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UNIQUE Jena

Interkulturalität ist mehr...

45

Jan. 09
WIDERSTÄNDCHEN
Jena zwischen
Revolution und
Resignation
9. Jahrgang | ISSN: 11612-2267 | weiterlesen: www.unique-online.de | selberschreiben: uniqueredaktion@gmx.de

Couchrevolutionäre
...jenas revolutionäre lethargie...
“Wir sind wahre Idealisten”
...EIN Jenaer Nazi im gespräch...
Nachtaktive Halbaffen
...Eine gestohlene Nacht in jena...

Pesto, Palazzi & Piano


...Städtebericht Genua...
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Editorial
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Inhalt Liebe Leserinnen
und Leser,

Weltweit
die Operation, die ist immer so.
Auch die Zeit wird dringend
Widerstaendchen

aufgefordert. Die Missstände


und Ungerechtigkeiten haben
Seite 20-22 sich geändert - und wenn sie
eilig und „blind“ Menschen
Städtebericht: Genua
verurteilen. Drauf geschissen.
Pesto, Palazzi und Piano
Wie wäre es mit einer der - oha,
Seite 23
sehr schwierigen! - Unsicher-
Studentenwerkspartnerschaft heiten und täglichen Krisen des
Jena-Amiens Glaubens? Lassen sich solche
Seite 24 Fragen überhaupt diktieren?
Seite 4 Nachricht aus der Ferne: Olomouc Vielleicht ist der Versuch zur Klä-
Jenas Couchrevolutionäre Seite 24/ 25 rung der Angelegenheit nach
Seite 5 Côte d’Ivoire – Land der sozialen Jena zurückzukehren nichts un-
Interview: Michael Beetz zur Sub- Extreme bedingt Schlechtes. Unter Brü-
version cken und Lobeda ist viel Platz.
Seite 6 / 7 Nein, nicht unbedingt für TV-
Der aktivistische Jahresrückblick Spots, in dem sich der offiziell
neunte Baggerfahrer in einem
Seite 8/9 halben Knoppers-Cockpit in
Zuhause

Interview: Jenaer Nazi im Gespräch 50 Meter Höhe gemächlich zu-


ruck-, äh, zurücklehnt. Es gibt
Seite 10 wahrscheinlich eher Augen, die
Aktivismus leicht gemacht eine besondere Bedeutung für
Seite 11 Ideologen haben. In der aktu-
Seite 26 ellen Ausgabe haben wir eini-
Umfrage: Wofür kämpfst du?
Lieber Pendeln als Lobeda ge neue Abschnitte, getrieben
Seite 12/13 Seite 27 von der Wahrnehmung, dass
Interview: Lothar König über Ge- “Das kitschige Deutschland” sich die Dinge nur im kleinen
Seite 28
walt, Nazis und Jesus ändern lassen. Wenn über-
Sozial Aktiv: Unicef Jena
Seite 29
haupt indirekter. Nach dem
Portrait: Tamars Lachen
Interview mit Reverend Luther
Kontaktion: Stefan und Mohammad
King folgt laufend das „Brown
House“ in Old-Lobeda sowie
seine extremen politischen
Vertreter. Die unterschiedlichs-
Und Sonst?

ten Meinungen, mehr Konkur-


Kultur

renz, nicht geklärte rechtliche


Fragen. Subversivste Banali-
täten und Bananen. Und die
eheliche Gleichstellung mit der
Seite 16 Schwangerschaft. Auch die!
Kreatique: Nachtaktive Halbaffen
Titelbild Daher sollten alle immer nett
Seite 17 zueinander bleiben. "Aktiv und
Bergi
Veranstaltung: Opferfest glücklich lesen" lautet nun die
Seite 14
Film: The Warlord Leserbriefe/ Impressum Devise. Wir hoffen, dass die
Seite 15 Formulierung verstanden wird.
Seite 18
Die andere Meinung: Abtreibung Wenn nicht, kauft die Welt-
Buch: Vertrag von Lissabon
Warum hört man eigentlich... Weltbank bank.
Campus TV Kolumne
Seite 30
Seite 19 Glosse: Nazis in den Medien?
Campus-Radio Jahrescharts Seite 31 Atem und viel kraft im
Int.Ro Veranstaltungskalender
neuen Jahr wuenscht
Rückseite
die Unique-Redaktion.
Das proletarische Pferdequartett

Die Seitenzahlen sind auf Tarna

3
Jenas Couchrevolutionäre
Widerstaendchen

Zum Phänomen der revolutionären Lethargie

von fabik derstandsgruppe gründete und dies zur quichott‘schen


schließlich mit dem Leben bezahlte, Version einer spät-

R
osa sitzt auf einer kleinen roten ist heute zum Anlaufpunkt tanz- und pubertären Vertei-
Filzcouch in der Küche unserer hetzwilliger Faschisten aus ganz Euro- digungsschlacht
WG. Bedächtig gestikulierend pa verkommen. In einer Stadt, die sich geworden zu sein.
erzählt sie von einem interessanten Ar- so gern der Lebhaftigkeit ihrer linken Ein Kampf gegen die
tikel, den sie neulich auf Telepolis gele- Studentenschaft rühmt, stellten mit 800 unausgesprochene
sen hätte: Wie Benutzerinformationen Menschen nicht Studenten, sondern 10- Gewissheit, dass man
im Web 2.0 für Marketingzwecke miss- 18jährige Schüler die größte Demons- selbigen spätestens
braucht werden und dass sie nun auch tration im vergangenen Jahr auf die Bei- mit dem letzten Pau-
am Holzmarkt eine nicht ausgewiesene ne. In einer Stadt, in der vor jedem „Fest schalurlaub in Sharm
Überwachungskamera entdeckt habe. der Völker“ tausende Flyer, dutzende el-Sheikh oder dem
Rosa redet sich schnell in Rage, wenn Konzerte und eben diese WG-Küchen- Erasmusbesäufnis
es um solche Themen geht: Finanz- Gespräche zum Sitzblockadenkampf ge- in Linköping auf-
krise, Nestlés Kaffeekartell und ob ich gen den Faschismus einladen, verbringt gegeben hat. Der
denn meinen Apfel nicht abwasche we- regelmäßig der überwiegende Teil der vermeintlich revolu-
gen der Chemikalien – er sei zwar Bio, Studentenschaft die Semesterferien tionäre Kampf rich-
aber trotzdem! Während wir so unsere mit seinem antifaschistischen Kampf tet sich längst nicht
Google-Video-Erkenntnisse hin und her im mütterlichen Kinderzimmer vor der mehr gegen das aus-
assoziieren, scheint es oft, als ob das Hausarbeit über Friedrichs Totalitaris- beutende Bürgertum,
einzige Hindernis für die unausweich- mustheorie. Aus einer Stadt, die sich sondern wird zum
liche Revolution die Frage sei, ob diese so gerne ihrer Ausländerfreundlichkeit letzten symbolischen
nach Trotzki oder Proudhon zu verlau- und Internationalität rühmt, beliefern Aufbäumen gegen
fen habe, ob mit den Mitteln Ghandis Carl Zeiss und Jenoptik heute Armeen die unvermeidliche
oder Ches, bis doch der Streit ums As- in aller Welt mit Hochpräzisions-Auslän- Bourgeoisierung sei-
partam im Multivitaminsaft die kleine dervernichtungstechnologie. ner selbst.
Intellektguerilla wieder entzweit. Widerstand – oder um
es etwas gemäßigter
Revolutionärer Anspruch vs. lethar- Die Diktatur der Proleten auszudrücken: – En-
Kaum eine Hochschulgruppe, die nicht gagement darf eben
gische Wirklichkeit
jedes Semester aufs Neue um ehren- kein Phänomen ei-
Es war wohl schon immer Teil einer spät-
amtliche Mitarbeiter und damit ums ner sich elitär abson-
jugendlichen Protestkultur vorwurfs-
Überleben kämpfen muss. Kaum eine dernden Alltagskultur
volle Debatten über die Ungerechtigkeit
studentische Initiative, die nach we- sein. Wenn dieses Da-
in der Welt zu führen. Über Imperialis-
nigen Monaten nicht entnervt wieder gegen-Sein lediglich
mus und Elend, über Extremismus und
aufgibt, weil vor dem Kampf um mehr zu einem weiteren
Leid, über Unterdrückung und Kapita-
studentische Mitbestimmung erst der schwarz-roten Button
lismus. Stundenlange Diskussionen, in
scheinbar aussichtslose Kampf gegen auf der überfüllten
denen man endlich den Kampfbegrif-
die Flyer-Armeen von Uma Carlson und Kapuzenjacke wird,
fen seiner Jugend durch die Verflech-
F-Haus zu gewinnen ist. Kaum ein rasta- wenn es zu weiteren
tung mit den neusten Ismen aus dem
haariger Student, der vor der Entschei- moralisierenden End-
Soziologiestudium weltrevolutionären
dung für dieses oder jenes Engagement losgesprächen auf der
Ausdruck verleihen konnte. Wer weiß, in
seine Entscheidung nicht noch mit den heimischen Küchen-
wie vielen WG-Küchen der Welt schon
leeren Lücken im Softskill-Teil seines couch führt, wenn es
die Grundübel unseres Daseins in ihre
Lebenslaufes abgleicht. Und kaum eine nicht mehr bedeutet
Einzelteile zerlegt wurden, um sie dann
WG-Couch, auf der einem nicht der Ein- als die Frage, ob ich
gedanklich in ihr Gegenteil zu verkeh-
druck vermittelt wird, die Diktatur des im StudiVZ ganz aus-
ren? Doch während sich auch von den
Proletariats stünde unmittelbar bevor, trete oder nur alle
Blechsiedlungen um Johannesburg bis
bevor der Abend dann doch als Diktatur Einstellungen auf an-
zu den frisch gewienerten Studierstüb-
der Prolls in der Rose endet. onym setze, dann ist
chen im Sarah-Lawrence-College Che
Bei aller bierseligen Dauerindoktrinie- es nichts anderes als aufgeregte Gleich-
und Malcom X um die Plakat-Führer-
rung zwischen Lutherstraße und Da- gültigkeit. Und wer denen dort oben
schaft auf den Gemeinschaftstoiletten
menviertel steckt wohl in den seltensten und da unten die Schlechtigkeit der
streiten, ist es schwer vorstellbar, dass
Fällen hinter dem auf WG-Küchen-So- Welt vorwirft, muss sich fragen lassen,
irgendwo auf der Welt revolutionärer
fas, buttonbeschmückten Rucksäcken, ob man es ihnen nicht ziemlich einfach
Anspruch und lethargische Wirklichkeit
posterbehangenen Wohnungstüren macht. Klar, die Welt ist schlecht - keine
weiter auseinander klaffen als in Jena.
und Endlos-Gutmensch-StudiVz-Grup- Frage. Und wie schlecht sie ist! Doch
penlisten präsentierten Weltverbes- lässt sich mit noch so vielen Kampfbe-
Jena - bekannt für Waffen und Fa- serungsdrang die Erkenntnis, dass die griffen und Google-Videos daran so
schisten bessere Welt sich nicht herbeipalavern lange nichts ändern, wie Rosa nicht von
Jena, eine Stadt, in der Magnus Po- lässt. Stattdessen scheint der alltäg- ihrer kleinen roten Couch aufsteht.
ser 1942 seine antifaschistische Wi- lich ausgetragene Klassenkampf mehr



“Organisierter Widerstand

Widerstaendchen
liegt mir nicht so gut”
Ein Interview mit dem Jenaer Soziologen und Autor Michael Beetz zum
Thema Subversion
UNIQUE: Wofür kämpfst du? ganze Zeit schon da ist.
Michael Beetz: Der Kampf ist mir eine zu militante
Metapher für das menschliche Streben. Natürlich In deinem Buch „Das Subversive“ schreibst du,
stößt man in seinem Streben auf Widerstände, dass du die Subversion der Revolution vorzie-
und wenn man die nicht einfach passiv hinnimmt, hen würdest, um die gesellschaftlichen Ver-
dann setzt man diesen wiederum seine eigene hältnisse zu verändern.
Art des aktiven Widerstands entgegen. Das muss Subversion klingt erst einmal ziemlich destruk-
man aber nicht grundsätzlich als einen Konflikt tiv, da sie scheinbar auf das Untergraben der
rahmen. Eher wäre nach dem Umgang mit den gesellschaftlichen Ordnung abzielt. Es soll aber
Widerständen zu fragen. Hindern sie mich am konstruktiv gemeint sein. Revolution zielt auf ma-
Leben oder halten sie mich überhaupt erst in der terielle Veränderungen, sie setzt auf bestimmte
Welt? Wohin strebe ich überhaupt? institutionelle Weichenstellungen. Die Subver-
sion richtet sich dagegen eher auf die kulturelle
Dein selbstgewählter Beruf ist Soziologe. Hat Software als auf die Hardware der Gesellschaft.
das mit deinem Streben zu tun? Sie betrifft das gesellschaftliche Selbstverständ-
Da gibt es mindestens zwei Seiten zu unterschei- nis, das einen Schlüssel für mögliche Verände-
den. Das eine ist das eigene Interesse die Ge- rungen beinhaltet. Der Unterschied zwischen
sellschaft verstehen zu wollen. Das andere wäre Revolution und Subversion lässt sich auf die zwei
– wenn man einmal unterstellt, dass man sie grundlegenden Weisen beziehen, auf die man
verstanden hat – dass man daran arbeitet sozio- die gesellschaftlichen Strukturen denken kann.
logische Beschreibungen der Gesellschaft anzu- Im einen Falle werden sie nach dem Modus von
fertigen, die anderen dazu verhelfen die Welt zu Schöpfungstheorien als etwas Geplantes, be-
verstehen. Es ist auf jeden Fall ein wichtiges Motiv wusst Geschaffenes verstanden, dass sich ma-
für mich mein Handeln an einem möglichst weit nipulieren und kontrollieren lässt, wenn man an
gefassten, ganzheitlichen Verständnis der Welt den entsprechenden Grundparametern schraubt.
auszurichten. Die andere Sichtweise entspricht einem evolutio-
nären Verständnis, demzufolge die Strukturen als
Wie würdest du den jetzigen Stand der Dinge etwas Gewachsenes betrachtet werden, die im-
in der Gesellschaft beschreiben? mer komplexer werden, sich aber auch auflösen
Eines der pathologischen Phänomene, die mit oder kollabieren können. Im ersten Fall wird die
allgegenwärtigen institutionellen Einrichtungen Umwelt instrumentalisiert, im zweiten gilt es den
einhergehen, ist die Tendenz zum instrumentel- eigenen Platz innerhalb des Ganzen zu finden,
len Denken, zum Haben-Wollen. Das Leben ist sich funktional in den kosmischen Organismus
von vornherein schon so formalisiert und durch einzufügen - aber als Resonanzraum, nicht als
institutionelle Gerüste eingehegt, dass man stän- Rädchen. In jedem Falle muss man die bestehen-
dig in gleichsam digitalisierte Situationen kommt, den Verhältnisse nicht zum Ideal erheben. Es las-
die durch scharfe Entscheidungen geprägt sind: sen sich durchaus Zielvorstellungen formulieren:
man besteht den Test, be-
kommt die Position, wird “Subversion ist letztlich nur ein anderes Wort für
befördert oder fliegt raus.
Dies führt leicht zu der das, was in uns lebendig ist in Zeiten, in denen zu
fatalen Vorstellung, dass
man im Leben grundsätz- leben geradezu kühn erscheint.”
lich rationale Entschei-
dungen zu treffen und seine Wahl stets auf die Grundsicherung für alle, Abschaffung von Erb-
Maximierung von individuellen Interessen auszu- schaften, Privatvermögen beschränken, Grund-
richten habe. bedürfnisse vor Profitinteressen usw. Sobald man
Die Fotos stammen aus dem meint dafür kämpfen zu müssen, kommt man
“Red Couch Project” von Dave Inwiefern siehst du Möglichkeiten an diesen aber schnell in die Mühlen der Bürokratie und
Austria Gegebenheiten persönlich etwas zu ändern? wird als Funktionär für irgendwelchen wichtigen
Etwa durch die anfangs erwähnte aufklärerische Kleinkram zu einem Teil der Organisationsma-
Tätigkeit des soziologischen Wissenschaftlers? schinerie.
Der organisierte Widerstand liegt mir nicht so
gut. Ich glaube tatsächlich, dass in geistiger, auf- Das vollständige Interview im O-Ton findet ihr
klärerischer Hinsicht kreativer gearbeitet werden auf www.unique-online.de
kann als etwa über Interessenorganisationen. Es
funktioniert allerdings nicht quasi das falsche Weitere Informationen zum Thema findet ihr
Bewusstsein zu durchstoßen und mal zu zeigen, auf www.volksphilosophie.de/verlag.html
wie die Welt wirklich ist. Der Trick besteht darin,
die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ein wenig Das Interview führte Bergi
zu verschieben und auf etwas zu lenken, was die


Aufruhr im Saaletal
Der aktivistische Jahresrückblick 2008 von fabik

Januar/Februar
Während die Junge Gemeinde am 22. Januar mal wieder Ziel eines
Nazi-Überfalls wird, verletzten Unbekannte den stellvertretenden
NPD-Landesvorsitzenden Ralf Wohlleben und den Betreiber des
Braunes Hauses in Lobeda. In der Jenaer Innenstadt demonstrieren
unterdessen ca. 50 Menschen gegen rechte Gewalt.

Ungeachtet des aktivistischen Winterschlafes, der Jena befallen zu


haben scheint, verschönert unterdessen eine eine junge Studentin
die Innenstadt mit ironischen, kapitalismuskritischen Graffities.

März
Eine kleine Grup-
pe Studenten führt
mehrere Kurzbeset-
zungen leerstehen-
der Gebäude in Jena
durch und schmückt
die Fassaden mit
selbstgemalten
Transpis. Sehr schön!

Verschönerungsaktion am ehemaligen Afro-


center

April/Mai Juni/Juli
Am 19. April kündigen 350 Erstunterzeichner Mit einer Sitzblockade ge-
des „Jenaer Aktionsnetzwerks gegen Rechts- gen eine NPD-Schulungsver-
extremismus“ Blockaden beim im September anstaltung beginnt am 14.
stattfindenden „Fest der Völker“ an. Drei Tage Juni Jenas antifaschistischer
später demonstrieren bis zu 300 Studenten auf Sommer. Nachdem nach ei-
dem Ernst-Abbe-Campus gegen die Hochschul- nigem Gerangel und einem
rektorenkonferenz und Präsidialherrschaft an kleineren Polizeieinsatz die
der FSU. Während einige der Demonstrante es Veranstaltung doch beginnen
schaffen die Konferenz zu stören, ruft eine neue kann, treffen sich Demons-
Verschönerungsaktion auf Stromkästen und La- tranten am 26. Juli erneut vor
ternenmästen zur Freiheit im Handeln auf. dem Braunen Haus, während
Kampflieger Rudolf von Hit-
Der aktivistische Mai steht ganz im Zeichen des lers positiver Bedeutung für
450-Jahr-Jubiläums der FSU. Das Gesicht von Deutschland erzählt.
Rektor Klaus Dicke wird erst mit einer Sahne-
torte verziert und dann mit Königskrone auf
dem Campus zur Schau gestellt, während ca. 50
Studenten gegen fehlende Mitsprachemöglich-
keiten an der FSU protestieren. Dick Sahne im Ohr/ Foto: Black Red Press


August
Während das “Fest
der Völker” nun of-
fiziell in Altenburg
stattfinden soll, wird
die Tür zur UNIQUE-
Redaktion Opfer
des ominösen Bob-
Klebers. Mehr als
2.000 Aufkleber der
“Church of the Sub-
genius”prangen mit-
tlerweile an Jenaer
Verkehrsschildern
und Laternenmas-
ten. Schweinerei!

Foto: Black Red Press

September
Aufwärmen fürs "Fest der Völker": Vor dem Nazi-Bekleidungsgeschäft „Madley“ in der
Wagnergasse versammeln sich ca. 30 Menschen zu einer Spontandemo. Es kommt zu leb-
haften Diskussionen mit dem Ladeninhaber.
Per Buskonvoi geht es wenig später für 650 Jenaer in die Skatstadt Altenburg, um dort ge-
gen das ausgelagerte "Fest der Völker" zu demonstrieren. Ca. 2.000 Gegendemonstraten
verbringen den Tag, abgesehen von kleineren Rangeleien, friedlich auf dem Boden sit-
zend. Letztendlich bleibt der Erfolg gering. Während 1.200 Nazis aus ganz Europa noch bis
in die Abendstunden zwischen Plattenbauten herumgrölen, sind die meisten Demons-
tranten längst wieder abgereist. Auf ein Neues in diesem Jahr!

Dezember
Nachdem griechische Polizsten einen
15-jährigen Schüler erschossen hatten,

Oktober/ solidarisierten sich einige Dutzend Jena-


er Bürger an drei aufeinander folgenden

November
Tagen mit den griechischen Demons-
traten und fordern zugleich die Aufklä-
rung des Todes des Asylbewerbers Oury
Jalloh, der in einer Dessauer Polizeizelle
Die Jenaer Aktivistenszene scheint nur lang- bei lebendigem Leibe verbrannte. Als ob
sam aus dem Hausarbeitenurlaub zurückzu- die Verwirrung der Weihnachtsmarkt-
kehren. So finden sich im Oktober nur ein paar besucher damit noch nicht ausreichte,
Farbeier am ALDI in Winzerla - verbunden mit
Konsumkrittische Weihnachtsaktion

fordert eine Gruppe konsumkritischer


der Forderung europäische Agrarsubventi- Weihnachtsmänner Jenaer Bürger zum
onen zu stoppen. spenden auf. In den Jenaer Bibliotheken
Am 9. November ersetzten sieben Studenten prangen unterdessen kolumbianische
einige Pflastersteine auf dem Abbe-Campus Klebezitate in fast 3.000 Büchern, wäh-
durch Topfpflanzen und heißen damit studen- rend bis zu 800 Schüler für bessere
tische Neuankömmlinge willkommen. Einige Bildungsbedingungen demonstrieren.
Tage später prangt vom Unigebäude am Ernst- Zum Jahresabschluss versucht die Grup-
Abbe-Platz ein Transparent, welches mit Haus- pe “Denken macht schön” tausende
besuchen droht und damit zur Hausbesetzer- Weinachtsanhänger unter die Student-
demo in Erfurt einlädt. schaft zu bringen, muss aber schließlich
vor der Wegwerfwut der Uni-Wachman-
schaft kapitulieren.


“Wir sind zugleich rechts und links”
Widerstaendchen

A us gutem Grund bieten die meisten Medien Nazis keine Plattform für ihre Meinungen. Diesem Grundsatz ist auch die Unique ver-
pflichtet. Problematisch daran erscheint uns allein ein Umstand: Ein bestimmter Ausschnitt der gesellschaftlichen Realität bleibt
konsequent ausgesperrt. Die allgemeine Unkenntnis über die wahren Ziele und Strategien der rechten Szene birgt außerdem gewisse
Gefahren. Obwohl sich unsere Sympathien für Nazis in engen Grenzen halten und wir uns des enormen Risikos bewusst sind, ließen
wir ein Mitglied des „Nationalen Widerstands“ und der Jenaer NPD zu Wort kommen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten trafen wir
Emil G. (25)* zum Interview in einer gutbürgerlichen Jenaer Gaststätte.

Das Interview führten fabik und Luth sitionen so entschieden zurückweisen?


Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung unsere
Wofür kämpfst du? Positionen ablehnt. Die Medien zeichnen von uns ein undif-
Wie alle politischen Idealisten jeglicher Couleur für eine besse- ferenziertes Bild: „Der übliche Neonazischläger mit qualifi-
re und gerechtere Welt, das bedeutet: gegen den ausufernden ziertem Hauptschulabschluss, der sein Leben nicht auf die
Kapitalismus, gegen die Globalisierung, gleichzeitig für mehr Reihe bekommt und aus Minderwertigkeitskomplexen über
soziale Gerechtigkeit, den Erhalt der Kulturen und der Völker. Ausländer herzieht.“ Das Problem ist, dass wir die Schweige-
Sowohl regional als auch bundesweit versuchen wir das von und Hetzspirale der Systempresse durchbrechen müssen, um
den Medien nur verzerrt wiedergegebene Bild von uns in der den Bürgern zu zeigen, was wir wirklich sind.
Realität gerade zu rücken.
Du bist im NPD-Schulungszentrum in Alt-Lobeda aktiv,
Warum geben die Medien eure Inhalte und Aktionen, wie besser bekannt als „Braunes Haus“. Kannst du uns einen
du sagst, nur verzerrt wieder? Eindruck vom Leben und Arbeiten in dem Haus geben?
Da wir eine klare Opposition darstellen, versucht das System Ein Grundsatz des nationalen Wohn- und Schulungszentrums
natürlich uns außen vor zu halten. Damit lange genug die war von Anfang an, dass die Presse nicht ins Haus gelassen
an den Trögen bleiben, die momentan dort sitzen. Deswe- wird. Deshalb sehe ich mich nicht befugt diesen Grundsatz in-
gen werden die Medien instrumentalisiert, um unsere Ziele direkt zu umgehen. Wer an der Partei, am Umfeld oder an der
zu verklären. Kinder, die größeren Bewegung interessiert ist, kann in die Jenaische Str.
sich selber verstümmeln, 25 kommen, dort klingeln und bekommt die Informationen,
werden als Aufhänger ge- die er braucht.
nommen ein NPD-Verbot
zu fordern - ohne unsere Aber wir könnten es nicht?
Ziele zu erläutern. Soziales Als Privatperson könntet ihr dort hinkommen. Solange es kei-
Punkte aus unserem Pro- nerlei vorbelastende Dinge gibt, ist es kein Problem herein-
gramm hingegen werden zukommen.
nie aufgegriffen. Wenn ein
Mensch mit kurzen Haaren Das Braune Haus mit seinen verbarrikadierten Türen und
eine Straftat begeht, dann Fenstern steht sinnbildlich für die gesellschaftliche Stel-
wird daraus Hetze gegen lung der NPD. Warum kommen die Positionen der NPD in
die NPD. Überfällt ein SPD- der breiten Öffentlichkeit kaum an?
Wähler eine Tankstelle, Kann man von der Optik eines Asylantenheims darauf zurück
würde keiner auf die Idee schließen, dass dieses in der Gesellschaft nicht gewollt ist? Ich
kommen, die Sozialdemo- muss wieder das gleiche wie zuvor sagen: Unsere Positionen
kratie als verfassungsfeind- werden in der Öffentlichkeit falsch oder gar nicht dargestellt.
lich einzustufen.
Seit Jahrzehnten ist die NPD politisch isoliert und chro-
Könnte es sein, dass die nisch unterfinanziert. Sie dümpelt fast nur in Kreistagen
Menschen Angst vor ei- und Gemeinderäten herum. Gleichzeitig konnte die Linke
ner Wiederholung der in den letzten Jahren große Erfolge erzielen. Mit welchen
Geschichte haben, sollte Mitteln wollt ihr die Mitte erobern?
die NPD an Einfluss ge- Die Linkspartei hat momentan nur deshalb so einen Zuwachs,
„Seit meinem 14. Lebensjahr bin ich aus eige- winnen? weil sich die Menschen nach der Teilwiedervereinigung die
ner Überzeugung dabei. In meiner Grundschule Natürlich werden wir im- versprochenen „blühenden Landschaften“ erhofft hatten.
hatten wir einen Ausländeranteil von 75%. Es mer in historischen Zusam- Stattdessen wurden wir in diesen Turbokapitalismus mit hin-
war an der Tagesordnung, dass wir vom Schul- menhang mit der NSDAP ein gezogen, der uns zunehmend auch sozial aussaugt. Wir
hof rennen mussten, weil draußen das ganze gebracht. Fakt ist aber, dass machen den Leuten nun klar, dass es der falsche Weg ist, wie-
Fremdländische gewartet hat und uns verkloppt die NPD 1964 nicht aus der zu den Klassenkampfpredigern zu rennen. Wir müssen an
hat, weil wir Deutsche waren. Das waren so Altkadern der NSDAP her- die Menschen herantreten, ihnen unsere Ziele erklären. Der
Schlüsselerlebnisse in der Kindheit. Aber das ist vorging, wie es bei der SED Druck und die Repressionen, die gegen uns wirken, führen
nicht genau der Fakt, warum ich politisch aktiv und der Linkspartei der Fall dazu, dass bei uns nur wahre Idealisten sitzen und nicht Leu-
wurde. Ich hatte nie etwas mit dem "Skinhead- ist. te, die einfach nur ein gesichertes Einkommen in irgendeinem
tum" zu tun oder Kontakte zu irgendwelchen Landtag haben wollen. Bei unserer Arbeit im Kleinen sind wir
Nazis. Ich las viel über das Thema und bin dann Trotz allem werdet ihr wenigstens gezwungen Bürgernähe zu wahren.
irgendwann dazu gestoßen.“ von den Bürgern Jenas
mehrheitlich abgelehnt. Was ist mit Extremisten, Schlägern, Kriminellen?
* Name und Alter von der Redaktion geän- Was ist deine persönliche Wir leben in einer extremen Zeit und wir haben extreme Pro-
dert. Motivation, dich für die bleme vor uns. Extrem muss nicht schlecht sein. Wenn ich Ide-
Menschen einer Stadt alist bin, heißt das: Ich habe Ziele, an die ich glaube. Damit bin
einzusetzen, die eure Po- ich Extremist. Das macht mich aber nicht schlecht. Natürlich


Widerstaendchen
haben wir Extremisten in unseren Reihen und das ist vollkom- wert wie der deutsche Kamerad - nur dass der rumänische Ka-
men gut so. Hier in unserer Region haben wir keine Schläger. merad in seinem Land für die Etablierung des Nationalismus
Ob das bundesweit so ist, kann ich nicht beurteilen. kämpft.

Trotzdem gab es immer wieder Überfälle auf Ausländer Was bleibt von dieser Solidarität, wenn der rumänische
oder die Junge Gemeinde in Jena. Du warst selbst beteili- Kamerad als Asylbewerber ins Lobedaer Wohnheim
gt an einer Aktion während der Gründungsversammlung kommt?
des Aktionsnetzwerkes gegen Rechts. Das ist etwas, was wir nicht nachvollziehen können. Wir seh-
Ich war bei keinem Überfall oder sonst irgendwas dabei. en auch, dass es in Deutschland bergab geht und es immer
schwerer wird sich eine weitere Zukunft zu erkämpfen. Des-
Wie weit darf es denn gehen, welche Mittel sind legitim? wegen ziehen wir nicht den Rückschluss feige ins Ausland zu
Uns werden demokratische Mittel verwehrt. Wir bekommen gehen, während das Heimatland zugrunde geht. Jeder bleibt
kein Podium, um uns zu erklären. Das Aktionsnetzwerk ver- dort, wo er geboren wurde, und kämpft dafür, dass es dem
sucht Lügen über uns zu verbreiten und uns nicht zu Wort Volk dort besser geht.
kommen zu lassen. Wir sind stattdessen der Meinung: lieber
miteinander, als übereinander reden. Gewalt ist definitiv kein Kaum eine Veranstaltung in Jena hat in den letzten Jahren
legitimes Mittel, egal in welcher Situation. Aber die Frage ist, mehr Menschen auf die Straße gebracht als die Gegenver-
was als Gewalt angesehen wird? Uns wird definitiv auch Ge- anstaltungen zum sogen. „Fest der Völker“. Wie erklärst
walt angetan, indem in den Medien über uns gehetzt wird, Du Dir das?
Namen veröffentlicht werden, Lügen erzählt werden und wir Ich denke, ein Großteil dieser Menschen wollte sehen, wie es
in eine Position gedrängt werden, in der wir gar nicht sind. bei uns und wie es auf der Gegenveranstaltung aussieht. Na-
Das ist auch eine Form von Gewalt, der Versuch uns die Exis- türlich wurden sie der Gegenveranstaltung zugerechnet, weil
tenz zu entziehen. sie sich aufgrund der Polizeikontrollen nicht trauten bis zu uns
vorzudringen.
Provozierend ließe sich behaupten, dass sich „Antifa“
und „Nationaler Widerstand“ in den letzten Jahren immer Also bestanden die Gegenveranstaltungen bloß aus Nazi-
weiter annähern: Kapitalismus- und EU-Kritik, soziale Ge- Sympathisanten und Schaulustigen? Glaubst Du das wirk-
rechtigkeit, Dresscodes, internationale Solidarität. Macht lich?
ihr letztendlich dasselbe? Natürlich ist es auch Fakt, dass uns ein Großteil der Leute -
Zuerst ist die Frage so nicht richtig. Seit seinen Anfangsjahren wahrscheinlich aufgrund der Medienhetze - bekämpfen woll-
hat der Nationale Widerstand Kapitalismuskritik geübt. Die ten. Sie denken, wir würden einen neuen Holocaust auslösen
EU ist nichts weiter als die verwaltete Globalisierung auf eu- - oder anderen Schwachsinn. Wären die Repressionen für die
ropäischem Gebiet. Wir haben keine Dresscodes im Sinne von Gegenseite genauso stark, würden wir quantitativ weitaus
„Du musst Glatze haben!“ oder „Du musst rumlaufen wie ein besser abschneiden. Auch das ist Fakt. Ich denke nicht, dass
Autonomer!“. Warum sollten wir uns bewusst abgrenzen und ein Großteil der Gegenseite davon überzeugt ist, dass wir die
subkulturell verhalten, obwohl wir doch eigentlich Wahrer der falschen Positionen und Ziele haben.
deutschen Kultur sind? Wenn Kapitalismus und Globalisie-
rung international sind, kann die Lösung nur national sein. In Vielleicht ängstigt viele Demonstranten die Vorstellung,
national geschaffenen Räumen müssen wir die Reglementie- eines Tages wieder braune Schlägertrupps durch Jena
rungen schaffen, um den Kapitalismus einzugrenzen, um eine marschieren zu sehen, sich nicht frei bewegen zu können
soziale Politik möglich zu machen. Wir bekämpfen die glei- und Angst um ihre ausländischen Freunde zu haben!?
chen Symptome, aber mit unterschiedlichen Zielen. Wir sind Welche politische Seite zieht mit Schlägertrupps durch die
viel größeren Repressionen ausgesetzt als linke Jugendliche, Stadt? Das ist definitiv nicht die nationale Seite.
die vom Staat hofiert werden. Deren Veranstaltungen werden
unterstützt und polizeilich weit weniger angegriffen. Zu uns In den letzten Jahren konntet ihr durchaus einige Er-
kommen 16-jährige, die dem Druck nicht lange standhalten folge verbuchen. Das „Fest der Völker“ ist einigermaßen
Das ist bei der Linken natürlich anders, wo Du wohl behütet etabliert, auch das „Braune Haus“ steht immer noch. Wie
politisch agieren kannst. schätzt du die Entwicklung der Jenaer Szene ein?
Wir konnten Arbeitskreise etablieren, die immer professio-
Ist das nicht frustrierend? Kommt man nicht irgendwann neller werden. Wir haben einen hohen akademischen Zufluss.
an den Punkt, wo man denkt: „Leckt mich doch alle!“? Die Etablierung des Fest der Völker bringt die Medien in Er-
Ganz im Gegenteil! Wenn man den Gegenwind spürt, dann klärungsnot. Wie kann ich erzählen, dass Neonazis Skinheads
weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist bzw. dass man sind, die am liebsten Ausländer verkloppen, dann aber mit
in die richtigen Wunden gestochen hat. Die Repressionen, die ausländischen Kameraden dieses Fest begehen?
mir heute entgegen schlagen, nehme ich lieber in Kauf, als
keine Zukunft zu haben. Wie sähe das Land aus, in dem Du leben möchtest?
Kurz gesagt: Wir würden Politik fürs eigene Volk machen und
Die NPD warnt seit jeher vor einer „Überfremdung“ der nicht für das Wirtschaftskonglomerat EU. Das freie Spiel der
deutschen Gesellschaft. Gleichzeitig findet in Jena schon Kräfte wird niemals zum sozialen Wohl des Volkes führen, son-
seit 2005 das sogen. „Fest der Völker“ statt. Wo beginnt dern immer nur zum Wohl einiger Weniger, die über andere
und wo endet für euch internationale Solidarität? - ihre Arbeitssklaven - herrschen.
Alle Völker in Europa leiden unter dem sozialen Kahlschlag,
unter Turbokapitalismus und Identitätslosigkeit durch zu- Klingt ziemlich links ...
nehmende Überfremdung. Deshalb solidarisieren wir uns mit Wir versuchen auf nationalem Wege soziale Politik zu machen.
den europäischen Mitstreitern und unterstützen sie in ihrem Wir sind zugleich rechts und links.
Kampf in ihrem Land. Wir kämpfen gemeinsam für Souverä-
nität, jeder in seinem Land für einen Nationalismus. Das ist Vielen Dank für das Gespräch.
kein Widerspruch. Den Rassismus, der uns nachgesagt wird,
den gibt es nicht. Der rumänische Kamerad ist genauso viel Das vollständige Interview im O-Ton findet ihr auf
www.unique-online.de


Widerstaendchen

Ein Platz an der Sonne


Moderner Aktivismus leicht gemacht
von Yeke der Podiumsdiskussion der Sozialde- vielleicht der Punkt, wenn die Vortrags-
mokraten trifft man sie in der Orts- oder reihen über Kindersoldaten und unter-

U
nterschriften sammeln für po- Hochschulgruppe der NGO ihres Ver- drückte Tibeter einsetzen. Das gern ge-
litische Gefangene in Indien, trauens. Allein Amnesty International, hörte studentische Argument, welches
Weiterbildung beim Vortrag eine solche Nichtregierungsorganisati- mit dem Aufpolieren beginnt und dem
über Kindersoldaten in Sierra Leone on, die sich gegen Menschenrechtsver- Lebenslauf endet, hängt wohl zusam-
und als Garnierung eine Demo gegen letzungen weltweit einsetzt, zählt nach men mit der Wahrnehmung solcher
die geplante Autobahn durch die wun- eigenen Angaben 2,2 Millionen interna- Aktivitäten. Was haben schon deutsche
derschöne Heidelandschaft. Gemeinhin tionale Mitglieder. In Deutschland seien Studenten mit den Belangen anderer
stellt man sich die Hobbies des moder- 700 ai-Gruppen aktiv. Ganze 100.000 Völker zu schaffen? Sich als politisch

Zwar kein Gulag, bietet aber trotzdem


genug Möglichkeiten für gutmenschliche
Betätigungsfelder aus sicherer Entfernung:
US-Gefangenenlager Guantanamo Foto: U.S. Departement of Defence

nen Aktivisten Augen rollend so vor. „Unterstützer“ soll es hier geben. Sie informierter, guter Mensch zu fühlen?
Wenn es sich nicht gerade um die wa- sind unter uns. Gegen Folter und Todes- Dafür ist es hilfreich. Das ist mit einer
gemutigere Variante des G8-Touristen strafe setzen sie sich ein; für den Schutz Gruppe Gleichgesinnter von vornherein
handelt, der auch schon mal den ein von MigrantInnen und Flüchtlingen; für einfacher. Mit einer global agierenden
oder anderen Knüppelhieb einstecken die Freilassung gewaltloser politischer Organisation im Rücken, deren Infor-
muss. Gefangener. Die Liste geht noch weiter. mationsnetzwerk für Broschüren, Hin-
Wem die Umwelt am (grünen) Herzen tergrundinformationen und finanzielle
Gegen Öl und Atomkraft, für Frieden liegt, zieht es zu Greenpeace. Die führen Unterstützung sorgt, ist Aktivismus
Ungeachtet der allgemeinen Einschät- auf ihrer Homepage 14 Themenbereiche noch kein Kinderspiel, aber eine vorge-
zung, früher sei „alles besser“ gewesen, auf: „Öl“, „Energie“, „Atomkraft“... Für den gebene Struktur dieser Art ist ein nicht
früher – etwa vor rund 40 Jahren - sei die „Frieden“ ist Greenpeace auch. „Krieg ist zu unterschätzender Anreiz.
Jugend noch auf die Straße gegangen, kein Mittel zur Lösung von Konflikten“
wenn ihr etwas nicht gepasst hat, ver- heißt es da. Gut zu wissen. Zahlen und Informationen sind vor-
sinkt eben diese nicht im H&M-Rausch.
gefertigt
Zumindest nicht nur. Neuestes Beispiel
Aus sicherer Ferne, der Sonnenseite
ist der Schülerstreik im November. Stadtwald oder Asylantenheim? unserer Gesellschaft, kann so jeder mit-
Die oben beschriebene Aktivistenspe- Nicht immer bietet sich der örtliche
helfen, die Welt zu verbessern und das
zies findet sich heute auch unter Teen- Stadtwald oder das Asylantenheim
brennende schlechte Gewissen gleich
agern und Mittzwanzigern. Anstatt in nebenan zur Aktion an. Das ist dann
mit abzukühlen. Auf dem Erdball Opfer

10
Widerstaendchen
Straßenumfrage:

“Wofür kämpfst du?”


auszumachen, ist schließlich ein erster Marco (26), studiert im 3. Semester Aus- Anne (24), studiert im 8. Semester Poli-
Schritt auf dem Weg zur (Ein-)Ordnung landsgermanistik (DaF) tik und Jura
des Weltgeschehens. Wenn es Opfer “Man muss für die Verwirklichung seiner ei- "Für Gleichheit, Gerechtigkeit und Humani-
gibt, sind Täter ja nicht weit. Unverse- genen Träume kämpfen – auch gegen Wider- tät."
hens stehen einem schon zwei Katego- stände. Ich selbst habe im Ausland nur so ein
rien zu Diensten, um Konflikte in allen Praktikum bekommen können.” Romi (24), Pferdezureiterin in Burgau
Erdteilen zu durchschauen. Dass die "Auf dem Weihnachtsmarkt gab es bloß so
Informationen und Zahlen vorgefertigt Prof. Dr. Eberhard Zehendner, arbeitet eine plumpe Imitation, deshalb kämpfe ich
und, wie die Vergangenheit gezeigt am Institut für Informatik für eine richtige Geistervilla."
hat, nicht unfehlbar sind, wird mit dem
Gründungsakt der jeweiligen Ortsgrup- Mariana (21), studiert im 6. Semester
pe akzeptiert. Wenn das Guantanamo- Werkstoffwissenschaft
Lager mit den sowjetischen Gulags “Es lohnt sich nicht für etwas zu kämpfen,
verglichen wird, in denen immerhin fast weil der Einzelne allein sowieso nichts bewe-
20 Millionen Menschen den Tod fanden, gen kann. Auch glaube ich nicht an Hilfsor-
zeigt sich, dass auch die Öffentlichkeits- ganisationen wie Unicef, weil man nie weiß,
arbeit einer Menschenrechtsorganisa- ob die Unterstützung überhaupt ankommt.
tion vor vereinfachten, aber publicity- Einige von denen sind korrupt. Aber sonst
wirksamen Freund-Feind-Zuordnungen sollte man sich gegen Armut engagieren,
nicht gefeit ist. weil das ein ziemlich großes Problem in mei-
ner brasilianischen Heimat ist. “
Menschenrechtscharta statt Mao-Bi-
Roman Gherman (22), studiert Politik
bel
Dabei bleibt das Anziehende dieser Art
von Engagement die nicht unumstrit-
tene Ideologiefreiheit. Die Mao-Bibel
wird ganz einfach durch die Charta
der Menschenrechte ersetzt. In Zeiten
rückläufiger Mitgliedszahlen der Volks-
parteien und einer allgemeinen Politik-
verdrossenheit scheint die Utopie einer
nicht genauer definierten besseren Welt
"Ich engagiere mich ehrenamtlich bei ver.di
noch der kleinste gemeinsame Nenner
in Sachen Hochschulpolitik und demonstriere
zu sein. Der wohlmeinende Beobachter
heute hier auf dem Campus gegen die Tarifpo-
belächelt vielleicht den Idealismus. Der
litik des Landes. Außerdem will ich zeigen, dass
Zyniker nimmt das Sprichwort mit dem
man auch als Professor eine Position öffentlich
Kampf und den Windmühlen in den
vertreten kann - anstatt sich still zu ärgern. Die
Mund. Und der Rest mag sich von den
Reallöhne der Hochschulbeschäftigten sinken
Plakaten und Flyern genervt abwenden
immer weiter. 2004 gab es die letzte Lohner- "Ich kämpfe für meine universitäre und poli-
oder nicht. Die Kampagnen von Um-
höhung um 2,9%, seitdem hatten wir jedoch tische Freiheit und für die Liebe."
weltschützern und Menschenrechtlern
eine Inflation von über 9%. Darunter leiden
sind nicht zu missen wollende Mittel
dann am Ende auch die Studenten, denn Sue (22) , studiert im 5. Semester Por-
zur Aufklärung und Erzeugung eines
das hat zum Beispiel zur Folge, dass man für tugiesisch
Diskurses innerhalb der Öffentlichkeit.
bestimmte Stellen keine wissenschaftlichen “Ich kämpfe gegen Ungerechtigkeit und
Sind aber Überschriften zu lesen, wie
Mitarbeiter mehr findet. Ihnen ist das Gehalt Armut. Als Portugiesischstudentin war ich
„Google: Don‘t Be Evil“ oder dicke Blitz-
hier zum Leben nicht genug. Dadurch fallen schon einmal in den Armenvierteln in Belo
symbole zu sehen, die bei einem Exper-
Lehrveranstaltungen komplett weg oder ihre Horizonte und habe dort mit Kindern gear-
tenvortrag Konflikte symbolisieren sol-
Qualität leidet, da alle zwei Jahre jemand neu beitet. Dabei habe ich gesehen, dass Armut
len, dann ist das Rollen mit den Augen
eingearbeitet werden muss." dort ein großes Problem darstellt, welches
leider angebracht.
gelöst werden muss.”
Eduard Schmelztiegel (31), studiert das
Leben im 62. Semester Stefanie Schmal (25), studiert im 7. Se-
"Das eigene Infragestellen ist der größte mester Geografie
Kampf und das beginnt schon mit dem mor- "Ich kämpfe für bewegungsfreie Räume, für
gendlichen Aufstehen. Der Kampf gegen die Solidarität mit den unterdrückten Völkern
Grenzen im Kopf, die Einheit von Gedanken Palästinas und Israels - und für Gleichbe-
und Erde, um schließlich Teil der Erde zu wer- rechtigung kämpfe ich auch."
den. Dazu verteile ich Flyer."

11
Widerstaendchen

"Schreibt ja nicht, ich wäre gegen Gewalt!"


Das Interview führten fabik und Bergi nen großen Ideenstreit darüber gibt, was denn eine sinnvolle
Gesellschaftsform wäre. Ich bin zu 60-70% der Meinung, dass
Wofür kämpfst du? die Demokratie die beste Gesellschafts- oder Regierungsform
An und für sich soll es ja keine blöden Fragen geben. Wofür ist. Aber es gibt auch andere.
ich kämpfe, womit ich kämpfe... Mit meiner Müdigkeit, mit
meiner Lahmarschigkeit vielleicht auch. Ansonsten kämpfe Manche sind der Meinung, dass der Einfluss der JG auf die
ich, hoffe ich, beim Fußball. Da halte ich das auch für sinnvoll Jugend in den letzten Jahren abgenommen hat...
und wichtig, dass man rangeht, alles dranlegt und die Zähne Ja, auf alle Fälle hat der abgenommen. Dass es die JG über-
zusammenbeißt. Um das Leben sollte man nicht kämpfen, haupt gibt, ist sowieso ein kleines Wunder. Wichtig scheint
Leute. Das ist einfach unsere Dummheit. Das Leben ist ein- mir im Moment, dass wir bei all den Sachen, die in der linken
fach da, und es kommt wie es ist. Da scheint die Sonne und Szene momentan ablaufen, ein Stück Korrektiv sein können.
morgen regnet es - und das ist wunderschön. Mein Leben ist Konkreter: Als 2000 die Antideutschen aufkamen. „Linke“
unser Leben, geschenktes Leben, und da brauche ich nicht zu sind, wenn es um Israel und Palästina geht, traditionell mehr
kämpfen. auf der Seite der Palästinenser. Wegen Israel als großem Able-
ger der USA, dem Vertreter des Imperialismus...
Es gibt kaum eine Demo in Jena, wo man dich nicht im
Lautsprecherwagen antrifft. Was motiviert dich immer Kannst du sagen, wie du persönlich zu solchen Positionen
wieder auf die Straße zu gehen? stehst?
Aus Verantwortlichkeit oder Pflichtbewusstsein nehme ich Ach, die Antideutschen hatten bei uns ja keine große Chance.
immer wieder an Demos teil. Es ist die Aufgabe immer wieder Wir waren schon längst in Israel, da wussten die noch nicht
diese Gradwanderung mitzumachen, in den Aktivismus rein- mal, wo das liegt.
zukommen und nicht immer das Andere zu sehen. Mit dieser
Selbstkritik oder Systemkritik waren wir in den 1970ern so- Aber sie sind ja schon sehr präsent. Es gibt kaum eine
wieso weiter. Systemkritisch heißt: Was für eine Rolle nehme Anti-Nazi-Demo wo man nicht aufpassen muss, plötzlich
ich da wahr in dem Ganzen, was macht wiederum die Gruppe, vor einer Israel-Flagge zu stehen...
in der ich bin, und was hat das für ein Sinn? Bringt das was? Die größte Israel-Flagge haben wir! Die Antideutschen ver-
treten ein ganz wichtiges Anliegen, das in der linken Szene
Wie lautet deine Antwort auf die Frage, was das bringt? jahrzehntelang einfach verdrängt worden ist. Weißt du, diese
Bestimmte Sachen müssen gemacht werden. Ob das was Schwarz-Weiß-Malerei... Ich sehe nur eine Gefahr bei den An-
bringt oder nicht, ist erstmal scheißegal. Wenn Faschos hier tideutschen: dass sie umgekehrt auch wieder diese Schwarz-
auf die Straße gehen, bin ich der Überzeugung, dass ich ir- Weiß-Malerei betreiben. Auf gut deutsch könnte man sagen,
gendwas machen muss. Da hab‘ ich gar keine Chance. da sind ganz schöne Spinner dabei. Aber ich spinne auch oft
genug. Ich halte das erstmal für eine große Gefahr in der lin-
Ist der Rechtsextremismus hier in Jena und in Deutsch- ken Szene. Da sind hier die einen und da die anderen und dort
land das zentrale Problem? noch eine Abspaltung...
Nein, ach, kein zentrales Problem. Völlig nebensächlich.
Werden die heutigen Einflussmöglichkeiten der JG durch
Warum engagierst du dich dann gerade dort? solche Gruppenabspaltungen beschnitten?
Viele Probleme, die wir hier in der Welt haben, laufen da zu- Wir sind hier ein ganz kleines Ding, ein kleines Jugendzent-
sammen und das Ergebnis ist eben Rechtsextremismus. Das rum, nichts besonderes. Ich hoffe, dass wir ein bisschen Ein-
Grundproblem ist, dass wir „Linken“ in den 1980ern die Mei- fluss nehmen können, solange es uns gut geht.
nungsführerschaft abgegeben haben. Was soziale, gesell-
schaftliche und politische, insgesamt die Probleme in der Welt Erzähle uns doch bitte etwas Persönliches von deinem
anbelangt. Wichtig ist, dass es immer wieder Menschen gibt, "aktivistischen" Werdegang.
die den Finger drauf legen. Das ist das, was die Rechten seit (lacht) Was heißt denn aktivistisch?
den 1990ern machen. Wir haben hier faktisch aufgegeben.
Ich fühle mich manchmal fast wie der große Verteidiger die- Wie bist du zum Beispiel zur JG gekommen?
ser Demokratie - und die Rechten legen den Finger auf die Wisst ihr, mein großes Glück als Jugendlicher in der Zeit der
Probleme, die diese Gesellschaftsform mit sich bringt. Da ballt 1968er war - geprägt u. a. durch die Musik und zwischen uns
sich etwas zusammen. Es sind ja nicht nur einfach Wirrköpfe, Langhaarigen - dass wir es so wahrnahmen, als ob eine Tür
das wäre zu einfach gesagt. Umgekehrt ist es so, dass es kei- aufging um uns den Weg zu zeigen, den wir gehen sollten.

12
Widerstaendchen
Dass wir nur Wenige waren, hat uns nicht interessiert, denn lösten Ängste ... wie mit einem großen Pflug wird hier alles
wir haben zusammengehalten. Man hat sich ja sofort erkannt. umgeschaufelt. Es wird also auch wieder vermehrt diese Rat-
Wenn jemand eine bestimmte Haarlänge hatte, hast du so- tenfänger geben. Die einen suchen bei den Rechten Halt, an-
fort gewusst, der hat soundsoviel Probleme. Dass er trotzdem dere bei den Linken. Und so wird das alles weitergehen. Wie
so lange Haare hat, ja ... ganz irre! Du warst sofort auf einer genau, das weiß doch keiner.
Wellenlänge - eben eine richtige Bewegung. Das ist verfüh-
rerisch, aber es hat natürlich auch Spass gemacht. Das ist für Anfang des Jahres gab es einen Überfall auf den stell-
mich heute hilfreich, wenn ich mit Rechten zu tun habe. Die vertretenden NPD-Landesvorsitzenden Ralf Wohlleben.
kann ich nur als Bewegung verstehen. Was wir damals gelernt Auch gegen das "Madley" richteten sich mehrere, teils ge-
haben, war, auf dieser Bewegung zu schwimmen und nicht waltsame Aktionen. Welche Mittel sind im „Kampf“ gegen
nur ideologische Schneisen zu schlagen. Das war auch wich- Rechts legitim?
tig. Dieses Miteinander, das war das Irre. Und mit dem Jesus „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkom-
dazu, da hast du eigentlich alles, was du brauchst, um durchs men“, sagt der Herr Jesus - das ist nach wie vor das Genialste
Leben zu kommen. und Wichtigste. Ich muss wissen, dass ich, sobald ich Gewalt
anwende, davon verändert werde - und zwar im Negativen.
Die JG war in der Vergangenheit öfters Ziel von Nazi-Über- Allerdings: Sobald ich als Mensch auf dieser Erde bin, übe ich
fällen. Hast du manchmal Angst vor den Konsequenzen Gewalt aus. Ich komme aus dieser Problematik nicht heraus.
deines Engagements? Ich habe mein ganzes Leben lang mit Gewalt zu tun und wir
Es ist komisch, aber ich habe wenig Angst. Das macht mir verniedlichen das Problem, wenn wir sagen, die einen wären
schon manchmal Angst, dass ich keine habe. Wenn wir in der gewalttätig, die anderen nicht. Wenn der Straßenverkehr hin
JG nur „nett“ zueinander wären, würde ich keinen Pfifferling und her braust und die Oma kommt nicht über die Straße,
drauf geben. Aber es gibt hier schon auch ne Menge Streit. dann ist auch das Gewalt - und keinen interessiert es. Ich kann
Die Gruppe zeigt, dass sie tragfähig ist und etwas aushalten mich doch nicht hinstellen und sagen: "Ich finde es gut, dass
kann. Und wenn einer aus der Gruppe angegriffen wird, ist er Gewalt ausgeübt wird!" Daher erstmal nein, keine Gewalt.
nie alleine. Angst bekommt man, wenn man unsicher ist, was Und wenn sich jemand zur Gewalt entschließt, dann hoffe ich,
seine Leute anbelangt. dass er eine Gruppe hat, in der er aufgefangen wird. Sonst ver-
zehrt es ihn, macht ihn kaputt. Ich hab‘s aber auch erlebt, dass
Trotz eures und anderer Engagements kann man sagen, in den 1990ern die Punks draußen vor der JG saßen und sich
dass die Nazis in Jena in letzter Zeit schon einige Erfolge über Gott und die Welt gefreut haben. Dann sind zwei oder
verbuchen konnten. Was meinst du, woher der plötzliche drei kampferprobte Faschos rein. Allein ihr Auftreten hat al-
Auftrieb für die Rechte? les verändert. Wer nicht abgehauen ist, hat eins auf die Fresse
Das ist eine wichtige Frage, die ich schon vorhin versucht hatte gekriegt. Und wenn sie [die Punks - Anm. d. Red.] abgehauen
zu beantworten. Es ist den Faschos gelungen, die Meinungs- sind, war das vorbei, was ihnen wichtig ist. Sie konnten ma-
führerschaft im Bezug auf Probleme unserer Gesellschaft chen, was sie wollten. Damals hatten wir eine große Diskus-
aufzugreifen und zu übernehmen. Sie benennen Sachen, die sion über „gewalttätig sein“ oder nicht. Da sind dann Leute
schlicht und einfach nicht hinhauen - die wir auch selber wis- gewalttätig geworden und haben die Faschos angegriffen.
sen! Eigentlich müssten auch wir konsequenterweise sagen: Aber ansonsten hat es auch niemanden interessiert. Ich stelle
"Hey, dieses kapitalistische System geht nicht mehr, es muss mich nicht hin und sage: "Das darf man nicht!" Diejenigen, die
abgeschafft werden!" zur Gewalt greifen, sind in der Regel hilflos und wissen nichts
anderes zu machen, weil sie sich nicht um das eigentliche Pro-
Das sagen die Faschos auch... blem kümmern.
Eben. Aber ich sage das nicht. Oder ich sage es viel, viel lei-
ser, weil ich weiß, dass das kapitalistische System mit unserem Du bist nicht nur Aktivist sondern auch Pastor der JG. For-
Neid, mit unserer Schlechtigkeit und Missgunst so geschickt dert es der Glaube an Jesus sich zwangsläufig politisch
umgeht und den Eindruck vermittelt: "Wenn du hier mit- einzumischen? Anders formuliert: Wo siehst du Konflikte
machst, kommst du nach oben oder mit dem Arsch an die zwischen deinen beiden Aufgaben?
Wand!" Und viele machen das mit. Die Unverantwortlichkeit Lobgesang der Maria: "Er wird den Mächtigen vom Thron
unserer gesellschaftlichen Verantwortungsträger, das sind wir stürzen." Punkt. Ich bin ja völlig unpolitisch, der Jesus haut mir
alle, das ist doch das Haarsträubende. ständig solche Dinger vor den Latz und ich weiß nicht mehr,
was ich damit anfangen soll. Die Leute gleich vom Thron stür-
Aus der „Fascho-Ecke“ kommen immer mal wieder unmo- zen? Oder wenigstens so ein wenig und dabei nicht zu viel
ralische Angebote nach dem Motto: „Wir kämpfen doch Mist bauen - im Sinne von Jesus? Ich erschieße niemanden,
gegen die selben Sachen - warum schließen wir nicht ein ich stürze niemanden vom Thron, aber so ein bisschen ver-
Zweckbündnis?“ suche ich Christ zu sein - so gut es halt geht!
Das ist ja gar nicht so falsch. Viele von den Forderungen,
die sie aufstellen, sind völlig OK. Aber ich sag an dieser Stel- Was sagst du zu den Leuten in Jena, die dich wohl eher
le auch: Mit ihrem ganzen rechten Zeugs, Schlesien und so scherzhaft als „Hassprediger“ bezeichnen?
weiter, habt ihr bei mir keine Chance, weil ich das noch viel Dann wissen sie nicht, wovon sie reden. Vater sei barmherzig
schärfer benenne als ihr. Was da in Ostpreußen für Ungerech- denn sie wissen nicht, was sie tun oder so. Komm, das sind
tigkeiten passiert sind, das muss man auch vielen Linken erst- auch nur Menschen.
mal beibringen. Wenn menschliches Leid geschieht, dann soll
ich den Finger drauf legen. Da gibt es weder rechts noch links Vielen Dank für das Gespräch.
- aber das machen die Faschos nicht.
Das vollständige Interview im O-Ton findet ihr auf
Was glaubst du, wie wird die Entwicklung in Jena zwi- www.unique-online.de
schen den Polen engagiert und teilnahmslos, links und
rechts, weitergehen?
Das wird alles so weitergehen. 5 - 15% Rechte sind in unserer
Zeit völlig normal. Auch die durch die Globalisierung ausge-

shipsam 13
Impressum
LESERBRIEFE UNIQUE ist eine unabhängige Hochschul-
zeitung, die sich mit inter- und subkultu-
Glaubenskritik? in Unique rellen Fragen auseinandersetzt. Sie wird von
Stefan Beyers veröffent- erhält?
44 licht wird, ohne seine Mei- Dass so eine Kneipenschau
der Redaktion drei- bis viermal im Semester
von Markus Löffler nung wenigstens in den recht subjektiv geschieht, veröffentlicht. UNIQUE wird getragen von
Vor einiger Zeit las ich zum Kontext, von dem er sich ist klar. Wenn man aber ei- den Studentenräten der FSU und FH, dem
ersten Mal die Unique abhebt, einzuordnen. Am nen echten Einblick geben Rektor der FSU Jena sowie dem Akade-
Jena, die Ausgabe vom schlimmsten jedoch emp- und den Charakter eines mischen Auslandsamt der FSU Jena. Bei
November 2008. Seitdem finde ich das Angebot der Lokals erfassen will, sollte allen Unterstützern möchten wir uns recht
wollte ich der Redaktion Redaktion auf Seite 3 sich man ordentlich recherchie- herzlich bedanken. Unsere Redaktionssit-
eine Email schreiben, aber "auf der Rückseite einen ren! Also in diesem Fall ein- zungen finden jeden Donnerstag um 18.00
unliebsame persönlichen Plüschmessi- fach mal den Laden öfter
Uhr im Haus auf der Mauer, Johannisplatz
as" selbst auszuschneiden. bzw. zur normalen Knei-
26, statt. Interesse? Komm einfach vorbei.,
Haben Sie bitte penzeit besuchen. Wann
bitte, lieber Jura, warst du wir freuen uns auf dich!
im Rossini? Um 11 Uhr
Angelegenheiten oder was? Nachmit- Herausgeber:
schiebt man vor sich her - tags um 13 und UNIQUE-Redaktion/ Int.Ro
aber besser spät als nie. Ich Verständnis, 15 Uhr ist Johannisplatz 26, 07743 Jena
finde es gut, dass es in Jena wenn ich diese Verzer- richtig Tel.: 03641/930996
diese Zeitung gibt, die sich rung des jüdischen und was los und am Abend so- Fax: 03641/930995
"mit inter- und subkultu- christlichen Messiasglau- wieso... Ich jedenfalls wur-
E-mail: uniqueredaktion@gmx.de
rellen Fragen auseinander- bens als antisemitisch und de am Abend auch schon
Webseite: www.unique-online.de
setzt." Auch habe ich in der antichristlich verurteile. wieder weggeschickt, weil
zweiten Hälfte der Zeitung es total überfüllt war und
viele Artikel gefunden, die keine Plätze mehr frei... Chefredaktion:
...doch in den Himmel?
diesem Anspruch sehr un- Das ist ein Manko, was du Fabian Köhler (fabik) - V.i.S.d.P.
Oder wie oder was? zu
terschiedlich, aber durch- erwähnen hättest sollen.
aus angemessen gerecht "Am Ende kommen Chris- Stattdessen schreibst du Redaktion:
werden. Auch das Thema ten" das ganze Gegenteil!! Alexandta Enke, Alice Ruddigkeit, Carola
"Glaubenskrise" fand ich von Christian Scheven PS.: Vorsicht ist auch ge- Wlodarski, Christoph Matiss, Claudia Dahl,
gelungen, da es gerade Es ist eine Apologie des boten bei den Beurtei-
Frank Kaltofen, Heike Fröhlich, Jenny Jecke,
im interkulturellen Dialog Unglaubens, was Jenny lungen anderer Lokale. Es
Jura Hölzel, Lutz Granert, Lutz Thormann
eine wichtige Frage dar- uns da präsentiert. Ihr Fa- geht ganz schnell und du
stellt. Was allerdings die zit: "Wer seinen Unglauben hast eine Klage am Hals (Luth), Ralf Rohmann (gonzo), Sebastian
Umsetzung dieses Themas bestätigt sehen will, sollte wegen Beleidigung (Bsp.: Schieweck, Stefan Berke (Bergi), Stefan Bey-
betrifft, bin ich schlicht einen Gottesdienst aufsu- Boheme-Contra). Immer er (Arni), Thibaut Boeder (ThiBo), Turian
entsetzt. Obwohl mir Re- chen." Das hat gesessen! schön journalistisch sau- da Silva
ligionskritik nicht unbe- Auch bei mir. Aber ratet ber und objektiv arbeiten, Lektorat: Carola Wlodarski, Christoph Matiss,
kannt ist, hätte ich es nie mal, wo ich diese Passage mein Lieber! Lutz Granert, Lutz Thorman
für möglich gehalten, dass (neben einigen anderen) Bilder: Redaktion, sofern nicht im Einzelnen
sie in einer deutschen Stu- gehört habe? Heute im
anders angegeben
dentenzeitung der Gegen- Gottesdienst!
Onlinebetreuung: Jenny Jecke
wart auf diese abstoßende
Weise geführt wird. Zum Druck: Schöpfel, Weimar
Zur Kneipenkritik in der
einen stört mich, dass die Auflage: 3.000 Exemplare
Unique 44
dem Titel folgende Aus-
von Jeanette Loretta Bütt-
einandersetzung mit dem Wir freuen uns jederzeit über eingereichte
ner
Glauben im religiösen Artikel und Fotos von außerhalb. Es besteht
Sinne nicht erfolgt, son- Ich bin als Studentin in ei- jedoch keine Veröffentlichungspflicht. Ano-
dern der Glaube zum lee- nigen Lokalen Jenas schon nym eingesandte Manuskripte können
ren Aufhänger für system- unterwegs gewesen. Im
leider keine Beachtung finden. Nament-
kritische Artikel gebraucht Kneipenkatalog, den Jura
lich gekennzeichnete Artikel müssen nicht
wird, wie bei "Adam Smith Hölzel erstellte, stelle ich
wiedergekäut" oder "Zum aber ein paar Unstimmig- der Meinung der Redaktion entsprechen.
Gottesdienst in die Mall", keiten fest. Das Mangos Die Redaktion behält sich die Kürzung der
aber auch in den dem Be- hat erst am Abend auf... ein Leserbriefe vor. Für den Inhalt von Anzei-
griff unangemessenen Kur- Manko! Und das Ambiente: gen ist die Redaktion nicht verantwortlich.
zinterviews "Erstis in der naja... Wo bitte ist das exo-
Glaubenskrise". Weiterhin tisch!? (stattdessen im Con-
stört mich, dass die einzige tra: "Fehlanzeige"). Beson- Kritik, Anmerkungen, Lob-
christliche Position von ders fällt mir auf, dass das preisungen und Drohungen
der in Deutschland nicht Rossini als Contrapunkt ein bitte an:
repräsentativen Position "meistens is(s)t man allein" uniqueredaktion@gmx.de
Die andere Meinung...

Und Sonst?
von Thomas Koch

H
allo, mein Name ist Luca. Ich bin heute 6 Jahre alt.

Der dritte Weltkrieg Ich würde bald in die Schule kommen, wenn ich
für meine Mama und meinen Papa damals nicht
gerade zu einer ungünstigen Zeit gekommen wäre.
Es ist Krieg. Nur anders als wir es uns jemals vorgestellt
haben. In diesem Krieg gibt es nur Verlierer. Wir sind Op-
fer und Täter gleichzeitig. Das Ziel unseres Krieges ist die
Selbstverwirklichung. Dafür sind wir bereit einen hohen
Preis zu zahlen. Wir opfern uns auf und kämpfen hart. Ging
es im Zweiten Weltkrieg um die Verwirklichung einer kol-
lektiven Rasselehre, so ist es nun die Verwirklichung des
Individuums. Das „unwerte" Leben sind nun die mehr als
100.000 Föten, die allein in Deutschland jedes Jahr getö-
tet werden. Dabei sind weniger als 3% aller Abtreibungen
medizinisch oder kriminell begründet. Bedenkt man, dass
dieser Krieg nun schon viele Jahrzehnte andauert, hat er
vermutlich schon die größte Zahl an unbeteiligten und
zivilen Opfern aller bisherigen Kriege.
Wir verstecken uns so sehr hinter der Frage „Wann ist ein
Mensch ein Mensch?“, dass wir ganz verpassen darüber
nachzudenken, was das Töten unmoralisch macht. Ist es
vielleicht doch grundsätzlich falsch, weil man das Opfer
Im Jahr 2006 wurden in Deutschland 130.000, in England 200.000 und in den seiner Zukunft beraubt? Das sagt zumindest Don Mar-
USA ca. 1,3 Millionen Kinder abgetrieben. quis' „Valuable-future-like-ours“-Theorie. Das gilt dann ja
auch für den ungeborenen Menschen im Mutterleib.

Warum hört man eigentlich...


...nur Schlechtes über die Weltbank?
Finanzsystem1 gegen Menschheit2 - kein Vergleich
von bergi auf der anderen Seite, solange diese un- mal was anderes:
ter wenigen beteiligten Unternehmen3 Initiative Geld ohne Schuld

I
n den Massenmedien hört man ei- aufgeteilt werden. Den Ländern fehlen http://members.eunet.at/
gentlich nichts über die Weltbank, weiterhin Gelder für angemessene So- gerhard.margreiter/
aber, wie jeder Couchrevolutionär zialleistungen. Private Investoren sehen
weiß, jede Menge schlechte Nachrichten dort einen großen Absatzmarkt und 1 gemeint sind kreative Finanzprodukte,
von der Weltbank. Ist das gerechtfertigt? weitere Profite. die sich völlig unabhängig von realwirt-
Nach verschiedenen wirtschaftlichen Wir sollten jedoch nicht bestürzt sein schaftlichen Größen bewegen können,
Indikatoren (BIP) geht es den Menschen über die Auswirkungen. Es sind dieses und letztere heute eher als Nebenerschei-
heute ja insgesamt besser. Dies zeigt nur Wehen auf dem Weg zum allumfas- nung dastehen lassen.
sich auch an der immer Weiter steigen- senden Luxus. Auch macht es keinen
den Geldmenge M1. Allerdings geht Sinn, eine eventuelle "neoliberale" Gesin- 2 gemeint ist der Großteil der Menschen,
es den Menschen heute ja insgesamt nung hinter diesen Machenschaften zu die sich auch ohne Aussicht auf 20%+
schlechter. Die Zahl der Hungerleiden- vermuten, da jeder Machthaber dieses Rendite aufs Feld stellen, Kinder hüten
den ist auf 1 Milliarde angewachsen, die Kampfwort sowieso anders interpreti- oder sich in der Gemein-
Staatsverschuldung nimmt fast überall ert und politisch umsetzt. Dass die ent- schaft engagieren.
zu. Es gibt offenbar widersprüchliche wickeltsten Staaten noch am stärksten
Ansichten über die weltweite Entwick- verschulded sind, deutet zumindest an, 3 gemeint ist z.B.
lung, nicht nur in der wissenschaftlichen dass das Finanzsystem1 einfach nicht Bechtel, Carlyle oder
Community der Weltbank. Wenn das Ziel beherrschbar ist. Das Supremat der Siemens
dieser UN-Sonderorganisation allerd- Wirtschaft, Kapital = Naturgesetz, Adam
ings die umfassende Globalisierung, Smith's unsichtbare und unverstandene
also nicht unbedingt Nahrungsmittel Hand. Diesen Werten sind wir nun mal
für alle, sondern in erster Linie uneinge- unterworfen! Und die Tatsache dass UN,
schränkter, internationaler Kapitalfluss WB und IMF sich berufen fühlen, angesi-
ist, dann sind schlechte Nachrichten ein chts der jetzigen, nicht zuletzt von den
wirkungsvolleres Mittel. Wirtschaftsgurus der Federal Reserve
Die Folgen von Aufbaukrediten und Bank herbeigeführten Krise, die neuen,
Strukturanpassungsprogrammen für weltweit geltenden Finanzregeln zu
kapitalintensive Projekte wie Mega- etablieren, um zu verhindern, dass noch
Staudämme und Erdölpipelines sind ein Schlimmeres geschieht...
kaum zu bewältigender Schuldenberg darüber sollten wir uns wahrscheinlich
auf der einen, und einträchtige Profite freuen.

15
Die Gem
Halbaffeneinschaft der nach
Kultur

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s unten a
A
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zum Fenst nstichen. e it r m a l w a uf mein
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nen Blick
er gehe u
m
Wenn ich zu bedeu A b er
ten. Vielle was hat das schon
d a - Fuchs u em Hausdach
zwischen einen verstohle- ü berhaupt ic h t nd Has
e Gute
wünsch
en sich
hänge zu
schieben
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eren Vor- gar nicht. gab es das Meer ich die
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Foto: Museo del Prado


16
Veranstaltung:

Kultur
id mubarak – Gesegnetes Fest!
von Arni in der Uni. Zusammen liefen wir zur Mo- Schlachthof schon im Vorfeld ein Schaf.
schee (Islamisches Zentrum Jena) am Ende Nach dem Gebet fahren dann alle, die

I
n der vorweihnachtlichen Zeit der Wagnergasse. Nachdem ich die Schuhe das veranlasst haben, zum Schlachthof
fand in Jena ein Fest statt, das für ausgezogen und den eigentlichen Gebets- und schächten das Schaf persönlich.
die Beteiligten mindestens ge- raum betreten hatte, sah ich etwa zehn Leu- Anschließend kann man sich entschei-
nauso wichtig ist wie für uns Weih- te, die in regelmäßigen Sprechgesängen den, ob man das Tier selber ausnimmt
nachten - von dem die meisten Stu- Gott priesen ("allahu akbar wa liläh il hamd" oder den Schäfer bzw. Schlachter damit
denten aber wahrscheinlich keine – "Gott ist der größte und ihm gebührt das betraut. Das Fleisch wird nun mit An-
Ahnung haben. Lob"). Mit der Zeit kamen immer mehr Be- deren geteilt, im Idealfall auch mit den
Das Opferfest (id il-adha) ist das tende hinzu, sowohl arabische Studenten Armen - in der nächsten Zeit isst man es
höchste islamische Fest und wird als auch diverse Dönerverkäufer, die ich gemeinsam auf.
zum Höhepunkt der islamischen kannte. Nachdem wir gemeinsam das ritu- Vor allem die Herzlichkeit der Leute hat
Pilgerreise nach Mekka (Haddsch) elle Gebet verrichtet hatten, hörten wir die mir gefallen. Jeder schien irgendwie auf
gefeiert. Der Sinn dieses Festes be- Predigt. Leider wurde sie nur in Arabisch derselben Stufe zu stehen. Schon wäh-
steht darin, der Prüfung Abrahams gehalten; dank Ahmads Sprachtrainining rend des islamischen Fastenmonats (Ra-
zu gedenken, als dieser von Gott konnte ich dennoch verstehen, dass sie von madan) hatte ich die Moschee besucht.
aufgefordert wurde seinen zweitge- den fünf Säulen des Islam und dem Sinn des Ich kann jedem empfehlen, sich selbst
borenen Sohn Isaak zu opfern. Als Opferfestes handelte. Nach der Predigt tran- ein Bild von der muslimischen Glau-
Gott Abrahams Bereitschaft erkann- ken wir gemeinsam Tee und aßen selbstge- bensgemeinschaft (Umma) zu machen.
te, für ihn alles aufzugeben, gebot backenen Kuchen. Dabei wünschten sich
er ihm Einhalt. Anstelle Issaks wurde alle Anwesenden immer wieder ein geseg-
ein Widder geschlachtet. Das Ganze netes Fest und küssten sich dreimal auf die Unter Schächten versteht man das
geschah in Mekka. Bis heute besteht Wangen. Ich probierte es schließlich auch, rituelle Schlachten von Tieren. Die
für alle Muslime, die es sich leisten obwohl es mir angesichts der muslimischen Tötung erfolgt mittels eines spe-
können, die Pflicht, zur Feier dieses Bärte manchmal schwer fiel. ziellen Messers mit einem einzi-
Ereignisses ein Tier zu opfern. Zum eigentlichen Schächten der Schafe gen großen Schnitt quer durch die
Ich wollte das Opferfest in Jena mi- konnte ich nicht mehr mitfahren - im Auto Halsunterseite, in dessen Folge die
terleben und traf mich daher kurz war kein Platz mehr frei. Ahmad erzählte großen Blutgefäße sowie Luft- und
vor 8 Uhr am Morgen mit Ahmad, mir aber später, wie das abläuft. Für 70 bis Speiseröhre durchtrennt werden.
meinem arabischen Sprachtandem, 100 Euro reserviert sich jede Familie beim

Film: "The Warlords"


Regie: Peter Chan, China/Hongkong 2007, KSM Films, ca. 110 Minuten
Ab 08.01.09 im Cinestar Jena

von Lutz G. Lau) kennen, mit denen er einen Pakt ein- Kostüme sind opulent und das Dreh-
geht: Sie schließen eine Blutsbruderschaft, buch, welches minimale dramatur-

N
achdem er schon 2002 in die beinhaltet, dass sie für gemeinsame gische Schwächen und Durchhänger
„Hero“ in der Verfilmung Ideale kämpfen und sterben. Doch das Trio aufzuweisen hat, überzeugt im Subtext
eines Stücks chinesischer verliert im sich lange Zeit hinziehenden mit den unbequemen Fragen um Ehre
Geschichte zu sehen war, knüpft Jet Krieg, der neben zahlreichen Entbehrungen im Krieg und zeigt kritisch, wie die not-
Li, der u. a. durch sein Mitwirken in auch menschliche und moralische Verluste leidende Bevölkerung von der Obrigkeit
US-Produktionen wie „Romeo Must mit sich bringt, zusehends seine Loyalität für ihre Zwecke instrumentalisiert wird.
Die“ einem größeren westlichen Pu- zueinander und das Bündnis bekommt ei- Einige wirklich eindringliche Szenen,
blikum bekannt wurde, mit der An- nige Risse. wie jene, als Tausende zusammenge-
nahme seiner Rolle in „The Warlords“ Die zahlreichen, zuweilen etwas pathetisch, pferchte Kriegsgefangene entgegen
dort an. Der Film erzählt von der aber mitreißend geratenen Schlacht-Se- eines vorher getroffenen Abkommens
Taipin-Rebellion in der Qin-Dynastie quenzen sind trotz ihrer Dynamik immer von Bogenschützen hingerichtet wer-
im Jahre 1870, als General Pang (Jet übersichtlich inszeniert, was gerade in den, bleiben im Gedächtnis haften und
Li) als einziger Überlebender von Zeiten der Augenkrebs verursachenden lohnen alleine schon den Kinobesuch.
einer Schlacht zurückkehrt. Er lernt Wackelkameras wie in „Die Bourne-Iden- Kein Meisterwerk, aber ein sehr starker
die Rebellen Jiang Wu-Yang (Takeshi titität“ und Co. jenseits des Pazifik nicht Film aus Fernost, den man sich nicht
Kaneshiro) und Zhao Er-Hu (Andy selbstverständlich ist. Die Ausstattung und entgehen lassen sollte.

17
Kultur

Buchrezension:

Kolumne
Die konsolidierte Fassung
des Vertrages von Lissabon
Herausgeber: Bundeszentrale für pol. Bildung, 2008, 416 S.

von Alex

S
chluss mit der Bauernweisheit, man solle ein Buch
nicht nach seinem Einband beurteilen. Das ist eine

"Video killed the EU-Direktive! Warum sollte man den Vertrag von
Lissabon lesen? Kritiker behaupten, dass kaum jemand
ihn je gelesen hat, am allerwenigsten diejenigen, die vor

video star" über einem Jahr über seine Ratifikation abgestimmt ha-
ben. Damals war der Vertragstext allerdings noch nicht
konsolidiert (aus einem Sammelsurium an Verweisen ein
lesbarer Text gemacht) und die europäische Kommission
von Norman Fleischer untersagte anfänglich auch die Verbreitung einer lesbaren
Version. Trotzdem kann seit Mitte des Jahres 2008 jeder das

A
ls VIVA, der erste deutsche Musiksender, vor fast hier vorgestellte Exemplar (Band 709) der Bundeszentrale
genau fünfzehn Jahren auf Sendung ging, durch- für politische Bildung in den Zweigstellen für zwei Euro er-
wehte ein Hauch von Revolution die Büroräume in werben. Und ich finde, der Einband spricht für sich.
Köln. Eine freche, junge, eigenständige Alternative gegen
den übermächtigen US-Koloss MTV wollte man sein. Et-
was eigensinniger, etwas durchgedrehter und vor allem
authentischer für die deutsche Jugend. Ein bisschen anar-
chisch ging es anfangs zu. Stefan Raab blödelte sich noch
relativ unkonventionell durch Kölns Straßen, auch der Rest
der Moderatoren lernte seinen Job scheinbar erst während
dessen Ausübung. Geschmacklich wurden alle bedient. Wer
Eurodisco hören wollte, schaltete zu Daisy Dees trashiger
“Club Rotation”, wem US-Collegerock mundete, der war mit
Herrn Kavka und Frau Roche (damals noch sekretfrei) und
dem hauseigenen Kanal “Viva Zwei” bestens bedient. Egal
wie seltsam sich das heute anhört: über mangelnde Viel-
falt konnte man sich in den Neunzigern nie beschweren.
Und was bleibt heute noch von der “Revolution“ übrig? Er zeigt die Staats- und Regierungschefs nach der feierlichen
VIVA wurde längst von MTV und dessen Mutterkonzern Unterzeichnung am 13. Dezember 2007 zum Gruppenfoto
“Viacom“ gekauft. Konkurrenzlos. VIVA fungiert als Res- aufgestellt, sich angeregt miteinander unterhaltend und
terampe des ehemaligen Kolosses und wurde in die Ecke die Kamera (das europäische Volk?) kaum beachtend. Wie
des deutschen Konsens-Pop gedrängt. Kreativität als Ma- viele Kritiker, habe ich ihn gelesen und konnte mich an die-
kel. Solange das läuft, was schon jeder kennt, muss man sem Werk genauso begeistern wie glühende EU-Befürwor-
sich keine Sorgen machen. Heike Makatsch, eine der Grün- ter. Die Lektüre gestaltet sich in weiten Teilen als eine Reise
derzeit-Moderatorinnen, versprach ganz am Anfang mal: ins eigene politische Verständnis. Hervorragend sind dabei
“Wir wollen euer Sprachrohr sein.“ Doch wessen Sprach- die Seiten 56 ('Verpflichtung zur Aufrüstung'), S. 71 ('Grund-
rohr ist ein Sender voll abgestandener US-Produktionen satz der Offenheit'), S. 79f. ('Planwirtschaft im Agrarsektor'),
und Klingeltöne denn schon noch? Der einer Jugend, der S. 125f. ('Sozialpolitik durch Marktharmonisierung') oder S.
alles egal ist? Einer Jugend, die lieber konform konsu- 70 (das 'Wohlergehen von Tieren').
miert? Nicht unbedingt. Nicht nur das “Wer”, sondern auch
das “Wir” des Konsumierens hat sich verändert. VIVA und Laut der Einleitung ist die gescheiterte EU-Verfassung von
MTV haben sich selbst überlebt, ohne zu merken, dass sie 2004 im Vertrag von Lissabon "substantiell erhalten, aber
längst verwesen. in eine neue Form gegossen." Als Studierende an einer
Die neue Generation klebt auf der Suche nach Trends nicht europäischen Hochschule habe ich gelernt, dass eine Ver-
mehr am Fernsehbildschirm. MySpace bietet beispielswei- fassung keine "schwammigen", schön klingenden Formu-
se deutlich mehr Musik, Videos, Vielfalt und Individualität lierungen enthalten sollte, da diese schwer einklagbar sind
als MTV und VIVA sie jemals bieten konnten und könnten. (z. B. S. 142f. zu Erhaltung und Schutz der Umwelt). Schließ-
Die alten Giganten stehen ratlos da, zucken mit den Schul- lich ist eine Verfassung ein Rechtstext und keine politische
tern und wissen nicht, wie sie der Zukunft entgegen treten Leitlinie, und so wird der Wert einer Verfassung als verläss-
sollen. Der Teufelskreis aus sinkendem Interesse, Einspa- liches rechtliches Dokument durch solche Inhalte stark
rungen, eingestampfter Kreativität und Risikobereitschaft unterminiert. Da dieser Text sich also selbst in seiner Rolle
ist nicht mehr zu durchbrechen. Das Musikfernsehen als nicht ernst nimmt, hielt ich es für angemessen, ihn in der
solches ist tot und so wirkt das grelle, bunte Programm im Sparte der Buchrezension vorzustellen, die sich sonst meist
Moment nur wie ein verglühender Stern, der vor seinem mit ähnlich gearteten, belletristischen Texten beschäftigt.
Tod noch einmal kurz aufglüht - um dann für immer im
Nichts zu verschwinden. "Video killed the radio star" back
in 1981. But in 2008: The video star killed himself!

18
Don‘t Look Back in Anger

Kultur
Der musikalische Jahresrückblick des
von Andi Hänisch

W as Jauch und Kerner können, das können wir auch: euch einen inspirierenden Jahresrückblick bieten. Denn abgerechnet
wird zum Schluss. Aber im Gegensatz zu diesen beiden Lieblingen des Massenpublikums verstehen wir etwas von guter
Musik. So wurde die Idee geboren, alle Redakteure von Campusradio Jena nach ihren drei liebsten Alben des Jahres 2008 zu
fragen. Mit Hilfe eines sehr (!) komplizierten Punkteverteilungssystems wurden die Nennungen der Redakteure dann ausge-
wertet. Und hier sind sie, die ersten elf Plätze der besten Alben 2008, gewählt vom Campusradio Jena:

1968 JIM For Emma, Forever Ago


Während sich
Rainald Grebe

„a little bit of In einer ein-


Jamie Lidell

Bon Iver
Kino, Fernse- feelgood“ reichte samen Hütte ir-

2 3
hen, Zeitungen aus, um JIM zu gendwo in Wis-

1
und Bücher in einem perfekten consin nimmt
endlosen, wich- S ommeralbum Justin Vernon
tigtuerischen zu machen - live unter dem Na-
und bierernsten auch zur Kultura- men Bon Iver
Diskussionen rena 2008. sein Debüt-Album auf; im Hintergrund
um das „Jubiläumsjahr“ 2008 stritten, kann man manchmal das Knacken des
kam einer der wenigen wichtigen und The Devil, You + Me Feuerholzes hören. Wer da nicht weich
richtigen Kommentare von Rainald Neben Tocot- wird, hat ein Herz aus Stein.
The Notwist

5
Grebe. Humor ist immer noch die bes- ronic die derzeit
te Waffe gegen Ignoranz, Wichtigtue- einzig relevante I Created Disco
rei, Spießertum etc. deutsche Indie- Wer hat eigent-
Band, Punkt! Calvin Harris lich Germany's

6
Everything Is Borrowed
Next Top Model
The Streets

gewonnen? Egal,

4
ein Gewinner
war definitiv Cal-
vin Harris – I‘ve
Made In The Dark
got love for you if you were born in the
Hot Chip

Intimacy 80s...
Bloc Party

8
Rest Now Weary Head,
Get Well Soon

Get Well Soon,


das ist eigentlich
10
7
Konstantin Grop- Fasciinatiion
per; Wunderkind
The Faint

und Liebling des Fleet Foxes


Feuilletons; er hat
Fleet Foxes

in kürzester Zeit so viele Herzen erobert,


wie lange kein Anderer mehr.

9 11
Die Enttäuschungen des Jahres...
Bloc Party: Zu nervös, zu zerfahren, Deichkind: Heiß diskutiert in der gezeigt, dass Männer mit Vollbärten
zu überladen; einzelne Songs sind Musikredaktion. Seit ihr Song „Rem- nicht nur kruden Folk machen. Da-
super, aber auf Albumlänge wird es miDemmi“ auch in der letzten Dorf- von ist nicht mehr viel zu spüren;
nervig. disco angekommen ist, haben sie scheinbar wollen sie raus aus dem
beim Indie-Publikum, das auf sei- Staub und rauf auf die großen Stadi-
The Killers: Wer Chris de Burgh mag, ne ach so tolle Credibility viel hält, onbühnen dieser Welt.
wird die neue Killers-CD lieben. mächtig verloren.
The Kooks: Die alte Mär vom schwie-
The Streets: Textlich nicht mehr so Kings Of Leon: Die Band hatte mit rigen zweiten Album, sie bestätigt
scharfzüngig wie die Vorgängeral- ihren ersten Alben den eingestaub- sich leider auch bei The Kooks. "Alter
ben. ten Southern-Rock für das junge In- Wein in neuen Schläuchen“, sagen
dievolk konsensfähig gemacht und altkluge Männer dazu meistems ...

19
Städtebericht
Weltweit

Pesto, Palazzi und Piano


Zuhause

Wie ich lernte, Genua (doch) zu lieben

dem Norden auf Fähren nach Sardinien


und Korsika. Schlafend in ihren Sitzen
hängend, bemerken viele Insassen die-
sen Transit nicht einmal.

Epizentrum der Anti-Globalisierungs-


bewegung für drei Tage
Im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit
stand Genua zuletzt 2001. Vom G8-Gip-
fel blieben wüste Straßenschlachten,
der tot in der Via Caffa liegende De-
monstrant Carlo Guliani und rück-
sichtslos vorgehende Sondereinheiten
der römischen Polizei (in der letzten
Gipfelnacht hatten sie die Scuola Diaz
gestürmt) in Erinnerung. Drei Tage war
die Stadt das Epizentrum der Anti-Glo-
balisierungsbewegung, die am Ende
Genuas städtebaulicher Sündenfall - Die Sopraelevata im alten Hafen
endlich ihren ersten Märtyrer beklagen
durfte.
Weniger aufregend las sich mein Rei-
von Luth drei Monate Auslandspraktikum im
seführer: Genua ist der Geburtsort von
Goethe-Institut Genua. Mit dem Namen

D
Christoph Kolumbus. Aha, er war also
as Land, das im Herbst 2005 mei- der Stadt konnte ich wenig anfangen.
doch kein Spanier. Auf der Landkarte
ne vorübergehende Heimat wer- Sampdoria sagte mir was, der Fußball-
beginnt die Suche nach Genua am bes-
den sollte, schien mir vertraut. verein. "Alles klar auf der Andrea Doria",
ten bei Mailand. Durch die Po-Ebene
Die klassischen Urlaubsziele hatte ich Udo Lindenberg, schon mal gehört.
und über den Apennin hinweg fährt
als kultur- und sonnenhungriger Mittel- Danach erstmal Leere. Genua? Ich war
der Finger nach Süden. Wo das Festland
europäer im Laufe meines touristischen einigermaßen enttäuscht. Wenn schon
endet und das Mittelmeer beginnt, liegt
Curriculums längst abgehakt. Nun also nicht Venedig, Florenz oder Rom, dann
sie, die Hauptstadt Liguriens, am Schei-
bitte wenigs-
telpunkt der italienischen Riviera. Ich
tens eine ande-
fuhr mit dem Münchner Nachtzug hin.
Infobox Genua re italienische
Kulturmetropo-
le europäischen Sampdoria sagte mir was, der Fußball-
Formats. Statt- verein
dessen das ...
Die billigsten italienischen Biersorten schmecken und wirken wie sie Auf Genua an- In den ersten Tagen wurden meine
heißen. Ich trank Dreher, Jodler und Wührer. gesprochen schlimmsten Befürchtungen nicht be-
verriet meine stätigt. Sie wurden übertroffen. Ge-
Wird man in Genua zum „Kotze“ essen eingeladen, gibt es keine Ma- Oma, sie sei vor wöhnt an die Postkartenidyllen früher
geninhalte, sondern Miesmuscheln (cozze). etlichen Jahren Italientouren erschien mir Genua als
dort gewesen abstoßender, geradezu monströser Mo-
Das genuesische Wetter kann innerhalb von Minuten von strah- – für etwa eine loch. Am Hauptbahnhof begrüßte mich
lendem Sonnenschein in tagelangen, sintflutartigen Regen umschla- Stunde. Die ein wuchtiges Kolumbus-Denkmal. Es
gen, der selbst Hauptsstraßen in Flüsse verwandelt. Stadt hätte sie war über und über mit Taubendreck
gar nicht zu besudelt. So lieblos geht man hier also
Die Neugestaltung des Porto Antico in den Jahren 1985-1992 über- Gesicht bekom- mit Lokalhelden um, dachte ich. In den
nahm der ortsansässige Stararchitekt Renzo Piano. men. Tatsächlich engen Altstadtgassen standen sich die
legen die meis- Prostituierten selbst am helllichten Tage
Im regionalen Dialekt heißt ten Touristen die Beine platt. Allgegenwärtiger Ver-
Genua Zena. in Genua nur fall, wilde Müllhalden und bissiger Urin-
einen kurzen gestank - wohin ich auch lief. Die Dritte
Mit etwas Geduld findet man Zwischen- Welt mitten in Europa, das durfte doch
in der Altstadt eine Gasse mit stopp ein. Tags nicht wahr sein!
dem viel versprechenden und nachts In Supermärkten sah ich mich gleich-
Namen Vico dell’Amor Per- rollen im Por- zeitig mit Lebensmittelpreisen konfron-
fetto. to Antico, dem tiert, die ich eher in Sankt Moritz verortet
alten Hafen, hätte (preiswerte Alternative: Wochen-
Reisebusse aus märkte). Mein Vermieter kassierte in bar,

20
Weltweit

die Frage nach einem Mietvertrag ver- weltberühmten „Fischerdörfer“ der


stand er nicht – inhaltlich. Um mich zu Cinque Terre, in pittoreske Ortschaften
beruhigen, lief ich die Via San Lorenzo wie Finalborgo, San Fruttuoso, Ca-
zum alten Hafen hinunter. Dort erschlug mogli und Portovenere. Deren äußeres
mich die in Hochlage geführte Stadtau- Erscheinungsbild ist ohne Zweifel ma-
tobahn. Die selbst von Einheimischen kellos. Gleichzeitig gab das allgemeine
wenig geliebte Sopraelevata ist Genuas Gedränge eine Vorahnung davon wie
städtebaulicher Sündenfall. Von Westen unausweichlich und nah ihr massentou-
dröhnte der Lärm der Werftindustrie ristischer Erstickungstod ist. Attraktiver
herüber. Der erhoffte Mittelmeerblick erschien mir bald das Hinterland von
war durch endlose Containerterminals, Genua. Mit der Casella-Schmalspur-
Kaimauern und Fährschiffe brutal ver- bahn fuhr ich in die bis zu 1800 Meter
stellt. Ergebnislos verlief auch meine hohen, nahezu menschenleeren Berge
Suche nach öffentlichen Grünflächen. und unternahm ausgedehnte Wande-
Ruhe und Entspannung fand ich erst rungen. Genuesen fänden das mindes-
später in der Peripherie Genuas, in den tens exotisch. In ihrer Wahrnehmung ist
Parkanlagen von Boccadasse, Pegli und der ligurische Apennin so weit entfernt
Nervi. wie Downtown Manhattan von einem
Farmerdorf in Iowa. Genuas Nadelöre
Zwischenstopp für Kreuzfahrttouristen zur Außenwelt sind der Hafen und die
Typische Altstadtgasse in Genua Küstenautobahn, die Hillbillies jenseits
- Der Hafen als Nadelör zur Außenwelt
der nördlichen Stadtgrenze werden ob
ihrer vermeintlichen Rückständigkeit
Im Genueser Straßenverkehr gelten wie
bemitleidet.
überall in Italien die ungeschriebenen
Gesetze des machismo, akuter Platz-
mangel verschlimmert die Situation Verschwenderische Pracht hinter al-
zusätzlich. Ein unübersichtliches Gewirr tersmüden Fassaden
mittelalterlicher Gassen (carruggi), stei-
ler Treppen (creûse), kurvenreicher Stra- Der allwöchentliche Exodus war auf
ßen und Tunnel durchzieht die Stadt. Dauer jedoch keine Lösung. Ich stellte
Unterirdisch gleicht sie einem Schwei- mich der Stadt. Allmählich entdeckte
zer Käse, auch oberirdisch werden ich La Superba („die Stolze“), wie Genua
selbst abenteuerliche Hanglagen ver- von ihren Bewohnern wenig bescheiden
baut. Erkennbar wird dafür selten eine genannt wird. Im Mittelalter befuhren
Baugenehmigung eingeholt. Viertel wie genuesische Schiffe alle bekannten
Castelletto, Righi oder Granarolo erreicht Weltmeere, später avancierte die Stadt
man bequemer mit Standseilbahnen zur wichtigsten Finanzmetropole Euro-
(funicolari) oder Aufzügen (ascensori) pas. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte
als mit dem Auto. Und obwohl ich das Unterwegs in Ligurien - Am besten mit der massive wirtschaftliche Niedergang.
elitäre Gefühl, in Genua als Radfahrer dem Zug Viele Werften gingen zugrunde, die Ein-
unterwegs zu sein, doch irgendwie ge- wohnerzahl sank kontinuierlich.
noss, war es bei näherer Betrachtung Genuas grandezza und bellezza verblich.
nur masochistische Quälerei – eine Der alte Glanz offenbart sich heute nur
nicht ungefährliche dazu. dem entdeckungswilligen Betrachter.
Um unnötigem Heimwehblues vorzu- Charakteristisch fürs Stadtbild sind Pa-
beugen, ging ich auf Reisen. Das Prakti- lazzi, deren verschwenderische Pracht
kum war ohnehin nur Mittel zum Zweck, sich hinter altersmüden Fassaden ver-
tot arbeitete ich mich nicht. Zug fahren birgt. Gestaunt werden darf im Inneren
ist in Italien recht erschwinglich, selbst umso mehr. Auch dass Genua über das
mit kleinem Portemonnaie legt man größte zusammenhängende Altstadt-
große Distanzen zurück. Die Bahnan- gebiet Europas verfügt, registrierte ich
gestellten sind chronisch unterbezahlt erst, als ich dort hungrig marodierend
und daher allzeit streikbereit, die Züge eine günstige Dönerbude suchte. Und
uralt und auch gern mal läuseverseucht. wer weiß schon, dass Genua 2004 euro-
Selbst brennende Sitze sind für itali- päische Kulturhauptstadt war und mit
enische Schaffner kein hinreichender dem Teatro Carlo Felice einen Kultur-
Grund, gleich den ganzen Zug anzuhal- tempel von nationaler Bedeutung vor-
ten. weisen kann? Wirklich beeindruckend
An der Riviera entlang fuhr ich in die ist der Cimitero monumentale di Stagli-
Winterquartiere der Schickeria wie San Rivieraromantik in Camogli eno, auf dem sich der in steinerne Mo-
Remo, Monte Carlo und Rapallo, in die numentalgräber gehauene Bestattung-

21
Weltweit

Pekinger Verhältnisse in Riomaggiore/Cinque Terre

spomp des ausgehenden 19. Jahrhunderts besichtigen lässt.

"Baci, baci" - Infantiles Paarungsverhalten weit jenseits


deutscher Peinlichkeitsgrenzen
Was das Leben anging, hielt ich mich an deutsche Mitprak-
tikanten. Das genuesische Clubspektrum sprach uns mit
Ausnahme des Milk Clubs nicht an. Also besuchten wir Pri-
vatparties von Italienern mit ihren Koch- und Fressorgien voll
lauter Geselligkeit und oberflächlichem Smalltalk. Das Paa-
rungsverhalten zu Tische war südländisch, d. h. infantil weit
jenseits deutscher Peinlichkeitsgrenzen. Gelegentlich wurde
Liedgut zum Besten gegeben – Trallalero-Gesang gilt neben
Pesto Genovese als lokale Spezialität. Das Praktikum verlief
weitgehend ereignislos. In den vielen Espressopausen mit
der redseligen Putzfrau verfeinerte meine Italienisch-Kennt-
nisse. Versüßt wurde die Arbeit zudem durch Zusammentref-
fen mit so illustren Gestalten wie Blixa Bargeld, Martin Walser
und Eberhard Weber. Ansonsten halt tröge Selbstverwaltung
eines deutschen Kulturinstituts im Ausland ...

Venezianische Dekadenz und neapolitanisches Chaos


Genua wird auch zukünftig nicht zum Kanon klassischer Ita-
lienreiseziele gehören. Massentourismusgeschädigte, Toska-
na-Überdrüssige und Anhänger maroden Charmes erwartet
hier ein wirklichkeitsnahes Alltagspanorama einer so mariti-
men wie unprätentiösen italienischen Industrie- und Hafen-
stadt. Möchte man ein konkretes Bild bemühen, so summiert
sich hier venezianische Dekadenz und neapolitanisches Cha-
os zu etwas ganz Eigenem. Ältere Genuesen sind auf sympa-
thische Weise verschlossen, rau und schwermütig. Italiener
meiner Generation entsprachen weitgehend den Klischees,
die Deutsche von ihnen haben. Das hat mich aber weder
überrascht noch enttäuscht. Überhaupt half mir Genua, über-
zogene Erwartungen an Italien und einen Auslandsaufenthalt
der Realität anzupassen. In der Ferne ist man wunderbar frei
und doch auch gefangen. Zufrieden mit dieser Erkenntnis
und ein wenig verliebt fuhr ich zurück in die Heimat.

Grabmal auf dem Monumentalfriedhof Schnappschuss auf dem


Staglieno - nicht kleckern, klotzen! täglichen Weg zur Arbeit

22
Biete Bier, suche Wein

Weltweit
Das Studentenwerk Thüringen setzt auf deutsch-französische
Zusammenarbeit mit dem Studentenwerk Amiens
von Cornelia Steinigen Form von Rotwein bzw. Kir, ein Gemisch sam eine Fotoausstellung über Jena.
aus Cassis (Likör aus schwarzer Johan- Den nächsten Tag verbrachten wir im

D
en heiligen Martin von Tours nisbeere) und Weißwein, wartete schon südlich von Amiens gelegenen Compi-
– wer kennt ihn nicht? Aufopfe- auf uns. Danach mehrere Gänge, natür- ègne, wo wir an der technischen Uni-
rungsvoll zerteilte er im eisigen lich inklusive Käseplatte. Typisch für die versität empfangen wurden und nach-
Novemberwind seinen Legionärsman- Region, die Picardie, ist der sogenann- mittags das Stadtschloss besichtigten.
tel, um eine Hälfte einem frierenden te Maroilles, ein würziger Weichkäse, Napoleon III. hatte es einst als Herbstre-
Bettler am Straßenrand zu überlassen. dem im Spielfilm „Willkommen bei den sidenz gedient.
Doch wo ereignete sich eigentlich diese Scht’is“ sogar eine kurze Anekdote ge-
kleine Geschichte, an die wir noch heu- widmet ist. Ursprünglich stammt dieser Bier- und Weinflaschen als Gesten kul-
te am 11. November mit Laternenum- Käse jedoch aus Nord-Pas-de-Calais, der
turellen Austauschs
zügen erinnern? Martin und der Bettler im Norden angrenzenden Region, in der
Und die Abendgestaltung? Aus studen-
begegneten sich im Jahr 334 in Amiens, auch die Handlung des Films beheima-
tischer Sicht fiel sie eher mau aus. Zwar
einer Stadt im Norden Frankreichs, etwa tet ist.
hat Amiens mehr als 23.000 Studenten,
auf halber Strecke zwischen Paris und Kurz und gut: Die folgenden zwei Tage
doch auf die Nachfrage, ob man denn
Lille. kugelten wir uns nach üppigen Mahl-
am Donnerstagabend weggehen,
Genau einen Tag nach dem Martinstag zeiten von Programmpunkt zu Pro-
vielleicht sogar tanzen gehen könne,
verschlug es eine fünfköpfige Delega- grammpunkt. In der Universität Amiens
ernteten wir nur Kopfschütteln. Statt-
tion des Thüringer Studentenwerkes, nahmen wir an einer Diskussionsrunde
dessen erhieltem wir die Empfehlung
darunter ich als eine von zwei Int.Ro-Ve- teil, wurden vom Regionalrat der Pi-
zum gerade laufenden Filmfestival zu
treterinnen, nach Amiens. Das Studen- cardie empfangen und besichtigten
gehen. So landeten wir zumindest noch
tenwerk Thüringen ist aktuell dabei, mit Studentenwohnheime. Zu unserer Ver-
in einer sympathischen afrikanischen
dem dortigen Studentenwerk (CROUS) wunderung gibt es in Amiens tatsäch-
Kneipe im St. Leu-Viertel, das sich mit
eine Partnerschaft aufzubauen. Nun lich noch ein reines Mädchenwohn-
vielen kleinen Restaurants und Knei-
sollte der Besuch der Franzosen im Juni heim, in dem kontrolliert wird, dass kein
pen am Somme-Kanal entlang schlän-
und Oktober 2008 in Jena mit einem männliches Wesen seinen Fuß über die
gelt. Zum „Festival International du Film
Gegenbesuch erwidert werden. Schwelle setzt …
d’Amiens“, das jedes Jahr im November
Per Audioguide ließen wir uns nach-
Special-Interest-Filme aus Europa, Asien
Martin von Tours und der Bettler mittags durch die beeindruckende Ka-
und Lateinamerika zeigt, ging ich an un-
Nach einem herzlichen Empfang am thedrale von Amiens führen - die größte
serem letzten Abend. Im Film „Drei Frau-
Mittwochabend durch die französischen Frankreichs. Auf einem etwas steifen
en“ tauchte ich in die Welt des heutigen
Studentenwerksmitarbeiter kamen wir - Abendempfang trafen wir mit einer zeit-
Irans ein. Die iranische Regisseurin war
wie noch oft in den folgenden zwei Ta- gleich anwesenden Delegation des Thü-
anwesend und erzählte anschließend
gen - in den Genuss französischer Haute ringer Kulturstaatssekretärs zusammen
von den Schwierigkeiten, die sie bei den
Cuisine - und das in der ört- und eröffneten in der
Dreharbeiten im Iran gehabt habe.
lichen Mensa! Der in Mensa-Cafe -
Am Morgen vor der Rückreise deckten
Frank reich teria ge-
wir uns in der Markthalle noch schnell
übliche mein-
mit kulinarischen Spezialitäten aus der
Apéro
Region ein und dann hieß es auch schon
i n
Abschied nehmen. Bier- und Weinfla-
schen wechselten als Gesten des kultu-
rellen Austauschs zwischen den Nati-
onalitäten hin und her. Bisous links,
Bisou rechts - und ab ins Auto.
Für den 19. Januar 2009 sind
die Franzosen wieder nach Jena
eingeladen, damit der Koope-
rationsvertrag zwischen beiden
Studentenwerken endgültg be-
siegelt werden kann. Zukünftig
sollte einem Austausch von Stu-
dentenchören oder Studenten-
werksmitarbeitern also nichts
mehr im Wege stehen.

23
Nachricht aus der Ferne

Liebes
Weltweit

"Elfenbeinküste? Wo ist das denn? Ach so, Afrika.

Jena
Hm, stimmt, die haben da ’nen Fußballverein.
Wie heißt der Nationalspieler gleich? Ach ja,
Drogba. Der spielt doch bei Chelsea. Hm, gar
Von: Maximiliane Theml nicht so schlecht."

An: Jena
Betreff: Du hast Konkurrenz
bekommen!

I
ch muss ehrlich zugeben: Du hast Konkurrenz bekommen!
„Konkurrenz!?“, wirst Du Dich nun fragen -„Ich?" Schiller hat
hier gelehrt. Die Uni hat ihm ihren Namen zu verdanken.
Von Zeiss und Schott ganz zu Schweigen! Und der Titel "Stadt
der Wissenschaft 2008" spricht ja wohl für sich selbst. Das sind
gewichtige Argumente – wohl war! Aber die Uni-Stadt, die von Juliane Börner
mit Dir, liebes Jena, in Konkurrenz steht, kennen sicher nur die

D
wenigsten. Und doch hat sie mein Herz erobert: Olomouc. as sind die bekannten Fakten. Manch einer mag
Die übliche Reaktion allein auf ihren Namen besteht aus purer sich außerdem an den Bürgerkrieg erinnern, der
Ahnungslosigkeit. Der Zusatz, dass es sich um eine tsche- 2002 begonnen hat und bis heute noch nicht so
chische Kleinstadt in Mähren, zu deutsch Olmütz, handelt, richtig beendet wurde. Naja, Bürgerkrieg und Afrika gehö-
führt in geographischer Hinsicht zwar (hoffentlich) zu erhell- ren eben zusammen. Genauso die korrupten und macht-
teren Gesichtern - zu mehr aber leider auch nicht. Deswegen besessenen Regierungsapparate, die sich mit Hilfe von
die wichtigsten Infos: Olomouc hat circa 100.000 Einwohner Pseudowahlen gegenseitig die Klinke in die Hand drücken,
und liegt im Osten Tschechiens unweit der polnischen Gren- um sich dann am Elend der hungernden Bevölkerung zu
ze. Kulturell, historisch und touristisch führt Olomouc einen bereichern, indem sie westlichen Industrien gegen eine
nicht zu gewinnenden Kampf mit der Hauptstadt und wird entsprechende Aufwandsentschädigung das Monopol für
deswegen auch „Kleines Prag“ genannt. Die Uni, benannt nach Benzin, Medikamente und Holz überlassen.
František Palacký, dem „Vater der Nation“, ist (hinter Prag na-
türlich) die zweitgrößte in Tschechien und wird von ungefähr Zwiespältiges Verhältnis zu westlichen Einflüssen
20.000 Studenten besucht. Ihre acht Fakultäten sind übers Da passiert es auch mal, dass man in Abidjan im Restau-
gesamte Stadtgebiet verteilt, was Olomouc während der Vor- rant an der Ebrie-Lagune chinesischen Fisch isst und im
lesungszeit sehr lebendig und jung macht - aber davon kann Land des Kakaoexportweltmeisters die einzige ivorische
ja auch Jena ein Lied singen. An der Philosophischen Fakultät Schokolade Mambo in vier Geschmackssorten erst an der
bin ich für zwei Semester eingeschrieben, um innerhalb des Kasse findet - für 820 Francs CFA pro Tafel. Das entspricht
sogenannten „Central European Studies“-Programms Politik- ca. 1,25 Euro. Im Vergleich: Eine Tafel Schoghetten gibt es
wissenschaft zu studieren. im Teegut schon ab 55 Cent. Die Globalisierung hat auch
Was macht Olomouc darüber hinaus nicht nur für mich so in der Elfenbeinküste längst Fuß gefasst. Allerdings ist
liebenswert? Notorische Nörgler würden es drastisch ausdrü- man dank Barauszahlungen von Löhnen und Gehältern
cken: Tschechien hat viele Macken und Eigenheiten, die einen bzw. in Ermangelung von Bankkonten und EC-Karten
teils wahnsinnig machen können. Mit einem verschmitztem der Wirtschaftskrise zumindest in ihren direkten Auswir-
Lächeln behaupte ich hingegen, dass dieses Land eben Cha- kungen entgangen. Indirekt äußerte sie sich schon im
rakter hat! Charakteristisch ist Tschechiens Hang zum Kompli- Vorfeld durch die achtzigprozentige Verteuerung von Le-
zierten. Die Bezahlung der Wohnheimmiete kann beispiels- bensmitteln wie Reis und einer vierzigprozentigen Steige-
weise nur bar an der Rezeption erfolgen. Es gibt dort ein rung des Benzinpreises. Aber derartige Hiobsbotschaften
EC-Kartenlese-Gerät. Jedesmal schaut es mich flehentlich an stürzen die Ivorer nicht in Depressionen. Vielleicht sind die
und ruft „Benutz mich! Benutz mich!“ - vorbehalten bleibt es Straßenmaquis mal ein bis zwei Tage weniger gut besucht
trotzdem nur Feriengästen. Trotz vieler derartiger Erlebnisse, sein - wie an jedem Monatsende, wenn das Geld nicht
über die ich im Nachhinein sicher herzlich lachen kann, sind mehr für eine Flasche Guinness, Tuborg oder ein „Drog-
mir Olomouc und Tschechien ans Herz gewachsen. Die Men- ba“-Bier reicht. Vielleicht sind die Straßen eine Weile leer,
schen, Dozenten und Studenten dort machten mir das Einle- weil die Taxifahrer für eine Woche in Streik treten oder ein
ben leicht. Im Gegensatz zu „normalen“ Tschechen, die Frem- paar Flüge verschieben sich wegen des Streiks der Flug-
den gegenüber häufig sehr zurückhaltend und schüchtern hafenbeamten (auch wenn das Verhältnis zur ehemaligen
auftreten, verhielten sich vor allem die Dozenten der Politik- Besatzungsmacht Frankreich eher zwiespältiger Natur ist,
wissenschaft und Anglistik/Amerikanistik sehr aufgeschlos- werden gewisse Eigenschaften doch ganz gern übernom-
sen, aufrichtig nett und hilfsbereit. Mit Begeisterung lernte ich men - selbst wenn es die französische Streikkultur ist).
in den ersten Wochen und Monaten viel über die Geschichte Nachtragend sind die Ivorer deshalb nicht, resignieren
und die Begebenheiten Ost- und Zentraleuropas. So bin ich käme ihnen nicht in den Sinn. Sicher, von den tüchtig ar-
im Nachhinein wirklich froh mich genau für dieses Land und beitenden Deutschen könnten sie noch etwas lernen. Ei-
diese Stadt entschieden zu haben. nen gut funktionierenden Busfahrplan wünscht sich man-
Bleibt allein die Frage, wer die Konkurrenz gewinnt? Als klare cher Aufsteiger der Bourgeoisie schon hin und wieder.
Gewinnerin gehe ich hervor. Beide Städte, Jena und Olomouc,
geben mir sehr viel: neue Erkenntnisse und Freunde, Witziges Hoffnungsträger: die ivorische Mittelschicht
sowie jede Menge Spaß. So betrachtet sehe ich die „Konkur- Die ivorische Mittelschicht. Arm genug, um die wirtschaft-
renz“ zu Jena wirklich positiv und mit Begeisterung. lichen Zustände zu missbilligen. Wohlhabend genug, um

24
Weltweit
Akwaba en Côte d’Ivoire
Land der Brüderlichkeit und der sozialen Extreme

sich an der oberen gesellschaftlichen Klasse und allem, was Organisationen und Institutionen arbeiten seit Jahren nach
westlichem Einfluss entspricht, zu orientieren. Gebildet ge- diesem Prinzip: Anstelle von Geld wird Know-how vermittelt.
nug um zu wissen, was politisch in diesem Land schief läuft. Um ehemalige Rebellen zu resozialisieren, werden Maschinen
Aber vielleicht zu unerfahren daran um etwas zu ändern? Ir- und Gerätschaften zur Verfügung gestellt.
gendwie hat jeder von ihnen Kontakte ins Ministerium. Und Sollte es 2009 wirklich wie geplant zu Neuwahlen kommen,
jeder hat mindestens einen Bruder oder einen Cousin, der mit reicht es nicht mehr, Entschuldigungen und Erklärungen mit
einer Europäerin verheiratet ist oder für ein paar Monate in kulturellen Unterschieden zu begründen. Es ist an der Zeit, die
Europa war. Zumindest war das zu Zeiten einer afrikafreund- Ivorer in die Verantwortung zu nehmen, ihnen mehr zuzutrau-
licheren Außenpolitik Frankreichs ein kleineres Problem als en, sie zu ermuntern und zu fordern. "Le pays de la fraternité",
heute. Solange man sich die Betonmauer mit Stacheldraht- das sie doch so sehr lieben, muss aus eigener Kraft wieder in
zaun und den Gardien, einen bezahlten Wachposten, vor sei- neuem Glanz erstrahlen. Dann könnte sich die Elfembeinküs-
nem Grundstück mit Haus und Swimmingpool leisten kann, te auch wieder so nennen wie einst: "Schweiz Westafrikas".
geht es einem ja auch gar nicht schlecht. 1 000 000 Francs
CFA Miete „c’est rien“. Um die politischen Probleme kümmern
sich doch die Europäer mit ihren NGOs und unterschiedlichs-
ten Hilfsprojekten. Die haben sie schließlich in Kolonialzeiten Musik-Tipp
auch verursacht. Und wozu sollte ein europäischer Freund Ivorer behaupten von sich die größte Reggaeszene zu
sonst gut sein, wenn er keine finanzielle Unterstützung oder haben – nach Jamaica natürlich. Zu hören gibt es das bei
zumindest Kontakte ins industrialisierte Ausland verspricht? Tiken Jah Fakoly, der nach politischen Repressalien in
Schließlich zücken die Weißen doch bei jedem bettelnden Mali sein Exil gefunden hat und sich in Frankreich groß-
Kind mit zerschlissenen Klamotten sofort ihre Hundert- er Beliebtheit erfreut. An erster Stelle der Popularität in
Francs-CFA-Jetons und kaufen das Adidas-Plagiat auch zum der Côte d’Ivoire steht jedoch Alpha Blondy, welcher in
dreifachen Preis - ohne zu handeln. Anders als mit schlechten ivorischen Tageszeitungen für den Präsidenten Gbagbo
Gewissen lässt sich ein solches Verhalten kaum erklären ... wirbt und eher für Pop-kompatiblen Afro-Reggae, seit
neuestem auch für klassischen Roots Reggae bekannt
Erklärungen leicht gemacht ist. Ein anderer ivorischer Musikstil ist der Zouglou. Er
Und da haben sie ja auch recht, die Ivorer, nicht wahr!? Selbst zeichnet sich durch eine Mischung aus Pop und typisch
wenn wir die Schuhe nicht für zwei, sondern sechs Eurp afrikanischen Rhythmen aus. Beliebte Gruppen sind
kaufen, sind sie doch wesentlich billiger als in Deutschland. Magic System, Les Patrons und Yodé Siro.
Einem Gehbehinderten 100 Francs CFA (also fünfzehn Cent)
zu geben, bringt uns doch nicht um. Mag sein, dass er simu- Rezept: "Sauce arachide au poulet"
liert, aber auf jeden Fall besitzt er wesentlich weniger Geld Ein Huhn in einzelne Stücke zerlegen und in einem Topf
als wir. Selbst als Student mit 200 Euro BAföG im Monat ist mit Wasser ansetzen. In der Côte d’Ivoire wird jeder
man wesentlich reicher als so manche ivorische Großfamilie. Speise ein Maggi-Brühwürfel beigegeben, welcher sich
Und überhaupt haben die Ivorer aufgrund ihres geringen Bil- allerdings auch durch Salz und Pfeffer ersetzen lässt.
dungstands (das ivorische Abitur steht vermutlich in keinem Der Sauce werden nun noch eine Zwiebel, zwei Toma-
Verhältnis zum deutschen) doch gar nicht die nötigen Voraus- ten, zwei oder mehr frische Chilischoten (alles jeweils
setzungen sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Wenn in kleine Würfel geschnitten) und zwei bis drei Esslöffel
man trotz Palu (Malaria) einen sechzehnstündigen Arbeitstag Erdnusscreme beigefügt. Das Ganze köchelt nun min-
auf sich nimmt - zeugt das nicht großer finanzieller Not? Und destens eine Stunde vor sich hin, wodurch die Vitamine
der Grund dafür? Europa unterdrückte den „schwarzen Konti- zwar zerstört werden, die Sauce aber erst ihren ty-
nent“ Jahrhunderte lang, beutete seine Rohstoffe, kulturellen pischen Geschmack erhält. Anstelle von Erdnusscreme
Werte und Güter aus und stülpte afrikanischen Staaten demo- können auch gewürfelte Okraschoten (sauce gombo)
kratische Regierungen über ihre monarchischen Herrschafts- oder im Mixer zerkleinerte Pistazien (sauce pistache)
systeme. Vergeblich versuchte man damit rivalisierende Volks- verwendet werden. Traditionell isst man die Sauce mit
stämme zu vereinen. Placali (Maisteig) oder Foutou (Teig aus Maniok und
Aber so einfach ist es dann doch nicht. Dass ein Brunnen in Kochbanane). Sie wird allerdings auch mit Reis serviert.
einem afrikanischen Dorf wenig nützt, solange niemand da- Dazu trinkt man, je nach Belieben, ein Glas gezuckerten
mit umzugehen, geschweige denn ihn in Schuss zu halten Ingwersaft. Bon appétit!
weiß, lehrte uns nicht erst die Anekdote darüber. Deutsche

25
Zuhause

Lieber Pendeln als Lobeda


Warum Jenaer Studenten nicht in Jena wohnen wollen

von Alice in den billigeren Nachbarorten Thürin- „Gestresst bin ich nur an sehr langen
gens leben. Gründe gegen Jena gibt Arbeitstagen, Wartezeiten verbringe ich

A
lle zwei Stunden quält sich ein es viele. Freiwillig ist die Entscheidung mit Kaffeepausen mit meinen Jenaer
zähflüssiger Strom von Men- nicht immer. Freunden oder mit dem Selbststudium.
schen die Westbahnhofstraße Solange ich in Jena bin, bin ich fleißig in
hinunter und erst unten am Holzmarkt der ThULB. Und wenn ich in Weimar aus
ist nicht mehr deutlich sichtbar, dass Kein Geld dem Zug steige, dann habe ich Feiera-
sich soeben wieder ein Zug aus Erfurt Stefanie wohnt schon die gesamte Stu- bend.“
und Weimar in Jena leer geschwappt dienzeit über weit entfernt bei ihrer
hat. Es sind Pendler. Studenten, über Mutter in der Platte. Das BAföG, von Katrin ist schon das gesamte Hauptstu-
die sich ausgeschlafene Damenviertler dem der theoretisch zu zahlende Un- dium über Tutorin. Gerade zu Beginn
aufregen, wenn es mal wieder um fünf terhalt ihres Vaters abgezogen wurde, der Wintersemester kann man mit ihr
Cent mehr im Nahverkehrsticket geht. reichte für Lebensunterhalt und Zim- selten in Ruhe in der Cafeteria oder
Die Studenten, die von Mikrosoziolo- mer in Jena nicht aus. Sie hat sich die Mensa sitzen, ohne dass sie von Erstis
gieprofessoren getadelt werden, weil zwei Stunden täglicher Zugreise und auf die Rechenaufgabe zum nächsten
sie die 20-Uhr-Spätvorlesung schon die fröhlichen Verlängerungen wegen Tutorium angesprochen wird. Besucht
fünf Minuten eher verlassen, um noch jeder Schneeflocke nicht ausgesucht. man sie auf einen Kaffee in Weimar,
im Stechschritt den letzten Zug vor Mit- Den Studienort auch nicht. Das war die bleibt das aus. Vorher hat sie in Leipzig
ternacht zu erwischen. Wer A sagt, sollte ZVS. studiert. Sie weiß also, dass es in Groß-
auch B sagen… städten ganz normal ist, dass nicht jeder
direkt auf dem Campus wohnen kann,
Keine Ruhe sondern im Normalfall einige Kilometer
Keine Zahlen Sandra hatte bereits eine günstige Weg zu bewältigen hat. Trotzdem hat sie
Wie viele Jenaer Studenten kein Bett in Traumwohnung in Jena - und zog trotz- zwei erfolglose Anläufe genommen, in
Jena haben, erfasst keine offizielle Sta- dem für ihr letztes Unijahr nach Weimar. Jena eine Wohnung zu finden. „Ich bin
tistik. Von den etwa 19.000 Studenten Nach einem Auslandssemester in Polen es gewohnt allein zu wohnen und wollte
der FSU stammen immerhin 11.000 aus fühlte sich Jena zu eng an. „In Krakau keine WG mehr. Aber alle bezahlbaren
Thüringen, nur 2.000 holen sich halb- musste ich nicht mehr alle Leute ge- Einraumwohnungen in Jena waren rich-
jährlich die Jenaer Hauptwohnsitzprä- nau angucken, damit ich nicht verpasse tige Löcher. Und von Lobeda aus hätte
mie ab. Irgendwo dazwischen bewegt jemanden zu grüßen. Weimar ist ent- ich fast schon wieder die gleiche Fahrt-
sich die Zahl der Pendler. Es sind mit spannter als Jena und ich genieße die zeit wie von Weimar. Jena hat schon
Sicherheit mehrere Tausend Studenten, Anonymität.“ Die Weimarer Mieten sind seine Vorzüge, aber der Umzug hat sich
die weiterhin bei ihren Eltern, Großel- günstiger, Zuganbindung und Semes- irgendwann nicht mehr gelohnt.“ Katrin
tern, mit ihrem Kind oder in einer WG terticket machen das Pendeln einfach. mag Weimar. Die Wartezeiten und die

26
Bahnhof Rothenstein

Zuhause
„Das kitschige Deutschland“
von Roman Gherman

I
ch mag Kunst. Malerei, Bildhauerei, Architektur haben mich schon immer
begeistert. Aber auch Sprachen mit ihren Redewendungen und Sprichwörtern
finde ich spannend. Man kann ja herzhaft lachen, wenn man beispielsweise
versucht die Redewendung „Ich verstehe nur Bahnhof“ in eine andere
Sprache zu übersetzen. Das Ergebnis kommt vielen dann nur noch “Spanisch
vor”. Ähnlich ist es mit einzelnen Wörtern, deren Bedeutung(en) durchaus
sehr interessant sein können.
Nachdem ich nun schon einige Zeit in Deutschland lebe und sich mein
Kopf, Geist und Körper einigermaßen in die deutsche Gesellschaft
integriert haben, muss ich feststellen, dass das Wort "kitschig" fast so
häufig zu hören ist wie “Hallo!” oder “Wie geht es dir?”. „Kitschig“ –
ich wusste nicht, was das bedeutet, also schlug ich es in meinem
deutsch-russischen Wörterbuch nach und fand die Bedeutungen
"geschmackslos, minderwertig". Nachdem ich nun endlich wusste, was
"kitschig" bedeutet, redete ich mit einem jungen Mann über Kunst und
irgendwie kamen wir auf das Schloss Neuschwanstein zu sprechen, das – so
dessen zusammenfassende Analyse – schon recht kitschig sei. Auf meine
erstaunte Frage nach dem Warum folgte ein ernüchterndes “Weil es so
ist - es ist kitschig!” Diese Feststellung schien Argument genug, denn es
folgte keine weitere Erklärung. Kann aber Architektur geschmackslos oder
gar minderwertig, also kitschig, sein? Zweifelsohne lässt sich in
Sachen Architektur oder Kunst schon gelegentlich der künstlerische Wert
bzw. das ästhetische Empfinden des Künstlers in Frage stellen, sodass
das Attribut "kitschig" nicht immer und unbedingt unangebracht ist.
Vor ein paar Tagen dann hörte ich jemanden sagen: “Hey, deine Katze ist ja
kitschig!” Da expandierte mein Verständnis von "kitschig" quasi
explosionsartig. Wow! Ich dachte schnell an meine Geschmacklos-Hypothese
und an den “Künstler”, der da bei der “Gestaltung” der Katze
Zugfahrt nutzt sie zum Arbeiten offensichtlich keinen sonderlichen Geschmack bewiesen hatte. Aber
und wenn sie sowieso in Jena ist, irgendwie schien das nicht ganz stimmig zu sein und ich suchte nach
ist sie „weniger verleitet, schlech- neuen Erklärungen. Da sind mir zwei eingefallen:
te Vorlesungen zu schwänzen“. In - Erstens: Dass es vielleicht etwas mit Ostdeutschland und seiner
Jena abends weg zu gehen sei auch DDR-Vergangenheit zu tun hat. Man begründet doch im schönen Thüringen
kein Problem – dann schläft sie bei gerne so vieles mit der DDR-Vergangenheit. Jedoch scheint es mit der DDR
Freunden. Man müsse sich halt nur wenig zu tun zu haben, da Studierende aus den alten Bundesländern das
vorher schon überlegen, was man Wort mindestens genauso oft verwenden.
über den Tag so macht. - Zweitens: Meine Deutschkenntnisse. Ich schlug diesmal den Duden auf
und dort fand ich kitschig mit "geschmacklos, rührselig-sentimental,
Kein Verständnis auf unechte Weise gefühlvoll" umschrieben. Gefühlvoll und sentimental
Man könnte behaupten, Katrin können sowohl meine Katze als auch Architektur und Kunst nicht sein.
und Sandra haben eine Luxusent- Aber auch auf so manchen Deutschen trifft das nicht immer zu, wie mir
scheidung getroffen. Gegen Jena. scheint - fällt es doch vielen oft schwer gefühlvoll und
Bezahlbar nur durch das Semester- sentimental zu sein bzw. Emotionen zu zeigen. Vielleicht ist das ja
ticket, das alle anderen Studenten, auch der Grund, warum in Deutschland vieles so "kitschig" ist.
teilweise gegen ihren Willen, mittra- Da das aber sehr subjektiv ist und jeder Mensch unterschiedliche
gen müssen. Was Jenaer davon ha- Empfindungen hat, belasse ich es lieber dabei. Schließlich ist das Thema
ben, dass andere Studenten lieber „Gefühle in Deutschland“ ein weites Feld, das ich lieber erst einmal
in schickeren oder billigeren Orten brach liegen lassen möchte. Immerhin weiß ich jetzt, was "kitschig" sein kann –
wohnen, wird oft übersehen: Der Je- ALLES!
naer Wohnraum ist nahezu komplett Ich sitze mit einer Kommilitonin am Tisch und wir bereiten einen Vortrag
ausgelastet. Würde die Pendlerflut vor. Als sie meint, dass mein Terminkalender im altfranzösischen Stil
nachts im kleinen Jena bleiben wol- super-kitschig sei, wandert mein Blick den Tisch entlang und heftet sich
len - Stadt und Mieten würden end- schließlich auf ihren Taschenkalender: Er ist pink mit „Sailor Moon“- und
gültig explodieren. „Pokémon“-Stickern drauf. Kitschig!? Nein, keinesfalls. Gefällt mir
einfach nicht...

27
Sozial Aktiv

in Jena
von Frank Uni über die Situation der Kinder in der
Welt und die wichtige Arbeit von Unicef Schülern aufbauen. Daneben werden

"G
emeinsam für Kinder“ – der auf. Nicht zuletzt waren wir, besonders wir auch wieder Vortrags- und Informa-
Wahlspruch von Unicef deu- in der Adventszeit, mit Grußkartenstän- tionsveranstaltungen sowie Ausstel-
tet auf ein ebenso ambitio- den in Jena präsent, um die weltweite lungen organisieren, um über die welt-
niertes wie dringliches Ziel: Weltweit Arbeit von Unicef auch finanziell unter- weite Arbeit von Unicef aufzuklären und
ist das Kinderhilfswerk der Vereinten stützen zu können. unsere lokalen Aktivitäten vorzustellen.
Nationen aktiv, um die Lebensverhält- Natürlich werden wir auch 2009 wieder
nisse von hungernden, kranken und Eine schwere Hypothek versuchen, Grußkarten, Kalender und
Not leidenden Kindern zu verbessern. Freilich ist die Aufregung um die über- andere Unicef-Produkte für den guten
Doch man muss nicht unbedingt in- höhten Beraterhonorare der deutschen Zweck an den Mann oder die Frau zu
ternational tätig sein, um etwas zu be- Unicef-Zentrale in Köln auch an uns bringen, um die wichtige Arbeit des Kin-
wegen: Jeder kann etwas tun! In vielen nicht spurlos vorbeigegangen. Bestürzt derhilfswerks zu unterstützen.
deutschen Städten gibt es schon lokale mussten wir feststellen, in welchem
Unicef-Gruppen, die ehrenamtlich ihren Ausmaß manch einer die Versäumnisse Wir suchen noch Mitstreiter!
Beitrag zur Arbeit des Kinderhilfswer- der Zentrale auf die Basis der ehrenam- Für neue Ideen sind wir immer offen
kes leisten, so seit Juni 2007 auch unser tlichen Helfer projiziert. Natürlich fühlte und freuen uns über jedes neue Gesi-
Team hier in Jena. Unsere buntgemis- man sich damit ungerecht behandelt cht! Auch andere lokale Initiativen oder
chte Gruppe besteht derzeit aus etwa und enttäuscht. Aber das hat unseren Hochschulgruppen sind uns als Koop-
zwanzig Personen jeden Alters, die Ehrgeiz und die Überzeugung nicht erationspartner jederzeit willkommen.
bei Großaktionen gemeinsam oder für gebrochen, das Ziel einer besseren und Schaut doch einfach bei einem unserer
bestimmte Projekte auch in verschie- sicheren Welt für alle Kinder im Blick regelmäßigen Treffen (jeden ersten Di-
denen separaten Teams arbeiten. Diese zu behalten. Auch 2008 haben wir de- enstag im Monat ab 18 Uhr im Tagung-
beschäftigen sich unter anderem mit shalb unsere Arbeit fortgesetzt. Mit sraum des "Grünen Hauses", Schillergäss-
der Organisation von Infoveranstaltun- Zufriedenheit haben wir dabei die Um- chen 5) vorbei. Der Besuch verpflichtet
gen, Vorträgen und Ausstellungen sow- strukturierung der Führung von Unicef zu gar nichts, bietet aber eine gute Gele-
ie der Planung des Grußkartenverkaufs Deutschland sowie die Schritte zur Au- genheit die Gruppe einmal kennen zu
und natürlich mit Öffentlichkeitsarbeit. farbeitung der Vorfälle registriert. Im- lernen. Interessenten können uns auch
merhin schaffte es Unicef 2008 aus dem per Mail (gruppe@unicef.42net.de) bzw.
Aktiv in Jena für die Kinder dieser Welt Stand erfolgreich unter die Top Ten des telefonisch (0170/60882095) kontaktie-
Nach nun über eineinhalb Jahren kön- Transparenzwettbewerbs der weltweit ren. Oder sprecht uns bei einer unserer
nen wir bereits auf einige erfolgreiche tätigen Wirtschaftsprüfungs- und Be- Aktionen an, wir geben gerne Auskunft
Aktivitäten zurückblicken. So war unsere ratungsgesellschaft "Pricewaterhouse über unsere Arbeit.
Gruppe zum Beispiel auf dem Gelände Coopers" (PwC) und belegte Platz 9 un-
der Bundesgartenschau in Gera mit ter 55 teilnehmenden Organisationen.
Kinderspielen und einem Grußkartens-
tand vertreten und nahm an der Wie geht’s weiter?
deutschlandweiten Aktion "Stand up Für das kommende Jahr ist die offi-
and Speak out!" sowie der Ausrichtung zielle Konstituierung unseres Teams als
des Weltkindertages in Jena und am Außenstelle der seit langem etablierten
"Festival de Colores" teil. Häufig haben Unicef-Gruppe Gera geplant. Außer-
wir für unsere verschiedenen Projekte dem beteiligen wir uns im Rahmen
mit anderen lokalen Organisationen eines bundesweiten Aktionstages an
und auch Hochschulgruppen des Int.Ro der Unicef-Kampagne "Stoppt ausbeu-
zusammengearbeitet. Natürlich klärten terische Kinderarbeit" und wollen eine
wir auch mit mehreren Informationsver- Zusammenarbeit mit Jenaer Schulen
anstaltungen und Ausstellungen in der für Projekte mit Schülerinnen und

Du willst...
…schreiben, recherchieren, layouten, Anzeigenkunden suchen, Finanzanträge schreiben, lektorie-
ren, telefonieren, fotografieren, deinen Lebenslauf aufbessern, einen Ort haben, an den du vor deinen
Mitbewohnern flüchten kannst, interkulturelle Erfahrungen sammeln, dir die Nächte vor dem Satzpro-
gramm um die Ohren hauen, journalistisch tätig sein, dei-
nen Freunden erzählen, dass du bei einer Zeitschrift arbei- Dann komm' zur Unique!
test, kostenlos Kaffee und Kuchen bekommen, ein Forum für Jeden Donnerstag 18-20 Uhr
deine Meinungen und Ideen haben, diskutieren, streiten und
nette Bekanntschaften machen?
im Haus auf der Mauer!
28
Portrait

Tamars Lachen

Zuhause
Eine Georgierin im nasskalten Jena
von Jura fentlichen Lesestunde - der eigentliche her.
Stoff werde dann eben später zu Hause Die zwangs-

I
ch kannte Tamar noch nicht allzu lan- nachgearbeitet. Die relative Ruhe deut- läufige Fra-
ge, als mir auffiel wie interessant es scher Lehrveranstaltungen ist für Tamar ge, wie sie
wäre, etwas mehr als das allgemein zwar eine neue Erfahrung, jedoch eine denn dann
Bekannte über ihr Heimatland Georgien durchaus angenehme. Schwieriger er- mit der viel
zu erfahren. Afgrund des bewaffneten scheint es ihr, dass man in Deutschland beschwo-
Konflikts mit Russland stand die Kauka- viel mehr lernen müsse. Als wirklich renen Zu-
susrepublik zuletzt im Brennpunkt der unangenehm empfindet sie das Jenaer rückhaltung der Deutschen zurecht
Weltöffentlichkeit, außerdem kommen Mensaessen. Am Anfang habe es noch käme, macht Tamar kurz nachdenklich.
recht viele Auslandsstudenten der FSU erträglich geschmeckt, auf Dauer sei die In Deutschland gingen die Menschen
von dort. Eintönigkeit des Geschmacks aber be- weniger aufeinander zu als in Georgien,
Ein Termin mit Tamar war schnell verein- lastend. Ein weiteres Reizthema ist „Frie- das stimme schon. Dennoch habe sie
bart. Ich treffe sie am frühen Morgen auf dolin“. Auch Tamar wurde vom blauen recht schnell Freunde gefunden und al-
dem kalten Abbe-Campus. Schon nach Fuchs also nicht verschont. Ihre Theorie: lein das sei doch wichtig. Niemand habe
wenigen verplauschten Minuten fallen Das Programm führe ein geheimes Ei- sie bisher ihrer Herkunft wegen schief
mir ihre guten Sprachkenntnisse und ihr genleben und wähle die zu beratenden angeschaut - im Gegenteil. Die meisten
Lächeln auf. Die Einstiegsfrage nach der Studenten nach ganz persönlichen Kri- Deutschen seien sehr freundlich. Un-
Dauer ihres Aufenthaltes beantworte terien aus. In Tbilissi gäbe es ein ganz denkbar sei in Jena nur, dass man wie
sie mit „ungefähr einen Monat“. Vor ih- ähnliches Programm, nur funktioniere an ihrer Heimatuniversität bereits vor
rer Ankunft in Jena hatte sie an Schule dies im Gegensatz zur Dauerbaustelle dem Beginn der ersten Vorlesung die
und Universität bereits Deutsch gelernt. Friedolin zuverlässig. meisten seiner Kommilitonen persön-
Im Rahmen eines Austauschprogramms Und abseits des Studiums? Tamar lacht lich kennt. Tamars simple Begründung:
zwischen der FSU Jena und der Staatli- herzlich. Jena sei super, ihr gefalle die Anderes Land, andere Menschen! Das
chen Universität "Iwan Dschawachisch- Atmosphäre, die Lebendigkeit der stört sie also nicht wirklich.
wili" Tbilissi bot sich ihr die Möglichkeit Stadt. Sollte sie in Zukunft jemals nach Ich blicke über den kalten, grauen Cam-
nach Deutschland zu kommen. Hier Deutschland zurückkehren - und das pus und wickle den Wintermantel noch
studiert sie im mittlerweile siebten Se- hat sie vor - dann nur nach Jena. Auch enger um mich ... und das deutsche
mester Psychologie. Die Fragen nach andere deutsche Städte wie Weimar Wetter? Liegt Georgien nicht ziemlich
Herkunft und Studienfach sind schnell und Frankfurt hat Tamar schon besucht. weit im Süden? Tamar winkt ab. Wenn
geklärt. Um das Gespräch anzukurbeln, Die seien aber nicht so schön wie Jena, man sich passend anziehe, sei auch
frage ich sie, wie ihr das Studium in Jena außerdem sei das Nachtleben dort viel das kein Problem. Am Anfang sei es ihr
denn gefällt. teurer. In Tbilissi könnten es sich auf- etwas ungewöhnlich vorgekommen,
Grundsätzlich sehr gut, es sei dem in Ge- grund der niedrigen Löhne nur die Ober- die Anpassung habe aber nicht lange
orgien organisatorisch sehr ähnlich, so schicht leisten abends auszugehen - da gedauert. Die meiste Zeit verbringe sie
ihre knappe Replik Nur die Atmosphäre sei Jena durchaus ein angenehmer Kon- ohnehin in Uni, ThULB und Mensa.
in den Hörsälen und in Seminaren sei trast. Ein Nachtleben, wie wir es kennen, Als sich das Interview dem Ende ent-
eine andere. Deutsche Studenten rede- kommt für die meisten Georgier höchs- gegen neigt und wir gemeinsam den
ten zwar auch manchmal miteinander, tens in der Urlaubszeit in Frage. Das Campus überqueren, frage ich mich, ob
sie seien insgesamt aber aufmerksamer bedeute aber nicht, dass ihre Landleute ich einfach nur den Blick dafür verloren
als ihre georgischen Landsleute. In geor- es nicht verstünden zu feiern, schiebt habe, in welch schöner Stadt wir leben.
gischen Vorlesungen erreichten Privat- Tamar sogleich hinterher. Man träfe sich Als hätte sie meine Gedanken gelesen,
gespräche schon mal Zimmerlautstärke eben eher im privaten Kreis und nicht in lacht Tamar - schon wieder. Ich kann
oder hätten den Charakter einer öf- Kneipen. Dort ginge es dann schon heiß nicht anders als mit einzustimmen.

Kontaktion: Mohammad & Stefan


I ch habe Mohammad Hajouz, der gerade
im Bereich der Altorientalistik promoviert,
vor drei Jahren als Sprachtandempartner
kennengelernt. Im Laufe der Zeit ist daraus
eine tiefe Freundschaft gewachsen. Ich
konnte ihm bei diversen Behördengängen
helfen, er hat mich und meine Frau Antje zu
sich nach Hause eingeladen, wo uns seine
Frau mit syrischem Essen verwöhnte. Nun
bringt seine Frau wiederum Antje Arabisch
bei und wir wollen uns alle mal gemeinsam
in Syrien treffen.

29
Glosse

Co
n
PRO

tr
a
"Dürfen Medien Nazis ein Forum geben?"
von Lutz von ThiBo

D W
em mutmaßlich durch Rechtsextremisten began- as hört man von Nazis in den Medien? Übergriffe
genen Anschlag auf den Passauer Polizeidirektor auf Homosexuelle, Anschläge auf Asylantenheime
Alois Mannichl folgte wie üblich eine aufgeregte und Opferzahlen rechter Gewalt sind häufige The-
Diskussion um ein NPD-Verbot. Beide Themen beherrschten men der Berichterstattung. Klingt ziemlich einseitig. Wo
unlängst die Medien. Horst Seehofer wollte schnell han- bleibt denn da die Presse- und Meinungsfreiheit? Sollte es
deln, doch Innenminister Schäuble riet zur Vorsicht, da die Nazis denn nicht gleichermaßen erlaubt sein, ihre Meinung
Rechtsextremisten wieder triumphieren würden, sollte ein in den Medien frei kund zu tun? Manch einer mag auch der
erneutes Verbot der NPD am Bundesgerichtshof scheitern. Meinung sein, dass nationalsozialistischer Ideologie am
Doch was war medienpolitisch damit passiert? Die NPD leichtesten beizukommen ist, wenn sie sich in den Medi-
wurde thematisiert, es wurde über Neonazis berichtet, al- en selbst entlarvt als das, was sie ist: ein Haufen sinnleerer
lerdings ließ man ihnen kaum Chancen, sich öffentlich zu Hasstiraden gegen alle, die anders denken, aussehen oder
äußern. Der NPD-Kreisverband Passau schrieb auf seiner In- leben.
ternetseite von einer „feigen Tat“, doch ansonsten hat man Es gibt aber genügend Gründe, die dagegen sprechen, ih-
in der Berichterstattung nichts dazu vernommen. Ist es nicht nen ein Forum für ihre Weltanschauung zu geben. Zum
im Sinne des journalistischen Ethos, auch die andere, wo- Ersten beleidigt diese Weltanschauung. Sie beleidigt Men-
möglich verhasste und demokratiefeindliche Seite und ihre schen, die einen bestimmten Lebensstil pflegen, die einer
Akteure gerade bei einer solchen Anschuldigung zu Wort ethnischen Gruppe angehören oder die sonst irgendwie
kommen zu lassen? Die „Regeln für fairen Journalismus“ des nicht in die beschränkten Vorstellungen der Nazis passen.
Deutschen Presserates befürworten dies, indem von einer Und sie beleidigt jeden Menschen, der es zulässt, dass diese
„fairen und gründlichen Recherche“ die Rede ist. Die Formu- Meinung verbreitet wird, weil sie eine der grundlegenden
lierung „öffentlicher Auftrag“ konterkariert das jedoch, wenn Erkenntnisse unserer modernen Zivilisation leugnet: Dass
es heißt, dass Journalismus „massenmeinungsbildend“ sein jeder Mensch den gleichen Wert hat – unabhängig von sei-
soll. Bedeutet dieses lange Wort „CDU/CSU, FDP, SPD und ner Herkunft, Hautfarbe oder seiner Art zu leben.
Grüne“ - schließt NPD, Republikaner, DVU sowie DieLinke Zum Zweiten ist man als aufgeklärter Student vielleicht
und WASG aber aus, weil sie nicht populär sind und ideo- der Meinung, es sei für jedermann offensichtlich, wie hohl
logisch nicht nah genug der Mitte stehen wie erstgenannte und falsch die Nazi-Ideologie ist, sodass sie sich, unterstützt
Parteien? Gegen wen richten sich denn all diese Phrasen durch den Umstand, dass sie meist recht „einfache“ Verfech-
vom „dummen Nazi“ und die zahlreichen Demonstrationen ter hat, in den Medien selbst entlarven und ad absurdum
gegen das „Fest der Völker“? Bis vor kurzem gab es einen führen müsste. Diese Annahme ist falsch und gefährlich.
rechtspopulistischen Österreicher namens Jörg Haider, der Denn gerade die Tatsache, dass es vielfach schlichte Ge-
mit harten Sprüchen in den Medien immer wieder auffiel. müter sind, die sich für nationalsozialistisches Gedankengut
Die wurden dankbar abgedruckt. Und nun? Man muss doch begeistern, zeigt doch, wie fehl eine intellektuelle Auseinan-
erst einmal wissen, was der politische Gegner will, um auf dersetzung und ein Hoffen auf spontane Selbsterkenntnis
ihn reagieren oder ihn gar bekämpfen zu können. Klar dür- bei den Betroffenen ist. Nazis ein Forum in den Medien zu
fen Medien Nazis ein Forum geben und natürlich dürfen sie geben, offenbart allein denjenigen, die es ohnehin schon er-
dort ihre zumindest fragwürdige Ideologie vom autoritären kannt haben, den intellektuellen Tiefflug rechter Ideologen.
Staat und ethnischen Zugehörigkeiten preis geben. Ziffer Überdies wäre es unverzeihlich, wenn die eigentlich nur zur
10 des Pressekodexes des Deutschen Pressrats beinhaltet Selbstentlarvung gedachten Mediengeschenke an Nazis
schließlich folgendes: „Die Presse verzichtet darauf, religi- auch nur eine einzige zusätzliche rechte Gewalttat verursa-
öse, weltanschauliche oder sittliche Überzeugungen zu chen würden - weil Menschen mit „Bildzeitungsniveau“ evtl.
schmähen“. Das gilt trotz aller vermeintlichen Verfassungs- nicht über die nötige geistige Beweglichkeit verfügen, diese
feindlichkeit auch für Neonazis. Nazi-Äußerungen in den richtigen Kontext zu stellen.

30
Glanzlichter
Der Int.Ro präsentiert den interkulturellen
Veranstaltungskalender für Januar 2009
Mi, 07.01.09 Private Kontakte zwischen „Tiefreligiös und trendbewusst. chisch-tschechoslowakischer
18.00 Uhr Rosensäle (Fürsten- Deutschen und Polen in Leip- Junge Muslime in Deutschland Filmabend. Freier Eintritt.
graben 27): „Die Ostpolitik zig 1972-1989“ entdecken den Pop-Islam“. 20.00 Uhr HS Z I (Zwätzengas-
des Vatikans am Beispiel der 18.15 Uhr SR des Instituts für Ringvorlesung „Muslime in se 9): Wahlfilmabend: „Gone
Beziehungen zur DDR“ Germanistische Sprachwis- Europa“ Baby Gone“, „No Country for
20.00 Uhr Café Wagner: „Prin- senschaft (Fürstengraben 30): 20.00 Uhr Weintanne: OPSIS- Old Men“ oder „The Departed“.
zessin Mononoke“. UFC-Kino „Sprache und Politik“ Stammtisch Philosophie-Kino & Grillen
19.00 Uhr Rosensäle (Fürsten- 21.00 Uhr F-Haus: Semesterab- 20.00 Uhr Capitol: „Denn sie
Do, 08.01.09 graben 27): „Die westlichen schlussparty wissen nicht, was sie tun“.
19.30 Uhr Ernst-Abbe- Balkanländer zwischen Wissenschaft in Streifen
Bücherei: „Der Aufstieg Eng- Transformation und Europäi- Do, 22.01.09 21.00 Uhr Rosenkeller: Winter-
lands. Das Elisabethanische sierung“ 19.30 Uhr Ernst-Abbe-Büche- party des FSR Anglistik/Ame-
Zeitalter“. Vortragsreihe zu "Eu- 20.00 Uhr Café Wagner: „Ijon rei: „Der Balkan. Die islamische rikanistik
ropa im Zeitalter des Konfes- Tichy: Raumpilot – Die Sternta- Welt in der Frühen Neuzeit.
sionalismus. Wege im 16. und gebücher“. UFC-Kino
17. Jahrhundert"
21.00 Uhr Rosenkeller: Do, 15.01.09
Neujahrsparty der Physiker, 19.30 Uhr Ernst-Abbe-Büche-
Biologen und Ernährungswis- rei: „Die Polnisch-Litauische
senschaftler Union und Russland“. Vortrags-
reihe zu "Europa im Zeitalter
So, 11.01.09 des Konfessionalismus. Wege
17.00 Uhr CZ3, HS1: „Jakobs- im 16. und 17. Jahrhundert"
weg“. Lichtbildarena
20.00 Uhr CZ3, HS1: „Neusee- Mo, 19.01.09
land“. Lichtbildarena 18.00 Uhr EAP 8, SR E028:
„Adaption“ (Jonze 2002).
Mo, 12.01.09 MeWi-Screening
18.00 Uhr EAP 8, SR E028: „At 19.30 Uhr EAP 8, SR 216: „Zítra
Land“ (Deren 1944) & „Little vstanu a opařím se čajem
Foxes“ (Wyler 1944). MeWi- (Morgen früh stehe ich auf
Screening und brenne mich mit dem
19.30 Uhr EAP 8, SR 216: „Anděl Tee)“ (O.m.engl.UT.). Tsche- am Montag, 12.01.09 um 20 Uhr im Philosophenkino
Exit“ (tschech. UT). Tsche- chisch-tschechoslowakischer (HS1/ Zwätzengasse)
chisch-tschechoslowakischer Filmabend. Freier Eintritt.
Filmabend. Freier Eintritt. 20.00 Uhr HS Z I (Zwätzengas-
Türkenkriege“. Vortragsreihe Die, 27.01.09
20.00 Uhr HS Z I (Zwätzengasse se 9): “Avalon”. Philosophie-
zu "Europa im Zeitalter des 18.15 Uhr CZ 3, SR 114: „Mus-
9): “El Topo”. Philosophie-Kino Kino & Grillen
Konfessionalismus. Wege im lime in Italien“. Ringvorlesung
& Grillen 20.00 Uhr Capitol: „Der Unter-
16. und 17. Jahrhundert" „Muslime in Europa“
20.00 Uhr Capitol: „Mikrokos- tan“. Wissenschaft in Streifen
19.30 Uhr Ernst-Abbe-Büche-
mos“. Wissenschaft in Streifen 21.00 Uhr Rosenkeller:
Fr, 23.01.09 rei: „Die Todesmärsche von
Semesterabschlussparty der
16.00 Uhr Planetarium: As- Buchenwald“. Veranstaltung
Die, 13.01.09 Erziehungswissenschaftler
tronacht des FSR Physik mit der Landeszentrale für poli-
18.15 Uhr CZ 3, SR 114: „Islam
anschließender Beobachtung tische Bildung zum „Tag des
und Bedrohung. Eine Analyse Die, 20.01.09
auf dem Napoleonstein Gedenkens an die Opfer des
aus soziologischer und psycho- 19.00 Uhr UHG, HS 24: „Frauen-
Nationalsozialismus“
analytischer Sicht“. Ringvorle- bilder und Frauengestalten in
So, 25.01.09
sung „Muslime in Europa“ der frühgriechischen Literatur“
11.00 Uhr CZ 3, HS 1: „Jena Do, 29.01.09
19.00 Uhr UHG, HS 24: „Mulier
– Jemen“. Lichtbildarena 18.00 Uhr Rosensäle (Fürsten-
pia. Darstellungen kultisch Mi, 21.01.09
17.00 Uhr CZ 3, HS 1: „Im Reich graben 27): „Perspektiven der
aktiver Frauen im Imperium 16.30 Uhr Institut für Psycho-
der Beduinen“. Lichtbildarena europäischen Integration“
Romanum“  logie, HS 009 (Am Steiger 1/3):
20.00 Uhr CZ 3, HS 1: „Persien“. 19.30 Uhr Ernst-Abbe-Bü-
20.00 Uhr Schillerhof: „Lichter“. „Elterliche Unterstützung und
Lichtbildarena cherei: „Religionskriege in
MeWi-Kino berufsbezogenes Explorations-
Frankreich“. Vortragsreihe zu
21.00 Uhr Café Wagner: Spiele- verhalten bei deutschen und
Mo, 26.01.09 "Europa im Zeitalter des Kon-
abend des FSR Psychologie türkischen Jugendlichen“
18.00 Uhr EAP 8, SR E028: fessionalismus. Wege im 16.
18.00 Uhr Rosensäle (Fürsten-
„Blackmail“ (Hitchcock 1929). und 17. Jahrhundert"
Mi, 14.01.09 graben 27): „Braucht die EU
MeWi-Screening 22.00 Uhr Rosenkeller: Eras-
18.00 Uhr Rosensäle (Fürsten- eine Verfassung?“
19.30 Uhr EAP 8, SR 216: musparty
graben 27): „“Schleichwege. 18.15 Uhr CZ 3, SR 114:
„Kráva“ (tschech. UT). Tsche-  

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