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Ulrich Thiele

Demokratischer Pazifismus

Aktuelle Interpretationen des ersten Definitivartikels der Kantischen Friedensschrift

von Ulrich Thiele, Heidelberg

Kontroversen über die politische Philosophie Kants entstehen vor allem dann, wenn die Verfassung bzw. die Politik des eigenen Staates zu einer eindeutigen Stel- lungnahme herausfordert. Die Bezugnahme auf Kant bot seit je den Vorteil, daß man sich die eigene affirmative oder kritische Haltung zum politischen Status Quo quasi höchstinstanzlich beglaubigen lassen konnte; dies jedenfalls dann, wenn man in der glücklichen Lage war, die erforderlichen Textbelege vorweisen zu können. 1 Die Kontroversen um die Friedensschrift nehmen in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung ein. 2 Wie kaum ein anderer Kant-Text gab er dem Interpreten so- wohl begriffliche Instrumente für die politische Situationsdeutung als auch Krite- rien für die normative Beurteilung des jeweiligen politischen Institutionensystems an die Hand. Während die Diskussionen um den zweiten und den dritten Definitiv- artikel in der letzten Zeit vor allem um die Themenkomplexe „hegemonialer Libe- ralismus“ 3 , Staatssouveränität, humanitäre Intervention, Völkerbund und Welt- staat kreisten, 4 fokussierten die Debatten um den ersten Definitivartikel vor allem

1 So hatte sich z.B. Max Horkheimer in seinem Bemühungen um die theoretische Fundierung der Kritischen Theorie durchweg auf die praktische Philosophie Kants bezogen. In dem Maß, in dem die Kantische Theorie aber zugleich zum Maßstab einer normativen Kritik der kapitalistischen Gesellschaft, der liberalen Demokratie Weimars und des nationalsozialisti- schen Staates herangezogen wurde, mußte ihre Darstellung an begrifflicher Schärfe verlie- ren. Horkheimers funktional überfrachtete Kant-Interpretation konnte es nicht vermeiden, die Grenzen hermeneutischer Redlichkeit gelegentlich zu verletzen; vgl. dazu Ulrich Thiele:

Verwaltete Freiheit. Die normativen Prämissen in Horkheimers Kantkritik. Frankfurt a.M. 1996. Den extremen Gegenpol zu Horkheimers Deutung stellt Carl Schmitts Kant-Karika- tur dar, die dessen Verwurzelung in der französischen Volkssouveränitätstheorie unkennt- lich zu machen suchte, um ihn als idealtypischen Vertreter des angeblich souveränitätsfeind- lichen Liberalismus anglo-amerikanischer Provenienz präsentieren zu können; vgl. ders.:

Advokative Volkssouveränität. Carl Schmitts Konstruktion einer ‚demokratischen‘ Dikta- turtheorie im Kontext der Interpretation politischer Theorien der Aufklärung. Berlin 2003.

2 Vgl. z.B. Peter Hoeres: „Kants Friedensidee in der deutschen Kriegsphilosophie des Ersten Weltkrieges“. In: Kant-Studien 93, 2002, 84–112.

3 Jürgen Habermas: „Hat die Konstitutionalisierung des Völkerrechts noch eine Chance?“. In: Ders.: Der gespaltene Westen. Frankfurt a. M. 2004, 193.

4 Vgl. z.B. Frieden durch Recht. Kants Friedensidee und das Problem einer neuen Weltord- nung. Hrsg. von Matthias Lutz-Bachmann und James Bohman. Frankfurt a. M. 1996, Welt-

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um die Fragen, ob die liberaldemokratischen Verfassungsstaaten des Westens im Kantischen Sinne als Republiken (und mithin friedensgeneigt) gelten können, bzw. welche konkreten Anforderungen an die praktische Politik sich aus den Kantischen Ausführungen zur republikanischen Regierungsart ableiten lassen. In der jüngeren Forschung – wahrscheinlich könnte man Belege dafür finden, daß das Jahr 1989 eine Zäsur darstellt – läßt sich eine allgemeine Trendwende von eher kritischen zu eher affirmativen Befunden hinsichtlich der politisch-institutionellen Realität feststellen. Dies betrifft insbesondere die Frage nach der Natur des Kanti- schen Republikbegriffs. So besteht fast schon ein Konsens darüber, daß die gegen- wärtigen Liberaldemokratien des Westens den Kantischen Ehrentitel „Republik“ verdienen. Mit dieser (unzutreffenden) Klassifikation versetzt man sich zugleich in die unangenehme Lage, einerseits den prinzipiell friedfertigen Charakter ihrer Außenpolitik behaupten zu müssen, wobei man andererseits nicht umhin kann, so zahlreiche Ausnahmen festzustellen, daß sie in Hinblick auf das Kantische Theorem von der „strukturellen Friedensfreundlichkeit der republikanischen Verfassung“ 5 eigentlich als Falsifikatoren zu werten wären.

1. Die direkte Demokratie als Despotie?

Unter den drei Staatsformen ist die der Demokratie, im eigentlichen Verstande des Worts, notwendig ein Despotism, weil sie eine exekutive Gewalt gründet, da alle über und allenfalls auch wider Einen (der also nicht mit einstimmt), mithin alle, die doch nicht alle sind, beschlies- sen; welches ein Widerspruch des allgemeinen Willens mit sich selbst und mit der Freiheit ist. Alle Regierungsform nämlich, die nicht repräsentativ ist, ist eigentlich eine Unform, weil der Gesetzgeber in einer und derselben Person zugleich Vollstrecker seines Willens (so wenig, wie das Allgemeine des Obersatzes in einem Vernunftschlusse zugleich die Subsumtion des Beson- deren unter jenen im Untersatze) sein kann, und, wenn gleich die zwei andern Staatsverfassun- gen so fern immer fehlerhaft sind, daß sie einer solchen Regierungsart Raum geben, so ist es bei ihnen doch wenigstens möglich, daß sie eine dem Geiste eines repräsentativen Systems gemäße Regierungsart annähmen, […] da hingegen die demokratische es unmöglich macht, weil Alles da Herr sein will. 6

Einer der ersten Rezensenten, der sich konsterniert über Kants Diktum äußerte, war Friedrich Schlegel. Man könne sich die Rede von der notwendig despotischen Demokratie nur dadurch erklären, daß Kant ein Lapsus unterlaufen sei: „Der Repu- blikanismus ist also notwendig demokratisch, und das unerwiesne Paradoxon […], daß der Demokratismus notwendig despotisch sei, kann nicht richtig sein.“ 7 Zwar

staat oder Staatenwelt. Hrsg. von dens. Frankfurt a. M. 2002, Einmischung erwünscht? Hrsg von Hauke Brunkhorst. Frankfurt a. M. 1998.

5 Vgl. Wolfgang Kersting: „Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein“. In: Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Hrsg. von Otfried Höffe. Berlin 1995, 98.

6 ZeF, AA 08: 352 (Hervorhebung im Orig.).

7 Vgl. Friedrich Schlegel: „Versuch über den Begriff des Republikanismus, veranlaßt durch die Kantische Schrift zum ewigen Frieden“. In: Deutschland. Eine Zeitschrift. Hrsg. von Jo- hann Friedrich Reichardt. Berlin 1796, neu hrsg. von Gerda Heinrich. Berlin 1989, 175.

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kann Schlegel keine befriedigende Erklärung des Kantischen Satzes anbieten, aber immerhin stellt er fest, daß die Behauptung vom despotischen Charakter der demo- kratischen Staatsform die gesamte politische Philosophie Kants auf den Kopf stellen würde und demnach nicht buchstäblich zu lesen wäre. Das Nächstliegende wäre, das Kantische Verdikt im direkten Zusammenhang mit den nachfolgenden Sätzen betrachten. Dann nämlich würde klar, daß er an der bewußten Stelle ausnahmsweise und wider seine sonstige Gewohnheit den Begriff der Staatsform im weiteren Sinne gebraucht. Bereits der anschließende Nebensatz nämlich erklärt den despotischen Charakter der absoluten Demokratie mit dem Hinweise auf die defekte Organisation der Exekutive. Daraufhin wird eine republi- kanische Regierungsform durch das Merkmal der Nichtidentität der Person des ge- setzgebenden Souveräns und der des Regenten bestimmt, wohingegen eine despoti- sche Regierungsform durch die Gewaltenfusion gekennzeichnet sei. Entscheidend ist dabei, daß Kant eine Regierungsform, die dem Prinzip der (auch personalen) Ge- waltenteilung gehorcht, als „repräsentativ“ bezeichnet. Erst jetzt, nachdem er zu- sätzlich zum Begriff der ‚Regierungsform‘ den der Repräsentation eingeführt hat, wird die Eingangsbehauptung, von den drei Staatsformen sei die Demokratie not- wendig despotisch, vollends verständlich. Unter einer „Demokratie im eigentlichen Verstande des Wortes“ begreift Kant keineswegs eine Staatsform im engeren Sinne; gemeint ist vielmehr eine Verfassung im organisatorischen Sinn, d.h. eine spezifi- sche Kombination einer Staatsform mit einer Regierungsform. Eine reine bzw. ab- solute Demokratie wäre eine „Staatsverfassung“, gemäß der das Volk als der „Ge- setzgeber in einer und derselben Person zugleich Vollstrecker seines Willens“ ist, so daß es gänzlich ihm selbst überlassen bleibt, darüber zu entscheiden, mittels welcher besonderer und einzelner Zwangsakte dem im Gesetz vorgegebenen Allgemeinwil- len genüge getan wird. 8 Kants generelle Aussage, deren Spezifikation das Verbot der absoluten Demokratie darstellt, läßt sich etwa folgendermaßen umschreiben: Über- all dort, wo die Regierung von derselben moralischen Person gestellt wird, die auch die Gesetzgebung innehat, ist keine repräsentative Regierungsform vorhanden. Un- ter einer Demokratie „im eigentlichen Verstande des Worts“ versteht Kant demnach eine Verfassung, in der das Volk alle öffentliche Gewalt, unabhängig von ihrem je- weiligen funktionalen Eigensinn, innehat und auch ausübt. In einer totalen Demo- kratie wäre das Volk sowohl der höchste Gesetzgeber als auch der höchste Richter

8 Vgl. ZeF, AA 08: 352. Kant erwähnt an dieser Stelle (und meines Wissens auch an keiner an- deren) jedenfalls nicht ausdrücklich den komplementären Schaden, der durch Gewaltenfu- sion angerichtet wird: Der gesetzgebende ‚Regent‘ ist nämlich jederzeit in der Lage, seine ge- setzwidrige Regierungspolitik durch revidierende Gesetzgebung zu legalisieren bzw. durch willkürliche Deutung des im Gesetz manifestierten Willens zu legitimieren: „Würden […] die Aufgaben der Gesetzgebung und die der Regierung von derselben Person ausgeübt, wäre die Steuerung des Einzelfalles durch das allgemeine Gesetz nicht zu gewährleisten. Wer je- derzeit die Gesetze selbst umwerfen kann, die er ausführen soll, ist an überhaupt kein Gesetz gebunden“ (Jan C. Joerden: „Das Prinzip der Gewaltenteilung als Bedingung der Möglich- keit eines freiheitlichen Staatswesens“. In: Jahrbuch für Recht und Ethik 1, 1993, 207–220,

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und Vollstrecker. Da in einer solchen Verfassung keinerlei externe Kontrollinstan- zen (wie insbesondere eine unabhängige Rechtsprechung) möglich wären, könnte keine republikanische Regierungsart statthaben, die auf den Grundsatz der rechts- staatlichen Kontrolle der Staatsgewalt gebaut wäre. Kant kann demnach weder die Verfassung der Schweizer Eidgenossenschaft oder die (geschriebene) Jakobiner-Ver- fassung vor Augen gehabt haben, die beide plebiszitär-demokratische Gesetzge- bungsverfahren vorsehen, sondern er hat die demokratischen Despotien der griechi- schen Antike gemeint. Dies bestätigen auch die Vorarbeiten zur Friedensschrift; dort gilt die attische Demokratie als Musterbeispiel einer nichtrepräsentativen, d.h. ge- waltenverschmelzenden Demokratie: 9

Die Demokratie aber (in der eigentlichen Bedeutung des Worts) als eine nicht-repräsentative Volksmacht ist der Freiheit mit ihr also auch dem Rechtsbegriffe gerade entgegen wie sie noth- wendig Ochlokratie ist […]. Die Griechen kannten nicht das repräsentative System. 10

Nur wenn man vom Gewaltenteilungsbezug des Despotismus-Theorems ab- sieht 11 , läßt sich Kants Forderung nach einer „repräsentativen […] Regierungs- form“ als Forderung nach einer „institutionelle[n] Differenz von Souverän und Volk“ und demnach als kategorisches Verdikt über direktdemokratischen Entschei- dungsverfahren in der Legislation interpretieren. Schließlich sei es „offensichtlich“, daß der „Republikanismus […] begrifflich gegen die Demokratie entfaltet“ werde. 12 Problematisch ist diese Interpretation, insofern sie die Repräsentationsforderung gleichermaßen auf die Staatsform und auf die Regierungsform 13 bezieht, ohne in

9 In der athenischen Demokratie „erstreckte sich nämlich die politische Tätigkeit nicht ledig- lich auf den Besuch der Volksversammlung, sondern auf alle öffentlichen Funktionen, und es waren folglich der Idee nach alle Athener, faktisch möglichst viele von ihnen Souverän, Regierung, Amtsträger und Gerichtsherr zugleich“; vgl. Jochen Bleicken: Die athenische Demokratie. Paderborn/München/Wien/Zürich 1985, 306.

10 Immanuel Kant: Vorarbeiten zu „Zum ewigen Frieden“, AA 23: 161, 167; vgl. auch ZeF, AA 08: 353: „Keine der alten Republiken hat dieses [das „repräsentative System“] gekannt, und sie mußten sich darüber auch schlechterdings in dem Despotism auflösen, der unter der Obergewalt eines Einzelnen noch der erträglichste ist.“ Vgl. auch Immanuel Kant: Reflexio- nen zur Rechtslehre, Reflexion 8054, AA 19: 595: „Selbst die Democratie kann despotisch seyn, wenn ihre Constitution ohne Einsicht ist, z.B. wie die atheniensische, welche ohne rechtliche Ursachen nach vorgeschriebenen Gesetzen jemand blos durch Mehrheit der Stim- men zu verurtheilen erlaubte“; d. h die athenische Demokratie zeichnet sich nach Kant durch Volksjustiz aus.

11 Unmißverständlich bezeichnet Kant auch in seinen Vorstudien eine Regierung genau dann als despotisch, wenn sie neben ihrer ureigenen Exekutivkompetenz auch die Funktionen des Souveräns und der Rechtsprechung auf sich vereinigt: „Die Regierung ist despotisch (titulo) wenn sie nicht der Diener des Staats und Verwalter seiner Angelegenheit sondern Selbstherr- scher (Souverain) ist weil er alsdann unrecht thun kann und wider ihn kein gesetzliches Mit- tel (remedium iuris) möglich ist“; vgl. Kant: Vorarbeiten zu „Zum ewigen Frieden“, AA 23:

159.

12 Karlfriedrich Herb / Bernd Ludwig: „Kants kritisches Staatsrecht“. In: Jahrbuch für Recht

und Ethik 2, 1994, 431–478, 462.

13 Zur Terminologie vgl. Ulrich Thiele: Repräsentation und Autonomieprinzip. Kants Demo- kratiekritik und ihre Hintergründe. Berlin 2003, 56ff.

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Erwägung zu ziehen, daß sie lediglich die Organisation der Regierung (im weiteren Sinne) betreffen könnte. „Kant setzt […] in seiner pauschalen Demokratie-Kritik der Friedensschrift stillschweigend voraus, daß die Demokratie hier ausschließlich im nichtrepräsentativen Sinne verstanden wird, gleichsam als direkte Gesetzgebung und Regierung aller im Sinne der attischen Staatsverfassung und suggeriert somit eine umstandslose Identifizierung von Nicht-Repräsentation und Despotie. […] Weshalb Kant die Demokratie hier allerdings ausschließlich im genannten Sinne der nicht-repräsentativen Herrschaft erörtert, bleibt im Dunkeln: Seine Bemerkung, daß sie ‚eine dem Geist eines repräsentativen Systems gemäße Regierungsart‘ nicht annehmen könne, ‚weil Alles da Herr sein will‘, vermag ein Argument nicht zu er- setzen.“ 14 Hätte man erwogen, ob nicht die kategorische Repräsentationsforderung lediglich die Regierungsorganisation betreffen könnte und in diesem Zusammen- hang strikte Gewaltenteilung zwischen Souverän und Exekutive bedeuten würde, dann wäre die Lesart möglich gewesen, daß die direkte Volksgesetzgebung mit einer repräsentativen Regierungsform nicht nur vereinbar ist, sondern daß diese Kombi- nation eine Verfassung kennzeichnet, die, in Hinblick auf die Organisation der öf- fentlichen Gewalten, dem Ideal der reinen Republik besonders gut entsprechen würde. In einem neueren Text modifiziert Bernd Ludwig seine Deutung von 1994: So for- muliert er einerseits die deutlich schwächere These, bei Kant sei eine „Affinität zur repräsentativen Demokratie als der ‚wahren‘ republikanischen Staatsform“ festzu- stellen. Die repräsentative Volksgesetzgebung wäre demnach nur eine von mehreren legitimen Varianten demokratischer Willensbildung. Andererseits jedoch stellt er, wie Kersting, die starke Behauptung auf: „Allein die repräsentative Demokratie ist […] die angemessene, d. i. ‚wahre‘ Darstellung der Idee der Republik in einem Beispiel der Erfahrung.“ 15 Es sei ein müßiges Unterfangen, Kant als prozeduralen Rousseauisten lesen zu wollen. Denn er habe „der nichtrepräsentativen Form der Volksherrschaft im Rahmen seiner Systematik den Status einer bloßen ‚Idee‘ zuge-

14 Vgl. Herb / Ludwig: „Kants kritisches Staatsrecht“, 462. Auch Georg Cavallar ist davon überzeugt, daß die im Ersten Definitivartikel erhobene Forderung nach Repräsentation nicht mit der nach Gewaltenteilung identifiziert werden darf. Dies seien zwei verschiedene organisatorische Anforderungen an eine Republik, die nach Kant zu kombinieren seien. „Gegen Rousseau und mit Sièyes“ sei Kant überzeugt gewesen, „daß die Allgemeinheit durch einzelne repräsentierbar ist“. Daraus aber folge, daß „die Träger der drei Gewalten […] Repräsentanten sein […] müssen“; vgl. Georg Cavallar: Pax Kantiana. Systematisch- historische Untersuchung des Entwurfs „Zum ewigen Frieden“ (1795) von Immanuel Kant. Wien/Köln/Weimar 1992, 151. Zwar trifft es zu, daß Kant den allgemeinen Willen auch in der Gesetzgebung für repräsentierbar erachtete, doch folgt daraus nicht, daß er dies katego- risch gefordert hätte.

15 Auch Wolfgang Kersting hält es für unbestreitbar, daß Kants Diktum, die „Demokratie im eigentlichen Verstande“ sei „notwendig ein Despotism“, „auf die unmittelbare und plebis- zitäre Demokratievariante gemünzt“ gewesen sei (vgl. Wolfgang Kersting: Wohlgeordnete Freiheit. Immanuel Kants Rechts- und Staatsphilosophie. Berlin 1984, 280, Fn. 146). „Zweifellos“ sei deswegen, daß der „parlamentarisch-demokratische Gesetzgebungsstaat die res publica noumenon am angemessensten zu Darstellung“ bringe (ebd., 306).

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wiesen“, weswegen „jede Spekulation über eine – womöglich versteckte – Forde- rung nach der direkten Demokratie gänzlich verfehlt [sei]: Das Volk als rechtliche Person ist für Kant allenfalls die Versammlung der von allen Bürgern gewählten Ver- tretern.“ 16 Doch auch in diesem insgesamt eher zurückhaltenden Text findet sich die fatale Verknüpfung der Begriffe Despotismus und plebiszitäre Demokratie: Der verfehlte Schluß, Kant hätte die direkte Volksgesetzgebung nicht als in „großen Staaten“ un- zweckmäßig, 17 sondern als schlechterdings rechtswidrig bewertet, erklärt sich dar- aus, daß eine zutreffende mit einer unzutreffenden Prämisse kombiniert wird: Es trifft zu, daß Kant die absolute Demokratie, insofern sie nicht-repräsentativ ist, als despotisch bezeichnet hat. Denn dort, wo das Volk „als Souverän zugleich die Regierung“ stelle, 18 bestehe eine despotische Verfassung. Auch ist nichts gegen die Aussage einzuwenden, Kants Verdikt über die nicht-repräsentative Kombination von „direkte[r] Gesetzgebung und Regierung“ sei auf die „attische Staatsverfas- sung“ gemünzt gewesen. 19 Alles aber spricht gegen die Lesart, nach der „Repräsentation“ und „institutio- nelle Differenz von Souverän und Volk“ dasselbe wären. 20 Zum einen läßt sich kein einziger zweifelsfreier Beleg für diese Lesart anführen. Zum anderen wäre die Ge- genthese die exegetisch naheliegende, denn Kant sagt ausdrücklich (und eigentlich auf gar nicht mißzuverstehende Weise), der Grund für den Despotismus der reinen Demokratie liege in der Art, wie sie die Exekutivgewalt (im weiteren Sinn) organi- siere („weil sie eine exekutive Gewalt gründet“). Außerdem wäre es in Hinblick auf die abzutragende Begründungslast deutlich ökonomischer, anzunehmen, daß sich Kants Despotismus-Verdikt allein gegen dasjenige gesetzgebende Volk richtet, das

16 Vgl. Bernd Ludwig: „Kommentar zu Staatsrecht (II)“. In: Immanuel Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre. Hrsg. von Otfried Höffe. Berlin 1999, 186f. Wenn die nichtrepräsentative „Volksherrschaft“ bei Kant lediglich den Status einer bloßen Idee besit- zen würde, dann könnten plebiszitäre Modi der Volksgesetzgebung, wie sie z.B. in der Ja- kobiner-Verfassung vorgesehen waren, weder durch einen Grundsatz der Politik noch auch nur durch ein Erlaubnisgesetz der Vernunft gerechtfertigt werden; sie ließen sich mit Kanti- schen Begriffsmitteln überhaupt nicht rechtfertigen. Zutreffender scheint mir die spiegel- bildliche Interpretation, „daß legislative Repräsentation nur ein Grundsatz ist, der die An- wendung der Idee der Republik auf ganz bestimmte Fälle der Erfahrung, nämlich auf große Staaten, nach schieren Zweckmäßigkeitserwägungen dient – ein Ergebnis, das auch unter dem nachkantischen Gesichtspunkte interessant ist, daß die ‚Größe‘ eines Staates hinsicht- lich möglicher Abstimmungsprozeduren in Relation zur Entwicklung der Kommunikations- techniken steht. Hält jedoch die herrschende Literatur ganz allgemein den Grundsatz legis- lativer Repräsentation selbst für das eigentliche Rechtsprinzip von Kants Republikanismus, so hat Kant jedenfalls ihn als einen der bloß pragmatischen Anwendung der Idee auf spezi- fische Empirie definiert“ (Ingeborg Maus: Zur Aufklärung der Demokratietheorie. Rechts- und demokratietheoretische Überlegungen im Anschluß an Kant. Frankfurt a. M. 1992,

198).

17 Vgl. Thiele: Repräsentation, 91ff.

18 Vgl. Ludwig: „Kommentar“, 181.

19 Vgl. ebd., 182 (Hervorhebung U.T.).

20 Ebd. (Hervorhebung U.T.).

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zugleich als höchster Regent und Richter tätig wäre. 21 Nach dieser ungewöhnlichen, aber bezüglich der Beweislasten deutlich ‚kostengünstigeren‘ Interpretation ließe sich auch eine Verfassung als republikanisch werten, die plebiszitäre Gesetzgebung mit einer „institutionelle[n] Differenz“ von Volk und Regierung bzw. Rechtspre- chung kombinierte. Umgekehrt wäre eine Verfassung allemal dann als despotisch zu bezeichnen, wenn sie zwar repräsentative Volksgesetzgebung vorschriebe, aber die Ausübung der exekutiven und der judikativen Gewalt in die Hände derselben Volks- vertreter legte. Ob die demokratische Gesetzgebung repräsentativ oder nichtreprä- sentativ erfolgt, besagt aus dieser Perspektive nicht das Geringste darüber, ob die betreffende Staatsverfassung republikanisch oder despotisch zu nennen wäre.

2. Die „Beistimmung der Staatsbürger“ als Idee oder Faktum

Nun hat aber die republikanische Verfassung, außer der Lauterkeit ihres Ursprungs, aus dem reinen Quell des Rechtsbegriffs entsprungen zu sein, noch die Aussicht in die gewünschte Folge, nämlich den ewigen Frieden; wovon der Grund dieser ist. – Wenn (wie es in dieser Verfassung nicht anders sein kann) die Beistimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, um zu beschlies- sen ‚ob Kriegs sein solle, oder nicht‘, so ist nichts natürlicher, als daß, da sie alle Drangsale des Krieges über sich beschließen müßten […], sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen. 22

Nur selten wird die Formel von der „Beistimmung der Staatsbürger“ buchstäblich genommen und vermittels textnaher Interpretation in Hinblick auf ihre prozedura- len und organisatorischen Implikationen des Republikbegriffs entfaltet. Wie Czem- piel betont, müßte die „Beistimmung“ allemal seitens des demokratischen Gesetz- gebers erfolgen, während es dem Regenten versagt wäre, jenen Gemeinwillen zu ‚ermitteln‘ und entsprechend zu entscheiden. Diese Deutung kommt, weil sie Sou- veränitätsteilungsmodelle im Gefolge Montesquieus kategorisch abweist, dem Kan- tischen Text zweifellos näher als die oben diskutierten Interpretationen. Doch bleibt auch hier ein Problem ungelöst: Zwar wird der Zusammenhang, den Kant zwischen den Verfassungen (im organisatorischen Sinn) und ihrer pazifistisch oder bellizi- stisch geprägten Außenpolitik herstellt, keineswegs umstandslos auf die existieren- den liberaldemokratischen Staaten des Westens bezogen. 23 Andernfalls nämlich

21 Dies würde auch erklären, wieso Kant im Zusammenhang mit dem Despotismus-Begriff mehrmals die attische Verfassung erwähnt: In der athenischen Demokratie „erstreckte sich nämlich die politische Tätigkeit nicht lediglich auf den Besuch der Volksversammlung, son- dern auf alle öffentlichen Funktionen, und es waren folglich der Idee nach alle Athener, fak- tisch möglichst viele von ihnen Souverän, Regierung, Amtsträger und Gerichtsherr zu- gleich“ (Bleicken, Demokratie, 306).

22 Vgl. ZeF, AA 08: 351.

23 So aber insbesondere Michael W. Doyle: „Die Stimme der Völker. Politische Denker über die internationalen Auswirkungen der Demokratie“. In: Zum ewigen Frieden. Hrsg. von O. Höffe, 221ff., bes. 230f., aber auch Volker Gerhardt: Immanuel Kants Entwurf „Zum ewigen Frieden“: eine Theorie der Politik. Darmstadt 1995, 89, vgl. weitere Nachweise in:

Volker Marcus Hackel: Kants Friedensschrift und das Völkerrecht. Berlin 2000, 60, Fn. 200.

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ließe sich entweder die Tatsache, daß westliche Staaten in erheblichem Ausmaß Kriege gegen nicht-demokratische Staaten führen, 24 nicht erklären oder das Kanti- sche Theorem wäre falsifiziert: Wenn – so der Befund – „Demokratien nicht durch- weg gewaltabgeneigt sind, stimmt entweder die Hypothese nicht, oder die Demo- kratien sind (noch) keine Demokratien.“ 25 Weil sich Czempiel für die letzte Option entscheidet, wird es möglich, das Kanti- sche Theorem als Kritikmaßstab fruchtbar zu machen, der die mehr oder weniger große Distanz der heutigen Liberaldemokratien zur republikanischen Idealverfas- sung festzustellen erlaubt. So läßt sich beispielsweise zeigen, daß die Verfassung der Vereinigten Staaten zentrale Kriterien, an denen die Friedensschrift den Republik- begriff festmacht, nicht erfüllen. Besonders die aus der Mitgesetzgeberschaft der Re- gierung resultierende Souveränitätsteilung verhindere, daß die Kriegsentscheidung den Repräsentanten des Volkes vorbehalten bleibe. Auch stellt Czempiel den ganzen Text des ersten Definitivartikels in Rechnung, wodurch der ganze Bestimmungs- reichtum des Kantischen Republikanismuskriteriums durchsichtig wird. Das Theo- rem vom friedlichen Charakter der republikanischen Außenpolitik impliziert näm- lich außerdem eine „gleiche Lastenverteilung unter den Bürgern. Nur wer direkt betroffen ist, wendet sich gegen Gewalt und Krieg. Wer gezwungen ist ‚selbst zu fechten‘, die Kosten des Krieges aus ‚eigener Habe herauszugeben‘, […] die Kriegs- schulden ‚selbst zu übernehmen‘ – der ist gegen den Krieg. […] Damit [der Gewalt- verzicht] wirken kann, dürfen Entscheidungskompetenz und Belastung durch den Krieg nicht entkoppelt werden“ 26 . Was dieses Symmetrieprinzip zunächst ausschließe, sei eine einseitige steuerliche Belastung unterer Einkommen. Weiterhin verbiete das normative Prinzip der Nicht- Repräsentation auch eine Berufsarmee, denn dies hieße nichts anderes, als daß die- jenigen sozialen Schichten, die über den Kriegsfall entschieden, andere für sich fech- ten ließen. 27 Wo, wie insbesondere in den USA, beide Asymmetrien vorlägen, inso- fern die politisch „nichtaktiven Teile einer Gesellschaft mit dem Militärdienst und den wirtschaftlichen Folgen einer Kriegs- und Gewaltpolitik vornehmlich belastet, während die […] reichen Stimmbürger davor bewahrt werden“, sei „Kants Theorem außer Kraft gesetzt“. 28 Wenn also die heutigen Liberaldemokratien de facto nicht weniger Kriege führen als despotische Staaten, so spreche dies nicht gegen Kants These vom genuin pazifistischen Charakter republikanischer Außenpolitik, sondern verweise vielmehr auf den „nicht ausreichenden Grad [ihrer] Demokratisierung“ 29 .

24 Ernst-Otto Czempiel: „Kants Theorem und die zeitgenössische Theorie der internationalen Beziehungen“. In: Lutz-Bachmann / Bohman: Frieden durch Recht, 300–323, 320.

25 Ebd., 304.

26 Vgl. ebd., 312f. Auch in vordemokratischen Staaten gilt für den Sonderfall des Kriegsein- tritts die Verfahrensregel, daß nur diejenigen Personen, die durch den Krieg belastet werden, über ihn zu entscheiden haben; vgl. Kant: Vorarbeiten zu „Zum ewigen Frieden“, AA 23:

159; vgl. dazu Hackel: Kants Friedensschrift, 60.

27 Vgl. Czempiel: Kants Theorem, 313.

28 Vgl. ebd., 314.

29 Vgl. ebd., 321.

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Dennoch folgt auch diese prononcierte Deutung in einem Punkt der Mehrheitsauf- fassung: Eine Lesart, die die „Beistimmung der Staatsbürger“ wörtlich im Sinne eines nicht-repräsentativen Entscheidungsverfahrens verstünde, wird gar nicht erst in Er- wägung gezogen. Sie wäre nämlich mit dem vermeintlichen Antirousseauismus Kants unvereinbar. 30 Obwohl einerseits die erheblichen organisatorischen und prozedura- len Mängel der heutigen Liberaldemokratien im Vergleich mit der Kantischen Repu- blik aufgezeigt werden, 31 verknüpft die Exegese doch andererseits Despotismus und Plebiszitarismus, wodurch eine, die Gegenwart aufwertende Rückprojektion des mo- dernen Parlamentarismus auf Kant möglich wird: „Daß Kant die Demokratie als des- potisch einschätzt und ihr die Republik gegenüberstellt, hat mit dem Sprachgebrauch seiner Zeit und mit Kants Abneigung gegen Rousseaus Gesellschaftstheorie zu tun. Mit der ‚Beistimmung‘ der Staatsbürger in seinem Zentrum entspricht der Kantische Republikbegriff dem heutigen liberal-demokratischen Demokratieverständnis.“ 32 Georg Cavallar kommt in seiner Erörterung der Formel von der „Beistimmung der Staatsbürger“, die in einer „republikanischen Verfassung“ verlangt werde, zu dem Ergebnis, daß es bei Kant letztlich ungeklärt bleibt, „wie er sich diese Parti- zipation der Untertanen vorstellt“. Als gesichert könne aber immerhin eines gelten:

„Kant denkt nicht an eine direkte Demokratie“ 33 . Erstaunlich ist nicht Cavallars Be- kenntnis zu dieser geradezu kanonisierten Lehrmeinung, sondern die Begründung, die er anführt: Er schließt von Aussagen, die die monarchische Staatsform betreffen, auf Kants Position in Hinblick auf die demokratische Gesetzgebungsmodalität. Es werden nämlich gleich zwei Stellen genannt, an denen Kant absolute von konstitu- tionellen Monarchien dadurch unterscheidet, daß in den letzteren der Monarch „zuförderst bey dem Volk öffentliche Anfrage thun muß, ob es einwillige, daß Krieg sey, und wenn dieses sagt, es soll nicht Krieg seyn, alsdann auch kein Krieg ist“ 34 . Auch im zweiten von Cavallar angeführten Passus, der immerhin aus der 1798 ent-

30 Zur Frage, wie sich die Legende von der antagonistischen Beziehung zwischen Kant und Rousseau theoriegeschichtlich erklären mag, läßt sich an dieser Stelle nur soviel sagen: Zwar ist Carl Schmitt nicht der Einzige, der die politische Philosophie Rousseaus und Kants als un- vereinbar ansah – siehe z.B. Jellineks Behauptung, in Rousseaus Modell des Gesellschafts- vertrages behalte das „Individuum […] kein Atom Recht für sich, sobald es in den Staat ein- tritt“ (Georg Jellinek: Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Ein Beitrag zur modernen Verfassungsgeschichte. 2. Aufl. Leipzig 1904, 5) –, doch ist es ihm, wie sonst nie- mand gelungen, diesen vermeintlichen Theoriendualismus so überzeugend zu inszenieren, daß er bis heute zu den ewigen Wahrheiten der politischen Theoriegeschichte gerechnet wird.

31 So wird nicht nur festgestellt, daß die amerikanische Präsidialdemokratie mit Kantischen Vorgaben unvereinbar ist, sondern es wird ebenso angedeutet, daß das moderne parlamenta- rische Regierungssystem keine strenge Gewaltenteilung kennt. Diese Abweichung vom Kan- tischen Rechtsstaatsmodell könne allein noch durch die Konkurrenz zwischen Regierungs- und Oppositionsfraktion kompensiert werden; vgl. Czempiel: „Kants Theorem“, 308.

32 Vgl. ebd. 301.

33 Vgl. auch Hoeres: Kants Friedensidee, 89: „Die von Kant geforderte ‚Beistimmung‘ ist of- fensichtlich repräsentativ zu verstehen, dies legt die skizzierte Ablehnung einer Identitätsde- mokratie nahe.“

34 Kant, Reflexion 8077, AA 19: 606.

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standenen Schrift zum Streit der Fakultäten stammt, ist davon die Rede, in einer re- publikanisch regierten Monarchie sei „vorher das Volk [zu] befragen“, so daß Krieg und Frieden davon abhänge, was das Volk auf die ihm vorgelegte Frage „sagt“. Wieso es evidentermaßen ganz und gar auszuschließen sei, die dem Volk vorzu- behaltende Beantwortung der gestellten Frage, „ob Krieg sein solle oder nicht“, als physische Willensbekundung aufzufassen, bleibt Cavallars Geheimnis. Die Abwei- sung einer plebiszitären Verfahrenslösung wird lediglich mit dem bekannten Passus aus dem Paragraphen 55 der Rechtslehre von 1797 begründet. 35 Doch genauer be- sehen zeigt sich, daß sich auch dieses Plädoyer zugunsten der Repräsentation auf die konstitutionelle Monarchie und nicht die Demokratie bezieht. Die Behauptung, daß eine „republikanische Verfassung“, die laut der Friedensschrift Kriege aus partizi- patorischen Gründen unwahrscheinlicher machen würde, direktdemokratische Ent- scheidungsverfahren von vornherein ausschlösse, läßt sich offenbar nicht einmal an der Rechtslehre zureichend belegen. Wolfgang Kersting entfernt sich noch weiter vom Wortlaut der Friedensschrift als Czempiel und Cavallar. Denn er übersetzt „Beistimmung“ nicht nur mit „Ein- verstandensein“, sondern mit „mehr oder minder begründeter Zuschreibung von Einverstandensein“ seitens des faktischen Herrschaftsinhabers. Aber auch dies wäre noch erlaubt, wenn bei Kant, was nicht der Fall ist, von einer „republikanischen Re- gierungsart“ die Rede wäre. Man könnte dann, unter Bezug auf das Kantische „Er- laubnisgesetz“ 36 , „Beistimmung“ im Sinne eines vom Herrschaftsinhaber unterstell- ten bzw. angemuteten Konsenses der Untertanen verstehen. Überzeugen könnte Kerstings Interpretation nur, wenn man die „republikanische Verfassung“, von der in der bewußten Passage der Friedensschrift die Rede ist, mit „republikanischer Politik“ gleichsetzen könnte. Dies setzt Kersting voraus. 37 Unab- hängig von der Staatsform regiere derjenige „Herrschaftsinhaber“ republikanisch,

35 Vgl. Cavallar: Pax Kantiana, 143.

36 Zum Begriff des Erlaubnisgesetzes vgl. z.B. Reinhard Brandt: „Das Problem der Erlaubnis- gesetze im Spätwerk Kants“. In: Zum ewigen Frieden. Hrsg. von O. Höffe, 69–86, ders.:

„Das Erlaubnisgesetz, oder: Vernunft und Geschichte in Kants Rechtslehre“. In: Rechtsphi- losophie der Aufklärung. Hrsg. von Reinard Brandt. Berlin 1982, 233–285, Thiele: Reprä- sentation, 85ff.

37 Die „sich in der republikanischen Verfassung ausdifferenzierende Rechtsvernunft macht sich von der herrschaftsorganisatorischen Voraussetzung der Demokratie unabhängig und kann im Rahmen jeder bestehenden Staatsform Wirksamkeit entfalten“ (Kersting: „Verfas- sung“, 98). Zwar es ist sicher zutreffend, daß sich bei Kant zusätzlich zur dominanten Ver- wendung des Begriffes im Sinne eines Herrschaftsausübungsstils noch eine zweite, margi- nale Verwendung des Terminus „Regierungsart“ findet, die die Gesamtverfassung als eine organisatorische Kombination einer Staatsform und einer Regierungsform meint; vgl. dazu Thiele: Repräsentation, 76ff. Auch kann sich Kersting auf eine Fußnote im ersten Definitiv- artikel berufen, in der es heißt: „Regierungsart, d. i. Staatsverfassung“ (ZeF, AA 08: 353). Doch im Haupttext wird ebenso wie in den Vorarbeiten durchgängig zwischen „Verfas- sung“ und „Regierungsart“ unterscheiden; vgl. z.B. Kant: Vorarbeiten zu „Zum ewigen Frieden“, AA 23: 188: „Ein Staat kan sich auch schon republikanisch regieren wenn er gleich noch, der vorliegenden Constitution nach, despotische Herrschermacht besitzt“.

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der das „Prinzip der möglichen Mitgesetzgeberschaft aller Bürger“ beachte. Die re- publikanische Verfassung im Sinne der „republikanische[n] Regierungsart [sei näm- lich] ein Programm zur Legitimitätsbeschaffung“. Im Unterschied zu einer demo- kratischen Verfassung im „herrschaftsorganisatorischen“ Sinn verstehe Kant unter einer republikanischen Verfassung einen „moralische[n] Konstitutionalismus“, der sich in einem rechtsstaatlichen Herrschaftsausübungsstil ausdrücke, der „im Rah- men jeder Staatsform Wirksamkeit entfalten“ könne: 38 „Er verlangt vom Inhaber der Herrschaftsgewalt, die republikanische Verfassung zum kategorischen Impera- tiv für seine Regierungsmaximen zu machen und seine ihm geschichtlich zugewach- sene Machtfülle allein darauf zu konzentrieren, den freiheitsgesetzlichen Prinzipien Wirksamkeit zu verschaffen, den Rechtsstaat in seiner Zeit und unter den gegebenen Bedingungen zur Darstellung zu bringen.“ 39 Die bekannte Passage aus der Rechts- lehre, in der es heißt, es könne „nur der übereinstimmende und vereinigte Wille Aller, so fern ein jeder über Alle und Alle über einen jeden ebendasselbe beschließen, mithin nur der allgemein vereinigte Volkswille gesetzgebend sein“ 40 oder die For- mel von der „Beistimmung der Staatsbürger“ dürften demnach auf gar keinen Fall als Prozeduralnormen verstanden werden; denn damit wäre man auf eine bestimmte Staatsform festgelegt, insofern nur in dieser maximale demokratische Verfahrens- legitimität erzielbar wäre: „Für Kant ist die gesetzgeberische Gerechtigkeit verbür- gende plebiszitär-demokratische Genese eines Gesetzes durch ein Gedankenexperi- ment ersetzbar und entsprechend der vernunftrechtliche und in der Idee existierende Souverän durch einen beliebigen empirischen Gewalthaber repräsentierbar.“ 41 Doch so zutreffend Kerstings Deutung bezüglich der Passagen sein mag, in denen Kants ein Erlaubnisgesetz der Vernunft postuliert, vermittels dessen es gestattet sein könne, einen vernunftwidrigen politischen Zustand bedingt fortbestehen zu lassen, sowenig kann sie in Bezug auf die Friedensschrift überzeugen. Denn wortwörtlich spricht Kant im ersten Definitivartikel, auf den sich Kerstings Kommentar bezieht, von einer „republikanischen Verfassung“, deren „Aussicht in die gewünschte Folge, nämlich den ewigen Frieden“ sich darauf gründe, daß in der folgenreichen Entschei- dung über den Kriegseintritt die ausdrückliche „Beistimmung der Staatsbürger“ [nicht: der „Untertanen“] erforderlich sei, damit der entsprechende Beschluß recht- mäßig wäre. Es wird demnach eine Aussage nicht hinsichtlich des Regierungsstils, sondern hinsichtlich der staatlichen Organisationsform gemacht. 42 Die Rede ist von

38 Kersting: „Verfassung“, 98.

39 Vgl. Kersting: Wohlgeordnete Freiheit, 289.

40 MS, RL, § 46, AA 06: 313f.

41 Vgl. Kersting: „Verfassung“, 102.

42 Zu dieser problematischen Identifikation von „republikanischer Verfassung“ und „republi- kanischer Regierungart“ neigt auch Jan C. Joerden: Kant verstehe den „Begriff der Republik offenbar so […], daß er nicht notwendigerweise mit der Staatsform der Demokratie zusam- menfällt […]. Auch eine Monarchie beispielsweise kann sich – zumindest grundsätzlich – als Rechtsstaat verwirklichen“ (Jan C. Joerden: „Überlegungen zum Begriff des Unrechtsstaats. Zugleich eine Annäherung an eine Passage zur Staatstypologie in Kants Anthropologie“. In:

Jahrbuch für Recht und Ethik 3, 1995, 253–265, 258).

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einer republikanischen Verfassung, d.h. der Kombination einer demokratischen Staatsform und einer repräsentativen Regierungsform, wobei sich der pazifistische Effekt sich aus einem speziellen Entscheidungsverfahren in der Frage nach Krieg oder Frieden ergeben soll. Die Qualität einer republikanischen Verfassung (nicht:

Regierungsart) kommt demnach einer Demokratie nur unter einer Zusatzbedingung zu: dem Beschluß über den Kriegseintritt muß eine Abstimmung der Bürger vorher- gehen. Ob dieser „Beschluß“ über den Kriegseintritt, der die formelle „Beistim- mung“ der Staatsbürger voraussetzt, von Repräsentanten des Volks, z.B. dem Par- lament, oder aber von diesem selbst zu fällen wäre, läßt sich nicht eindeutig dem Text entnehmen; wohl aber, daß eine vom Beschluß verschiedene, diesem zeitlich vorhergehende Beistimmung seitens des Volkes (und nicht seiner Repräsentanten) zu erfolgen habe. Denn immerhin soll die Beistimmung derer eingeholt werden, die selbst zu „fechten“ hätten. Wenn man allerdings Kants Aussage über die notwendig despotische Demokratie im Sinne einer ausschließlichen Erlaubnis der Repräsenta- tivdemokratie versteht, ist dieser exegetische Königsweg von vornherein versperrt. In Kerstings Perspektive verflüchtigt sich das ‚harte‘ Republikanismuskriterium, das in der Kriegsfrage ein besonderes, gesteigert demokratisches Entscheidungsver- fahren gebietet, zu einem bloßen „Gedankenexperiment“, das jeder beliebige Sou- verän anstellen kann und das seiner z.B. autokratischen Option nachträglich pseu- dodemokratische Legitimität verleihen würde. Die „Beistimmung der Staatsbürger“ fungiert in dieser Lesart wie ein legitimatorischer Joker, da der hypothetische Kon- sens den Beherrschten nach Bedarf zugeschrieben werden kann. Von den kriegeri- schen „Lustpartien“ des Absolutismus unterschiede sich eine so verstandene repu- blikanische Verfassung lediglich dadurch, daß der Souverän seine Entscheidung über den Kriegsfall zwar im Namen, d.h. im Rekurs auf den hypothetischen Willen der Staatsbürger, aber nach wie vor anstelle ihrer träfe. Die „Beistimmung“ würde von den Repräsentanten der Bürger diesen ‚angesonnen‘, während der Text der Frie- densschrift (im Unterschied zur Rechtslehre 43 ) deutlich genug einen empirischen Willensentscheid seitens der Repräsentierten verlangt. Während Czempiel den be- wußten Passus in der Friedensschrift aus der Perspektive der Rechtslehre interpre- tiert und so allein den vollsouveränen parlamentarischen Gesetzgeber als legitimen Stellvertreter des Volkes wertet, wäre Kerstings Deutung des Republikbegriffs mit der amerikanischen Verfassung vereinbar, die auf der Basis eines Souveränitätstei- lungsmodells dem Präsidenten ein eigenständiges und im Vergleich mit dem Parla- ment auch vorrangiges ius ad bellum zuerkennt. Die Interpretationen Czempiels und Kerstings stellen innerhalb des Spektrums der Deutungen, die Kants Despotismus-Satz einen staatsformbezogenen Sinn geben und ihn als Verbot der direkten Volksgesetzgebung lesen, die beiden Extreme dar:

43 Vgl. MS, RL § 55, AA 06: 345f.: Insofern jeder faktische Herrschaftsinhaber die Souverä- nität, die ursprünglich allein dem Volk zusteht, lediglich stellvertretend ausüben kann, sei er verpflichtet, seine Untertanen „zugleich als Zweck an sich selbst“ zu behandeln. Hinsicht- lich der Frage nach Krieg oder Frieden bedeute dies, daß der „Bürger „zu jeder besondern Kriegserklärung vermittelst seiner Repräsentanten seine freie Beistimmung geben“ müsse.

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Dies zeigt sich besonders deutlich an den Lesarten der Formel von der „Beistimung der Staatsbürger“, die für die Entscheidung zum Krieg erforderlich sei: auf der einen Seite wird die Forderung nach „Beistimmung“ eher im Sinne eines hypothetischen Konsenses als eines ideellen Legitimationsprinzips und auf der anderen eher als rea- les Entscheidungsverfahren verstanden. Während Kersting dazu neigt, den legitimatorischen Rekurs auch eines autokra- tischen Herrschers auf den möglichen Konsens der Entscheidungsunterworfenen als vollwertigen Ersatz für demokratische Entscheidungsmodi zu werten, ist diese Lö- sung für Czempiel ausgeschlossen: Die vollsouveräne Entscheidung des parlamen- tarischen Gesetzgebers, die von verzerrenden Einflüssen seitens der Regierung, der Medien und der ökonomischen Interessensgruppen weitestgehend freigehalten wer- den müsse, sei das einzig legitime Mittel zur Repräsentation des (vernünftigen) Wil- lens der Staatsbürger. Weder die organisatorische Verfassung als solche noch die (republikanische) Regierungsart sei bei Kant die „eigentliche Friedensursache“, sondern allein die „demokratische Mitbestimmung“. Diese Bedingung aber sei in den meisten „westlichen Demokratien“ nicht eingelöst: „Die, die die Last des Krie- ges zu tragen haben, werden an der Entscheidung nicht beteiligt, und die, die sie treffen, haben unter deren Folgen nicht zu leiden.“ 44 Obwohl auch Czempiel eine rousseauistische Lesart des Kantischen Theorems ablehnt, so kommt er dennoch zur Postulierung von Verfahrensbedingungen, die über die parlamentarische Praxen der Gegenwart hinausgehen müßten.

3. Eine Rousseauistische Interpretationsalternative

In keiner der genannten Interpretationen aber wird bedacht, daß Kant in dem Sinne Rousseauist gewesen sein könnte, 45 daß er für die Gesetzgebung je nach ihrer Materie unterschiedliche Grade der Annäherung der tatsächlich gewählten Prozedu- ren an das identitärdemokratische Vernunftideal gefordert hätte. 46 So heißt es bei

44 Vgl. Czempiel: „Kants Theorem“, 304.

45 Wie sehr Kant bis in die Feinheiten der Terminologie hinein an Rousseau orientiert war, ist beispielsweise an folgendem Passus augenfällig: „Freylich ist das Wollen aller einzelnen Menschen in einer gesetzlichen Verfassung nach Freyheitsprincipien zu leben (die distribu- tive Einheit des Willens Aller) zu diesem Zweck nicht hinreichend sondern daß alle zusam- men diesen Zustand wollen (die collective Einheit des vereinigten Willens)“ (Kant: Vor- arbeiten zu „Zum ewigen Frieden“, AA 23: 185).

46 Eine der Passagen, in denen Rousseau ein kontinuierliches Modell abgestufter Mehrheiten erörtert, lautet: „Was das Zahlenverhältnis bei den Abstimmungen anbelangt, wodurch die- ser [Gemeinwille] zum Ausdruck kommt, so habe ich die Grundsätze schon angegeben, nach denen es bestimmt werden kann. Der Unterschied einer einzigen Stimme zerstört die Stim- mengleichheit, eine einzige Gegenstimme die Einstimmigkeit; aber zwischen Einstimmigkeit und Stimmengleichheit gibt es mehrere ungleichgewichtige Möglichkeiten, für die man das Zahlenverhältnis je nach dem Zustand und den Bedürfnissen der politischen Körperschaft festlegen kann“ (Jean-Jacques Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts, IV, 7. Übersetzt und hrsg. von Hans Brockard. Stuttgart 1977, 117); im Origi-

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Rousseau, da es „in bezug auf einen einzelnen Gegenstand keinen Gemeinwillen“ geben könne, müsse die „Gesamtheit des Willens“ mit der des „Gegenstandes […] vereint“ werden: „Dann ist die Sache, über die man bestimmt, so allgemein wie der Wille, der bestimmt.“ 47 Ganz wie Rousseau verwendet Kant einen aufgeklärten Begriff der Repräsenta- tion, der zum einen sehr pragmatisch ‚Stellvertretung‘ bedeutet: Dem Repräsen- tierenden kommt im Vergleich mit dem Repräsentierten keine wie immer geartete höhere Wertigkeit zu. Zum anderen besitzt der Begriff ‚Repräsentation‘ neben einer qualitativen auch eine quantitative Bedeutungsdimension: Auch die Mehrheitsregel wird demnach als Stellvertretung verstanden. Berücksichtigt man diese Differenzie- rung, dann macht die folgende These guten Sinn: Kant fordert weder kategorisch identitäre noch kategorisch repräsentative Legislationsverfahren; weder verlangt er kategorisch einfache Mehrheiten noch einstimmige Abstimmungsergebnisse. Viel- mehr bilden Repräsentation und einfache Mehrheit das eine idealferne, aber nicht idealwidrige Extrem auf einer Skala möglicher Gesetzgebungsverfahren, die alle- samt mit dem Autonomieprinzip vereinbar sind, während personale Identität und Einstimmigkeit das andere Extrem, das Vernunftideal, markieren. Ich möchte sogar die Behauptung wagen: Kant hat je nach der freiheitsrechtlichen Relevanz der Gesetzgebungsmaterie für das jeweils angemessene Willensbildungs- verfahren unterschiedliche Grade der Annäherung an das Autonomieideal vor Au- gen gehabt. Zweifellos zählt die Entscheidung über den Kriegseintritt zu den Mate-

nal: „À l’égard du nombre proportionnel des suffrages pour déclarer cette volonté, j’ai aussi donné les principes sur lesquels on peut le déterminer. La différence d’une seule voix rompt l’égalité, un seul opposant rompt l’unanimité; mais entre l’unanimité et l’égalité il y a plu- sieurs partages inégaux, à chacun desquels on peut fixer ce nombre selon l’état et les besoins du corps politique“ (Ders.: Du Contrat social, IV, 7. Hrsg. von Pierre Burgelin. Ed. Garnier- Flammarion. Paris 1992, 137f.). Rousseau nennt als Regel, „daß sich die Meinung, die sich durchsetzt, um so mehr der Einstimmigkeit nähern soll, je bedeutsamer und schwerwiegen- der die Entscheidungen sind“ (Ders.: Gesellschaftsvertrag, IV, 7, 117); im Original lautet der gesamte Passus: „Deux maximes générales peuvent servir à régler ces rapports: l’une, que plus les délibérations sont importantes et graves, plus l’avis qui l’emporte doit appro- cher l’unanimité: l’autre, que plus l’affaire agitée exige de célérité, plus on doit resserrer la différence prescrite dans le partage des avis; dans les délibérations qu’il faut terminer sur- le-champ, l’excédent d’une seule voit doit suffire. La première de ces maximes paraît plus convenable aux lois, et la seconde aux affaires. Quoi qu’il en soit, c’est sur leur combination que s’établissent les meilleurs rapports qu’un peut donner à la pluralité pour prononcer“ (Ders.: Contrat social, IV, 7, 138). 47 Vgl. Rousseau: Gesellschaftsvertrag, II, 6, 40f.; im Original: „Alors la matière sur laquelle on statue est générale comme la volonté qui statue“ (Ders.: Contrat social, II, 6, 62). Ent- sprechend heißt es in der Urfassung des Contrat social: „Da die Sache, über welche etwas verordnet wird, sich notwendig auf das Gemeinwohl bezieht, so folgt daraus, daß der Ge- genstand des Gesetzes ebenso allgemein sein muß, wie der Wille welcher es beschließt. Diese doppelte Gesamtheit (universalité) macht den wahren Charakter des Gesetzes aus“ (Zit. in:

Iring Fetscher: Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen Frei- heitsbegriffs. Frankfurt a. M. 1975, 135; vgl. Hauke Brunkhorst: Demokratie und Diffe- renz. Frankfurt a. M. 1994, 267).

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rien, für die die Repräsentation entweder nur sehr eingeschränkt oder überhaupt nicht zulässig sein soll. Diese Kompetenz ist nach Kant weder dem despotisch noch dem republikanisch regierenden Monarchen zuzugestehen; und selbst ein demokra- tisch legitimierter repräsentativer Gesetzgeber, der bei „einem großen Volke“ zweck- mäßig sein mag, 48 wäre in dieser existenziellen Frage bestimmten Einschränkungen unterworfen. Die Entscheidung über Krieg oder Frieden zählt, so die Friedensschrift, zu den Abstimmungsmaterien, die die größten Risiken für das Leben und die Freiheits- rechte der Individuen, die verfassungsmäßige Organisation der öffentlichen Ge- walt(en) und die staatliche Souveränität beinhalten. 49 Weil demnach die Option für Krieg oder Frieden in die normative Dimension des Gesellschaftsvertrages eingreift, kommen nach Kant von vornherein nur solche Entscheidungsverfahren in Frage, die gewährleisten, daß die Stimme jedes einzelnen Bürgers gezählt wird. 50 Zwar sagt er nichts über qualifizierte Mehrheiten, doch es wird klargestellt, daß bei dieser spe- ziellen Entscheidungsmaterie nur solche Verfahren legitime Ergebnisse erbringen können, die sicherstellen, daß das Votum buchstäblich jedes potenziell Betroffenen in das Entscheidungsresultat miteingeht. 51 Hätte die Friedensschrift (wie die spätere Rechtslehre) einen parlamentarischen Modus der „Beistimmung der Staatsbürger“ gefordert oder auch nur empfohlen (was nicht der Fall ist), so wäre doch bezüglich dieser speziellen Abstimmungsmaterie das freie Mandat ausgeschlossen gewesen. Denn wie immer sich Kant ein optimale Entscheidungsverfahren gedacht haben mag, in der Frage des Krieges müßte es seiner Wirkung nach als vollwertiges Äqui- valent eines echten Plebiszites gelten können. Das in diesem Extremfall allein zuläs-

48 TP, AA 08: 296; vgl. dazu Maus: Demokratietheorie, 197.

49 Von den Lasten des Kriegs heißt es in den Reflexionen zur Rechtslehre: „So große auf unabsehbare Zeit drückende (in der Folge vielleicht den ganzen Staat umstürzende) und selbst die Moralität des Volks direct untergrabende, daß an Fortschreiten des Menschenge- schlechts zum Besseren in einem großen Theil desselben gar nicht zu denken ist und, ob- gleich der Flor (und Anwachs) der Künste den Verfall noch eine ziemliche Zeit hinhalten kann gleichwohl der (nur um desto gefährlichere) Einsturz (früh oder spät) mit Gewißheit voraus zu sehen ist“ (Kant, Reflexion 8077, AA, 19: 606). In derselben Reflexion wertet Kant den Krieg als das „größte Übel, was dem Menschengeschlecht begegnen kann“ (ebd., 611); dazu Ingeborg Maus: „Staatssouveränität als Volkssouveränität. Überlegungen zum Friedensprojekt Immanuel Kants“. In: Kulturwissenschaftliches Institut am Wissenschafts- zentrum Nordrhein-Westfalen, Jahrbuch 1996. Hrsg von Wilfried Loth. Essen 1997, 169f.

50 Vgl. Otfried Höffe: ‚Königliche Völker‘. Zu Kants kosmopolitischer Rechts- und Friedens- theorie. Frankfurt a. M. 2001, 212, 211: „So wesentliche Entscheidungen einer Regierung wie die zum Krieg bedürfen der tatsächlichen Zustimmung der Staatsbürger, womit schon bei Kant die Demokratie einen partizipatorischen Charakter im emphatischen Sinn erhält. […] Es kommt auf die Zustimmung jedes einzelnen Betroffenen und nicht – nur – die aller Betroffenen zusammen an“. Allerdings erklärt Höffe nicht, was die geforderte „Zustim- mung jedes einzelnen Betroffenen“ in concreto impliziert. Vgl. dazu auch Reinhard Brandt:

„Freiheit, Gleichheit, Selbständigkeit bei Kant“. In: Die Ideen von 1789 in der deutschen Rezeption. Hrsg. von Siegfried Blasche, Wolfgang R. Köhler, Wolfgang Kuhlmann und Peter Rohs. Frankfurt a. M. 1989, 90–127, 116ff.

51 Vgl. Maus: „Staatssouveränität“, 181.

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sige Verfahren muß maximalen demokratischen Legitimitätsansprüchen genügen. Selbst 1796, als Kant aus pragmatischen Erwägungen für eine repräsentative Lö- sung plädiert, 52 will er sichergestellt wissen, daß es der empirische Wille der „Staats- bürger“ und nicht der ihrer Stellvertreter ist, der in der Entscheidung der Frage, „ob Krieg sein solle, oder nicht“, zur Geltung kommt.

Fazit

Alle hier diskutierten Deutungen der Friedensschrift beziehen das Despotismus- Theorem nicht, wie es Kants Systematik der staatsrechtlichen Grundbegriffe ent- sprochen hätte, auf die Gesamtverfassung als eine je besondere Kombination einer Staatsform und einer Regierungsform (die nicht mit der Regierungsart verwechselt werden sollte). 53 Dementsprechend wird verkannt, daß die Gewaltenteilung das Kriterium ist, das die despotische von der republikanischen Verfassung scheidet. 54 Weil man den zentralen Aspekt der Gewaltenteilung übersieht, wird auch die auf die Demokratie bezogene Spezifikation des Despotismus-Theorems staatsformbezogen gedeutet und als kategorisches Verbot von Volksgesetzgebungsverfahren mißver- standen. Nur zum geringen Teil läßt sich dieses Mißverständnis aus der schon von Schlegel monierten sprachlichen Unachtsamkeit Kants („Unter den drei Staatsfor- men“ 55 ) erklären; denn schon im anschließenden kausalen Nebensatz wird der mög- lichen Fehldeutung vorgebeugt („weil sie eine exekutive Gewalt gründet“). Wer dagegen die Repräsentationsforderung auf die gesetzgebende Gewalt bezieht, kann die heutigen westlichen Demokratien und nicht zuletzt die extrem repräsen- tative bundesdeutsche Verfassung als Kantische Republiken einstufen, deren Insti- tutionen den Rechtszweck der Freiheit mit dem des Frieden in sich vereinigten. Politische Forderungen nach einer plebiszitären Ergänzung der repräsentativen De- mokratie ließen sich dann als definitiv kantwidrig und tendenziell auch totalitär dis- kreditieren. Träfe der Befund zu, daß schon Kant die plebiszitäre Demokratie, die Rousseau zum Ideal erklärte, als Despotie entlarvt hätte, dann wäre überdies Carl Schmitts These von der dualistischen Entwicklung der politischen Philosophie der Aufklärung 56 rehabiliert: dem Kantianischen Verfassungsverständnis, das den indi- viduellen Freiheits(abwehr)rechten verpflichtet sei, kontrastiere ein Rousseauisti- sches Modell, das um einer fetischisierten Volkssouveränität willen nicht nur die

52 Vgl. Thiele: Repräsentation, 95ff.

53 Vgl. ebd., 55ff.

54 Vgl. Maus: Demokratietheorie, 194ff. Entsprechendes gilt für das bedingt erlaubte Surrogat der republikanischen Verfassung, die republikanische Regierungsform: der souveräne Re- gent hat von seiner totalitären „Machtvollkommenheit“ (ZeF, AA 06: 352) einen solchen Gebrauch zu machen, als wären die öffentlichen Gewalten nicht ungeteilt in seiner Hand vereinigt; vgl. dazu Thiele: Repräsentation, 79ff.

55 ZeF, AA 08: 352.

56 Vgl. dazu Thiele: Advokative Volkssouveränität, 32ff.

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jakobinische Grande Terreur ermöglicht hätte, sondern letztlich auch die ideologie- geschichtliche Basis für die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts gewesen sei. 57 Zwar läßt sich diese dualisierende Lektüre, wie man schon bei Carl Schmitt lernen kann, nur als exegetischer Gewaltstreich realisieren, doch dies ändert nichts an der nach- haltigen Effektivität dieser Konstruktion. Auch heute finden sich nur wenige Kant-Interpretationen, die einer für gegen- wärtige Institutionensysteme eher ungünstigen Intuition folgen: Unser Republika- nismusverständnis könnte deutlich weniger anspruchsvoll sein, als es das Kantische gewesen ist. So wäre es beispielsweise möglich, daß der dritte Präliminarartikel, der die allmähliche Auflösung stehender Heere verlangt, in engerer Beziehung zum er- sten Definitivartikel stünde, als angenommen wird. Wenn es zutrifft, daß die Definitivartikel organisatorisch-institutionelle Bedin- gungen eines dauerhaften Friedens behandeln, während die Präliminarartikel kon- krete praktische Schritte auflisten, die jedem Friedensvertrag vorangehen müssen, so läßt sich dies in Hinblick auf das genannte Sonderproblem folgendermaßen spe- zifizieren: Der erste Definitivartikel zeichnet die Republik (d.h. die unmittelbare oder mittelbare Volksgesetzgebung kombiniert mit strenger Gewaltenteilung) als diejenige Verfassung aus, die aufgrund der für sie charakteristischen reflexiven Ent- scheidungsstruktur in ‚existenziellen‘ Fragen eine pazifistische Außenpolitik wahr- scheinlich macht. Gerade in der Ausnahmeentscheidung über Krieg oder Frieden verbiete sich die personale Repräsentation, denn sonst wären die, die zu „fechten“ hätten, andere als die, die über diesen „gefahrvollen Dienst“ 58 zu disponieren hät- ten. Der dritte Präliminarartikel nennt die verteidigungspolitischen Schritte, die die- sem staatsrechtlichen Autonomieprinzip auch in vordemokratischen Zuständen Geltung verschaffen können. Kategorisch verboten sind einer Regierungsart, die sich als Surrogat der republikanischen Verfassung verstehen darf, jedenfalls Söld- ner- oder Berufsheere. Aber auch auf allgemeiner Wehrpflicht beruhende stehende Heere sind nach Kant „mit der Zeit“ aufzulösen, 59 weil sie einer despotischen Re- gierungsart im Inneren Vorschub leisten 60 wie sie im Äußeren zu militärischen

57 Zwar attestiert Michael W. Doyle in seiner Studie zur Friedensschrift nicht nur „Kants de- mokratische[m] Verfassungsstaat“, sondern auch „Rousseaus direkte[r] Demokratie […] demokratische Umsicht“, doch auch er deutet an, daß Rousseau die Gewaltenteilung als überflüssig betrachtet hätte: „Weiterhin erfordert die Gewaltenteilung in Exekutive, Legis- lative und Judikative öffentliche Erörterung und mildert dadurch die Auswirkungen persön- licher Leidenschaften oder übereilten Urteilens. Rousseaus direkte Demokratie scheint den Wert republikanischer Verzögerung zu unterschätzen“ (Doyle: „Die Stimme der Völker“,

238).

58 Vgl. MS, RL § 55, AA 06: 347.

59 ZeF, AA 08: 344.

60 Die Ansicht, daß stehende Heere dem Despotismus förderlich sind, war unter den Aufklä- rern des 18. Jahrhunderts weitverbreitet. So war z.B. Alexander Hamilton überzeugt, daß England den Absolutismus letztlich aufgrund seiner geographischen Lage hätte vermeiden können. Denn die verteidigungstechnisch günstige Insellage hätte es erlaubt, sich auf eine „unbedeutende Armee“ zu beschränken. Hamilton warnte in der Debatte über die zukünf- tige Verfassung der amerikanischen Konföderation ausdrücklich vor den innenpolitischen

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„Lustpartien“ verleiten können. Derjenige Armeetyp, den eine republikanische Re- gierungsart anzustreben hat, 61 weil nur er mit der republikanischen Verfassung und ihrem Endzweck, dem Rechtsfrieden, vollkommen vereinbar wäre, muß drei Bedin- gungen erfüllen: Erstens würde dieser spezielle Heerestyp einen egalitären Rekru- tierungsmodus verlangen, der im Ideal mit völliger Freiwilligkeit zusammenfiele, zweitens besäße er demokratische Entscheidungsstrukturen und drittens wäre er ausschließlich für Verteidigungszwecke (und für diese vielleicht sogar besonders gut) geeignet. Kant scheute sich nicht, die Conclusio zu ziehen, die in denkbar schärfstem Gegensatz zum zeitgenössischen Status Quo stand: Das republikanische Heer par excellence kann nichts anderes sein als eine Milizarmee, denn nur dieser Typ ist mit dem Instrumentalisierungsverbot (bzw. dem Autonomiegebot) des ersten Definitivartikels vereinbar.

Ganz anders ist es ist mit der freiwilligen, periodisch vorgenommenen Übung der Staatsbürger in Waffen bewandt, sich und ihr Vaterland dadurch gegen Angriffe von außen zu sichern. 62

Wenn also nach Kant die Umwandlung von stehenden Heeren in Milizarmeen zu den unverzichtbaren Reformschritten einer Politik zählt, die das Vernunftprädikat der republikanischen Regierungsart verdient, dann ist es wenig wahrscheinlich, daß Kant für republikanisch verfaßte Staaten eine Ausnahme von dieser Regel zugelas- sen hätte. Wenn dies zutrifft, dann bleiben, bezogen auf die Liberaldemokratien der

Gefahren, die die „Einrichtung stehender Heere“ mit sich brächten. Sie zählten zu den „Ein- richtungen […], die tendenziell [die] bürgerlichen und politischen Rechte“ gefährdeten. Denn im Kriegsfall würde zwangsläufig die „Exekutive auf Kosten der Legislative“ gestärkt und die Verfassung entwickelte sich „zunehmend in Richtung Monarchie“ (Alexander Ha- miton / James Madison / John Jay: Federalist Papers, No. 8. Übersetzt und hrsg. von Barbara Zehnpfennig. Darmstadt 1993, 84f.); vgl. Hamiltons Plädoyer zugunsten einer Milizarmee in ebd., No. 29, 190ff.

61 Die Forderung nach der Abschaffung stehender Heere zählt unter den sechs leges prohibiti- vae offensichtlich zu den leges latae (vgl. Hans Saner: „Die negativen Bedingungen des Frie- dens“. In: Zum ewigen Frieden. Hrsg. von O. Höffe, 49): Vermöge eines vermittelnden Er- laubnisgesetzes der Vernunft kann es als (ausnahmsweise) gestattet angesehen werden, das von der Vernunft Geforderte nicht ad hoc, sondern nach und nach zu realisieren. Der Auf- schub, den dieses Erlaubnisgesetz für zulässig erklärt, kann aber nur ein zeitlich begrenzter sein. Denn jeder Aufschub vertagt „nicht nur den vielleicht unmöglichen ewigen Frieden […], sondern auch seinen möglichen Vorfrieden“ (ebd., 66).

62 ZeF, AA 08: 345. Es dürfte kaum ein Zufall sein, daß Kant an dieser Stelle von der Vertei- digung des „Vaterlandes“ spricht, das, wie es im revolutionären Frankreich üblich war, mit der Verfassung zusammengedacht wird; vgl. etwa den Text der Jakobiner-Verfassung, die die einzige Garantie für den Bestand der Verfassung in der Moralität der Bürger sieht: „Die verfassunggebende Nationalversammlung vertraut [die Verfassung] der Treue der gesetzge- benden Körperschaft, des Königs und der Richter, der Wachsamkeit der Familienväter, den Gattinnen und Müttern, der Liebe der jungen Bürger und dem Mute aller Franzosen an“ („Constitution Française du 1791 Septembre 3“, Titre VII, Art. 8. In: Les Constitutions de la France. Hrsg. von Charles Debbasch und Jean-Marie Pointier. Paris 1983, 38); vgl. auch eine Bemerkung Kants, die vor 1795 entstanden sein muß: „Die Staatsverfassung stützt sich am Ende auf die Moralität des Volkes und diese wiederum kann ohne gute Staatsverfassung nicht gehörig Wurzel fassen“ (Kant: Vorarbeiten zu „Zum ewigen Frieden“, AA 23: 162).

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Gegenwart, nur zwei Schlußfolgerungen möglich: Entweder sie sind, organisato- risch gesehen, echte Republiken im Kantischen Sinn. Dann aber muß man allein schon aufgrund ihrer Militärorganisation den Friedenszweck ihrer (außenpoliti- schen) Regierungsart bezweifeln, womit das Kantische Theorem widerlegt wäre. Oder das letztere soll in Kraft bleiben; dann jedoch existierte nur eine einzige echte Republik, die schweizerische Eidgenossenschaft, 63 denn ihrer republikanischen Bin- nenverfassung entspricht ein Verteidigungskonzept, das auf dem Milizprinzip beru- hend, die Option des Angriffskrieges von vornherein ausschließt. 64 Bezeichnenderweise wird keine der beiden Möglichkeiten in den jüngeren Inter- pretationen der Friedensschrift bedacht. Es scheint so, als werte man die im dritten Präliminarartikel aufgestellte Forderung nach einer Milizarmee, wo sie überhaupt zur Kenntnis genommen wird, nicht als praktische Implikation des im ersten Defi- nitivartikel formulierten Theorems und mithin als substanzielles Moment des Re- publikanismusbegriffs verstanden, sondern bloß noch als historisches Kuriosum. 65 Das erstaunt wenig in einer außenpolitischen Situation, in der sich z.B. die deutsche Politik veranlaßt sieht, aufgrund einer angeblich ‚gesteigerten internationalen Verant- wortung‘, die einen erweiterten Begriff des Verteidigungsauftrags des Grundgesetzes einerseits und des Völkerrechts andererseits verlange, 66 über die Zweckmäßigkeit

63 Kersting, Herb und Ludwig müßten den Republikcharakter der Schweizer Verfassung we- nigstens in Zweifel ziehen. Denn sowohl auf kantonaler als auch auf Bundesebene sind (ins- besondere in Hinblick auf Verfassungsänderungen) Volksentscheide vorgesehen. Dies je- doch wird nur der Interpret als republikwidrig beanstanden können, der davon überzeugt ist, daß Kant die athenische Demokratie nicht wegen fehlender Gewaltenteilung, sondern wegen ihrer plebiszitären Gesetzgebung als despotisch bezeichnete.

64 Ein weiterer Vorzug des Milizsystems, der Kant vor Augen gestanden haben mag, besteht darin, daß sich eine Bürgerarmee nur schlecht als Unterdrückungsinstrument der Regierung im Fall des inneren Notstandes eignet. Das Verbot des Einsatz der Armee im Inneren, das sich z.B. bei amerikanischen Aufklärern aber auch bei Sieyès findet, hätte in der Kantischen Forderung nach einem Milizheer ihr organisatorisches Gegenstück gefunden. „Die ‚Bill of Rights‘ (1776) sprach sich wie Kant gegen die stehenden Heere und für eine Miliz aus (Art. 13), mit dem Unterschied allerdings, daß erstere aus innenpolitischen Gründen abge- lehnt werden: sie seien ‚der Freiheit gefährlich‘“ (Cavallar: Pax Kantiana, 121. Sieyès setzte dagegen, was aus der Perspektive der bedrohten französischen Republik verständlich ist, auf eine Kombination von Bürgermilizen und stehendem Heer; vgl. dazu Thomas Hafen: Staat, Gesellschaft und Bürger im Denken von Emmanuel Joseph Sieyès. Bern/Stuttgart/Wien 1994, 293ff. Nur die Milizien und keinesfalls die Armee sollen nach Sieyès im Fall von Ka- tastrophen oder inneren Unruhen eingesetzt werden dürfen (ebd., 310).

65 Als einer der wenigen Interpreten hat Georg Cavallar die Radikalität der unmittelbar gegen den preußischen Militarismus gerichteten Kantischen Forderung gewürdigt (Cavallar: Pax Kantiana, 116ff.).

66 Im Strategiepapier der CDU/CSU zur Umgestaltung der Bundeswehr aus dem Jahr 2002 heißt es, die Sicherheit Deutschlands müsse künftig „dort geschützt werden, von wo sie ge- fährdet ist“. Nötigenfalls müsse man das Völkerrecht entsprechend „anpassen“ (Frankfur- ter Allgemeine Zeitung, 2. 5. 2003). Jedenfalls in militärstrategischer Hinsicht stünde einer großen Koalition nichts im Wege, denn Verteidigungsminister Struck hatte schon am 4. 12. 2002 erklärt, die Sicherheit Deutschlands werde „auch am Hindukusch verteidigt“ (Neue Züricher Zeitung, 11. 12. 2002).

Demokratischer Pazifismus

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einer Berufsarmee oder gar den Aufbau einer weltweit einsetzbaren europäischen Streitmacht zu räsonieren. Es ist aber erstaunlich, daß nur sehr wenige fachwissen- schaftliche Interpreten bereit sind, den Schluß zu ziehen, daß die Bundesrepublik und die meisten anderen westlichen Staaten weder republikanische Verfassungen im Sinne Kants besitzen 67 , noch sich (wenngleich mit erheblichen Unterschieden) durch eine konsequente republikanische, d.h. auch: pazifistische Regierungsart auszeich- nen. Die Kant-Kompatibilität des politischen Status Quo wird offenbar als ein un- verzichtbarer Legitimationsausweis angesehen. Denn wie anders ließe sich erklären, daß man auch die verschlungensten Interpretationswege in Kauf nimmt, um ver- meintliche Konvergenzen zwischen der politische Gegenwartspraxis und der Kanti- schen Theorie demonstrieren zu können. Konsequenter wäre es jedenfalls, die Kant- Inkompatibilität der bundesdeutschen Politik festzustellen und diese zugleich als zeitgemäße Antwort auf die moderne Komplexität der internationalen Beziehungen zu verteidigen. Doch diese Option wird, soweit ich sehe, jedenfalls im philosophi- schen Diskurs derzeit noch abgewiesen.

67 Als Kantische Republik im strengen Sinn kann z.B. die bundesdeutsche schon deswegen nicht gelten, weil ihr Gewaltenteilungsmodell zugleich ein Souveränitätsteilungsmodell à la Montesquieu ist; so ist beispielsweise die ‚ausführende Gewalt‘ nicht nur an der Gesetzes- beratung, sondern auch an ihrer Verabschiedung beteiligt. Und auch die richterliche Gewalt ist der gesetzgebenden nicht strikt unterstellt. So wird beispielsweise im Bereich der Nor- menkontrollverfahren de facto die gesetzgebende Gewalt zwischen dem demokratisch ge- wählten Parlament und dem Bundesverfassungsgericht aufgeteilt, wobei sich letzteres mit der dogmatischen Auslegung der Grundrechte als eine je ad hoc abzuwägende Werteord- nung in eine potenziell superiore Position versetzt hat; zur Auslegung der Grundrechte im Sinne einer objektiven Werteordnung, die auch den klassischen Freiheitsgrundrechten aller- erst ihren normativen Rang zuweise und damit in ihrer effektiven Geltung flexibilixiere, vgl. Ekkehart Stein: Staatsrecht. 11. Aufl. Tübingen 1988, 202ff.; Erhard Denninger: „Freiheits- ordnung – Wertordnung – Pflichtordnung. Zur Entwicklung der Grundrechtsjudikatur des Bundesverfassungsgerichts“. In: Ders.: Der gebändigte Leviathan. Baden-Baden 1990, 143ff.; Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Grundrechte als Grundsatznormen. Zur gegenwär- tigen Lage der Grundrechtsdogmatik“. In: Ders.: Staat, Verfassung, Demokratie. Frankfurt a. M. 1991, 161ff.; Maus: Demokratietheorie, 227ff., bes. 237ff., 315ff.; Jürgen Haber- mas: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokrati- schen Rechtsstaats. Frankfurt a. M. 1992, 292ff., bes. 300ff; Ingeborg Maus: „Vom Rechts- staat zum Verfassungsstaat“. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 7, 2004, 835–850, bes. 846ff.