Monks Enttäuschung — Sibylle Zerr © 2005 Jazz Essay 3/2014 — Edition Sibylle Zerr © 2014 — www.

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Monks Enttäuschung

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er Pianist Alexander von Schlippenbach und die Berliner Band Die Enttäuschung führen seit Jahren

eine intensive Auseinandersetzung mit Thelonious Monk. Daraus ist eine Bearbeitung für die Aufführung des gesamten Monkschen Œvres an einem einzigen Abend entstanden. Der aberwitzige musikalische Marathon dauert circa fünf Stunden und läuft in gewissem Sinne Amok wider gängige Aufführungskonventionen. Die Aufführung ist Pioniertat, Würdigung und Retrospektive zugleich - vor allem aber eine wirklich gute Performance.

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Präludium
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Bei fünf Stunden im grellen Scheinwerferlicht kann man locker zehn Kilo abnehmen, scherzt Rudi Mahall. Er zappelt über die Bühne der Mannheimer Feuerwache, reckt seinen Kopf in den Lichtkegel und sucht die Position, in der ihn der helle heiße Strahl am wenigsten ins Schwitzen bringen wird. „Geht das nicht noch etwas dezenter,“ bittet er den Lichtmeister. „Bei mir zu Hause reicht doch auch eine sechzig Watt Glühbirne, um das ganze Zimmer hell zu machen.“ Das Bühnenlicht ist alles, was die Musiker vorab mit den Technikern des Festivals abklären. Ein Soundcheck ist nicht nötig. Das Gesamtwerk von Thelonious

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Monk soll unter den gleichen Bedingungen gespielt werden, wie es entstanden ist. Alle Instrumente bleiben unverstärkt. 71 Stücke stehen auf der Setliste, über drei ein halb Stunden reine Spielzeit, verteilt auf drei Blöcke von gut über einer Stunde. Das klingt nicht sportlich, sondern halsbrecherisch. Bei einer derartigen Aufführung geraten Axel Dörner und Jan Roder bis an die Grenzen ihrer physischen Belastbarkeit. Rudi Mahall hingegen findet Dauermusizieren total entspannend. Aber er macht sich so seine Gedanken, ob ein Publikum es aushalten kann, ein Stück, eine Idee, ein Solo nach dem anderen um die Ohren gehauen zu bekommen. So etwas verkraften normalerweise nur Fanatiker, und die verlangen dann auch noch eine Zugabe. „Vorher nicht darüber nachdenken ist das Beste“, sagt Rudi
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Mahall und löffelt kurz darauf Tomatensuppe im Restaurant gegenüber. Wie bei einer Henkersmahlzeit wirken die Jungs überhaupt nicht. In zehn Jahren Zusammenarbeit sind die Dinge organisch gereift und neue Ideen kommen ganz wie von selbst. Rudi Mahall, Axel Dörner, Jan Roder, Uli Jenneßen und Alexander von Schlippenbach datieren den Beginn ihrer Zusammenarbeit gerne mit „nach der Wende“. Viele Musiker zogen damals nach Berlin und bereicherten die Szene, auch Mahall, Dörner und Jenneßen. Über die Leidenschaft für Monk fanden sie schnell zusammen, damals noch ohne Jan Roder.

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Schon 1995 hat die Formation das Gesamtwerk im „Parkhaus Treptow“ in Berlin zum ersten mal aufgeführt, nicht an einem Abend, aber im Verlauf einer ganzen Woche. Ausverkaufte Konzerte bestärkten darin, 1996 in die Wiederholung zu gehen. 1997 spielte Die Enttäuschung mit Alexander von Schlippenbach als Gastmusiker eine Doppel LP mit Monk Stücken ein. Da wurde auch das Gesamtwerk im Sendesaal des Norddeutschen Rundfunks, in Zusammenarbeit mit der NDR Redaktion und Michael Naura, zum ersten mal an einem Abend aufgeführt. Im Rahmen des „Enjoy Jazz“ Festivals 2005 wird es wieder so etwas wie eine Premiere geben, denn während der Arbeit am neuen Album „Monk’s Casino“ hat man noch zwei Stücke entdeckt und ins Programm genommen. Bis mit drei Sets die perfekte Form gefunden war, hat man eine Weile herumexperimentiert, das Gesamtwerk auch schon
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in zwei Sets gespielt. Das aber haben Publikum und Musiker kaum verkraftet. „Jetzt ist es einfach eine gute Performance, bei der die Themen das Wichtigste sind,“ erläutert Schlippenbach. “Bei manchen Themen improvisieren wir gar nicht, die müssen ganz schnell hinter einander, wie aus der Pistole geschossen kommen. Da ist immer wieder eine Überraschung gegeben. Manchmal spielen wir sogar zwei Stücke gleichzeitig, die sich überlagern.“ Aber eigentlich, bekundet Rudi Mahall, habe die Band zu großen Respekt vor dem Original, um es wirklich zu verfälschen. Notiert aber sind nur die Themen. Das Repertoire

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haben die Jungs intus, aber bei den Songtiteln können schon einmal Verwechslungen aufkommen. Schlippenbach spricht noch einmal die Playlist durch, scherzt mit Axel Dörner „Ein Trompeter soll vor dem Auftritt ein Steak essen“. Aber Axel bevorzugt Bio-Kost und gebackenen Camembert. Uli Jenneßen schwört auf die kräftigende Wirkung von Ginseng Tee. „Ja, ja, als ich neulich mit Aki durch Berlin spaziert bin, da habe ich euch jedenfalls schon von weitem gehört, so laut habt ihr gespielt,“ lacht Alexander von Schlippenbach und Jan Roder steckt sich noch eine Zigarette an. „Auf der Bühne Rauchen geht schlecht.“ Uli Jenneßen verschwindet. „Die Basstrommel lässt sich nicht stimmen. Mal sehen. Ich geh schon mal los.“ Augenblicke später folgt ihm die Band.

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Archäologie
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Es war schon ein abenteuerliches Unterfangen, das Gesamtwerk von Monk zusammen zu tragen. „Das Material, das wir hatten waren so zerfledderte Fotokopien von Fotokopien von Manuskripten, zum Teil etwas obskurer Herkunft, Transkriptionen, die wir modifiziert und hoffentlich auch verbessert haben“, so Schlippenbach. Vieles aber musste auch von Aufnahmen herunter gehört werden. Dabei ist man sogar auf Stücke gestoßen, die gar nicht von Monk waren. In New York ist dieses Jahr erstmals ein Buch mit dem Gesamtwerk von Monk erschienen, dem der Ruf der Authentizität voraus eilt. Es

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enthält 70 Stücke. Als Schlippenbach und Die Enttäuschung die akribische Arbeit am Monkschen Oeuvre aufnahmen, gab es dieses Standartwerk noch nicht. „Wir haben das aus diesen abenteuerlichen Manuskripten herausgefiltert und uns sowieso bei den Arrangements sehr viel Freiheiten erlaubt, es auf unsere eigene Weise gemacht,“ erklärt Schlippenbach und schmunzelt “Wir haben sogar ein Stück entdeckt, das gar nicht in den Büchern ist.“ Notiert wurden die Themen ohnehin nur als Rahmen. Mit dem Solistischen Erbe Monks umzugehen, erfordert eine andere, eine eigene Herangehensweise. „Jeder Jazzmusiker versucht in dem Moment eine eigene

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Sprache zu entwickeln. Da bedient er sich natürlich diverser Quellen, also irgendwelche Platten. Beim Üben kommt es auch vor, dass man Soli von berühmten Musikern raushört. Aber auf der Bühne passiert das natürlich meistens nicht. Der Stil eines Jazzmusiker entwickelt sich aus dem, was er weiß. In dem Moment wo du spielst, denkst du dir selber was aus. Das nennt man dann Improvisation,“ beschreibt Rudi Mahall die Annäherung und sinniert weiter. „Wenn man bei Meditation nichts denkt, dann ist es Meditation, wenn ich ein Solo spiele. Sobald ich spiele denke ich gar nix mehr.“ „Man kann es mit Sprechen vergleichen, aber es ist natürlich was ganz anderes. Man spielt nicht immer das selbe. Das was man Improvisation nennt, ist schwer zu erklären. Da gibt es

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meiner Meinung nach sehr viele Missverständnisse,“ ergänzt Axel Dörner. „Es gibt sogar ganz böse Missverständnisse,“ führt Alexander von Schlippenbach an. „Das was sich bei Monk ereignet ist melodisches Improvisieren. All diese Stücke haben eine harmonische Sequenz, die meistens auf den klassischen Liedformen basieren. Hat man die nötige Fertigkeit, kann man darüber improvisieren, Melodien darüber erfinden. Natürlich kann man auch ohne Harmonien improvisieren. Irgendjemand hat einmal gesagt, dass Monk es sehr amüsant gefunden hätte, wenn seine Sachen auch falsch gespielt wurden. Und er hat ja auch selber oft andere Improvisationen gemacht. Die Harmonien bei Monk sind eigentlich gar kein großes Thema. Das Wichtige ist die große Charakteristik, die jedes Stück hat. Jedes Stück hat einen ganz starken eigenen Charakter, typische Drehmomente kann man sagen.“

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Improvisierende Interpreten
Es ist wie wenn sich Läufer an den Startblock für einen Marathon begeben. Arme ausschütteln, konzentrierte Blicke, erwartungsvolles Schweigen im ausverkauften Saal. „Ich glaub ich zieh die Jacke aus“ stammelt Jan Roder. Kaum hat er das Jackett abgestreift, schickt ihn die Band auf einen der längsten walking bass Spaziergänge seiner Karriere. Ohne Umschweife kommt man rasant zur Sache. Es klingt irgendwie als wolle man von vorneherein die Zeit überholen, den Zeitverlust schon

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einholen, bevor er überhaupt entstanden ist. Zwei, drei Stücke auf einmal zu spielen, das wäre bei dem Tempo schon drin, ohne dass das Publikum wahrnimmt, wie ihm geschieht. Doch dann kommt dieser ergiebig naive Schlagzeugsolopart von Uli Jenneßen – dingdingdong dingdingdong – das muss man erst einmal aushalten. Schon kleben die Augen der drei Musiker während des Break am Boden, wo als kleinster gemeinsamer Nenner die Songliste ausgebreitet liegt. Weiter geht die Hatz. Unheimlich dicht ist das Zusammenspiel, aber dabei wirken die Musiker so seltsam abwesend, als signalisierten sie in ihrer Körpersprache die wirkliche Einsamkeit eines Langstreckenläufers. Mit einer geradezu klassisch anmutenden Konzentration beugt sich Alexander von Schlippenbach über die Tastenreihe des Steinway Flügels. Auch Axel Dörner verharrt ernst
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und in sich gekehrt, lauert, frei nach Horst Antes, wie ein Ohrfüßler. Dann saugt er Luft bis tief in die Lungenspitzen. Roboterartige Synthesizerklänge vibrieren aus der Trompete. Atemakrobatische Tonexperimente bevor er die ersten glasklaren Töne von „Bemsha Swing“ in den Raum wirft. Was für ein Kontrast. Jan Roder singt inzwischen selbstvergessen mit seinem Bass und Rudi Mahall, der sich mit konvulsivischen Beinzuckungen in seine Bassklarinette ergibt, trieft vor Schweiß. Ehe man sich versieht ist das erste Set zuende.

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„Haben sie Verständnis dafür, dass wir nicht so viel sprechen“, kündigt Mahall zu Beginn des zweiten Sets an, „schließlich wollen sie ja heute noch irgendwie nach Hause kommen“. Aber das Auftreten der Band hat sich nun schlagartig geändert. Eine große Besonnenheit ist eingekehrt. In aller Ruhe präparieren die Musiker ihre Instrumente. Ein Topfdeckel wandert auf die Flügelsaiten und Jan Roder schiebt ein Notenblatt unter der Basssteg. Bei „Monks Dream“ entfalten die kleinen Hilfsmittel eine aparte Wirkung und eine gedämpfte Trompete tritt in scharfen Kontrast zu Rudi Mahalls Ton. Wie eine aufgeregte Gans schnattert dessen Bassklarinette durchs Thema. Als Jan Roder schließlich zum Bogen greift und seine Handstreiche verbalakrobatisch untermalt, applaudiert die Band. Entspannte

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Spielfreude ist eingekehrt. Nur Axel Dörner wirkt wie ein gigantisches Ohr, das noch immer am Zusammenspiel der Kollegen lauscht, wie an einer

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Tür, um mit einer Trompete hereinzukommen, die sich so gar nicht in den Vordergrund drängen will und wie eine geflüsterte Botschaft im Raum steht. Aber schon liefert sich Dörner mit Uli Jenneßen eine aberwitzige Beckenschlägerei als Einleitung zu „Let’s Cool One“. Da werden schon mal beherzt mit der Trompete Becken und Toms touchiert. Bei „Humph“ lässt Rudi Mahall die Bassklarinette knallen wie eine Snare Kante, während Dörner in aller Seelenruhe die Trompetenventile ölt. Als bei „Nice Work If You Can Get It” Bass, Bassklarinette und Trompete

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auseinanderdriften, huscht ein süffisantes Lächeln über die Gesichter der Beteiligten, gerade so, als sei dieses krumme Spiel absichtsvoll. Die Band gruppiert sich hinter Uli Jenneßens Schlagzeug, argwöhnt mit Blicken und Körpersprache, so als säße der wahre Schelm hinterm Schlagzeug. Aber auch das nur Spiel. Als bei „Four in One“ das Thema erneut anklingt, wird mit geradezu kindlicher Freude am Klang gebastelt. Jenneßen quietsch mit den Stimmschrauben der Snare, Alexander von Schlippenbach hämmert die Pianosaiten mit der Hand, während sich Bassklarinette und Trompete innig umgarnen. Schon verabschiedet man sich mit dem Ohrwurm „Round Midnight“ aus dem zweiten Set, um sich für den Ziellauf erneut zu häuten.

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Eine rote Wohnzimmerlampe und Notenständer tauchen auf und bei Rudi Mahall herrscht ungewohnter Erklärungsbedarf: „Wir haben noch zwei Blues entdeckt, die
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offensichtlich auch von Monk sind. ‚Blue Hawk’ und ‘North of The Sunset’. Wir können die Noten noch nicht, die sind so kompliziert. Wir werden jetzt im Folgenden also 36 Takte Blues spielen und dabei vier Stücke spielen. Jeder der will kann jetzt nachrechnen.“ Was dann folgt sind die vielleicht unkompliziertesten Themen des gesamten Abends. Aber nun gerät die Band außer Rand und Band und die Themen verschmelzen, dass man eines vom anderen nicht mehr trennen kann. Schlippenbach tritt mit der Trompete an die Seite von

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Axel Dörner. Dann wechselt Dörner an den Flügel und Uli Jenneßen verblüfft mit einem Solo für einen roten Medizinball, der als mobile Basstrommel über die Bühne hüpft. Amoklauf oder Übersprungshandlung, das dritte Set gerät zum absurden Vergnügen. Das Saallicht geht aus, die Band spielt im Dunkeln und Axel Dörner bestimmt mit dem Lichtschalter der Wohnzimmerlampe, wer spielt und wer schweigt: Licht an, Schlagzeug, Bass und Piano aus. Im Dunkeln dürfen nur die Bläser munkeln. Die Band spielt nun inklusive Schlagzeuger im Liegen und Rudi Mahal atmet bei seinem Solo wie ein Ertrinkender ins Instrument. Als das letzte Monk Stück verklungen ist, kann das Publikum nur noch symbolisch nach einer Zugabe verlangen. Aber bei „Enjoy Jazz“ gab es überraschend viele Fanatiker und die Band gewährt noch einen letzten furiosen Dreitakter.
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Die Theorie zur Kunst
In der Vergangenheit kam musikalische Erneuerung einer Revolte gleich. Vor achtzig Jahren gab es bei den Aufführungen von Schönberg Prügeleien und Proteste. Die Menschen haben sich von der Musik richtig angegriffen gefühlt. Auch Publikumsreaktionen auf Freejazz fielen anfangs kräftig aus. Da wurde die musikalische Freiheit noch mit Eiern und faule Tomaten quittiert. Heute hat sich die Intention des Publikums

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grundlegend gewandelt. Man kann niemanden mehr mit Musik erschrecken, bestenfalls emotional Berühren. Skandale jedenfalls ließen sich nur noch auf den paar wenigen weißen Flecken auf der Welt anzetteln, wo die Leute diese Musik noch nie gehört haben. In seinem Trio mit Evan Parker und Paul Lovens arbeitet Alexander von Schlippenbach seit den 70er Jahren mit der größtmöglichen Freiheit, die man im Jazz erarbeiten kann. Wenn er mit „Die Enttäuschung“ das Gesamtwerk von Monk aufführt, ordnet er diese erarbeitete Freiheit dem gemeinsamen Konzept unter. Spaß mache ihm das keinen, scherzt er, denn eigentlich könne er gar nicht spielen, was er wolle. Dann müsse er sich zügeln, aufpassen, dass er nichts falsch mache, weil die Gewohnheit mit ihm durchbricht. Diese Beherrschung Disziplin zu nennen allerdings, liegt ihm nicht. Es ist bestenfalls Präzision,
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Konzentration bis aufs äußerste. „Die Enttäuschung“ legt eine Arbeitsweise an den Tag, die mit dieser Konzentration und Wachheit korrespondiert. So wurde die letzte Platte im „first take“ in nur ein ein halb Stunden komplett eingespielt - eine Fähigkeit, die im Zuge der modernen Studiotechnik heutzutage vielen Musikern abhanden gekommen ist. Jan Roder ärgert sich über den komischen Perfektionismus, der durch die Pop Musik aufgekommen ist, wo man mit Hilfe der Elektronik die Zeit

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ausrechnet. Völlig a-rhythmisch müsste man das ja beinahe nennen, wenn man es auf das subjektive menschliche Empfinden bezieht. Diese Genauigkeit habe mehr mit Sport zu tun denn mit Musik. „Wenn man Glück hat“, so Roder, „machen diese Sportler auch gute Musik, bei der es nicht um Rechnen geht.“ Als Miles Davis etwa bei den ersten Aufnahmen damit angefangen hat Rhythmen zu Verschieben und Elektronik einzusetzen, war das noch die Freude am Experiment, am anders machen. Später hat sich derlei als Mittel zum Zweck verselbständigt. Im Fall des Falles kann Die Enttäuschung auch mit Fehlern

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leben. Oft sind gerade Fehler die besten Momente. Auf den frühen Jazz Einspielungen macht genau das den Charme aus. Nur wenn eine Session total daneben ging, gab es einen „alternative take“. War das Stück eingespielt, wurde es genauso veröffentlicht. Auch der pure und unverstärkte Klang der Instrumente hat eine andere Qualität und genau das ist dem Ensemble bei der Aufführung von Thelonious Monk wichtig. „Dass wir dem Originalsound teilweise sehr nahe kommen, hat auf alle Fälle damit zu tun“, so Jan Roder. Für den Free Jazz Pionier Alexander von Schlippenbach ist die werknahe Aufführung von Monk eine Huldigung an den musikalischen Genius. Grenzen zu ziehen ist ihm zuwider. „All Jazz is free! Seit dem Beginn der 60er Jahre spielen wir das, was man den frei Improvisierten Jazz nennt. Das ist ja da. Das gehört nun mal zur

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Geschichte. Es gibt jetzt ein neues Buch, Monk und der Freejazz’ heiß das glaube ich, ein gewagter Titel, weil Monk mit Freejazz eigentlich gar nichts zu tun hat. Wenn wir ‚all Jazz is free’ sagen, dann stimmt es natürlich wieder. Ein Musikwissenschaftler kann bei verschiedenen Monk Stücken Asymmetrien entdecken – zum Beispiel diese sechs Viertel die sich in „Trinkle Tinkle“ ergeben. Das ist eine Anomalie, die aber so richtig ist, dass man sagen könnte, er hat die Form durchbrochen, ohne dass er es eigentlich wollte. Er ist nur niemals weiter gegangen. Er hat sich immer in diesen Formen bewegt. Aber in seinen Elementen und seinen Motiven wohnt vielleicht eine Sprengkraft, die traditionelle Form durchbrechen kann. Das zeigt sich in solch einem kleinen Detail. Wenn man sich vorstellt, dass er sein

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Bewusstsein noch derart erweitert hätte, vielleicht hätte er noch ganz andere Formen gefunden. Das haben dann andere gemacht.“

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So betrachtet ist die Monksche Innovation mit der Wortkreation eines Einzelnen vergleichbar, die eine gemeinsame erarbeitete Sprache weiter gebracht hat. Wieder bei Null anfangen zu können, wäre ein reizvoller Gedanke. Vielleicht würde nur so wieder eine vollkommen neue Musik entstehen. Axel Dörner lotet die eigene Position aus: „Wir sind komischerweise aus Berlin und spielen diese Musik, vielleicht auf eine ganz andere Art und Weise, als Leute woanders das machen würden.“

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Die Enttäuschung ersetzt das Saxophon durch die Bassklarinette und verändert so den Klang der Monkschen Themen. Aber auch improvisiert wir bei manchen Stücken nicht in der alt hergebrachten Weise. Sachlich korrekt beschreiben ließe sich das was Alexander von Schlippenbach und Die Enttäuschung mit dem Gesamtwerk von Thelonious Monk abliefern eine „Bearbeitung für eine Live Aufführung an einem Abend“ nennen. Monk hätte niemals so gespielt. Alexander von Schlippenbach hat einmal den Begriff Hardcore Free Jazz geprägt. Damit markiert er den Unterschied zwischen Free Jazz und dem was man im allgemeinen Improvisation nennt. „Hardcore Free Jazz ist das Wichtigste von allem überhaupt. Das heißt, dass wirklich improvisiert wird - frei

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improvisiert, sagt man immer. Das kann irreführend sein.“ Herangehensweise und Spielhaltung beider Auffassungen sind völlig verschieden. Bei seinem Trio mit Lowens und Parker wurde niemals etwas anderes gemacht, als vor Publikum frei

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zu improvisieren, das heißt ohne dass vorher ein Programm oder ein Thema abgesprochen wird. Zum Einsatz kommt, was man selbst weiß, erarbeitet, herausfindet und er-improvisiert. Die Kraft geht nach vorne. Mit „Die Enttäuschung“ wird über ein Thema improvisiert. Freiheit gibt es auch da, aber sie spielt sich in einem festgelegten Raum ab. Die Kraft geht in die Konzentration auf das innerhalb dieses abgesteckten Rahmens Machbare.

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Eigentlich ist die Truppe schon jetzt darauf gefasst, dass orthodoxe Kralshüter des Monkschen Erbes ihre Aufführung des Gesamtwerkes als eine Art Tempelschändung empfinden könnten. Aber Sinn würde das wenig machen. Wer Monk in der üblichen Interpretation hören will, bei der man das Thema spielt, dann über mehrere Chorusse improvisiert, um wieder zum Thema zurückzukehren, der sollte sich vernünftigerweise gleich die Aufnahme des Meisters kaufen, der ja alles in dieser klassischen Weise gespielt hat. Alexander von Schlippenbach und Die Enttäuschung jedenfalls haben das Gesamtwerk auf eine andere Weise bearbeitet, zum Teil recht unorthodox verdichtet. Entstanden ist kein klebrig dickflüssiges Extrakt, sondern eine erfrischendes hochpotentes Elixier, über dessen

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Wirkung sich alle Beteiligten einig sind. „In diesen Themen“, so Schlippenbach, „liegt eine ungeheure Kraft, eine Originalität, eine Stärke und etwas Definitives. Wenn die dann in dieser Massierung auftreten, dann ist das wirklich sehr bewegt.“

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CDs

“Die Enttäuschung” – Die Enttäuschung, Grob Records (2002)

(GROB 426), Aufnahmen aus den Jahre 1997 mit Alexander von Schlippenbach als Gastmusiker „Monk’s Casino” – drei CDs mit dem Gesamtwerk von Thelonius Monk, Intakt Records (2005)

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Impressum
Monks Enttäuschung Ein Essay von Sibylle Zerr © Sibylle Zerr 2005, 2014 - Alle Rechte vorbehalten Fotovorlagen für die Gestaltung des Titelblattes mit freundlicher Genehmigung von Jan Kricke (© Jan Kricke 2005) Jazz Essay 3/2014 - veröffentlicht am 30. Januar 2014 in der: Edition Sibylle Zerr Hauptstraße 26

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D-78730 Lauterbach (Schwarzwald) http://www.sibylle-zerr.de

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