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Ref. iur. Claudia Gaigl

Arbeitsgemeinschaft im Staatsorganisationsrecht Sommersemester 2010

Wichtige Verfahrensarten im Staatsorganisationsrecht

A.

Organstreitverfahren

I. Zulässigkeit

1. Zuständigkeit des BVerfG

Gemäß Art 93 I Nr 1 GG, § 13 Nr 5, 63 ff BVerfGG entscheidet das BVerfG über den Umfang der Rechte und Pflichten eines obersten Bundesorgans oder anderer Beteiligter, die durch das GG oder in einer Geschäftsordnung (GO) eines obersten Bundesorgans mit eigenen Rechten ausgestattet sind.

2. Beteiligtenfähigkeit, Art. 93 I Nr. 1 GG, § 63 BVerfGG

a) Antragssteller: Verfassungsorgane, § 63 BVerfGG

b) Antragssteller:

Organe” bzw „anderer Beteiligter“

c) Antragsgegner (sind auch Beteiligte nach § 63 BVerfGG)

“die

im

GG/GOBT/GOBR

mit

eigenen

Rechten

ausgestatteten

Teile

dieser

3. Antragsgegenstand, Art. 93 I Nr. 1 GG, § 64 I BVerfGG

a) Maßnahme oder Unterlassung

b) Im Rahmen eines verfassungsrechtlichen Rechtsverhältnisses

Es muss sich um eine Streitigkeit aus einem verfassungsrechtlichen, nicht bloß einfach-gesetzlichen Rechtsverhältnis handeln. Dies ist der Fall, wenn die Streitigkeit durch Auslegung des GG zu

entscheiden ist.

c) Rechtserheblichkeit

4. Antragsbefugnis, § 64 I BVerfGG

a) Verfassungsrechtliche Rechte

Möglichkeit der Verletzung der durch das GG übertragene Rechte oder Pflichten; nicht ausreichend hingegen niederrangige Rechte (zB GO BT, GO BR)

Antragsbefugnis muss sich aus organschaftlicher Stellung des AS ergeben; keine Berufung auf GRe oder einfachgesetzliche Normen

aa) Eigene Rechte

bb) Fremde Rechte in aktiver Prozessstandschaft

b) Möglichkeit der Verletzung oder unmittelbare Gefährdung

5. Frist und Form, §§ 64 III BVerfGG, 23 BVerfGG

6. Rechtsschutzbedürfnis

II. Begründetheit

1. Maßstab

Entgegen

Beanstandungsverfahren, sondern dient ausschließlich der Verteidigung und Verwirklichung der verfassungsrechtlichen (organschaftlichen) Rechte des AS.

objektives

dem

Wortlaut

des

§

67

S

1

BverfGG

ist

das

Organstreitverfahren

kein

Daher

ist

der

Antrag

begründet,

wenn

die

beanstandete

Maßnahme

oder

Unterlassung

des

Antragsgegners

gegen

das

GG

verstößt

und

dadurch

der

AS

oder

das

Organ,

für

das

prozesstandschaftlich auftritt, in seinen verfassungsrechtlichen (organschaftlichen) Rechten verletzt ist.

2. Verstoß gegen Art. X GG

3. Verletzung des AS in verfassungsrechtlichen (organschaftlichen) Recht

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Jedoch der Antragsgegner bei einem begründeten Antrag verpflichtet, dem Urteil Folge zu leisten, da dieses nach § 31 I BVerfGG alle Staatsorgane bindet

B. Bund-Länder-Streit

I. Zulässigkeit

1. Zusändigkeit des BVerfG

Gemäß Art 93 I Nr 3 GG, § 13 Nr 7, 68ff BVerfGG entscheidet das BVerfG bei Meinungsverschiedenheiten über Rechte und Pflichten des Bundes und der Länder.

2. Parteifähigkeit, Art 93 I Nr. 3 GG, § 68 BVerfGG

Sowohl Antragssteller als auch Antragsgegner

Nach § 68 BVerfGG nur:

Für den Bund die BundesReg

Für ein Land die Landes Reg

3. Streitgegenstand, Art 93 I Nr 3 GG, § 69 iVm 64 I BVerfGG

Streitgegenstand sind nach Art 93 I Nr 3 GG Meinungsverschiedenheiten über Rechte und Pflichten des Bundes und der Länder. In verfassungsmäßer Weise statuiert § 69 iVm 64 I BVerfGG das Erfordernis eines

Streits um konkrete, rechtserhebliche Maßnahmen/Unterlassen des Antragsgegners.

a) Verfassungsrechtliches Rechtsverhältnis

Verfassungsrechtliche Rechte/Pflichten, die Bund gegenüber Land bzw Land gegenüber Bund hat Nicht ausreichend daher Auseinandersetzungen über staatsvertragliche oder einfach-gesetzliche Rechte oder Pflichten

b)

Rechte/Pflichten des Bundes oder der Länder Rechte und Pflichten, die gerade das verfassungsrechtliche Rechtsverhältnis zwischen Bund und den Ländern begründen

Rechte und Kompetenznormen

ungeschriebene Verfassungsgrundsätze wie zB die Bundestreue

4. Antragsbefugnis, § 69 I iVm 64 I BVerfGG

AS muss geltend machen, durch eine Maßnahme oder ein Unterlassen des AG in seinen ihm durch das GG

übertragenen Rechten oder Pflichten verletzt oder unmittelbar gefährdet zu sein.

a) Eigene verfassungsrechtliche Rechte

Prozessstandschaft nicht möglich.

b) Möglichkeit der Verletzung oder unmittelbaren Gefährdung

5. Form und Frist, § 23 I, 69 iVm 64 II und 64 III BVerfGG

6. Rechtsschutzbedürfnis

II. Begründetheit

Kein obj. Beanstandungsverfahren, sondern dient ausschließlich der Verteidigung und Verwirklichung der verfassungsrechtlichen Rechte des AS. Daher Maßstab:

Der Antrag ist begründet, wenn die beanstandete Maßnahme oder Unterlassung des Antragsgegners gegen das GG verstößt und dadurch der AS in seinen verfassungsrechtlichen Rechten verletzt ist.

C. Abstrakte Normenkontrolle, Art. 93 I Nr. 2 GG, §§ 76ff BVerfGG

I. Zulässigkeit

1. Zuständigkeit des BVerfG

Gemäß Art 93 I Nr 2 GG, § 13 Nr 6, 76ff BVerfGG prüft das BVerfG die Vereinbarkeit von Bundes - oder

Landesrecht mit dem GG oder Landesrecht mit sonstigem Bundesrecht. 1_Verfahrensarten.doc, 16.04.2010

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2. Antragsberechtigung, Art 93 I Nr 2 GG, § 76 I BVerfGG

§ 76 I BVerfGG enthält eine abschließende Aufzählung:

Bundesregierung, iSd Kollegiums

Landesregierung

1/4 der Mitglieder des BT

Abstrakte NK hat keinen Antragsgegner, da obj. Rechtbeanstandungsverfahren

3. Antragsgegenstand, § 76 BVerfGG

Sämtliche

Rechtssätze

des

Bundes-

oder

Landesrecht (gleichgültig,

welchen

Ranges,

formell

oder

materiell, vor- oder nachkonstitutioneller art, geschrieben oder ungeschrieben)

 

4.

Antragsgrund, Art 93 I Nr 2 GG, § 76 I BVerfGG

 

a) „Meinungsverschiedenheiten oder Zweifel“ iSd § 76 I BVerfGG

 
 

„Meinungsverschiedenheiten“

bestehen,

wenn

einer

der

Antragsberechtigten

Bundes-

oder

Landesrecht „ wegen seiner förmlichen oder sachlichen Unvereinbarkeit mit dem Grundgesetz oder dem sonstigen Bundesrecht für nichtig hält“.

b) (P) § 76 I BVerfGG "nichtig hält" Û Art 93 I Nr. 2 "Meinungsversch. oder Zweifel" Ob § 76 I Nr. 1 BVerfGG eine zulässige Konkretisierung des GG enthält, oder ob § 76 I Nr. 1 BVerfGG insoweit teilnichtig ist (bloße Zweifel genügen), ist umstritten.

Nach dem BVerfG (E 12, 205) ist § 76 BVerfGG verfassungskonform iSd Art. 93 I Nr. 2 GG auszulegen, arg. Rangordnung der Rechtsquellen.

Aufbauhinweis:

Wenn sich der Antragsgrund bereits aus § 76 I BVerfGG ergibt, sollte man auf den abweichenden Wortlaut des Art. 93 I Nr. 2 GG nicht eingehen.

Andernfalls

empfiehlt

es

sich,

bei

bloßen

Zweifeln

eines

Antragsberechtigten

zunächst

festzustellen, dass ein Antragsgrund im Sinne des § 76 BVerfGG nicht gegeben ist. Sodann sollte

man in einem zweiten Schritt auf den Vorrang der Verfassungsnorm hinweisen.

5. Form, § 23 BVerfGG – kein Fristerfordernis

II.

Begründetheit

Der Normenkontrollantrag ist begründet, wenn das beanstandete Bundesrecht mit dem GG oder das beanstandete Landesrecht mit dem GG bzw. sonstigem Bundesrecht formell- oder materiellrechtlich nicht vereinbar ist. Das BVerfG prüft den Verfahrensgegenstand unter allen in Betracht kommenden verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten.

1. Prüfungsmaßstab, Art 93 I Nr 2, § 76 BVerfGG

!!! objektives Beanstandungsverfahren, dh ohne Rücksicht auf organschaftliche/subj. Rechte

a) Verfahrensmaßstab für Landesrecht sind:

das GG

sonstiges Bundesrecht (formelle Gesetze, Rechtsverordnungen)

b) Verfahrensmaßstab für Bundesrecht ist:

das GG

2. Rechtmäßigkeitsprüfung

a) formellen Rech tmäßigkeitsprüfung

Zuständigkeit zur Gesetzgebung bzw. Rechtsetzung

Ordnungsgemäßes Gesetzgebungs- oder Rechtsetzungsverfahren

Eventuelle Beachtung zusätzlicher Formvorschriften, z.B. des Zitiergebots nach Art. 79 Abs. 1 S. 1 GG

b) materielle Rechtmäßigkeitsprüfung

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III. Entscheidung des BVerfG, § 78 BVerfGG

D. Konkrete Normenkontrolle, Art. 100 I GG - Richtervorlage

I. Zulässigkeit der Vorlage

1. Zuständigkeit des BVerfG

Zuständigkeit des BVerfG nach Art 100 I GG, § 13 Nr 11, 80ff BVerfGG

Bundesgesetz mit GG nicht vereinbar, Art 100 I 1 Var 1

Landesgesetz mit GG nicht vereinbar, Art 100 I 2 Var 1

Landesgesetz mit Bundesrecht nicht vereinbar, Art 100 I 2 Var 2

2. Vorlageberechtigung, Art 100 I GG, § 13 Nr 11 BVerfGG

Alle deutschen Gerichte, unabhängig von der Instanz

3. Prüfungsgegenstand: “Gesetze”

a) Art 100 I GG unter dem Blickpunkt der Gewaltenteilung

Prüfungskompetenz

Û

Verwerfungskompetenz:

Zwar

darf

jedes

Gericht

die

Verfassungsmäßigkeit einer Norm prüfen, aber nur das BVerfG darf sie verwerfen

keine

Verwerfungskompetenz der Fachgerichte bzgl. Parlamentsgesetze, arg. getroffen Wertung des parlamentarischen Gesetzgebers soll nicht von jedem Fachrichter verworfen werden können (Gewaltenteilung) Grds: aus Wertung des Art 100 I GG folgt, dass nur formelle und nachkonstitutionelle (Bundes - oder Landes-) Gesetze Prüfungsgegenstand sein können Formell: von den Gesetzgebungsorganen im von der Verfassung hierfür vorgesehenen Verfahren und hierfür vorgesehener Form erlassene Gesetze. Die Entscheidung des demokratisch legitimierten Gesetzgebers schließt eine Verwerfungskompetenz der Fachgerichte aus und begründet eine ausschließliche Verwerfungskompetenz des BVerfG. Keine formellen Gesetze sind Rechtsverordnungen und Satzungen. Nachkonstitutionell: Gesetze, die nach Inkrafttreten des GG erlassen wurde (Mai 1949)

b) Vorkonstitutionelle Gesetze (Gd, Rn. 165)

Grds: mangels demokratischer Legitimation durch das Volk verdienen sie keinen Schutz – sie dürfen

Prüfungsmaßstab, Art 100 I GG

wie untergesetzliche Rechtsnormen durch jedes Gericht jeder Instanz verworfen werden! Ausnahme: parlamentarischer Gesetzgeber hat sich mit der Norm befasst und ihre Gültigkeit bestätigt,

4.

dh. sie in seinen Willen aufgenommen. (zB BGB)

GG

Bundesgesetze (formelle Gesetze), Art 100 I 2 GG

Allg. Regeln des Völkerrechts (vgl. Art 38 I IGH-Statut, universell geltendes VölkerR, vgl Art 25 S 1 GG), Art 100 II GG

Prüfung unter allen verfassungsrechtliche Gesichtspunkten

5. Überzeugung von der Verfassugswidrigkeit bzw Bundesrechstwidrigkeit oder Unvereinbarkeit mit

höherrangigem Recht, Art 100 I GG Bloße Zweifel sind nicht ausreichend

6. Entscheidungserheblichkeit, Art 100 I GG (+), wenn das Gericht bei Gültigkeit der Norm anders zu entscheiden hätte als bei ihrer Ungültigkeit.

7. Ordnungsgemäßer Antrag, § 23 I, 80 II BVerfGG

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III. Beschluss des BVerfG

Grds: § 82 I iVm 78 BVerfGG: Feststellung der Nichtigkeit bei Verfassungswidrigkeit Ausn.: Feststellung der Unvereinbarkeit der Norm mit höherrangigen Recht Appellentscheidung an den Gesetzgeber zum Tätigwerden; arg. Norm bleibt zunächst gültig, um ein Rechtsvakuum zu verhindern (Bsp. Steuergesetz) Entscheidung hat Gesetzeskraft, Art 94 II 1 GG, § 31 II 1 BVerfGG