der mangelnden Schriftkenntnis
der Lehrer Israels viermal aus den Markus-Vorlagen auf und vermehrt
es gleich um das Doppelte. Keine Frage, daß die bewußten Ausdrücke
(mit Trilling)
außer ihrem jeweils konkreten Bezug auch als all-
gemeines Urteil" 77 zu interpretieren sind. Doch gibt Trilling den Texten
eine falsche Ausrichtung, wenn er sie als Bestandteil eines polemischen
Instrumentariums versteht7 8 • Matthäus arbeitet vielmehr wieder als
Schriftsteller"
am Porträt (der Repräsentanten) des damaligen
Israel. Der Messias ist sein einer, maßgeblicher, vollmächtiger Lehrer
(Kap. 5--7; 7,29). Er allein kennt die Schrift, wo Israels Lehrerschaft
in Unkenntnis befangen ist.
Mt. 21,10f.
Nach der Einzugsgeschichte 7 ', die Jesus als den in seine Stadt rei-
tenden Davididen schildert, bringt der Evangelist die Verse 21,10f.
von der
Stellungnahme
Jerusalems". Die ganze Stadt gerät in Be-
wegung: Wer ist dert Seltsame Frage, möchte man sagen, denn Jesus
wurden doch soeben in aller Öffentlichkeit Huldigung und Messias-
jubel zuteil. Doch ist die
glaubensmäßig-korrekte"
Darstellung des
Einzugs für Matthäus nicht identisch mit der von ihm voller Absicht
hinzugefügten Darstellung der durch die Menge vorgetragenen Ant-
wort Jerusalems auf den Einzug seines Königs: Das ist der Prophet
Jesus aus Nazareth in GaIiIäa. Ernst Lohmeyer nennt den Propheten-
titel Jesu, den er im Sinne des einen
eschatologisch
vollendeten Pro-
.prung der Logien vgI. BultmaDD, TradItion 176. Sie entatammen der MisaioDB-
debatta innerhalb der Urgemeindo. Historisch gesehen sind sie nur auf dem
Hintergrund einer schon begonnenen christlichen Heiden· und Samariter-
mission sinnvoll und verifizierbar.
" A.a.O. 83. Vgl. noch 16,2b.3: dazu Gnilka 99.
7. A. a. O.
83: neine deutliche polemische Spitze".
"Vgi. Wolfgang Trilling, Der Einzug in Jerusalem Mt. 21,1-17: in: Neu-
te.tamentliche Aufsätze, Featachrift für Joseph Schmid, 1963, 303--309.
r-I als Einheit daa B6aen pheten" interpretiert, im Blick auf unsere Stelle Doch wird man
r-I als Einheit daa B6aen
pheten" interpretiert, im Blick auf unsere Stelle
Doch wird man im Gefolge des Textes kaum an den
mehrdeutig"
80.
einen
Propheten"
zu denken haben. Die Scharen charakterisieren Jesus vielmehr als
gewöhnlichen"
Propheten aus Galiläa; es fällt kein Wort von escha-
tologischer Einzigartigkeit. Lohmeyers Exegese wird vollends un-
haltbar, wenn man sich den Gebrauch des Prophetentitels im Mat-
thäus-Evangelium vergegenwärtigt. Hier kommt
Prophet"
durch-
weg
in der Bedeutung des alttestamentlichen Prophetentums vor 8l •
Auf Jesus bezieht sich
Prophet"
nur an den drei Stellen 16,14;
21,11.46 11 • Das Petrusbekenntnis 16,13fF. ist in diesem Zusammen-
hang besonders aufschlußreich; es bringt eine klare Abweisung des
Prophetentitels für Jesus. Auf die Frage Jesu: Für wen halten die
Leute den Menschensohn t antworten die Jünger: Etliche für Johannes
den Täufer, andere für Elia, noch andere für Jeremia oder einen der
Propheten. Diese Ansicht wird durch das ihr entgegengestellte Petros-
bekenntnis resolut verworfen. Der Menschensohn ist nicht, was die
Leute von ihm sagen, sondern was Petrus auf Grund von Gottes Offen-
barung adäquat von ihm zu bekennen weiß: der OhriatlU, der Sohn des
lebendigen Gottes. Auf diesem Hintergrund ist 21,11 zu sehen. Die
Mengen Jerusalems bekunden ihre
prophetische"
Meinung von Jesus,
von der sich hernach die Oberpriester und die Pharisäer (für eine
Weile) beeindrucken lassen (21,46): Sie suchten ihn zu ergreifen,
fürchteten aber das Volk, denn sie hielten ihn für einen Propheten.
Das ist eine Meinung, die sich unter Voraussetzung der breit entfalteten
matthäischen Messianologie als unzureichend, falsch, verabscheuungs-
würdig: als crimen laesae majestatis ausnehmen muß. Hier ist mehr
denn Jona! Hier ist der, den der größte unter den vom Weibe Ge-
borenen (11,11), Johannes, selber schon mehr als ein Prophet (11,9),
ankündigen muß: der endzeitliche Herr seines Volks. So muß die
Stellungnahme Jerusalems aus dem Mund der Scharen negativ beur-
teilt werden. - HoBianna dem Sohne Davids, gelobt sei, der da kommt
im Namen des Herrnl Und welch ein Höllensturz: Jerusalem degra-
diert den einziehenden König der Niedrigkeit, seinen Messias, zum
beliebigen Propheten aus Galiläa! Der Evangelist läßt seine Leser mit
21,10f. den ersten Hauch der eisigen Kälte spUren, die Jesus im
Weichbild Jerusalems entgegenschlägt. Die Leidensgeschichte wirft
ihre Schatten voraus. So verständnislos (Wer ist ded) und
seinem Rang" begegnet Israel seinem König.
unter
• Du Evangelium d
lIIattbäus, MeyerK 8onderband, herauageg. von
Werner Schmauch, 1956,297.
", 1,22; 2,6.16.17.23; 3,3; .,1.; 6,12; 8,17; 12,17.39; 13,17.36; 21,.; 23,
29.31.37; 2.,16; 26,116; 27,9.
"' AhnIich das Volk von Johann
",5; 21,26; anden Jesusll,9. Cbriatliche
Propheten 10,.1; 23,3•.
Das Sondergut Mt. 21,14-17 Die Tempel-Perikope bildet Matthäus aus dem Markus-Stoff (21,12f; Par Hk. l1,I5-17)aa
Das Sondergut
Mt. 21,14-17
Die Tempel-Perikope bildet Matthäus aus dem Markus-Stoff (21,12f;
Par Hk. l1,I5-17)aa und seinem Sondergut, durch das er dem voraus-
gehenden ersten und
negativen"
Akt der Tempelreinigung kon-
trastierend einen zweiten und
positiven"
gegenüberstel\t: dort die
Räuberhöhle, die der Messias mit gewaltigem Besen ausfegt, hier die
Stätte des Heils für die Elenden und des entsprechenden Meseiasjubels
(21, 14f.), der nichts anderes ist als GoUu Lob von den Lippen der
Unmündigen
und Säuglinge" (21,16) und mit dem der Tempel das
wird, was er sein 801\: otxOl; 1tpom:uxij~(21,13). Diese Verse 801\en zeigen,
wie der Messias den Tempel zu seiner wahren Bestimmung erhebt, ihm
seine endzeitliche
Erfüllung"
H gibt. Doch gerade die staunenswerten
Taten Jesu und der ihnen gebührende Messiasjubel fordern die Reprä-
sentanten zu zornigem Einspruch heraus: Hörst du, was diese sagen'
(Von der Antwort des Hohenpriesters auf Jesu eigenes Messiasbe-
kenntnis 26,65 her darf man als unausgesprochene These mithören:
sie lästern.) Doch Jesus stel\t sich zum Messiasbekenntnis der Un-
mündigen; es ist das Lob, das Gott sich bereitet hat. Daraufhin zeigt
er den Autoritäten die Schulter (21,17)11. Seine Antwort an Israel ist
damit jedoch noch nicht zu Ende gesprochen. Matthäus läßt die bei
Markus vor der Tempelreinigung liegende Einheit von der Verfluchung
des Feigenbaumes folgen (21,18f; Mk. 11,12--14; fehlt bei Lukas).
Jesus verflucht sein unfruchtbares Gegenüber zu irreparablem Ab-
sterben (vgl. S. 43). Wo der Messias den Tempel eifernd und heil-
bringend zur Stätte der Anbetung Gottes macht, erhebt Israel Protest
und verfäl\t dem wirksamen Fluch seines Königs. Für Matthäus ist
Israel",
wie man sieht, eine
geschichtlicbe"
Größe, deren
messia-
nisches" Ende er voraussetzt.
Mt. 21,L8-32"
Dieses
Stück
ist äuBerst kunstvol\ in die Mk.-Ordnung ein-
gegliedert, insofern es das Streitgespräch über die Frage der Vollmacht
11 Mk. 11,16 streicht er als ÜberflÜ88ig. Gegenüber Mk. 11,15 betont er,
Jesus habe alle die Verkäufer und Käufer hinausgeatollen (21,12). Auch ist für
ihn. der auf den Unte~g Jerusalema zurückblickt, dor Tempel kein Gebete-
haus "für die Heiden' mehr (Mk. 11,17: 21,13). Er gehört zur vergangenm
Geschichte Iaraela.
•• Vgl. daa Zitat aus Pa. 8,3 LXX, daa zwar ohne "Erfüllungeformel" er-
echeint,
aber ganz in die Linie des Errullungagedankena pateUt ist.
•• Du negative IaraeI·Bild des Textes, seine MeMianologie und daa Motiv
der Heilung als Zeichen des Davideaohnes (v(ll. 9,27: 12,23: 15,22) könnten
darauf hinweiaon, daß 21,1f-17 vom EVM.ll'!liaten entworfen wurde.
Vgl. Josef 8chmid, Du textReachichthche Problem der Parabel von den
zwei Söhnen, Mt. 21,28-32: in: Vom Wort des Lebens, Festachr. für Mu
Meinertz, 19111,68-84: Wolfgang Trilling, Die Tiufertradition bei Matthius,
BZ 3 (1959) 271-289: Hans Windiach, Die Sprüche vom Eingehen in daa Reioh
Gottes, ZNW 27 (1928) 163-192.
5
1702 Walker. B~\o
66 Iarae1 als Einheit dea BOeon fortführt und die Parabel-Trias eröffnet" (Trilling) 87. 21,32 ist
66 Iarae1 als Einheit dea BOeon
fortführt und die Parabel-Trias eröffnet" (Trilling) 87. 21,32 ist kaum
ursprünglich". Strecker hat mit guten Gründen dargetan, daß der
Vers seinem Inhalt nach zwar mutatis mutandis durch Lk. 7,29f. für
Q zu belegen, in seiner vorliegenden Gestalt jedoch dem Evangelisten
zu verdanken ist". Die Parabel von den beiden Söhnen endet mit
dem definitiven Urteilsspruch Jesu von 21,31 b, der den Zöllnern und
Huren den künftigen Eingang in das Gottesreich zuspricht, die Re-
präsentanten Israels (von 21,23) jedoch davon aU88chließt lO • 21,32
soll nach dieser forensischen Zuspitzung des G1eichniBSes insofern
Doch einmal zu seiner
Anwendung"
beitragen, als es den voraus-
gehenden Urteil88pruch nach seiner positiven, den Zöllnern und Huren
zugewandten, wie nach seiner negativen, Israel betreffenden Seite hin
begrandet 11 • Die richterliche Entscheidung Jesu besteht zu Rechtli:
Denn Johannes kam zu euch mit dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr
habt ihm nicht geglaubt", die Zöllner und Huren aber glaubten ihm;
ihr aber habt, als ihr es saht, hinterher nicht einmal Reue empfunden,
so daß ihr ihm geglaubt hättet.
Trilling hat auf die Parallelität zwischen Johannes und Jesus in der
Perikope von der Vollmachtsfrage (21,23-27) und auf die Fort·
setzung dieser Parallelität in der folgenden G1eichnisgruppe aufmerk-
sam gemacht". Mit seinen Worten:
In
beiden G1eichniBSen geht es
Täufertradition 28•.
Vgl. J eremiaa, Gleichnisse 78.
• 1 A.a.O. 153.
"' Mit JoaefSchrnid RNT 303; Windiach, Sprüche vom Eingehen 166:
Mit
21,31 sichert Jeaus den Zöllnern und Huren zu, daß sie vor den offiziellen Ver·
tretern dea Judentwna (I) den Eingang in die ~alAcl" finden werden, wobei
nach dem Zusammenhang (21,32) das "po
u~ deren AuaachluJI bezeichnet."
Gef.'m Zahn 628 (
doch
noch, nur später").
I Gegen Wellhauaen
107:
der
Vers 21,32 soU zwar eine Erklärung dea
Gleichnisses sein.
ist aber keine. 11
", Hummel ~ hat geeehen, daß das Neue der Matt.häua·F&88ung gegenüber
Lk. 7,29f. in der
Umwandlung
der AIIBII&g& in die Form der direkten Anrede"
liegt. Wenn er jedoch fortfährt:
Der
Glaube der Verlorenen wird zur MaIonun9
an du un9liiuhig. Judemum" (Sperrung R. W.), verkennt er den Charakter von
21,31b. Schmid RNT 303 aagt mit Recht:
du Gleichnis im ganzen will
nicht die Pha.riaier durch den Hinweis auf du Beispiel der gläubig.buJIfertigen
Sünder zur Umkehr antreiben, sondern ist bereits eine Gerichtspredigt gegen
sie." Das eschatologische Heil wird ihnen von Jeaus endJlii1tig und ausdrücklich
bestritten (gegen Schmida folgenden Satz RNT 303). Rummel will den Text
wieder im Horizont nachÖBterlich·kirchlicher Auaeinanderaetzun\f mit dem
"Judentum" verstehen. während er von Matthiu8. was immer seme aktuelle
kirchliche"
Ausrichtung gewesen aein mag,
historisch"
verarbeitet wird: er
achildert das Nein dea vergangenen Ierael zum Täufer, dem das letztgültige
Nein Jeau zu Israel entspricht (vgl. S. I03ff.).
", Den Zusammenhang dieaea Motivs mit 21,25b hat TrillinJt, Täufertra·
dition 2M, achön herauBg'l!'tellt:
Vor
allem aber spricht V. 32a flen Vorwurf,
der in
V. 25 b a1a innere ÜberlelP'ng der Gegner erwähnt wird, offen aus: Ihr
habt nicht geglaubt I Dadurch wird bestätigt, daß die Johanneateufe il; oup"
ü
war.'1
I. Täufertradition 28•.
Du Sondergut 67 um Hausvater und Weinberg, um Gehorsam und Ungehorsam; beide Male fügt Matthäus
Du Sondergut
67
um Hausvater und Weinberg, um Gehorsam und Ungehorsam; beide
Male fügt Matthäus ein zusammenfassendes, anklagendes Wort an
Johamles und Jesus werden abgewiesen und erleiden das Schicksal der
Propheten. Dem Täufer wird der Glaube verweigert, der Sohn wird
gar getötet
Beide hält das Volk für Propheten, aus diesem Grunde
,fürchten' die Gegner beide Male das Volk (VV. 26.46)"". Doch wird
man zunächst einwenden müssen, daß der Text nirgends auf ein
mögliches "prophetisches" Schicksal des Täufers abhebt, wie man es
von 21,33ft"., wo ja zuvor die "Knechte" genannt sind, für Jesus ver-
muten könnte". Zu bedauern ist auch, daß Trilling seine Aufmerk-
samkeit nicht auf die game Gleichniskomposition unter Einschluß
von 22,1ft". ausgedehnt hat. Sie hätte den Blick von der Parallelität
zwischen dem Täufer und Jesus weitergeführt zu der Trias "Johannes,
Jesus, die Boten", ein mit Bedacht gewähltes Arrangement des Evan-
gelisten, in dem er einen Aufriß der Basileia-Geschichte Israels vorlegt.
Mit dem Täufer, dem ersten Boten der kommenden Himmelsherrschaft
(3,2), und dem ihm widerfahrenden Unglauben ist der erste Akt dieses
Dramas beschrieben, mit Jesus (4,17 I MIt. 1,15) und seinem Tod
durch die Winzer der zweite, durch die Sendung der Boten und ihr
blutiges Ende der dritte und letzte". Dem dreifachen Nein des Volkes
zu den Basileia-Zeugen korrespondiert das dreifache Nein Jesu zu
Israel: er schließt - als Gerichtsherr Israels - das verstockte Ge-
schlecht von aller eschatologischen Hoffnung aus (21,31 b; vgl. 8, l1f.;
Sicher blickt Matthius
mit den
Knechten"
von 21, 35f. auf die Propheten,
v~\. du redaktionelle Motiv der Steinigtmg 21,35 (nach 23,37). Damit ist jedoch
nicht gesagt, daß er großen Wert darauf legt, Jesus du "SchickBBl der Pro-
pheten" zuzuerkennen. Trilling selbst stellt fest (Du wahre Israel 66, vgl. oben
S.43), daß Matthius mit 21,36f. "dio Regel
die Art dieser Winzer" cha·
rakterisieren möchte, die dann in Gestalt der Repräsentanten (2I,4I1f.) auch
vor
seinem
Sohn" nicht haltmacht. Der Evangelist entwirft du Bild des
prophetenfeindlichen Israel mit Rücksicht auf 23,2911., wo er auf die Pro-
pheten und ihre Mörder zu sprechen kommt, weil ihn wieder die Söhno dieser
Art"
interessieren, die sich hoc loco an den Bolen Jesu vergehon, um du Maß
ihrer Viter an ihnen voll zu machen und 80 die Aufrechnung der ganzen Uno
heilsgeschichte Israels über sich zu bringen. Klar ist auch, daß bei Matthius
Johannes und Jesus nur vom Volk in die Nachbarschaf't der Propheten versetzt
werden (vg\. S. 63f.; anders 6,12; 23,34 von den Jüngem).
Nach 10,611. weist Jesus die Jünger -
für die "Gegenwart" -
als Ver·
H
kündiger der Baaileia an
Israel
(10,7 red. nach Q/Lk. 9,2). Du setzt sich für die
"Zukunft" fort mit der bis zum Jahre 70 ergehenden Sendung der "Knechte";
vgl. 23,34: die Sendung der Boten gehört hier nach dem Kontezt der nach-
österlichen Zeit an. Dieselbe Zeit 1St lür die Knechta von 22,3.4.6 vorauszu·
setzen (Aurtreten der "Knechte" vor dem Ende Jerusalems 22,7). Daß es sich
auch bei diesen
nachÖBterlichen Boten um Zeur.n der kommenden Himmels·
herrschart handelt, zeigt 22, 1 11. als erklärtes asileia·Oleichnis und von der
Seite der spiteren Heiden-Berufung aus 24,14 (
di_
Evangelium vom Reic""
für die Heiden) und 22,11-14, wo die '&v7J, deren Berufung auf die des ver-
worfenen Israel folgt, als unter die Kriterien des kommenden Gerichtes gestellt
erscheinen (22,13f.; vg\. 25,3111.).
'0
88 Israel als Einheit dee B6aen l1,20ff.; 12,31ff. 38ff.) und dekretiert zugleich sein Ende, den
88 Israel als Einheit dee B6aen
l1,20ff.; 12,31ff. 38ff.) und dekretiert zugleich sein Ende, den Unter-
gang
jener
Mörder" und die Ablösung seiner irdischen Hei1sgeschichte
(der Basileia-Berufung) durch das Weiterschreiten der Gottesherr-
echaft zu den Heiden (21,41.43), eine forensische Entecheidung, die
durch 22,7ff. bekräftigt wird und in Erfüllung geht.
Aufs Ganze der Kapitel 21-23 gesehen, gestaltet Matthäus drei
Gänge der Auseinandersetzung Jesu mit Israel, jedesmal eingeleitet
durch
Streitgespräche",
die den Widerstand des Gegners veran-
echaulichen, und beantwortet von ständig sich steigernden Gerichts-
worten und -reden, die Jesu Abrechnung mit Israel darstellen:
21,12--17 I 21,18f. - 21,23--27 I 21,28--22,10 - 22,15---46 I 23,
1-24,2 87 •
MI. 23,2/.5.8-10.15-22.24.26.2'1f."
Das vie\echichtige Sondergut der Weherede läßt an verschiedenen
Wendungen die formende Hand des Evangelisten erkennen. Er ver-
bindet seine disparaten, auch
judenchristlieh"
geprägten Stoffe" mit
dem von ihm selbst Beigebrachten zu einem einzigen, großen, gegen
Israel"
gezielten Komplex 1 Das überlieferte Gut ist für ihn in
Kap. 23 unterschiedslos literari8cAer StoD, der seinen jeweiligen Sitz
im Leben, seine ursprünglich polemieche oder lehrhafte Ausrichtung
innerhalb einer wie immer gearteten kritiechenKontroverse mit dem
J u-
dentum" verloren hat und dafür eine Funktion in der geschriebenen
Geschichte des Evangeliums empfangt. Matthäus gestaltet ihn zu einer
einheitlichen Gerichtsszene in der Begegnung des MeBBias mit Israel
von damals.
Auffallend ist die wiederholte Verwendung des Attributes
für die Repräsentanten:
blind"
(15,14
blinde Blindenführer
blinde Führer
Toren und Blinde
Blinde
blinde Führer
blinder Pharisäer
S)
23,16
S
23,17
S
23,19
S
23,24
S
23,26
S
Man muß annehmen, daß (außer im Falle von 23,26) erst Matthäus
diesen Gedanken der völligen Verfinsterung und
Verständnislosigkeit"
17 Jeden m.er GeapriAlhsginge beschließt Matthäua mit Einheiten, die ak·
tuelle "kirchliche" Lehre vennitteln: 21.2~22; 22,11-14; 24,3-25,40.
11 Zum Sondergut von 23,29 tr. vgl. S. 50 tr.
11 Vgl. Emat Haenchen, Matthiua 23, ZThK 48 (19111) 3~3.
'11 Auch der Einganll'!"bechnitt 23,1-12 ist im Kontext gegen Israel ge.
richtet. Das
ihr
aber' in 23,8 mit den folgenden an die J ÜDger adreaaierten
Logien 23,8--12 ist scharf gegen den dunklen Grund der zuvor charakterisierten
Lehrer abgesetzt.
Du Sondergut 69 der Gegner Jesu in die Texte eingeführt hat. Nach 11,25ft". und 13,
Du Sondergut
69
der Gegner Jesu in die Texte eingeführt hat. Nach 11,25ft". und 13,
10-17 darf jedoch "blind" als angemessenes und folgerichtiges Epi-
theton für die verstockten Opponenten gelten: Denen, die mit sehen-
den Augen nicht sehen, verwehrt Jesus selbst das "Licht"101.
Ebenso häufig ist das ö7C6xpLa~-Motiv:
(6,2.5.16
die Heuchler
S)
(24,51
die Heuchler
S)
(15,7
Heuchler
(22,18
Heuchler
23,13
Heuchler
nach Hk. 7,6)
nach Hk. 12,15)
S-Q
23,15
Heuchler
S
23,23
Heuchler
S-Q
23,25
Heuchler
S-Q
23,27
Heuchler
S
23,28
voll Heuchelei
S
23,29
Heuchler
S-Q
Dieses Thema der Heuchelei hat der Evangelist in Hk. 7,6; 12,15
vorgefunden. Die konsequente Anwendung der Anredeform ist sein
Werk. Anders als bei der Blindheit der Repräsentanten bemüht sich
Matthäus in unserem Text um eine interpretierende, "sachliche" Be-
schreibung ihrer Heuchelei, wobei er die Vokabel entbehren kann.
Zunächst charakterisiert er die "Schriftgelehrten und Pharisäer"
durch sein Sondergut 23,2f. 101 als Leute, die "es sagen und nicht tun",
was er mit 23,4 (aus Q; Lk. 11,46) kommentierend fortführt. Dann
schildert er sie mit Farben der ihm vorgegebenen Stoft"e 6, 1-4.~8.
16-18 (vgl. besonders 6,2.5.16): Alle ihre Werke tun sie, um von den
Menschen gesehen zu werden; eine These, die er wieder erläuternd
ausbaut (23,5b-7)l03. Nach solcher Qualifizierung der Autoritäten-
die Heuchelei ist ihr Wesen: alle ihre Werke tun sie "vor den Leuten"
- kann er sie in den folgenden, das einzelne geißelnden Weherufen
mit dem stereotypen "Heuchler" bedenken. Diese Peitschenhiebe
sind mit 23,2ft". grundsätzlich "erklärt".
Der redaktionelle Vers 23,33 spricht vom "Gericht der Hölle" für
die Söhne der Prophetenmörder, die Repräsentanten (vgl. 8,12). Ein
101 13.10ff.: Gott: l1,25f.
'0. An 23, 3 intereeaiert den Redaktor beoonders die SchluJlthese. 23,310 kann
er mit aufnehmen, weil es rur ihn keine aktuelle Bedeutung mehr besitzt (23,
S fF.: die Jünger stehen unter dem einen Meisterl) und auch sonst durch Logien
und Logienkompositionen der redaktionellen Arbeit kriftig paralysiert ist (12,
33-35; 15,1' blinde Blinderuuhrer; vorherrschendes Thema UD &eIben Kapitell
Bosheit der Lehrer 22,lliff.; ihreUnkenntnia der Schrift, vgl. 8.63; Warnung
vor ihrer Lehre
16,5-12 I).
'0. 23,510 red. Zu 23,6f. vgl. MIt. 12,3Sf.; Lk. 20,'6.
70 Israel als Einheit des Bösen verwandtes Motiv enthält das Sondergut von 23,15. Hier heißt
70 Israel als Einheit des Bösen
verwandtes Motiv enthält das Sondergut von 23,15. Hier heißt ea, die
Schriftgelehrten
und Pharisäer" machten aus ihrem Proselyten ein
Kind
der Hölle", zwiefach schlimmer als sie selbst. Grellere Farben
hätte der Evangelist bei seiner Darstellung der Verlorenheit Israels
nicht auftragen können.
Mt. 26,64
Zum matthäischen
Sondergut"
gehört auch die Wendung 7tA~V
ACy61 ÖILLV, die noch in 11,22.24 begegnet, wo sie zur Einleitung von
Gerichtsworten dient10&. Im parallelen Markus-Text 14,62 geht dem
apokalyptischen Wort das Bekenntnis Jeau zu seiner Messianität
voraus: Ich bin ea. Hier
erscheint der zweite, durch xat( bei-
geordnete Teil der Antwort Jeau als Bekräftigung und Beatätigung
dea ersten Teilea"I01. Jesu irdische Messianität beateht zu Recht, wird
mit letzter Autorität und Würde versehen durch seine Rolle als künf-
tiger Menschensohn. Bei Matthäus ist das
Messiasbekenntnis"
nicht
mehr direkt, als blankes, die Alternativfrage beantwortendea Ja,
sondern als nachträgliche Zustimmung zu einer das Ja schon ent-
haltenden These formuliert: Du hast es gesagt - als hätte der Hohe-
priester zuvor schon einen kräftigen Indikativ gesetzt. Für Matthäus
muß sich Jesus von Israel nicht nach seiner Messianität fragen lassen.
Der Vertreter Israels muß sie selbst
bekennen",
und Jesus braucht
seine Worte nur aufzunehmen: trl. et7tct~. Durch 7tAijV ACy61 ÖILLV hebt
der Evangelist das Folgende kräftig von der vorausgesetzten These
und dem bejahenden trl. Er7tct~ ab: Du hast es geaagt, doch ich sage
Von nun an, im Blick auf seine nachösterliche Zukunft, ist
Jeaus nicht mehr der (heilbringende und fordernde) Messias Israels,
sondern sein Richter. Das matthäische Sondergut vom künftigen
Menschensohn weist den
Himmlischen"
klar als Richtergestalt aus
(13,41f.; 16,27; 25,311[101). Abgesehen von der konkreten Textgestalt
ist es auch von dorther geboten, das den Menschensohn-Spruch 26,64
einleitende 7tA~V Aty61 ÖILLV nach 11,22.24 zu interpretieren. Mit
26,64
sagt sich der Messias Israels seinem unnachgiebigen, ihn zum Tode
fordernden Volk als künftiger Gerichtsherr und Rächer &n.
Mt. 27,3-10
Karl Ludwig Schmidt sagt:
Die
hier eingeachobene, nur Matth.
27,3ff. eigene Erzählung vom Ende des Judas, der seine Tat bereut,
, Ohne Parallele auch 11,24. In 11,22 nach Q/Lk. 10,14 (7tAilv ohne >.ty
u",iv).
Im aelben Sinne <i",iJv >.ty
('""v
10,15 nach Q/Lk. 10,12 (At-(
('''''v).
Ahnlich 18,7 7tAiJV 0(,
1
~;;; <iv&p':'7t<e>, wieder nur
bei Matthäu8.
, Trilling, Du wahre Israel 86.
101 Auch das Zitat aua Sach. 12,10ff. in 24,30 (gegen Mk. 13,26) macht auf
die drohende richterliche Gewalt des kommenden Menschensohnes aufmerksam.
Das Sondergut 71 scheint den Sinn zu haben, daß der Jude, der den Stein ins
Das Sondergut
71
scheint den Sinn zu haben, daß der Jude, der den Stein ins Rollen
gebracht hat, die jüdischen Oberen an der Übergabe Jesu an Pilatus
hindern will. Es zeigt sich, daß deren Entschluß unerschütterlich fest-
stehtl 07 ". Damit ist Richtiges gesehen. Doch verbietet der Text den
Gedanken, Judas wolle der Auslieferung Jesu entgegentreten. Jesus
ist nach 27,2 schon in die Hände des Statthalters übergeben, vgI. 27,3:
Judas sah, daß Jesus verurteilt war (aar. pass.). Das Rad des Ver-
derbens Jesu ist längst im Rollen. - So machen 27,3f. darauf auf-
merksam, daß die Autoritäten auf dem Weg zum Tode Jesu, den sie
betreten haben, weiterzuachreilen gewillt sind. Es ist, als würde ihnen
durch Reue und Zeugnis des Judas ein dringliches
Halt!
Laßt ab!
Unschuldiges Blut!"l08 zugerufen. Doch sie hören diese Mahnung
nicht, wie sie sich auch durch den ihnen in den Weg tretenden Pilatus
(27,15ff.) nicht von ihrem Lauf abbringen lassen. Der Tod Jesu ist für
die Repräsentanten beschlossene Sache. Sie beschäftigen sich mit den
Silberlingen des Verräters, nicht mit seinen Worten.
Damit ist der Reichtum der Beziehungen noch nicht erschöpft.
Judas bekennt den Oberpriestern und Ältesten: Ich habe gesündigt
und unschuldiges Blut verraten. So eröffnet der Verräter die Reihe
der Unschuldszeugen Jesu, in die sich noch das Weib des Pilatus mit
ihrem
Habe
nichts mit diesem Gerechten zu schaffen!" (27,19) und
Pilatus selbst stellen wird, der das Volk fragt, was Jesus denn Böses
getan habe (27,23; vgI. 27,18) und sich öffentlich und in aller Form
von der Schuld am Tode Jesu distanziert (27,24). Auch Jesu eigenes
Zeugnis gehört hierher. Er weist die Anschuldigungen der Gegner nicht
anders als den Einwurfdes Statthalters (von 27,13) mit majestätischem
Schweigen ab - beredter Ausdruck seiner Unschuld (27,12.14).
In der Antwort der Autoritäten auf die Worte des Judas liegt ein
weiterer beziehungsreicher Zug der Erzählung. Die Oberpriester und
Ältesten stoßen die Schuld auf Judas zurück (27,4): Was geht es uns
an? Siehe du zu! Sie weisen jede Solidarität mit dem Vergehen des
Verräters von sich, der unter seiner einsamen Last zerbricht, nachdem
er die Silberlinge in den Tempel geschleudert hat (27,5). Es leidet
keinen Zweifel, daß der Evangelist mit diesen Versen sein Sondergut
von 27,24f. vorbereitet, das als Kontrast-Bild zu 27,4f. verstanden
werden muß. Hier ist es der Statthalter, der seine Hände in Unschuld
wäscht. Hier wendet sich das aU ISIjIn von 27,4 mit geballter Kraft
gegen die Repräsentanten und das mit ihnen identische Volk: Sehet
ihr zu I Ihr seid die Schuldigen! Worauf das ganze Volk die Last "seines
107 Der Todesprozeß des Messias J esua, J udaica 1 (1945) 1-40, 34.
'01 Etwas einseitig Lohmeyer 375:
Diese
Worte, wie das Zurückbringen des
G.eldes, haben nur de?, einen Zweck, das Geechick, das des Meisters wie das
eigene, zu wenden
72 Israel als Einheit des B6een Blutes" auf sich nimmt. Die Autoritäten sind also mit
72 Israel als Einheit des B6een
Blutes" auf sich nimmt. Die Autoritäten sind also mit Judas solidarisch.
Das "unschuldige Blut", das er verraten hat, klebt auch an ihren
Händen.
Auch die auf 27,4f. folgenden Verse zeigen, daß die Oberen Israels
ihrer Schuld am Blute Jesu nicht entgehen können. Sie gestehen sie
wider Willen ein, ja, sie setzen der Schmach des Verräters und ihrer
eigenen Blutschuld ein bleibendes Denkmal. Sie konstatieren, daß die
dreißig Silberlinge nicht für den Tempelschatz taugen, "weil es Blut-
geld ist" - von ihnen ausgegangen zum Verrat, zu ihnen zurückge-
kommen zum Zeugnis wider sie. Sie fassen Beschluß über dieses Geld,
und der Acker des Töpfers, den sie dafür kaufen, heißt "Blutacker"
bis auf den heutigen Tag, womit die prophetische Weissagung erfüllt
ist. "So kam es, daß das Andenken an die Schuld des Verräters, die
ja zugleich die Schuld Israels war, in JerusaIem nicht verschwand"
(Schlatter)lOl. Es ist offenkundig, daß Matthäus mit 27,3--10 seine
negative Darstellung Israels als des verwerflichen Gegenübers Jesu
fortsetzt.
Mt. 27,51-54
27,51a übernimmt der Evangelist aus MIt. 15,38. Was am Tempel
geschieht, gehört für ihn mit anderen Ereigni88en zusammen, von denen
sein Sondergut berichtet, mit dem aE:LaIl6~ der Erde, den zerspaltenen
Felsen 110 und geöffneten Gräbern - mit Geschehnissen von Gott
&Iso111, die seinem Auferweckungshandeln an den Leibern der ent-
schlafenen Heiligen gewaltig-zeichenhaft vorausgehen und es vor-
bereiten lll , vgl. 28,2, wo der aE:Laj.L6~ die (nicht direkt beschriebene)
Auferstehung Jesu einleitet. Auf diese "eschatologischen" Akte Gottes
folgt, daß die Heiligen nach der Auferweckung Jesu aus ihren Gräbern
hervorkommen, in die Heilige Stadt gehen und vielen erscheinen
(27,53) - als die ersten Zeugen des Auferstandenen, wie man zu er-
gänzen hat. Die ~pa~ Jeau ist ja der terminus a quo ihres Hervor-
tretens; und die Erscheinungen der Erweckten lösen (mit) das ckri8to-
logi8cke Bekenntnis der Heiden aus, für das nach 27,54 alle die ge-
schilderten Begebenheiten vorauszusetzen sind: Als aber der Haupt-
mann und die (Soldaten), welche mit ihm Jesus bewachten, das
Erdbeben und d48 G~ sahen, fürchteten sie sich sehr usw. Das
Bekenntnis der Heiden zur Gotte88ohnschaft Jesu entzündet sich somit
'01 Erläuterungen I 403.
111 x"l "I "'~P"L iax1alhja"v steigert daa Motiv des Erdbebens und leitet zu
ul ~ci 1''''11'''''' civ.c;,xlhja
über.
m Vgl. Lohmeyer 395, der erklärt,
daß als der ungenannte Urheber all
dieses Geschehens Gott selbst gedacht wird, wie daa Paasivum verrät."
111 Mit Schmid RNT 374:
noch als Folge des Erdbebens
auch die Öffnung der Gräber wird man
verstehen mÜB88n."
Du Sondergut 73 nicht am Tode Jesu wie beim Centurio von Mk. 15,39 118 (!3~v
Du Sondergut
73
nicht am Tode Jesu wie beim Centurio von Mk. 15,39 118 (!3~v
ML
oih61C; t~E7tllEU(WI),sondern am Auferstehungshandeln Gottes mit seinen
vorlaufenden Zeichen und an den Erscheinungen der erweckten Hei-
ligen. Nicht vom Kreuz, sondern von "Ostern" her bekennen sie:
Dieser ist wahrhaftig Gottes Sohn gewesen. Die Bemerkung Mk. 15,39
von dem Hauptmann, "der ihm gegenüber in der Nähe stand", fällt bei
Matthäus fort. Doch gehören auch hier der Centurio und die Wächter
nach dem Kontext zur Kreuzigungsgruppe (27,45--50.55f.). Gleich-
wohl ist durch 27, 51ff. "Ostern" (mit der Auferstehung Jesu nach
drei Tagen 27,63) als schon präsent in die Szene eingeblendet. Es ist
sozusagen vorverlegt, damit der Glaube der Heiden als Oslerglaube ver-
ständlich werden kann. Auch wird jetzt deutlich, mit welchen Er-
eigniBBen der Tempel aufgehört hat, Stätte der Gegenwart Gottes zu
sein. Der Vorhang ist zerriBBen, Gott begegnet nun in der Auferweckung
der Heiligen und (nach Jesu fyEpaLC;) in den entsprechenden Er-
scheinungen. Der alte Kult Iaraels ist ausgelöscht, Gottes Gegenwart
ist seine Gegenwart von Ostern. Doch ist dies, aufs Ganze des Textes
gesehen, nur ein Nebenmotiv. Der Evangelist will mit seinem legen-
dären Stoff primär den Glauben der Heiden als ("proleptischen") Oster-
glauben schildern und so einen tröstlichen Anblick schaffen, damit im
folgenden das krasse Gegenbild der massiven Auferstehungsleugnung
durch Israel um so abstoßender vor Augen tritt (27,62-66; 28,11
bis 15): auf diesen Kontrast hin ist 27,51ff. angelegt. Seht die Heiden,
sie bekennen den Gottessohn auf Grund von Erdbeben und Er-
scheinungen der Heiligen. Iarael glaubt nicht einmal, wenn der Engel
des Herrn vom Himmel niederfährt und das leere Grab die Auf-
erstehung ausweist. Auch Schlatters Bemerkung zum Text ist zu er-
wähnen: "Es geht am Schluß des Lebens Jesu wie am Anfang"lU. Die
Heiden huldigen dem König der Juden, während Israel ihm nach dem
Leben trachtet. Die Heiden bekennen seine GotteBBOhnschaft, doch
Iarael befehdet ihn über das Grab, ja über die Auferstehung hinaus.
Mt. 27,62~6; 28,11-15
Zunächst zeigen diese legendären Stücke, daß die Repräsentanten
laraels auf ihrem Weg des "Messiasmords" auch zum Kampf gegen den
Auferstandenen entschlOBBen sind. Der König Iaraels gilt ihnen als
"jener Betrüger" (27,63). Da er nun tot ist, könnten die Jünger
kommen, ihn stehlen und sagen, er sei von den Toten auterweckt
worden. So würde "der letzte Betrug schlimmer als der erste" (27,64).
Als Gott die Anschläge der Autoritäten zunichte macht, geben sie sich
nicht geschlagen. Sie verwandeln die Wahrheit der Auferstehung, den
111 Hier steht der Hauptmann gegenüber Mt. 27,54 noch allein.
'" Erläuterungen I 414f.
74 Israel als Einheit des Bösen Bericht der Grabeswächter von "allem, was geschehen war" (28,11)
74 Israel als Einheit des Bösen
Bericht der Grabeswächter von "allem, was geschehen war" (28,11) in
die Lüge vom Diebstahl der Jünger. Kann man ihn auch nicht im
Grabe halten, wird der Lebendige doch von Israel "mit Geld begraben"
(28,12), um es kraß zu sagen. Wieder fassen die Repräsentanten einen
Beschluß (28,12; vgl. 26,4; 27,1), ihren letzten und schrecklichsten,
der die Auferstehung - als "Lehre" Israels (28, 15a)! - zum üblen
Trick erniedrigt, wofür es bis heute Zeugen gibt: Und diese Rede ver-
breitete sich unter Juden bis auf den heutigen Tag (28,15b). Es gilt,
die Funktion dieses Schlusses innerhalb der Einheit 28,l1ff. zu be-
denken. 27,8 liefert einen wichtigen Hinweis zum Verständnis. Auch
in der Perikope vom Ende des Judas erscheint der Gedanke an ein "bis
heute" wirkendes Wort. Hier ist, wie gesagt, der Name jenes "Blut-
ackers" das bleibende Dokument für Israels Schuld am Tode Jesu. So
ist auch der A6'Y0~ vom Betrug der Jünger, der bis heute unter Juden
im- Schwange geht, das unverrückbare Denkmal der Gegenwart für
Israels einstigen Kampf gegen die Auferstehung. Auch mit 28,15b
arbeitet Matthäus an seinem Bild der zurückliegenden Geschichte
Israels. Gewiß deutet der "unendlich fern klingende Ausdruck ,bei
Juden"'115 auf den tiefen Graben, der den Evangelisten zu seiner Zeit
von "solchen, die Juden sind" 118 trennt. Doch wird man die schmale
Notiz nicht so verstehen dürfen, als wolle Matthäus seine eigenen Zeit-
genossen ll7 , die "Juden", in sein Urteil über "dieses Geschlecht" von
ehedem einbeziehen. Strecker verweist im Zusammenhang unserer
Stelle mit Recht auf die Geschichts-Anschauung des Evangelisten:
"Nicht mehr von Israel
ist die Rede, sondern die ,Juden' erscheinen
als ein Volk unter anderen"118. Als heilsgeschichtliche Größe der
Basileia-Berufung gehört Israel bei Matthäus der Vergangenheit an:
berufen und zu Fall gekommen in der Begegnung mit seinem Messias.
Was nun folgt, ist nicht mehr Israel- die "Juden", ein Phänomen,
über dessen heilsgeschichtliche Bestimmtheit dem Matthäus-Evan-
gelium nichts zu entnehmen ist. Es tritt nur in 28,15 b in das Blickfeld
der Betrachtung llt , flüchtig und nicht um seiner selbst willen.
111 Lohmeyer 411.
111 Schlatter, Evangelist 797. Zu 'Iou3~lo,~ ohne Artikel vgl. F. Blass -
A. Debrunner, Grammatik des neutestamentlichen Griechisch, 9. Auft.
§ 262; Strecker 117, Anm. 1.
1954,
117 Trilling 79.
"" Gegen Strecker 30ft'.;
"" A.a.O. 116C.
11 7.
III. DIE HEIDEN IM MATTHÄUSEVANGELIUM Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung, das "Israel" des
III. DIE HEIDEN IM MATTHÄUSEVANGELIUM
Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung, das "Israel" des
Matthäus-Evangeliums als Einheit des Bösen, handelnd dargestellt
durch seine Repräsentanten, endgeschichtlich verloren und mit dem
Untergang JerusaIems heilsgeschichtlich abgetan - diese Ergebnisse
legen es nahe, nun die l&vtj-StofFe des Matthäus-Evangeliums daraufhin
zu befragen, ob in ihnen das heilsgeschichtliche Thema fortgeführt
wird. Daß Matthäus nicht nur an Israel als dem Adressaten der
Basileia-Berufung interessiert ist, sondern auch die Heiden in das
Zentrum seiner Darstellung rückt, bedarf keines detaillierten Nach-
weises. Es gilt jedoch darzutun, wie Matthäus das Verhältnis der beiden
Größen "Israel" und "Heidenwelt" im einzelnen bestimmt, welche
heilsgeschichtliche Anschauung er auf dem Hintergrund der "er-
ledigten" Heilsgeschichte Israels mit dem Komplex der Heiden in
seinem Evangelium verbindet. Die Untersuchung ist wieder an den
Markus- und Q-StofFen sowie am matthäischen Sondergut durch-
zuführen.
1. Die Markua-8toDe
Mt. 4,12-17/MIc. 1,14/.
Ferdinand Hahn bemerkt zur Stelle: "Schon im Zusammenhang des
ersten öffentlichen Auftretens Jesu wird in dem Reflexionszitat Mt. 4,14
unter anderem von dem rotALActlot Tidv l&vidv gesprochen und zeigt sich
das grundsätzliche OfFensein der Botschaft Jesu für die Völker"1. Es
ist vom Kontext her kaum wahrscheinlich, daß Matthäus mit "GaIiläa
der Heiden" schon über Israel hinaus auf die Heidenwelt deuten will.
Er kommt vor 4,15 auf Jesu Umsiedlung von Nazareth nach Kaper-
naum zu sprechen (fehlt bei Markus wie das ganze Reflexionszitat),
nach der Stadt am See im Gebiet von Sebulon und Naphthali, wie mit
Rl'dll.C'ht gl'SA.gt wird (4, t3). J6IIUS bllfindflt sich alsl) anf genuin "isr&fl-
Iitischem" Bodeni. Das folgende Jesaja-Zitat fügt dann dem "Lande
Sebulon und Lande Naphthali" den ö80v &otAliaa1l~und das Gebiet jen-
1 Das Verständnis der Mission im Neuen Testament, WMANT 13,1963,109.
• Kapemaum ist im matthiischen Sinne wie Chorazin und Bethaaida eine re-
präsentative Stadt "Israels", vgl. die Stellung von 11, 20ft". hinter 11,16ft". und die
redaktionelle Notiz 11,20.
76 Die Heiden im Matthiusevangelium seits des Jordans hinzu. Nach 4,25, wo der Evangelist den
76 Die Heiden im Matthiusevangelium
seits des Jordans hinzu. Nach 4,25, wo der Evangelist den geo-
graphischen Bestand Israels umreißt (vgl. 3,5) und wieder das Stich-
wort ,"pot" TOU 'Iop3ci"ou benützt, handelt es sich auch bei der Region
"jenseits des Jordans" um erklärtes Israel-Land. Ebenso soll der in
4,15 folgende Terminus "Galiläa der Heiden" nicht nach außen weisen,
sondern eine weitere Gegend Israels in die Betrachtung einbeziehen;
vgl. wieder 4,25, das auch Galiläa zu Israel zählt·. Vers 4,16 charak-
terisiert alle die genannten Gebiete in derselben Weise: das Volk sitzt
im Finstern und wohnt im Lande des Todesschattens, über dem nun
der König Israels als das große Licht aufgeht. Der Text steht in einer
Linie mit 9,36. Das verlorene "Israel", zu dem auch das Galiläa der
Heiden gehört, erfährt das Heil seines Messias. Somit gehört 4,15
streng zur Israel-Darstellung des Evangelisten. Hahns Ausweitung des
Textes in Richtung auf die Völkerwelt ist abzulehnen.
Mt. 8,28-34/Mk. 5,1-20
Anders als Markus versteht Matthäus die Gadarener-Perikope nicht
mehr unter dem Gesichtspunkt der Heidenwirksamkeit Jesu. Sie emp-
fängt von ihrem Rahmen her eine klare Ausrichtung auf "Israel", da
in der Absicht des Evangelisten alles zwischen 4,23 und 9,35 Be-
richtete die fordernde und heilvolle Hingabe des Messias an Israel dar-
stellen soll (vgl. S. 33f.). An "Heiden" ist nicht mehr gedacht. Matthäus
unterdrückt die markinische Notiz von der Predigt des Geheilten in den
(heidnischen) Zehn-Städten (Mk. 5,l9f.). Die Vorstellung des subjek-
tiven Kerygmas, die Heidenpredigt eines einzelnen (von dem, was der
Herr an ihm getan hat usw.), tilgt er zugunsten seiner Anschauung von
den als heilbringende Verkündiger der Basileia an 18f'fU!1 gewiesenen
Jüngern (Kap. 10). Auch gehört für ihn die Dekapolis, wie 4,25 verrät,
zum Bestand "Israels". So trägt 8,28-34 zum Thema der Heiden im
Matthäus-Evangelium nichts bei.
Mt. 10, 17-22/MIc. 13,9-13
Matthäus folgt in seiner Darstellung der Begebenheiten vor dem
Ende ab 24,9 nicht mehr dem Markus-Text. Er hilft sich mit einigen
von ihm selbst formulierten (24,9.14 frei nach Mk. 13,9.13/10), als
Sondergut eingebrachten (24,10-12) oder den Markus-Text wieder-
holenden Sätzen (24,13 = 10,22bfMk. 13,13b) und rückt das auf die
Verfolgung durch Israel gemünzte Wort 13,9' mit seinem Anhang
13,11-13 aus dem Horizont des 24. Kapitels, um alles im Zusammen-
hang der Missionsrede des 10. Kapitels unterzubringen. Daraus ist zu
• VgI. auch das S. 33f. Ausgeführte.
• Es sieht freilich auch schon auf die Verantwortung vor MidnUchen Ge·
richten: Statthalter und Könige.
Die Markus.Stoffe 77 schließen: die Verfolgung durch Israel gehört für ihn nicht mehr zur Situation
Die Markus.Stoffe
77
schließen: die Verfolgung durch Israel gehört für ihn nicht mehr zur
Situation der Jünger vor dem Ende, die an die Heiden gewiesen sind
(vgL 24,9b.14; 28, 18ff.); sie ist eine Angelegenheit ihrer Israel-
Sendung zu den Lebzeiten Jesu, die der des Meisters selbst entspricht
(vgL S. 60ff.). Mk. 13,9ff. ist für Matthäus innerhalb seines neuen
Rahmens zu einem "zurückliegenden" Israel-Text geworden. Gleich-
wohlläßt er sich in 10,18 den schon mit dem Markus-Text gegebenen
Hinweis auf die Heidenwelt nicht entgehen:
und ihr werdet um
meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und
den Heiden zum Zeugnis6. Hier wird deutlich, daß der Evangelist die
exklusiv auf Israel bezogene Sendung der Jünger (10,5f.) durch eine
vom Standpunkt des Textes aus künftige Phase der heilsgeschicht-
lichen Entwicklung überholt sieht. Was in strenger Ausschließlichkeit
mit Israel beginnt und woran Israel zu Fall kommt, bleibt nicht auf
Israel beschränkt; es gilt - nach Israels Ausscheiden aus der Heils-
geschichte, wie man zu ergänzen hat - auch für die Heiden s. Sie sind
(als Adressaten der Basileia-Berufung) die heilsgeschichtlichen Erben
Israels. Auf diesen Prozeß der Heilsgeschichte "Israel und (dann) die
Heiden" will das redaktionelle x«t TO'C~ llhEaLv aufmerksam machen.
Mt. 12,15-2J7/Mk. 3,7-12
Der Evangelist übernimmt aus Mk. 3,7ff. verschiedene modifizierte
Züge (3, 7.10a.12): Die Flucht Jesu- auf den Todesbeschluß der Pha-
risäer hin (12,14/Mk. 3,6), die Heilung der Nachfolgenden und Jesu
Gebot, ihn nicht offenbar zu machen. Dem läßt er das durch 12, 17 ein-
geleitete Reflexionszitat 12,lS--21 folgen (Jes. 42,1-4), das zweimal
von den Heiden spricht. Nimmt man den Wortlaut von 12,17 ernst
und vergegenwärtigt sich seine formelhaften Parallelen in 1,22;
2,15.17; 4,14; 8,17; 13,35; 21,4; 27,9, kann man den Text nur 80 ver-
stehen, daß "das vom Propheten Jesaja Gesagte" als im irdischen
Leben Jesu erfüllt zu gelten hat 8 • Jesu Handeln ist die Erfüllung der
• Mk. 13,9 hat nur
ihnen
zum Zeugnis" (zum Sinn des Ausdrucks vgl.
Trilling 127ff.), zielt also mit
ihnen"
auf die den
jüdischen"
und heidnischen
Gerichten"
des Textes entsprechenden Adressaten. Matthäus macht dem·
gegenüber
ihnen"
zum Sammelbegriff für
Israel"
und stellt dem sein redak·
tionelles und weiterführendes
und
den Heiden" zur Seite. Damit faßt er das bei
Markus indirekt Ausgesprochene in klare Worte und gibt ihm einen program·
matischen Akzent: Adressaten des Jüngerzeugnisaes sind Israel und (dann) die
Heiden.
• Nach Hahn a.a.O. 108
ist in c. 10 die historische Situation transparent
~emacht f'Ur die Mission der Jünger in der Zeit nach Jesu Auferstehung." Damit
1st Richti$e8 gesagt, doch daß
alle
grollen Reden des Evangeliums unmittelbar
der Gememde gelten", ist sehr pauschal geurteilt, vgl. 10,Of.23.25; 13,10--15;
23,13-24,2.
,
Vgl. S. 132.
• Gegen Hahn a.a.O. 110, der an eschatologische Erf"ullung bei der "Voll.
endung des Aons" denkt.
78 Die Heiden im Mattbäueevangelium Jesaja-Prophetie, durch ihn widerfährt den Heiden du Heil des Gottes-
78 Die Heiden im Mattbäueevangelium
Jesaja-Prophetie, durch ihn widerfährt den Heiden du Heil des Gottes-
knechtes, wobei die Einzelzüge des Zitats im vorlaufenden Geschehen
nicht realisiert zu sein brauchen; Matthäus kommt es nur auf den
Grundgedanken an. Es ist nicht zulässig, aus dem Zitat eine will-
kürliche Auswahl zu treffen '. Es spricht unzweideutig vom Heiland der
Heiden, als der Jesus, von Israel mit dem Tode bedroht, in der ent-
sprechenden Zurückgezogenheit und in selbstgewählter Verborgenheit
wirkt und du prophetische Wort erfüllt: du markinische Gotteseohn-
Geheimnis ist an unserer Stelle abgelöst durch du matthäische Heiden-
Heilands-Geheimnis, vgl. du Fluchtmotiv 12,15 und du Geheimnis-
gebot 12,16. Wichtig ist im Zusammenhang, daß der Evangelist auch
im vorausgehenden und nachfolgenden Gang der Auseinandersetzung
Jesu mit Israel (11,16-30; 12,22-50) durch die jeweiligen Schluß-
texte 11,25-30 und 12,46-50 auf die positiven "Gegenbilder" zeigt,
die für die Zeit Jesu an die Stelle des verruchten Israel treten (vgl.
S. 52.55). Nach der dort waltenden Programmatik der redaktionellen
Kompositionsarbeit wird auch 12,16-21 im Konnex mit 12,1-14 zu
beurteilen sein. Schon im irdischen Leben Jesu für Israel (15,24) geht
du Heil in aller Verborgenheit zu den Heiden. Israel will den Tod
seines Königs, doch er erweist sich auf der Flucht vor Israel in tiefer
Verhüllung allen Elenden lo als endzeitlicher Erfüller der Välker-
weissagung. Wo Israel seinen Messiu befehdet (vgl. 12,2.10.14), ist ER,
zw'Ückgezogen und verborgen, Bchon bei Lebzeiten eben das, wu er
hel1laeh in aller Öffentlichkeit sein wird: du Heil der Heiden (vgl.
27,54). TriJling urteilt: "Beide Male (Ve1's 18.21) ist ~&VI) ••• , im Sinne
des (matthäischen) Universalismus zu fassen'"11. Der demütige
Knecht bringe Wahrheit, Recht und Hoil für alle. Doch wu heißt an
unserer Stelle "matthäischer Universalismus'" Wenn der dunkle
Hintergrund für d&a Heil der Heiden die notorische Bosheit (und end-
gültige Verwerfung) Israels ist (12,10.14; vgl. 11,20ff.; 12,22ff. usw.),
kann Ta l!&VI) nur im strengen Sinn eines Kontrutbegrift'es gebraucht
sein und- unter Ausschluß "Israels" - allein auf die Heiden gehen1
Me. 18,6-9/Mk. 9,420.
An den Spruch vom Ärgernis für die "Kleinen" (18,6/Mk. 9,42) fügt
Matthäul! du Logion 18,7 an (Sondergut) : Wehe der Welt der Ärger-
• Gegen Schmid RNT 209: Matthäua nehme auf den Hauptgedanken des
zitierten Abschnitts, die Aufgabe, die der Gotteeknecht an der Välkerwelt, den
Heiden, zu erf'lillen habe, keine Rücksicht und denke vor allem an seine Stille
und Bescheidenheit. - 12,18bff. ist nach der Gotteeknechtepridikation 12,I8a
unverkennbar durch die doppelte Klammer der Heiden.Aussage in 12,I8b und
12,21 zusammengehalten und bekommt von dorther sein Gepräge. Matthäus
nimmt das Zitat nUJ' um seines "Hauptgedankens" willen auf.
1.
12,15b; Mk. 3,10& "er heilte viele". 11 A.a.O.127.
11 Zu der Heidin in 15,21-28 vgl. 8. 60, Anm.65.
Die Markus· Stoffe 79 nisse halben "Welt" steht hier im Sinne von "Menschenwelt" wie 5,14;
Die Markus· Stoffe
79
nisse halben
"Welt" steht hier im Sinne von "Menschenwelt" wie
5,14; 13,38 (auch matthäisches Sondergut, vgI. 26,13 = MIt. 14,9)13.
Für unser spezielles Heiden·Thema trägt die Stelle nichts aus. Zu-
sammen mit ihren Sondergut.Parallelen zeigt sie jedoch, daß der Ra·
dius der Weltbetrachtung im Matthäus.Evangelium längst über
"Israel" hinausgreift und "kosmische" Ausmaße angenommen hat.
Die Kosmos·Stellen sprechen pauschal für die "universale" Weite der
Perspektive, ohne in die besondere heilsgeschichtliche Schau des
Evangelisten einbezogen und von ihr her präzisiert
zu sein 1&.
Mt. 21,33-l6/Mk. 12,1-12
Das Gleichnis von den bösen Weingärtnern wirft mit seinen Versen
21,41.43 hinsichtlich der heilsgeschichtlichen Konzeption des Mat-
thäus·Evangeliums eine Reihe von Fragen auf, die ausführlicherer Er-
örterung bedürfen.
In Vers 21,43 begegnet ein eigenartiger Begriff' von ßataW:(at TOÜ &coü:
die Gottesherrschaft wird von euch genommen werden
Voraus-
setzung des Satzes ist, daß die Basileia Israel geschichtlich "gegeben"
wurde. Dementsprechend kann sie nun im Falle der Unfruchtbarkeit
Israels "geschichtlich" auf ein "fruchtbringendes Volk" übergehen.
Damit ist die streng eschatologische Ausrichtung des Begriffs, wie sie
19,24; 21,31 vorliegtl&, aufgegeben. - In welcher Weise hat man sich
die Gottesherrschaft als in der Geschichte "Israels" anwesend zu
denken? Für C. G. Montefiore, der sich an Box anschließt, bedeutet
"Gottesherrschaft" sub specie historiae die jüdische Theokratie mit
ihren Privilegien des auserwählten Volkes l '. Nach Johannes Weiß
ist hier daran gedacht, daß in dem Volk Israel, das nach dem
Gesetz Gottes lebt, die Herrschaft Gottes in gewisser Weise schon ver-
wirklicht ist"l7. Wilhelm Michaelis möchte den Begriff "wohl nicht
als das schon vorhandene Reich Gottes", sondern als "Anwartschaft
auf das Reich" interpretieren l8 . Trilling vermag dem nicht zuzu-
11 Vgl. ThWIII 890 (Hermann Saase).
«,,,y
1. Zum Fortfallen von
oi~
~,,,y (Mk. 11,17) in
21,13 vgl. S.66,
Anm.83.
Vgl. 6,33 (textlich unsicher).
" The Synoptic Gospels, 2. Band, 2. Auft.1927, 286. AhnIich Bengt Sundkler,
Jeaus et les paiens, in: Arbeiten und IllitteilunlP.'n aus dem neutest. Seminar zu
Uppsala 6 (1937) 36:
Ies
privileges religieux d Israel"; Rudolf Schnackenburg,
Die Kirche im Neuen Testament, Quaest. Disp. 14 (1961) 66:
die
Vorrechte und
Segnungen
die ihm als Gottes erwähltem Eigentum zustanden und verheißen
waren (vgl. Ex. 19,5f.; Dt. 7,6; 14,2; 26,18)."
17 Die älteren drei Evangelien, SNT I, 3. Auft. 1917, 352.
11 Die Gleichnisse Jesu, 3. Auft. 1956, 123f. Schlatter, Erläuterungen 1323,
denkt
an Israels
Berufung":
Gott
wird es zerbrechen, seine Berufung anderen
geben und die Heiden in sein Reich führen."
80 Die Heiden im Matthäusevangelium stimmen 11. Ihn interessiert die "Kontinuität der Heilsökonomie" :
80 Die Heiden im Matthäusevangelium
stimmen 11. Ihn interessiert die "Kontinuität der
Heilsökonomie" :
"Die ~lXaw(1X TOÜ &cOÜ ist eine das Alte und Neue Testament über-
greifende Größe. Gott hat sie Israel gewährt und wieder entzogen
Wie der alte Träger ein ,Volk' war, ist es auch der neue. So ist mit der
Kontinuität des Reiches auch die Kontinuität eines Volkes Gottes
gegeben"lIO.
Für diese Exegese ist kennzeichnend, daß sie den Begriff der "Gottes-
herrschaft" von einem bestimmten Israel-Begriff her entfaltet, der
sich nicht mit dem des Matthäus-Evangeliums deckt, das nicht aufdas
alttestamentliche (und bis in die Gegenwart reichende) Gottesvolk
mit seinen heilsgeschichtlichen Privilegien, sondern auf "dieses Ge-
schlecht" der Basileia-Verkündigung blickt (vgl. S. 35ft'.). Die Heils-
ökonomie geht hier nicht auf den "alten", sondern auf den "eschato-
logischen" Bund Gottes mit Israel und setzt mit ihm ein (Johannes!).
Matthäus denkt an das Israel der Messi&8Zeit (mit der "Vorzeit" des
Täufers und der "Nachzeit" der Jünger), das selbst das "wahre",
nämlich messianische GottesVOlk 11 der erfüllten Verheißungen ist -
vgl. die Refiexionszitate ll - und im Gang der Heilsgeschichte auf
Grund seines Widerstandes gegen den xlXLp6c; Gottes durch eine andere
heilsgeschichtliche Größe überholt wird. Ist das Gegenüber "dieses
Geschlechts" nicht der "alte" Bundesgott mit Gesetz, Beschneidung
und Tempel usw., sondern der Herr der Basileia in seinen Boten, so
tritt auch der heilsgeschichtliche Nachfolger "dieses Geschlechts"
nicht als "Gottesvolk" mit bestimmten Privilegien und Erwählungs-
zeichen in Erscheinung, sondern wie zuvor Israel selbst als Phänomen
der heilvollen und radikal beanspruchenden Basileia-Gegenwart und
-Zukunft 18. Sie ist das einzige Privileg und Berufungszeichen, das
sich zwischen Israel und seiner Nachfolgegröße durchhält. M. a. W.:
Die Kontinuität der Heilsgeschichte liegt nicht im Volk oder religiösen
"Volkbegrift''', sondern auf der höheren Ebene eschatologischer Er-
wählung - in dem handelnden und berufenden Gott. Das wird durch
11 A.a.O. 62:
Es
geht auch nicht nur um die Anwartschaft auf das Reich
Gottes, um seine Verheißung oder Zusicherung, sondern um die fI""wl" Ta;; &.0;;
selbst."
A.a.O. 65; vgl. 85:
,Reich Gottes' wurde in 21,43 interpretiert als die
Gegenwart, die Anwesenheit Gottes in der Geschichte des Volkes und seiner
gnädigen Heilsführung. Diese Anwesenheit wurde vornehmlich erfahren in der
"
,Stadt des groBen Königs'
, dem Tempel auf Sion
SI Ein Gesichtspunkt, den Trilling übersieht. Von hier aus kommt seine Kon-
zeption von der Kirche als des
wahren
Israel" a limine zu FaU.
I. A,,6r; begegnet in Zitaten: 2,6; 4,16; 13,15; 111,8; vgl. 1,21. Die übrigen
Stellen sind: 2,4; 4,23; 21,23; 26,3.5.47; 27,1.25.64. Zum Sprachgebrauch vgl.
Trillillg 61. Zur Funktion der Reflexionszitate vgl. S. 132f.
SI Der doppelten Gestalt der kommenden Basileia als heilvollen und ver-
derblichen Gerichts entspricht bei Matthäus ihre doppelte gegenwärtige Gestalt
als Heilszuwendung (z.B. 4,23ff.; Kap.8f.; 10,7f.; 11,6; 12,28) und totale
Gotteaforderung (z.B. Kap.li-7; 18; 19,16-26).
Die Markua.Stoft'e 81 4,23; 9,35 und 24,14 bestätigt. Abweichend von Mk. 1,14 (das Evan- gelium
Die Markua.Stoft'e
81
4,23; 9,35 und 24,14 bestätigt. Abweichend von Mk. 1,14 (das Evan-
gelium Gottes) charakterisiert Matthäus in 4,23 und 9,35 das von
Jesus im Gegenüber zu Israel verkündigte Evangelium als
das
Evan-
gelium vom Reich". Ähnlich verfährt er in 24,14 hinsichtlich des von
den Jüngern nach der Ablösung Israels (23,1-24,2 geht voraus!) in
der ganzen Welt zum Zeugnis für die Heiden ausgerufenen Evan-
geliums: sie verkündigen
dieses
Evangelium vom ReicA