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9. Jahrgang | ISSN: 11612-2267 | weiterlesen: www.unique-online.de | selberschreiben: uniqueredaktion@gmx.

de


Interkulturalität ist mehr...

UNIQUE Jena
Tabus, Trash & TOHUWABOHU
46
Das MedienkarusselL

Feb. 09
Anzeige
Inhalt Liebe Leserinnen

Weltweit
Das Medienkarussell

und Leser,

Z
wischen Das-tragen-
Stars-am-Arsch und
Seite 21 Dieter-mach-uns-Kin-
Nachricht aus der Ferne: Thailand der-in´-Kopf im Vorbereitungs-
Acoto: Was piept im Gras programm künftiger Media-
Seite 22/ 23
assessoren naht der „neue
Länderbericht: Guatemala Potter“ mit rasender Neuauf-
Seite 24/ 25 lage. Bitte was? Ist doch schon
Interview: Ilja Rabinowitsch zum jedem passiert. Aus Versehen
Nahost - Konflit den Fernseher mal an einem
Seite 4/5 Wochentag angeschaltet, den
Das gefährlichste Medium Logoutboutton am Postfach
der Welt zu fest gedrückt, der Sender-
Seite 6/7 suchlauf bleibt im Bundeswel-
Medienlandschaften: Spanien, le-Radio stecken, und schon ist
Zuhause

Brasilien und Türkei der Tag im Eimer. Schon quillt


Seite 7 einem ein unverortbarer Brei
Alternative Medienportale an alle primären Sinnesorgane,
stellt klebrigen Kontakt mit al-
Seite 8/ 9 ten, gut eingesitzten Assoziati-
Web 2.0 Seite 27
onsmustern her und wölbt sein
Seite 9 Sozial Aktiv: ISM Palestine
schleimiges Unnütztum kup-
Das Recht auf Dummheit Kontaktion: Simona und Sebastian
pelartig über unsere Schalthe-
Seite 28
misphären. Ahhh! Who is my
Seite 10/11 Weltfußball ade
Seite 29 guide through the Niemands-
Interview: Medienwissenschaftler
Portrait: Surprise from Britain land Verbraucheroptimierter
zur journalistischen Qualität
Themenwahl, nach dem sich
Nachrichten richten? Welcher
kosmopolitisch Ambitionierte
kann noch die richtigen Fra-
Und Sonst?

gen finden hinter den tausend


Wahrheiten westredaktioneller
Kultur

Brauchtumspflege? Der Deut-


sche Fernsehpreis 2tausend12
geht an:
Das zweiteilige TV-Drama:
„Alles Aus - Media und Presse
Seite 17 Titelbild trennen sich!“ und „Eine neue
Songs, die Leben retten Martin Thorman/ Tapete: Manfred Vorliebe ist wie ein neues Le-
Veranstaltung: Das chinesische Dreissinger ben – Media mit Meinung im
Seite 12 Bett erwischt!“
Neujahrsfest
Seite 18 Die andere Meinung: Popeln Und zum Geleit noch ein Ver-
Buch: Huhn mit Pflaumen Seite 13 besserungsnachtrag für den
Film: Jericho Warum hört man eigentlich...: Obama Wikipediaartikel Medienkom-
Seite 14 / 15
Seite 19 petenzen:
Campusradio: Lieblingssongs Stimmen zum Nazi-Interview
Seite 16
Campus TV: Back to the Streets „Druckerpressen-Nationalis-
Seite 20 Impressum & Leserbriefe
Seite 30 mus scheiterte am Grundsatz“
Kreatique: Verirrt
Glosse: Auf eine Thüringer Bratwurst
gehört Senf?
Seite 31 Viel Durchhaltever-
Int.Ro Veranstaltungskalender moegen beim Lesen
Glanzlichter wuenscht die Unique-
Rückseite
Redaktion.
Franco Fon: Fabian im Phosphorfeuer

sisê 3
Das gefährlichste „Medium“ der „Welt“
Tabus, Trash & Tohuwabohu

– die Medien
Eine Begriffsverirrung in drei Akten

Steigern prominente
von Alex, FrancoFon, bergi es deren Produkte und deren Gebrauch
Sexeskapaden die Lust? kritisch betrachtet. Ein Medium das sein

„D
ie Medien“. Sie begleiten Relevant ist was neugierig macht. So Geld selbst nicht erwirtschaften muss,
uns im Alltag und bieten wird das Interesse am Mitmenschen, sondern auf Spenden oder den Staat
ein Totschlagen von Zeit von vielen Medienproduzenten im wei- angewiesen ist, muss sich ebenso dem
auf angenehme Weise. Sie informieren testen Sinne miteinbezogen. Klatsch, Verdacht der Käuflichkeit erwehren
und schaffen Orientierungspunkte wo Tratsch und blablabla der Regenbo- wie Medien im Dienst der Märkte. Somit
größte Verstrickung herrscht, reichen genpresse, und deren Entsprechungen können nun auch populäre Ansichten,
die helfende Hand voll Wissenschaft in den anderen Kanälen, findet man unabhängig von Wahrheitsgehalt oder
und Fakten, wenn man sie annimmt, mittlerweile sogar vermehrt in den seri- Relevanz größere Verbreitung und so-
mal „wertfrei objektiv“ bemäntelt, mal ösesten Medien – dies ist sicherlich auch mit Relevanz erlangen. Reißerisch auf-
schön deutlich eingefärbt mit Meinung, gut so im Sinne der Lebensqualität der bereitete News und Olds sind in ebenso
zuweilen mehr subtil, fast subversiv mit nachfragenden Konsumenten, bestimmt preiswert wie aufwandsarm in ihrer Er-
einer Konnotation, einem verstecktem steigern prominente Sexeskapaden die stellung, die ständigen Richtigstellun-
Interesse versehen, einer Richtung für Lust, oder zumindest die kurzfristige gen stören dabei anscheinend kaum.
Gedanken und Meinung. Aufmerksamkeit des Rezipienten. Ebenso zeitsparend ist es Pressemittei-
lungen von Firmen, Interessenverbän-
Die Gewissensf
rage
a r t e s c h l anacghee Sicherlich können den oder eben Reuters zu übernehmen

Wut irän derr egoiW


st isc he s Verhalten au
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r wei ß
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Rat.
mediale Ange-
bote die Freuden
und als Nachricht zu verkaufen.

ngler auf ih r. Rainer Erlinge


Darf man Vord
so ll m an sie einfach gewäh
ren lassen? Dr.
D des Umgangs
mit Menschen zunächst
Wissenschaftler sagen
Ode r
itung Magazin
mehr bei Südd
eutsche Ze
Nicht nur der Intel-
nicht vollständig ersetzen, aber insbe-
sondere in Zusammenhang mit einem „Diäten sind nicht gut“
lekt, sondern auch die soziale Seite immer stärker gemachten Ich-Begriff
des Menschen wird angesprochen oder und einem selbstbewusst vorgetra-
eben beleidigt. Doch woher stammt Viele Medien dienen fast oder sogar
genen „Individualismus“, kann durch ein
dieses fast schon peinliche Interesse an teilweises ersetzen von Beziehungen überhaupt nicht (mehr)
Sexualität, Erfolg, Lust und Leid anderer. durch Medienkonsum, eine Entfrem-
Geben uns „die Medien“ diese Themen dung von den Mitmenschen befördert Die Grenze zwischen Information und
vor und lenken unsere Neigung? Oder werden. Das Zugehen auf die Umwelt Unterhaltung, Karrikatur und Wirklich-
entspricht nicht viel mehr das Angebot keit wird gern verwischt; Angenehm!,
und die direkte interaktive Echtzeit 4D
in diesem Fall der Nachfrage? Vielleicht - Auseinandersetzung mit ihr wird demaber das man durch herunterbrechen
ist die Sache komplexer: Die Freunde zugeneigten Nutzer scheinbar abge- komplizierter Sachverhalte zugunsten
großer Gefühle zeigen was ihr Publikum nommen. Vielleicht werden schädliche des Unterhaltungswertes einen Infor-
sehen will, die Leute wollen dann sehen Nebenwirkungen frei, die Verhältnissemationsverlust in Kauf nehmen muss,
was ihnen gezeigt wurde nur diesmal und Relevanzen außerhalb der Reali- führt in der Folge meist zu einer wei-
extremer - befinden sich die Boulevard- tätsflucht nicht mehr recht erkennen teren Abflachung der Inhalte, Schade!
medien somit in einem Teufelskreis der Viele Medien dienen fast oder sogar
lassen, aber bis zu dem Punkt sehe ich
gegenseitigen Erniedrigung. Dem- nur Vorteile, für die Industrie. überhaupt nicht (mehr) der Wissensver-
nach würde sich der Anspruch von mittlung oder einer „Demokratischen
Konsument und Medium in einem
wechselseitigen Prozess weiter ab-
Realitätsflucht Aufgabe“. Die Vermittlung von
Zusammenhängen, der Klärung
senken. Aber warum scheint diese Die zunehmende Arbe komplizierter Sach-
Entwicklung mehrheitlich in diese treibt imme
itslosigkeit verhalte oder die Auf-
r mehr Menschen
eine fatale Richtung zu gehen, war- We
b 2.0 ins deckung verborgener
um können nicht umgekehrt, bessere Strukturen scheint der Sa-
Medien ein immer anspruchsvolleres Medien sind in den Mechanismus/Orga- che nicht wert. Informationen die hel-
Publikum schaffen, welches geistreiche- nismus/Netzwerk Kapitalismus ebenso fen könnten dem Menschen politische
re Beiträge nachfragt? Richten sich Me- eingebunden wie wir selbst. Die sub- und wirtschaftliche Entscheidungspro-
dien nur nach ihrem jeweiligen Konsu- jektive Forderung nach Qualität spielt zesse transparent zu machen sind sel-
mentenkreis, demokratisch-devot, wie hier keine Rolle, insofern sie sich nicht ten. Stattdessen werden Nachrichten so
„das Volk“ es sich wünscht und wandeln in Verkaufszahlen und User-Umfragen präsentiert als seien sie am Strand ange-
dabei nur deshalb permanent auf der ausdrückt. Es ist somit beispielswei- spült worden.
Affekt-Schiene, weil es einfacher und se fragwürdig ob ein Medium das sich
kostengünstiger ist durch solche Reize über Werbung (mit-)finanziert seine
die Massen an die Tröge zu bewegen? Anzeigekunden verprellen wird, indem

 çar
rStäaastscid eSanrkotzy

Tabus, Trash & Tohuwabohu


D eirrrungM er Krdiseie: Frannk-reP
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Verw in de erview seine
groß angelegten Int
verteidigt in einem
t Widersprüchliches.
Politik - und verbreite

Und nicht nur das, häufig versteckt und


manchmal völlig unkaschiert, verbrei-
ten gewisse Medien Lügen und verwi-
schen oder zeichnen Bilder der Gesell-
schaft und versuchen alles Denkbare
um erwünschte Leitideen in Köpfen zu Wird CERN die Welt vernichten?
etablieren. Der „theoretische“ Physiker Mohamed El Naschie war seit fast zwei
Jahrzehnten der angesehene Herausgeber und Autor des Wissen-
Die weite Medienlandschaft ermögli- schaftsmagazins „Chaos, Solitons & Fractrals“ des führenden Wissen-
cht es zwar sich täglich zu informieren, schaftsverlags „Elsevier.“ Das Jahresabo von etwa 4000 Euro wird,
aber doch nie etwas ``neues´´ zu erfah- wie in diesen Kreisen üblig, gerechtfertigt durch die hohen wissen-
ren, was die eigenen Ansichten über schaftlichen Standards, die vor der Veröffentlichung angewendet
den Haufen wirft. Dieser Umstand trägt werden. El Naschie ist einer der meist zitierten Wissenschaftler, allerd-
nicht zur Reflektion über die eigenen ings hauptsächlich durch sich selbst. Jahrelange öffentliche Kritik an
Ansichten bei, was vom idealistischen seinen eher numerologisch orientierten pseudo-wissenschaftlichen,
Standpunkt einer menschheitsevolutio- selbstdarstellerischen Texten, führten (allerdings erst) jetzt dazu, das
nären Dauerkatastrophe gleichkommt. Elsevier nun die Niederlegung seines Amtes nahelegte.
Wenn jeder zwar meint im Besitz der Elsevier- delivering superior information products and tools that build
Wahrheit zu sein, sie aber über die In- insights and enable advancement in research.
fos der letzten SENDUNG hinaus nicht
begründen kann, mag das irgendwie
bedauerlich sein. Wenn sich allerdings ors
Medaille des Art Direct
immer größere Kreise aufgrund ge- en Medien-Preis, die
BILD gewinnt wichtigst ld für Sch lag zeile

„W i r s i n d P a p s t ! “
res. Go
schilderter Mechanismen immer einiger besten Arbeiten des Jah
werden wird es wirklich problematisch. Club Deutschland für die
Also reicht eine kritische Betrachtung
kaum aus, um einen adäquaten Schutz
vor dieser Art medialen Einfluss zu
bieten, wenn sie nicht über eine ge-
wohnheitsmäßige, zahnlose Skepsis Seit den bekannten Äußerungen Recep Tayyip Erdogans beim
hinausgeht. Zu oft wird gelogen, zu oft Weltwirtschaftsforum erschienen darüber acht Artikel in der BILD,
Plausibilität als Wahrheit getarnt, zu oft selbstverständlich mehr als über das Forum selbst.
wird Nicht- oder Falschwissen weiterge- Eklat um Türken-Premier: Hass-Rede gegen Israel in Davos / Empörung
geben. Zu oft sind Interessen im Spiel
über die Skandal-Rede Erdogans gegen Israel: Ist der Türken-Premier ein
die, angefangen bei psychologisch-indi-
viduellen über ideologisch-globale, sich
Antisemit? (laut Brockhaus ein Mensch, der sich feindselig gegenüber Juden verhält)
keinem Betrachter jemals alle anzeigen Türken-Premier Erdogan: Wieder Hass-Attacke gegen Israel
werden. Vielmehr braucht Skepsis Kon- Ahmadinedschad jubelt über Erdogans Davos-Eklat
sequenz. Schweigen vor allem, wenn Nach Hass-Rede gegen Israel in Davos: Erdogan mit Jubel in Istanbul
ich etwas nicht weiß. Und will ich es wis- empfangen / Erdogans kalkulierter Eklat
sen ziehe ich alle Mittel zu Rate die uns Hass-Rede: Das hat Erdogan in Davos gesagt / Weltwirtschaftsforum in
Gott Media zur Verfügung stellt. Davos: Nach dem Skandal: Emine Erdogan bricht in Tränen aus
Ebenfalls aus dem Hause Springer, die WELT-Schlagzeilen:
Erdogan sorgt für Rieseneklat in Davos / Türken feiern Erdogan nach
Eklat von Davos / Der Eklat von Davos im Wortlaut
Türken feiern ihren
Premier für böse
Worte über Israel
Erdogans Wutaus-
bruch verrät die neue
Türkei / Türkischer
Richtigstellung: Premier Erdogan
nimmt Hamas in Schutz

Welt ist wieder nicht untergegangen.

pênc 
Tabus, Trash & Tohuwabohu

Medienlandschaft
Spanien
von Tsil

G
reift man in einem spanischen Zeitungsständer nach
einer beliebigen Publikation, dann ist die Wahrschein-
lichkeit sehr gering, dass diese dem politisch linken
Spektrum angehört. Nur „El País“ und „El Público“ zählen zu
den sozialistisch orientierten Zeitungen. Ihre Konkurrenz ist
groß, allein in Madrid gibt es drei wichtige konservative Zei-
tungen. Die rechte „El Mundo“, die konservativ-monarchisti- von Tsil
sche „ABC“ und die rechtskonservative „La Razón“ stehen ih-

R
rerseits in Konkurrenz zu anderen Zeitungen, die keine feste und 90 Prozent aller Brasilianer besitzen einen Fernse-
politische Ausrichtung haben. her. Unter den acht bedeutendsten Fernsehstationen
Daneben drängen vermehrt kostenlose Zeitungen wie „20 ragt ein mächtiger und meinungsbildender Kanal her-
minutos, qué!“, „Metro Directo“ und „ADN“ auf den Markt, die aus: TV Globo. Dessen Programmangebot besteht haupt-
weniger auf qualitative Informationen, sondern vielmehr auf sächlich aus Spielfilmen, Nachrichten, populären Program-
Masse setzen und in U-Bahnen gelesen werden. Sie bieten men, Sportübertragungen und vier täglich ausgestrahlten
vor allem Kurznachrichten mit hohem Unterhaltungswert Telenovelas.
für politisch ermüdete und desinteressierte spanische Leser. Telenovelas behandeln Themen wie Liebe, Eifersucht, Geld
Weitere Konkurrenten sind die auflagenstarken Sportzei- und Macht, denn in der Regel sind die Handlungsträger
tungen und die, ähnlich den englischen Verhältnissen, mäch- überdurchschnittlich reich. Sie leben den Zuschauern einen
tige spanische Regenbogenpresse. kapitalistischen Lebensstil vor, den sich diese selbst nie lei-
Wettbewerb ist generell ein junges Schlagwort für die spa- sten könnten. Ähnlich verhält es sich mit der Werbung. Im
nischen Massenmedien. Seit dem Tod des Diktators Franco Gegensatz zur deutschen Fernsehreklame, die oft recht ko-
im Jahr 1975 und der Einführung der Demokratie werden stengünstig produziert wird und auch so aussieht, dürfen
die Prinzipien der „Unabhängigkeit der Medien“ und der sich Brasilianer über anspruchsvolle Werbefilme freuen. Al-
„Meinungsfreiheit“ zumindest offiziell hoch gehalten. Die lerdings werden dort meist nur unerschwingliche Luxuspro-
Marktregeln weisen jedoch in eine deutlich andere Richtung. dukte beworben.
Spanische Medienunternehmen drehen verstärkt an der Kos- Im medialen Alltag der Brasilianer spielen neben dem Fern-
tenschraube, um in der „wilden Medienumwelt“ nicht unter- sehen natürlich auch Tageszeitungen und Zeitschriften eine
zugehen. Parallel verschmelzen sie zu immer größeren und wichtige Rolle. Bedeutende Zeitungen wie „Folha de Sao Pau-
mächtigeren Konzernen, einhergehend mit eingeschränkter lo“, „Estado de Sao Paulo“ und „O Globo“ bemühen sich, Infor-
Unabhängigkeit und einem zeitgemäßen Schwerpunkt auf mationen relativ neutral wiederzugeben. Mit politischen The-
bloßen Unterhaltungsthemen. Diese Tendenz ist allerdings men beschäftigen sich u.a. die Magazine „Isto é“, die rechts
weltweit und nicht nur in Spanien zu beobachten. orientierte „Veja“ und die gemäßigte „Carta Capital“. Alle
Zum spanischen Fernsehen bemerkte Morales Canada, Ro- diese Presseerzeugnisse richten sich jedoch eher an die bra-
manistik-Dozentin an der FSU Jena, dass dessen Zuschauer silianische Mittel- und Oberschicht. Die breite Bevölkerung
sehr kritisch seien und audiovisuelle Informationen und po- nutzt, ähnlich wie in Deutschland, das kaum überschaubare
litische Realität überaus gut voneinander trennen könnten. Angebot aus dem Bereich der Regenbogenpresse. Eigens für
Trotzdem sei das Fernsehen auch in Spanien zunehmend nur die brasilianische Unterschicht werden Zeitschriften heraus-
noch ein Mittel zur Entspannung und Zuflucht. Ihr Tipp: Die gegeben, deren Hauptthemen (Sex und Verbrechen) in einer
vielen Diskussionsforen spanischer Internetzeitungen, die sehr einfachen Sprache aufbereitet werden.
allen offen stehen und gerade denjenigen zu Informationen Pressefreiheit existiert in Brasilien nur in dem Maße, wie sie
verhelfen, die sich zum Beispiel als Austauschstudent gerade von den großen, nicht nur den Pressemarkt kontrollierenden
außer Landes befinden. Medienunternehmen zugelassen wird. Ein der Wahrheit nä-
heres, weniger zensiertes Informationsangebot bieten einige
kleine Zeitschriften. Deren Reichweite ist zwar naturgemäß
Spanien beschränkt, trotzdem schaffen sie es, an der Meinungsbil-
Brasilien dung in Brasilien mitzuwirken. Beispiel hierfür sind die „Caros
www.elpais.com Amigos“ und die „Carta Maior“.
www.publico.es www.oglobo.com.br Insgesamt gibt es in Brasilien 380 Tageszeitungen, 2.900 Ra-
www.elmundo.es www.folha.com.br diosender und 250 Privatsender (im digitalen Fernsehen).
www.cartacapital.com.br Laut Statistik des brasilianischen Kommunikationsministeri-
www.cartamaior.com.br ums nutzen zudem inzwischen 33 Millionen Brasilianer das
Internet. Wer die portugiesische Sprache beherrscht, trainie-
ren oder erlernen will, dem stehen zum Beispiel viele brasilia-
nische Onlinezeitungen zur Verfügung (siehe Links).

 şeş
Systematische Es geht auch

Tabus, Trash & Tohuwabohu


Uninformiertheit anders...
Die Situation der türkischen von fabik
Medien Fernsehen: Al-Jazeera
von Carola Vielen nur bekannt für die Austrahlung von Osama-bin-

W
Laden-Videos, zeigt der arabische Fernsehsender von
ie in anderen totalitären Staaten wird auch in der Türkei heimlichen Friedensverhandlungen in Somalia über Dro-
daran gearbeitet, die Illusion einer freien, unabhängigen genkämpfe in Rio bis hin zum finanziellen Niedergang
Medienlandschaft aufrecht zu erhalten. Es gibt viele ver- Kambodschas, dass in der Welt mehr passiert als Obama,
schiedene Zeitungen und Zeitschriften, Magazine und Radiosender, Finanzkrise und Schneechaos.
Fernsehkanäle und Medienprojekte zu diversen Themen und zu jeg-
licher politischer Ausrichtung. Was den Unterschied ausmacht: Getreu dem eigenen
Doch ganz so freiheitlich, wie es aussehen mag, geht es in der Motto „All Sides, all Angles“ kommt vom Talibanführer
türkischen Medienlandschaft doch nicht zu. So befinden sich bei- über den geschundenen Bauern bis hin zum NATO-Gene-
nahe alle türkischen Zeitungen und Fernsehsender in den Händen ral wirklich jeder zu Wort.
dreier Unternehmen. Das Mächtigste ist die „Doğan Holding“. Sie Am einfachsten zu empfangen: Mit Fernseher kosten-
publiziert Zeitungen für das gesamte politische Spektrum - von der pflichtig über Kabel Deutschland, ohne Fernseher über
„Radikal“ (linksliberal) über die „Cumhurriyet“ (kemalistisch) bis hin das kostenlose Online-TV-Programm Zatoo (www.zatoo.
zu „Milliyet“ und „Hürriyet“ (rechtskonservativ) - gibt aber auch Bou- de)
levardblätter heraus und betreibt Fernsehsender. Die Medien der
Doğan Group werden von einem Großteil der Bevölkerung gelesen
und sind somit meinungsbildend. Auch ihr Einfluss auf die Regier-
ung ist enorm. Democracy Now -
Radio:
Die deutsche Springer-Gruppe (bekannter für die „BILD“ und die
„Welt“) ist Anteilshalter an der Doğan Group und arbeitet eng mit
The War and Peace Report
der „Hürriyet“ zusammen. Letztere ist eine der meist gelesenen Aus einer ehemaligen New Yorker Feuerwache erscheint
türkischen Tageszeitungen sowie die größte türkischsprachige das tägliche Politikmagazin, das sich vor allem durch In-
Zeitung in Deutschland (dort mit dem Untertitel „Die Türkei den terviews mit Betroffenen, Künstlern, Akademikern und
Türken“). Als eine Art Gegenspieler der Doğan Group fungiert Politikern und überwiegend mit inneramerikanischen
Mehmet Karamehmet, der neben dem größten türkischen Mo- Themen sowie den Auswirkungen amerikanischer Politik
bilfunkanbieters „Turkcell“ auch die Fernsehsender „Sky Turk“ und in der Welt befasst.
„Show TV“ besitzt. Mit Aydin Doğan liefert er sich einen erbitterten Was den Unterschied ausmacht: Reportagen über ge-
Kampf um die mediale Meinungsführerschaft (so werben Doğan- sellschaftliche und politische Themen in den USA werden
Medien beispielsweise nicht für Turkcell). Die wohl einzige von der bewusst von Perspektiven aus angegangen, die in Main-
Regierung unabhängige Mediengruppe ist die Doğuş Group. Ihr streammedien kein Raum finden.
Sender NTV versucht wenigstens politisch neutral zu berichten.
Die restliche türkische Medienlandschaft scheint eher machtlos, Am einfachsten zu empfangen: als Video oder Audio-
seitens der Herrschenden wird sie nicht ernst genommen. Es ist Podcast über www.democracynow.org
recht einfach, oppositionelle Medien zu verbieten, die sich dann
regelmäßig neu gründen oder umbenennen und nach spätestens
einem Jahr sowieso aufgeben müssen - ein gutes Beispiel hierfür ist
die „Atilim“, das Organ der sozialistischen Partei ESP. Ähnlich verhält
Internet: Indymedia
es sich mit der auch in Deutschland verbotenen kurdischen Zeitung
„Özgür Gündem“, die in der Türkei zurzeit unter dem Namen „Güncel“
Independent Media Center
Als Nachgeburt der WTO-Unruhen in Seattle entstand
erscheint. Wirklich freie Medien wie YouTube und Indymedia werden
die vielleicht radikalste und unabhängigste Variante
unterdrückt und verboten. Solche Internetportale lassen sich recht
demokratischen Journalismus‘. Mit starken Focus auf
einfach durch Filter zensieren. Über Umwege kann trotzdem auf
linkspolitischen Perspektiven wird auf mittlerweile fast
diese Seiten zugegriffen werden - und die werden auch genutzt.
90 Websites in 32 Ländern so ziemlich jedem die Mög-
Von unabhängigen Medien und Informationsfreiheit in der Türkei
lichkeit geboten, seine eigenen Artikel zu sozialen und
kann daher nicht die Rede sein. Themen werden vorgegeben, unli-
politischen Themen zu publizieren.
ebsame Projekte verboten oder verdrängt - und das nicht nur durch
die Regierung. Erinnert sei an den Mord am kritischen armenischen
Was den Unterschied ausmacht: Dadurch, dass (fast) je-
Journalisten Hrant Dink am 27. Januar 2007. Dink wurde in Istanbul
der über (fast) alles schreiben darf, ist Indymedia eine un-
auf offener Straße erschossen. Der vermeintliche Mörder wurde zwar
erschöpfliche Quelle von O-Tönen mit verschiedensten
festgenommen, doch wer wirklich dahinter steckt, bleibt weiterhin
politischen und kulturellen Hintergründen und zu fast
unklar. Die eigentlich für Aufklärung zuständigen Medien beteiligen
allen gesellschaftlich und politisch relevanten Themen.
sich an der Vertuschung der wahren Umstände und betreiben Pro-
paganda. Journalistische Grundsätze von der Wahrung von Persön-
Am einfachsten zu lesen: über www.indymedia.org (in
lichkeitsrechten, gründlicher Recherche, neutraler und umfassender
der linken Spalte nach unten scrollen und auf das jewei-
Berichterstattung sowie der Unbeeinflussbarkeit werden regelmäßig
lige Land klicken)
nicht eingehalten. Das ist insofern tragisch, da türkische Medien
großen gesellschaftlichen Respekt genießen und der öffentliche
Diskurs vor allem vom Fernsehen bestimmt wird.

heft 
Leben, Version 2.0
Tabus, Trash & Tohuwabohu

Von Klick-Höllen und kollektivem Gezwitscher


von Yeke

A
m 29. Dezember 2008 starteten nicht nur F16-Kampfjets wicklers und Autors Tim O‘Reilly für die Popularisierung
und Apache-Helikopter der Israelischen Streitkräfte des Begriffes gesorgt. Über erfolgreiche Geschäftsmodel-
(IDF), sondern auch deren eigener YouTube-Kanal. le nach dem Zusammenbruch der New Economy wurde
Bereits zwei Tage nach Beginn der „Operation Gegossenes da geschrieben, über Firmen wie eBay und Amazon, aber
Blei“ versorgte die IDF so die User der Videoplattform mit Vi- auch über die nicht-kommerzielle Grundlage unzähliger
deoblogs israelischer Offiziere und Bildern klinisch perfekter Hausarbeiten: Wikipedia. Gemeinsam ist diesen Projekten
Bombardements im Gazastreifen. Mit das Vertrauen auf die „kollektive Intel-
694.000 Aufrufen erwiesen sich dabei ligenz“. Während klassische Medien
die Bilder der Bombardierung eines die Partizipation ihres Publikums auf
Waffentransports als besonders er- Leserbriefe und Call-In-Shows redu-
folgreich. Dass die über 4000 Bewer- zieren, gestalten Web 2.0-Nutzer den
tungen nur zu vier („Echt cool“) von Inhalt ihrer Lieblingswebseiten mit.
fünf möglichen Sternen („Genial!“) Sie schreiben Rezensionen für ihren
gereicht haben, darf als marginaler Stamm-Onlineshop, bieten die pein-
Wermutstropfen betrachtet werden. lichen Ausgeburten ihrer CD-Samm-
Überraschend ist dieser Schritt je- lung zum weltweiten Verkauf an oder
denfalls kaum, schließlich wurde mit bereichern den Informationshighway
Barack Obama nach Ansicht einiger um Blogs über ihr persönliches Spe-
Beobachter vor nicht allzu langer zialgebiet wie etwa weihnachtliche
Zeit Amerikas erster YouTube-Präsi- Kochrezepte oder Anekdoten aus dem
dent vereidigt. Längst weiß auch die Supermarkt nebenan.
Politik, dass Videoplattformen mehr Ohne Kenntnisse von Programmier-
als nur Copyright-Verletzungen und sprachen und mit einem Zugang
Homevideos von süßen Kätzchen zu zum World Wide Web kann sich heute
bieten haben. Als im Januar ein Airbus jeder eine Internetpräsenz zulegen
auf dem Hudson River notwasserte, und dort mit Hilfe von Links und Kom-
landete die Meldung nicht zuerst im CNN-Ticker. Die ersten mentaren Teil des grenzenlosen Bloggernetzwerkes sein.
Bilder des Unglücks wurden über Twitter verbreitet. Das ist einerseits ein idealer Nährboden für unabhängige,
Seit knapp vier Jahren geistert nun die Mär von der Web nicht-professionelle Graswurzel-Journalisten, deren Artikel
2.0-Revolution durch gedruckte und digitale Blätterwälder. im Idealfall nicht von Medienkonzernen oder mit Rücksicht
Damals hatte der Artikel „What is Web 2.0?“ des Softwareent- auf die Werbekundschaft publiziert werden. Web 2.0, das

Das Recht auf Dummheit


Die Verweigerung von Informationen
von LuGr

E
s gibt Tage, an denen sich ein Blick in die Zeitung genau so eintönig gestaltet wie die Beobachtung einer grauen Rauh-
fasertapete: Nichts wirklich Neues ist da zu lesen. Die Finanzkrise dauert an, die nächste Bank offenbart ihre Bedürftig-
keit in Milliardenhöhe gegenüber riesigen „Rettungspaketen“ vom Staat. Der Nahost-Konflikt nimmt an Komplexität
zu, wenn Israelis oder Palästinenser einmal mehr einen Waffenstillstand brechen und internationale Kontroversen zu diesem
Thema auslösen. In neuen Sendungen von „Deutschland sucht den Superstar“ werden wieder irgendwelche Möchtegern-
sänger zur Schau gestellt, die eine ebenso verzerrte Selbstwahrnehmung von ihren gesanglichen Qualitäten an den Tag
legen wie schon in fünf Staffeln zuvor. Welchen Mehrwert haben solche Informationen? Keinen, meinen die einen, einen
geringen, die anderen.
Sind wir ohne all diese Informationen, die an sich nichts Neues bergen, vielleicht besser dran? Wenn etwas wirklich Weltbe-
wegendes passiert, wird man als Verfechter des Uninformiert-Seins von politisch interessierten Mitbewohnern oder fern-
sehschauenden Kommilitonen ohnehin irgendwann darauf hingewiesen. Nachrichten interessieren mich dann nicht, wenn
sie mich nicht persönlich betreffen. Und den Fortgang des Nahost-Konflikts, die immer weiter um sich greifende Weltwirt-
schaftskrise inklusive kommender Massenarbeitslosigkeit oder die fünfte Staffel ignoranten, aber kurzweiligen Bohlen-Ge-
bashes kann ich ohnehin nicht aufhalten. Nicht allein, nicht innerhalb der überschaubaren Gemeinschaft von Menschen,
die ich persönlich kenne. So kann ich viel beschwingter und sorgenfreier leben, weil ich mir nicht ständig den Kopf darüber
zerbrechen muss, auf welcher Seite ich stehen, welche Meinung ich vertreten muss. Ich muss mich nicht informieren und
auch nicht positionieren, wenn ich gerade nicht will oder keinen Bock darauf habe. Ohnehin interessiere ich mich eher für
Filme und Computerspiele als für Nachrichten. Ihre bekannteste Ausprägung findet diese Einstellung sicherlich in der häufig

 heyşt
Tabus, Trash & Tohuwabohu
ist zuweilen aber auch die Überdosis Kommunikation, in der
clever gesetzte Schlagworte nicht selten mehr wert sind als
originelle Inhalte. Fallen einem die Bookmark-Buttons und Web 2.0 – Ein von Dale Dougherty und Craig Cline
Google-Ads ins Auge, bevor überhaupt Titel und Thema der geprägter Begriff, der die veränderten Nutzungs-
Seite feststellbar sind, wendet sich der Cursor schon mal über- bedingungen des Internets umschreibt. Mit zuneh-
spannt zuckend dem nächsten Tab im Browser zu. Da quält mender Verbreitung schneller Internetzugänge
man sich dann unzählige Seiten der Blogsearch, während und der Bereitstellung entsprechender Online-An-
im studiVZ die x-te Kettenmail das Postfach zumüllt und der gebote generieren die bis dahin eher passiven User
Feedreader nach zehn Minuten immer noch nicht aufhört, nun zunehmend selbst Inhalte. Beispiele: soziale
wild blinkend neue Posts zu melden. Netzwerke, Blogs, Foto- und Videoportale oder On-
Dem Ideal kollektiver Intelligenz stehen eben auch kollektive line-Textsammlungen (Wikis). Vielerorts dient der
Inkompetenz, kollektive Kommerzialität und das vielerorts Begriff v.a. Marketingzwecken.
gehasste Kollektiv der Trolle gegenüber. Die Wirklichkeit ge-
wordenen Fabelwesen waren der New York Times im August Blog – Ableitung von Weblog a.k.a. Weblogbuch
letzten Jahres immerhin einen siebenseitigen Artikel wert. oder Onlinetagebuch. Die in der Regel chronolo-
Doch es gibt auch immer noch diese kleinen Entdeckungen, gisch sortierten Beiträge (Posts) können von den
deren dauerhafter Wert dem Web 2.0-Partizipant die Energie Lesern kommentiert, Beiträge mit Hilfe eines Feeds
verleiht, über alle Yiggs, Diggs und Wongs hinwegzusehen. abonniert werden.
Dort steht tatsächlich noch völlig unspektakulär der Inhalt
im Vordergrund, egal ob er nun als wertvolle Ergänzung der Troll – Fabelwesen, das seinen Weg ins Internet
Mainstream-Medien oder als Portal für very-very-special-in- gefunden hat und nun Foren, Wikis und Blogs mit
terest-Themen (die ansonsten höchstens über teure Fachzeit- Beiträgen überhäuft, die entweder nichts mit dem
schriften ihre Nische abdecken) dient. Auf gewissen Seiten Thema zu tun haben oder andere User beleidigen,
gibt es ihn noch: den je nach Bedarf trockenen oder mit einem um genervte Antworten zu provozieren. Meist er-
Schuss Humor servierten, auf jeden Fall aber individuellen Stil, folgreich.
gepaart mit ungewohnten Blickwinkeln und kritischem Hin-
terfragen. In all dem Chaos ungefilterter Informationsein- und Twitter – Ein soziales Netzwerk, das auf Mi-
-vielfalt ist Medienkompetenz der Schlüssel zur Erkenntnis. kroblogs basiert. User beschreiben in kurzen Mit-
Wer sucht, der wird auch bei YouTube, Wordpress oder Wiki- teilungen, was sie gerade tun. Andere verfolgen die
pedia irgendwann fündig - solange wie auch IDF und Co. nur Meldungen.
einfache User bleiben.

zitierten Politikverdrossenheit der Bevölkerung. Ohne Zweifel


lebt eine Demokratie davon, dass ihre Bürger zur Wahl gehen.
Allerdings bringt es die freiheitlich-demokratische Grundord-
nung mit sich, dass man auch die Möglichkeit hat, auf das
Wahlrecht zu verzichten.
Allerdings konstruieren Medien auch eine Realität für diejeni- Quelle: Flickr, User ‘dev null’
gen, die sie nutzen. Sie zeichnen ihre Bilder der Gesellschaft
und der Politik, in der unpopuläre Themen oder für unwich-
tig erklärte Informationen einfach ausgesperrt bleiben. Das
fimiert im medialen Fachjargon dann unter „Nachrichten-
wert-Theorie“. Ganze Kriege verschwanden so schon aus dem
kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung, Trotzdem sterben
täglich in verschiedenen Teilen der Welt Menschen. Viele Zu-
schauer und Journalisten haben sich daran allerdings längst
totgesehen oder totberichtet und das Interesse verloren.
Auch und gerade Medien filtern ihre Nachrichten oft subjek-
tiv, wodurch das proklamierte Selbstverständnis vom „Dar-
stellen der Wirklichkeit“ schon eine Interpretation letzterer
ist. Dieses Opfer muss man als Rezipient in Kauf nehmen, um
„informiert“ zu sein. Das „Recht auf Dummheit“ sollte somit
jeder einfordern, der das nicht hinnehmen möchte. Doch mö-
gen Nachrichten auch noch so langweilig und uninteressant
sein: Die Möglichkeit und das Bewusstsein, sich informieren
zu können, will keiner missen - auch wenn man als möglicher-
weise überheblicher Student den Eindruck hat, mehr als An-
dere oder alles zu wissen.

neh 
"Studentische Medien sind keine
Tabus, Trash & Tohuwabohu

Spielwiese"
Nicht nur studentische Medien sehen sich gegenwärtig mit der Debatte um journalistische Qualität und Vielfalt konfrontiert. Wir
sprachen mit dem Medienökonom Prof. Dr. Wolfgang Seufert über rechtliche und publizistische Aspekte des Themas.

von Seba & Chrime

UNIQUE: Artikel 5, Abs. 1 des Grundgesetzes gewährleis-


tet, dass jeder Bürger seine Meinung in Wort, Schrift und
Bild frei äußern und verbreiten darf. Jeder Bürger kann
demnach journalistisch tätig sein und sich auch als Jour-
nalist bezeichnen. Im Hinblick auf die freie Meinungsäu-
ßerung, wo sind diesem Grundsatz Grenzen gesetzt?
Seufert: Meinungsfreiheit ist zunächst einmal ein individu-
elles Recht. Zum Schutz der Demokratiefunktion von Medien
sind Presseorgane rechtlich noch einmal besser gestellt als
der einzelne Bürger. Die Polizei darf in den Redaktionsräu-
men keine Untersuchungen vornehmen. Es gibt aber auch
einen Katalog von Pflichten, der mit diesen Rechten korres-
pondiert. Eine Sache ist hier zum Beispiel die Impressums-
pflicht, es muss also ein presserechtlich Verantwortlicher
benannt werden. Warum? Auch dies steht in Artikel 5: Weil In-
halte eben auch negative Auswirkungen auf die Gesellschaft
haben können. Ein juristisches Stichwort ist hier die "Störung
des sozialen Friedens". Es gibt Paragrafen zum Verbot von
Volksverhetzung oder die Verächtlichmachung religiöser
Symbole – dies ist da einzuordnen. Und dann gibt es noch
den ganzen Bereich des Privatrechts. Das Grundgesetz deckt
nicht, dass ich Lügen verbreite oder jemandem schade. Auch
die Privatsphäre darf nicht verletzt werden, zum Beispiel das
Recht am eigenen Bild.
Prof. Dr. Wolfgang Seufert
Journalisten- und Verlegerverbände haben sich im Pres-
sekodex auf Regeln für einen fairen Journalismus ver- Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissen-
ständigt. Dazu zählt auch die Achtung der Wahrheit und schaften, Bereich Medienwissenschaft
der wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit. Wie
beurteilen Sie in diesem Zusammenhang das Verhältnis Wissenschaftliche Spezialisierung
der BILD-Zeitung zum Pressekodex? Medienökonomie
Es ist klar, dass die Boulevardpresse natürlich immer persona- Medienregulierung
lisiert und im Fall der BILD-Zeitung auch sehr stark politisch Strukturwandel der Medienwirtschaft
meinungsbildend wirken will. Das entspricht nicht unbedingt
meinem Qualitätsverständnis von gutem Journalismus, aber Seufert studierte VWL und Publizistik an der FU
das ist immer noch von der Pressefreiheit gedeckt. Kritisch Berlin und ist seit 2003 Professor für Kommu-
wird es, wenn über diesen Journalismus einzelne Personen nikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt
in ihren Rechten verletzt werden. Es gibt ja auch häufig Fäl- Ökonomie und Organisation der Medien an der
le, bei denen durch falsche oder auf Meinungsmache orien- Uni Jena. Mitgliedschaft in der Deutschen Ge-
tierte Berichterstattung der "kleine Bürger" unter die Räder sellschaft für Publizistik und Kommunikation-
kommt. Es gibt nicht umsonst viele Auseinandersetzungen swissenschaft (DGPuK), der American Academy
über diese Art von Journalismus. of Advertising (AAA)/ Education und der Euro-
pean Media Management Association (EMMA).
Dennoch ist die BILD-Zeitung die mit Abstand auflagen-
stärkste Zeitung Deutschlands. Welcher Zusammenhang
besteht - auch aus empirischer Sicht – zwischen der jour-
nalistischen Qualität und der Auflagenhöhe einer Zei- qualität zu verbinden. In der Regel geht man davon aus, dass
tung? es einen Zusammenhang im Bereich der Unterhaltungsme-
Ich sehe da keinen Zusammenhang. Hohe Auflage an sich ist dien gibt. Ich würde einfach mal sagen, die BILD ist zu mehr
ja zunächst ein Indiz für gute Qualität. Ich kann auch bei klei- als 50 Prozent ein Unterhaltungsmedium. Man orientiert sich
nen Zeitungen mit einer geringen Auflagenzahl durch eine an Werten und Normen eines bestimmten Teils der Gesell-
starke Gewinnmaximierung und das Streben nach Rendite schaft und bedient Vorurteile.
die journalistische Qualität verschlechtern, indem die Arbeit-
satmosphäre leidet und der Rechercheaufwand pro Seite ge- Kommen wir zu Inhalten aus dem Zukunftsmarkt Inter-
ring gehalten wird. Das ist etwas anderes als die Idee, eine net: Ein Schweizer Student fand in seiner Lizenziatsarbeit
hohe Auflagenzahl immer mit einer schlechten Informations- heraus, dass Medienweblogs in vielen Qualitätskriterien

10 deh
Foto: Yevgen Pogoryelov

Tabus, Trash & Tohuwabohu


besser als Online-Zeitungen abschneiden. Glauben Sie, Die Leserschaft der UNIQUE rekrutiert sich fast aus-
dass Weblogs zukünftig eine neue Dimension von Infor- schließlich aus dem studentischen Milieu. Werden die
mationsquellen sein könnten? nicht in gewissen Maße entmündigt, wenn man ihnen die
Eine wichtige Qualitätsdimension ist zum Beispiel die Tren- Interpretation des Interviews vorgibt?
nung von Fakten und Kommentar. Blogs beinhalten meistens Entmündigung ist in diesem Fall ein ganz falsches Thema. Ich
eine Vermischung von beidem. Und es ist natürlich auch eine möchte eigentlich wissen, was Sie als Blattmacher dazu den-
Frage mangelnder Qualitätskontrolle, wenn jeder, der etwas ken. Und Journalismus ist immer auch ein Stehen zu dem,
für wichtig hält, dies in einen Blog stellen kann. Dann weiß was man selber denkt und auch ein Explizit-Machen.
man eben nicht, inwieweit ein "Fakt" geprüft wurde. Diese
Überprüfung ist etwas, was professionellen Journalismus aus- Können Medien, ausgehend von Ihrer Prämisse, über-
zeichnet. Insofern würde ich unterscheiden wollen zwischen haupt objektiv berichten?
Online-Journalismus und Blogs. Wenn es darum geht, ob Es wäre eine große Überforderung einzelner Medien, ihnen
einzelne Autoren qualitativ hochwertig produzieren können: die Aufgabe mitzugeben, die Welt so darzustellen, wie sie ist.
Natürlich! Auch der professionelle Journalismus arbeitet mit Es ist immer so, dass jeder Journalist – eingebunden in sein
freien Mitarbeitern. Die Frage ist: Habe ich irgendeine Art von redaktionelles Umfeld – entscheiden muss, was er als rele-
Qualitätsmanagement? Und Redaktionen sind in der Regel vant und was er als nicht relevant erachtet. Da ist es immer
eben Qualitätskontrollorganisationen. Meine Befürchtung ist so, dass eine Auswahl getroffen wird, die eine spezifische
daher, dass nicht redaktionell eingebundenen Journalisten Sicht der Welt darstellt. Nur die Summe der unterschied-
das Feedback zu anderen Profis fehlen kann. Außerdem sagt lichen Sichten ermöglicht dem Einzelnen eine Orientierung.
mir keiner, wo die guten Sachen stehen. Mit einer etablierten Aber es sind nicht nur die Meinungen; schon durch die Aus-
Medienmarke erhalte ich einen reflektierteren Blick auf die wahl der Themen erfolgt eine Selektion. Allein dieser Schritt
Welt und eben auch einen qualitativ hochwertigeren Blick als - ohne irgendwelche Kommentare hinzuzufügen - führt zu
unter einer anderen Medienmarke. Letztendlich werden sich einer bestimmten Weltsicht.
Medienmarken, die für irgendeine Art von Weltsicht stehen,
auch in der Internetwelt durchsetzen. Sind Sie der Meinung, dass zur Erlangung einer gewissen
journalistischen Kompetenz eine fundierte Ausbildung,
Redaktionell eingebunden, aber trotzdem nicht profes- also zum Beispiel ein Studium, zwingend notwendig ist?
sionell arbeiten studentische Medien. Wie viel journalis- Fundierte Ausbildung: Ja. Studium: Nein. Es gibt ja auch an-
tische Qualität und Sorgfalt darf oder muss von einem dere Möglichkeiten. Es gibt das Volontariat, so eine Art "Trai-
studentischen Medium erwartet werden? ning on the Job", und es gibt Akademien. Für sehr wichtig
Die gleiche wie von jedem anderen. Studentische Medien halte ich ein Studium in vielen Bereichen des Fachjourna-
sind ja keine Spielwiese. Wer den öffentlichen Raum betritt, lismus. Und zwar nicht ein Studium der Publizistik oder der
muss sich an den gleichen Maßstäben messen lassen wie alle Kommunikationswissenschaft, sondern in dem Bereich, über
anderen auch. den man dann berichten will. Jemand, der Wissenschafts-
journalismus betreiben will, sollte zumindest irgendeinen
Sie waren selbst Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum naturwissenschaftlichen Background haben.
Thema "Sollten wir Rechten wirklich einen Sendeplatz
geben?" und haben das UNIQUE-Interview mit dem NPD- Was würden Sie einem jungen Menschen, der heute Jour-
Mitglied Emil G. als "schlechtes journalistisches Produkt" nalist werden will, mit auf den Weg geben?
bezeichnet... Erst einmal: Nicht in Pessimismus verfallen. Es gibt genügend
Zunächst bezieht sich meine Kritik nicht darauf, dass man andere Aufgaben. Es braucht immer eine Bewertungs- und
sich überhaupt mit dem Thema beschäftigt, sondern auf die es eine Selektionsfunktion. Und der zweite Punkt: Qualität
Art, wie das angegangen wurde. Wenn ich weiß, dass ich ein zahlt sich langfristig aus.
solch brisantes Thema journalistisch angehe, kann ich die
Darstellungsform des Interviews nicht unkommentiert ver-
wenden. Das ist der völlig falsche Umgang mit diesem The-
ma, so fehlt jede Art der Reflexion. Der einzelne Leser wird
allein gelassen. Was bei mir und wahrscheinlich auch bei den
meisten anderen Lesern rüberkam, war: Da gibt es ein stu-
dentisches Medium, welches Rechtsradikalen ein Forum zur
Selbstdarstellung bietet. Das ist das, was hinten raus kommt
und das ist auch der Grund, weshalb ich einen potenziellen
Imageschaden sehe. Denn im Impressum steht nicht irgend-
was, sondern "Das ist eine Zeitung, die getragen wird von
den Studentenräten, vom akademischen Auslandsamt und
vom Rektor" und dann wirkt das eben auch auf die Marke
"Friedrich-Schiller-Universität".

yazdeh 11
Und Sonst?

Die andere Meinung...


Nasale Explorationen
von Luth gerade noch auf der guten Seite.
Die nächsten beiden Eskalations-

A
us strategischer Rücksichtnah- stufen erreichen nur chronisch
me auf etwaige Befindlichkeiten taschentuchlose, sinnlich-selbst-
unserer politisch doch sehr hete- versunkene, an haptischen Grenz-
rogenen Alt- und Neuleserschaft soll an überschreitungen interessierte
dieser Stelle auf Artikel über die Vorzüge Pragmatiker: Sie bohren ungeniert
der Todesstrafe und die Erfolge von Bu- im Gesichtserker und verzehren
shs Außenpolitik vorerst verzichtet wer- anschließend genüsslich das lie-
den. Also wenden wir uns einem Thema bevoll entfernte Nasengold. Aus
zu, bei dem nicht nur StuRa-Mitglieder, purem Lustgewinn - denn um
ehemalige Akrützel-Chefredakteu- Nahrungsergänzung geht es beim
rinnen, Antifa-Aktivisten und Feminis- Popeln ganz sicher nicht - nehmen
tinnen, sondern wirklich alle mitreden sie neben der sozialen Ächtung
können: dem Nasenbohren. auch gesundheitliche Risiken wie
Per definitionem handelt sich dabei um Lederhautverletzungen („Exkoria-
das fingerfertige Entfernen von ange- tionen“), Nasenbluten, Infektionen
trocknetem Nasensekret oder Fremd- oder geweitete Nasenflügel in Kauf. wirkt dabei recht zufrieden. Meine
körpern (im Volksmund „Popel“ ge- Der Mediziner nennt solches Verhalten Deutschlehrerin hatte so riesige Na-
nannt) aus der Nase. Methodisch wird „Mukophagie“, bei zwanghafter Ausprä- senlöcher, dass ich mehr als einmal sin-
das Freihalten des oberen Atemwegein- gung gar „Rhinotillexomanie“. nierte, ob das wirklich nur genetische
gangs von den ausführenden Subjekten Zartbesaitete Gemüter werden nun ein- Veranlagung sein kann.
sehr unterschiedlich angegangen, ein- wenden, dass sie spätestens seit Char- Es ist schon eine gewisse Doppelmo-
hergehend freilich mit einer je nach lotte Roches literarischen Ergüssen gar ral im Spiel, wenn sich selbst ernannte
angewandter Technik zunehmenden nicht mehr in jeden Abgrund schauen Anstandsapostel übers Nasenbohren
Tabuisierung. Im öffentlichen Raum gilt möchten. Aber wie sagte eine Oberärztin aufregen. Ist die Empfehlung von Alter-
das Ausblasen des Nasensekrets (im der Jenaer Uniklinik einst zu Beginn ih- nativmedizinern, sich Eigenurin ins Ge-
Volksmund „schneuzen“ genannt) in rer HNO-Vorlesung in geradezu entwaff- sicht zu schmieren, etwa weniger eklig?
ein Taschentuch als einzig akzeptierte, nender Offenheit zum versammelten Was soll ich von betrunkenen Studen-
da vermeintlich hygienischste Variante Zahnmedizinernachwuchs: „Jeder von tenkonversationen halten, die sich um
- bei zu fest angekrusteten Partikeln er- Ihnen bohrt in der Nase!“. Ich zumindest die Konsistenz von Popeln drehen („Ich
reicht sie jedoch regelmäßig ihre Gren- kann das bestätigen. Meine kleine Toch- mag die ganz Harten und Grindigen“
zen. Ganz Gewitzte stecken sich daher ter versenkt beim Schlafen den Daumen - „Ich eher die Schleimigen!“)? Gelangt
scheu ein über den Finger gelegtes Ta- ihrer rechten Hand im Mund, den abge- ein Großteil des Nasensekrets und der
schentuch ins Nasenloch und bleiben so spreizten Zeigefinger in der Nase - und darin aufgefangenen Schmutzparti-
kel über den Nasen-Rachen-Gang und
den unwillkürlichen Schluckreflex nicht
ohnehin irgendwann in jeden mensch-
Zwar kein Gulag, bietet aber trotzdem
lichen Magen?
genug Möglichkeiten für gutmenschliche
Genau wie Fingernägelkauen und Dau-
Betätigungsfelder aus sicherer Entfernung:
menlutschen wird sich Nasenbohren
US-Gefangenenlager Guantanamo
nichtFoto: U.S. Departement
verbieten of Defence
lassen. Erinnert sei an
den kläglich gescheiterten Versuch der
chinesischen Staatsführung, exzessivem
Spucken in der Öffentlichkeit rechtzei-
tig zu den Olympischen Spielen Einhalt
zu gebieten. Hollywood ist da schon
weiter: 2005 kam mit „Thumbsucker“
eine einfühlsame Tragikomödie über ei-
nen 17-jährigen Daumenlutscher in die
Kinos, ein zwanghafter Nasenbohrer als
moderner Leinwand-Anti-Held scheint
da nur noch eine Frage der Zeit. So oute
auch ich mich nun als Nasenbohrer und
schließe mit Arthur Schopenhauer, der
aphorisierte: „Der Schluck aus der Nase
ist die Auster des kleinen Mannes.“

12 duvazdeh
Warum hört man eigentlich ...

Und Sonst?
... nur Gutes über Obama?
von bergi Die Kontinuität in Obamas Politik zeigt sich auch am Beispiel
von Verteidigungsminister Robert Gates, der schon 2006 ins

A
lso ich persönlich bin froh, dass er endlich vorbei ist, Amt geholt wurde, um Rumsfeld zu ersetzen und unter an-
der mal wieder teuerste Wahlkampf aller Zeiten und derem 1986 als hoher Mitarbeiter des CIA in die Iran-Contra-
der historische Tag der Amtseinführung, der dank der Affäre verwickelt war. Sein Stellvertreter soll William Lynn III.
Spenden seiner Unterstützer ein "Erfolg" wurde. Der positive werden, eben noch Lobbyist für Raytheon, dem fünftgrößten
Grundtenor, welcher den Mann der Veränderung scheinbar Militärzulieferer weltweit.
weltweit begleitete, ist nicht zuletzt die direkte Folge der Möglich macht dies ein Befreiungserlass durch den Präsi-
Widersprüche, die vom ihm ausgehen. Fast jeder kann seine denten, damit diese erfahrenen Leute nicht durch die Anti-
persönlichen Vorstellungen und Wünsche auf Obamas Per- Lobby-Regelung behindert werden. Aber Obama zeigt auch
sönlichkeit projezieren. Freunde wie Kritiker bezeichnen die- Einsicht und bedauert, dass schon drei seiner Minister auf-
se Technik als "politischen Rorschachtest". Nur ist Barack Oba- grund des öffentlichen Drucks wegen Steuerhinterziehung
ma der Erste, der es damit auf den Präsidentenstuhl schaffte ihre Posten verlassen mussten. Timothy Geithner, ehemaliger
- allerdings nicht, ohne gewisse Zugeständnisse zu machen. Präsident der Federal Reserve Bank von New York und Mitar-
So steht Obama für "Change" wie für "Beständigkeit", für freie beiter im Internationalen Währungsfond, hat da schon weni-
Märkte wie für beklagenswerten Protektionismus, für Frieden ger Probleme, unterschlagene Steuerzahlungen mit seinem
ebenso wie für mehr Militär. In der lang erwarteten Executive neuen Posten als Finanzminister zu vereinen. Diese und an-
Order vom 22. Januar ordnete er endlich die Schließung aller dere Ungereimtheiten brachten dem "New Leader" Obama,
Langzeit-CIA-Gefängnisse an - zugunsten von Kurzzeit-CIA- eine Woche nach Amtseinführung schon einen zwanzigpro-
Gefängnissen. Er ging arg ins Gericht mit Bushs militärischem zentigen Verlust bei einer anerkannten Meinungsumfrage.
Versagen im Irak und setzt gleichzeitig von Amerika aus die Die Zustimmung liegt jedoch immer noch bei hervorra-
fragwürdige Praxis des Terroristenjagens in pakistanischen genden zwei Dritteln aller Befragten. Bush hatte am Ende
Wohnsiedlungen durch ferngesteuerte Sprengstoffdrohnen gerade noch ein Viertel, und ohnehin bekommt die Welt den
fort - einen Tag nachdem der berüchtigte Richard Holbrooke "Change" - ob sie jetzt (noch) will oder nicht.
Sondergesandter für Afghanistan und Pakistan wird, dem er-
klärten zukünftigen Einsatzgebiet der neu erstarkten Super-
macht. Lesen Sie schon heute, was in Europa morgen Thema ist!
Sollte diese ganze Werbekampagne um das "Change" etwa
auf einem Missverständnis beruhen? Bedeutet "Change" am http://www.washingtontimes.com/news/2009/feb/04/
Ende nicht das, was ich mir darunter vorgestellt habe? Aller- oh-the-ethics-of-it-all
dings verstehe ich auch nicht so viel von den "Bedrohungen
des 21. Jahrhunderts" wie der US-Präsident. Das überlasse ich
lieber Obamas außenpolitischem Berater Zbigniew Brzezin-
ski. Unter Ex-Präsident Carter unterstützte er die Mudscha-
heddin, um der Sowjetunion hegemonielle Ambitionen in
Mittelasien zu verleiden. Sein Engagement legte die Grund-
lagen für die spätere Taliban-Herrschaft in Afghanistan. Mir
ist - wenn auch nur unwesentlich - wichtiger, dass Obama für
Intelligenz, Gerechtigkeit und Vertrauen steht. Obama und
sein Stab sprechen sich endlich klar gegen den Lobbyismus in
Washington aus. Eine der ersten Anordnungen war deshalb,
Lobbyisten den Zugang zu Regierungsämtern zu verwehren.
Aber was, wenn Personen mit Interessenkonflikten doch die
geeigneteren Kandidaten sind? Finanzabteilungsleiter je-
denfalls wird Mark Patterson, der bis April 2008 noch
Lobbyist für Goldman Sachs war. Das ist nicht
ungewöhnlich. Der ehemalige Finanzminis-
ter Henry Paulson war sogar, noch während
Bushs erster Amtsperiode Geschäftsführer
dieser Investmentbank.

„Der neue Kalte Krieg des Obama-Beraters Zbigniew Brzezinski“


http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/USA/nach-bush.html

sêzdeh 13
Foto: Deutsches Bundesarchiv

7. Januar: In der UNIQUE erscheint das In- 22. Januar: Zwei Wochen nach Veröffentli- Auf Verlangen der Linksfraktion befasst sich der Thüringer Landtag mit
terview mit dem anonymsierten Jenaer chung stoßen andere Jenaer Hochschulme- der UNIQUE. Die LINKE fordert: "Klärung der Verantwortung" und "per-
Nazi Emil. G. In den nächsten Wochen über- dien und StuRa-Mitglieder auf das Interview sonelle Konsequenzen".
schwemmen dutzende Leserbriefe das E- und berichten ausführlich darüber.
Mail-Postfach der UNIQUE.

Stimmen zum Nazi-Interview „Wir sind zug


aus einem Artikel der Thüringer Allgemeine scheint jetzt eure Aufgabe und der einzige Weg, euch zu recht-
"Ein Gespräch mit einem anonymen NPD-Funktionär in einer fertigen. (...) Scheinbar ist in dieser Welt kein Platz mehr für einen
Jenaer Studentenzeitung sorgt für Streit im Freistaat. Das Inter- wertfreien Journalismus, der nicht selbst in erster Linie bewertet,
view sei zu unkritisch und lasse gängige NPD-Phrasen unwider- sondern eine gewisse Denkleistung und die Bewertung bei dem
sprochen, kritisierte die Linke-Abgeordnete Sabine Berninger." Leser belässt."

aus der Pressemitteilung der Linksfraktion von Redakteur Jonas Janssen in Akrützel Nr. 263
„Der NPD wird ein Podium geboten, das ihr ansonsten in ande- "Kein kritisches Nachhaken, man ließ den Faschisten in aller
ren Medien verwehrt wird. Wer sich wirklich mit der NPD aus- Ruhe seine „Argumente“ vortragen. Kein Bohren, was denn das
einandersetzen will, darf deren Funktionären nicht auf den Leim „Nationale“ in seinem kruden Sozialismusbild in Wahrheit zu
gehen, auch dann nicht, wenn sie Kreide gefressen haben. (Wir bedeuten hat. Unwidersprochen durfte sich der Neonazi als Op-
erarten) ein deutliches Zeichen und nicht halbherzige Distanzie- fer präsentieren. Es ist in weiten Teilen schlicht peinlich."
rung. Klärung der Verantwortung und personelle Konsequenzen
in der Redaktion (sind) die einzigen glaubwürdigen Signale.“ von Sascha Bohn, FSU-StuRa, über die Berichterstattung
der Antifa "Das ist ein quasi Aufruf, einen unserer Journalisten
von Peter Merz, Landesvorsitzender der JuSos-Thüringen durch israelische Phosphor-Granaten zu töten. Sowas ist tiefstes
„Die Presse darf den Rechtsextremen kein Forum bieten. Mit die- Stürmer-Progrom-Niveau. (...) Die Stellungnahme des Chefre-
sem Interview normalisiert die Unique die NPD und verhilft ihr dakteurs war wohl das intelligenteste in Sachen Liberalität und
unfreiwillig dazu sich in der Gesellschaft weiter zu etablieren. Demokratie, was seit Jahren im und um die Studierendenschaft
(....) Ausgerechnet die interkulturelle Unique fällt auf einen bie- Jena geschrieben wurde. (...) Die Antifa tut so, als würden die
deren Nazi herein. Die Unique hätte einen kritischeren Umgang Studenten so dämlich sein, und nach eurem Interview reihen-
mit dem Interview in ihrer Ausgabe zeigen müssen. Der NPD- weise zur NPD überlaufen. Keine Auseinandersetzung über das
Funktionär hat sich natürlich bemüht, möglichst harmlos zu Interview an sich, sondern nur Nazi-Keule. Lasst euch nicht un-
erscheinen.“ terkriegen!"

Arne Birth, Vorstand des Vereins "Zentrum für Demokra- von Patrick Mehner
tie und Zukunft" in einem offenen Brief an Rektor, Akrüt- "Man kann sich alles anhören, nur sollte man eben seine eigene
zel und Unique" über die Rolle anderer Hochschulmedien Meinung bilden! Danke Unique, dass ihr dieses Interview durch-
"Der Leser der Einladung muss unweigerlich zu dem Eindruck gezogen habt. (...) Macht bitte weiter so und gebt nicht auf!"
kommen, dass ihr als Akrützel-Redaktion hier einen Kampf ge-
gen eure Partner-Hochschulzeitung aufmacht, der darauf zielt, von Andreas Oehlwein
sie öffentlich zu diskreditieren. Offensichtlich sollen Stura und "Es hätte der Debatte sicherlich besser getan, wenn jene, die
Univerwaltung als Entscheidungsträger, die Euch und Unique den Unique-Interviews vorwarfen, nicht kritisch nachzufragen,
Geld- und Sachmittel (fünfstellige Beträge oder mehr, Räume, das Interview auch gelesen hätten. Nicht nur versuchte man
Druckkapazitäten...) zuteilen, mittelfristig dazu gebracht wer- den Nazi auf den offensichtlichen Widerspruch zwischen „Anti-
den, die Unique dichtzumachen, sodass das Akrützel seine Res- Überfremdungspolitik“ und öffentlich zelebrierter internatio-
sourcen nicht mehr länger teilen muss" naler Solidarität im Rahmen des „Fest der Völker“ festzunageln.
Auch bei Punkten, wie der Zutrittsverweigerung für Journalisten
von Tobias Braun "Ich verfolge es mit einem gewissen Amüse- ins Braune Haus oder der Nazi-Floskel der Gleichwertigkeit aller
ment, dass gerade die Mitbürger eine Meinungsbeschneidung Menschen blieb man kritisch und fragte, ob dies auch für Men-
fordern, die sonst den Rechten eben ihre Einfalt und ihr ein- schen im Asylbewerberheim in Lobeda gelte. Alle, die nun laut
bahniges Weltbild vorwerfen. Dies den Menschen zu erklären, herumschreien, sollten sich lieber darüber aufregen, dass sie

14 çardeh
Und Sonst?
Foto:Andreas Trepte Foto: hostmaster@flickr

23. Januar: Die Aufregung über das In- 24-26. Januar: Die Jenaer Antifa schal- 27./28. Januar: Während sich Solid und JuSos den Forderungen der LINKS-
terview schwappt über die Stadtgrenzen tet sich ein, bezeichnet die UNIQUE als Partei anschließen, versammeln sich über 400 Zuhörer zur eigens anberaum-
hinaus. Unter anderem berichten TA und Nazipropagandaheftchen und wünscht ten Podiumsdiskussion zum Thema „Dürfen wir Nazis einen Sendenplatz
TLZ. Das Redaktionstelefon steht fortan dem Chefredakteur den Tod im Phos- geben?“. Am Ende einer emotionalen Debatte bleibt die eigentliche Frage-
nicht mehr still. phorfeuer der israelischen Armee. stellung jedoch unbeantwortet.

gleich rechts und links“ in Unique 45


mit ihren eigenen Steuergeldern wirkliche Propaganda rechts- sind die Repliken von Lutz Thormann und "dem Chef" nur in ei-
extremer Parteien mitfinanzieren, anstatt den Redakteure ihr ner Hinsicht: Diese beiden sind in einer Hinsicht auf der Linie der
unbefangenes Auftreten vorzuwerfen, welches im Optimalfall Jungen Freiheit angekommen, wobei Thormanns Niveau weit
vielleicht auch den ein oder anderen Nazi zur Relativierung sei- darunter liegt! (...) Solche Leute haben in vom Stura geförderten
nes persönlichen Opfermythos veranlassen kann." Projekten nichts zu suchen!"

von Prof. Wolfgang Seufert, Medienökonomie von Roman Gherman, Vorstand des StuRa-Auslandsrefe-
"Aus meiner Sicht ist es ein schlechtes journalistisches Produkt, rats "Int.Ro"
das auch einen erheblichen Imageschaden für die FSU-Jena ver- Ein höchst aufregender "Zwergenaufstand", man könnte sich
ursachen kann." kein besseres alt-neuartiges Werbekonzept vorstellen. So man-
che sahen die "UNIQUE" auf Professorentischen. Ein Erfolg. Solch
von Berengar Lehr, Rechtsextremismus-Referent des StuRa eine Aufregung könnte man sich auch bei größeren, globalen
Das Interview ist schlecht gemacht, es fehlen die kritischen Themen wünschen, die mehr Verantwortungskonsequenzen für
Nachfragen und damit verkommt es zum Abdruck von NPD- die Beteiligten mit sich ziehen. Aber warum sollte man etwas ris-
Parteiprogrammen. Wenn man das Thema behandelt, muss kieren? Ist doch schon lange nicht mehr in der Mode. Jetzt weiß
man sorgsam damit umgehen und nicht ungefiltert irgendwel- ich endlich, wie man berühmt wird. Danke Unique. Für die ein-
chen Tatsachen und Meinungen abdrucken. Unkommentiertes gerahmte Ausgabe habe ich den Platz zwischen den Immanuel-
findet man überall - dafür braucht man keine Medien. Kant-Bänden frei.

Michael Hose, ehemaliger Landesvorsitzender des RCDS von Tobias Unbehaun zur Podiumsdiskussion
und StuRa-Mitglied über die Debatte im StuRa Ich dachte, es wird ein befriedigender Mittwochabend, muss-
"Die Unterstellung ist, man müsse die Leser, zudem aus dem te aber feststellen, wie die geflügelte Rede von „sich wieder-
akademischen Milieu, vor sich selber schützen. Dabei unterstellt holender Geschichte“ nicht in letzter Konsequenz in die Tat
man zum einen, dass wir Leser das Interview nicht selbst richtig umgesetzt zu werden schien. Weder der Eisverkäufer noch die
einordnen können. Zum anderen geht man davon aus, dass zu- Straßenbahnfahrerin wollten meinem flammenden Aufruf fol-
mindest einige Gefahr laufen, die Ideen der NPD gut zu finden, gen, ihnen vollkommen unbekannte „Antidemokraten“ und
wenn sie nur mal ungefiltert zu hören sind. (...) Ich hoffe, die Re- „Aufrührer“ zu lynchen. Auch auf meine beschwichtigende Aus-
daktion findet weiter den Mut vermeintliche Tabus zu brechen. sage, dass der Prozess bereits entschieden und ein romantisches
Nicht wegen der Aufmerksamkeit oder wegen des Skandals, Lagerfeuer nur eine Frage von Minuten sei, begegnete man mir
sondern um die Verkrustung der Debatten aufzubrechen. Denn mit Unverständnis. Gar warf mir dieser Pöbel faschistische Ten-
eine verkrustete Debattenkultur gefährdet die demokratische denzen vor, die, wenn ich meine Anwesenheit in ihrer Nähe fort-
Gesellschaft mehr als ein paar menschenverachtende Ewig- zusetzen zu gedenke, eine nicht unerhebliche Menge Eistüten in
Gestrige." meinem Anus zur Folge hätten. Dieses verdarb mir den schönen
Augenblick und als gläubiger Katholik ging ich beten. Wir haben
aus einem Webartikel der Jenaer Antifa wenigstens, dank Unfehlbarkeit, keinen Dreck am Stecken.
"Das dürfte wohl die beste Presseöffentlichkeit für die Nazis in
Jena sein seit 1945, finanziert von den Studentenräten der FSU Kai Ostermann, Vorstand Film e.V. Jena
und FH, dem Rektor und dem Akademischen Auslandsamt der "Macht bitte weiter und lasst das allzu Blöde links liegen"
FSU Jena. Zur Schadensbegrenzung müssen sich die Institutio-
nen, die der UNIQUE ihren Bockmist bezahlen, eindeutig positi-
onieren. Und dazu müssen angesichts dieser Tatbestände auch EIne vollständige Sammlung aller Kommentare findet ihr dem-
personelle Konsequenzen in dem Projekt gehören. (...) Eindeutig nächst auf www.unique-online.de

panzdeh 15
"Wir sind zugleich rechts und links"
Impressum
LESERBRIEFE

"Der dritte Weltkrieg"


Die andere Meinung:
UNIQUE ist eine unabhängige Hochschul-
zeitung, die sich mit inter- und subkultu-

Nazi-Interview:
rellen Fragen auseinandersetzt. Sie wird

Ausrichtung
Jenas Couchre-

Veranstaltung:
von der Redaktion viermal im Semester ver-

Interview mit
"Id Mubarak"

Lothar König

Unique-
öffentlicht. UNIQUE wird getragen von den

volutionäre
Studentenräten der FSU und FH, dem Rek-
tor sowie dem Akademischen Auslandsamt
der FSU. Bei allen Unterstützern bedanken
wir uns recht herzlich. Redaktionssitzungen
finden jeden Donnerstag um 18 Uhr im 1 1 2 3 3 105
Haus auf der Mauer, Johannisplatz
26, statt.
zur Neuausrichtung Frau anzuerkennen. Frauen wur-
den nicht für dich auf diese Welt
von Robert Schindewolf
der UNIQUE Die letzten Ausgaben haben mir gesetzt, um deine Entscheidung,
sehr gefallen. Ihr seid eine herr- bedingungslos Leben entstehen
lich unkonventionelle Abwechs- zu lassen, widerspruchslos um-
lung auf dem hiesigen Presse- zusetzen.
Herausgeber: markt.
UNIQUE-Redaktion/ Int.Ro zu "Jenas Couchrevo-
Johannisplatz 26, 07743 Jena lutionäre "
von Mike Niederstrasser
zu "Der dritte Welt-
Tel.: 03641/930996
Fax: 03641/930995
Nachdem ich schon länger im- krieg" von Lucas Hohlfels
mer mal in die UNIQUE rein Der richtige Ansatz dieser Über-
E-mail: uniqueredaktion@gmx.de schaue, aber Vieles überblättere von Anne Hilt legungen, dass sich vermeint-
Webseite: www.unique-online.de oder nett, aber nicht so bedeut- Ich verstehe nicht, wie ihr als licher Widerstand in der Post-
sam fand, hat mit dieser Aus- unabhängige Hochschulzeitung moderne in der Entscheidung
gabe [Nr. 45] ein Stil und Rich- diesen Artikel mit höchstwahr- für einen besseren Konsum und
Chefredaktion:
tungswechsel stattgefunden, scheinlich christlich-fundamen- einem "symbolischen Aufbäu-
Fabian Köhler (fabik) - V.i.S.d.P. den ich sehr interessant finde. talem Hintergrund drucken men gegen die unvermeidliche
Vor allem der Aspektwechsel konntet. Frauen mussten lange Bourgeoisierung seiner selbst"
Redaktion: der Arbeit sorgt für ein wesent- und schwer für das Recht kämp- erschöpft, verliert sich in einem
lich höheres Interesse und si- fen, selbst zu entscheiden, was schrecklichen Anti-Intellektua-
Alexandra Enke (alex), Alice Ruddigkeit,
cher auch mehr Diskussionen. mit ihrem Bauch passiert. Par- lismus, der Sehnsucht nach kon-
Carola Wlodarski (Caro), Christoph Matiss Wenn das Eintreten für eine don, sagte ich "Recht"…? Das kreten Feinden (Burgeoisie) und
(Chrime), Claudia Dahl (cede), Frank Kalt- multikulturelle Gesellschaft in gibt es ja in Deutschland heute einer unmittelbaren Praxis. Diese
ofen, Heike Fröhlich, Jenny Jecke (Yeke), der UNIQUE jetzt politisierter noch nicht, sondern mit einem drei Faktoren halte ich nicht nur
und pointierter wird - statt wie der restriktivsten Abtreibungs- für Gründe dafür, dass in der Ge-
Jura Hölzel (Jura), Lutz Granert (LuGr), Lutz
bisher nur Reiseberichte eines gesetze Europas nur eine Dul- schichte der Klassenkampf, den
Thormann (Luth), Ralf Rohmann (gonzo), kleinen (bevorzugten?) Teils der dung, eine "Nicht-Bestrafung" fabik gerne zurückhaben will,
Sebastian Schieweck (Seba), Stefan Berke Studierendenschaft zu publizie- der Abtreibung ohne kriminelle immer eine Modernisierungsbe-
(bergi), Stefan Beyer (Arni), Steven Hopp ren - könnte auch ein wichtiger oder medizinische Indikation. wegung gewesen ist, sondern
Aspekt der studentischen Medi- Thomas Koch spricht von einem auch dafür, dass auch manche
(FrancoFon), Thibaut Boeder (ThiBo), Turian
enarbeit wieder belebt werden. "Dritten Weltkrieg" der Selbstver- Taten und Worte der deutschen
da Silva (Tsil) Ich begrüße die Entscheidung wirklichung und vergleicht ab- Arbeiterbewegung und Teile der
zur inhaltlichen Neuausrichtung getriebene Föten mit der Eutha- deutschen Linken strukturell an-
Lektorat: Lutz Thormann, Carola Wlodarski, und freue mich auf das nächste nasie des Nationalsozialismus. tisemitisch sind.
Heft. Kann schwachsinnige Polemik
Lutz Granert
noch weiter gehen? Abtreibung
Bilder: Redaktion, sofern nicht im Einzelnen von André Reichel gibt es übrigens nicht erst seit
zu "Id Mubarak"
anders angegeben Ich wünsche mir weniger Artikel, "viele[n] Jahrzehnte[n]" sondern
von Ahmed Abubaker
Onlinebetreuung: Jenny Jecke, Patrick Meh- die so polemisch geschrieben schon etwas länger, um nicht
In der letzten Ausgabe stand
sind wie die von fabik, Yeke oder zu sagen: schon immer. Ist das
ner unter dem Titel "Veranstaltung:
bergi. Der Informationsgehalt ih- tatsächlich ein Krieg gegen die
Id mubarak" ein Bericht über das
rer Artikel ist gering. Die enthal- Menschheit oder einfach eine
Opferfest in Jena. Es hat mich
Druck: Schöpfel, Weimar tenen Standpunkte sind unklar. Art der Geburtenkontrolle bzw.
sehr gefreut, solche Berichte
Auflage: 3.000 Exemplare Lustig sind sie leider auch nicht! ein Weg aus der Verzweiflung?
über den Islam und Muslime
Ich finde, dass die Qualität der
in Jena zu lesen. Leider gab es
UNIQUE dadurch im Vergleich zu von Berengar Lehr
Wir freuen uns jederzeit über eingereichte einen kleinen Fehler in dem Be-
früheren Jahren stark abgenom- Luca hat es nie gegeben. Es gibt
richt; und zwar stand da: "Der
Artikel und Fotos von außerhalb. Es besteht men hat. Ich würde empfehlen, keinen Krieg gegen ungebore-
Sinn dieses Festes besteht darin,
jedoch keine Veröffentlichungspflicht. Ano- Artikel mit verständlichen Ein- nes Leben, weil ein Leben nur
der Prüfung Abrahams zu geden-
blicken und Ansichten zu schrei- etwas hat, was auch geboren
nym eingesandte Manuskripte können ken, als dieser von Gott aufgefor-
ben. Die Redakteure sollten von wurde. Selbstverwirklichung
leider keine Beachtung finden. Nament- dert wurde seinen zweitgebore-
den Themen, welche sie dank gibt es nur mit einem selbst. Und
nen Sohn Isaak zu opfern." Das
lich gekennzeichnete Artikel müssen nicht der Studierenden veröffentli- der Preis, den eine Frau zahlt,
ist leider nach dem islamischen
der Meinung der Redaktion entsprechen. chen dürfen, auch etwas verste- die abtreibt, entsteht erst durch
Glauben falsch, denn der Sohn,
hen. Ansonsten bleibt nur der die Vorwürfe von Menschen wie
Die Redaktion behält sich die Kürzung der der geopfert werden sollte, war
schale Eindruck, dass sie das tun, Dir. Menschen, die mit einer ver-
Leserbriefe vor. Für den Inhalt von Anzei- der erstgeborene Sohn und hieß
um damit hauptsächlich ihren rosteten Moral sich zu Rettern
Ismael. Ich danke euch für eure
gen ist die Redaktion nicht verantwortlich. eigenen Lebenslauf aufpolieren aller Wesen aufspielen statt das
Bemühungen.
zu können. Selbstbestimmungsrecht einer

16 şanzdeh
Songs, die Leben retten...

Kultur
… genießt man an trüben Wintertagen, als
Tonikum gegen miese Stimmung, in Phasen
auf der einsamen Landstraße, in übervollen akuten Welthasses, im Auto
Einkaufspassagen, zusammen mit guten Freun
bahn, wenn man nur noch den Stehplatz inmit den oder in der Straßen-
ten einer Gruppe verschwitzter Spowi-Studenten
Sie helfen, einen Rest an Selbstbeherrschung erhaschen konnte.
zu bewahren und ein friedlicher Mensch zu
einfach nur schöne Erinnerungen an längst bleiben. Oder sie lösen
Vergangenes aus. Jeder kennt seinen Song,
ntlich ganz laut aus den Boxen. Drei UNIQUE-R jeder braucht ihn gelege-
edakteure sind tief in sich gegangen und stelle
natürlich rein subjektiv, die Songs vor, in dene n euch hier,
n sich ihre Seele spiegelt.

Khoiba – Pathetiurc fears (...) I’m so alone on empty scene."


von Luth

ig mit
d protzen gegenseit
l yo teuren Rotwein un ern,
o stay alone with al r trin ke n de ka de nt ät mi t Platte nc ov
"S i me ine m be ste n Kumpel Vince. Wi ll. Ba ld ist de r ga nze Fußboden übers n be rau sch ter
eren Abende be wie es enden so Grat zwische
gesprächsschwang s wieder enden wird, cie rt auf dem schmalen r Frickel-
Es ist einer dieser n. Un s ist kla r wi e da
einflecken, die Sti mm un g ba lan
as von einer „sa ug eil en Pra ge
en Neuerwerbunge delikten und Rotw ontalen und lallt etw t und erdrückende
unseren musikalisch tüt en , Resten von Drogen So fas ozius aus der Horiz , Pa thetic. Diese Wuch
ips in 12
CD-Booklets, lee ren Ch
ie. Un ve rm itte lt sch ne llt me
oib a, Alb um Nic e Tra ps , Tra ck
e Sti mm e Ema Bracovás in
ori e un d prä eru ptiver Melanchon ne ue n Sil be rlin g in den Player: Kh säg t sic h die ele ktronisch verzerrt ein paar Tränen des
Euph r n
be de utu ng svo lle r Miene legt er einen tie fe Fra gil ität! In björkesker Manie r mi t am Ab gru nd , am Ende fließe
band“. Mit welch abgrund täubt tanzen wi
gischen Schmerzes, Basswellen wie be n Song.
Intensivität voll tra un he ilb are Wu nd en. Von mächtigen ce an die sem Abend den perfekte
n un d hin ter läs st be n, sch en kt mi r Vin
mein Hir htigt zu ha
lich ohne es beabsic
Glücks. Wahrschein

- Fu c k U (L iv e @ Z enith Paris) why the fuck are you looking at me?"


Archive what I see? If you do
nur
r

fünf Minuten nicht


von Nicole Bergne

yourself do you see die Welt für wenigstens l zu


"When you look at es hö re, be ste ht we nig ste ns ein ma
iert. Wenn ich ßgängerzone
nschenhass therap ers in der Jenaer Fu t dann wirklich
elm äß ig vo n aufkommendem Me are Lä ch eln des Akkordeonspiel n, ma n kö nne sein Leben ers
Ein Lie d, da ss mi ch reg
sch aff en , da s un be irrb –A kti vis ten , die me ine
ch Lis sab on schwärmen
ssa nte n, die es au s Ignoranz nicht
en pfl ast er an sta rren … Greenpeace pe rgü ns tig en" Billigfliegertrips na nd , mit Vorwür-
aus ... Pa
rbeigehen verschä
mt das Straß von ihren fünf "su m Fahrrad liege
erwidern und im Vo gs hil fe ge lei ste t habe – um sogleich sp rin ge n un d mi ch, verrenkt über de tür en od er rot en Ampeln
eh
tze n", we nn ma n in Afrika Entwicklun an nt au s ihr er Sc hwanzverlängerung vo n Ro lltr ep pe n, EC-Automaten, Dr – als ob sie dadurch
"schä wutentbr nschen, die sich Rücken drücken
nach einem Unfall e es mir geht … Me Ellenbogen in den
… Autofahrern, die tt zu fra ge n, wi un ge du ldi g ihr e
ln traktieren, ansta n des Busses aber
fen und StVO-Rege , mir beim Verlasse
an ds los Le be ns zeit stehlen lassen
widerst .
kgewinnen könnten
irgendetwas zurüc
ifl e fro m the rain."
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John Fruasricflia is a rifl eunde hatte.
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bisher aussch
festzuhalten
Veranstaltung:
Silvester am 25. Januar
von cede am 8. Dezember begann und am 15. aus "Tiger & Dragon" tatsächlich nicht
Januar endete. Diese Daten orientie- ganz unähnlich, führte gemeinsam
Aufgewachsen vor und teilweise erzo- ren sich immer am Mondkalender, d.h. mit Sebastian Turm durch den Abend.
gen durch den Fernseher wurden auch sie fallen jedes Jahr auf einen anderen Beide kommentierten das abwechs-
meine Vorstellungen von anderen Kul- Tag der gregorianischen Zeitrechnung. lungsreiche Showprogramm - u.a.
turen nicht unwesentlich durch dieses In dieser Feiertagsperiode , deren aus- wurden verschiedene Lieder und ein
Medium mitgeprägt. Ob sich mein Chi- schweifende Festlichkeiten traditionell arabischer (!) Bauchtanz vorgetragen
na-Bild im Speziellen - das bisher kaum mit einem Laternenumzug enden, liegt - abwechselnd in Deutsch und Chine-
über die farbenfrohe, bildgewaltige auch der Jahreswechsel, welcher der sisch. In einer kleinen Verlosung gab es
Kulisse des Kinofilms „Hero“ hinausging wichtigste chinesische Festtag ist. dann noch Amulette zu gewinnen. Die
- mit der Wirklichkeit messen kann, da- Chinesische ERASMUS-Studenten in abschließende Disco erinnerte an eine
von wollte ich mich am 24. Januar als Jena ließen es sich daher nicht neh- Mischung aus 70er-Jahre-Silvesterfei-
Besucherin des chinesischen Neujahrs- men, dieses Fest auch weit entfernt er und Schultanzball. So wurde mein
festes in der Jenaer Philomensa persön- ihrer Heimat zu begehen und ihre deut- Sprung aus dem heimischen Fernseh-
lich überzeugen. schen Kommilitonen dazu einzuladen. sessel mit einem nicht gerade traditio-
Das chinesische Neujahrsfest ist ein Teil Shengnan Zhang, in ihrem glänzend- nell chinesischen, aber dennoch recht
des Frühlingsfestes, welches dieses Mal roten Abendkleid Jen Yu (Ziyi Zhang) amüsanten Abendprogramm belohnt.

hivdeh 17
Buchrezension:
Kultur

Rauchend auf den Tod warten - "Huhn mit Pflaumen"


Autor: Marjane Satrapi:, Edition Moderne. 86 Seiten

von Christian Franke ben, erfolglos waren? Warum also wartet ein Note mehr, hat er auf der Suche nach einem
erwachsener Mann in seinem Bett auf den neuen Instrument doch die Frau, die er liebt,

W
ie kommt einer auf die Idee, sich in Tod und raucht solange Zigaretten? Auch die wiedergetroffen?
sein Bett zu legen und auf den Tod Streitigkeiten mit seiner Frau können Nasser Er spricht sie, die mit ihrem Sohn an der Hand
zu warten? Ali Khan nicht auf diese Idee gebracht haben. die Straße entlang läuft, an, doch sie erinnert
Marjane Satrapi ist spätestens seit der Verfil- Er liebt sie ja nicht einmal - und die meisten sich nicht an ihn. Sie erkennt den Mann nicht
mung ihres Comics „Persepolis“, in dem sie seiner Kinder ebenfalls nicht. mehr, der ihretwegen so viel gelitten hat. Die
ihre bewegte Kindheit und Jugend im Iran Der Grund für den zum Suizid führenden Erhabenheit seines Liebeskummers ließ ihn
schildert, kein unbeschriebenes Blatt mehr. Streik gegen das Leben ist ganz woanders einen bewegten und bewegenden Musiker
In „Huhn mit Pflaumen“ bleibt sie ihrem zu suchen. In der ersten Szene des Buches werden und nun muss er sich eingestehen,
schlichten Zeichenstil treu, erzähltechnisch begegnet der verzweifelte Musiker auf dem dass die Größe seines Gefühls wohl nicht auf
schafft sie es, sich weiterzuentwickeln. Sie Weg zu einem Tar-Händler einer Frau mit Gegenseitigkeit beruht. Das Gefühl, die Lie-
skizziert die Geschichte ihres Großonkels, des Kind, die er aus längst vergangenen Tagen be des Lebens verloren zu haben, entpuppt
sagenhaften Tar-Spieler Nasser Ali Khan (eine kennt. Es ist seine große Liebe, die er nicht sich als ein Lächerliches, Nichtiges. Und die-
Tar ist das traditionelle Lauteninstrument im heiraten durfte, weil er als mittelloser Musi- se Verzweiflung lässt sich nicht einmal mehr
Iran). Nachdem seine Frau während eines ker die finanziellen Ansprüche ihres Schwie- in Kunst ummünzen.
Streites sein geliebtes Instrument zerstört gervaters nicht befriedigen konnte. Erst der Deshalb kommt einer auf die Idee, sich in
hat, beschließt ebendieser zu sterben. Aber Schmerz um die verlorene große Liebe hat- sein Bett zu legen, und auf den Tod zu war-
kommt man zu solch einem Entschluss, nur te Nasser Ali Khan zum Ausnahmemusiker ten. Am Grab allerdings – und das tröstet
weil ein Instrument zu Bruch gegangen ist werden lassen. Das Leiden im Leben lässt letztlich doch ein wenig – wartet eine Über-
und die Bemühungen, ein neues aufzutrei- ihn musizieren. Warum aber trifft er keine raschung auf ihn.

Filmrezension:
Das Leben als Illusion - "Jerichow"
Regie: Christian Petzold, Deutschland 2009, Schramm Film/BR/arte, ca. 93 Minuten
von Yeke befreit und so zur Seele des Films avanciert. oberflächlicher Handhabung der beiden
Den Hang zur Selbstzerstörung scheint er anderen Hauptfiguren - deren weitgehend

A li (Hilmi Sözer) hat es geschafft. Die


Stolpersteine der Immigration und
ihrer Folgen hat er hinter sich ge-
lassen, denn längst ist er ein erfolgreicher
in jeder Zelle seines Körpers zu tragen. Er ist
ein eifersüchtiger Trinker, der seine Frau nur
durch Geld an sich binden kann. Als Imbis-
simperator hält Ali seine Angestellten ein-
unglaubwürdige Beziehung mit einem Hang
zur aufgesetzten Leidenschaft einhergeht
– wäre der Film durchaus zu einem nichts
sagenden, hochgradig unterkühlten Krimi
Geschäftsmann. Als Besitzer einer Kette zig mit Gewalt und nicht mit Respekt unter verkommen.
von mehr als vierzig Imbissbuden scheint Kontrolle. Sein mühsam
er angekommen zu sein in einem Deutsch- erarbeitetes Eigenheim
land, das sich beständig über gescheiterte steht versteckt irgend-
Integrationsbemühungen echauffiert. Doch wo in den Wäldern des
Alis perfektes Leben ist nur eine Illusion. Die menschenleeren Nordos-
Fassade beginnt zu bröckeln, als er der Ex- tens Deutschlands. Er ist
Soldat Thomas (Benno Fürmann) als Fahrer eben doch nicht Teil der
einstellt. Prompt fühlt der sich nämlich zu deutschen Mittelklasse
Alis Frau Laura hingezogen - glanzlos ge- geworden und wird auf
spielt von Nina Hoss, der Stamm-Muse des ewig ein Außenseiter
Regisseurs Christian Petzold. bleiben. Daran kann auch
Nach Motiven von James M. Cains Krimi- sein wirtschaftlicher Auf-
nalroman „The Postman Always Rings Twi- stieg nichts ändern.
ce“ legt Petzold „Jerichow“ als eine ruhige, Alis jovialem Äußeren
nichtsdestotrotz aber spannende Charak- liegen jedoch eine tiefe
terstudie an, die nur vordergründig mit den Melancholie und damit
Konventionen des Genres spielt. So lässt sich die Erkenntnis seines
Petzold beispielsweise nicht dazu verleiten, Scheiterns zugrunde. In
sein Werk allzu häufig mit den stilistischen der Szene seines betrun-
Spielereien des Film Noir anzureichern. Viel kenen Tanzes am Meer,
Raum hingegen gesteht er den Schauspie- begleitet von türkischer
lern zu. Musik, drückt sich seine
Benno Fürmann nutzt diese Chance nicht. Unfähigkeit, dauerhaft
In der Rolle des stoischen, wortkargen Ein- in Deutschland Fuß zu
zelgängers ist dem hölzernen Mimen die fassen, wohl am offen-
latente Überforderung besonders den vielen sichtlichsten aus. Sözers
langen Einstellungen deutlich anzumerken. Präsenz rettet Jerichow
Spätestens nach der ersten halben Stunde vor dem eigentlich ver-
kann er seiner Figur keinerlei neue Facet- dienten Schicksal im
ten mehr hinzufügen. Womöglich trägt die Eisschrank der Filmge-
Schuld daran Hilmi Sözer, der sich mit dem schichte. Denn allein mit
Portrait des Selfmade-Man Ali endgültig aus Petzolds gemächlicher
dem Komödienghetto vergangener Jahre Inszenierung und recht

18 hejdeh
Lieblingssongs

Kultur
Kolumne
aus der aktuel-
len Campusra-
dio-Playlist

von Steffen Klüver

Of Montreal - An Eluardian Instance Back to the Street


Der begeisternde Balanceakt zwischen abgedrehten Elektro-Experi-
menten und massentauglichem Pop-Sound in Verbindung mit trau- auf Hessisch von Christian Franke
rigen und bewegenden Texten.
Um eins gleich vorweg zu nehmen: Ich mag keine Quiz-
VV Brown - Crying Blood Sendungen. Ich habe keine Lust, schnellstmöglich die
Mit 60er-Jahre Soul und Rock'n'Roll verbindet Vanessa Brown zwei typischen „Hautfarben“ von Kermit, Miss Piggy, Ernie
großartige Stilrichtungen der Musikgeschichte zu ihrem eigenen und Bert in der richtigen Reihenfolge zu assoziieren, um
Sound. Mal schauen, was ihr im Mai erscheinendes Album noch so dann, mein Glück kaum fassend, Günther Jauch gegen-
bringt. über zu sitzen. Ich muss auch nicht wissen, welches Tier
man im Krefelder Zoo bewundern kann (A: Assistent, B:
My Baby Wants To Eat Your Pussy - America Sekretär, C: Praktikant). Ich war noch nie in Krefeld und
So viele Stilwechsel in nur einem Song habe ich noch nie gehört - auch kein Assistent oder Praktikant. Ich weiß aber trotz-
und selten war das so angebracht. Ein riskantes Konzept, das hier dem, dass es einen überaus hässlichen Vogel gibt, der
voll aufgeht. Sekretär heißt.
Aber es gibt eine kleine Perle im deutschen Fernsehen,
die auch so etwas wie eine Quizshow ist, obwohl man
dort weder eine Million noch einen Kaffeebecher gewin-
von Andreas Hänisch nen kann. Jeden Sonntag gegen Mitternacht lerne ich in
der hr-Sendung „Straßenstars“ drei normale Menschen
Empire Of The Sun – Walking On A Dream wie Klaus, Nina und Steffen ein wenig kennen.
MGMT waren einer der Abräumer des letzten Jahres. Dem aus- Das Konzept ist denkbar einfach: Der Moderator Rober-
tralischen Duo Empire Of The Sun wird 2009 ein ähnlicher Husaren- to Cappeluti befragt im Vorfeld der Sendung drei zufällig
ritt zugetraut – wahrscheinlich, weil sie genauso klingen wie MGMT. dahergelaufene Passanten auf hessischen Straßen nach
Aber egal, ich stehe auf diesen Space-Pop. Schulwissen und Persönlichem. Drei meist semipromi-
nente Studiogäste wie etwa Götz Otto, Anja Reschke,
Rex The Dog – Bubblicious VV Brown - Crying Blood Bodo Bach oder Susanne Fröhlich (meine persönliche
Um mal mit Detlef D! Soost zu sprechen: „Dieser Track is so tight, da Lieblingsfeindin) müssen anschließend beurteilen, ob
burnt's!“ Echt jetzt, rauf auf die Tanzfläche! und wer was gewusst hat.
Anschließend dürfen sich die Prominenten einen der
Sky Larkin – Beeline drei Interviewten heraussuchen, um ausschließlich zu
ihm Fragen zu beantworten. Zu guter Letzt müssen sie
Eine Frau und zwei Männer aus Leeds spielen straighten Indie-Rock, schätzen, ob die drei Passanten für zehn Euro in ein Be-
der zwar nicht neu ist, aber ungemein Spaß macht. Da geht es mit hältnis voller Mehlwürmer greifen, ein Glas Gurkenwas-
Vollgas Richtung Sommer und freudig in die kommende Festival- ser austrinken oder sich mit Sprühsahne vollsauen las-
saison. sen würden.
Die Sendung ist konzeptuell also vielmehr soziologische
Alltagsstudie als aufgeblasene Vermittlung unnützen
von Melanie Gollin Wissens. Oft ertappe ich mich selbst dabei, wie ich ste-
reotypisch annehme, dass jemand etwas weiß oder ge-
Kitty, Daisy & Lewis – (Baby) Hold Me Tight tan hat - und dann überraschend doch das komplette
Noch nicht mal volljährig und trotzdem ist dieses Trio musikalisch Gegenteil der Fall ist. Am Ende hat zwar auch der Studi-
in den 1950ern unterwegs. Da möchte man sich den Petticoat ogast mit den meisten Punkte gewonnen, das aber ist
überstülpen. nicht das Entscheidende. Drei Mitmenschen aus Hessen
durften wir ein wenig kennen lernen und dabei auch ein
Peter Fox – Schwarz zu Blau bisschen über unsere eigene Wahrnehmung erfahren.
Für alle die Berlin vermissen, auch wenn es überhaupt nicht hübsch Ich hätte beispielsweise nicht vermutet, dass der viel rei-
ist. Die beste Schnodderstimme und der beste Beat zum nach- sende und verheiratete Versicherungskaufmann Klaus
Hause-Stolpern nach der Clubnacht. (57) auf die Frage, mit wem Stefan Mross liiert ist, ant-
wortet, dass dieser mit Guido Westerwelle zusammen
Megapuss – Adam & Steve und Schwul-Sein sowieso modern sei. Im Gegensatz zur
richtigen Vorstellung, dass Stefan Mross und Stephanie
Devendra Banhart, Greg Rogove und Fab Moretti von den Strokes Hertel das doch wohl schönste Paar der Volksmusik ab-
in einer Band? War doch klar, dass das nur verschroben-fantastisch geben, hatte seine Antwort wenigstens - wenn auch un-
werden kann. gewollten - Witz. Hättest du das gedacht?

nozdeh 19
Städtebericht
Weltweit
Kreatique
Zuhause

20
20 bîst
Von: ture

Weltweit
An: Menschen
Betreff: Tempeloase Thailand

T
hailand, was für ein Land - das glaubst du mir gar nicht. (ohne Matratze), kein Essen nach zwölf Uhr mittags, keine
Eigentlich ist hier alles genauso wie in Deutschland. Nur Unterhaltung wie TV, Musik, Singen, Tanzen, Bücher, Schrei-
die Menschen sind anders, die Landschaft, die Kultur. ben, kein Sprechen, kein Sex, kein Töten oder Verletzen von
Das Essen ist billiger, die Unterkunft und alles andere auch. Lebewesen, kein Stehlen, kein Sprechen, keine Lügen, kein
Schöne Natur hat es, als Gegenpart aber auch eine Prise Um- unbewusstes Handeln. Die Tagesgestaltung setzte sich recht
weltverschmutzung und Tierquälerei. Viele Straßenhunde, simpel aus Meditation und Pausenfüllern wie buddhistischer
ein paar Straßenkatzen, riesige Insekten und kuschelige Ge- Religionslehre, aus Essen, Waschen, Schlafen und dem frei-
ckos. “Wat Phra That Doi Suthep” ist einer der reichsten Tem- willigen Mönchgesang zusammen. Zum Programm gehörte
pel Thailands, nicht zuletzt, weil er einer der am meisten be- auch das tägliche Einzelgespräch mit dem Lehrermönch,
suchten Tempel Thailands und dies wiederum nicht zuletzt, dessen liebenswürdige Worte motivierten, nicht den Medi-
weil er auch einer der schönsten Tempel Thailands ist. Er liegt tationslöffel abzugeben. Die letzten vier Tage wurden der so
inmitten eines Nationalparks auf 1300m Höhe, wodurch man genannten „Entschlossenheitsphase“ gewidmet, in der ich,
einen respektablen Ausblick über Chiang Mai sowie einen komplett von der Gruppe in meinem Zimmer isoliert, un-
nicht zu kleinen Teil Thailands hat. Auch munkeln Einheimi- glücklicherweise gar nicht mehr schlafen durfte. 75 Stunden
sche, einbetoniert in den goldenen Chedi des Tempels befän- ohne Schlaf sind wahrlich ermüdend. Interessant zu sehen,
de sich ein Knochen Buddhas. wie der Körper anfängt Faxen zu machen: Halluzinationen,
Hier also durfte ich an einem supertollen touristischen 21- Zitterpartien und überwältigend autarke Tagträume. Sinn
Tage-Meditationskurs teilnehmen. Praktiziert wurde Vipas- des Ganzen war, dem Körper genügend Kraft zu entziehen,
sana, eine der ältesten Meditationsarten, überliefert aus um beim Meditieren schnell ohne Widerstand bis an “die
Zeiten des Gautama Buddha und somit des stolzen Alters Quelle” vorzudringen – „die Ernte vom lang gepflegten Man-
von ungefähr 2551 Jahren. Die Regeln für die 21 Tage waren gobaum“, wie der Lehrermönch es nannte. Kostenpunkt? Ni-
bei Einhaltung hart: max. sechs Stunden Schlaf pro Nacht ente! Persönlicher Gewinn? Unbezahlbar!

ACOTO-Kolumne:
Co w trawie piszczy - Was piept im Gras?
von Martin Müller weiß und Russenrot" (Originaltitel: " Wojna polsko ruska po
flagą biało-czerwoną") sorgte 2002 für Furore und räumte

"C
o w trawie piszczy", ein Zungenbrecher ohneglei- etliche nationale Preise ab, darunter den populären Nike-
chen für alle Nicht-Polnischsprechenden. Man Preis. Masłowska gibt darin der nach 1989 aufgewachsenen,
könnte fragen, ob es allein an der Sprache liegt, postsowjetischen Generation, die mit den sozialen Folgen
dass viele Deutsche ihr Nachbarland so wenig interessiert. der politischen Transformation unmittelbar konfrontiert
Deutsche Medien berichten vor allem dann über Polen, wenn wurde, eine Stimme. Die Autorin spielt zuweilen genial, zu-
es um die Aufarbeitung der Geschichte, um die Verbesserung weilen nervend mit dem Jugendslang des Plattenbau-Milieu.
der bilateralen Beziehungen oder um die Erhaltung von Sie seziert Drogenexzesse und sperrt den Leser geradezu ein
alter Bausubstanz in ehemals deutschen Städten geht. Es in eine voyeuristische Perspektive (Vergleiche mit Trainspot-
brauchte scheinbar erst den Bestseller des in Polen lebenden ting drängen sich da auf ). Zudem arbeitet sie exzessiv mit
deutschen Schriftstellers Steffen Möller, der seine deutschen Klischees und führt diese auf die literarische Schlachtbank.
Landsleute an die Hand nahm, ihnen die Irrwege deutsch- 2006 legte Masłowska mit "Die Reiherkönigin. Ein Rap" (Ori-
polnischer Stereotype aufzeigte und damit einen unerwar- ginaltitel: "Paw królowej") nach, ihre Bücher erschienen da
teten Publikumserfolg landete. Die ACOTO-Kolumne "Co w schon längst auch in Deutschland. Mittlerweile eifern ihr
trawie piszczy" knüpft daran an und möchte einen Beitrag eine Reihe engagierter Autoren wie Michał Witkowski mit
zur Kulturvermittlung leisten, indem sie nun regelmäßig über "Lubiewo" und Sylwia Chutnik mit ihrem "Frauentaschenat-
zeitgenössische polnische Literatur und deutsch-polnische las" nach. Auch diese zeigen mithilfe mikroperspektivischer
Befindlichkeiten berichtet. Dazu gehören auch unbekannte Beschreibungen von Subkultur und sozialen Schichten die
Aspekte, die in der deutschen Medienöffentlichkeit kaum Komplexität gesellschaftlicher Brüche im gegenwärtigen
oder gar nicht thematisiert werden. Polen auf. Manches kommt dem deutschen Leser dabei be-
Was an Neuem gibt es nun aber in der polnischen Literatur- kannt vor, anderes scheint fremd. Kurzum: Es gibt neue, inter-
szene? Ein Name fiel in den polnischen Medien zuletzt immer essante Literatur östlich der Oder zu entdecken und es lohnt
immer wieder: Dorota Masłowska. Ihr Debütroman "Schnee- sich, diese auch jenseits ihres westlichen Ufers zu lesen.

Rivieraromantik in Camogli

bîstûyek 21
Länderbericht
Weltweit

Paradies im Regenwald
Mein Leben in Flores, Guatemala
von Anne Weirauch und Luth lis musste ich
bisher jeden- Typischer Strassenzug in Flores

M
eine Freundin Melissa kommt falls nur im No-
aus Guatemala. "In meinem vember oder
Land wirst Du größtmögliche Dezember bei
Armut finden, aber auch Landschaften "kühlen" 20-
so schön, wie Du sie Dir niemals er- 25°C aus dem
träumt hättest", so lautete im Jahr 2004 Schrank ho-
ihre Warnung, die ein Versprechen len.
gleich mit einschloss. Als sie wieder Die herzliche
fort musste, sprach sie eine Einladung und warme
aus. Die nahm ich gern an, schließlich Art ihrer Be-
war ich nie vorher in meinem Leben so wohner er-
weit gereist. Nach meinem Fremdspra- leichterte mir
chenstudium im saarländischen Neun- das Einleben
kirchen schickte mich schließlich eine in Flores unge-
Agentur zum Praktikum nach Flores, in mein, schnell
den Norden Guatemalas, mitten in den verliebte ich
zentralamerikanischen Regenwald. mich in die Stadt. Auf dem Weg zur geordneten Ständen Schuhe, lebende
Arbeit grüßt mich heute beinahe jeder Hühner, College-Blöcke, Schweinebeine,
Größtmögliche Armut und paradie- ganz selbstverständlich mit "¿Hola, que Tupperware, BHs, Chips und Spielzeug
tal?". Schon während meiner ersten Rei- verkauft – natürlich alles wild durchein-
sische Landschaften
se durch Guatemala verspürte ich daher ander. Ich brauchte ca. drei Monate, um
Die Hauptstadt des Departmento El Pe-
brennendes Heimweh - nach Flores wohl- mich zurecht zu finden, erst dann mach-
tén ist die Insel Flores im Petén-Itzá-See.
gemerkt, nicht nach Deutschland. Auf te mir auch das obligatorische Feilschen
Sie hat etwas mehr als 2.000 Einwohner
Reisen in Europa war mir dieses Gefühl Spaß.
und ist mit dem Festland durch einen
nie untergekommen. Nun vermisste ich
künstlichen Damm verbunden. Cha-
nicht nur so leckere Maya-Spezialitäten Rote Tuktuks und chaotische Märkte
rakteristisch für die Stadt sind einfache,
wie Hühnchenbrust mit Yuca in Chaya- Als fahrbare Marktstände könnte man
pastellfarbene Häuser, holprige Kopf-
sauce (Yuca ist eine kartoffelähnliche die guatemaltekischen Busse bezeich-
steinpflasterstraßen und die angenehm
Wurzel) oder Calabaza (Kürbis), sondern nen, Essen braucht man jedenfalls kei-
ruhige Atmosphäre. Besser hätte ich es
auch mein tägliches Bad im See. Nach nes mitzunehmen. Kaum sitzt man, bie-
kaum treffen können. Die Temperaturen
meiner Rückkehr bezog ich eine geni- ten Kinder und Erwachsene Coladosen
in Flores bewegen sich ganzjährlich um
ale Wohnung direkt am Strand, so dass und geschälte Mangos zum Verkauf an
die 30°C, im März und April steigen die
ich bald mehrmals täglich schwimmen (manchmal auch Nähsets, Kindersöck-
Werte auch mal auf 45°C - da fange so-
gehen und jeden Abend vom hauseige- chen oder medizinische Allheilmittel).
gar ich an zu schwitzen. Meine Wollpul-
nen Badesteg Zu den typischen Nahverkehrserleb-
aus den Son- nissen zählen auch arme Menschen mit
nenuntergang herzerweichenden Erzählungen. Viele

Guatemala-Info g e n i e ß e n wurden aus den USA abgeschoben und


konnte. müssen gerade das Geld für ein Bus-
Besorgungen ticket nach Honduras auftreiben. Tat-
in Flores erle- sächlich gibt fast jeder Guatemalteke in
Freunde sind in Guatemala "cuates". dige ich mit solchen Situationen bereitwillig einen
dem Fahrrad Quetzal (10 Cent). Generell haben die
Um "in" zu sein, grüsst man nicht mit "¿Hola, que tal?" sondern mit oder - bei Guatemalteken ein entspanntes Ver-
"¿Que onda, vos?". s c h w e r e r e n hältnis zum Monetären. Ist mein Klein-
Tr a n s p o r t e n geld mal wieder alle, bezahle ich eben
Egal ob Gaslieferant, Tortillafrau, Zeitungsverkäufer oder Eismann: - mit dem später. Vieles läuft auf Vertrauensbasis,
alle machen einen Höllenlärm, um auf sich aufmerksam zu machen. "Tuktuk". Der eine Hand wäscht die andere.
Name dieser
Der Guatemaltekische Bürgerkrieg endete 1996 - nach 36 Jahren. roten Kleinst- Latino-Männer und Glaubenskrisen
dreiräder leitet Ein ganz eigenes Kapitel sind die La-
In der Regenzeit von Mai bis Oktober regnet es nicht monatelang, sich von ihren tino-Männer, die mich regelmäßig in
dafür aber jeden Tag gegen 14 Uhr kurz und kräftig. M o t o r e n g e - Glaubenskrisen stürzen. Sprüche wie
räuschen ab. "Hey Süße, pass auf, dass Du nicht ge-
Der wohl typischste Bestandteil eines guatemaltekischen Essens ist Auf dem faszi- klaut wirst" gehören zu meinem Alltag
frittiertes Bohnenmus. Sieht eklig aus, schmeckt aber lecker! nierend bun- als weiße Frau ebenso wie gierige Män-
ten Markt von nerblicke. Dabei ist Flores voll von eu-
Bestellt man in Flores eine Pizza, gibt man nicht Strasse und Haus- Flores werden ropäischen Touristen, die wie Millionen
nummer, sondern eine ungefähre Ortsbeschreibung an (z. B. "gegen- an unzähligen, andere Tikal besuchen, die wohl Majes-
über der Wasserpumpe"). planlos an- tätischste aller Mayastätten. Auf mei-

22 bîstûdu
Weltweit

nen Fußmärschen in die Nachbarstadt und fahren Fahrrad, während auf dem Der Fortschritt kündigte sich in Flores
Santa Elena werde ich fast pausenlos Basketballfeld eins der zahlreichen Tur- in Form riesiger Neonleuchtreklamen
aus vorbeifahrenden Autos angemacht. niere stattfindet. In den kurzen Pausen an. Seit neuestem machen sich auf dem
Nahezu allerorts übt mein Hintern eine stürmen Jungen auf den leeren Platz großen freien Platz, der bis dato von
scheinbar magnetische, unwidersteh- und spielen Fußball. An heißen und einheimischen Kindern zum Drachen-
liche Anziehungskraft auf guatemalte- sonnigen Tagen (also praktisch ganzjäh- steigen und von Touristen für Flores-
kische Männerhände aus. rig) fahren die Leute an die Strände des Panoramafotos benutzt wurde, interna-
Das Nachtleben von Flores ist trotz Petén-Itzá-Sees. Zur Grundausstattung tionale Fast-Food-Ketten breit. Auf der
dieser Umstände attraktiv. Schon von gehören Bier, Cola und Rum – nur eine Insel selbst aber soll das koloniale Stadt-
weitem hört man den Beat des Regga- Badehose ist überflüssig, da nahezu je- bild, welches 2006 zum Weltkulturerbe
etons, zu dem der Perreo ("Hundetanz") der in seinen Kleidern badet. Die Rück- erklärt wurde, bewahrt bleiben. So ist
genau so getanzt wird, wie Vierbeiner fahrt im Vollrausch ist kein Problem, das Anbringen von Schildern oder der
Liebe machen. Schnell erlernte ich auch einen Führerschein kann man für 60 Ausbau von Wohnhäusern inzwischen
andere landestypische Tänze wie Sal- Euro kaufen, die jährliche Verlängerung nur noch mit Sondergenehmigung

Marktstand in Santa Elena Osterprozession Die Insel Flores von der Seeseite

sa, Merengue und Bachata, nur an das kostet nur zehn Euro. möglich - auch mein hauseigener Bade-
obligatorische Paartanzen musste ich Zum Alltag in Guatemala gehören leider steg fiel der UNESCO zum Opfer.
mich erst gewöhnen. Guatemaltekische auch Waffen. Selbst der Pepsi-Lieferant
Eltern sind größtenteils konservativ, Sex von Flores wird von einem Sicherheits- Majestätische Mayastätten
vor der Ehe gilt als tabu. Nur interessiert mann mit Riesenknarre bewacht. Trotz- Das "Café Arqueológico Yaxha“, dessen
das die Jugend wenig. Frauen und Män- dem ist die Stadt im Gegensatz zu an- Teilinhaberin ich bin, bietet geführte
ner toben sich – die einen standardmä- deren Orten alles andere als gefährlich, Touren zu Mayastätten im Dschun-
ßig in Miniröcken und Stöckelschuhen, Gangs gibt es hier jedenfalls keine. gel, zur Ausgrabungsstätte "La Blan-
die anderen mit gegelten Haaren, spitz ca" sogar als einzige Reiseagentur. In
zulaufenden Schuhen und löchrigen Sicherheitsmänner mit Riesenknarren wenigen Monaten gelang es uns, dort
Jeans - in und nach der Disco aus. Zur Typischer als Waffengewalt sind für einen nachhaltigen Tourismus aufzu-
Not wird eben eine Ehe geschlossen, Flores schon eher die gelegentlichen bauen, wobei sich die engen Kontakte
wenn Nachwuchs das ungewollte Re- Stromausfälle, auch das Wasser wird zu einem spanischen Archäologenteam
sultat solch durchfeierter Nächte war. gern mal komplett abgedreht. Obwohl als überaus hilfreich erwiesen. Unsere
ich Kerzenlicht sehr romantisch finde, Tourgäste werden im nahe liegenden
Tanzen wie Hunde Liebe machen lernte ich für Deutschland ganz norma- Dorf gleichen Namens ("La Blanca") von
Seinen ganzen Charme entfaltet Flores le Dinge hier erst richtig schätzen. ortsansässigen Familien mit lokalen
an christlichen Festtagen wie der all- Mittagsspezialitäten verpflegt. So ent-
jährlichen "Feria". Die Insel ist dann für wickelt die Dorfbevölkerung allmählich
Autos gesperrt, die Strassen mit wohl- ein Bewusstsein für die Bedeutung der
riechenden Pimentblättern bedeckt. Ausgrabungsstätte und die Notwendig-
Über die hinweg zieht dann eine lange keit ihres Schutzes vor Grabräubern und
Prozession mit weihrauchumnebelten Vandalen. Im Januar 2008 eröffneten
Kirchendienern, singenden Männern, wir die Spanischschule "Dos Mundos",
Frauen und Kindern sowie riesigen, auf- die erste in Flores. Sie bietet allen Stu-
gebahrten Jesus- und Marienfiguren. denten neben Sprachunterricht und
Ursprünglich ein Volksfest zu Ehren des Gastfamilienaufenthalten auch die
städtischen Schutzpatrons, gleicht die Möglichkeit, an sozialen Projekten teil-
Feria heute aber eher einem kleinen Ok- nehmen. Dazu zählt u.a. Freiwilligenar-
toberfest mit klapprigen Riesenrädern, beit in einem Kinderheim und in einem
Glücksspielen, Fressbuden und Bierzel- Altenheim.
ten.
Sonntags versammelt sich ganz Flores Mehr Informationen zu Flores und meiner
im städtischen Park. Die Alten gehen Tempel "Der grosse Jaguar" in Tikal Arbeit erhält man über www.cafeyaxha.
in die Kirche, die Kinder spielen Fangen com bzw. info@cafeyaxha.com.

bîstûsê 23
Weltweit

W
enige Wochen nur ist es her, dass die israelische Armee den Großteil ihrer Truppen aus dem Gazastreifen abzog. Erneut
haben die Folgen des ungelösten Nahost-Konfliktes mehr als 1.300 Menschen unter die Erde gebracht, Zehntausende
obdachlos und Millionen Menschen hoffnungslos gemacht. Doch während das mediale Interesse mit den sinkenden Op-
ferzahlen wieder abnimmt, besteht das Problem weiter. Jeden Tag aufs Neue wachen Menschen mit der Hoffnung auf wirtschaftli-
chen Wohlstand, Rückkehr in ihre Heimat oder ein Leben in Frieden und Sicherheit auf.
Doch obwohl sich amerikanische Neokons und israelische Friedensaktivisten, Kämpfer des palästinensischen Islamischen Jihad
und israelische Siedler in ihrem Ruf nach Frieden einig zu sein scheinen, sind bei keinem anderen Konflikt in der Welt die Fronten so
verhärtet und die ideologischen Gräben so tief. Kein internationales Problem zieht dauerhaft so viel politisches Engagement und
gesellschaftliche Anteilnahme auf sich - und scheint trotzdem so unlösbar.
In den nächsten Ausgaben wollen wir unkommentiert und unbefangen Opfer und Täter zu Wort kommen lassen; sowohl Men-
schen, die vom Konflikt beeinflusst wurden als auch jene, die ihn beeinflusst haben; Menschen, die sich aus unterschiedlichsten
Motivationen für die Region interessieren und Menschen, die jegliche Hoffnung längst verloren haben.

Für diese Ausgabe trafen wir uns mit Ilja Rabinowitsch, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thürin-
gens, und fragten ihn nach seiner Wahrnehmung des Nahost-Konflikts.

„Es sind wirklich nur Kleinigkeiten,


die einem Frieden im Wege stehen”
Das Interview führte Jura. Warum ist ein politischer Austausch zwischen der isra-
elischen Regierung und der Hamas, der ja ursprünglich
Herr Rabinowitsch, welche Verbindung haben Sie und für die gesamten palästinensischen Autonomiegebiete
Ihre Gemeinde zu Israel? gewählten Regierung, derzeit nicht möglich? Vertieft es
Zuerst muss gesagt werden, dass jede jüdische Gemeinde, ob nicht die politischen Gräben, wenn beide Seiten auf ge-
nun in Deutschland oder der Welt, immer eigenständig ist. Das waltsame Lösungen setzen?
gilt demzufolge auch für unsere. Es bestehen keine regulären Ob die Hamas wirklich demokratisch ist, mag ich nicht beur-
Verbindungen zu Israel, zu anderen Gemeinden oder Län- teilen. Zunächst muss man verstehen, dass nicht nur Staaten
dern. Persönliche Verbindungen sind natürlich eine andere wie die USA oder Deutschland die Hamas als terroristische
Sache. Viele meiner Verwandten, Bekannten und Freunde le- Organisation bezeichnnen. Die Hamas propagierte von An-
ben in Israel - das ich auch schon mehrere Male besucht habe. fang an, Israel besäße kein Existenzrecht. Das ist der Grund,
warum es mit ihr keine Gespräche gab und geben kann. Es
Palästinenser in Israel fühlen sich als Bürger zweiter existieren zudem zwei völlig unterschiedliche Positionen.
Klasse. Zu recht? Der Staat Israel sagt: Wir müssen und wollen hier leben
Das kann ich absolut nicht bestätigen. Erstens hat die ara- und diskutieren, unter welchen Bedingungen. Auf der Seite
bische Bevölkerung in Israel eigene Parteien, die ihre In- steht die Hamas mit ihrer Einstellung, man müsse die Isre-
teressen vertritt. Sie sind regulärer Teil des israelischen alis töten, weil sie kein Recht hätten in Palästina zu leben.
Parteiensystems mit 32 verschiedenen Parteien. Sie stel-
len sich zur Wahl wie jede andere Partei auch. Jeder Bür- Sie stehen den jüngsten militärischen Angriffen Israels
ger Israels kann bei der Wahl dann die Partei wählen, auf die Hamas also positiv gegenüber?
die er möchte. Eine arabische Stimme zählt genau so Sie haben es ganz richtig erkannt: Es ist ein Konflikt zwischen
viel wie eine jüdische. Es gibt also keine Unterschiede. Israel und der Hamas, nicht zwischen der palästinensischen
Bevölkerung und Israel. Hätten Sie das nicht so gesagt, hät-
Wenn nicht in der Möglichkeit der politischen Partizipa- te ich die Frage nämlich verneint. Israel verfügt über gute
tion, wo sehen Sie dann sie Ursachen des Palästina-Kon- Beziehungen zu den meisten arabischen Ländern und Bür-
flikts? gern – nicht jedoch zu der Hamas. Persönlich stehe ich zu
Er ist hauptsächlich ein politisches Problem, die Frage ist aber diesem Krieg wie neunzig Prozent der israelischen Bürger,
nicht einfach zu beantworten. Als in der UNO-Entscheidung die diese Militäraktion begrüßen. Die Israelis konnten so
vom 15. Mai 1948 vereinbart wurde, zwei co-existierende nicht einfach weiter leben. Mehr als eine Million Menschen
Staaten zu gründen, einen israelischen und einen palästinen- sind der ständigen Bedrohung von Raketenangriffen ausge-
sischen, wurde das von den umliegenden arabischen Staaten setzt. Es gibt sogar eine Bauverordnung, die vorschreibt, in
leider so interpretiert, dass den israelischen Staat im Endeffekt neu errichteten Häusern einen Schutzraum einzurichten. Es
vernichten müssten. Beireits am 16. Mai 1948 begann dann kann doch nicht sein, dass so viele Menschen seit acht Jah-
der erste israelisch-arabische Krieg. Das heißt, dass Israel in ren fast permanent darin leben müssen, um sich und ihre
seiner Geschichte gerade einmal vierundzwanzig Stunden Familien in Sicherheit zu bringen. Das ist doch kein Leben.
ohne Krieg erlebt hat. Zum Zeitpunkt des Kriegsausbruches Vielmehr als der Krieg selbst wurde die Form, in der er
hatte Israel keine Armee und kaum Waffen - es gab nur den geführt wurde, international kritisiert. Es ist problema-
Willen, das Land zu verteidigen. Seit diesem Krieg hegt ein tisch, Tote gegeneinander aufzuwiegen, aber stehen 17
bestimmter, extremistischer Teil der arabischen Bevölkerung tote Israelis in einem vertretbaren Verhältnis zu mehr als
Gefühle des Hasses für uns. Sie organisieren den Kampf ge- 1500 toten Palästinensern?
gen uns, immer verbunden mit Argument, Israel besitze kein Ich war nie Angehöriger des Militärs, kann also nur die Dinge
Existenzrecht. Das ist meiner Meinung nach der Hintergrund. beurteilen, von denen ich auch etwas verstehe. Aus diesem
Grunde kann ich mit Ihnen nicht über militärische Vorge-
hensweisen diskutieren. Wir leben in Deutschland, einem

24 bîstûçar
Weltweit
zivilisierten Land in Europa, glück- gierungen reagieren? Umgekehrt würde
licherweise in Frieden. Wir können Die alte Synagoge in Erfurt eine Regierung, die nicht in der Lage ist,
ohne Angst gehen, wohin wir wol- ihre Bürger zu schützen, schnell abge-
len. Und jetzt versuchen Sie mal, wählt werden.
sich in die Menschen eines Landes,
in dem Krieg herrscht, in dem es Trotz Militäraktion und anschlie-
Menschen gibt, denen das eigene ßender Feuerpause feuert die Hamas
und das Leben anderer nichts be- nun wieder Raketen aus dem Gaz-
deutet, hinein zu versetzen. Glau- astreifen auf israelisches Gebiet und
ben Sie wirklich, dass man diese mit feiert sich als Sieger. Wer hat denn nun
gutem demokratischen Zureden gewonnen?
davon überzeugen kann, in Frieden Die Hamas bezeichnet sich, im Bunker
mit ihren Mitmenschen zu leben? sitzend, als Sieger - das ist doch ein Witz!
Es ist immer eine schreckliche Tra- Trotzdem stellt sich die Frage nach dem
gödie, wenn Unschuldige zu Tode Vorgehen des israelischen Militärs. War
kommen, mir tun diese Menschen es sich der gestellten Ziele wirklich si-
unglaublich leid. Aber wer trägt cher? Ich halte die Annahme, das Töten
daran die Schuld? Die Hamas, sie einiger ihrer Kämpfer in Gaza könne
wusste, welche hohe Opferzahlen es die Hamas zur Aufgabe bzw. zu einem
geben würde, sie hat Menschen als Friedensschluß bewegen, für etwas un-
lebende Schutzschilde missbraucht. realistisch. Mit Ende des Krieges sind
allerdings auch einige Erfolge zu ver-
Ist das nicht vielmehr dem Um- zeichnen. So haben sich andere Länder
stand geschuldet, dass Israel den eng besiedelten Ga- dazu bereit erklärt, Israel bei der Unterbindung des Waf-
zastreifen mit Stacheldrahtbarrieren und Betonmau- fenschmuggels in den Gazastreifen zu helfen. Dafür gibt
ern inzwischen so hermetisch abgeriegelt hat, dass der es nun ein Problembewusstsein und das ist sehr wichtig.
eingeschlossenen Bevölkerung jede Fluchtmöglichkeit
fehlt? Davon abgesehen, was halten Sie von der Sperran- Angenommen, der Nahost-Konflikt ist gar nicht zu lösen;
lage? mit welchen Mitteln könnte er zumindest entschärft wer-
Ich bin zwar Jude, habe jedoch keine israelische Staatsbür- den?
gerschaft. Als deutscher Staatsbürger verstehe ich trotzdem, Sie verlangen von mir die Lösung eines Problem, an dem
dass es nur eine Möglichkeit gab, den immer zahlreicheren Politiker weltweit bereits seit Jahrzehnten arbeiten. Einen
terroristischen Anschläge auf israe- kleinen, persönlichen Vorschlag kann ich
lische Diskotheken, Busse und Res- dennoch beisteuern: Langfristig müssen
taurants zu begegnen: Israel muss die Voraussetzungen dafür geschaffen
den Zugang zum Gazastreifen mit werden, dass Israelis und Palästinenser
Hilfe einer Sperrmauer kontrollieren. irgendwann in vergleichbaren sozialen
Sie richtet sich nicht gegen die nor- und ökonomischen Verhältnissen leben
malen Bewohner des Gazastreifens. können. Israel ist seit Jahren bereits, in
Diese können weiter in Israel arbei- Palästina eine Infrastruktur aufzubauen,
ten und die Kontrollpunkte jederzeit die es der dortigen Bevölkerung erlau-
passieren. Sie richtet sich gegen die ben würde, die angesprochenen Verhält-
Selbstmordattentäter und seit es sie nisse herzustellen. Dafür müßten seitens
gibt, hat die Zahl der Attentate in Is- der Palästinenser allerdings die terroris-
rael spürbar abgenommen. Die Mau- tischen Aktivitäten eingestellt und das
er war die einzige Möglichkeit, die Existenzrecht Israels anerkannt wer-
Bürger Israels effektiv zu schützen. den. Es sind wirklich nur Kleinigkeiten,
die einem Frieden im Wege stehen.
Wie beurteilen Sie die Berichter-
stattung der deutschen Medien Lassen Sie uns zum Schluß noch kurz
über den Gaza-Krieg? das Thema wechseln. Als der deutsche
Ich bin weit davon entfernt, zu be- Bundestag vor kurzem eine Resoluti-
haupten, dass sie sich generell gegen Die kleine Synagoge in Erfurt on gegen Antisemitismus verabschie-
Israel richtet, falls Sie das meinen. dete, verließen elf Abgeordnete der
Linkspartei demonstrativ den Plenar-
Sind sie trotzdem der Ansicht, dass hier auch anti-israeli- saal. Die Linke argumentierte, dass mit dieser Resolution
sche Meinungen vertreten werden? fortan jede Israelkritik zu Antisemitismus erklärt werden
Das trifft in gewissem Maße zu, obwohl diese Tendenz im könnte...
Vergleich zum Libanonkrieg 2006 deutlich abgenommen Das Problem an pauschaler Israelkritik ist, dass zwar der Staat
hat. Bestimmte Medienvertreter berichten auch nicht deswe- mit Namen genannt, jedoch oft das Judentum an sich ge-
gen israelkritisch, weil sie das Land hassen, sondern eher weil meint ist - und das ist Antisemitismus. Wenn ich eine Regie-
sie, aus einem friedlichen Land kommend und von demokra- rung für bestimmte Entscheidungen oder Handlungen kriti-
tischen Positionen ausgehend, den Alltag in Israel gar nicht siere, dann ist das eine ganz andere Geschichte. Sie werden
begreifen können. Sie müssen erkennen, dass die israelische nirgendwo einen kritischeren Umgang mit der israelischen
Regierung, wie übrigens alle anderen Regierungen auch, die Regierung finden als in Israel selbst.
Pflicht hat, ihr Volk zu schützen. Wenn ständig Raketen auf
Istanbul, Berlin oder Paris abgeschossen werden würden
- wie würden die türkische, deutsche oder französische Re- Vielen Dank für das Gespräch.

bîstûpênc 25
Ein Klischee bitte. Bitte!
WeltWeit

Lost in Tokio

von ThiBo sichtskarte der Tokioer U-Bahn deutlich ner zufälligen Wahl erkannte ich, dass
komplizierter aussieht als ein Stadtplan sich japanische Esskultur nicht nur auf
Deutschland ist bevölkert von Weiß- Jenas, fand ich sie auf Anhieb. Zuerst „Sushi mit Stäbchen essen“ reduzieren
wurst essenden, Lederhosen tragenden mit der Asakusa-Linie bis nach Bakuryo- lässt. Von der Karte, die ich nicht ent-
Bayern mit Maßkrug in der Hand. Die koyama, von da weiter mit der Shinjuku- ziffern konnte, bestellte ich das dritte
größte deutsche Tugend ist Pünktlich- Linie nach Shinjuku, von dort noch zwei Gericht von oben und erlebte einen
keit. Amerikaner führen immer eine Stationen weiter bis zum Hostel. kurzen Glücksmoment, als es an mei-
Waffe mit sich und sind von Haus aus In der U-Bahn erfüllte sich auch das nen Tisch gebracht wurde - denn ne-
ungebildet und fett, weil sie den ganzen nächste Klischee nicht. Statt des er- ben dem Essen lagen Stäbchen. Doch
Tag bei McDonald’s essen. Nun ja, viel- warteten Schiebens, Drängelns und bevor ich nach ihnen greifen konnte,
leicht nicht ganz so extrem, aber fährt Quetschens um jeden Zentimeter Platz kam auch schon die Bedienung zurück
man in ein fremdes, unbekanntes Land, herrschte eine angenehme Leere - ich und tauschte sie mit entschuldigendem
neigt man, wenn auch unbeabsichtigt, konnte sogar einen Sitzplatz ergattern. Lächeln gegen Besteck aus. Wohl nie
doch dazu, in solchen Klischees und Ka- Meine japanischen Mitfahrer machten werde ich in Erfahrung bringen, was ich
tegorien zu denken. So erging es auch keinen hektischen Eindruck, sondern an diesem Abend gegessen hatte. Da es
mir, als ich nach Japan reiste. Schon starrten wie in Trance auf ihre Han- aber unglaublich gut geschmeckt hat,
während des Flugs malte ich mir aus, dydisplays. Andere hatten die Augen glaube ich, keinen Grund zur Klage zu
was mich erwarten würde: überfüllte geschlossen und schliefen. Trotzdem haben.
U-Bahnen, Kimonos, Sake, Samurai- schafften sie es aber immer, kurz vor ih- Zu fortgeschrittener Stunde suchte
Schwerter, Sprachprobleme, Sushi, das rer Ausstiegsstation plötzlich aufzuwa- ich noch eine Bar namens "Tokyo Rock
ich mit Stäbchen essen müsste, Bäume chen und im letzten Moment aus dem Club" auf, die von außen sehr viel ver-
voller Kirschblüten. Abteil zu huschen. Während der ge- sprechend aussah, im Inneren aber nur
Mein erster Abend in Tokyo aber sollte samten Fahrt überlegte ich, ob und wie aus einer Bartheke und acht Barhockern
ganz anders verlaufen. Zunächst muss- ich ohne die Fähigkeit, irgendwelche bestand. Trotzdem wurde der Abend
te die Bahn vom Narita-Fluhafen in die Straßenschilder lesen zu können, mein noch sehr lustig. Ich kam mit einigen
Stadt finden, was mir dank des englisch- Hostel im urbanen Dschungel Tokyos Japanern ins Gespräch, welche mir ihre
sprachigen Flughafenpersonals auch überhaupt finden würde. Vorstellungen von Deutschland mitteil-
recht bald gelang. Nach einer sehr lan- Die Lösung war überraschend einfach ten. Diese drehten sich im Wesentlichen
gen und sehr langweiligen Bahnfahrt und nüchtern: Das Hostel war ausge- um Ludwig van Beethoven, unser vor-
kam ich endlich in Tokyo an und erwar- schildert und zwar auf Englisch. Auch bildliches Schulsystem (über die Wahr-
tete freudig all die schönen Klischees. entsprach es nicht dem, was ich erwar- heit habe sie nicht aufgeklärt) und Karl
Schnell jedoch musste ich feststellen, tet hatte. Im Schlafraum für 20 Personen Marx. Während wir zusammen Shōchū
dass sich zumindest die Kirschblüten standen keine Futons auf dem Boden, tranken (ich vergaß dabei ganz, mich zu
bereits erledigt hatten, da ich den Früh- vielmehr sorgten in Wandnischen ein- ärgern, dass es in der Bar keinen Sake
ling um einen Monat verpasst hatte. Mit gelassene Matratzen für den nächt- gab), gaben mir meine Tischgenossen
dem festen Vorsatz, mich von diesem lichen Schlafkomfort. Da sie dicht an auch noch Sprachunterricht - ich be-
kleinen Rückschlag nicht beeindrucken dicht neben- und übereinander lagen, herrschte danach so manch japanischen
zu lassen, machte ich mich auf den Weg wirkte der Raum wie ein überdimensio- Anmachspruch.
zum Hostel. Der Name der gesuchten naler Bienenstock. Meine japanischen Bekanntschaften gin-
U-Bahn-Station lautete "Akebonobashi" Es war schon spät am Abend, meine gen ohne Ausnahme recht spannenden
und trotz der Tatsache, dass die Über- letzte Mahlzeit hatte aus pappigem Berufen nach. Das stark angetrunkene
Flugzeugfraß Mädchen rechts von mir zum Beispiel
bestanden, der war Designerin. Wir kamen zufällig dar-
wie immer in auf, als ich eine shōchūglashohe Ratten-
viel zu kleinen figur im Punkerlook auf der Bar betrach-
Portionen ser- tete und sie sogleich erzählte, dass diese
viert worden von ihr entworfen worden war. Der äl-
war. Von da- tere Herr auf der anderen Seite der Bar
her stand mein wurde von den Anwesenden als bester
nächstes Ziel Kameramann Japans gepriesen. Meine
fest. Ich musste Frage, was er denn so filme, beantwor-
ein Restaurant tete er mit einem verschmitzten Lä-
finden, das noch cheln und der knappen Aussage: "adult
geöffnet hat- movies". Gegen zwei Uhr nachts verab-
te. Ich kannte schiedete ich mich schließlich, obwohl
mich ja eh nicht mein erster Abend in Japan doch reiz-
aus, also lief ich voller gewesen war, als ich es erwartet
einfach auf gut hatte. Ich wollte am nächsten Morgen
Glück durch die früh aufstehen, um wenigstens noch ein
leeren Straßen. paar Klischees bestätigt zu sehen.
Im Lokal mei-

26 bîstûşeş
Sozial Aktiv:

Zuhause
ISM Palestine
Du wolltest schon immer mal einen Knast digen. Statt mit Klingeldosen, Weihnachts-
von innen sehen und Gefahr laufen, selbst postkarten- und Specksteinkunstverkauf
schwer verwundet oder getötet zu werden? versucht ISM, den Menschen vor Ort mit
Du willst gemeinsam mit Menschen aus vier Ressourcen zur Seite zu stehen:
aller Welt heulend in Tränengaswolken

Kontaktion zusammenbrechen und erfahren, wie es


ist, wenn Gummigeschosse friedlichen De-
monstranten den Boden unter den Beinen
1. Schutz und Unterstützung: Die Anwe-
senheit von Ausländern und Israelis bei ge-
waltlosen palästinensischen Aktionen bie-
wegreißen? Du willst hautnah miterleben, tet den involvierten Palästinensern einen
wie Kinder verprügelt, Bauern misshandelt, gewissen Schutz. Zusammen mit lokalen
ein ganzes Volk seiner Existenz beraubt palästinensischen Initiativen organisiert
wird? Du möchtest elende Verzweiflung ISM Demonstrationen und andere For-
und erdrückendes Unrecht erfahren? Du men des gewaltlosen Widerstandes, reist
willst dazu beitragen, dass all dies eines Ta- Straßensperren ab, begleitet Bauern, um
ges nicht mehr geschieht? Dann mache mit sie vor gewaltsamen Übergriffen radikaler
beim "International Solidarity Movement" Siedler zu schützen und sichert den Schul-
(ISM). weg von Kindern.

von fabik 2. Notfallmaßnahmen: Während in den


letzten Monaten israelische Kampfflug-

Z
weimal pro Woche ereignet sich in zeuge den Gazastreifen bombardierten,
einem kleinen Häuschen in einem befanden sich ISM-Aktivisten am Boden,
Hinterhof in Ramallah dasselbe versorgten Flüchtlinge und begleiteten
Schauspiel. Auf ein paar weißen Plastik- Sanitäter. Bei Ausgangssperren der israeli-
stühlen sitzt eine Gruppe junger Men- schen Armee versorgt ISM die eingeschlos-
schen aus aller Welt zusammen, um zu sen Familien mit Wasser, Nahrung und
hören, wie sie ihre gutmenschliche Mo- Medikamenten, eskortiert Krankenwagen
tivation in Taten umsetzen können. Zwei und versucht, sich dem israelischen Militär
Simona & Sebastian Tage später verlassen bis zwei Drittel al- physisch entgegenzustellen.
ler Aspiranten ISM schon wieder - bevor
sie überhaupt angefangen haben. Zuvor 3. Öffentlichkeit: In Gegenden, zu denen
hörten sie von Menschen, die einst auf die israelische Armee Journalisten den Zu-
denselben Stühlen saßen und wenige gang verwehrt, sind ISM-Aktivisten eins
von Seba Wochen später durch israelische Hecken- der wenigen verbleibenden Verbindungs-
schützen und Militärbulldozer umkamen. glieder zur Außenwelt. Täglich informiert

S
imona Piangatello ist Italienerin, Sie hörten von der physischen Gewalt, ISM mit Artikeln, Bildern und Videobeiträ-
an der Universität von Macerata die bei den wöchentlichen Anti-Mau- gen über Verbrechen der israelischen Ar-
studiert sie Fremdsprachen und er-Demos zu erwarten ist und von den mee und den Alltag der palästinensischen
Literatur. Ihr besonderes Interesse gilt psychischen Problemen, die entstehen, Bevölkerung.
der deutschen Sprache. Zurzeit sch- wenn man angesichts tagelangen Ge-
reibt sie an ihrer Abschlussarbeit über wehrfeuers nicht einschlafen kann und 4. Hoffnung: Die Besatzung isoliert Paläs-
zeitgenössische deutsche Literatur, mit den vielen anderen Spätfolgen, die einen tinenser bewusst und schneidet sie nicht
Schwerpunkt auf Wladimir Kaminer. Großteil ehemaliger ISM-Aktivisten als nur vom Rest der Welt, sondern auch von-
2007 erhielt sie ein dreimonatiges Sti- soziale Wracks oder Alkoholiker enden einander ab. Ausländer, die trotz der un-
pendium, um für ihre Abschlussarbeit lassen. übersichtlichen Lage und den ihnen auf-
in Jena zu recherchieren. So lernten ISM ist eine von Israelis und Palästinen- erlegten Restriktionen ins Land kommen,
wir uns im Mai dieses Jahres beim Ital- sern gegründete Bewegung, die mit senden eine Botschaft an die palästinen-
ienisch-Stammtisch und in der ThULB gewaltlosen Prinzipien und Aktionen sische Gesellschaft: "Wir sehen, wir hören
kennen. Seitdem haben sich nicht nur Widerstand gegen die israelische Besat- und wir sind mit euch!" Die Hoffnung, dass
meine Italienischkenntnisse verbessert, zung Palästinas leistet. So radikal dieser Menschen, die gemeinsam tätig werden,
es entwickelte sich auch eine sehr gute Ansatz auch klingen mag: ISM ist eine der etwas verändern können, ist ein Eckpfeiler
Freundschaft. Nicht nur, weil sie hier effektivsten und angesehensten Wider- der Philosophie von ISM.
bereits 2003 am ERASMUS-Programm standsorganisationen im Nahen Osten
teilnahm, sehr positive Erfahrungen und ein Sammelbecken für Pazifisten,
sammelte und Freundschaften schloss, linke Weltverbesserer, Journalisten und
hängt Simonas Herz an Jena. Ihr größter Menschenrechtsaktivisten aus aller Welt. Informiere dich weiter auf...
Traum ist es daher, nach dem Studium Bereits zwei Mal wurde ISM für den Frie-
mehrere Jahre in Deutschland zu leben densnobelpreis nominiert. "Ungerechtig- www.ism-germany.net (deutsch)
und als Lehrerin zu arbeiten. keit und Leid kann man nicht mit Worten www.palsolidarity.org (englisch)
allein entgegengetreten", lautet einer der flickr.com/photos/ismpalestine
Slogans. Sicherlich gibt es entspanntere de.youtube.com/user/ISMPalestine
Möglichkeiten, sein Bedürfnis nach sozi- twitter.com/ismpalestine
alem Engagement durch Taten zu befrie-

bîstûheft
27
Zuhause

Das letzte Geleit


Weltfußball ade
von Christoph Worsch talgie, fast möchte man sagen: voller Os- oder Lissabon.
talgie. Ein Zufluchtsort für das Bedürfnis Aber das ist Geschichte und die Men-

„W
ir sind ewiger Tabellenfüh- nach mehr Ansehen und Größe, für die schen in der Stadt scheinen es zu wis-
rer der DDR Oberliga“, so Sehnsüchte, die guten alten Zeiten noch sen. Noch einmal wollten sie neulich den
schallt es bei jedem Heim- einmal erleben zu dürfen. Glanz der ganz großen Fußballbühne im
spiel des FC Carl Zeiss Jena durch das Nach Jahren der Schmach und Schande, Paradies erleben. Ein letztes Mal sollte
Stadion - durch Fußballdeutsch-
das ziemlich lee- land staunend
re Stadion. Wenn auf Jena schauen.
nicht gerade Stunden standen
Dresden oder die Fans in der
Erfurt zu Be- Kälte an, um eine
such sind, dann der wenigen Ein-
verirren sich trittskarten für
vielleicht 5000- das Pokalspiel
6000 Menschen gegen Schalke 04
in die Oberaue zu bekommen.
und so wissen Geduldig waren
viele nicht, ob sie und man sah
sie lachen oder das Leuchten in
weinen sollen, ihren Augen, als
wenn der Stadi- sie endlich die
onsprecher die begehrten Billets
drei Gästefans in den Händen
einzeln mit Na- hielten.
men vorstellt. Es war wie das Ab-
Die jungen Fans schiedskonzert ei-
kennen es nicht ner großen Band.
anders, aber wenn man die Älteren in dem Auf und Ab zwischen zweiter und Die Menschen kamen, um sie zu sehen,
der Kurve belauscht, dann schwelgen vierter Liga schien es letztes Jahr fast um ihre Erinnerungen noch einmal auf-
sie noch immer von den glorreichen so, als ob diese Zeiten wiederkehren leben zu lassen - konnten sie aber nicht
Zeiten, die so ewig her sind wie die letz- könnten. Jena schlug sensationell den erhalten. 17.500 von ihnen pilgerten am
te Jenaer Tabellenführung in der DDR- Pokalsieger Nürnberg und selbst beim 27. Januar zum Ernst-Abbe-Sportfeld.
Oberliga. Der FC Carl Zeiss Jena war mal deutschen Meister Stuttgart konnte Vor den Einlasstoren wurde über Hans
wer im europäischen Vereinsfußball: man gewinnen. Es fehlte nur noch die- Meyer, Spiele gegen Real Madrid und
die erste deutsche Mannschaft, die im ser letzte Schritt, dieses eine Spiel und unvergessene Siege diskutiert und trotz
Fußballmutterland England gewinnen die ruhmreiche Europapokalgeschichte all der Fröhlichkeit war Wehmut allge-
konnte, einst Dauergast im Europapo- hätte eine Fortsetzung gefunden. Aber genwärtig.
kal. Ja sogar im Finale des Pokals der Po- wie so oft in den letzten Jahren gelang Jena verlor das Spiel, wie schon so viele
kalsieger stand man 1981 - und verlor. es nicht, dieses eine Spiel für sich zu davor, deutlich. Aber die Menschen
Verloren gegangen sind auch diese entscheiden und so werden in einigen lachten und nur einige weinten und nie-
Zeiten und so erinnern nur noch die Jahren die jetzt Jungen von den Pokal- mand verließ das Stadion voll Wut oder
Wimpel und Zeitungsausschnitte im spielen gegen Nürnberg, Stuttgart und gar Hass. Denn sie alle waren still dabei,
„Bernsteinzimmer“ des Ernst-Abbe- Dortmund schwärmen wie die heute als der große Fußball in ihrer Stadt ein
Sportfeldes an sie. Ein Raum voller Nos- Alten von Siegen gegen Rom, Valencia letztes Mal zu Gast war.

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28 bîstûheyşt
Zuhause
peruanischen Anden) und liest zur Zeit
viel über afrikanische Geschichte, wes-
halb er plant, im nächsten Jahr nach
Afrika zu reisen.
An Jena gefallen Cameron – das dürf-
te die Unileitung und die Stadtver-
antwortlichen freuen – besonders
die kurzen Wege und das öffent-
liche Verkehrsnetz, das besser als
in den meisten englischen Städ-
ten sei. In Jena gäbe es einfach
"alles, was man braucht." Die
Neugier auf das charakteristisch
Deutsche hat ihn trotz aller Vor-
urteile in seiner Heimat dazu
veranlasst, sich hier einen auf
ein halbes Jahr begrenzten Le-
bensmittelpunkt zu suchen.
Enttäuscht wurde Cameron
keineswegs: Die Deutschen
seien sehr freundlich und
stünden ihm bei Proble-
men zur Seite. Auch ins
Umfeld der Erasmus-Studenten hat
sich Cameron schnell eingelebt. Viele
Klischees über Russen, Engländer und
Franzosen haben seitdem keine Bedeu-

Portrait: Surprise from Britain


Über einen nur auf den ersten Blick "typischen" Engländer

von Chrime genen Jahr in die Premier League auf- tung mehr für ihn. Nur ein interkulturel-
stiegen. ler Erfahrungswert bereitet ihm wirklich

"T
o send someone to Covent- Ein Aufsteiger könnte auch aus Came- Probleme: Für das überzeugte Labour
ry", so lautet eine beliebte ron werden. Stolz trägt er bei unserem Party-Mitglied ("nicht New Labour!")
englische Redewendung. Sie Gespräch den braunen Kapuzenswea- ist es unverständlich, warum die vielen
bedeutet in etwa soviel wie "jemanden ter seiner Universität. Trotz des exzel- chinesischen Studenten in Jena so we-
links liegen lassen". Im Fall des hier lenten Rufs der University of Warwick in nig Interesse an Politik haben und die
vorgestellten jungen Mannes verhält Coventry hat er sich wegen des besse- Verantwortung einfach der Regierung
es sich jedoch genau umgekehrt. Er ren Sprachangebots für ein Studium an überlassen.
kommt aus Coventry und darf sich ge- der University of Hull entschieden. Cameron plädiert für Realismus in der
wiss sein, nicht links liegen gelassen zu Die Tatsache, dass er das Interview Politik und ist der Meinung, dass mit
werden. Denn Cameron McNiff, der in ohne größere Probleme auf Deutsch "kleinen Schritten" bzw. der richtigen
der Industriestadt in den West Midlands führen kann, gibt Auskunft über eines „Balance“ einiges verändert werden
geboren wurde und an der University of seiner Studienfächer - das andere ist kann. Problematisch findet er die feh-
Hull im Nordosten Englands studiert, ist Französisch. Zudem lernt er noch Spa- lende Anerkennung, die Politikern trotz
ein sympathischer und facettenreicher nisch, denn Sprachen "sind in der heu- ihres hohen Engagements von großen
junger Brite. tigen Gesellschaft wichtig, um Kriege Teilen der Bevölkerung zuteil wird. Die
Auf den ersten Blick wirkt Cameron wie und Krisen zu lösen", meint Cameron. Bürger würden selbst winzige Privat-
eine weniger bullige Ausgabe von Eng- In Jena konzentriert er sich daher ganz probleme auf Politiker abwälzen, was
lands Fußballstar Wayne Rooney. Mit auf die Verbesserung seiner (eigent- eine produktive Arbeitsweise hemme.
ihm gemein hat Cameron die Faszinati- lich schon hervorragenden) Deutsch- Im letzten Sommer arbeitete er im Büro
on für das Spiel mit dem runden Leder. Kenntnisse und studiert DaF. eines Lokalpolitikers, kennt also auch
Früher war er Dauerkartenbesitzer sei- Dass Cameron noch einiges mehr drauf die andere Seite.
nes Heimatvereins Coventry City. Seine und viele Interessen hat, zeigen seine Selbstironisch beschreibt sich Cameron
Euphorie lässt sich besonders an einem Club-Mitgliedschaften in Hull - er ist im auf Facebook mit folgendem Zitat, frei
kurzen Clip in seinem Profil bei Face- Rugby-, im Theater-, im Deutschen und nach Oscar Wilde: „Cameron McNiff is an
book ablesen: Dort jubelt der 20-jährige im Französischen Club angemeldet. excellent man. He has no enemies and
zusammen mit einigen Freunden im Außerdem betreibt er Leichtathletik none of his friends like him.” Zumindest
Stadion der Universitätsstadt Hullder und schwimmt, geht gern in den Ber- dem ersten Teil stimme ich nach un-
Mannschaft Hull City zu, die im vergan- ge wandern (u.a. war er schon in den serem Gespräch zu.

bîstûneh 29
"Auf eine Thüringer Bratwurst gehört Senf!"
GLOSSE

Co
PRO

n tr
a
von Chrime von Luth

D M
ie Frage, ob denn nun Senf oder Ketchup auf das Thüringer öchte man sich als Thüringer in seinen Essgewohnheiten
Nationalgericht im Naturdarm drauf soll, stellt sich für mich fundamental von seinen Landsleuten unterscheiden, kann
eigentlich gar nicht. Aus meiner Sicht müsste es eher heißen: man sich wahlweise gesund, vegetarisch oder ökologisch
BORN Senf oder Bautz'ner Senf? Vielleicht sogar: Senf oder gar nix? korrekt ernähren. Oder man begeht wie ich das Sakrileg, seine
Hardcore-Thüringer wie mein Opa schwören auf letzteres. Bratwurst mit Ketchup zu essen. Das erfordert weniger Aufwand,
Nein, eigentlich ist diese ganze Diskussion keine Glaubens-, sondern außerdem muss ich so nicht gänzlich auf gebrühtes Schweinebrät
ausschließlich eine Geschmacksfrage. Es tut mir leid, aber wie kann verzichten.
ein Mensch mit halbwegs intakten Geschmacksnerven auch nur auf Während die Einverlaibung eines Tofuburgers in Mitteldeutschland
die Idee kommen, die herrlich duftende, fettig-glänzende, satt-braun höchstens stilles Mitleid, aber keine Aufregung mehr erzeugt, kann
bis schwarze und einfach wunderbare Rostbratwurst mit Ketchup zu ich mir beim genussvollen Verzehr einer rot gebänderten Bratwurst
entweihen? Nicht nur, dass das Ganze schon fast bizarr aussieht, die der angewiderten Blicke Thüringer Traditionalisten noch wirklich
Kombination aus gekutterter Schweinefleischmasse und rotem Pom- sicher sein. Im günstigsten Falle erhalte ich eine (natürlich gut ge-
mesveredler ruft bei mir auch übelste Kindheitserinnerungen wach. meinte) Belehrung nach dem Motto "Auf die Wurscht gehört Senf,
Ich weiß, es mag ein bisschen eklig klingen, aber von einer kom- Ketchup aufs Brätel!". Weniger tolerante Augenzeugen hingegen re-
pletten Bratwurst mit Ketchup (das man als Kind ja ohnehin überall agieren mit besorgtem Kopfschütteln, beleidigen mich als "Hippie"
drauf tut), wurde mir damals mächtig übel - um nicht zu sagen SPEI- oder wenden sich mit anderen Senfschnullermitläufern angeekelt
übel. Genauso verhielt es sich übrigens mit Klöpsen (für Nicht-Thü- ab.
ringer: "Hackfleischbällchen"). Aber ein Gutes hatte das natürlich: Ich Sollen sie doch. Sie haben einfach nicht kapiert, welcher Würzpas-
lernte daraus. So bin ich heute vernünftig genug, dies nicht nur nicht te die Zukunft gehört. Dem thüringischen Senfdiktat mag ich mich
mehr zu tun, sondern auch meine werten (vor allem weiblichen) Mit- solange nicht anschließen, wie dessen Befürworter ihr anachronis-
bürger nicht jedes Mal wieder blöd anzumachen, wenn ich sehe, wie tisches Essverhalten auch weiterhin nur mit historisch verbrämter
sie beim Straßenverkauf der Fleischerei die alles entscheidende Fra- Traditionspflege begründen können. Irgendwann versteigen sie
ge aufs Neue falsch beantworten. sich noch zur Behauptung, bereits der Merowingerkönig Chlodwig I.
Spannend auch allemal, dass sich zahllose Internetnutzer in einschlä- hätte seine Bratwürste mit Mostrich garniert oder Senf sei ein State-
gigen Foren doch tatsächlich darüber wundern, dass man in ganz ment für Beständigkeit und Heimatverbundenheit. Was für ein Un-
Deutschland in Imbissbuden für Ketchup extra zahlen muss, Senf sinn! Nur Ketchup steht für modernen, globalisierten Bratwurstge-
jedoch kostenlos auf seine Wurst bekommt. Tja, die wahren Kenner nuss, Interkulturalität und die Selbstbehauptung des Menschewiki
wissen warum… gegenüber übermächtigen äußeren Zwängen.
Ach ja, und nicht zu vergessen: Senf ist auch richtig gesund, beson- Dass ich Ketchup bevorzuge, sollte trotzdem nicht als renitente Ver-
ders der Scharfe. Die so genannten "Isothiocyanate" töten nämlich weigerungshaltung, als reines Opus operatum missverstanden wer-
Bakterien ab. Und Bioaktivstoffe im Senf, die "Glucosinolate", schüt- den. Senf auf der Wurst schmeckt einfach nicht, nicht einmal, wenn
zen uns vor Umwelttoxiden. Darum werden die gesundheitsschäd- er wie mein Lieblingsketchup aus einer BORN-Flasche auf das Träger-
lichen Röststoffe einer gegrillten oder gebratenen Wurst in ihrer Wir- fleisch gedrückt wird. Ketchup in all seinen zwei Geschmacksdimen-
kung sogar abgemildert, wenn man dazu Senf isst. Wie genau das sionen biedert sich dem oberflächlichen Gaumen so wunderbar an,
funktioniert kann ich natürlich nicht sagen- bin ja kein Biochemiker. Senf dagegen verursacht primär Schmerz. Auch farblich bietet das
Überzeugend klingt es trotzdem. Und es ist ein weiteres gutes Argu- sinnlich-sündige Ketchup-Rot einen ansehnlicheren Kontrast zum
ment für Senf und gegen Ketchup auf deutschen – und besonders Wurst-Braun als das doch irgendwie giftig, neidisch und alarmistisch
Thüringer! – Bratwürsten. daherkommende Senf-Gelb. Von daher: Nieder mit dieser Konventi-
on, es lebe die Ästhetik, die Geschmacks- und die Wahlfreiheit!

30 sî
Der Int.Ro präsentiert den interkulturellen

Glanzlichter
Veranstaltungskalender für Februar 2009
Den aktuellen Kalender findet ihr unter www.introseite.de!

Do, 12.2.09 da (Wagnergasse 25): Gesprächs- So, 22.2.09 Jahrestagung der Gesellschaft für
19.00 Uhr Vortragsraum der kreis ausländischer Frauen 12.00 Uhr Café Wagner: Bücher- Sprachen und Sprache
ThULB: "Bosnien-Herzegowina 18.00 Uhr Volkshochschule und Kleiderbasar 19.30 Uhr Ernst-Abbe-Bücherei:
- ein zukünftiger EU-Beitrittskan- (Grietgasse 17a): "Jungfrau sucht "Reunion und spanische Erbfolge:
didat?“. Vortrag Tomislav Limovs, Stier. Von den babylonischen Pla- Mo, 23.2.09 Vorherrschaft in Europa". Europa
Botschafter Bosnien-Herzegowinas netengöttern zur Astrologie des im Zeitalter der Aufklärung
18.00 Uhr Ratszeise: "Warming
in Deutschland Computerzeitalters"
Up" für die Linguistik-Tage Jena.
19.30 Uhr Ernst-Abbe-Bücherei: 19.00 Uhr CZ 3, SR 124: „Buddha 18. Internationale Jahrestagung Sa, 28.2.09
"Das Zeitalter des Sonnenkönigs". und du“. Vortrag der Buddhisti- der Gesellschaft für Sprachen und 22.00 Uhr Kulturbahnhof: Queer-
Europa im Zeitalter des Konfessi- schen Hochschulgruppe Jena Sprache party
onalismus. Wege im 16. und 17. 20.00 Uhr Kulturbahnhof:
Jahrhundert Lesbenfilmabend des Frauenzent-
Di, 24.2.09
rums Towanda
9.00 Uhr UHG, Aula: Eröffnung
Fr, 13.2.09 21.00 Uhr Kassablanca: „Tatis der Linguistik-Tage Jena. 18.
16.30 Uhr Westbahnhof: Treff zum Schützenfest“ (Frankreich 1949).
Internationale Jahrestagung der
Schlittschuhlaufen in Erfurt mit MonoKino
Gesellschaft für Sprachen und
ERASMUS-Alumni Sprache
20.00 Uhr HS Z1 (Zwätzengasse Mi, 18.2.09 14-16 Uhr Frauenzentrum Towan-
9): Überraschungsfilm. Philoso- 19.30 Uhr Volkshaus, Raum 10: da (Wagnergasse 25): Gesprächs-
phie-Kino & Grillen "Reiki". Vortrag über die uralte, kreis ausländischer Frauen
wahrscheinlich tibetische Heil- 21.00 Uhr Kassablanca: „Dawn of
Sa, 14.2.09 methode, die im 19. Jh. in Japan the Dead“ (USA 1977)
20 Uhr Touri-Info: Fackelführung wiederentdeckt wurde
21.30 Uhr Café:ok (Löbdergraben
„Hört ihr Leut` und lasst Euch 20.00 Uhr Café Wagner: "Stolper- 7): Salsa con Corazón
sagen…“ - Aus- und Einsichten mit stein" (DE 2008). UFC-Kino
dem Jenaer Türmer (Christian Hill) Mi, 25.2.09
20.00 Uhr Café:ok (Löbdergraben Do, 19.2.09 ab etwa 9 Uhr UHG, SR 28, 29,
7): Salsa-Crashkurs 19.30 Uhr Ernst-Abbe-Bücherei: 141, 147: Arbeitskreise der Lingu-
22.00 Uhr Café:ok (Löbdergraben "Europa im Zeitalter der Aufklä- istik-Tage Jena. 18. Internationale
7): Salsa-Party rung. Das Zeitalter des Sonnen- Jahrestagung der Gesellschaft für
königs" Sprachen und Sprache
So, 15.2.09 20.00 Uhr Café Wagner: "Kinky
17.00 Uhr Döbereiner HS (Am Sa, 21.2.09 Boots". Queerformat. UFC
Steiger 3):"Von Kapstadt zum Krü- 10.30 Uhr & 15.30 Uhr Hanfried-
gerpark. Südafrika". Diavortrag Denkmal: kostenlose Stadtführung Do, 26.2.09
zum Weltgästeführertag 2009
ab 8.40 Uhr UHG, SR 28, 29, 141,
zum Thema "Zeit verinnt. Auf den
Di, 17.2.09 147: Arbeitskreise der Linguis-
Spuren der Zeit in Jena"
14-16 Uhr Frauenzentrum Towan- tik-Tage Jena. 18. Internationale

"Black Feet – White Voices"


Gospel für den guten Zweck
Wer sich am Freitag, dem 13. Februar trotz des unheilschwangeren
Datums aus dem Haus traut, der möge seine Schritte zum Lu-
therhaus in der Hügelstr. 6a lenken. Dort kann er nicht nur sich, Dawn of the Dead:
sondern auch hilfsbedürftigen Menschen in Kolumbien etwas
Gutes tun. An 19.30 Uhr gibt der Jenaer Gospelchor "Black Feet
- White Voices" sein Können zum Besten, was Klangerlebnisse von
Gospelsongs über Billy Joel bis hin zu afrikanischen und kolum-
am 24. Februar im Kassa
bianischen Weisen verspricht. Auch an kolumbianischem Kun-
sthandwerk sowie an landestypischen Impressionen in Bild, Ton
und selbst kulinarischer Form wird es nicht fehlen - traditionelle
Speisen und Getränke stehen zur Verkostung bereit. Im Anschluss
an die Veranstaltung sollen die Projekte der Stiftung "Fundacion
Social Cristiana", der sämtliche Einnahmen und Spenden zu Gute
kommen, um damit Pläne zur Sanierung einer Vorschule und zur
Unterstützung Vertriebener zu realisieren, vorgestellt werden.
Der Eintritt ist frei.

sîuyek 31