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AUSGABE 1 / 2012 FNF International News Das Magazin des Bereiches Internationale Politik Thema: Freiheit
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AUSGABE 1 / 2012

AUSGABE 1 / 2012 FNF International News Das Magazin des Bereiches Internationale Politik Thema: Freiheit vs.

FNF International News

Das Magazin des Bereiches Internationale Politik

Thema: Freiheit vs. Korruption

www.freiheit.org

Editorial Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Friedrich-Naumann- Stiftung für die Freiheit, Korruption
Editorial Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Friedrich-Naumann- Stiftung für die Freiheit, Korruption
Editorial Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Friedrich-Naumann- Stiftung für die Freiheit, Korruption

Editorial

Editorial Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Friedrich-Naumann- Stiftung für die Freiheit, Korruption

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit,

Korruption wirkt zersetzend. Nicht nur politische Sys- teme geraten ins Wanken, wenn das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in staatliche Autoritäten und in den Rechtsstaat verloren geht. Auch Gesellschaften reißen auseinander, wenn das tägliche Leben - etwa beim Arztbesuch oder beim Besuch in der Amtsstube - von Willkür geprägt ist und die persönliche Freiheit Schaden nimmt.

Und doch ist die Korruption ein weitverbreitetes Phä- nomen, welches beileibe nicht nur die sog. Entwick- lungs– und Schwellenländern betrifft. Auch beispiels- weise in Europa und Nordamerika führt Korruption zu volkswirtschaftlichen Schäden und gesellschaftlichen Rissen.

Wie reagieren Politik, Wirtschaft und Gesellschaft weltweit auf Korruption? Welchen Beitrag leisten die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und ihre Partner bei der Korruptionsbekämpfung? Lesen Sie hierzu über Beispiele aus unserer weltweiten Arbeit sowie weitere interessante Beiträge unserer Auslands- mitarbeiter.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!

Auslands- mitarbeiter. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre! Ulrich Niemann Bereichsleiter Internationale Politik

Ulrich Niemann Bereichsleiter Internationale Politik

Ulrich Niemann Bereichsleiter Internationale Politik 2 Inhalt Freiheit vs. Korruption Korruption gegen Recht und

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Inhalt

Freiheit vs. Korruption

Korruption gegen Recht und Frei- heit - eine Einführung

S.

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Transparenz ist der Schlüssel:

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Korruption in Lateinamerika

Trotzt die Korruption der Revoluti- on im Mittelmeerraum?

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Afrika: Ein Kontinent im Würgegriff der Korruption

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Der Korruptionswahrnehmungsin- dex von Transparency International

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The Dynamics of Corruption in India

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Nur Freiheit und Demokratie wirken gegen Korruption: Zwei Fallbeispie- le aus der Region Südost– und Ost- asien

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Zwischen Versprechungen, Enttäu- schungen und Hoffnungen: Der schwierige Kampf gegen die Kor- ruption in Osteuropa

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Wehrhafte Demokratie? Korruption in Europa und in den USA

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Politische Berichte online

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www.freiheit.org

FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Korruption gegen Recht und Freiheit - eine Einführung

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Freiheit vs. Korruption

Korruption gegen Recht und Freiheit - eine Einführung

Korruption gegen Recht und Freiheit - eine Einführung Zum ordnungspolitischen Rahmen von Märkten gehört die

Zum ordnungspolitischen Rahmen von Märkten gehört die Sicherung des Eigentums und die garantierte Ver- tragsfreiheit und Vertragssicherheit. Eine funktionie- rende Marktwirtschaft ist also immer ein System, das sich nach allgemeinen und transparenten Rechts- grundsätzen richtet. Konflikte werden von neutralen Rechtsinstanzen entschieden, die diese Rechtsgrund- sätze auf den konkreten Konfliktfall anwenden. Eine solche Marktordnung bringt positive Ergebnisse her- vor: Menschen treten mit anderen Menschen in den Austausch von Waren und Dienstleistungen, der Wett- bewerb zwischen den Anbietern führt zu fallenden Preisen und einer besseren Versorgung und Konflikte werden entweder durch die Geltungsansprüche des Eigentums oder die Einigung über die Vertragsrege- lung vermieden oder von einem unabhängigen Gericht geprüft und entschieden.

Das Übel der Korruption besteht darin, dass durch sie die Markt- und die Rechtsordnung außer Kraft gesetzt werden. Die Korruption gedeiht aber auch da beson- ders, wo diese Markt- und Rechtsordnung ohnehin in erheblichem Maße eingeschränkt oder sogar nicht vorhanden sind. Sie gedeiht zum Beispiel dort beson- ders, wo politisch geschaffene Knappheit vorherrscht. In einem Marktsystem wird Knappheit durch den Preismechanismus geregelt. Der Preis für ein knappes Gut steigt, was die Nachfrage senkt und das Angebot erhöht. Wo Leistungen staatlich rationiert werden, besteht dieser Ausgleichmechanismus nicht. Egal ob es sich dabei um die Beantragung einer Baugenehmi- gung, eines Visums oder um den Zugang zu einer me- dizinischen Leistung handelt, wenn der Zugang zu diesen Gütern extrem rationiert ist, besteht ein Anreiz neben dem offiziellen Preis, etwa einer festgesetzten Gebühr, einen zweiten Preis in Form von Bestechungs-

Gebühr, einen zweiten Preis in Form von Bestechungs- 3 geld festzulegen. Die Höhe des Bestechungsgeldes re-

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geld festzulegen. Die Höhe des Bestechungsgeldes re- gelt dann den Zugang zu knappen Ressourcen.

Ein korruptes politisches System schafft damit jene sozialen Verwerfungen, die Marktkritiker gemeinhin der Marktwirtschaft an sich zuschreiben. Die transpa- rente Wettbewerbsordnung ist aber das Gegenteil des politischen Faustrechts. Walter Eucken beschrieb Wettbewerbspolitik als die beste Sozialpolitik. Der Wettbewerb zwischen Unternehmen führt dazu, dass ohne zusätzliche Innovation die Gewinne von Unter- nehmen in der Regel eher abnehmen und die Preise von Gütern und Dienstleistungen für die Konsumenten sinken. Nicht der Wettbewerb führt zu sozialen Ver- werfungen, sondern die Kartellbildung und Monopol- bildung. Diese Vermachtung von Märkten wird durch Korruption gerade auch in der subtilen Form des politischen Lobbyismus – erst ermöglicht. Wenn der Marktzugang durch die Bestechung politischer Instan- zen, etwa durch die Beeinflussung von Genehmi- gungsverfahren, Manipulation von Ausschreibungen und anderen Marktbarrieren beschränkt wird, dann zahlen die Konsumenten dafür in Form höherer Preise. Der Bestechende und der Bestochene schließen quasi einen Vertrag auf Kosten Dritter. Der Vorteil des Be- stechenden besteht darin, dass er sich einen Vorteil gegenüber dem verschafft, der nicht besticht, und der Vorteil des Bestochenen besteht darin, dass er die Ressourcen anderer veruntreut. Der Staatsbeamte, der einem Antragsteller einen Vorteil zu kommen lässt, um von diesem Zuwendungen zu erhalten, nutzt sei- nen Zugang zu staatlichen Ressourcen, die ihm nicht gehören, und verwendet diese Ressourcen entgegen der Interessen der Eigentümer – der öffentlichen Kör- perschaft bzw. der Steuerzahler.

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Freiheit vs. Korruption

FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Foto: Thorben Wengert/Pixelio In keinem Bereich ist Bestechlichkeit

Foto: Thorben Wengert/Pixelio

In keinem Bereich ist Bestechlichkeit so gefährlich wie im Bereich der Justiz. Die Unabhängigkeit der Justiz und die Gleichheit vor dem Gesetz ist die Grundlage für den inneren Frieden einer Gesellschaft und für die Entwicklung einer Marktordnung. Wenn ein Richter sich bestechen lässt, dann ist die Neutralität der Rechtsinstanz nicht mehr gewährleistet. Das heißt, dass es kein faires Verfahren mehr gibt, nach dem Konflikte entsprechend der allgemeinen Rechtsprinzi- pien gelöst werden können. Wenn man Korruption in einem politischen System bekämpfen will, dann steht die Schaffung einer unabhängigen und neutralen Jus- tiz an erster Stelle. Recht und Freiheit sind eng mitei- nander verbunden. Korruption wuchert immer dort, wo die Freiheit im Übermaß eingeschränkt ist und das für alle verbindliche Recht unterlaufen wird.

Dr. Gérard Bökenkamp Liberales Institut

Bildnachweis Titel: Gerd Altmann/Pixlio

Liberales Institut Bildnachweis Titel : Gerd Altmann/Pixlio In eigener Sache: Neuer Imagefilm des Bereichs
Liberales Institut Bildnachweis Titel : Gerd Altmann/Pixlio In eigener Sache: Neuer Imagefilm des Bereichs

In eigener Sache:

Neuer Imagefilm des Bereichs Internationale Politik online

Neuer Imagefilm des Bereichs Internationale Politik online Die Friedrich-Naumann- Stiftung für die Freiheit setzt sich

Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit setzt sich weltweit für den Liberalismus ein. Ein wichtiger Pfeiler ist dabei die Arbeit des Bereichs Internationale Politik, was dieser alles leistet, können Sie in diesem Imagefilm sehen:

Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit im Web 2.0:

Imagefilm sehen: http://goo.gl/dqPqs Die Friedrich-Naumann- Stiftung für die Freiheit im Web 2.0: www.freiheit.org

www.freiheit.org

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FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Transparenz ist der Schlüssel: Korruption in Lateinamerika

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Freiheit vs. Korruption

Transparenz ist der Schlüssel: Korruption in Lateinamerika

Transparenz ist der Schlüssel: Korruption in Lateinamerika Korruption in Lateinamerika – das Phänomen Bereits 1656

Korruption in Lateinamerika – das Phänomen

Bereits 1656 schrieb der portugiesische Jesuit, Padre Antônio Vieira, in seinem Buch „Die Kunst zu entwen- den” über die Machenschaften der Repräsentanten der portugiesischen Krone in Brasilien, die sich an öffent- lichen Geldern bereicherten. Dies zeigt, dass das Prob- lem der Korruption, in Brasilien wie in allen anderen Ländern Lateinamerikas, ein sehr altes ist – und es hat seine Aktualität bis heute nicht verloren.

Vor allem die politische Klasse Lateinamerikas wird regelmäßig von Korruptionsskandalen erschüttert. Über die Medien, insbesondere das Fernsehen und das Video-Portal YouTube, bekommt der erstaunte Zu- schauer immer wieder versteckt aufgenommene Vi- deos vorgeführt, die zeigen, wie Regierungsmitglieder und Abgeordnete dicke Geldbündel in Empfang neh- men und in ihren Hosentaschen, Unterhosen, Strümp- fen oder Handtaschen verstauen bzw. wie Vertreter von Unternehmen, die an Regierungsaufträgen inte- ressiert sind, Geldpakete zur Verteilung überreichen, um die Ausschreibungen zu gewinnen. Selbst die Jus- tiz bleibt nicht von Korruptionsskandalen verschont.

Brasilianische Richter stehen derzeit unter dem Ver- dacht, unerlaubt Einfluss auf den Ausgang von Pro- zessen genommen zu haben. Aber auch bei anderen Behörden, wie z.B. bei Polizei und Zoll, treten immer wieder Fälle von unerlaubter Einflussnahme und dem Austausch von Gefälligkeiten auf.

Korruption wird in den Staaten Lateinamerikas in un- terschiedlichem Maße toleriert und akzeptiert. Der venezolanische Psychologe Axel Capriles analysiert dieses Phänomen für sein Land so: Der Venezolaner vereinige in sich eine Mischung aus anarchischem In- dividualismus und kollektivistischer Ethik, er suche seinen individuellen Vorteil, ohne die Rechte anderer zu achten. Er betrachte die öffentlichen Ressourcen als Besitz aller Venezolaner, die eben dem jeweils Stärksten zur Verfügung stehen. Armut könne nur überwunden werden, wenn umverteilt werde, was die Reichen oder der Staat dem Volk „weggenommen“ haben. Öffentliches und privates Eigentum sind nach Staatsideologie und Verfassung nicht getrennt ein Einfallstor für Willkür und Korruption. Wie anders – und korruptionsmindernd die Auffassung in zumeist westlichen Rechtsstaaten, die Kontrollen für den Ge-

westlichen Rechtsstaaten, die Kontrollen für den Ge- „Ich glaube, ich bitte Elsa gleich, die Kiste zu

„Ich glaube, ich bitte Elsa gleich, die Kiste zu suchen… die Zeitung lass hier…“

gleich, die Kiste zu suchen… die Zeitung lass hier…“ „Und nächstes Mal machen wir es wie

„Und nächstes Mal machen wir es

wie beim letzten Mal

siehst ja, jetzt ist das Ganze weni-

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ja, jetzt ist das Ganze weni- ger sperrig " obwohl, Du „ dann dort zu unterschiedlichen

„ dann dort zu unterschiedlichen

Zeitpunkten

schau mal

dieses gebe ich Dir

Fotos: Auszug aus einem versteckt aufgezeichnetem Video von öffentlichen Amtsträgern, die einander Geld übergeben, eine Ermittlung gegen sie aber nur zu kurzen Gefängnisstrafen führt und deren Fall in unübersichtlichen Justizsystemen schnell in Vergessenheit gerät.

kurzen Gefängnisstrafen führt und deren Fall in unübersichtlichen Justizsystemen schnell in Vergessenhe it gerät. 5

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Freiheit vs. Korruption

brauch von Staatseigentum vorsehen und das private Eigentum schützen und garantieren.

Ländertabelle der Korruption

Der Corruption Perceptions Index 2011 (CPI) von

Transparency International bewertet 182 Länder auf einer Skala von 0 bis 10 Punkten, 0 Punkte erhalten dabei die Länder mit der höchsten Korruptionsrate, 10 Punkte diejenigen mit der geringsten Korruptionsrate. 1

In Lateinamerika sind Chile (7,2 Punkte, Platz 22) und Uruguay (7 Punkte, Platz 25) Spitzenreiter. Auch Costa Rica (4,8 Punkte, Platz 50) und selbst Kolumbien (3,4 Punkte, Platz 80) schneiden im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern noch gut ab. Die G-20 Mitglieder Brasilien (3,8 Punkte, Platz 73), Argentinien und Mexiko (beide mit 3 Punkten auf Platz 100) liegen in der Bewertung alle schon unterhalb des lateiname- rikanischen Durchschnitts; ihnen folgen Länder wie Guatemala und Ecuador (beide mit 2,7 Punkten auf Platz 120), Honduras (2,6 Punkte, Platz 129), Nicara- gua (2,5 Punkte, Platz 134), Paraguay (2,2 Punkte, Platz 154). Schlusslicht ist Venezuela mit 1,9 Punkten auf Platz 172. „Die meisten Länder Lateinamerikas schneiden in diesem Index so schlecht ab, weil ihre Institutionen schwach sind, die Regierung bzw. die wichtigsten politischen Akteure zu stark sind und es

die wichtigsten politischen Akteure zu stark sind und es “Koffer -Skandal 800 000 USD Mittel für

“Koffer-Skandal 800 000 USD Mittel für Santa Cruz 390 Mio. USD

Pensionen 30 Mrd. USD Dies alles zu tun und dass keiner reagiert

priceless”

Das Plakat spricht - in ironischer Anlehnung an eine Kreditkartenwerbung - von diversen Korruptionsskandalen in Argentinien und klagt an, dass keiner hiergegen protestiert. Foto: Leila / arteyfotografia.com.ar

hiergegen protestiert. Foto: Leila / arteyfotografia.com.ar 6 keine balance of power gibt“, sagt der für Nord

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protestiert. Foto: Leila / arteyfotografia.com.ar 6 keine balance of power gibt“, sagt der für Nord -

keine balance of power gibt“, sagt der für Nord- und Südamerika zuständige Leiter von Transparency Inter- national, Alejandro Salas.

Wahrnehmung von Korruption in der Zivilgesell- schaft

Die Bevölkerung Lateinamerikas verhält sich traditio- nell fatalistisch und resigniert gegenüber dem Phäno- men und wählt als korrupt bekannte Politiker nicht selten wieder. Auch in Argentinien gehört das Thema trotz zahlreicher und gravierender Fälle von Korrupti- on etwa im ländlichen staatlichen Sektor Argentiniens nicht zu den von der Gesellschaft prioritär beklagten Missständen. Nach Daten von Poder Ciudadano, dem argentinischen Zweig von Transparency International, ist das Problem lediglich für 6% der Bürger relevant, den anderen erscheint das Problem schlicht nicht lös- bar.

Im Gegensatz hierzu ist Korruption in Brasilien „sichtbarer“ geworden und hat an Beachtung gewon- nen. Dies dank der aufmerksamer gewordenen brasili- anischen Zivilgesellschaft und der Pressefreiheit, die zwar immer wieder bedroht wird, aber doch recht gut funktioniert. Die Medien als eine Art vierte Gewalt – prangern Korruptionsfälle mittlerweile systematisch in der Öffentlichkeit an. Und auch Politiker haben Kor- ruptionsfälle als wirksame Waffe entdeckt, um politi- sche Gegner durch Vorwürfe wie Veruntreuung und Stimmenkauf zu schwächen oder ganz auszuschalten. Auch ein Wandel in der brasilianischen Gesellschaft spielt eine Rolle: Mit wachsendem Bildungsstand und breiterem Zugang zu Informationen interessieren sich immer mehr Brasilianer für Korruptionsfälle und ma- chen sich für deren Bekämpfung stark.

So mussten in Brasilien seit Mitte 2011 allein sechs Minister aufgrund von Korruptionsvorwürfen in der Regierung ihren Hut nehmen. Sicherlich eine deutliche Geste der amtierenden Staatspräsidentin Dilma Rousseff, deren „Säuberungsaktion“ von den Medien und der Öffentlichkeit lobend anerkannt wurde. Den- noch wird es wohl bei einer Geste bleiben. Denn so- lange die Ministerien in Händen der immer selben Parteien bleiben, wird sich wenig ändern. Die brasilia- nische Zivilgesellschaft, wie z.B. die Bewegung gegen

Korruption, Movimento Contra a Corrupção, organi-

sierte anlässlich der Korruptionsfälle in den Ministe- rien im September und Oktober 2011 Protestmärsche in

sierte anlässlich der Korruptionsfälle in den Ministe- rien im September und Oktober 2011 Protestmärsche in insgesamt 18 verschiedenen Städten Brasiliens, an denen sich Tausende Menschen beteiligten. Sie war- ben für die Säuberung der Ministerien, für die gesetz- liche Erschwerung einer erneuten Kandidatur korrup- ter Politiker und für transparentere Entscheidungspro- zesse in den Parlamenten. Vor allem über die Neuen Sozialen Medien wurde zur Teilnahme an Anti- Korruptions-Demonstrationen aufgerufen. Dabei war die Zahl der virtuell Protestierenden um ein Vielfaches höher als die der physisch Protestierenden.

ein Vielfaches höher als die der physisch Protestierenden. Facebook- Seite „Stop Corruption Brasil“ (Quelle:

Facebook-Seite „Stop Corruption Brasil“ (Quelle: facebook.com)

Nicaragua ist aufgrund der autoritären Regierung Or- tegas in gewisser Weise ein Sonderfall. Die Bevölke- rung, NGOs und Medien sind sich der Korruption im Land zwar bewusst und klagen diese öffentlich an, müssen dafür aber mit Repressalien rechnen. Die Re- gierung steht hinter Übergriffen auf Journalisten, sie droht mit der Kürzung von Mittelzuweisungen aus dem Bereich der internationalen Entwicklungshilfe an Organisationen wie Ética y Transparencia, den nicara- guanischen Zweig von Transparency International, wenn diese beklagen, dass etwa die Nutzung der ve- nezolanischen Petrodollars nicht transparent darge- legt werde und fordern, dass diese Mittel in die Staatskasse einfließen müssen und nicht, wie bisher, für dubiose populistische Vorhaben von Staat und Sandinistenpartei genutzt werden dürften.

Auch in Venezuela, wo Staat und Regierung dank der Erdölförderung umfangreiche Einnahmen haben, über deren Verwendung sie keinerlei Rechenschaft ablegen, berichten die Medien über zahlreiche Korruptionsfälle in Ministerien, Gerichten, Katasterämtern, Zollbehör- den, staatlichen und privaten Unternehmen, Polizei, Heer und sozialen Projekten. Medien und Opposition beklagen das Fehlen jeglicher Kontrolle des öffentli- chen Handelns seitens der Justiz.

Kontrolle des öffentli- chen Handelns seitens der Justiz. 7 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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Freiheit vs. Korruption

Politisierung des Staates als Ursache der Korruption

Korruption liegt in Brasilien im politischen und Regie- rungssystem begründet und entsteht dort, wo sich die administrative und die politische Ebene mischen. Das Schmieden politischer und persönlicher Allianzen in einem Land mit einem so stark zersplitterten Parteien- system wie Brasilien verspricht Pfründe und verlangt finanzielle Schmiermittel. Allein Brasiliens Regierung, die sich auf 17 Parteien stützen muss, leistet sich zur Sicherung ihrer Machtbasis fast 25.000 politische Mitarbeiter auf sog. „Vertrauensposten“ (Tendenz stei- gend) in der Regierung, ihren Institutionen und staat- lichen sowie halbstaatlichen Unternehmen. Das ist etwa das achtfache der USA (8.000) und mehr als 40 Mal so viel wie in der Bundesrepublik Deutschland (500). Diese Vertrauensposten dürfen beliebig besetzt, ihre Inhaber frei ausgetauscht werden, ohne einen Nachweis über die fachliche Qualifikation der Perso- nen führen oder ihre Anwesenheit am Arbeitsplatz belegen zu müssen.

Komplizierte Gesetzesregelungen, die in den Ländern der Region viel Spielraum für Interpretationen und willkürliche Anwendung lassen, sowie mehrstufige, unklare bürokratische Verfahren fördern Korruption. So mag z.B. Mexikos Verschlechterung im Corruption Perceptions Index 2011 auch der Tatsache geschuldet sein, dass zwischen 2000 und 2010 im Regierungsap- parat die Zahl der öffentlichen Ämter um knapp 20% zugenommen hatten. Hinzukommt, dass Korruptions- fälle vor allem in den Bundesstaaten mit ihren noch feudalen Herrschaftsstrukturen nicht hinreichend ver- folgt und bestraft werden. So z.B. eine innerhalb von sechs Jahren versteckt aufgebaute Staatsverschuldung des Bundesstaates Coahuila in Höhe von rund 3 Mrd. Euro oder der Bau eines Denkmals in Mexico-City an- lässlich des Bicentenario, dessen Kosten innerhalb zweier Jahre von 30 auf 85 Mio. USD angestiegen wa- ren.

Was tun? Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung

Juristen und Politikwissenschaftler sind sich darin ei- nig, dass es illusorisch ist, Korruption mit höheren Ge- fängnisstrafen bekämpfen zu wollen. Dagegen spricht allein schon die in Lateinamerika vorherrschende Straflosigkeit, denn Latinos insbesondere reiche

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Freiheit vs. Korruption

gehen gewöhnlich gar nicht oder nur für kurze Zeit ins Gefängnis. Ein wesentlicher Ansatz, um Korruption effektiv zu bekämpfen, sei daher eine Strafrechtsre- form nach dem Modell der USA, Italiens oder Deutschlands. Dies mit den Elementen einer öffentli- chen, Transparenz und Kontrolle schaffenden Haupt- verhandlung sowie der Möglichkeit einer Strafmaßre- duzierung im Falle einer Kooperation mit der Staats- anwaltschaft. Zudem müsse die Zahl öffentlicher Äm- ter und Funktionen abgebaut werden, Verwaltungs- prozesse müssten vereinfacht und transparent und bürgerfreundlich gestaltet werden – denn Bürokratie- abbau ist Korruptionsbekämpfung.

Überhaupt ist Transparenz der Schlüssel: Je mehr In- formationen die Bürger haben, je professioneller damit Politiker ihre Kontrollaufgaben etwa gegenüber der lokalen Verwaltung wahrnehmen können, desto klei- ner werden Spielräume für Korruption. Eine brasiliani- sche Studie zeigt ganz klar und einfach: Je intensiver die Aufsichts- und Kontrollbehörden in einem brasilia- nischen Bundesstaat arbeiten, desto langsamer wer- den die dortigen Politiker reich, desto geringer sind die Personalkosten im öffentlichen Dienst und desto niedriger ist die Verschuldung des Bundesstaates ge- genüber dem Bund.

Was wird nun getan im Kampf gegen die Korrupti- on?

Brasilien setzt computergestützte Programme zur Überwachung und zum „Cross-Checking“ von Infor-

zur Überwachung und zum „Cross - Checking“ von Infor- Graffiti „Beschmutzt nicht die Kunst durch Eure

Graffiti „Beschmutzt nicht die Kunst durch Eure Korruption!“ in Campo Grande, Brasilien (Foto: ceruleo/Flickr)

in Campo Grande, Brasilien (Foto: ceruleo/Flickr) 8 mationen ein; damit sind Verwaltungsvorgänge we-

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in Campo Grande, Brasilien (Foto: ceruleo/Flickr) 8 mationen ein; damit sind Verwaltungsvorgänge we- sentlich

mationen ein; damit sind Verwaltungsvorgänge we- sentlich transparenter geworden, so etwa durch die elektronischen Steuererklärungen, den Einsatz eines elektronischen Verzollungssystems, der elektronischen Rechnungserstellung für Waren und Dienstleistungen sowie durch die Offenlegung von öffentlichen Ausga- ben im Internet, was die Stadtregierung von São Paulo praktiziert. Auch arbeiten die zuständigen Kontrollbe- hörden professioneller und besser zusammen. Den- noch hat der Bundesrechnungshof allein im Jahr 2011 Entwendungen in Höhe von 770 Mio. Euro nachwei- sen können – seit 2002 summiert sich der Betrag auf stolze 3,3 Mrd. Euro, wovon jährlich nur ca. 8% den öffentlichen Haushalten wieder zurückgeführt werden können. Wie hoch der volkswirtschaftliche Schaden Brasiliens tatsächlich ist, ist nur schwer zu bemessen. Der Industrieverband von São Paulo (Fiesp) schätzt, dass er zwischen 21 Mrd. und 36 Mrd. Euro liegt, das wären ca. 2% des BIP.

Argentiniens Präsident Fernando de la Rúa rief 1999 eine in die Regierung eingegliederte Antikorruptions- behörde ins Leben, welche die Aufgabe hat, Program- me zur Korruptionsbekämpfung auszuarbeiten; die Behörde arbeitet auf der Grundlage eines „Gesetzes für Ethik“. Präsident Néstor C. Kirchner erließ zwi- schen 2003 und 2007 das Dekret über den Zugang zur öffentlichen Information aus dem Bereich der Natio- nalen Exekutive und schuf einen neuen Mechanismus zur Auswahl der Obersten Richter.

Mexikos Parlament verabschiedete Transparenzgeset- ze, die den Bürgern ein Auskunftsrecht in Verwal- tungsverfahren einräumen; die Justiz hat eine interne Disziplinarstelle eingerichtet. Dazu ist in den letzten 15 Jahren ein verstärkter Wechsel in öffentlichen Äm- tern und Funktionen zu beobachten. Jedoch hat sich die Korruption nicht verringert, sondern eher erhöht. Zwischen 2004 und 2011 ist Mexiko im CPI 2011 von Platz 64 (von 145) auf Platz 100 (von 183) gefallen.

Sowohl in Guatemala als auch in Honduras und Ni-

caragua existieren Leyes de Acceso a la Información

Pública, Gesetze über den Zugang zu öffentlichen In- formationen. Die neue Regierung Guatemalas hat zur Vermeidung von Korruption beschlossen, dass NGOs ab 2012 nicht mehr an öffentlichen Ausschreibungen zum Bau und Ausbau von Infrastruktur teilnehmen dürfen. In Honduras existiert eine Sonderbehörde für

staatliche Beschaffungen, deren Beirat sich aus Ver- tretern der Unternehmerverbände und der Zivilgesell- schaft

staatliche Beschaffungen, deren Beirat sich aus Ver- tretern der Unternehmerverbände und der Zivilgesell- schaft zusammensetzt und deren Aufgabe die Über- wachung öffentlicher Ausschreibungen ist. In Costa Rica besteht die Staatsanwaltschaft seit dem Jahre 2010 auf Ausgleichszahlungen seitens der in Korrupti- onsfälle verwickelten Amts- und Mandatsträger bzw. Unternehmen. Diese Ausgleichszahlungen werden dann eingefordert, wenn durch die Korruption Schä- den für die Allgemeinheit entstanden sind. Sie fließen direkt in die Staatskasse.

Beispielhaft seien an dieser Stelle auch die gegen zwei ehemalige costaricanische Präsidenten geführten Strafverfahren genannt. 2009 und 2011 wurden zwei ehemalige Präsidenten des Landes wegen Korruption angeklagt und verurteilt: Rafael Ángel Calderón des Partido Unidad Social Cristiana hatte im Rahmen ei- ner Ausschreibung für die Installation von mobilen Telefonnetzen der französischen Firma Alcatel Beste- chungsgelder erhalten und Miguel Ángel Rodríguez derselben Partei ließ sich beim Kauf von Medizintech- nik korrumpieren; beides sind in Costa Rica Präze- denzfälle, da Präsidenten bis dahin Straffreiheit ge- nossen hatten. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Exekutive Costa Ricas haben in den letzten Jahren ihre Anstrengungen zur Aufdeckung von Kor- ruptionsfällen intensiviert. Eine Sonderabteilung der Staatsanwaltschaft hat Korruptionsfälle in zehn Ge- meinden aufgedeckt, in denen die Bürgermeister bei Ausschreibungen bestochen wurden oder Geld für die Ausübung ihrer Mandate annahmen.

Eine der bekanntesten Wochenzeitschriften Brasiliens, Veja, veröffentlichte anlässlich des letzten Welt-Anti- Korruptionstags auf ihrer Website ein „Netz der Kor- ruptionsskandale“. Interessierte Leser können sich dort leicht und ausführlich über alle öffentlich bekannt gewordenen Korruptionsfälle der vergangenen Jahre informieren. 1

Transparency International Brazil 2 misst nicht nur die Korruption und den Stimmenkauf, sondern evaluiert auch die Arbeit von Mandatsträgern, wie z.B. die der brasilianischen Bundesabgeordneten und Bundesrich- ter, um good governance zu fördern.

escandalos.shtml 2 http://www.transparencia.org.br/ 9 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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Freiheit vs. Korruption

Aktuell schaut die brasilianische Bevölkerung mit größter Sorge auf die drohende Kostenexplosion durch die stark in Verzug geratenen Bauvorhaben für die Fußballweltmeisterschaft 2014. Nach Meinung des ehemaligen Fußballnationalspielers und amtierenden Bundesabgeordneten „Romário“ wird die Fußballwelt- meisterschaft „der größte Klau der Geschichte Brasili- ens“. Denn Brasilien hat zwar Gesetze – sogar relativ strenge – zur Korruptionsvermeidung bei öffentlichen Ausschreibungen, jedoch werden diese in dringenden Fällen außer Kraft gesetzt – was einem Freibrief für alle Beteiligten gleichkommt.

Aktivitäten der lateinamerikanischen Stiftungs- partner zur Korruptionsbekämpfung

Kernaufgabe der Stiftungsarbeit ist und bleibt es, in Lateinamerika eine Kultur der Begrenzung der Staats- macht, eine Kultur der Transparenz und Rechen- schaftslegung sowie Bürgerpartizipation im Sinne ei- ner Wächterfunktion und Kontrolle öffentlichen Han- delns zu fördern. Die Stiftung will mit ihren Partnern damit langfristig dazu beitragen, Denkweisen zu ver- ändern und die einer transparenten Verwaltung zu- grunde liegenden Werte und Haltungen zu fördern und zu stärken.

In Argentinien fördert die Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Think-Tank Libertad y Progreso die Veröffent- lichung eines Index zur Qualität der Institutionen, der u.a. Transparenz und Vereinfachung von Prozessen der öffentlichen Verwaltung misst.

In Zentralamerika fördert die Stiftung über die Verei- nigung liberaler Bürgermeister Zentralamerikas den Austausch von best practices aus dem Bereich der Ge- meindeverwaltung (NPM, Transparenz, Bürgerpartizi- pation) und trägt damit zur Aus- und Fortbildung von Kommunalpolitikern bei, die ihre Aufgaben noch ge- wissenhafter wahrnehmen sollen.

Die FNF Brasilien leistet in ihren Bildungsveranstal- tungen mit ihren Partnern zu Themen wie NPM (Entbürokratisierung, Subsidiaritätsprinzip), Liberalis- mus, Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit, Mo- bilisierung und Organisation von Aktionen, strategi- sche Kommunikation sowie der Schulung im Umgang mit modernen elektronischen Medien für politische

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Freiheit vs. Korruption

Zwecke und zur Imagekontrolle einen Beitrag zur Kor- ruptionsbekämpfung.

Eine Twitter-Aktion der brasilianischen Juventude De- mocratas forderte den Parteiausschluss eines korrup- ten Mandatsträgers: Als der Gouverneur des Bundes- distrikts Brasilia, José Arruda, von der Partei der De- mokraten in einen massiven Korruptionsfall verwickelt war, wurde er dafür nicht nur von der Presse angegrif- fen, sondern vor allem auch von der mit der FNF ko- operierenden Parteijugend, Juventude Democratas. Die forderte unter Nutzung der elektronischen Medien, insbesondere Twitter: (#ForaArruda), öffentlich Arru-

insbesondere Twitter: (#ForaArruda), öffentlich Arru- Parlamentarier der Opposition, angeführt von den

Parlamentarier der Opposition, angeführt von den Demokraten, rufen zur Unterstützung für die Einrichtung einer „Parlamentarischen Untersuchungskommission der Korruption“ im Kongress auf, Dezember 2011 (Foto: G1)

das bedingungslosen Parteiausschluss und eine mora- lisch einwandfreie Politik. Damit stellte sich die Parteijugend der Demokraten an die Spitze der Bewe- gung gegen Arruda, was in hohem Maße ungewöhn- lich war, da in Brasilien Jugendverbände öffentlich fast nie Kritik an der Führung der eigenen Partei üben. Dieser massive Druck der Parteijugend fiel sogar den Medien positiv auf, die in führenden Tageszeitungen und Blogs über die Kritik der jungen Liberalen an ihrer Mutterpartei berichteten. Die Partei nutzte die Gunst der Stunde und schloss den der Korruption angeklag- ten Mandatsträger tatsächlich aus der Partei aus.

Auf Initiative der Demokraten und insbesondere mit Unterstützung ihres Jugendverbands wurde 2010 ein unterschriftengestützter Gesetzesentwurf (1,3 Mio. Unterschriften), genannt „Ficha Limpa“ („sauberes Be- werbungsformular“), verabschiedet, der es Politikern, die in zweiter Instanz wegen Amtsmissbrauch, Stim- menkauf, Veruntreuung oder anderer Rechtsverstöße verurteilt wurden, untersagt, während der nächsten

verurteilt wurden, untersagt, während der nächsten acht Jahre wieder zu kandidieren. Das Gesetz verhin- dert
verurteilt wurden, untersagt, während der nächsten acht Jahre wieder zu kandidieren. Das Gesetz verhin- dert

acht Jahre wieder zu kandidieren. Das Gesetz verhin- dert dieser Tage, dass Politiker, denen es bislang im- mer wieder gelungen war, trotz strafrechtlicher Verur- teilung wiedergewählt zu werden (was Immunität zur Folge hatte), bei den kommenden Kommunalwahlen 2012 erneut antreten dürfen.

Die brasilianischen Demokraten verstehen sich als ver- antwortungsvolle und überwachende Opposition. Bei allen in der Öffentlichkeit und zumeist durch die Me- dien bekannt gewordenen Korruptionsfällen setzen sie und insbesondere ihre Jugendorganisationen sich stets für die Einrichtung einer parlamentarischen Un- tersuchungskommission ein und fordern die bedin- gungslose Aufklärung der Korruptionsfälle und die Bestrafung der Schuldigen.

Der Stiftungspartner CEDICE Libertad ist Mitglied von

RELIAL, Red Liberal de América Latina und Mitbegrün-

der der NGO Transparencia Venezuela, mit deren Hilfe die Regierung des Bundesstaates Miranda in dem die Hauptstadt Caracas liegt Programme und best practices in den Bereichen accountability und Trans- parenz von Staatsausgaben umsetzt und anwendet. Auch einige Abgeordnete des nationalen Parlaments lassen sich von dieser NGO beraten, um Rechenschaft über ihre Amtshandlungen ablegen zu können. Selbst wenn es sich hier um Ausnahmefälle, um von Opposi- tionsparteien geführte Regionalregierungen und Ab- geordnete der Opposition handelt, sind dies erste wichtige Schritte im Bereich der Korruptionsbekämp- fung. Die Organisation hat zudem ein Beratungspro- gramm in Korruptionsfällen (ALAC - Asistencia Legal Anticorrupción) 3 eingerichtet, das Opfer von Korrupti- on bei rechtlichen Schritten berät. CEDICE Libertad führt darüber hinaus Seminare und Konferenzen zu den Themen Verantwortlichkeit und Transparenz in der Verwaltung und Verwendung von öffentlichen Mitteln durch.

Mit Beiträgen der Projektleiter und -koordinatoren sowie Vertretern von RELIAL-Partnern

Endredaktion: Elisabeth Maigler und Ulrich Wacker

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FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Trotzt die Korruption der Revolution im Mittelmeerraum? Ägypten

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Freiheit vs. Korruption

Trotzt die Korruption der Revolution im Mittelmeerraum?

Trotzt die Korruption der Revolution im Mittelmeerraum? Ägypten – Trotz Revolution, kein Durchbruch im Kampf

Ägypten – Trotz Revolution, kein Durchbruch im Kampf gegen die Korruption

Die „Revolution vom 25. Januar“, die im vergangenen Frühjahr die dreißigjährige Herrschaft von Ägyptens ehemaligem Präsidenten Hosni Mubarak zu Ende brachte, wurde auch angefacht von der Wut der Mas- sen über die täglichen Ungerechtigkeiten und Demüti- gungen, die Korruption des Regimes im Kleinen wie im Großen. Die Ägypter waren der Gier des aufgeblähten Staatsapparates nach „Bakschisch“ bei mehr oder we- niger jeder sich bietenden Gelegenheit ohnmächtig ausgesetzt. Die Kehrseite der täglich erfahrenen Kor- ruption und finanziellen Nötigung der verarmten Mas- sen ist die große Korruption der politischen und wirt- schaftlichen Eliten: Eine kleptokratische Ordnung bil- dete die sozioökonomische Basis des Mubarak- Regimes. Im Zuge einer so genannten wirtschaftlichen Liberalisierungspolitik akkumulierte eine kleine Grup- pe von Ägyptern – in kurzer Zeit – gewaltige Vermö- gen. Das System folgte einem relativ einfachen Mus- ter: Unter Aussetzung rechtsstaatlicher und markt- wirtschaftlicher Grundsätze versilberte die Regierung riesige Ländereien und Staatsbetriebe an politische Gewährsleute, Freunde der Familie Mubarak und an- dere Günstlinge, die ihre politischen Patrone mit der Zahlung von hohen Kommissionen bei Laune hielten.

In den Listen von Transparency International hat das

Land am Nil traditionell einen hinteren Platz. Zwar hatte es in den späten Jahren des Mubarak-Regimes Bemühungen gegeben, das schlechte Image zu korri- gieren. Doch die entsprechende Gesetzgebung konnte und durfte schon aus den beschriebenen systemi- schen Gründen keinen Erfolg haben. Wer gehofft hat-

te, nach der Revolution würde alles besser, sah sich auch in diesem Bereich enttäuscht. Tatsächlich ist Ägypten in der TI-Tabelle im Revolutionsjahr 2011 um weitere 14 Ränge auf Platz 112 zurückgefallen. Der glücklos operierenden Militärjunta, die Hosni Mubarak aus dem Amt gedrängt hat, ist es nicht gelungen, in der Transparenz-Frage Zeichen zu setzen von neuen Standards ganz zu schweigen. Wie in vielen anderen Fragen, die mit Menschenrechten und Demokratie zu- sammenhängen, hat die Militärjunta in den Augen weiter Kreise der Öffentlichkeit enttäuscht. Zwar ist es 2011 zu spektakulären Strafprozessen gegen die alten politischen Herrscher gekommen die Bilder von Hos- ni Mubarak im Käfig gingen um die Welt – und der im Volk verhasste ehemalige Innenminister Habib al Adly wurde zu zwölf Jahren Haft für Geldwäsche verurteilt. Doch das große Reinemachen im Sinne einer systema- tischen Aufarbeitung der Korruptionsfälle ist bisher ausgeblieben. Das mag auch daran liegen, dass es kei- nen Konsens darüber gibt, wo man anfangen und wo man bei dieser Rosskur aufhören sollte. Verbreitet ist die Einsicht, dass alle Ägypter, die irgendwie zu Geld gekommen sind, natürlich – geradezu nolens volens – mit korrupten Praktiken in Berührung gekommen sind. Angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs im Zuge der Revolution fehlte den Generälen offenkundig die Kraft, sich auf breiter Front mit dem Unternehmertum ja praktisch der gesamten produktiven Klasse an- zulegen. Man beließ es bei einigen wenigen (politischen) Fällen.

Eine neue Situation ist potenziell nach dem Sieg der islamistischen Parteien bei den Parlamentswahlen entstanden. Die Ägypter haben diesen Gruppen und ihren Kandidaten große Mehrheiten gegeben, weil sie als unkorrupt gelten und die Bekämpfung der Korrup-

Gruppen und ihren Kandidaten große Mehrheiten gegeben, weil sie als unkorrupt gelten und die Bekämpfung der

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Freiheit vs. Korruption

FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Ein ägyptischer Demonstrant während der „Arabellion“ 2011

Ein ägyptischer Demonstrant während der „Arabellion“ 2011 (Foto: Hossam el-Hamalawy/Flickr)

tion zu einer Priorität deklariert haben. Insofern be- steht eine hohe Erwartung. Gleichwohl wird es in Ägypten – wie in anderen Ländern der Region – nicht damit getan sein, neue Anti-Korruptionsrichtlinien oder Gesetze zu verabschieden. Es geht um tief ver- wurzelte Verhaltensweisen, die auf einem System von Beziehungen, Netzwerken und Seilschaften aufbauen, das als „Wasta“ bekannt ist. Kaum verbreitet ist die Einsicht in den Massen und bei den Eliten , dass Korruption in hohem Maße Gift für die wirtschaftliche Entwicklung und somit unsozial ist, von der morali- schen Seite, die die Islamisten ins Feld führen, einmal abgesehen. Es gibt zivilgesellschaftliche Gruppen, die sich den Kampf gegen die Korruption auf die Fahnen geschrieben haben. Zu den vielen Rückschlägen im Jahr zwei der Revolution gehört, dass sie geschwächt sind, nachdem sie ins Fadenkreuz der regierenden Jun- ta geraten sind.

Israel

Ein zentraler Indikator für die demokratischen Stan- dards eines Staates ist die Rechtsstaatlichkeit resp. die Frage, inwieweit diese durch Korruption unterminiert wird. Laut CPI 2011 von Transparency International hat sich die Situation in Israel diesbezüglich in den letzten Jahren verschlechtert. Während das Land im Jahre 2005 noch auf Rang 28, im Jahre 1997 sogar auf Platz 18 (von damals erfassten 52 Staaten) ran- gierte, ist Israel derweil auf Platz 36 (unter 183 gelis-

gierte, ist Israel derweil auf Platz 36 (unter 183 gelis- 12 teten Staaten) zurückgefallen; in einer

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gierte, ist Israel derweil auf Platz 36 (unter 183 gelis- 12 teten Staaten) zurückgefallen; in einer

teten Staaten) zurückgefallen; in einer Werteskala von 0-10 hat es im Jahre 2011 mit nur 5.8 Punkten das schlechteste Ergebnis seit seiner Einbeziehung in den Index erzielt. Zu beachten ist allerdings, dass 70% der indexierten Staaten hinter Israel platziert sind, darun- ter eine Reihe osteuropäischer Länder sowie Italien, Griechenland und die Türkei; mehr als zwei Drittel der Staaten figurieren dabei mit weniger als fünf Punkten auf der Werteskala. Im Kreise der 34 OECD- Mitgliedsstaaten findet man das junge Mitglied Israel erst im letzten Drittel mit Rang 25.

Da der CPI sich in erster Linie aus Meinungsumfragen speist, spielt die öffentliche Meinung des jeweiligen Landes beim Ranking eine entscheidende Rolle. Hier zeigt sich für Israel die Wirkung spektakulärer Korrup- tionsskandale der letzten Jahre, allen voran der Skandal um den ehemali- gen Premier- minister Ehud Olmert, dem in nicht weni- ger als vier

Fällen Betrug und Untreue vorgeworfen wird, darunter die so ge- nannte „Holyland-Affäre“, einer der gravierendsten Korruptionsfälle in der Geschichte Israels. In seiner Zeit als Bürgermeister Jerusalems soll Olmert im Kon- text eines ohnehin hoch umstrittenen Bauprojekts fast eine Million Dollar für die Erteilung zweifelhafter Baugenehmigungen erhalten haben. Dieser Skandal bestärkte zusätzlich den ohnehin weit verbreiteten Eindruck in der israelischen Bevölkerung, dass die po- litische Elite des Landes in hohem Maße korrumpiert sei. Lässt man die diversen Spitzenpolitiker Revue pas- sieren, die in Israels Gefängnissen Haftstrafen auf- grund von Korruptionstatbeständen verbüßen oder verbüßt haben, darunter ein ehemaliger Innenminis- ter, ein Finanz- und ein Gesundheitsminister, dann fällt es in der Tat nicht schwer, diese Einschätzung nachzuvollziehen. Auch in einer 2010 von der Stiftung durchgeführten Meinungsumfrage wird die klare Ver- urteilung der Korruption durch Israels Öffentlichkeit deutlich: Fast 90% der Befragten stimmten der Aussa- ge zu, dass die Korruption eine Gefahr für die Demo-

der Befragten stimmten der Aussa- ge zu, dass die Korruption eine Gefahr für die Demo- Foto:

Foto: Möller Marco-Ken/Flickr

kratie Israels darstelle. Experten sehen die Korruption in der politischen Sphäre von dem Faktum begünstigt,

kratie Israels darstelle.

Experten sehen die Korruption in der politischen Sphäre von dem Faktum begünstigt, dass es sich bei Israel mit knapp acht Mio. Einwohnern um ein kleines Land handelt, d.h. die politische Elite ist sehr überschaubar, jeder kennt jeden – eine gute Voraus- setzung für florierende Vetternwirtschaft. Als weiterer Grund für den Anstieg der Korruption in Israel wird das Proporz-Wahlsystem mit seiner reinen Listenwahl genannt. Dies führe zu einer Verkümmerung des Un- rechtsbewusstseins der Politiker, da sie sich nur be- dingt zur Rechenschaft verpflichtet sehen ein Um- stand, der die Anfälligkeit für Bestechungsversuche begünstigt. Viele Bürger sehen die Autorität des Staa- tes und die Solidität der Rechtsordnung in Frage ge- stellt, auf die man sich lange Zeit so viel zu Gute hielt. Zu diesen bedenklichen Entwicklungen gesellt sich der Missstand chronischer personeller Unterbesetzung der mit der Durchsetzung von Recht und Ordnung betrau- ten Institutionen.

Diese Sachverhalte stellen zweifellos eine Gefahr für Ansehen und Stabilität der israelischen Demokratie und zugleich eine große Herausforderung für den Rechtsstaat dar. Andererseits deutet jedoch die Tatsa- che, dass hochrangige Spitzenpolitiker in Israels Ge- fängnissen einsitzen, auf Transparenz und ein hohes Niveau an Rechtsstaatlichkeit hin. Demokratieexper- ten unterstreichen, dass Gesetze und Verfahren gegen Personen unter Korruptionsverdacht in Israel heutzu- tage teilweise schärfer ausfallen als in Europa. Nach- dem man in Israel Bestechlichkeit lange Zeit als ein notwendiges Übel beim Aufbau des Staates toleriert hatte, begann man in den 90er Jahren, der Korruption endlich entschieden den Kampf anzusagen ausweis- lich des Korruptionsindexes allerdings noch nicht mit hinreichendem Erfolg. Die über Wochen anhaltenden sozialen Proteste, die Israel im Sommer 2011 beweg- ten, legten nicht nur Zeugnis über die fundamentale Kritik der Bevölkerung mit Blick auf die im Lande herr- schenden Missstände ab, sondern auch über das hohe Maß an bürgerlichen Freiheiten. Soziale Gerechtigkeit war das Stichwort bei den Protesten. Dabei wurde so- wohl auf die ungleiche Verteilung des Wohlstandes als auch auf die unmoralische und kriminelle Verzahnung von Politik und Wirtschaftskartellen verwiesen.

Die israelische Demokratie steht vor gewaltigen Her-

Die israelische Demokratie steht vor gewaltigen Her- 13 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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ausforderungen, zu denen gerade auch die konse- quente Bekämpfung etablierter Korruptionspraktiken gehört. Dies ist den verantwortlichen, rechtsstaatli- chen Kontrollinstanzen, aber auch den Bürgern des Landes sehr wohl bewusst. Dieses positive Faktum lässt darauf hoffen, dass auch in Israel die Erkenntnis wächst, dass Demokratie kein ein für allemal gesicher- ter Zustand ist, sondern stete Erneuerung und Wach- samkeit erfordert. Hierbei kommt gerade der Zivilge- sellschaft als Voraussetzung demokratischer Kultur eine wichtige Rolle zu. Dieser Verantwortung stellt sich auch die Stiftung im Rahmen von Kooperations- maßnahmen mit lokalen Partnern. Sie beteiligt sich somit indirekt an der Korruptionsbekämpfung im Lan- de, indem sie in Zusammenarbeit mit ihren Partnern u. a. Rechtsstaatlichkeit und zivilgesellschaftliches Enga- gement stärkt und zudem gezielt Transparenz in den problematischen Feldern der Minderheitenrechte resp. der Gleichstellung aller Bürger einfordert.

Palästina

Eine Evaluierung des Standes der Korruption in den palästinensischen Gebieten ist ein schwieriges Unter- fangen. Dies hat mit dem Fehlen von allgemein gülti- gen, nationalen Daten auf Grund der fortgesetzten faktischen politischen Spaltung des Landes zu tun, wie auch mit der Tatsache, dass Palästina über keine volle Staatlichkeit verfügt bzw. zum Teil noch unter israeli- scher Besatzung steht. Daher beziehen sich die meis- ten der nachfolgenden Befunde ausschließlich auf die West Bank, da hier ein freieres Informationsklima be- steht. Palästina wird seit mehreren Jahren nicht mehr im Korruptions-Index von Transparency Internationa- lerfasst, weil die international verwendeten Messindi- katoren nur bedingt auf Palästina übertragbar sind, obwohl mit dem Stiftungspartner Coalition for Ac-

countability and Integrity AMAN sogar ein nationa-

les Chapter von TI besteht.

Integrity AMAN – sogar ein nationa- les Chapter von TI besteht. Die Korruptionsphänomene in Palästina unterscheiden

Die Korruptionsphänomene in Palästina unterscheiden

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sich nicht von den weltweit bekannten, wie z. B. der Unterschlagung öffentlicher Mittel oder der Verun-

treuung von Ländereien im Staatsbesitz. In den Jahren 1995-2007 kam es insbe- sondere zur Unterschlagung von Geldern aus den Zu- wendungen der internatio- nalen Gebergemeinschaft. Dies hat jedoch deutlich nachgelassen, vor allem seit der angesehene Ökonom Dr. Salam Fayyad die Regie- rungsgeschäfte in Ramallah führt. Deutlich verbessert hat sich auch das System der öffentlichen Ausschrei-

bung von Regierungspro-

jekten und der Erteilung von Staatsaufträgen, speziell im Bereich der Material- beschaffung für den Regierungsapparat. Aber als pre- kär gilt die Lage noch mit Blick auf die Anwendung von „Wasta“ (Nepotismus) bei der Einstellung im öf- fentlichen Dienst sowie auf die verbreitete Vettern- wirtschaft. Regierungsbedienstete benötigen zur Ein- stellung eine sicherheitsrelevante Unbedenklichkeits- bescheinigung durch die nicht demokratisch kontrol- lierten Sicherheitsapparate. Dies führt letztendlich zu einer eindeutigen Bevorzugung der Parteigänger der jeweils herrschenden Partei, d.h. jener der Fatah in der West Bank und solcher der Hamas im Gazastreifen. Dort hat die Hamas seit 2007 Tausende von Fatah- Mitgliedern im öffentlichen Dienst suspendiert, vor allem in den Sicherheitsapparaten, aber auch im Uni- versitäts– und Schuldienst sowie im Gesundheitssek- tor.

versitäts– und Schuldienst sowie im Gesundheitssek- tor. Dr. Salam Fayyad (Foto: Decap / Wikipedia) Trotz der

Dr. Salam Fayyad (Foto: Decap / Wikipedia)

Trotz der Bemühungen staatlicher Stellen, die Korrup- tion effektiv zu bekämpfen, stellt der Jahresbericht 2011 des Stiftungspartners AMAN fest, dass der poli- tische Wille zur Entwicklung eines seriösen und um- fassenden Maßnahmenkataloges zur Korruptionsbe- kämpfung noch ausstehe. Positiv ist jedoch anzumer- ken, dass im Jahre 2010 auf der Grundlage eines Anti- Korruptions-Kommissionsgesetzes eine entsprechende Institution ins Leben gerufen worden ist - ein Erfolg, der ohne den öffentlichen Druck und die Lobbyarbeit der palästinensischen Zivilgesellschaft nicht möglich gewesen wäre. Der bekannteste Korruptionsfall ist der des ehemaligen Ministers für Sicherheit und führen-

der des ehemaligen Ministers für Sicherheit und führen- 14 den Mitglieds des Fatah-Zentralkomitees, Mohammad Dahlan.

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der des ehemaligen Ministers für Sicherheit und führen- 14 den Mitglieds des Fatah-Zentralkomitees, Mohammad Dahlan.

den Mitglieds des Fatah-Zentralkomitees, Mohammad Dahlan. Ihm werden Unterschlagung, Betrug, Verun- treuung öffentlicher Mittel sowie Erpressung vorge- worfen. Auch mehrere andere, ehemals hohe Regie- rungsbeamte und Minister werden auf Initiative der Anti-Korruptionskommission von den Justizbehörden strafrechtlich verfolgt.

Die Regierung in der West Bank hat seit 2010 das

Arab Agreement against Transnational Crime, das Arab Agreement against Money Laundering and Fi- nancing Terrorism sowie das Arab Agreement against

Corruption unterzeichnet. Um einen höheren Grad an Transparenz im Regierungshandeln zu erreichen, be- müht sich die Regierung um verstärkte Öffentlich- keitsarbeit, z.B. in den elektronischen Medien. So ver- öffentlicht etwa das Finanzministerium monatlich sei- ne Finanzberichte und Ausschreibungen. Selbst die Sicherheitskräfte treten immer öfter an die Öffentlich- keit, um diese über eigene Aktivitäten sowie relevante Maßnahmen für die Bevölkerung zu informieren; ein Verhaltenskodex für das Personal der Sicherheits- dienste ist in Bearbeitung.

Größtes Hindernis für eine effektive Korruptionsbe- kämpfung ist jedoch die Aussetzung der Arbeit des 2006 gewählten Parlaments seit dem so genannten „Hamas-Putsch“ und der Spaltung Palästinas im Jahre 2007. Das Parlament kann weder seine Gesetzge- bungskompetenz noch seine Kontrollfunktion gegen- über der Exekutive ausüben. Die Regierung ist nur dem Präsidenten verantwortlich, dessen Amtsperiode – ebenso wie die des Parlaments bereits seit zwei Jahren abgelaufen ist. Dem Präsidenten obliegt es nun, die Geschicke des Landes mit Hilfe von ihm erlas- sener Dekrete zu führen. Das Ausbleiben der überfälli- gen Neuwahlen auf allen Ebenen tut ein Übriges, um die notwendige Legitimation der staatlichen Instituti- onen in Frage zu stellen. Dies verstärkt den durch verschiedene Umfragen von AMAN belegten Ein- druck breiter Bevölkerungsschichten, dass die politi- sche Elite des Landes in hohem Maße korrumpiert sei. Defizite bestehen auch im Bereich der innerparteili- chen Demokratie in den politischen Gruppierungen, wo seit vielen Jahren anstehende Wahlen wieder und wieder hinausgezögert werden. Dies vertieft das ver- breitete Misstrauen vieler Bürger in die Legitimation politischer Führungspersönlichkeiten.

Das Bewusstsein der Bevölkerung von der Notwendig- keit aktiver Korruptionsbekämpfung ist jedoch mittler- weile

Das Bewusstsein der Bevölkerung von der Notwendig- keit aktiver Korruptionsbekämpfung ist jedoch mittler- weile geschärft. Die relativ unabhängige Medienszene sowie die Zivilgesellschaft leisten wichtige Arbeit, um Korruptionsfälle und Missmanagement im Regie- rungsapparat aufzudecken. Die Stiftung hat hier eine gute Grundlage, um in der Zusammenarbeit mit den Partnern Rechtsstaatlichkeit und zivilgesellschaftli- ches Engagement zu fördern. Es besteht in Palästina dabei kein Konflikt zwischen den traditionellen Wer- ten und dem „westlichen“ Kampf gegen Korruption, weil diese moderne Krankheit staatlicher und gesell- schaftlicher Ordnungen von den Bürgern Palästinas als Gefährdung sowohl des Aufbaus eines eigenen Staates als auch der Schaffung einer persönlichen Existenzgrundlage erkannt wird.

Marokko

Im Zuge des „Arabischen Frühlings“ ist der Kampf ge- gen Korruption und Vetternwirtschaft zu einem zent- ralen Thema der politischen Debatte in Marokko avan- ciert. Die Forderung nach mehr Transparenz war be- reits eine Kernforderung der Protestbewegung des „20. Februar“. Und auch dem Sieg der Islamisten bei den Parlamentswahlen im November 2011 war deren Ver- sprechen vorausgegangen, „Ehrlichkeit in der Politik“ mit „guter Regierungsführung“ zu verbinden.

Kampf gegen eine Kultur des Bakshish

Doch der Weg dorthin ist weit. Von Klientelismus und Korruption geprägte Verhaltensweisen sind tief in der marokkanischen Gesellschaft verankert. In nahezu al-

len Teilen des politischen und wirtschaftlichen Lebens herrscht eine „Kultur des Bakshish“. Auf dem Index

erreichte Marokko

2010 nur 3,4 von 10 möglichen Punkten und landete damit auf Platz 85 von 178 bewerteten Staaten. Die- ser Mangel an Transparenz wird zunehmend auch in Marokko als ein wesentliches strukturelles Hindernis für die politische und ökonomische Transformation erkannt.

International

von

Transparency

Die „Moralisierung des öffentlichen Lebens“ steht in-

Die „Moralisierung des öffentlichen Lebens“ steht in- 15 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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sofern schon seit Jahren auf der Reformagenda des Kö- nigs. In den vergangenen Jahren war es verstärkt zu (punktuellen) Initiativen der Korruptionsbekämpfung ge- kommen, mit dem Ziel das angeschlagene Ansehen von Parteien und Staatsfüh- rung zu heben und den Islamisten die Grundlage für

Kritik zu nehmen. Mit der Instance Centrale pour la Prévention de la Corruption (ICPC) wurde eine zentra-

le Behörde gegründet; der 6. Januar jeden Jahres zum landesweiten Tag für die Bekämpfung der Korruption ernannt. Doch viele Initiativen versandeten schnell zu weit ist die Vetternwirtschaft bereits in die etab- lierten Machtstrukturen hineingewuchert.

in die etab- lierten Machtstrukturen hineingewuchert. Weiße Weste der Islamisten? Und so erstaunt es nicht, dass

Weiße Weste der Islamisten?

Und so erstaunt es nicht, dass der Erfolg der „Bewegung des 20. Februar“ und der überraschend deutliche Sieg der Islamisten bei den vergangenen Wahlen vor allem auf der Anprangerung einer korrup- ten politischen Klasse basier- te. Zum ersten Mal Teil der Regierung, trägt die moderat

te. Zum ersten Mal Teil der Regierung, trägt die moderat Abdelilah Benkriane (Foto: Lam19 / Wikipedia)

Abdelilah Benkriane (Foto: Lam19 / Wikipedia)

-islamistische Parti de Justice et du Développement (PJD)

unter dem neuen Premiermi- nister Abdelilah Benkriane für viele Marokkaner noch die weiße Weste einer nicht vom politischen System korrum- pierten Kraft. Mit geschick-

tem Bezug auf religiöse Prin- zipien hat die PJD in den vergangenen Monaten kon- krete und teils spektakuläre Maßnahmen der Korrupti- onsbekämpfung ergriffen, die in der Öffentlichkeit heftig diskutiert werden. So wurden Listen mit frag- würdigen staatlichen Privilegien im Transportsektor veröffentlicht und mit dem Abriss von tausenden ille- gal gebauten Häusern begonnen – ohne Rücksicht auf Status und Herkunft der Besitzer. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die neue Regierung diesen riskanten Kurs halten kann. Denn was Marokko heute braucht ist kein weiteres politisches Strohfeuer der Korruptionsbekämpfung, sondern ein grundlegender Mentalitätswandel von unten.

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Tunesien

Bis zur Revolution im Januar 2011, bei der der Frust breiter Bevölkerungsteile über die Kleptokratie der Familie des Präsidenten Ben Ali eine treibende Kraft war, war Tunesien ein Land, das im Hinblick auf die Verbreitung von Korruption zweigeteilt war. Auf der einen Seite die große Zahl von Offshore- und interna- tional exportierenden Unternehmen, die in Freizonen produzierten und administrativ von den normalen Steuer- und Zollbehörden getrennt waren – und damit von der ‚normalen’ Korruption isoliert blieben – und auf der anderen Seite tunesische Unternehmen (und hier vor allem der Handel und KMUs), die erheblich unter der flagranten Korruption litten. Vom Polizisten, der die Hand aufhält, bis zur intransparenten Vergabe von Großaufträgen und Importlizenzen war Korruption weit verbreitet. Hinzu kam die Habgier der inzwischen geschassten Präsidentenfamilie, deren Mitglieder sich insbesondere in gut laufende Großunternehmen hin- eindrängten und ihren „Trabelsi-Zehnt“ einforderten (benannt nach der Ehefrau des Präsidenten Ben Ali Layla Trabelsi), d.h. eine Beteiligung an den Einnah- men gut laufender Unternehmungen.

Seit der Revolution ist die Korruption ‚von oben’, d.h. die korrupten Praktiken der Familie um Ben Ali, vorbei. Allerdings ist die Aufarbeitung der Korruptionsfälle aus dieser Zeit auf einen sehr engen Kreis beschränkt geblieben. Auch wenn eine ganze Reihe von mit dem Familienclan verbundenen Unternehmern mit einem Reiseverbot belegt wurde, vorgeblich um ihre Ge- schäftspraktiken zu überprüfen, so ist es doch nicht zu einer wirklichen, öffentlichen Aufklärung selbst der flagrantesten Korruptionsfälle gekommen. Politische Beobachter gehen nicht davon aus, dass dies in Zu- kunft der Fall sein wird, denn die neue Regierung ist auf die Unterstützung gerade der Wirtschaft angewie- sen, um das enorme Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. So ist das Reiseverbot dem Vernehmen nach eher ein Druckmittel, zögerliche Un- ternehmer zu einer Unterstützung der neuen Regie- rung zu bewegen. Zwar wurde nach der Revolution eigens eine Untersuchungskommission gegründet, die den eklatantesten Fällen auf den Grund gehen sollte, doch blieb sie zahnlos und kam nicht über das Sam- meln von Informationen hinaus. Mehrere sehr glaub-

das Sam- meln von Informationen hinaus. Mehrere sehr glaub- 16 würdige Mitglieder der Kommission verließen das

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Sam- meln von Informationen hinaus. Mehrere sehr glaub- 16 würdige Mitglieder der Kommission verließen das Gre-

würdige Mitglieder der Kommission verließen das Gre- mium unter Protest über ihre Ineffizienz, eine Juris- tenvereinigung verklagte sie sogar.

Gleichzeitig blüht die so genannte „petty corruption“, bei der vor allem bei Behörden und an Nadelöhren in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft abkassiert wird (Rentenökonomie). Beispielsweise beim Zoll im Frachthafen von Tunis, wo ein Transitspediteur auf die Frage, was sich seit der Revolution im Hafen verändert habe, trocken bemerkte: „Vor der Revolution gab es eine Handvoll Trabelsis, die sich alles erlaubt haben, jetzt haben wir 10 Millionen“. Dies ist teilweise darauf zurückzuführen, dass Kontrollmechanismen, die früher in den staatlichen Behörden das Korruptionsniveau niedrig gehalten haben, nicht mehr funktionieren, zum anderen liegt es auch daran, dass ein gewisser Anspruch auf ein zusätzliches Einkommen besteht, das, weil der Staat nun auch nicht besser bezahlt als vor der Revolution, eben von den Bürgern eingefordert wird. Es ist genau diese Art von Motivation, die eine Korruptionskultur befördert, die schwer wieder zu- rückzufahren ist, denn auch der minderbemittelte Staat hat ein Interesse daran, seine Angestellten zu- frieden zu stellen. Wenn kein Geld für Erhöhungen der Besoldung vorhanden ist, wirkt die Korruption wie ei- ne Steuer, gegen die der politische Widerstand jedoch wegen der Kleinteiligkeit so diffus ist, dass ihr weniger entschieden entgegen getreten wird, als eine Steuer- erhöhung zur Finanzierung von Beamtengehältern. So landet Tunesien auf dem CPI von Transparency Inter- national zwar mit Platz 78 immer noch in der oberen Hälfte, hat sich jedoch im Vergleich zu vorher um ei- nige Plätze verschlechtert.

Seit dem Beginn der Demokratisierung Tunesiens sind eine ganze Reihe von kleinen und größeren Antikor- ruption-NGOs gegründet worden, die zum Teil aus Zu- sammenschlüssen auf Facebook bestehen, zum Teil

aus Zu- sammenschlüssen auf Facebook bestehen, zum Teil Facebook- Seite „Anti - Corruption Initiative (Tunisia)“

Facebook-Seite „Anti-Corruption Initiative (Tunisia)“ (Quelle: facebook.com)

aber auch über eigene Strukturen verfügen. Transpa- rency International ist an mehreren Stellen in Tunesi-

aber auch über eigene Strukturen verfügen. Transpa- rency International ist an mehreren Stellen in Tunesi- en beratend tätig gewesen, ohne jedoch in Tunesien eine eigene Präsenz zu haben. Obwohl Tunesien der

UN Convention against Corruption beigetreten ist,

können die daran geknüpften Bedingungen (z.B. die Schaffung einer unabhängigen Korruptionsbekämp- fungsinstanz) nicht als erfüllt gelten. Ob die neue Re- gierung unter der islamischen Ennahda Partei es schafft – wie ihr türkisches Vorbild AKP – mit der Kor- ruption aufzuräumen, damit eine wesentliche Forde- rung der Bevölkerung aus der Revolution zu erfüllen und ihre Glaubwürdigkeit mit tatsächlichen Erfolgen zu zementieren, bleibt abzuwarten.

Türkei

Die Türkei rangiert in den Statistiken von Transparency International in den Jahren 2009 bis 2011, die zwi- schen 178 und 183 Länder untersucht hat, jeweils im ersten Drittel zwischen Rang 56 und 61. Innerhalb der zehn Kategorien zwischen „very clean“ (9,0 bis 10,0) und „very corrupt“ (0,0 bis 0,9) befindet sich die Türkei dagegen jedoch mit Einschätzungen zwischen 3,9 bis 4,4 in der unteren Hälfte. Transparency führt neben dieser Rangordnung, die auf mehreren Kriterien ba- siert, auch eine zweite Rangliste, welche die vom Bür- ger „gefühlte“ (perceived) Korruption widerspiegelt. Daraus geht hervor, dass die Bürger der Türkei ihrem Land einen höheren Stand der Korruption nachsagen

ihrem Land einen höheren Stand der Korruption nachsagen Foto: Todd Mecklem/Flickr FNF International News 1-2012

Foto: Todd Mecklem/Flickr

Stand der Korruption nachsagen Foto: Todd Mecklem/Flickr FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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Freiheit vs. Korruption

(zwischen 4,5 und 5,0) und Korruption in der Bevölke- rung als ein größeres Problem angesehen wird. Er- staunlich ist aber, dass diese Einschätzung in der ver- öffentlichten Meinung bzw. Presse nicht die entspre- chende Berücksichtigung findet. In den einschlägigen Zeitungen wurde im Zeitraum von 2009 bis 2011 sehr selten über Korruptionsfälle oder Skandale berichtet. Insbesondere die in Deutschland aufgedeckte und rechtlich sanktionierte „Leuchtturmaffäre“, in die auch AKP-Abgeordnete verwickelt sein sollen, fand nur ein schwaches Medienecho. Auch über den jüngsten Skandal im türkischen Fußball, in dem der renommier- te Club Fenerbahce die Manipulation von Spielergeb- nissen vorgenommen hat und der zum Ausschluss des Clubs von den Spielen der Championsleague durch die UEFA geführt hat, wird nur sehr unregelmäßig und knapp berichtet.

Die mediale bzw. öffentliche Aufarbeitung von Kor- ruptionsfällen hat in der Türkei keine hohe Priorität, da andere Probleme wie „Rechtsstaatlichkeit“, „Presse- und Meinungsfreiheit“, der „Ergenekon-Prozess“ oder die „Verfassungsreform“ und das „Kurdenproblem“ die öffentliche Diskussion dominieren. Zudem hat die re- gierende AKP-Regierung, die als „Partei für Gerechtig- keit und Entwicklung“ die Korruptionsbekämpfung als eines ihrer wichtigsten Ziele ansieht, in den letzten Jahren immer wieder dafür gesorgt, dass eine detail- lierte Diskussion über staatliche Korruption nicht ge- führt wurde.

Jordanien

Beinahe zeitgleich mit den Aufständen in Nordafrika trat auch in Jordanien eine Protestbewegung zu Tage, die – anders als in Tunesien oder Ägypten – nicht den Sturz des Regimes forderte, sondern politische Refor- men und die Eindämmung der Korruption im Land.

Manch internationalen Beobachter verwunderte dabei anfänglich die auffallend bitter geführte Debatte um Korruptionsanschuldigungen in Jordanien. Studien und Berichte diverser NROs und internationaler Orga- nisationen darunter Transparency International und

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die Weltbank – ließen vermuten, dass Jordanien in punkto Korruption kein besonders problematisches Land sei, besonders im regionalen Vergleich. Von 183 untersuchten Ländern rangierte das Haschemitische Königreich beim CPI 2011 auf dem 56. Platz weltweit, und schnitt damit besser ab als die EU- Mitgliedsstaaten Italien (Platz 69) und Griechenland (Platz 80).

Internationale Statistiken hin oder her: In der sprich- wörtlichen jordanische Straße erhitzten sich die Ge- müter bereits seit geraumer Zeit an unzähligen Ge- rüchten über mutmaßliche, von der regierenden Elite unter den Tisch gekehrte Korruptionsskandale. Hinter vorgehaltener Hand wurde massive Kritik an der Poli- tik unter dem noch jungen König geäußert. Man habe Angst vor einem regelrechten „Ausverkauf“ des Landes unter dem Deckmantel einer intransparenten, frag- würdigen Privatisierungspolitik.

2011 fielen mit dem „arabischen Frühling“ alte Tabus und auch die Zurückhaltung der Jordanier bei Kritik an ihrem Staatsoberhaupt. König Abdullah II, dessen An- sehen in weiten Kreisen der jordanischen Bevölkerung durch die nun offener und lauter denn je geäußerten Korruptionsanschuldigungen gegen enge Vertraute Schaden zu nehmen drohte, reagierte prompt: Von Medien wurde der Monarch mit der Aussage zitiert, kein Jordanier stehe über dem Gesetz und alle, die sich der Korruption und dem Diebstahl öffentlicher Ressourcen schuldig gemacht hätten, seien zu bestra- fen. Dieser Aufforderung folgte in den vergangenen Monaten eine in der jüngeren jordanischen Geschichte beispiellose Anklage- und Verhaftungswelle gegen ehemals einflussreiche Politiker und Spitzenbeamte, darunter auch der prominente frühere Ammaner Bür- germeister Omar Maani, der zeitweilig als besonders enger Vertrauter und Berater des Königs galt, und der bis 2008 amtierende Geheimdienstchef Mohammad Al -Dahabi.

Trotz dieser Worte (und Taten) geben sich Vertreter der Protestbewegung bislang unbeeindruckt. So be- mängelt die Islamische Aktionsfront, der politische Arm der jordanischen Muslimbrüder, die sich taktisch klug an die Spitze der lautstarken Anti- Korruptionsbewegung gestellt hatten, Willkür und mangelnden genuinen politischen Willen bei der Kor- ruptionsbekämpfung.

politischen Willen bei der Kor- ruptionsbekämpfung. 18 Auch anerkannte politische Beobachter und Stiftungs-

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politischen Willen bei der Kor- ruptionsbekämpfung. 18 Auch anerkannte politische Beobachter und Stiftungs- partner

Auch anerkannte politische Beobachter und Stiftungs- partner sind skeptisch, ob die laufende Kampagne nachhaltige Ergebnisse erzielen wird. Das Grundprob- lem Jordaniens seien nicht individuelle Korruptionsfäl- le, sondern der tief verankerte Rentierstaat, auf dem der nicht mehr zeitgemäße Gesellschaftsvertrag in Jordanien basiert. Der Nährboden für Korruption in Jordanien ist dementsprechend nicht individueller Na- tur, sondern systemimmanent. Dennoch: “Dass das Grundübel im System begründet liegt, bedeutet nicht, dass Entscheidungsträger kurzfristig nichts machen können“, resümierte ein Zivilgesellschaftsaktivist im Gespräch mit der Stiftung. Um Vertrauen in den Staat und seine Institutionen zurückzuerlangen ist es von entscheidender Bedeutung, dass nun substanzielle politische Reformen beschlossen und umgesetzt wer- den.

Das Thema Korruptionsbekämpfung und Förderung guter Regierungsführung ist ein Schwerpunkt der Stif- tungsarbeit in Jordanien.

Dr. Ronald Meinardus (Ägypten) Regionalbüroleiter Mittelmeerländer

Anne Köhler (Israel) Projektkoordinatorin Israel

Suleiman Abu-Dayyeh (Palästina) Projektkoordinatorin Palästina

Sebastian Hempel (Marokko) Projektleiter Marokko und Algerien

Alexander Knipperts (Tunesien) Projektleiter Tunesien

Jörg Dehnert (Türkei) Ehem. Projektleiter Türkei

Ralf Erbel (Jordanien) Projektleiter Jordanien, Libanon, Syrien und Irak

Bildnachweis Titel: Chris De Bruyn/Flickr

FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Afrika: Ein Kontinent im Würgegriff der Korruption Das

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Freiheit vs. Korruption

Afrika: Ein Kontinent im Würgegriff der Korruption

Afrika: Ein Kontinent im Würgegriff der Korruption Das Problem der Korruption in Afrika wird in den

Das Problem der Korruption in Afrika wird in den deutschen Medien oft sehr polemisch dargestellt; vom „Krebsgeschwür afrikanischer Demokratien“ ist dort zum Beispiel zu lesen oder vom „Massenelend“ auf den Straßen Afrikas, das dem Luxusleben in „Saus und Braus“ der korrupten Eliten gegenüber gestellt wird. Stellvertretend für die korrupten politischen und wirt- schaftlichen Spitzen stehen einige afrikanische Präsi- denten, die in 100 Mann starken Gefolgschaften um die Welt reisen, Luxuslimousinen, Anwesen und riesige Summen auf Bankkonten in Europa anhäufen und ihre Frauen zum Shoppen nach London und Paris schicken, während die Bevölkerung zu Hause hungert. Ferner wird Korruption in Afrika oft als endemisch verstan- den und nicht zuletzt mit kulturdeterministischen Ar- gumenten erklärt. In Afrika selbst ist die Korruptions- debatte nicht weniger bildhaft. Die Korruption sei das „Monster”, das den Traum vom Aufstieg Afrikas zer- störe, erklärte Südafrikas Ombudsfrau Thuli Madonse- la kürzlich auf einer Antikorruptionskonferenz. Was aber steckt hinter dieser Metapher?

Wie korrupt ist Afrika?

Tatsächlich gilt Afrika weithin als eine der korruptes- ten Regionen der Welt. Laut dem Korruptions-Index CPI von Transparency International lagen 2011 neun der zwanzig Staaten, die weltweit als am korruptesten eingeschätzt werden, in Afrika: Somalia an erster Stel- le, gefolgt von Sudan, Äquatorialguinea, Burundi, Libyen, Demokratische Republik Kongo, Tschad, Ango-

Libyen, Demokratische Republik Kongo, Tschad, Ango- la und Guinea. Es ist unmöglich absolute Korruption-

la und Guinea. Es ist unmöglich absolute Korruption- swerte zu messen, da Korruption per Definition ille- gitime und daher meist versteckte Transaktionen um- fasst. Ferner variieren weltweit sowohl die Definition als auch die Wahrnehmung von Korruption. Was in einem Kontext klar als Bestechung gilt, wird in an- deren Situationen als Ausgleichszahlung oder harm- loses Geschenk zum Aufbau von Geschäftsbezi- ehungen verstanden. Die große Mehrheit der afrikan- ischen Bevölkerung schätzt ihre Staaten jedoch als höchst korrupt ein.

schätzt ihre Staaten jedoch als höchst korrupt ein. Weltweite Verbreitung von Korruption (Grafik:

Weltweite Verbreitung von Korruption (Grafik: transparency.org)

Botsuana, das Land, in dem afrikaweit am wenigsten Korruption wahrgenommen wird, lag 2011 auf einer Skala von 0 (sehr korrupt) bis 10 (nicht bestechlich) bei 6.1 Punkten auf Weltrang 32. 1 In einer ganzen

1 Neuseeland wurde mit einer Punktzahl von 9.5 als das am wenigsten korrupte Land aufgeführt, während Nordkorea und Somalia mit jeweils 1 Punkt als die korruptesten Länder welt- weit zusammen den letzten Platz in der Rangliste belegten.

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Freiheit vs. Korruption

Reihe afrikanischer Länder nahm die Wahrnehmung von Korruption 2011 hingegen zu: Mauritius rutschte von Rang 39 (5.4 Punkte) auf Rang 46 (5.1 Punkte) ab, Südafrika fiel um 10 Plätze vom 54. (4.5 Punkte) auf den 64. (4.1) Weltrang. Ghana verschlechterte sich um 0.2 auf 3.9 Punkte und steht nun auf Platz 69. Sim- babwe steht mit 2.2 Punkten auf Rang 154, gegen- über Rang 132 (2.4 Punkte) im Vorjahr. Senegal be- hielt die Punktzahl 2.9 bei und rutschte dennoch von Rang 105 auf Rang 112. In Ostafrika ist hinsichtlich der Korruptionswahrnehmung eine positive Entwick- lung zu verzeichnen: Tansania verbesserte sich von 2.7 auf 3 Punkte und damit von Rang 116 auf Rang 100, während Kenia immerhin mit einem Anstieg von 2.1 auf 2.2 Punkte Platz 154 hielt.

Inwiefern ist Afrika korrupt?

Die Korruption in Afrika hat viele Gesichter und es bestehen bedeutende regionale und auch interne Un- terschiede. So reicht Korruption von Millionendeals in den höchsten politischen Kreisen zu Schmiergeldern für Verkehrspolizisten und Zollbeamte. Der fantastisch anmutende Lebensstil des Diktatorensohns Teodoro Nguema Obiang in Paris, London, Rio de Janeiro und Malibu, welcher auf Korruptionsgeschäften mit den Gas- und Ölreserven Äquatorialguineas beruht, lässt sich quantitativ kaum mit den allgemein üblichen Schmiergeldzahlungen an Verkehrspolizisten verglei- chen. Das Grundprinzip ist jedoch dasselbe: Korruption ist die Verletzung eines allgemeinen Interesses zu Gunsten eines speziellen Vorteils und kann nur dort gedeihen, wo ein gewisses Maß an Straflosigkeit herrscht. Eine verheerende Wirkung übt die Bestech- lichkeit der politischen Entscheidungsträger letztlich auf das Vertrauen der Bevölkerung in den Gesell- schaftsvertrag aus und zersetzt damit auf lange Sicht sofern vorhanden die demokratische Kultur eines Landes.

Die Korruption im öffentlichen Sektor afrikanischer Länder reicht von der Vergabe von staatlichen Verträ- gen ohne öffentliche Ausschreibungen, über die Modi- fizierung der Höhe der Vergütung nach Vertragsab- schluss und Mehrfachzahlungen für private Dienst- leistungen, bis hin zur Beschäftigung von Scheinfir- men – oder wie kürzlich in der südafrikanischen Pro- vinz Kwazulu-Natal von Scheinlehrern. In Kenia kam

Pro- vinz Kwazulu-Natal von Scheinlehrern. In Kenia kam 20 „Korruptionsfreie Zone“ in Nairobi, Kenia (Foto:

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Pro- vinz Kwazulu-Natal von Scheinlehrern. In Kenia kam 20 „Korruptionsfreie Zone“ in Nairobi, Kenia (Foto: Erlend
Pro- vinz Kwazulu-Natal von Scheinlehrern. In Kenia kam 20 „Korruptionsfreie Zone“ in Nairobi, Kenia (Foto: Erlend

„Korruptionsfreie Zone“ in Nairobi, Kenia (Foto: Erlend Aasland/Flickr)

2004 ein Skandal ans Licht, in dem der Scheinfirma Anglo Leasing, unter anderem für die Anschaffung eines Kriegsschiffes und fälschungssicheren Personal- ausweisen, Regierungsverträge in Höhe von US$ 1 Milliarde zugekommen waren. Einige Minister waren in den Skandal involviert, doch die Justiz verweigerte zunächst jegliche Untersuchung. Korruption im öf- fentlichen Sektor ob in Form der Veruntreuung von Steuergeldern oder der Vergabe von begünstigten Konzessionen für den Rohstoffabbau – ist Diebstahl und zeugt von mangelndem Interesse der politischen Elite am Wohlergehen ihrer Bürger. Eng verbunden mit der Korruption sind verschwenderische Ausgaben. So hält die südafrikanische Polizei für die vier First Ladies Zumas (Zuma lebt als Angehöriger der ethni- schen Gruppe der Zulu polygam) täglich landesweit Luxuslimousinen bereit. Auch die Präsidentenresiden- zen wurden jüngst in Millionenhöhe mit Steuergeldern renoviert.

Zu einem korrupten Geschäft gehören immer zwei Seiten. Im Fall von Regierungsverträgen sind dies ne- ben Politikern lokale Dienstleister oder internationale Firmen. Doch auch die Bürger tragen ihren Teil zum Problem bei, wenn sie beispielsweise Verkehrspolizis- ten und Zollbeamte bestechen. Besonders beunruhi- gend ist jedoch, dass Korruption für die Bevölkerung einiger afrikanischer Länder nicht nur bedeutet, dass sie sich vor der Zahlung von Bußgeldern drücken kann, sondern, dass sie sich vielmehr gezwungen sieht zu bestechen, um Zugang zu grundlegenden staatlichen Dienstleistungen zu erhalten. In einigen öffentlichen Krankenhäusern müssen Patienten den Ärzten Schmiergelder zahlen, bevor sie behandelt werden und

in vielen Schulen können Schüler Prüfungen nicht be- stehen, ohne ihre Lehrer zu bestechen. Die

in vielen Schulen können Schüler Prüfungen nicht be- stehen, ohne ihre Lehrer zu bestechen. Die Hälfte der ostafrikanischen Befragten einer Studie von Transpar- ency International zahlt Bestechungsgelder, um Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen zu bekom- men, die ihnen eigentlich gratis zustehen sollten.

Was kostet Afrika die Korruption?

„Viele Entwicklungsländer sind arm, weil sie korrupt sind.“ Diese Aussage vom Gründer von Transparency International, Peter Eigen, trifft in besonderem Maße auf die Region Subsahara-Afrika zu. Während Afrikas Volkswirtschaften in den letzten Jahren trotz der Weltwirtschaftskrise expandierten laut der African Development Bank lagen die Wachstumsraten Afrikas von 2001 bis 2010 trotz der Finanzkrise bei durchschnittlich 4,8% jährlich – verblieben Ar- beitslosigkeit und Armut auf einem problematisch ho- hen Niveau. Noch immer lebt rund die Hälfte der Bevölkerung Afrikas in extremer Armut. Der Haupt- grund dafür, dass hohe Wachstumsraten nicht zur Verbesserung des Lebensstandards der Menschen füh- ren, ist die anhaltend undemokratische und korrupte Regierungsführung in vielen Ländern. Die Teilhabe an den wirtschaftlichen Wachstumsprozessen bleibt auf die oberen, gut vernetzten Schichten afrikanischer Gesellschaften beschränkt.

Korruption schwächt die Voraussetzungen für stabiles wirtschaftliches Wachstum basierend auf marktwirt- schaftlichen Prinzipien. Sie erhöht die Transaktions- kosten beim Aushandeln von Preisen für Güter und Dienstleistungen und verhindert somit eine marktkon- forme Preisbildung. Wo Initiative und Engagement gefordert wären, schafft Korruption Abhängigkeiten. Statt eines gesunden Investitionsklimas, welches auf Berechenbarkeit und Verlässlichkeit beruht, befördert Korruption Unsicherheit und Misstrauen. In vielen Ländern führt die ungenügende Trennung von Regie- rungspartei und Staat dazu, dass nicht nur politische, sondern auch verwaltungstechnische Posten als Be- lohnung an loyale Parteigetreue vergeben werden, die oft weder über das Fachwissen noch die relevante Er- fahrung verfügen, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Kor- ruption und Vetternwirtschaft schaffen folglich eine politische Kultur, die Mittelmäßigkeit und Inkompe- tenz fördert. Damit der Staat seinen Aufgaben gerecht

tenz fördert. Damit der Staat seinen Aufgaben gerecht 21 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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Freiheit vs. Korruption

wird, muss Südafrikas Regierung beispielsweise pri- vate Dienstleister zusätzlich zu Staatsdienern be- schäftigen, was die Haushaltsausgaben weiter in die Höhe treibt.

Die Gesamtkosten der Korruption sind ebenso wenig messbar wie absolute Korruptionswerte. Schätzungen sind trotzdem nützlich, um die Tragweite des Prob- lems zu veranschaulichen. Die absoluten Kosten von Korruption beinhalten nicht nur die Summen verun- treuter und somit für dringend notwendige öffentliche Ausgaben verlorene Gelder zum Beispiel in den Be- reichen Gesundheit und Bildung sondern auch die Implikationen, die ein Klima der Korruption für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung eines Landes

hat. Die African Development Bank geht davon aus,

dass durch Korruption in Afrika bis zu 50% des Steuereinkommens veruntreut wird. Ein Bericht der Afrikanischen Union (AU) von 2002 schätzt die direkten und indirekten Kosten der Korruption in Afri- ka jährlich auf US$ 148 Milliarden, oder 25% des gesamtafrikanischen Bruttoinlandsprodukts. Ferner führe die Korruption zu einem unnötigen Kostenan- stieg von in Afrika produzierten Gütern von 20%. 2

Teufelskreis der Korruption

„Among a people generally corrupt, liberty cannot long exist.“ Edmund Burke 1777

Korruption ist ein Wesenszug schlechter Regierungs- führung – der Weg zu unrechtmäßigem, aber vor al- lem schnell „verdienten“ Geld für die Mächtigen. Sie blüht überall dort, wo Zivilgesellschaft, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geschwächt sind und Straflo- sigkeit herrscht. Gleichzeitig beschleunigt voran- schreitende Korruption die Erosion bereits angeschla- gener demokratischer Institutionen. Viele afrikanische Politiker streben Wahl und Wiederwahl um jeden Preis an, da ihr Amt ihnen Zugang zu staatlichen Schatz- kammern und den Schutz vor Strafverfolgung bietet. Korruption pervertiert Politik, indem sie für das Ge- meinwohl falsche Entscheidungen erkauft. Staatliche Projekte und Aufträge werden nicht nach ihrer Wirt- schaftlichkeit ausgesucht, sondern mit dem Hinterge- danken, wie viel an ihnen für die korrupten Politiker zu verdienen ist. Gleichzeitig müssen sie versuchen

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Freiheit vs. Korruption

Schlüsselfiguren in Justiz und Legislative zu kaufen, um an der Macht zu bleiben so zieht die Korruption immer weitere Kreise, umfasst immer mehr Nutznie- ßer und stellt Staat, Wirtschaft und Gesellschaft lang- fristig vor große finanzielle Probleme. Und da die meisten Politiker Afrikas direkt oder indirekt in illegale Geschäfte involviert sind, ist „Korruptions- bekämpfung“ in vielen Ländern Wahlkampfthema und zugleich Druckmittel gegen oppositionelle Kräfte.

Politische Korruption ist Diebstahl an der Bevölkerung eines Landes. Sie reduziert öffentliche Einnahmen zu Gunsten privater Gewinne und führt zum Nichterbrin- gen staatlicher Dienstleistungen. Die knappen Res- sourcen, die in Infrastruktur, Bildung und das Gesund- heitswesen fließen sollten, landen durch Korruption in privaten Taschen. Wo Korruption herrscht, verlieren Bürger Vertrauen in die Politik – und Politiker die Un- terstützung der Bevölkerung. Da die Kosten beim Aus- scheiden aus dem Amt, beziehungsweise die Gewinne beim Verbleib im Amt, jedoch ausgesprochen hoch sind, fühlen sich Kandidaten verleitet, Stimmen zu kaufen und Wahlergebnisse zu fälschen, um sich ihre Mandate zu sichern. Von hier ist der Schritt zur Be- schneidung bürgerlicher Freiheiten und deren indivi- dueller sowie kollektiver Wahrnehmung, wie der Mei- nungs-, Rede-, Versammlungs- und Pressefreiheit und der gewalttätigen Unterdrückung der Opposition, nicht groß. In repressiven oder undemokratischen Staaten führt die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit korrupten Regierungen entweder zu politischer Apa- thie oder zu Unruhen (wie zum Beispiel im Fall von Gemeinden im Nigerdelta in Nigeria, die nicht von der Ölförderung profitieren, da die Gewinne von Regie- rungsbeamten abgeschöpft werden).

Korruption zerstört demokratische politische Kultur – oft geht es bei Wahlen nicht mehr um ideologische Unterschiede, sondern um potentielle Gewinne und Beutesicherung. Nicht selten geht dieser Prozess in afrikanischen Ländern mit einer ethnischen Differen- zierung einher. Die Gewalt, die in Kenia nach dem er- klärten Wahlsieg von Präsident Mwai Kibaki 2007 ausbrach, lässt sich auf das Nullsummenspiel keniani- scher Politik zurückführen; wenn die eigene ethnische Gruppe nicht an der Macht ist, gibt es keinen Raum für ökonomischen oder politischen Aufstieg. Wie Mi- chela Wrong in ihrem Buch „It’s Our Turn to Eat” erklärt, waren die Anhänger Kibakis, die ethnischen

Eat” erklärt, waren die Anhänger Kibakis, die ethnischen 22 Kikuyus, nicht bereit die Macht abzugeben. Odingas

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erklärt, waren die Anhänger Kibakis, die ethnischen 22 Kikuyus, nicht bereit die Macht abzugeben. Odingas

Kikuyus, nicht bereit die Macht abzugeben. Odingas Anhänger hingegen, in ihrer Mehrheit ethnische Luos, waren der Meinung, dass sie an der Reihe seien, sich am Trog öffentlicher Gelder zu nähren. Tatsächlich hat politischer Klientelismus in Kenia zur regionaler Un- gleichheit nach ethnischen Kriterien geführt.

Korruptionsbekämpfung

Die Mehrheit afrikanischer Länder verfügt über An- tikorruptionsgesetzgebung und in den letzten zehn Jahren haben viele afrikanische Regierungen Schritte zur Korruptionsbekämpfung eingeleitet. Diese Reform- bestrebungen sind in vielen Fällen zwar vorrangig auf den Druck internationaler Geberländer 3 , in anderen Fällen aber auch auf den Druck von Oppositionspartei- en zurückzuführen. Leider bedeutet die öffentliche Kriegserklärung an die Korruption nicht unbedingt, dass es einer Regierung, oder den Heimatländern der internationalen Geber, ernst mit der Korruptionsbe- kämpfung ist. Nigeria, Kenia und Südafrika zum Bei-

kämpfung ist. Nigeria, Kenia und Südafrika zum Bei- „Anti -Korruption- Mitteilungskasten“ in Kenia (Foto:

„Anti-Korruption-Mitteilungskasten“ in Kenia (Foto: lauren_pressley/Flickr)

3 Die Rolle der Gebergemeinschaft in der Korruptionsentwicklung Afrikas ist äußerst problematisch. In Deutschland war internati- onale Korruption bis Ende der 1990er Jahre de facto als „Zuwendungen im Geschäftsverkehr“ steuerlich absetzbar. Einige afrikanische Ökonomen, wie der Gründer des Stiftungspartners

Inter Region Economic Network (IREN), James Shikwati, fordern

eine drastische Reduzierung von Hilfsgeldern, um Regierungen dazu zu zwingen auf Steuergelder zu bauen, und so von ihren Wählern in Rechenschaftspflicht genommen zu werden.

spiel haben Antikorruptionsbehörden eingeführt, die durch ihre unklare politische Stellung und Abhängig- keit von der

spiel haben Antikorruptionsbehörden eingeführt, die durch ihre unklare politische Stellung und Abhängig- keit von der Exekutiven schlicht aufgelöst (wie im Fall der unabhängigen Antikorruptionsbehörde Scorpions in Südafrika 2009) oder mit getreuen beziehungsweise korrupten Verantwortlichen besetzt werden können.

Eine Zivilgesellschaft, die Transparenz und das Erbrin- gen staatlicher Dienstleistungen einfordert, ist für ef- fektive Korruptionsbekämpfung unerlässlich. Staaten, in denen laut Transparency International wenig Kor- ruption wahrgenommen wird, sind politisch stabile Länder mit hohem Bildungsniveau sowie etablierten rechtlichen und demokratischen Institutionen, in denen Presse- und Informationsfreiheit herrschen. Korruption ist potentiell ein universelles und nicht nur ein in Afrika endemisches Problem. Die Versuchung, Status und politische Macht zum Zwecke der persönli- chen Bereicherung zu missbrauchen, besteht immer. Nur gefestigte rechtsstaatliche Demokratien mit einer aktiven Zivilgesellschaft können das „Monster“ der Korruption bezwingen.

können das „Monster“ der Korruption bezwingen. Appell an Besucher in Sierra Leone, das Land nicht zu

Appell an Besucher in Sierra Leone, das Land nicht zu korrumpieren (Foto: rogoyski/Flickr)

Fallbeispiel Südafrika: Korruptionsbekämpfung aus Machtkalkül

Südafrika verzeichnet hinsichtlich der Korruptionsent- wicklung in den letzten Jahren eine Negativentwick- lung und fiel von 2010 auf 2011 im CPI um zehn Plät- ze vom 54. (4.5 Punkte) auf den 64. (4.1 Punkte) Welt- rang. Laut dem Vorsitzenden des südafrikanischen Rechnungshofes, Terence Nombembe, wurden im Zeit- raum 2010/11 20 Milliarden Rand (ca. 1,9 Milliarden Euro) an nicht autorisierten Geldern ausgegeben. Nur drei von 29 Ministerien und 106 von 272 staatlichen

Nur drei von 29 Ministerien und 106 von 272 staatlichen 23 FNF International News 1-2012 Freiheit

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Freiheit vs. Korruption

Unternehmen erhielten 2011 einen anstandslosen Prüfbericht. Willie Hofmeyr, entlassener Chef der An-

tikorruptionseinheit

schätzt, dass die südafrikanische Regierung wegen Korruption jährlich rund 30 Milliarden Rand (ca. 2,85

Milliarden Euro) einbüßt.

Special

Investigating

Unit,

Auch in Südafrika reicht die Korruption bis in die höchsten politischen Ämter. Im Armsgate-Skandal, einem Waffengeschäft im Umfang von fünf Milliarden US-Dollar, waren in den 1990er-Jahren unter ande- rem zahlreiche Schmiergelder von einer französischen Firma an den Geschäftsmann und engen Freund Zu- mas, Schabir Shaik, gezahlt worden. Die Vermutung, dass diese Gelder an Zuma (der nicht auf der Anklage- bank saß) weiterflossen, sah der Richter, der Herrn Shaik im Juni 2005 zu 15 Jahren Haft verurteilte, als erwiesen an. Der damalige Präsident Mbeki entließ Zuma daraufhin als Vizepräsidenten und dieser wurde wegen Korruption, Begünstigung, Steuerhinterziehung und Betrug in über 700 Fällen angeklagt. Im Septem- ber 2008, nach der Entmachtung Mbekis, wurde das Verfahren jedoch vorübergehend eingestellt und im April 2009 zwei Wochen vor der Wahl Zumas zum Staatspräsidenten und nach Entlassung des Bundes- staatsanwaltes wegen angeblicher Manipulation des Beweismaterials endgültig eingestellt. Seit dem Be- ginn des Skandals drohte Zuma, dass er auch andere hochrangige ANC-Politiker unter ihnen Mbeki zu Fall bringen würde, sollte weiter gegen ihn ermittelt werden.

Die Bestecher, die im Zusammenhang mit diesem Skandal genannt werden, sind alle internationale Fir- men: deutsche, britische, italienische und französische Unternehmen werden verdächtigt oder sind bereits überführt. Man möge sich an dieser Stelle auch daran erinnern, dass es in eben jenen Ländern bis vor einigen Jahren möglich war Bestechungsgelder in der Heimat ganz legitim von der Steuer abzusetzen. Selbst der Teil des Waffendeals, der öffentlich gemacht wurde, um ihn in der Bevölkerung vertreten zu können, stimmt sehr bedenklich: So sollten vertraglich zugesichert im Gegenzug für die Waffengeschäfte unter anderem 65.000 Arbeitsplätze von den Rüstungsfirmen ge- schaffen werden und 110 Milliarden Rand an Investi- tionen zurück nach Südafrika fließen. Nun liegen gesi- cherte Zahlen vor, wonach nur 13.690 von den oben- genannten versprochenen Arbeitsplätzen entstanden

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Freiheit vs. Korruption

und rund 6 Milliarden Rand investiert wurden. Auch Deutschland ist hier beteiligt: Offiziell sollte das deut- sche Fregatten-Konsortium US$ 2.047.600.000 inves- tieren, doch die eigentliche Investitionssumme lag schlussendlich nur bei US$ 44.433.395. Gegen das Konsortium ermittelt nun die deutsche Staatsanwalt- schaft wegen Verdachts der Bestechung südafrikani- scher politischer Entscheidungsträger.

Präsident Jacob Zuma sieht sich in Südafrika aller- dings einer starken Zivilgesellschaft und mit dem Partner der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Frei-

heit, Democratic Alliance (DA), einer äußerst kompe-

tenten und kritischen Opposition gegenüber. Auch innerhalb des regierenden ANC, vor allem im Alli- anzpartner und Gewerkschaftsdachverband Congress

of South African Trade Unions (COSATU), werden im-

mer wieder Stimmen gegen die grassierende Korrup- tion auf allen Regierungsebenen laut. Zu den unermüdlichen Kämpfern gegen die Korruption gehört ferner Südafrikas Ombudsfrau Thuli Madonsela, der man von Regierungsseite bis vor kurzem, im Gegen- satz zu ihren Vorgängern, Personenschutz verweigerte. Um sich vor dem Urteil unabhängiger Untersuchungen zu schützen, betreibt Zuma vorgebliche Korrup- tionsbekämpfung. Zyniker sprechen davon, dass Zuma so sehr damit beschäftigt sei seine Leichen im Keller (das englische sprichwörtliche „skeletons in the clos- et“) zu verbergen und seine Beute zu sichern, dass er nicht zum Regieren komme.

seine Beute zu sichern, dass er nicht zum Regieren komme. © 2012 Zapiro (All rights reserved)

© 2012 Zapiro (All rights reserved) Printed with permission from www.zapiro.com For more Zapiro cartoons visit www.zapiro.com

For more Zapiro cartoons visit www.zapiro.com 24 Im Oktober 2011 stellte Zuma beispielsweise sein Ka-

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For more Zapiro cartoons visit www.zapiro.com 24 Im Oktober 2011 stellte Zuma beispielsweise sein Ka- binett

Im Oktober 2011 stellte Zuma beispielsweise sein Ka- binett um. Dabei rollten verdientermaßen die Köpfe der Minister Shicelo Shiceka und Gwen Mahlangu- Nkabinde. Auch der Polizeichef Bheki Cele wurde vom Dienst suspendiert. Gegen Shiceka bestand der Ver- dacht, rund 600.000 Rand (58.000 Euro) in Luxusrei- sen in die Schweiz veruntreut zu haben, um eine Freundin zu besuchen, die dort wegen Drogenhandels inhaftiert ist. Nkabinde und Cele waren in einen milli- ardenschweren Immobilienskandal verwickelt. Über die Kabinettsumbildung hinaus rief Zuma Mitglieder einer Untersuchungskommission für den Armsgate- Skandal ein. Dies tat er vermutlich mit der Absicht, einem richterlichen Beschluss zuvorzukommen, der ihn zur Einrichtung einer solchen Kommission ge- zwungen hätte. In diesem Fall hätte er weniger Mög- lichkeiten gehabt, Einfluss auf die Besetzung der Kommission und die Definition des Untersuchungsge- genstands zu nehmen.

Gleichzeitig versucht Zuma politische Schlüsselpositi- onen durch einen eisernen Ring aus Getreuen zu be- setzen, die ihn schützen sollen. Hierzu gehören der neue Chef der Antikorruptionseinheit Special Investi- gating Unit, der Bundesstaatsanwalt, der Justizminis- ter und zunehmend auch die Mitglieder des Verfas- sungsgerichts. Teil dieses Zuma-Schutzwalles ist wohl auch die Verabschiedung der Protection of State In- formation Bill (Spitzname: Secrecy Bill), einem Gesetz zur willkürlichen Klassifizierung von allen un- liebsamen Informationen als Staatsgeheimnis mit An- drohung wahrhaft drakonischer Strafen.

Aber es gibt neben der Oppositionspartei DA auch an- dere Gegenströmungen, die sich wehren: Anfang Ja- nuar 2012 wurde auf Initiative von COSATU und Tei- len der Zivilgesellschaft die unabhängige Organisation Corruption Watch als Anlaufstelle für die Bürger bei Korruptionsverdacht gegründet. Die Organisation soll Informationen prüfen und an die staatlichen Antikor- ruptionsorgane weiterleiten. Bisher mangelt es Cor- ruption Watch jedoch an einem klaren Rechtsstatus und an Abkommen mit den staatlichen Institutionen. Der südafrikanischen Regierung fehlt der politische Wille, die Korruption auszumerzen, wo sie doch in Teilen stark von dieser profitiert. Andernfalls würden sie sich wie eine englische Redensart besagt den Stock schnitzen mit dem sie verprügelt werden („They are not cutting a rod for their own back.“)

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Das südafrikanische Beispiel lehrt allgemein, dass Kor- ruptionsbekämpfung immer im gesamtpolitischen Kontext demokratischer und freiheitlicher Entwicklun- gen eines Landes beurteilt und nicht vorschnell für bare Münze genommen werden darf. Der Friedrich- Naumann-Stiftung für die Freiheit in Subsahara- Afrika geht es in ihren Projektländern weiter darum, durch die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und liberalen Partnerparteien Men- schenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und das Prinzip der freien Marktwirtschaft zu fördern – die unabdingbaren Rahmenbedingungen für effektive Korruptionsbekämpfung und verantwortungsvolle Re- gierungsführung.

Feline Freier Freie Mitarbeiterin der FNF Südafrika

Bildnachweis Titel: futureatlas.com/Flickr

FNF Südafrika Bildnachweis Titel : futureatlas.com/Flickr FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Der

FNF International News 1-2012

Freiheit vs. Korruption

Der Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International

Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International Der nehmungsindex Korruptionswahr- (engl. Corruption

Der

nehmungsindex

Korruptionswahr-

(engl.

Corruption Perceptions

Index oder auch CPI) wird seit 1995 von der nichtstaatlichen Orga- nisation Transparency International herausge- geben, die sich welt- weit in der volksund

betriebswirtschaftli-

chen Korruptionsbe- kämpfung engagiert.

Spiritus rector des Ver-

zeichnisses ist Johann Graf Lambsdorff, Professor für Wirtschaftstheorie an der Universität Passau, der den Index 1995 konzipierte und seitdem im Auftrag von TI erstellt.

Der CPI gibt dabei die Wahrnehmung von Korruption an. Er listet Länder nach dem Grad auf, in dem dort Korruption bei Amtsträgern und Politikern wahrge- nommen wird. Es ist ein zusammengesetzter Index, der sich auf verschiedene Umfragen und Untersuchungen stützt, die von mehr als zehn unabhängigen Institutio- nen durchgeführt wurden. Es werden Geschäftsleute sowie Länderanalysten befragt und Umfragen mit Ex- perten im In- und Ausland miteinbezogen. Der Index hat eine Skala von 0 bis 10, wobei 10 die geringste Wahrnehmung von Korruption anzeigt und somit das bestmögliche Ergebnis ist.

Transparency Inter- national wurde 1993 in Berlin vom ehema- ligen Direktor der Weltbank für Ostafrika, Peter Eigen, und Mitstreitern aus aller Welt gegründet. Die Haupt- sitze von TI und TI Deutschland befinden sich in Berlin- Moabit bzw. Berlin-Mitte. TI verfügt über mehr als 90 nationale Ableger, zu denen auch TI Deutschland ge- hört.

mehr als 90 nationale Ableger, zu denen auch TI Deutschland ge- hört. Quellen: Wikipedia.org, cpi.transparency.org

Quellen: Wikipedia.org, cpi.transparency.org

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Freiheit vs. Korruption

FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption The Dynamics of Corruption in India Introduction India is

The Dynamics of Corruption in India

Freiheit vs. Korruption The Dynamics of Corruption in India Introduction India is listed as 95 out

Introduction

India is listed as 95 out of 182 in Transparency Inter- national’s 2011 list of countries graded from 1 to 10 – with 10 being the least corrupt. India is graded at 3.1 out of 10 in terms of how clean it is from corruption, and shares this position with Albania, Kiribati, Swazi- land and Tonga. This statistic gives us a broad idea of how Indians perceive corruption in their country, but the story of corruption in India is a dynamic one, and how it affects the freedom of Indians is complex.

It is vital to remember that India achieved freedom from British rule in 1947, after almost two hundred years of being ruled by an imperial power that valued stability and profits far more than the freedom of the people it ruled. This meant that the powerful elites at the time of India’s independence were seen as deeply complicit in an essentially corrupt order meant to ex- ert control over the general population. The Indian National Congress (INC) which led the freedom struggle and became the principal ruling party of in- dependent India identified this corrupt ruling order as the source of Indian poverty. Post-independence the INC, with a broad consensus from society except for key liberal actors, used state power in a revolu- tionary manner, stripping land and power from land owning elites, and limiting land ownership rights. The state was also given the task to lead in economic de- velopment, occupying the “commanding heights” of the economy with large public sector units (PSUs).

goods and industries, those that could access those permits and monopolise them became fantastically wealthy in an otherwise poor society. During the 70s and 80s this process reached a peak, and the Indian population which had early seen their freedoms se- verely restricted by foreign rule now saw their free- doms restricted by large scale and internal corruption situated between the politicians and bureaucrats.

India’s deeply entrenched democratic politics meant that electoral politics allowed marginalised sectors of society to come to power. However, this often meant that new actors became embroiled in corruption ra- ther than corruption being combated by those who had been negatively affected by it. Political power, and a position in the bureaucracy, became a means to exploit the state by different parts of the social spec- trum, and positions in the state government or bu- reaucracy were seen as a way to capture wealth by a specific caste or class. Nevertheless the effects of cor- ruption on the poor in India are catastrophic. Medi- cines do not reach hospitals, roads are in disrepair, buildings are built using unsafe construction material, health inspections are not conducted, substandard food is served in public projects for feeding the poor, the food subsidy system is a hotbed of thievery. Each and every day institutional corruption kills, or severely limits the life chances of millions in the country.

Liberalisation and New Hopes

Corruption in Independent India

State-led economic growth was far from a success story; instead it devolved into what is sarcastically called the “License-Permit-Quota Raj”. As the govern- ment controlled the permits and licenses for most

govern- ment controlled the permits and licenses for most 26 In 1991, faced by a severe

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In 1991, faced by a severe balance-of-payment crisis, India slowly started to dismantle its government con- trols over the private sector, leading to a freer and more vibrant economic sector. Its growth rate shot up to 7 percent on average and has held that position for most of the last two decades. During this time the role of corruption in India has also become a greater

focus of attention. Liberalisation has done away with some of the corruption engendered by the

focus of attention. Liberalisation has done away with some of the corruption engendered by the License- Permit-Quota Raj. It also has led to a growth of a vi- brant private sector that employs a larger middle class which is frustrated by the endemic corruption, and compares India’s state unfavourably with foreign countries. At the same time some types of privatisa- tion pursued during this process the granting of contract to exploit natural resources like coal, or the sale of spectrum licenses to mobile phone companies are naturally open to corruption, as political actors stood to gain a substantial profit by given preferential deals through opaque processes to large private busi- ness houses.

through opaque processes to large private busi- ness houses. „Complaint Box for Corruption“ in Leh, Jammun

„Complaint Box for Corruption“ in Leh, Jammun and Kashmir (Photo: Miran Rijavec/Flickr)

The most important political outcome of the twenty years of liberalisation has been the growth of the middle class. With the growth of this middle class as small as it may be in relative terms to the large 1.2 billion population of the country have come im- portant demands for information and accountability. The Indian media industry has flourished, and it is one of the few markets in the world where the newspaper industry is actually expanding. The growth of next generation technologies, such as internet connectivity through the mobile phone, and the embrace of social networking tools by wide sections of the Indian socie- ty, have created a large pool of increasingly informed citizens more aware of their rights, and the mistakes or crimes of the powers-that-be. As two thirds of In- dia’s population are below the age of thirty-five, this

dia’s population are below the age of thirty -five, this 27 FNF International News 1-2012 Freiheit

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Freiheit vs. Korruption

means that up to 800 million are part of “young In- dia”, which has the power to completely remould so- ciety.

The Right to Information Act (RTI)

The Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) worked with the Commonwealth Human Rights Initia- tive (CHRI) (http://www.humanrightsinitiative.org/) on one of the most important legislative changes to em- power Indians to demand accountability from the state, and to limit corruption. This legislation, the Right to Information Act (RTI), was passed in India in 2005 backed by a wide variety of NGOs and civil soci- ety actors. CHRI, which had been lobbying for its pas- sage, also worked to provide expert advice in making the final Act a stronger piece of legislation than the preliminary draft that was tabled. The RTI Act essen- tially allows any Indian citizen to demand information from any government agency about any project done through public funding. The government agency ex- cept in few exceptions such as national security has to reply within 30 days of the request being submit- ted. The cost of submitting a request is Rs. 10 or €0.15, making it very cheap and accessible to the common person. This legislation was aimed squarely at parting the opaque curtain behind which dubious deals could be conducted out of the view of the pub- lic. Once it was passed, it was used aggressively by the media and anti-corruption activists to draw attention to the waste of public funds.

In recent years a series of scandals have surfaced, in- cluding about the allotment of the media spectrum to mobile phone companies (India’s Supreme Court has now judged the previous contracts void, and to be re- negotiated through an open auction), the 2010 Com- monwealth Games held in New Delhi, coal-mining in illegal areas, as well as a series of other, smaller scams. Although the RTI Act has been able to draw attention to some of these practices, it is not a risk free enterprise as the killing of more than a dozen ac- tivists has shown.

The Supreme Court has also come down heavily on rapacious private-public ‘accommodations’ that have deprived the poor tribal communities of their lands to allow for mineral extractions. These practices have

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Freiheit vs. Korruption

already empowered and strengthened militant leftist networks that attack the state and its institutions. The poor, caught between a state complicit with crimes, and a violent revolutionary movement, continue to suffer in what is often referred to as India’s “Red Cor- ridor” in the rural areas of the eastern part of the country, the parts which have not benefitted much from India’s liberalisation. Spanning parts of nine provinces in India, this affects the politics of more than a quarter of the country.

The 2011 Jan Lokpal Bill Movement

The combination of these events has led to a deeply charged debate on corruption in the Indian political space, and led to a massive campaign to promote a Jan Lokpal (Public Ombudsman) Bill in 2011. Led by a rural activist, who had also been part of the RTI movement, Anna Hazare, and coordinated by Arvind Kejriwal who had also been part of the RTI movment – this was seen as a citizen’s protest against an ex- tremely corrupt political and bureaucratic class. It was billed as “a second freedom struggle”. The Indian gov- ernment initially dismissed the movement, despite the fact that a Lokpal Bill has been debated in various guises for decades in the Parliament. The Anna Hazare -led movement gained considerable backing by both the centre-right Bharatiya Janata Party (BJP), and the communist parties. It also rallied the support of film actors, religious leaders and some civil society actors. A key part of civil society, though, kept its distance.

The Jan Lokpal Bill, as championed by the Anna Haza- re-led movement, had certain key flaws that made it difficult to accommodate. For example it envisaged having both policing and adjudicatory powers concen- trated in one body. The only oversight it envisaged was from within the organisation. Additionally it sought authority over everyone from the Prime Minis- ter, to the Judiciary, to the lowest levels of the bu- reaucracy. Such concentration of powers would have violated the basis of the Indian Constitution, and the basis of liberal democracy as such. Nevertheless the incompetence of the way that the Indian government handled the protests only stoked public resentment against the status quo, and empowered the Anna Hazare-led movement forcing the government into negotiations.

movement forcing the government into negotiations. 28 In the end the Indian government agreed to table

28

movement forcing the government into negotiations. 28 In the end the Indian government agreed to table

In the end the Indian government agreed to table a Lokpal Bill in Parliament before the end of the year. When it was tabled, a combination of different agen- das led to a standoff among the political parties, and the Bill was withdrawn. The Anna Hazare-led move- ment then campaigned during 2012 at province level elections in five provinces against corrupt candidates. This campaign did not gain as much traction as the earlier campaign, possibly because one of the main parties that had benefited from the campaign the principal opposition party, the BJP accepted a known corrupt politician in its party just before the elections in Uttar Pradesh, India’s most populous state.

elections in Uttar Pradesh, India’s most populous state. „India Against Corruption Rally“ in Bangalore, 2011

„India Against Corruption Rally“ in Bangalore, 2011 (Photo: iHyd/Flickr)

Looking Forward

Although the anti-corruption movement did not have much in the way of successes in Parliament so far or in affecting the elections in the important provincial elections of 2012, the anti-corruption language is there to stay in the Indian polity. Every political party in India has committed to ‘cleaner’ government, and a number of powerful politicians have been arrested and charged for corruption a completely novel phe- nomenon. The movement towards greater transparen- cy and efficiency is facilitated by a more empowered and knowledgeable citizenry. As the Indian middle class grows, it will continue to pursue its freedom to be able to work honestly and efficiently. It will remain a difficult process to deal with this deeply embedded problem without compromising on the key principles of liberal democracy. FNF contributes to this work

through helping initiatives such as the website “Empowering India” created by the Liberty Institute to

through helping initiatives such as the website “Empowering India” created by the Liberty Institute to bring details about politicians to citizens before elec- tions, and with CHRI to strengthen the RTI network in South Asia. All this aims to contribute to an India that is able to pursue freedom for its citizens through free- dom from corruption.

Omair Ahmad Programme Executive, FNF India

Cover photos:

Pushkar V/Flickr watchsmart/Flickr iHyd/Flickr Deepankar Raj/Flickr

V/Flickr watchsmart/Flickr iHyd/Flickr Deepankar Raj/Flickr Karte: TUBS/Wikipedia 29 FNF International News 1-2012

Karte: TUBS/Wikipedia

iHyd/Flickr Deepankar Raj/Flickr Karte: TUBS/Wikipedia 29 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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Freiheit vs. Korruption

iHyd/Flickr Deepankar Raj/Flickr Karte: TUBS/Wikipedia 29 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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Freiheit vs. Korruption

FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Nur Freiheit und Demokratie wirken gegen Korruption: Zwei

Nur Freiheit und Demokratie wirken gegen Korruption:

Zwei Fallbeispiele aus der Region Südost– und Ostasien

Zwei Fallbeispiele aus der Region Südost– und Ostasien Korruption als Spektakel und Alltagserfah- rung in

Korruption als Spektakel und Alltagserfah- rung in Indonesien

Umfragen zeigen, dass für viele Indonesier die Korrup- tion eines der zentralen Themen ist. Im weltweiten Index wahrgenommener Korruption von Transparency International nahm das wirtschaftlich aufstrebende Land im Jahr 2011 Platz 100 (von 182 insgesamt) ein und lag damit in etwa gleichauf mit Gabun und Mala- wi, Argentinien und Mexiko. Das gerade neu von der

FNF vorgelegte Freedom Barometer Asia 2011 1 be-

als

zeichnet

„widespread“.

die

Korruption

in

Indonesien

Korruption spielt sich in Indonesien auf sehr verschie- denen Ebenen ab. Sie reicht vom Schmiergeld für den kleinen Beamten, der den Führerschein ausstellt, über die großzügige Gratifikation für den Leiter einer Ein- wanderungsbehörde als Dank für einen falschen Pass bis hin zur Selbstbereicherung von Politikern durch Manipulation von öffentlichen Ausschreibungen für Bauvorhaben.

Deregulierung

Korruption bremsen

und

Bürokratieabbau

würden

die

Für die Masse der Bevölkerung ist vor allem die Kor- ruption auf den unteren Ebenen der Verwaltung lästig und teuer. Dabei profitieren Gelder einfordernde Be- amte von einer Vielzahl bürokratischer und freiheits- feindlicher, oft auch realitätsfremder Gesetze und

Vorschriften, die es Menschen mit Unternehmergeist schwer machen, aus der Armut und dem informellen Sektor auszubrechen. Je mehr komplizierte Formulare man ausfüllen muss, um ein Gewerbe anzumelden o- der etwas importieren zu dürfen, desto mehr Türen und Tore öffnen sich für öffentliche Bedienstete, die „Beschleunigungsgeld“ verlangen. Anderseits dient dieses Beschleunigungsgeld ja auch den Menschen, da die Zahlung an den einfachen Beamten oft langwieri- ge administrative Prozesse erspart. Es ist bezeichnend, dass Indonesien nicht nur bei der Korruption einen schlechten Platz einnimmt. Auch in Hinblick auf die freie wirtschaftliche Betätigung hat das Land noch viele Aufgaben vor sich. Im von der World Bank jähr- lich herausgegebenen Index Doing Business liegt In- donesien im laufenden Jahr nur auf Platz 129 (von 183 Ländern insgesamt). Nicht zufällig hebt daher die FNF in Indonesien immer wieder die Notwendigkeit von Deregulierung und Bürokratieabbau hervor. Beides wäre auch ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung der Korruption.

Korruption in Staat und Politik der Fall Nazarud- din

Mehr Aufmerksamkeit als die Korruption im Alltag finden in den Medien und bei Nichtregierungsorgani- sationen allerdings die Korruptionsfälle, in die Spit- zenbeamte, Richter, Polizisten, Abgeordnete oder Re- gierungsmitglieder involviert sind. Natürlich geht es dabei um größere Summen als beim kleinen Beamten am unteren Ende der Hierarchiekette. Aber es ist auch besser für die Zeitungsauflage, über den gestrauchel- ten Direktor einer öffentlichen Bank oder einen natio-

auch besser für die Zeitungsauflage, über den gestrauchel- ten Direktor einer öffentlichen Bank oder einen natio-

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nalen Abgeordneten zu berichten als über einen Be- amten aus dem Gesundheitsministerium, der die Sau-

nalen Abgeordneten zu berichten als über einen Be- amten aus dem Gesundheitsministerium, der die Sau- berkeit von Imbissständen vor Ort überwachen soll.

Wer sich in Indonesien kritisch mit dem Thema Kor- ruption auf hoher Ebene befasst, wird praktisch täg- lich Material in der Zeitung oder in den Fernsehnach- richten finden. Seit mehr als einem halben Jahr erre- gen vor allem die Vorgänge um den früheren Schatz- meister der regierenden Demokratischen Partei, der auch Staatspräsident Susilo Bambang Yudhoyono an- gehört, die Medien und damit die Öffentlichkeit. Muhammad Nazaruddin wird beschuldigt, für sich selbst und seine Partei in Dollar oder Euro umgerech- net hohe Millionenbeträge über ein weit verzweigtes Netzwerk von (Schein-)Firmen aus der Staatskasse abgezweigt zu haben. Die bisherigen Untersuchungen und Verhöre zeigen, mit welch krimineller Energie der erst 33 Jahre alte Politiker seine hochrangigen Kon- takte zu nutzen wusste, um an öffentliche Aufträge zu kommen. Er ist inzwischen aus den Reihen der Partei ausgeschlossen worden und hat alle seine politischen Ämter bei den Demokraten verloren.

alle seine politischen Ämter bei den Demokraten verloren. Anti-Korruptionsaufkleber an einer Wand in Jakarta (Foto:

Anti-Korruptionsaufkleber an einer Wand in Jakarta (Foto: Mayu Shimizu/Flickr)

Für alle indonesischen Parteien trifft mehr oder weni- ger zu, dass in ihnen zu wenig gemeinsame Werte, Ideen und Erfahrungen die Grundlage einer eigenen, unverwechselbaren Identität bilden. Ideologisch und programmatisch sind die indonesischen Parteien oft zu austauschbar, zu beliebig. Zu leicht können sie da- her von cleveren Trittbrettfahrern missbraucht wer- den, die ohne eigentliche Bindung an die Partei, der sie beigetreten sind, nur an ihren persönlichen Ge-

der sie beigetreten sind, nur an ihren persönlichen Ge- 31 FNF International News 1-2012 Freiheit vs.

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schäften interessiert sind. Wo nicht der Wunsch eine Partei zusammenhält, die Zukunft des Landes entspre- chend den eigenen Wertvorstellungen zum Wohle der indonesischen Gesellschaft insgesamt zu gestalten, ist es für Opportunisten leicht, Politik und Geschäft mit- einander zu verbinden. Die Arbeit der Friedrich- Naumann-Stiftung für die Freiheit in Indonesien ist daher gerade darauf ausgerichtet, ihren politischen Partnern die Wichtigkeit einer auf Werten basieren- den, programmatisch stringenten Politik zu vermitteln und mit ihnen über die richtige politische Lösung zu konkreten Themen zu diskutieren. Auf der politischen Ebene sind gemeinsame Ideale, Ideen und Inhalte wichtige Elemente, um Korruption zu bekämpfen.

Indonesiens Kommission zur Beseitigung der Kor- ruption (KPK) ein gutes Modell

Indonesien ver- fügt mit der KPK über ein sehr gutes Instrument zur Aufdeckung von Korruptions- fällen. In den vergangenen Jahren ist es der KPK mit ihren rund 600 Mitarbeitern gelungen, zahlreiche Fälle zu bearbeiten und viele ho- he Beamte und Politiker der Korruption zu überführen. Selbst in den sonst sehr kritisch eingestellten Medien genießt die KPK hohes Ansehen und Vertrauen. Als besonders hilfreich hat sich dabei das mehrfach ver- bessertes Gesetz zur Bekämpfung der Geldwäsche er- wiesen. Es gibt der KPK und den Strafverfolgungsbe- hörden nicht nur Zugang zu den Konten der Beschul- digten, sondern legt diesen die Beweislast für die Her- kunft ihrer Vermögen und Vermögenswerte auf. Die Beschuldigten müssen selbst nachweisen, woher die Mittel für einen aufwendigen Lebensstil, üppigen Im- mobilienbesitz oder gut dotierte Bankguthaben kom- men. Auch im Fall Nazaruddin war das der Weg zu wichtigen Beweisen und neuen Erkenntnissen.

das der Weg zu wichtigen Beweisen und neuen Erkenntnissen. Die Mühlen der KPK mahlen sorgfältig, aber

Die Mühlen der KPK mahlen sorgfältig, aber langsam. Auch die Vielzahl der Fälle verhindert rasche Entschei- dungen. Doch die KPK leistet einen beispielhaften Bei- trag zur Kriminalitätsbekämpfung in Indonesien auf der oberen Ebene von Staat und Politik. Ihre Arbeit ist

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Freiheit vs. Korruption

aber nicht ohne Herausforderungen. So gibt es immer wieder Versuche von Politikern, das Mandat der KPK einzuschränken. Besonders eklatant war im Oktober 2011 der parteiübergreifende „Streik“ von Abgeordne- ten im Haushaltsausschuss, die sich durch Blockierung der Beratung des Staatshaushalts dagegen wehren wollten, von der KPK zur Vernehmung vorgeladen zu werden. Es bedurfte eines Machtworts der Parla- mentsleitung, um den „streikenden“ Abgeordneten in Erinnerung zu rufen, dass die KPK jederzeit gegen je- den ermitteln und jeden vorladen kann. Die von den Streikenden eingeforderte „Würde eines Parlamentari- ers“ stehe dem nicht im Wege.

Sind einmal die Entscheidungen der KPK getroffen und sind die Beschuldigten einmal von einem Korrup- tionsgericht verurteilt worden, halten sich die politi- schen Parteien allerdings an das Urteil und schließen die Betroffenen von politischen Ämtern aus.

Indonesiens Justiz hat zu wenig Abschreckungsef- fekt

Schwächen weisen die eigens eingerichteten regiona- len Korruptionsgerichte auf. Ihnen wird immer wieder in den Medien vorgehalten, Urteile ohne Abschre- ckungseffekt zu fällen. So wurde im Februar 2012 ein Bezirksrichter aus Jakarta, der in einem Insolvenzver- fahren 20.000 Euro an Schmiergeldern angenommen hatte (zum Vergleich: der Mindestlohn liegt bei etwa 120 Euro im Monat), lediglich zu einer Haftstrafe von vier Jahren Haft verurteilt. Milde Urteile galten auch für andere Fälle, in denen Richter vor Gericht standen. Praktisch zeitgleich mit dem Urteil in Jakarta erregte aber ein Verfahren gegen einen 15-Jährigen auf der Insel Sulawesi Aufsehen, der von einem Polizisten Schuhe im Wert von umgerechnet drei Euro gestohlen hatte. Ihm wurden vom Staatsanwalt fünf Jahre Haft angedroht. Erst das öffentliche Aufsehen und das Ein- greifen des Obersten Gerichts ersparten dem Jugendli- chen den langen Weg durch das Gefängnis.

Immerhin wurde der betroffenen Bezirksrichter aus Jakarta verurteilt. In vielen Fällen, die vor den Korrup- tionsgerichten behandelt werden, kommt es gar nicht erst zu Urteilen, sondern die Angeklagten werden mangels Beweisen frei gesprochen. Falls sie die aus Sicht vieler Beobachter zu geringen Haftstrafen tat-

die aus Sicht vieler Beobachter zu geringen Haftstrafen tat- 32 sächlich antreten müssen, habe sie eine

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aus Sicht vieler Beobachter zu geringen Haftstrafen tat- 32 sächlich antreten müssen, habe sie eine gute

sächlich antreten müssen, habe sie eine gute Chance, nach zwei Dritteln der Zeit wegen guter Führung aus der Haft entlassen zu werden. Denn in der Regel sind wegen Korruption verurteilte Beamte und Politiker nicht vorbestraft. So können sie sich leicht für eine vorzeitige Entlassung qualifizieren. Doch selbst die eher kurze Zeit im Gefängnis kann man sich ver- gleichsweise angenehm gestalten, wenn man über die notwendigen Mittel und Beziehungen verfügt. Immer wieder berichten die Medien darüber, dass im Gegen- satz zu gewöhnlichen Kriminellen wegen Korruption Verurteilte in Einzelzellen mit Fernsehgerät unterge- bracht sind, über ein Handy verfügen, bessere Verpfle- gung erhalten und viele Besucher empfangen können.

Sind die Indonesier zu geduldig mit der Korruption?

Indonesien ist trotz aller wohlmeinenden Verfassungs- artikel in der Wirklichkeit keine auf der sozialen Gleichheit aller Bürger aufgebaute Gesellschaft. In weiten Teilen der indonesischen Gesellschaft ist man daran gewöhnt, dass zwischen „oben“ und „unten“ in der gesellschaftlichen Hierarchie klientelistische und patrimoniale Beziehungen bestehen. Die Nutzung von Privilegien oder die Annahme von persönlichen Vortei- len werden nicht immer und überall als moralisch ver- werflich angesehen wird, sondern gelten vielfach als unvermeidlicher Teil des normalen Lebens. Ebenso we- nig haben Firmen, Organisationen oder auch einfache Bürger im Zweifelfall Hemmungen, Mitglieder der Par- lamente darum zu bitten, zu ihren Gunsten in schwe- bende Verfahren einzugreifen oder ihnen Vorteile oh- ne Rücksicht auf gesetzlich festgelegte Vorschriften

oh- ne Rücksicht auf gesetzlich festgelegte Vorschriften Plakat in Gayo Lues, Indonesien (Foto: Paul Keller/Flickr)

Plakat in Gayo Lues, Indonesien (Foto: Paul Keller/Flickr)

und Verfahren zu verschaffen. Die Korruption ist eine massive Bremse von Wachs- tum, Rechtsstaat und

und Verfahren zu verschaffen.

Die Korruption ist eine massive Bremse von Wachs- tum, Rechtsstaat und Demokratie in Indonesien und anderswo. Sie muss mit harter Hand bekämpft wer- den. Allerdings gilt in Indonesien wie für andere Län- der, dass die manchmal sehr heftigen Vorwürfe von Journalisten, Rechtsanwälten oder Intellektuellen ge- gen die Korruptionsanfälligkeit der politischen Eliten nicht notwendigerweise die Prioritätenliste der Masse der Bevölkerung widerspiegeln. Dort mag man sich über korrupte Politiker ärgern, aber im Alltag arran- giert man sich mit dem System und der herrschenden politischen Kultur: Man versucht, bei einem durch- schnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von rund 300 US- Dollar pro Monat das Beste aus seinem Leben unter den bestehenden Bedingungen zu machen. Man la- mentiert viel über Korruption, ohne aber wirklich an die Chance auf Änderung zu glauben. Es steht zu er- warten, dass sich diese Einstellung mit größerem Wohlstand und wachsender Bildung allmählich än- dern wird. Doch schon heute ist es ein Zeichen für den Fortschritt der Demokratie in Indonesien, wie offen Fälle von Korruption selbst an der politischen Spitze aufgedeckt und kritisiert werden können. Das wäre noch vor zwei Jahrzehnten undenkbar gewesen. Inso- fern ist auch die weit verbreitete Meinung mit Vor- sicht zu bewerten, dass es heute im demokratischen Indonesien mehr Korruption geben soll als in den Zei- ten des autoritär regierenden Präsidenten Suharto in den achtziger oder neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wo Pressefreiheit nicht existiert und kritische Stimmen keine öffentliche Resonanz finden können, wird Korruption unter den politisch Mächti- gen nur selten aufgedeckt. Von solchen Zuständen ist das demokratische Indonesien heute glücklicherweise weit entfernt.

Rainer Erkens Projektleiter Indonesien

weit entfernt. Rainer Erkens Projektleiter Indonesien 33 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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Aquinos Kampf gegen die Korruption auf den Philippinen

Korruption auf allen Ebenen sei es in Politik, Verwal- tung, Justiz oder Wirtschaft ist eine der größten Her- ausforderungen für Demokratie und Freiheit in den Philippinen.

Der Kandidat der Liberal Party, Benigno S. Aquinos III, führte seine Kampagne daher im Vorfeld der Wahlen

2010 unter dem Motto "kung walang corrupt, walang

mahirap" („Keine Korruption bedeutet keine Armut“). Aquino gab seinen Wählern zu verstehen, die Lage sehr ernst zu nehmen und sicherzustellen, dass mit seiner Wahl zum Präsidenten die Korruption ein Ende haben wird. Mit über 40 Prozent aller Wählerstimmen ging Aquino aus der Wahl am 10. Mai als klarer Sieger hervor.

Aquino aus der Wahl am 10. Mai als klarer Sieger hervor. Die Herausforderungen, denen sich die

Die Herausforderungen, denen sich die neue Regie- rung stellen musste, waren gewaltig. In ihrer neunjäh- rigen Amtszeit als Präsidentin hat Aquinos Vorgänge- rin Gloria Macapal Arroyo das Land regelrecht herun- tergewirtschaftet. Korruption auf allen institutionellen Ebenen war eher die Regel als die Ausnahme. Nach Schätzungen des philippinischen Think Tanks Ibon Databank haben die Korruptionsskandale unter der Arroyo-Administration einen wirtschaftlichen Schaden von rund 7,3 Mrd philippinischen Pesos verursacht. Arroyo selbst war in einen nicht unwesentlichen Teil dieser Skandale direkt verwickelt.

Der neue Präsident Aquino nimmt seine Wahlverspre- chen sehr ernst und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Mitglieder der Vorgängerregierung zur Verantwortung zu ziehen. Keine einfache Aufgabe wie sich zeigen sollte. Kurz vor ihrem Abtritt hat Gloria Arroyo in ei- nem äußerst umstrittenen Eilverfahren – den so ge-

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Freiheit vs. Korruption

nannten „midnight appointments“ – ihr wohl geson- nene Vertraute in Schlüsselpositionen von Justiz und Verwaltung ernannt darunter der Vorsitzende Rich- ter des obersten Gerichtshofes. Präsident Aquino konnte aber einen Amtsenthebungsprozess gegen die- sen Richter erwirken und verschaffte sich damit weit reichenden Respekt unter der philippinischen Bevölke- rung.

Respekt unter der philippinischen Bevölke- rung. „Tell the Truth“ -Bewegung gegen Bestechung und

„Tell the Truth“-Bewegung gegen Bestechung und Korruption unter der damaligen philippinischen Präsidentin Gloria Arroyo 2008 (Foto: gmaresign/Flickr)

Institutionalisierte Korruption

Korrupte Praktiken sind so tief in der philippinischen Gesellschaft verwurzelt, dass vielen Menschen ihre Unrechtshandlungen scheinbar gar nicht bewusst sind. Aus Sicht vieler Experten liegt der Hauptgrund für das Entstehen dieser „Kultur der Korruption“ in der mangelnden Trennung und Überschneidung privater Interessen und öffentlicher Aufgaben. Die US– amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Susan Rose Ackermann von der renommierten Yale Universi- tät fasste die Korruption als ein Ergebnis des Miss- brauchs öffentlichen Vertrauens für private Interessen zusammen. Professor Klitgaard von der Claremont Universität in Kalifornien, Experte in Fragen der Kor- ruptionsbekämpfung und seit kurzem Anti- Korruptionsberater von Präsident Aquino, wurde unter anderem bekannt für die Formulierung von C=M+D-A (C=Corruption, M=Monopoly, D=Discretion, A=Accountability). Demnach ist Korruption ein Ergeb- nis von Monopolstellungen von Eliten und willkürli- chen Entscheidungsprozessen bei gleichzeitiger Abwe- senheit von Unrechtsbewusstsein und mangelnder Re- chenschaftspflicht.

Unrechtsbewusstsein und mangelnder Re- chenschaftspflicht. 34 Die Transparenz staatlichen Handelns zur Wiederher-

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und mangelnder Re- chenschaftspflicht. 34 Die Transparenz staatlichen Handelns zur Wiederher-

Die Transparenz staatlichen Handelns zur Wiederher- stellung der öffentlichen Glaubwürdigkeit steht im Zentrum von Präsident Aquinos Kampf gegen die Kor- ruption auf den Philippinen. Nach Professor Klitgaard hängt der Erfolg bei der Bekämpfung von Korruption in hohem Masse davon ab, ob es gelingt, in der Bevöl- kerung ein Bewusstsein dafür zu schaffen was Recht bzw. Unrecht ist. Dass Unrechtshandlungen rechtlich verfolgt und bestraft werden, ist für viele Filipinos längst keine Selbstverständlichkeit.

Präsident Aquino ließ daher verlauten, dass er in sei- nem Kampf gegen die Korruption hart durchgreifen und dabei keine Ausnahmen machen werde und ließ verlauten: „Es spielt keine Rolle ob es sich um eine ehemalige Präsidentin oder einen einfachen Arbeiter handle. Wer Unrecht begeht, muss dafür zur Verant- wortung gezogen werden“.

Zum Amt des Präsidenten der Philippinen gehören un- ter anderem die Allokation des Staatsbudgets sowie die Besetzung öffentlicher Ämter. Bei diesen Aufgaben ist Transparenz für Präsident Aquino ganz besonders wichtig um das öffentliche Vertrauen wiederherzu- stellen. Dazu gehört es, Institutionen zu stärken und Zuwiderhandlungen konsequent strafrechtlich zu ver- folgen.

Freiheit und Korruptionsbekämpfung

Aus liberaler Sicht ist für die Aquino-Regierung vor allem die Förderung wirtschaftlicher Frei- heiten wichtig. Eine zu starke Stellung des Staates im Wirt- schaftsgeschehen eines Landes eröffnet Personen in wirt- schaftspolitischen Schlüsselpo- sitionen die Möglichkeit des Amtsmissbrauchs zu eigenen Gunsten und Interessen. Auch hier kann Präsident Aquino be- reits auf Erfolge verweisen. In den jüngsten Datenbeständen

des Freedom Barometer Asia spiegeln sich diese Veränderungen wieder. Das Free- dom Barometer misst jährlich den Freiheitsgrad in Südost- und Ostasien. Im Gegensatz zu anderen Indi-

Barometer misst jährlich den Freiheitsgrad in Südost - und Ostasien. Im Gegensatz zu anderen Indi- Grafik:

Grafik: heritage.org

zes will dieser die gesamte freiheitliche Entwicklung in 17 Ländern messen, und sich nicht auf

zes will dieser die gesamte freiheitliche Entwicklung in 17 Ländern messen, und sich nicht auf Teilbereiche beschränken. Auch die Untersuchungen der amerika- nischen Heritage Foundation, die jährlich einen Index zur ökonomischen Freiheit von 184 Staaten weltweit publiziert, zeigen die Philippinen 2012 einen Auf- wärtstrend von 0,9 Prozentpunkten, was vor allem auf Verbesserungen im Bereich der privatunternehmeri- schen Freiheit zurückzuführen ist.

Damit liegen die Philippinen zwar noch immer auf Platz 107 der 184 bewerteten Staaten, sollte es Aqui- no aber gelingen, seinen eingeschlagenen Weg erfolg- reich weiterzuverfolgen und die institutionalisierte Korruption einzudämmen, so ist ein weiterer Auf- wärtstrend in Bezug auf die wirtschaftliche und politi- sche Freiheit sehr wahrscheinlich. Aquino selbst kann dann von sich behaupten, seinem Wahlkampfslogan

Sa kalayaan, may kasaganahan”, was so viel bedeutet

wie “Mit Freiheit kommt Wohlstand”, gerecht zu wer- den.

Die Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit unter- stützt die Anstrengungen Aquinos und der Liberal Par- ty mit einer Kampagne namens „It’s all about Free- dom“. Durch die Teilnahme am vom Philippinen-Büro der Stiftung organisierten Veranstaltungen sollen die Menschen zur Teilhabe am Kampf gegen die Korrupti- on ermutigt werden. Ein bemerkenswertes Ereignis war der so genannte „Freedom Run“, an dem etwa 2.000 Menschen teilnahmen. Sogar die offizielle In- ternetseite der philippinischen Regierung www.gov.ph warb für die Teilnahme am Wettlauf gegen die Kor- ruption.

Die Überquerung der Ziellinie des in der Hauptstadt Manila stattfindenden Wettlaufs stand dabei symbo- lisch für das erklärte Ziel, der Korruption im Land Herr zu werden und wieder Teil einer echten freien Gesell- schaft zu sein.

Weiterhin kooperiert die Stiftung mit der Kommission für gute Regierungsführung Presidential Commission on Good Government (PCGG) und verschiedenen Ex- perten auf dem Gebiet der Korruptionsbekämpfung. So werden beispielsweise Ausstellungen und Diskussions- runden an ausgewählten Schulen des Landes organi- siert, bei denen die junge Generation ein Bewusstsein für die Folgen korrupten Handelns entwickelt. Ein

für die Folgen korrupten Handelns entwickelt. Ein 35 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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Freiheit vs. Korruption

Ein 35 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption ähnlicher Ansatz wird in Zusammenarbeit mit der

ähnlicher Ansatz wird in Zusammenarbeit mit der so genannten Kaya Natin! Bewegung der Ateneo- Universität von Manila verfolgt. Mit Studenten ver- schiedener philippinischer Universitäten werden die Merkmale verantwortlicher Regierungsführung disku- tiert und junge Leute ermutigt, selbst aktiv an der Durchsetzung einer korruptionsfreien Gesellschaft mitzuwirken.

Mit all diesen Aktivitäten will die Stiftung ein Be- wusstsein dafür schaffen, dass die Wahl Aquinos zum Präsidenten den Filipinos zwar ein großes Maß an Freiheit beschert hat, zur Ausweitung und Aufrechter- haltung dieser jedoch die Mithilfe aller Bürger gefragt ist.

Dr. Julio C. Teehankee Senior Fellow, National Institute of Policy Study (NIPS)

die Mithilfe aller Bürger gefragt ist. Dr. Julio C. Teehankee Senior Fellow, National Institute of Policy

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Freiheit vs. Korruption

FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Zwischen Versprechungen, Enttäuschungen und Hoffnungen: Der

Zwischen Versprechungen, Enttäuschungen und Hoffnungen:

Der schwierige Kampf gegen die Korruption in Osteuropa

Der schwierige Kampf gegen die Korruption in Osteuropa Mit der Wende 1989 kam die Freiheit nach

Mit der Wende 1989 kam die Freiheit nach Mittel- und Osteuropa. Die Freiheit war aber nicht umsonst:

Der Preis war mehr Kriminalität, mehr Armut und vor allem mehr Korruption und das viel massiver als zu- vor im Sozialismus.

Mit Ausnahme von Estland und im Großen und Gan- zen auch Litauen und Polen ist die Korruption in den neuen EU-Ländern ein fester Bestandteil des politi- schen Systems und der politischen Kultur. Die Men- schen sind mit der Korruption aufgewachsen und be- trachten sie als etwas ganz Normales, das zum tägli- chen Leben gehört: Man zahlt für das Bett im Kran- kenhaus, den Strafzettel bei der Polizei, den Studien- platz, die Baugenehmigung, das Kfz-Zeichen nach Wahl.

Viele Politiker sind nach 1989 nur der wirtschaftlichen Vorteile wegen in die Politik eingestiegen. Politik ist Business. Dabei gibt es keine Unterschiede zwischen links, rechts oder liberal. Es gibt kaum öffentliche Ausschreibungen ohne Bestechung und Schmiergeld. Jede Partei hat ihre „Paten“, alle wissen es, die Medien berichten darüber, nur passiert ist bislang nichts. Selbst die EU guckt weg. Auch EP-Abgeordnete sind in Korruptionsaffären verwickelt.

Es gibt in Tschechien oder der Slowakei nicht weniger Korruption als in Bulgarien oder Rumänien, sie spielt sich nur – gewissermaßen – zivilisierter und eleganter ab. Durch die relativ stabile Wirtschaftsentwicklung und den hohen Lebensstandard und nicht zuletzt durch charismatische und international angesehene

zuletzt durch charismatische und international angesehene 36 Politiker wie Vaclav Havel wurde das Image Tschechi- ens

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Politiker wie Vaclav Havel wurde das Image Tschechi- ens lange Zeit beschönigt. Auch Slowenien und Un- garn profitierten lange Zeit von ihrem "window dres- sing".

22 Jahre nach der Wende funktioniert in vielen post- kommunistischen Ländern die Demokratie an der Oberfläche. Darunter ist das System morsch, vor allem mit Blick auf die Polizei und die Justiz. Der Normal- bürger freut sich über die gewonnenen individuellen Freiheiten (Reise- und Pressefreiheit, Marktwirtschaft, etc.) und lebt in seinem Mikrokosmos. Die Politik ist ihm egal Wahlbeteiligung unter 50 Prozent. Die Freiheit als universeller Grundwert tritt in den Hinter- grund. Es wird vom Neofeudalismus gesprochen. Das Einzige, was funktioniert, sind die Medien. Sie entwi- ckelten sich nicht nur in Tschechien zu einem echten Demokratiewächter und garantieren ein Mindestmaß an öffentlicher Kontrolle. Ohne sie wären viele Kor- ruptionsfälle nicht aufgedeckt worden.

Will man die Korruption ernsthaft und wirksam be- kämpfen, muss man an den Wurzeln des Systems an- setzen:

Die Polizei und die Justiz müssen wirklich unab- hängig und von jeglicher politischer Einfluss- nahme abgekoppelt werden.

Die EU muss die Korruption in den neuen EU Ländern – nicht nur in Bulgarien und Rumänien – zum Thema machen, zumal der Missbrauch bei den Mitteln aus den europäischen Kohäsi-

onsfonds besonders hoch ist. Bei Nichteinhal- tung von verbindlichen EU- Normen müssen ent- sprechende Sanktionen

onsfonds besonders hoch ist. Bei Nichteinhal- tung von verbindlichen EU-Normen müssen ent- sprechende Sanktionen folgen.

Das Korruptionsbewusstsein muss durch gezielte Bildungsmaßnahmen in Schulen und Universitä- ten erhöht werden.

Durch europaweite Ausschreibungen bei öffent- lichen Aufträgen kann der Wettbewerb gestärkt und die Korruptionsmöglichkeiten eingeschränkt werden.

Dr. René Klaff Regionalbüroleiter MSOE

Kroatien

Kurz nachdem am 22. Januar 2012 die Wahllokale in Kroatien geschlossen worden waren, stand fest, dass sich die Befürworter des EU-Beitritts mit einer Mehr- heit von 2:1 durchzusetzen vermocht hatten. Zeichen der Euphorie waren aber weder während der Kampag- ne zum Referendum selbst, noch nach Bekanntgabe des Ergebnisses im Rahmen der von den proeuropäi- schen Kräften veranstalteten Feierlichkeiten zu be- obachten. Es war eine überwiegend rationale Ent- scheidung der Wähler gewesen, die zu diesem Ergeb- nis führte. Emotionen blieben dabei weitgehend au- ßen vor.

Die langen Jahre der Beitrittsverhandlungen hatten die EU-Begeisterung der Kroaten spürbar gedämpft und deren vordergründige Hoffnung auf die „Segnungen“ der diversen EU-Fonds deutlich schwin- den lassen. Diese waren in den zurückliegenden Jah- ren von den politischen Akteuren oft genug als All- heilmittel gegen die diversen Probleme der vom Trans- formationsprozess gezeichneten kroatischen Wirt- schaft gepriesen worden.

Für Beobachter des Referendums kristallisierte sich deutlich ein Leitmotiv auf Seiten der Befürworter des EU-Beitritts heraus. Dies erkannte man in deren zent-

des EU-Beitritts heraus. Dies erkannte man in deren zent- 37 FNF International News 1-2012 Freiheit vs.

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ralen Erwartung, dass mit dem EU-Beitritt rechts- staatliche Verhältnisse in Kroatien konsequenter durchgesetzt werden würden, als das bis dahin im Beitrittsprozess zu erkennen war. Diese Erwartung stützte sich vor allem auf eine beispiellose Reihe von auf Druck der EU in den Jahren 2010 und 2011 aufge- deckter Affären, von Verhaftungen und Gerichtspro- zessen hochrangiger Politiker, Beamter und Ge- schäftsleute. Die Verfahren gegen einige der Hauptak- teure waren mit rechtskräftigen Urteilen bereits been- det worden. Der seitens der EU ausgeübte Druck war die logische Konsequenz aus den Versäumnissen in den Beitrittsverfahren mit Bulgarien und Rumänien.

Obgleich die kroatische Öffentlichkeit nicht unerfah- ren mit der Aufdeckung von Korruptionsaffären – auch solchen in Millionenhöhe – war, so wurde selbst sie von den Ausmaßen der Welle überrascht, die der Rücktritt des ehemaligen Premierministers Ivo Sana- der am 1. Juli 2009 auslöste.

Nach wenigen Monaten wurden in einem atemberau- benden Rhythmus Einzelheiten ihn belastender Straf- taten aufgedeckt, die mit Hilfe anderer Spitzenpoliti- ker, von Vorständen großer öffentlicher Unternehmen sowie hoher Beamter begangen worden wa- ren. Im Ergebnis der Ermittlungen der für den Kampf gegen die organisierte Kriminali- tät zuständigen Poli- zeieinheit (USKOK) sprach die staatsan- waltschaftliche Untersuchung von skrupellosen Ab- machungen des ehemaligen Premiers mit politisch abhängigen Vorständen, um liquide Mittel aus den staatlichen Unternehmen systematisch abzuzweigen. Damit wurden sowohl politische Vorhaben, wie z.B. die Wahlkampagne der HDZ im Jahr 2007, als auch die Aufwendungen für die eigene, nicht gerade be- scheidene Lebensführung finanziert. Darüber hinaus laufen noch weitere Prozesse gegen den ehemaligen Premierminister wegen Betrugs und Veruntreuung mit einem Schadensvolumen von mehr als 30 Millionen Euro. Die Öffentlichkeit geht jedoch davon aus, dass es sich wahrscheinlich um einen weitaus höheren Be- trag handelt. Das „System Sanader“ wurde damit zum Begriff für skrupellose Machenschaften von Teilen der

höheren Be- trag handelt. Das „System Sanader“ wurde damit zum Begriff für skrupellose Machenschaften von Teilen

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Freiheit vs. Korruption

politischen Elite. Dies nicht nur in Kroatien, sondern auch darüber hinaus, weil man auch in anderen Län- dern der Region nicht ohne Grund ähnliche Vorgänge in der Spitzenpolitik befürchtet.

Auch in diesen Ländern ruhen die Hoffnungen der Verteidiger rechtsstaatlicher Normen auf den zu erfül- lenden Anforderungen des EU-Beitrittsprozesses. Welch massiver Druck von den Gremien der EU ausge- hen kann, verdeutlicht u.a. auch die Tatsache, dass erst nach Rücktritt von Ivo Sanader Kapitel 23 der Beitrittsverhandlungen (Justiz und Grundrechte) mit Kroatien geöffnet wurde mit den dann zuvor beschrie- benen Auswirkungen.

wurde mit den dann zuvor beschrie- benen Auswirkungen. Der kroatische Präsident Ivo Josipovic und die kroatische

Der kroatische Präsident Ivo Josipovic und die kroatische Minis- terpräsidentin Jadranka Kosor unterzeichnen in Brüssel den EU- Beitrittsvertrag, Dezember 2011 (Foto: Council of the EU/Flickr)

Auch der ehemalige Präsident Kroatiens, Stipe Mesic (2000-2010), ist wegen seiner Rolle beim Ankauf fin- nischer Militärtechnik in das Visier der Staatsanwalt- schaft geraten. Zudem ist es nicht ausgeschlossen, dass auch seine guten Beziehungen zum ehemaligen Regime Gaddafi im Zusammenhang mit der Finanzie- rung seiner beiden erfolgreichen Präsidentschaftskam- pagnen untersucht werden. Bisher verweigerte Stipe Mesic darüber jedwede Auskünfte.

Insgesamt ist die Verärgerung der Bürger auf dem Westbalkan über ihre demokratisch gewählten politi- schen Repräsentanten nicht verwunderlich, zeigten sie sich doch vielfach als Vertreter einer abgekoppelten Klasse, die ihre Macht nicht nur in Zeiten wirtschaftli- cher Rezession schamlos zur eigenen Bereicherung und zur Stabilisierung der eigenen politischen Positio-

und zur Stabilisierung der eigenen politischen Positio- 38 nen ausnutzen. Es ist den politisch interessierten

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nen ausnutzen.

der eigenen politischen Positio- 38 nen ausnutzen. Es ist den politisch interessierten Wählern auf dem

Es ist den politisch interessierten Wählern auf dem Westbalkan keineswegs entgangen, dass der Rücktritt von Ivo Sanader den Forderungen der EU an die kroa- tischen Behörden, sich konsequenter im Kampf gegen die organisierte Kriminalität zu zeigen, zeitlich sehr nahe stand. Gefordert wurde, konkrete Ergebnisse zu erzielen und nicht nur verbale Bekenntnisse abzuge- ben. Daher überraschte es nicht, dass in der Zeit nach dem Rücktritt von Sanader auch gegen mehrere Mi- nister ermittelt und Anklage erhoben wurde.

Besonders große Erwartungen der Anrainerstaaten des Westbalkans an den EU-Beitrittsprozess richten sich deshalb eher nicht auf eine unrealistisch schnelle Bes- serung der Wirtschaftslage, sondern darauf, dass unter dem Einfluss der EU auch bei Ihnen der Korruptions- sumpf trockener gelegt werden wird. Als ein beson- ders großer Nutzen des EU-Beitritts wird deswegen in diesen Ländern immer mehr die Durchsetzung der Rechtsstaatlichkeit gesehen, um das dort unstrittig vorhandene Potential für eine demokratische und freie Entwicklung der Gesellschaft nutzbar zu machen.

Dusan Dinic Projektkoordinator Westbalkan

Christian Christ-Thilo Ehem. Projektleiter Westbalkan

The Case of Bulgaria 1

Introduction

Corruption, as a clearly defined political, social and economic problem, appeared in Bulgaria towards the end of the 1990s. The most high profile cases of cor- ruption were registered in the following areas: in the administration, both national and local; in the process of privatization; in public procurement, in the financ- ing of political parties and in the judicial system. Or- dinary citizens experience corruption in the health system, in their relations with the police and in their deals with the local authorities and it seems to be

pervasive. As in other post-communist new democra- cies, the struggle against corruption originated among active

pervasive. As in other post-communist new democra- cies, the struggle against corruption originated among active citizens and is indicative of an emerging civil society. Research on corruption in addition to promot- ing awareness of corruption and its deeply negative effects was part of the agenda of many different NGOs, some of which were able to attract interna- tional assistance for the purpose.

The special role of FNF projects has to be mentioned in this connection. The Foundation has been working in Bulgaria since 1990, supporting the difficult pro- cess of transformation. Its objective throughout the entire region of Central, Eastern and South-Eastern Europe has been to strengthen liberal political parties and NGOs and to promote specifically liberal concerns in the process of building and consolidating democra- cy and the rule of law.

The issue of corruption gradually became part of the official agenda as a result of increasing public pres- sure. Measures against corruption were discussed as a matter of increasing concern within the civil service, political parties and government. New anti-corruption legislation, incorporating important principles of rule of law, was introduced and approved by the liberal Government of Simeon Saxe-Coburg in October 2001 as part of a National Anti-Corruption Strategy. The strategy did not only include stiff sanctions but also relied on active civil society involvement. However, in spite of all these more or less systematic efforts, cor- ruption remained endemic in most areas of Bulgarian public life. Moreover, the National Anti-Corruption Strategy focused only on low-level corruption and no progress has been made in fighting corruption at the level of Government and of Parliament, in political parties and within the judiciary.

1 In preparing this article, information from the European Com- mission’s Site “Mechanism for Co-operation and Verification for Bulgaria and Romania” http://ec.europa.eu/cvm/index_en.htm, the annual report of Transparency International on the Corrup- tion Perceptions Index http://cpi.transparency.org/cpi2011/ as well as publications of leading Bulgarian analytical centers like the Open Society Institute Sofia http://www.osf.bg/? cy=100&lang=2 and the Center for Study of Democracy http:// www.csd.bg/ has been used. The original text of the National Anti-Corruption Strategy adopted 2001 can be found at http://

E7B409F1692E/0/01_NationalAntiCorruptionStrategy_Eng.pdf . 39 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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Between promises, disappointment and hope

It was hardly surprising that corruption was identified by the European Commission as one of the most seri- ous problems facing Bulgaria at the time of the coun- try’s accession to the EU in 2007. An unprecedented monitoring regime under the so-called Co-operation

and Verification Mechanism (CVM) was established in

2007 for both Bulgaria and Romania. Neither country was deemed worthy of a “clean bill of health” in terms of how corruption was being tackled. The Commis- sion's monitoring reports under the CVM are pub- lished twice a year. The reports are based on contribu- tions from the Bulgarian Government, the Commission and its services, other EU member states and NGOs.

Many observers believed that the mere act of joining the EU would allow Bulgaria to break with its past and become a European state no longer associated with crime and injustice. Five years later, however, Bulgaria still has yet to deliver. Next to no action has been taken against corrupt former ministers and judg- es as well as against money launderers despite some legislative improvements and despite the launching of a series of high-level corruption cases by state prose- cutors.

The report published on 20 July 2011 highlighted Bul- garia's commitment to pursue judicial reform, to strengthen legislation on conflict of interest and to reform the structure of the police and the criminal court system. The report also noted the lack of results in the struggle against high-level corruption. “The ju- diciary in Bulgaria is too slow and often lets high level

high- level corruption. “The ju- diciary in Bulgaria is too slow and often lets high level

Photo: ali eminov/Flickr

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corruption cases drag on for so long that the suspects walk free as their alleged deeds reach the statute of limitations,” thus the EU Commission. The report con- cluded that improvements in accountability and pro- fessional practice within the judiciary and the investi- gative authorities were required and underlined the need for stronger legislation on asset forfeiture.

The conclusions of the latest reports of the European Commission are corroborated by the disappointing

results of the 2011 Corruption Perceptions Index by

Transparency International. The report on the per- ceived levels of public sector corruption was first re- leased in 1995 and ranked countries on a scale of 0 (highly corrupt) to 10 (very clean). Bulgaria was first included in the report published in 1998. Here it scored 2.9. In 2010 its corruption perceptions index score was 3.6. Only Greece had a lower score within the EU. In 2011 the annual report Bulgaria was ranked last in the EU with a score of 3.3. (The 2011 report covered 183 countries. New Zealand scored 9.5 and, together with Denmark and Finland, leads the list, while North Korea, Afghanistan and Somalia are at the bottom with a score of 1.)

The new Interim Report on Progress under the Co- operation and Verification was published on 8 Febru- ary 2012. It focuses on Bulgaria's response to the Commission's recommendations included in the 2011 report but does not contain yet a full assessment of progress achieved. The overall assessment of progress in Bulgaria since accession will be presented by the Commission in summer this year.

What does the February report say? As usual, the re- port points to areas in which further progress is ex- pected in the coming months. These include passing the legislation on asset forfeiture that has been draft- ed, adopting a more comprehensive approach to re- forming judicial and investigative practices, enhanc- ing the role of the Supreme Judicial Council in the reform of the judiciary and convincing visible results in the fight against corruption and organized crime.

For the first time, however, the report draws attention to a number of major developments in response to the recommendations issued by the Commission in the 2011 report. For example, the new specialized court and prosecution office for organized crime have start-

court and prosecution office for organized crime have start- 40 ed work, the Commission for the

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and prosecution office for organized crime have start- 40 ed work, the Commission for the Identification

ed work, the Commission for the Identification and Forfeiture of Criminal Assets has delivered significant results and the newly established commission to iden- tify and sanction conflicts of interest has taken its first decisions. In addition, Bulgaria has initiated measures to improve judicial practice, the organiza- tion of the prosecution and cooperation between the different authorities.

and cooperation between the different authorities. Bulgarian Anti-corruption Coordination Commission

Bulgarian Anti-corruption Coordination Commission ww.anticorruption.bg

Despite such promising steps, further effort is required during the coming months in order to convince the Commission that substantial progress has been made in meeting the country’s commitments since its ac- cession to the EU. As the EU commission notes, "all options will be on the table" in summer 2012: to end the monitoring of both countries Bulgaria and Roma- nia, just for one of them or to continue it for both.

Conclusion

After the accession of Bulgaria to the EU on 1 January 2007 certain weaknesses requiring urgent attention remained in the areas of judicial reform and the fight against corruption and organized crime. These weak- nesses thwart the effective implementation of EU law, policies and programs and prevent Bulgarians from enjoying their full rights as EU citizens. Obviously, the reforms initiated need to be carried through and per-

severance is required both on the part of politicians and civil society in order to

severance is required both on the part of politicians and civil society in order to ensure enduring and sub- stantial results in combating corruption. The FNF sees itself as part of this effort of promoting “political and civic commitment.” FNF project activities in Bulgaria were restructured after the accession to the EU. The aim is to overcome existing shortcomings in adapting to EU structures and rules using the tools of political consultation, civic education, political dialogue and publications. The focus is on leaders of the liberal par- ties, the youth movements and movers and opinion leaders in civil society initiatives.

The European Union seems to have no intention of changing its approach towards Bulgaria. It will further assist the country in remedying its shortcomings and encouraging political, social and cultural develop- ment. To be completely objective however and not using double standards, the EU has to recognize that not only Bulgaria and Romania are the "bad guys" in the European family. In the last months a string of different EU countries is also affected by spreading allegations involving senior politicians and governing parties. Political elites, former ministers and tradition- al parties in countries like Austria, Slovakia, Croatia, Czech Republic and Italy are embroiled in cash-for- influence scandals that are exposing allegations of corruption, triggering public revulsion and voters backlash.

As for the Bulgarians: they do not like the idea of be- coming a nation that is slowly getting used to injus- tice. People’s real hopes and expectations resurface during election campaigns and are all too often dashed afterwards. Unfortunately, the current Bulgar- ian governments ideas differ from the Western vision of democracy but people still hold out hope for the future. And the next elections are knocking on the door…

Asparuch Panov Project coordinator for Bulgaria and Macedonia

Panov Project coordinator for Bulgaria and Macedonia Karte: TUBS/Wikipedia FNF International News 1-2012 Freiheit

Karte: TUBS/Wikipedia

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Freiheit vs. Korruption

Neuer Internetauftritt des Dialogprogramms Brüssel: www.fnf-europe.org

des Dialogprogramms Brüssel: www.fnf-europe.org Auf unserer neuen Webseite informieren wir stets ak- tuell

Auf unserer neuen Webseite informieren wir stets ak- tuell über unsere Veranstaltungen in Brüssel und den Mitgliedstaaten der EU. Hier finden Sie auch aktuelle politischen Analysen und Hintergrundberichte. Wir möchten damit einen liberalen Beitrag zur Europakom- munikation in Deutschland und bei unseren Stiftungs- partnern weltweit leisten in deutscher und engli- scher Sprache. Schauen Sie vorbei und werden Sie doch auch unser Facebook-Freund!

Newsletter aus Brüssel: Brussels Brief

Unser Brussels Brief informiert Sie regelmäßig über politische Entwicklungen, Veranstaltungen und wichti- ge Termine in der europäischen Hauptstadt. Der Newsletter erscheint zwei Mal pro Monat mit Inhalten auf Deutsch und Englisch. Wir nehmen Sie gerne in unseren Verteiler auf. Schicken Sie uns einfach eine kurze Mail an newsletter.brussels@fnst.org.

nehmen Sie gerne in unseren Verteiler auf. Schicken Sie uns einfach eine kurze Mail an newsletter.brussels@fnst.org

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Freiheit vs. Korruption

FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Wehrhafte Demokratie? Korruption in Europa und in den USA

Wehrhafte Demokratie? Korruption in Europa und in den USA

Wehrhafte Demokratie? Korruption in Europa und in den USA Eine Frage der Ehre - Griechische Zivilgesell-

Eine Frage der Ehre - Griechische Zivilgesell- schaft im Kampf gegen Korruption

In Griechenland bieten mutige Bürgerinnen und Bür- ger einem System die Stirn, das sich über Jahrzehnte auf Kosten der kleinen Leute etabliert hat. Sie pran- gern Korruption und Klientelismus an, die entschei- dend dazu beigetragen haben, dass die Staatsschul- denkrise diese enormen Ausmaße erreicht hat. Derzeit entstehen zivilgesellschaftliche Organisationen, die im Kleinen große Aufklärungsarbeit leisten. Ihrer enga- gierten Stimme ist es zu verdanken, dass die politisier- te griechische Öffentlichkeit nun fast täglich unbe- queme Wahrheiten über die dortige Vetternwirtschaft ans Licht bringt und mehr Transparenz fordert. Wäh- rend man sich außerhalb Griechenlands – mal sensati- onslüstern, mal heimlich bewundernd – für die „innovativen“ Methoden der Steuerhinterziehung und die Schlupflöcher der öffentlichen Verwaltung interes- siert, ist es für viele Griechen eine Frage der Ehre, die alltägliche Korruption in ihrem Heimatland aufzude- cken und zu bekämpfen.

Bis zu 30.000 Euro für eine Operation

Allgemein spricht man in einem System von Korrupti- on, wenn Machtpositionen ausgenutzt werden, um an materielle oder immaterielle Vorteile zu gelangen, auf die kein rechtlich begründeter Anspruch besteht. In der Praxis heißt das, man „bezahlt“ für Leistungen, die einem ohnehin zustehen oder „kauft“ sich kleine oder große Gefälligkeiten mit Schmiergeldern. Für diese Praxis gibt es in Griechenland einen stehenden Be- griff. So sind fakelaki (φακελάκι) mit Bargeld gefüllte Briefumschläge, die beim Arzt, Steuerbeamten oder

gefüllte Briefumschläge, die beim Arzt, Steuerbeamten oder 42 Elternsprechtag über den Tisch wandern. Fakelakia

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Elternsprechtag über den Tisch wandern. Fakelakia wechseln auch in der Baubranche, in Parteien oder in Beamtenapparaten regelmäßig die Besitzer. 1 Transpa- rency International hat im April 2012 die jährliche Korruptionsstatistik zu Griechenland veröffentlicht. Das Gesamtvolumen der Bestechung wird darin auf 554 Millionen Euro beziffert. Das ist immerhin fast 80 Millionen weniger als im Vorjahr. Besonders viel „geschmiert“ wird in der Gesundheits- und der Bau- branche. Auch die Steuerbeamten profitieren an ent- scheidender Stelle vom System der Bestechung und Bestechlichkeit. Der durchschnittliche Fakelaki ist nach Angaben von Transparency International mit 1.406 Euro gefüllt. Für Operationen in Krankenhäusern oder „Extrawünsche“, wie etwa eine zügige Behand- lung, blättert man allerdings bis zu 30.000 Euro hin. 2 Zum Vergleich: Im Jahr 2010 lag der durchschnittliche Wert einer Bestechung noch bei 1.493 Euro. Gegen- über dem Vorjahr sind also Durchschnittspreis und Gesamtvolumen der Bestechungen leicht gesunken. Dies ist aber vermutlich (noch?) nicht darauf zurück- zuführen, dass ein Bewusstseinswandel stattgefunden hat. Vielmehr scheinen aufgrund der Schuldenkrise und der prekären Situation auf dem Arbeitsmarkt viele Griechen schlicht nicht mehr in der Lage zu sein, solch horrende Summen an Bestechungsgeldern zu zahlen.

Der aktuelle Economic Freedom of the World Report,

an dem das Liberale Institut der Friedrich-Naumann- Stiftung für Deutschland beteiligt ist, zeigt anhand eines Rankings, welcher Grad wirtschaftlicher Freiheit in den untersuchten Ländern gewährleistet ist. Grie-

1 Vgl. für eine ausführliche Darstellung des „Paradies des Schmierens“ Spiegel-Online vom 27.9.2011. 2 Vgl. aktuell „The cost of a bribe“, http://www.transparency.org/

und

chenland bildet im EU-Vergleich das Schlusslicht und rangiert auf Platz 81 (von insgesamt 141) noch

chenland bildet im EU-Vergleich das Schlusslicht und rangiert auf Platz 81 (von insgesamt 141) noch hinter Paraguay, Malaysia und der Dominikanischen Repub- lik. Besonders negativ fallen die Bereiche Rechtssi- cherheit, Unabhängigkeit der Justiz, Bürokratiekosten und eben Korruption auf.

Verlängerung der Krise

Blühende Korruption führt nicht nur zu Ungerechtig- keiten, sondern auch zu Effizienzverlusten, die das Wirtschaftssystem lähmen. Schmiergelder, die Unter- nehmen zahlen, um im System der öffentlichen Auf- tragsvergabe zum Zug zu kommen, werden auf die Preise umgelegt, die letztlich der Verbraucher zu zah- len hat. Aggregiert man die Menge kleiner Gefälligkei- ten, die tagtäglich stattfinden, steht unter dem Strich ein enormer gesamtwirtschaftlicher Schaden. Die blü- hende Korruption drohe daher, die Griechenlandkrise zu verlängern, bedauert Costas Bakouris, der griechi- sche TI-Vorsitzende. Er findet deutliche Worte: „Über die Schuldenkrise wissen wir alle Bescheid. Aber Grie- chenland steckt auch in einer Wertekrise. Das Land verfügt über die richtigen Gesetze, aber es tut fast nichts, um diese durchzusetzen“. Regierung, Privat- wirtschaft und Verwaltung seien gleichermaßen Teil des Systems. So gebe es zahllose Vorschriften im grie- chischen Recht, die Korruption stillschweigend dulde- ten und damit begünstigten. Ohne Genehmigung ge- baute Häuser könnten im Nachhinein legalisiert wer- den und selbst jetzt noch, inmitten der Schuldenkrise, hätten viele Ministerien Geheimkonten, die sich der Kontrolle von außen entzögen. 3 Auf dem TI- Korruptionsindex rangiert Griechenland auf Platz 80 hinter Staaten wie Ruanda (49), Cuba (61), Ghana (69)

und China (75). In einem National Integrity System

Assessment untersuchte die Nichtregierungsorganisa- tion auch die Einstellung der griechischen Bürger zu Korruption und Klientelismus. An Problembewusstsein mangelt es nicht: 98% der griechischen Bevölkerung gibt an, Korruption stelle ein großes Problem dar.

3 Vgl. National Integrity System Assessment, http:// www.transparency.org/news_room/latest_news/

press_releases_nc/2012/2012_02_29_tigreece_nisrelease 43 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption

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Freiheit vs. Korruption

Stimme der schweigenden Mehrheit

Die wenigen zahlungskräftigen Mitbürger haben na- turgemäß weniger Probleme damit, dass sich Sonder- behandlungen aller Art erkaufen lassen, ganz im Ge- genteil. Petros Markaris, in Deutschland vielerorts be- kannt als Krimiautor und Schöpfer des Kommissars Kostas Charitos, prangert eine mitgliederstarke „Partei der Profiteure“ an, die vom Klientelsystem der letzten Jahrzehnte profitiert habe. Dazu gehörten vorneweg die Baufirmen, aber auch Unternehmen, die staatliche Organisationen belieferten – etwa jene, die öffentliche Krankenhäuser mit Pharmaprodukten und Geräten versorgten. Auch selbstständige Gutverdiener wie Ärz- te und Rechtsanwälte gehörten dazu. Profiteure und Steuerhinterzieher, so Markaris, spürten die Krise kaum: „Noch bevor sie über uns hereinbrach, hatten sie ihre Bankkonten schon ins Ausland verlegt.“ 4 Das System geht leider zu Lasten der kleinen Leute. Dieje- nigen mit weniger prall gefüllten Konten trifft es be- sonders hart. Von Chancengleichheit kann in so einem System keine Rede sein. Dabei geht die schweigende Mehrheit der Griechen – oder mit Markaris: die „Partei der Redlichen“ – völlig normal ihrer Arbeit nach. Markaris schreibt: „Sie widerlegen die in Europa ver- breitete Ansicht, die Griechen seien bequem und scheuten die Arbeit. Sie alle arbeiten hart und zahlen regelmäßig ihre Steuern.“

alle arbeiten hart und zahlen regelmäßig ihre Steuern.“ Graffiti mit dem Aufruf „Denkt endlich!“ (Foto: E.

Graffiti mit dem Aufruf „Denkt endlich!“ (Foto: E. Madeker)

4 Vgl. Markaris, Petros: In Athen gehen die Lichter aus, Zeit Onli- ne vom 1. Dezember 2011.

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Freiheit vs. Korruption

Seit kurzem schließen sich nun diese Bürger in unter- schiedlichen Gruppierungen zusammen, um dem Sys- tem die Stirn zu bieten. Eine davon ist die im März 2012 neu gegründete Partei Dimiourgia Xana! (δημιουργία, ξανά, sinngemäß: „Lasst uns wieder schöpferisch sein!“). Dimiourgia Xana! ist eine liberale, proeuropäische Vereinigung. Für sie ist der Kampf ge- gen Korruption eine Frage der Ehre. Nach eigener Aus- kunft vereint sie „anständige Griechen, die nie poli- tisch aktiv waren und daran glauben, dass man Erfolg nur mit harter Arbeit erreichen kann“. Gründer der neuen Bürgerbewegung ist Thanos Tsimeros, der einer breiten Öffentlichkeit als Autor eines offenen Briefs an Bundeskanzlerin Merkel bekannt wurde. Darin stellt er die Korruption und Kriminalität in Griechen- land als Kern des griechischen Übels heraus: „Wer sich niemals in einer griechischen Behörde befunden hat, um eine einfache Bestätigung zu erhalten, kann sich das Ausmaß der Korruption und die Absurdität dieses kafkaesken Mechanismus nicht vorstellen“, sagt er. Tsimeros forderte die Kanzlerin auf, „keinen Euro“ mehr an die Griechen zu zahlen, sofern diese nicht zusagten, Privilegien und „unglaubliche“ Gehälter für Parteifreunde abzuschaffen. „Verpflichten Sie sie zur Umsetzung der Regeln wirtschaftlicher Transparenz der Parteien und jeder Transaktion der öffentlichen Hand. Wenn Sie die Politiker nicht verpflichten, gibt es keine Chance, dass sie es von sich aus tun.“ 5 Dimi- ourgia Xana! will bekannt machen, dass es auch ein „anderes“ Griechenland gibt, das von Europa nicht nur Geld verlangt und über die als Gegenleistung verlang- ten Reformen schimpft, sondern das diese Reformen aus wohlverstandenem Eigeninteresse unterstützt.

Familienclans und „Vitamin B“

Um zu verstehen, wie Korruption entsteht, was sie begünstigt und was gegen sie unternommen werden kann, ist es hilfreich, sich zunächst die in der ein- schlägigen Literatur verwendete Arbeitsdefinition vor Augen zu führen. Klitgaard formuliert folgende Glei-

chung: Corruption = Monopoly + Discretion Ac-

countability. 6 Korruption entsteht also, wenn Ent- scheidungsträger exklusiv über Macht verfügen, dabei im Verborgenen tätig sind und voraussichtlich nicht

6 Klitgaard, Robert 1988: Controlling Corruption, Berkeley.

Klitgaard, Robert 1988: Controlling Corruption, Berkeley. 44 zur Rechenschaft gezogen werden. So eine Konstella- tion

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Klitgaard, Robert 1988: Controlling Corruption, Berkeley. 44 zur Rechenschaft gezogen werden. So eine Konstella- tion ist

zur Rechenschaft gezogen werden. So eine Konstella- tion ist prinzipiell in jedem System der Welt denkbar. Füllen wir Klitgaards Gleichung mit Blick auf Grie- chenland mit Leben. Seit Jahrzehnten gibt es dort ein Netz aus Entscheidungsträgern, die eng miteinander verwoben sind und die Geschicke des Landes von oberster Stelle lenken (Monopoly). Gemeint sind die starken Familienclans, die eine Art Staat im Staat bil- den und nach ihren eigenen Regeln und zu ihren eigenen Gunsten schalten und walten. So ist der Name Papandreou auf das Engste verbunden mit der sozialistischen Partei Pasok. Giorgos Andrea Papan- dreou, der noch bis November 2011 griechischer Mi- nisterpräsident war, ist Enkel von Georgios Papandre- ou und Sohn von Andreas Papandreou. Sein Vater und Großvater waren ebenfalls griechische Ministerpräsi- denten. Der Karamanlis-Clan hat vergleichbare Ver- bindungen: Der Vorgänger Papandreous, Kostas Kara- manlis (Nea Dimokratia), der von 2004 bis 2009 Mi- nisterpräsident war, ist ein Neffe des früheren Premi- ers und späteren Staatspräsidenten Konstantinos Ka- ramanlis. Nahtlos anschließen ließen sich die Histo- rien der Dynastien Venizelos und Mitsotakis. Was die Familienclans im Großen betreiben, findet sich spie- gelbildlich auf allen Ebenen der Gesellschaft. Wer in der griechischen Politik oder Wirtschaft etwas werden will, ist auf „Vitamin B“ angewiesen. Gute Beziehun- gen oder „soziales Kapital“, lässt sich, dem französi- schen Soziologen Pierre Bourdieu folgend, direkt in Geld, Status und Prestige umsetzen. So haben sich die griechischen Eliten über die Jahre hinweg selbst re- produziert.

Wahlkampf auf Pump

Ein aktuelles Beispiel dafür, wie das griechische Estab- lishment in die eigene Tasche wirtschaftet, ist der neueste Beschluss des Parlaments, die Parteien für den anstehenden Wahlkampf mit 29 Millionen Euro öffentlicher (!) Gelder auszustatten. Diesen Beschluss verantworten an vorderster Stelle Pasok und Nea Dimokratia, die seit den letzten Wahlen 2009 die Mehrheit am Syntagma-Platz stellen. Der Vorsitzende der europäischen Liberalen (ALDE) im Europäischen Parlament, Guy Verhofstadt, stellte daraufhin das zweite Rettungspaket für Griechenland in Frage. Er sprach von einem veritablen Skandal: „Politische Par- teien sollen den Bürgern dienen und ihnen nicht das

Bild: Klaus Brüheim/Pixelio Geld aus den Taschen ziehen. Pasok und Nea Dimokra- tia sind für
Bild: Klaus Brüheim/Pixelio Geld aus den Taschen ziehen. Pasok und Nea Dimokra- tia sind für

Bild: Klaus Brüheim/Pixelio

Geld aus den Taschen ziehen. Pasok und Nea Dimokra- tia sind für alle strukturellen Probleme Griechenlands verantwortlich und agieren wie Blutsauger.“ 7 In der Tat verwundert der aktuelle Parlamentsbeschluss, wenn man bedenkt, dass Griechenland seit nunmehr zwei Jahren am finanziellen Tropf von EU und IWF hängt. Nach ersten, bilateral gewährten 100 Milliar- den Euro im Jahr 2010, haben EU-Finanzminister und der Deutsche Bundestag inzwischen ein zweites Ret- tungspaket in vergleichbarer Höhe genehmigt. Die griechische Bevölkerung hat indes schwer zu schlu- cken angesichts zurück gefahrener Mindestlöhne, aus- gesetzter Gehaltserhöhungen, gekürzter Renten und einer Rekordarbeitslosigkeit von über 20%. Umso mehr Achtung sollte zivilgesellschaftlichen Organisa- tionen entgegengebracht werden, die exemplarisch gezeigt an Dimiourgia Xana! und dem griechischen Arm von Transparency International unter schwieri- gen Bedingungen Aufklärungs- und Überzeugungsar- beit an den „Graswurzeln“ leisten.

Labyrinthische Bürokratie

Nepotismus und Korruption gibt es im Grunde überall dort, wo die öffentlichen Hand auf den einzelnen Bür-

7 Vgl. Pressemitteilung der ALDE vom 11.4.2012 http://

255BEN%255D%29 45 FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption ger

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FNF International News 1-2012

Freiheit vs. Korruption

ger trifft, der als Arbeiter, Angestellter oder Unterneh- mer auftritt. Wenn es hier an einer gut funktionieren- den und transparenten Bürokratie fehlt, bleiben viele Transaktionen im Verborgenen (Discretion). Thanos Tzimeros beschreibt in seinem Brief an Angela Merkel eindrucksvoll, wie er die griechische Bürokratie erlebt. Er spricht von „Orgien der Illegalität“, von „Gesetzeswirrwarr“ und „labyrinthischer Bürokratie“, in der die Beamten von den Bürgern Schmiergelder einzig und allein dafür verlangten, „dass sie ihre Ar- beit tun“. Dort, wo Verfahrensabläufe und -regeln un- verständlich, schwammig, willkürlich oder schlicht nicht zugänglich sind, entsteht ein hervorragender Nährboden für Korruption. In einem im Tagesspiegel erschienen Bericht zur Vetternwirtschaft in Griechen- land beschreibt der Musiker Giannis A. aus Kifissia, wie dies in der Praxis gehandhabt wird: „Ich ging also zum Amt, und als ich sagte, von wem ich komme, wurde ich an den anderen Wartenden vorbei hinter die Glasscheibe ins Büro zu den Sachbearbeitern geru- fen. Ich wollte diskret sein, übergab den Umschlag mit den Unterlagen, zwischen die ich das Fakelaki gescho- ben hatte. Aber was macht dieser Typ? Vor aller Augen zieht er das Geld raus, zählt die Scheine durch, sagt:

alles in Ordnung, und knallt gleich den fehlenden Stempel auf den Antrag. Vor aller Augen!“ 8 Dieser per- sönliche Erlebnisbericht lässt darauf schließen, dass sich der genannte Beamte offenbar ziemlich sicher sein konnte, dass sein Verhalten keinerlei Konsequen- zen nach sich ziehen würde. Dies ist nicht verwunder- lich in Abwesenheit starker staatlicher Strukturen, also einer gut funktionierenden Polizei bzw. Steuer- fahndung und eines verlässlichen Justizsystems

(Accountability).

Krise und Katharsis

Fassen wir kurz zusammen. Korruption entwickelt sich besonders dort, wo exklusive Machtpositionen vorlie- gen, die Schnittstelle von öffentlicher und privater Hand intransparent bleibt und Gesetze unzulänglich durchgesetzt werden. Dabei ist Korruption kein Makel, den man durch Modernisierung oder gar „Zivilisierung“ beseitigen könnte. Zu Unrecht werden

8 Vgl. Andreas Schäfer: Griechenland – Fehler im System vom 26.5.2010, Der Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/politik/

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Freiheit vs. Korruption

korrupte Gesellschaften mit weniger entwickelten Ge- sellschaften gleichgesetzt. Entscheidend scheint zu sein, um nochmals die obige Gleichung zu bemühen, an den Faktoren Transparenz und Rechenschaft anzu- setzen. Nur wenn Verfahren transparent und nachvoll- ziehbar sowie Regeln klar und deutlich formuliert sind, kann korrupten Praktiken der Nährboden entzo- gen werden. Zudem müssen Rechtverstöße fühlbare Folgen nach sich ziehen. Dafür kämpft etwa Dimiour- gia Xana!, aber auch die Europäische Union fühlt sich verantwortlich: Die EU-Kommission hat eine Taskforce eingesetzt, die den griechischen Verwaltungsapparat transparenter und effizienter machen soll. Die Fried- rich-Naumann-Stiftung für die Freiheit wird sich im Rahmen ihres neuen, mindestens dreijährigen Engage- ments in Griechenland ebenfalls dieser Aufgabe an- nehmen. Verwaltungsreformen sind die Grundlage für die Verankerung von Good Governance. Dies gilt ins- besondere für Reformen bei Institutionen, die öffentli- che Dienstleistungen erbringen wie Gesundheit, Bil- dung und soziale Sicherheit. Die Stiftung für die Frei- heit wird ihren Teil dazu beitragen, dass die Leistungs- fähigkeit und die Transparenz insbesondere lokaler Administrationen langfristig in Einklang mit europäi- schen Standards gebracht werden. Auch Transparency International möchte die griechische Bevölkerung weiterhin im Kampf gegen Korruption bestärken. Die Leiterin des EU-Büros von Transparency International, Jana Mittermaier, betont, dass „es nicht nur darum geht, strukturelle Reformen anzupacken, sondern auch darum, die Zivilgesellschaft für die Problematik zu sensibilisieren und die Griechen darin zu unterstützen, korrupte Praktiken im täglichen Leben zu bekämpfen“. Der Zeitpunkt dafür scheint sehr günstig. Die gegen- wärtige Krise birgt die Chance, dass sich Wahrneh- mungs- und Deutungsmuster radikal verändern. Die Anzeichen dafür, dass dies von innen heraus ge- schieht, mehren sich und stimmen optimistisch. So könnte die Krise wie im altgriechischen Drama mit der Katharsis überwunden werden.

Dr. Ellen Madeker Director Policy Analysis and Dialogue, Dialogprogramm Brüssel

Policy Analysis and Dialogue, Dialogprogramm Brüssel Verschärfte Korruptionsgesetzte in den USA Deutsche
Policy Analysis and Dialogue, Dialogprogramm Brüssel Verschärfte Korruptionsgesetzte in den USA Deutsche

Verschärfte Korruptionsgesetzte in den USA

Deutsche Unternehmen bekommen zunehmend Ärger mit der US-amerikanischen Börsenaufsicht und dem Justizministerium. In jüngster Zeit verfolgen die USA verstärkt im Ausland begangene Korruptionsdelikte, gerade auch von Unternehmen. Wie ist es dazu ge- kommen?

Die USA versuchen die Korruption in der Wirtschaft einzudämmen, auch weil sie im internationalen Ver- gleich auf dem Korruptionswahrnehmungsindex CPI der Organisation Transparency International einen e- her bescheidenen 24. Rang (Stand: Dezember 2011) einnehmen. Der Kampf gegen Korruption ist nicht nur ein Gebot des Rechtsstaatsprinzips, sondern auch öko- nomisch sinnvoll: Wirkungsvolle Gesetze gegen Be- stechlichkeit sorgen für mehr Transparenz bei der Vergabe von Aufträgen, lassen den effizientesten An- bieter zum Zuge kommen und fördern Wachstum und Wohlfahrt. Deshalb ist das härtere Vorgehen der ame- rikanischen Behörden zu begrüßen. Im Geschäftsalltag internationaler Unternehmen, die an der Wall Street notiert sind, bedeuten die einschneidenden Gesetze jedoch eine Herausforderung.

Für ausländische Firmen ist die Gesetzeslage seit 1977

eindeutig: Der Foreign Corrupt Practices Act (FCPA)

zwingt Unternehmen, die an der New Yorker Börse gehandelt werden, die amerikanischen Bestimmungen gegen Korruption einzuhalten. Die nationalen Vor- schriften betreffen u.a. Geldzahlungen oder bloße Zahlungsversprechen an einen Beamten oder Regie- rungsvertreten, wenn sie darauf abzielen, die Ent- scheidung des Hoheitsträgers zu beeinflussen (sog. „Corrupt Purposes“). Der Kongress hat das Gesetz 1998 anlässlich der OECD-Antikorruptionskonvention noch einmal verschärft. Seither droht sämtlichen bör- sennotierten Konzernen Strafverfolgung für im Aus- land begangene Delikte. Zuvor hatten sich amerikani- sche Konzerne aus Furcht vor Wettbewerbsnachteilen vehement für die Gleichbehandlung ausländischer Ka- pitalgesellschaften eingesetzt.

Die Folgen des Gesetzes ziehen auch für deutsche Un- ternehmen, die an der Wall Street gehandelt werden, grenzüberschreitende Auswirkungen nach sich. Vor allem Daimler und Siemens haben die Härte des FCPA

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bereits zu spüren bekommen. Manager beider Firmen hatten wiederholt bei der Vergabe von Aufträgen in

bereits zu spüren bekommen. Manager beider Firmen hatten wiederholt bei der Vergabe von Aufträgen in Schwellen- und Entwicklungsländern mit „Geldgeschenken“ nachgeholfen. Diese gängige und zunächst „lukrative“ Praxis entwickelte sich nun aber zum Bumerang. Ehemalige Siemens-Manager stehen wegen Bestechung, Geldwäsche und Überweisungsbe- trugs in den USA vor Gericht. Dass Führungskräfte persönlich für ihr Fehlverhalten einstehen müssen, schreibt der „Sarbanes Oxley Act“ fest. Der Stuttgarter Autobauer schloss im Jahr 2010 mit den amerikani- schen Behörden einen Vergleich über 185 Millionen Dollar. 1 Daimler bekannte sich schuldig, über Jahre hinweg in mindestens 22 Ländern Regierungsbeamte bestochen zu haben, um an lukrative Aufträge für Lastwagen, Busse und Pkws zu gelangen. Als Folge des Vergleichs bekam Daimler einen „Aufpasser“ ins Un- ternehmen geschickt. Der ehemalige FBI-Chef Louis Freeh, der als unnachgiebiger Kämpfer gegen Korrup- tion gilt, soll überwachen, ob Daimler die Auflagen der US-Regierung erfüllt. Kritiker sehen in Freeh einen Interessenvertreter der amerikanischen Autoindustrie, der Daimler schwächen soll. 2 Inzwischen hat sich der Fahrzeughersteller aus dem Handel an der Wall Street zurückgezogen. Daimler entgeht damit dem strengen Blick der amerikanischen Börsenaufseher.

Die strengere Gesetzeslage verändert auch die Unter- nehmenskulturen. Daimler hat einen Vorstandsposten für Integrität und Recht eingerichtet. Erste Inhaberin wurde Christine Hohmann-Dennhardt, ehemalige Richterin am Bundesverfassungsgericht. Sie soll dem Stuttgarter Automobilhersteller einen neuen Verhal- tenskodex auferlegen. Nach eigenem Bekunden möch- te sie die Richtlinien gemeinsam mit den 360.000 Mitarbeitern erarbeiten. Auch Siemens hat sich einen neuen „Unternehmens-Knigge“ verordnet. Das neue Regelwerk untersagt den Mitarbeitern, einem Angehö- rigen des öffentlichen Dienstes Sach- oder Geldwerte anzubieten oder zu gewähren. Einladungen zu Unter- haltungsveranstaltungen, Geschenke und Dienstessen müssen künftig intern genehmigt werden. Ein Compu- ter-Tool soll die angestrebte Transparenz garantieren 3 .

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Freiheit vs. Korruption

Auch im internationalen Geschäftsalltag verursachen die Daumenschrauben aus Amerika beträchtliche Hür- den: So wird die Erstattung von Reise- und Übernach- tungskosten für ausländische Beamte, die eine Han- delsvereinbarung beurkunden, zum unternehmeri- schen Risiko. Eine höfliche Geste kann in umfangrei- che Ermittlungen münden. Damit potenzielle Schmier- gelder nicht verschleiert werden können, müssen die Unternehmen zudem ihre Buchführung neu organisie- ren.

die Unternehmen zudem ihre Buchführung neu organisie- ren. Foto: Images of Money/Flickr Strenge Korruptionsgesetze und

Foto: Images of Money/Flickr

Strenge Korruptionsgesetze und deren Durchsetzung sind notwendig. Nur wenn sich der Bestechungsver- such nicht mehr lohnt, kann es gelingen, lokale Ge- schäftskulturen in weniger entwickelten Ländern nachhaltig zu ändern. Schmiergelder dürfen nicht die Eintrittskarte zum Markt sein. Von transparenten Strukturen profitieren letztlich nicht nur die Unter- nehmen, sondern auch Verbraucher in Form von nied- rigeren Preisen. Im Kampf gegen Korruption sind je- doch verkrustete staatliche Strukturen das größte Hindernis. Wenn die Vergabe von öffentlichen Aufträ- gen willkürlich abläuft, gedeihen Korruption und Vor- teilsnahme. Transparente und funktionierende büro- kratische Abläufe setzen dagegen marktwirtschaftli- che Kräfte frei. Der weitreichende Eingriff der US- Regierung in die Geschäftspolitik eines multinationa- len Konzerns wirft zwar durchaus Fragen auf und be- rührt die unternehmerische Freiheit einer Firma, die außerhalb der Vereinigten Staaten ansässig ist. Den- noch sind die Maßnahmen aus den USA grundsätzlich zu gutzuheißen, weil sie den Anreiz mindern, Schmier- geld zu zahlen und damit das marktwirtschaftliche

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Freiheit vs. Korruption

FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption Prinzip des Wettbewerbs schützen. Auf lange Sicht ist die

Prinzip des Wettbewerbs schützen. Auf lange Sicht ist die Zurückdrängung von Korruption förderlich für das Engagement deutscher Firmen im Ausland.

Robert Stüwe

Praktikant TAD

Redaktion: Claus Gramckow Repräsentant, USA und Kanada, Transatlantisches Dia- logprogramm (TAD), Internationaler Politikdialog, Washington D.C.

Iris Fröba Wissenschaftliche Mitarbeiterin, TAD

Bildnachweise Titel:

Ellen Madeker/FNF Images of Money/Flickr

B0nes/Flickr

www.liligraphie.de/Pixelio

of Money/Flickr B0nes/Flickr www.liligraphie.de/Pixelio Aktuelle Nachrichten vom Transatlantischen Dialogpro- gramm

Aktuelle Nachrichten vom Transatlantischen Dialogpro- gramm finden Sie in dem Newsletter „Wahington brief“.

Anmeldung unter ip-abo.freiheit.org

Anmeldung unter ip-abo.freiheit.org 24. September bis 02. Oktober 2012 „Social Media
Anmeldung unter ip-abo.freiheit.org 24. September bis 02. Oktober 2012 „Social Media

24. September bis 02. Oktober 2012 „Social Media (R)EVOLUTIONS“

bis 02. Oktober 2012 „Social Media (R)EVOLUTIONS“ Ob bei Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo oder

Ob bei Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo oder auf dem Roten Platz in Moskau, ob bei Protesten in Berlin, Stuttgart, New York oder Washington – überall auf der Welt ist Social Media inzwischen der Normalfall und nicht mehr die Ausnahme. Die Sozialen Netzwerke haben die Art und Weise, in der sich Protes- te organisieren, verschieben oder beeinflussen lassen, enorm beschleunigt. Spontane Meinungsäußerungen bei facebook, twitter und Co. können enorme Reich- weiten erzielen. Gleichzeitig werden sie auch für die Arbeit der traditionellen Medien immer wichtiger.

Welche Auswirkungen haben Soziale Medien auf die Meinungsbildung und die Machtverhältnisse in einer Gesellschaft? Führen sie zu mehr Meinungsvielfalt und einer demokratischeren Öffentlichkeit? Oder droht die „Diktatur der Gut-Vernetzten“? Geben Sie erstmals in der Geschichte auch den Unterdrückten eine Stimme? Oder können diese von autoritären Regimen und deren Geheimdiensten nur noch besser überwacht und ver- folgt werden?

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Freiheit vs. Korruption

FNF International News 1-2012 Freiheit vs. Korruption   Politische Berichte des Bereich Internationale Politik
 

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Politische Berichte aus aktuellem Anlass

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Unsere Berichte aus aktuellem Anlass berichten zeitnah über eine aktuelles Ereignis von besonderer Bedeutung (Wahlen, politische und soziale Krisen etc). Sie werden von den Mitarbeitern der FNF aus der jeweiligen Region in deutscher (in Ausnahme- fällen auch englischer oder spanischer) Sprache erstellt.

Download unter: http://baaa.freiheit.org

Hintergrundpapiere

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Unsere Hintergrundpapiere dienen der Vertiefung und beschäftigen sich jeweils mit einem ausgewählten Thema, dass auch mittelfristig noch aktuell ist.

Policy Papers der Regionen

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Unsere Policy Papers bieten regionale Analysen zur politischen Situation ausgewähl- ter Regionen, zur Lage der dortigen Wirtschaft und zur jeweiligen Sozialstruktur.

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Herausgeber Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Bereich Internationale Politik Referat für Querschnittsaufgaben Karl-Marx-Str. 2 14482 Potsdam-Babelsberg

Redaktion, Layout: Johannes Issmer E-Mail: johannes.issmer@freiheit.org

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Bildnachweis Titel: Toni Crisolli/FNF

 

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