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- Starez Siluan -

Mönch vom Berg Athos

Sein Leben und seine Lehre

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STAREZ SILUAN

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Inhalt

Einleitung: Starez Siluan

I. Sehnsucht nach Gott

II. Ein Wort über das Gebet

III. Von der Demut

IV. Vom Frieden

V. Von der Buße und von der Gnade

VI. Von der Erkenntnis Gottes

VII. Über den Willen Gottes und über die Freiheit

VIII. Von der Liebe

IX. Von der Gottesmutter und von den Heiligen

X. Von den Hirten der Kirche

XI. Von den Mönchen und vom Gehorsam

XII. Vom geistlichen Kampf und von den Trugbildern des Feindes

XIII. Adams Klage

XlV. Begebenheiten, Gespräche und Betrachtungen

Karte des Athos

Zeittafel

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Starez Siluan - Sein Leben, seine Lehre

«Wer für die Welt betet, weiß ohne Zeitungen,wie sehr sie leidet und welche Nöte die Menschen haben.»
Starez Siluan

«Wenn sich der russische Mensch von der Welt abwandte, um den schweren Weg des Heils zu gehen, so
konnte er schon nicht mehr schreiben, konnte keine Werke schaffen, in dem sich seine geistige Erfahrung
objektivierte. Er selbst wurde zu einem vollendeten Werk, zu einer Schöpfung der göttlichen Kunst.» Darin
sieht Nikolai Berdjajew, ein Kennerder russischen Geistesgeschichte, die Quintessenz der östlichen Spiritu-
alität, die «sich so gut wie nirgends in einem Werk niedergeschlagen», «so gut wie gar keinen Ausdruck in
Wort und Gedanken gefunden» habe, und den entscheidenden Unterschied der östlichen und westlichen
Spiritualität (Die russische religiöse Idee, I926, S. 399)· Und Walter Nigg kann die Feststellung dieser Diffe-
renz nur mit «wahrhaftig» unterstreichen: «Das Wesentliche des russischen Heiligen ist in seiner Person be-
schlossen, die Gestaltung des Daseins ist das vollendete Werk, das dem Schöpfungsplan Gottes entspricht,
ist die (sich) fortsetzende Inkarnation des Christentums» (Mönchsväter des Ostens, S·9)·

Starez Siluan, der Mönch vom Berg Athos, bestätigt die im westöstlichen Vergleich ermittelte Differenz nicht.
Ihmging es um all das, was Berdjajew und Nigg der russischen Spiritualität als Charakteristika zugeschrie-
ben haben, er konnte es aber gleichwohl nicht lassen, seine Erfahrungen aufzuschreiben, in dem Wissen
jedoch, daß das Wort letztlich gar nicht zu erreichen vermag, worum es geht: «Jetzt ist es vier Uhr nachts.
Ich sitze in meiner Zelle wie in einem Prunkgemach, in Frieden und in der Liebe, und schreibe. Wenn aber
die große Gnade kommt, dann vermag ich nicht zu schreiben» (S. 146). Der Starez, der nur die Demut und
Liebe erwerben wollte, keinen zu verletzen und alle Menschen in sein Gebet einzuschließen, wollte darum
in seinen Aufzeichnungen und Meditationen nicht sich und anderen aus seinem Leben erzählen, von seinen
Siegen und Niederlagen berichten, seinen Höhen und Tiefen; aber etwas von dem «Brennen des Geistes»
in ihm, das schon ein leichter Wind auszulöschen vermag, sollte nicht verlorengehen. Den anderen bisher
verborgene Aspekte des Lebens aufzuzeigen, sie von ihren Ressentiments zu erlösen und zu sich selbst zu
führen, dazu hat Starez Siluan - von dessen äußerem Leben gar nicht viel zu berichten ist, so sehr waren
das äußere und innere Leben eins geworden - die harte Arbeit am Wort als Ausdruck und Gestaltung seiner
Erfahrungen in die ebenso harte Arbeit an der «Gestaltung seines Daseins» einbezogen: «Die Liebe Gottes
drängte mich zu schreiben, meine Seele war erfüllt von Gott, und kein fremder Gedanke näherte sich mir.
Kein Gedanke störte mein Schreiben über den geliebten Herrn. Wenn ich die Worte niederschreibe, so weiß
ich die nächsten nicht, sie kommen von selbst, sie werden aus mir geboren. Wenn ich aber aufhöre, dann
kommen und gehen die Gedanken und beunruhigen meinen schwachen und ohnmächtigen Geist; ich klage
vor Gott dem Gütigen, und er erbarmt sich meiner» (S. 176).

Kein Zufall also, daß die festgestellte Differenz in der westöstlichen Spiritualität sich zumindest im Blick
auf Starez Siluan, der 46 Jahre seines Lebens im Panteleimonkloster, dem Russikon, auf dem Berg Athos
verbracht und dort alle Stufen eines ostkirchlichen Mönchslebens durch-laufen hat, nicht bestätigen läßt.
Ein Glücksfall allerdings, daß Archimandrit Sophronius, 1896 in Moskau geboren und seit 1925 ebenfalls auf
dem Athos, geistlicher Schüler des Starez Siluan wurde und nach dessen Tod (193 8)

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- er blieb noch 9 Jahre auf dem Athos, 7 Jahre als Eremit - die auf Zetteln und in kleinen Heften niederge-
schriebenen Aufzeichnungen des Starez zu einem Ganzen zusammengefaßt und überliefert hat (erstmals
erschienen 1952 in Paris): Dokumente eines ganz individuellen Weges, eines anderen und neuen Lebens,
zwar in der Tradition der Mönchsväter, aber Ausdruck einer lebendigen Spiritualität in unserer Zeit. Wer
sich selbst kennenlernen will, um sich eine Aufgabe zu geben, die seinen Kräften entspricht, ist nicht mehr
indiskret genug, um noch an seiner Biographie (an dem, was hinter und unter ihm liegt, an den Zufällen und
Zwischenfällen seines Lebens) ein besonderes Interesse zu haben. Darum ist die geringe Kenntnis über das
äußere Leben des Starez nur die literarische Konsequenz eines Lebens der Loslösung, die der Starez zu prak-
tizieren versucht hat, und die Fragen: «Wer ist er? Wo kam er her? Warum ist er auf den Athos gegangen?»,
sind nur in diesem Zusammenhang interessant, wenigstens für einen, der «vorübergeht», weil er «mehr»
leben und erfahren will.

Bis zu seiner Einberufung zum Militärdienst im GardePionier- Bataillon in Sankt Petersburg (etwa 1890)
führt Simeon Iwanowitsch Antonow, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, das einfache Leben eines armen
russischen Bauern. Die Familie, das Dorf und die Arbeit als Tischler auf dem Gut des Fürsten Trubetzkoi, wo
sein ältester Bruder ein Bauunternehmen leitete, sind die Rahmenbedingungen seines L bens, das wohl von
Anfang an mehr Leben sucht als die Gefährten seiner Kindheit und Jugend. Warum soll es nicht eine religiö-
se Veranlagung geben, die schon Kinder zu Gottsuchern macht, die einsam sind, wenn andere noch spielen,
die aber von ganz früh an schon wissen, was sie wollen und suchen? Simeon Iwanowitsch jedenfalls scheint
von wankelmütiger Unentschiedenheit frei gewesen zu sein, an der heute so viele Jugendliche kranken, die
die Straße erzogen hat, auch die Medien, das Fernsehen, und die heute dieses und morgen jenes wollen und
die - auch als Erwachsene noch - nicht so recht wissen, welchen Weg sie einschlagen wollen. Eine Sehnsucht
scheint schon die Interessen des Kindes und Jugendlichen bestimmt zu haben - und selbst jede Erniedri-
gung wurde bereitwillig angenommen, um den eigenen Weg zu gehen. Nach der Entlassung vom Militär fuhr
Simeon nach Hause, um sich nach einer Woche von allem und allen zu verabschieden und auf den Athos zu
fahren. Vermutlich brannte schon die «Höllenglut» in ihm, die die erste Auswirkung eines neuen Lebens ist,
das darin besteht, sich nichts mehr vorzumachen und seine Hölle zu erfahren, die Voraussetzung aber auch
dafür, die Sklerose des eigenen Herzens zu überwinden und frei zu werden für die Wirklichkeit Gottes. Im
Klosterregister findet sich folgende Eintragung über ihn:

«S'chimonach Vater Siluan - weltlicher Name: Simeon Iwanowitsch Antonow,


Bauer aus dem Tambowschen Gouvernement,
Kreis Lebedin,
Kirchdorf Schowskoje,
geboren 1866 - kam 1892 auf den Athos; eingekleidet 1896;
das Schima (höchste Stufe des Mönchsgelübdes) angenommen 191 I.
Er verbrachte seinen Klosterdienst: auf der Mühle, auf dem Metoche Kalamare (Besitz des Russikon außerhalb
des Athos), auf dem Stary Russik (altes Kloster auf dem Berge) und im Lebensmittellager des Klosters (als sog.
Ökonom).
Er starb am 24. September 1938.»

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Athos, der «heilige
Berg» (Hagion Ho-
ros), «das Müns-
ter von Byzanz«,
ist mit seinen 20
Ha u p t kl ö st e r n ,
seinen Skiten
(kleinere Mönchs-
siedlungen) und
Eremitagen, seit
Jahrhunder t en
ein Mittelpunkt
der osteuropäi-
schen (orthodo-
xen) Spiritualität.
Die «Mönchsre-
publik», deren
Hauptort seit dem
10. Jahrhundert
Karyes ist (zu-
gleich Amtssitz
des Protos) und
deren Lebensfor-
men Athanasios durch die Gründung des 1. Großklosters (Große Laura) geregelt hat, umfaßt die östliche der
drei Landzungen der Halbinsel Chalkidike im Ägäischen Meer, «ein Körnchen der Welt» nach Mark Aurel,
ein «von Gott auserwählter Ort», wie die Hagioriten ihre Heimat nennen. Als Simeon Iwanowitsch Antonow
in das Panteleimonkloster, das Russikon, aufgenommen wurde, zählte man auf dem Athos noch etwa 7500
Mönche (1950 waren es noch knapp 1500), die, vom Wert der Einsamkeit und des Schweigens überzeugt,
ein Leben der Meditation führen und nicht müde werden, aus der Hektik und dem Streß der alltäglichen
Beschäftigungen in die Stille, aus der Zerstreuung in die Mitte zu rufen und für den Frieden in der Welt zu
beten: «Vielleicht sagst du, daß es jetzt solche Mönche, die für alle Menschen beten, nicht mehr gibt, aber
ich sage dir, daß großes Unheil hereinbricht und die Welt zugrunde geht, wenn es auf Erden keine Beter
mehr gibt. Die Welt besteht durch die Gebete der Heiligen; und der Mönch ist berufen, für alle, für die ganze
Welt zu beten. Darin besteht sein Dienst» (S. 12 5) - seine Selbstüberwindung. Vom Athos ist eine belebende
Ausstrahlung ausgegangen: Hier ist die «Philokalie» entstanden, jenes Kompendium Blick auf St. Pante-
leimon (Russikon) der christlichen Mystik (1782 erstmals in Venedig erschienen), das auch dem suchenden
Menschen der Gegenwart mit seinen Auszügen aus den Mönchsvätern noch zu helfen vermag, aber auch an
die Faszination zu erinnern, die der Athos auf viele heute noch ausübt, die «aus Abfall und aus altem Glas»
(R. M. Rilke) wieder zu sich selbst kommen wollen. Da wir auf dem Weg in die Stille, im Schweigen, das
Religiöse nicht gegen das sog. Ästhetische ausspielen sollten, weisen wir in diesem Zusammenhang auch
auf zwei Schriftsteller hin: auf das Buch «Die Stunden trommel vom heiligen Berg Athos» (1956) von Erhart
Kästner und auf die noch immer lesenswerten Athos-Fragmente von Jacob Philipp Fallmerayer (1790-r861)
der zum Athos, diesem Mittelpunkt östlicher Spiritualität und Lebensziel des Starez Siluan, Folgendes ge-
schrieben hat:

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«Athos ist Walddom der anatolischen Christenheit. Ein mehr als zwölf Stunden langes, zwei bis drei Stun-
den breites und durch eine schmale, niedrige Landzunge an den Kontinent gebundenes Bergeiland erhebt
sich in isolierter Majestät über die tiefe Flut des strymonischen Golfes. Das ist der Berg Athos. Langgestreckt
ist die Halbinsel, nicht flach, auch nicht wellenförmig hingegossen, noch als schiefe Ebene nur auf einer Sei-
te aufsteigend, auch nicht ein mit Hügelund Felsengewirre unregelmäßig ausgefülltes Konglomerat: Haldig
und sanft steigt es von bei den Strandseiten gegen die Mitte empor und läuft sattelförmig mit wachsender
Höhe und Steile in langen Windungen fort wie ein Tempeldach, und am Ende strotzleibig und wohlgenährt,
von drei Seiten rund aus dem Wasserspiegel heraussteigend und auf der vierten bis zu halben Höhe mit dem
Waldgebirge verwachsen, einsam und frei die riesige Athoskuppel in die Lüfte, auf der Plattform ein weithin
sichtbares Kirchlein, das höchste und luftigste Gotteshaus der morgenländischen Christen, zugleich Sitz
der Sommerluft, der Andacht und der Windsbraut für die Athoniten. Man denke sich eine Augustnacht im
Pupurflor und mit allen Reizen des Südhimmels angetan, den glatten Spiegel über bodenloser Tiefe, mild-
hauchende Seelüfte über die Gärten und Söller fächelnd, Nachtigallen im Rosenbusch, das lange Walddun-
kel und die Wachtfeuer auf der Bergspitze; oder wie das Morgenrot und der erste Sonnenstrahl goldfunkelnd
auf die Felsenkrone fällt und weit auf dem Kastanienwalde noch schweigsame Nacht oder kaum das ers-
te zweifelhafte Dämmerlicht über die Klosterzinnen am Strande liegt! Athos ist Hochwarte des Ägäischen
Meeres und Leuchtturm aller Orthodoxen in Byzanz.

Daß in dieser beglückten, von der Welt


abgelegenen und von der Natur selbst
zum Sitze stiller Schwärmerei einge-
weihten Wildnis nur Mönche wohnen
und das Grundeigentum seit Jahrhun-
derten als fester, wohlverbriefter, un-
antastbarer Besitz der einundzwanzig
noch bestehenden Klöster katastermä-
ßig einregistriert und keine Handbreit
Land schwebend und ohne Eigentü-
mer ist; ferner daß ... das ganze Gebiet
für sich ein zusammenhängendes Ge-
meinwesen, eine feste Körperschaft
... bildet, ist zum Teil auch in Europa
nicht mehr unbekannt ... Der heilige
Berg mit seinem Urwald, mit seiner
festverwachsenen und versteinerten
Kirchenkonstitution ist Zentral- und
Lebenspunkt des oströmischen Glau-
bens, gleichsam der Vatikan des Ori-
ents, Zielgruppe aller Sehnsüchte, Sammelplatz des Reichtums wie der kirchlichen Überlieferung, Freihafen
und letzter Zufluchtsort aller Weltsatten von Byzanz, ja das einzige von Barbarentritt nie entweihte Frag-
ment der orthodoxen Monarchie.

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Von Kijew und den Quellen der Wolga, vom Dunkelwald im innersten Kolchis, vom freien Hellas, aus den Tä-
lern des Hämus, von Illyrien und Czerna-Gora blicken aller Augen mit sehnsüchtigem Verlangen nach dieser
großen Glaubensund Bußanstalt des byzantinischen Kirchenturns ... Athos wurde das neue Jerusalem der
Skythen, und alles, was der heilige Klosterbund noch heute besitzt, Dasein, Glanz, Schirm, Nahrungssaft
und Hoffnung, ist fromme Gabe der Sarmaten, ist aus den danubischen Slawenländern und aus Moskowien
herbeigeflossen. '

Melancholische Sehnsucht nach Einsamkeit ist unserem Gemüt eingeboren. Das Christentum schlug zuerst
die Saite an und schuf die Menschen der Seelentrauer und des unstillbarenVerlangens. Nur wenn er ganz
allein und auch noch vor sich selbst geflohen ist, gewinnt der Mensch die Ruhe. Geduld gibt noch keine
Freiheit, und despotischem Druck weltlicher Verhältnisse kann man nur durch Flucht entrinnen. Deswegen
wuchs <die neue Philosophie der christlichen Stoa>, wie sie die byzantinischen Kirchenskribenten nennen,
gleichsam als Talisman und Amulett gegen die Tyrannei des Säkularstaates im Gewand der Eremiten und
Hesychasten (hesychia, <die Stille» aus dem Boden der oströmischen Welt hervor.»

In dieser Welt suchte der Starez das geistige Schweigen, die «geistige Stille», das ununterbrochene Herzens-
gebet (<<Jesusgebet»), ausgehend von dem Wissen, daß nur die Erfahrung uns lehrt, was es bedeutet, sich
von den Bildern dieser Welt, den eigenen Vorstellungen und Interessen zu befreien. Als junger Novize hatte
Simeon in einem Abendgottesdienst in einer einstündigen Ekstase eine ursprüngliche Erfahrung gemacht,
nämlich Teil eines Ganzen zu sein, aber dieser Zustand, der nicht zu beschreiben ist, ist nicht von Dauer.
Ungewißheit, Trauer, Verlassenheitsgefühle kehren zurück. Aus dem Wechsel der Zustände ergibt sich die
wesentlichste Frage seines Lebens, warum die Gnade die Seele wieder verläßt; denn die erfahrene Liebe
bestimmt die Größe ihres Verlustes. Es dauert 15 Jahre, bis ihm die Antwort gegeben wird: «Halte dich mit
Bewußtsein in der <Hölle> und verzweifle nicht», eine Antwort, die ihn zwar nicht gleich ans Ziel führt, ihm
aber den Sinn des Herzensgebetes erschließt. Fortan ist ihm nichts mehr fremd, und anderes Sein ist un-
trennbar mit seinem eigenen Sein verbunden: «Die Seele, die für die Welt betet, weiß ohne Zeitungen, wie
sehr sie leidet, sie weiß auch, welche Nöte die Menschen haben.» Der Gottsucher weiß, daß nur der wahr-
haft Gott suchen kann, der ihn einmal erkannt, aber wieder verloren hat. Er weiß darüber hinaus, daß nicht
mit Gedankenkonstruktionen und Vorstellungen die ursprüngliche Einheit wiederzugewinnen ist, sondern
nur durch Teilhabe am Sein und durch Teilnahme am Sein anderer. Aber zur Überwindung des Stolzes und
des Ressentiments bedarf es der Umkehr aus der Vielfalt der Interessen und Erscheinungen zu sich selbst
und zu Gott.

An dieser Stelle hört das Herzensgebet auf, ein Rufen ins Leere zu sein. Es wird zum Vollzug der Einheit von
Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe, denn nichts ist mehr ausgeschlossen, alles vielmehr in Gottes Liebe
eingeschlossen. Aber nun gibt es für das Schlechte in der Welt auch keine Rechtfertigung mehr, weil jeder
genug damit zu tun hat, sich selbst zu überwinden. Diese schwere Arbeit ist Inhalt der geistigen Einkehr und
Stille, des hesychastischen Gebetes, das «Jesusgebet» genannt wird. Die darin vollzogene Loslösung von al-
lem Bedingten kann auch als Aufstieg zum Unbedingten beschrieben werden, als Befreiung vom Terror der
eigenen Vorstellungen und Gefühle, der Erregungen, Neid- und Minderwertigkeitskomplexe sowie von den
globalen Formationen des Egoismus, die erst jetzt als eine Welt des Wahns und dämonischer Einbildungen
durchschaut werden. Daß das Leben des Starez in ein Jahrhundert fiel, in dem die Verkehrung des Wahren
in ganz besonderer Weise zutage trat, belegt den anthropologischen Realismus einesWeges, auf dem auch
noch Prüfungen ganz anderer Art ihre Zeit haben können: Was, wenn sich der Himmel zu verschließen
scheint, die Bitten des Betenden und Flehenden nicht erhört werden?

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Wenn dir deine Umwelt unfreundlich begegnet, du an Achtung verlierst, weil man anderen zugesteht und
verzeiht, was man dir anrechnet? Eben auf diese Situation, heute Auslöser fast aller Depressionen, Neurosen
und Psychosen, hat uns der Starez den geistlichen Rat gegeben, andere immer, uns selbst aber niemals zu
schonen und uns von allem Selbstmitleid freizumachen, ja wenn es sein muß, uns selbst zu verachten und
aufzugeben, weil es außerhalb dieser «Hölle» unmöglich ist, die Wirklichkeit Gottes zu erkennen. Die Dä-
monen, die uns terrorisieren und beherrschen wollen, sind besiegt, wenn ihnen gezeigt werden kann, daß
sie uns nur zu unserer Bestimmung verhelfen. Das uns ständig begleitende Herzensgebet und die daraus
hervorgehende wirkliche Gelassenheit ist in dieser Hinsicht der nicht hoch genug einzuschätzende Beitrag
der östlichen Spiritualität zu einer «selbständigen», geistig-geistlichen Lebensführung - auch des sog. mo-
dernen Menschen. Den Etappen auf dem Weg zu diesem Ziel, den Graden und Stufen der Vollkommenheit
also, entsprechen auf dem Athos drei Grade mönchischer Einsamkeit und Stille:

«Wer nur der Welt entfliehen, aber doch Freud und Leid einer größeren Gesellschaft gleichgesinnter und
zu gleicher Übung verpflichteter Brüder teilen will, sucht Aufnahme in einer der ... Gemeinden des Hagion-
Oros. Ist aber jemand mit der Gesellschaft so weit zerfallen, daß er nicht mehr als ein oder zwei Individuen
neben sich ertragen kann, so läßt er sich gegen Erlegung einer bestimmten Summe mit seinen Gesellen in ei-
ner wohnlichen, zum Kloster gehörigen, eine bis drei Meilen entlegenen Separatbehausung nieder und heißt
dann Anachoret. Zu einer solchen Anachoretenwohnung gehören nach griechischem Kanon ein am Hause
anoder nahehingebautes Gotteshaus mit Glocken, Gemüsegarten, Weinberg, Öltrift, Walnuß-, Mandel- und
Kirschbäume, hinlänglich für Beschäftigung und Lebensnotdurft des gottseligen Pächters. Diese Anachore-
ten dürfen die selbstgezogenen Trauben keltern, frisches Brot backen und überhaupt alle in der Mutterabtei
erlaubte Kost genießen, was den Klausnern oder Mönchen des dritten Grades nicht mehr gestattet ist ... Wer
aus dem Drang des Lebens hier Einkehr nimmt, setzt sich ... an Reichtum und Pracht Königen zur Seite und
verzehrt zufriedener als sie das auf eigenem Boden erzeugte Mahl» (1. Ph. Fallmerayer).

Auch Starez Siluan war genötigt, sich auf dem Athos die äußeren Bedingungen für die «geistige Stille» zu
suchen. Als er noch jünger war, erbat er sich vom Abt des Panteleimonklosters, auf den Stary Russik ziehen
zu dürfen, östlich vom Kloster einsam und still 250 m hoch in den Bergen gelegen, wo er sich eine kleine
Kaliba (Einsiedlerhäuschen) baute, von denen etwa 300 auf dem Athos vorhanden sind. Lange blieb er dort
allerdings nicht, denn man holte ihn bald ins Kloster zurück und machte ihn zum Verwalter oder Wirt-
schaftsleiter, zu einem der sog. «Ökonomen», aber auch hier war der Starez bemüht, sich Asyle der Stille und
Verborgenheit zu organisieren.

Kein Wunder deshalb, daß den meisten im Kloster sein eingezogenes und unscheinbares, aber außerge-
wöhnliches Leben auch verborgen geblieben ist und erst nach seinem Tode erkannt wurde, wer er war und
was ihn bewegte, was er dachte und in einsamen Nächten niederschrieb. Was Starez Siluan zum (religiösen)
Schriftsteller gemacht hat, das war nicht ein allgemeines Interesse an Literatur, an Bildung und Informati-
on, das hätte ihn nur in die Zerstreuung geführt, das war vielmehr eine äußerst sensible Wahrnehmung der
liturgischen und biblischen Texte und der asketischen Literatur, die er rezipierte, um lesend wie schreibend
seine Erfahrungen in Texten anzuschauen und im Ausdruck zu steigern. Und kommt es hier darauf an, ob es
der eigene oder ein «fremder» Text ist? Wenn wir deshalb auf die Hymnen der orthodoxen Liturgie, die Psal-
men, die Gebete und Gesänge der Tageszeiten, auf das Liebesevangelium des Johannes und die Tradition
der Mönchsväter hinweisen, so nicht, um Starez Siluan eine literarische Abhängigkeit nachzuweisen, son-
dern vielmehr um die inhaltliche Übereinstimmung in den Zielen literarischer Tätigkeit hervorzuheben:

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Eine literarische Produktion kann im Blick auf den Starez dann kreativ genannt werden, wenn es darin
gelingt ( für den Autor und den Leser), die Leidenschaften stillzustellen und die Vorstellungen ins Herz ein-
zuschließen. In diesem Zusammenhang ist die schon erwähnte «Philokalie » von Bedeutung, aber eine aus-
drückliche Erwähnung verdienen:

Makarius der Ägypter und seine «Geistlichen Homilien», Johannes Climacus und seine «Leiter zum Para-
dies» (Die 30 Stufen zur Vollkommenheit - oder: Die 30Jahre Jesu), Symeon der (Neue) Theologe und seine
«Hymnen» (Licht vom Licht) und Gregor der Sinait, alle bemüht, in die Einsamkeit, die innere und äußere,
und die Abgeschiedenheit einzuführen, ins Schweigen und in die Stille, und durch innere Sammlung das
Herzensgebet einzuüben, dessen Ursprung die Wirksamkeit des Heiligen Geistes ist, der von allen Sorgen
befreit, der erleuchtet, zu Gott erhebt und mit ihm verbindet: «Wenn die Bilder irgendwelcher Dinge vor dich
treten, beachte sie nicht, sondern halte den Geist fest, soviel du nur kannst, und schließe ihn ein in deinem
Herzen und übe dich anhaltend und ohne Aufhören im Anrufen des Herrn Jesus, so schlägst du den Versu-
chungen durch den Namen Gottes unsichtbare Wunden und vernichtest sie zuletzt» (Gregor der Sinait).

Vater Siluan, wie er im Klosteralltag genannt wurde, hat mit seinen so sensiblen Meditationen der Liebe,
die aus der Achtsamkeit seines Herzens entstanden und vom Schmerz der Trennung vom Geliebten durch-
zogen sind, der russischen Spiritualität, sofern sie Gestaltung des Lebens ist, in unserem Jahrhundert einen
neuen Aspekt hinzugefügt: nämlich das Buch seines Lebens im wahrsten Sinne des Wortes. Das hat dazu
geführt, daß man diesem einfachen, aber ungewöhnlichen Menschen, diesem schlichten Mönch, der 46 Jah-
re seines Lebens ein unscheinbares, eingezogenes und verborgenes Leben im Kloster geführt hat, schon
bald nach seinem Tode am 24. September 1938 den Titel eines «Starez» (russ. «der Alte») verliehen hat: ein
in Askese und Kontemplation bewährter Mönch, eine geistige Autorität und ein Lebensberater für Hilfe
suchende Menschen. So heißt es in einem Nachruf unter dem Titel «Ein Mann der großen Liebe»: «Dieser
wunderbare Podwishnik (Gottsucher) war nur ein schlichter Mönch, aber reich an Liebe zu Gott und zu
seinen Nächsten.

Er sprach zu den Mensehen von der grenzenlosen Liebe Gottes und führte jeden dazu, sich zunächst selbst
zu verurteilen, bevor er andere verurteilt ... Die ihn kannten, sahen in ihm ihren geistlichen Vater, der sie
mit seiner Liebe zu neuem Leben erweckte ... Das Buch des Lebens ist wie mit Perlen der Weisheit auf dem
Goldgrund der Liebe geschrieben. Es ist ein unvergängliches Buch.

» In der Mitteilung des neuen Lebens also liegt das Charisma der Starzen, von denen eine viel intensivere
Wegweisung ausgeht, als etwa durch die Vermittlung theoretischer Erkenntnisse oder historischen Wissens
im schulischen oder akademischen Unterricht möglich ist, die die Fragen der Lebensführungspraxis ganz
bewußt ausklammert. Der Starez dagegen legt das Hauptgewicht seines geistigen Tuns eben auf die Frage,
wie man leben sollte, um zu sich selbst zu kommen, d. h.: wenn man vor Gott steht. Mit diesem Anliegen
beginnt der Starez schon fast - bei aller Abgeschiedenheit - das Mönchtum zu überschreiten, und auch das
Kloster - der Ort dieser Abgeschiedenheit - wird transparent für ein nicht mehr buchstäbliches Verständ-
nis. Wenn es der asketischen Literatur darum ging, den Menschen in eine innere Gebetszelle einzuführen,
die die immerwährende Verbundenheit mit Gott symbolisiert, so können die Meditationen des Starez Si-
luan auch als Einladung an den Leser verstanden werden: seine Lebensführungspraxis zu überprüfen und ja
nicht einzuschlafen, einzukehren in sein Inneres und ein Kloster in seinem Herzen aufzubauen:

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»Es ist besser, nicht darüber nachzusinnen, ob einem das Kloster beschieden ist oder nicht, denn darauf
kommt es nicht an. Man sollte sein Inneres aufstacheln und beunruhigen, damit man nicht einschlafe. Im
Schlafe wurde Simson gebunden, geschoren und seiner Kraft beraubt. Wenn man das Kloster im Herzen hat,
dann ist es gleichgültig, ob das Klostergebäude vorhanden ist oder nicht. Das Kloster im Herzen ist: Gott
und die Seele» (Theophanes der Einsiedler). War denn nicht auch für den jungen Simeon Iwanowitsch An-
tonow die Sehnsucht, auf den Athos zu gehen, ein Ruf des Lebens nach dem Kloster im Herzen?

Abendlied

Mildes Licht des heiligen Glanzes des unsterblichen Vaters,


des himmlischen, heiligen, seligen, Jesu Christe,

gelangt bis an der Sonne Untergang,


schauend das abendliche Licht,
lobsingen wir Vater und Sohn und Gottes heiligem Geist.

Würdig bist du zu jeglicher Zeit,


gepriesen zu werden mit heiligen Stimmen,
Sohn Gottes, der das Leben du gabst!
Darum preist dich der Kosmos.

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I
Sehnsucht nach Gott

Meine Seele sehnt sich nach dem Herrn, und unter Tränen suche ich ihn. Wie sollte ich dich nicht suchen?
Du verlangtest ja zuerst nach mir. Du gabst mir die Wonne des Heiligen Geistes zu kosten, und meine Seele
gewann dich lieb. Du siehst, 0 Herr, meinen Kummer und meine Tränen ... Hätte deine Liebe mich nicht so
zu dir gezogen, dann würde ich dich nicht suchen, wie ich es jetzt tue. Doch im Heiligen Geist offenbarst du
dich mir, und meine Seele freut sich, daß du mein Herr und mein Gott bist.

Meine Seele sehnt sich nach dir, meinem Gott, und unter Tränen sucht sie dich. Du siehst, 0 Gütiger, meinen
Fall und meinen Gram, aber in Demut bitte ich um dein Erbarmen. Gieße auf mich Sünder die Gnade deines
Heiligen Geistes aus. Wenn ich ihrer gedenke, sucht meine Seele von neuem deine Barmherzigkeit. Herr, gibt
mir deinen demütigen Geist, auf daß ich deine Gnade nicht wieder verliere.

Im ersten Jahr meines Klosterlebens erkannte meine Seele den Herrn im Heiligen Geist. Der Herr liebt uns
unendlich, das offenbarte er mir durch den Heiligen Geist, den er mir gab - einzig durch seine Barmherzig-
keit.

Ich bin alt und bereite mich zum Sterben vor, und ich schreibe die Wahrheit, ich schreibe um der Menschen
willen. Der Geist Christi wünscht allen die Errettung, wünscht, daß alle Gott erkennen. Er gab dem Schächer
das Paradies, er wird es jedem bußfertigen Sünder geben. Ich bin schlecht vor dem Herrn, schlechter als ein
räudiger Hund durch meine Sünden. Aber ich bat Gott um Vergebung, und er schenkte mir nicht nur Verge-
bung, sondern auch den Heiligen Geist - und im Heiligen Geist erkannte ich Gott. Siehst du Gottes Liebe zu
uns? Wer könnte diese Barmherzigkeit beschreiben!

Brüder, auf den Knien bitte ich euch, glaubt an Gott, glaubt, daß es den Heiligen Geist gibt, der von Gott
zeugt in allen Kirchen und auch in meiner Seele. Der Heilige Geist ist die Liebe, und diese Liebe erfüllt die
Seelen aller Heiligen, die im Himmel sind. Im Heiligen Geist sehen alle Himmel die Erde, sie hören unsere
Gebete und bringen sie vor Gott. Derselbe Heilige Geist wohnt auch auf Erden in den Seelen derer, die Gott
lieben. Der Herr ist barmherzig, meine Seele weiß es, aber mit Worten es zu beschreiben ist unmöglich. Er
ist unendlich sanft und demütig; und wenn die Seele ihn sieht, wandelt sie sich, sie wird ganz Liebe zu Gott
und zu ihrem Nächsten, wird selbst sanft und demütig. Wenn aber der Mensch die Gnade verliert, wird er
weinen wie Adam, als er aus dem Paradies vertrieben ward. Die ganze Wüste hörte sein Stöhnen, und seine
Tränen waren bitter vor Gram. So sehnt sich nach Gott auch die Seele, die die Gnade empfangen und sie wie-
der verloren hat, und spricht: «Meine Seele sehnt sich nach dem Herrn, und unter Tränen suche ich ihn.»

Obwohl ich von Kindheit an viel betete, entging ich doch den Sünden nicht. Der Herr aber hat an meine
Sünden nicht gedacht, er gab mir die Liebe zu den Menschen, und meine Seele wünscht, daß die ganze Welt
errettet werde, daß alle ins Himmelreich gelangen und Gottes Herrlichkeit schauen. Und ich denke, wenn
der Herr mich liebt, liebt er alle anderen Sünder ebenso. o Liebe des Herrn, meine Kraft reicht nicht aus, sie
zu beschreiben - sie ist unfaßbar. Herr, gib mir, allein dich zu lieben! Du hast mich erschaffen, du hast mich
durch die heilige Taufe erleuchtet, du verzeihst mir meine Sünden und läßt mich deines heiligen Leibes und
Blutes teilhaftig werden. Stärke mich und hilf mir, immer in dir zu bleiben. Herr, sende uns die Reue Adams
und deine heilige Demut!

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Die Gnade Gottes gibt die Kraft, den Geliebten zu lieben; es drängt die Seele, unaufhörlich zu beten, und sie
kann den Herrn nicht vergessen - nicht einen Augenblick.

O menschenliebender Gott, du hast mich, deinen sündigen Knecht, nicht vergessen, barmherzig hast du auf
mich herabgesehen von deiner Herrlichkeit und dich mir unbegreiflich offenbart.

Ich beleidigte und betrübte dich, aber du, Herr, gabst mir schon für eine kleine innere Umkehr deine große
Liebe und deine unendliche Gnade.

Wie soll ich es dir vergelten, Herr, wie dich loben!

Der Gedanke an dich brennt in meiner Seele, und in nichts findet sie Ruhe auf Erden außer in dir. Darum
suche ich dich unter Tränen. Und wieder verliere ich dich, und wieder verlangt mein Geist, sich an dir zu
erquicken. Du aber offenbarst mir nicht dein Angesicht, nach dem sich meine Seele Tag und Nacht sehnt.

Nicht nach Irdischem, nach dem Himmel verlangt meine Seele. Der Herr ist auf die Erde gekommen, um
uns dorthin zu führen, wo er selbst ist und seine allreine Mutter und wo seine Jünger und Nachfolger sind.
Dorthin ruft der Herr auch uns, ungeachtet unserer Sünden. Dort werden wir die heiligen Apostel sehen, die
durch die Verkündigung des Evangeliums zur Herrlichkeit gelangt sind; dort werden wir die Propheten und
die heiligen Bischöfe, die Lehrer der Kirche, sehen; die ehrwürdigen Asketen, die ihre Seele durch Fasten
demütigten; dort werden die Narren in Christus verherrlicht, weil sie die Welt besiegt haben. Dort werden
alle verherrlicht, die sich selbst besiegt haben, die für die ganze Welt beteten und das Leid der ganzen Welt
trugen, weil sie die Liebe Christi hatten; und die Liebe duldet nicht, daß auch nur eine Seele zugrunde geht.
Dorthin verlangt die Seele, doch nichts Unreines findet dort Zutritt, wohin man nur durch geduldiges Tra-
gen der Leiden und Prüfungen und nach vielen Tränen gelangt; und nur die Kinder, die die Gnade der heili-
gen Taufe bewahrt haben, kommen ohne Betrübnis dorthin.

Meine Seele sehnt sich nach Gott immerdar, und sie betet Tag und Nacht, denn der Name des Herrn ist süß
für die betende Seele, sie begehrt nichts anderes in dieser glühenden Liebe zu Gott. Lange schon lebe ich auf
Erden, und vieles habe ich gesehen. Oft ergötzte mich Musik, aber dann dachte ich: Wenn schon diese Musik
so süß ist, wie wird erst der himmlische Gesang die Seele erquicken, mit dem der Herr durch den Heiligen
Geist gepriesen wird. Die Seele liebt die irdische Schönheit, den Himmel und die Sonne, das Meer und die
Flüsse, Wiesen und Wälder. All dies erfreut die Seele. Ich sah auch irdischen Herrscherglanz und schätzte
das. Wenn aber die Seele den Herrn erkannt hat, sieht sie diesen ganzen Herrscherglanz als nichtig an. Dann
sehnt sie sich unaufhörlich nach Gott, Tag und Nacht - in glühendem Verlangen, den Unsichtbaren zu sehen,
den Unberührbaren zu berühren.

Barmherziger Gott, erleuchte deine Völker, auf daß sie dich erkennen - verstehen, wie du uns liebst. Wun-
derbar sind die Werke des Herrn. Aus Erde hat er den Menschen geschaffen und gab sich ihm durch den
Heiligen Geist zu erkennen, so daß der Mensch sagen kann: «Mein Herr und mein Gott"; und er sagt es aus
der Fülle des Glaubens und der Liebe. Was könnte die Seele Größeres auf Erden suchen? Was könnte es Grö-
ßeres und Wunderbareres geben?

13
Plötzlich erkennt die Seele ihren Schöpfer und seine Liebe! Sie erblickt den Herrn, sieht, wie sanftmütig und
demütig er ist; und nichts anderes wünscht sie, als die Demut Christi zu erwerben. Solange sie auf der Erde
weilt, kann sie diese unbegreifliche Demut nicht vergessen. Herr, wie groß ist deine Liebe zu den Menschen!
Barmherziger, gib allen Völkern der Erde deine Gnade, damit sie dich erkennen, denn ohne deinen Heili-
gen Geist kann der Mensch dich nicht erkennen und deine Liebe nicht fassen. Herr, sende deinen Heiligen
Geist auf uns herab, denn du und alles, was dein ist, das wird allein durch den Heiligen Geist erkannt, den
du am Anfang Adam gegeben hast und dann den heiligen Propheten und den Christen. Würdige uns, Herr,
der Gabe des Heiligen Geistes, damit wir deinen Ruhm erfassen und auf Erden in Frieden und liebe leben,
damit keine Bosheit, kein Krieg, keine Feindschaft sei, sondern nur die Liebe herrsche und weder Armeen
notwendig seien noch Gefängnisse, und damit es allen leicht werde, auf Erden zu leben. Ich bitte dich, barm-
herziger Gott, sende allen Völkern deinen Heiligen Geist zu deiner Erkenntnis. Herr, ich weiß, daß du deine
Menschen liebst. Aber sie verstehen deine Liebe nicht; es hasten alle Völker auf der Erde, und ihre Gedanken
sind wie Wolken, die der Wind hin und her treibt. Sie haben dich, ihren Schöpfer, vergessen und jagen ihrer
Freiheit nach. Nur Irdischem jagen sie nach, sie begreifen nicht, daß du barmherzig bist, daß du die reuigen
Sünder liebst und ihnen die Gnade des Heiligen Geistes nicht versagst. Herr, gib allen Völkern die Kraft dei-
ner Gnade, damit sie dich im Heiligen Geist erkennen und dich in Freude loben, denn auch mir Unreinem
und Elendem hast du die Freude gewährt, mich nach dir zu sehnen, so daß meine Seele in unersättlicher
Liebe zu dir erglüht - Tag und Nacht.

Der Herr läßt vieles in der Welt für uns unerkennbar bleiben, und das bedeutet, daß es für uns nicht not-
wendig ist. Mit unserem Verstand können wir die ganze Schöpfung doch nicht begreifen. Aber der Schöpfer
Himmels und der Erde gewährt uns, ihn durch den Heiligen Geist zu erkennen. Auch die Mutter Gottes, die
Engel und Heiligen erkennen wir im Heiligen Geist. Und unser Herz brennt in Liebe zu ihnen.

Wer jedoch seine Feinde nicht liebt, wird die Süßigkeit des Heiligen Geistes nicht kosten. Denn der Herr
selbst lehrt uns, unsere Feinde zu lieben, mit ihnen zu fühlen und zu leiden wie mit unseren eigenen Kin-
dern. Es gibt Menschen, die ihren Feinden und den Feinden der Kirche Untergang und Qual im ewigen Feuer
wünschen. Sie kennen die Liebe Gottes nicht, und darum denken sie so. Nur wer die Liebe und Demut Chris-
ti hat, weint und betet für die ganze Welt.

Du sagst vielleicht: Dieser oder jener ist ein Übeltäter und muß darum im ewigen Feuer brennen. Ich frage
dich aber: Angenommen, der Herr gibt dir einen Platz in seinem Reich, und du siehst denjenigen im hölli-
schen Feuer, dem du ewige Qual gewünscht hast, wirst du nicht Mitleid mit ihm haben, selbst wenn er ein
Feind der Kirche war?

Oder hast du ein Herz aus Stein? Aber im Himmelreich ist kein Platz für Steine. Demut braucht man dort
und die Liebe Christi, die für alle Mitleid hat. Herr, wie du für deine Feinde gebetet hast, so lehre auch uns
durch den Heiligen Geist, sie zu lieben und unter Tränen für sie zu beten. Aber es fällt uns Sündern schwer,
wenn deine Gnade nicht mit uns ist. Alle Menschen sind Geschöpfe deiner Hände, lenke sie von der Feind-
schaft zur Buße. Herr, gieße deine Gnade aus. Gib uns allen zu wissen, daß du uns liebst wie eine Mutter,
ja mehr als eine Mutter; denn sie kann ihre Kinder vergessen, du aber vergißt uns nie, deine grenzenlose
Liebe kann nicht vergessen. Durch den Heiligen Geist ist es unserer Kirche gegeben, die Geheimnisse Gottes
zu verstehen, und sie ist stark in der Heiligkeit ihrer Gedanken und ihrer Geduld. Der Christ ist durch die
Gnade belehrt, festzuhalten an seinem Herrn und an der allreinen Mutter, und seine Seele frohlockt in der
Anschauung Gottes.

14
Wer in seinem Hochmut den Schöpfer mit dem Verstand zu erkennen trachtet, der ist blind und töricht. Nur
durch den Heiligen Geist kann Gott erkannt werden.

Mit unserem Verstand können wir ja nicht einmal begreifen, wie die Sonne geschaffen worden ist. Und bäten
wir Gott, uns erkennen zu lassen, wie er sie erschuf, so würden wir in unserem Herzen die Antwort hören:
«Demütige dich, und du wirst nicht nur die Sonne, sondern auch ihren Schöpfer begreifen.» Der Herr liebt
die demütige Seele, und er offenbart ihr seine Geheimnisse. Die Heiligen demütigen sich ihr ganzes Leben
hindurch, ständig kämpfen sie gegen ihren Stolz. Wohl erkannte meine Seele die Demut Christi, die von ihm
zu lernen er uns gebot, und ich mühe mich, diese Demut zu erlangen; Tag und Nacht kämpfe ich darum, aber
ich weiß, ich bin noch lange nicht demütig. o Demut Christi, du gibst der Seele unbeschreibliche Freude! Ich
sehne mich nach dir, denn in dir vergißt die Seele alles Irdische und strebt immer sehnlicher nach Gott. o
Demut Christi: wie bist du sanft und angenehm! Nur die Engel und heiligen Seelen kennen dich. Aber wir,
wir müssen uns selbst als die Schlechtesten von allen ansehen, und dann wird der Herr auch uns die Demut
Christi durch den Heiligen Geist erkennen lassen. Nur durch den Heiligen Geist kann man den Herrn, seine
Herrlichkeit und alles, was im Himmel ist, erkennen. Wenn doch die Welt die Kraft der Worte Christi ver-
stände: «Lernt von mir Sanftmut und Demut» - sie würde alle anderen Wissenschaften beiseite legen und
nur diese himmlische lernen.

Die Menschen wissen nichts von der Kraft der Demut Christi, und darum begehren sie das Irdische; die Ge-
walt dieser Worte des Herrn aber kann der Mensch ohne den Heiligen Geist nicht erfassen. Wer sie erkannt
hat, läßt sie nicht mehr, selbst wenn man ihm alle Schätze der Welt dafür böte.

Der Herr gab uns den Heiligen Geist, wir lernten den Lobgesang des Herrn, und in der Wonne der Liebe Got-
tes vergessen wir die Erde. Wer diese unaussprechliche süße Liebe Gottes erfahren hat, kann an Irdisches
nicht denken, unablässig zieht es ihn zu dieser Liebe. Aber wir verlieren sie durch unseren Hochmut und
unsere Eitelkeit, durch Feindseligkeit und durch Verurteilung unseres Bruders; sie verläßt uns wegen be-
gehrlicher Gedanken und unseres Hanges zu irdischen Dingen. Wegen all dessen verläßt uns die Gnade, und
die verwirrte und niedergeschlagene Seele sehnt sich dann nach Gott, und weinend ruft sie wie Adam nach
der Vertreibung aus dem Paradies: «Meine Seele sehnt sich nach dir, 0 Herr, und unter Tränen suche ich
dich. Sieh meinen Gram, erhelle meine Finsternis, damit meine Seele frohlocke!» Herr, gib mir deine Demut,
damit deine Liebe in mir sei und deine heilige Furcht in mir lebe. Barmherziger, du hast meine Seele vom
Sündentod erweckt und mir deine Liebe zu erkennen gegeben. Mein Herz, von dir gefangen, wird unaufhör-
lich zu dir hingezogen. Du hast die Liebe zu dir in mir erweckt, du lehrst mich, den Nächsten zu lieben, und
gibst mir Tränen, für die ganze Welt zu beten. Herr, wie könnte ich deine Liebe vergelten! Selig, wer seinen
Schöpfer erkannt und ihn lieben gelernt hat, in ihm findet er Frieden und Ruhe. Der Herr ist grenzenlos gütig
und barmherzig, und ich schreibe von seiner Barmherzigkeit in dem Gedanken und in der Hoffnung, daß
wenigstens in einer Seele die Liebe zu Gott entzündet und brennende Reue erweckt werde. Meine geliebten
Brüder, unter Tränen schreibe ich diese Zeilen. 0 daß ihr doch erkenntet, Völker der Erde, wie sehr euch der
Herr liebt und wie gnädig er euch zu sich ruft: «Kommt zu mir alle, ich will euch erquicken.» «Ich will euch
erquicken im Himmel und auf Erden, und ihr werdet meine Herrlichkeit sehen.» «Jetzt könnt ihr es noch
nicht verstehen, aber der Heilige Geist wird es euch lehren.» «Zögert nicht, kommt zu mir, sehnsüchtig er-
warte ich euch als meine geliebten Kinder. Ich gebe euch meinen Frieden, und ihr werdet in Freude sein, und
eure Freude wird ewig dauern.»

15
Der Herr liebt den Menschen, und seine Gnade bleibt in der Kirche bis zum Jüngsten Tag, wie sie es war von
Anbeginn. Der Herr liebt den Menschen, er hat ihn aus Staub geschaffen, aber er hat ihm Schönheit verlie-
hen durch den Heiligen Geist. Nur durch den Heiligen Geist wird der Herr erkannt, und durch den Heiligen
Geist wird er geliebt. Ohne den Heiligen Geist ist der Mensch nichts als sündiger Staub. Der Herr erzieht
seine Kinder durch den Heiligen Geist und durch die Teilnahme an seinem allerreinsten Leib und Blut, und
alle, die ihm nachfolgen, werden ihm ähnlich wie ihrem Vater. Der Heilige Geist hat uns mit dem Herrn
verwandt gemacht. Und wisse, wenn du in dir den göttlichen Frieden und die Liebe zu allen verspürst, so ist
deine Seele schon dem Herrn ähnlich. Die Seele weiß, wie reich sie durch die Gnade Gottes beschenkt ist. Sie
fühlt auch, wenn sie die Gnade verliert. - Das wußte ich früher nicht, aber als ich die Gnade verlor, erkannte
ich es aus Erfahrung. Darum, liebe Brüder, bewahrt mit allen Kräften den göttlichen Frieden, der uns un-
geschuldet geschenkt ist. Und wenn jemand uns ärgert, laßt uns ihn dennoch lieben, obgleich es uns Mühe
kostet; der Herr, der unsere Bemühungen sieht, wird uns mit seiner Gnade helfen. So sprachen die heiligen
Väter, und die Erfahrung vieler Jahre zeigt uns, wie notwendig die Bemühungen sind. Der Herr gebot uns,
ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele zu lieben. Wie aber kann man den lieben, den man niemals
gesehen hat, und wie kann man diese Liebe lernen?

Durch sein Wirken in unserer Seele erkennen wir den Herrn. Sie weiß, wer der Gast ist, der bei ihr Einkehr
hält. Und wenn der Herr vor der Seele wieder verborgen ist, sehnt sie sich nach ihm und sucht ihn unter
Tränen: «Wo bist du, mein Licht, wo bist du, meine Freude? Der Wohlgeruch deiner Spur ist in meiner Seele,
und ich verlange nach dir. Mein Herz ist verzagt, nichts erfreut mich mehr. Ich betrübte dich, und nun hast
du dich vor mir verborgen.» Weil die Menschen stolz auf ihre Intelligenz sind, gibt der Herr sich nicht vielen
von ihnen zu erkennen, aber trotzdem glauben sie, viel zu wissen. Aber was ist ihr Wissen wert, wenn sie den
Herrn nicht kennen, wenn sie die Gnade des Heiligen Geistes nicht kennen, wenn sie nicht wissen, wie sie
kommt und warum man sie verliert? Aber wir, Brüder, demütigen wir uns, und der Herr wird uns alles offen-
baren, wie ein liebender Vater seinen Kindern alles zeigt. Beobachte mit deinem Geist, was in deiner Seele
vor sich geht. Wenn sich darin etwas Gnade findet, kennst du den Frieden, und du wirst allen gegenüber Lie-
be empfinden. Wenn die Gnade größer ist, dann ist in deiner Seele Licht und eine große Freude, aber wenn
sie noch größer ist, dann spürt selbst der Körper die Gnade des Heiligen Geistes. Mein Herz liebt dich, Herr,
darum sehne ich mich nach dir, und weinend suche ich dich. Den Himmel hast du mit Sternen geschmückt,
die Luft mit Wolken, die Erde mit Seen, Flüssen und grünen Gärten; aber allein dich liebt meine Seele, nicht
die Welt, so schön sie auch ist. Nur nach dir sehne ich mich, Herr. Deinen stillen sanften Blick kann ich nicht
vergessen, weinend flehe ich: Komm, kehre ein bei mir, reinige mich von meinen Sünden. Du siehst herab
von der Höhe deiner Herrlichkeit, du weißt, wie sehr meine Seele sich nach dir sehnt. Verlaß mich nicht,
erhöre deinen Knecht, der zu dir ruft wie der Prophet David: «Vergib mir, Gott, nach deiner großen Barm-
herzigkeit» (Psalm 51,3).

Heilige Apostel, der ganzen Welt habt ihr gepredigt: «Erkennt die Liebe Gottes.» Meine sündige Seele er-
kannte diese Liebe durch den Heiligen Geist, aber diesen Geist habe ich verloren, und ich sehne mich nach
ihm. Bittet für mich, daß der Herr mir den Heiligen Geist wiedergeben möge, und ich will beten für die gan-
ze Welt, daß Frieden auf Erden werde. Bittet für mich, ihr Heiligen alle. Ihr schaut Gottes Herrlichkeit im
Himmel, weil ihr auf Erden Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele geliebt habt. Ihr habt die Welt
überwunden durch die Kraft der Gnade, die der Herr eurer Demut wegen euch schenkte. Ihr trugt aus Liebe
zu Gott alles Leid. Euch zu sehen verlangt meine Seele. Die wahren Starzen sind demütig, sie sind Christus
ähnlich geworden. Durch ihr Leben geben sie ein lebendiges Beispiel.

16
Sie haben Frieden gefunden, und wie der Baum des Lebens im Paradies ernähren sie viele Menschen ganz
mit ihren Früchten, den Früchten dieses Friedens. Der Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses, das
ist Christus. Jetzt ist er allen zugänglich; die ganze Welt kann von ihm Nahrung empfangen und mit dem
Heiligen Geist erfüllt werden. Wenn es keine wahren geistlichen Führer gibt, dann muß man sich in Demut
dem Willen Gottes überlassen; dann wird der Herr durch seine Gnade die Erleuchtung schenken. Es ist
nicht möglich auszudrücken, wie sehr uns der Herr liebt, und der Verstand kann es nicht ermessen. Allein
der Heilige Geist und der Glaube können uns die göttliche Liebe erkennen lassen, nicht der Verstand. Es gibt
Menschen, die endlos über den Glauben diskutieren; aber Streiten ist gar nicht notwendig, sondern beten
soll man zu Gott und der Gottesmutter, dann wird der Herr uns erleuchten, ohne daß wir diskutieren. Viele
haben alle Religionen studiert, aber den wahren Glauben haben sie nicht gefunden. Wenn aber der Mensch
Gott in Demut um Erleuchtung bittet, dann offenbart ihm der Herr, wie sehr er die Menschen liebt. Den
Stolzen, die alles mit dem Verstand erfassen wollen, gewährt er es nicht.

«Wo ich bin», sagt der Herr, «da soll auch mein Diener sein ... » (Johannes 12,26). Aber die Menschen ver-
stehen die Schrift nicht - als wäre sie unverständlich. Wen der Heilige Geist lehrt, dem wird alles verständ-
lich, seine Seele fühlt sich wie im Himmel, denn derselbe Heilige Geist ist im Himmel und auf Erden, in der
Heiligen Schrift und in den Seelen aller, die Gott lieben. Ohne den Heiligen Geist irren die Menschen. Wenn
sie auch ständig lernen, so können sie doch Gott nicht erkennen und die Ruhe in ihm nicht finden. Wer die
Liebe Gottes erkannt hat, der liebt alle in der Welt. Er murrt auch nicht über sein Schicksal, denn Leiden, die
man in Gott trägt, bringen ewige Freude. Wer sich nicht demütig dem Willen Gottes ergibt, dem ist wahre
Erkenntnis verschlossen. Er jagt von einem Gedanken zum anderen und kann niemals mit reinem Sinn be-
ten. Die demütige Seele aber spürt Gott in jedem Augenblick. Allein durch die Erfahrung kennt sie die Gnade
und weiß, wann der Herr bei ihr ist. Sie hat sich ihm anheimgegeben wie ein Kind, das jeden Tag seine Nah-
rung erhält, aber nicht weiß, woher sie kommt. Die Seele fühlt sich wohl bei Gott, aber sie vermag es nicht
zu erklären. Herr, lehre dein Volk durch den Heiligen Geist, damit alle deine Liebe erkennen!

Als Kind liebte ich die Welt und ihre Schönheit, die grüneHaine und Gärten, ich liebte die Felder und Wälder,
die lichten Wolken, die in blauer Höhe dahinziehen. Ich liebte Gottes ganze schöne Welt. Aber seitdem ich
den Herrn erkannt habe, ist alles anders geworden in meiner Seele, die er gefangennahm. Nicht nach dieser
Welt verlange ich mehr. Meine Seele verlangt unaufhörlich nach der Welt, wo der Herr wohnt. Wie ein gefan-
gener Vogel danach verlangt, den engen Käfig zu verlassen, so sehnt sich meine Seele nach Gott.

Wo bist du, mein Licht? Ich suche dich unter Tränen. Hättest du dich mir nicht offenbart, dann könnte ich
dich jetzt nicht so suchen. Du selbst hast ja mich Sünder aufgesucht und hast mir deine Liebe zu erkennen
gegeben. Du offenbartest mir, daß du aus Liebe zu uns dich an das Kreuz heften ließest und für uns in Leiden
gestorben bist. Du hast mir gezeigt, daß deine Liebe zu uns dich vom Himmel auf die Erde, ja sogar in die
Hölle geführt hat, damit wir deine Herrlichkeit schauen. Du erbarmtest dich meiner und zeigtest mir dein
Angesicht, und nun dürstet meine Seele nach dir, mein Gott. Wie ein Kind, das seine Mutter verloren hat,
weint sie nach dir, Tag und Nacht, und findet keine Ruhe.

Aber ein Kind wird seine Mutter und die Mutter ihr Kind vergessen, wenn sie dich sehen, denn die Seele, die
dich geschaut hat, vergißt die ganze Welt. So verlangt meine Seele nach dir, sie weint nach dir und möchte
die Welt nicht sehen. Das Alter ist gekommen, der Leib ist schwach geworden und verlangt nach Ruhe; aber
der Geist will nicht ruhen, er strebt zu Gott, dem himmlischen Vater. Durch die Teilnahme an seinem aller-
reinsten Leib und Blut und durch den Heiligen Geist sind wir ihm verwandt geworden.

17
Er hat uns geoffenbart, was das ewige Leben ist: Der Heilige Geist ist das ewige Leben. Die Seele lebt in der
Liebe Gottes, in der Demut und Sanftmut des Heiligen Geistes. Aber wir müssen dem Heiligen Geist in unse-
rer Seele so viel Raum gewähren, daß er in ihr wohnen kann, daß die Seele ihn immerfort spürt.

Wer auf Erden in der Liebe Gottes verbleibt, wird auch jenseits mit Gott zusammen sein. Um aber in unseren
Gedanken nicht zu irren, wollen wir uns demütigen nach dem Worte des Herrn: «Werdet wie die Kinder,
denn ihrer ist das Himmelreich» (vgl. Matthäus 18,3)' Sündiges Leben ist seelischer Tod, die Liebe zu Gott
aber ist das Paradies der Seligkeit. Zu beklagen sind die Menschen, die Gott nicht kennen. Sie sehen nicht
das ewige Licht, und nach dem Tod versinken sie in ewige Finsternis. Der gläubige Christ aber kennt das
Licht, denn der Heilige Geist hat den Heiligen offenbart, was im Himmel und was in der Hölle ist. Arme ver-
irrte Menschen. Sie wissen nicht, was rechte Freude ist. Wohl freuen sie sich zuweilen und lachen, aber ihre
Freude und ihr Lachen wird sich in Weinen und Kummer verwandeln.

Unsere Freude ist Christus. Durch seine Leiden hat er uns in das Buch des Lebens eingetragen, und wir
werden ewig in seinem Reich sein. - Unsere Freude ist der Heilige Geist. Er ist die Wonne der Seele und
das Zeugnis ihrer Errettung. Meine geliebten Brüder, im Namen der Barmherzigkeit Gottes bitte ich euch,
glaubt an das Evangelium und an das Zeugnis der heiligen Kirche, schon auf Erden werdet ihr die himmli-
sche Seligkeit kosten. Denn das Reich Gottes ist in uns.

Wer Gott durch den Heiligen Geist erkannt hat, vergißt die Erde, als ob sie nicht da sei. Erst wenn er nach
dem Gebet wieder aufschaut, erinnert er sich des Irdischen. Brüder, die Heiligen im Himmel sehen die Herr-
lichkeit Gottes. Wir selbst aber wollen uns demütigen, dann wird der Herr uns lieben, er wird uns das Nötige
für Leib und Seele geben und uns seine Geheimnisse offenbaren. Die Menschen hängen ihr ganzes Herz da-
ran, irdische Güter zu erwerben, und sie haben die göttliche Liebe verloren; deshalb gibt es keinen Frieden
auf Erden. Viele Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, herauszufinden, wie zum Beispiel die Sonne
beschaffen ist, und machen sich nicht die Mühe, Gott kennenzulernen. Der Herr jedoch hat uns nicht von
der Sonne gesprochen, sondern hat uns den Vater und das Himmelreich offenbart. Er sagt, daß die Gerech-
ten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten werden (Matthäus 13,43); und der Herr wird das Licht im
Paradies sein, wie die Schrift sagt (Offenbarung 21,23; 22,5), und dieses Licht des Herrn wird die Seele, den
Geist und den Körper der Heiligen erfüllen.

Wir leben auf Erden und sehen Gott nicht und können ihn auch nicht sehen. Aber wenn der Heilige Geist
in unsere Seele einzieht, werden wir Gott sehen. So erkannte der heilige greise Simeon den Herrn in dem
kleinen Kind; und der heilige Johannes der Täufer erkannte den Herrn durch den Heiligen Geist auf die glei-
che Weise und lenke die Aufmerksamkeit des Volkes auf ihn. Ohne den Heiligen Geist jedoch kann niemand
Gott erkennen und auch nicht wissen, wie sehr er uns liebt.

Barmherziger Gott, lehre uns durch deinen Heiligen Geist, nach deinem Willen zu leben, damit wir alle in
deinem Licht dich, den wahren Gott, erkennen, denn ohne dein Licht erfassen wir die Fülle deiner Liebe
nicht.

18
II
Ein Wort über das Gebet

Wer Gott liebt, denkt unablässig an ihn, und unablässig drängt es ihn zu beten. Durch das Gebet erhalten
wir die Gnade des Heiligen Geistes; es bewahrt uns vor der Sünde, denn der Geist des Betenden steht in De-
mut vor dem Angesicht des Herrn.

Im Anfang aber brauchen wir einen geistlichen Führer, denn bevor die Seele die Gnade des Heiligen Geistes
empfangen hat, steht sie in besonderem Kampf mit dem Widersacher, und ihm, der ihr seine Verlockungen
darbringt, vermag sie allein nicht zu entrinnen. Beginne darum das Gebetsleben nicht ohne geistlichen Va-
ter, denke in deinem Stolz nicht, daß du es nur aus Büchern erlernen kannst. Wer so denkt, wird der Versu-
chung erliegen, ja, er ist ihr zum Teil schon erlegen. Einem Demütigen aber hilft Gott. Und wenn du keinen
erfahrenen Starez finden kannst, solltest du deinen Beichtvater um Rat fragen - wie dieser auch sein mag -,
dann wird dich der Herr selbst schützen, deiner Demut wegen.

Sei dir dessen bewußt, daß in deinem Beichtvater der Heilige Geist spricht, und er wird dir sagen, was dir
nötig ist. Zweifelst du daran, weil du annimmst, daß der Beichtvater nicht heiligmäßig lebt, so werden dir
solche Gedanken Unruhe und Leid bringen.

Dem Betenden wird das Gebet gegeben, wie es in der Schrift heißt. Aber das aus bloßer Gewohnheit verrich-
tete Gebet, ohne Zerknirschung, ohne Tränen über deine Sünden, ist dem Herrn nicht wohlgefällig. Meine
Seele sehnt sich nach dem Herrn, und verlangend suche ich ihn! Den lebendigen Gott ersehne ich, und un-
aufhörlich strebe ich zu ihm, dem himmlischen Vater. Der Herr ist meinem Herzen lieb, er ist meine Freude,
meine Erquikkung, meine Hoffnung.

Herr, erbarme dich deiner Schöpfung und offenbare dich uns im Heiligen Geist, wie du dich deinen treuen
Knechten offenbarst. Erfreue, Herr, die betrübten Seelen durch das Kommen deines Heiligen Geistes. Laß
alle, die zu dir beten, den Heiligen Geist erkennen. o möchten doch alle Menschen demütig werden um des
Herrn und seines himmlischen Reiches willen! Demütigen wir uns, dann wird uns der Herr die Kraft des
Jesusgebetes zu erfahren geben, und der Geist Gottes wird unsere Seelen lehren.

Laßt uns die Demut Christi üben, dann wird der Herr uns
die Seligkeit des Gebetes kosten lassen.

Um rein beten zu können, mußt du demütig und sanftmütig sein, und aufrichtigen Herzens mußt du deine
Sünden bekennen. Sei mit allem zufrieden und gehorsam deinen Vorgesetzten, dann wird dein Sinn frei von
eitlen Gedanken, und das Gebet wird dir lieb werden. Denke daran, daß der Herr dich allezeit sieht; beleidige
und verurteile deinen Nächsten nicht, betrübe ihn nicht - auch nicht durch deinen Gesichtsausdruck -, dann
wird der Heilige Geist dich lieben und dir in allem beistehen.

Der Heilige Geist ist einer Mutter gleich, die ihr Kind liebt und mit ihm fühlt. Im demütigen Gebet gibt er sich
zu erkennen, leidet mit uns und verzeiht, heilt und belehrt uns.

19
Wer aber seine Feinde nicht liebt und nicht für sie betet, der quält sich selbst und die anderen, er wird Gott
nie erkennen. Wer Gott wirklich liebt, betet ohne Unterlaß. Er hat die Gnade im Gebet erfahren. Wohl sind
uns zum Beten Kirchen gegeben und gottesdienstliche Bücher, dein inneres Gebet aber geht immer und
überall mit dir. - In den Kirchen hält man Gottesdienst, der Heilige Geist wohnt in ihnen. Aber die beste Kir-
che Gottes ist die Seele; wer in seiner Seele betet, für den wird die ganze Welt zur Kirche. Doch nicht allen
ist dies gegeben. Viele Menschen beten laut und ziehen es vor, aus Büchern zu beten; auch ihr Gebet nimmt
der Herr an, er erbarmt sich aller Betenden. Wer aber beim Beten an andere Dinge denkt, den erhört der
Herr nicht.

Betest du nur gewohnheitsmäßig, dann ist dein Gebet immer das gleiche. Betest du aber mit Inbrunst, so
wird dein Gebet vielgestaltig: Du kämpfst gegen den Widersacher, gegen dich selbst, mit deinen Leiden-
schaften; immer aber mußt du tapfer sein. Suche den Rat erfahrener Menschen, bitte den Herrn in Demut,
und um deiner Demut willen wird er dir Einsicht geben. Der Geist Gottes bezeigt der Seele, wenn unser Ge-
bet dem Herrn wohlgefällt. Not lehrt beten. - Einmal kam zu mir ein Soldat, er war nach Saloniki unterwegs.
Meine Seele hatte ihn liebgewonnen, und wir sprachen über das Gebet. Ich sagte zu ihm: «Bete, damit nicht
so viel Leid und Elend in der Welt sei.» - «Im Krieg habe ich beten gelernt», sagte er, «wenn die Kugeln flogen
und Bomben platzten, rief ich zu Gott und bat um seinen Schutz. Und der Herr schützte mich.» Aus seinen
Worten und an seiner Haltung erkannte ich, wie innig er betete, wie sehr er beim Gebet in Gott versunken
war.

Gute Bücher zu lesen ist recht. Aber besser ist es, zu beten. Beim Lesen schlechter Bücher darbt die Seele.
Nahrung und Erquickung findet sie nur in Gott. Allein in Gott ist Leben und Friede. Unaussprechlich liebt
uns der Herr - und durch den Heiligen Geist erkennen wir seine Liebe.

Wenn du verlangst, mit dem Herzen zu beten, es aber nicht vermagst, so sprich das Gebet mit den Lippen
und halte deinen Geist fest an die Worte des Gebetes. Der Herr wird dir mit der Zeit die Innigkeit im Gebet
geben, und du wirst ohne Zerstreuung beten können. Versuche nicht, durch eine Technik das Gebet im
Herzen erzeugen zu wollen - du würdest deinem Herzen nur schaden, und du könntest am Ende nicht ein-
mal mehr mit den Lippen beten. Erkenne die Ordnung des geistlichen Lebens: Gott gewährt die Gabe einer
demütigen und aufrichtigen Seele. Sei gehorsam und halte Maß - im Essen, in deinen Worten~ in deinen
Bewegungen-, dann gibt dir der Herr selbst das Gebet.

Das unaufhörliche Gebet kommt aus der Liebe, aber wir verlieren es durch Geschwätzigkeit, durch Unent-
haltsamkeit, durch Geringschätzung des Nächsten. Wer Gott liebt, vermag Tag und Nacht an ihn zu denken
- es gibt nichts, was uns daran hindern könnte. So hinderte die Apostel nichts in der Liebe zum Herrn; sie
lebten in der Welt, aber die Welt störte ihre Liebe nicht. Sie beteten für die Welt und verkündeten das Wort.
Der Geist Gottes lehrt uns, überall, auch in der Einöde, zu beten: für alle Menschen, für die ganze Welt. Es ist
falsch, anzunehmen, daß wir durch das Gebet in Täuschung und Verblendung fallen könnten. Unser Eigen-
wille verblendet uns, und nicht das Gebet. Nichts gibt es, was besser für die Seele wäre, als zu beten. Durch
das Gebet kommen wir zu Gott. Durch das Gebet gewährt der Herr uns Demut und Geduld, ja alle Gaben.
Wer wider das Gebet spricht, hat gewiß nie erfahren, wie gütig der Herr ist und wie groß seine Liebe zu uns.
Von Gott kommt nichts Böses. Die Heiligen beteten unaufhörlich, nicht einen Augenblick waren sie ohne
Gebet.

20
Wer die Demut verliert, wird auch die Gnade und die Liebe zu Gott verlieren, und dann erlischt das Gebet.
Wer aber seine Leidenschaften überwunden und die Demut erlangt hat, dem gibt Gott seine Gnade, und er
betet für seine Feinde wie für sich selbst - unter heißen Tränen betet er für die ganze Welt.

III. Von der Demut

In seiner großen Liebe schenkt uns der Herr die Gaben des Heiligen Geistes. Doch nur unter vielen Mühen
lernt die Seele, diese Gnade zu bewahren.

Als ich die Gnade des Heiligen Geistes empfing, wußte ich, daß Gott mir meine Sünden vergeben hatte.
Seine Gnade bezeugte es mir; und ich glaubte, mehr nicht zu bedürfen. - So aber darf man nicht denken.
Obwohl unsere Sünden uns bereits vergeben sind, sollen wir ihrer doch unser Leben lang in Zerknirschung
und Reue gedenken. Das tat ich nicht, verlor die Zerknirschung und hatte nun viel unter den Dämonen zu
leiden. Ich konnte nicht begreifen, was mit mir geschehen war: Meine Seele kannte den Herrn und seine
Liebe - warum kamen mir schlechte Gedanken? Aber der Herr hatte Erbarmen mit mir und zeigte mir den
Weg zur Demut: «Halte dich mit Bewußtsein in der Hölle und verzweifle nicht.» - Dadurch wird der Feind
besiegt. Wende ich mich aber ab und verlasse mit meinem Bewußtsein das Feuer der Hölle, dann erhalten
die schlechten Gedanken von neuem Kraft.

Wer gleich mir die Gnade verloren hat, der muß mannhaft mit den Dämonen ringen. Denke daran, du selbst
bist schuld: Du bist in Stolz und Eitelkeit gefallen. Der Herr aber läßt dich in seiner Barmherzigkeit erken-
nen, was es bedeutet, im Heiligen Geist zu sein, und was es heißt, im Kampf mit den Dämonen zu stehen.
So erkennt die Seele durch eigene Erfahrung die Gefahr des Stolzes, und sie vermeidet es, Eitelkeit, mensch-
lichem Lob und bösen Gedanken zu folgen. Alsdann beginnt ihre Genesung, und sie lernt es, die Gnade zu
bewahren. Wie kann man wissen, ob die Seele gesund oder krank ist? Die kranke Seele ist stolz, aber die
gesunde Seele liebt die Demut, wie der Heilige Geist sie gelehrt hat; und wenn sie diese Demut noch nicht
kennt, hält sie sich für schlechter als alle.

Eine demütige, durch Erfahrung belehrte Seele wird dem Herrn immer von neuem für die Gnade danken,
auch wenn er sie alle Tage zum Himmel erhöbe und sie dort seine Herrlichkeit schauen ließe. Sie wird sagen:
«Herr, du zeigst mir deine Herrlichkeit, aber gib mir auch Tränen - und die Kraft, dir zu danken. Dir gebührt
Lob im Himmel und auf Erden, mir aber ziemt es, meine Sünden zu beweinen.» Der Herr gab mir in seiner
Liebe und Barmherzigkeit zu verstehen, daß wir unser Leben lang unsere Sünden beweinen müssen. Und
darum schreibe ich darüber, denn ich weiß, wie sehr die Menschen leiden müssen, die wie ich selbst hoch-
mütig sind. Ich schreibe, damit sie die Demut lernen und Ruhe finden mögen in Gott.

Manche werden sagen, heute gelte das nicht mehr, das sei wohl früher so gewesen; aber bei Gott gibt es kei-
ne Veränderung, nur wir ändern uns, werden schlecht und sündig und verlieren die Gnade. Doch wer bittet,
dem gibt der Herr alles, nicht weil wir es verdienen, sondern weil er barmherzig ist und uns liebt.

Es gibt nichts Größeres, als die Demut Christi zu erlernen. Froh und zufrieden leht der Demütige, alles ist
seinem Herzen lieb. Nur die Demütigen schauen den Herrn im Heiligen Geist. Die Demut ist das Licht, in
dem wir Gott, das Licht, schauen. «In deinem Lichte schauen wir das Licht» (Psalm 36,10), so singen wir im
Kirchenlied.

21
Der Herr lehrt mich, mein Bewußtsein in der Hölle zu halten und doch nicht zu verzagen. Wohl lernt die
Seele dadurch Demut, aber die wahre Demut ist es nicht - sie kann man nicht beschreiben. Wenn die Seele
sich dem Herrn nähert, erfaßt sie Furcht; aber wenn sie den Herrn sieht, erfüllt sie unaussprechliche Freude
an der Schönheit seiner Herrlichkeit. In der Liebe Gottes und der Sanftmut des Heiligen Geistes vergißt sie
die Erde. Dies ist das Paradies des Herrn. Alle Menschen werden in der Liebe sein, und weil sie demütig wie
Christus sind, werden sie glücklich sein, die anderen mehr erhöht zu sehen als sich selbst. Die Demut Christi
wohnt bei den ganz Geringen: sie sind glücklich, die Geringsten zu sein. So hat es mir der Herr offenbart.

Bittet für mich, ihr Heiligen alle, daß meine Seele die Demut Christi lerne, denn sie sehnt sich danach. Aber
ich kann sie nicht erlangen, und darum suche ich sie weinend, wie ein Kind, das seine Mutter verloren hat.
Wo bist du, mein Gott? Verborgen bist du meiner Seele, und unter Tränen suche ich dich! o Herr, gib mir die
Kraft zu rechter Demut vor deiner Größe! Alle Ehre gebührt dir im Himmel und auf Erden, nur eines gib mir,
dem Geringsten deiner Geschöpfe: deinen demütigen Geist.

Von der Höhe deiner Herrlichkeit nimm dich meiner an! Herr, gib mir die Kraft, dich Tag und Nacht zu prei-
sen. Durch den Heiligen Geist gewann dich meine Seele lieb, und nun verlangt sie nach dir und sucht dich
unter Tränen. Uns allen gib deinen Heiligen Geist, nur durch ihn können wir dich preisen. Unser Fleisch ist
schwach, aber dein Geist ist stark. Dein Geist gibt der Seele Frieden und stärkt sie in der Liebe zu dir. Herr,
gib uns die Kraft, dich zu lieben und nur dir zu leben!

Barmherziger Gott, allein vermag mein schwacher Geist nicht zu dir zu kommen. Wie König Abgar rufe ich:
Komm du zu mir, heile mich von den Wunden meiner sündigen Gedanken. Unablässig will ich dich loben
und es den Mensehen verkündigen, daß du, Herr, nach wie vor Wunder tust, unsere Sünden vergibst und uns
heiligst - damit sie wissen: Du lebst.

Zwischen dem einfachsten Menschen, der Gott im Heiligen Geist erkannt hat, und einem Menschen, selbst
einem großen Menschen, der nicht die Gnade des Heiligen Geistes gekannt hat, besteht ein sehr großer Un-
terschied. Zu glauben, daß Gott existiert, ihn durch die Natur oder die Heilige Schrift kennenzulernen, ist
etwas ganz anderes, als den Herrn durch den Heiligen Geist zu kennen. Wer Gott durch den Heiligen Geist
erkannt hat, brennt in Liebe zu ihm, Tag und Nacht - seine Seele hängt nicht an irdischen Dingen. Allein
nach Gott sehnt er sich, Reichtum und weltliche Dinge hält er für nichtig. Die Seele, die den Heiligen Geist
gekostet hat, erkennt ihn an seinem Geschmack. Es steht geschrieben: «Kostet und seht, wie freundlich
der Herr ist» (Psalm 34,9). David schöpft sein Wissen aus der Erfahrung, und bis zum heutigen Tage gibt
der Herr seinen Dienern seine Liebe in ihrer eigenen Erfahrung zu erkennen, und er wird sie bis zum Ende
der Zeiten lehren. Wer den Herrn durch den Heiligen Geist erkannt hat, hat von ihm die Demut erlernt; er
gleicht seinem Meister, Christus, dem Sohn Gottes, er ist ihm ähnlich geworden.

Herr, würdige uns der Gabe deiner heiligen Demut! Schenke uns deinen demütigen Geist - so du selbst, ohne
unser Verdienst, nur aus Gnade, zu uns gekommen bist, uns zu retten und uns in den Himmel zu führen,
damit wir deine Herrlichkeit schauen.

22
O Demut Christi, wohl erkannte ich dich, aber ich kann dich nicht erlangen. Wohlschmeckend und süß sind
deine Früchte, denn sie sind nicht von dieser Welt.

Der Herr kam auf die Erde, um uns das Feuer der Gnade des Heiligen Geistes zu geben. Der Demütige hat
dieses Feuer, ihm gibt der Herr seine Gnade. Doch in einer mutlosen und verzagten Seele kann sich das
Feuer nicht entzünden. Mühen und Tränen bewahren in uns den Geist Christi. Das Feuer des Lebens er-
lischt ohne diesen demütigen Geist. Den Leib durch Fasten abzutöten ist nicht schwer, schwer aber ist es,
die Seele in ständiger Demut zu halten. Maria von Ägypten hatte ihren Leib in der Wüste schon nach kurzer
Zeit abgetötet, aber frei von Leidenschaften war sie erst nach siebzehn Jahren schweren Kampfes, dann erst
erreichte sie Ruhe und Frieden.

Weil wir in uns verfangen sind, verstehen wir die Liebe Christi nicht. Diese Demut und Liebe wird nur in der
Gnade des Heiligen Geistes erkannt. Wir aber können sie an uns ziehen, wenn wir sie von ganzem Herzen
ersehnen. Inständig müssen wir den Herrn bitten, daß er unserer Seele die Gnade und die Demut des Hei-
ligen Geistes sende. Eine demütige Seele hat schon den Frieden, eine stolze aber quält sich selbst, sie kennt
keine Liebe zu Gott, sie ist fern von ihm. Der Hochmütige ist stolz auf seinen Reichtum, sein Wissen oder
seinen Ruhm; der Unglückselige, er sieht seine Armut und Verlorenheit nicht, weil er Gott nicht kennt. Wer
aber ankämpft gegen seinen 'Stolz, dem hilft der Herr, diese Leidenschaft zu besiegen.

«Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig» (Matthäus II,29), sagt der Herr. Danach
sehnt sich auch meine Seele Tag und Nacht, und ich bete zu Gott und bitte die Heiligen und euch alle, die
ihr die Demut Christi erlangt habt, betet für mich, daß der Herr auch mir den Geist der Demut sende. Wohl
erkannte meine Seele die Demut Christi im Heiligen Geist, aber ich habe diese Gabe verloren, und nun sehnt
sich meine Seele unter Tränen. Herr, gib uns allen den Geist der Demut, damit unsere Seelen Ruhe finden.

Allreine Gottesmutter, Barmherzige, erbitte uns den demütigen Geist. Ihr Heiligen, die ihr im Himmel Got-
tes Herrlichkeit schaut, bittet für uns, damit auch wir einst mit euch zusammen sein mögen. Den Herrn zu
schauen verlangt auch meine Seele, und sie sehnt sich nach ihm in Demut, so unwürdig sie auch ist.

Barmherziger Gott, lehre uns durch den Heiligen Geist deine Demut!

Stolz und Eitelkeit lassen oft die Seele den Weg des Glaubens nicht finden. Dem Zweifler und Ungläubigen
gebe ich den Rat, zu sprechen: «Herr Gott, wenn du bist, erleuchte mich.» Schon für diese demütige Absicht
und die Bereitschaft, ihm zu dienen, wird ihn der Herr erleuchten. Der Mensch kann nicht wissen, wie sehr
uns der Herr liebt , wenn er es uns nicht durch den Heiligen Geist offenbart. Denn für den erdgebunde-
nen Verstand ist es unmöglich, durch Bücher allein zu erfassen, wie sehr Gott den Menschen liebt. Aber
um gerettet zu werden, muß man sich demütigen. Denn würde man einen Stolzen mit Gewalt ins Paradies
führen, fände er selbst dort keine Ruhe, wäre unzufrieden und würde sagen: «Warum habe ich nicht den
ersten Platz?» Die demütige Seele aber ist voller Liebe und trachtet nicht danach, die erste zu sein, sondern
wünscht allen Menschen das Gute und gibt sich mit allem zufrieden. Der Hochmütige hat Furcht vor den
Dämonen, oder er ist selbst schon dämonisch geworden. Aber nicht die Dämonen, sondern Eitelkeit und
Stolz sollen wir fürchten, sonst verlieren wir die Gnade. Auch sollten wir uns mit den bösen Geistern nicht
unterhalten, damit unsere Seele nicht beschmutzt werde. Wer im Gebet verbleibt, den erleuchtet der Herr.

23
Gott liebt uns, aber immer wieder straucheln wir - weil es uns an Demut fehlt. Um die Demut zu bewahren,
muß man seinen Leib abtöten und den Geist Christi in sich aufnehmen. Die Heiligen rangen hart mit den
Dämonen, sie fasteten und beteten, und durch ihre Demut besiegten sie den Feind. Wer demütig ist, hat den
Feind schon bezwungen. Was sollen wir tun, um Frieden in Leib und Seele zu haben? Wir müssen alle Men-
schen lieben wie uns selbst und jede Stunde zum Sterben bereit sein. Denn wer ständig des Todes eingedenk
ist, wird dadurch demütig, er ergibt sich dem Willen Gottes und wünscht, mit allen in Frieden zu sein und
zu lieben.

Wenn der Friede Christi in eine Seele einzieht, dann ist sie froh , wie Hiob in der Asche zu sitzen und die
anderen in der Herrlichkeit zu sehen; dann ist sie glücklich, schlechter als alle anderen zu sein. Das Ge-
heimnis der Demut Christi ist groß, und man kann es nicht erklären. Aus Liebe wünscht die Seele für jeden
Menschen mehr Gutes als für sich selbst und freut sich, wenn es den anderen besser geht, aber es betrübt
sie, die anderen leiden zu sehen. Betet für mich, alle Heiligen und alle Völker, daß die heilige Demut Christi
bei mir einkehre! Der Herr liebt uns, aber er schickt uns Leid, damit wir unsere Ohnmacht erkennen und
demütig werden.

Unserer Demut wegen sendet er uns seinen Heiligen Geist, und wer im Heiligen Geist lebt, dem ist alles
gut, der ist voller Freude. Gewiß, mancher Mensch hat unter Armut und Krankheit zu leiden, aber trägt er
das nicht demütig, so leidet er ohne Nutzen. Der Demütige ist immer mit seinem Los zufrieden, weil Gott
sein Reichtum und seine Freude ist. Du sagst: «Aber mein Leid ist zu groß.» Ich aber sage dir, oder besser,
der Herr sagt dir: «Sei demütig!» Du wirst sehen, daß dein Kummer sich in Freude verwandelt. Du wirst
gar selbst erstaunt sein, daß du dich früher gequält und gegrämt hast. Und nun freust du dich, weil du das
erkannt hast und die Gnade Gottes zu dir gekommen ist. Die Freude wird dich nicht verlassen, auch wenn
du allein bist in deiner Armut, denn in deiner Seele ist der Friede, von dem der Herr sagt: «Meinen Frieden
gebe ich euch» (Johannes 14,27).

Die Seele des Demütigen ist wie das Meer; wenn man in das Meer einen Stein hineinwirft, bewegt sich die
Oberfläche des Wassers wohl für einen Augenblick, dann sinkt er in die Tiefe. So versinkt aller Kummer im
Herzen des Demütigen, denn die Kraft Gottes ist mit ihm.

Wo wohnst du, demütige Seele? Wer wohnt in dir? Wem kann man dich gleichstellen?

Du brennst hell wie die Sonne, aber du verbrennst nicht, sondern mit deiner Glut erwärmst du alles. Dir
gehört das Land der Sanftmütigen, nach dem Wort des Herrn.

Du gleichst einem Blumengarten, in dessen Tiefe ein schönes Haus steht, in dem der Herr wohnt. Dich lie-
ben Himmel und Erde. Dich lieben die heiligen Apostel, die Propheten, die Heiligen und die Seligen. Dich
lieben die Engel, die Cherubim und Seraphim. Dich, demütige Seele, liebt die allreine Mutter des Herrn.
Dich liebt und über dich freut sich der Herr. Nicht dem Hochmütigen offenbart sich der Herr. Nie wird er
Gott erkennen, und wenn er alle Wissenschaft der Welt sein Eigen nennt. Denn das Herz des Stolzen läßt in
sich dem Segen des Heiligen Geistes keinen Raum.

Erleuchtet durch die Taufe, glauben die Menschen an Gott, und es gibt sogar einige, die ihn kennen. Es ist
gut, an Gott zu glauben, aber ihn zu kennen ist Seligkeit. Gewiß, selig sind auch die, die glauben, wie der Herr
zum Apostel Thomas gesagt hat:

24
«Weil du mich gesehen und mich berührt hast, glaubst du, aber selig sind auch die, die mich nicht gesehen
haben und doch glauben» (Johannes 20,29)· Ein hochmütiger Mensch ist beleidigt, wenn man ihn tadelt -
nicht aber der demütige. Wer die Demut Christi hat, nimmt jeden Tadel gern an, und wenn man ihn lobt, ist
er betrübt; er hält sich selbst für den Geringsten.

Gott will mit uns und in uns sein. «Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt» (Matthäus
28,20). Gott ist mit uns. Was können wir mehr wünschen? Er hat den Menschen geschaffen, auf daß er in
ihm immer lebe, daß wir mit ihm und in ihm ewig seien. Der Herr ist unsere Freude und unsere Seligkeit.
Aber durch unseren Stolz entfernen wir uns von Gott, wir verurteilen uns selbst zu Qualen. - Angst, Unruhe,
Verzagtheit, böse Gedanken plagen uns. Herr, leite und erziehe uns, so wie eine zärtliche Mutter ihre kleinen
Kinder führt. Lehre jede Seele dein Kommen und zeige ihr die Macht deiner Hilfe. Erquicke die Seelen deiner
Gläubigen. Die Fülle deiner Liebe können wir nicht fassen - die irdischen Dinge verdunkeln unseren Geist.
Erleuchte uns!

Die Heilige Schrift sagt, daß die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören und auferstehen werden. Laß
jetzt unsere toten Seelen dich hören, laß sie auferstehen! Heilige, Herr, alle Völker durch deinen Geist. Und
dein Wille wird auf Erden wie im Himmel geschehen (Matthäus 6, IO) - denn dir ist alle Macht gegeben.

Mein Herz leidet um die Menschen, die Gott nicht kennen. Wer seinen Schöpfer verläßt, wie wird er beim
Jüngsten Gericht bestehen? Wohin denn könnte er fliehen, sich vor dem Angesicht Gottes zu verbergen?

Inständig bitte ich Gott für euch, daß ihr alle errettet werden und euch ewig freuen mögt mit den Engeln
und Heiligen. Selig die demütige Seele, denn Gott liebt sie. Himmel und Erde loben die Heiligen ihrer Demut
wegen; ihnen gibt der Herr, mit ihm in seiner Herrlichkeit zu sein. «Wo ich bin, da wird auch mein Diener
sein» (Johannes I2,26). Die Demut der Mutter Gottes ist größer als die aller anderen. Hoch preisen sie alle
Völker der Erde. Die Kräfte des Himmels dienen ihr, und uns gab sie der Herr zu unserem Schutz und unse-
rer Hilfe.

Wer in Demut und Liebe lebt, in dem ist Frieden, er erhebt sich nicht über seinen Bruder. Und wer seine
Feinde liebt , in dessen Seele findet der Hochmut keinen Raum - die Liebe Christi kennt keine Überheblich-
keit.

Demütig bitte ich euch, Brüder, die ihr die Liebe Christi erkannt habt, betet für mich, daß ich vom Geist des
Hochmuts befreit werde und die Demut Christi bei mir einziehe. Herr, du hast dein Antlitz vor mir verhüllt,
und unter Tränen sehne ich mich nach dir. Du hast dich vor mir verborgen, damit meine Seele die Demut
erlerne, denn ohne Demut kann sie die Gnade nicht bewahren.

Herr, lehre uns durch deinen Heiligen Geist, gehorsam und enthaltsam zu sein. Gib uns, wie Adam, unsere
Sünden in Reue und Buße zu beweinen, dich zu loben und dir zu danken. Gib allen Völkern zu erkennen, wie
sehr du uns liebst und daß du denen, die an dich glauben, ein wunderbares Leben schenkst.

25
IV
Vom Frieden

Nach Frieden sehnen sich alle Menschen, sie wissen nur nicht, wie sie ihn erreichen können. Paisios der
Große, der leicht aufgebracht war, flehte immer wieder zu Gott, ihn von dieser Reizbarkeit zu befreien. Da
erschien ihm der Herr und sagte: «Paisios, verurteile niemanden, sei niemandem gram, habe keine eigenen
Wünsche, dann wird dich nichts erregen.» So ist es bei jedem Menschen. Wer dem eigenen Willen entsagt,
hat Frieden in seiner Seele - nicht aber,wer immer nur seinen Willen durchsetzen will. Ergib dich dem Wil-
len Gottes, dann trägst du Kummer und Krankheit leicht. Murre nicht, sondern bete: «Herr, du siehst meine
Schwäche, du weißt, wie sündig ich bin, hilf mir alle Leiden zu erdulden und dir zu danken für deine Güte.»
Der Herr wird deine Krankheit lindern, du wirst die Hilfe Gottes fühlen und froh und dankbar sein. Trifft dich
ein Unglück, so denke: «Der Herr sieht mein Herz, und wenn es sein Wille ist, wird sich alles zum Guten
wenden, für mich und die anderen»; und so wird deine Seele immer Frieden haben.

Wer aber ständig murrt, wem dies nicht recht ist und jenes nicht gut ist, der wird nie Frieden erlangen, und
wenn er noch so viel fastet und betet.

Der Herr liebt uns, darum brauchen wir nichts zu fürchten nichts - nur die Sünde. Durch sie verlieren wir die
Gnade Gottes, und ohne Gnade gewinnt der böse Feind Macht über uns. Wie der Wind die welken Blätter
treibt und den Rauch, so wird er unsere Seele hin und her treiben. Denken wir daran, daß unsere Feinde
durch ihren Hochmut gefallen sind und versuchen, auch uns auf einen solchen Abweg zu bringen. Und wie
viele haben sie schon verführt! Barmherziger Gott, gib uns deinen Frieden, wie du ihn den heiligen Aposteln
gegeben hast. - «Meinen Frieden gebe ich euch» (Johannes 14,27).

Diesen Frieden ergossen die Apostel auf alle Völker, und sie erretteten viele Menschen. Gelobt sei der Herr,
er gab uns seinen Frieden und die Gnade des Heiligen Geistes. Wie aber können wir den. Frieden der Seele
bewahren inmitten der Versuchungen dieser Zeit?

Der Heilige Geist lehrt uns, alle Menschen zu lieben, mit den Verirrten Mitleid zu haben und um ihre Erret-
tung z beten. Das Gebet gewährt uns den Frieden, und wenn wir ihn bewahren, werden wir Erlösung finden.
Das lehrte uns auch der heilige Seraphim von Sarow. Solange er lebte, beschützte der Herr um dieses großen
Beters willen Rußland. Nach ihm wurde uns Vater Johannes von Kronstadt gegeben. Wie eine Säule reichte
sein Gebet von der Erde bis zum Himmel. Und von ihm haben wir nicht nur gehört, er lebte in unserer Zeit,
und wir selbst sahen ihn beten. Ich erinnere mich, wie ihn das Volk umringte und um seinen Segen bat,
wenn er nach der Liturgie die Kirche verließ. Auch in solchem Gedränge verblieb seine Seele unaufhörlich in
Gott, er verlor seinen Seelenfrieden nicht. Denn er liebt die Menschen und hörte nicht auf, für sie zu beten:
«Herr, sende allen Völkern deinen Frieden, gib deinen Knechten deinen Heiligen Geist, damit er ihre Herzen
mit dem Feuer der Liebe erwärme und sie jegliche Wahrheit lehre. Herr, laß deinen Frieden auf deinem Volk
ruhen, sende allen Menschen deine Gnade, auf daß sie in Liebe dich erkennen und wie die Apostel auf dem
Berg Tabor sprechen: <Wie wohl ist uns, Herr, mit dir zu sein> (Matthäus 17,4 par.).» So betet er unablässig
für die Menschen, und dadurch bewahrte er den Frieden der Seele. Wir aber verlieren ihn, weil wir keine
Liebe zu den Menschen haben.

26
Ehre sei dem Herrn, denn er hat uns nicht als Waisen zurückgelassen, sondern hat seinen Heiligen Geist zu
uns auf die Erde geschickt. Der Heilige Geist lehrt die Seele eine tiefe Liebe für die Menschen und Mitleid
mit denen, die verloren waren, und hat seinen einzigen Sohn gesandt, um sie zu retten. Der Heilige Geist
lehrt uns dieses selbe Mitleid für die, die zur Hölle gehen. Doch wer den Heiligen Geist nicht empfangen hat,
hat nicht den Wunsch, für seine Feinde zu beten. Der heilige Paisios betete für seinen Schüler, der sich von
Christus losgesagt hatte. Der Herr, der seinen Knecht trösten wollte, erschien ihm und sagte: «Paisios, du
betest für den, der mich verleugnet?» - Der Heilige aber hörte nicht auf, für den Verirrten zu beten und zu
weinen. «0 Paisios, du bist mir in der Liebe gleich geworden», sprach der Herr. So erwerben wir den Frieden
- es gibt keinen anderen Weg. Wer nicht auch seine Feinde liebt, kann den Frieden der Seele nicht finden,
und wenn er noch so viel fastet und betet. Ich könnte davon nicht sprechen, wenn mich der Heilige Geist
diese Liebe nicht gelehrt hätte.

Eine sündige, von Begierden


beherrschte Seele kann keinen
Frieden haben, und wenn sie
alle Schätze der Erde besäße
und über die ganze Welt herr-
schen würde. Wenn man ei-
nem mit seinen Höflingen lus-
tig zechenden König plötzlich
sagen würde, daß er sogleich
sterben müsse, dann würde er
von Angst und Zittern erfaßt
werden und seine ganze Ohn-
macht erkennen.

Ein Armer hingegen, der sei-


nen Reichtum allein in der
Liebe zu Gott sieht, würde ant-
worten: «Der Wille des Herrn
geschehe. Gelobt sei der Herr,
daß er sich meiner erinnert
und mich in sein Reich nehmen will.» Es gibt Menschen, die keine Furcht vor dem Sterben haben, die dem
Tod mit Ruhe begegnen und sprechen wie der heilige Simeon: «Nun entläßt du, 0 Herr, nach deinem Wort
deinen Diener in Frieden» (Lukas 2,29).

Welchen Frieden der heilige Simeon in seiner Seele besaß, kann nur der verstehen, der selbst den Gottesfrie-
den in sich trägt oder ihn nur schon gekostet hat. «Meinen Frieden gebe ich euch», sagte der Herr zu seinen
Jüngern. Wer diesen Frieden hat, der geht friedlich in das ewige Leben hinüber und spricht: «Gelobt bist du,
0 Herr, daß ich heute zu dir gehen und ewiglich in Frieden und Liebe dein Angesicht schauen darf.»

Lerne aus dem Gesetz Gottes, Tag um Tag. Es ist uns durch den Heiligen Geist gegeben, und der Geist Gottes
geht von der Heiligen Schrift in die Seele über. Er gibt der Seele Frieden und Erquickung, so daß sie Irdisches
nicht begehrt.

27
Wer aber dem Irdischen anhängt, verliert den Frieden, er vermag nicht zu beten und bleibt nicht in Gott.
Leicht bringt der Widersacher die Seele dann ins Wanken, ungehindert flößt er ihr seine Gedanken ein. Un-
friede ist in ihr, Unruhe geht von ihr aus.

Die vom Frieden des Heiligen Geistes erfüllte Seele strahlt diesen Frieden auch auf die anderen aus; wer aber
den Geist der Bosheit in sich trägt, wird Böses ausbreiten.

Sei niemals heftig gegen deinen Bruder, verurteile ihn nicht. Belehre ihn sanftmütig und mit Liebe. Hochmut
und Lieblosigkeit rauben den Frieden. Liebe, die dich nicht lieben, und bete für sie, dann bleibt der Friede in
dir ungestört. Gewiß ist es für einen Vorgesetzten schwer, den Frieden zu bewahren, wenn seine Untergebe-
nen unwillig und ungehorsam sind. Aber der Herr liebt trotz ihres Ungehorsams die Menschen und hat für
alle gelitten. Wenn du für deine Untergebenen betest, wird dich der Herr erhören und dich die Früchte des
Gebetes kosten lassen. Gewöhne dich an das Gebet für deine Untergebenen, dann wird Friede in deine
Seele einziehen.
Hast du als Vorgesetzter über Taten deines Untergebenen zu urteilen, so bitte Gott, daß er dir ein gütiges
Herz gebe,dann wird auch dein Urteil ein gerechtes sein. Siehst du aber allein auf die Tat, kann dein Urteil
leicht irren.

Eine Zurechtweisung soll immer so sein, daß der Mensch sich durch sie bessert. Wir sollen mit jeder Seele,
mit jedem Geschöpf Gottes mitfühlen, dann wird unsere Seele den Frieden bewahren. Und wenn wir im Frie-
den und in der Liebe leben, erhört uns der Herr und gibt uns alles Nützliche, worum wir ihn bitten.

Ist nun der Vorgesetzte ein böser und reizbarer Mensch, dann freilich ist es für den Untergebenen schwer,
den Seelenfrieden zu bewahren. Er möge aber bedenken, daß ein leicht erregbarer Mensch selbst unter
seiner Reizbarkeit leidet, der böse Geist quält ihn. Der Untergebene sollte daher für seinen seelenkranken
Vorgesetzten beten. Vor Gott ist es groß, für die zu beten, die uns beleidigen und betrüben. Und wenn wir
um seinetwillen alle Betrübnis mit Freuden tragen, wird er uns seine Gnade schenken und die Liebe zu allen
Menschen in unser Herz legen. Der Heilige Geist ist die Liebe. So sagt die Schrift (Römer 5,5; Johannes 3,16;
r.Johannes 4,7ff.), und die Erfahrung bestätigt es uns.

Bewahre darum den Frieden des Heiligen Geistes und verliere ihn nicht um nichtiger Dinge willen. Wenn
du deinen Bruder betrübst, betrübst du auch dein eigenes Herz. Bewirkst du Frieden bei deinem Bruder, so
gibt der Herr dir selbst unvergleichlich mehr. Unreine Gedanken verjage sofort, denn wenn du sie annimmst,
verlierst du die Liebe zu Gott und den Eifer im Gebet. Entsagst du dem Eigenwillen, so ist der Böse besiegt.
Als Lohn wird dir Friede zuteil. Der Eigenwillige aber ist dem Bösen bald unterlegen, Verzagtheit wird ihn
plagen. Wer habsüchtig ist, kann Gott und den Nächsten nicht lieben, sein Herz ist ja dem irdischen Besitz
ergeben. Reue und Bekümmernis über seine Sünden kennt er nicht, er weiß nicht, wie süß der Friede Christi
ist.
-
Die Mächtigen der Völker würden keine Kriege führen, wenn sie die Liebe Gottes kennten. Krieg ist der Sün-
de Sold - aber nicht der Liebe. Aus Liebe hat Gott uns geschaffen und uns geboten, miteinander in Liebe zu
leben. Macht und Habgier der Hochmütigen aber stürzen die ganze Welt in Leid. Herr, erhöre mein Flehen,
gib allen Völkern, von Adam bis zum Ende der Zeiten, dich zu erkennen und zu erfassen, wie gnädig und
barmherzig du bist. Laß alle Menschen deinen himmlischen Frieden genießen!

28
V
Von der Buße und der Gnade

Herr, sende die Gnade des Heiligen Geistes auf deine Menschen herab, damit sie deine Liebe und Barmher-
zigkeit erkennen. Tröste die traurigen Seelen deiner Menschen, laß sie deine Stimme hören: «Eure Sünden
sind euch vergeben» (Matthäus 9,2). Gepriesen sei der Herr! Er gab uns das Sakrament der Buße, und die
Bußfertigen werden errettet. Viele Menschen aber wissen nicht, wie groß die Barmherzigkeit Gottes ist. Sie
bereuen ihre Sünden nicht und wollen nicht Buße tun. Und meine Seele trauert und weint um sie, denn ich
sehe ihre Verdammnis. Friedlich wäre es auf Erden, wenn alle Menschen die Gottesfurcht bewahrten. Aber
sie haben die heiligen Gebote verlassen, sie haben begonnen, nach ihrem Willen und Verstand zu leben -
ohne Gott; sie suchen nur den Genuß der Welt und glauben, das seien die wahren Freuden. Auch ich dachte
einst, das Glück sei auf Erden zu finden. Ich war gesund, kräftig und fröhlich, die Menschen liebten mich,
und dessen rühmte ich mich. Doch als ich den Herrn im Heiligen Geist erkannte, schien mir alles Glück der
Welt wie Rauch. Denn wahre Freude ist allein im Herrn, wahrhaft fröhlich ist unsere Seele allein in Gott.
Wie die Sonne die Blumen auf dem Felde wärmt und sie der Wind - sie hin und her bewegend - belebt, so
erwärmt der Heilige Geist die Seele. Alles hat uns der Herr gegeben, damit wir ihn loben. Die Welt aber hat
es nicht begriffen (Johannes 1,5·10. II ).

Herr, gib, daß dein Volk sich zu dir wende, laß die Menschen deine Liebe erkennen und im Heiligen Geist
dein sanftes Antlitz schauen, damit sie sich schon hier auf Erden im Dich-Schauen erquicken und, sehend,
wie du bist, dir ähnlich werden.

Wer seine Sünden bereut und Buße tut, dem wird Gott vergeben, und in seinem Herzen wird Freude und
Frieden sein. Wenn du anfängst, die Sünde und überhaupt alles Böse zu verabscheuen, so ist das ein Zei-
chen, daß die von dir begangenen Sünden dir vergeben sind.

Und was können wir mehr erwarten? Daß uns jemand vom Himmel herab ein heiliges Lied singt? Aber im
Himmel lebt alles durch den Heiligen Geist, und uns auf Erden hat der Herr denselben Heiligen Geist gege-
ben. In den Kirchen werden die Gottesdienste durch den Heiligen Geist gehalten; in den Wüsten, auf den
Bergen, in den Höhlen, überall leben Asketen Christi durch den Heiligen Geist, und wenn wir ihn bewahren,
werden wir frei von jeder Finsternis sein, und wir werden schon hier in unserer Seele das ewige Leben ha-
ben.

Wenn alle Menschen Buße tun und die göttlichen Gebote halten würden, so wäre dies das Paradies auf Er-
den. Denn «das Reich Gottes ist in uns» (Lukas 17,21). Das Reich Gottes ist der Heilige Geist, und der Heilige
Geist ist derselbe im Himmel und auf Erden.

Dem Büßenden gibt der Herr das Paradies, denn er ist gütig und gedenkt nicht unserer Sünden, wie er ihrer
nicht gedachte bei dem reuigen Schächer am Kreuz (Lukas 23,40ff.). Heiliger Geist, verlaß uns nicht! Denn
in deiner Gegenwart und in deiner glühenden Liebe ist die Seele selig in Gott.

Wer wahrhaft Buße tut, der erträgt auch bereitwillig jede Trübsal: Hunger und Nacktheit, Hitze und Kälte,
Armut und Krankheit, Verleumdung und Verfolgung. Wer zu Gott strebt, sorgt sich nicht um irdische Dinge.
Sein Verlangen ist, mit reinem Sinn zu beten. Und das kann nicht, wer an Geld und Gut hängt, denn in seiner
Seele steht ständig die Sorge, wie er seinen Besitz vermehren könnte.

29
Trauern wir nicht um den Verlust irdischen Besitzes, Brüder, das sind nichtige Dinge. So lehrte mich schon
mein Vater. Was immer auch geschah, er blieb stets ruhig. Einmal, nach einer Feuersbrunst, sagte man zu
ihm: «Nun bist du abgebrannt, Iwan Petrowitsch.» Und er antwortete: «So Gott will, komme ich wieder
zurecht.» - Als wir während der Ernte an unserem Feld vorbeigingen, sagte ich zum Vater: «Schau, bei uns
stiehlt man die Garben.» - «Söhnchen », antwortete er, «der Herr hat uns das Brot reichlich wachsen lassen,
es wird uns genügen - und jene, die es nehmen, haben Not.» - Er gab viel Almosen, und wenn man ihm sagte,
daß andere besser leben und weniger geben, dann sagte er: «Ach, Gott gibt uns.» Und der Herr enttäuschte
seine Hoffnungen nicht.

Dem Barmherzigen verzeiht der Herr sogleich seine Sünden. Der Barmherzige gedenkt nicht des Bösen, das
man ihm zufügt; auch wenn man ihn gekränkt hat, bleibt er sanft und gleichmütig. Denn er kennt die Gnade
Gottes, und niemand kann ihm diese Gnade nehmen.

Alle, die demütig, gehorsam und enthaltsam leben, haben das Himmelreich erlangt. Sie schauen unseren
Herrn Jesus Christus, sie hören die Lieder der Cherubim und haben die Erde vergessen. Wir aber hängen am
Irdischen und treiben auf Erden wie der Staub, den der Wind verweht.

Ohnmächtig ist mein Geist, er erlischt wie eine Kerze schon bei schwachem Wind. Woher sollte ich solches
Feuer nehmen, daß ich nicht Ruhe fände Tag und Nacht in der Liebe zu Gott. In ihrer Liebe zu Gott erdul-
deten die Heiligen jede Qual. Sie empfingen die Kraft, Wunder zu tun. Sie heilten Kranke und erweckten
Tote, durch ihr Gebet riefen sie Regen vom Himmel herab; ich aber möchte nur die Demut und Liebe Christi
erlangen, möchte niemanden kränken, aber für alle beten wie für mich selbst.

Wehe mir. Ich schreibe von der Liebe Gottes, ich selbst aber liebe Gott so wenig. Meine Seele ist traurig und
betrübt wie Adam, als er vertrieben wurde aus dem Paradies, und unter Tränen rufe ich: Herr, erbarme dich
meiner, deines gefallenen Geschöpfes!

So oft gabst du mir deine Gnade, und ich habe sie nicht bewahrt, denn meine Seele ist eitel; aber sie kennt
dich, meinen Herrn und Schöpfer, und darum suche ich dich. Du verbirgst dich vor mir, weil ich dich durch
meine Sünden betrübe. 0 Heiliger Geist, verlaß mich nicht; wenn du dich entfernst, nahen böse Gedanken,
und meine Seele bangt bis zu Tränen nach dir.

Gebieterin, allreine Mutter, du siehst meinen Schmerz, ich habe den Herrn gekränkt, und nun bin ich ver-
lassen. Um deiner Güte willen, bitte für mich, deinen Knecht! Wenn du über andere abfällig denkst, so zeigt
das, daß ein böser Geist in dir ist, er ist es, der dir böse Gedanken über deine Mitmenschen einflößt. Vergib
deinem Bruder und tue Buße, damit deine Seele beim Tode nicht dorthin gehen muß, wo die Wohnung des
Bösen ist. Siehe, so ist das Gesetz: Wenn du vergibst, wird Gott auch dir vergeben; verzeihst du aber nicht
deinem Bruder, werden auch dir deine Sünden belassen.

Der Herr will, daß wir unseren Nächsten lieben. Und wenn du bedenkst, daß der Herr ihn liebt, so weigt
du, daß seine Liebe auch mit dir ist. Wer mit allen Geschöpfen Mitleid hat und auch seine Feinde liebt, sich
selbst aber als den Geringsten ansieht, mit dem ist die Gnade des Heiligen Geistes.

30
In wessen Seele der Heilige Geist wohnt, und wenn auch nur in geringem Maß, der trauert um alle Men-
schen, besonders bemitleidet er diejenigen, die Gott nicht kennen oder die ihm widerstehen. Für sie betet er
Tag und Nacht, damit sie Buße tun und Gott erkennen mögen.

Christus betete für die, die ihn kreuzigten: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun» (Lukas
23.34). Auch der heilige Stephanus betete für seine Peiniger, daß Gott ihnen diese Sünde nicht anrechne
(Apostelgeschichte 7,60).

Es ist notwendig, für unsere Feinde zu beten (Matthäus 5,44), wenn wir die Gnade bewahren wollen. Wer
kein Mitleid mit dem Sünder hat, in dem ist nicht die Gnade des Heiligen Geistes, sondern der böse Geist
ist in ihm. Bemühe dich darum, solange du noch lebst, dich von ihm zu befreien. Nur meine Sünden brach-
te ich ins Kloster mit, und ich weiß nicht, wofür der Herr mir jungem, sündigem Menschen so viel Gnade
durch den Heiligen Geist erwiesen hat, daß Leib und Seele erfüllt waren und mein Leib danach verlangte,
für Christus zu leiden.

Ich bat nicht um den Heiligen Geist, denn mir war nicht bewußt, daß es ihn gibt und wie er in die Seele
kommt.

Nun aber berichte ich darüber mit Freuden. o Heiliger Geist, wie lieb bist zu der Seele! Dich zu beschreiben
ist unmöglich; aber die Seele erkennt dein Kommen, und du gibst dem Herzen Frieden und Freude. Der Herr
rief die sündige Seele zur Buße. Sie wandte sich ihm zu, barmherzig nahm er sie auf und offenbarte sich
ihr.

Er gedachte nicht ihrer Sünden, sondern gab der Seele das Feuer der Liebe.

Die Seele erkannte Gott, den unendlich Gütigen, sie gewann ihn unsagbar lieb und begehrte nichts anderes
mehr in dieser Welt.

Plötzlich aber verliert die Seele diese Gnade. «Herr, ich habe dich betrübt, gib mir wieder deine Gnade,
erbarme dich meiner in deiner großen Barmherzigkeit.» So betet die Seele in der Inbrunst der Liebe. Und
wie der Vogel im engen Bauer nach dem grünen Hain, so verlangt sie nach dem Herrn, unaufhörlich.

Atem und Nahrung braucht unser Leib, damit er lebt. Die Nahrung der Seele aber ist Gott und die Gnade
des Heiligen Geistes. Wie die Sonne den Blumen des Feldes Licht und Leben spendet, so erleuchtet der Hei-
lige Geist die Seele; und wie die Blumen sich der Sonne zuwenden, so strebt die Seele zu Gott. Sie ist selig
in ihm, und in ihrer Freude wünscht sie allen Menschen diese Seligkeit. Der Herr hat uns erschaffen, damit
wir ewig mit ihm im Himmel in der Liebe seien. Gepriesen sei der Herr und seine Barmherzigkeit! Er sand-
te uns seinen Heiligen Geist, der uns das Gute lehrt und uns die Kraft gibt, unsere Sünden zu besiegen. In
seiner großen Liebe gibt er uns seine Gnade. Aber wir müssen diese Gnade treu hüten und bewahren. Denn
ohne Gnade ist der Mensch geistig blind. Blind ist, wer die Schätze dieser Welt sammelt. Wer die Seligkeit
des Heiligen Geistes kennt, weiß, daß sie mit Irdischem nicht zu vergleichen ist, ihn zieht weltlicher Genuß
nicht mehr an. Ihn zieht es zu Gott, in ihm findet er Ruhe und Frieden. In tiefem Leid aber weint er um die
Menschen, die Gott nicht kennen.

31
Wenn der Mensch in sich die Gnade des Heiligen Geistes spürt, sieht er sich selbst ganz anders. Der Herr ist
gekommen und hat Wohnung in seiner Seele genommen. Verliert aber die Seele durch sündige Gedanken
die Gnade, dann leidet und bangt sie und sehnt sich nach dem Herrn. Der Herr ließ uns nicht als «Waisen»
zurück, wie eine sterbende Mutter ihre Kinder als Waisen zurückläßt; denn er gab uns den Heiligen Geist,
den Tröster (vgl. Johannes 14,r6-r8). Der Heilige Geist entzündet in uns das Feuer der Liebe, er erfüllt die
Seele mit der Sehnsucht nach Gott und gibt uns ein, den Herrn unter Tränen zu suchen.

Trauer aber ist in der Seele, wenn sie die Liebe und Zuversicht verliert. In der Not des Herzens ruft sie zu
Gott: «Wann werde ich den Herrn wieder schauen, wann mich freuen in seiner Liebe, in seinem Frieden?»
Warum klagst du, meine Seele, und warum vergießt du Tränen (Psalm 42,6)? Hast du vergessen, was der
Herr an dir getan? Hast du vergessen, daß du jede Strafe verdient hast? - Nein, ich vergaß der großen Gna-
den nicht. Ich kenne die Liebe des Herrn, und ich gedenke der Süße und Wonne des Heiligen Geistes. Doch
unaufhörlich ihren Schöpfer zu lieben wünscht meine Seele - die Gnade nie mehr zu verlieren. Wenn in der
Seele die Glückseligkeit geringer wird, dann bittet sie den Herrn von neuem um diese Gnade, die sie schon
erkannt hat. Unruhe befällt sie, denn sie wird von bösen Gedanken geplagt. Sie fleht zu Gott um Hilfe und
bittet ihn um den demütigen Geist, damit die Gnade sie nicht verlasse, und um die Kraft, ihren himmlischen
Vater immerdar zu lieben.

Der Herr entzieht der Seele seine Gnade, dadurch aber belehrt und erzieht er sie gütig und weise, sie, für
die er seine Hände am Kreuz in großen Qualen ausgestreckt hat, damit sie demütig werde. Er gibt ihr die
Möglichkeit, ihren guten Willen zu zeigen im Kampf gegen den Widersacher. Doch allein ist sie zu schwach,
ihn zu besiegen, und darum ist meine Seele traurig; sie sehnt sich nach dem Herrn und sucht ihn unter
Tränen.

Herr, du siehst, meine Seele ist schwach ohne deine Gnade, und nirgends findet sie Ruhe. Du, unsere Wonne,
himmlischer Vater, gib uns die Kraft, dich zu lieben, gib uns deine heilige Furcht, jene Furcht, in der dich die
Cherubim lieben und vor dir erbeben. Du, unser Licht, erleuchte die Seele, dich unersättlich zu lieben. Du
nimmst deine Gnade von mir, weil meine Seele nicht in der Demut bleibt. Aber du siehst meinen Kummer,
ich bitte dich, gib mir den demütigen Heiligen Geist! Die Gebote Gottes wahrhaft zu erfüllen, dazu hat der
Mensch aus sich selbst nicht die Kraft. Doch gedenken wir der Worte des Herrn: «Bittet, und es wird euch
gegeben» (Matthäus 7,7).-

Wenn wir nicht bitten, berauben wir uns der Gnade des Heiligen Geistes. Ohne Gnade aber kann die Seele
den Willen Gottes nicht begreifen, ohne Gnade ist sie friedlos und unruhig. Um die Gnade zu bewahren,
muß der Mensch in allem maßhalten: in Bewegungen, Worten, Blicken und Gedanken, im Essen und Trin-
ken. Die Erbauung an Gottes Wort hilft uns, denn: «Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von
einem jeglichen Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht», heißt es in der Schrift (Matthäus 4,4). Die
heilige Maria von Ägypten nahm für ihre Mahlzeit aus der Hand des heiligen Sossima nur einige Linsen und
sagte: «Genug für mich bei dieser Gnade Gottes.» Wir sollten uns daran gewöhnen, möglichst wenig zu es-
sen, freilich mit Verstand, so wie es unsere Arbeit erlaubt. Als Maß soll uns dienen, daß wir nach dem Essen
Verlangen haben, zu beten.

32
Der Herr liebt uns mehr als eine Mutter ihre Kinder, und er gibt uns die Gnade des Heiligen Geistes umsonst,
ohne unser Verdienst. Wie groß aber ist der Kummer der Seele, wenn sie die Gnade verliert. Als sei sie vom
Himmel auf die Erde gefallen, sieht sie plötzlich alle Kümmernisse und Leiden der Welt. In ihrer Betrübnis
und Verlassenheit weint die Seele, sie sehnt sich nach dem Herrn wie Adam nach der Vertreibung aus dem
Paradies. Adam kannte die Lieblichkeit des Paradieses, seine Seele war vollkommen in der Liebe zu Gott;
aber sie war unerfahren und wies die Versuchung nicht zurück, so wie der schwergeprüfte Hiob jede Versu-
chung zurückwies.

Warum trauerst du, meine Seele? - Ich sehne mich nach dem Herrn, der sich vor mir verhüllt. Nichts kann
mich trösten in meiner Trauer. Er schenkte mir seine Gnade und gab mir seine Barmherzigkeit zu erkennen.
Kein anderes Verlangen habe ich, als daß er allezeit in mir bleibe.

In der Fülle der Liebe zu Gott bangt und betet die Seele für die ganze Welt. Sie bittet für alle Menschen, daß
sie ihren Schöpfer und himmlischen Vater erkennen und der Gnade seiner Liebe sich erfreuen mögen.

Du siehst, Herr, wie meine Seele bangt und weint, deine Gnade suchend. Dein Wille war es, sie mir zu geben,
und wiederum war es dein Wille, sie von mir zu nehmen. Als ich deine Gnade nicht kannte, konnte ich auch
nicht darum bitten. Wie kann man um etwas bitten, was man nicht kennt? Aber jetzt bitte ich dich, denn
meine Seele hat dich erkannt und sich erquickt an deinem Heiligen Geist und dich, ihren Schöpfer, unsagbar
liebgewonnen.

Bewahrt die Gnade Gottes, denn alles, was wir in Gott tun, ist gut, ist Liebe und Freude. In Gott ist die Seele
ruhig, gleichwie in einem schönen Garten wandelt sie, darin der Herr und die Gottesmutter wohnen. Mit der
Gnade ist der Mensch dem Geist nach den Engeln gleich, ohne sie ist er aber nur sündige Erde. Und wie die
Engel Gott lieben und ihm dienen, so liebt ihn der Mensch in der Gnade und dient ihm.

Selig sind, die sich Tag und Nacht mühen, dem Herrn wohlgefällig und seiner Liebe würdig zu sein. Sie
werden die Gnade des Heiligen Geistes spürbar erfahren. Gelobt sei der Herr, daß er uns das Kommen der
Gnade wahrnehmen läßt, daß er uns lehrt, zu verstehen, wodurch wir sie erlangen und wodurch wir sie
verlieren können. Wer die Gebote Gottes hält, wird immer die Gnade in seiner Seele spüren, wenn auch oft
nur in geringem Maß. Aber leicht geht sie uns verloren - wegen unserer Eitelkeit und unserer hochmütigen
Gedanken. Wir mögen fasten, beten und noch so viel Gutes tun - rühmen wir uns dessen, dann sind wir
einer klingenden Schelle gleich, die zwar viel Lärm macht, aber innen hohl ist (1. Korinther 13,1). Eitelkeit
verwüstet die Seele, und lange Erfahrung und langer Kampf sind nötig, sie zu besiegen. Im Kloster habe ich
an mir selbst erfahren und durch die Heilige Schrift erkannt, welchen Schaden die Eitelkeit anrichten kann,
und ich bitte den Herrn Tag und Nacht, mir die Demut Christi zu geben. Die Demut zu erlangen ist von al-
lergrößter Bedeutung.

Unser Kampf ist zwar hart, zugleich aber weise. Eine demütige Seele wird die Netze unserer Feinde zer-
reißen und alle ihre Festungen einnehmen. Vor allem müssen wir in diesem geistlichen Kampf auf unsere
Kampfmittel und unsere Vorräte achten, damit sie gebrauchsfähig bleiben. Unsere Waffe ist die Demut, und
unser Vorrat ist die Gnade Gottes. Wenn wir sie verlieren, wird uns der böse Feind besiegen. Ja, hart und
grimmig ist unser Kampf, aber doch nur für die Stolzen und Hochmütigen; für die Demütigen ist er leicht,
denn sie lieben den Herrn, der ihnen seine starke Waffe gibt: die Gnade des Heiligen Geistes. Eine solche
Waffe fürchten unsere Feinde, eine solche Waffe versengt sie.

33
Dies ist der kürzeste und leichteste Weg zur Errettung: Sei gehorsam und enthaltsam, richte nicht, bewahre
deinen Geist und dein Herz vor bösen Gedanken, denke daran, daß alle Menschen gut sind und daß der Herr
sie liebt. Um dieser demütigen Gedanken willen wird die Gnade des Heiligen Geistes in dir leben, und du
wirst sagen: «Gütig ist der Herr.» Wenn du dich aber auflehnst und murrst,wenn du über andere urteilst und
immer deinen eigenen Willen durchsetzen willst, wird deine Seele verkümmern, und du wirst sagen: »Gott
hat mich verlassen.»

Aber der Herr hat dich nicht verlassen, sondern du hast vergessen, daß du dich demütigen mußt, und des-
halb lebt die Gnade Gottes nicht in deiner Seele. In eine demütige Seele dagegen kommt sie leicht und gibt
ihr Frieden und Ruhe in Gott. Die Gottesmutter war vollkommen in ihrer Demut, darum wird sie im Himmel
und auf Erden gepriesen, und jeder, der sich selbst demütigt, wird von Gott verherrlicht werden und wird
»seine Herrlichkeit schauen» (Johannes 1,14). Wie groß und wunderbar: Durch den Heiligen Geist erkennt
der Mensch seinen Herrn, seinen Schöpfer; selig sind, die ihm dienen, denn er hat gesagt: «Wo ich bin, da
wird auch mein Diener sein», und «er wird meine Herrlichkeit schauen» (Johannes 12,26; 17,24), Und wenn
das schon auf Erden so ist, um wieviel mehr werden die Heiligen im Himmel den Herrn im Heiligen Geist
lieben und ihn preisen. Diese Liebe ist unaussprechlich. Die Seele, die den Heiligen Geist erkannt hat, wird
verstehen, was ich sage.

Warum liebt Gott uns so? Wir alle sind sündige Menschen «die ganze Welt liegt im Argen», sagt Johannes
(vgL I. J ohannes 5,19). Warum also He bt er uns? Gott selbst ist Liebe. Wie die Sonne die Erde erwärmt, so
erwärmt die Gnade des Heiligen Geistes die Seele, Gott zu lieben; sie sehnt sich nach ihm und sucht ihn
unter Tränen. Wie könnte ich dich nicht suchen? Du hast dich meiner Seele in unaussprechlicher Weise
geoffenbart. In deiner Liebe hältst du sie gefangen. Sie kann dich nicht vergessen. Wie können wir den Herrn
vergessen, wenn er in uns ist! «Möge Christus in euch Gestalt gewinnen», sagt der Apostel Paulus (Galater
4,19).

o daß doch die Welt erkenne, wie süß die Liebe Gottes ist, wie alle himmlischen Kräfte sich von ihm ernäh-
ren und alles sich durch den Heiligen Geist bewegt, wie der Herr verherrlicht wird für seine Leiden und alle
Heiligen ihn preisen! Und diese Herrlichkeit wird kein Ende haben! Der Herr freut sich über jeden, der in
Demut Buße tut, er gibt ihm die Gnade des Heiligen Geistes. Ich weiß von einem Novizen, daß er die Gnade
durch den Heiligen Geist nach einem halben Jahr Klosterleben erhielt. Andere warten zehn Jahre und wieder
andere vierzig und mehr, ehe sie die Gnade erkennen. Aber nicht einer kann diese Gnade bewahren - weil
wir nicht demütig sind.

Der heilige Seraphim war siebenundzwanzig Jahre alt, als er den Herrn sah; seine Seele wurde von einer sol-
chen Liebe zu Gott erfaßt, daß die Sanftmut des Heiligen Geistes eine völlige Umwandlung in ihm bewirkte.
Später aber zog er sich in die Wüste zurück, und da er erkannte, daß er diese Gnade verloren hatte, stand er
drei Jahre auf einern Stein und flehte: «Gott sei mir Sünder gnädig» (Lukas I8,I3)· Wer den Herrn durch den
Heiligen Geist erkannt hat, dessen Seele strebt zu ihm, und der Gedanke an Gott läßt ihn die Dinge der Welt
vergessen. Wenn aber die Seele sich der Welt erinnert, ist es ihr heißer Wunsch, daß auch sie Gott erkennen
möge, und sie betet für alle Menschen.

Demütigen wir uns, Brüder, und der Herr wird uns lieben. Durch die Gnade erkennen wir, daß er uns liebt.
Und wenn die Gnade in uns ist, wenn auch nur in geringem Maß, so werden wir Gott und unseren Nächsten
lieben, und Friede wird in unserer Seele sein.

34
Selig, wer die Gnade Gottes bewahrt. Ich aber verlor die Gnade. Doch der Herr hatte Mitleid mit mir, und
in seiner unendlichen Barmherzigkeit gab er mir eine noch viel größere Gnade. Wie schwach und kraftlos
ist unsere Seele! Ohne Gnade sind wir nichts, dem unvernünftigen Tier sind wir dann gleich; mit der Gnade
aber ist der Mensch groß vor den Augen des Herrn.

Die Menschen legen so viel Wert auf irdisches Wissen und auf Freundschaft mit der großen Welt; sie glau-
ben, das Glück erreicht zu haben, wenn sie ihnen nahestehen - aber einzig groß ist es, den Herrn und seinen
Willen zu kennen. Mit all eurer Kraft demütigt eure Seele, Brüder, dann wird der Herr euch lieben und euch
seine Barmherzigkeit erzeigen. Doch auch unsere Feinde laßt uns lieben, sonst wird die Gnade nicht in uns
bleiben.

Im Heiligen Geist erkannte meine Seele den Herrn, und mit Freuden denke ich an ihn und an all seine Werke.
Nichts anderes wünscht und ersehnt sich meine Seele, als in der Betrachtung des Herrn zu verweilen. Gefan-
gen ist sie von seiner Schönheit. Auf alle irdischen Reiche schaut sie wie auf Wolken, die vergehen, und alles
Wissen der Welt gilt ihr nichts.

O wenn doch die Menschen Gott erkennten, sie würden alle weltliche Wissenschaft und Technik beiseite
legen, nur zu ihm, dem Herrn, streben und wünschen, ewig mit ihm zu sein.

«Ich bin im Vater», sagt der Herr, «und der Vater ist in mir» (Johannes 14,10), und «ihr seid in mir, und ich
bin in euch» (Johannes 14,20). Unsere Seele fühlt, daß der Herr in uns ist, darum kann sie ihn nicht einen
Augenblick vergessen. Das ist die Güte des Herrn - er will, daß wir in ihm und im Vater seien.

Herr, wie hätten wir verdient, daß du in uns bist und daß wir in dir sind? Wir Sünder haben dich gekreuzigt,
und doch willst du, daß wir mit dir seien? Wie groß ist deine Barmherzigkeit! An mir selbst habe ich sie er-
fahren - ich verdiene die Hölle, aber du gibst mir deinen Heiligen Geist.

Und da du dich mir Sünder im Heiligen Geist offenbart hast, so bitte ich dich, Herr, gib dich allen Völkern zu
erkennen!

VI Von der Erkenntnis Gottes

So sehr liebte uns der Vater, daß er uns seinen Sohn gab; aber auch der Sohn selbst war willig, wurde Mensch
und lebte mit den Menschen auf Erden. Die heiligen Apostel und viele andere sahen ihn in menschlicher
Gestalt, aber nur wenige erkannten in ihm den Herrn. Mir aber, dem vielfach Sündi- gen, war es gegeben, im
Heiligen Geist zu erkennen, daß Jesus Christus Gott ist.

Gott offenbart sich dem Menschen, wann und wie er will. Und wenn die Seele den Herrn schaut, freut sie
sich demütig seiner Barmherzigkeit. Nichts anderes mehr kann sie so liebgewinnen wie ihren Schöpfer - und
wenn sie auch alles sehen und alles lieben wird, vor allem liebt sie den Herrn. Die Seele kennt diese Liebe,
kann sie aber in Worten nicht wiedergeben. Und nur der, dem der Herr den Heiligen Geist sendet, kann sie
erkennen.

35
Plötzlich schaut die Seele den Herrn und erkennt ihn! Wer kann diese Freude und dieses Frohlocken be-
schreiben! Im Heiligen Geist wird der Herr erkannt, und der Heilige Geist wirkt im ganzen Menschen: in
Geist, Seele und Leib. So wird Gott erkannt, sowohl im Himmel als auch auf Erden. In seiner unermeßlichen
Güte gab der Herr mir Sünder diese Gnade, damit die Menschen ihn erkennen und sich zu ihm kehren. Ich
schreibe aus der Gnade heraus. Es ist die Wahrheit. Gott selbst ist mein Zeuge.

Lob und Dank sei Gott und seiner großen Barmherzigkeit, daß er uns sündigen Menschen die Gnade des
Heiligen Geistes verleiht. Nicht Reichtum und Gelehrsamkeit sind notwendig, um Gott zu erkennen, son-
dern Gehorsam und Enthaltsamkeit, ein demütiger Geist und Liebe zum Nächsten. Eine solche Seele liebt
der Herr, und ihr offenbart er sich. Er unterweist sie in der Liebe und in der Demut und gibt ihr, was für sie
nützlich ist, damit sie den Frieden in Gott erlange.

Russikon, Trapeza: Russische Mönche

Was alles wir auch lernen mögen, wenn wir nicht nach des Herrn Geboten leben, ist es unmöglich, Gott
zu erkennen. Keine Wissenschaft, sondern der Heilige Geist gibt uns die Erkenntnis Gottes. Wohl sind vie-
le Philosophen und Gelehrte zu der Überzeugung gekommen, daß es Gott gibt, aber sie haben Gott nicht
erkannt. Eines ist es, zu glauben, daß Gott ist - ein anderes ist es, ihn zu erkennen. Es gibt Seelen, die Gott
erkannt haben, es gibt andere, die ihn nicht erkannt haben, aber doch glauben; viele aber gibt es, die nicht
nur Gott nicht erkannt haben, sondern gar nicht an ihn glauben.

36
Unglaube aber kommt immer aus dem Stolz. Der stolze Mensch will alles mit dem Verstand erfassen, doch
Gott offenbart sich nur der demütigen Seele. Dem Demütigen zeigt der Herr seine Werke, die für unseren
Verstand unfaß- bar sind, aber durch den Heiligen Geist offenbar werden. Mit unserem Verstand allein kön-
nen wir ja selbst das Irdi- sche nur zum Teil erkennen. Wie viele Menschen mühen sich ihr ganzes Leben
lang, zu erfahren, was sich auf Sonne und Mond oder sonstwo befindet. Davon aber hat unsere Seele keinen
Nutzen. Geben wir uns doch die Mühe, zu erfahren, wie es im Innern des menschlichen Herzens aussieht.
Das Himmelreich sähen wir in der Seele des Heiligen - Finsternis und Qual in der Seele des Sünders. Und das
zu wissen ist uns nützlicher, denn seht, irgendwo werden wir uns ewiglich befinden, entweder im Himmel
oder in der Finsternis.

Manch einer erforscht mit Neugier, was am Himmel und aufErdengeschieht,aberwerderHerrist,dasweißern


icht und will es auch nicht erfahren. «Wie sollte man Gott erkennen können?», sagt er, «und wie kannst du
ihn kennen?»- Wahrlich, der Heilige Geist zeugt davon, er lehrt uns.

Die Apostel sahen ihn, als er in feurigen Zungen herab- kam. Furchtlos verkündeten sie den Menschen das
Heil, denn der Heilige Geist stärkte sie. Als man dem Apostel Andreas drohte, ihn zu kreuzigen, wenn er
predigen würde, sagte er: «Wie sollte ich das Kreuz fürchten, da ich doch das Kreuz verkündige?» Auch
die anderen Apostel und später viele Streiter Christi nahmen mit Freuden Martyrium und Leiden auf sich,
denn in der Süße des Heiligen Geistes fürchtet die Seele keine Qualen. Gott ist Liebe; er gab uns das Gebot,
einander und auch unsere Feinde zu lieben; und der Heilige Geist lehrt uns diese Liebe. Die Seele, die den
Heiligen Geist nicht erfahren hat, ver- steht nicht, wie man seine Feinde lieben kann, und nimmt dieses Ge-
bot nicht an. Aber wer mit Gott sein will, muß sei- ne Feinde lieben, denn der Herr hat mit allen Menschen
Mitleid. Wer Gott im Heiligen Geist erkannt hat, der wird ihm ähnlich. Johannes der Evangelist sagt: «Und
wir werden ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist, und werden seine Herrlichkeit schauen»
(r.Johannes 3,2).

Du sagst, daß so viele Menschen unter mancherlei Trübsal zu leiden haben; aber sieh, wenn du dich demütig
dem Willen Gottes beugst, wenn du alle deine Sorgen in Gottes star- ke Hand legst, dann wird die Gnade
dich lehren, und um der Liebe des Herrn willen wirst du selbst sogar nach Leiden Verlangen haben. So lehrt
uns der Heilige Geist, den wir in der heiligen Kir- che erfahren haben. Wer aber den in Sünde Gefallenen
schmäht und nicht für ihn betet, der wird nie die Gnade Gottes erfahren.
Wenn du erfahren willst, wie sehr Gott uns liebt, so verab- scheue die Sünde und die schlechten Gedanken
und bete von Herzen Tag und Nacht. Dann wird der Herr dir seine Gnade schenken, und du wirst ihn durch
den Heiligen Geist erkennen.

Freilich, jeder kann Gott nur insoweit fassen, als er die Gna- de des Heiligen Geistes erfahren hat, denn wie
könnten wir etwas beurteilen oder über etwas sinnen, was wir nicht gese- hen oder wovon wir nie etwas
gehört haben, was wir gar nicht kennen? - Die Heiligen haben Gott geschaut, aber es gibt Menschen, die
sagen, daß es Gott nicht gibt. Daß sie so sprechen, verstehe ich, da sie ja Gott nicht erkannt haben - aber das
bedeutet nicht, daß er nicht ist. Die Heiligen spre- chen von dem, was sie tatsächlich gesehen haben und
was sie wissen. Sie sprechen nicht von dem, was sie nicht gesehen haben. Sie sagen zum Beispiel nicht, daß
sie ein Pferd sahen von der Länge einer Meile oder einen Dampfer, zehn Meilen lang, da es solches gar nicht
gibt. Und ich denke, wenn es Gott nicht gäbe, würde man ihn auf Erden auch nicht erwähnen; die Menschen
wollen nach eigenem Willen leben und behaupten darum, daß Gott nicht existiere - und gerade dadurch
beweisen sie sein Dasein.

37
Erkennt euren Schöpfer, ihr Menschen! Er liebt uns. Erkennt die Liebe Christi, ihr werdet in Frieden leben
und den Herrn erfreuen. Gütig und barmherzig erwartet er alle. Kehrt um zu ihm, alle Völker der Erde,
erhebt eure Gebete zu Gott. Wenn das Gebet der ganzen Welt gemeinsam zu ihm aufsteigt, wie eine Säule,
herrlich und still, dann werden alle Himmel frohlocken und dem Herrn lobsingen für seine Leiden, durch die
er uns erlöst hat. Erkennt, daß ihr erschaffen seid zur Ehre Gottes, und darum klammert euch nicht an das
Irdische, denn Gott der Herr, der uns liebt als seine Kinder - er ist unser Vater. Der Herr sandte den Heiligen
Geist auf die Erde, und durch ihn wurde die heilige Kirche stark gemacht. Nicht nur für das Irdische, sondern
auch für das Himmlische hat er unsere Augen aufgetan.

Durch den Heiligen Geist haben wir die Liebe Gottes erfahren. Von glühender Liebe erfüllt, durchzogen die
Apostel die ganze Welt, ihr Geist drängte danach, allen Völkern das Wort zu verkündigen, damit sie Gott er-
kennten. Die heiligen Propheten - die Freunde Gottes - waren erfüllt vom Heiligen Geist; darum waren ihre
Worte gewaltig, und das Volk nahm das Wort Gottes an. Herr, du hast mich großen Sünder nicht verachtet,
sondern du gabst dich mir im Heiligen Geist zu erkennen. Seiner gedenke ich immerdar; gib mir, Herr, den
Geist der Demut, damit ich dir allezeit dafür danke, daß du den Heiligen Geist auf die Erde gesandt hast.
Heiliger Geist, großer König, du hast mir ein unfaßliches Geheimnis geoffenbart. Du hast mir gegeben, den
Herrn, meinen Schöpfer, zu erkennen. Du gabst mir zu verstehen, wie maßlos er uns liebt. Herr, wie du den
Aposteln den Heiligen Geist gegeben hast und sie dich erkannt haben, so gib dich allen Menschen durch den
Heiligen Geist zu erkennen.

Bis zu Tränen trauere ich um die Menschen, die Gott und seine Gnade nicht kennen. Aber uns hat sich der
Herr im Heiligen Geist geoffenbart, und wir leben im Licht seiner heiligen Gebote. Durch die Gnade erkann-
te ich, daß jeder, der Gott liebt und seine Gebote hält, von Licht erfüllt und dem Herrn ähnlich ist; daß aber
diejenigen, die Gott widerstehen, voll Finsternis und dem Feind ähnlich sind. Und das ist natürlich. Der Herr
ist Licht, und er erleuchtet seine Knechte; wer dem bösen Feind dient, lebt auch wie jener - in der Finsternis.
Ich kannte einst einen Knaben, dessen Anblick war engelhaft; fein und rein sein Gesicht, die Augen klar und
sanft, demütig und ruhig sein ganzes Wesen. Er wuchs heran, begann ein unzüchtiges Leben und verlor die
Gnade. Und als er dreißig Jahre alt war, sah er auf einmal aus wie ein Mensch und wie ein Dämon, wie ein
wildes Tier und wie ein Schurke, und seine ganze Erscheinung war abstoßend und widerlich.

Auch kannte ich ein Mädchen von großer Schönheit, es hatte ein lichtes und angenehmes Gesicht. Als es
aber ein sündhaftes Leben begann und dadurch die Gnade verlor, konnte man es nicht mehr anschauen.
Aber auch anderes sah ich: Es kamen Menschen ins Kloster, die Mönche werden wollten, mit von Sünde
und Leidenschaft entstelltem Gesicht. Sie begannen ein bußfertiges, gottesfürchtiges Leben; ihr Aussehen
veränderte sich, und wohlgestaltet wurden ihre Züge.

Durch die Buße wird der gefallene Mensch gereinigt, und seine Seele wird erneuert durch die Gnade des
Heiligen Geistes; wahrlich, er wird dem Herrn ähnlich. Der Herr schenkte mir noch, auf dem Stary Russik ei-
nen Priestermönch - während er die Beichte abnahm - in der Gestalt Christi zu schauen. Obgleich sein Haar
weiß war im Alter, war doch sein Gesicht schön und jung wie bei einem Knaben.

Unaussprechlich strahlend stand er im Beichtraum. - In gleicher Weise sah ich einmal einen Bischof wäh-
rend der Liturgie. - Wenn Vater Johannes von Kronstadt die Liturgie feierte, glich sein Gesicht dem Antlitz
eines Engels. Dann hatte man den Wunsch, ihn unverwandt anzuschauen. Ich selbst habe ihn so gesehen.
So verschönt die Gnade Gottes den Menschen - die Sünde aber entstellt ihn

38
VII
Über den Willen Gottes und über die Freiheit

Wohl tut, wer sich ganz dem Willen Gottes hingibt. Der Herr allein ist in seiner Seele, kein anderer Gedanke
ist dann in ihr, und sie fühlt die Liebe Gottes, auch wenn der Körper leidet. Gott selbst führt sie, sie lernt
unmittelbar von ihm und nicht mehr wie früher von ihren Lehrmeistern und von der Heiligen Schrift. Doch
selten geschieht es, daß der Herr selbst der Lehrmeister der Seele ist und sie durch die Gnade des Heiligen
Geistes unterweist. Wenige wissen davon: nur wer nach dem Willen Gottes lebt.

Ein stolzer und hochmütiger Mensch wird sich nie Gottes Willen ergeben, er will sein eigener Meister sein
und nach seinem Willen handeln. Er versteht nicht, daß der menschliche Verstand gar nicht ausreicht, sich
selbst zu leiten, allein, ohne Gott. Als ich noch in der Welt lebte und nichts wußte vom Heiligen Geist und
der Liebe des Herrn, verließ auch ich mich auf meinen eigenen Verstand. Aber als ich unseren Herrn Jesus
Christus, den Sohn Gottes, im Heiligen Geist erkannte, ergab sich meine Seele Gott; und nun nehme ich alles
Betrübliche an, was es auch sei, und sage: «Der Herr schaut herab auf mich, was sollte ich fürchten?»

Das Leben ist viel leichter für den, der sich dem Willen des Herrn gänzlich ergibt. Krankheit, Armut und
Verfolgung, alles nimmt er gern an und denkt: So hat es Gott gewollt, und ich muß es meiner Sünden wegen
erdulden. Viele Jahre schon leide ich an heftigen Kopfschmerzen, die oft schwer zu ertragen sind, denn sie
hindern mich, wenn ich wachen und beten will. Viel habe ich zu Gott gebetet, daß er mich heilen möge, aber
der Herr hat mich nicht erhört; und so weiß ich, daß eine Heilung für mich nicht nützlich wäre, sondern daß
die Krankheit notwendig ist, damit meine Seele demütig werde.

Von einem Fall aber möchte ich sprechen, bei dem der Herr mein Gebet sofort erhörte und ich gerettet wur-
de. An einem Festtag gab es beim Mittagessen Fisch. Und während ich aß, blieb mir eine Gräte tief im Hals
stecken. Ich rief in meiner Not den heiligen Panteleimon um Hilfe an, und als ich die Worte sprach: «Hilf
mir», erhielt ich in meiner Seele die Antwort: «Verlaß den Speisesaal, atme ganz tief, du wirst die Gräte her-
ausbringen.» Ich tat auch so, ging hinaus, atmete tief und hustete, dann kam die Gräte mit Blut heraus. Nun
verstand ich, wenn der Herr meinen Kopf nicht heilt, so muß es doch nützlich sein für meine Seele, daß ich
diese Schmerzen habe.

Gott zu erkennen und seinen Willen zu verstehen ist das Kostbarste in der Weit. Denn wer sich seinem
Willen in allen Dingen fügt, der wird stets in Furcht und Liebe vor ihm leben. In Furcht - weil wir fürchten
müssen, Gott durch irgendeinen bösen Gedanken zu betrüben; in Liebe - weil Gott Liebe ist.

O Herr, durch die Kraft der Gnade des Heiligen Geistes mache uns würdig, nach deinem heiligen Willen zu
leben. Stark sind wir im Geist, wenn deine Gnade mit uns ist; verlieren wir sie aber, dann sehen wir unsere
Ohnmacht, sehen, daß wir ohne dich nicht eines guten Gedankens fähig sind. Barmherziger Gott, du kennst
unsere Gebrechen. Ich bitte dich, gib mir einen demütigen Geist, denn einer demütigen Seele verleihst du
die Kraft, nach deinem Willen zu leben; du offenbarst ihr deine Geheimnisse; du gibst dich ihr selbst zu er-
kennen, gibst ihr zu verstehen, wie unendlich du uns liebst.

39
Wie du erkennen kannst, daß du im Einvernehmen mit dem Willen Gottes lebst?
Sieh, das ist ein Zeichen: Wenn du dich über irgendeine Sache bekümmerst, so bedeutet das, daß du dich
nicht vollständig dem Willen Gottes ergeben hast, obgleich es dir vielleicht selbst scheint, daß du nach sei-
nem Willen lebst. Wer nach dem Willen Gottes lebt, der sorgt sich um nichts. Ist ihm eine Sache nötig, so
übergibt er sich und die Sache dem Herrn, alles legt er in Gottes Hand; und wenn er das Erforderliche nicht
erhält, so bleibt er trotzdem ruhig, genauso ruhig, als wenn er es erhalten hätte. Was auch geschieht, er
fürchtet sich nicht, denn er weiß: «Das ist Gottes Wille.» Und befällt ihn Krankheit, so denkt er: Die Krank-
heit ist für mich nötig, sonst hätte der Herr sie mir nicht geschickt. So bewahrt er den Frieden in Leib und
Seele.

Darum ist es immer das beste, sich voll und ganz dem Willen Gottes hinzugeben und alle Kümmernisse mit
Zuversicht zu tragen. Der Herr, der unsere Nöte sieht, wird uns niemals über unsere Kraft zu tragen geben, es
scheint uns oft nur so, weil wir uns dem Willen Gottes nicht fügen wollen. Eine dem Willen Gottes ergebene
Seele ist ruhig und voller Frieden, denn sie weiß aus Erfahrung und aus der Heiligen Schrift, daß der Herr
über uns wacht, daß er unsere Seele mit seiner Gnade belebt. Der Stolze und Eigenwillige aber folgt Gottes
Weisung nicht, er kennt nur seinen eigenen Weg. Und das ist für seine Seele von großem Schaden. Der heil
ge Poimen der Große sagt: «Unser Wille steht wie eine eherne Wand zwischen uns und Gott; sie verhindert,
daß wir uns mit ihm vereinen und seine Gnade sehen» (Starez Siluan zitiert sinngemäß. Auch in manchen
anderen Fällen sind die Zitate des Starez nicht genau und scheinen eher eine Interpretation zu sein).

Bitte Gott ständig um den Seelenfrieden, dann wirst du die Gebote besser halten können. Denn wer sich
Mühe gibt, den Willen Gottes zu tun, den liebt der Herr, und dadurch wird er den Frieden in Gott finden. Ihn
macht die Gnade Gottes froh und zufrieden, selbst wenn er krank und leidend ist. Wer mit seinem Schicksal
unzufrieden ist, der lehnt sich gegen alles auf, sei es Krankheit, sei es nur eine Zurechtweisung durch einen
anderen, denn sein Geist ist stolz, und dieser stolze Geist nimmt ihm die Dankbarkeit gegen Gott. Wenn es
nun aber so mit dir ist, Bruder, verzage nicht, vertrau auf Gott und bitte immer und immer wieder um den
Geist der Demut. Und wenn der demütige Geist Gottes in dein Herz kommt, wirst du ihn liebgewinnen und
Ruhe finden, trotz aller Betrübnis.

Die demütige Seele ist stets der Liebe Gottes eingedenk, und sie sagt sich: «Gott hat mich erschaffen, er
hat für mich gelitten, er verzeiht mir meine Sünden und tröstet mich, er ernährt mich und sorgt für mich.
Warum sollte ich mich beunruhigen und quälen, und was sollte ich fürchten, selbstwenn mich der Tod be-
droht?»

Der Herr selbst belehrt den, der nach seinem Willen lebt, denn er sagt: «Rufe mich an am Tage der Not,
so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen» (Psalm 5°,15). Sosoll jede Seele, die etwas nicht klar
erkennt, den Herrn umHilfe bitten, vor allem in der Stunde der Not und Verwirrung.Im Allgemeinen frage
deinen Beichtvater um Rat, so handelst du demütig.

Wer gelernt hat, sich in allem dem Willen Gottes zu ergeben, dessen Seele lebt nur in Gott; und in dieser in-
neren Freude betet er für alle Menschen. Er bittet den Herrn, daß alle Gott erkennen und begreifen mögen,
wie sehr er uns liebt, in welcher Fülle er uns den Heiligen Geist schenkt.

40
Der Mensch kann auf Erden den Leiden nicht entgegen. Wer aber freiwillig und gern alle Leiden annimmt,
die Gott ihm schickt, der trägt sie auch leicht. Er sieht und fühlt sie wohl, aber er hofft auf Gott, und so ver-
geht alle Trübsal.

Wie groß muß das Leid der Gottesmutter gewesen sein, als sie beim Kreuz stand, denn unfaßlich groß war
ihre Liebe. Und wir wissen: Wer mehr liebt, leidet auch mehr. Ihrer menschlichen Wesensart nach konnte
die Gottesmutter solches Leid nicht tragen, aber sie ergab sich dem Willen Gottes, und gestärkt durch den
Heiligen Geist, erhielt sie die Kraft, ihren Schmerz zu tragen. Darum wurde sie für alle Zeit dem ganzen Volk
Gottes Trost in aller Trübsal.

In wessen Seele der Heilige Geist wohnt, der fühlt das Reich Gottes in sich. Vielleicht wirst du sagen: Warum
habe ich nicht solche Gnade? - Weil du nach deinem eigenen Willen leben und dich nicht dem Willen Gottes
ergeben willst. Schaut doch: Der Eigenwillige ist immer unzufrieden, nie ist Friede in seiner Seele.

«Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe nach deinem Wort!» (Lukas 1,38). So sprach die heilige Jung-
frau und ergab sich dem Willen Gottes. Wenn wir gleicherweise sprechen würden: «Ich bin dein Knecht,
dein Wille geschehe », dann würde das Wort Gottes in unserer Seele leben, und die Welt wäre erfüllt von der
Liebe zu Gott. Aber obgleich das Wort Gottes seit vielen Jahrhunderten auf dem ganzen Erdkreis verkündet
wird, begreifen es die Menschen nicht und wollen es nicht annehmen. Jene aber, die nach dem Willen des
Herrn leben, werden verherrlicht sein im Himmel und auf Erden.

Wer seinem eigenen Willen entsagt und sich Gott anheimgegeben hat, der ist mit seinen Gedanken auch
ständig bei Gott, und die Gnade hilft ihm, unaufhörlich im Gebet zu verbleiben, ob er nun bei der Arbeit ist
oder Gespräche führt, denn der Herr hat ihn in seine Obhut genommen.

Wir müssen unablässig beten, damit der Herr uns erkennen läßt, was wir tun sollen, und der Herr wird nicht
zulassen, daß wir einen falschen Weg einschlagen.

Adam hatte nicht die Einsicht, Gott zu fragen, als ihm Eva die Frucht gab, und so verlor er das Paradies.
David fragteden Herrn nicht: «Ist es gut, wenn ich die Frau des Urias nehme?», und so sündigte er durch
Mord und Ehebruch. So war es mit allen Heiligen, die sündigten; sie sündigten, weil sie Gott nicht baten, sie
zu erleuchten und ihnen zu helfen. Der heilige Seraphim von Sarow sagte: «Wenn ich sprach und mich auf
meinen eigenen Verstand verließ, kamen Irrtümer vor.»

Aber gewisse Irrtümer kommen aus unserer Unvollkommenheit und sind keine Sünden; wir finden sie selbst
bei der Mutter Gottes. Im Evangelium steht, daß sie annahm, als sie Jerusalem mit Josef verließ, ihr Sohn
hätte sich mit Verwandten oder Bekannten auf den Weg gemacht. Und erst nachdem sie ihn drei Tage lang
gesucht hatten, fanden sie ihn im Tempel von Jerusalem, wo er sich mit den Schriftgelehrtenunterhielt (Lu-
kas 2,44-46).

Nur der Herr ist allwissend, aber wir, wer wir auch seien, müssen, um nicht zu irren, Gott um Erleuchtung
bitten und unseren geistlichen Vater fragen.

41
Der Geist Gottes unterweist uns alle auf verschiedene Weise. Der eine lebt als Eremit in der Wüste und betet
unablässig für die Menschen, andere sind zum Hirten und Seelsorger berufen, jene, das Wort zu verkünden;
wieder andere, den Nächsten zu dienen, die Leidenden zu trösten. Alle diese Gaben sind Gnaden des Heili-
gen Geistes «und bringen Frucht: dreißigfach, sechzigfach, ja hundertfach» (Markus 4,20).

O daß wir einander lieben könnten in der Einfalt des Herzens! Der Herr würde uns viele Wunder zeigen und
uns große Geheimnisse durch den Heiligen Geist offenbaren. Gott ist unerschöpfliche Liebe!

Mein Geist ist in Gott versunken. Wie ist es mir doch gewiß, daß der Herr uns lenkt, wenn wir uns demütig
seinem Willen beugen.

Wir alle leiden hier auf Erden und suchen die Freiheit, aber wenige wissen, worin sie besteht und wo sie zu
finden ist. Auch ich wünsche die Freiheit und suche sie. Ich habe erkannt, daß sie bei Gott ist und daß sie
einem demütigen Herzen gegeben wird, einem Herzen, das bußfertig ist und seinen eigenen Willen dem
göttlichen Willen unterwirft. Dem Büßenden gibt der Herr den Frieden und die Freiheit, ihn zu lieben. Völ-
ker der Erde, auf den Knien bitte ich euch unter Tränen: Kommt zu Christus. Er liebt uns alle. Wie könnte
ich davon sprechen, wenn ich seine Liebe zu uns nicht kennte? Wie kann man Gott kennen? fragst du. Ich
sage dir, durch den Heiligen Geist erkennen wir ihn. Demütige dich, dann wirst auch du im Heiligen Geist
den Herrn schauen. Ich bin alt, dem Tode nahe. Ich schreibe die Wahrheit aus Liebe zu den Menschen, für
die mein Herz leidet. Und wenn ich nur einer einzigen Seele zur Rettung verhelfe, so werde ich dafür Gott
danken. Aber meine Seele leidet für die ganze Welt, und ich bete und vergieße Tränen für alle Menschen,
daß sie Buße tun und Gott erkennen, daß sie in Liebe leben und die Freiheit in Gott haben.

Betet und weint, ihr Menschen, über eure Sünden, damit der Herr euch vergibt. Wo die Sünden vergeben
sind, da ist wahre Freiheit und Liebe.

Der Herr wünscht nicht den Tod des Sünders, dem Reuigen schenkt er die Gnade des Heiligen Geistes, er
gibt der Seele Frieden und Ruhe in Gott. Ich weiß, daß ich unwürdig bin vor Gott, und ich würde verzweifeln
an meiner Errettung, wenn mir der Herr nicht seine Gnade durch den Heiligen Geist gäbe. Der Heilige Geist
lehrt mich, darum schreibe ich mühelos, er führt meine Hand.

Tut Buße, Brüder, bereut eure Sünden, der Herr erwartet euch. Der ganze Himmel und alle Heiligen warten,
daß ihr bereut und Buße tut. Und so, wie Gott Liebe ist, ist der Heilige Geist in den Heiligen Liebe. Bitte, und
Gott wird dir vergeben. Und wenn du Vergebung deiner Sünden erhalten hast, wird in deine Seele die Freude
einkehren und in dein Herz Frieden. In der Gnade des Heiligen Geistes erkennen wir, daß die wahre Freiheit
in Gott und von Gott ist. Die Gnade Gottes nimmt uns nicht die Freiheit, sie hilft uns vielmehr, die Gebote zu
erfüllen. Adam war in der Gnade, aber sein freier Wille war ihm nicht genommen. Auch die Engel behalten
ihren freien Willen.

Viele Menschen kennen den Weg der Errettung nicht. Sie leben in der Finsternis und sehen nicht das wahre
Licht. Aber der Herr war, ist und wird immer sein. Alle ruft er gnädig zu sich: Kommt zu mir, die ihr mühselig
und beladen seid, ich gebe euch Ruhe und Freiheit (Matthäus 11,28). Leben in Gott ist die wahre Freiheit.
Früher wußte ich das nicht. Wohl glaubte ich, daß Gott ist, aber ich kannte ihn nicht. Dann aber erkannte ich
den Herrn im Heiligen Geist. Und nun drängt meine Seele zu ihm - immer und unablässig suche ich ihn.

42
In der Welt kann es keine Gleichheit geben, denn nicht jeder kann König oder Fürst sein oder Bischof, Patri-
arch oder Abt. Das ist aber für die Seele unwichtig. Jeder kann Gott lieben und ihm gehorsam sein - das allein
ist wichtig; denn in der Liebe zu Gott und dem Nächsten liegt unsere Freiheit und Gleichheit. Je mehr wir
Gott lieben, um so größer wird unsere Herrlichkeit im Himmel sein. Denn jeder wird nach dem Maß seiner
Liebe verherrlicht. Wir unterscheiden verschiedene Stufen der Liebe. Die erste Stufe ist die Furcht, Gott zu
beleidigen. Wer seinen Sinn frei von schlechten Gedanken hält, hat die zweite Stufe erreicht. Die dritte hat
erreicht, wer die Gnade spürbar in seiner Seele trägt. Die vierte Stufe aber ist die vollkommene Liebe zu Gott,
und wer sie besitzt, hat die Gnade des Heiligen Geistes in Leib und Seele. Sein Leib wird geheiligt, seine Ge-
beine werden unverweslich sein. Wer in solcher Heiligkeit lebt, ist frei von jeder Begierde und Leidenschaft.
Die Liebe zu Gott ist so stark, daß Irdisches seine Seele nicht berührt. Und obwohl ein solcher Mensch in der
Welt unter den anderen lebt, vergißt er alles Weltliche in seiner Liebe zu Gott. Unser Hochmut aber, unsere
Eitelkeit und unser Stolz lassen uns nicht in dieser Gnade verbleiben - und das ist unser Schmerz.

VIII
Von der Liebe

Mein Herr und mein Gott, nach dir sehnt sich meine Seele, und unter Tränen suche ich dich! Du gabst mir
den Heiligen Geist, und mein Herz gewann dich lieb. Herr, laß diese Liebe währen, laß mich alles erdulden
um deiner Liebe willen. Furcht und Zagen erfaßt mich, wenn ich über die Liebe Gottes schreiben will. Mein
Geist ist schwach und meine Seele kraftlos, und doch treibt sie ein unaufhörliches Verlangen, von der Liebe
Christi zu sprechen. Wenn die Gnade in uns ist, brennt das Herz in heißer Liebe zu Gott, Tag und Nacht
strebt die Seele zu ihm, denn sie findet keine Sättigung in der Wonne des Heiligen Geistes.

Ich kenne einen Menschen, den der Herr mit seiner Gnade aufsuchte. Und hätte ihn der Herr gefragt: «Willst
du, daß ich dir noch größere Gnade gebe?», so hätte er in seiner fleischlichen Ohnmacht geantwortet: «Herr,
du siehst, wenn sie größer wäre, dann müßte ich sterben.» Denn die Kraft des Menschen ist begrenzt und
kann die Fülle der Gnade nicht fassen.So fielen die Jünger auf dem Berg Tabor nieder beim Anblick der Herr-
lichkeit des Herrn. Und keiner ist imstande, zu begreifen, wie der Herr der Seele seine Gnade verleiht. Du
bist gütig, 0 Gott; du hast deinen Heiligen Geist ausgegossen auf mich Sünder und ließest mich deine Liebe
kosten. Zu dir, unvergängliches Licht, zieht es immer und überall meine Seele.Wer könnte dich erkennen,
wenn nicht du selbst, Erbarmungsvoller, geruhtest, dich der Seele zu offenbaren! Du siehst, wie schwach und
sündig die Seele des Menschen ist, doch du gibst ihr die Kraft, dich zu lieben. Sie bangt um den Verlust der
Demut, die der Feind ihr zu entreißen versucht. Und ohne Demut bleibt die Seele nicht in deiner Gnade.

Ich bin ein nichtswürdiger Mensch, Gott weiß es, aber ich will meine Seele unterwerfen und meinen Nächs-
ten lieben, auch wenn er mich kränkt. Unablässig flehe ich zu Gott, er möge mir helfen, meine Feinde zu
lieben. Er gab mir in seiner Barmherzigkeit zu verstehen, was die Liebe zu ihm und die Liebe zu unserem
Nächsten bedeutet. Tag und Nacht bitte ich den Herrn um diese Liebe, und er gibt mir Tränen, über die
ganze Welt zu weinen. Doch wenn ich jemanden verurteile oder nur schon böse ansehe, so versiegen die
Tränen, und die Seele ist betrübt. Von neuem bitte ich den Herrn um Vergebung, und immer wieder vergibt
der Barmherzige mir Sünder. - Brüder, vor dem Angesicht Gottes schreibe ich: Demütigt eure Herzen, und
ihr werdet die Barmherzigkeit Gottes noch auf Erden erfahren.

43
Eine in Sünde verstrickte Seele, die den Herrn nicht kennt, fürchtet den Tod. Sie fürchtet den Tod, weil sie
nicht an die Vergebung der Sünden glaubt, weil sie nicht weiß, wie gütig und barmherzig der Herr ist und
wie groß seine Liebe zu uns. Kein Mensch würde verzweifeln, wenn er nur begreifen wollte, daß der Herr uns
nicht nur vergibt, sondern sich auch über jeden freut, der reumütig Buße tut.

Denn der Herr liebt uns; sanftmütig und ohne Vorwurf empfängt er uns, wie der Vater - von dem im Evange-
lium geschrieben steht - seinen heimgekehrten Sohn empfing. Er tadelte und verurteilte seinen Sohn nicht,
sondern befahl, ihm Kleider und Schuhe zu bringen, gab ihm einen kostbaren Ring an seinen Finger und
bereitete ein Festmahl (Lukas 15,11-3 2 ).

So sollten auch wir mit unserem Bruder sein, sanftmütig und geduldig; seine Rückkehr soll ein Fest in unse-
rer Seele bedeuten.

Brüder, vergessen wir die Erde und alles, was darauf ist! Sie lenkt uns ab vom Schauen der für unseren Stand
unfaßbaren Dreifaltigkeit, die von den Heiligen im Himmel im Heiligen Geist geschaut wird. Laßt uns im
Gebet verbleiben ohne jede Vorstellung, laßt uns den Herrn um den Geist der Demut bitten, dann wird er in
seiner Liebe uns alles für Leib und Seele Notwendige geben.

Gütiger, gib deine Gnade allen Völkern der Erde, damit sie dich erkennen, denn ohne deinen Heiligen Geist
kann der Mensch deine Liebe nicht begreifen. Herr, erbarme dich deiner Erdenkinder, die du ja liebst. Unter
Tränen bitte ich dich, erhöre mein Gebet, gib ihnen allen deine Herrlichkeit zu schauen. Der Herr ist aufge-
fahren in den Himmel und erwartet uns; aber mit Gott sein heißt ihm ähnlich sein. Darum sollen wir demü-
tig und einfältig sein wie die Kinder und dem Herrn dienen. Dann werden wir dereinst mit ihm im Himmel-
reich weilen, denn «wo ich bin, wird auch mein Diener sein», sagt der Herr (Johannes 12,26). Doch jetzt ist
meine Seele mutlos und verzagt, mein Sinn ist nicht rein, meine Sünden erdrücken mich, und ich finde keine
Tränen. Ich habe den Frohsinn und den F rieden verloren, meine Seele ist verstockt und müde vom Dunkel
des Lebens. Was ist mit mir geschehen? Wie erlange ich zurück, was ich verloren? Wer singt mir das Lied,
das ich von Jugend auf liebte, das Lied von der Himmelfahrt des Herrn? Unter Tränen würde ich dem Lied
lauschen, denn meine Seele ist betrübt. Klagt mit mir, Wild und Vögel, weint mit mir, Wald und Wüste! Sagt
mir Trost, all ihr Geschöpfe Gottes, in meinemLeid! Siehe, worüber meine Seele sinnt: Wenn meine Liebe zu
Gott so gering ist und doch mein Verlangen so groß, wie groß muß dann das Leid der Mutter Gottes gewesen
sein, als sie nach der Himmelfahrt des Herrn auf der Erde zurückblieb. - Keiner Schrift wurde je das Leid
ihrer Seele anvertraut, und wenig wissen wir von ihrem Leben auf Erden. Die Fülle ihrer Liebe und die Größe
ihres Schmerzes vermögen wir mit unserem Verstand nicht zu fassen.

Das Herz der Mutter Gottes, all ihre Gedanken, ihre ganze Seele waren vom Herrn erfüllt; aber es war ihr
auch anderes gegeben: Sie liebte die Menschen und betete innig für die ganze Welt, damit alle errettet wer-
den. In diesem Gebet fand sie Freude und Trost auf Erden. Und wenn wir auch die Fülle ihrer Liebe nicht
fassen können, so wissen wir doch: Je größer die Liebe, desto größer das Leid der Seele; je umfassender
die Liebe, desto voller die Erkenntnis; je heißer die Liebe, umso glühender das Gebet; je vollkommener die
Liebe, umso heiliger das Leben. Diese vollkommene Liebe der Gottesmutter kann keiner von uns erlangen.
Doch mit der Reue Adams und in dem Maß, in dem der Heilige Geist es in der Kirche lehrt, verstehen auch
wir diese Liebe.

44
«Brannte nicht unser Herz in uns», sprachen die Apostel zueinander, als Christus ihnen begegnete (Lukas
2.4,32), So erkennt und liebt die Seele den Herrn, und die Süße seiner Liebe brennt in ihr. Bei allen, die im
Himmel weilen, ist die Liebe gleich groß, aber auf Erden ist das nicht so. Die einen lieben den Herrn innig,
bei manchen ist die Liebe gering, und wie viele gibt es, die den Herrn nicht lieben. Die Seele, die erfüllt ist
von der Liebe Gottes, vergißt Himmel und Erde, der Geist schaut unsichtbar den Ersehnten. Tränen vergißt
die Seele, und nicht einen Augenblick kann sie den Herrn vergessen. Demütigen wir uns, geliebte Brüder,
damit wir würdig werden der Liebe Gottes, damit der Herr uns schmücke mit seiner Sanftmut und Demut
und wir also würdig werden der himmlischen Wohnstätten, die er uns bereitet hat. Der Herr liebt alle Men-
schen, aber wer ihn sucht, den liebt er mehr. «Ich liebe, die mich lieben, und die mich suchen, werden Gnade
finden» (Sprichwörter 8,17)· Freudig spricht die Seele, die in der Gnade Gottes lebt: «Mein Herr, ich bin dein
Knecht!» Welche Freude enthalten diese Worte: Der Herr ist unser. So ist also alles unser! Seht, wie reich wir
sind im Herrn!

Der Herr ist in seiner Größe nicht zu fassen, unseretwegen aber ist er gering geworden, damit wir ihn erken-
nen und lieben, in der Liebe die Erde vergessen und dereinst seine Herrlichkeit schauen. Solch große Gnade
gibt der Herr seinen Knechten, daß sie mit ihrer Liebe die Welt umfassen, daß in ihren Herzen der Wunsch
für die Errettung aller Menschen entbrennt.

Bruder R. erzählte mir, daß er einmal in seiner Kindheit schwer erkrankt war und große Schmerzen aushal-
ten mußte. Die Mutter habe dann zum Vater gesagt: «Wie leidet doch unser Junge; ich würde mich in Stücke
schneiden lassen, wenn seine Schmerzen dadurch gelindert werden könnten. »

Mehr noch als eine Mutter litt der Herr für seine Menschen,als er für sie am Kreuz starb. «Eine größere Liebe
kann niemand haben als die, daß er sein Leben hingibt für seine Freunde» (Johannes 15,13). Ohne die Gnade
des Heiligen Geistes kann niemand diese große Liebe begreifen. Zwar spricht die Schrift von dieser Liebe,
aber auch sie können wir mit unserem Verstand nicht verstehen, denn auch in der Schrift spricht derselbe
Heilige Geist.

Wenn du Gott erkennen willst, so demütige dich von ganzem Herzen, sei gehorsam und enthaltsam in allen
Dingen,liebe die Wahrheit. Ganz gewiß wird dich der Heilige Geist erleuchten, und durch die Erfahrung
lernst du begreifen, was die Liebe zu Gott und was die Liebe zu den Menschen ist. Und je umfassender die
Liebe, umso voller ist die Erkenntnis.

Wer den Herrn vollkommen erkannt hat, wünscht nichts anderes, seine Seele hängt nicht an irdischen Din-
gen, und wenn man ihm ein Königreich anbieten würde; die Liebe Christi erfüllt seine Seele mit solcher
Freude, daß selbst ein königliches Leben ihn nicht mehr zu locken vermag. Von dem Augenblick an, da mir
der Herr durch den Heiligen Geist seine Liebe zu erkennen gab - seit vierzig Jahrentrauere ich um das Volk
Gottes.

O Brüder, es gibt nichts Größeres als die Liebe Gottes - wenn der Herr die Seele entzündet mit der Liebe zu
Gott und ihrem Nächsten. Wer die Süße der Liebe Gottes erfahren hat, der weiß, daß das «Reich Gottes in
uns ist». Wie groß, 0 barmherziger Gott, ist deine Liebe zu mir Sünder. Du gabst dich mir zu erkennen, gabst
mir zu schmecken deine Gnade, deine Güte, dein Erbarmen. «Kostet und seht, wie freundlich der Herr ist»
(Psalm 34,9).

45
Meine Seele drängt hin zu dir, unersättlich, Tag und Nacht. Ich kann meinen geliebten Schöpfer nicht ver-
gessen, der Geist Gottes gibt meiner Seele Kraft, den Geliebten zu lieben, und unaufhörlich verlangt sie nach
ihrem himmlichen Vater. Selig, wer die Demut und die Tränen liebgewonnen hat und alle bösen Gedanken
haßt. Selig, wer seinen Bruder liebt, denn unser Bruder ist unser Leben. Wer seinen Bruder liebt, in dessen
Seele lebt spürbar der Geist Gottes und gibt ihr Frieden und Freude, er gibt ihr Tränen für die ganze Welt.

Meine Seele gedachte der Liebe Gottes, und mein Herz entbrannte in Liebe zu ihm. Ich gab mich den Tränen
hin in tiefem Schmerz über meine Sünden. Der Herr aber gedachte meiner Sünden nicht. Herr, so bitte ich
für jede Seele um deine Gnade, unter Tränen bitte ich dich, erbarme dich aller Menschen, nimm alle zu dir
in dein Reich!

Ich kann nicht schweigen um der Menschen willen, für die meine Seele leidet, die ich bis zu Tränen liebe,
für die ich unter Tränen bete. Ich kann nicht schweigen, Brüder, euch zu künden von der Güte Gottes - und
euch zu warnen vor der List des bösen Feindes. Vierzig Jahre sind vergangen, seitdem ich durch die Gnade
des Heiligen Geistes lernte, die Menschen und alle Geschöpfe zu lieben. Und es wurde mir die List des Wi-
dersachers offenbar, der durch Lug und Trug das Böse in der Welt vollbringt.

Glaubt mir, Brüder, ich schreibe vor dem Angesicht Gottes, den meine Seele durch den Heiligen Geist er-
kannte. Der Herr ist barmherzig und gütig, wenn uns aber der Heilige Geist nicht belehrte, könnten wir - au-
ßer durch die Schrift nichts wissen von seiner Liebe. Du aber, verzage nicht, Bruder, laß dich nicht verwir-
ren, wenn du in dir diese Liebe nicht fühlst, denke daran, daß der Herr gnädig ist, enthalte dich der Sünde,
dann wird die Gnade Gottes dich alles lehren.

Es gibt keine größere Glückseligkeit, als Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von
ganzer Seele, seinen Nächsten aber wie sich selbst, wie es der Herr befohlen hat (Matthäus 22,3 7.39). Wer
diese Liebe im Herzen hat, den erfreut alles. Ohne diese Liebe aber findet der Mensch keine Ruhe. Erregt ihn
etwas, so beschuldigt er die anderen, als hätten sie ihn beleidigt, und begreift nicht, daß er selbst schuldig
ist, denn er hat die Liebe zu Gott verloren, und nun verurteilt und verachtet er seinen Bruder. Durch die Lie-
be zum Bruder erhalten wir die Gnade, und in der Liebe zum Bruder bewahren wir sie.

Wenn du aber deinen Bruder nicht liebst, kann die Liebe nicht in deine Seele einkehren. Würden alle Men-
schen die Gebote Christi bewahren, wäre das Paradies auf Erden, und alles Notwendige wäre uns zur Genü-
ge gegeben. Der Geist Gottes würde in den Seelen der Menschen wohnen, denn er selbst sucht ja die Seele -
wegen der Hoffart unseres Geistes aber findet er keinen Raum in uns.

Die Menschen sind hochmütig und stolz geworden und können einzig durch Leid und Buße errettet werden
- eine Errettung, allein durch ein Leben in Liebe erlangt, ist ganz selten.

Wenn du Gutes denkst von deinem Bruder und du dir immer dessen bewußt bist, daß der Herr auch ihn
liebt, daß auch in seiner Seele der Heilige Geist wohnt, dann bist du der Liebe Gottes nahe. Gewiß wird der
eine oder andere sagen: Immer spricht er von der Liebe Gottes. - Aber wovon soll man anders sprechen, von
wem soll man mehr sprechen als von Gott? Hat er uns nicht erschaffen, damit wir ewig mit ihm seien und
seine

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Herrlichkeit schauen? Wer liebt, möchte immerzu von dieser Liebe sprechen, und es wird ihm zur Gewohn-
heit, davon zu sprechen. Gewöhnst du dich daran, an Gott zu denken, wirst du ihn auch immer im Herzen
tragen. Denkst du aber nur an weltliche Dinge, bleibt dein Geist in diese Dinge verstrickt. Mach es dir zur
Gewohnheit, an die Leiden des Herrn zu denken, dann wirst du auch oft der höllischen Qualen gedenken -
dies alles wird sich deiner Seele einprägen. Bei allem Guten hilft uns Gott, bei dem Schlechten jedoch hilft
der Widersacher. Jede Tat, ob gut oder böse, hängt aber auch von unserem Willen ab.

Zwinge dich zum Guten, aber lerne dein Maß kennen; suche zu ergründen, was deiner Seele nützlich ist.
Dem einen ist es nützlich, mehr zu beten, dem anderen, zu lesen oder zu schreiben. Das alles ist notwendig,
doch es ist für die Seele besser, ohne Ablenkung zu beten. Noch kostbarer aber sind die Tränen. Freilich,
jeder übe, was ihm Gott verleiht. Wenn du vom Schlaf erwachst, danke Gott, bereue deine Sünden und bete;
alsdann lies, damit dein Geist ausruhe, bete wiederum und arbeite. Zu jeder guten Übung gibt uns Gott sei-
ne Gnade, besonders aber, wenn wir unseren Nächsten lieben.

An einem Ostertag, nach der Vesper, die in der großen Kirche zur «Fürbitte der Heiligen Jungfrau» gefeiert
wurde, kehrte ich nach Hause zur Mühle zurück. Auf dem Weg begegnete ich einem Arbeiter. Als ich mich
ihm näherte, bat er mich um ein Ei. Ich hatte keines, so kehrte ich zum Kloster zurück und bat dort meinen
geistlichen Vater um zwei Eier, wovon ich eines dem Arbeiter gab. Er sagte zu mir: «Wir sind zwei.» Ich gab
ihm auch das andere, und als ich weiterging, begann ich zu weinen aus Mitgefühl für alle Armen und war
von Mitleid für die ganze Welt und jedes Geschöpf erfüllt. Ein anderes Mal, als ich zu Ostern aus der

Hauptpforte des Klosters heraustrat, kommt mir ein etwa vierjähriger Junge entgegengelaufen mit frohem
Gesichtdie Gnade Gottes macht die Kinder froh. Ich hatte ein Osterei bei mir und gab es ihm. Voll Freude lief
das Kind zum Vater, ihm das Geschenk zu zeigen. Und schon für diese Kleinigkeit erhielt ich von Gott eine
große Freude: Ich fühlte die Liebe zu jedem Geschöpf und spürte den Geist Gottes in meiner Seele. Als ich
heimkam, betete ich lange unter Tränen in tiefem Mitleid für die Welt. - Komm, Heiliger Geist, wohne du in
uns allezeit; mit dir ist uns wohl!

Aber nicht immer ist in der Seele alles gut; des Stolzes und Hochmuts wegen verliert sie die Gnade, und dann
weine ich, wie Adam weinte nach dem verlorenen Paradies, und klage: « Wo bist du, mein Licht, wo bist du,
meine Freude? Warum
hast du mich verworfen? - Mein Herz sehnt sich; warum verbirgst du dich vor mir? - Meine Seele ist betrübt.
Du kamst in mein Herz und branntest meine Sünden aus. Komm wieder, Herr, und verbrenne die Sünden,
die dich wiederum vor mir verbergen, wie die Wolken die Sonne verbergen. Zögere nicht, komm und erfreue
mich, Herr, du siehst, meine Seele bangt, und unter Tränen suche ich dich.» Die Seele muß von einer solch
unersättlichen Liebe zu Gott erfüllt sein, daß der Geist - von nichts anderem gefangengenommen - mit allen
Kräften unaufhörlich in Gott verweilt. Ich habe viele Wohltaten Gottes erfahren, aber meiner Taten wegen
hätte ich Strafe verdient, sowohl hier auf Erden als auch nach meinem Tod. Doch groß ist die Liebe des Herrn
zu den Menschen - für uns unbegreiflich. Glücklich der Sünder, der sich umkehrt zu Gott und ihn liebt.

Wer die Sünde zu hassen beginnt, hat die erste Sprosse der Himmelsleiter erreicht. Wenn die Gedanken, zu
sündigen, nicht mehr an dich herantreten, dich nicht mehr bedrängen, dann hast du bereits die zweite Stufe
bestiegen. Wer aber durch den Heiligen Geist die vollkommene Liebe zu Gott erkannt hat, der ist auf einer
hohen Stufe der Himmelsleiter angelangt. Doch das kommt nur selten vor. Um die Liebe Gottes zu erlangen,
müssen wir alle seine Gebote befolgen. Unser Herz soll mitfühlend sein und nicht nur die Menschen lieben,

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sondern jede Kreatur, alles, was Gott erschaffen hat. Selbst ein grünes Blatt am Baum pflükke ich nicht ge-
dankenlos und unnütz ab. Obschon das keine Sünde ist, ist es doch auch um das Blättchen schade; ein Herz,
das lieben gelernt hat, hat mit allem Mitleid.

Der Mensch aber ist das Höchste der Schöpfung. Wenn du nun siehst, daß· jemand sich verirrt und sich sel-
ber zugrunde richtet, so bete für ihn und weine um ihn. Wenn du das nicht kannst, dann sende wenigstens
einen Seufzer für ihn zu Gott. Wer so handelt, den wird der Herr lieben; wer solches tut, der wird dem Herrn
ähnlich. Ich großer Sünder aber schreibe über die Barmherzigkeit Gottes, die meine Seele auf Erden durch
den Heiligen Geist erkannt hat. Der Herr lehrte mich, meine Feinde zu lieben.

Ohne Gnade können wir unsere Feinde nicht lieben; wer aber diese Liebe durch den Heiligen Geist gelernt
hat, der vermag sogar die bösen Geister zu bemitleiden, weil sie vom Guten abgefallen sind und die Demut
und Liebe Gottes verloren haben.

Ich bitte euch, Brüder, versucht es doch. Wenn euch jemand beleidigt, euch verleumdet oder euch etwas
fortnimmt, was euch gehört, ja, selbst wenn er ein Verfolger der Kirche ist - betet zu Gott und sprecht: «Herr,
wir alle sind deine Geschöpfe, erbarme dich deiner Knechte und lenke ihre Herzen zur Buße», dann wirst
du die Gnade in deiner Seele spüren. Gewiß, zu Anfang mußt du dich zwingen, deine Feinde zu lieben, doch
wird dir der Herr, der deinen guten Willen sieht, in allem helfen, und die Erfahrung selbst wird dir den Weg
zeigen. Wer aber Böses wider seine Feinde ersinnt, der kann keine Liebe haben, er wird Gott nicht erken-
nen.

Wenn du für deine Feinde betest, wird der Friede zu dir kommen; liebst du aber deine Feinde, so wisse, daß
eine große Gnade in dir wohnt; ich sage nicht, daß es die vollkommene sei, aber sie ist hinreichend zu deiner
Errettung. Lästerst du deine Feinde, so ist das ein Zeichen, daß der böse Geist in dir wohnt, der boshafte
Gedanken in dein Herz bringt; und nach den Worten des Herrn «kommen aus dem Herzen böse oder gute
Gedanken» (Matthäus 15,19)· Wenn du deine Feinde nicht lieben kannst, so schmähe sie wenigstens nicht
und verfluche sie nicht, das wird schon besser sein; denn wer flucht und schimpft, in dem lebt sichtbar der
böse Geist, und stirbt er ohne Buße, so wird er nach dem Tod dorthin gehen, wo die bösen Geister sind. 0 daß
doch der Herr eine jede Seele vor solchem Unglück bewahrenmöge! Versteht mich, es ist so einfach.

Die Menschen, die Gott nicht kennen oder ihm widerstehen, sind zu beklagen; mein Herz leidet um ihretwil-
len, und meine Augen vergießen Tränen. Sowohl das Paradies als auch die Hölle - beides ist für uns deutlich
sichtbar: Wir haben es durch den Heiligen Geist erkannt. Und sagt nicht der Herr selbst: «Das Reich
Gottes ist in euch» (Lukas 17,2I)? So beginnt schon hier das ewige Leben, und schon hier legen wir den Sa-
men zur ewigen Qual.

Wer stolz und überheblich ist, verliert die Gnade, zugleich aber auch die Liebe zu Gott und die Inbrunst im
Gebet. Dann wird die Seele von bösen Gedanken gequält, sie versteht nicht, daß sie sich demütigen und ihre
Feinde lieben muß; denn es gibt da keinen anderen Weg, Gott wohlgefällig zu sein.

«Die Feinde verfolgen unsere heilige Kirche», magst du sagen, «wie könnte ich sie lieben?» - Höre, deine
arme Seele hat Gott nicht erkannt; sie hat nicht erkannt, wie sehr er uns liebt und wie sehnsüchtig er darauf
wartet, daß alle Menschen Buße tun und das ewige Leben erlangen.

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Gott ist Liebe (1.Johannes 4,8), er sendet den Heiligen Geist auf die Erde, der die Seele lehrt, die Feinde zu
lieben und für sie zu beten, damit auch sie Errettung finden. Das ist die wahre Liebe. Ehre sei Gott, seine
Liebe zu uns ist unfaßlich groß, er vergibt uns unsere Sünden, und durch den Heiligen Geist offenbart er uns
seine Geheimnisse.

Bedenkt, geliebte Brüder, der sündigen Seele verleiht der Herr seinen Heiligen Geist und gibt ihr seine Barm-
herzigkeit zu erkennen. Und um Gott zu erkennen, bedürfen wir keiner Reichtümer, wir müssen nur unseren
Nächsten lieben und die Demut im Geiste haben, enthaltsam und gehorsam sein; um dieser Tugenden wil-
len erlangen wir die Erkenntnis Gottes. Könnte es in der Welt Kostbareres geben als diese Erkenntnis? Gott
kennen, wissen, wie sehr er uns liebt und unsere Seele erleuchtet und führt?

Wo würdest du wohl einen Vater finden, der bereit wäre, für die Vergehen seiner Kinder am Kreuz zu ster-
ben? Wohl ist ein Vater betrübt und voll Leid, wenn sein Sohn sich eines Vergehens schuldig macht und
bestraft werden muß. Aber trotz seines Mitleids wird er sagen, daß er unrecht tat und diese Strafe verdient.

Der Herr aber spricht niemals so zu uns. Wie den Apostel Petrus, so fragt er auch uns: «Liebst du mich?» (Jo-
hannes 21,16 f.). Ebenso wird er im Paradies fragen: «Und ihr, liebt ihr mich?» Und alle werden antworten:
«Ja, Herr, wir lieben dich. Du hast uns durch deine Leiden am Kreuz errettet und ließest uns in dein Reich
eingehen.»

Und im Himmel wird sich keiner schämen, wie sich Adam und Eva nach dem Sündenfall geschämt haben,
sondern es wird nur Sanftmut, Liebe und Demut geben; nicht eine Demut, wie wir sie jetzt kennen, wenn wir
uns demütigen und Tadel hinnehmen und uns für schlechter als alle anderen halten, sondern alle werden
die Demut Christi haben, die für die Menschen unfaßbar ist, es sei denn, sie haben sie durch den Heiligen
Geist gekannt.

Süß ist die Gnade des Heiligen Geistes, und unermeßlich ist die Güte des Herrn - Worte vermögen sie nicht
zu beschreiben. Die Seele drängt zu ihm, unersättlich, entzündet von der Liebe des Herrn und ganz erfüllt
von Gott. In ihm hat sie Ruhe gefunden, und die Welt ist gänzlich vergessen. Das aber gewährt der Barm-
herzige der Seele nicht immer; oft gibt er die Liebe zur ganzen Welt; dann weint die Seele um die ganze
Menschheit und fleht zu Gott dem Allmächtigen, daß er seine Gnade ausgießen möge auf jede Seele und ihr
vergeben möge in seiner Barmherzigkeit.

Herr, du hast so viel Erbarmen auf mich ausgegossen - wie könnte ich dir vergelten? Ich bitte dich, verleihe
mir, meine Sünden zu sehen, vor dir zu weinen in meiner Schuld, denn du liebst die demütigen Seelen und
gibst ihnen den Segen des Heiligen Geistes. Vergib mir, barmherziger Gott. Du siehst, wie meine Seele nach
dir verlangt. Du hast meine Seele verwundet mit deiner Liebe, und sie dürstet nach dir. Unaufhörlich sehnt
sie sich, unersättlich, Tag und Nacht. Nicht die Welt zu sehen verlange ich, obgleich ich auch sie liebe, aber
über alles liebe ich dich, meinen Schöpfer. Ich unwürdiges Geschöpf habe dich so oft gekränkt, du aber hast
meiner Sünden nicht gedacht.

49
AKATHIST

Der für uns kämpfenden Herzogin als Siegespreis, aus Wehe erlöst, weihe das Dankeslied ich,
deine Stadt, dir, Gottesgebärerin. Dein ist die Kraft, die nichts bekämpft. So befreie ich mich aus
jeder Gefahr, auf daß ich dir rufe: Gegrüßet du, jungfräuliche Braut.

Der Engel Fürst ward vom Himmel gesandt, der Gottesmutter zu bringen den Gruß. Und da er
sah, Herr, wie bei der Stimme des Engels du Fleisch annahmest, da erschauerte er und erstarrte
und sprach also zu ihr: Gegrüßet du, durch die aufstrahldie Wonne.

Gegrüßet du, durch die {liehet der Fluch. Gegrüßet du, die zurückrief den gefallenen Adam. Ge-
grüßet du, die von ihren Tränen Eva erlöst. Gegrüßet du, Gipfel, schwer ersteigbar dem Sinne
der Menschen.

Gegrüßet du, Tiefe, schwer erschaubar selbst den Augen der Engel. Gegrüßet du, du bist der
Thronsitz des Königs. Gegrüßet du, weil du den trägst, der das All trägt. Gegrüßet du, Gestirn,
spiegelnd die Sonne. Gegrüßet du, Schoß der Fleischwerdung Gottes. Gegrüßet du, durch die
erneut wird die Schöpfung. Gegrüßet du, durch die ein Kind wird der Schöpfer. Gegrüßet du,
jungfräuliche Braut.

IX
Von der Gottesmutter und von den Heiligen

Freude und Fröhlichkeit ist in der Seele, wenn sie erfüllt ist von der Liebe Gottes. Trotzdem haben wir auch
dann Leid und Trübsal zu tragen, und je größer die Liebe, umso größer ist das Leid. Die Gottesmutter hat
mit keinem einzigen Gedanken gesündigt und die Gnade nie verloren, aber auch sie hat großes Leid erfah-
ren. Als sie unter dem Kreuz stand, war ihr Schmerz grenzenlos, und die Qualen ihrer Seele waren unver-
gleichlich größer als die Leiden Adams nach seiner Vertreibung aus dem Paradies, denn auch ihre Liebe war
unendlich größer als die Liebe Adams. Nur weil die Kraft des Herrn sie stärkte, konnte sie ihr Leid tragen,
denn sie sollte seine Auferstehung sehen und nach seiner Himmelfahrt den Aposteln und dem ganzen Volk
Gottes Trost und Freude sein. Wir erreichen nicht die Fülle der Liebe der Gottesmutter und können darum
auch ihr Leid nicht fassen. Allreine Jungfrau Maria, Mutter Gottes, sag uns, deinen Kindern, wie du, auf Er-
den lebend, deinen Sohn und Gott geliebt hast. Erzähle uns von deiner Freude, wenn du in sein herrliches
Angesicht schautest und du darüber nachdachtest, daß er es sei, dem die himmlischen Mächte in Furcht
und Liebe dienen. Sag uns, was fühlte deine Seele, als du das göttliche Kind in deinen Armen hieltest? Wie
aber schmerzte dein Herz, als du mit Josef den Jesusknaben drei Tage in Jerusalem suchtest? Und wie groß
war dein Schmerz, als der Herr verraten war, dem Kreuzestod ausgeliefert und am Kreuz starb? Erzähle uns
von deiner Freude nach der Auferstehung und von der Sehnsucht deiner Seele, als der Herr in den Himmel
auffuhr. Es verlangt unsere Seele, zu wissen von deinem Leben mit dem Herrn auf Erden; aber du hast mit
Schweigen dein Geheimnis umhüllt, denn es war nicht dein Wille, dies alles der Schrift zu überliefern.

50
Als ich ein junger Novize war und eines Tages vor der Ikone der Gottesmutter betete, kam das «]esusge-
bet» in mein Herz, blieb dort und verrichtete sich von selbst, immerfort. Einmal hörte ich in der Kirche der
Lesung aus den Weissagungen ]esajas zu, und bei den Worten: «Wascht euch, und ihr werdet rein» (Jesaja
1,16), kam mir der Gedanke: Ob wohl die Mutter Gottes jemals gesündigt hat, wenn auch nur mit einem Ge-
danken? Und siehe, während ich betete, sprach deutlich eine Stimme in mir: «Die Mutter Gottes hat niemals
gesündigt, auch nicht mit einem Gedanken.» So zeugte der Heilige Geist in meinem Herzen für ihre Rein-
heit. Meine Seele bangt und zittert, wenn ich an den Ruhm der Gottesmutter denke. Klein und ohnmächtig
ist mein Geist, arm und schwach mein Herz, aber meine Seele frohlockt und drängt mich, wenigstens einige
Worte über die Allheilige zu schreiben. Kaum wage ich es, aber die Liebe zwingt mich, denn ich gedenke
ihrer Barmherzigkeit und vermag meine Dankbarkeit nicht zu verbergen. Die Mutter des Herrn übergab der
Schrift nicht ihre Gedanken, sie spricht nicht von ihrer Liebe zu ihrem Sohn und Gott und nicht von den
Qualen ihrer Seele bei der Kreuzigung. Dies alles ist für uns unfaßbar, denn ihre Liebe zu Gott ist stärker und
glühender als die Liebe der Seraphim und Cherubim, und alle himmlischen Mächte, die Engel und Erzengel,
sind voll Staunen über ihre Herrlichkeit. Wenn auch das Leben der Gottesmutter durch heiliges Schweigen
gewissermaßen verhüllt ist, so hat der Herr unserer Kirche doch zu erkennen gegeben, daß sie in ihrer Liebe
die ganze Welt umfaßt und im Heiligen Geist alle Völker auf Erden sieht und sich ihrer erbarmt.

Wenn doch die Menschen wüßten, wie groß die Liebe der allreinen Mutter zu denen ist, die Christi Gebote
halten, und wie sie leidet und trauert um diejenigen, die unbußfertig sind. Ich habe es an mir selbst erfahren.
Ich sah die Gottesmutter nicht, aber der Heilige Geist ließ sie mich erkennen. Mehr als vierzig Jahre sind
vergangen, da sie mich Sünder aufsuchte und ermahnte. Ich wäre verloren gewesen, ich Elender, aber ich
vernahm ihre Stimme und hörte ihre Worte: «Es ist mir zuwider zu sehen, was du tust.» So lieb und wohltu-
end, so sanft war ihre Stimme, daß ich niemals diese süßen Worte vergessen kann, und ich weiß nicht, wie
ich Sünder der gnadenreichen, sich erbarmenden Mutter des Herrn danken soll.

Sie ist in Wahrheit unsere Fürsprecherin vor dem Herrn, und schon allein ihr Name erfreut die Seele. Der
ganze Himmel und die ganze Erde erfreuen sich ihrer Liebe. Unfaßbar! Sie lebt im Himmel und schaut un-
aufhörlich die Herrlichkeit Gottes, aber sie vergißt uns Armselige nicht und bedeckt mit ihrer Barmherzig-
keit die ganze Erde und alle Völker. Und diese seine allreine Mutter hat der Herr uns gegeben. Sie ist unsere
Freude und unsere Hoffnung. Sie ist unsere Mutter im Geiste, ihrer Natur nach als menschliches Wesen uns
verwandt, und jede christliche Seele zieht es hinzu ihrer Liebe.

«Ich liebe, die mich lieben, und verherrliche, die mich verherrlichen» (vgl. Sprichwörter 8,17).

Gott wird verherrlicht in den Heiligen, und die Heiligen sind von Gott verherrlicht. Die Herrlichkeit, die der
Herr den Heiligen verleiht, ist so groß, daß die Menschen, sähen sie einen Heiligen, wie er ist, vor Ehrfurcht
und Schrecken zu Boden fallen würden; denn der fleischliche Mensch kann die Offenbarung solcher himm-
lischen Herrlichkeit nicht tragen. Wundert euch nicht darüber. Gott liebt den Menschen so sehr, daß er ihm
den Heiligen Geist im Überfluß gab, und im Heiligen Geist ist der Mensch Gott ähnlich geworden. Der Herr
gab den Heiligen seine Gnade, sie liebten ihn von ganzer Seele und waren ihm gänzlich ergeben, denn die
Süße der Liebe Gottes läßt es nicht zu, die Welt und ihre Schönheit zu lieben. Und wenn es schon auf Erden
so ist, um wieviel mehr sind dann die Heiligen im Himmel in Liebe mit Gott vereinigt.

51
Diese Liebe ist unaussprechlich süß und geht vom Heiligen Geist aus, und alle himmlischen Mächte nähren
sich von ihr.

Gott ist Liebe, und in den Heiligen ist der Heilige Geist Liebe. Im Heiligen Geist wird Gott erkannt. Im Heili-
gen Geist wird der Herr in den Himmeln gepriesen. Im Heiligen Geist rühmen die Heiligen Gott, und durch
die Gaben des Heiligen Geistes verherrlicht Gott die Heiligen, und dieser Herrlichkeit ist kein Ende.

Vielen Menschen scheint es, als ob die Heiligen fern von uns wären. Aber fern sind sie nur denen, die sich
selbst von ihnen entfernt haben, und sehr nahe sind sie denen, die Christi Gebote halten und in der Gnade
des Heiligen Geistes leben. Im Himmel lebt und bewegt sich alles im Heiligen Geist. Aber auch auf Erden ist
der Heilige Geist. Er ist in unserer Kirche gegenwärtig; er lebt in den heiligen Sakramenten; in der Heiligen
Schrift; in den Herzen der Gläubigen. Der Heilige Geist verbindet alle, und darum sind uns die Heiligen so
nahe; sie hören uns, wenn wir sie anrufen, und unsere Seele spürt, daß sie für uns bitten.

Die Heiligen leben in der anderen Welt und schauen dort im Heiligen Geist die Herrlichkeit Gottes; im sel-
ben Heiligen Geist sehen sie aber auch unser Leben und all unser Tun. Sie kennen unsere Leiden und hören
unsere heißen Gebete. Während ihres Erdenlebens lehrte sie der Heilige Geist die Liebe Gottes; und wer auf
Erden diese Liebe hat, der geht mit ihr hinüber ins ewige Leben, und dort im Himmel wächst sie und wird
zur Vollkommenheit. Und wenn schon hier die Liebe den Bruder nicht vergessen kann, um wieviel mehr
werden die Heiligen unser gedenken und für uns beten.

Der Heilige Geist erwählte die Heiligen, damit sie für die ganze Welt beten, und er gab ihnen Ströme von
Tränen. Er gibt seinen Auserwählten so viel Liebe, daß ihre Seelen von dem flammenden Wunsch ergriffen
werden, daß alle Menschen errettet werden. Der Herr gab den Heiligen so große Gnade, daß sie in Liebe die
ganze Welt umfassen. Sie sehen unser Leben, sie wissen um unsere Leiden. Sie sehen unsere Verzagtheit
und die Verstocktheit unserer Seele. Und unaufhörlich bringen sie unsere Bitten vor Gott. Betet zur Gottes-
mutter und zu den Heiligen im Glauben und mit Vertrauen. Sie hören und kennen unsere Gedanken. Wir
brauchen uns darüber nicht zu verwundern, denn der ganze Himmel und alle Heiligen leben im Heiligen
Geist, und vor ihm ist nichts verborgen auf der ganzen Welt. Auch ich verstand früher nicht, wie die heiligen
Himmelsbewohner unser Leben hier auf Erden sehen können, aber als die Gottesmutter mich meiner Sü
den überführte, da erkannte ich, daß sie uns im Heiligen Geist sehen und unser Leben kennen.

Die Heiligen vernehmen unsere Rufe und haben von Gott die Kraft, uns zu helfen. Das weiß jeder christliche
Mensch. Der Mönch Vater Roman erzählte mir, daß er als Knabe einmal im Winter mit Pferd und Schlitten
den Don überqueren mußte. Das Pferd brach ein und sank mit dem Schlitten unter das Eis. «0 heiliger Ni-
kolaus», rief er in seiner Not, «hilf mir!» Und in der Tat, es gelang ihm, das Pferd, es am Zügel haltend, samt
dem Schlitten aus dem Eis hervorzuziehen.

Ein anderer Mönch, Vater Matthäus, der aus meinem Heimatdorf stammte, hütete als Knabe die Schafe sei-
nes Vaters. Er selbst war damals nicht viel größer als ein Schäflein. Sein älterer Bruder, der an der anderen
Seite des Feldes arbeitete, sah, wie plötzlich ein Rudel Wölfe auf Mischa - so hieß Vater Matthäus in der Welt
- zulief. Der kleine Mischa aber ruft: «Heiliger Nikolaus, steh mir bei!» Und die Wölfe machten kehrt und
fügten weder dem Knaben noch der Herde ein Leid zu.

52
Seht, wie unsere Gebete im Himmel erhört werden. Und solcher Fälle gibt es unzählige, wo uns die Heiligen
sofort zu Hilfe kamen, sobald wir sie nur anriefen. Die Heiligen waren Menschen genau wie wir. Viele von
ihnen waren einst große Sünder, aber durch ihre Buße erwarben sie das Himmelreich. Und wir alle gelangen
nur durch die Buße dorthin, die uns der barmherzige Herr durch seine Leiden geschenkt hat.

Die Heiligen leben im Himmelreich, wo der Herr und seine allreine Mutter sind. Dort sind die heiligen Vor-
väter und Patriarchten, die ihren Glauben tapfer bewahrten. Dort sind die Propheten, die den Heiligen Geist
empfingen und durch ihr Wort das Volk zu Gott riefen. Dort sind die Apostel, die für die Verkündigung des
Evangeliums starben. Dort sind die Märtyrer, die um der Liebe Christi willen freudig ihr Leben hingaben. Dort
sind die heiligen Bischöfe, die dem Herrn nachfolgten und die Last ihrer geistigen Herde auf sich nahmen.
Dort sind die heiligen Faster und die Narren in Christo, die durch Entsagung die Welt überwunden haben.
Dort sind alle Gerechten, die die Gebote Gottes gehalten und ihre Leidenschaften besiegt haben. Dorthin
zieht es meine Seele, zu dieser wunderbaren heiligen Gemeinschaft, die der Heilige Geist versammelt hat.
Doch ich bin betrübt. Weil ich nicht demütig bin, gibt der Herr mir nicht die Kraft zu geistlichem Wachstum,
und mein ohnmächtiger Geist erlischt wie ein winziges Licht. Der Geist der Heiligen aber brannte lichterloh
und erlosch nicht beim Wind der Versuchung, sondern loderte noch stärker auf. Um der Liebe Christi willen
erduldeten sie alle Trübsal auf Erden, sie schreckten vor Leiden nicht zurück und verherrlichten dadurch
den Herrn. Darum liebte sie der Herr und verherrlichte sie und schenkte ihnen die ewige Königsherrschaft
gemeinsam mit ihm.

X
Von den Hirten der Kirche

Nach der Himmelfahrt des Herrn kehrten die Apostel, wie es im Evangelium gesagt ist, mit großer Freude
heim (vgl. Lukas 24,52). Der Herr weiß, welche Freude er ihnen gegeben hat, und diese Freude erlebten ihre
Seelen immer wieder, denn sie hatten den wahren Herrn Jesus Christus liebgewonnen, sie hatten ihn und
das ewige himmlische Leben erkannt und wünschten, daß alle errettet würden. Und ihre Freude war so
groß, weil sie die Wirkung des Heiligen Geistes in ihrer Seele spürten.

Die Apostel durchzogen das Land und verkündeten den Völkern das Wort Gottes; ihre Seelen aber sehnten
sich danach, den geliebten Herrn zu sehen; sie schreckten vor Leiden nicht zurück und fürchteten selbst den
Tod nicht. Die Liebe zum Herrn und zu den Menschen hatte jede Furcht von ihnen genommen.

Bis zum heutigen Tag gibt es Mönche, die die Liebe Gottes erfahren und die nach ihr streben Tag und Nacht.
Sie helfen der Welt durch ihr ständiges Gebet und auch durch ihre Schrift. Aber mehr noch ruht die Sorge für
das Heil der Seelen auf den Hirten der Kirche, die solch große Gnade in sich tragen, daß wir verwundert wä-
ren, wenn wir diese Herrlichkeit sehen könnten. Doch der Herr hält sie verborgen, damit seine Diener nicht
hoffärtig werden, sondern demütig bleiben und errettet werden. Die Bischöfe sind durch den Herrn berufen,
seine Herde zu weiden. Der Heilige Geist - so heißt es - setzte die Hirten der Kirche ein; und im Heiligen Geist
haben sie die Macht, die Sünden zu binden und zu lösen.

Sie sind die Nachfolger der Apostel und führen uns durch die ihnen erteilte Gnade zu Christus. Sie führen
uns zur Buße und lehren uns, die Gebote des Herrn zu bewahren. Sie verkündigen uns das Wort, damit wir
Gott erkennen. Sie leiten

53
uns auf den Weg des Heils und helfen uns, zur Höhe des demütigen Geistes Christi hinaufzusteigen. Sie sam-
meln die verirrten und zerstreuten Schafe Christi in die Hürde der Kirche, damit sie Ruhe finden im Herrn.
Sie beten für uns, damit wir alle errettet werden. Sie - als Freunde Christi - vermögen vom Herrn zu erflehen:
für die Lebenden die Demut und Gnade des Heiligen Geistes; für die Verstorbenen Vergebung der Sünden;
für die Kirche Frieden und Freiheit. Aber sie sind betrübt, wenn sie sehen, daß wir Gott beleidigen und dem
Heiligen Geist nicht Raum geben in unserer Seele. Auf ihnen lastet das Leid der Welt, durch die Liebe Gottes
wird ihre Seele fortgerissen, und sie beten ohne Unterlaß, für uns Trost in unserem Leid erbittend und Frie-
den für die ganze Welt. Und durch ihre glühenden Gebete werden auch wir bewegt, Gott im Geist der Demut
und der Liebe zu dienen.

So sehr liebte uns der Herr, daß er für uns am Kreuz gelitten hat, und seine Leiden waren so groß, daß wir sie
nicht fassen können - weil wir den Herrn zuwenig lieben. So leiden für uns auch unsere geistlichen Hirten,
nur können wir ihr Leid nicht immer sehen. Und sie leiden umso mehr, je größer ihre Liebe ist; das sollten
wir verstehen und sie lieben und ehren. Laßt uns unseren Hirten gehorsam sein, Brüder, dann wird der Herr
uns seinen Frieden geben und mit uns sein im Heiligen Geist.

Groß und ehrenvoll ist das Amt eines Priesters, denn er ist Diener am Thron Gottes. Wer einen Priester
schmäht, der schmäht den Heiligen Geist, der in ihm wohnt. Wenn die Menschen immer daran dächten, daß
die Bischöfe und Priester durch den Heiligen Geist eingesetzt sind (Apostelgeschichte 20,28), dann würden
wir sie in viel größerem Maß lieben und uns freuen, wenn wir ihnen begegnen. Wer die Gnade des Heiligen
Geistes in sich trägt, weiß, was ich sagen will.

Gewiß wird der eine oder andere fragen: «Wenn der Heilige Geist die Hirten der Kirche einsetzt und sie lei-
tet, warum merken wir an uns keinen Fortschritt, und warum haben wir keinen Frieden?» - Weil wir die von
Gott eingesetzte Obrigkeit zuwenig achten und weil es uns an Gehorsam fehlt. Wenn wir uns dem Willen
Gottes gänzlich unterwerfen würden, dann sähen wir bald unseren Fortschritt im geistlichen Leben, denn
der Herr liebt die Demütigen und Gehorsamen, und er selbst führt sie. Aber gnädig und langmütig wartet
er auch auf die Ungehorsamen, und weise, wie ein guter Lehrer und Vater, lehrt er die Seele durch seine
Gnade. Ein Lehrer aber kann nicht alles wissen, Gott ist allwissend', ein Vater kann sich irren, Gott aber ist
unfehlbar.

Viel Unheil kommt daher, daß wir unsere Vorgesetzten, die uns ja leiten sollen, nicht um Rat fragen, wie es
auch Priester gibt, die Gott nicht fragen, wie sie handeln sollen. Hätte Adam Gott gefragt, als Eva ihm die
Frucht zu essen gab, so hätte ihn der Herr aufgeklärt, und Adam hätte nicht gesündigt. Und ich sage mir: Alle
meine Sünden und Fehler kamen daher, weil ich den Herrn in der Stunde der Not und Anfechtung nicht an-
rief; aber nun habe ich gelernt, daß man die Gnade Gottes erflehen muß, und der Herr bewahrt mich durch
die Gebete des geistlichen Vaters. Auch die Priester müssen in der Not die Erleuchtung des Herrn suchen,
denn obgleich sie die Gnade des Heiligen Geistes besitzen, verstehen sie doch nicht alles so, wie es sein soll;
handeln sie nur nach ihrem Verstand, so beleidigen sie den barmherzigen Gott und säen Verwirrung. Der
heilige Seraphim sagte, wenn er nur aus seinem Verstand heraus einen Rat gegeben habe, seien Fehler ent-
standen.

54
So müssen wir alle lernen, den Willen Gottes zu erkennen; wenn wir das nicht tun, werden wir den rechten
Weg niemals finden. «Rufe mich an in der Not», sagt der Herr (Psalm 50,15), und durch den Heiligen Geist er-
leuchtet er den Menschen; ohne ihn ist niemand imstande, richtig zu erfassen. Bis zur Ankunft des Heiligen
Geistes waren auch die Apostel weder gefestigt noch weise. « ... wie lange soll ich euch ertragen», spricht er
zu ihnen (Matthäus 17,17). Der Herr gab der heiligen Kirche Hirten, und nach seinem Vorbild dienen sie ihr,
und er gab ihnen die Macht, durch den Heiligen Geist die Sünden zu vergeben. Mag sein, daß du denkst: Wie
kann ein Bischof oder Priester oder geistlicher Vater den Heiligen Geist haben, wenn er selbst Schwächen
hat? Darauf muß ich dir sagen: Das ist möglich, wenn er an ihn herantretende schlechte Gedanken nicht
annimmt; Unzulänglichkeiten hindern die Gnade nicht, in seiner Seele zu wohnen, wie ein grüner Baum
trotz einiger dürrer Zweige doch Früchte trägt und wie den Weizen auf dem Feld das Unkraut an seinem
Wachstum nicht hindert.

Während der großen Fastenzeit - bei einem Abendgottesdienst auf dem Stary Russik - schenkte der Herr
einem Mönch die Gnade, den Hieroschimonach (Priestermönch) Awraamij in christusgleicher Gestalt zu
schauen. Der alte Priester stand mit umgehängtem Epytrachelion (Stola) und nahm die Beichte ab. Als der
Mönch herantrat, um zu beichten, sah er, daß das Gesicht des Priesters, der doch schon alt und ergraut war,
jung aussah wie das eines Knaben und leuchtete wie das Antlitz Christi. Da verstand jener Mönch, daß der
Priester seinen Dienst im Heiligen Geist versieht und daß dem Reumütigen die Sünden im Heiligen Geist
vergeben werden.

Ich schreibe diese Zeilen, und mein Geist freut sich, daß unsere Hirten dem Herrn Jesus Christus ähnlich
sind. Ebenso sind auch wir, die Schafe Christi, im Stande der Gnade dem Herrn ähnlich, auch wenn die
Gnade noch so gering ist. Die Menschen wissen nichts von diesem Geheimnis; aber sagt doch Johannes
der Evangelist deutlich: «Wir werden ihm gleichen» (1. Johannes 3,2), und das wird nicht nur nach dem
Tod sein, sondern schon jetzt, denn der Herr hat den Heiligen Geist auf die Erde herabgesandt, und er ist in
unserer Kirche gegenwärtig. Wir sollten immer daran denken, daß der Priester sein Amt im Heiligen Geist
ausübt, und deshalb Ehrfurcht vor ihm haben. Glaubt mir, Brüder, wenn ein Sterbender zu einem Priester
sagt: «Vater, segne mich, damit ich Gott schaue in seinem Reich», und der Priester antwortet: «Geh hin,
mein Sohn, du wirst Gott schauen», so würde dies auf den Segen des Seelsorgers hin geschehen, denn der
Heilige Geist ist derselbe im Himmel und auf Erden.

Die Gebete des Priesters haben eine große Kraft. Ich habe einst meines Stolzes wegen viel unter den Dämo-
nen gelitten, aber der Herr machte mich demütig, und er erbarmte sich meiner um der Gebete des geistli-
chen Vaters willen. Und jetzt hat mir der Herr geoffenbart, daß auf den Priestern der Heilige Geist ruht, und
darum ehre und achte ich sie. Durch ihre Gebete erhalten wir die Gnade des Heiligen Geistes und die Freude
in Gott, der uns liebt und alles gab, was zur Rettung der Seele nötig ist. Wenn du dem Beichtvater deine
Sünden nicht aufrichtig bekennst, so gehst du einen krummen Weg, der dich nicht zum Heil führt; wer aber
aufrichtig beichtet, wird das Himmelreich erlangen.

Einmal fragte mich ein Mönch: «Sag mir, was soll ich tun, um mein Leben zu bessern?» Er aß immer viel
und nicht zur rechten Zeit. Ich sagte zu ihm: «Schreib doch alle Fehler jeden Tag auf, schreib auf, was du
gegessen hast, und auch, was du gedacht hast, und lies es am Abend deinem geistlichen Vater vor.» Er aber
antwortete: «Nein, das kann ich nicht.» So konnte er die geringe Scham, seine Schwächen zu beichten, nicht
überwinden. Er besserte sich auch nicht , und dann starb er ganz plötzlich. Gott möge unserem Bruder gnä-
dig sein, uns aber vor einem jähen Tod bewahren.

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Wer unaufhörlich beten will, muß mutig und weise sein und in allen Dingen seinen Beichtvater befragen.
Frage ihn auch dann, wenn er selbst nicht durch die Erfahrung des Gebetes hindurchgegangen ist. Der Herr
wird dich deiner Demut wegen gnädig annehmen und dich vor jeder Unwahrheit bewahren. Laß dich aber
niemals von dem Gedanken verleiten, anzunehmen, dein Beichtvater sei unerfahren und du würdest besse-
re Anleitung in den Büchern finden. Wisse, daß du dann auf einem gefährlichen Pfad bist und nicht weit von
der Verblendung. Ich kenne viele, die sich täuschen ließen und durch ihren Mangel an Achtung vor ihrem
geistlichen Vater keinen Fortschritt machten. Sie vergessen, daß im Sakrament die Gnade des Heiligen Geis-
tes wirkt, die uns errettet. So betrügt der Feind die Asketen, damit es keine Beter gebe; aber weise belehrt
der Heilige Geist unsere Seele, wenn wir den Rat unserer Hirten befolgen. Durch den Beichtvater wirkt im
Sakrament der Heilige Geist, und nach der Beichte fühlt die Seele die Erneuerung ihres Friedens und die Lie-
be zum Nächsten. Wenn du aber nach der Beichte verwirrt und unruhig bist, so bedeutet das, daß du nicht
aufrichtig gebeichtet und deinem Bruder nicht in Liebe verziehen hast. Der Beichtvater muß sich freuen,
wenn Gott ihm eine Seele zur Buße zuführt und durch die ihm zuteil gewordene Gnade diese Seele heilt;
dafür wird er als guter Hirt seiner Schafe große Gnade von Gott empfangen.

XI
Von den Mönchen und vom Gehorsam

Manche sagen, daß die Mönche der Welt dienen müßten, damit sie das Brot des Volkes nicht umsonst es-
sen. Aber man sollte verstehen, worin der Dienst des Mönches besteht und wie er der Welt helfen muß. Der
Mönch betet unter Tränen für die ganze Welt; darin besteht sein hauptsächliches Tun. Was treibt ihn denn
dazu, für die ganze Welt zu weinen? Jesus Christus, der Sohn Gottes, gibt dem Mönch die Liebe des Heiligen
Geistes, und in dieser Liebe bangt sein Herz beständig um die Menschen, weil viele das Heil ihrer Seele nicht
suchen. Der Herr selbst war in einem solchen Maß von der Sorge um die Menschen erfüllt, daß er sich hin-
gab in den Tod am Kreuz. Auch die Gottesmutter trug das gleiche Leid um die Menschen in ihrem Herzen,
und gleich ihrem geliebten Sohn wünschte sie allen, ohne Ausnahme, die Errettung. Denselben Heiligen
Geist gab der Herr den Aposteln, unseren heiligen Vätern und den Hirten der Kirche. Darin besteht unser
Dienst an der Welt. Und darum sollen weder die Hirten der Kirche noch die Mönche sich mit weltlichen Din-
gen beschäftigen, sondern die Gottesmutter nachahmen, die im Tempel, im Allerheiligsten, Tag und Nacht
sich im Gesetz des Herrn übte und im Gebet für die Menschen ausharrte.

Es ist nicht Sache der Mönche, der Welt mit der Kraft ihrer Hände zu dienen. Das ist Sache der Weltlichen.
Dank der Mönche hört das Gebet auf Erden niemals auf, und darin liegt ihr Nutzen für die Welt; denn die
Welt besteht durch das Gebet, wenn es aber aufhörte, ginge sie unter.

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Russikon, Trapeza: Russische Heilige

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Und was kann der Mönch mit seinen Händen tun? Er könnte am Tage etwa einen Rubel verdienen; was ist
Geld vor Gott? Indessen kann ein einziger Gott wohlgefälliger Gedanke eines Beters Wunder tun. Wir wis-
sen es aus der Heiligen Schrift. Der Prophet Mose betete in seinem Innern, der Herr sprach zu ihm: «Warum
rufst du zu mir?» (Exodus 14,1 5); und die Israeliten wurden durch sein Gebet vor dem Verderben errettet.
Nicht durch die Arbeit seiner Hände, sondern durch sein Gebet half Antonius der Große der Welt. Durch
Fasten und Beten hat Sergius von Radonesch dem russischen Volk geholfen, sich vom Tatarenjoch zu befrei-
en. Und während Seraphim von Sarow in seinem Innern betete, kam der Heilige Geist auf Motowilow herab.
Und dieses ist das Tun der Mönche.

Wenn aber ein Mönch im Beten lau ist, wenn er es nicht erreicht, ständig in der Betrachtung zu leben, so
soll er den Pilgern dienen und auch den Weltlichen durch seiner Hände Werk helfen. Auch solches ist Gott
wohlgefällig; aber wisse, das ist bei weitem kein wahres Mönchtum. Der Mönch muß seine Leidenschaften
bekämpfen und sie mit Gottes Hilfe besiegen. Manchmal ist der Mönch glückselig in Gott, als sei er bei ihm
im Paradies, oft aber weint und betet er für die ganze Menschheit, beseelt von dem Wunsch, daß alle errettet
werden mögen.

So lehrt der Heilige Geist die Mönche, Gott und auch die Welt zu lieben. Vielleicht sagst du, daß es jetzt sol-
che Mönche, die für alle Menschen beten, nicht mehr gibt; aber ich sage dir, daß großes Unheil hereinbricht
und die Welt zugrunde geht, wenn es auf Erden keine Beter mehr gibt. Die Welt besteht durch die Gebete
der Heiligen; und der Mönch ist berufen, für alle, für die ganze Welt zu beten. Darin besteht sein Dienst, und
deshalb belastet ihn nicht mit weltlichen Dingen. Ein Mönch muß in ständiger Enthaltsamkeit leben; liegen
auf ihm aber weltliche Sorgen, so ist er gezwungen, mehr zu essen, und wer viel ißt, kann nicht beten, wie es
sein muß, denn die Gnade lebt gern in einem dürren (asketischen) Leib.

Wenn die Seele eines Mönchs einen Hang zum Geld oder zu einer Sache oder überhaupt zu irgend etwas
Irdischem hat, dann kann er nicht von ganzem Herzen Gott lieben; denn sein Geist ist dann geteilt zwischen
Gott und den Dingen. Der Herr aber hat gesagt, daß niemand zwei Herren dienen kann (Matthäus 6,24).
Darum vermag der Geist der Weltlichen, die nur dem Irdischen leben, Gott nicht so zu lieben, wie ihn die
Mönche lieben. Wenn auch der Mönch an Irdisches denkt, soviel er es zum Erhalt des Leibes nötig hat, so
brennt doch sein Geist in Liebe zu Gott, und während seine Hände arbeiten, weilen seine Gedanken bei Gott.
Wie die heiligen Apostel dem Volk das Wort verkündigten, ihre Seele aber ganz in Gott war - denn der Geist
Gottes lebte in ihnen -, so schaut der Mönch im Geiste die Größe Gottes, wenngleich sein Leib sich in einer
kleinen armseligen Zelle befindet. Er bewahrt sein Herz: um den Bruder nicht zu verletzen und den Heiligen
Geist nicht durch schlechte Gedanken zu betrügen. Er demütigtseine Seele, und durch diese Demut hält er
die bösen Geister fern - von sich selbst und auch von den Menschen, die um seine Gebete bitten.

Es gibt Mönche, die Gott kennen, die die Gottesmutter kennen, die heiligen Engel und das Paradies; sie wis-
sen aber auch um die Dämonen und die Höllenqualen - all das kennen sie aus Erfahrung. So in all diesem
erfahren, führt der Mönche seinen Kampf gegen den bösen Feind; der Heilige Geist belehrt und unterweist
ihn und gibt ihm die Kraft, sie zu besiegen. Ein kluger Mönch weist in Demut jeden Dünkel und Stolz zurück,
und er sagt sich: «Ich bin Gottes und des Paradieses nicht wert, sondern der Höllenqualen, ich bin schlech-
ter als alle anderen und aller Erbarmung unwürdig. »

58
Der Heilige Geist lehrt, so über sich zu denken, und der Herr freut sich über uns, wenn wir uns demütigen
und uns selber verurteilen, und schenkt der Seele seine Gnade. Wer demütig ist, hat schon die Feinde be-
siegt. Wer sich in seinem Herzen des ewigen Feuers für wert hält, an den kommt nicht einer der Bösen heran,
und keine weltlichen Gedanken sind dann in der Seele, denn Geist und Herz verweilen ganz in Gott. Wer den
Heiligen Geist erkannt und durch ihn die Demut gelernt hat, wahrlich, der ist seinem Meister Jesus Christus,
dem Sohn Gottes, ähnlich geworden. Das reine Gebet erfordert den Frieden der Seele, aber diesen Frieden
kann man ohne Gehorsam und ohne Enthaltsamkeit nicht bewahren. Die heiligen Väter stellen den Gehor-
sam höher als Fasten und Gebete, weil ein Ungehorsamer von sich selbst denken könnte, daß er ein Asket
(Podwishnik) und Beter sei, während nur der reinen Geistes ist, der seinen Eigenwillen gegenüber seinem
Vorgesetzten und geistlichen Vater ablegt.

So wird ein ungehorsamer Mönch nie erfahren, was das reine Gebet ist. Ein eigenwilliger und hochmütiger
Mensch kann das wahre Geistige nicht erkennen, und lebte er hundert Jahre im Kloster; denn durch seinen
Ungehorsam beleidigt er seine Vorgesetzten, und in ihrer Person beleidigt er Gott.

Wehe einem solchen Menschen, er wäre besser in der Welt geblieben. Jedoch auch in der Welt müssen die
Menschen gehorchen, ihre Eltern achten, sich den Vorgesetzten unterordnen und den Oberen untertan
sein. Wehe uns. Gott, der König Himmels und der Erden, demütigte sich und war seiner Mutter und dem
heiligen Josef gehorsam; wir aber sind ungehorsam unserem geistlichen Vater, den Gott liebt und dem er
uns anvertraut hat. Freilich, wenn der Starez einen schwierigen Charakter hat, so ist das für den Novizen ein
großer Kummer; aber er muß in der Demut des Geistes für ihn beten, dann wird der Herr sich seiner und
des Starez erbarmen.

Es gibt manchmal Mönche, die unzufrieden sind: Dem einen ist der ihm auferlegte Dienst (Posluschanie)
nicht recht dem anderen ist die Zelle zu schlecht, und jenem paßt 'der Starez nicht. Aber sie verstehen nicht,
daß nicht der Dienst und nicht die Zelle und auch nicht der Starez schuld sind, sondern daß ihre Seele krank
ist. Der hoffärtigen Seel ist nichts recht, die demütige aber ist immer zufrieden.

Wenn dein Vorgesetzter schwierig ist, so bete für ihn, und du wirst Frieden in deiner Seele haben. Ist die Zel-
le nicht gut, paßt dir der Dienst nicht oder plagt dich eine Krankheit , so denke bei dir selbst: Gott sieht mich
und kennt meine Lage, es ist also sein Wille. Und du wirst Frieden haben. Wer sich dem Willen Gottes nicht
unterwirft, wird nirgends Frieden finden, und wenn er noch so viel fastet und betet. Es ist darum durchaus
nicht weise, auf seinem eigenen Willen zu bestehen, der Gehorsame aber wird bald Fortschritte machen,
denn ihn liebt der Herr. Wenn dir Vorwürfe gemacht werden müssen, du aber bezichtigst andere der Schuld,
so zeigt das, daß deine Seele krank ist. Wer die Gnade des Heiligen Geistes, wenn auch nur in geringem Maß,
besitzt, der liebt jede von Gott eingesetzte Obrigkeit und gehorcht ihr zur Ehre Gottes. Dies ist unserer Kir-
che durch den Heiligen Geist bekannt, und die heiligen Väter haben darüber geschrieben.

Es ist unmöglich, den inneren Frieden zu bewahren, wenn wir unseren Verstand nicht überwachen; das
heißt: Die Gedanken, die Gott mißfallen, dürfen wir nicht annehmen, die Gott wohlgefälligen Gedanken
aber müssen wir festhalten. Man muß mit wachem Verstand in sein Herz schauen, man muß erkennen, was
dort geschieht, ob Friede in ihm herrscht oder nicht. Ist kein Friede in ihm, so prüfe, worin du gesündigt
hast. Vor allem muß man enthaltsam sein, denn auch durch unseren Leib verlieren wir den Frieden.

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Man soll nicht neugierig sein; Zeitungen und weltliche Bücher zu lesen ist nicht notwendig; sie erzeugen
in der Seele nur Verwirrung und Niedergeschlagenheit. Verurteile andere nicht. Gar zu oft wird über einen
Menschen, den man gar nicht kennt, schlecht geredet, während dieser vielleicht dem Geiste nach einem En-
gel gleicht. Kümmere dich nicht um fremde Angelegenheiten, kümmere dich um deine eigenen und tu das,
was dir dein Vorgesetzter aufträgt; dann wird dir Gott in seiner Gnade helfen, und du wirst die Früchte des
Gehorsams in deiner Seele erkennen: Frieden und das ununterbrochene Gebet.

Im Gemeinschaftsleben verlieren wir oft darum die Gnade Gottes, weil wir nicht gelernt haben, den Bruder
den Geboten Christi gemäß zu lieben. Wenn dich dein Bruder kränkt und sogleich ein böser Gedanke in dir
gegen ihn aufkommt, wenn du ihn verurteilst und Haß empfindest, so wirst du spüren, daß die Gnade und
der Friede aus deiner Seele weichen. Um deines Seelenfriedens willen also übe dich darin, auch den, der dich
verleumdet, zu lieben und sofort für ihn zu beten. Bitte Gott mit allen Kräften um die Gabe, alle Menschen
zu lieben. Denn der Herr sagte: «Liebt eure Feinde» (Matthäus 5,44). Wenn wir sie nicht lieben, können wir
den Frieden nicht bewahren. Es ist unbedingt notwendig, Gehorsam, Demut und Liebe zu erwerben, sonst
ist all unser Podwig (Askese) und unsere

Wachsamkeit vergebens, und wir handeln wie jener Mann, der Wasser in ein bodenloses Faß schüttete; wie
dieses Faß, so würde auch unsere Seele leer bleiben. Brüder, Streiter Christi, laßt uns nicht nachlassen, laßt
uns unser ganzes Leben hindurch eifrig sein im Gebet und all unserem Tun (Podwig). Ich kannte viele Mön-
che, die mit glühendem Herzen kamen, dann aber ihren ersten Eifer verloren, ich kenne auch viele, die ihn
bewahrten bis an ihr Lebensende.

Ich sah Menschen, die gut waren, als sie ins Kloster kamen, und doch später verdarben. Ich sah auch solche,
die als schlechte Menschen kamen, aber dann sanft und demütig wurden, so daß es eine Freude war, sie
anzuschauen. Ich kenne einen Mönch, der machte, als er jung war, einen Umweg um die Dörfer, um nicht
versucht zu werden. Eines Tages aber, es ist noch nicht lange her, hat er dem Treiben der Welt mit Interesse
zugeschaut und, wie er mir selbst sagte, sie dann liebgewonnen. So kann die Seele des Mönches sich wan-
deln und sich der Welt wieder zuwenden. Und doch hatte dieser Mönche fünfunddreißig Jahre in der Abtei
gelebt und war als Siebzehnjähriger ins Kloster gekommen. Seht, wie sehr wir fürchten müssen, daß das
Feuer in uns erlischt, das uns einst bewog, die Welt zu verlassen und Gott zu lieben. Geliebte Brüder, lest eif-
rig das Evangelium, die Apostelbriefe und die Werke der heiligen Väter. Durch diese Unterweisung erkennt
die Seele Gott, und unser Geist lebt so sehr im Herrn, daß wir die Welt gänzlich vergessen; es ist, als seien
wir nicht in ihr geboren.

Auch in unserer Zeit gibt es noch viele Podwishniki, die Gott wohlgefallen, wenngleich sie auch keine sicht-
baren Wunder tun. Aber schau, Gottes Wunder kannst du in deiner eigenen Seele erleben: Wenn deine Seele
demütig geworden ist, gibt Gott, der Barmherzige, ihr Freude und Rührung (Umilenie); kaum aber regt sich
in ihr der Stolz, so verfällt sie der Verzagtheit und der Finsternis. Aber solches wissen nur diejenigen, die den
Weg der Askese gehen. Bist du ins Kloster gekommen aus Liebe zum Herrn, und sei diese Liebe auch noch
gering, und du denkst, daß es der Herr ist, der dich hierher geführt hat und dich durch deinen geistlichen
Vater auch weiterführt, dann wird die Gnade Gottes mit dir sein, der Herr wird dir Frieden geben, und du
wirst Gut und Böse unterscheiden. Alsdann wird deine Seele zu jeder Stunde nur nach dem Guten trachten;
denn sie hat Lust gefunden am Gesetz Gottes. Lebst du in Gemeinschaft mit den Brüdern, so sei tapfer, da-
mit deine Seele nicht in Verwirrung gerate.

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Dienst du im Gästehaus, so ahme Abraham nach, der für würdig befunden wurde, drei wundersame Pilger
aufzunehmen. Demütig und freudig diene den Vätern, den Brüdern und den Pilgern, und dir wird der Lohn
Abrahams zuteil werden. Wenn du unter den Brüdern arbeitest und Anfechtungen erleidest, so werden den
«Narren in Christus» gleich: Sie beten für die, die ihnen Ärgernis gaben; für diese Liebe schenkte ihnen Gott
die Gnade des Heiligen Geistes, und es war ihnen leicht, jedes Leid zu ertragen. Wer im Gehorsam einen
Dienst tut, dem ist Gott gnädig, auch wenn er manchmal in Verwirrung gerät; der Ungehorsame indessen
stößt selbst die Gnade von sich.

Wenn dir das alles schwerfällt, so gedenke der barmherzigen Worte des Herrn: «Kommet alle zu mir, die
ihr mühselig und beladen seid, ich gebe euch Frieden» (vgl. Matthäus I I,28). Diesen Frieden empfängt die
Seele in der Buße durch den Heiligen Geist. Viele Mönche sagen, der Klosterverwalter (Ökonom) habe keine
Zeit zu beten, und könne den Frieden der Seele nicht bewahren, da er den ganzen Tag unter Menschen sein
müsse. Aber ich sage, wenn er die Menschen liebt und bedenkt, daß der Herr alle seine Geschöpfe liebt, dann
wird er ihm das unablässige Gebet verleihen, denn Gott vermag alles.

Der Verwalter soll seine Arbeit lieben und mit ihnen fühlen, er soll für sie beten: «Herr, mach die betrübten
Seelen dieser armen Menschen fröhlich, sende ihnen deinen Heiligen Geist, den Tröster», dann wird seine
Seele in der Stille leben wie in einer Einsiedelei, und der Herr gibt ihm im Gebet Rührung und Tränen; spür-
bar wird die Gnade des Heiligen Geistes in ihm wohnen, und er wird die Hilfe des Herrn deutlich wahrneh-
men.

Einmal geschah bei uns Folgendes: Ein Ökonom des Klosters schickte einen Arbeiter in einer Angelegenheit
fort, dieser aber - wohl aus Unerfahrenheit - weigerte sich. Als ihn der Mönch wiederholt bat, die Arbeit zu
erledigen, wurde der Mann böse und nannte den Mönch vor allen anderen Leuten einen Hund. Dem Vater
Ökonom aber tat dieser Mann leid; er sagte: »Nenne mich immer Hund.« Das Gesicht des Arbeiters erglühte
vor Scham, und dieser Mann war später einer der Gehorsamsten. So gut ist es, in der Liebe zu leben. Einem
solchen Menschen hilft Gott mit seiner Gnade und gibt ihm das flammende Gebet für den Nächsten. Ist er
aber aufgeregt und zornig, dann werden die anderen sich gegen ihn empören. Die Erfahrung langer Jahre hat
uns gezeigt, daß ein Verwalter seine Leute lieben muß wie eine Mutter ihre Kinder; ist einer ungehorsam, so
bete er, daß der Herr seinen Knecht erleuchten möge. Dann wird dein Gebet für diesen von Nutzen sein, und
du selbst erkennst, wie gut es ist, für die Arbeiter zu beten.

Ein guter Verwalter wird von allen geliebt; denn jeder ist erfreut, wenn man ihm liebevoll begegnet. Wenn
mann nicht böse von den Menschen denkt, wird die Gnade des Heiligen Geistes die Seele nicht verlassen.
Aber wenn wir unsere Mitmenschen lieben, dann verleiht uns der Herr ein solches Gebet, daß die Seele
auch inmitten vieler Menschen Gott unaufhörlich anzurufen vermag. Nur wenige kennen das Geheimnis
des Gehorsams. Der Gehorsame ist groß vor Gott. Er ist ein Nachahmer Christi, der selbst zum Vorbild des
Gehorsams für uns wurde. Eine gehorsame Seele liebt der Herr und gibt ihr seinen Frieden, so daß alles gut
ist in ihr und sie Liebe zu allen Menschen empfindet.

Wer gehorsam ist, setzt a1l seine Zuversicht auf Gott, und darum ist seine Seele immer in ihm. Die Gnade
lehrt ihn, vielfältig Gutes zu tun, und gibt ihm die Kraft, darin zu verbleiben. Wohl sieht er das Böse, aber
es berührt seine Seele nicht, weil in ihm die Gnade des Heiligen Geistes ist, die ihn vor jeder Sünde bewahrt
und ihm das Beten zu Gott leicht macht.

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Der Heilige Geist liebt die Seele des Gehorsamen, und darum erkennt sie den Herrn sogleich und erlangt
die Gabe des Herzensgebetes. Aber nicht nur die Mönche, jeder Mensch muß Gehorsam üben; denn auch
der Herr war gehorsam. Stolze und eigenwillige Menschen lassen die Gnade nicht in ihrer Seele wohnen,
und darum haben sie nie den inneren Frieden. In die Seele des Gehorsamen kehrt die Gnade des Heiligen
Geistes leicht ein und gibt ihr Frieden und Freude. Frieden und Freude wünschen alle, aber es wissen nur
wenige, wie sie sie finden und was notwendig ist, sie zu erlangen. Seit fünfunddreißig Jahren kenne ich einen
Mönch, der immer von ganzer Seele fröhlich ist. Er ist schon sehr alt und hat doch stets ein freundliches
Gesicht - weil er den Gehorsam liebt und seine Seele sich dem Willen Gottes ergeben hat. Er sorgt sich um
nichts, seine Seele hat Gott liebgewonnen und schaut ihn. Wer die Gnade in sich trägt - wenn auch nur eine
geringe, der ordnet sich mit Freuden jeder Obrigkeit unter. Er weiß, daß Gott Himmel und Erde lenkt, auch
ihn und all sein Tun, alles, was in der Welt ist, und darum ist er immer ruhig und zufrieden. Der Gehorsame
fürchtet auch den Tod nicht, denn er hat sich dem Willen Gottes hingegeben, seine Seele liebt Gott und lebt
mit Gott.

Einfach, aber weise soll unser Leben sein. Die Mutter Gottes erschien dem heiligen Seraphim und sagte zu
ihm: «Gib ihnen (den Klosterfrauen) eine Aufgabe, und wer Gehorsam und Weisheit bewahrt, wird mit dir in
meiner Nähe sein.» Seht, wie einfach die Errettung ist. Weisheit aber lernt man erst durch lange Erfahrung.
Gott gibt sie uns um unseres Gehorsams willen. Der gehorsamen Seele, die ja den Herrn liebt, gibt er alles,
worum sie bittet. Wie ehedem, so hört der Herr auch jetzt unsere Gebete und erfüllt unsere Bitten. Warum
stellten die heiligen Väter den Gehorsam höher als das Fasten und die Gebete? Weil Askese ohne Gehorsam
den Menschen eitel macht, der Gehorsame aber alles tut, wie es von ihm verlangt wird, und in ihm kein
Gefühl des Stolzes aufkommt. Auch hat der Gehorsame seinen eigenen Willen in allem bezwungen und
hört auf seinen geistlichen Vater; darum ist sein Sinn frei von jeglicher Sorge und rein im Gebet. Durch den
Gehorsam wird der Mensch vor Hochmut bewahrt; um des Gehorsams willen wird uns das Gebet gegeben;
um des Gehorsams willen gibt uns der Herr die Gnade des Heiligen Geistes. Seht, darum ist Gehorsam höher
als Fasten und Gebete.

XII
Vom geistlichen Kampf und von den Trugbildern des Feindes

Alle, die unserem Herrn Jesus Christus nachfolgen, stehen im geistlichen Kampf. Diesen Kampf zu führen
lernten die Heiligen in langer Erfahrung durch die Gnade des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist leitete
und erleuchtete sie und gab ihnen die Kraft, den Widersacher zu besiegen. Ohne den Beistand des Heiligen
Geistes aber vermag die Seele diesen Kampf nicht einmal zu beginnen; denn sie weiß nicht und begreift gar
nicht, wer und wo der böse Feind ist. Selig sind wir Christen; denn wir leben in der Gnade Gottes. Der Kampf
ist leicht für uns: Der Herr hat sich unser erbarmt und gab uns den Heiligen Geist, der in unserer Kirche ge-
genwärtig ist. Wohl aber bekümmert uns, daß nicht alle Menschen Gott kennen und nicht wissen, wie sehr
er uns liebt. Diese Liebe ist spürbar in der Seele des Betenden, und der Geist Gottes bezeugt der Seele die
Errettung. Jeden Tag, zu jeder Stunde, stehen wir im Kampf. Wenn du deinen Bruder betrübst, wenn du ihn
verurteilst oder ihn beschimpfst, so verlierst du den Frieden. Bist du überheblich und hochmütig deinem
Bruder gegenüber, dann bist du nicht mehr in der Gnade. Wenn du verkehrte Gedanken nicht sofort abweist,
verliert deine Seele die Liebe Gottes und die Zuversicht im Gebet. Bist du herrschsüchtig und habgierig, so
wirst du die Liebe Gottes niemals kennenlernen. Und wenn du immer nur nach deinem eigenen Willen han-
deln willst, dann hat dich der Feind in der Gewalt, und deine Seele wird in Verzagtheit fallen.

62
Wer aber seinen Bruder haßt, der ist abgefallen von Gott, der Geist der Bosheit hat sich seiner bemächtigt.
Tust du deinem Bruder Gutes, dann wirst du die Ruhe des Gewissens finden, und bezwingst du deinen Ei-
genwillen, wird der Geist der Bosheit fliehen, und deine Seele wird Frieden haben. Wer seinem Bruder ver-
gibt und seine Feinde liebt, der wird auch selbst Vergebung seiner Sünden erlangen, und der Herr wird ihm
die Liebe des Heiligen Geistes zu kosten geben.

Darum wirst du, wenn du dich gänzlich gedemütigt hast, den vollkommenen Frieden in Gott erlangen. So
geht also all unser Ringen um das Erwerben der Demut. Der böse Feind fiel wegen seiner Hoffahrt und
versucht, auch uns dorthin zu locken. Wir aber, Brüder, wollen uns demütigen, damit wir die Herrlichkeit
Gottes noch hier auf Erden schauen (Markus 9,I); denn dem Demütigen gibt sich der Herr durch den Heili-
gen Geist zu erkennen. Gänzlich anders wird die Seele, wenn sie die Süße der Liebe Gottes gekostet hat, sie
wird gleichsam neu geboren. Mit all ihren Kräften strebt sie Tag und Nacht zu Gott, den sie liebt, und eine
Zeitlang weilt sie in der Ruhe Gottes, dann aber beginnt sie sich um die Menschen zu grämen. Der Barmher-
zige gibt der Seele manchmal Frieden, manchmal aber gibt er ihr tiefes Mitleid mit der ganzen Welt, daß alle
Menschen Buße tun mögen und eingehen in das Paradies. Wer die Süße des Heiligen Geistes gekostet hat,
der wünscht auch allen anderen diese Liebe; denn es ist jene Liebe, die aus dem Herzen quillt. Laßt uns doch
den Herrn lieben, der uns zuerst geliebt und für uns gelitten hat.

Liebt einander, und ihr werdet die Barmherzigkeit des Herrn erfahren. Laßt uns den Bruder lieben, dann
wird Gott uns lieben. Denke nicht, Seele, daß der Herr dich liebt, wenn du jemanden verächtlich ansiehst.
Nein, dann lieben dich eher die bösen Geister; denn du bist ja
ihr Knecht geworden; aber zaudere nicht, tu Buße und bitte
Gott um die Kraft, den Bru- der zu lieben, dann wird Friede in
deiner Seele sein. Bitte ihn von ganzem Herzen um die Demut
und die Bruderliebe; denn um dieser Liebe willen gibt uns der
Herr seine Gnade umsonst. Versuch es einmal an dir selbst:
Einen Tag bitte um die Liebe zum Bruder, am anderen Tag aber
bitte nicht, alsdann wirst du den Unterschied merken. Die
geistlichen Früchte der Lie- be sind klar zu erkennen: Friede
und Freude im Herzen, alle sind dir lieb und stehen dir nahe,
du findest Tränen für deine Mitmenschen, überhaupt für alles,
was Odem hat, für jedes Ge- schöpf. Oft fühlt die Seele schon bei
einem freundlichen Gruß eine wohltuende Veränderung. Bei
einem einzigen unfreund- lichen Blick aber verliert sie die
Gnade und die Liebe Got- tes. Dann aber beeile dich, Buße zu
tun, damit der Friede Gottes in deine Seele zurückkehre. Glück-
selig, wer Gott liebt und von ihm die Demut erlernt hat. Denn
der Herr liebt die demütige Seele, die fest auf ihn hofft. Sie fühlt
seine Barmherzigkeit in jedem Augenblick; immer ist sie mit dem geliebten Herrn beschäftigt, auch in der
Unterhaltung mit den Menschen. Denn durch die lange Zeit des Kampfes gegen den Widersacher hat die
Seele vor allem die Demut liebgewonnen, und diese läßt nicht zu, daß ihr die Bruderliebe durch den Bösen
geraubt wird.

63
Wenn wir mit allen Kräften den Bruder lieben und unsere Seele demütigen, wird der Sieg unser sein; denn
immer gibt der Herr für die Bruderliebe seine Gnade. Der Apostel Johannes der Evangelist sagt, daß die
Gebote Gottes nicht schwer, sondern leicht sind (LJohannes 5,3). Aber nur in der Liebe sind sie leicht; wo
keine Liebe ist, ist alles schwer. Darum bewahre sie, verliere sie nicht; denn wenngleich du sie auch wieder-
gewinnen kannst, kostet es doch viele Tränen und Gebete. Ohne Liebe in der welt zu leben - das ist schwer.
Verharren in seiner Bosheit aber ist der Tod der Seele, davor möge uns der Herr bewahren. Lange Zeit habe
ich mich gequält, weil ich den Weg Gottes nicht kannte, jetzt aber, nach vielen Jahren und vielen Leiden,
habe ich durch den Heiligen Geist den Willen Gottes erkannt.

Wir müssen alles genau befolgen, was uns der Herr geboten hat (Matthäus 28,20); denn das ist der Weg ins
himmlische Reich, wo wir Gott schauen werden.

Aber der Gedanke, daß du Gott schauen wirst, soll dich nicht beschäftigen, vielmehr sollst du deine Seele de-
mütigen und denken, daß du nach deinem Tode in den finsteren Kerker geworfen und dort schmachten und
dich nach dem Herrn sehnen wirst. Wenn wir unsere Seele demütigen und Tränen vergießen, dann bewahrt
uns die Gnade Gottes, unterlassen wir das Weinen und fehlt uns die Demut, dann könnten wir verlockt sein
durch verkehrte Gedanken oder durch Erscheinungen. Eine demütige Seele hat keine Erscheinungen und
wünscht sie auch nicht; sie betet mit reinem Sinn zu Gott, ein hoffärtiger Geist aber ist nicht rein von Gedan-
ken und Vorstellungen, und es kann sogar dazu kommen, daß er Dämonen sieht und sich mit ihnen in ein
Gespräch einläßt. Ich selbst war von diesem Unheil betroffen, darum schreibe ich darüber.

Zweimal war ich in Verblendung. Das erste Mal- ich war ein junger Novize und sehr unerfahren - erbarmte
sich der Herr meiner. Das zweite Mal war ich schon hochmütig, und dann habe ich mich lange quälen müs-
sen, bevor mich der Herr durch die Gebete des geistlichen Vaters geheilt hat. Das geschah mir, weil ich eine
Erscheinung angenommen hatte. Darüber sprach ich mit einigen geistlichen Männern, aber keiner sagte
mir, daß dies vom Bösen komme, und mich focht die Eitelkeit an. Später jedoch sah ich ein, daß ich gefehlt
hatte, weil die Dämonen mich von neuem zu quälen begannen, nicht nur in der Nacht, sondern auch am
Tage. Meine Seele sieht sie, empfindet aber keine Furcht - denn ich spürte in mir auch die Gnade Gottes.
Und so wurde ich Jahre hindurch vom Bösen gequält; und hätte der Herr sich mir nicht im Heiligen Geist
zu erkennen gegeben, wäre nicht die Hilfe der allheiligen Gebieterin gewesen, ich wäre an meiner Erlösung
verzweifelt. Nun aber hofft meine Seele fest auf die Barmherzigkeit Gottes, obgleich ich meinen Taten nach
sowohl der Erden- als auch der Höllenqualen wert bin.

Lange konnte ich nicht begreifen, was mit mir vorging. Ich dachte: Die Menschen verurteile ich nicht,
schlechte Gedanken nehme ich nicht an, die auferlegten Pflichten erfülle ich gewissenhaft, ich bin enthalt-
sam im Essen, und unaufhörlich bete ich - warum kommen denn die Dämonen zu mir? Ich sehe, daß ich im
Irrtum bin, kann aber nicht erraten, warum. Während ich bete, verschwinden sie zeitweise, aber sie kom-
men immer wieder. Lange stand meine Seele in diesem Kampf. Ich sprach darüber mit einigen Starzen, aber
sie schwiegen; und ich blieb in großem Zweifel. Eines Nachts sitze ich in meiner Zelle, da ist sie plötzlich
voll von Dämonen. Inbrünstig bete ich, der Herr vertreibt sie, aber sie kommen wieder. Dann stehe ich auf,
um mich vor den Ikonen zu verneigen. Einer stellt sich vor mich hin, und ich kann mich nicht verneigen, es
würde sonst aussehen, als verneigte ich mich vor ihm. Ich setze mich wieder und spreche: «Du siehst, Herr,
daß ich mit reinem Sinn beten will, die Bösen es aber nicht zulassen. Sag, was soll ich tun, damit sie mich
verlassen?»

64
In meiner Seele vernahm ich die Antwort Gottes: «Die Stolzen leiden immer unter den Dämonen.» »Herr,
du bist barmherzig», sagte ich, <<laß mich wissen, was ich tun soll, damit meine Seele demütig werde.» Und
es antwortete der Herr in meiner Seele: «Halte dich bewußt in der Hölle und verzweifle nicht.» O göttliche
Barmherzigkeit! Ich bin ein Greuel vor Gott und den Menschen, aber der Herr liebt mich, er gibt mir Ein-
sicht, er heilt mich, und selbst lehrt er meine Seele die Demut und Liebe, die Geduld und den Gehorsam. All
seine Güte hat er auf mich ausgegossen.

Von der Zeit an halte ich meinen Geist in der Hölle und fühle, daß ich in der finsteren Glut brenne, aber ich
sehne mich nach Gott, suche ihn unter Tränen und spreche: «Bald sterbe ich und gehe ein in den finsteren
Kerker der Hölle und werde dort allein brennen, mich nach dem Herrn sehnen und weinen: Wo bist du, mein
Gott, du, den meine Seele kennt?»

Diese Gedanken waren mir von großem Nutzen, sie läuterten meinen Geist, und meine Seele fand Ruhe.
Wunderbar sind die Werke Gottes! Der Herr befiehlt mir, mich bewußt in der Hölle zu halten und nicht zu
verzweifeln. So nahe ist er uns: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt» (Matthäus 28,20), und wei-
ter: «Rufe mich am Tage der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen» (Psalm SO,IS)·

Die Seele wird ganz neu, wenn der Herr sie nur berührt. Aber das versteht nur, wer selbst durch diese Erfah-
rung gegangen ist; denn ohne den Heiligen Geist vermag keiner das Himmlische zu erkennen; dieser Geist
ist uns auf Erden von Gott gegeben. Gott kennen und nimmer müde werden in dem Verlangen nach ihm,
wer könnte diese Freude beschreiben. Wie glückselig sind doch wir Christen. Nichts Kostbareres gibt es, als
Gott zu kennen, nichts Schlimmeres, als ihn nicht zu kennen. Selig aber ist auch, wer Gott nicht kennt und
doch glaubt.

Also begann ich zu tun, wie mich der Herr gelehrt hatte, und meine Seele erquickte sich an dem Frieden in
Gott. Nun aberbitte ich Tag und Nacht um die Demut Christi. 0 dieseDemut Christi, ich kenne sie und kann-
sie nicht erwerben. Durch die Gnade Gottes kenne ich sie und kann sie nicht beschreiben.

Wie eine kostbare, eine leuchtende Perle suche ich sie. Lieb ist sie der Seele und süßer als alles in der Welt.
Ich kenne sie; denn ich habe sie erfahren. Wundert euch nicht darüber. Der Heilige Geist lebt in uns auf
Erden und erleuchtet uns. Er läßt uns Gott erkennen; er verleiht uns die Gabe, Gott zu lieben und an ihn zu
denken; er verleiht uns die Gabe des Wortes. Er verleiht uns die Gabe, Gott zu preisen. Er schenkt uns Freude
und Fröhlichkeit. Der Heilige Geist gibt uns die Kraft, den Kampf gegen den Widersacher zu führen und ihn
zu besiegen.

Alle Menschen flehe ich an - laßt uns zur Buße Zuflucht nehmen, wir werden die Güte des Herrn an uns
erfahren. Aber diejenigen, die Gesichte haben und daran glauben, bitte ich zu verstehen, daß solches zum
Stolz führt und zur Eitelkeit, darin der demütige Geist der Buße nicht vorhanden ist. Und das ist die Gefahr;
denn ohne Demut kann man den Bösen nicht bezwingen.

Ich selbst habe mich zweimal geirrt: Einmal zeigte mir der Feind ein Licht, und meine Gedanken sagten mir:
Nimm es an, das ist eine Gnade. Ein andermal nahm ich ein Gesicht an, und ich habe darunter sehr gelitten.
Es war am Ende der Nachtwache; als man zu singen begann: «Alles, was Odem hat, lobe den Herrn» (Psalm
150,6), hörte ich den König David im Himmel Gott lobpreisen. Ich stand auf dem Chor, und es schien mir, als
wären kein Dach und keine Kuppel da und ich sähe den Himmel offen. Ich sprach darüber mit vier geistli-

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chen Männern, aber keiner sagte mir, daß der Feind meiner gespottet habe. Ich selbst glaubte, die Dämonen
könnten Gott nicht lobpreisen, also könne diese Erscheinung nicht vom Bösen sein. Mich packte der Hoch-
mut, und von neuem sah ich die bösen Geister. Nun erkannte ich, daß ich mich geirrt hatte, ich erzählte alles
meinem Beichtvater und bat um sein Gebet. Dank seiner Gebete wurde ich gerettet, und immer bitte ich den
Herrn, mir den Geist der Demut zu geben. Wenn man mich fragen würde, welche Gaben ich von Gott erhal-
ten möchte, dann würde ich sagen: den Geist der Demut, worüber sich der Herr ja am meisten freut.

Um ihrer Demut willen wurde die Jungfrau Maria zur Mutter Gottes, und mehr als alle wird sie gepriesen
im Himmel und auf Erden. Sie hatte sich gänzlich dem Willen Gottes ergeben: «Siehe, ich bin die Magd des
Herrn» (Lukas 1,38). Wir alle sollten der heiligen Jungfrau nacheifern.

Für die Demut erhält die Seele den Frieden in Gott, aber es dauert lange Zeit, ehe sie gelernt hat, diesen Frie-
den zu bewahren. Und wenn wir ihn verlieren, so geschieht es darum, weil uns die Befestigung in der Demut
fehlt. Auch ich ließ mich von den Bösen oft täuschen. Dachte ich doch, daß meine Seele Gott kenne, daß sie
wisse, wie gütig er ist und wie sehr er uns liebt - wie sollten mir schlechte Gedanken kommen. Lange konnte
ich mich nicht durchfinden, bis Gott mich erleuchtete und ich alsdann erkannte, daß schlechte Gedanken
durch Hochmut entstehen. Ein recht unerfahrener Mönch hatte unter den Dämonen zu leiden, und wenn
sie ihn anfielen, lief er davon, und sie

jagten ihm nach. Wenn dir Ähnliches geschehen sollte, so erschrick nicht und lauf nicht davon, sondern
stell dich tapfer, demütige dich und sprich: «Herr, erbarme dich meiner, der ich ein großer Sünder bin» - die
Bösen werden verschwinden. Läufst du aber feige davon, dann werden sie dich in den Abgrund jagen. Denk
daran, daß in dem Augenblick, da dich die bösen Geister angreifen, auch der Herr auf dich schaut: wie du
wohl auf ihn vertraust. Fürchte dich auch dann nicht, wenn du den Satan leibhaftig siehst, wenn er dich mit
seinem Feuer versengen und deinen Geist gefangennehmen will. Hoff~ fest auf Gott und sprich: «Ich bin
schlechter als alle», und der Böse wird von dir lassen.

Wenn du fühlst, daß der Geist der Bosheit in dir wirkt, dann verzage nicht, beichte aufrichtig und bitte den
Herrn um den Geist der Demut, er wird ihn dir unbedingt verleihen; du aber wirst im Maß deiner Demut
in dir die Gnade spüren; und ist deine Seele gänzlich demütig geworden, dann wirst du den vollkommenen
Frieden erlangen. Solchen Kampf führt der Mensch sein ganzes Leben hindurch. Die Seele, die den Herrn im
Heiligen Geist erkannt hat, sollte nicht erschrecken, auch wenn sie nachher in Verblendung fällt, sie gedenkt
der Liebe Gottes und weiß, daß der Herr den Kampf mit dem bösen Feind wegen ihrer Eitelkeit und ihres
Hochmuts zuläßt. Darum demütigt sie sich und bittet den Herrn um Heilung. Und er heilt sie, manchmal
bald, manchmal auch ganz langsam, Schritt für Schritt. Der Gehorsame, der nicht sich selbst, sondern sei-
nem geistlichen Vater vertraut, wird bald von allem Schaden, den ihm die Bösen zugefügt haben, geheilt -
der Ungehorsame aber wird sich niemals bessern.

Der Kampf der Seele gegen den Widersacher geht bis zum Grab. Und wenn im gewöhnlichen Krieg nur der
Leib getötet wird, so ist unser Kampf schwerer und gefährlicher; denn auch die Seele kann verlorengehen.
Meines Hochmuts wegen ließ Gott zu, daß der böse Feind zweimal mit meiner Seele kämpfte, so daß sie
selbst in der Hölle stand; und ich kann sagen, daß die Seele durchzuhalten vermag, wenn sie tapfer ist; ist sie
aber verzagt, dann kann sie für ewig verlorengehen.

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Für alle, die gleich mir in solche Not geraten, schreibe ich: Seid standhaft, vertraut fest auf Gott, dann wer-
den die Bösen nicht aushalten; denn der Herr hat sie besiegt. Ich habe es durch die Gnade Gottes erkannt,
gütig sorgt der Herr für uns, nicht ein Gebet, nicht ein guter Gedanke geht vor Gott verloren. Oft ist es, als ob
der Herr uns nicht hörte. Das kommt daher, weil wir stolz sind und es uns nicht nützlich wäre, zu erhalten,
worum wir bitten. Es ist schwer, in sich selber den Stolz zu erkennen. Den Stolzen läßt der Herr sich in seiner
eigenen Ohnmacht so lange quälen, bis er demütig wird. Wenn sich aber die Seele demütigt, alsdann sind
die Feinde besiegt, und sie findet den tiefen Frieden in Gott.

Zweimal war ich im Heiligen Geist, zweimal aber war ich in großer Not und hatte schwere Versuchungen zu
ertragen. Einmal mußte ich an mir meines Hochmuts wegen erfahren, daß die Gnade des Heiligen Geistes
von mir wich und ich selbst mich als ein «Tier im Menschen» fühlte. Mit meinem Geist zwar hatte ich Gott
nicht vergessen, meine Seele jedoch wurde leer, wie bei einem Tier. Ich empfand tiefe Reue, und die Gnade
kehrte zurück. Aber es hatte drei Tage gedauert.

Auch spürte ich während des Gebets, daß ich nicht wußte , ob ich in meinem Leibe sei oder außerhalb des
Leibes, doch meine Seele blieb in der Betrachtung. Jetzt weiß ich aus Erfahrung, was es bedeutet, im Heili-
gen Geist zu sein, und was es bedeutet, ohne ihn zu sein. Brüder, wenn ihr doch verstehen könntet, wie groß
die Qual der Seele ist, die den Heiligen Geist, den sie in sich getragen, wieder verloren hat. Unerträglich ist
diese Qual, unbeschreiblich das Leid und die Trauer. Es ist die Qual Adams nach der Vertreibung aus dem
Paradies. Wer kann sich das Paradies vorstellen? Wer den Heiligen Geist in sich trägt, kann es zum Teil, denn
das Paradies ist das Reich des Heiligen Geistes, und der Heilige Geist ist derselbe im Himmel und auf Erden.
Ich dachte: «Ich bin verabscheuungswürdig und verdiene jegliche Strafe.» Aber statt der Strafe hat mir der
Herr den Heiligen Geist gegeben. Oh, der Heilige Geist ist süß, mehr als alles auf Erden. Er ist himmlische
Nahrung, er ist die Freude der Seele.

Wenn du die Gnade des Heiligen Geistes spürbar haben willst, dann demütige dich wie die heiligen Väter.
Abba Poimen sagte zu seinen Schülern: «Glaubt mir, meine Kinder, da, wo Satan ist, werde auch ich sein.»
Ein Schuhmacher, der in Alexandrien lebte, dachte: «Alle werden gerettet werden, nur ich werde verloren-
gehen. » Der Herr offenbarte dem heiligen Antonius, daß er das Maß dieses Schuhmachers nicht erreicht
hatte. Die Väter führten einen erbitterten Kampf gegen die Dämonen und machten es sich zur Gewohnheit,
von sich selbst eine geringe Meinung zu haben, und darum liebte sie der Herr. Auch mir verlieh der Herr, die
Kraft dieser Worte zu verstehen, und wenn ich meinen Geist in der Hölle halte, hat meine Seele Frieden; aber
wenn ich es vergesse, dann kommen mir Gedanken, die Gott nicht gefallen. Eine demütige Seele, welche die
ihr innewohnende reiche Gnade des Heiligen Geistes bewahrt, hat auch die Kraft, eine göttliche Offenba-
rung zu tragen; wer aber die Gnade nur in geringem Maß besitzt, der fällt bei der Schau zu Boden, in ihm ist
die Kraft zu gering.

Während Muse und Elija bei der Verklärung des Herrn auf dem Berg Tabor mit ihm sprachen, fielen die
Jünger auf ihr Angesicht, später aber, als die Gnade des Heiligen Geistes sich in ihnen vermehrte, blieben sie
beim Erscheinen des Herrn stehen und vermochten auch mit ihm zu sprechen. So stand der heilige Sergius
beim Erscheinen der Gottesmutter vor ihr; denn ihm wohnte die große Gnade des Heiligen Geistes inne,
sein Schüler Michael aber fiel nieder, er konnte die Mutter Gottes nicht anschauen. Auch der heilige Sera-
phim von Sarow besaß die Fülle der Gnade des Heiligen Geistes und blieb stehen, als ihm die Gottesmutter
erschien, während seine Schülerin niederfiel, weil in ihr die Gnade noch gering war. Wer die Gnade in sich
trägt, fürchtet auch die bösen Geister nicht; denn er spürt in sich die Kraft Gottes.

67
Jetzt ist es vier Uhr nachts. Ich sitze in meiner Zelle wie in einem Prunkgemach, in Frieden und in der Liebe,
und schreibe. Wenn aber die große Gnade kommt, dann vermag ich nicht zu schreiben. Solange wir auf Er-
den leben, müssen wir lernen, den Kampf mit dem bösen Feind zu führen. Das Schwerste in diesemKampf
ist, aus Liebe zu Gott seinen Leib abzutöten und seine Eigenliebe zu besiegen. Um das aber zu können, ist
es unbedingt notwendig, sich ständig zu demütigen. Das ist eine große Wissenschaft, die man sich nicht so
schnell aneignet. Man muß sich selbst für den Schlechtesten halten und zur Hölle verurteilen.
Dadurch wird die Seele demütig, sie findet Tränen der Reue und Buße, und hieraus erwächst die Freude. Es
ist gut, wenn man seine Seele daran gewöhnt zu denken: Ich werde im höllischen Feuer verbrennen.

Aber bedauerlich ist es, daß nur wenige es verstehen. Viele verzweifeln und gehen verloren. Ihre Seelen ver-
wildern, sie wollen nicht beten, nicht lesen, nicht einmal an Gott denken. Wir müssen uns innerlich selbst
verurteilen, aber wir dürfen nicht an der Barmherzigkeit und Liebe Gottes zweifeln. Ein demütiger und zer-
knirschter Geist ist notwendig, damit die bösen Gedanken verschwinden und unser Sinn rein wird. Aber man
soll sein Maß kennen, um die Seele nicht zu überfordern. Lerne dich selbst kennen, und gib der Seele eine
Aufgabe, die ihren Kräften entspricht. Es haben nicht alle Seelen die gleichen Kräfte; die einen sind stark wie
Eisen, die anderen schwach wie Rauch. Die hochmütigen Seelen sind wie Rauch; wie ein Wind den Rauch
hierhin und dorthin treibt, so zieht der Feind sie hin und her, wohin er will; denn sie haben entweder keine
Geduld oder lassen sich leicht vom Feind betrügen. Die Demütigen aber bewahren die Gebote des Herrn,
sie stehen darin fest wie ein Fels im Meer, an dem die Wellen zerschellen. Sie haben sich dem Willen Gottes
ergeben und leben in der Betrachtung Gottes, und der Herr gibt ihnen die Gnade des Heiligen Geistes.

Wer nach den Geboten lebt, spürt die Gnade in seiner Seele zu jeder Stunde, ja in jedem Augenblick. Aber
es gibt auch Menschen, die das Kommen der Gnade nicht gewahren. Wer die Liebe Gottes erkannt hat, wird
sagen: Ich habe dieses Gebot nicht gehalten. Wenn ich auch Tag und Nacht bete und bemüht bin, jede Tu-
gend zu üben - dieses Gebot der Liebe zu Gott habe ich nicht erfüllt. In seltenen Augenblicken nur komme
ich dem Gebot Gottes nach. Doch meine Seele will zu allen Zeiten in ihm bleiben. Wenn sich fremde Gedan-
ken einmischen in den Sinn, dann denkt der Geist sowohl an Gott als auch an irdische Dinge. Also ist das
Gebot, zu lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele, nicht erfüllt. Wenn aber der Geist völlig in Gott
ist und keine anderen Gedanken da sind, so kann das erste Gebot erfüllt sein, doch auch dann noch nicht
gänzlich.

Es gibt verschiedene Arten der Liebe zu Gott. Wer gegen die schlechten Gedanken kämpft, der liebt Gott
nach seinem Maß. Wer gegen die Sünde kämpft, der bittet auch Gott, ihm Kraft zu geben, nicht zu sündigen;
aber da er schwach ist, verfällt er noch der Sünde, er leidet darunter und tut Buße; in der Tiefe seiner Seele
und des Geistes ist die Gnade zwar vorhanden, aber die Leidenschaften sind noch nicht besiegt. Wer seine
Leidenschaften besiegt hat, der steht nicht mehr mit ihnen im Kampf, aber er muß in jeder Weise wachsam
sein, damit er nicht mehr der Sünde verfällt; ein solcher Mensch hat eine große und spürbare Gnade. Wer
jedoch die Gnade in Leib und Seele spürt, der ist ein vollkommener Mensch, und wenn er diese Gnade be-
wahrt, wird sein Leib geheiligt.

Bedenke, daß es zwei verschiedene Gedanken geben kann, bekämpfe sie. Der eine sagt, du seist ein Heiliger
- der andere,daß du nicht errettet wirst. An diesen Gedanken ist nichts Wahres, sie sind beide vom Bösen.
Vielmehr sollst du denken: Ich bin ein großer Sünder, Gott aber ist barmherzig, er liebt die Menschen und
wird mir meine Sünden vergeben. Dies sollst du glauben, dann wird es so geschehen - Gott vergibt dir. Bau
aber nicht allein auf deine asketischen Werke, wenngleich du auch große geistliche Anstrengungen machst.

68
Ein Asket sagte einmal zu mir: «Unbedingt muß ich von Gott begnadigt werden; denn ich mache jeden Tag
viele Kniefälle»; aber als dann der Tod kam, zerriß er sein Hemd. Nicht um unserer Werke willen, sondern in
seiner Güte erbarmt sich Gott unser. Der Herr will, daß die Seele demütig werde, ohne Bosheit sei, daß sie
allen in Liebe vergebe, dann wird auch er vergeben. Der Herr liebt alle, und wir sollen ihn nachahmen und
auch alle lieben. Sind wir schwach, so sollen wir bitten; er wird es uns nicht abschlagen, sondern uns durch
seine Gnade helfen.
Die stolze Seele wird von bösen Gedanken gequält, und solange sie sich nicht demütigt, wird sie vor ihnen
keine Ruhe finden. Wenn schlechte Gedanken dich bedrängen, so rufe zu Gott gleich Adam: «Herr, du mein
Schöpfer und Bildner, du siehst, böse Gedanken quälen mich, erbarme dich meiner.» Und wenn du vor dem
Angesicht des Gebieters stehst, so denk daran, daß er alle deine Bitten erfüllen wird, wenn es dir zum Heil
dient.

Eine Wolke verdeckte die Sonne, und es wurde finster. So verliert die Seele durch einen einzigen hochmüti-
gen Gedanken die Gnade, und Finsternis überkommt sie. Durch einen demütigen Gedanken aber kehrt die
Gnade zurück. Ich erfuhr es an mir selbst. Wenn der Herr sieht, daß die Seele noch nicht gefestigt ist in der
Demut, zieht er die Gnade zurück; aber verlier nicht den Mut, die Gnade ist in dir, nur verborgen. Gewöhne
dich daran, die bösen Gedanken sofort abzuweisen; hast du es versäumt und sie nicht sofort verjagt, so tue
Buße. Gib dir Mühe und mach es dir zur Gewohnheit. Auch die Seele hat ihre Gewohnheiten; und wie man
sich an etwas gewöhnt, tut man es das ganze Leben lang. Der gute Mensch hat gute Gedanken, der böse
Mensch aber hat böse. Jeder muß lernen, mit den Gedanken zu kämpfen und die bösen in gute zu verwan-
deln. Das ist das Zeichen einer erfahrenen Seele. Du wirst fragen, wie das geschieht. Nun, folgendermaßen:
So wie der lebendige Mensch fühlt, wenn ihm kalt oder warm ist, fühlt auch derjenige, der den Heiligen Geist
durch seine Erfahrungen erkannt hat, wann die Gnade in seine Seele einkehrt und wann der Geist der Bos-
heit sie befällt. Gott gibt der Seele das Gespür, seine Einkehr zu erkennen, ihn zu lieben und seinen Willen
zu tun. Und nicht an ihrer äußeren Form erkennen wir die Gedanken, die vom Geist der Bosheit kommen,
sondern an ihrer Einwirkung auf die Seele. Nur die Erfahrung lehrt uns, solches zu erkennen, und leicht wird
vom bösen Feind betrogen, wer keineErfahrung hat.

Der Mensch fällt in Verblendung aus Unerfahrenheit oder auch aus Stolz. Geschieht es aus Unerfahrenheit,
so heilt ihn der Herr bald; die Seele aber, die aus Stolz dem Trug verfällt, muß lange leiden, bis sie die Demut
erlernt hat und der Herr sie heilt.

Wir verfallen der Verblendung, wenn wir denken, daß wir klüger und erfahrener seien als andere, selbst als
der geistliche Vater. So dachte auch ich aus Unerfahrenheit; viel habe ich deswegen gelitten, aber ich danke
Gott, daß er mich dadurch zur Demut geführt, mich erleuchtet und seine Barmherzigkeit nicht von mir ge-
nommen hat. Jetzt weiß ich, daß es unmöglich ist, sich ohne Beichte aus der Verblendung zu befreien; denn
dem Beichtvater ist die Macht gegeben, die Sünden zu lösen und zu binden.

Wenn du in deinem Innern oder auch außerhalb von dir ein Licht gewahrst, so traue ihm nicht, wenn du
nicht gleichzeitig Rührung zu Gott und Liebe zum Nächsten empfindest. Aber fürchte dich auch nicht,
demütige dich, und das Licht wird verschwinden.

Wenn du irgendeine Erscheinung, ein Gesicht oder einen Traum hast, so traue ihm nicht. Denn was von Gott
kommt, wird auch von Gott aufgeklärt. Wer den Heiligen Geist nicht durch den Geschmack erkannt hat,
kann nicht verstehen, von wo die Erscheinung kommt.

69
Der Feind gibt der Seele eine gewisse Süße, gemischt mit Eitelkeit, und darin ist der Trug zu erkennen. Die
heiligen Väter sagen, daß die Seele bei einer feindlichen Erscheinung Verwirrung empfindet. Aber nur eine
demütige Seele empfindet dann Furcht und Verwirrung, weil sie sich einer Erscheinung gar nicht für würdig
hält. Die eitle aber, die sich ja diese Erscheinung wünscht und sich für würdig hält, wird weder Furcht noch
Verwirrung empfinden.

Darum kann sie der Feind leicht betrügen. Das Himmlische wird durch den Heiligen Geist erkannt, das Irdi-
sche durch den Verstand; wer aber Gott mit seinem Verstand durch die Wissenschaft erforschen will, der ist
in Verblendung; denn nur durch den Heiligen Geist wird Gott erkannt.

Wenn du im Geiste Dämonen siehst, so demütige dich und gib dir Mühe, sie nicht zu sehen; sprich mit
deinem Beichtvater oder dem Starez, dem du dich anvertraut hast. Sage ihm alles; Gott wird sich deiner
erbarmen, und du wirst dem Trug entgehen. Wenn du aber denkst, du wüßtest im geistlichen Leben mehr
als dein geistlicher Vater, und du nicht aufrichtig beichtest, so wirst du deines Stolzes wegen in Versuchung
fallen, damit du deinen Fehler einsehen lernst. Bekämpfe den Feind mit der Waffe der Demut. Gewahrst du,
daß ein anderer Geist mit deinem Geist im Kampfe liegt, so werde demütig, dann wird der Kampf aufhören.
Fürchte dich nicht, wenn du böse Geister sehen solltest, greif zur Waffe der Demut, dann werden die Bösen
verschwinden. Wenn dich aber die Furcht ergreift, wirst du einem gewissen Schaden nicht entgehen. Sei
tapfer. Vergiß nicht, daß Gott auf dich schaut und darauf achtet, ob du auf ihn hoffst.

Wenn du dich von dem Trug, in den du geraten bist, befreien willst, so verzage nicht. Der Herr, der die Men-
schen liebt, wird dir die Möglichkeit zur Besserung geben, und du wirst Ruhe finden vor den Gedanken,
die dir der böse Feind eingibt. Damit aber die Seele zu dieser Ruhe gelangt, muß man sich demütigen und
sprechen: «Ich bin der Schlechteste von allen, ja schlechter als jegliches Getier», und wenn du aufrichtig
beichtest, werden die Bösen von dir lassen. So wie die Menschen in ein Haus hineingehen und wieder hi-
naus, so können auch böse Gedanken in unser Herz kommen und, wenn wir sie nicht annehmen, wieder
hinausgehen. Wenn dich die Gedanken drängen, zu stehlen, und du gehorchst ihnen, so hast du dem bösen
Geist Macht über dich gegeben. Sagen dir die Gedanken: Iß so viel, bis du satt bist, und du tust es - so hat
dich der Böse wiederum in der Gewalt. Wenn also die Gedanken irgendeiner Leidenschaft Macht über dich
gewinnen, so wirst du zur Wohnstätte der bösen Geister. Nimmst du aber die notwendige Buße an, werden
sie zittern und gezwungen sein, von dir zu weichen.

Wenn wir unsere Sünden beweinen und unsere Seele demütigen, dann haben wir keine Erscheinungen und
Gesichte, die Seele wünscht sie auch gar nicht; sind wir aber nicht demütig und unterlassen das Weinen,
dann können wir uns leicht durch sie hinreißen lassen. Lange Zeit wußte ich nicht, warum man weiter zer-
knirscht sein soll, wenn der Herr uns doch die Sünden vergeben hat. Später aber verstand ich, daß wir nicht
in Demut verharren können, wenn nicht die Zerknirschung in uns ist. Denn die bösen Geister sind hoffärtig
und wollen auch uns zur Hoffart verleiten, der Herr aber lehrt die Sanftmut, Demut und Liebe, und dadurch
erlangt die Seele den Frieden.

70
XIII
Adams Klage

Adam, der Vater der Menschheit, kannte im Paradies die Seligkeit der Liebe Gottes, und deshalb hat er bitter
gelitten, als ihn die Sünde aus dem Paradies vertrieben und er die Liebe und den Frieden Gottes verloren
hatte. Die ganze Wüste war erfüllt von seinen Klagen, und seine Seele quälte der Gedanke: Meinen geliebten
Herrn habe ich gekränkt. Nicht so sehr nach dem Paradies und seiner Schönheit verlangte ihn, er trauerte
um den Verlust der Liebe Gottes, die die Seele unablässig zu Gott hinzieht.

So wie Adam empfindet jede Seele, die Gott im Heiligen Geist erkannt, aber die Gnade wieder verloren hat.
Krank und traurig ist die Seele, wenn sie den geliebten Herrn betrübt hat.

Adam weinte bitterlich. Die Erde erfreute ihn nicht mehr, und sein Ruf klang durch die Wüste: «Meine Seele
sehnt sich nach dem Herrn, und unter Tränen suche ich ihn. Wie sollt' ich den Herrn nicht suchen? Fröhlich
war meine Seele bei ihm und in Frieden, und der Feind hatte keinen Teil an mir. Jetzt aber gewann der Geist
der Bosheit Macht über mich, schwankend ward meine Seele, bedrängt von ihm. Darum sehnt sie sich nach
dem Herrn, bis zum Tode sehnt sie sich. Zu Gott drängt mein Geist, nichts auf Erden erfreut mich mehr, und
nichts kann meine Seele trösten. Schauen will ich den Herrn und an ihm mich sättigen. Ich kann ihn nicht
vergessen und rufe in der Fülle des Leids: <Gott, mein Gott, erbarme dich meiner, erbarme dich deines ge-
fallenen Geschöpfs!>))

So klagte Adam. Die Tränen rannen über sein Gesicht, sie netzten die Erde zu seinen Füßen; die ganze Wüs-
te hörte sein Stöhnen, die Vögel verstummten vor Leid. Aller Friede wich von der Erde, und seiner Sünde
wegen war die Liebe verloren. Unfaßlich aber war sein Schmerz, als er Abel erschlagen sah durch seinen
Bruder Kain. Seine Seele litt, und weinend rief er: «Aus mir werden Völker hervorgehen und sich vermehren,
aber sie werden in Feindschaft leben und einander töten.» Tief wie das Meer war sein Schmerz, und nur
der kann ihn verstehen, dessen Seele den Herrn erkannt hat und weiß, wie er uns liebt. Auch ich habe die
Gnade verloren, und mit Adam rufe ich: «Sei barmherzig mit mir, Herr. Gib mir den Geist der Demut und
der Liebe.» o Liebe Gottes! Wer dich gekannt hat, sucht dich unablässig und ruft: «Nach dir sehne ich mich,
Herr, und suche dich unter Tränen.» Wie könnte ich dich nicht suchen? Du hast dich mir im Heiligen Geist
offenbart. In dieser Erkenntnis verlangt meine Seele nach dir.»

Adam weint und klagt: «Nicht lieb ist mir die Wüste, nicht lieb sind mir die hohen Berge, nicht die Weiden,
nicht die Wälder und nicht der Vögel Gesang. Leid trägt meine Seele - ich habe Gott betrübt. Und riefe mich
der Herr zurück ins Paradies, trauern würde ich auch dann und weinen: Warum habe ich Gott, den gelieb-
ten, betrübt!,>

Vertrieben aus dem Paradies, litt Adam, und Tränen vergoß er vor Gram. So sehnt sich jede Seele, die Gott
erkannte: « Wo bist du, Herr, wo bist du, mein Licht? Verborgen hast du dein Angesicht vor mir. Was hindert
dich, in meiner Seele zu wohnen?- Das ist es: Die Demut Christi fehlt mir, und die Liebe zu den Feinden ist
nicht in meiner Seele.» Gott ist unendliche Liebe; sie zu beschreiben ist unmöglich. Adam durchwanderte
die Erde, und er weinte um der unzähligen Leiden seines Herzens willen. Aber seine Gedanken waren auf
Gott gerichtet; und wenn sein Körper erschöpft war und er keine Tränen mehr weinen konnte, selbst dann
brannte sein Geist voll Verlangen nach Gott, denn er konnte das Paradies und seine Schönheit nicht verges-
sen. Aber mehr als alles liebte Adam Gott, und diese Liebe zog ihn mit ganzer Kraft zu ihm.

71
«0 Adam, du siehst, mein schwacher Geist kann deine Sehnsucht nach Gott nicht fassen, auch nicht, wie
du die Bürde der Buße getragen hast. Du siehst, wie ich, dein Kind, auf Erden leide. Gering ist das Feuer der
Liebe in mir - und fast erloschen. Adam, sing uns den Gesang des Herrn, damit meine Seele sich erhebe und
bewegt werde, ihn zu 10 ben und zu preisen, so wie im Himmel die Cherubim und Seraphim den Herrn lob-
preisen, wie alle Engelscharen ihm das dreimal heilige Loblied singen. Urvater Adam, sing uns den Gesang
des Herrn, daß die ganze Welt ihn höre und alle deine Söhne ihren Geist zu Gott erheben, daß alle sich er-
quicken an dem himmlischen Lied und ihren Kummer auf Erden vergessen.» Der Heilige Geist ist Liebe und
Sanftmut für die Seele, für den Verstand und den Körper. Wer Gott durch den Heiligen Geist gekannt hat,
kann sich nicht an ihm sättigen. Unersättlich strebt er Tag und Nacht zu dem lebendigen Gott, denn groß ist
die Süße der göttlichen Liebe, und wenn die Seele die Gnade verliert, dann sucht sie aufs neue unter Tränen
den Heiligen Geist. Aber der Mensch, der Gott nicht durch den Heiligen
Geist erkannt hat, kann ihn nicht unter Tränen suchen, und unaufhörlich liegt seine Seele im Kampf mit
den Leidenschaften. Sein Geist ist im Irdischen befangen und kann nicht zur Kontemplation gelangen, noch
kann er Jesus Christus erkennen. Jesus Christus wird im Heiligen Geist erkannt. Adam kannte Gott und das
Paradies; und nach dem Sündenfall suchte er Ihn unter Tränen.

«0 Adam, unser Vater, sprich zu uns, deinen Söhnen, vom Herrn. Deine Seele kannte Gott auf Erden. Sie
kannte auch das Paradies, seine Süße und seine Freude. Jetzt bist du im Himmel und siehst die Herrlichkeit
des Herrn. Erzähle uns, wie unser Herr durch seine Passion verherrlicht wurde. Sprich zu uns von den Ge-
sängen, die man im Himmel singt, und von ihrer Süße, denn sie werden im Heiligen Geist gesungen. Sprich
zu uns von der Herrlichkeit Gottes, die du schaust. Erzähle uns von der Gottesmutter, wie sie erhöht und
gepriesen wird im Himmel. Erzähle uns von der Freude der Heiligen im Himmel, wie sie in Demut vor Gott
stehen, strahlend in der Gnade. Adam, unser Vater, in Trübsal sind wir auf Erden, wir, deine Kinder, die du
vergißt. Tröste und erfreue unsere betrübten Seelen. Sieh, die ganze Erde leidet ... Kannst du in der Fülle der
Liebe Gottes dich unser nicht erinnern? Oder siehst du die Mutter Gottes in ihrer Herrlichkeit und kannst
dich nicht von diesem Anblick trennen? Warum willst du uns nicht ein Wort des Trostes sagen? Uns, die wir
betrübt sind, damit wir die Bitternis der Erde vergessen. Du siehst, Vater, unser Leid auf Erden - sag uns ein
Wort des Trostes!» Und Adam spricht: «Seht, meine Kinder, meine Seele ist von der Liebe zu Gott erfüllt, sie
erfreut sich seiner Schönheit. Wer vor dem Angesicht des Allerhöchsten steht, kann irdischer Dinge nicht
gedenken.»

«0 Adam, unser Vater, du hast uns, deine Waisen, verlassen. Leben wir doch hier auf Erden im Elend. Sag
uns, was wir tun sollen, um Gott zu gefallen. Schau auf deine Kinder, verstreut sind sie auf Erden, und ver-
wirrt ist ihr Geist. Vergessen haben viele den Herrn und leben am Abgrund der Hölle.» «Stört mich nicht. Ich
schaue die Gottesmutter in Herrlichkeit. Ich schaue die heiligen Apostel und Propheten, und alle gleichen
sie unserem Herrn Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Ich wandle durch die himmlischen Gärten, und überall
schaue ich die Herrlichkeit des Herrn, denn der Herr ist in mir und hat mich ihm ähnlich gemacht. Der Herr
verherrlicht den Menschen und macht ihn ihm ähnlich.»

«0 Adam, wir sind ja deine Kinder. Lehre uns, die wir hier auf Erden leiden, wie wir Erben des Paradieses
werden können, damit auch wir, wie du, die Herrlichkeit des Herrn schauen können. Unser Herz sehnt sich
nach dem Herrn. Du aber weilst in den Himmeln und erfreust dich an der Herrlichkeit des Herrn. Wir flehen
dich an, tröste uns.» «Warum ruft ihr mich, meine Kinder? Der Herr liebt euch, er gab euch die Gebote, hal-
tet sie. Liebt einander, so findet ihr Frieden in Gott. Tut Buße zu jeder Stunde für eure Sünden.

72
<Wer mich liebt, den liebe ich - wer mich preist, den preise ich>, sagt der Herr.» «Bitte für uns, deine Kinder,
Adam. Unsere Seele ist betrübt und erfüllt von Leid. Du weilst im Himmel und schaust den Herrn, du siehst
die Cherubim und Seraphim und alle Heiligen. Sieh, auch wir sehnen uns nach Gott. Doch nur gering ist das
Feuer der Liebe in uns. Flöße du uns ein, was wir tun sollen, um dem Herrn wohlgefällig zu sein und das
Himmelreich zu erlangen.»
Und Adam antwortet: «Stört nicht meinen Frieden, meine Kinder, denn durch die Süße der Liebe Gottes
kann ich mich nicht mehr an die Erde erinnern.» «0 Adam, unsere Seelen sind voll Sehnsucht, und die Lei-
den erdrücken uns. Sag uns ein Wort des Trostes. Sing uns eines der Lieder, die du im Himmel hörst, damit
es die ganze Erde hört und die Menschen ihr Elend vergessen ... 0 Adam, wir sind zu Tode betrübt.» «Stört
nicht meinen Frieden. Vergangen ist die Zeit meiner Leiden, die himmlische Schönheit und die Wonne des
Heiligen Geistes lassen mich die Erde vergessen. Aber sagen will ich euch: Der Herr liebt euch, lebt auch ihr
in der Liebe, seid gehorsam und demütig. Dann wird der Geist Gottes in euch sem. Sanft zieht er in die Seele
ein und gibt ihr Frieden, und ohne Worte bezeugt er ihr das Heil. Singt Gott in Liebe und Demut des Geistes,
denn darüber freut sich der Herr.» «0 Adam, unser Vater, was also sollen wir tun? Wir singen, aber wir haben
weder Liebe noch Demut.»

«Tut Buße vor dem Herrn und bittet. Wer bittet, dem wird er geben. Buße tat auch ich, viele Leiden trug ich,
da ich Gott betrübte, da durch meine Sünde die Liebe verlorenging und der Frieden von der Erde wich. Un-
aufhörlich rannen meine Tränen, und meine Klagen erfüllten die Wüste. Ihr könnt meinen Kummer nicht
verstehen, könnt nicht verstehen, wie ich mich nach dem Paradies sehnte. Denn fröhlich war ich im Para-
dies, der Geist Gottes machte mich froh, und keinerlei Leiden kannte ich.

Aber als ich aus dem Garten Eden vertrieben war, da begannen Hunger und Kälte mich zu quälen, die Tiere
begannen mich zu fürchten, die mich vordem liebten - und flohen scheu vor mir. Böse Gedanken quälten
mich, unter Sonne und Wind hatt' ich zu leiden, Regen fiel auf mich. Mich plagten Krankheit und Not und
alles Leid der Erde. Ich littaber meine Seele vertraute auf Gott.

So tragt auch ihr die Mühen der Buße, demütigt euch und liebt die Feinde, damit der Heilige Geist in euch
einkehrt, damit ihr Gott erkennt und das Himmelreich erlangt. Belästigt mich nun nicht länger: Jetzt habe
ich durch meine Liebe zu Gott die Erde und alles, was in ihr ist, vergessen, sogar das verlorene Paradies,
denn ich sehe die Herrlichkeit des Herrn und die Herrlichkeit der Heiligen. Auch sie erstrahlen im Licht, das
vom Antlitz Gottes kommt, und sind Ihm ähnlich geworden.»

«0 Adam, sing uns ein Lied des Himmels, damit es die ganze Erde hören und sich an dem Frieden in der Lie-
be Gottes erfreuen kann. Gern möchten wir diese Lieder hören: Sie sind süß, denn sie werden im Heiligen
Geist gesungen.» Adam hatte das irdische Paradies verloren und suchte es unter Tränen: «Mein Paradies,
mein Paradies, mein wunderbares Paradies!» Aber der Herr öffnete ihm durch seine Liebe am Kreuz ein
anderes Paradies, ein besseres als das erste, ein Paradies in den Himmeln, wo das Licht der Heiligen Dreiei-
nigkeit erstrahlt. Wie können wir dem Herrn seine Liebe vergelten?

73
XIV
Begebenheiten, Gespräche und Betrachtungen

In meiner Kindheit dachte ich gern über die Himmelfahrt des Herrn nach. Ich dachte an die Mutter Gottes
und an die heiligen Apostel, die seine Himmelfahrt gesehen hatten. Als ich aber in den Jahren meiner Jugend
die Gnade verlor, verwilderte meine Seele; ich fand Gefallen an der Sünde und erinnerte mich jetzt nur noch
selten der Himmelfahrt des Herrn. Dann aber erkannte ich mein sündhaftes Leben, und es bekümmerte
mich, daß ich den Herrn betrübt und die Zuversicht zu Gott und der Gottesmutter verloren hatte. Die Sünde
wurde mir zuwider, und in meiner Seele beschloß ich, in ein Kloster zu gehen und zu Gott dem Barmherzi-
gen um Vergebung zu flehen.

Nach Beendigung meiner Militärzeit trat ich ins Kloster ein; bald aber befielen mich Gedanken des Zwei-
fels, die mich in die Welt zurücktreiben wollten, um zu heiraten. Doch dann sagte ich entschieden zu mir
selbst: «Hier will ich sterben für meine Sünden.» Inbrünstig betete ich, daß Gott mir meine vielen Sünden
vergeben möchte. Eine Zeitlang überfiel mich Verzweiflung, und mir schien, daß Gott mich verstoßen habe,
daß es für mich keine Rettung gebe und meine Seele das ewige Verderben sehen würde. Ich glaubte, Gott sei
unbarmherzig und unerbittlich. So quälend waren diese Gedanken, daß ich mich daran nur mit Schaudern
erinnern kann, und der Seele fehlt die Kraft, sie lange zu ertragen. In solchen Minuten könnte man für ewig
verlorengehen. Gott der Barmherzige aber ließ zu, daß der Geist der Bosheit meine Seele bedrohte.

Eines Tages, während des Abendgottesdienstes, betete ich vor der Ikone des Heilands, indem ich auf das
Bildnis schaute: «Herr Jesus Christus, erbarme dich über mich Sünder» (Lukas I 8,1}). Bei diesen Worten er-
blickte ich an Stelle der Ikone den lebendigen Herrn, und die Gnade des Heiligen Geistes erfüllte meine Seele
und meinen Leib. Im Heiligen Geist erkannte ich, daß Jesus Christus Gott ist, und mich erfaßte der Wunsch,
für Christus zu leiden. Von dieser Zeit an brannte meine Seele in der Liebe zu Gott. Nichts Irdisches erfreut
mich mehr. Gott ist meine Wonne und meine Stärke, er ist meine Weisheit und mein Reichtum. Lob und
Preis sei deiner Barmherzigkeit, 0 Herr, der du der Seele zu wissen gibst, wie sehr du dein Geschöpf liebst,
und dich, ihren Gebieter und Schöpfer, hat meine Seele erkannt.

Der Herr hat sich der Seele des Menschen hinreichend geoffenbart; und voller Freude entbrennt die Seele
in Liebe zu ihrem Schöpfer: «Wie barmherzig ist unser Gott!» Und an diesem Punkt hört alles Denken auf.
Die Seele ist zufrieden in Gott. Er gibt ihr Frieden, und in ihm vergißt sie die Erde. Sie liebt nur den einen
Herrn, und in nichts findet sie Ruhe als in ihrem Schöpfer. Aber manchmal weint sie heiße Tränen: «Warum
habe ich meinen so gütigen Herrn beleidigt? « Der Herr rief die sündige Seele zur Buße, und sie wandte sich
um zu ihm; er nahm sie gnädig an und offenbarte sich ihr. Des Menschen Seele erkannte Gott, den überaus
Gütigen, und gewann ihn unendlich lieb. Sie drängt zu ihm, unersättlich in der Fülle der heißen Liebe, und
kann ihn nicht vergessen, nicht einen Augenblick. Wird aber die Gnade geringer,so erfaßt die Seele Traurig-
keit, und sie bittet den Herrn von neuem um diese Gnade, die sie gekostet hat. Manche verzweifeln, weil sie
denken, daß Gott ihnen ihre Sünden nicht vergibt. Solche Gedanken kommen vom Bösen. So groß ist die
Barmherzigkeit Gottes, daß wir sie nicht zu fassen vermögen. Wessen Seele erfüllt ist von der Liebe Gottes
und des Heiligen Geistes, der weiß, wie sehr der Herr den Menschen liebt. Verlieren wir aber diese Liebe, so
trauert die Seele und sehnt sich nach ihr; nirgends will dann der Sinn verweilen, er sucht allein Gott. Ein
Diakon erzählte: «Mir erschien einmal der Satan und sagte: <Ich liebe die Stolzen, sie gehören mir.

74
Dich werde ich holen, denn du bist stolz.> Ich aber antwortete dem Teufel, daß ich schlechter sei als alle
anderen, und da verschwand er.»

Ähnliches erfuhr ich auch, als mir die bösen Geister erschienen. Ich erschrak, aber ich rief zu Gott: «Herr, du
siehst, daß die Bösen mich nicht beten lassen. Gib mir ein, was ich tun soll, damit sie mich verlassen.» Der
Herr sprach in meiner Seele: «Die Stolzen haben immer unter den Dämonen zu leiden.» Und ich bat: «Herr,
lehre mich, was soll ich tun, damit meine Seele demütig bleibt?» Und ich vernahm die Antwort in meiner
Seele: «Halte dich bewußt in der Hölle und verzweifle nicht.» Von da an tat ich so, und ich erlangte Frieden
in Gott. So lehrt der Herr meine Seele, sich zu demütigen. Unfaßbar erschien mir der Herr und labte meine
Seele mit Liebe, dann aber verhüllte er sich vor mir, und nun sehne ich mich nach ihm Tag und Nacht. Er, der
barmherzige und gute Hirt, sucht sein Schäflein auf, das schon von den Wölfen verwundet war, und verjagte
sie.

Meine Seele kennt die Güte des Herrn zu uns sündigen Menschen, und wahrlich, vor dem Angesicht Gottes
sage ich es: Jeder kann errettet werden, keine Seele geht verloren, wenn sie Buße tut. Wende dich von gan-
zem Herzen zu Gott und sprich: «Herr, vergib mir.» Laß nie den Gedanken in dir aufkommen, daß der Herr
nicht vergibt, denn seine Gnade verweigert nicht die Vergebung, er vergibt und heiligt zugleich. So lehrt es
der Heilige Geist in unserer Kirche. Durch den Heiligen Geist erkennen wir die Liebe Gottes zu uns, die der
Herr auf seine Knechte ausgießt, damit sie für alle Menschen beten. Ich könnte es nicht wissen, wenn die
Gnade es mich nicht gelehrt hätte. Aber denkt nicht, daß ich in großer Gnade stehe oder daß ich in Verblen-
dung (Prelest) gefallen sei. Nein. Ich habe nur die Gnade in ihrer Vollkommenheit erkannt; ich selbst bin
sündig und schlecht. Ich habe das Schima (höchster Stand des Mönchgelübdes) erhalten, aber ich bin dieses
Standes unwürdig. Heldentaten des Glaubens habe ich nicht vollbracht, der Herr aber ließ mich die Gnade
des Heiligen Geistes kosten, die die Seele den Weg erkennen lehrt, der in das Reich Gottes führt.

Ich bin betrübt, daß ich gar so unnütz lebe. Ich weiß, daß ich sündig und ungebildet bin, aber ich will dem
Herrn dienen mit all meiner Kraft. Wie groß ist die Güte Gottes! Auch mich, einen abscheulich schlechten
Menschen, liebt der Herr. Er selbst ist Liebe, und alle ruft er gnädig zu sich: «Kommt zu mir, die ihr mühse-
lig und beladen seid» (Matthäus II,28). Es gibt auch heute noch eifrige Glaubensstreiter, die aber der Herr
dadurch verborgen hält, daß sie nicht offenkundig Wunder vollbringen. In ihrer Seele geschehen jedoch
jeden Tag geheimnisvolle Wunder, die Menschen sehen sie nur nicht.Seht, welch ein Wunder mit der Seele
geschieht, die sich demütigt: Freude, Innigkeit und Licht ziehen bei ihr ein; wenn sie aber zur Hoffart neigt,
fällt sie in Betrübnis und Verzagtheit.

Wer sich nicht aufrichtig bemüht und Buße tut, wird solches nie erfahren und die Gnade nicht wahrneh-
men. In seiner Güte gab uns der Herr die Buße, und es können alle, ohne Ausnahme, durch die Buße gerettet
werden. Unsere Gedanken sind sündig, Tag und Nacht, aber sobald ich nur sage: «Vergib mir, Herr, denn ich
bin ohnmächtig und schwach, schenke mir deinen Frieden, den du deinen Knechten verleihst», spüre ich
sogleich den Frieden in meiner Seele.

Der Herr sagte: «Selig sind die Friedfertigen» (Matthäus 5,9). Und ich dachte bei mir: Ich will teils das Schwei-
gen üben, teils aber versuchen, andere zu versöhnen und Frieden zu stiften. Darum zog ich in die Nähe eines
oft sehr mißgestimmten Bruders und begann, mich mit ihm zu unterhalten und auf ihn einzureden, daß er
doch mit den anderen in Frieden leben und allen verzeihen solle.

75
Eine Weile duldete er es, dann aber wurde er gegen mich so aufgebracht, daß ich sogar die Zelle verlassen
mußte. Viel weinte ich vor Gott, daß der Friede nicht erhalten werden konnte. Aber ich begriff, daß man
den Willen Gottes suchen und so leben muß, wie er will, und sich nicht selbst besondere Taten (Podwig)
ausdenken soll. Darin habe ich oft geirrt. Es ist schwer, ohne geistlichen Führer (Starez) zu leben; denn die
unerfahrene Seele versteht Gottes Willen nicht, und sie hat viel zu erdulden, bevor sie gelernt hat, demütig
zu sein.

Ganz am Anfang, als ich noch ein junger Novize war, sagte ich meinem Beichtvater, daß ich einen sinnlichen
Gedanken angenommen hätte, und der Beichtvater antwortete: «Tu das nie wieder!» Seit dieser Zeit sind
fünfundvierzig Jahre vergangen, und ich habe nicht ein einziges Mal einen unreinen Gedanken angenom-
men. Auch war ich nicht ein einziges Mal über jemanden zornig, denn meine Seele erinnert sich an die Liebe
des Herrn und an die Süße des Heiligen Geistes, und ich vergesse die Beleidigungen. Einst schickte der Va-
ter Abt den Vater S. auf ein Schiff, aber dieser weigerte sich - er wollte lieber Bäume fällen. Beim Fällen der
Bäume wurde er so schwer verletzt, daß er lange Zeit im Krankenhaus liegen mußte und nun Buße tat für
seinen Ungehorsam. Auch ich wollte einmal einen Klosterdienst nach meinem Willen vollbringen. Ich war
damals in der Wirtschaft des Klosters beschäftigt, wollte aber gern nach dem Stary Russik, der Stille wegen.
Dort wurde streng gefastet und außer sonnabends und sonntags kein Öl gegessen. Wegen des strengen Fas-
tens gingen nur wenige dorthin. Gastvater war zu jener Zeit Vater Serapion, der nur Brot und Wasser zu sich
nahm. Nach ihm wurde Vater Onissofor Gastvater, der durch seine Güte und Demut sowie durch seine Rede-
gabe viele Menschen anzog. Er war so sanftmütig und demütig, daß man ohne Worte - wenn man ihn nur
anschaute - schon besser wurde; ein solcher Friede ging von diesem Mann aus. Mit ihm lebte ich lange Zeit.
Dort wa auch Vater Sawin, der sieben Jahre nicht mehr im Bett geschlafen hatte. Zu dieser Zeit lebte dort
Vater Dossifej, ein in jeder Hinsicht vorbildlicher Mönch. Und Vater Anatolij war dort, ein Schimonach, der
die Gabe der Buße hatte und - wie er sagte - die Wirkung der Gnade erst jetzt, nach vielen Jahren, erkannte.
Im Stary Russik lebte auch Vater Israil. Ihm war die Gottesmutter erschienen. Er war schon sehr alt und
hatte den heiligen Seraphim von Sarow gesehen. Bei dem Häuschen, da wo jetzt der Gemüsegarten ist -
stand hohes Gras, und ich mähte es. Vater Israil saß auf einem Bänkchen unter einer grünen Eiche, in den
Händen die «Tschotki» (Gebetsschnur), und ich gin zu ihm. Ich war noch ein junger Mönch, ehrfurchtsvoll
verneigte ich mich vor ihm und sagte: «Segne mich, Vater.» - «Gott segne dich, du Kind Christi», erwiderte
er liebevoll.

«Seht, Väterchen», sagte ich zu ihm, «Ihr seid hier allein, und gut läßt sich hier das geistliche Gebet ver-
richten.» «Gebet kann nicht ohne Geist sein», sagte er, «aber schau, wir sind ohne Geist» (die Antwort des
Vaters Israd an den jungen Mönch Siluan ist ein Wortspiel, das sich nicht genau wiedergeben läßt). Den
Sinn dieser Worte hatte ich nicht verstanden; ich schämte mich, und wagte nicht, ihn zu fragen. Später erst
verstand ist, was es heißt: «Wir aber sind ohne Geist» - weil wir nicht leben, wie es sich gehört, weil wir nicht
verstehen, Gott zu dienen.

Zu diesen Asketen wollte ich gehen, um mit ihnen zu leben. Mit Mühe «erbettelte» ich mir beim Abt die
Erlaubnis, und ich verließ die Wirtschaft. Aber es war Gott nicht wohlgefällig, daß ich dort lebte, und nach
anderthalb Jahren nahm man mich in meinen alten Klosterdienst, in die Bauwirtschaft, zurück. Im Stary
Russik hatte ich mir den Kopf erkältet, und seitdem schmerzt er ständig. So strafte mich der Herr für meine
Eigenwilligkeit, dafür, daß ich auf dem Wunsch bestanden hatte, aus der Wirtschaft in die Einsamkeit zu
gehen, um für das Gebet freier zu sein.

76
Es war der Wille des Herrn, daß ich mein Leben im Kloster als Ökonom verbringe. Aber viel später erst be-
griff ist, daß jeder und sie hat viel zu erdulden, bevor sie gelernt hat, demütig zu sem.

Ganz am Anfang, als ich noch ein junger Novize war, sagte ich meinem Beichtvater, daß ich einen sinnlichen
Gedanken angenommen hätte, und der Beichtvater antwortete: «Tu das nie wieder!» Seit dieser Zeit sind
fünfundvierzig Jahre vergangen, und ich habe nicht ein einziges Mal einen unreinen Gedanken angenom-
men. Auch war ich nicht ein einziges :Mal über jemanden zornig, denn meine Seele erinnert sich an die
Liebe des Herrn und an die Süße des Heiligen Geistes, und ich vergesse die Beleidigungen. Einst schickte der
Vater Abt den Vater S. auf ein Schiff, aber dieser weigerte sich - er wollte lieber Bäume fällen. Beim Fällen der
Bäume wurde er so schwer verletzt, daß er lange Zeit im Krankenhaus liegen mußte und nun Buße tat für
seinen Ungehorsam. Auch ich wollte einmal einen Klosterdienst nach meinem Willen vollbringen. Ich war
damals in der Wirtschaft des Klosters beschäftigt, wollte aber gern nach dem Stary Russik, der Stille wegen.
Dort wurde streng gefastet und außer sonnabends und sonntags kein Öl gegessen.

Wegen des strengen Fastens gingen nur wenige dorthin. Gastvater war zu jener Zeit Vater Serapion, der nur
Brot und Wasser zu sich nahm. Nach ihm wurde Vater Onissofor Gastvater, der durch seine Güte und De-
mut sowie durch seine Redegabe viele Menschen anzog. Er war so sanftmütig und demütig, daß man ohne
Worte - wenn man ihn nur anschaute - schon besser wurde; ein solcher Friede ging von diesem Mann aus.
Mit ihm lebte ich lange Zeit. Dort war auch Vater Sawin, der sieben Jahre nicht mehr im Bett geschlafen
hatte. Zu dieser Zeit lebte dort Vater Dossifej, ein in jeder Hinsicht vorbildlicher Mönch. Und Vater Anatolij
war dort, ein Schimonach, der die Gabe der Buße hatteund - wie er sagte - die Wirkung der Gnade erst jetzt,
nach vielen Jahren, erkannte. Im Stary Russik lebte auch Vater IsraiL Ihm war die Gottesmutter erschienen.
Er war schon sehr alt und hatte den heiligen Seraphim von Sarow gesehen. Bei dem Häuschen, da wo jetzt
der Gemüsegarten ist - stand hohes Gras, und ich mähte es. Vater Israil saß auf einem Bänkchen unter einer
grünen Eiche, in den Händen die «Tschotki» (Gebetsschnur), und ich gin zu ihm. Ich war noch ein junger
Mönch, ehrfurchtsvoll verneigte ich mich vor ihm und sagte: «Segne mich, Vater.» - «Gott segne dich, du
Kind Christi», erwiderte er liebevoll

«Seht, Väterchen», sagte ich zu ihm, «Ihr seid hier allein, und gut läßt sich hier das geistliche Gebet ver-
richten.» «Gebet kann nicht ohne Geist sein», sagte er, «aber schau, wir sind ohne Geist» (die Antwort des
Vaters Israil an den jungen Mönch Siluan ist ein Wortspiel, das sich nicht genau wiedergeben läßt). Den
Sinn dieser Worte hatte ich nicht verstanden; ich schämte mich, und wagte nicht, ihn zu fragen. Später erst
verstand ist, was es heißt: «Wir aber sind ohne Geist» - weil wir nicht leben, wie es sich gehört, weil wir nicht
verstehen, Gott zu dienen.

Zu diesen Asketen wollte ich gehen, um mit ihnen zu leben. Mit Mühe «erbettelte» ich mir beim Abt die
Erlaubnis, und ich verließ die Wirtschaft. Aber es war Gott nicht wohlgefällig, daß ich dort lebte, und nach
anderthalb Jahren nahm man mich in meinen alten Klosterdienst, in die Bauwirtschaft, zurück. Im Stary
Russik hatte ich mir den Kopf erkältet, und seitdem schmerzt er ständig. So strafte mich der Herr für meine
Eigenwilligkeit, dafür, daß ich auf dem Wunsch bestanden hatte, aus der Wirtschaft in die Einsamkeit zu
gehen, um für das Gebet freier zu sein. Es war der Wille des Herrn, daß ich mein Leben im Kloster als Öko-
nom verbringe. Aber viel später erst begriff ist, daß jeder den Platz versehen muß, an den er gestellt ist; denn
unsere Errettung ist nicht von unserer Stellung abhängig. Man muß den Willen Gottes in den Anordnungen
des Vorgesetzten erkennen und nicht auf seinen eigenen Wünschen bestehen.

77
Als der Rat (der Klosterstarzen) mir den Dienst eines Verwalters auferlegte, ging ich in meine Zelle und
betete: «Herr, du übergibst mir die Sorge um unsere große Abtei; hilf mir, diese Arbeit auszuführen.» Ich
vernahm in meiner Seele die Antwort: «Gedenke der Gnade des heiligen Geistes und bemühe dich, sie zu
erlangen. »

Meine Seele ist betrübt, denn wegen meiner Krankheit kann ich dem Herrn nicht genügend dienen. Mein
Kopf schmerzt bis zur Qual, aber die Gnade, die alle Krankheiten überwindet, ist mir nicht gegeben. Wer
sich in großer Gnade befindet, sehnt sich danach, zu leiden. Die Märtyrer ertrugen mit Freuden jede Qual
aus Liebe zum Herrn, denn ihre Seele war von großer Gnade erfüllt. Doch auch wir müssen Krankheit ge-
duldig tragen. Krankheit und Armut machen den Menschen demütig. - Einst besuchte ich den kranken Vater
S. und fragte ihn, wie es ihm gehe. Er aber, durch die lange Krankheit ungeduldig geworden, warf statt einer
Antwort seine Kappe auf die Erde. Ich sagte zu ihm: «Danke Gott für deine Krankheit, Bruder, denn sonst
wird dir das Sterben schwer werden. Sieh, man wird dich bald in das Schima aufnehmen, und die Gnade
wird dich in deiner Trübsal trösten.»

Am Tag nach seiner Aufnahme ging ich zu ihm, um ihm zu gratulieren. Mit Tränen in den Augen sagte er:
«Wie bei der heiligen Taufe, ohne mein Verdienst, gab mir der Herr seine Gnade.» Von nun an ertrug er seine
Krankheit leicht und starb in großem Frieden.

Ein Asket fragte mich: «Weinst du auch über deine Sünden?» - «Wenig», sagte ich, «aber die Verstorbenen
beweineich vieL» Er erwiderte: «Weine du über dich, der anderenwird sich Gott erbarmen.» Ich gehorchte
und hörte auf, umder Toten willen zu weinen; aber da hörten auch die Tränenüber mich selber auf. Einige
Zeit später sprach ich mit einemanderen Asketen, der die Gabe der Tränen hatte und viel derLeiden des
Herrn, unseres Erlösers und Königs der Herrlichkeit,gedachte; er vergoß viele Tränen, Tag für Tag. Aufmeine
Frage sagte er: «Oh, wenn es möglich wäre, würdeich alle aus der Hölle herausholen, erst dann wäre meine-
Seele ruhig und froh.» Dabei machte er mit den Händen eineBewegung, als wenn er Garben auf dem Feld
sammle, undTränen rannen über sein Gesicht. Von da an unterließ ichnicht mehr das Gebet für die Verstor-
benen. Die Tränen kamenwieder, und weinend betete ich.

Im Alter erkannte ich, welche Kraft die Gewohnheit hat. Auch die Seele und der Geist unterliegen Gewohn-
heiten; woran sich der Mensch gewöhnt, das tut er. Gewöhnt er sich an die Sünde, dann wird es ihn ständig
dorthin ziehen, und die Dämonen helfen ihm dabei. Gewöhnt er sich aber an das Gute, so hilft ihm Gott mit
seiner Gnade. Wer sich daran gewöhnt, unablässig zu beten, den Nächsten zu lieben und im Gebet für die
Welt zu weinen, dessen Seele wird danach immer Verlangen haben; und wer gewohnt ist, mildtätig, gehor-
sam und seinem geistlichen Vater gegenüber aufrichtig zu sein, der kann gar nicht anders handeln, und er
wird den Frieden finden in Gott.

Wenn du aber andere verurteilst, ungehorsam und unmäßig bist, wenn du nicht aufrichtig beichtest, dann
wirst du dich der Ränke des Widersachers nicht erwehren können und dich von den schlechten Gedanken
nicht befreien. Beweine deine Sünden und liebe deinen Bruder, dann gibt dir der Herr die Tränen für die
ganze Welt.

Es gibt Menschen, deren ganzes Herz sich Tieren zuwendet. Sie beachten aber nicht die Liebe Gottes und
verlieren dadurch auch die Liebe zu den Brüdern. Sein Herz an Tiere zu hängen ist unvernünftig. Gib dem
Tier Nahrung und schlage es nicht. Darin besteht die Liebe des Menschen zu ihm.

78
Denk immer zuerst an das Gebot Christi, Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit dem
ganzen Gemüt (Matthäus 22,37); Deuteronomium 6,S).

Einst kam mir der Gedanke, frischen Fisch zu kaufen. Eigenes Geld hatte ich nicht, aber Klostergeld, und
ich hätte den Fisch kaufen können, doch ich wollte meine asketische Regel nicht verletzen. Allein, dieser
Gedanke beschäftigte mich derart, daß ich sogar in der Kirche während der Liturgie an Fisch dachte. Dann
verstand ich, daß dies vom Böse kam, und erkannte durch die Barmherzigkeit Gottes, daß die Gnade wohl
hilft, mäßig zu essen, der Widersacher uns aber dazu bringt, das Übermaß und den Genuß am Essen gern
zu haben.

Drei Tage hatte ich mich mit diesem Gedanken gequält und konnte ihn kaum durch Gebet und Tränen ver-
treiben. So schwer ist es, selbst mit solch kleinen Versuchungen fertig zu werden.

Auf einem Klostergut geschah mir Folgendes: Ich esse zur Genüge, aber nach zwei Stunden kann ich ebenso-
viel essen. Ich begann mein Gewicht zu prüfen, und was geschah - in drei Tagen hatte ich enorm zugenom-
men. Ich begriff, daß dies eine Versuchung war; denn der Mönch soll seinen Leib «ausdörren» lassen, damit
es bei ihm keine Bewegung gebe, die ihn beim Beten stört. Ein voller Leib hindert am reinen Gebet, und der
Geist Gottes kehrt nicht ein in den gesättigten Leib. Aber man muß auch das Maß des Fastens kennen,
um sich nicht unzeitig zu schwächen und dadurch den auferlegten Dienst nicht erfüllen zu können. Ich
kannte einen Novizen, der seinen Leib durch Fasten so ausgedörrt hatte, daß er vor Schwäche vorzeitig
starb. Ich erinnere mich, daß ich einmal in der Maria-Schutz Kathedrale beim Abendgottesdienst den Pries-
ter Vater N., der den Akathist (den Lobgesang auf die Gottesmutter) las, ansah und dabei dachte: Der Pries-
termönch ist so dick, daß er sich nicht tief genug verbeugen kann. In dem Augenblick, als ich mich selbst zu
verbeugen begann, schlug mich jemand unsichtbar ins Kreuz. Ich wollte schreien, aber wegen der heftigen
Schmerzen konnte ich es nicht. So strafte mich der Herr auf barmherzige Weise und gab mir zu verstehen,
daß man andere nicht kritisieren soll.

Unlängst war Feuer ausgebrochen im Skit zum heiligen Stephan. Der Mönch aus diesem Skit war draußen,
als die Kelia zu brennen anfing. Er stürzte ins Innere, um einige Sachen zu retten, und verbrannte selbst.
Hätte er aber Gott angerufen und gesagt: «Herr, ich möchte dieses und jenes retten, gib mir ein, ob ich es tun
kann», so hätte ihm der Herr bestimmt eingegeben, was er tun sollte, ob hineingehen oder nicht. So nahe
ist uns Gott, und so sehr liebt er uns. Oft habe ich in der Stunde der Not den Herrn gefragt, und ich habe
immer eine Antwort erhalten. Diese Liebe können wir mit unserem Verstand nicht fassen, sondern einzig
durch die Barmherzigkeit Gottes und die Gnade des Heiligen Geistes. Vielleicht wird jemand sagen, solches
geschehe nur mit den Heiligen; ich aber sage, daß Gott auch die großen Sünder liebt und ihnen seine Gnade
gibt, wenn sich ihre Seele nur von der Sünde abwendet. Der Herr nimmt sie mit Freuden auf und bringt sie
zum Vater, und Freude wird sein über sie in allen Himmeln (Lukas IS,7).

Es war im Juli 1932, als Vater Panteleimon aus dem Stary Russik zu mir kam. Ich fragte ihn, wie es ihm gehe,
und mit frohem Gesicht antwortete er: «Oh, ich freue mich sehr.» «Warum freust du dich?» fragte ich. «Die
Brüder lieben mich alle.» «Und warum lieben sie dich?» «Wenn mich jemand wohin schickt, so gehorche
ich", sagte er. Ich aber dachte: Wie leicht ist doch der Weg ins Himmelreich. Er hatte den Frieden, weil er
gehorcht aus Liebe zu Gott. Darum ist ihm in der Seele so wohl. Am 14. September 1932 war auf dem Athos
ein heftiges Erdbeben. Wir befanden uns im Nachtgottesdienst zum Fest der Kreuzerhöhung. Ich stand im
Chor in der Nähe des Beichtraumes, neben mir stand der Vorsteher des Klosters. Im Beichtraum fielen Stei-

79
ne herunter. Das riesige Gebäude des Klosters zitterte, die Ampeln und Leuchter schaukelten, Stuck fiel von
den Wänden, die Glocken auf dem Glockenturm läuteten, sogar die große Glocke schlug an durch die starke
Erschütterung. Erst erschrak ich, beruhigte mich aber bald und sagte: «Gott will, daß wir Buße tun.» Wir
schauten auf die Mönche unten in der Kirche und im Chor, einige waren sehr erschrocken, etwa sechs ver-
ließen die Kirche, die übrigen blieben auf ihren Plätzen. Der Gottesdienst nahm seinen ordnungsgemäßen
Verlauf, so ruhig, als wäre nichts geschehen. Ich dachte: Wie stark ist doch die Gnade des Heiligen Geistes in
den Mönchen, daß sie bei solch heftigem Erdbeben ruhig bleiben können.

Die Seele, die Gott erkannt hat, fürchtet nichts außer der Sünde, besonders aber fürchtet sie die Sünde der
Hoffart. Sie weiß, daß Gott uns liebt - was soll sie fürchten? Der barmherzige Gott mahnt uns, Buße zu tun,
in der Liebe zu leben, von ihm Sanftmut und Demut zu lernen, so daß unsere Seele den Frieden erlangt. Va-
ter Stratonik, ein Einsiedler aus dem Kaukasus, besuchte einige Male den heiligen Berg. Er war ein wunder-
barer Mensch. Sein Wort war demütig und stark, erfüllt von Gottesfurcht und Liebe, und die ihm zuhörten,
empfingen Freude und Trost. Viele, die seinen Lebenswandel sahen, wurden demütig, und manche verzag-
te Seele richtete sich an seinem Wort auf. Die Glaubensbrüder im Kaukasus liebten und verehrten ihn; er
vollbrachte große Glaubenstaten, litt Hitze und Kälte um der Liebe willen. Nie war auf seinen Lippen ein
Murren gegen Gott, seine Seele hatte sich dem Willen Gottes hingegeben, und freudig trug er alle Leiden.
Seine Augen waren ständig voll Tränen. Durch seine Predigt der Buße brachte er viele zurück aus schwerer
Verzagtheit zu eifriger Glaubenstat. In seinen Worten spürte man deutlich die Gnade Gottes. Im Kaukasus
hatte man ihn einmal zu einem Besessenen geführt. Als Vater Stratonik ihn sah, weinte er aus großer Liebe
und sagte: «0 du armes Geschöpf Gottes, wie wirst du durch den Bösen gequält.» Er machte über ihn das
Kreuzzeichen mit den Worten: «Der Herr Jesus Christus heile dich.» Der Kranke wurde sogleich gesund. Von
solcher Kraft waren der Glaube und das Gebet dieses Mannes. Der Herr liebt den Menschen und gibt ihm
Tränen, damit seine Seele sich rein wasche in diesem Wasser, damit sie rein werde, Gott zu schauen im Geist
der Liebe und in der Furcht der Anbetung.

Wir müssen den anfänglichen Eifer mit allen Kräften bis zum Ende unseres Lebens bewahren. Viele aber
verlieren ihn und erlangen ihn nicht wieder zurück. Darum sollen wir ständig des Todes eingedenk und
allezeit zum Sterben bereit sein, so wird die Seele den Tod nicht fürchten, sondern zu Demut und Buße ge-
langen und alles Irdische vergessen; und ohne Ablenkung bewahrt der Geist die Inbrunst im Gebet. Wer an
den Tod denkt, den lockt das Irdische nicht; er liebt den Nächsten und auch seine Feinde, er übt Gehorsam
und Enthaltsamkeit; dadurch bleibt der Friede in der Seele erhalten, und die Gnade des Heiligen Geistes
kehrt bei ihm ein. Hierüber sprachen wir viel mit Vater Stratonik. Er erzählte mir, daß er im Kaukasus sieben
Männern begegnet sei, die die Gnade des Heiligen Geistes gekostet hatten; einige von ihnen aber seien spä-
ter erschlafft, weil sie Gottes Wege nicht erkannt und nicht verstanden hatten, wie der Herr die Seele durch
Prüfungen erzieht. Von all diesem wird in der Schrift und in den Werken der heiligen Väter gesprochen, aber
erst durch die eigene Erfahrung erlangen wir die Erkenntnis darüber. Ich danke dir, Herr, daß du mir heute
deinen Knecht, den jungen Mönch, gesandt hast. Seinen Namen will ich verschweigen, damit er nicht in
Eitelkeit falle und sein heiliges Leben nicht an Wert verliert. Bei unserer Unterhaltung über die Liebe zum
Nächsten sagte mir dieser junge Mönch, daß er während der dreißig Jahre seines Lebens niemals jemandem
eine Kränkung zugefügt habe. Ich schaute auf ihn, und meine Seele wurde demütig vor ihm.

Von Kindheit an hatte seine Seele Gott liebgewonnen, und da er den Herrn im Geiste schaute, wagte er nicht,
irgendjemanden zu betrüben; darum bewahrte ihn der Herr vor der Sünde. Um solcher Menchen willen,
denke ich, bewahrt Gott die Welt, denn an ihnen hat der Herr sein Wohlgefallen, und er erhört immer seine

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demütigen Knechte; uns allen aber ist wohl durch ihre Gebete. Ich danke dir, Herr, daß du mir diesen deinen
Knecht gezeigt hast. Und wie viele Heilige gibt es noch, die wir nicht kennen; aber wir gewahren ihre Nähe,
und unsere Seele wandelt sich in der Demut des Geistes Christi. Der Geist Gottes lebt in den Heiligen, und
die Seele spürt seine Gegenwart. Herr, gib, daß alle Menschen werden wie dieser junge Mönch! Die Gnade
Gottes wäre in reichem Maß in der Welt vorhanden, und die ganze Welt würde strahlen in Herrlichkeit. Die
Seelen der Heiligen kosten den Heiligen Geist schon auf Erden. Und das ist jenes «Reich Gottes», welches
«in uns» ist (Lukas 17,2I).

Gebet ist eine Gabe des Heiligen Geistes. Mit allen Mitteln jedoch versuchen die bösen Geister, uns abzulen-
ken vom Gebet und von jedem Gedanken an Gott. Aber die Seele, die Gott liebt, sehnt sich nach ihm, und
freimütig betet sie: «Nach dir, 0 Herr, sehnt sich meine Seele, und unter Tränen suche ich dich!»

Das Herz des wahrhaft Betenden betet ohne Zwang, die Gnade selbst verrichtet das Gebet im Herzen. Übe
ständig die Demut und halte dich bewußt in der Hölle; denn je mehr du dich demütigst, umso größere Ga-
ben wirst du von Gott erhalten. Lob und Dank sei dem Herrn, denn uns Sündern gibt er, in ihm zu sein. Um
aber in Gott zu verbleiben, mußt du dich begnügen mit dem, was du hast, wenn du auch nichts hättest. Sei
zufrieden und danke Gott, wenn du nichts hast und ihm dienen kannst, und er wird dich zu seinen Heiligen
zählen. Verzeiht mir meine Fehler, Brüder, und ich bitte euch, betet für mich. Die Liebe Gottes drängte mich,
zu schreiben, meine Seele war erfüllt von Gott, und kein fremder Gedanke näherte sich mir. Kein Gedan-
ke störte mich beim Schreiben über den geliebten Herrn. Wenn ich Worte niederschreibe, so weiß ich die
nächsten nicht, sie kommen von selbst, sie werden aus mir geboren. Wenn ich aber aufhöre, dann kommen
und gehen die Gedanken und beunruhigen meinen schwachen und ohnmächtigen Geist; ich klage vor Gott
dem Gütigen, und er erbarmt sich meiner, seines gefallenen Geschöpfes.

Mit meinem Leib liege ich im Staub, mein Geist aber sehnt sich, Gott in seiner Herrlichkeit zu schauen. Ob-
gleich ich ein großer Sünder bin, gab mir der Herr doch die Gnade, ihn im Heiligen Geist zu erkennen, und
meine Seele weiß, wie grenzenlos gütig und barmherzig er ist.

Meine im Herrn geliebten Brüder, Gott der Barmherzige ist Zeuge, daß ich die Wahrheit schreibe. Und merkt
euch, Brüder, täuscht euch nicht: Wer seinen Bruder nicht liebt, der liebt auch Gott nicht. (1. Johannes 4,20).
Hierüber spricht klar die Schrift. Erfüllt sie, Wort für Wort - dann werdet ihr die Barmherzigkeit Gottes
spüren, die die Seele gefangennimmt, denn süß ist die Gnade des Herrn. Meine Seele nähert sich dem Tod
und sehnt sich, den Herrn zu schauen und ewig mit ihm zu sein. Der Herr hat mir meine vielen Sünden ver-
geben und gab mir durch den Heiligen Geist seine große Liebe zu den Menschen zu erkennen. Alle Himmel
staunen über die Menschwerdung des Herrn - wie er, der Allherrscher, herniederkam, uns Sünder zu erlösen
und durch seine Leiden den ewigen Frieden für uns zu erlangen. Die Seele möchte an Irdisches nicht mehr
denken, sie sehnt sich dorthin, wo der Herr ist.

Meine Seele, 0 Herr, ist Tag und Nacht bei dir. Dein Geist drängt mich, dich zu suchen, und die Gedanken
an dich erfreuen meinen Sinn. Meine Seele liebt dich und freut sich, daß du mein Herr und mein Gott bist.
Bis zu Tränen sehne ich mich nach dir. Obwohl die Welt voller Schönheit ist, hält mich nichts, was hier auf
Erden ist, zurück: Meine Seele verlangt nur nach dem Herrn, und wie ein kleines Kind, das seine Mutter ver-
loren hat, drängt sie unablässig zu ihm und ruft: «Meine Seele sehnt sich nach dir, und unter Tränensuche
ich dich.»

81
Die Seele ist durch die Liebe Gottes wie entrückt; sie verharrt in Schweigen und möchte nicht sprechen, sie
blickt auf die Welt, entrückt und ohne Verlangen. Die Menschen wissen nicht, daß sie den geliebten Herrn
schaut, daß die Welt hinter ihr liegt und vergessen ist - denn in ihr ist keine Sünde.

Von solcher Gottesliebe ist die Seele erfüllt, die die Süße des Heiligen Geistes gekostet hat. 0 Herr, gib uns
allen diese Liebe, gib sie deiner ganzen Welt. Heiliger Geist, kehre in unsere Seelen ein, damit wir einmütig
den Schöpfer preisen, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist!

Amen.

Karte
des
Artos

82
Zeittafel

Seit Mitte des 9. Jh.s finden sich Eremiten (Anachoreten) vor allem im Norden des Athos. 893 ist das erste
Kloster sicher bezeugt. Um 1000 erste organisatorische Regelungen: Rat von Ältesten unter Leitung eines
Protos, Vollversammlung der Mönche; der heutige Hauptort des Athos, Karyes, Amtssitz des Protos. Eine
neue Phase in der Geschichte des Mönchtums auf dem Athos beginnt mit Athanasios (gestorben 963), der
die athonischen Mönche zu einer einheitlichen Gemeinschaft zusammenschließt. Gründung des ersten
Großklosters (Megiste Livra) an der östlichen Südspitze, im 1o.Jh. folgen weitere: Vatopädi, Iviron. Förde-
rung dieser Klöster durch das byzantinische Kaiserhaus. 1. Blüteperiode der Mönchsrepublik. 1046 Ver-
fassung durch Konstantin IX. Monomachos; Titel "heiliger Berg». 2. Blütezeit im 13.114. Jh.: Gründung des
serbischen Chilandari und des bulgarischen Zographou. Die Gründungsgeschichte von Chilandari belegt,
daß das russische Panteleimonkloster schon vor II87 bestanden haben muß (der heilige PanteleimonlPan-
telejmon starb II42). In der zweiten Hälfte dieser Epoche Streit um die rechte byzantinische Mystik (Hesy-
chasmus), aus dem Gregorius Pa lamas, Abt des Klosters Esphigmenu, als Sieger hervorgeht. Mit dem 15. Jh.
beginnt eine neue Epoche im inneren Leben der Athosklöster: Die streng koinobitische Lebensform wird
durch die sog. Idiorrhythmie abgelöst (Privatbesitz der Mönche und von der Kommunität abgesonderte
Lebensformen). Seit dem 16.Jh. dorfähnliche Siedlungen (Skitai) zur Wiederherstellung des alten Ideals ei-
nes Arbeit und Gebet verbindenden Lebens. Die Eroberung Salonikis durch die Türken 1430 beeinf1ußt das
innere Leben auf dem Athos nicht. Die Gründung einer höheren Schule 1743 beim Kloster Vatopädi, der
sog. Athonias, soll den Athos zu einem geistig-religiösen Zentrum der Orthodoxie machen, kann sich aber
gegen den Widerstand der Athosmönche nicht entfalten. Die neue Verfassung von 1783 (ergänzt 1924 und
gültig bis heute) bringt demokratische Elemente in die Verwaltung der Mönchsrepublik: Je 1 Vertreter der
20 Hauptklöster wird in den Gesamtrat (Sitz Karyes) entsandt, der für jedes Jahr 4 Epistaten zur Führung
der Geschäfte bestimmt. Im 19. ]h. umfaßt der Anteil russischer Mönche auf dem Athos fast die Hälfte aller
Athoniten (1910: 3500), so daß mit dem Ausbleiben infolge der Oktoberrevolution (1917) die Gesamtzahl der
Athosmönche bald rapide zu sinken beginnt (1960: 1200).

1866 Simeon Iwanowitsch Antonow im Tambowschen Gouvernement, Oka-Don-Gebiet, geboren. Bis zu sei-
ner Einberufung zum Garde-Pionier-Bataillon in Sankt Petersburg(vermut!. 1888/89) Bauer und Tischler in
Schowskoje, Kreis Lebedin.

1892 Abschied von zu Hause und Eintritt in das Panteleimonkloster auf dem Berg Athos.

1938 S'chimonach Vater Siluan stirbt am 24. September im Krankenhaus des Panteleimonklosters (2 Uhr
morgens) und wird am gleichen Tag abends um 10 Uhr begraben. «Sein außergewöhnliches Leben aber
blieb den meisten beinahe ein halbes Jahrhundert verborgen und wurde erst nach seinem Tode richtig er-
kannt» (Archimandrit Sophronius).

83