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Interkulturalität ist mehr ...

UNIQUE Jena

Juni ’09
48
9. Jahrgang | ISSN: 11612-2267 | weiterlesen: www.unique-online.de | selberschreiben: unique-magazin@live.de

++ C4 ++ Israel ++ Prostituierte ++ Gay Capital ++ Russland & die Medien ++ Pornos ++ Heiko ++
se XX XY X? ISMUS
Anzeige

Dy
Selbstanzeige
Inhalt
Liebe Leser und
Seite 5/6 Hermaphroditen – Das dritte Geschlecht

XX XY X?
-Inninnen!
Seite 6 Hip Hop & Frauenfeindlichkeit
Seite 8/9 Interview : „�������������
Ich schreie, ich
���� quieke,
�������� ich
���� flenne
������� …
�� “� Die Verzweiflung steigt in dem
Maße, in der die Zeit ver­rinnt.
Seite 10 Odyssee im Rotlichtviertel Was haben wir nur wieder al-
Seite 11 Richtiges Gendern und seine/ihre Tücken les vereitschustert? Amadeus
rockt in griechischem Gewand
Seite 12 Jena mag Kinder, aber nicht deren Mütter
im mikrokleinsten Garten, die
Lusaner Betten quietschen
Seite 13 Kreatique: bateau ivre
����������� um die Wette, da gerinnt der
Kultur

schleimigste Sexismus in Titeln


Seite 14 Film: Tage oder Stunden und Spalten, und so ziemlich
Musique: Mikrokleinstgarten jede Sauerei wird durch den
redaktionellen Stall gejagt – na
Seite 15 Buch: Maus. Die Geschichte eines Überlebenden
so geht das aber nicht!
Veranstaltungsrückblick: cellu l’art Daher nun – Contenance, mei-
Seite 16 CampusRadio: Wolfgang Amadeus Phoenix
ne Herren und Damen! – noch
ein letzter Versuch: Sexismus
Gewinnspiel : Freikarten für den Schillerhof fängt ja im Kleinen an. Wie wäre
es also damit: Suchen kinder-
lieben, mindestens trisexuellen
Seite 17 NEU Schnappschuss: Kinder von Hasankeyf
Putzmann, der hier mal wieder
Weltweit

Literarisches Rendezvous: Eine Geschichte aus Orhanje ordentlich durchkehrt und alles
Skandalöse und all die stinken-
Seite 18/19 Länderbericht: Israel
den Pestilenzleichen unter den
Seite 20 ACOTO-Kolumne: Bar Mleczny Tisch kehrt. Und wenn er/sie/es
Nachricht aus der Ferne: Anja schreibt aus Benin schon einmal dabei ist: Bitte
das antifaschistische Konfetti
Seite 21 Einblick: Gay Capital Manchester auf dem Campus nicht verges-
Seite 22/23 Nahostserie Teil 3: Krieg in Gaza & Sderot sen, sollte es noch nicht vom
Winde verweht sein.
Interview: Boris Reitschuster zur
Seite 24 �����������
Medienpolitik Russlands Andererseits: Nur 0,001 Prozent
aller Jenaer Bürgerinnen spre-
chen Kalmückisch – ob sie un-
ter Emanzipation dasselbe ver-
NEU
UNIQUE intern: Jura & Lutz Th.
Seite 25 ��������������� stehen wie wir? Nein, stellten
Zuhause

Sozial Aktiv: Ein (T)raum: Jenas Umsonstladen sie uns den Gerstensaft doch
gänzlich diskriminierungsfrei
Seite 26 Nachruf: CU L8ER C4!
vor den Bauch und freuten sich
Seite 27 Kontaktion: Albana & Lutz auch sonst ihrer drallen Weib-
lichkeit. Wozu also der ganze
NEU Aufgeschnappt! Heiko der Stadtführer
Terz? Mann bleibt eben Mann
Seite 28 Einblick: Das emanzipierte Deutschland und Frau bleibt Frau, davor
Seite 29 Portrait: Lidija & Svetlana aus Kalmückien schützt alle Studier(ender)theit
nicht.

Titelbild Montana Otterbein & bergi: TTgW.E48pnILB


Und Sonst?

Viel Spass und


Seite 4 Rückblique: „Sogenannte Antifaschisten“

Seite 5 Die andere Meinung: Sorgerecht für Väter! klare Verhaelt-


Warum hört man eigentlich … nichts vom Kongo? nisse wuenscht
Seite 23 Impressum
die UNIQUE-
Seite 30 Glosse: Pornoportale im Internet

Seite 31 Glanzlichter: Int.Ro & Internationale Tage


Redaktion!
Rückseite Abgehakt! Die neue UNIQUE

Seitenzahlen Albanisch

Tre 3
Und Sonst?

Rückblique
„Ihr habt ein Interview mit einem Extremisten geführt,
und die Art und Weise finde ich erschreckend. Viel scho-
ckierender jedoch finde ich, wer sich daraufhin in Jena al-
les als Extremist geoutet hat.”
Florian Sokoll zur Kontroverse um das Nahost-Interview in UNIQUE 47

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Zum Nahost-Interview in nach UNIQUE 47 Meinung zu bilden. untragba
UNIQUE 47 von Katrin Feltmann Es ist schade, dass der
von Patrick Schneider „Ich fühle mich als studentische StuRa und die Universität ihr verbrennt, verbrennt man auch
„Ihre Redakteure scheinen nicht Leserin sehr angesprochen von Ideal des mündigen Menschen am Ende Menschen.‘
in der La­ge zu sein, ein Interview einem Blatt, das mir zugesteht, aufgegeben haben und statt- Sich mit seinen Taten auf die
hinsichtlich der inhärenten, teils selbst denken zu können. […] dessen alles für uns vorkauen Stufe von Nazis zu stellen,
expliziten Äußerungen des In- Eine Universität dient u.a. dem wollen …“ grenzt für mich an aktuelle wie
terviewten in eine Richtung zu Meinungs- und WissensAUS- geschichtliche Blindheit. Ich
lenken, in welcher israelfeind­ TAUSCH und der -bildung. Das Zur Aktion von Antifa & JG finde auch nicht jeden Artikel in
liche, explizit antisemtitische ist nur möglich, wenn man auch von Tom Joerß eurer Zeitung gut, der betreffen-
und teilweise volksverhetzende verschiedene Meinungen hört „Die Aktion, welche die soge- de Artikel mit Khalid Amayreh
Stereotype erkannt, genannt und dann angemessen (!) da­ nannten Antifaschisten gegen gehört dazu, und doch stehe ich
und somit argumentativ un- rauf reagiert. Es wäre viel span- euer Blatt verübten, ist für mich in dieser Sache voll und ganz
schädlich gemacht werden nender gewesen, eine sachliche jedoch haargenau dasselbe wie hinter euch.“
können. [...] Es grenzt an schiere Diskussion führen zu können, die Bücherverbrennung von
Naivität zu glauben, dieser Arti- als diese Hetzkampagnen, die 1933. In dem Zusammenhang
kel (bzw. das „Interview“) würde jeglichem gesunden Menschen- fiel mir auch der Spruch von
zu einem objektiven Blick auf verstand widersprechen. Ich Heinrich Heine ein: ‚Das war ein
den Nahostkonflikt beitragen. finde es gut, auch mal zu hören, Vorspiel nur: Wo man Bücher

Ein Interview und seine Folgen


23.04. Die UNIQUE 47 erscheint, in ihr ein Stadtmitte rufen unter dem Motto „Ich bevor- 02.05. - 14.05. Unter anderem be-
Interview mit einem Hamas-nahen Journalis- zuge Baseballschläger“ zum Einsammeln der richten TLZ, OTZ, CampusRadio, CampusTV
ten, der die israelische Politik u.a. als rassistisch UNIQUE auf und konfiszieren nach eigenen An- und Akrützel über das Interview sowie die
bezeichnet und dem Staat Israel das Existenz- gaben über 600 von 4.000 Exemplaren. anschließenden Reaktionen.
recht abspricht. Die UNIQUE fördere mit dem 30.04. Redakteure suchen das Gespräch mit 15.05. FSU-Rektor Klaus Dicke streicht
Abdruck die Verbreitung von antiisraelischer der JG, fordern die Einstellung der Aktion und der UNIQUE die finanziellen Mittel.
und antisemitischer Positionen, sagen die Kri- die Herausgabe der geklauten Exemplare. Erst 25.05. Das Auslandsreferat des StuRa
tiker. als am nächsten Tag ein Anwalt im Auftrag der (Int.Ro) sowie einige andere Hochschulgrup-
[Die Position der UNIQUE dazu findet ihr unter UNIQUE der Jungen Gemeinde eine Unterlas- pen (Erasmus Alumni, Melton Foundation,
„Mythen und Fakten zum Interview mit Khalid sungsklage androht, lenkt diese ein. ACOTO) veröffentlichen eine Stellungnahme,
Amayreh“ auf www.unique-online.de] 01.05. Die Antifa veröffentlicht Stellungnah- in der das Vorgehen des StuRa gegenüber
28.04. Der Uni-StuRa, Hauptförderer der men, in der die UNIQUE als antisemitisches Hetz- der UNIQUE verurteilt wird. Der FH-StuRa
UNIQUE, halbiert seine Förderung. Die Redak­ blättchen bezeichnet wird, verteilt Flugblätter (ebenfalls Förderer der UNIQUE) schließt sich
tion wird vom StuRa erst Tage später infor- gegen den Chefredakteur und droht einzelnen der Stellungnahme wenige Tage später an.
miert. Dessen Begründung fällt knapp aus: Die Redaktionsmitgliedern mit Gewalt. 26.05. Nach mehreren Stunden Diskus-
Inhalte der UNIQUE würden nicht der Meinung 05.05. Antifas lassen Hunderte in Stücke ge- sion nimmt der StuRa seine Mittelkürzung
des StuRa entsprechen. rissene UNIQUEs auf dem Abbe-Campus nieder- wieder zurück. Auch der Rektor möchte sei-
29.04. Antifa Jena und Junge Gemeinde regnen. ne Entscheidung noch einmal überdenken.

 Katër
Und Sonst?
von Caro

W
er behauptet eigentlich, dass Frauen besser für Kinder sorgen können? Mitt­
lerweile eigentlich niemand mehr. Dennoch ist es immer noch gängige Pra­
xis, dass bei unverheirateten Elternpaaren und oft auch nach Scheidungen
die Mutter das alleinige Sorgerecht fürs Kind zugesprochen bekommt.
Muss ein Vater etwa besondere, andere, bessere Fähigkeiten nachweisen, wenn

Die andere aus­schließlich er sich um das Kind kümmern möchte? Ideal wäre es natürlich, hät-
ten beide das Sorgerecht. Doch gibt es auch Situationen, in denen das einfach nicht
Meinung … praktikabel ist – man denke nur einmal an Eltern mit getrennten Wohnorten. Da es
nun einmal Umstände gibt, in denen das alleinige Sorgerecht sinnvoller ist, wäre es
auch angebracht, sich zu überlegen, warum Väter nicht im Mindesten weniger dafür
geeignet sein sollen.
Als erstes wäre da finanzielle Sicherheit, die Väter oft einfach besser bieten können. Es

Alleiniges ist nicht begrüßenswert, dass Männer durchschnittlich immer noch mehr verdienen
als Frauen. Solange das aber noch so ist, können sie das Kind besser versorgen, wenn

Sorgerecht
es ums tägliche Wohl geht.
Auch das Argument, Mütter entwickelten durch Schwangerschaft und Stillzeit eine
festere Bindung zum Kind, ist vollkommen unbegründet. Selbst wenn das vielleicht

für Väter!
für die ersten Lebensmonate zuträfe, heißt es doch noch lange nicht, dass Väter nicht
auch ein enges und vertrautes Verhältnis mit ihren Kind aufbauen können – und das
innerhalb kürzester Zeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies nicht eintrifft, vergrößert
man eher, wird die Mutter hauptverantwortlich für das Kind gemacht.
Auch die Versorgung eines Säuglings muss nicht mehr nur in den Händen der Frau
liegen. Der Stand der Medizin und Milchersatz gewährleisten die optimale Ernährung
eines Kindes heute sicher.
Eine Reform des Sorgerechtes ist dringend notwendig, wenn echte Emanzipation er-
reicht und nicht nur von der Diskriminierung des einen Geschlechtes zu der des an-
deren übergegangen werden soll.

von fabik

M
assenvergewaltigungen, Plünderungen, marodierende Milizen: Es sind die
üblichen tragischen Beschreibungen, die aus der kongolesischen Kivu-Re-
gion zu uns dringen. Der Kivu-Krieg ist das neueste Kapitel im seit 13 Jahren
andauernden Konflikt im Kongo, der mit bisher 5,4 Millionen Toten opferreichsten
Auseinandersetzung seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch außer in den Berichten von
Menschenrechtsorganisationen scheint der Konflikt medial kaum stattzufinden.
Der zentralafrikanische Staat wurde nicht nur zum Spielball allerlei angrenzender
Warum hört man Staaten wie z.B. Uganda, Burundi, Angola oder Simbabwe, der Konflikt nicht allein
zum sogenannten Afrikanischen Weltkrieg. „Es geht hauptsächlich um den Zugang
eigentlich … zu, die Kontrolle von und den Handel mit fünf mineralischen Ressourcen“, sagt ein
UN-Bericht. Es ist ein Bündnis von multinationalen Konzernen, korrupten Politikern
sowie Generälen und Waffenhändlern. Im Fokus der amerikanischen, europäischen
und chinesischen Multis steht die Ausplünderung der Coltan-Vorkommen.
Man hört davon nichts, weil wir es sind, die im Kongo töten. Das Land wurde zum

… nichts Selbstbedienungsladen, und den Preis zahlen nicht wir, sondern die Kongolesen.
Die Vereinten Nationen sprechen von Dutzenden Firmen, die von den Plünderun-
gen profitieren und den Konflikt durch ihre Gelder weiter anheizen: 21 Unterneh­

über men stammen aus Belgien, zwölf aus Großbritannien, acht aus den USA – und fünf
aus Deutschland.
Eine davon ist die Nürnberger „Gesellschaft für Elektrometallurgie“, die im Osten

Millionen des Kongo eine Erzmine betreibt, der ein Militärstützpunkt des mittlerweile ver-
hafteten Kriegsverbrechers Laurant Nkunda angeschlossen ist. Und auch das Che-
mieunternehmen Bayer mischt kräftig mit. Die Leverkusener Firma ist der größte

Tote im Abnehmer kongolesischen Coltans und gehört damit zu den Hauptanheizern des
Gemetzels, schreiben die Vereinten Nationen in ihrem Bericht zur „Illegalen Aus-
plünderung der natürlichen Ressourcen des Kongos“.

Kongo? Und was hat das alles mit uns zu tun? Der Kongo ist das weltgrößte Abbaugebiet für
Coltanerz. Ohne diesen wertvollen und extrem seltenen Rohstoff, der sich als Tantal
u.a. in Kondensatoren der Mikroelektronik wiederfindet, wären all unsere Handys,
Computer und Videospiele undenkbar.

Pesë 
„Es ist einfacher ein Loch zu graben,
XX XY X?

als einen Pfahl zu bauen“


Sozial wird mit Geschlechterrollen schon seit geraumer Zeit gespielt, mit mehr
oder weniger Erfolg, was Tolerierung und Akzeptanz angeht. Dabei wird jedoch
leider oft ausgeklammert, dass es auch biologisch nicht nur zwei Geschlechter
gibt. Vermehrt kämpfen Intersexuelle um die Anerkennung ihres Geschlechtes:
Hermaphrodit.

von Caro chen gratuliert wird und stattdessen nahm. Michelle Foucault veröffentlichte
Schweigen herrscht. Immerhin jedes seine Tagebuchaufzeichnungen.

G
esellschaften stützen sich in ih- zwei- bis fünftausendste Kind kommt Die Justiz begründet die Tatsache, dass
rer normativen Ausrichtung gern intersexuell auf die Welt. In der Vergan- es immer noch notwendig ist, standes-
auf Kategorien. An sich ist das genheit wurde einfach ein Geschlecht amtlich in die Kategorie „Frau“ oder
nichts schlechtes, schließlich erleichtert zugewiesen – und es kann bezweifelt „Mann“ eingeteilt zu werden, damit,
dies den Blick auf die Welt, nimmt Kom- werden, ob bei der Entscheidung das dass es staatliche Institutionen gibt, die
plexität. Was passiert jedoch, wenn Kindeswohl immer an erster Stelle ge- sich auf diese Dichotomie berufen. So
sich nicht jeder Mensch einer der fest- standen hat. Mittlerweile ist diese Prak- wird der Wehrdienst angeführt, für den
gelegten Gruppen eindeutig zuordnen tik zum Glück wenigstens umstritten, es allerdings nur heißt, dass alle Männer
lassen kann oder will? kommt bedauerlicherweise aber immer verpflichtet sind, in der Armee ihren
Heteronormativität wird das System noch häufig zum Einsatz. Wehrdienst abzuleisten, von anderen
benannt, nach dem wir Menschen in Geschlechtern kein Wort. Auch die Ehe
Geschlechter einordnen und ihnen Rol- Mädchen machen wird als eine solche Institution oft heran
len und Verhaltensweisen zuschreiben. gezogen. Doch sollte nicht
Das heißt, wir akzeptieren nur die Exis- Was es für Konsequenzen nach das Recht
tenz von lediglich zwei Geschlechtern, sich ziehen kann, wenn einem
männlich und weiblich. Es kommt aber Menschen nach „Machbarkeit“
nicht selten vor, dass es Menschen gibt, oder Wunsch der Eltern ein Ge-
die keinem von beiden eindeutig zuor- schlecht und somit auch ein be-
denbar sind. Selbst nennen sie sich in deutender Teil der Persönlichkeits-
der Regel Hermaphroditen oder Inter- entwicklung zugeschrieben wird,
sexuelle, im Alltagsgebrauch ist Zwitter zeigen viele Beispiele. Seit der
üblich, auch wenn das von vielen Betrof- zweiten Hälfte des 20. Jahrhun-
fenen als abwertend verstanden wird. derts werden vermehrt Mädchen
Intersexualität, medizinisch als DSD (dis- „gemacht“ – und dies damit
order of sex development) bezeichnet, begründet, dass es einfacher
heißt das Phänomen, wenn eine ein- sei, „ein Loch zu graben, als ei-
deutige Geschlechtsbestimmung eines nen Pfahl zu bauen“, so der zy-
Menschen in die beiden Kategorien des nische Ausspruch eines Arztes.
herrschenden Geschlechterverständ- Es bedeutet nicht nur, dass das bei Schnecken
nisses nicht möglich ist. Kind sich schmerzhaften und völlig normal, beim
risikoreichen Behandlungen wie Menschen ein Tabu
Genetisch ein Mann - aber doch eine Dehnung der Vagina durch Me-
tallstäbe und der Einnahme hoch- eines jeden auf
Frau
dosierter Hormonpräparate unter- eine gesetzlich ab-
1916 durch Chromosomenanalyse von ziehen muss, sondern auch, dass es gesicherte Partnerschaft
Richard Goldschmidt „entdeckt“, kön- seiner Fruchtbarkeit beraubt wird, sei- und der Schutz der Familie an erster
nen heute mannigfaltige Ursachen und ner sexuellen Identität und ihm Rollen Stelle stehen?
Erscheinungsformen der Intersexualität zugeschrieben werden, die es vielleicht In anderen Ländern und Kulturen wer-
festgemacht werden: In der Regel stim- gar nicht möchte. Die Konsequenzen den Intersexuelle anerkannt, in Kolum-
men chromosomales Geschlecht und sind fatal: viele Betroffene kommen mit bien  etwa dürfen Kinder sich selbst für
Genitalien nicht überein, aber auch eine ihrem Körper und Geschlecht nicht klar, ein Geschlecht entscheiden, ohne dass
Missbildung oder ein Fehlen der Keim- einige bringen sich sogar um. die Eltern ein Recht haben, bei der Ent-
drüsen, Hormonstörungen oder auch So wie Herculine Barbin, der als Alexina scheidung mitzuwirken. Auch werden
kulturelle Einschätzungen (eines zu im 19. Jahrhundert lebte, sich ihrer „Ab- sie als kulturelle Minderheit anerkannt,
kleinen Penis/zu großer Klitoris) fallen normität“ bewusst wurde und, nachdem die es gilt, vor Diskriminierung zu schüt-
in diese Kategorie. sie sich einem Pfarrrer anvertraute, zum zen. Verschiedene Indianerstämme
Es wird als ein echtes Horrorszenario Mann erklärt wurde, womit Herculine Nordamerikas etwa sehen in Interse-
angesehen, wenn kurz nach der Geburt aber nicht umgehen konnte, wohl auf xuellen, oder Two-Spirits, Menschen,
des Kindes den frisch gebackenen Eltern Grund seiner Sozialisation als Frau, und die zwei Seelen in sich vereinen und
nicht zum gesunden Jungen oder Mäd- sich mit 29 Jahren schließlich das Leben deshalb eine bessere Verbindung zu

 Gjashtë
Lutsch mein’
Schw…

XX XY X?
geschlechtslosen Göttern ha-
ben. Auch in Indien, Oman und
Thailand sind Hermaphroditen
kulturell akzeptiert. Ebenso
gibt es buddhistische und hin-
duistische Gottheiten, die zwei
Geschlechter haben. Dies soll
die Überwindung von Dualität Frauen
bedeuten.
passen gut zu
Das Geschlecht selbst wählen? Rapmusik. Zumindest wenn sie üppig
Früher einmal und willig sind. Sexismus hat Kon-
Auch in Mitteleuropa war es ein-
mal üblich, dass die Menschen
junktur im Hip Hop, denn er verkauft
ein gewisses Recht auf Selbst- Millionen. Let’s get it on, bitches!
bestimmung ihrer sexuellen
Identität hatten. Im preußischen
Allgemeinen Landrecht stand von rokko rehbein danken eines Curse über „Wahre Liebe“ zu
erfolgreichen Songs in der jungen Rapublik.

C
geschrieben, dass Hermaphro-
diten ab dem 18. Lebensjahr frei hris Rock kann Sachverhalte einfach Vor allem durch den kommerziellen Erfolg
über ihr Geschlecht entschei- auf den Punkt bringen: „I love rap des Labels „Aggro Berlin“ hat sich eine neue
den durften, wenn nicht die music, but these days it’s hard to de- Art von Texten durchgesetzt, die kom-
Rechte dritter davon berührt fend that shit“, krächzt der US-amerikanische promisslos und martialisch vom Leben in
wurden. Comedian seinem Publikum entgegen, „all Wohnblockwüsten bzw. den dortigen Ge-
Heute ist es wieder an- these lyrics are disgusting and degrading to pflogenheiten erzählen – und in denen für
ders, Kinder werden von women – it’s hard man!“ Romantik kaum Platz ist. So dichtete der
Eltern und Ärzten irreparabel Sex sells. Das weiß doch jeder. Und am bes- selbsternannte „Rosettenfetischist“ Sido
und unsinnig verstümmelt und ten verkauft er sich seit Jahren im Hip Hop dezent den „Arschficksong“, in dem eben
müssen oft ihr Leben lang dar- – der Goldgrube der amerikanischen Pop- auch mal der Po der Gespielin blutet, und
unter leiden. Aus diesem Grund musikindustrie. In aufwendig produzierten ein King Orgasmus fasst die gemeinsame
haben sich viele Selbsthilfe- Videos mit überraschend einfallsreichen Abendgestaltung mit Mätresse knapp mit
gruppen und Vereine gegrün- Plots zünfteln sich meist mit Goldketten be- „Fick mich und halt dein Maul!“ zusammen.
det. Einer sind die „XY-Frauen“. tonierte Rapper durch eine Welt von Felgen, „Nutte“, „Bitch“ und ähnliche Kosenamen
Dies sind Menschen, die einen Autos und prallen Frauenkörpern. Diese üp- werden hier ganz allgemein als Metapher
XY-Chromosomensatz haben, pigen Schönheiten haben nicht nur Garde- für Schwäche, Unterwürfigkeit und angeb-
jedoch aber verkümmerte oder maße, sondern auch eine Attitüde, die jeden lich fehlende Klasse verwendet.
nicht ausgebildete männliche Single zum Geldverdienen einlädt – oder wie
Keimzellen, und bei denen sich Lil Wayne es trefflich beschreibt: „She all on Schlampen mit Selbstbewusstsein
weibliche, aber nicht fruchtbare my dick, ’cauz I make a lot of money.“ Ein Zustand, den die deutsch-türkische
Geschlechtsorgane gebildet ha- Rapperin Lady Bitch Ray ändern möchte.
ben. Sie setzen sich dafür ein, Softpornos mit Pampel-Musen Seit geraumer Zeit pöbelt sie sich sexuell
dass Intersexualität als „drittes Man hat zuweilen das Gefühl, einen Softpor- aggressiv, selbstbewusst und affektiert pro-
Geschlecht“ anerkannt wird, no zu sehen, in dem ein fuchtelnder Rapmu- vokant durch die bundesdeutsche Medien-
dasss den Betroffenen Eigenver- siker aus Versehen das falsche Filmset aufge- und Musiklandschaft. Für sie ist das Wort
antwortung für ihre körperlich- sucht hat. Denn Frauen dienen den Poeten „Bitch“ positiv besetzt. „Das ist eine Frau,
geschlechtliche Identität gege- in diesen Videos und ihren Texten häufig die sich nimmt, was sie braucht“, meint sie.
ben wird, dass Intersexualität nur als Pampel-Musen, als Bild passiver, gei- Und diesen Bedeutungswandel drückt sie
entstigmatisiert wird und nicht ler Früchtchen, die auf Geheiß des Rappers vorzugsweise in Form pornographischer
mehr als Krankheit betrachtet ihre Schale ablegen und von seiner überbor- Texte aus. Lady Bitch Rays sexuelle Freizü-
wird und dass das Menschen- denden Männlichkeit willig vernascht wer- gigkeit stellt vor allem einen Angriff auf das
recht auf Selbstbestimmung den. Die Befriedigung ihrer Triebe dient dem oft konservative Rollenverständnis der tür-
und körperliche Unversehrtheit lyrischen Ich dabei nur als Manifestation sei- kischstämmigen Gemeinschaft dar. Einen
eingehalten wird. ner sexuellen Macht und seines sozialen Sta- Plattenvertrag hat sie allerdings noch nicht,
Vielleicht sollte unser bestehen- tus in einer von Männlichkeit geprägten Welt scheinbar gibt es keinen Markt für diese Art
des System der Kategorisierung – frei nach dem Motto: Sexismus sells. von Hip-Hop-Emanzipation.
von Menschen nach Geschlech- In Deutschland konnten offen sexistische Und vielleicht ist der Grund dafür so ein-
tern ganz aufgegeben werden, Raptexte erst in den letzten fünf Jahren öf- fach, wie Chris Rock ihn formuliert: „If you
denn ist es wirklich noch wich- fentlichkeitswirksam etabliert werden. Noch tell a woman that the song is digusting and
tig, ob unser Gegenüber ein Ende der 1990er-Jahre avancierten das ver- degrading to women, they all give you the
Mann, eine Frau oder ein Inter- liebte Buchstabieren des Namens „A-N-N-A“ same answer: He ain’t talking about me!“
sexueller ist? (Freundeskreis) und die romantischen Ge-

Shtatë 
„Ich muss schreien, ich muss quieken,
XX XY X?

„Ich muss schreien, ich


ichmuss
mussquieken,
flennen“
ich muss flennen“

A ls „Ramona Extreme“ uns zum Interview einlud, dachten wir an Geschichten über gewaltätige
Freier, Frauen unterdrückende Zuhälter und das Leben einer vom Schicksal gebeutelten Pros-
tituierten in einer sie verachtenden Gesellschaft. Doch stattdessen fanden wir in einer bürgerlich
eingerichten Zwei-Zimmer-Wohnung in Gera eine selbstbewusste 46-jährige Frau vor, die sich we-
der als Opfer noch als Täter sieht. Wir trafen Ramona, deren Erfahrungen und Ansichten trotz ihrer
20-jährigen Berufserfahrung nicht weniger widersprüchlich sind, als es unsere Vorurteile über sie
waren. Eine Frau, die tschechische Mädchen aus der Zwangsprostitution rettete und deren größtes
Tabu Sex mit Ausländern ist; die ihre Arbeit auch als Kampf gegen Pädophilie versteht und sich dafür
– das Vergewaltigungsopfer spielend – in Kinderkleider zwängt. Eine Frau, die kaum eine sexuelle
Spielart nicht praktiziert hat und sich bei manchen jungen Freiern dennoch ihres Körpers schämt.

Erzähl uns bitte von Deiner Arbeit. Was machst Du, wie sieht gedreht. Irgendwelche Schulkameraden haben mich dann auf
ein normaler Arbeitstag aus? Ich biete den normalen Bereich dem Cover gesehen – da ging ein riesiges Theater los! Meine
an, d.h. zärtlichen Sex,­ und auch härteren Sex. Kliniksex und so Kinder waren damals acht und neun Jahre alt, sie verstanden
ein Zeug. das noch nicht. Ich habe meine Kinder allein großgezogen und
Welches Zeug? Beim Kliniksex kleide ich mich wie eine OP- irgendwo musste das Geld ja herkommen. Heute stehen sie
Schwes­ter. Ich habe ein weißes Studio mit Frauenarztstuhl und hinter mir, akzeptieren meinen Job und sagen:  „Ja Mutti, Du
es werden Untersuchungen gemacht: Katheter legen oder Anal­ verlangst von niemandem Geld, bettelst nicht …“
dehnung – wie beim Doktor. Das geht so weit, bis die Männer Hast Du Spaß an Deiner Arbeit? Es ist nicht nur das Geld, muss
richtigen Schmerz empfinden, wenn ich ihnen z.B. die Vorhaut ich ehrlich sagen. Also ich habe Spaß daran. Ich habe selbst
zunähe. Manchmal muss ich ein kleines Kind spielen. Deshalb keinen Freund, und irgendwoher muss ich mir meinen Sex ja
finde ich den Job gut, denn sonst würden sie sich vielleicht an holen. So kriege ich ihn auch noch bezahlt.
kleinen Kindern auslassen. Hast Du allgemein das Gefühl, dass Dich Deine Kunden res-
Du meinst, Du verhinderst mit Deiner Arbeit tatsächlich pektieren? Ja. Ich kriege Blumen geschenkt, Kaffee, Geschenk­
Kindesmissbrauch? Ja, das ist so. Ich nehme die Rolle des pakete, Lippenstift. Die rufen mich an und fragen, was ich will.
Babys an, oder der Gast ist das Baby und ich lege ihm Windeln Also es gibt wirklich liebe Leute. Aber so sind nicht alle.
an. Dann gibt es Vergewaltigungsspiele: Ich muss einen Mini- Aber die meisten Männer kommen doch nur, weil sie ein
rock anziehen und lasse mich fesseln. Der Gast schlitzt mir dann „Loch mit zwei Brüsten“ brauchen? Das ist eher bei Leuten
mit einem Messer die Klei­dung auf. Ich muss schreien, ich muss der Fall, die nichts zu sagen haben: Möchtegernchefs, Versi-
quieken, ich muss flennen. cherungsvertreter … Die kommen herein und behandeln mich
Vielleicht förderst Du aber auch krankhafte Perversionen, wie Ware.
indem Du Männern die Möglichkeit bietest, selbige aus Wie gehst Du damit um? Dann bin ich eine Maschine und treibe
ihrer Vorstellungswelt in die Realität zu holen … Bei man- ihn auch an und sage:  „Du Arschloch, komm, fick’ mich jetzt, Du
chen läuft einfach innerlich so ein Film ab. Und dann ist es doch Sau!“ Dann verstehe ich auch keinen Spaß mehr. Aber meine
gut, wenn sie zu uns kommen. Wenn so ein Mann bei mir ist, Stammleute, die wissen, wie ich bin, die machen das nicht.
für den ich ein kleines Kind spielen muss, sehe ich ihn an und Wie fühlst Du Dich, wenn man Dich als Schlampe bezeich-
denke innerlich: Ich würde Dich am liebsten erschlagen! net? Das sind die Arschlöcher, die zu Hause bei der Ehefrau
Verspürst Du in solchen Momenten auch Hass? Ja, auf die, genauso sind. Die meisten haben Respekt, das ist gegenseitiger
die mit kleinen Kindern etwas zu tun haben, schon. Ich meine, Respekt. Es gibt auch Gäste, die verliebt in Dich sind, die wirst
ich mache jeden Mist mit. Wenn er auf Qualen steht, dann ist es Du gar nicht mehr los …
sein Körper, dann muss er da durch. Aber wenn einer sagt:  „Ich Denkst Du, dass Du selbst oder Deine Kunden Opfer sexis-
stehe auf kleine Kinder!“, dann möchte ich … tischer Einstellungen sind? Das würde ich nicht sagen. Nee,
Wie hast Du angefangen, Dich zu prostituieren? Über eine würde ich nicht sagen.
Freundin bin ich dazu gekommen, d.h. auf den Straßenstrich. Als Prostituierte und Pornodarstellerin vermittelst Du ja
Die erzählte mir: „Mensch, Du kannst hier richtig viel Geld ver- ein ganz bestimmtes Frauenbild: immer willig, macht alles
dienen, gucke es Dir doch mal an!“ Dort hat es mir aber nicht mit usw. … Die Gäste halten die Ehefrau und die Prostituierte
gefallen, ich bin auch an einen falschen Typen geraten. Und so schon auseinander. Bei mir holen sie sich ja, was sie daheim
bin ich im Nachtclub gelandet. nicht kriegen. Eine Frau merkt ja, wenn der Mann fremdgeht.
Wie hat Deine Familie darauf reagiert? Meinen Kindern Deshalb muss der Mann da auch vorsichtig sein und das aus-
habe ich es zunächst verheimlicht. Ich habe auch Pornofilme einander halten.

 Tetë
Nehmen wir mal an, ein Vierzehnjähriger schaut sich Deine Wünschst Du Dir diese vollständige Anerkennung?

XX XY X?
Videos an ... Ich muss ehrlich sagen: Das ist nicht mein Problem! Ja. Ja! Es ist eine Arbeit wie jede andere …
Bei mir sieht er sie nicht, bei mir käme er nicht herein. Wenn er Aber es bleibt doch trotzdem ein Unterschied zwischen
das auf der Straße sieht, sind die Eltern dran Schuld, da mache partnerschaftlicher Liebe und dem Akt, mit irgendjeman-
ich mir keinen Stress. dem, den man nicht kennt, gegen Bezahlung zu schlafen?
Glaubst Du, solche Videos verändern etwas im Denken des Wenn man etwas haben will, dann geht Vielen doch auch im
Jungen? Ja. Ich denke, gerade auf Unerfahrene übt das einen Kopf herum: Ich will etwas haben! Und deshalb schlafen sie in
gewissen Reiz aus. Es gibt zurzeit viele junge Leute, die auf sol- diesem Moment mit jemandem – und nicht aus Liebe! Wenn
che Kaviarspiele [sexuelle Spiele mit Kot – Anm. d. Red.] stehen, man aus Liebe ins Bett geht, dann ergibt sich sicherlich etwas
vor denen ich mich manchmal selbst ekele. Und so unterhalte Beständigeres. Aber wenn man nur etwas „haben“ will, dann
ich mich mit ihnen, frage, wieso sie diese Neigungen haben, schläft man schlicht mit jemandem, selbst wenn man keinen
wie sie dazu kommen. Viele wollen Dinge ausprobieren, die gar Bock hat. So ist es! Ich muss leben.
nicht ihren Neigungen entsprechen. Hast Du Deine Berufswahl jemals bereut? Ehrlich gesagt: Ich
Kannst Du trotz all Deiner Erfahrungen noch schüchtern hätte gern eher angefangen. Ich
oder prüde sein, kannst Du Dich schämen, kann Dir Dein bereue keine Stunde.
Körper noch peinlich sein? Ja, gerade wenn junge Leute kom-
men, habe ich Probleme mit meiner kräftigen Figur. Aber auf
der Straße ist mit nichts peinlich. Ich rede mit Ämtern, mit dem Das Gespräch mit
Arbeitsamt. Ich bin eine Prostituierte – und dazu stehe ich. Ich Ramona führten
rede offen, alle kennen mich: die Polizei, die Taxifahrer … Sie Caro und
lachen und grüßen mich. Ich bin hier bekannt, und nicht nur fabik.
hier!
Welches Bild hast Du von Deinen Kunden? Blickst Du auf sie Die 15-
herab oder hast Du manchmal auch Mitleid? Manchmal tun seitige O-
sie mir leid. Es kommen ältere Kunden, deren Frauen krank sind, Ton-Fassung
die nicht mehr „können“. Manchmal denke ich mir dann: „Der findet ihr
arme Opi, dem nimmst Du die Rente weg!“ Doch dann denke demnächst
ich mir: Wenn ich es nicht mache, macht es halt jemand ande- auf
res. www.
Hat sich durch den Beruf auch Dein Männerbild verändert? unique-
Privat auf jeden Fall! Ich bin sehr misstrauisch, wenn mich je- online.de
mand näher kennenlernen möchte. Viele Männer, die zu mir
kommen, sind glücklich verheiratet, suchen aber trotzdem
nach Abwechslung. Es würde mir schwer fallen, Vertrauen zu
ihnen aufzubauen. Er müsste mir wirklich beweisen, dass er
hinter mir steht.
Warum schauen die meisten Menschen abschätzig auf Pros-
tituierte herab? Sie verachten und hassen uns einfach. Die
Frauen, weil ihre Männer zu uns gehen. Da steckt der schlechte
Ruf noch drin. Früher waren Prostituierte doch das Schlimmste,
was es gab: Schlampen, die alles drauf lassen. Es gibt Frauen
… in den Betrieben, in den Krankenhäusern … gerade Kran-
kenschwestern! Die vögeln sich doch quer durch die Betten!
So ist das wirklich. Nur weil wir Geld verlangen, sind wir die
Schlimmen. Dabei stehen wir mehr unter ärztlicher Kontrolle
als manch andere.
Die öffentliche Wahrnehmung von Prostitution ist ge-
prägt von Begriffen wie Menschenhandel, Drogenhandel,
Zwangs­prostitution … Das war früher, aber jetzt nicht mehr.
Bei euch in Jena wird das noch so sein.
Warum finden es Menschen trotzdem unmoralisch, für Sex
Geld zu verlangen? Im Prinzip ist jede Frau eine Prostituierte,
und jeder Mann genauso. Die eine geht zur Disco und lässt sich
ein Getränk ausgeben – und schläft anschließend mit dem. Die
vögelt für ein Glas Cola oder Sekt. Die sind billiger als wir. Selbst
die Ehefrau ist eine Prostituierte, die will sich was Schönes zum
Anziehen oder einen teuren Lippenstift kaufen. Und was macht
sie? Sie schmeichelt ihrem Mann, macht schön Sex, lecker-lecki
– und am nächsten Morgen kriegt sie ihr Geld!
Hast Du den Eindruck, dass sich die öffentliche Wahrnehm-
ung in Bezug auf Prostitution geändert hat? Wirst Du heute
eher respektiert als früher? Den Respekt muss man sich selbst
verschaffen. Bei den Behörden werden wir aber schon respek­
tiert, denke ich. Trotzdem werden uns immer noch viele Steine
in den Weg gelegt. Die können jetzt auch nicht mehr anders,
weil es eben offiziell anerkannt wurde. Aber wäre es tatsächlich
anerkannt, stünde auf meinem Gewerbeschein offiziell „Prosti-
tuierte“ statt „Begleitservice“.

Nëntë 
Odyssee im Totlichtviertel
XX XY X?

(Lohntnichtviertel?)
Wie schwer es sein kann, einen Gesprächspartner bzw.
eine Gesprächspartnerin aus dem horizontalen Gewer-
be zu finden, verdeutlicht unser Protokoll einer frei­
tagnachmittäglichen Suche in Gera.

von Chrime & Caro dern im Viertel. Wir müssen feststellen, anbieten. Besseres Aussehen bringe
dass das „Rotlichtviertel“ seinem Ruf hier­bei natürlich auch das bessere Geld.
Station 0: Im Zug nur bedingt gerecht wird, stoßen aber Außerdem hat sie einen weiteren Tipp
Wir sitzen im Regionalexpress von Jena- schließlich auf einen Erotikshop. Die für uns parat: eine befreundete Domina,
West nach Gera-Süd und unterhalten düster gestylte Endvierzigerin an der die in Jena und Weimar arbeitet. Aller­
uns über das geplante Interview. Tele- Kasse empfängt uns leicht überrascht, dings habe diese „wirklich immer richtig
fonisch haben wir im Vorfeld mit Hei- aber durchaus offen und interessiert. viel zu tun“.  Während des Telefonats
di* einen Termin ausgemacht. Für sie Wir erklären ihr unser Anliegen. Ja, hin mit ihr stellt sich dies dann leider auch
scheint es kein großes Problem zu sein, und wieder kaufe jemand Kondome. als entscheidendes Gesprächshindernis
über ihren Beruf zu sprechen: „Macht Redselig wird sie jedoch erst, als wir heraus. Noch aber wollen wir nicht ganz
doch jede Hausfrau, dass sie mal ’nen ihr vom geplatzten Termin bei Heidi aufgeben. Wir nehmen uns zwei weitere
Alten drüberrutschen lässt, wenn sie ’ne erzählen. Dass diese wegen Überfül- Visitenkarten und bedanken uns für die
neue Strumpfhose will!“ Einiges an Re- lung keine Zeit für uns habe, hält sie bereitwillige Hilfe.
cherche im Internet und in der Zeitung für äußerst unwahrscheinlich: „Das
war nötig. Einige Prostituierte sagen Arbeitslosengeld ist doch noch gar Station 6: Falsch verbunden
aus Zeitmangel, die meisten aber aus nicht überwiesen worden.“ Scheint die Wir begeben uns zur Adresse des ersten
Desinteresse ab. Der Zug ist pünktlich. Hauptfinanzquelle der Kunden zu sein. Studios, öffnen ein massives Holztor
Kurz nach fünf kommen wir im trüben Freundlich gibt sie uns dann einen Tipp und stehen in einem kleinen Innenhof.
Gera an. und überreicht uns eine äußerst billig Da wir keine Klingel finden können,
produzierte Visitenkarte: ein anderes rufen wir zunächst die Handynummer
Station 1: Der Termin Studio mit „aufgeschlossenem Chef“. auf der Karte an. Niemand nimmt ab.
Nach kurzer Suche finden wir das Auf dem Festnetz haben wir scheinbar
Wohnhaus, in dem unsere Interview- Station 4: Aufgeschlossen? Aufge- mehr Erfolg, am anderen Ende meldet
partnerin ihren Job erledigt. Unschein- schmissen! sich die nette Stimme einer jungen
bar liegt es in Sichtweite eines Kinder- Am Hauseingang unseres nächsten Frau. Diese klärt uns allerdings auf,
spielplatzes und eines Kinos. Eine Ziels treffen wir eine Dame, die uns dass wir keineswegs mit dem Erotikstu-
leicht bekleidete, stark geschminkte fragt, wohin wir möchten. Unschwer zu dio sprächen, sondern der Anruf zu ihr
junge Frau in High Heels öffnet die Tür erkennen, dass sie zum Studiopersonal umgeleitet würde. „Das passiert häu-
und bittet uns in den Flur. Wir werden gehört. Als wir ihr vom geplanten Inter- figer“, fügt sie hinzu.
schon erwartet, allerdings gibt sie uns view berichten, zeigt sich Anita – wie
zu verstehen, dass es heute nicht klap- sie sich nennt – freundlich und aufge- Station 7: Sprechen Sie Deutsch?
pen werde. Ohnehin sei das Haus „am schlossen, und bringt uns zum Chef. In Eine allerletzte Karte haben wir noch. Da
Ende des Monats immer voll“. Auf un- der Wohnung angekommen, bittet uns das beworbene Massagestudio einige
sere Nachfrage, ob jemand anderes Zeit ein etwa 50-jähriger Mann mit Schnurr­ Kilometer entfernt ist, rufen wir gleich
habe, werden die neugierigen Mäd- bart und schütterem Haar herein. Wir an. Tatsächlich sprechen wir mit einer
chen, die dem Gespräch im Hintergrund nehmen Platz auf einer braunen Couch. Dame, die dort arbeitet. Leider zeigt sich
lauschen, in die Wohnung zurückbeor- Recht gemütlich hier. Als wir ihn auf das aber nach wenigen Sätzen, dass auch
dert. Es gäbe nur eine Kollegin, sie sei Interview ansprechen, erhalten wir ein dieser Versuch zum Scheitern verurteilt
erst seit zwei Monaten dabei und spre- freundliches, aber äußerst bestimmtes ist. Die Frau hat große Probleme mit der
che so gut wie kein Deutsch. Immerhin Nein, denn: „Bier sei Bier und Schnaps deutschen Sprache und ist nicht in der
bekommen wir den Hinweis, es doch in eben Schnaps!“ Als sich Anita interes­ Lage, unsere Anfrage zu verstehen.
einem Studio nebenan zu versuchen. siert zeigt, wird sie vom Chef mit Nach-
druck ins angrenzende Zimmer beor- Station 8: Heimweg
Station 2: Das Nachbarstudio dert. Bevor wir gehen, bittet uns der Ein wenig frustriert begeben wir uns auf
Nur wenige Meter entfernt in einem Mann noch, die Visitenkarte aus dem den Heimweg. Carola zeigt mir noch die
anderen Wohnhaus befindet sich tat­ Erotikladen dazulassen. City ihrer Heimatstadt Gera, wir essen
sächlich das besagte Nachbarstudio. vegetarische Frühlingsröllchen beim Asia
Leider bringt auch mehrmaliges Klin- Station 5: Zurück im Erotikshop Imbiss bzw. zwei Burger einer großen
geln nichts. Die Tür bleibt verschlossen. Die Angestellte erscheint wenig über­ Fast-Food-Kette und gehen zum Bahn-
rascht, als wir zum zweiten Mal ihren hof. Der Zug hat diesmal sieben Minuten
Station 3: Der Erotikshop Laden betreten. Sie plaudert jetzt in- Verspätung, es ist immer noch trüb.
Etwas enttäuscht von den ersten beiden tensiv aus dem Nähkästchen, erzählt
Rückschlägen begeben wir uns auf die uns, einige Frauen würden ihren Körper * Sämtliche Namen wurden von der Re-
Suche nach auffälligen Klingelschil- auch privat für Haus- und Hotelbesuche daktion geändert.

10 Dhjetë
Liebe Studentinnen,

XX XY X?
Studenten und Studierende!
Seit einigen Jahren gehört das Gendern, die sprachliche Kennzeich-
nung beider Geschlechter in einem oder mehreren Wörtern, zu den
Pflichtmaßnahmen der „Political Correctness“ in den (westlichen)
Gesellschaften und ganz besonders in Deutschland. Bei genauer
Betrachtung zeigt sich aber immer wieder, dass richtiges Gendern
nicht so leicht ist, wie es zunächst den Anschein hat. Es hat so seine
Tücken …
von Chrime „Mitgliederinnen“ begrüßt werden. Ein weiteres
interessantes Beispiel ist die „Teenagerin“, die es

A
ls ich neulich in einem Internetforum auf eigentlich gar nicht geben dürfte, da per definitio­
den Vorschlag irgendeiner Organisation nem schon der Teenager „Jungen oder Mädchen
zu irgendeiner Demo stieß, musste ich mir im Alter von 13 bis 19 Jahren“ bezeichnet. Und
einen Moment lang die Augen reiben. Da stand richtig skurril wird es bei Wortungetümen wie
tatsächlich, dass das auf dem Ankündigungsflyer „BürgerInnensteig“. Die nicht ganz ernst gemein-
dieser Demo verwendete Wort „Bürgerrechts- te Wissensdatenbank Kamelopedia definiert den
bewegung“ doch bitte durch den Passus „Bür- Begriff so: „Der Bürgerinnensteig (eigentlich: die
gerInnenrechtsbewegung“ oder „Bürgerinnen- Bürgerinnensteigin) befindet sich direkt neben
und Bürgerrechtsbewegung“ zu ersetzen sei. In der Bordinnensteininnenkantin. Er dient dazu,
Klammern war noch vermerkt, dass „Letzteres dass sich Bürgerinnen politisch korrekt bewe-
eher suboptimal“,  jedoch keinesfalls eine „Lach- ginnen könninnen. Auf der anderen Straßenseite
nummer“ sei. Na ja, ich denke, darüber kann ist der Bürgersteig. Den darf man aber nicht mehr
man/frau geteilter Meinung sein … so benennen, politisch korrekt heißt er Fußweg.
Das Gendern gehört in unserer Gesellschaft Der Begriff Fußweg wurde aber in den 2004er
zum guten und politisch korrekten Ton. Be- Jahrinnen durch die Begriffin Karawaninnenstraß-
reits auf der enorm wichtigen und machtvollen in abgelöstin, weil versehentlich auf ihmihr viele
sprachlichen Ebene kann so ein Teil des „Gender Füße verschwanden.“
Mainstreaming“-Konzepts – der Versuch einer
Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesell- Vorsicht vor positiver Diskriminierung!
schaftlichen Ebenen – verwirklicht werden. Und
so dürfte es kaum noch einen Schüler/eine Schü- Der populäre Journalist und Autor der SPIEGEL-
lerin geben, der/die das „Innen“ als Endung bei „Zwiebelfisch“-Kolumnen Bastian Sick weist im
Berufsbezeichnungen, Ämtern und häufig auch ersten Band seines Bestsellers „Der Dativ ist dem
sonstigen Substantiven noch nicht beigebracht Genitiv sein Tod“ genau auf dieses Problem hin.
und eingetrichtert bekommen hätte. Aber natür- Außerdem stellt er fest, dass die Unterschlagung
lich stellt sich die Frage: Wo endet der gute Wille weiblicher Formen bei Themen wie Faulenzerei,
und wann beginnt die übertriebene, befremd- Steuerhinterziehung oder Schwarzfahren – oder
liche und bisweilen sogar grammatisch fragwür- hat man schon einmal was von Faulenzerinnen
dige Doppelgeschlechterkennzeichnung? gehört? – schlicht zu positiver Diskriminierung
führt. Und das steht dem eigentlichen Ziel des
Wenn aus Studenten „Studierende“ werden Genderns natürlich diametral entgegen. Doch
gibt es sie noch, die letzten Bastionen der Vor-
Nehmen wir ein bekanntes und nahe liegendes Gender-Ära, Kirchen zum Beispiel. Dort hat es sich
Beispiel: die „Studierenden“ als Ein-Wort-Be- bisher noch nicht durchgesetzt, das „Liebe Gläu-
zeichnung für alle männlichen und weiblichen biginnen und Gläubige!“. Man(n) spricht lieber
Studenten. Was zunächst einigermaßen gut von der „lieben Gemeinde“. Und wollte man/frau
klingt und gendertechnisch sauber ist, hat ein dagegen wirklich etwas einwenden?
klitzekleines (semantisches) Problem: Ein Studie- Beachtet man also ein paar einfache gramma-
render bzw. eine Studierende ist nur dann auch tische Prinzipien der deutschen Sprache, so steht
wirklich „studierend“, wenn er/sie gerade im Hör- dem vernünftigen Gendern nichts im Wege. Wich-
saal oder in der Bibliothek über seinen/ihren Bü- tigste Grundregel scheint aber ein gesundes Maß
chern sitzt. Sobald er/sie jedoch den Campus be- zu sein, mit dem die entsprechenden Formulie-
tritt, um zum Beispiel gegen Studiengebühren zu rungen eingesetzt werden. Dies bestätigt sogar
demonstrieren, wird aus dem/der Studierenden die Grüne Jugend in ihrem Wiki-Eintrag, wo zu
wieder der einfache Student oder die Studentin. lesen ist: „Vor allem die zu häufige Schreibung des
Problematisch und bisweilen äußerst merkwür- Binnen-I, besonders da, wo sie nicht hingehört,
dig wird es auch, wenn das zu verweiblichende schafft unnötige Probleme und führt womöglich
Hauptwort gar nicht männlich, sondern säch- eher zu einer geringeren Anerkennung des Ge-
lich ist. Das weiß jeder, in dessen Verein nicht dankens geschlechtergerechter Sprache.“ Dem ist
nur die anderen „Mitglieder“, sondern auch die nichts hinzuzufügen.

Njëmbëdhjetë 11
Jena mag Kinder – doch mag es auch
XX XY X?

die Frauen, die sie bekommen?


So augenscheinlich sich das weibliche Geschlecht auch emanzipiert haben mag,
es gibt im Leben einer Frau einen Punkt, da scheint Tradition vor Gleichberechti-
gung zu gehen – der Moment, in dem die Frau zur Mutter wird. Spätestens jetzt
zeigt der Sexismus in Deutschland sein wahres Gesicht, das kann auch die fami­
lienfreundliche Werbekampagne der Stadt Jena nicht beiseite wischen.

von Katja Barthold Laut Bundesministerium für Familie, der besagt, niemand dürfe aufgrund
Senioren, Frauen und Jugend schät- seines Geschlechts benachteiligt oder

D
er Mutter, die auch noch Frau zen 78 Prozent der befragten Männer bevorzugt werden. Sollen Mütter der
sein möchte, liegen auch im die Elternzeit als wichtiges Angebot. immer noch kli­scheegeprägten Soziali-
idyllischen Jena nicht nur Ste- Jedoch nehmen lediglich 5 Prozent sation entfliehen können, bedarf es also
ine sondern Felsen im Weg. Abseits des sie teilweise und nur 0,2 Prozent sie wohl mehr als eines Gesetzes oder von
Campus zeigt sich trotz geschlechter- ganz in Anspruch. Als Hauptgrund wird Plakatwänden he­rablächelnder Kinder.
sensiblen Sprachgebrauchs, wer auf der entstehende Einkommensverlust
dem Spielplatz sitzt – und wer im Büro. genannt, blieben Väter tatsächlich zu
Auch oder gerade in Akademikerkreisen Hause.
muss die Frau in der Phase der Familien- Zum Vorschein kommt hier, was
gründung beruflich zurückstecken. eigentlich jeder weiß: Die Höhe
„Die Stellung von Müttern in der Gesell- des Gehalts orientiert sich in
schaft wird nicht genug wertgeschätzt, Deutschland nicht nur an der
gleichzeitig auch die Bedürfnisse von beruflichen Leistung,
Kindern nicht genügend berücksich- sondern eben auch am
tigt. Wenn Frauen berufstätig sind, Geschlecht. Obwohl ge-
verspüren sie ganz schnell wieder den setzlich verboten, be­trifft
Zwang, ihr Kind – beispielsweise nach dieses Problem Frauen
oder während einer Krankheit – so aller Berufs- und Bildungs­
­schnell wie möglich wieder abzuge- schichten. Wird die Frau zur
ben“, erzählt eine Mutter, die in einem Mutter, gesellt sich zudem
Jenaer Kindergarten tätig ist. Mit die- noch das Problem schwer
ser Meinung steht sie nicht alleine da, erhältlicher und knapper
man kann sie in allen Jenaer Arztpraxen Betreuungsmöglichkeiten
und allen allen Spielplätzen. Während hinzu. Besonders Frauen
uns lächelnde Kinder auf Plakaten ein in gehobenen Position
familienfreundliches Jena versprech- merken schnell, wie un-
en, brennt der Kampf um KiTa-Plätze, flexible KiTa-Öffnungs­
herrscht Behauptungszwang vorm Ar- zeiten ihrem Berufsleben
beitgeber oder der Arbeitgeberin. und ihren Karrierechan-
Auch der Arbeitgeber Jena ist Teil ei­ner cen enge Grenzen setzen.
festgefahrenen Rollenverteilung. Ano- Wer die großen Verlierer
nym verrät eine berufstätige Mutter aus dieser Realitäten sind,
Jena:  „Obwohl ich in der öffentlichen liegt auf der Hand: Al-
Verwaltung tätig bin, wurden meine leinerziehende, zu über
männlichen Kollegen im Gegensatz 80 Prozent übrigens
zu den weiblichen Angestellten bere- weiblichen Geschlechts,
its mehr­mals befördert – obwohl bei sehen sich einer Mauer
Fähigkeiten und Arbeitszeiten keine Un- von Unmöglichkeiten
terschiede bestehen. Frauen sind durch gegenüber, geht es nicht
die Familie eben nicht immer präsent, nur um die Nachkom-
Aufstiegschancen werden ihnen da- men, sondern auch um
durch verwehrt.“ die eigene Entfaltung
Dass dies nicht nur die Aussagen zweier und Entwicklung. Viele
„verbitterter Emanzen“ sind, drückt sich Frauen und Alleinerzie-
auch in den Zahlen bundesweiter Statis- hende sind daher gez-
tiken aus, wo schon allein die Begrif- wungen, Teilzeitarbeit
flichkeiten Ausdruck von Sexismus sind. oder gar Arbeitslosigkeit
Zwar heißt der Mutterschaftsurlaub in Kauf zu nehmen –
jetzt Elternzeit, doch wie so häufig hap- und das alles trotz des
ert es an der praktischen Umsetzung. Grundgesetzartikels 3,

Hier erhaltet ihr Hilfe: www.familienzentrum-jena.de


12 Dymbëdhjetë
Dymbëdhjetë
Kultur

Trembëdhjetë 13
Film: Musique:
Kultur

Was übrig bleibt


„Tage oder Stunden“
Regie: Jean Becker, Frankreich 2008, Arsenal Filmverleih, 85 Min.

von LuGr

A ntoine (Albert Dupontel) hat seinen Job als Werbefachmann


satt, seine Familie, sein ach so tolles Durchschnittsleben. Mit
ein bisschen mehr Geld vielleicht schon, aber nein, es macht ihm
keine Freude, der Kapitalismus ist schließlich schlecht. Der Zy-
nismus dringt wie eine Krankheit in all seine Poren. Menschen
aus seiner Umgebung, seine Frau und seine Freunde bekom-
men dies von einem Tag auf den anderen zu spüren, als sie ihm
zu seinem 42. Geburtstag mit Geschenken überraschen, für die
er nur Sarkasmus, Verachtung und Provokationen übrig hat.
Antoine bricht mit seinem Leben, und das aus gutem Grund,
den man als Zuschauer schon früh erahnt, der aber erst spät
bestätigt wird. Bis dahin ist „Tage oder Stunden“ ein intensives
Drama um den Ballast im Leben, der sich mit der Zeit anhäuft
und dem nun mit Flucht begegnet werden soll. Keine Flucht in
eine ungewisse Zukunft, sondern in die eigene Vergangenheit,
zum Vater (Pierre Vaneck) ins ländliche Großbritannien, der vom
Welcome to
Leben seines Sohnes ab dessen 13. Geburtstag kaum mehr No-
tiz genommen hatte.
Die Bitterkeit, die in diesen außergewöhnlich unaufdringlich er-
Mikrokleinstgarten
zählten und inszenierten Film mit behutsamen Streichern, Kla- von Frank
viermusik und vor allem dem großartigen Dupontel Einzug hält,
überdeckt dabei elegant einige Fragen nach der Plausibilität im
Handeln der Figuren. Man stellt sich selbst die Frage: Wie viel ist
mein Leben wert? Wäre ein intensiver und mit vielen schönen
S elbst ein Betonblockbewohner weiß: Wer sich an seinem
Garten – und sei er noch so übersichtlich und bescheiden
– erfreuen, wer die Früchte seiner Arbeit und den süßen Duft der
Momenten gelebtes nicht das reichere? Am Ende von „Tage oder Zufriedenheit genießen möchte, der wird sein Gärtchen vorher
Stunden“ steht jedoch das Verheilen längst vernarbt geglaubter zu wässern haben, sei es im sprichwörtlichen Schweiße seines
Wunden aus Antoines Vergangenheit – die Katharsis. Das ist es, Angesichts oder – natürlich einfacher – mithilfe eines wohltuen-
was übrig bleibt. den Sommerregens nach Wochen der Trockenheit.
Das Ziel der illustren Jungs und Mädels von der Musiker- und
Künstlerplattform Mikrokleinstgarten ist kein anderes: Dass es
regnet, bis die Träume ihrer Jugend blühen und Früchte tragen
in der Welt. Dass man gemeinsam baut an einem Land, in dem
eben diese Träume real werden können und in dem diejenigen
mehr Aufmerksamkeit und Achtung erhalten, die fernab von
kalkulierender Ökonomie versuchen, Menschen zu bewegen,
indem sie Schönes schaffen. Schönes, das sich jeder rationalen
Verwertungslogik entzieht, das die Herzen der Menschen rührt.
Im mikrokleinen Garten geht es letztlich darum, Menschen für
junge Kultur zu bewegen und dabei befreundeten Musikern
und Künstlern zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Mikro-
kleinstgarten will die Ergebnisse der Kreativität jener Musiker,
Künstler, Textildesigner und jungen Dichter fördern und verbrei-
ten, deren Werk den Gärtnern am Herzen liegt und die eine brei-
tere Wahrnehmung verdienen. Aus diesem Ansatz heraus ergab
sich – gemäß des erwähnten und lang gehegten Jugendtraums,
der in der kulturellen Trostlosigkeit der tiefen Provinz Südthü-
ringens wurzelt – die Gründung von Mikrokleinstgarten als Mu-
sik- und Kunstverlag. Aktuell verbreitet und fördert der Mikrok-
leinstgarten sechs Bands:

The Weight of Bliss (Progressive-/Postrock) www.myspace.com/theweightofbliss


Schillerhof und UNIQUE ver- A Poor Man's Memory (Postrock) www.myspace.com/apmmmusic
Zweiter Frühling (Gitarren-Pop) www.myspace.com/zweiterfruehling
losen 2x2 Freikarten bei freier My Invisible Friend (Postelektro) www.myspace.com/myinvisiblefriendmikrostar
Filmwahl für Mittwoch, den 10. Chronos (Progressive Rock) www.myspace.com/listentochronos
Juni 2009. Schreibt einfach eine Drift/Hias (Singer/Songwriter) www.myspace.com/driftsingersongwriter
E-Mail mit euren Namen an: sowie die Textilkünstlerin Glämourizz
unique-magazin@live.de Link www.mikrokleinstgarten.de

14 Katërmbëdhjetë
Buch: Veranstaltungsrückblick:

Maus. Die Geschichte

Kultur
eines Überlebenden
Art Spiegelman
Band 1: Mein Vater kotzt Geschichte aus, Rowohlt, 159 Seiten
Band 2: Und hier begann mein Unglück, Rowohlt, 135 Seiten

von Luth

D arf man die Geschichte des Holocausts in Form eines Comics


erzählen? Die Idee erschien so unverfroren, dass man davon
ausgehen musste, das könne nur schiefgehen. Dem New Yorker
Cartoonisten Spiegelman aber, im Jahre 1992 Pulitzer-Preisträ-
ger, gelang dieses Kunststück.
„Maus“ erzählt die Lebensgeschichte von Spiegelmans Vater Vla-
dek, einem ehrgeizigen jungen Mann im Vorkriegs-Polen, der
nach Beginn des Zweiten Weltkriegs in die Menschenmühlen des
nationalsozialistischen Lagersystems gerät. Es ist die Geschichte
Die Magie des kurzen
Augenblicks
eines denkbar unmöglichen Überlebens voller Zu- und Glücksfäl-
le, die mit dem Jahre 1945 nicht endet, sondern glücklicherweise
bis in die 1980er-Jahre weitererzählt wird. Wie ein roter Faden, in
Form zahlreicher Vor- und Rückblenden, zieht sich das überaus von LuGr
konfliktträchtige Vater-Sohn-Verhältnis durch beide Bände; eine
Beziehung, die nur dann harmonisch sein kann, wenn der Sohn
den Vater zwingt, seine Lebensgeschichte zu erzählen. So wird
der Junge zum Psychiater des traumatisierten, oft unausstehli-
N achdem das Capitol-Kino, der Veranstaltungsort des „cellu
l’art“ in den letzten Jahren, vor Kurzem seine Türen und Säle
geschlossen hatte, musste schnell Ersatz her. Mit dem altehrwür-
chen Alten, den die Vergangenheit gefangen hält. Arts eigener digen Astoria-Kino fanden die Festivalveranstalter für das groß
Psychiater bringt es einmal so auf den Punkt: „Es haben nicht die ankündigte Jubiläum einen beinahe ebenbürtigen Ersatz.
Besten überlebt, und es sind auch nicht die Besten umgekom- Nach der feierlichen Eröffnung des Festivals im Theatercafé am
men. Es war Zufall!“ 22. und dem eher eigenwilligen „Open Air“ in der Goethe Galerie
Spiegelmans Comic spricht auch jüngere Leser an, denen solche am 23. April flimmerte am 24. April endlich der erste von ins-
Bilderwelten wesentlich vertrauter sind als dicke Geschichtsbü- gesamt fünf Wettbewerbsblöcken über die im Astoria-Kino ei-
cher, die sich aber trotzdem für die Shoa interessieren. Den Gip- gens installierte Leinwand. Einst hatte das Gebäude des Astoria
fel unakademischer Unverschämtheit erklimmt Spiegelman, in- schlimm ausgesehen. Nun aber, nach der Renovierung, ging es
dem er alle Menschen frei nach Hitlers rassistischer Rhetorik mit mit der parallel zum Festival laufenden Kunstausstellung „Inter-
Tiergesichtern versieht. Juden sind Mäuse, Nazis Katzen, Polen vention I: shortplay“ (veranstaltet von der Jenaer Galerie „pack of
Schweine, Franzosen Frösche und Amerikaner Hunde, wobei es patches“) eine faszinierende Verbindung ein. Deren Bilder und Vi-
unter all diesem Getier sowohl „gute“ als auch „böse“ Artgenos- deosequenzen konnte man als kostenfreie, gleich hinter der Ein-
sen gibt. Dennoch ist „Maus“ keine Fabel im klassischen Sinne. In gangstür des Astoria platzierte Zugabe betrachten. Thematisch
ihrer grafisch-plakativen Konformität sind alle handelnden Per- handelten sie von der Zergliederung der Motive, der Aufteilung
sonen nur Teil eines großen Kollektivs. Die Geschichte schert sich in kleinere Parts, wobei jedoch alle unmittelbar miteinander in
nicht um ihre persönlichen Schicksale, sie rollt mit voller Wucht Beziehung standen. Fotokunst und das Medium Film zeigten so
über sie hinweg. Auch Vladeks Schicksal ist daher nur eines von eindrucksvoll ihre gemeinsamen Wurzeln im einzelnen Bild und
vielen – und gerade deswegen so beeindruckend. wie derer viele ein größeres Ganzes ergeben.
Keine Frage, Spiegelman zeichnet eine düstere, eine erschrecken- Das Programm hielt, was es versprach: Neben einigen Perlen
de Welt, und das liegt nicht an den ausschließlich in Schwarz-Weiß aus dem Länderschwerpunkt Spanien stachen vor allem das bri-
gehaltenen Zeichnungen. Dennoch spart er nicht mit ironischen tische, bereits auf der Berlinale 2009 prämierte Teenagerdrama
Brechungen, kritischer Selbstreflexion und jüdischem Humor, so- „Jade“ von Daniel Elliott und der köstliche deutsche Animations-
dass „Maus“ gleichzeitig unterhaltend, authentisch und eindring- film „Our Wonderful Nature“ von Tomer Eshed heraus. Letzterer
lich ist. Der unerwartete Erfolg stieg dem Autor nicht zu Kopf. Als zeigt den ironisch-übersteigerten Kampf zweier Wasserspitz-
Spiegelmans Maus-Alter-Ego im Comic von aufdringlichen Jour- mäuse um die Zuneigung eines Weibchens, mittlerweile findet
nalisten und Marketingexperten bedrängt wird, schrumpft seine man ihn auch auf YouTube.
Figur allmählich zu einem schreienden Kleinkind, das einfach nur Alles in allem war es ein sehr gut organisiertes Festival, welches
in Ruhe gelassen werden möchte. Mir ging es ganz ähnlich, als mit dem Länderschwerpunkt Indien auch 2010 wieder viele
ich die Bücher wieder aus den Händen legte. neue, reizvolle Kurzfilme verspricht. Vielleicht ist dann auch der
Eingangsbereich des Astoria nicht mehr so zugeparkt, sodass
noch mehr Gäste die „Magie des kurzen Augenblicks“ – so das
diesjährige Motto des „cellu l’art“ – erleben können. Am Eintritt-
spreis von nur fünf Euro für einen anderthalbstündigen Film-
block und 20 Euro für das gesamte Wochenende kann sich das
Cinestar, in dem Mitte Mai mal wieder die Ticketpreise erhöht
wurden, ein Beispiel nehmen. Dass man im Astoria nicht in der
teureren Loge (im Cinestar gern unverschämt „weiter oben“ ge-
nannt), sondern nur mit allen anderen Zuschauern auf gleicher
Höhe sitzen konnte, hatte also – abgesehen von einigen hoch-
gewachsenen, den freien Blick auf die Leinwand versperrenden
Festivalbesuchern – auch so seine Vorteile.
Pesëmbëdhjetë 15
Folgensch
Inte were
Kultur

rviews
Holocaust leugnende Anwälte, sich verplap-
pende Ex-Präsidenten und unmoralische
Kolumne Journalisten: Auch außerhalb unserer be­
schaulichen Saalestadt sorgen skandalöse
Interviews immer wieder für Aufsehen …
Wolfgang von fabik

Amadeus Uppdrag gra


In der schwed nskning vs. Richard
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ie meisten Franzosen sprechen ja ein aufgehobene ch aber, die tikan distanzi
Exkommunik fast zeitgleic erte
noch schlechteres Englisch als wir. kriti­sierte Ang ation wieder h mit dem In
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Dafür hört sich das französisch ausge- Form. Und heu iederum den machen. Daf
te? Williamso Papst in unge ür
sprochene Englisch aber um Längen witziger Gott um Verg n bedauerte wöhnlich scha
ebung, weige zwar seine Äuß rfer
an als z.B. sächsisches Englisch. Und dann ha- lebt heute in rt sich aber de erungen und
London. nnoch, sie zu bat
ben die Franzosen ein viel besseres Händchen rückzunehmen
. Er
für perfekte Pop-Platten. Man denke nur an
Daft Punk und Air – oder eben an Phoenix.
Was haben wir dem entgegenzusetzen? Ja, David Frost vs. Richard Nixon
on zwischen dem relativ erfolglo
sen TV-
arat
eben … nix! Und so dürfen Phoenix ihr viertes In einem zwölftätigen Interviewm ard Nixon
erator Dav id Fros t und dem ehemaligen US-Präsidenten Rich
Album auch ganz größenwahnsinnig-sympa- Mod ung in den Wat ergate-
chend seine Verstrick
thisch „Wolfgang Amadeus Phoenix“ betiteln. gestand Letzterer völlig überras eine n historis che n Tief punkt,
ehen sank auf
Zusammen mit einem etwas hässlich gera- Skandal. Die Folgen: Nixons Ans sein er Sen­
theit erlangte. Und heute? In
tenen Cover und akzentfreiem englischen Ge- während Frost nie erahnte Bekann noc h aller lei wich tige
wt Frost heute immer
sang reicht das eigentlich schon aus, um bei dung „Frost over the World“ intervie
4.
uns CD der Woche zu werden. Menschen. Nixon starb im Jahre 199
Gleich die ersten beiden Tracks, „Lisztomania“
und „1901“, sind auch die besten des Albums. Michel Friedman
vs. Horst Mahle
Bei anderen Bands würde man sich jetzt är- In November 2007
erschien in der Ze r
gern und fragen, was das denn solle. Aber auf zwischen dem M itschrift Vanity Fa
oderator Michel Fr ir ein Schlagabta
„Wolfgang Amadeus Phoenix“ ist alles anders. NPD-Anwalt Horst iedmann und de usch
Mahler, in dessen m ehemaligen RA
Die restlichen Songs fügen sich perfekt anein- locaust leugnete. Verlauf dieser u. F- und
Die Folgen: Publ a. mehrmals den
ander. Man hat lange nicht mehr ein Album wegen Volkshetz izist Arno Lustige Ho-
ung an, das gleic r zeigte die Vanity
gehört, das man mehrmals hintereinander Die Vanity Fair wu he tat Friedman Fair
rde Anfang des Ja mit Mahler. Und
komplett durchhören kann, ohne dass es ir- büßt eine sechsjä hres eingestellt un heute?
hrige Haftstrafe. d Horst Mahler ve
gendwann langweilig wird. r-
Um es auf den Punkt zu bringen: „Wolfgang
Amadeus Phoenix“ ist das beste Phoenix-Al-
bum ever und wird es auch nach weiteren er Degowski
Udo Röbel vs. Dietzw der Deutschen Bank
in
Veröffentlichungen bleiben. Einen solchen ei Männer eine Filiale
88 ßten
Als am 16. August 19 sich daraus einer der grö
Geniestreich bekommt man nur einmal hin.
db eck üb erfi ele n, ah nte wohl keiner, dass Wä hre nd sic h Die ter
Gla würde .
Generell fallen mir zu Phoenix keine klugen ndesrepublik entwickeln rnalist
Presseskandale der Bu be fan d, füh rte de r Jou
Worte ein, wohl aber Übertreibungen. Über Geiseln auf der Flucht
Degowski mit mehreren Ba nk räu be r un d seinen Geiseln, zeigte
ihm
den ungewöhnlichen Albumtitel äußerte sich be l Interv iew s mi t de m die Arb eit der
Udo Rö re Journa listen
Sänger Thomas Mars übrigens wie folgt: „Mei- derte wie mehrere ande vor
Fluchtwege und behin Polizisten und Pre sse ver tre ter kam en
ne Mutter ist Deutsche und sie hasst den Titel. Fo lge n: Za hlr eic he r De uts ch e
Polizei. Die uldigt und de
Das nehme ich als Zeichen, dass wir irgend- Rö be l wu rde de r Be ihilfe zur Flucht besch ws ki ver bü ßt bis
Gericht, ute? Dego
was richtig gemacht haben.“ ne Vorschriften. Und he d.de
Presserat verschärfte sei Rö be l wu rde ers t Chefredakteur von bil
hri ge Ha fts tra fe,
2013 eine 24-jä
minalromane.
und schreibt heute Kri

16 Gjashtëmbëdhjetë
Die Musik umarmt uns

Weltweit
Eine alte Geschichte aus Orhanje

von Zweta rateten – und sich deswegen allerlei Ärger


einhandelten. Aus Angst zogen manche

D
ie Musik umarmt uns, uns mit ihrem Hab und Gut weiter durchs Land.
umschlingt die schrille, bal- So ein Pascha mit seinem Gefolge suchte
kantypische Tonart, und sich manchmal das schönste Haus im bul-
wir sind gefesselt: Solche Gefühle garischen Dorf oder in der Stadt aus. Die
bewegen den Zuhörer, wenn er dort wohnende Familie musste ihn zum
die musikalische Zauberwelt der Übernachten aufnehmen, sonst hatte sie
Kompositionen von Petko Staynov den Tod zu fürchten. Der Pascha bekam
miterlebt. Dabei denkt man an Bal- die besten Zimmer und wünschte, bedient
kanwälder und eine märchenhafte zu werden. Nach einiger Zeit zog er weiter,
Welt – wie in Staynovs „Fairy Tale“. und jeder Mann war froh, wenn seine Frau
Die Musik erinnert an das geheim- und Töchter nicht mitgenommen wurden.
nisvolle Rauschen der Baumkronen, So passierte es einmal, dass auch im Haus
wenn der Wind durch sie hindurch- einer bulgarischen Familie aus Orhanje,
zischt und verschwindet ins dunkle, die einst aus Südbulgarien gekommen
dichte Ungewisse. war, ein türkischer Pascha übernachtete.
Wir gehen Jahre zurück in den os- Sein Esel war mit Säcken voller Gold- und
manisch besetzten Teil des bul- Silbermünzen beladen. Er logierte nur eine
garischen Balkangebirges und Nacht und fuhr am nächsten Morgen weiter
hören die traurigen Lieder der bul- über den Vitinja-Pass von den Nord- zu den
garischen Frauen, die ihre kleinen Südhängen des Balkan. Dieser Gebirgspass
Söhne als Janitscharen [Angehörige war schwer zu überwinden, eine sehr enge
d. ehem. osmanischen [Kern]truppe Stelle machte den Leuten immer Angst
vor Räubern,
Moderne Querungen des Vitinja-Passes Plünderern und
Rachsüchtigen.
Vor Letzteren
hatte wohl auch
besagter Pascha
große Angst.
Und er hatte die­
se Angst nicht
umsonst, denn
noch am selben
Tag trabten nur
seine Esel zum
Haus der bulga-
Foto: Flickr, User 'krassiu' rischen Gastfa-
milie aus Orhan-
je zurück, wo sie
Schnappschuss
des Sultans – Anm. d. Red.] wegge- tags zuvor gefüttert worden waren. Keiner Zwei Kinder
ben mussten. Niemand interessierte von seinem Gefolge war dabei und auch springen von einem
sich für deren armes Mutterschick- der Pascha selbst nicht. Sehr wahrschein- der noch übrig
sal und ihr noch ärmeres Dasein auf lich wurde er entweder gefangen gehalten gebliebenen Pfeiler
den Dörfern. Die Lieder spiegelten oder umgebracht. So wussten die armen der alten Brücke
auch diese Tragödie wieder, so wie Leute nicht, was sie mit den vielen Mün- von Hasankeyf
in den volkstümlichen Tönen der zen anstellen sollten und vergruben sie aus in Südostanato-
Stajnovschen Musik: Das sind Klän- Angst vor Rache oder Raub irgendwo auf lien (Türkei). Die
ge aus einer anderen, uns heute un- dem Grundstück. Bis heute noch sucht die- Stadtfestung, deren
bekannten Balkanwelt … se Familie aus Orhanje diese Stelle. So wur- Geschichte bis ins 7.
Nach dem Russisch-Türkischen de keiner mit des Paschas Münzen reich. Jahrtausend v. Chr.
Krieg war das Land durch Verträge Heute ist der Balkan genauso märchenhaft zurückreicht, ist
geteilt, und manche Familien wan- wie die alte, märchenhafte Welt im „Fairy durch den Bau des
derten aus dem türkisch besetzten Tale“ des Komponisten Petko Staynov – nur Ilisu-Staudamms
Großbulgarien nach Norden, man- bei Weitem nicht so traurig wie in der ge- massiv bedroht. Im
che bis ins Balkangebirge nach Or- fährlichen osmanischen Zeit. Aber wir dür- Zuge seines Baus
hanje. Nicht nur den Bulgaren, auch fen weiterhin die schönsten Gesänge der werden in den
einigen Osmanen ging es schlecht. Frauen hören und in der musikalischen nächsten Jahren
Es gab reiche Türken, Paschas oder Welt Petko Staynovs versinken, um die bar- fast 200 Dörfer und
Haddschis (Hadjija), die schöne barischen Zeiten nicht zu vergessen … Siedlungen über-
Frauen suchten, klauten und hei- flutet, fast 80.000
Menschen ihre
Heimat verlieren.
Shtatëmbëdhjetë Foto: Caro 17

Länderbericht Israel
Weltweit

Überformte südländische Machos stellen dir nach, dein Sitzplatz im Bus ist
von einem MG besetzt, schwarz gekleidete Männer zischen dir „Schickse“
hinterher und über der Strandbar kreisen die Militärhubschrauber, während
mal wieder alle telefonieren. Na dann ist doch alles normal!

von Juliane Sandner Zwei Israelis – drei Meinungen sichten ihres Gesprächpartners eigent-
In Tel Aviv hingegen fühlt man sich wie lich teilen. Diese Emotionalität ist Aus-

I
srael ist ein Einwanderungsland, das in jeder anderen europäischen Groß- druck der Wichtigkeit einer Sache. Mit
allen Juden offen steht. Man muss stadt. Israelische Fashionista trinken der ruhigen und sachlichen deutschen
nur nachweisen können, dass man zu Dub-Musik mit ihren Freunden ge- Diskussionskultur wird man nirgendwo
Kind einer jüdischen Mutter oder zum kühlten Latte macchiato im Strandcafé. ernst genommen. Andererseits darf
Judentum übergetreten ist. In unter- „The Bubble“ nennen die Israelis ihre man auch selbst mal ausrasten, ohne
schiedlichen Einwanderungswellen Hauptstadt in Anspielung auf deren Es- dass einem das nachgetragen wird.
kamen seit mehr als hundert Jahren Ju- kapismus. Viele Israelis behaupten, das Sehr angenehm waren die Offenheit
den hierher. Alle diese Menschen brach- anstrengende Leben in Israel nur hier und das Interesse der Israelis. Überall
ten ihre Traditionen und Kulturen mit. ertragen zu können. wurde ich gefragt, was ich in Israel ma-
Genauso heterogen sieht die israelische Vor meinem Praktikum bei der Fried- che, wo ich herkomme usw. Es ist sehr
Gesellschaft heute aus. rich-Ebert-Stiftung in Tel Aviv im Febru- leicht, Anschluss zu finden. Es gab kei-

Land der Individualisten Tisch decken im Speisesaal des Kibuz’


Von jedem Menschenschlag findet man
etwas: überpünktliche deutschstäm-
mige Juden („Jeckes“), zurückhaltend
freundliche äthiopische Juden, osteuro-
päische orthodoxe Juden und laute, le-
bensfrohe, orientalische Juden („Mizra-
hi“). Doch der Unterteilung nicht genug,
kann man doch noch weiter nach dem
Grad der Religiosität, der politischen
Überzeugung, der sozialen Schicht etc.
unterscheiden. Es wird klar, dass es den
Israeli nicht gibt.
Obwohl der jüdische Charakter über-
wiegt, leben in Israel auch Christen,
Moslems, Drusen und Bahá’í. Die jü-
dische Symbolik (z.B. Thorarollen, Me-
nora) bestimmt trotzdem das Land, in
dem religiösen Fragen im Alltag weit-
aus größere Bedeutung beigemessen
wird, als ich das ar 2007 wollte ich das Land von seiner nen Freitagabend an Sabbat, an dem
vom säkularisier- unpolitischen Seite kennenlernen. Ich ich nicht irgendwo zum Essen einge-
ten Deutschland ging drei Monate in den Kibbuz Geva, laden war. Überall redet man sich mit
gewöhnt war. Vor der im Norden des Landes, in Galiläa, Vornamen an und duzt sich. Nur bei
allem in Jerusalem am Fuße des Gilboa-Höhenzuges liegt. offiziellen Anlässen wird der Nachname
trägt die Mehrheit Das Erste, was ich lernte, war, dass in gebraucht und sich formell angeredet.
der Männer Kippas, Israel alles politisch ist. Ein Sprichwort Auch der Kleidungsstil der Israelis ist
und man sieht viel sagt: „Zwei Israelis – drei Meinungen!“ casual – Anzugträger mit Krawatte sind
mehr Frauen mit die Ausnahme.
Rock, Kopftuch Kibbuzniks machen keine Gefangenen Wie Schüler einen neuen Lehrer testen,
oder Perücke. Hier Die massive Lautstärke, Direktheit und loten Israelis ständig die Grenzen ihres
bestimmen die Re- Vehemenz, mit der diese Meinung kund- Gegenübers aus. Dabei gilt Chuzpe im
ligiösen das Stra- getan wird, war sehr gewöhnungsbe- ganzen Land gleichzeitig als Tugend
ßenbild: fromme dürftig. Es gab mehrere Situationen, in und als Übel. Frechheit, Unverschämt-
Juden in schwar- denen ich angesichts der Heftigkeit der heit und Dreistigkeit – so die Überset-
zen Mänteln, grie- Auseinandersetzung dachte, es würde zungsmöglichkeiten – beweist man,
chisch-orthodoxe gleich zu Handgreiflichkeiten kommen. wenn man seine egoistischen Interessen
Priester, streng- Vor allem Kibbuzniks, die selbst unter durchsetzen kann. Persönliche Chuzpe
gläubige Muslime, den eigenen Landsleuten als ein biss- gilt als Vorteil, die der anderen dagegen
dazwischen immer chen ungehobelt gelten, machen keine nervt. Rücksichtsvolles Verhalten habe
wieder Polizisten Gefangenen. Tendenziell schreien sich ich nur in Ausnahmefällen erlebt.
und Soldaten. Israelis auch dann an, wenn sie die An-

18 Tetëmbëdhjetë
Weltweit
Geh mir aus der Sonne, Zohan! plötzlich gewendet, abgebogen und Von 100 auf 1.000
Wer mit dem sehr subtilen Flirtstil deut- die Spur gewechselt – üblicherweise Israel war für mich ein Land, in das ich
scher Männer nichts anfangen kann, ohne zu blinken. Es wird gehupt und mit 100 Fragen gekommen bin und mit
wird in Israel fündig werden. Mit sehr sich angeschrieen. Radfahrer sieht man 1.000 Fragen wieder verlassen habe. Ein
heller Haut- oder Haarfarbe ist man nur sehr selten auf israelischen Straßen. Israelaufenthalt, der über den Besuch
als Ausländerin sofort identifiziert; da Was für den Straßenverkehr gilt, lässt der touristischen Sehenswürdigkeiten
kann es am Strand von Tel Aviv nach sich auch auf Verabredungen übertra- hinausgeht, ist alles andere als ein Zu-
dem sechsten oder siebten klar ge- gen. Mit spontanen Änderungen von ckerschlecken, da der Nahostkonflikt
äußerten „Neiiiiinnnn!!!“ auch schon Veranstaltungsort und -zeit, der Grup- allerorts und ständig spürbar ist: die
mal lästig werden. Auch auf Parties, an penkonstellation und selbst der Veran- Angst vor Anschlägen, die Anspannung,
Bus­haltestellen oder im Supermarkt staltung ist jederzeit zu rechnen. Und die Kontrollen, die allgegenwärtige Prä-
– eigentlich sollte man fast überall mit wenn es an der Tür klingelt, ist das nicht senz von Polizei und Militär – für mich
einer Flirtoffensive rechnen. Israelische
Frauen wehren sich durch eiskalte Arro- Kapelle auf einer
ganz. Meisterinnen dieses Faches sen- Tauschparty
ken die Zimmertemperatur bei Bedarf
durch einen einzigen Blick um 20-25 °C,
jedes entflammte männliche Herz kühlt
da ab. Als letzte Mittel helfen Wutan-
fälle, auf Durchzug geschaltete Ohren
und stures, o-f-f-e-n-s-i-c-h-t-l-i-c-h-e-s
Ignorieren. Jegliches Fingerspitzenge-
fühl und jede Rücksichtnahme auf die
Gefühle des anderen gießen nur wei-
teres Öl ins ewig lodernde Balzfeuer. Le-
diglich mit Vehemenz und Konsequenz
lässt sich verhindern, dass sich mehr als
nur die erwünschten Gäste aufs eigene
Badehandtuch setzen. Und auch die
Schönheiten sind reichlich gesät. Bis ich der Postbote, sondern sind es ein paar Erkläre mir die Welt!
mich nach den ersten zwei Monaten an Freunde oder Verwandte, die gerade in
so viel männlichen und weiblichen Eye- der Gegend waren. Israelis sind ständig
Candy gewöhnt hatte, war ich längst in Bewegung. Zeit ist nicht chronolo-
ein taumelnder und reizüberfluteter gisch eingeteilt, es werden zehn Sachen
weiblicher Macho. nebeneinander bearbeitet. Das bedeu-
tet, dass man die anderen ständig ner-
Alles bewegt, brabbelt und besucht ven und an etwas erinnern muss, will
Es gibt in Israel keine allgemeingültigen man sichergehen, dass es auch erledigt
Regeln, die von jedem eingehalten wird. Außerdem redet jeder über jeden,
werden. Sie alle gelten nur als grobe und ein Gerücht überholt das nächste.
Richtlinien. So wird im Straßenverkehr

Infobox
Jung verheiratete Kibbuzniks mussten ihr Zimmer früher mit einem Junggesellen teilen.
So sollte verhindert werden, dass sich Pärchen von der Gemeinschaft abkapseln. als Deutsche kam noch die Auseinan-
dersetzung mit dem Holocaust hinzu.
Ständig werden mitgebrachte Taschen kontrolliert: vor Cafés, Kinos, am Busbahnhof, Nicht zu vergessen, dass man sich stän-
Museen … dig gegen die Chuzpe der anderen
wehren muss, gegen die Lautstärke,
Die Woche fängt am Sonntag an. die Hektik, die Rücksichtslosigkeit. Und
trotz allem fällt es dann doch so schwer,
Das Bild des öffentlichen Nahverkehrs bestimmen vor Anfang und nach Ende des wieder zu gehen.
Sabbat Soldaten. Ergattert man dann noch einen Sitzplatz, teilt man ihn sich oft mit
einem Maschinengewehr.

Die Israelis sind ein handybesessenes Volk, sie telefonieren ständig.

Neben Hebräisch sprechen die meisten Israelis mindestens eine (oft Englisch), viele
sogar zwei Fremdsprachen. Man sollte also nie davon ausgehen, dass das Gegenüber
ein unbedachtes Schimpfwort gerade nicht verstanden hat.
Omnipräsent: Israelische Soldaten

Nëntëmbëdhjetë 19
Nachricht aus der Ferne:
Weltweit

ACOTO-Kolumne
Liebe
Freunde
Bar Mleczny - Von: Anja Caspar
Wo das „Volk“ An: Lutz Th.
Betreff: Bestandsaufnahme
is(s)t
E
ndlich komme ich dazu, mich aus Benin zu melden. Mittler-
von Kathleen Butz weile ist der erste Monat in Afrika schon fast vorbei, ich habe
mich kräftig von Mücken stechen lassen – und das, obwohl
noch Trockenzeit ist! Aber noch nehme ich ja ein Malariaprophy-

A
COTO wird während der Internationalen Tage (15. laxe-Medikament, das ich dann in zwei Monaten absetzen werde.
bis 28. Juni) auf dem Campus eine Bar Mleczny Vorerst renne ich trotzdem noch in nerdiger Anti-Mücken-Kolo­
einrichten. Hä, werden sich die meisten von euch nialtracht rum.
fragen – Bar was? Da ich kein Polnisch kann, habe auch Aber kommen wir zu Erfreulicherem: Ich habe mich gut eingelebt
ich mir diese Frage gestellt und ein wenig recherchiert, und eine nette Unterkunft gefunden. Eigentlich sollte ja endlich
„Bar Mleczny“ bei Google eingetippt, und voilà! Lauter Schluss sein mit dem WG-Dasein und eine nette Strandvilla mit
polnische Websites! Und die halfen mir ja nun auch nicht Dachterrasse mir das Leben hier in Cotonou verschönern. Aber
weiter … Pustekuchen! In Benin herrscht eine krasse doppelte Ökonomie.
Also musste ich das deutsch-polnische Wörterbuch zur Das bedeutet: Es gibt afrikanische Preise für afrikanische Wohnver-
Hand nehmen. Erstes Wort: bar. Es heißt Bar. Das hört sich hältnisse. Die von mir angestrebte Behausung fällt dann aber doch
doch schon mal gut an! Vielleicht mixen wir ja polnische unter den „Jovo-Preis“ („Jovo“ bedeutet in der Regionalsprache
Cocktails? Zweites Wort: mleczny (mlätschne). Um es zu Fon „Weißer“). Das könnte ich natürlich auch irgendwie finanzie-
finden, musste ich ganz schön lange suchen, es stand ren, aber eigentlich wollte ich ja schon ein bisschen „afrikanisch“
nämlich unter mleko (mläko), und das heißt Milch. So leben. Und so ein Haus erfordert dann auch Wächter, Vollmöblie-
weit, so gut, eine Bar Mleczny ist also eine Milchbar. Aber rung etc., sodass man dann am Ende doch mehr hinblättern muss
von wegen süße Milchshake-Träume! Bei meiner Inter- als für vergleichbare Objekte in Deutschland.
netrecherche musste ich feststellen, dass eine polnische Hinzu kommt, dass die Freizeitmöglichkeiten hier doch sehr be-
Milchbar rein gar nichts mit Milch oder Eis zu tun hat. grenzt sind, man sich abends nach Einbruch der Dunkelheit ei-
Schade eigentlich! gentlich nicht mehr außerhalb des Hauses aufhält (nicht aus Si-
In einer Bar Mleczny kann man für einen relativ geringen cherheitsgründen, es gibt einfach keine Straßenbeleuchtung, alles
Obolus – in mehr oder weniger gemütlicher Atmosphäre ist dunkel). Die ersten zwei Wochen ging ich aus Mangel an Alter-
und bei einfacher Ausstattung – typisch polnische Küche nativen fast jeden Abend um 21 Uhr ins Bett. Auch bin ich endlich
probieren. Da gibt es dann hausgemachte Speisen, wie im neuen Medienzeitalter angekommen und downloade mir jetzt
z.B. żurek (shureck), eine saure Suppe, naleśniki (nale- immer die „Tagesthemen“ vom Vortag auf den iPod, um sie dann
schniki), also süße oder herzhafte Pfannkuchen, oder die abends im Bett zu hören. Allgemein bekommt man in Benin wirk-
polnischen Teigtaschen pirogi, gefüllt mit Kartoffeln oder lich gar nichts mehr von der Welt mit. Ach doch! Amerika hat ja den
Hackfleisch. Dazu kann man Fruchtsaft mit eingelegten ersten schwarzen Präsidenten! In Cotonou gibt es auf jeden Fall
Früchten, das kompot (kommpott) bestellen. schon die Rue Barack Obama und eine „Barack Obama Beach Bar“.
In den alten „Volkskantinen“ geht es also weniger um Letztere ist aufgrund ihres doch sehr beschränkten Sortiments an
einen köstlichen Gaumenschmaus, sondern viel eher Erfrischungsgetränken (Fanta Mandarine und Fanta Mandarine)
darum, weniger zahlungsfähigen Kunden wie Studen­ aber nicht zu empfehlen.
ten, Rentnern und sozial Schwachen, aber auch den biz­ Ich bin dann doch wieder in einer WG mit zwei Franzosen eingezo-
nesmeny (Biesnessmäne) und Ostalgie-Touristen, preis­ gen. Das Haus liegt noch in einem afrikanischen Viertel. Mein Zim-
wertes und schnelles Essen anzubieten, wobei ganze mer ist klein, dafür gibt es aber eine große Terrasse und ein großes
Gerichte selten mehr als drei Euro kosten. Wenn ihr euch Wohnzimmer, eine fähige Köchin und Putzfrau – und Nachtwäch-
für das spannende Aufeinandertreffen von Alt und Jung, ter! Nebenbei sind meine Mitbewohner motorisiert, von ihrem
erfolgreich und gescheitert, Arm und Reich, modern und Freundeskreis kann ich nur profitieren.
nostalgisch, Kantine und Fast Food interessiert, kommt Vielleicht ist das jetzt alles so spannend wie ein Tatort mit Andrea
am 22. Juni auf den Campus und lasst euch pirogi und Sawatzki, aber aus Benin gibt es irgendwie nichts Atemberau-
kompot schmecken, bis pęknecie (piänknätzie). Smacz- bendes zu berichten. Die Arbeit macht Spaß, die Kollegen sind nett,
nego (smatschnägo)! der Strand schön, und nächstes Wochenende fahre ich nach Grand
Popo, um Schildkröten beim Schlüpfen zu beobachten. Vielleicht
ist das ja dann etwas aufregender! Ansonsten kann man noch in
Hotel-Swimmingpools baden gehen oder afrikanischen Tanz erler-
nen. Von Letzterem sehe ich ab, nachdem ich mitansehen musste,
wie sich eine Gruppe in lokale Tracht gekleideter Italiener beim
Voodoo-Festival bei einer Tanzdarbietung für den lokalen König
komplett zum Affen machte. Bilder gibt es nicht, ich wollte derlei
ethnische Folkloristik nicht noch durch Fotografieren unterstüt-
zen. Also dann, hoffentlich bald mehr spannende Details, inklusive
einer kritischen Bestandstaufnahme der deutschen Entwicklungs-
zusammenarbeit (Scherz!).

20 Njëzet
Foto: Marc Crossfield

„Why it’s called

Weltweit
Manchester!“
Die nordenglische Industriemetropole
Manchester steht für Friedrich Engels,
Cristiano Ronaldo und Ian Curtis. Al-
les Männer. Trifft sich gut. Denn eins
steht auch fest: Sie ist die Schwu-
lenhauptstadt Großbritanniens.
Zeit für eine kleine Geschichte des
Pink-Panther-Landes.

von rokko rehbein einander, bis es funkt, steht der devote demonstriert. Die Eröffnung des Clubs
BWL-Student brav hinter der lesbischen „MANTO“ Anfang der 1990er-Jahre ver-

W
er glaubt schon an das Wuchtbrumme an der Unisextoilette an deutlichte das nochmals. Offene Fens-
Schicksal? Aber ein schel- und schlaucht die kantige Diva mit Drei- ter und später auch Balkone befreiten
misches Grinsen kann sich tagebart ganz ungeniert ein Kippchen das Viertel und die Szene symbolisch
Adam nicht verkneifen, als er seinem von der glatzköpfigen Security. von ihrem Image, hinter verschlossenen
Abendabschnittsgefährten sanft über Dabei sind die scheinbar so selbstver- Türen verbotene Dinge zu tun. Die Stra-
die Brusthaare fährt, die sich aus dem ständlichen Freiheiten dieses backstei- ße begann sich langsam zum Inbegriff
V-Ausschnitt seines engen Shirts gegen nernen Kleinods das Ergebnis einer einer angesagten Alternativkultur zu
das Discolicht kräuseln. „I guess that’s langen und ereignisreichen Zeit, die entwickeln.
why it’s called Manchester!“, lacht er und symbolisch für die Geschichte der Ho-
betont dabei die ersten beiden Silben mosexualität in Großbritannien steht. Homo, Hetero … Hauptsache sexuell
besonders. „Good looking men are part Mit den Clubs, Bars und dem einset-
of the city.“ Vom Rotlichtviertel zum Alternativ- zenden Hype fingen allerdings auch
Manchester hat viel zu bieten: den treff die Probleme an. Immer mehr Heteros
morbiden Charme einer alten Indus- Zu Beginn des 19. Jahrhunderts einge- begannen, das Viertel für sich zu ent-
triemetropole, die zweitbeste Fußball- weiht, diente der Rochdale-Kanal lange decken, da es vor allem jungen Frauen
mannschaft Europas und eine üppige als wichtiger Transportweg für Roh- die Möglichkeit bot, bierselige Entblö-
Kulturlandschaft, die von kostenlosen stoffe und Waren zwischen den Indus- ßungsorgien mit ihren Busenfreun-
Galerien und Museen bis zu täglichen triestädten Liverpool und Manchester. dinnen zu feiern, ohne von jungen
Konzerten und Theateraufführungen Als der Straßen- und Schienenverkehr Männern falsch verstanden zu werden.
alles zu bieten bereit ist. Was dabei oft sowie der Niedergang der wichtigsten Die kamen mit der Zeit aber trotzdem
übersehen wird, ist ihre vitale und man- Wirtschaftszweige Nordenglands in – und mit ihnen das Testosteron, der Al-
nigfaltige Schwulen- und Lesbenszene, den 1960er-Jahren die Wasserstrecke kohol und die Aggressivität gegenüber
die schon mal zur schnittigen Formu- überflüssig machten, brachen den Ge- Andersartigkeit. Einige, die jahrelang für
lierung hinreißen lässt, die Stadt sei die werben rund um den Kanal die Kunden Gleichberechtigung und Akzeptanz ge-
„Gay Capital of the UK“. weg. Die Gegend verwandelte sich in kämpft hatten, fühlten sich zum wieder-
einen dunklen Moloch aus verlassenen holten Male ausgegrenzt und in ihren
Devote BWLer und Diven mit Dreitage- Fabrikhallen und kargen Straßenzügen Clubs wie Fremde. Vereinzelt wurde nun
bart – kurzum: in einen Ort, den die meisten versucht, schon an der Tür die Sexualität
Von eigenen Saunen, Frisören und mieden und der Schwulen und Lesben der unliebsamen Klientel zu entlarven
Ärzten bis hin zu einer Handvoll spe- daher als perfekter Treffpunkt erschien. und somit den Eintritt zu verwehren.
zifischer Veranstaltungs- und Life- Denn selbst der Sexual Offence Act von Heutzutage haben ein neues Anti-Dis-
stylemagazine sowie einem schwulen 1967, der gleichgeschlechtliche sexuel- krimierungs-Gesetz, das solche Ein-
Fußballclub hat die Szene viele An- le Handlungen im Privaten nicht mehr lasskriterien verbietet, und eine breite
ziehungspunkte. Auch das „Queer up unter Strafe stellte, ließ Homosexuelle Akzeptanz für das Viertel und seine
North“ – ein internationales Festival les­ in der Gesellschaft weiterhin stigmati- Menschen die Wogen auf beiden Seiten
bischer und schwuler Kunst und dabei siert und ausgegrenzt. So blieb die Ca- geglättet. Und so treibt die Lust auf ein
das erste seiner Art in Europa – und die nal Street bis in die späten 1980er ein wenig Würze im Melting Pot Großstadt
Schwulen- und Lesbenparade „Man- Rotlichtviertel für Schwule und Lesben, die buntesten Menschen auf die Par-
chester Pride“ zaubern der Stadt jährlich konfrontiert mit AIDS, Kriminalität und tymeile Canal Street – während dem
ein paar rosa Nuancen auf die immer Polizeiwillkür. Volksmund schon mal das „C“ im Halse
noch allgegenwärtigen Ziegelsteinfas- Nicht zuletzt schufen die Solidarität und stecken bleibt.
saden. Das Herzstück der Queer-Kultur der Eifer, mit denen sich die Szene in der Adam allerdings hat heute kein Glück
ist jedoch zweifelsohne die Canal Street, Stadt gegen Ignoranz und Intoleranz mehr. Sein üppiges Brusthaar hat sich
die Partymeile im Stadtzentrum entlang wehrte, langsam ein anderes, offeneres aus dem Staub gemacht. Aber wie das
des Rochdale-Kanals. Hier in den Clubs Klima. Es wurden Bündnisse mit Lokal- so ist in einer Stadt, deren Name Pro-
reiben sich ganz selbstverständlich politikern geschlossen und gegen allzu gramm ist: „No problem mate, it’s Man-
nackte Männeroberkörper lasziv an- konservative Gesetze der Thatcher-Ära chester, it won’t take long.“
Njëzet e një 21
Ausgabe 46: Der stellvertrende Vorsitzende der Jüdischen Landesgemei
„Es sind wirklich nur Kleinigkeiten, die einem Fr
Weltweit

Ausgabe 47: Der palästinensische Journalist Khalid Amayreh:


„Widerstand ist eine moralische Verpflichtu

„Wir sind nur weni


entfernt und
„Die mediale Berichterstattung auf [19. Juli 2008] Israel und zwölf palästinen- sische Geschichte ein.
sische Milizen – darunter die Hamas – schlie-
beiden Seiten ist enorm einseitig“, ßen einen auf sechs Monate begrenzten Peaceman: Seit Beginn der Operation
sagen sie: „Peaceman“, ein palästi- Waffenstillstand. In den folgenden Monaten im Gazastreifen vor zwei Tagen wur-
verstoßen beide Seiten immer wieder gegen den mehr als 300 Menschen getötet,
nensischer Student um die 30 aus die getroffenen Vereinbarungen. 200 gelten als vermisst, 160 befinden
Gaza und „Hopeman“, ein ca. 40- [November 2008] Sowohl die palästinen- sich in Lebensgefahr. Polizisten, Zi-
sischen Raketenangriffe als auch die Mili- vilisten und Kinder sind während der
jähriger Angestellter aus der israeli- täraktionen der israelischen Armee nehmen Operation gestorben. Es ist schwer
schen Kleinstadt Sderot. Beide wol- wieder zu. zu beschreiben, was sich in Gaza ab-
len weder ihre Identität preis- noch Peaceman: Seit nun schon über ei- spielt, eine schreckliche Katastrophe.
nem Jahr versuche ich Gaza zu ver- Momentan beziehen Panzer rund um
Interviews geben – Peaceman aus lassen, doch bis heute kann ich es Gaza Stellung und bereiten sich auf
Angst, als Kollaborateur gebrand- aufgrund der Belagerung nicht. Mein die Invasion vor.
Freund Hopeman hat sich mehrmals
markt zu werden und Hopeman, bemüht, mich herauszubringen. Am [In den folgenden Wochen] Die israelische
weil er die Vorurteile und Anfein- Grenzübergang Rafah werden die Armee zerstört fast die gesamte Infrastruk-
meisten Studenten zurückgeschickt. tur der Hamas und von Gaza. Die Grenzen
dungen seiner Nachbarn fürch- Einige verloren ihre Stipendien, ande- zwischen dem Gazastreifen und Israel sowie
tet. Auf ihrem gemeinsamen Blog re haben kein Geld mehr um zu studie- Ägypten werden komplett geschlossen. Das
ren. Menschen verlieren ihre Zukunft, Rote Kreuz warnt, es gäbe im gesamten Gaz-
„Life must go on in Gaza and Sde- während die Welt zusieht. astreifen keinen sicheren Ort mehr. Unterdes-
rot“ schreiben sie über den Alltag sen erreichen die Raketen der Hamas immer
in ihren Städten, die kaum sieben [23. Dezember 2008] Nachdem der Waffen- weiter entfernte israelische Orte.
stillstand von beiden Seiten nicht verlängert Hopeman: Fast fünf Monate lang
Kilometer von einander entfernt, wurde und damit auslief, sterben bei israeli- herrschte Waffenruhe. Auf meiner
durch Mauern, Krieg und Vorurteile schen Angriffen drei palästinensische Kämp- Seite der Grenze kehrte Normalität ein,
fer. Die Hamas ruft daraufhin die Operation endlich hatten wir wieder ein Gefühl
jedoch Welten auseinander liegen. „Ölfleck“ aus und feuert Dutzende Raketen von Sicherheit. Kinder spielten im Frei-
Ihr Ziel ist es, wie sie sagen, die Welt auf israelische Ortschaften. en, die Straßen waren mit Menschen
Hopeman: Kaum einen Monat ist es gefüllt, die konstante Angst vorm
eine andere Stimme hören zu las- her, dass der Waffenstillstand endete. nächsten Raketenalarm verschwand.
sen. Am gestrigen Morgen liefen meine Meine Kinder konnten in ihrem Zim-
Frau und ich durch die Felder. Ich sag- mer statt im Schutzraum schlafen und
Im Folgenden dokumentieren wir te, es sei ein Fehler, die Kindern allein ich konnte durch die Straßen laufen,
Ausschnitte ihrer Blogeinträge zwi- zu Hause zu lassen, aber sie erwiderte: ohne Angst zu haben, keine Deckung
schen dem 6. November 2008 und „Wir können die Raketen nicht unser zu finden.
Leben kontrollieren lassen.“ Wir waren
dem 15. Februar 2009 – dem Zeit- ca. 15 Minuten von unserem Haus ent- [3. Januar 2009] Israelische Bodentruppen
raum als zwischen israelischer Ar- fernt, als wir den Raketenalarm hörten. rücken im Gazastreifen vor. Wenige Tage spä-
Wir konnten uns nirgends verstecken ter ist der Großteil der Küstenregion besetzt.
mee und palästinensischen Milizen und legten uns deshalb – unsere Köp- Zehntausende Palästinenser flüchten in das
der Gaza-Krieg tobte. fe bedeckend – flach auf den Boden. Zentrum von Gaza-Stadt.
Wir hörten die Raketen in einiger Ent- Peaceman: Israel sagte, es wolle die
fernung vom Himmel fallen. Wir riefen Raketenangriffe aus Gaza beenden
unsere Kinder an, um sicherzugehen, – aber das können sie doch nicht tun,
dass niemand verletzt wurde. indem sie Zivilisten angreifen! Was hier
passiert, ist ein riesiges Verbrechen ge-
[27. Dezember 2008] Die israelische „Opera­ gen alle Gesetze in der Welt.
tion Gegossenes Blei“ beginnt. Ein Großteil
der Polizeiwachen, Regierungsgebäude, Mi- [6. Januar 2009] Bei heftigen Kämpfen um
litärbasen und Raketenabschussrampen im Gaza-Stadt sterben mindestens fünf israeli-
Gazastreifen wird zerstört. Mit mehr als 230 sche Soldaten und 125 Palästinenser. Die UN
Toten – der höchsten Opferzahl an einem Tag warnt vor einer humanitären Katastrophe.
seit 40 Jahren – geht der Tag als „Massaker Weltweit demonstrieren Hunderttausende
des schwarzen Samstags“ in die palästinen- für ein Ende des Krieges.

2222 Njëzet e dy
inde Thüringens, Ilja Rabinowitsch:
rieden im Wege stehen!”
Impressum
ung.” Die UNIQUE ist eine unabhängige Zeitschrift, die sich mit
inter- und subkulturellen Fragen auseinandersetzt. Sie

ige Kilometer voneinander


wird von der Redaktion sechs bis acht Mal im Jahr veröf-
fentlicht. Öffentliche Redaktionssitzungen finden jeden
Donnerstag um 18 Uhr im Haus auf der Mauer* statt.

das wird sich nie ändern.“ Herausgeber:


UNIQUE-Redaktion im Int.Ro
Johannisplatz 26, 07743 Jena
Tel.: 03641/930996 Fax: 03641/930995
E-Mail: unique-magazin@live.de
Hopeman: Am Samstag erhielt ich kam. Der ganze Süden Israels, inklu-
Webseite: www.unique-online.de
die Nachricht von einem Freund aus sive größerer Städte wie Ashkelon,
Sderot, dass die israelische Luftwaffe Beer Sheva und Ashdod, geriet unter
einen groß angelegten Angriff star- Beschuss. Pro Tag werden zwischen 60 Chefredakteure: Fabian Köhler (fabik) – V.i.S.d.P.
tet und die Einschläge sogar in Sderot und 100 Raketen aus Gaza abgeschos- Lutz Thormann (Luth)
zu hören seien. Ich war mit meiner sen. Vier Menschen wurden getötet, Redaktion: Anna Etienne, Carola Wlodarski (Caro), Chris-
Familie im Norden Israels. An diesem Dutzende verletzt und Tausende, die toph Matiss (Chrime), Florian Keil (gullyterrorist), Frank
Abend kehrte ich zurück nach Hause. bisher nicht betroffen waren, stehen Kaltofen, Heike Fröhlich, Jura Hölzel (Jura), Lutz Granert
Meine Frau und Kinder bleiben vorerst unter Schock.
(LuGr), Ralf Rohmann (gonzo), Robin Korb (rokko rehbein),
im Norden.
Sebastian Schieweck (Seba), Stefan Berke (bergi), Ste-
[17. Januar 2009] Israel ruft einen einseitigen
ven Hopp (Montana Otterbein), Thibaut Boeder (ThiBo),
[13. Januar 2009] Nach Angaben der israeli- Waffenstillstand aus. In der Folge ebben die
schen Armee schossen palästinensische Mi- Angriffe auf beiden Seiten langsam ab. Insge- Tilmann Fruntke (ture), Turian da Silva (Tsil), Zwetelina
lizen bis zum jüngsten Zeitpunkt fast 800 Ra- samt starben während des Kriegs 13 Israelis Vassileva-Nickl (Zweta)
keten und Mörsergeschosse auf israelisches und – nach unterschiedlichen Angaben – bis Lektorat: Lutz Thormann, Carola Wlodarski
Gebiet ab. Auch an der libanesischen Grenze zu 1.450 Palästinenser. Satz & Layout: Fabian Köhler, Stefan Berke, Steven Hopp
kommt es zu vereinzelten Angriffen. Peaceman: Gestern war der erste Tag Bilder: Redaktion, insofern nicht anders angegeben
Peaceman: Ich bitte die internationale des Waffenstillstands, nach 23 Tagen Onlinebetreuung: Patrick Mehner, Tilmann Fruntke,
Gemeinschaft zu beenden, was sich der Zerstörung und des Tötens. Mehr
Fa­bian Köhler
in Gaza abspielt. Hoffentlich kehrt die als 1.300 Menschen kamen ums Leben,
Diese Ausgabe wurde außerdem unterstützt von:
Waffenruhe bald zurück. Gewalt wird nur 6.000 wurden verletzt, Tausende Ge-
Albana Ulaj, Andreas Hänisch, Annette Schlemm, Juliane
mehr Gewalt erzeugen. Danke an mei­ bäude zerstört. Ich hoffe, der Waffen-
nen Freund Hopeman für die anhaltende stillstand markiert den Beginn einer Sandner, Kathleen Butz, Katja Barthold, Nicole Bergner,
Unterstützung während des Krieges. neuen Zukunft und bietet Hoffnung Roman Gherman
"Killerspiel" auf ein Ende des langen Leides … Druck: Schöpfel, Weimar
[15.Counterstrike
Januar 2009] Israelische Truppen beschie- Auflage: 4.000 Exemplare
ßen das größte Krankenhaus Gazas, gleichzei- Hopeman: Peaceman und ich reden
tig das Hauptquartier der UNRWA. Während jeden Tag miteinander. Auf beiden Die UNIQUE und all ihre Inhalte stehen,
Israel behauptet, palästinensische Kämpfer Seiten herrscht Angst und Leid. Wir
insofern nicht anders gekennzeichnet, unter
hätten sich in den Gebäuden verschanzt, ver- sind nur wenige Kilometer vonein-
einer Creative Commons-Lizenz. Alle Inhalte
urteilt die UNRWA die Erklärung als „Blödsinn“. ander entfernt und das wird sich nie än-
dürfen weiterverbreitet werden, insofern
Hopeman: Die letzten sechs Tage wa­ dern. Es ist extrem wichtig, den Dialog
ren extrem schwer. Zum ersten Mal gab auszuweiten und Vertrauen zwischen der Autor genannt wird und die Texte bzw. Bilder nicht
es zwei Tage, an denen nur wenige Ra- denen aufzubauen, die bereit sind zu kommerziell genutzt werden. Näheres findet ihr unter:
keten von Gaza nach Israel abgeschos- reden, um unsere Geschichten, Ängste creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/legalcode
sen wurden – bis der Gegenangriff und Hoffnungen auszutauschen.
Wir freuen uns jederzeit über eingereichte Leserbriefe,
Artikel und Fotos von außerhalb. Es besteht jedoch kei-
ne Veröffentlichungspflicht. Anonym eingesandte Manus­
kripte finden leider keine Beachtung. Namentlich gekenn-
zeichnete Artikel müssen nicht der Meinung der Redak-
tion entsprechen. Die Redaktion behält sich die Kürzung
von Leserbriefen vor. Für den Inhalt von Anzeigen ist die
Redaktion nicht verantwortlich.

Njëzet e tre 23
Weltweit

Der Triumph Huxleys über Orwell


Interview mit dem Journalisten und Buchautor Boris Reitschuster, Leit-
er des Moskauer Büros des Focus, über die Medienpolitik in Russland.
UNIQUE: Während des letzten Gasstreits zwi­ Fernsehen und die anderen großen Medien trichtern den
schen Russland und der Ukraine warfen sich Menschen von früh bis spät ein, wie erfolgreich Putin ist, wie
beide Konfliktparteien einseitige Berichterstat- er die Probleme des Landes meistert usw. Die meisten Russen
tung vor. Wie haben Sie das in den russischen glauben daran natürlich, obwohl sie im Alltag erkennen, dass
Medien wahrgenommen? Reitschuster: Dort Vieles im Argen liegt. Die Propaganda behauptet jedoch ge-
wurde über die Auseinandersetzung ausgespro- schickt, überall in der Welt sei das so, nirgends gebe es wahre
chen einseitig und propagandistisch berichtet. Demokratie, einen Rechtsstaat oder soziale Gerechtigkeit.
Die Fernsehnachrichten anzuschauen ging bis an Dass es in Deutschland etwa ein halbwegs funktionierendes
die Schmerzgrenze – derart plump wurde dort Stimmung Gesundheitssystem gibt oder dass unsere Gerichte unabhän-
gemacht und Propaganda verbreitet! gig sind – das weiß in Russland kaum jemand! Den Menschen
wird ständig weisgemacht, dem Rest der Welt gehe es noch
Immerhin haben die Menschen in Russland die Möglich-
schlechter. Neue Praktikanten glauben mir z.B. oft nicht, dass
keit, sich auch abseits staatlicher Medien, also im Internet
ich in Deutschland noch nie einen Polizisten bestochen habe
oder mittels unabhängiger Zeitungen, zu informieren.
oder kein Bakschisch [Schmiergeld – Anm. d. Red.] zahlen
Werden diese kritischen Informationsquellen von brei­
muss, um an einen Pass zu kommen. Unzufrieden mit der
teren Bevölkerungsschichten genutzt? Nur ein verschwin-
Regierung sind diejenigen, die besser informiert sind und die
dend geringer Prozentsatz der Russen nutzt sie regelmäßig.
Propaganda durchschauen.
Solang sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nur
über die staatlich gesteuerten Medien informiert, kann sich Mussten Sie persönlich schon Zusammenstöße mit der
der Kreml ein paar Feigenblätter wie z.B. die Nowaja Gaseta Staatsmacht erdulden? Mir wurde mitgeteilt, mit meinen
leisten. Das staatliche Fernsehen ist wie zu Sowjetzeiten ein Büchern hätte ich mein Todesurteil unterschrieben. Moskaus
reines Propagandainstrument. Wer ausschließlich russische Botschafter in Berlin beschwert sich regelmäßig. Ich wurde
Nachrichten schaut, wird den Eindruck gewinnen, Putin sei festgenommen, von der Polizei verprügelt und mit dem Auto
der Retter Russlands. absichtlich angefahren. Die Verantwortlichen wurden nie zur
Rechenschaft gezogen. Das Signal ist eindeutig: Journalisten
Hat sich die Berichterstattung der russischen Medien seit
sind vogelfrei! In den Kommentarspalten staatlicher Web-
dem Wechsel im Präsidentenamt im Frühjahr 2008 verän-
seiten werde ich als Saujude, Goebbels und Münchhausen
dert? Im Vergleich zu Iwanow gilt Medwedew doch eher
beschimpft.
als Liberaler … Beide gehören dem gleichen Petersburger
Zirkel um Putin an. Innerhalb dieses Clans, der den russischen Noch einmal: Wie beurteilen Sie ganz allgemein die Be­
Staat für seine Zwecke privatisiert hat, ist Medwedew in der Tat richterstattung russischer Medien? Ich würde sagen, nicht
jemand mit liberaleren Ansichten. Vor allem hat er keine KGB- die Prognose von George Orwell, Bücher werde man verbie­
Vergangenheit, er ist offener, weniger zynisch. In der tatsächli- ten, hat sich bewahrheitet, sondern die von Aldous Huxley:
chen Hackordnung des Petersburger Putin-Clans steht Med- Man wird die Leute so weit bringen, dass sie nicht mehr lesen.
wedew aber nicht ganz oben. Dort finden sich Hardliner wie Es wird heute viel geschickter manipuliert als zu Sowjetzeiten,
Putins enger Vertrauter und Vizepremier Igor Set­schin, eben- eine Zensur im klassischen Sinne braucht man nicht mehr. Es
falls ein Ex-KGB-Mann. Die große Frage ist, ob Medwedew mit reicht, die wichtigsten Medien zu steuern, dazu ein wenig Ein-
ihnen brechen kann. Es wäre in jedem Fall sehr riskant für ihn, schüchterung und ein bisschen Korruption.
aber überaus wünschenswert für das Land.
In welche Richtung entwickelt sich das alles? Die Tendenz ist
Studenten gelten gemeinhin als eher kritische Medien- eindeutig: Die Medien werden als Instrument der Herrschen-
konsumenten. Unterscheiden sie sich in diesem Punkt von den gesehen und dementsprechend genutzt. Diese Praxis
anderen Bevölkerungsteilen? Die Mehrzahl der Studenten entspricht genau dem, was Putin und seine Vertrauten an
ist unpolitisch. Meinungsumfragen ergaben, dass in Russland den KGB-Hochschulen gelernt haben. Nur setzen sie es heute
– anders als im Westen – oft die Älteren die kritischeren Geis- auch um. Diese Leute glauben durchaus aufrichtig daran, eine
ter sind. Sie hinterfragen die Dinge, während die Jüngeren freie Presse gäbe es nicht bzw. im Westen sei alles genauso
eher zu Konformismus und Angepasstheit neigen. manipuliert. Dieser Glaube, der auch der Bevölkerung täglich
eingeredet wird, ist die eigentliche Tragödie Russlands. Das
Findet in den Sendungen der großen Fernsehsender
Land könnte nie von heute auf morgen demokratisch oder
wenigstens eine humoristische Auseinandersetzung mit
rechtsstaatlich werden. Ein guter Anfang wäre es aber, man
der russischen Tagespolitik statt? Nein, dort sind allenfalls
machte die Menschen nicht ständig glauben, die bestehen-
harmlose Witze erlaubt. Über einen Minister darf schon mal
den Missstände seien naturgegeben oder gar Errungen-
gelacht werden, in keinem Fall aber über Putin. Aus Angst,
schaften.
etwas Despektierliches könnte über die Bildschirme flim-
mern, gibt es z.B. überhaupt keine Live-Sendungen mehr. So
Vielen Dank für das Gespräch!
kann man alles, was nicht ins offizielle Bild passt, einfach raus­
schneiden.
Sind die Russen mit ihrer Regierung mehrheitlich zufrie- Das Interview führte Jura.
den bzw. welche Bevölkerungsgruppen sind es nicht? Das Das komplette Interview findet ihr auf www.unique-online.de

24 Njëzet e katër
E i nte r n
UNIQU
Sozial Aktiv:

Zuhause
Kein Laden,
sondern ein
(T)Raum …
Jura
von Annette Schlemm Gleichzeitig setzen sich weltweit soziale
und ökologische Bewegungen für eine

E
in Umsonstladen ist ein Projekt der Rückgewinnung und den Schutz der
gegenseitigen Hilfe, bei dem Men- Gemeingüter (Commons) ein, die alle
schen nützliche Dinge abgeben und Menschen zum Leben brauchen (Was-
mitnehmen können, ohne dass dabei Geld ser, Land etc.). Es entwickeln sich An-
bezahlt werden muss oder die Dinge direkt fänge einer Wirtschaft, die nicht mehr
gegeneinander getauscht werden müssen. durchs Nadelöhr der Shareholder-Pro-
fitinteressen schlüpfen muss: selbstbe-
Im Umsonst(T)raum in Jena gibt es Dinge stimmt, selbst organisiert, mit Spaß an
ohne Geld und Menschen verschenken der Kooperation und Freude am Neh-
Sachen ohne Gegenleistung. Ist hier der men und Geben.
Traum vom Schlaraffenland wahr gewor-
den? Nun, auch bei uns wächst nichts auf Der Umsonst(T)raum versteht sich
den Bäumen. Aber wir kümmern uns da­ dabei als ein Baustein, als ein Ort, wo
Jura schreibt seit knapp einem Jahr für die rum, dass brauchbare Konsumgüter nicht ein anderer Umgang mit den Dingen,
vorzeitig weggeworfen werden und Men- die wir brauchen, erprobt wird. Wenn
UNIQUE. Wofür man ihn liebt? Dafür, dass schen nehmen können, was sie benötigen. wir es wollen bzw. ihr und genügend
er von Afghanistan-Soldaten bis Russland- Für Studierende gibt es z.B. Haushaltsge- Menschen mitmachen, können wir
genstände, die in einer Küche immer mal auch Werkstätten zum Selberbauen
Korrespondenten alles und jeden kennt. gebraucht werden: Tassen, Teller, manch- und Vieles mehr gründen. Während
Warum man ihn hasst? Weil Redaktions- mal auch Kaffeemaschinen, Bücher, CDs, der Öffnungszeiten könnt Ihr uns gern
Taschen, Spielsachen und Vieles mehr war- besuchen. Wer selbst Öffnungszeiten
sitzungen und der Redaktionsschluss für ihn tet auf neue Nutzerinnen und Nutzer. Für betreuen möchte, ist ebenfalls herzlich
unbekannte Welten sind. Kleidung haben wir keinen Platz, die bitten willkommen. Besonders interessiert
wir gleich zum DRK-Laden zu bringen. sind wir auch an Menschen, die weiter-
führende Ideen und Praktiken mitentwi-

Lutz Natürlich kommt dieser Ort vor allem jenen


zugute, die wenig Geld zum Kaufen haben.
ckeln wollen. Kommt direkt vorbei oder
meldet Euch über die unten genannten

Th. Aber es geht nicht nur darum. Wir wollen


mit unserem Umsonst(T)raum auch ein
Keim dafür sein, dass nicht immer mehr Be-
reiche des Lebens der Geldlogik unterwor-
Webseiten.

Wir sehen uns!

fen werden. Wir verteilen erst einmal nur


den Überfluss dieser Gesellschaft.

An unseren Computern kann man Freie


Software herunterladen und sich beraten Anschrift:
lassen, wie man sie nutzt. Wir informieren Umsonst(T)raum Jena
darüber, wie sich Menschen auf der ganzen Unterm Markt 2
Welt zusammengetan haben, um ihre Zeit 07743 Jena
freiwillig und ganz ohne kommerzielle In- (gegenüber dem Kirstenschen Haus,
teressen der Herstellung solcher Software 1. Etage, in den Räumen des MobB e.V.)
zu widmen. Bisher funktionierte das nur bei
Computerprogrammen und anderen Kul- Öffnungszeiten:
turgütern wie Musik, Texten usw. (unter der Mo, Di, Mi, Fr: 10-12 Uhr
Creative-Commons-Lizenz). So langsam Di zusätzlich von 16-18 Uhr
Lutz Th. schreibt seit sieben Monaten für die schwappt die Praxis des selbst organisier- Do: 17.30-19.30 Uhr
UNIQUE. Wofür man ihn liebt? Dafür, dass er ten, unentgeltlichen Tuns aber auch über in Zu all diesen Zeiten ist auch unser
den Hardwarebereich: Außerhalb kommer- Medien-Café geöffnet.
der einzig fähige Lektor ist, den die UNIQUE zieller Unternehmen entwickeln Menschen
je hatte. Warum man ihn hasst? Dafür, dass gegenständliche Produkte und stellen die Internet:
dazugehörigen Konstruktionsunterlagen www.umsonsttraum.org
er weiß, dass er der einzige fähige Lektor ist, im Internet frei zur Verfügung. zw-jena.de/mensch/commons01.html
den die UNIQUE je jatte.

Njëzet e pesë 25
Zuhause

CU L8ER C4!
Oder: Wenn’s am schönsten ist, soll man weitermachen …

von bergi zu planen und die Räumlichkeit auf viel- eine stärkere Zusammenarbeit von
fältigste Weise zu nutzen. Menschen, Wirtschaft und Kultur, kann dazu aber

I
m schönen Jahre ’98 des letzten Jahr- denen an der Bildung von Netzwerken gerade keine verbindlichen Aussagen
hunderts fanden sich einst junge gelegen ist, die all die gesammelten Er- treffen. Bleibt es also wieder an den Bür-
Kulturverbesserer im Clubhaus zu fahrungen in diesen Bereichen nur zu gern hängen …
Saalfeld ein, um unter dem Titel „Kultur- gern teilen. Menschen, deren Ziel es ist, Wer ca. 800 m2 Lagerraum für den er-
schock #1“ Ausstellungen und alternati- „die Schranken in den Köpfen“ wieder wähnten Zeitraum zur Verfügung stel-
ve Veranstaltungen zu organisieren. Ziel aufzumachen. len kann, melde sich bitte umgehend
war es – wie so oft – nicht den Geldbeu- Und so zeugt die Historie  von unter info@caleidospheres.de. Oder
tel zu füllen oder dem Zuschauer kon- einem mannigfaltigen und in Jena noch besser: Einfach mal vorbeischau-
sumfertige Plastiken zu disponieren, vergleichslosen Kulturtreiben bis zum en. Zum Beispiel zur besten Band der
sondern das, was da unter Kunst und heutigen Tag, auch außerhalb der ge- Welt, „The World/Inferno Friendship So-
Kultur verstanden wurde, zu leben und heiligten Hallen. Neben Ausstellungen, ciety“, am 27. Julei im Bauhausjahr.
weiterzugeben. Resultat war nicht zu- Feriencamps und jeder Menge Theater
letzt die Gründung des Caleidospheres- gibt natürlich die Musik den Ton an. Ne- http://caleidospheres.de/history.html
Vereins, der sich just nach der Jahr- ben derartigen Veranstaltungen stellte
tausendwende ans Werk machte, das und stellt das C4 auch Proberäume für
Gaswerk Weimar kulturell zu bespielen. Musikkapellen, ein Aufnahmestudio,
Innerhalb eines Dreivierteljahres kamen Ateliers und zeitweise den Raum für
18 junge und überregionale Künstler eine Holzwerkstatt zur Verfügung, was
zusammen, um gemeinsam an einem der erwähnten Netzwerkbildung Tür
einzigen Abend Lesungen, Musik, In- und Tor öffnete. Viele kleine und große
stallationen, Skulpturen usw. – zum Geschichten umranken das alte Gemäu-
künstlerischen Konglomerat geformt er - zu viele für diese UNIQUE-Seite. Wir
– der Öffentlichkeit feilzubieten. kommen zu:

Von Kulturschock bis World/Inferno Freiheit ist Sicherheit – Sicherheit ist


Parkplatz
Die Idee war gut und die Welt offen-
sichtlich bereit, denn schon 2001 folgte Am 31. Juli ist Schluss am Gleis 2. Das
ein ähnliches Projekt im Kassablanca in liegt nicht zuletzt an einer recht an-
Jena. Nach einer Partizipation der Ca- waltlastigen Gesprächskultur seitens
leidomaten beim Kassa-Sommercamp des neuen Eigentümers und den da­
fühlten diese sich langsam heimisch raus entstehenden Missverständnissen.
und – zwischen einer Diskussion über Das C4 – oder besser: dessen Besucher
eine eventuelle Nutzung der alten Ba- – seien ein zu großes Sicherheitsrisiko
racke gegenüber des Kassa bis zum Be- auf dem Werksgelände des prestige-
ziehen derselben als offizielles C4-HQ schwangeren Glasherstellers. Da ist es
– lagen nichts als Initiative, harte Ar- ganz normal, eine Räumungsklage in
beit und vor allem umfangreiche tech- Aussicht zu stellen, sollte oben genann-
nische, logistische und buchhalterische tes Datum nicht eingehalten werden.
Unterstützung durch die Kassanauten. Kein Grund allerdings, den Kopf in den
Laut Ingoratus C. Fritzschelius war die Schotter zu stecken. Das Haus am Gleis
Prämisse von Anfang an klar: institutio­ 2 ist leider verloren, aber die Caleido-
nelle und finanzielle Unabhängigkeit. maten strotzen nur so vor Energie. Was
Es gehe dabei vor allem um Kunst und sie benötigen, ist jetzt ganz konkret ein
Kultur, die privaten Ansprüche sind ne- großes Lager für die Übergangszeit.
bensächlich. Auf die Anfrage bei Schott, den Hal-
Dieses Nicht-Erfolgskonzept war erfolg- lenteil des Hauses im August und Sep-
reich. Abgestoßen oder abgelehnt von tember als Lager benutzen zu dürfen,
etablierten Ausstellungshallen mit Sekt- erhielt man zur Antwort, das wäre über-
empfang und Profi-Portfolio strandeten haupt kein Problem, sofern das gesamte
und stranden unzählige namenlose und Haus gemietet und bei Auszug ordent-
namhafte Künstler in den weiten Hal- liche „Schönheitsreparaturen“ durchge-
len des Caleidospheres. Sie finden dort führt würden. Wie bitte!? Wohlgemerkt
Menschen, die darauf Wert legen, die für ein Haus, das ein Parkplatz werden
Veranstaltungen gemeinsam mit ihnen soll! Die Stadt Jena wünscht sich zwar
Fotos: UweE.de

26 Njëzet e gjashtë
Zuhause
von Luth

S
eit vielen Jahren ist sie eine gute Freundin meines Bru-
ders und meiner Familie. Trotzdem lernte ich sie erst im
Herbst 2007 endlich persönlich kennen. Das liegt vor
allem daran, dass Albana jahrelang das Nomadendasein ei-
ner Staatenlosen fristete und für wirklich jede Auslandsreise
ein Visum benötigte. Nachdem sie 1999 mit ihrer Schwester
vor dem serbischen Militär aus dem umkämpften Kosovo
flüchten musste – ursprünglich kommt ihre Familie aber aus
Montenegro – wurden Städte wie San Francisco, New York,
Århus und Amsterdam ihre nächsten Lebensstationen. Dem-
nächst zieht sie nach Hamburg, um dort ihr Journalistik-Stu-
Kontaktion dium fortzusetzen.
Rein äußerlich und auch von Ihrer Persönlichkeit her unter-
scheidet sie nichts von meinen sonstigen Bekannten und
Freunden. Albana ist lebenslustig und kämpferisch, einer-
seits open-minded, andererseits traditionalistisch, lebt und

b a n
Al Lutz a kritisiert gleichzeitig den westlichen Lifestyle, wuchs in einer
muslimischen Kultur auf, ist aber nicht gläubig, wirkte auf
mich oft nachdenklich und versonnen, hat einen deut-
lichen Hang zum Idealistischen. Ihr Freundeskreis ist so

& international wie meiner wohl nie sein wird. Wenn unse-
re Gespräche auf die jüngere, von gewalttätigen Konflikten
geprägte Geschichte des Balkans kamen, merkte man ihrer Albana (links) und Lutz (rechts)
Mentalität und Diskussionsführung das im Vergleich zu sto-
ischen Mitteleuropäern wesentlich dickere Balkanblut an.
Dieses sympathische Maß an Aufgeregtheit muss man ihr
aber auch zugestehen, hat sie in den 1990er-Jahren doch
Dinge erlebt, die uns in Deutschland zum Glück erspart blie-
ben.

von gonzo

H
eiko, 53 Lenze auf dem Buckel, wehende Schnapsfah- Man muss keine große Reise
ne, schrundige Windjacke, betritt die vormittägliche tun, um dem alltäglichen Wahn-
Straßenbahn mit einem lauthalsigen Knaller: „Früher sinn zu begegnen. In Jena reicht
hieß die Nordschule ja noch Adolf-Hitler-Gymnasium!“ Emsig manchmal schon eine einfache
suchen seine deutlich gelb hinterlegten Augen das Abteil so- Fahrt mit der Straßenbahn. Der
gleich nach potentiellen Touristen ab. Doch niemand scheint Start einer neuen UNIQUE-Serie:
sich angesprochen zu fühlen. Aufgeschnappt!
Aufgeschnappt! Wie ein Schwert schwingt Heiko seine Bierflasche über den
Köpfen der Fahrgäste und verkündet unverdrossen: „Wisst ihr
eigentlich, warum der Spittelplatz früher Spitalsplatz hieß?“
Um dann mit kaum verhohlenem Stolz fortzufahren: „Mein
Vorfahre war ja bedeutender Pestarzt in Jena. Unterm Spit-
telplatz liegen bis heute so viele Pestleichen begraben, dass
man hier in einem heißen Sommer noch immer die Verwe-

ei k o sungsgase

r
riechen kann!“ Heiko grinst lang und breit
durch seine mahagonifarbenen Zähne, steckt

H ü h r e voller nützlicher historischer Informationen:


„Als Napoleon mit seiner Grande Armée

a dt f auftauchte, versteckten sich viele Jenaer


Frauen in Männerkleidern, um einer Vergewalti-

r S t gung zu entgehen. Auch Ziegen und Kühe wurden wie

de
Menschen bekleidet, um nicht als mögliches Mittagessen be-
trachtet zu werden.“
Er setzt sich auf den frei gewordenen Platz neben mir, leert
sein Bier in einem Zug und beginnt schallend ein Martini-
lied-Cover zu singen: „Dar Jenzig steht scho’ seit Tausenden
Jahr’, rabimmel, rabammel, rabatz! Dar Hanfried steht so seit
Hunderten Jahr’, rabimmel, rabammel, rabatz! Doch ich weeß
scho’ heut’ nich’, wo’sch gestern war, rabimmel, rabammel, ra-
batz!“ Und so fahren wir alle dahin.

Njëzet e shtatë 27
Zuhause

Foto: Christian Mayrhofer

Das emanzipierte Deutschland


Seit sechs Jahren lebe ich in Deutschland. Dinge, die für Deutsche normal
sind, erscheinen mir fremd. Sind deutsche Frauen ������������������������
„�����������������������
normal�����������������
“����������������
? Aus meiner Si-
cht sind sie anders.

von Roman Gherman Die junge Frau hat einen Rucksack auf angeboten, die aus meiner Sicht – na ja
dem Rücken und einen mittelgroßen – nichts Besonderes waren.

I
ch beobachte gern Menschen. Ein- Koffer in ihrer linken Hand. Wahrschein- Nur einmal hatte ich Erfolg, und dieses
fach so, ohne Grund. Die meisten lich sind das die Hormone, die beim eine Mal handelte es sich um eine Frau,
eilen irgendwohin, gucken ständig Streicheln des Pos in den Körper freige- die meiner Einschätzung nach Mitte 40
auf die Uhr, ihr ganzer Körper vermittelt setzt werden und der Frau besondere war und zudem einen Rock trug. Wahr­
Spannung, ihr Blick verliert sich in je- physische Stärke verleihen, sodass sie scheinlich war sie noch altmodisch und
nem abstrakten, unbestimmten Punkt, glücklich und mit einer vor Anstren- schaffte es nicht mehr sich zu emanzi­
der nur ihnen bekannt ist. Dieser Punkt gung zitterten Hand die Treppe hinun- pieren. Während eines Treffens der
liegt meistens irgendwo hinter den Ge- terstieg – und so aus meinen Augen Gruppe, in der ich mich engagiere, re-
sichtern der Menschen, die den „Betrof- verschwand. Vielleicht ist das einfach deten wir über die Aufgabenverteilung.
fenen“ entgegenlaufen. Am liebsten ein modernes, emanzipiertes Pärchen Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam,
beobachte ich unterschiedliche Frauen. und der junge Mann macht sich auf eine aber Frau M. meinte: „Eine moderne,
Mit oder ohne Hut, in Absatzschuhen andere Art und Weise nützlich, die für emanzipierte Frau lässt sich die Tür nicht
und in Vans, modisch oder gar elegant mich noch nicht nachvollziehbar ist. aufhalten …“ Ich fragte sie, was sie un-
angezogene, und diejenigen, die – na ter Emanzipation verstehe, aber wie im-
ja – aus meiner Sicht nichts Besonderes Die Frauen wissen, was sie wollen mer wurde meine Frage einstimmig als
sind. Abweichung vom Thema verstanden,
Dieses Mal warte ich auf meinen Zug, Die Fahrt dauert 30 Minuten, ich be- und so bekam ich keine Antwort. Als
auf diesen großen Staubsauger, der die gebe mich zur rechten Tür. Auch wenn das Tref­fen zu Ende war, lief ich neben
Menschen unterschiedlichster Art und ich schon lange in Deutschland lebe, Frau M. zur Tür und hielt diese auf. Ein
Größe auf den Bahnsteig ausspuckt, gibt es bestimmte Reflexe, die ich dank charmantes, freundliches Lächeln war
wieder einsaugt und dann verschwin­ meines Migrationshintergrundes noch die erste Reaktion, plötzlich gefolgt von
det. Mein Zug hat Verspätung. Das ist nicht verloren habe. Zur Tür kommt eine Wol­kendunst. Sie ging hindurch und
keine Neuigkeit und sollte für viele junge Frau, die einen großen, schweren warf ein „Danke!“ über die Schulter.
Menschen ein Zeichen des Lebens und Koffer trägt. Beim Aussteigen biete
der Zufälle sein. Menschen gucken auf ich ihr meine Hilfe an. Zur Antwort er- Wie Frau zum Mann wird
ihre Uhren, schütteln den Kopf und fan- halte ich einen schockierten Blick voller
gen an zu meckern. Gäbe es diese Ver- Angst und Unverständnis. Ihre Finger In einem ZEIT-Artikel mit dem Titel
spätung nicht, so würden alle, dem line­ greifen noch fester an die Seiten des „Bewerbung als Hausmann“ wundert
aren Lebensablauf folgend, einsteigen, Koffers, sodass sie vor Anstrengung sich der Herr Martenstein, warum es
zwei Sitze für sich und den Rucksack re- fast blau werden. Als sie auf dem Bahn- immer mehr Bücher über die Freuden
servieren, und hätten dann nichts mehr steig steht, dreht sie sich um und meint des Vaterseins gibt, man im Buchladen
zu erzählen. halb unfreundlich, halb ironisch: „Nein aber nichts über das Mutterglück findet.
danke! Ich bin stark genug.“ Ich lächele Beim Lesen des Artikels fiel mir plötzlich
Zwischen Selbstfindung und nur und gebe mir selbst gegenüber zu, Arnold Schwarzenegger ein. In seinem
Verzweiflung dass es diesmal aus reinem Zufall eine Film „Junior“ brachte er es auf den Punkt:
sehr hübsche Frau ist. Vielleicht hat sie Erst wenn auch die Männer schwanger
Auf den Bahnsteig gegenüber steigt ein Angst, dass ein altmodischer Mann sie werden können, erst dann könnten wir
Pärchen aus. Der junge Mann ist groß kennenlernen möchte, wer weiß! von einer vollständigen Emanzipation
und scheint stark zu sein, in seiner rech­ Leider funktionierte es bei den anderen sprechen.
ten Hand trägt er eine H&M-Tüte, mit Frauen auch nicht, denen ich ab und zu
seiner Linken umarmt er seine hübsche während meiner Zugreisen begegnete.
Freundin und streichelt sanft ihren Po. Dabei hatte ich meine Hilfe selbst denen

28 Njëzet e tetë
Portrait Lidjia Wartmann-Buratajewa

Zuhause
und Svetlana Cholutaeva
Fast jeder im „Haus auf der Mauer“ und sicherlich zahlreiche Menschen in
und um Thüringen kennen bereits die beiden aufgeschlossenen Kalmücken
Svetlana und Lidija. Doch was ist ein Kalmücke?

von bergi kriegs, der Jubiläen des Grundgesetzes Glaube und der Kontakt mit anderen
und der deutschen Einheit eine Ausstel- Kulturen und Minderheiten. Sie sind

K
ein Problem, meistens reichen lung im „Haus auf der Mauer“ statt. äußerst neugierig und wissen z.B. – im
fünf Minuten, und Lidija hat dem Außerdem repräsentieren sie die stu- Gegensatz zu mir – warum wir Pfings-
geneigten Zuhörer bereits voller dentische kalmückische Hochschul- ten feiern oder wie genau der demokra-
Eifer einen groben Abriss der kalmü- gruppe in Jena, die immer wieder auch tische Alltag im Bundestag abläuft. Ziel
ckischen Geschichte, Geographie und den Kontakt mit anderen ausländischen ihres Engagements ist es, wie gesagt,
Lebensart, einschließlich ihrer persön- Studierenden sucht, „um Schranken das Verständnis für das Leben von Min-
lichen Erfahrungen und Beweggründe abzubauen und sich gegenseitig zu derheiten zu verbessern und über die
vermitteln können. Kalmückien ist eine helfen.“ Dazu gehört natürlich ein um- Geschichte aufzuklären. Ein wichtiger
autonome Republik in Südrussland, fassender Vergleich der kalmückischen Schritt in diese Richtung ist die Erarbei-
gelegen zwischen Kaspischem und Sprache als Träger von Kultur und Tradi- tung einer umfangreichen Dokumen-
Schwarzem Meer. Seine Einwohner sind tionen mit anderen Sprachen, und dazu tation der Ereignisse, für die sie immer
bekannt als Europas einzige buddhisti- wiederum gehört auch eine tiefere Ein- noch Mitstreiter suchen – gibt es ihres
sche Volksgruppe und lebten lange Zeit sicht in das gesellschaftliche und poli- Wissens nach doch kaum mehr als zwei
als Nomaden in dieser Steppenland- tische Gefilde unseres Landes, den sich aktive Kalmücken auf einmal in deut-
schaft. Svetlana beispielsweise während eines schen Städten.
„Für uns ist es wichtig, den interkultu- fünfmonatigen internationalen Prakti-
rellen Dialog zu fördern und dadurch kums im Bundestag verschaffen konnte.
Missverständnisse und Vorurteile abzu- Schnell merkt man, dass für sie Dinge,
bauen, die beispielsweise durch die ver- die uns völlig normal erscheinen – zum
Beispiel der hohe Frauenanteil unter
den Abgeordneten, ein solides Grund-
gesetz und überhaupt das schriftliche
Festhalten von Geschichte – von gro­
ßem ideellem Wert sind.
Gerade Letzteres ist ihnen ein großes An-
liegen, da die kalmückische Geschichte
kaum anders als mündlich überliefert
wurde. „Geschichte ist immer subjektiv,“
geben sie zu. So vertritt die russische
Regierung z.B. eine ganz eigene Inter- Svetlana beim Praktikum im Bundestag
pretation der Ereignisse unter Stalin,
so wie jeder einzelne Kalmücke auch. Während der Ausstellung in der Goethe
Im Zweiten Weltkrieg dienten fast alle Galerie bekamen sie Besuch von einem
Lidija männlichen Erwachsenen dieses Volkes älteren Herrn, der als Wehrmachtssoldat
demonstriert an der Seite der sowjetischen Armee, in Kalmückien stationiert war. Aufgrund
die traditionelle bis am 28. Dezember 1943 sämtliche einer Verletzung wurde er wieder in die
Lebensweise Kalmücken zu Kollaborateuren der Na- Heimat geschickt und entging so wahr-
schiedenen Sprachen und Gebräuche zis erklärt und nach Sibirien deportiert scheinlich dem Ende in einem sowje-
entstehen.“ Dieses Engagment der bei- wurden – zu „Arbeitszwecken.“ Während tisch-deutschen Massengrab.
den merkt man nicht nur beim Plaudern der 13-jährigen Verbannung war es ih- Heute spendet er einen Teil seiner Ren-
im Int.Ro-Büro, sondern vor allem an der nen teilweise verboten, Kalmückisch zu te für eine ordentliche Bestattung der
Vielzahl von Projekten, die sie initiiert sprechen. Daraus resultieren bis heute gefallenen Soldaten beider Seiten. Die
haben oder an denen sie teilnehmen. Vorbehalte gegenüber der Sprache und Begegnung war für ihn – wie für die
In den letzten Jahren organisierten sie der damit verbundenen Identität dieses beiden Kalmücken – ein wichtiger und
Ausstellungen und kalmückische Mär- Volkes. aufwühlender Moment und laut Lidija
chenstunden in der Goethe Galerie, Natürlich existieren zu diesen Vorgän- „die ganzen Anstrengungen wert. Er
der FSU und FH Jena, zur Jugendwoche gen keine Akten von russischer Seite, soll wissen, dass wir ihn segnen.“ Bleibt
„Come Together“ in Saalfeld, an der Uni und eine offizielle Rehabilitation er- zu erwähnen, dass jeder, der sich mit
Erfurt oder im Völkerkundemuseum in folgte nicht vor 1993. Lidjia, die während Lidjia und Svetlana unterhält, nicht nur
Herrnhut. Von dieser Stadt gingen seit der Deportation zur Welt kam, hat ihre viel Interessantes über die Kalmücken,
dem 18. Jahrhundert vermehrt Mis- eigenen Erinnerungen an diese Zeit. sondern auch über seine eigene Kultur
sionsversuche in Kalmückien aus. Im Doch die beiden bewahrten sich, wie erfahren kann.
Mai dieses Jahres fand im Rahmen des die meisten ihrer Gemeinschaft, ihren
Jahrestags des Endes des Zweiten Welt- Optimismus. Dabei helfen ihnen ihr

Njëzet e nëntë 29
GLOSSE

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Pornoportale im Internet
von LuGr von gullyterrorist

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echner an, rein ins Internet, Webseite aufrufen, Hose runter, leisch für Phantasie: Kein Wunder, dass bei diesem Tauschhan-
Spaß haben. Peinliche Besuche in Videotheken oder Pornoki- del in Zeiten kapitalistischen Wettstreits um Zuschauerzahlen
nos, die es heute wahrscheinlich nur noch in osteuropäischen die Phantasie irgendwann aufs Fleisch zurückschlagen musste.
Großstädten gibt, bleiben modernen Nutzern von Pornoportalen im Heraus kamen dabei Filmkategorien wie Bukkake-, Fisting- und Fick-
Internet erspart. Wie meine intensiven Recherchen ergaben, listet al- mich-hart-bis-ich-blute-Pornos. Dass mit alldem eine krasse Entwür-
lein Google beim Suchwort „Sex“ „ungefähr 770.000.000“ Treffer auf. digung der weiblichen Darsteller einhergeht – egal ob diese nun aus
Nach der Eingabe von „free porn“ – das sind kostenfreie Seiten von Zwang oder Geldnot handeln – wird eher selten erwähnt.
Laufbildern mit sexuellem Inhalt – bleiben oben rechts im Browser- Ähnlich wie im Fernsehen hat der Wettstreit um die meisten Kon-
fenster immerhin noch 81.100.000 Suchergebnisse stehen. sumenten auch die Angebote der modernen Pornoportale verän-
Mit einer gewissen Kenntnis der entsprechenden englischen Über- dert. Neben dem altbackenen Mainstream-Hetero-Lesben-Pornos
setzungen eigener sexueller Vorlieben und einer geübten rechten haben unlängst orgiastische Vereinigungen sexueller Randgruppen
Hand erhält man auf den einschlägigen Pornowebseiten sexuelle wie Shemales, Cock & Ball Torture Porners und Muffdiver, ja sogar
Befriedigung heutzutage schneller als man „Palme wedeln“ sagen Hermaphroditen und Midget Fetishs Einlass ins World Wide Web er-
kann. Und das ist auch gut so: Pornografie ist das Ventil, durch das halten. Eine riesige Auswahl unterschiedlichster Videos steht dem
die aufgestaute Lust entweichen kann, Sexualverbrechen nehmen geneigten Pornokonsumenten zur Verfügung.
dadurch nachweislich ab. Bekanntermaßen mangelt es den begehrten Filmchen oft an Niveau
Alice Schwarzer und vergleichbar hässliche Emanzen, die uns Män- und Handlung („Ja verdammt, da liegt halt STROH!“), was wohl de-
nern den Spaß rauben wollen („PorNo“), können so lange Galle ren eigentliche Zielsetzung, die sexuelle Stimulation des Betrach-
spucken wie sie wollen. Gegen die demokratische Penetration des ters, hervorheben soll. Stellen sich die Fragen: Wie schauen heutige
Internets, welche es Jedem und Jeder ermöglicht, eigene Clips Plots aus und was hat sich geändert? Retro-Pornos der 1970er- und
hochzuladen oder sich auf fremde Fleischeslust gepflegt einen run- 1980er-Jahre, in denen ein längeres, zärtliches Vorspiel noch eine
terzuholen, kommen sie nicht an. Die Würde der Frau werde ver- andere Spielart von Erotik zuließ, finden heute weniger Anklang.
letzt, heißt es da immer wieder, doch scheint bei der „Emma“ noch Seit dem Beginn der Scham- und Achselglatzenära ordnen die meis-
niemand etwas von der Berufsbezeichnung „Pornodarstellerin“ ge- ten Menschen diese Filme sowieso eher der Ekelschiene zu.
hört zu haben. So entsprechen Darstellerinnen zeitgenössischer Pornoproduktio­
Klar gibt es im World Wide Web verschiedenste Variationen von Fe- nen immer mehr dem propagierten 90-60-90-Schminkfressenideal
tischen, Körperflüssigkeiten und Körperteilen in Körperöffnungen und schreien ihre Erregungen (und Schmerzen) geradezu in die Ka-
aller Art zu bestaunen, aber genau diese Vielfalt lobe ich mir – inner- mera. Was zunächst attraktiv wirkt, macht psychisch leider oft krank.
halb der engen Grenzen des Erlaubten, versteht sich. Gut, das mit Viele junge Frauen fühlen sich mit ihrem Körper nicht wohl und mei-
den Urheber- und Persönlichkeitsrechten ist so eine Sache und hat nen, sich im Bett wie ein Pornostar gebärden zu müssen, um dem
auch beim deutschen YouTube schon für einige Problemchen ge- Partner zu gefallen. Auch auf männlicher Seite ist der Hang zu einem
sorgt. Aber gewisse Opfer müssen Männer eben bringen, wenn sie Macho-Ideal alá Alice Schwarzer wiederzufinden. Aufgepumpte
massenhaft Homevideos von sich und ihren Ex-Freundinnen beim Oberarme scheinen den weiblichen Körper zwischenzeitlich nur ge-
Fortpflanzungsakt hochladen, um das Recht auf Pornovielfalt auch fühlskalt in der nächsten Stellung zu fixieren, um den Adoniskolben
zukünftig zu gewährleisten. gleich wieder mit 220 bpm in den weiblichen Unterleib zu prügeln.
Ergo: Anstatt immer nur zu meckern und sich über diesen „Schmutz“ „Bam-ba-ba-bam“, so übertitelt der Pseudostechkönig„Assi Toni“ die­
aufzuregen, sollten Frauen und Männer, die sich gern als „emanzi- se Sexpraktik in einem seiner Internetauftritte.
piert“ bezeichnen, sich erst einmal selbst einen Eindruck verschaf- Zwar ist eine gewisse Rollenverteilung im Bett schon aus rein bio-
fen und dann auch zugeben, wenn ihrem Sexualtrieb aus diesem logischer Sicht vorgegeben, doch ist zu vielen Pornofilmchen anzu-
riesigen Angebot doch etwas gefallen sollte. sehen, dass am Ende die Spiritualität dieser ureigenen Vereinigung
Porno? Fuck, yeah! und damit auch der gegenseitige Genuss am Sex auf der Entertain-
mentstrecke vergessen und nicht vermittelt wird. Fick Dich, Porno!

30 Tridhjetë
Der Int.Ro präsentiert den interkulturellen

Glanzlichter
Veranstaltungskalender für Juni 2009
Den aktuellen Kalender findet ihr unter www.introseite.de!

Fr, 05.06. Mi, 10.06. Mo, 15.06. Sa, 20.06.


21.00 Uhr, UHG Innenhof: Eröff- 20.00 Uhr, denKino: „Durruti“. 09.00-14.00 Uhr, CZ 3, SR 308: 20.30 Uhr, UHG-Innenhof:  „Die
nungskonzert des Festival de Colores Dokumentarfilm über die spanische Infotag zum Studieren im Ausland Fledermaus“ von Johann Strauß.
mit Fanfare Kalashnikov. GypsyJazz Revolution (1939 bis 1936) 19.00 Uhr, Haus auf der Mauer: Universitäts- und Studentenchor &
aus Rumänien 21.00 Uhr, Café Wagner: „Stille „Nach den Sternen greifen...“. Akademische Orchestervereinigung
Sehnsucht - Warchild“ (Wagner, BRD Vorleseabend des FSR Romanistik
Sa, 06.06. / Slowenien 2005) mit musikalischer Untermalung und Di, 23.06.
15.00 Uhr, Glashaus: Lateinameri- kulinarischen Köstlichkeiten 10.00 Uhr, CZ 3 Campus/Foyer:
kanischer Kinder- und Familiennach- Do, 11.06. 19.00 Uhr, CZ 3, HS 7: Austausch­ Jahrmarkt der Kulturen von AIESEC
mittag 18.00 Uhr, Thulb, Vortragsraum: abend von EMSA zu Famulatur, 18.00 Uhr, Philomensa: DAF-
21.00 Uhr, Café Wagner: Brasilia- „Herausforderungen und Perspek- Pflegepraktikum und Praktischem Sommergrillen & Internationale
nische Party tiven der Republik Mazedonien im Jahr im Ausland Modenschau
Hinblick auf den Beitritt in die EU“.
So, 07.06. Dr. Gjorgji Filipov Di, 16.06. Mi, 24.06.
11.00 Uhr, Rathausdiele: Skandi- 20.30 Uhr, Stadtkirche St. Michael: 18.30 Uhr, ESG: Internationaler 20.00 Uhr, denKino: „Wir sind alle
navische und baltische Chormusik. Gipsy Fiddle-Musik mit Csókolom Abend Terroristen“. Dokumentarfilm
Jenaer Madrigalkreis und Kammer- 20.00 Uhr, Philomensa: Internatio-
chors der Jenaer Philharmonie Fr, 12.06. nales Konzert Do, 25.06.
20.15 Uhr, Thalia-Buchhandlung 20.00 Uhr, Café Wagner:  „Celos 19.30 Uhr, Haus auf der Mauer:
Mo, 08.06. (Neue Mitte): Jovan Nikolić liest aun del aire matan“ von Calderón Kurzfilme von Jan Švankmajer. tsche-
de la Barca. Spanisches Theater chischer Filmabend
18.30 Uhr, Haus auf der Mauer:  „In
guter Nachbarschaft? Europäische Sa, 13.06.
Integration und regionale Koopera­ 10.00-17.00 Uhr, Glashaus: Kin- Mi, 17.06. Fr, 26.06.
tion im postjugoslawischen Raum“ der- und Familienfest Balkanica 18.00 Uhr, ESG: JISK-Länderkoch­ 16.00 Uhr, Paradies: Abschluss-
19.00 Uhr, UHG Innenhof: Soirée 22.00 Uhr, Café Ok: Salsa-Party abend Kamerun nachmittag Internatio­nale Tage
Française
So, 14.06. Do, 18.06. Sa, 27.06.
Di, 09.06. 10.00 Uhr, Grünowski: Internatio­ 09.00-13.00 Uhr, Campus EAP: 19.00 Uhr, Schwarzer Bär: 10.
20.15 Uhr, Thalia-Buchhandlung: nales Sonntagsfrühstück Internationales Straßenfrühstück Thüringer Frauenball
LiteraTour durch Südosteuropa 21.00 Uhr, Kollegienhof (Kollegi- 19.30 Uhr, Haus auf der
21.00 Uhr, Kulturbahnhof: Noite de engasse 10):  „Im Land der Skipe- Mauer:  „Bürger Havel“(OmU). tsche- Di, 30.06.
Salsa e Forro taren“. Open-Air-Diavortrag chischer Filmabend 19.00 Uhr, Café Ok: Salsa con
Corazon

von Int.Ro rund um das Studium oder Arbeiten im


Ausland, internationale Kochabende,

S
chöne Traditionen sind eine ein Straßenfrühstück und eine
feine Sache und deswegen internationale Modenschau
sollten sie fortgesetzt sind nur wenige Veranstal­
werden – besonders wenn tungshöhepunkte, die auf
sie jedes Mal auf großes der Agenda stehen. Am 16.
Interesse stoßen. Alljährlich Juni um 20 Uhr werden
im Mai organisiert das die Tage mit einem
Int.Ro die Internationalen Internationalen Konzert
Tage, dieses Jahr unter in der Philosomensa
dem Motto „Culture to eröffnet. Manchmal
go …“. Wir wollen,  dass ist es erstaunlich, das
– beginnend mit dem 15. bekannte Gesicht aus
Juni – unterschiedliche der Vorlesung oder dem
Kul­turen miteinander ins Seminar plötzlich auf der
Gespräch kommen und in Bühne wiederzusehen.
Interaktion treten: durch Unsere Mitstudierenden
Kochen, Tanzen, Singen, zeigen, was sie können
Spielen und einfach Spaß und wie kreativ sie sind, wir
haben. Zusammen mit den setzen Ihnen keine Grenzen.
international ausgerichteten Wollt ihr ir­gendwo mit­ma­chen,
Hoch­schul­gruppen stellen wir ein dann schreibt uns doch einfach
buntes Programm auf die Beine. Infos eine Mail: intro-jena@hotmail.de

Tridhjetë e një 31
Tridhjetë e dy

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