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Archimandrit

Sofronij

WORTE
DES GEISTES

WORTE
DES LEBENS

1
Archimandrit Sofronij (Sacharov)

Worte des Geistes - Worte des Lebens

Geistige Aphorismen
Aus dem Französischen ins Deutsche übertragen
und kommentiert von Sr. Mikhaila Petry
Titel der französischen Ausgabe:
De Vie et D'Esprit © Editions Le seI de la teITe 1992

© 2004 der deutschen Übersetzung:


Stavropegic Monastery of St. John the Baptist, Tolleshunt
Knights, by Maidon, Essex, CM9 8EZ, G.B.

Alle Rechte der deutschen Ausgabe vorbehalten


© 2004 Verlag Fluhegg, CH-4057 Basel

ISBN 3-909123-22-7

2
VORWORT

"Wir brauchen Hilfe - nach Gott brauchen wir Menschen, die uns geistige Führung geben", so schreibt Do-
rotheus von Gaza im sechsten Jahrhundert. Mit dem Wunsch, ihre ursprüngliche Berufung zu erfüllen, den
Weg des Herzens zu finden und auf der "göttlichen Leiter" zu Gott hinaufzusteigen, haben Menschen unter
verschiedensten Bedingungen seit den Anfängen des Christentums "Meister" gesucht, die fähig sind, sie auf
dem "schmalen Pfad" des Heils zu führen. Durch viele Jahrhunderte hindurch haben Männer und Frauen auf
der Suche nach einer Weisung, einem Trost oder einer Inspiration jene den Wüstenvätern1 so teure Formel
wiederholt: "Abba2, sag' mir ein Wort."

Als Gabe des Heiligen Geistes ist die geistige Vaterschaft das lebendige Herz der orthodoxen Kirche. Als
goldene Kette der heiligen Tradition hält sie das Bewusstsein in uns wach, dass das Christentum nicht eine
Religion des Buches, sondern eine Offenbarung des Mysteriums der Person ist. Vater Sofronij, lebendiger
Zeuge dieser Offenbarung, unterscheidet in seiner Lehre zwei Arten des Wortes: das Wort als Vermittler und
das Wort als Einheitsstifter Das Wort, das informiert, und das Wort, das inspiriert. Das „psychische“ Wort,
unter Umständen über ein religiöses Thema vermittelt, und das "pneumatische" Wort, Träger des Heiligen
Geistes, jenes fortwährenden Pfingstereignisses - Wesen der Tradition der ungeteilten Kirche, des Leibes
Christi. Das "pneumatische" Wort, Kanal der göttlichen Gnade, ist selten.

Es ist nicht spekulativ, sondern von einem klaren, scharfen dogmatischen Bewusstsein getragen. Theolo-
gisch in seiner tiefsten Bedeutung, ist es nicht Büchern oder theoretischem Wissen entlehnt, sondern ent-
springt einem Leben der Askese und des Gebets, der Kenose3 und der Erfahrung mit Gott. Denn um die Fülle
des Heiligen Geistes, Ursprung jeglichen wahrhaften Wortes, empfangen zu können, muss man sich zuvor
all seiner Leidenschaften und seines Eigenwillens entledigen. Um in die unendliche Stille einzutreten, in der
Gott zu uns spricht und von der aus wir wahrhaft zum Herzen des Anderen sprechen können, müssen wir
den Namen anrufen, der alle Namen beinhaltet - Jesus Christus - und müssen den Intellekt zu dem verbor-
genen Ort im Herzen hinführen.

Man muss durch alle Finsternis seiner eigenen inneren Hölle hindurchgehen, um
wiedergeboren zu werden ins ungeschaffene Licht, das vom Wort, das Fleisch ge-
worden ist, ausstrahlt. Als lebendige Ikonen Christi, als Träger des Heiligen Geis-
tes, der in ihnen spricht, zeugen die geistigen Väter von Ihm durch ihr Beispiel.
Einzig wer sich selbst gestorben und wer auferstanden ist in Christus, kann ein
Wort zeugen, das zum Leben und zur Freiheit im Heiligen Geiste erweckt.

1 Wüstenväterter ist die Bezeichnung für die frühchristlichen asketischen Väter Ägyptens. Zu Anfang des 3. Jh. zogen diese Vä-
ter in die Wüste, einzeln oder in Gruppen. Ihr asketischer Kampf war vor allem gegen die feindseligen geistigen Mächte gerichtet. Der
heilige Antonius der Große (251-356 n. ehr.) und der heilige Makarius der Große (300 bis ungefähr 390 n. Chr.) sind herausragende
Beispiele dieser Wüstenväter.

2 Abba' (ararn.) ist ein Ehrentitel und bedeutet Vater, Oberhaupt, Herr, Lehrer. Jesus benutzt diese aramäische Form in Mk
14,36, um Gott als Vater zu bezeichnen. Er hat damit ein Wort profanen Gebrauchs mit einzigartigem religiösem Inhalt erfüllt und hat
damit eine Sinndeutung aller Verkündigung des Evangeliums gegeben.

3 Siehe Fußnote 20.

3
Einzig derjenige, der sich nach Isaak dem Syrer in die Stille, die “Sprache des künftigen Zeitalters", versenkt
hat, kann ein Wort hervorbringen, das Echo des Urwortes, des Logos4 und Schöpfers ist. Letztlich kann nur
der die Gegenwart Gottes durch seine Gegenwart und sein Wort bezeugen, der das wahre Licht gesehen hat,
der transparent geworden ist für Seine Energien. Dies ist der Weg, der Weg der äußersten "Kenose", dem
Vater Sofronij im Laufe seiner siebzig Jahre mönchischen Lebens gefolgt ist. 1896 in Moskau geboren, ist er
von frühester Kindheit an von den äußersten, letzten Fragen des Lebens gepackt.

Der Weltbrand von 1914-1918, der Bürgerkrieg in Russland enthüllen ihm den tragischen Charakter der
menschlichen Existenz. Inspiriert von der Erinnerung an den Tod, macht er die Erfahrung des Nichts, er-
spürt gleichzeitig aber auch die Existenz eines unendlichen Seins. Die russische Revolution hindert ihn an
der Ausübung der Malerei, seiner großen Leidenschaft; er unternimmt eine Reise nach Europa und kommt
1922 in Paris an, wo er alsbald sein Werk im Salon d' Automne und im Salon des Tuileries ausstellt. Hier er-
fährt er seinen Weg nach Damaskus. Er öffnet sich dem Mysterium Gottes als dem Absoluten, das lebendig
und persönlich in Jesus Christus Fleisch geworden ist. Angerührt von der Gnade wird er sich der Tragweite
seiner Sündhaftigkeit - vergangener und gegenwärtiger - und von allem, was ihn von Gott trennt, bewusst;
von nun an weiß er um die Berufung des Menschen zur Vollkommenheit.

In Verzweiflung, in einem Meer von Tränen erlebt er seine zweite Taufe: die Reue. Eingetaucht in die Fins-
ternis in die Finsternis der Hölle, erscheint ihm Gott in Seinem Licht. Ein neues Leben beginnt, ein Leben
im Gebet und in der Liebe Christi. Die Welt entschwindet ihm, und er entschwindet der Welt. Der Wechsel
von Erscheinungen des göttlichen Lichtes und der "Erinnerung an den Tod" hemmen seine Arbeit als Maler.
Nach Monaten inneren Ringens sagt er sich los von der Kunst und entscheidet sich, sein Leben Gott zu wei-
hen. Er tritt dem Institut St. Serge bei, das gerade eröffnet worden ist. Die theologischen Studien befriedigen
ihn jedoch nicht. 1925 kommt Vater Sofronij auf dem Berge Athos an und wird Mönch im russischen Kloster
des Heiligen Panteleimon. Sehr bald empfangt er die Gnade des immerwährenden Gebetes. Er kennt jedoch
auch den "tödlichen und belebenden Schmerz" des Verlustes der Gnade.

"Tödlich", insofern er das Nichts und die Tiefe der Sünde in ihm aufdeckt. ,,Belebend", weil er Quelle herz-
zerbrechender Reue ist, die das göttliche Erbarmen und eine noch größere Gnade hervorruft. Ausgespannt
zwischen dem Garten Gethsemane und dem Berg Tabor, wird das Leben Vater Sofronijs zum "Weg der Trä-
nen", eine innere Reise zwischen Freude und Verzweiflung, Gottverlassenheit und Heimsuchungen durch
den Heiligen Geist. Doch für Vater Sofronij bedeutet der Berg Athos vor allem das wichtige und entscheiden-
de Ereignis seiner Existenz, wahres Geschenk der Vorsehung: die Begegnung mit dem seligen Starez5 Siluan.
Dieser glühende Asket, Russe bäuerlicher Herkunft, in dem Thomas Merton6 „den authentischen Mönch
des zwanzigsten Jahrhunderts“ sah, erhielt nicht nur die Gnade, Christus zu "sehen", sondern auch ein Wort

4 Logos' (griech.) bedeutet im eigentlichen Sinn , das Wort' [siehe Joh 1,1]. Logos wird auch als Name für die zweite Person in der
Heiligen Trinität, den Sohn Gottes, benutzt.

5 Das Wort Starez kommt aus dem Russischen und wird benutzt für die Bezeichnung eines älteren, im geistigen Leben erprob-
ten Mönchs oder Einsiedlers. Dieser ist, obwohl oft nicht einmal Priester, mit den Gaben des Heiligen Geistes und Wunderkräften ausge-
stattet. Er unterweist Mönche und Laien im geistigen Leben. Das Starzenturn geht mit wenigen Unterbrechungen durch die Geschichte
des östlichen Mönchtums. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jh. bekamen die Starzen große Bedeutung im Klosterleben Russlands und in
der geistigen Betreuung der Laien, Männer und Frauen, die bei den Starzen Rat und Hilfe suchten. Einer der bedeutendsten Vertreter
des russischen Starzentums ist der hl. Seraphim von Sarov (1859-1933).

6 Thomas Merton (geb. am 15.01.1915) war ein amerikanischer katholischer Geistlicher und Schriftsteller, der in New York lebte.
1939 wurde er zum Priester geweiht, 1941 trat er dem Orden der Trappisten bei. Schriften in Deutsch: Der Berg der sieben Stufen (1951);
Der Aufstieg zur Wahrheit (1952).

4
zur Rettung für unsere Zeit: "Bewahre deinen Geist in der Hölle und verzweifle nicht." In diesem demütigen
Menschen, der Tag und Nacht für die ganze Welt betete und weinte wie für sich selbst, der die Liebe zu den
Feinden im höchsten Maße verwirklichte, erlebte Vater Sofronij die Inkarnation der hypostatischen7 Vollen-
dung in Person: einen Menschen nach dem Ebenbilde Gottes.

Nach dem Tode seines Starez im Jahre 1938 macht sich Vater Sofronij auf, um in der "Wüste"8 zu leben mit
dem Ziel, die Treue seiner Liebe zu Gott unter Beweis zu stellen. Als Eremit kostet er die unendliche Freiheit
des reinen Gebetes jenseits des Todes. Doch in der Tiefe seiner Höhle hört er auch den Schrei der Welt. Gott
schenkt ihm die Gnade des Gebetes für den ganzen Adam9 - die Gnade, in seinem Herzen an den Leiden und
Schrecken der ganzen Menschheit teilzuhaben, die sich seit dem Sündenfall im Kriegszustand befindet. Für
mehrere Jahre ist Vater Sofronij der geistige Vater einiger Klöster. Im Jahre 1947 fühlt er sich zu einer neuen
Aufgabe berufen, verlässt den Berg Athos und kehrt nach Frankreich zurück. Im darauffolgenden Jahr veröf-
fentlicht er die Schriften des Starez Siluan und eine Einführung in seine Lehre.

Sie werden ein Klassiker des asketischen Lebens gemäß der orthodoxen Tradition: Starez Siluan, Mönch
vom Berg Athos.10 In Sainte-Genevievedes- Bois, unweit von Paris lebend, sammelt sich eine kleine Gruppe
von Personen verschiedener Herkunft um ihn, angezogen von seiner geistigen Ausstrahlung. Enrsthaft er-
krankt und infolge verschiedener widriger Lebensumstände kann Vater Sofronij nicht zum Berg Athos zu-
rückkehren. 1959, von seinen Schülern begleitet, siedelt er nach England um, wo er das Kloster des Heiligen
Johannes des Täufers gründet. Nach Jahren der Erfahrung des zönobitischen11 Klosterlebensll und dann als
Eremit auf dem Berge Athos wird er nun ,,Zeuge des ungeschaffenen Lichts", mitten in der Welt.

7 ,Hypostase' ist das griechische Wort für ,Person'. In Abgrenzung zum Individuum ist die Person vornehmlich als Ebenbild Got-
tes angesehen. Als solches ist die Person frei vom Determinismus der menschlichen Natur. Die Person lebt in Gemeinschaft mit Gott.
Vom Heiligen Geist inspiriert, ist sie frei und befreiend, fähig zu lieben und geliebt zu werden, unabhängig von natürlichen Zwängen.
Als Ebenbild Gottes ist die Person ein Mysterium. Einmalig und unwiederholbar kann sie nicht mit wissenschaftlichen Mitteln definiert
werden. Die Tiefe ihres Geheimnisses offenbart sich in ihrer liebenden Beziehung zu Gott und den Mitmenschen. Die Liebe der drei
göttlichen Personen in der Trinität nachahmend, nach deren Ebenbild die Person geschaffen ist, lebt sie in dauernder, ungebrochener
Beziehung mit Gott und mit den Menschen. Durch ihre Liebe zu allen Menschen und durch das ununterbrochene Gebet für sie wird die
ganze Menschheit, aufgrund der gemeinsamen Natur aller Menschen, in der liebenden Person zu ,einem Adam'.

8 Wüste' ist die Bezeichnung für die Südspitze des Bergs Athos; hier gibt es keine Klöster. Sie wird nur
von einzelnen Eremiten bewohnt.

9 "Der ganze Adam" ist ein typischer Ausdruck Vater Sofronijs für die Bezeichnung der ganzen Menschheit. Diese Bezeichnung
beruht darauf. dass in Adam nicht Ein Einzelwesen, sondern der „universelle Mensch „ geschaffen wurde. Ebenso wie in der Heiligen
Dreifaltigkeit, nach deren Ebenbild der Mensch geschaffen ist, alle drei Personen die gleiche göttliche Natur besitzen, so besitzt die
ganze Menschheit eine einzige menschliche Natur, die allen Menschen gemeinsam ist. So verstehen wir, dass das Wirken und Denken
eines einzelnen Menschen einen Einfluss auf die gesamte Menschheit hat.

10 Deutsche Ausgabe: Starez Siluan, Mönch vom Berg,Athos, Sein Leben und seine Lehre, Bd. I und 11, Patmos,Verlag, Düssel-
dorf 1991,Französische Ausgabe: Archimandrite Sophrony, Starets,Silouane, Moine du Mont At/ws, Vie - Doctrine,- Ecrits, Editions
Presence, Paris 1973; traduit,du Russe par le Hieromoine Symeon.

11 Zönobitisches Klosterleben ' ist die aus dem Griechischen stammende Bezeichnung für ein Gemeinschaftskloster. Im Gegen-
satz zu der Einsiedelei der Eremiten, die allein in der Wüste leben, ist das zönobitische Kloster eine Form religiöser Gemeinschaft, in
der die Mitglieder im gleichen umgrenzten Gelände leben.

5
Auf seine ersten Begabungen zurückgreifend, malt er Ikonen und schreibt mehrere Bücher, darunter seine
geistige Autobiographie: Gott sehen wie Er ist.12 Als wahrhafter Grenzführer öffnet er dem Westen die Or-
thodoxie und der Orthodoxie den Westen. Im Kloster von Essex wird die Liturgie des heiligen Chrysostomus
ins Englische übersetzt und in mehreren Sprachen zelebriert. Als Bestandteil des Gottesdienstes wird das
Jesusgebet in der Gemeinschaft, von jedem in seiner Muttersprache gebetet. 1988 wird die wesentliche In-
tuition Vater Sofronijs von der Heiligkeit des Starez Siluan bestätigt und seine grundlegende Arbeit belohnt:
Starez Siluan wird durch den Patriarchen von Konstantinopel heilig gesprochen. Heute13 zählt das Kloster
des heiligen Johannes des Täufers insgesamt vierundzwanzig Mönche und Nonnen aus zwölf verschiedenen
Nationen. Als ein Zentrum für den Empfang von Hunderten von Pilgern aus der ganzen Welt, ist das Kloster
nicht nur einer der bedeutendsten Pole, von wo die Orthodoxie in den Westen ausstrahlt, sondern auch eine
der stärksten Bestätigungen ihrer Universalität. Sich dem Ende seiner Lebens zuneigend, verspürt Vater So-
fronij in diesen letzten Jahren das Bedürfnis, das Wesentliche seiner Erfahrung aus dem Leben in Christus
seinen geistigen Kindern zu übermitteln. Woche um Woche hat er die Mitglieder seiner Gemeinschaft mit
seinem Wort genährt, ihr tägliches Leben mit seinem Rat und seinen Weisungen ,,inspiriert".

Die im vorliegenden Bändchen zusammengestellten, bisher unveröffentlichten Aphorismen sind Auszüge


von ungefähr vierzig dieser Unterredungen. Fragmentarisch, verflacht durch das geschriebene Wort, geben
sie nur unvollkommen den Reichtum seiner Lehre wieder. Denn man muss wirklich erlebt haben, wie Vater
Sofronij sprach, man muss seinen Blick gesehen haben, der voller Liebe im Gebet seine Brüder und Schwes-
tern umfing, um das Ausmaß der Energie und des göttlichen Atems, die seine Worte belebten, wahrhaft
ermessen zu können. Die für die Veröffentlichung ausgewählten Teile sind weder metaphysisches Gedan-
kengut, noch Lebensregeln, noch moralische Vorschriften. Genährt vom Wort Gottes und von den Schriften
der asketischen Väter, ist das Wort Vater Sofronijs im wahrsten Sinne evangelisch und "philokalisch". 14

Dem Herzen entspringend richtet es sich nicht an den urteilenden Intellekt, sondern an diese "feine Stelle
der Seele" - das verborgene Herz des Menschen. Vater Sofronijs Wort, Frucht des Heiligen Geistes, wird jedes
Mal von neuem Keim des Lebens im Geiste. Hervorquellend aus der Anrufung des Namens Jesu Christi ist es
Gebet und Einladung zum Gebet. Von Gott eingehaucht, führt es zu Gott. Stark ist es sanft.

Voller Liebe ist es kräftigend. Bis auf den Grund des Wesentlichen Führend, befreit es. Indem es die person
heruasfordert, lindert es ihre Bürde. Allumfassend verweist er jeden auf seine Einmaligkeit und Einzigar-
tigkeit. Schließlich scharf wie ein Schwert ruft es auf zur Metanoia, zur Umwandlung unseres "Herzens aus
Stein" in ein "Herz aus Fleisch und Blut", zur Umkehr des Geistes, zur Wiederentdeckung unserer Innerlich-
keit, dem Ebenbild Gottes.

Dieses Ebenbild Gottes - versiegelt in den tiefsten Tiefen unserer Seele - ist verhüllt
von all den Masken, mit denen unser Ego es bis zur Unkenntlichkeit bedeckt.

12 Bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt. Französische Ausgabe: Archimandrite Sofronij, Voir Dieu Tel qu'll est, Labor et Fides,
Geneve 1983; traduit du Russe par le Hieromoine Symeon Englische Ausgabe: Archimandrite Sofronij (Sakharov), We shall see Him as
He is, Edition Stavropegic Monastery of St. lohn the Baptist, Essex 1987

13 Ende des Jahres 2003.

14 Philokalisch = zur ,Philokalie' gehörend. Die Philokalie ist eine Sammlung der wichtigsten Texte der Kirchenväter über das
geistige Gbet, as geistige Wachen(nepsis) und den Kampf der Seele gegen die Leidenschaften und die bösen Gedanken.

6
Vater Sofronij versucht weder zu überzeugen noch zu bekehren. Sein Wort berührt oder berührt nicht. Ein
Samenkeim kann nur Wurzeln fassen und Frucht bringen in einer Erde, die bereit ist, ihn aufzunehmen.
Alles hängt von unserem Vermögen ab zuzuhören, von unserem Wunsch uns zu verwandeln, von unserem
Willen Ja zu sagen. Sind wir bereit, uns zu öffnen und uns selbst hinzugeben? Wir sind frei. "Jedes Wort kann
durch ein anderes Wort in Abrede gestellt werden, aber welchesWort kann das Leben abstreiten?", bemerkt
der heilige Gregor Palamas im vierzehnten Jahrhundert.

Maxime Egger

7
GEISTIGE APHORISMEN
Meine geliebten Brüder und Schwestern, öffnet eure Herzen, damit ihnen der Heilige Geist die Spuren des
Abbildes Christi einpräge. Dann werdet ihr nach und nach fähig werden, Freude und Leid, Tod und Aufer-
stehung in euch zu leben. Die Welt kennt nichts Größeres als die Berufung zum Christsein. Doch je höher
das Ziel gesteckt ist, desto schwieriger ist seine Verwirklichung. Veranschaulicht euch das großartige Ge-
mälde, das uns Gott in der Schöpfung des Kosmos und in der Schöpfung des Menschen nach Seinem Bilde
und Gleichnis enthüllt. Das, wonach wir auf der Suche sind, ist nicht auf unser kleines alltägliches Leben
beschränkt. Wir streben nach der Gemeinschaft mit Gott und nach der Erlangung des Lebens in all seiner
Fülle, mit seinen kosmischen und göttlichen Dimensionen. In unserer geistigen Vision müssen wir das kos-
mische und das göttliche Sein – das Geschaffene und das Ungeschaffene – in uns selbst vereinen.

"lm Anfang war das Wort." Ohne das Wort existiert nichts Geschaffenes. Tag für Tag machen wir die schmerz-
liche Erfahrung eines erbärmlichen Daseins in unserer Leiblichkeit. Und dennoch sind wir nach dem Bilde
Christi, des Absoluten, geschaffen. Die Aufgabe unseres Lebens, oder vielmehr das Mysterium, ist der Über-
gang vom Relativen zum Absoluten. Wenn das Sein von Gott geschaffen ist, dann darf es nicht dem Tode
preisgegeben sein. Gott hat das Leben geschaffen; Er hat nicht den Tod erschaffen. Unser Ziel ist das Leben
mit Christus, unserem Gott, die Teilhabe an der Unsterblichkeit und am ewigen Leben. Gemäß der Gött-
lichen Offenbarung kann uns diese Teilhabe an der Ewigkeit Gottes ermöglicht werden. Wir müssen Gott
selbst als Person, das heißt das Erhabenste, zum Ziel unserer ganzen Aufmerksamkeit machen, damit wir
fähig werden, unserem zur Trägheit neigenden Körper einen stetigen Aufschwung zu verleihen.

Wie können wir unser Heil15 erlangen? Wie können wir unseren Körper unbestechlich machen, wie uns
befreien aus dem Herrschaftsbereich der Sünde und der Macht des Todes? Diese Sorge um unser Heil muss
in jedem Augenblick unsere vordringlichste Aufgabe sein, die immer stärker, immer intensiver Wird. Das
Leben ist so kurz, das Ziel so hoch, doch auch so fern. Für die orthodoxe Kirche ist das Heil des Menschen
seine Vergöttlichung.

Wir müssen lernen, aus dem Quell ewigen Lebens zu leben - aus Gott Selbst. Was bedeutet die Vergöttli-
chung des Menschen? Das bedeutet, so zu leben, wie der Herr Selbst gelebt hat, sich die Gedanken und Ge-
fühle Christi zu eigen zu machen, besonders jene der letzten Stunden Seines irdischen Lebens. 16

Nach dem Sündenfall ist der Mensch zum Kampfplatz zwischen Gott und Seinem Widersacher geworden.

Der Same, den Satan in das Herz und in den Intellekt17 Adams gestreut hat - die Idee, Gott zu werden ohne
Gott - hat unser gesamtes Sein so tief durchdrungen, dass wir ununterbrochen dem Herrschaftsbereich der
Sünde ausgesetzt sind.
15 Für Vater Sofronij ist das Heil des Menschen gleichbedeutend mit seiner Vergöttlichung, denn erst wenn der Mensch diese
Vollendung erreicht hat, ist er wirklich gerettet.

16 Im Originaltext - "derniers moments"; gemeint ist: Abendmahl, Gethsemane, Golgatha.

17 Der Intellekt (griech. tioo) ist die höchste Fähigkeit im Menschen, durch welche er, unter der Voraussetzung, dass er gereinigt
ist, Gott durch unmittelbares geistiges Verständnis oder unmittelbare geistige Wahrnehmung erkennen kann. Der Sitz des Intellekts
ist in der Tiefe der Seele (Isaak der Syrer) und macht die tiefste, geheimste Stelle des Herzens aus (hl. Diadochus). Daher wird der In-
tellekt auch das Organ der Kontemplation, das "Auge des Herzens" genannt (hI. Makarios der Große). Der Begriff des Intellekts muss
sorgfältig unterschieden werden von dem der Vernunft (lat. ratio). Die Vernunft ist die diskursive, konzeptbildende logische Fähigkeit
im Menschen. Aufgrund von Tatsachen, Offenbarungen oder geistiger Erkenntnis kann die Vernunft logische Schlüsse ziehen. Das Er-
kenntnisniveau der Vernunft ist jedoch weitaus niedriger als das des Intellekts.

8
Mit unserer Geburt werden wir die Erben Adams. Wir können so weit kommen, dass wir den Zustand der
Sünde, die eine furchtbare Abkehr von der Liebe des Himmlischen Vaters ist, als einzige Realität unseres
menschlichen Daseins leben. Wir leben eingetaucht in der Atmosphäre und in dem Kult der Welt nach dem
Fall. Wir leben leicht dahin, und allzu oft schämen wir uns, unseren Glauben zu bekennen, zu sagen, dass
wir Christen sind.

Setzt nicht zu viel Vertrauen in die höhere Bildung, die ihr in der Welt erworben habt.

Die Zivilisation, in der wir leben, ist eine Kultur des Falles.

Nach zwei Weltkriegen - und die Kriege sind die Sünde im eigentlichen Sinne - hat die modeme Welt die
Gnade des Heiligen Geistes verloren. Doch ohne den Heiligen Geist ist es unmöglich, die Gottheit Christi zu
begreifen. Zu glauben, dass dieser Mensch - wahrhaft ein Mensch - der Schöpfer des Weltalls ist, geht über
unser Fassungsvermögen hinaus. Vielen Menschen unserer Zeit, besonders den Wissenschaftlern,. mangelt
der Glaube, dass Gott Selbst Fleisch geworden ist, dass Er uns zu einem Leben mit Ihm in Ewigkeit berufen
hat.

Was bedeutet das Heil? Ist der leibliche Tod die Vorbedingung für den Übergang in das Reich Christi? Wie
können wir unsere Fähigkeit entfalten, gemäß den Geboten Christi, im Sinne des Heiligen Geistes zu leben?
Nur eines ist wichtig: Die Spannung des immerwährenden Gebetes und der Reue zu wahren. Dann wird der
Tod kein Bruch sein, sondern ein Übergang in das Königreich Gottes, worauf wir uns ständig vorbereiten
durch die Teilhabe am Leib und am Blut Christi, durch das Gebet und durch die Anrufung Seines Namens:
"Herr, Jesus Christus, unser Gott, habe erbarmen mit uns und mit Deiner ganzen Welt.

"Ich erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der zukünftigen Welt." Was bedeutet dieser letzte
Satz des Glaubensbekenntnisses? Den Gedanken an ein ewiges Leben können wir nur ertragen, wenn diese
Ewigkeit bereits jetzt in unser Leben hineinwirkt.

Gott hat nicht den Tod erschaffen. Wenn Gott - wie Christus sagt - wirklich der Gott Abrahams, Isaaks und
Jakobs ist, dann sind diese nicht tot. Für Gott sind sie alle lebendig.

Akedia' (griech.) bedeutet: ,Abwesenheit der Sorge um das Heil'. Bis auf ganz wenige Ausnahmen lebt die
gesamte Menschheit im Zustand der Akedie. Die Menschen sind ihrem Seelenheil gegenüber gleichgültig
geworden. Sie suchen nicht nach dem göttlichen Leben. Ihre Lebensform beschränkt sich auf die Bedürfnis-
se des Körpers, die alltäglichen Notwendigkeiten, die Leidenschaften der Welt und auf Routinehandlungen.
Doch Gott hat uns aus dem Nichts geschaffen, als das Ebenbild des Absoluten und als Sein Gleichnis. Ist
diese Offenbarung wahr, dann ist die Abwesenheit der Sorge um das Heil nichts anderes als der Tod der
Person.

Die Verzweiflung ist der Ausdruck des Verlustes des Bewusstseins, dass Gott uns das ewige Leben schenken
will. Die Welt lebt im Zustand der Verzweiflung. Die Menschen haben sich selbst zum Tode verurteilt. Wir
müssen den Kampf mit der Akedie führen, Kopf an Kopf.

9
Das weltliche Leben dreht sich um bestimmte menschliche Leidenschaften18, und das geistige Leben ist völ-
lig an den Rand gedrängt. Wir müssen diesen Zustand umkehren und das geistige Leben zur Mitte unseres
Lebens werden lassen.

Die Weisheit dieser Welt kann die Welt nicht retten. Parlamente, Regierungen, umfassende Organisationen
moderner, hochentwickelter Staaten der Erde sind ohnmächtig. Die Menschheit leidet ohne Ende. Der ein-
zige Ausweg besteht darin, in uns selbst die Weisheit zu finden und den Entschluss zu fassen, nicht gemäß
den Vorstellungen dieser Welt zu leben, sondern Christus zu folgen.

Wie können wir unseren Weg finden? Gemäß dem Evangelium ist Christus unser Weg.

Wesentlich ist das Bewusstsein, dass Christus Gott ist. Wer Ihn liebt, wird Ihm in alle Ewigkeit nahe sein, wo
immer Er ist.

Wo ist unser Geist? Wollen wir mit Christus sein, mit dem Wort Gottes, in den der Vater alles gelegt hat, was
Er Selbst seit Urbeginn ist, dann müssen wir Ihn als Gott-Menschen anerkennen. Erkennen wir Ihn als Gott,
ist Er vollkommener Gott. Betrachten wir Ihn als Menschen, ist Er vollkommener Mensch. Weisheit, Demut,
Leben, ewiges Licht, all dies ist in Ihm.

Jeder Schritt in unserem Leben ist untrennbar mit den fundamentalen Dogmen unseres glaubens verbun-
den.

So wie Christus in Gethsemane und auf Golgatha ununterbrochen in Gedanken an den Vater lebte, so müs-
sen auch wir in jedem Augenblick in Gedanken an Gott leben -jedoch vielmehr durch Christus als durch den
Vater. Denn durch den Sohn kommen wir zum Vater. Dadurch wird das Leben christozentrisch.

Das Einzige, was uns anzieht, ist Christus, Seine Person. Wir müssen Christus - das Maß alles Göttlichen
und Menschlichen - in uns verwirklichen. In Christus haben wir Gott, unseren Schöpfer. In Christus haben
wir das Vorbild, die Offenbarung des Planes Gottes vom Menschen. Immerwährend muss die Liebe Christi
unser Herz erfüllen. Leben in Gott erreichen wir nicht durch intellektuelles Denken. Gott offenbart sich in
uns durch Sein Wirken. Wir leben Christus als unser eigenes Leben, nicht als jemanden, den wir von außen
her kennen.

Christus hat gesagt: "Ich bin der Weg." Wenn Er der Weg ist, müssen wir Ihm folgen - nicht äußerlich, sondern
innerlich. Vergegenwärtigen wir uns, dass Er auf Golgatha und in Gethsemane kämpfte - gegen alle. Allein.

Zuweilen, wenn Die Liebe Christi uns berührt, spüren wir die Dimension des Ewigen. Dies können wir nicht
mit dem Verstand begreifen. Gott wirkt auf eine Weise, die Ihm eigen ist und sich unserem Verstand ent-
zieht. In unserem Leben als Christen dürfen wir nicht allzu logisch sein.
18 Es gibt zwei grundverschiedene Ansichten über die Leidenschaften bei den griechischen Vätern: Die einen (z. B. der hl. Johan-
nes Klimakos) behaupten, dass sie nicht etwas von Gott Geschaffenes sind, sondern übel an sich, eine Krankheit der Seele, die die Seele
beherrschen (wie z. B die Leidenschaften des Ärgers oder der Sucht). Andere griechische Väter sehen die Leidenschaften Als Impulse,
die Ursprünglich von Gott in den Menschen gelegt worden und daher grundsätzlich gut seien, in ihrer gegenwärtigen Form jedoch
durch die Sünde verborgen seien. Sie müssten daher Ziel der Erziehung, nicht der Ausrottung sein, das heißt, sie müssten umgewandelt
(oder positiv genutzt) und nicht unterdrückt werden. Evagrios Pontikos (345-399 n. Chr.) beschreibt acht Hauptformen der Leiden-
schaften, denen jeder Mensch ausgesetzt ist: Fresssucht, Unzucht, Gier, Zorn, Kummer, Überdruss, Ruhmsucht und Hochmut.

10
Es gibt "äußere" Kriterien, die uns erlauben, unsere Entfernung von Gott zu messen: Folgen wir dem Wort
des Evangeliums? Haben wir das Maß der Vollkommenheit erreicht, das heißt die Liebe für die ganze Welt,
ohne zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden?

Es gibt keinen Unterschied zwischen den Geboten Christi und dem Leben Gottes Selbst.

Wenn wir in Seinen Geboten bleiben, werden wir auf natürliche Weise Christus gleich.

Wie können wir einen ganzen Tag ohne Sünde, das heißt auf heilige Weise leben? Das ist unser tägliches
Problem. Wie können wir unser ganzes Sein, unsere Gedanken, unsere Gefühle, ja sogar unsere physischen
Regungen umwandeln, damit wir uns nicht versündigen gegen unseren himmlischen Vater, gegen Christus,
den Heiligen Geist, die menschliche Person, unseren Bruder und gegen alles in unserem Leben?

"Herr, würdige uns, diesen Tag ohne Sünde zu leben." Dieses Gebet der Kirche habe ich euch oft wiederholt.
Das Leben ohne Sünde auf Erden öffnet uns die Tore des Himmels. Es ist nicht der intellektuelle Reichtum,
der die Person rettet. Es ist das Leben ohne Sünde, das uns auf das Leben mit Gott im zukünftigen Zeitalter 19
vorbereitet. Die Gnade des Heiligen Geistes lehrt uns die Wirklichkeit des Ewigen Lebens in dem Maße, wie
wir folgende Gebote leben: Liebe Gott deinen Schöpfer mit deinem ganzen Wesen und liebe deinen Nächs-
ten wie dich selbst. Ja, bewahret allezeit diese Gebote!

Verharret im Gebet, haltet aus im ständigen Bemühen, lebt einen Tag ohne Sünde. Alles Übrige wird von
Gott Selbst gegeben werden.

Um die Gnade des Heiligen Geistes zu bewahren, müssen wir uns jeglichen Gedankens enthalten, der Gott
nicht wohlgefallig ist - so empfiehlt es uns der Starez Siluan.

Das ist unser Bemühen. Das ist unsere Kultur. Und da es sich um das Ewige Heil dreht, nimmt dieses Bemü-
hen niemals ein Ende. Wieder und wieder beginnen, immer von neuem.

Wir können das Bild Christi in uns nur verwirklichen, wenn wir wahrhaft eins miteinander sind, wie Chris-
tus es von Seinen Jüngern verlangte: Liebet einander, damit die Welt erkenne, dass ihr aus Christus seid.
"Das Leben der anderen hat für mich mehr Wert als mein eigenes Leben, ja sogar mehr als ich selbst." Wenn
ihr dies begriffen habt, wird es keinen Konflikt mehr unter euch geben. Die Lösung eines Problems oder
Konfliktes hängt weder von einer Organisation noch von einer Verhaltensweise ab, sondern von unserer
Entschiedenheit, alles zu ertragen. Ein jeder von uns muss für die anderen die Liebe einer Mutter in sich
hegen.

Wir müssen äußerst empfindsam werden für die Bedürfnisse der anderen. Dann werden wir eins miteinan-
der sein, und der Segen Gottes wird immerdar auf uns ruhen - im Überfluss.

19 Es ist die Zeit der Erfüllung in der Ewigkeit (eschatologischesZeitalter).

11
Wir müssen das Bewusstsein Christi haben, der die ganze Welt in Sich trägt; hierin besteht die Universalität
der menschlichen Person. Das Wort Christi macht nirgendwo Halt, es ist ohne Grenzen. Im Glaubensbe-
kenntnis erklären wir, dass Christus der wahre Gott, der Retter des Universums, der Schöpfer der Welt ist,
"durch den alles geschaffen ist". Wie können wir uns im Bewusstsein solcher Offenbarung noch auf Fragen
von Nationalität, Ort und Epoche einlassen?

Ich kenne keinen griechischen, russischen, englischen, arabischen Christus ... Für mich ist Christus allum-
fassend, das suprakosmische Sein. In der Heiligen Schrift wird wiederholt gesagt, dass Christus für die ganze
Welt gestorben ist, für die Sünden der ganzen Welt. Sobald wir die Person Christi begrenzen, sobald wir sie
auf die Ebene der Nationalitäten herabsetzen, verlieren wir alles und fallen in die Finsternis. Damit ist der
Weg geöffnet für den Hass zwischen den Nationen, für die Feindseligkeit zwischen den Gesellschaftsgrup-
pen ...

Lest den heiligen Siluan. Für ihn hat jeder in der Welt seine Rolle: Der eine ist König, ein anderer Patriarch,
Lehrer oder gar Arbeiter. Dies ist nicht von Bedeutung. Ob König oder Arbeiter, das machte für Siluan kei-
nerlei Unterschied. Denn wer Christus liebt, wer die Gefühle, die in Jesus Christus waren, zu seinen eigenen
macht und sie in sich trägt, lebt die Welt als Adam, betet für den ganzen Adam. Dies ist das wahre Christen-
tum.

Christus ist der unendliche Gott. Er ist nicht nur für die Gläubigen gekreuzigt worden, sondern für alle, von
Adam bis zum letzten Menschen, der von einer Frau geboren wird. Christus zu folgen bedeutet, zu leiden für
die Heilung und die Rettung der gesamten Menschheit. Es kann gar nicht anders sein.

Den Nächsten lieben wie uns selbst, gemäß den Geboten Christi leben, dies führt uns in den Garten Gethse-
mane, wo Christus für die gesamte Welt betete.

"Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Es war mir gegeben, den Sinn dieses Gebotes in der Gestalt eines
gigantischen kosmischen Baumes zu begreifen , dessen Wurzel Adam ist. Ich selber bin nur ein Blättchen an
einem Ast dieses Baumes. Doch dieser Baum ist mir nicht fremd; er ist mein Fundament. Ich gehöre ihm an.
Für die ganze Welt zu beten bedeutet, für diesen Baum in seiner Gesamtheit, mit seinen Milliarden Blättern
zu beten.

Christus zu folgen bedeutet, sich dem Bewusstsein Christi Selbst zu öffnen, der die gesamte Menschheit, die
Gesamtheit des Baumes, ohne Ausnahme eines einzigen Blattes in sich trägt. Wenn wir dieses Bewusstsein
erlangen, beten wir für alle wie für uns selbst.

Wenn wir zum Ebenbild Christi werden, Träger sowohl der gesamten Menschheit als auch Gottes, wird un-
ser "Ich" Ebenbild des Absoluten sein. Wenn auch in mikroskopischer Dimension, aber doch wahrhaft
Ebenbild des Absoluten.

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Reue und Umkehr sind eine persönliche Angelegenheit, doch unsere Leidenschaften sind auch die gleichen,
die die Welt beherrschen. Das zeigt, dass das, was wir leben, nicht vom kosmischen Leben getrennt ist. Nach
und nach, auf natürliche Weise, beginnen wir, unseren Zustand als Abbild des Zustandes der gesamten
Menschheit zu leben. Wir beginnen, unser Leben zu leben wie durch die Augen Gottes, in einer allumfassen-
den Weise. Durch unsere Reue erleben wir nicht nur unser persönliches Drama, sondern auch die Tragödie
der gesamten Menschheit, das Drama ihrer Geschichte seit Beginn der Zeit. .

In Christus weitet sich unser Bewusstsein, unser Leben wird ohne Grenzen. In dem Gebot „liebe deinen
Nächsten wie dich selbst" muss man das "wie dich selbst" so verstehen: Jeder Mensch, der "ganze Adam", ist
mein Sein.

Das Königreich Christi, schreibt der heilige Siluan, besteht darin, das ganze Universum und Gott den Schöp-
fer Selbst in unserem Herzen zu tragen. Wenn ihr betet, betet für alle und für jeden Einzelnen. Und fügt
hinzu: ,,Durch ihre Gebete, durch sein Gebet habe auch Erbarmen mit mir." Auf diese Weise weitet sich euer
Bewusstsein immer mehr. ,,Liebet eure Feinde." Ja, das ist schwer. Ja, das ist schmerzhaft. Doch die ethische
Schönheit Christi zieht uns in einem Maße an, dass wir bereit sind, alle Prüfungen zu ertragen, weil wir die
Gewissheit haben, dadurch in Seinem Geiste erhöht zu werden. Es gibt keine andere Wahl.

Christus hat Sein göttliches Leben denen gegeben, die nach Seinem Ebenbilde geschaffen sind, doch als
einzige Antwort hat Er nur Hass erhalten. Was sehen wir heute, nach zweitausend Jahren Christentum? Die
modeme Welt verliert Christus, das ewige Leben, immer mehr. Tiefe Finsternis der sündhaften Leidenschaf-
ten, Hass, Herrschsucht, Kriege aller Arten prägen unser irdisches Dasein. In dieser Situation gibt Christus
denen, die sich entscheiden, Ihm zu folgen, dieses Gebot:“ Liebet eure Feinde.“ Warum hat die Welt vor
einem solchen Gott Angst? Kann man ein besseres Lebensprinzip als dieses finden: Segnet, die euch verflu-
chen, liebet eure Feinde?

Man kann nicht lieben, ohne zu leiden. Der größte Schmerz ist es, bis zum Ende zu lieben. Christus hat in
solchem Maße geliebt, dass Er sich einem fürchterlichen Tode ausgeliefert hat. Ebenso die Heiligen. Para-
dies und Hölle haben immer diesen Preis. Das Gebet für die Welt ist die Frucht eines äußerst tiefen und
intensiven Leidens.

Christus auf dem Weg zum Berge Golgatha zu folgen. Dieser Aufstieg ist nichts anderes als der Kampf, den
Christus in Seiner Liebe für die ganze Welt führte. Wenn sich der Kampf lediglich auf der Ebene der dies-
seitigen Welt und der Leidenschaften abspielt, dann erschöpfen sich die Menschen und altem sehr schnell.
Wenn das Leiden hingegen vom Kampf gegen die Leidenschaften herrührt, der im Geiste Christi geführt
wird,· dann werden die Menschen wiedergeboren.

Nichts ist schmerzhafter, als die Liebe Christi in sich zu haben und mit dieser Liebe in der Welt zu leben. Das
ist ein Kampf von kosmischen Dimensionen. Wie gelangt man zu Gott? Wenn man sein ganzes Wesen auf
dieses eine Ziel hin ausgerichtet hat, wird alles Übrige zu einer Quelle von Leid und Schmerz. Doch dieses
Kreuz trägt man in aller Stille.

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So sieht das Paradoxon christlichen Lebens aus: Indem wir das Leiden Christi für die Welt wählen, fühlen
wir größere Nähe zu Ihm und zum ewigen Leben.

Wenn wir uns entscheiden, Christus zu folgen, wird jeder Tag unseres Lebens ein Tag des Leidens, der Trä-
nen, der Schmerzen. Zuweilen taucht diese Frageauf: "Herr, warum hast Du uns so geschaffen, dass wir
durch so viel Leiden gehen müssen?" Es gelingt uns einfach nicht zu verstehen, dass diese negative Erfah-
rung der Weg zum Heil sein soll.

Das Dasein auf Erden bedeutet für den Menschen ein Leiden ohne Ende. Warum ertragen wir all dies? Weil
der Schöpfer gekommen ist und unter uns gewohnt hat. Und nun kennen wir Ihn persönlich.

Wir sind nach dem ,,Ebenbild und Gleichnis Gottes" geschaffen. Wenn wir die Realität unseres täglichen
Lebens an dieser göttlichen Offenbarung messen, geraten wir in Verzweiflung. Warum ist es so schwierig, im
Hier und Jetzt als Christ zu handeln? Weil es um das göttliche, ewige Leben geht. Welches Verhältnis besteht
für uns, die wir aus dem Nichts geschaffen sind, zwischen unserer Nichtigkeit, unserer Armseligkeit und
dem so erhabenen unendlichen Ziel?

Der Kampf um das Heil kann manchmal sehr einfach, manchmal sehr kompliziert sein, jenseits aller
menschlichen Kraft.

Gewiss ist es besser nicht zu sündigen. Doch wenn die Reue zur Flamme wird, kann sie jeglichen Verlust
wieder gutmachen.

Wir müssen den Geist der Reue während unseres ganzen Lebens aufrechterhalten, bis ans Ende. Die Reue
ist das Fundament allen asketischen und geistigen Lebens. Das Gespür, die Intuition für das, was Sünde ist,
können so stark in uns werden, dass sie tatsächlich eine tiefe Reue in uns bewirken.

Wir können für Stunden, Wochen, Jahre weinen, bis unser Wesen gänzlich durch das Wort Christi, durch
Seine Gebote, und vor allem durch die Gnade des Heiligen Geistes erneuert ist. Diese Umwandlung unseres
Wesens - nach dem Fall Adams - verlangt große Anstrengungen. Und viel Zeit.

Die Reue nimmt kein Ende auf Erden, weil das Ende der Reue bedeuten würde, dass wir in allem Christus
gleich geworden sind. Der geringste Unterschied zwischen Christus und uns verlangt nach einer tiefgehen-
den Reue: ,,Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, habe Erbarmen mit uns." Diese Worte drücken die Distanz aus,
die wir zwischen Ihm, dem absoluten und ewigen Sein, und uns selbst empfinden. "Wenn wir nicht wirklich
in allem dem Herrn ähnlich sind, wie können wir dann ewig bei Ihm sein?" Diese Frage stellt sich der heilige
Symeon der Neue Theologe. Für ihn wie ach für uns ist das unmöglich. Uns bleibt nur die Geduld.

Die Menschen können nicht aus sich selbst heraus verstehen, wann sie sündigen und wann nicht. Einzig der
Herr und der Heilige Geist können dies offenbaren. Im Paradies, als Jesus Christus mit Adam sprach, stritt
dieser die Anklage ab: "Du bist es doch, der mir diese Frau gegeben hat, und sie ist es, die mir diese Frucht zu
kosten gab." Geben wir uns doch alle Mühe, nicht Gott anzuklagen.

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Versuchen wir, in den kleinen Dingen und einfachen Handlungen folgende innere Haltung einzunehmen:
,,Ich widersage dem Willen meines ,gefallenen' Blutes. Ich will, dass in meinen Adern das Leben Gottes
Selbst fließt."

Wenn ich die Existenz Gottes anerkenne, dann weiß ich, dass alle Fehler von mir und nicht von Ihm herrüh-
ren. Wenn ich eine solche Einstellung bewahre, wird Gott mir den Geist der Reue geben.

Wenn wir Christus sehen, wie Er ist, beginnen wir, uns selbst zu sehen und wahrzunehmen, welch große
und erbärmliche Sünder wir sind. Und wir beginnen, bitterlich über uns selbst zu weinen. Diese reuevollen
Tränen werden zur Quelle unserer Liebe für die ganze Welt. Dann hört jede Spaltung auf, und wir sind alle
eins in Christus.

Allein das göttliche Licht lässt uns, wenn es uns Erleuchtet, unsere Sünden erkennen. Durch das Gebet be-
greift unser Herz allmählich den Einfluss der Geister, die den kosmischen Raum füllen. Anstatt Fortschritte
zu machen, nehmen wir mit immer klarerer Schärfe die Leidenschaften wahr, die uns beherrschen. Parado-
xerweise ist gerade dieses Gefühl des Nicht-Fortschreitens ein Fortschritt. Selbst wenn wir das Ungeschaf-
fene Licht Gottes noch nicht erblickt haben, ist es doch gerade dieses Licht, durch das wir unsere Sünden
sehen.

Das reine Gebet kann man nur durch Reue erlangen. Indem wir bereuen, das heißt uns von aller sündhaften
Leidenschaft reinigen, werden wir nach und nach fähig, in das göttliche Licht einzutreten.

Der Weg zur Erkenntnis Gottes führt vor allem über den Glauben, die Liebe Christi und die Reue. Möge Gott
euch allen den Geist der Reue geben. Weint über eure Verfehlungen, weint, damit euer Herz nicht ausdorrt.

Der tiefgreifendste und radikalste Weg ist es, Gott gegenüber stets das Gefühl unserer Unzulänglichkeit zu
wahren. Wir gelangen dann in einen Zustand ständiger Spannung zwischen der Selbstverdammung und der
Liebe Christi, der Reue und der Hoffnung auf das Erbarmen Gottes. Einerseits leben wir in dem Schmerz,
so weit von Gott, den wir lieben, entfernt zu sein; andererseits wirken dieses Leid und diese Liebe wie ein
inneres Feuer und drängen uns mit aller Kraft Gott entgegen. Diese Spannung hat ihren stärksten Ausdruck
in dem Wort gefunden, das Christus Starez Siluan gab: ,,Bewahre deinen Geist in der Hölle und verzweifle
nicht." Dieses Wort kann Furcht, Angst und Panik auslösen, aber es darf uns nicht erdrücken. Es bildet das
wesentliche Prinzip unseres Lebens in Christus.

Wie kann man sich ständig im "Feuer" der Hölle und der Leidenschaften befmden und gleichzeitig vom Hei-
ligen Geist das Gefühl empfangen, von Ihm erlöst zu werden? Der innere Zustand Christi auf Golgatha gibt
uns Aufschluss. Zuerst sagt er zu dem Räuber: "Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein." Später stößt
er den Schrei aus: "Warum hast Du mich verlassen?" Diese bei den Seinszustände bilden eine Einheit. In sei-
nen verschiedenen Formen ist dieser Zustand Christi auf Golgatha im Menschen ständig gegenwärtig und
verwandelt den gesamten Inhalt seines Lebens. "Freuet euch mit denen, die in der Freude sind, und weint
mit den Weinenden", sagt der Apostel Paulus. Für uns sind diese Worte unverständlich.

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Man darf nicht behaupten, dass sich die Erfahrungen der Heiligen - Siluan, Isaak der Syrer, Symeon der Neue
Theologe, Gregor Palamas oder Seraphim von Sarov - wiederholen. Im geistigen Leben gibt es keine exak-
ten, identischen Wiederholungen, sondern nur eine Analogie im Geiste, in der Spannung, die die Formel
andeutet:“Bewahre deinen Geist in der Hölle und verzweifle nicht.“

Niemals darf man sich mit anderen vergleichen. Jeder von uns, so klein er auch sein mag, ist groß vor dem
Ewigen. Gott baut mit jedem Menschen eine herzliche und einmalige Beziehung auf.

Warum sind die Konsequenzen von Adams Ungehorsam so katastrophal? Warum nimmt das geistige Leben
in Christus in dieser Welt die tragische Form eines Ringkampfes mit dem Tode an? Warum ist die Schöpfung
Gottes an diese Negation, an den Tod, an diesen Kampf voller Leiden gebunden? Warum führt die Schöp-
fung nicht auf harmonische Weise zur Vollendung des Menschen als Ebenbild Gottes? Warum muss ich
gegen Dinge kämpfen, die mich töten, ohne dass ich die Kraft dazu habe? Ich verstehe nicht. Mein Wissen
oder meine Unwissenheit um viele Dinge ist eng verbunden mit dem Maß, in dem Christus und der Heilige
Geist für mich die Lösung aller Probleme sind, die mich übersteigen. Christus ist das Fundament meines
Lebens. Seine Weise zu handeln zieht mich an. Ich begreife nicht, was Er gesagt hat, aber das, was Er gesagt
hat, genügt mir. Ich werde verstehen, wenn ich von dieser Welt in die jenseitige hinübergehe.

Warum sind Gethsemane und Golgatha notwendig für das Heil der Welt? Der Konflikt Christi mit der Welt
ist absolut unbegreiflich. Wenn wir die Leiden von Millionen von Menschen sehen, können wir nicht gleich-
gültig bleiben. Wie können wir ihnen dienlich sein? Aus christlicher Sicht ist diese Tragödie auf Erden die
Folge des Ungehorsams. Adam strebte nach dem Zustand der Vergottung, dem ewigen Leben, indem er das
Band mit seinem himmlischen Vater und Schöpfer zerriss. Christus als Mensch war der erste in der Ge-
schichte der Menschheit, der den Berg Golgatha erstiegen hat. Er hat den allerschmerzvollsten Tod gewählt,
um diesen Fluch zu brechen. Sich zu entscheiden, Christus zu folgen, bedeutet, sich dem Leiden auszulie-
fern. Das ist unvermeidlich! Insofern wir seit Erschaffung der Welt eine Zelle des großen Leibes der gesam-
ten Menschheit sind und das kosmische Leben durch uns fließt, leben wir die Tragödie der Menschheit als
unsere eigene Tragödie.

Wenn wir das Evangelium lesen, erstaunen uns die Reaktionen Christi auf alles, was rund um Ihn geschieht.
Als Judas sich aufmacht, um Ihn zu verraten, sagt Er: ,,Nun ist der Menschensohn verherrlicht." In jeder
Liturgie feiern wir diesen Augenblick und wiederholen ihn in unserem Bewusstsein. Wenn eine feindliche,
gegnerische oder militärische Macht uns ergriffe, um uns zu töten, wären dann auch wir imstande zu sagen:
"Nun werde ich verherrlicht, und Gott wird durch mich verherrlicht?" Ihr alle kennt diese Geschichte; sie ist
der eigentliche Inhalt unseres täglichen Lebens.

Es gibt viele sehr subtile und Interessante Aspekte im geistigen Leben. Aber wir können ihrer beraubt wer-
den, wenn wir in den äußeren Schwierigkeiten steckenbleiben. Um unser Leben zu ändern, bedürfen wir
einer Askese; wir müssen lernen, unseren Geist von den banalen niederen Dingen und den Leidenschaften
weg und zu Gott hin zu lenken. Auf diese Weise kann unser Leben sehr interessant werden, selbst wenn es
stets mit schmerzhafter Anstrengung verbunden ist. Wir dürfen keineswegs versuchen, uns diesem Schmerz
zu entziehen. Lebt ihn! Gerade dadurch drücken wir unser Verlangen aus, Christus zu folgen.

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Es ist sehr schwierig zum Ausdruck zu bringen, was dies bedeutet: "Nehmt euer Kreuz auf euch und folget
mir nach." Wenn wir Christus wählen, müssen wir uns bewusst machen, dass es um die Liebe des Vaters, die
Liebe des Sohnes, die Liebe des Heiligen Geistes in dieser Welt voller Leiden geht. Wenn es keine Auferste-
hung gibt, sind die Christen die unglückseligsten Menschen der Welt, sagt der heilige Paulus. Warum? Weil
die Liebe Christi in dieser Welt immer gekreuzigt wird. Unser Leben wird ein unaufhörliches Leiden sein, bis
die Welt als Ganzes errettet sein wird.

Weil Gott Liebe ist, werden wir Christen, und nicht, weil dies uns eine irdische Karriere erleichtert. In un-
serem Leben als Christen sind wir einzig glücklich wegen Christus, wegen des Bewusstseins, dass Er die
wahrheit ist, und aus keinem anderen Grunde.

Ein Besucher des Berges Athos richtete einst folgende Frage an mehrere Starzen: "Was ist das Wichtigste in
unserem Leben?" Jedesmal erhielt er die gleiche Antwort: "Es ist die Liebe Gottes - Gott zu lieben und seinen
Nächsten zu lieben." Und er bemerkte: "Ich habe keine Liebe, weder für das Gebet, noch für Gott, noch für
die anderen. Was soll ich tun?" Da beschloss er bei sich selbst: "Ich werde so tun, als ob ich diese Liebe hätte."
Dreißig Jahre später schenkte ihm der Heilige Geist die Gnade der Liebe.

Unvermeidlich werden wir Stunden, Wochen, sogar Jahre durchleben, ohne das Wirken des Geistes in uns
wahrzunehmen. Dies sind wichtige Zeitspannen, in denen wir die Gelegenheit haben, die Treue unserer
Liebe zu Christus zu beweisen. Selbst wenn wir das Wirken der Gnade nicht wahrnehmen, müssen wir so
leben, als wohne der Heilige Geist in uns. Starez Siluan war der Ansicht, dass, wenn wir die Gebote Gottes
treu halten, sich einst die Zeit erfüllen wird, da die Gnade sich offenbart und immer in uns bleiben wird. Es
ist also nicht vonnöten, sich zu übereilen. Manche Väter vorn Berg Athos haben erst nach vierzig Jahren des
Kampfes oder gar erst kurz vor ihrem Tode große Gnade empfangen und Gott erkannt.

Zu Beginn belehrt uns die Gnade und bewirkt in uns, dass wir gemäß dem Geist der Gebote des Evangeli-
ums handeln Alles fällt leicht. Die stete Anwesenheit des Heiligen Geistes erzeugt in uns ein Wohlwollen
gegenüber den anderen. Dies ist wie eine ganz normale, natürliche Haltung. Aber dies ist nicht von Dauer.
Eines Tages verlässt uns die Gnade in dieser fühlbaren Form. Eine zweite, schwierige Phase beginnt, in der
die Frage auftaucht: "Wie ist es nur möglich, ohne Gnade zu leben?" Man muss einfach so weiterleben, als ob
der Heilige Geist mit uns sei; man muss sich bemühen, die gleiche Lebensform zu wahren, in der wir durch
die Gnade gewisse Einstellungen unseren Brüdern und Schwestern gegenüber erworben haben. Darin muss
man sich Gewalt antun. Ebenso mit dem Gebet. Am Anfang ist es wie ein natürlicher Zustand. Das Beten
fällt leicht: Das Gebet quillt spontan aus dem Herzen. Wenn der Heilige Geist uns verlässt, müssen wir uns
zwingen, so zu beten wie zuvor, als wir uns noch im Zustand der Gnade befanden - mit unserem ganzen
Sein, mit unserem ganzen Herzen, mit unserem ganzen Denken und sogar mit unserem ganzen Körper.

17
Wenn wir uns im Geiste auf das absolute Sein hin bewegen, erscheint uns dieser Weg unendlich weit. Gott
ist wie der Polarstern. Wie können wir zu diesem Gestirn gelangen, das so viele Lichtjahre von uns entfernt
zu sein scheint? Und plötzlich entdecken wir, dass dieser so lange Weg abgekürzt werden kann, dass der
Herr sich in unserer nächsten Nähe befindet und uns anspricht: ,,0 ihr unverständigen Herzen, ihr Langsa-
men im Begreifen und Glauben!“ Wie soll man leben, um nicht der Täuschung zum Opfer zu fallen? Wenn
wir in unserem ganzen SeinGeist, Intellekt, Herz und Körper - zutiefst leiden, um keine Sünde zu begehen,
so dürfen wir nur ja nicht glauben, dass wir schon teilhaben am Leiden Christi. Allein Gottes Urteil kann
entscheiden, ob unsere Leiden Teilhabe an der Kenose20 Seines Eingeborenen Sohnes sind. Unser Weg ist
es, uns zu demütigen, uns ständig zu erniedrigen; einzig Gott kann uns erheben und uns mit Herrlichkeit
bekleiden.

Ohne Inspiration kann man als Christ nicht leben. Wenn ein wahrer Künstler Tag und Nacht durch die Bil-
der seiner Kunst lebt, um wieviel mehr müssen wir dann als Christen achtsam sein. Wir müssen die Bemü-
hungen der Künstler übertreffen, um gemäß dem Geist des Evangeliums zu leben.

Das Wichtigste ist jetzt, dass Gott euren Kampf um das Heil inspiriert. Wenn die Inspiration gegeben ist,
erfüllt sich unser gesamtes Leben mit Licht und Freude. Dann schenkt man den Kleinigkeiten keine Beach-
tung mehr.

Durch unsere eigene Askese können wir uns nicht vergöttlichen. Die Vergöttlichung wird durch das Inne-
wohnen Gottes in uns bewirkt und nicht durch unser eigenes Vermögen. Einbildung ist hier eine große
Gefahr. Wir müssen äußerst achtsam sein und uns Nicht vormachen, dieses Ziel befinde sich im Bereich
unseres eigenen Vermögens. Für Gott hingegen ist alles möglich. Er kann uns in der schwersten Krankheit
aufsuchen, wenn wir am allerschwächsten sind.

20 Kenose bedeutet: sich entleeren, entäußern, gering machen um des Vorteils eines anderen willen. Kenose hat ihre Wurzeln in
der Hl. Trinität. Vater Sofronij charakterisiert die Dynamik der kenotischen Liebe der göttlichen Personen wie folgt: Jede der drei Perso-
nen gibt sich selbst in äußerster Liebe mit ihrem ganzen Sein für die anderen Personen. Jede Person wird durch diese völlige Entleerung
ihrer selbst fähig, die andere Person mit ihrem ganzen Sein in sich zu empfangen. Durch die selbstlose Hingabe ihrer selbst und das
völlige Empfangen der anderen Person in sich ist es den Personen möglich, ihre eigene Existenz in die andere Person zu übertragen.
Dies hat zwei entscheidende Folgen für die Existenz der göttlichen Personen in der Trinität: es macht jede Person für die andere völlig
transparent, und die Einheit zwischen den Personen wird unzerbrechlich. Die Menschwerdung Christi (Inkarnation) ist die Form der
Kenose des Sohnes Gottes, die er auf sich genommen hat, um uns Menschen zu befähigen, wieder ungebrochene Teilhabe am göttlichen
Leben zu gewinnen. Indem Christus in Seiner göttlichen Person die Menschliche und die öttliche Natur vereint, konnte Er durch Seine
kenotische Liebe die göttliche Energie von der göttlichen Natur auf die menschliche Natur übertragen. Auf diese Weise wurde die Be-
dingung für die Vergöttlichung des Menschen wieder neu geschaffen. Durch seine Kenose hat Christus aus Liebe zu uns Menschen und
um uns zu retten, alle Bedingungen des Menschen als Geschöpf, das dem Leiden und dem Tod unterworfen ist, angenommen. Nicht
nur Seine Inkarnation, sondern das ganze Leben Christi war eine Kenose, eine ständige demütige Annahme der Bedingungen der Be-
grenztheit der gefallenen Welt und des Menschen. Wenn wir in der Nachfolge Christi leben wollen, wird die Kenose zum Teil unseres
christlichen Lebens. In dem Maße unserer Nachahmung der kenotischen Liebe der göttlichen Personen wirken wir mit Gott an unserem
Heil mit, das heißt an unserer Vergöttlichung.

18
Das allerhöchste Ziel des Menschen, Träger des göttlichen Lebens ohne Anfang und. ohne Ende zu werden,
setzt totale Freiheit voraus. Das Alltagsdasein zeigt uns indessen, dass die Welt aus Mangel an Erkenntnis
und Verständnis in einer Tragödie ohne Ende lebt. Menschen, die Gott nicht kennen, sind an der Macht und
üben Autorität aus; Millionen Wesen leiden unter ihrer absurden, ausweglosen Situation. Darum müsste
man den Menschen eigentlich die Freiheit wegnehmen. Die göttliche Gabe der Freiheit ist in der Tat un-
trennbar mit der Erkenntnis des Ewigen verbunden; wir jedoch befinden uns in der Finsternis der Unwis-
senheit. Dennoch fahrt die Kirche fort, die Notwendigkeit dieser absoluten Freiheit zu verkünden. Denn
wenn wir auf die eine oder andere Weise determiniert sind, existieren wir nicht, und wir können nicht wie
Christus sagen: ,,Ich bin."

Dostojevskij sagte: ,,Alles ist mir erlaubt." Dieser Ausspruch trifft ganz und gar im geistigen Sinne zu, aber
nicht für die Wirklichkeit, in der wir leben. Worin irrt sich Dostojevskij, falls er sich irrt? In seinem Werk
zitiert er nicht den heiligen Paulus, der sagt: ,,Alles ist mir erlaubt, doch nicht alles ist mir dienlich. Alles
ist mir erlaubt, doch ich darf von nichts Beherscht sein.21 Haben wir diese Unabhängigkeit, diese Kraft in
uns? Offensichtlich nicht. Also sind wir der Fähigkeit beraubt, gemäß dieser Gabe der göttlichen Freiheit zu
leben. Was tun? Christus ablehnen , den Weg der Welt wählen? Vielleicht, aber dann werden wir in Gleich-
gültigkeit leben und in Gleichgültigkeit sterben, und das Leben verliert seinen Sinn.

Wie können wir einen Ausweg aus unserem alltäglichen Leben finden? Wie unser Heil aufbauen? Ohne die
göttliche Gabe der Freiheit haben wir keine wahre Existenz, doch diese Freiheit übersteigt uns. Sie ist not-
wendig, doch wir können sie weder begreifen noch ertragen. Wie sollen wir leben? Die orthodoxe Askese
gibt uns eine Antwort. Durch sie beginnen wir im Bewusstsein unserer Grenzen und in der Furcht vor Gott
zu leben.

Kämpft für die Einverleibung jeden Gedankens, der euch inspiriert, und verjagt jeden Gedanken, der euch
tötet, damit ihr den Segen, den Gott euch gegeben hat, nicht verliert.

Wie können wir unser Wesen von jeglicher Spur der Ursünde reinigen? Das ist der Sinn des asketischen
Lebens. Außerhalb davon gibt es kein Heil.

Viele Geister sind stärker als wir. Aber wenn wir mit Christus sind, wird es uns gelingen, sie zu besiegen.

Die äußeren Formen der Askese, wie das Einhalten des Fastens, genügen nicht. Wir müssen von Grund auf
neu geboren werden.

Wie gelingt es uns, keine Angst vor der Großen Fastenzeit zu haben? Zu Beginn meines Aufenthaltes auf
dem Berg Athos war die Große Fastenzeit für mich ein großes Fest: die Zeit der Vorbereitung, die Offenba-
rung unserer Auferstehung zu empfangen. Wenn wir die Abstinenz von der Nahrung mit einem inspirie-
renden Gebet willkommen heißen, wird unser Organismus sie nicht nur leicht ertragen, sondern wird auch
manche Krankheit geheilt werden.

21 1 Kor 10,23

19
Diejenigen, die mit einer guten Gesundheit gesegnet sind und sich für einige Wochen der Nahrung enthal-
ten können, erreichen einen Zustand der Glückseligkeit. Die Leidenschaften sind beruhigt. Ein lebendiges
Gefühl von Frieden und von der Anwesenheit Gottes begleiten das Gebet. Es ist ein Unglück, dass es uns
heute vielfach an solcher Ausdauer fehlt.

In unserer Zeit ist es unmöglich, die Regeln der Kirche vollständig aufzuerlegen. Da ihr alle sehr verschieden
voneinander seid, legt euch die Regeln für das Fasten selbst fest.

Der Nachteil genau festgelegter Regeln besteht in der Beruhigung des Gewissens derer, die sie einhalten
können, in der Vermittlung des Gefühls, gerettet zu sein. Das ist sehr naiv. Die Pharisäer, die Asketen und
die Theologen des Alten Bundes haben auch Enthaltsamkeit geübt, aber das war nicht ausreichend. Christus
hat gesagt:“ Wenn eure Tugend nicht die der Pharisäer übersteigt, könnt ihr nicht gerettet werden.“22

Der heilige Paulus - dieser Genius, ein Geschenk der göttlichen Vorsehung - versichert, dass kein einziges
Gesetz jemals auch nur irgend einen Menschen zur Vollendung geführt hat. Das bedeutet, dass die Regeln
der Kirche zu Anfang eine Hilfe sein können. Ist man jedoch von Anfang an sich selbst, seiner freien Willens-
entscheidung überlassen, kann man sich etwas verloren vorkommen.

Der Mensch, dem es gelungen ist, über jedes Gesetz erhaben zu sein, hat den Zustand der Vergöttlichung
erreicht. Dies ist gleichbedeutend mit der Erlangung des Heils. Es ist wichtiger, dass man sich jeder Regung
seines Herzens und seines Geistes bewusst ist und Verantwortung dafür übernimmt, als eine Regel zu ha-
ben.

Es ist viel schwieriger, ein gewisses Unterscheidungsvermögen zu entwickeln, als sich Regeln aufzuerlegen.

Für das tägliche Leben ist es wesentlich, dass wir ständig aufmerksam sind für die Hinweise, die Gott uns
gibt, was wir tun sollen und wie wir es tun sollen. Trotz allem können wir uns nicht gänzlich von schlechten
Gedanken befreien; niemand, nicht einmal die Vollkommensten vermögen dies. Wie hoch auch der Grad
der Vollkommenheit sein mag, sie bewahrt keinen Menschen davor, sich zu täuschen. Durch die Erfahrung
des geistigen Lebens lernen wir auf ganz Einfache eise Schwirigkeiten zu überwinden, die uns zuvor noch
erschüttern.

In der Wüste weist Christus die Versuchungen des Teufels unmittelbar zurück und gibt sogar die
theo'logischen Begründungen seiner Antwort. Das ist eine Lehre für uns. Jedes Mal, wenn uns ein schlechter
Gedanke kommt, müssen wir ihn unmittelbar zurückweisen und jeden Dialog mit ihm verweigern. Diese
Haltung können wir uns jedoch nur durch sehr lange Askese und durch die Wirkung der Gnade in uns an-
eignen.

22 Mt 5,20

20
Was bedeutet es, unser Heil aufzubauen? Das bedeutet, von all dem, was wir im kosmischen Dasein vor-
finden, das auswählen, was Gott wohlgefällig ist, und uns von dem trennen, was gegen Gott ist. Wenn wir
so handeln, sehen wir, wie sich nach und nach unser Leben verändert. Doch habt Geduld. Natürlich kann
Gott uns in einem Augenblick heimsuchen und uns die Augen für die Ewigkeit öffnen. Doch in der Regel ist
dies eine mühsame Arbeit, die mehrere J ahre in Anspruch nimmt und nichts mit einer Hervorbringung der
Einbildungskraft zu tun hat. Lest die Schriften des heiligen Siluan, und ihr werdet erkennen, dass er stets in
Gott weilte. Dann werdet ihr sein Wort verstehen, dass die Heiligen nicht eine Sekunde ohne Gebet vorüber-
gehen lassen.

''Wie kann man zwischen den Gedanken unterscheiden, die von außen an uns herantreten, und denen, die
unserem Herzen entspringen? Meist ist das Eindringen der dämonischen Energie so subtil, dass wir sie als
etwas von uns selbst Kommendes ansehen. Die geistige Wissenschaft, die wir von unseren Vätern ererbt
haben, ist uns eine Hilfe, doch sie ist nicht ausreichend. Entsteht durch einen Gedanken ein ungutes Gefühl,
ein Missbehagen in unserem Herzen, ist dies das Zeichen dafür, dass dieser Gedanke vom Widersacher aus-
geht. Dies gilt insbesondere für die Gedanken der Gotteslästerung. Wenn wir uns über einen Gedanken, den
wir in unserem Herzen hegen, nicht erfreuen können, wenn wir nicht zufrieden sind, ist dies das Zeichen
dafür, dass dieser Gedanke nicht von Gott ist, sondern vom Feind, der in uns eindringt.

Es ist sehr schwierig zu unterscheiden zwischen dem, was aus unserem Herzen kommt, und dem, was vom
Einfluss des Widersachers herrührt. Diese Fähigkeit der Unterscheidung lernt man fortschreitend durch
Askese, durch Kampf gegen die Leidenschaften, die wir als Kinder Adams in uns haben. Nach und nach be-
ginnen wir zu unterscheiden, zu fühlen, dass dieser Gedanke und jene Regung der Seele nicht von Gott sind,
sondern vom Widersacher kommen. Nicht durch Nachdenken, sondern durch Empfinden, durch unmittel-
bare Intuition, die äußerst subtil und schwer zu beweisen und immer das Resultat mehrerer Jahre Askese ist.
Gemäß dem heiligen Isaak des Syrers und unserem Vater Siluan hängt das Unterscheidungsvermögen auch
von der Weise ab, wie der Heilige Geist in unserem Herzen wirkt, von der Erfahrung mit der Gnade und der
Erfahrung mit den Angriffen der Dämonen. Die Verminderung oder der Verlust der Gnade ist das Zeichen,
das ein Gedanke vom Widersacher kommt. Umgekehrt, kommt ein Gedanke von Gott, von einem Engel oder
vom Heiligen Geist Selbst, macht er uns überglücklich und erfülltuns mit einem Frieden ganz besonderer
Art.

Am besten ist es, den Gedanken überhaupt keine Beachtung zu schenken, sich ganz und gar in das
Gebet zu versenken und mit Gott durch unser Gebet zu sprechen.

Es gibt verschiedene Weisen, auf schlechte Gedanken zu reagieren und unseren Geist von allen leidenschaft-
lichen oder gotteslästerlichen Gedanken zu befreien. Die erste, anempfohlen von den Vätern der Kirche, ist
die Reue. Die zweite besteht darin, unsere Aufmerksamkeit und unser inneres Wesen auf etwas anderes zu
lenken. Wenn sich dieses Interesse für etwas anderes verstärkt, schenkt der Widersacher uns keine Beach-
tung mehr und verlässt uns.

Wenn die Leidenschaften stark sind und wenn ein schrecklicher, triebhafter, sündiger Gedanke nicht von
uns lassen will, bleibt uns nur noch der Kampf unter Tränen, solange bis dieser böse Geist uns verlässt.

21
Unser Intellekt befindet sich im ständigen Kampf mit dem des Widersachers. Um unser Leben aufzubauen,
ist diese Haltung unaufhörlichen Kampfes notwendig. Denn wenn wir schlafen, lassen wir den Widersacher,
der sich niemals der Ruhe hingibt, ungehindert sein Werk treiben, und wir riskieren unser Heil zu verlie-
ren.

Wachsamkeit. Dies ist es, womit wir beginnen müssen, um möglichst nichts außerhalb Gottes· zu tun.

Die Welt, in der wir heute leben, hat einen dynamischeren Rhythmus als früher. Doch je mehr Aktivität in
der Welt ist, desto schwieriger wird es, ein christliches Bewusstsein zu bewahren. Von allen Seiten werden
wir angegriffen, von Ideen aller Art, die das Äußere unseres Lebens in Unruhe versetzen. In den Stürmen
unserer Zeit heißt es, stets wachsam zu sein.
Dies lege ich euch dringlichst ans Herz: Hört auf das Wort des Evangeliums, seid wachsam und bleibt nicht
länger unmündig.

Lasst uns diese Aufmerksamkeit bewahren, die unseren Körper in permanenter Spannung hält. Dank dieser
Spannung können wir sogar im Schlaf das Ziel unseres Lebens geistig bewusst halten. Das Gebet kann selbst
bis in jene Schicht dringen, die die Psychologen das Unterbewusstsein nennen. Ein wahrer Asket hat sich
immer unter Kontrolle, selbst im Schlaf. Wenn schlechte Gedanken auftauchen, steht er auf und betet. Auf
diese Weise wird das Bewusstsein allmählich alles erleuchten, was wir im täglichen Leben tun.

Lasst euch nicht durch die Dinge dieser Welt zerstreuen. Sammelt all eure Energie und setzt sie für ein Le-
ben ein, das dem Geist des Evangeliums entspricht.

Wachen wir über unseren Intellekt, damit er nicht durch die Außenwelt abgelenkt wird. Ohne asketische
Anstrengung kann unser Intellekt niemals ständig in Gott verweilen. Bereits in diesem Leben müssen wir
lernen, in Gott zu bleiben, so wie unser Geist nach dem Tod in Gottes Gegenwart lebt.

Wenn wir von der Anwesenheit Gottes in unserem Geiste sprechen, bedeutet dies nicht, dass wir Gott sehen,
sondern dass Gott uns sieht. Dies ist die rechte Einstellung: Wir handeln im Bewusstsein, dass Gott anwe-
send ist und uns zuschaut.

Was die Träume angeht, so kann ich nicht über das hinausgehen, was der heilige Johannes Klimakos sagt.
Gemäß den Kirchenvätern ist die beste Einstellung, überhaupt nicht an Träume zu glauben. Um uns von der
Glaubwürdigkeit unserer Visionen zu überzeugen, kann der Feind in der Tat Träume hervorrufen, die sich
dann tatsächlich im täglichen Leben erfüllen. Es ist daher ratsam, äußerst vorsichtig zu sein. Eine einzige
Täuschung genügt, und die Illusion23 ist da, mit all ihren Gefahren. Wir haben das Wort Christi und der Apo-
stel: Dies genügt uns.

23 Illusion bedeutet wörtlich: Abirrung vom rechten Pfad durch Irrtum oder Täuschung. Das ständige Herzensgebet schützt uns
vor der Illusion, das heißt vor der Gefahr, das Ziel unseres Lebens zu verfehlen. Die ununterbrochene Anrufung des Namens Jesu ver-
treibt jeglichen Gedanken der Illusion.

22
Es ist sehr wichtig, dass wir niemals danach trachten, offenkundige Zeichen des göttlichen Wohlwollens zu
erhalten, wie zum Beispiel die Gabe, Wunder zu vollbringen.

Christus durch sich selbst und für sich selbst zu leben, abgesondert von den anderen, führt zu der Erfah-
rung, dass der Mensch als Einzelner nicht ausreicht, um ein christliches Leben zu führen. Umgekehrt, wenn
zwei, drei, vier oder mehr Personen sich mit dem gleichen Ziel verbinden, vervielfacht sich die Kraft eines
jeden um ein Unendliches. Die Schrift sagt: "Wehe dem, der allein ist." Zu zweit dagegen kann man schon
unerschütterlich sein.

Wesentlich für die Gemeinschaft ist, dass alle die gleiche Anschauung haben, um in einem Geist der Über-
einstimmung das eigene Heil, das der anderen und all derer aufbauen zu können, die zu uns kommen.

Die wissenschaftliche Theologie ist nicht ausreichend für das Heil. Lest vor allem die Schriften der asketi-
schen Väter. Von ihnen lernt ihr die wahre Theologie, die rechte Einstellung von Verstand und Herz, wenn es
sich um Gott handelt. Das reine Gebet wird nicht denen gegeben, die viel studieren. Von diesem Standpunkt
aus betrachtet ist der Weg der theologischen Wissenschaft kaum erfolgreich und kann nur selten zum rei-
nen Gebet führen.
Von wahrer Theologie können wir sprechen, wenn der Geist sich unter der Wirkung der göttlichen Gnade
befindet. Hierin besteht der Unterschied zwischen Theologie und Philosophie, zwischen der wahren Theo-
logie und der intellektuellen Theologie. Wenn eine solche (begnadete) Inspiration euer Herz berührt, wird
sie auf Erden kein Ende haben. Sie ist unerschöpflich, denn in ihr liegt der Anfang des ewigen Lebens. Selbst
wenn euer Körper sich auflöst, wird diese Inspiration mit Macht in euch weiterleben.

Gott kann den Geist des Menschen anrühren und ihm auf unmittelbare Weise die Erkenntnis Seiner Selbst
vermitteln. Es besteht ein großer Unterschied zwischen dieser Erkenntnis und dem Wissen, das man in den
theologischen Schulen erwirbt. Es kann sehr gefährlich sein, Theologie zu betreiben, ohne eine existentielle
Erfahrung vom Leben im Geiste Christi zu haben. Man riskiert in der Tat, Theologie vor allem in ihrer apo-
phatischen24 Form, wie eine Philosophie und wie eine Poesie zu studieren. Man läuft Gefahr, eine falsche
Haltung einzunehmen und sich anderen überlegen zu fühlen, und dies genügt, um sein Heil zu verlieren.
Es ist eine andere Inspiration, die wir im Leben in Christus suchen müssen. Theologie als Wissenschaft, die
in den Schulen gelehrt wird und die zum intellektuellen Spezialfach geworden ist, das allen zugänglich ist,
vermittelt nicht die Erkenntnis Gottes. Die Kenntnis von Gott kommt aus dem Leben in Gott und entspringt
der tiefsten Tiefe des Herzens.

Wir können Opfer einer spirituellen Abirrung sein und die Früchte der theologischen Wissenschaft höher
einschätzen als die Heiligkeit des Lebens.

24 In der apophatischen Theologie geht es um die Unerkennbarkeit der göttlichen Natur durch die Vernunft, das rationale Den-
ken. Sie entspricht einer Geisteshaltung, die darauf verzichtet, sich Begriffe von Gott zu bilden. In der Theologie der russischen Theo-
logen der letzten Jahrhunderte hat die kenotische Liebe als königlicher Weg der Offenbarung Gottes an Bedeutung zugenommen. Das
Hohelied der Liebe ist ein Zeugnis davon aus dem alten Testament. In dem maße, wie wir uns reinigen und entleeren von allem, was
der Vergöttlichung im Wege steht, kann Gott uns mit Seinem Sein erfüllen. Die kenotische Liebe als Ausdruck äußerster tiefer Demut
vermeidet die Gefahr des Gefühls der Überheblichkeit auf dem Weg der Vergöttlichung.

23
Man kann ein großer Gelehrter sein, akademische Titel besitzen und in völliger Unwissenheit über den Weg
zum ewigen Heil verharren.

Wenn man ein heiliges, sündenfreies Leben führt, kann die geistige Erkenntnis herrliche Früchte hervor-
bringen. Ein Wissen ohne Liebe jedoch vermag die Person nicht zu retten.

Ohne den Geist der Reue, ohne Erfahrung des wahren Gehorsams kann man nicht wirklich Theologe oder
Priester werden, das heißt eine Person, die fähig ist, anderen den wahren christlichen Weg zu lehren.

Um die Wissenschaft des Lebens in Christus zu lernen, ist es nicht notwendig, Dutzende oder Hunderte von
Büchern zu lesen. Mein geistiger Vater gab mir den Rat, nur wenige Seiten pro Tag zu lesen, eine Viertel-
stunde, eine halbe Stunde, aber immer behutsam darauf bedacht zu sein, das Gelesene im täglichen Leben
anzuwenden.

Gemäß dem heiligen Petrus kann die königliche Priesterschaft25 durch unsere Teilnahme an der Liturgie
verwirklicht werden. Schreckt davor zurück, aus purer Gewohmheit zur Liturgie zu gehen. Bemüht euch
jedesmal noch tiefer das nachzuleben, was Christus während des heiligen Abendmahls lebte, als Er jenes
große Mysterium, das Sakrament der Eucharistie, einsetzte. So gereicht die Göttliche Liturgie zum Heil,
nicht nur für euch, sondern auch für all diejenigen, die daran teilnehmen. Es kommt nicht nur den Priestern
zu, in ihrem Herzen die Leiden Gottes für die Welt zu leben, die der Sünde und dem Tod preisgegeben ist.

Alles Sein hat sein Dasein, weil Gott die Welt denkt. Gott denkt die Welt, und die Welt existiert.26 Wenn ihr
den Willen Gottes in aller Einfalt und Demut zu erfüllen sucht, kann Gott jedwede, selbst die schlimmste
Situation verwandeln. Wenn ihr also eurem geistigen Vater gehorcht, wenn ihr Vertrauen in ihn habt, dann
habt keinerlei Befürchtung, irregeleitet zu werden. Gott wird immer das Mittel finden, euch die Wahrheit
zu offenbaren. Wenn ihr im Gehorsam fortschreitet, wird euer Herz feinfühliger werden für jede geistige
Regung in eurem Leben.

Es ist von geringer Bedeutung, ob die Sicht unseres geistigen Vaters unvollkommen ist. In dem Maße, wie
wir den Gehorsam und den Glauben an Christus verwirklichen, wird Gott unser Handeln richtig stellen.
Was zunächst falsch erschien, wird sich als richtig erweisen. Was dagegen im Lichte unserer Vernunft als
vollkommen erschien, erweist sich allzu oft als bloße Spiegelung unseres sündhaften Willens, und Gott wird
nicht mit uns sein.

Der einfachste Weg ist zu gehorchen und nicht zu befehlen. Doch dies ist der schlimmste Krieg gegen die
Leidenschaften.

Um das Mysterium des Heils in Christus zu begreifen, müssen wir dem Pfad des Gehorsams folgen. Und dies
bedarf großer Achtsamkeit. Sofern seine Perspektive richtig ist, kann der Mensch selbst während der ein-
fachsten Arbeit, zum Beispiel in der Küche, von großer Inspiration erfüllt sein. Ohne Gehorsam jedoch kann
er verloren gehen - mag er auch Patriarch, Bischof oder Priester sein.

25 1 Petr 2,9
26 Vgl. Jona 1,3

24
Wir haben die Ursünde in uns, dieses Gift der ersten Versuchung Adams im Paradies - "Ihr werdet sein wie
Gott" - doch der Gehorsam kann uns davon befreien.

Alles hängt von unserer Beziehung zu Gott ab. Wenn wir Vertrauen in Seine Vorsehung haben, dann werden
wir auch den Mut haben, dem Wort unseres geistigen Vaters zu folgen. Die Logik, die unserem alltäglichen
Leben und unserer Vernunft eigen ist, reicht nicht aus. Gott zieht sich von dem zurück, der zuviel Vertrau-
en in seine eigene Vernunft setzt. Es schadet nichts, ob ein Wort sich gegen uns richtet, ob ein Rat dem
gesunden Menschenverstand widerspricht. Sind wir bereit, Ihm zu folgen und Vertrauen in Ihn zu haben,
wird Gott letztendlich die Dinge immer zum Positiven wenden. Das Mysterium des Gehorsams ist eine der
schwerwiegensten Realitäten auf dem wege zum Heil.

Möge der Herr euch behüten! Und ihr, bewahret die rechte Lebenshaltung! Von außen gesehen ist es ein
Leben ohne jede Besonderheit - im Inneren befinden wir uns jedoch dank des Gehorsams in einem Zustand
ständiger Spannung. So soll der Christ sein: eine ,,Hochspannungsleitung", auf der ein kleiner Vogel sich
niederlassen kann, ohne den geringsten Schaden zu nehmen, durch die jedoch eine Energie fließt, mächtig
genug, die gesamte Welt zu sprengen. Dies ist der Weg, wie wir Zugang zum ewigen Reich Christi erlangen.

Durch die kleine Übung des Gehorsams geht der Mensch ein in das Sein Gottes, das ohne Anbeginn ist.

Der Gehorsam ist unabdingbar für das ewige Heil. Bereitet euer Herz und euren Geist darauf vor und bewah-
ret eine positive innere Haltung.

Nach dem Ebenbild Gottes sein." Dahin kann man nur durch einen Gehorsam gelangen, der dem Gehorsam
Christi, der heiligen Jungfrau und all derer gleich ist, die ihren Spuren folgten.

Wenn wir zusammen sind, sollten wir wie ein Mensch sein, nach dem Bilde des Dreifaltigen Gottes, der ein
einziger Gott ist. Dahin können wir nur gelangen, wenn wir den Heiligen Geist in uns haben und nicht die
Unordnung unserer schlechten Gedanken. Wie solch eine Gnade erlangen ? was tun, damit Gott und Sein
Heiliger Geist in uns wohnen? Mann muss gehorchen. Einzig durch eine ständige Aufmerksamkeit unserem
Bruder und unserer Schwester gegenüber können wir eine Sensibilität in uns entwickeln, um die Gedanken,
den Willen und den Zustand zu erspüren, in dem sie sich auf der geistigen Ebene befinden. Leben wir dage-
gen ohne Gehorsam und trachten vornehmlich nach unserem eigenen Wohlbefinden, dann werden wir von
den anderen getrennt sein, und das bedeutet Krieg.

Der geistige Gehorsam ist unabdingbar für das tägliche Leben. Zieht den Willen eines anderen eurem ei-
genen vor. Nehmt jede Bitte eures geistigen Vaters, eines Bruders oder einer Schwester in einer positiven
Haltung entgegen. Auf diese Weise wird nach und nach in euch und in eurer Umgebung eine Atmosphäre
geschaffen, in der das Herz sehr sanftmütig, sehr feinfühlig für jegliche innere Regung und für alle geistigen
Veränderungen wird.

25
Wenn wir alle beisammen sind, möge doch jeder einzelne Gott bitten, dass Er uns den Geist des Gehorsams
gegenüber Seinem Willen schenke und dass Er uns alle segnen möge. Ob euer Nächster jung oder alt ist,
lauscht seinen Worten mit dem Herzen, um wahrzunehmen, wann der Geist Gottes durch ihn spricht. Es
war ein zwanzigjähriger Diakon, der heilige Athanasius, und nicht die Patriarchen, Bischöfe oder andere
Glaubenszeugen, der während Des Ersten Ökumenischen Konzils im Jahre 325 den Begriff, homoousius27
vorgeschlagen hat, um die Beziehung zwischen dem Vater und dem Sohn in der Dreifaltigkeit deutlich zu
machen. Doch um auf diese Ebene zu gelangen, bedarf es vieler Mühen. Allein durch Gehorsam kommt man
dahin.

Durch den Gehorsam wird unser Herz immer feinfühliger für das Leben der anderen, für ihre Leiden, ihre
Fortschritte und ihre Bedürfnisse.

Durch Dienen und nicht durch Beherrschen wird man dem Herrn gleich. Christus hat diesen Weg während
des Heiligen Abendmahls geoffenbart. Er war der Herr, und Er wusch die Füsse Seiner Jünger. Durch den
Gehorsam werden sich euer Herz und euer Geist bis ins Unendliche weiten.

Durch den Gehorsam wird unser Leben in höchstem Grade bewusst, selbst bis in den Tiefschlaf hinein.

Nur durch Gehorsam besiegt man die Leidenschaften, so dass kein einziger leidenschaftlicher Gedanke uns
in Knechtschaft halten kann.

Wir müssen bereit sein, den Willen jeder anderen Person unserem eigenen Willen vorzuziehen. So
weitet sich unser Bewusstsein. Nach und nach beginnen dann, auf völlig unerwartete Weise, die Tränen
für den "ganzen Adam" in uns zu fließen.

Gehorsam beginnt mit den unbedeutendsten Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens, mit der bescheidensten
Arbeit. Und seine Erfüllung findet er im Bewusstsein des "Ich bin".28 Diese Geisteshaltung müssen wir mit
der Kraft des Glaubens an die Auferstehung bewahren.

27 Homoousios' (griech.) bedeutet Wesens gleichheit der göttlichen Personen, das heißt, alle drei Personen besitzen die gleiche
göttliche Natur.

28 Vater Sofronij nimmt hier Bezug auf Ex 3,14. Gott offenbart sich hier Moses als der lebendige Gott - ICH BIN DER ICH BIN -,
der den Menschen liebend auf allen seinen Wegen begleitet. Durch die Vergöttlichung nimmt der Mensch teil am Bewusstsein des "Ich
bin". Der Gehorsam wird im mönchischen Leben als einen der direktesten Wege zur unmittelbaren Gotteserfahrung betrachtet.

26
Christus hat gesagt: "Wer nicht seinen Vater, seine Mutter, seine Brüder, seine Kinder und sogar sich selbst
hasst, der kann mir nicht folgen. "29 Das Wort des Herrn ist sehr ernst zu nehmen. Es geht nicht um Karriere
und um Kleinigkeiten dieses Lebens, sondern um die Überwindung der Leidenschaften und der Sünden
dieser Welt, damit wir für alle Ewigkeit mit dem Himmlischen Vater leben können. Nach dem Fall ist unsere
menschliche Natur in allen ihren Erscheinungsformen das Gegenteil von dem, was der Himmlische Vater
von uns erwartet. Das ist der Grund, weshalb wir uns selbst hassen müssen30, das heißt den Zustand unserer
Sündhaftigkeit, in dem wir uns in der Welt nach dem Fall befinden.

Durch den Gehorsam kann unser Geist wieder rein werden vor Gott.

"Wenn jemand seinen Vater, seine Mutter, seine Kinder mehr liebt als mich, kann er mir nicht folgen. "31 Ob-
wohl es für die Menschen dieser Welt keine schrecklicheren Worte gibt als diese, müssen wir dennoch über
all das hinausgehen, was uns an die Menschen bindet, die uns am nächsten stehen. Ansonsten werden wir
niemals zu der universalen und absoluten Liebe Gottes gelangen.

Gehorsam ist der vollkommene Verzicht auf unseren eigenen Willen. Dies ist der Weg, dem wir folgen müs-
sen, um frei zu werden, um wieder die Stimme des Heiligen Geistes in unserem Herzen wahrzunehmen.
Solange noch eine einzige Leidenschaft in uns haftet, wird unser Leben eine ausweglose Tragik: bleiben.
Frieden können wir nur durch den vollkommenen Verzicht auf unseren eigenen Willen finden.

Nur wenn wir uns von unseren eigenen Gedanken, Ideen und Willensregungen befreien, können wir in voll-
kommener Reinheit in der ,,Atmosphäre" Gottes leben.

Zu gehorchen bedeutet, sich von seinem eigenen, individuellen Willen abzuschneiden. Im Alltag heißt dies,
sich darauf einzustellen, seinen eigenen Ideen zu widersagen, um sich von diesem mühsamen, erbärmli-
chen Kampf gegen die Leidenschaften zu befreien.

Ist dieser Krieg einmal beendet, stehen wir schon an der Schwelle der Ewigkeit.

Sagt ihr euch von eurem eigenen Willen los und sucht den Willen Gottes, wird Gott mit euch sein. Folgt ihr
jedoch eurem eigenen Gutdünken, wird Gott euch verlassen.

Für den Menschen gibt es keine größere Strafe, als wenn Gott ihn seinem eigenen Willen überlässt. In un-
serer Zeit, die Christus verworfen hat, versteht niemand, das die Gebundenheit an unseren eigenen Willen
eine Offenkundige Sklaverei ist.

29 Vgl. Lk 14,26

30 Vater Sofronij grenzt den Selbsthass, den Christus selbst als Gebot fordert, ganz scharf von der pathologischen Selbstzerstö-
rung ab. Er sieht das Wesen des spirituellen Selbsthasses des Evangeliums als Ausdruck der kenotischen Liebe und bezeichnet ihn
als heilig, da er seine Wurzeln in Gott selbst hat. Er ist eine der Formen der Kenose, die das Herz und den Geist der Person von allem
Unreinen entäußert und sie befähigt für die göttliche Erleuchtung. Der spirituelle Selbsthass ist Frucht der Gnade Gottes.

31 Vgl. Lk 14,26

27
Das reine Gebet setzt Freiheit von aller Sorge voraus. Es ist erreicht, wenn unser Intellekt bei jeder Arbeit frei
von allem Denken bleibt und nur noch durch den göttlichen Namen, durch die Gnade des Heiligen Geistes
lebt.

Ich bin nicht gekommen, um meinem Nächsten meinen Willen aufzuwingen, sondern um ihm nach
dem Vorbild Christi zu dienen. Versucht danach zu handeln, und ihr werdet erleben, dass die Gnade Gottes
in euch weilt. Macht euch alsdann diese Haltung in jedem Augenblick eures Lebens zu eigen.

Wenn wir nicht erkennen, was es bedeutet, unserem Nächsten zu dienen, wird unser Leben sinnlos. Wenn
wir unsere Natur erneuern wollen, wenn wir zum Gleichnis Gottes werden wollen, dann muss das Verlan-
gen, dem Nächsten zu dienen, unser Leben bestimmen. Der Dienst am Nächsten hat eine heilsame Kraft, die
unendlich größer ist als jedwede theologische Theorie.

Wie können wir Gott erkennen, so, wie Er ist? Christus zeigt uns den Weg. Er bittet uns, in Heiligkeit
zu leben, niemandem zu schaden, die anderen uns selbst vorzuziehen und nicht zu kämpfen, um sie zu be-
herrschen.

Wir müssen uns selbst sterben, auf dass die anderen leben. Christus hat gesagt: “Fürchtet euch nicht, durch
diesen Dienst euer Leben zu verlieren."32 Wer seinem Nächsten dient, errettet seine Seele für das ewige Le-
ben.

Welche Waffe benutzt der Widersacher gegen unser Heil? Die Eifersucht. Wie das Evangelium berichtet,
weiß Pilatus, dass die Juden Jesus aus Eifersucht töten wollen. Die Eifersucht ist die stärkste Macht des Wi-
dersachers. Darum müssen wir uns insbesondere gegen jeden Gedanken der Eifersucht verwahren.

Eifersucht ist allen Menschen eigen - ganz unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung. Denn überall
gibt es jemanden, der stärker ist als wir. Die anderen haben immer etwas, was wir selber gerne haben möch-
ten. In der Eifersucht stoßen wir die anderen zurück, und so wird das Leben zu einem verdunkelten Zerrbild
Gottes.

Versucht niemals, einen anderen anzuklagen, sondern betet für ihn. Jemand anderen wegen seiner Fehler zu
verurteilen bedeutet, die eigenen Fehler nicht zu sehen.

In unserem Zustand der Sündhaftigkeit sind wir unfähig, unseren Bruder richtig zu beurteilen. Seid nicht
so sicher, dass euer Bruder sich täuscht. Richtet ihn nicht

Es ist besser nicht zu urteilen. In der Furcht Gottes zu leben heißt, sich davor zu fürchten, den anderen in
sündhafter Weise zu richten, und nicht so, wie Gott ihn richten würde.

32 Joh l2,25f.

28
Was habe ich im Sinn, wenn ich meinen Bruder richte? Solange ich ihn nicht so sehe, wie Gott ihn sieht,
wird alles verkehrt. Beginnt mit dem Gebet, mit dem Gedanken, gehorsam zu sein und eure Brüder nicht
zu richten. Beginnt mit dem Wunsch, den Nächsten in Liebe zu dienen, wie Siluan, der darum bat, an Fei-
ertagen im Refektorium Hunderte von Mönchen bedienen zu dürfen. Er war von Glück erfüllt, wenn er sah,
wie sehr Christus diese Menschen liebte, diese Kinder Gottes. Er bediente sie mit viel Liebe. Werden die täg-
lichen Arbeiten in einem solchen Geist verrichtet, können sie zu einer köstlichen geistigen Speise werden.
Dank dieser Haltung des Dienens wird euer Herz am Abend sehr sanftmütig sein, und ihr werdet vor Gott
Tränen vergießen über eure eigenen Fehler und euren Mangel an Liebe.

Die Schwierigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten, rührt immer von einem Mangel an Gebet und an Lie-
be. Wie Starez Siluan sagt, kann es vorkommen, dass der Fortschritt trotz glühender Gebete nur mühsam
zu erreichen ist. Doch wenn es uns durch die Anrufung des göttlichen Namens gelingt, mit einer Person
ständig zusammenzuleben, werden wir fähig sein, mit Millionen anderer Personen zusammenzuleben, die
jener einen ähnlich sind.

Für den anderen zu beten bedeutet, ihm dank unseres Herzens voller Zuneigung zu helfen, den negativen
Gedanken zu widerstehen, die er vielleicht nicht ohne Grund gegen uns haben mag. Wenn wir hingegen aus
Mangel an Liebe nicht für ihn beten, rechtfertigen wir die schlechten Gedanken, die er uns gegenüber hegen
mag. Lasst uns die Einheit im Gebet bewahren, versammelt um den Kelch Christi, und wir werden erfahren,
wie leicht es ist zu lieben.

Seid überaus wachsam! Erlaubt keinem einzigen negativen Gedanken, in euer Herz einzudringen.

Ihr dürft die Gefahr der negativen Gedanken, die ihr gegen andere hegt, wenn ihr alleine seid, nicht unter-
schätzen. Hütet euch vor jedem verletzenden Wort. Das ist sehr wichtig. Erinnert euch auch jener Worte
Christi: "Was ihr nicht wollt, dass man euch tut, das fügt auch keinem andern zu. "33

Folgt dem Beispiel unseres Vaters Missaei, den Gott so sehr liebte und der Abt des Klosters des heiligen Pan-
teleimon war zu der Zeit, als ich dort lebte. Seine Einstellung war: "Wenn jemand Widerstand leistet, gebe
ich nach."

Wenn ihr in Gesellschaft der Auserwählten Gottes seid, die euch wohlwollend empfangen und euren Dienst
annehmen, so nehmt folgende Haltung ein: Erachtet euch als unwürdig und überaus geehrt.

Und ihr werdet sehen, dass sich euer Leben verändert. Wenn ihr jedoch die anderen wegen belangloser und
äußerer Dinge richtet, werdet ihr alles verlieren.

33 Mt7,12

29
Alles, was ihr in euren inneren Kämpfen erringt, hat eine Wirkung auf euer Leben in Gott. Kämpft gegen
jede Leidenschaft, die in euch Gedanken der Kritik gegenüber anderen hervorruft. Nehmt nicht an, was der
Widersacher euch gegen denjenigen einflüstert, der euch ungerecht behandelt. Ob ihr allein seid in eurem
Zimmer oder mit anderen zusammen seid, jeder Gedanke der Kritik, jede innere negative Regung bewirkt
einen Riss in eurer geistigen Festung und in der eurer Gemeinschaft. Nicht ein einziger Gedanke entsteht
und vergeht, ohne seine Spuren zu hinterlassen. Mit guten Gedanken in eurem Herzen könnt ihr in jeder
Person, der ihr begegnet, einen liebenswerten Menschen erkennen. Wenn ihr jedoch über den Ausdruck
eures Gesichts, über eure psychische Energie negative Gedanken ausstrahlt, verderbt ihr eure Beziehungen
und eure Umgebung.

Wohnt die Gnade in euch, seht ihr nicht die Fehler der anderen, sondern nur die Leiden und die Liebe eurer
Brüder.

Es ist falsch und illusorisch, von einer Gruppe oder Von einer Einzelperson Vollkommenheit zu erwarten.
Zum einen, weil wir selbst keine wahre und richtige Vorstellung von dem haben, was Vollkommenheit ist,
und zum anderen, weil Vollkommenheit völlige Gleichheit mit Christus bedeutet.

Weist jeden Geist der Neugier zurück. Verrichtet eure Arbeit, ohne euch darum zu kümmern, ob die anderen
die ihrige tun. Ist keine Neugierde vorhanden, erhält jeder von Gott, was ihm zusteht. Man kann Gott nicht
hintergehen. Er ist so mächtig und so gerecht, dass man nichts vor Ihm verbergen kann.

Der heilige Ephrem der Syrer betet: "Gib mir, dass ich meine eigenen Fehler erkenne und meine Brüder nicht
richte." Wenn wir anfangen, unsere eigenen Anstrengungen mit denen anderer zu vergleichen, dann kann
der Widersacher Mittel und Wege finden, uns zu entmutigen.

Entstehen Streitigkeiten, Feindseligkeiten und Rivalitäten zwischen Personen, kann die Einheit nur gewahrt
werden, wenn jeder die Schwächen der anderen erträgt. Für den Apostel Paulus ist es besser, eine Beleidi-
gung zu ertragen, als andere zu beleidigen.

Wenn wir ununterbrochen um die Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern beten, um die Fähigkeit, im
gleichen Geist und in der Einheit der geistigen Liebe den Lebensweg bis zum Ende zu gehen, dann wird es
viel leichter, Christus gleich zu werden.

Halten wir uns dagegen an unvermeidlichen Kleinigkeiten und Mängeln des äußeren Lebens auf, verlieren
wir die Gnade der Kontemplation des Ewigen.

Einem Problem gegenübergestellt, helfen die Stärksten den Schwächeren. Dies ist die einzig mögliche Lö-
sung. Wie Christus sagt: "Wer der Größte sein will, mache sich zum Diener und Knecht, selbst der Schwächs-
ten. "34

Das Leben in der Welt ist gegründet auf Macht und Gewalt. Das Ziel des Christen ist nicht auf Macht und
Gewalt aufgebaut, sondern auf deren Gegenteil. Gewalt gehört nicht zum ewigen Leben. Keine mit Gewalt
erzwungene Tat kann uns retten.

34 Mt 20,26-27. Dies entspricht christlicher Kenose


30
In unserem Leben als Gemeinschaft gewährt uns der Gehorsam nach und nach den Zugang zum Verständ-
nis der Psychologie der anderen Personen. Wenn wir lernen, mit einer Person zu leben, dann können wir
auch mit Millionen anderer Personen leben, die dieser einen ähnlich sind. So lassen wir uns fortschreitend
auf ein immer tieferes Leiden für die gesamte Menschheit ein. Es ist notwendig, dass unser Geist sich im
gesamten Ausmaß menschlichen Seins entfaltet und nicht nur auf der Ebene der täglichen Aufgaben und
Schwierigkeiten. Diese kleinen Mühen und die Reibereien, die mit ihnen einhergehen, sind unvermeidlich,
aber sie sind nicht das Endziel unseres Lebens Unser ziel ist es, Ebenbild Christi zu werden.

Wenn ich als "Ich" nicht einmal vermag, eine kleine Gemeinschaft zu tragen, wie könnte ich dann wie Chris-
tus die Gesamtheit der Menschheit in Zeit und Raum tragen?

Ein christliches Leben zu führen bedeutet, Christus gleich zu werden, die gleichen Regungen des Herzens,
die gleichen Gedanken wie der Sohn des Vaters zu haben, sagt uns der heilige Paulus. Wenn wir uns dieses
Ziels bewusst bleiben, wenn unser ganzes Wesen auf dieses innere Geschehen ausgerichtet ist, wird der
Intellekt sich nicht in Kleinigkeiten verlieren. Neid, Eifersüchteleien, Reibereien und kleine Probleme des
Alltags werden völlig unbemerkt vorübergehen.

Wir feiern die Göttliche Liturgie miteinander. Doch wir zahlen den Preis dafür: Ein jeder von uns muss um
das Heil aller besorgt sein. Unser Leben ist ein Martyrium ohne Ende.

Es gibt keinen anderen Weg als das ununterbrochene Gebet während der Arbeit. Verwandelt alles in Gebet -
all euer Tun. Ihr öffnet eine Tür und bittet den Herrn, euch die Tür zur Umkehr, zur Reue zu öffnen. Setzt ihr
beim Bauen Stein auf Stein aufeinander, so sagt zu euch selbst, dass ihr vergeblich arbeitet und dass nichts
von Bestand ist, wenn nicht Gott selbst am Bau mitwirkt35 Ich habe zwar nicht die Gewohnheit, bei Staats-
chefs und Generälen geistigen Rat zu suchen, doch der Fall Cromwells ist interessant. Während er sich auf
eine Schlacht vorbereitete, sagte er: "Herr, ich werde gar zu sehr beschäftigt sein; es ist möglich, dass ich
Dich vergesse, doch vergiss Du mich nicht. "

Findet immer einen Grund, mit Gott zu sein.

Zu der Zeit, als ich auf dem Berg Athos noch Novize war, sagte mir eines Tages ein alter Mönch etwas Be-
merkenswertes über die bescheidensten Verrichtungen des täglichen Lebens: "Keine Arbeit setzt den Wert
der Person herab. Einzig die Sünde verringert das göttliche Leben in uns." Für das geistige Leben eignen sich
am besten jene Arbeiten, die nicht zur Leidenschaft werden können. Wenn ich Koch bin , bereite ich die
Nahrung zu, indem ich für die bete, die unser Herr liebt. Da gibt es keine Leidenschaft. Gleichzeitig hat diese
Arbeit einen großen Wert, weil sie mir erlaubt, den Menschen zu dienen, die Christus liebt. Mit einer solchen
Haltung kann man sehr gut leben.

Wer wird der Erste sein? Der Herr sagt: "Suchet zuerst das Reich Gottes, und alles Übrige wird euch hinzu ge-
geben werden. "36 Das ist unser Grundsatz, selbst wenn das materielle Leben vom Morgen bis zum Abend auf
uns lastet. Die Zielsetzungen des weltlichen Lebens sind andere, und niemand hat mehr Zeit zum Gebet.

35 Ps 126
36 Vgl.Mt 6,33

31
Wenn unser Geist und unser Herz auf Gott ausgerichtet sind, wird alles leicht. Ohne diese dynamische Be-
wegung auf Gott hin verliert das Leben seinen Sinn.

Im Kloster des heiligen Panteleimon hatte ich einmal vierzehn verschiedene Aufgaben gleichzeitig auszu-
führen. Ich sprach mit meinem geistigen Vater darüber: "Ich schaffe es nicht, meine Aufgaben zu erfüllen:
Ich habe vierzehn Arbeiten zu erledigen!" Er antwortete mir: "Du irrst, du hast nur eine einzige Aufgabe."
"Aber nein, Vater", entgegnete ich, "ich habe vierzehn!" "Aber nein", wiederholte er, "du erfüllst jeweils nur
eine einzige Aufgabe auf einmal. Erfülle sie also gut und geh dann zur nächsten über ... "

Das Ziel, das wir unserem Leben setzen, prägt all unser Tun. Ist unser Bestreben zum Beispiel, in erster Linie
Geld zu verdienen, dann wird alles, was wir tun, von diesem Beweggrund geleitet.

Die Arbeit und die gesellschaftliche Stellung sollten von keinerlei Bedeutung für die zwischenmenschlichen
Beziehungen sein. Privilegien sind keine äußere, sondern eine innere Angelegenheit: Wer Gott am meisten
liebt, wer am meisten betet, wer sich am meisten anstrengt, die Gebote zu erfüllen, der wird dem Herrn am
nächsten sein. Dies ist sehr wichtig. Befreit euren Geist von allem Karrieredenken. Im geistigen Leben Gibt
es keine Karriere.

Ist das Heil in Christus das einzige Ziel unseres Lebens, wird all unser Tun zum Gebet, zur Liturgie.

Alles, was ihr tut, auch eure Arbeit, kann zum Heil dienen. Dies hängt von euch ab, von der Weise, wie ihr
es tut. In der Geschichte kennen wir unzählige Beispiele von Mönchen, die große Heilige wurden, indem sie
kochten und Leintücher wuschen. Der Weg des Heils besteht darin, die Arbeit frei von Leidenschaften, im
Gebet, zu verrichten.

Vielleicht kennt ihr die Geschichte von jenem Mönch, der sein Leben lang in einem Kloster in Kiev Koch
war. In das Feuer seines Herdes schauend, sah er sich stets in den Flammen der Hölle. Er wurde ein Heiliger.
Seine Arbeit hinderte ihn nicht daran, stets in Gott zu weilen.

Vergeudet nicht eure Zeit, indem ihr dahinlebt ohne Gebet, in Gedankenlosigkeit.

Alles in unserem Leben hat einen geistigen Sinn. Suchen wir daher zuerst, wie wir bei unserer Arbeit unser
Herz, unseren Geist und unser Denken in Gott bewahren können. Möge Gott euch die Kraft geben, euren
Geist, euren Intellekt und euer Herz unversehrt in Christi Geist zu wahren. Dann kann alles, was euch wi-
derfährt, eine schnelle und tiefe Umwandlung erfahren. Langeweile und Entmutigung wird es nicht mehr
geben, denn sie werden umgewandelt durch eure Sehnsucht, dort zu sein, wo Christus ist, euer Gott.

Um unseren Geist und unser Herz in Frieden vor dem Urteil Gottes zu wahren, dürfen wir nichts tun, was
unserem Nächsten zur Last werden könnte. Unseren Lebensunterhalt müssen wir selbst verdienen, durch
unsere eigene Arbeit.

'Wir müssen um jeden Preis vermeiden, dass die Sorgen des alltäglichen Lebens uns daran hindern, im Geis-
te mit Christus, der zur Rechten des Vaters sitzt, und dem Heiligen Geist zu sein.

32
Die Kirchenväter bedienen sich zuweilen folgenden Bildes: Wenn wir irgendwo mit einem König zusammen
sind, beeinflusst seine Anwesenheit alles, was wir tun. Warum sollte es nicht gleichermaßen mit unserem
ewigen König sein? Da Er allgegenwärtig ist, lasst uns also so handeln, dass wir uns ständig seines Anblickes
bewusst sind.

Jeden Tag, jede Nacht lasst uns bedenken, dass Gott uns sieht, dass Er unsere Gebete hört, dass Er in die
Tiefen unseres Geistes schaut. Dies will natürlich nicht heißen, dass wir Gott sehen, so wie Er ist, doch das
Bewusstsein seiner Anwesenheit schafft eine Atmosphäre, die es uns ermöglicht, unsere Unvollkommenhei-
ten, die Zerstreutheit unseres Geistes und unsere Mängel in der Beziehung zu anderen im Laufe des Tages
wahrzunehmen.

Im Zusammenleben mit anderen Menschen sind wir gewissen Begrenzungen, äußeren Regeln und Zwängen
unterworfen. Doch der Geist, der von Gott ausgeht, ist über alle diese Formen erhaben.

Unser Denken soll da sein, wo Christus ist. Dann wird auch unser Gebet bei Ihm sein, und es wird kaum
noch Raum bleiben für Leidenschaften. Wir werden uns an diese Lebensweise gewöhnen, und durch dieses
friedvolle Leben werden wir unser ganzes Sein wieder neu aufbauen.

Im Leben gibt es nichts Banales, Geringes, Unbedeutendes. Wenn man seinen Geist in Gott bewahrt, ist es
leicht, alle äußeren Gesetze, Regeln und Einschränkungen zu beachten, ohne ihre Sklaven zu werden. Die
äußeren Formen des Lebens lassen sich leicht mit dem geistigen Bewusstsein in Einklang bringen. Die sicht-
bare Ordnung bleibt die gleiche, doch der Inhalt des Lebens verwandelt sich.

Unser geistiger Fortschritt hängt vor allem von unserer inneren Einstellung ab.

Es ist befremdlich, doch wir sind nicht gewohnt, auf all das zu achten, was um uns und in unserem Innern
vorgeht. Wir vergessen es. Die Eindrücke des äußeren, materiellen Lebens drängen sich uns so stark auf,
dass wir darüber das geistige Leben vergessen.

Wir müssen gleichzeitig sowohl einen unwiderstehlichen Drang zu Gott als auch das Bewusstsein unserer
Unzulänglichkeit und Armseligkeit in uns bewahren. Wenn wir jedoch aus Selbstzufriedenheit auf uns selbst
bezogen sind, dann hört das Gebet auf, das zu sein, was es sein sollte - der Ausbruch eines Vulkans.

In einer Gesellschaft, wo jeder sich für den Ersten hält, gibt es für niemanden einen Fortschritt. Erachtet
man sich selbst jedoch stets als den Letzten, wird jede Begegnung mit einem anderen Menschen zu einer
Gelegenheit geistigen Gewinns und Fortschritts. Es ist also ratsam, der Letzte zu sein. Bin ich der Erste, so
ist dies die Hölle der Langeweile. Bin ich der Letzte, ist dies ständige Freude; denn ich lerne stets Nützliches
hinzu.

Uns ständig zu demütigen, das ist unsere Aufgabe. Der Herr hat gesagt: "Wer sich selbst erniedrigt, wird er-
höht werden. "37 Doch nur Gott allein kann erhöhen.

37 Lk 18,14

33
Von der Askese her betrachtet, ist das tägliche Leben an die Gottesfurcht gebunden. Diese ist eine Überaus
kostbare Gabe. Aus der Furcht heraus bitten wir Gott, in jedem Augenblick unseres Alltages die Führung
zu übernehmen. Durch das Wirken der Gnade, die sich unserer Logik entzieht, gehen wir unmerklich in die
Freiheit der Kinder Gottes ein.

Lasst uns jeden Augenblick unseres Lebens in der Furcht Gottes verbleiben. So wird es uns gelingen, unse-
ren Nächsten zu dienen und unser Heil aufzubauen.

Versäumt es nicht, Gott Tag für Tag darum zu bitten, euch den Heiligen Geist zu geben, die Gnade, die Gebo-
te Christi zu erfüllen und so zu verinnerlichen, bis sie euch zur zweiten Natur werden.

Das Ziel ist die ständige Vereinigung unseres Intellekts mit unserem Herzen. Wenn Herz und Intellekt ver-
eint sind, kann das Gebet Wohnung in uns nehmen.

Die geistigen Väter geben für die Ausübung des Herzensgebetes38 den allgemeinen Rat, einfach dazusitzen
und das Gebet lautlos im Herzen zu sprechen. Zu Beginn muss man das Gebet mit der Atmung verbinden.
Wenn man einatmet, sagt man: "Herr, Jesus Christus, Sohn Gottes", wenn man ausatmet: "erbarme Dich mei-
ner". Dabei richtet man seine ganze Aufmerksamkeit auf den Namen Christi und die Worte: "erbarme Dich
meiner". Man lässt keinen anderen Gedanken zu. Anfangs ist das, was so einfach erscheint, ziemlich schwie-
rig anstatt Frieden hat man Kampf. Doch nach und nach gewöhnt man sich daran, seine Aufmerksamkeit
auf den höchsten Punkt des Herzens gerichtet zu halten. Allmählich gewöhnt man sich an das Gebet.

'Wenn wir beginnen, den Namen Christi auszusprechen, überschwemmt uns eine Flut von "Gedanken". So-
bald wir das Gebet beenden, hört der Angriff auf. Unser Geist ist wieder frei, wogegen wir während des Ge-
bets von "Gedanken" überfallen wurden. Das Gebet enthüllt die in uns verborgenen Leidenschaften. In den
meisten Fällen offenbaren solche Angriffe das Innere unseres Seins. Während des Gebets kämpfen wir gegen
all diese Bilder, all diese Leidenschaften und vorgefassten Meinungen, um den Namen Christi mit reinem
Geist aussprechen zu können.

Taucht das Gefühl einer Abneigung gegenüber jemandem auf, ist es am besten, sich weder das Bild dieser
Person zu vergegenwärtigen, noch den Grund für den Hass, sondern einfach zu beten, unberührt von alle-
dem. Durch dieses innere Bemühen können wir unsere Abneigung überwinden und die aus unseren Leiden-
schaften geborene Vorstellung zurückweisen.

'Wenn uns "Gedanken" angreifen und uns am reinen Gebet hindern, müssen wir geduldig sein und rufen:
"Erbarme Dich meiner!" Durch solch aktiven Widerstand verwandeln wir nach und nach unsere gefallene
menschliche Natur, die uns zu Kindern des ersten Adams macht. Wir kämpfen, und dieser kampf muss
wahrlich so tief und gewaltig sein, dass er kosmischen Charakter annimmt.

Nein, wir sind nicht nur von "Gedanken" geplagte Individuen. Rufen wir beharrlich: ,,Erbarme Dich meiner,
erbarme Dich meiner!" Dies ist das Mittel, den schlechten "Gedanken" zu widerstehen und sie daran zu hin-

38 Jesusgebet' ist eine andere Bezeichnung für das Herzensgebet. Es hat folgenden Wortlaut: Herr, Jesus Christus, Sohn Gottes,
erbarme Dich meiner (oder: habe Erbarmen mit mir Sünder). Das Buch Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers gibt eine gute
Einführung in die Welt des Herzensgebetes.

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dern, uns zu beherrschen.

Seid nicht allzu schnell entmutigt, sondern wiederholt das Gebet, bis es die tiefsten Tiefen eures Bewusst-
seins durchdringt.

"Herr, Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich unser." Durch dieses Gebet stellen wir zu Christus eine
persönliche Beziehung her, die sich unserem Verstand entzieht. Mit der Zeit strömt das Leben Christi in uns
ein und durchdringt uns.

Einige beten mit dem Denken, mit dem Intellekt. Aber ohne Beteiligung des Herzens kann es kein Gebet
geben. Im Gebet sind Herz und Intellekt untrennbar vereint.

Betet in eurer Kammer. Einige können eine Stunde früher aufstehen, andere eine halbe Stunde, wiederum
andere eine Viertelstunde oder nur zehn Minuten. Dies hängt von den Kräften eines jeden ab. Doch man
muss es tun. Euer Herz und euer Intellekt Werden sich auf diese Weise daran gewöhnen, immer
und überall mit dem Gebet zu leben.

Während ihr das Jesusgebet sprecht, hindert ihr jeden Gedanken daran, euch zu bedrängen. Die Anfänger
im geistigen Leben müssen lernen, gegen die Forderungen des Körpers anzukämpfen.

Betet am Abend, am Morgen und zu anderen Zeiten eures täglichen Lebens. Betet für die anderen. Einzig
durch die Einheit im Heiligen Geiste werdet ihr fähig sein, euer Heil aufzubauen. Betet für eure Nächsten
und bittet Gott, dass Er euch durch ihre Gebete segne. Wenn wir für eine kranke Person beten, nennen wir
ihren Namen und gedenken ihrer, wobei wir Gott bitten, sie zu heilen. Dies ist keine Illusion, sondern Reali-
tät. Dies ist keine Leidenschaft, sondern eine Haltung christlicher Nächstenliebe.

Wenn unser Geist völlig auf Gott konzentriert ist, hören alle Fragen auf. Dann gibt es nur noch eine einzige
Frage: Wie kann man vorn Heiligen Geist erfüllt sein und wie kann man Ihn bewahren?

Wenn sich unser Geist zu Gott aufschwingt, können wir den Zustand des reinen Gebets erreichen. Wird das
Gebet rein, taucht eine andere Ordnung im Menschen auf. Dann lässt er alles hinter sich, was er in der Welt
durch Erfahrung oder Studium erlangte. Im Zustand des reinen Gebets kennt der Mensch Weder sein Alter
noch seine soziale und hierarchische Stellung. Er übersteigt alle Einzelheiten seines irdischen Daseins. Dann
versteht man den Sinn des Wortes Christi besser: An jenem Tage werdet ihr mich nichts mehr fragen.39

Wie soll man sich in der Kirche verhalten? Man soll äußerst gesammelt und aufmerksam sein, um nicht von
oberflächlichen Dingen und fremdartigen Gedanken abgelenkt zu werden.
Ist unser Geist frei von Leidenschaften, dann ist unsere durch den Sündenfall entstellte Natur in ihrer ur-
sprünglichen Schönheit wieder hergestellt.

Haben wir das Ebenbild Gottes in uns verwirklicht, werden Offenbarungen zur Selbstverständlichkeit. Der
christliche Weg besteht darin, unseren Geist und unser Herz mit der höheren Gotteserkenntnis zu erfüllen.

Nur durch lange Erfahrung, die Monate und Jahre in Anspruch nehmen kann, erwirbt man allmählich eine

39 Joh 16,23

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christliche Haltung im Gebet.

Seid verrückt, verrückt wie die wahren Asketen! Warum verrückt? Weil Christ-Sein bedeutet, auf zwei Ebe-
nen gleichzeitig zu leben: in der Gegenwart und in der Ewigkeit.

Ich wiederhole es: Schärfen wir jetzt unsere Aufmerksamkeit für den Aufbau unseres Lebens

Bewahret an dies behutsam in eurem Bewusstsein, und euer Leben wird voller Anregung sein - nicht nur
täglich, sondern in jedem Augenblick.

Vergesst diese Worte nicht.


Gott hat euch die Zeit gegeben, damit ihr euer ewiges Heil aufbaut.
Vergeudet sie nicht!

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