Sie sind auf Seite 1von 51

ÖSTERREICHISCHE AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE KLASSE

UNIVERSITÄT WIEN

VEREIN ZUR FÖRDERUNG DER CHRISTLICHEN ARCHÄOLOGIE ÖSTERREICHS

MITTEILUNGEN ZUR CHRISTLICHEN ARCHÄOLOGIE

Schriftleitung:

Renate PillingeR und ReinhaRdt haRReitheR

Band 17

2011

MITTEILUNGEN ZUR CHRISTLICHEN ARCHÄOLOGIE Schriftleitung: R enate P illingeR und R einhaRdt h aRReitheR Band 17
MITTEILUNGEN ZUR CHRISTLICHEN ARCHÄOLOGIE Schriftleitung: R enate P illingeR und R einhaRdt h aRReitheR Band 17

Gedruckt mit Unterstützung durch die Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät der Universität Wien sowie die MA 7 der Stadt Wien

der Universität Wien sowie die MA 7 der Stadt Wien Umschlagbild: Monogramm Christi an der Decke
der Universität Wien sowie die MA 7 der Stadt Wien Umschlagbild: Monogramm Christi an der Decke

Umschlagbild:

Monogramm Christi an der Decke der Grabkammer mit Anker (Foto: M. Rakocija)

Als internationale wissenschaftliche peer reviewed Zeitschrift von der ÖAW gefördert

Herausgeber:

Österreichische Akademie der Wissenschaften Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien Verein zur Förderung der Christlichen Archäologie Österreichs

Herausgebergremium / Editorial Board:

Renate PillingeR (Hauptherausgeberin) und ReinhaRdt haRReitheR

Redaktionskomitee:

ReinhaRdt haRReitheR und elisabeth lässig

Franz Klein-Gasse 1, 1190 Wien

Internationaler wissenschaftlicher Beirat / International Advisory Board:

achiM aRbeiteR / Göttingen Rajko BRatož / Ljubljana josef Rist / Bochum

kuRt sMolak / Wien

Die verwendete Papiersorte ist aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff hergestellt, frei von säurebildenden Bestandteilen und alterungsbeständig.

Die Mitteilungen zur Christlichen Archäologie (MiChA) erscheinen einmal jährlich als Fortsetzung der Mitteilungen zur Frühchristlichen Archäologie in Österreich [1 (1989) – 6 (1994)]

Für den Inhalt der einzelnen Beiträge sowie die Bildrechte sind allein die Autoren verantwortlich

Alle Rechte vorbehalten ISSN 1025-6555 ISBN 978-3-7001-7188-1

Copyright © 2011 by Österreichische Akademie der Wissenschaften Wien

Satz und Layout: Andrea Sulzgruber Druck und Bindung: Ferdinand Berger & Söhne Ges.m.b.H., A-3580 Horn

http://hw.oeaw.ac.at/7188-1

http://verlag.oeaw.ac.at

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

5

I. ABTEILUNG: Beiträge

Miša Rakocija

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

9

elisabeth lässig

Tanz auf spätantiken Textilien aus Ägypten

51

antonio enRico felle

Note e giunte alle iscrizioni cristiane di Beneventum (ICI VIII)

77

claudia-MaRia behling

Puppen, Tiere und der Ernst des Lebens. Zum kulturhistorischen Aussagewert von Puppen und Tierfiguren aus spätantiker und frühchristlicher Zeit

91

II. ABTEILUNG: Literaturbericht

ReinhaRdt haRReitheR – Michael hubeR – Renate PillingeR

Bibliographie zur Spätantike und Frühchristlichen Archäologie in Österreich (mit einem Anhang zum spätantik-frühchristlichen Ephesos). 2010 erschienene Publikationen und Nachträge

107

MITARBEITER DIESES BANDES

114

VORWORT

Unser diesjähriger Leitartikel möchte schon hinweisen auf das 1700 Jahre-Jubiläum der Mailänder Konven- tion 2013. Der Autor ist der Organisator des alljährlichen Symposiums Niš i Vizantija (Niš & Byzantium) und bringt erstmals in deutscher Sprache einen Gesamtüberblick zum frühen Christentum in der Geburts- stadt Kaiser Konstantins. Der nächste Beitrag stammt aus unserem zweiten Forschungsschwerpunkt und befasst sich mit Tanz auf spätantiken Textilien aus Ägypten. Christliche Inschriften von Benevent aus dem 4. bis 6. Jh. n. Chr. sind Gegenstand des italienischen Artikels. Darauf folgt eine kulturgeschichtli- che Auswertung von Puppen und Tierfiguren aus spätantiker und frühchristlicher Zeit durch eine unserer Nachwuchswissenschafterinnen. Abgeschlossen wird der Band – wie alle vorangegangenen Jahre – durch die Bibliographie zur spätantiken und frühchristlichen Archäologie in Österreich (mit einem Anhang zum spätantik-frühchristlichen Ephesos). Wieder im Advisory board begrüßen dürfen wir unseren langjährigen Gutachter Univ.-Prof. i. R. Dr. kuRt sMolak. Ihm sowie Dr. Ruth ohM als für die Summaries verantwortlichen native speaker gilt unser herzlichster Dank.

Tolle – lege!

Renate PillingeR

ReinhaRdt haRReitheR

I. ABTEILUNG

Beiträge

MITTEILUNGEN ZUR CHRISTLICHEN ARCHÄOLOGIE 17, 9 – 50 © 2011 by Österreichische Akademie der Wissenschaften Wien

M i š a

R a k o c i j a

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien) *

Das Stadtgebiet des antiken Naissus umfasst den Bereich der heutigen Stadt Niš und deren Umgebung. Die geografische Ausdehnung lässt sich im Osten im Sićevo-Tal mit der Basilika von Ostrovica bestimmen, im Norden mit der Basilika im Dorf Knez, im Westen durch die Grabkammer beim Dorf Toponica und im Sü- den durch die Dreikonchenkirche und die Grabkammer im Dorf Klissura (Abb. 1). Für die Entstehung und Entwicklung des Christentums in Naissus sind diese topografischen Gegebenhei- ten sowie die strategische und geografische Position der Stadt am Schnittpunkt wichtiger Verkehrsverbin- dungen, die in alle wichtigen Regionen der Balkanhalbinsel führen, entscheidende Voraussetzungen. Nach Osten führte die Straße nach Serdica und weiter nach Konstantinopel 1 , in südlicher Richtung gelangte man nach Scupi und Thessaloniki, die Straße nach Südwesten verlief über Ulpiana und Lissus nach Dyrrhachium an der Adria. Das Itinerarium Burdigalense vermerkt im entsprechenden Straßenabschnitt auf dem Weg nach Jerusalem nur Serdica und Naissus als civitates 2 . Auf diesen wichtigen Straßenverbindungen kamen mit dem Militär und den Händlern auch kulturelle Einflüsse und so auch das Christentum nach Naissus, das auf dem Gebiet der spätantiken Provinz Dacia Mediterranea liegt 3 . Die Folgen der geschichtlichen Ereignisse, die sich nach der Geburt des späteren Kaisers Konstantin in Naissus bis zu den Eroberungen der Awaren und Slawen nach dem Untergang der spätantiken Siedlung abge- spielt haben, das ereignisreiche und turbulente kirchliche Leben der Stadt in Verbindung mit den bekannten Denkmälern dieser Epoche haben Niš einen bedeutenden Platz in der Geschichte des frühen Christentums von der Mitte des 4. bis zu den ersten Jahrzehnten des 7. Jhs. in dieser Region gesichert.

FORSCHUNGSGESCHICHTE

Der Beginn der archäologischen Untersuchungen des Nišer Gebiets ist mit ersten Amateur-Archäologen ver- knüpft 4 . Einer der ersten, der das antike Naissus erforscht hatte, war felix kanitz (1824 – 1904) 5 . Nach der Befreiung von der türkischen Herrschaft wurde systematisch mit den Untersuchungen und der Dokumentie- rung des Denkmälerbestands begonnen. Die Altertümer der Region von Niš wurden von gelehrten Chronis- ten wie S. PoPović, M. Milićević und lj. kovačević oder Fachleuten wie M. valtRović oder D. Milutinović

* Für die Übersetzung ins Deutsche sei MaRko kaPlaRević herzlichst gedankt.

1 К. Јиречек [k. jiR eček], Војна цеста [Heerstraße]. In: Зборник Константина Јиречека [Zbornik Konstantina Jirečeka] 1. Београд [Beograd] 1959, 91 – 92.

2 Itinerarium Burdigalense (ed. P. g eye R o. c untz , Itineraria et alia geographica [CCL 175]. Turnholti 1965, 6 –7); Hieroc. Synek. 654/6 (Ναϊσσός) und 654/3 (Σαρδική) (ed. E. honigMann, Le Synekdèmos d’Hiéroklès et l’opuscule géographique de Georges de Chypre [Corpus Bruxellense Historiae Byzantinae. Forma Imperii Byzantini 1]. Bruxelles 1939, 20); J. zeilleR, Les origines chrétiennes dans les provinces danubiennes de l’Empire romain (BEFAR 112). Paris 1918 (²1967), 16 (превод [Übersetzung] К. Никчевић [k. nikčević], j. Зелер, Почетци хришћанства на Балкану [Die Anfänge des Christentums am Balkan]. Подгорица [Podgorica] 2005).

3 В. ПоПовић [V. PoPović], Грчки натпис из Царичиног Града и питање убикације Прве Јустинијане [Griechische Inschrift aus Caričin Grad und die Frage der Lokalisierung von Justiniana Prima]. Глас САНУ 360, књ. 7 [Glas SANU 360, Buch 7] (1990) 80.

4 A. evans kommt auf seinem Weg durch Serbien und Montenegro am Ende des 19. Jhs. auch nach Niš: A. evans, Antiquarian Researches in Illyricum 4. Westminster 1883.

5 F. k anitz, Römische Studien in Serbien: Der Donau-Grenzwall, das Straßennetz, die Städte, Kastelle, Denkmäler, Thermen und Bergwerke zur Römerzeit im Königreich Serbien (Dph 41/2). Wien 1892.

10

M iša R akocija

1 0 M iša R akocija Abb. 1: Niš mit Umgebung – 1. Basilika mit Martyrium;

Abb. 1: Niš mit Umgebung – 1. Basilika mit Martyrium; 2. Basilika im Hof der Hl. Panteleimon Kirche; 3. Basilika im Hof der Hl. Nikolaus Kirche; 4. Frühchristliche Kirche in Mediana; 5. Basilika in Ćurlina; 6. Basilika im Dorf Knez; 7. Grabkammer mit zwei Kuppeln in Niška Banja; 8. Kirche an der Lokalität Kamara; 9. Kirche an der Lokalität Gradište bei Miljkovac; 10. Kirche mit drei Konchen im Dorf Klissura; 11. Basilika in Ostrovica; 12. Grabkammer in Jelašnica; 13. Städtische Nekropole; 14. Grabkammer in Klissura; 15. Baptisterium; 16. Frühbyzantinische Befestigung Mediana; 17. Frühbyzantinische Befestigung beim Dorf Miljkovac (http://gis.ni.rs, Bearbeitung: M. Rakocija)

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

11

beschrieben und Dank ihrer Arbeit besuchten und studierten diese Denkmäler der Professor für Christliche Archäologie in Budapest B. coboR und der österreichische Historiker A. doMaszewski 6 . Die ersten Jahre der Untersuchungen (1899 – 1903) gehören den angesehenen Forschern A. PReMeRstein und N. vulić 7 . Die organisierten archäologischen Arbeiten begannen in Niš in den dreißiger Jahren des 20. Jhs. an der Lokalität Mediana 8 und im Raum der frühchristlichen Nekropole im städtischen Gebiet Jago- din Mala. a. oRšić-Slavetić publizierte im Jahr 1936 drei Ausgaben der moravischen archäologischen Mit- teilungen (Moravski arheološki glasnik). Der Kurator des Nationalmuseums in Niš, R. BRatanić, erforschte in der vierten Dekade des 20. Jhs. die Nekropolen in Jagodin Mala und Mediana 9 . Nach dem zweiten Weltkrieg wurden methodologisch-archäologische Forschungen zu den frühchristli- chen Monumenten (Jagodin Mala seit 1952, Mediana seit 1961, das Stadtfeld seit 1961, Pantelejska Kirche seit 1962, die Festung, Kirche des Hl. Nikolaus seit 2000 usw.) durchgeführt sowie viele einzelne Unter- suchungen vorgenommen. Umfangreiche Forschungsbeiträge lieferten A. nenadović und hervorragende

Forscher aus Belgrad: ĐjoRdje Mano-zisi, MiodRag GRBić, Radivoje und MiRjana ljuBinković, nevenka PetRović, MaRtin GaBRičević, nevenka sPReMo-PetRović, ljubica Zotović, PetaR PetRović, aleksandaR jovanović, Miloje vaSić und andere.

Frühchristliche Denkmäler in Naissus wurden häufig nur sehr kurz in Berichten erwähnt, ohne analy- tische Beurteilung der Denkmalmerkmale und weit entfernt von der Synthese und eindeutigen Schlussfol- gerungen über das Leben der ersten Christen in Naissus. Den Grundstein systematischer Erforschung der frühchristlichen Monumente legte lazaR MiRković 10 . Dank jacques zeilleR erfahren wir über die literari- schen Quellen aus der Zeitperiode vom 4. bis zum 7. Jh. 11 . PetaR PetRović systematisierte und bearbeitete epigrafisches Material, darunter auch christliche Inschriften aus dem Gebiet von Naissus 12 .

DIE ANFÄNGE DES CHRISTENTUMS IN NAISSUS UND DIE KIRCHLICHEN VERHÄLTNISSE

Kaiser Konstantin der Große (280 – 337) wurde in Naissus geboren und erhielt hier auch seine Ausbildung, er hat daher diese Stadt später prachtvoll ausgeschmückt, wie in der Biographie des Kaisers des Anonymus Valesianus vermerkt ist 13 . Der Aufstieg der Stadt ist also untrennbar mit seinem Namen verbunden, wie auch andere Autoren betonen 14 . Beispielsweise notiert Priscus auf seiner Durchreise im Jahr 448, dass Konstantin die Stadt Naissus besonders begünstigt hat 15 . Die entscheidende Rolle, die Kaiser Konstantin beim Ausbau der Stadt spielte, betont auch Stephanos von Byzanz, der behauptet, dass Konstantin die Stadt gegründet und von Grund auf erbaut habe 16 . Dank der Geburt des Kaisers Konstantin erhielt Naissus den Beinamen

6 М. ракоција [M. Rakocija], О значају истраживања старина Драгутина Милутиновића и Михаила Валтровића у области Ниша и Нишавља [Über die Bedeutung der Forschungen des Dragutin Milutinović und Mihailo Valtrović im Gebiet von Niš und Nišavlje]. Нишки зборник [Niški zbornik] 18. Ниш [Niš] 1994, 113 – 120.

7 П. Петровић [P. PetRović], Ниш у античко доба [Niš in antiker Zeit]. Ниш [Niš] 1976, 13 – 17; Ж. Петровић [Ž. PetRović], Народни музеј у Нишу [Das Nationalmuseum in Niš] 1933 – 2003. Ниш [Niš] 2005, 21 – 43.

8 Ж. Петровић [Ž. PetRović], Медијана, резиденција римских царева [Medijana, Residenz der römischen Kaiser]. Београд [Beograd] 1994, 23 – 29.

9 Р. O. Б рата Н ић [R. O. B R atanić], Ископавања у Нишу и околини [Ausgrabungen in Niš und Umgebung]. Преглед епархије нишке [Pregled eparhije Niške] 5 – 6. Ниш [Niš] 1937, 180 – 187.

10 Л. Мирковић [L. MiRković], Старохришћанска гробница у Нишу [Die altchristliche Grabkammer in Niš]. Старинар [Sta- rinar] 5 – 6, 1954 – 1955 (1956) 53 – 72.

11 J. zeilleR, Les origines chrétiennes dans les provinces danubiennes de l’Empire romain.

12 П. Петровић [P. PetRović], Палеографија римских натписа у Горњој Мезији [Paläographie römischer Inschriften in Ober- mösien]. Београд [Beograd] 1975; deRs., IMS 4: Naissus – Remisiana – Horreum – Margi. Beograd 1979.

13 Orig. Const. 2, 2: Hic igitur Constantinus, natus Helena matre vilissima in oppido Naisso atque eductus, quod oppidum postea

magnifice ornavit

(ed. I. könig, Origo Constantini, Anonymus Valesianus 1 [Trierer historische Forschungen 11]. Trier 1987,

34 – 35).

14 Naissus wurde allerdings schon in der zweiten Hälfte des 2. Jhs. das munizipale Recht erteilt: П. Петровић [P. PetRović], Ниш у античко доба [Niš in antiker Zeit], 33 – 35.

15 Exc. 1b, 1 (ed. P. c a R olla , Priscus Panita. Excerpta et Fragmenta. BT. Berolini et Novi Eboraci 2000, 5); Ф. Б аришић [F.

BaR išić], Приск [Priscus]. In: ВииНЈ [VIINJ ] 1. Београд [Beograd] 1955, 11.

16 П. Петровић [P. PetRović], Ниш у античко доба [Niš in antiker Zeit], 37; deRs., Naissus – задужбина цара Константина [Naissus – Stiftung des Kaisers Konstantin]. In: Д. С рејовић (Eд.) [D. SR ejović (Hg.)], Римски царски градови и палате у Србији [Römische kaiserliche Städte und Paläste in Serbien]. Галерија САНУ књ. 73 [Galerija SANU, Buch 73]. Београд

12

M iša R akocija

„glorreiche Stadt“, der noch etliche Jahrhunderte durch mittelalterliche Reisende und Chronisten überliefert wird 17 . Weder im 3. Jh. noch in der Zeit der größten Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian wird Naissus als Ort des Martyriums von Christen erwähnt 18 . Obwohl also Namen von Martyrern aus Naissus nicht bekannt sind 19 , verfügen wir über Hinweise auf ihre Existenz und ihre Verehrung. Denn bereits im späten 4. Jh. ist Naissus durch die Reliquien seiner Martyrer in der damaligen christlichen Welt bekannt. Davon zeugen die Angaben bei Victricius, Bischof von Rouen, einem berühmten christlichen Denker, welcher in seiner Schrift De laude sanctorum Naissus zu den bekannten Städten zählt, in denen Reliquien von Heiligen aufbewahrt werden 20 : An aliter in Oriente Constantinopoli, Antiochiae, Thessalonicae, Naiso, Romae in Italia miseris porrigunt medicinam? Vielleicht haben diese immer noch bekannten Reliquien lokaler Martyrer diejenigen ermuntert, die Pris- cus im Jahr 448 in den Ruinen der „Tempel“ sah, wie sie versuchten, im Gebet ihr Heil zu finden 21 : „Als wir in Naissus ankamen, fanden wir die Stadt verlassen, weil sie von Grund auf von den Feinden verwüstet und zerstört wurde. In den Trümmern der Tempel haben sich an Krankheit leidende Menschen befunden. Übernachtet haben wir an einer sauberen Stelle, etwas weiter vom Fluß entfernt, da das gesamte Ufer von den Überresten der im Kampf Gefallenen übersät war.“ Wenn man die Zeit berücksichtigt, in der sich Priscus in Naissus aufgehalten hat, sowie die Haltung ge- genüber einem heiligen Ort 22 , so ist anzunehmen, dass er mit den „Trümmern der Tempel“ die christlichen Kirchen mit Reliquien von Heiligen gemeint hat, deren Heilkräfte schon Victricius betonte 23 . Die Angabe des Priscus bestätigt demnach die Existenz von Kirchen in der Stadt, von denen bisher aber keine entdeckt wurde.

[Beograd] 1993, 60 mit Literatur (engl. Fassung: P. P et R ović , Naissus a Foundation of Emperor Constantine. In: D. S R ejović (ed.), Roman Imperial Towns and Palaces in Serbia. Gallery of the SASA 73. Belgrade 1993, Catalogue).

17 Ст. ПрвовеНчаНи [st. PRvovenčani], Сабрани списи – живот светог Симеона [Gesammelte Schriften – das Leben des Hei- ligen Simeon]. Београд [Beograd] 1988, 74.

18 Eus. hist. eccl. 8, 4. Eine Liste der illyrischen Martyrer findet sich in D. faRlati, Illiricum sacrum VIII. Venetiis 1819, 52. Einen interessanten Überblick verfasste E. gaRtzonika, Martyrs and their holy loci in the Balkan peninsula: a preliminary historical- geographical approach. In: Ниш и Византија. Зборник радова [Niš & Byzantium. Symposium. The Collections of Scientific Works] 7. Ниш [Niš] 2009, 129 – 140.

19 Im 12. Jahrhundert erfahren wir aus der Schrift des Johannes Kinnamos, dass in Niš Reliquien des Hl. Prokopius aufbewahrt wurden. Es gibt keine Beweise dafür, dass es sich um den großen palästinensischen Martyrer Prokopius, der in der Zeit Diokletians am 8. Juli 303 den Tod erlitten hat, handelt: joannes cinnaMus, Epitome rerum ab Joanne et Alexio Comnenis gestarum (CSHB 16). Bonnae 1836, V, 8; PG 133, 588; J. z eille R , Les origines chrétiennes (wie Anm. 2), 108 note 2. K. j i R e- ček meint, dass in der Bischofskirche in Niš die Reliquien dieses Martyrers aufbewahrt werden (К. јиречек, историја Срба [Serbische Geschichte] 1. Београд [Beograd] 1981, 127); В. М арковић [V. M a R ković], Православно монаштво и манастири у средњевековној Србији [Orthodoxes Mönchtum und Klöster im mittelalterlichen Serbien]. Сремски Карловци [Sremski Karlovci] 1920, 39, 48; Ј. к алић [J. k alić], Јован Кинам [Johannes Kinnamos]. In: BииHJ [VIINJ ] 4. Београд [Beograd] 1971, 74, Anm. 187 und 188; М. ракоција [M. Rakocija], Резултати археолошких истраживања у порти цркве Св. Николе у Нишу и покушај убикације епископске цркве Св. Прокопија [Die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen im Hof der Hl. Nikolaus Kirche in Niš und der Versuch der Ubikation der Episkopalkirche des Hl. Prokopius]. ГДКС [GDKS] 26 (2002) 127 – 131; deRs., Нова сазнања о ранохришћанској прошлости Ниша [Neue Kenntnisse über die frühchristliche Vergangenheit von Niš]. In: Ниш и Византија. Зборник радова [Niš & Byzantium. Symposium. The Collections of Scientific Works] 6. Ниш [Niš] 2008, 47 – 48.

20 De laude sanctorum 11 (ed. I. Mulde R s – R. d e M eulenae R e, CCL 64. Turnholti 1985, 86); J. z eille R, Les origines chrétiennes, 108; Л. Мирковић [L. MiRković], Старохришћанска гробница у Нишу (wie Anm. 10), 67 – 68. Laut R. BRatož, Die Entwick- lung der Kirchenorganisation in den Westbalkanprovinzen (4. bis 6. Jahrhundert). In: V. g juzelev – R. P illinge R (Hg.), Das Christentum in Bulgarien und auf der übrigen Balkanhalbinsel in der Spätantike und im frühen Mittelalter. II. Internationales Symposium Haskovo (Bulgarien), 10.–13. Juni 1986. Miscellanea Bulgarica 5 (1986) 149 – 196, hier: 152, Anm. 21: „könnten wir (nach Victricius) auf eine größere Märtyrerzahl in Naissus schließen“.

21 Exc. 8, 13 – 14 (ed. cit., 18); Ф. Баришић [F. Ba R išić], Приск [Priscus], 13.

22 Der Glaube an die heilende Kraft des heiligen Ortes, unter welchem man die Präsenz des Martyrergrabes oder von Reliquien versteht, war auch in Sirmium bekannt (В. ПоПовић [V. PoPović], Блажени Иринеј први епископ Сирмијума [Der selige Irinäus, der erste Bischof Sirmiums]. In: Sirmium град царева и мученика [Sirmium Stadt der Kaiser und Martyrer]. Сремска Митровица [Sremska Mitrovica] 2003, 263.

23 De laude sanctorum 11 (ed. cit., 86).

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

13

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien) 1 3 Abb. 2: Palmzweig – Personifikation der

Abb. 2: Palmzweig – Personifikation der Stadt Naissus an einem Gewicht (nach V. k o R ać); Grabkammer Nr. 3, Darstellung eines Heiligen (Hl. Petrus?) unter Palmzweigen (Foto:

Nationalmuseum Niš)

Bischof Victricius reiht also Naissus unter die bedeutendsten Pilgerzentren wie Konstantinopel, Antio- chia, Thessaloniki und Rom ein, in denen Martyrerreliquien aufbewahrt werden 24 . Daher kann Naissus, wie Strumica 25 und Sremska Mitrovica 26 , als eine Stadt der Martyrer, als Martyriopolis, bezeichnet werden. Als solche nahm sie Victricius wahr 27 . Zu dieser Zeit war das offizielle Symbol der Stadt ein Palmenzweig als erkennbares Zeichen des Sieges über den Tod, als Zeichen für Ruhm und Martyrium, sodass Naissus damit als Stadt der Martyrer charakterisiert wurde. Der Palmenzweig ist neben dem Namen der Stadt in ein Blei- gewicht eingraviert, das man in der frühchristlichen Basilika bei der Kirche des Hl. Panteleimon entdeckt hat 28 . In einer detaillierten Analyse kommt a. jovanović zum Schluss, dass für die Personifikation der Stadt Naissus der Palmzweig als Symbol des Martyriums 29 ausgewählt wurde, als erkennbares Zeichen der Mar- tyriopolis 30 (Abb. 2).

24 Л. Мирковић [L. MiRković], Старохришћанска гробница у Нишу [Die altchristliche Grabkammer in Niš] (wie Anm. 10), 67.

25 Б. алекСова [B. aleksova], Епископијата на Брегалница [Bischofssitz in Bregalnica]. Прилеп [Prilep] 1989, 129.

26 В. ПоПовић [V. PoPović], Блажени Иринеј први епископ Сирмијума [Der selige Irinäus, der erste Bischof Sirmiums],

201 – 289.

27 М. ракоција [M. Rakocija], Манастири и цркве града Ниша [Klöster und Kirchen der Stadt Niš]. Ниш [Niš] 1998, 14; deRs., Cultural treasures of Niš. Niš 2000, 42, 51 – 52.

28 В. кораћ [V. koRać], Истраживање остатака храма Св. Пантелејмона [Erforschung der Reste der Kirche des Hl. Pantelei- mon]. ЗРВи [ZRVI ] 39, 2001/2002 (2002) 132, T. IX/149.

29 Die Palme befindet sich am Ende der Inschrift: P(ondo) I(undo) N(aissi) beim Buchstaben „N“ (А. јоваНовић [A. jovanović], Прилог проучавању официјалних симбола античког Ниша [Beitrag zu Studien der offiziellen Symbole des antiken Niš]. ЗНMН [ZNMN] 12 (2003) 43 – 52.

30 М. ракоција [M. Rakocija], Нова сазнања о ранохришћанској прошлости Ниша [Neue Erkenntnisse über die frühchristli- che Vergangenheit von Niš] (wie Anm. 19), 49 – 52.

14

M iša R akocija

In jener Zeit war die Lehre des Arius 31 am Balkan besonders einflussreich und zahlreiche Bischöfe schlossen sich seiner Lehrmeinung an. Einer seiner Anhänger war Cyriacus, Bischof von Naissus (Cyriacus a Naisso) 32 . Er wird in der Enzyklika der arianischen Bischöfe aus Serdica als Mitverfasser einer Schrift gegen den katholischen Theologen Marcellus aus Ankara erwähnt. Anscheinend war er in theologischer und kirchenpolitischer Hinsicht ein unsicherer Faktor, da er später von den arianischen zu den katholischen Bi- schöfen wechselte. Am Konzil von Serdica 343 vertrat Bischof Gaudentius das Bistum Naissus, Cyriacus ist also vor diesem wichtigen Ereignis in der Geschichte des Christentums auf der Balkanhalbinsel gestorben. Sein Nachfolger war Gaudentius (Gaudentius a Dacia de Naïso, Gaudentius Naisitanus) 33 . Dieser holte die durch Cyriacus abgesetzten Priester wieder ins Amt zurück. Gaudentius war am Konzil von Serdica neben Ossius von Cordoba der aktivste Teilnehmer, da er vier Kanones (4, 18, 20 und 21) beantragte. Er wurde jedoch wegen seiner offenen Unterstützung für Athanasius von den östlichen Bischöfen exkommuniziert 34 . Aufgrund der lebhaften theologischen Diskussionen begab sich Athanasius nach dem Konzil in Serdica nach Naissus zu Freunden des Bischofs Gaudentius. Aus der Einleitung der Fest- oder Osterbriefe des Hl. Athanasius erfahren wir, dass er nach dem Konzil in Serdica im nächsten Jahr (344) Ostern in Naissus feier- te 35 . Durch die Anwesenheit dieser bedeutenden kirchlichen Persönlichkeit in Naissus wurde das geistliche Leben der Stadt zweifellos beeinflusst. Es ist möglich, dass sich Bischof Gaudentius aus Naissus, nach der Abreise seines Freundes Athanasius des Großen, nach 344 in das nahe gelegene Romuliana, das kirchlicher Besitz geworden war, zurückgezogen hat und dort Ende der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts starb 36 . Naissus war allerdings auch zur Zeit des Bischofs Bonosus, Nachfolger des Gaudentius, ein Brennpunkt ketzerischer Lehren. Die Priesterweihen des Bischofs Bonosus in Naissus riefen eine Reaktion von Papst In- nozenz (401 – 417) hervor, wodurch Bonosus als photinianischer Bischof seines Amtes enthoben wurde. Sein Nachfolger Martianus griff Bonosus an, doch eine Synode entschied, dass alle Weihen, die vor seiner Ver- urteilung (391) stattgefunden hatten, anzuerkennen seien. Martianus akzeptierte dies nicht und somit musste Papst Innozenz erneut eingreifen 37 . Er wandte sich in zwei Briefen im Jahr 409 an Martianus 38 , in denen er von ihm verlangt, die synodalen Beschlüsse zu respektieren, um die Verhältnisse bei der Unterdrückung der Häresie der Photinianer zu regeln. Aus diesen Schreiben erfahren wir die Namen der Priester Germanius und

31 Über Arius und seine Lehre siehe А. В. к арташов [A. V. k a R tašov], Васељенски сабори [Die ökumenischen Konzilien] 1. Београд [Beograd] 1995, 11, 30.

32 Hil. coll. antiar. A IV 1, 3, 4 (ed. a. fedeR, CSEL 65. Wien 1916, 51): Cyriacus a Naiso und A IV 1, 27, 4 (ed. cit., 66); a. fedeR, Studien zu Hilarius von Poitiers II (Sbph 166/5). Wien 1911, 111; J. zeilleR, Les origines chrétiennes (wie Anm. 2), 158, 237 und 635 s. v. Cyriaque, évêque de Naissus; R. BR atož, Die Entwicklung der Kirchenorganisation in den Westbalkanprovinzen (wie Anm. 20), 154, 172 Anm. 43 und 190.

33 Hil. coll. antiar. A IV 1, 27, 2 und 4; B II 4 (ed. cit., 66 und 136); Athan. ad Mareoticas eccl. epist. (PL 56, 851); ch.-J. hefele

h. lecleRcq, Histoire des Conciles d’après les documents originaux 1/2. Paris 1907, 766; 800; 802 – 803; a. fedeR, Studien zu

Hilarius von Poitiers II, 23 Nr. 32; 38; 53 Nr. 21 und 115 Nr. 33; i. oPelt, Die westliche Partei auf dem Konzil von Serdica. In:

R. PillingeR (Hg.), Spätantike und frühbyzantinische Kultur Bulgariens zwischen Orient und Okzident (Bant 16). Wien 1986,

85 – 92, bes. 87 und R. BRatož, Die Entwicklung der Kirchenorganisation in den Westbalkanprovinzen, 154, 171 Anm. 38 und

190.

34 M. le quien, Oriens Christianus, in quatuor Patriarchatus digestus; quo exhibentur Ecclesiae, Patriarchae, caeterique prae- sules totius orientis 2. Parisiis 1740, 313; J. zeilleR, Les origines chrétiennes, 246.

35 Zum Aufenthalt des Athanasius in Naissus im Jahr 344 (sicher beim Osterfest, das auf den 14. April fiel) siehe Athan. epist. fest. cum chronico, a. 344 (PG 26, 1354 – 1355: rediisset [sc. Athanasius] a synodo Naissi habita, ubi et Pascha celebraverat); neuere Ausgabe des syrischen Originals mit französischer Übersetzung: Athanase, Histoire “Acéphale” et index syriaque des lettres festales (ed. a. MaRtin) (SC 317). Paris 1985, 242 – 243.

36 Vgl. auch J. zeilleR, Les origines chrétiennes, 261.

37 Ebd., 145. Zu Bonosus siehe weiters x. le bachelet, Dictionnaire de théologie catholique 2/1 (1923) Sp. 1027 – 1031 s. v. Bonose; ch. PietRi, Roma christiana. Recherches sur l’église de Rome, son organisation, sa politique, son idéologie, de Mil- tiade à Sixte III (311 – 440) (BEFAR 224). Rome 1976, 1078 – 1082 (die Absetzung des Bonosus auf der Synode in Capua 392) und k. schäfeRdiek, Bonosus von Naissus, Bonosus von Serdica und die Bonosianer. ZK 96 (1985) 162 – 178 (mit zum Teil anderen Schlussfolgerungen).

38 Innocentius epist. 16 und 17 (PL 20, 519 – 521; 527). Vgl. dazu auch P h. jaffé, Regesta pontificum Romanorum 1. Lipsiae 1885, 261 und 299 sowie R. BRatož, Die Entwicklung der Kirchenorganisation in den Westbalkanprovinzen, 155, 175 Anm. 54, 177 Anm. 65 und 190.

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

15

Rusticus sowie des Diakons Lupentius in Naissus, für die sich der Papst bei Martianus einsetzte 39 . Aus einem fünf Jahre später entstandenen Brief geht hervor, dass Martianus ungefähr 414 n. Chr. noch am Leben war 40 . Sogar nach den hunnischen Verwüstungen (441), als viele Diözesen nicht mehr existierten, ist das kirch- liche Leben in Naissus nicht erloschen. Danach war ein Großteil der Bischöfe nicht in der Lage, dem Brief des Kaisers Leo 41 zu antworten. Doch unterfertigte ein diesbezügliches Schreiben neben Ursilius aus Scupi Dalmatius aus Naissus 42 . Es handelt sich hierbei zweifellos um einen Bischof aus Naissus, der bis jetzt nicht in der Liste der dortigen Bischöfe angeführt wurde 43 . Unter der Leitung von Bischof Dalmatius hat Naissus in der zweiten Hälfte des 5. Jhs. seine kirchliche Organisation bewahrt, wie es auch bei der Diözese Dacia Mediterranea der Fall war 44 . Gaianus, der nächste Bischof, dessen Namen uns bekannt ist, war im Jahr 516, während der Regierungs- zeit Anastasius I. (491 – 518), wegen der Verteidigung der Orthodoxie in Konstantinopel in Haft 45 . Kaiser Justinian hat der neu gegründeten Diözese Justiniana Prima mit der Novelle 11 46 aus dem Jahr 535 den Episkopat der Provinz Dacia Mediterranea, wo sich Naissus befand 47 , untergeordnet. Bischof Proiectus aus Naissus nahm am Konzil in Konstantinopel im Jahr 553 an den Diskussionen über den Monophysitismus teil. Aus den Konzilsakten geht hervor, dass er seinen Standpunkt mit seinem Vorge- setzten (d. h. mit Benenatus) abgestimmt hat: Ad Benenatum archiepiscopum accedo et ad eum respondeo 48 . Seine Stimme war bei der Verurteilung des Monophysitismus, im so genannten Dreikapitelstreit, ausschlag- gebend 49 . Unserer Erkenntnis nach sollte man neben den Namen der neu nachgewiesenen Priester Germanius und Rusticus, dem Diakon Lupentius und den bisher bekannten Bischöfen von Naissus auch Dalmatius anführen, sodass die Reihenfolge der Bischöfe von Naissus folgendermaßen aussehen könnte: 1) Cyriacus, vor 343; 2) Gaudentius, ca. 343; 3) Bonosus, ungefähr 391 wird er ersetzt durch 4) Martianus, bis 414; 5) Dalmatius, ca. 467; 6) Gaianus, ca. 516; 7) Proiectus, ca. 553. In diesem geistigen Klima wurden mit Einfluss aus dem Westen und im Einklang mit den Bischöfen und Priestern die ersten Taufkapellen, Kirchen und christlichen Gräber in Naissus gebaut und ausgeschmückt.

TOPOGRAPHIE

Die Lage der antiken Stadt ist bis heute nicht genau definiert. Etwas mehr wissen wir über das frühbyzanti- nische Naissus. Genau beschrieben ist die Nekropole, die sich östlich der Stadt auf dem Gebiet der heutigen Siedlung Jagodin Mala ausdehnte.

39 J. zeilleR, Les origines chrétiennes, 348.

40 Ebd., 159 und note 4: Brief an die mazedonischen Bischöfe.

41 Zwischen denen, die dem Konzil von Chalkedon treu geblieben sind, und Timotheus, der vom Kaiser als legitimer Bischof von Alexandria anerkannt werden sollte, obwohl er bis dahin als Häretiker galt, konnte sich Kaiser Leo nicht entscheiden: J. zeilleR, Les origines chrétiennes, 361.

42 Ebd., (wie Anm. 2), 162 und 361. In der entsprechenden Quelle in der Collectio Sangermanensis (ACO II/5, 88) identifizieren sich am Beginn des Briefes Vrsilius Dalmatius Maximus episcopi uestrae Dardaniae, am Ende stehen die Unterschriften Vrsilius episcopus Dardaniae … Dalmatius episcopus neutimae (Nentine, Neutine als Varianten), Maximus episcopus Diocle- tianensis. Naissus ist aber eine Stadt in Dacia mediterranea.

43 М. ракоција [M. Rakocija], Нова сазнања о ранохришћанској прошлости Ниша (wie Anm. 19), 55 – 57 mit Bezug auf M. le quien, Oriens Christianus (wie Anm. 34), 313 – 314, der Neutina mit Naissus identifiziert. Es muss jedoch betont werden, dass es sich bei der Verlegung dieses Bischofs Dalmatius nach Naissus um eine Hypothese handelt.

44 J. zeilleR, Les origines chrétiennes, 361.

45 Ebd., 159; Marcell. chron. ad ann. 516, 3 (ed. th. MoMMsen, Chronica minora II. MGH AA 11. Berlin ²1961, 99).

46 Iust. Nov. 11 (ed. R. s chöll, Berlin 7 1959, 94).

47 Ф. Баришић [F. Ba R išić], Досадашњи покушаји убикације града Јустинијане Приме [Bisherige Versuche der Lokalisierung der Stadt Justiniana Prima]. Збopник Филoзoфcкoг фaкyлтeтa [Zbornik Filozofskog fakulteta] 7/1 (1963) 127 – 140.

48 M. le quien, Oriens Christianus, 314; J. zeilleR, Les origines chrétiennes, 399. Vgl. Vigilii constitutum de tribus capitulis. Collectio Avellana, epist. 83, 310 (ed. o. güntheR, CSEL 35. Wien 1895, 319, 5); ACO IV/1, 29 und 30.

49 Vigilii constitutum de tribus capitulis. Collectio Avellana, epist. 83, 310 (ed. cit., 319); J. zeilleR, Les origines chrétiennes, 159, 386 und note 2.

16

M iša R akocija

1 6 M iša R akocija Abb. 3: Justinianische Westmauer (Foto: M. R akocija ) Abb.

Abb. 3: Justinianische Westmauer (Foto: M. R akocija)

Abb. 3: Justinianische Westmauer (Foto: M. R akocija ) Abb. 4: Naissus – 1. Justinianische Westmauer;

Abb. 4: Naissus – 1. Justinianische Westmauer; 2. Justinianische Südmauer; 3. byzantinische Straße; 4. römische Straße; 5. Forum (zivile Basilika?); 6. Objekt mit Oktogon; 7. Kirche; 8. Grabkammer (http://gis.ni.rs, Bearbeitung: M. R akocija)

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

17

Die ersten Angaben über den Ort, an dem die Stadt gebaut wurde, finden sich bei Ammianus Marcellinus, der berichtet, dass sich im Jahr 365 n. Chr. die Kaiser Valens und Valentinian in Mediana getroffen hatten, einem Vorort von Naissus, welcher drei römische Meilen (4,5 km) 50 von der Stadt entfernt war. Im Jahr 441 n. Chr. stellt Priscus fest, dass Naissus am rechten Ufer des Flusses liegt, aber ausreichend Platz zwischen Stadtmauer und Fluss vorhanden war, um das gesamte hunnische Heer aufnehmen zu können 51 . Demnach befand sich die spätantike Stadt am rechten Flussufer der Nišava 52 an den Hängen des Vinik Hügels und erstreckte sich bis zur Festung. Kaiser Justinian ließ die Stadtmauern wieder errichten 53 , wobei der südliche und südwestliche aus Ziegeln erbaute Mauerabschnitt, welcher noch heute stellenweise zu erkennen ist 54 , an den Fluss rückte und somit die strategische Position der Stadt verbesserte (Abb. 3). Östlich von Naissus erstreckte sich die Nekropole. Am höchsten Punkt der heutigen Festung kreuzten einander die beiden Straßen des cardo und decu- manus, wie die Entdeckung eines Teiles der Trasse des decumanus zeigt; hier befand sich auch das antike Forum (Abb. 4). Gebäudereste, die in unmittelbarer Verbindung mit der Straße stehen, weisen auf Objekte hin, die integ- rale Teile des Forums waren (Geschäftsräume, eine Basilika, unterirdisch gelegene Räume von beträchtlicher Größe) 55 . Unweit des Forums wurden zwei Porträtköpfe gefunden: eine Porphyrstatue stellt einen der Tetrarchen 56 dar, bei der zweiten Statue aus vergoldeter Bronze, die wahrscheinlich Ende der zwanziger Jahre des 4. Jhs. zu datieren ist, handelt es sich um Konstantin den Großen 57 (Abb. 5). Südwestlich des Forums stieß man auf eine frühbyzantinische Straße, begleitet von porticus und Werk- stätten. Sie ist so wie der cardo in Nord-Süd-Richtung orientiert und trifft daher im rechten Winkel auf den decumanus. Die städtebauliche und urbanistische Kontinuität zwischen Antike und Spätantike ist dadurch erkennbar. Form und Ausführung der Säulen weisen auf das 5.–6. Jh. hin 58 (Abb. 6). Unweit des Forums wurden einige Gegenstände gefunden, die dem frühen Christentum zuzuordnen sind:

die aus einer Altarschranke stammende Parapetplatte 59 , welche man bei einer noch unerforschten Grabkam- mer entdeckt hat, sowie mit Goldblättern verzierte Würfelchen aus Goldpaste aus einer Mosaikdekoration

50 Amm. Marc. 26, 5, 1: … principes (sc. Valens et Valentinianus) … Naessum advenerunt, ubi in suburbano, quod appellatum Mediana, a civitate tertio lapide disparatur … partiti sunt comites.

51 Exc. 8, 15 – 16 (ed. cit. [wie Anm. 15], 18); Ф. Баришић [F. Ba R išić], Приск [Priscus] (wie Anm. 15), 11 – 12.

52 П. Петровић [P. PetRović], Ниш у античко доба [Niš in antiker Zeit] (wie Anm. 7), 56.

53 Proc. aed. 4, 1, 31; Ф. Баришић [F. Ba R išić], Прокопије [Prokopije]. In: ВииНЈ [VIINJ ] 1. Београд [Beograd] 1955, 57 – 58.

54 l j. Z otović, Niš – lokacija autobuske stanice [Niš – Busbahnhof]. AP 17 (1975) 74.

55 M. Rakocija, Cultural treasures of Niš (wie Anm. 27), 17 – 26.

56 Es besteht eine große Ähnlichkeit mit den Porträts der Tetrarchen aus der einst in Konstantinopel stehenden und heute vor der Markuskirche in Venedig befindlichen Gruppe: Д. Срејовић [D. SRejović], Два касноантичка портрета из Србије [Zwei spätantike Porträts aus Serbien]. ŽA 9 (1959) 253 – 264; М. ГрБић [M. GRBić], Одабрана грчка и римска пластика у Народном музеју [Ausgewählte griechische und römische Plastik im Nationalmuseum]. Београд [Beograd] 1960; П. Петровић

[P. PetRović], Ниш у античко доба [Niš in antiker Zeit], 153 – 155; С. Дрча [S. dRča], Глaвa тeтpapхa [Kopf eines Tetrarchen].

In: Д. Срејовић (Eд.) [D. SRejović (Hg.)], Римски царски градови и палате у Србији [Römische kaiserliche Städte und Palä- ste in Serbien] (wie Anm. 16), 234; Englische Ausgabe: S. dRča, Head of a Tetrarch. In: D. SRejović (Ed.), Roman Imperial Towns and Palaces in Serbia (wie Anm. 16), 234, cat.-no. 73.

57 Der Kopf des Kaisers Konstantin wurde im Jahr 1900 am rechten Ufer des Flusses Nišava bei der Brücke entdeckt. Neben dem Kopf fand man Münzen aus der Zeit Konstantins und Justinians, eine beschädigte Waage, Schmuck und eine Nadel mit Anhänger in Form eines Kreuzes: П. Петровић [P. PetRović], Ниш у античко доба [Niš in antiker Zeit], 152; deRs., Naissus –

a Foundation of Emperor Constantine (wie Anm 16), 77, cat.-no. 74; Z. vinski, Krstoliki nakit epohe seobe naroda u Jugoslaviji [Kreuzförmiger Schmuck der Völkerwanderungszeit in Jugoslawien]. VjesAMuzZagreb 3 (1968) 109, T. VI/20; И. По П овић

[I. PoPović], Дијадема на Константиновом портрету из Ниша настанак и развој нове царске инсигније [Das Diadem an

Konstantins Porträt aus Niš, Entstehung und Entwicklung der neuen kaiserlichen Insignie]. In: Ниш и Византија. Зборник радова [Niš & Byzantium. Symposium. The Collections of Scientific Works] 3. Ниш [Niš] 2005, 103 – 118, bes. 107.

58 П. П етровић [ P. P et R ović], Ниш у античко доба [Niš in antiker Zeit], 152 – 154.

59 М. ракоција [M. Rakocija], О парапетној плочи из Ниша, пореклу и типологији палеовизантијских преграда [Über die Parapetplatte aus Niš, Herkunft und Typologie der paläobyzantinischen Schranke]. In: Ниш и Византија. Зборник радова [Niš & Byzantium. Symposium. The Collections of Scientific Works] 4. Ниш [Niš] 2006, 106 –107.

18

M iša R akocija

1 8 M iša R akocija Abb. 5: Porphyrkopf eines Tetrarchen und Bronzekopf des Kaisers Konstantin
1 8 M iša R akocija Abb. 5: Porphyrkopf eines Tetrarchen und Bronzekopf des Kaisers Konstantin

Abb. 5: Porphyrkopf eines Tetrarchen und Bronzekopf des Kaisers Konstantin (Foto: Nationalmuseum Niš, Archäologisches Institut Beograd)

Nationalmuseum Niš, Archäologisches Institut Beograd) Abb. 6: Byzantinische Straße; in der Bali-begova Moschee

Abb. 6: Byzantinische Straße; in der Bali-begova Moschee entdeckte Parapetplatte (Foto: Arch. D. janjić, Zavod za zaštitu spomenika kulture Niš [Denkmalschutzamt Niš])

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

19

einer nahe gelegenen Kirche 60 . Dies sind die einzigen archäologischen Hinweise auf die Existenz einer Kir- che in der Stadt Naissus 61 . Kaiser Justinian hat, wie Prokopios angibt, in der Umgebung von Naissus 34 Festungen errichten und 8 restaurieren lassen 62 . Unter den neuerbauten Anlagen wird Mediana genannt, das als einzige erwähnte Festung eindeutig lokalisiert werden kann 63 . Die Befestigungsmauern sind südlich der heutigen Siedlung auf einer Anhöhe, von der aus man die Straße nach Konstantinopel kontrollieren konnte, archäologisch nachge- wiesen. Zwei Kirchen und ein Baptisterium wurden ebenfalls festgestellt. In justinianischer Zeit errichtete man in der Umgebung von Niš eine große Zahl von Kirchen, von denen einige innerhalb, manche als eigener Komplex außerhalb der Befestigungen liegen. Zwischen dem 5. und 7. Jh. entstanden auf strategisch günstig gelegenen Hügeln weitere Befestigungen, um sich vor den eindrin- genden Slawen zu schützen.

KIRCHEN

Während also sichere Angaben in den schriftlichen Quellen, aber nur geringe materielle Spuren auf früh- christliche Kirchen innerhalb der Stadt hinweisen, lassen sie sich im Bereich der Siedlung Jagodin Mala deutlich fassen. In der dort vom 4. bis ins frühe 7. Jh. bestehenden Nekropole wurden sechs Kirchen aus dieser Zeit freigelegt. Vier entdeckte A. oRšić-Slavetić vor dem Zweiten Weltkrieg 64 : Kirche Nr. 8 in der Čegarska Straße ist einschiffig, ihr Eingang wird von zwei Marmorsäulen flankiert; in der dreischiffigen Kirche Nr. 20 wurden gemauerte Gräber mit einer Kopfnische festgestellt; Kirche Nr. 42 mit einer Apsis im Westen und Kirche Nr. 45 mit dem erhaltenen Segment des Apsisbogens. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieß man im Hof der Kirche des Hl. Panteleimon noch auf eine dreischiffige Basilika neben einem Martyrium 65 .

basilika Mit MaRtyRiuM

Das monumentale Martyrium mit Basilika an der Ostseite stellt eine besondere Kultanlage dar, welche als eine einheitliche architektonische Gesamtheit konzipiert wurde. Die Grabkammer gehört zur Gruppe der Memorien. Ausgangspunkt ist die Bestattung eines Martyrers, die dann später durch einen kommemorati- ven Kultbau zu einem heiligen Ort erweitert wurde 66 . Vielleicht sind hier Martyrerreliquien aufbewahrt und Bischöfe und Priester des 4. Jhs. aus Naissus beigesetzt worden. Die Memoria befindet sich im westlichen Teil der Nekropole, mit Blick auf die Stadt, an einem repräsentativen Ort im Eingangsbereich des Friedhofs.

60 R. ljuBinković, Tvrđava, Niš – srednjovekovno naselje [Festung, Niš – mittelalterliche Siedlung]. AP 4 (1962) 255 – 259 und AP 5 (1963) 140 – 142; deRs., извештај са архолошких ископавања у Тврђави из 1963 године. Документација Завода за заштиту споменика културе Ниш [Bericht über die archäologischen Ausgrabungen in der Festung aus dem Jahr 1963. Dokumentation des Denkmalschutzamtes in Niš].

61 Unbekannt bleibt der Zweck des spätantiken Gebäudes mit einem Oktogon und Mosaikboden außerhalb der Mauern der türkischen Festung: P. P et R ović , Naissus – a Foundation of Emperor Constantine, 68 – 69, fig. 20; Г. ј ере М ић [G. j e R e M ić], Мозаици грађевине са октогоном из античког Наиса [Mosaiken des Baues mit Oktogon aus dem antiken Naissus]. In: Ниш и Византија. Зборник радова [Niš & Byzantium. Symposium. The Collections of Scientific Works] 5. Ниш [Niš] 2007, 87 – 97.

62 Proc. aed. 4, 4, 3; Ф. Баришић [F. Ba R išić], Прокопије [Prokopije], 63; f. k anitz, Römische Studien in Serbien (wie Anm. 5), 174; M. Rakocija, Paleobyzantine churches of Niš. In: Ниш и Византија. Зборник радова [Niš & Byzantium. Symposium. The Collections of Scientific Works] 5. Ниш [Niš] 2007, 135 – 137, fig. 15.

63 H. вулић [n. vulić], Антички споменици из наше земље [Antike Denkmäler aus unserem Land]. Споменик CKA [Spome- nik SKA] 98 (1941 – 1948) 108.

64 А. оршић-Славетић [A. oRšić-Slavetić], Археолошка истраживања у Нишу [Archäologische Untersuchungen in Niš]. Старинар [Starinar] 8 – 9, 1933 – 1934 (1934) 304, fig. 2; А. М. Марковић [A. M. MaRković], Ископавања хришћанских старина у Нишу [Ausgrabungen christlicher Altertümer in Niš]. Преглед епархије нишке [Pregled eparhije Niške] 5. Ниш [Niš] 1933, 89.

65 M. Rakocija, Paleobyzantine churches of Niš, 125 – 135.

66 A. gR aba R, Martyrium. Recherches sur le culte des reliques et l’art chrétien antique 1: Architecture. Paris 1946, 29 – 30.

20

M iša R akocija

2 0 M iša R akocija Die uns heute als Martyrium be- kannte Grabkammer entdeckte A.

Die uns heute als Martyrium be- kannte Grabkammer entdeckte A. oRšić-Slavetić im Jahr 1933 und be- zeichnete sie als Mausoleum 67 . Von Be- deutung sind auch die Fotografien und die Beschreibung von R. O. BRatanić aus dem Jahr 1937, der den Bau „Große Grabkammer“ nannte 68 (Abb. 7). Das Martyrium hat einen rechtecki- gen Grundriss und wurde aus Ziegeln mit Mörtel gemauert. An den Längs- seiten der Grabkammer befinden sich je zwei Arkosolien, die durch eine kleine Nische abgetrennt waren 69 . Eine Ab- schrankung umschloss die Arkosolien, welche aus quadratischen Balken und massiven Steinplatten bestand. Frag- mente dieser Platten wurden im Mar-

tyrium gefunden, eine trägt die Dar- stellung eines Fisches. An der Westwand befinden sich drei Nischen, von denen die mittlere, größte, später als Altarraum diente 70 . Oberhalb der mittleren Nische befindet sich ein konisch gestaltetes Fenster, durch das die Reliquien verehrt wurden ( fenestella), Licht und Luft hereingelangen konnten (spiraculum) (Abb. 8). Die Existenz der fenestella zeigt, dass die Grabkammer ähnlich wie vergleichbare Anlagen in Sopianae und Salona ein Obergeschoss hatte 71 . Außerdem bildet das Fenster einen Anhaltspunkt dafür, wo die oberirdische Struktur der Grabkammer begonnen hat. Die zeitliche Einordnung einer Bauphase, bei der der Zwischenraum seitlich des Gewölbebogens oberhalb der Arkosolien durch Mauern mit Ziegelpilastern abgeteilt wurde, ist schwierig 72 . Der halbrunde Dromos besteht aus elf Stufen (Höhe 3,30 m), welche aus dem Martyrium zum Exonarthex der Basilika führen, in dem sich eine mit Steinplatten bedeckte Öffnung befand 73 . Die Seitenwände der Treppenanlage waren mit einem Arkadenfries geschmückt, während die Stufen selbst mit dünnen Steinplat- ten belegt waren. Die Arkadenbögen bestehen aus radial angeordneten Ziegeln und ruhen auf mit Voluten versehenen Steinkonsolen. Interessanter keramoplastischer Schmuck ist an der Südwand der Zugangstreppen erhalten. Im Raum zwischen dem Arkadenfries bilden vier Ziegel in der Wand einen Rhombus. Als Symbol des Tores für die Wiedergeburt ist seine Darstellung an dieser Stelle durchaus zu erwarten 74 . Wenn man noch

Abb. 7: a. oRšić-Slavetić im „Mausoleum“ mit rechteckiger Konstruktion in der Mitte (Foto: Dokumentation des Nationalmuseums in Niš)

67 А. оршић-Славетић [a. oRšić-Slavetić], Археолошка истраживања у Нишу [Archäologische Untersuchungen in Niš], 304, fig. 5.

68 Р. O. Б рата Н ић [ R. o. B R atanić], Ископавања у Нишу и околини [Ausgrabungen in Niš und Umgebung] (wie Anm. 9), 182.

69 Über die Nischen an den Seitenwänden der Grabkammern: М. ракоција [M. Rakocija], Рановизантијска гробница на свод код села Клисура поред Ниша и кратак осврт на проблем засведених гробница [Die frühbyzantinische gewölbte Grab- kammer beim Dorf Klissura bei Niš und ein kurzer Rückblick auf das Problem der gewölbten Grabkammern]. In: Ниш и Византија. Зборник радова [Niš & Byzantium. Symposium. The Collections of Scientific Works] 2. Ниш [Niš] 2004, 148 – 157.

70 Das Vorhandensein der Nischen an der Westwand ist im 5. Jh. n. Chr. üblich, was für StRičević einer der Gründe war, ihre Entstehung in dieser Zeit anzunehmen: Ђ. Стричевић [Đ. StRičević], Рановизантијска црква код Куршумлије [Die frühby- zantinische Kirche bei Kuršumlija]. ЗРВи [ZRVI] 2 (1953) 196.

71 I. nikolajević, Necropoles et tombes Chrétiennes en Illyricum Oriental. In: Actes du X e CIAC, Thessalonique 28 septembre – 4 octobre 1980 (SAC 37/1). Città del Vaticano – Thessalonique 1984, 530.

72 Ein so gestalteter, rechteckiger Raum ähnelt den Grablegen: Г. М илошевић [G. M ilošević], Мартиријум и гробљанска базилика у Јагодин Мали у Нишу [Martyrium und Friedhofsbasilika in Jagodin Mala zu Niš]. In: Ниш и Византија. Зборник радова [Niš & Byzantium. Symposium. The Collections of Scientific Works] 2. Ниш [Niš] 2004, 127.

73 Ähnlich wie beim Martyrium im Dorf Voden, Boljarsko in Bulgarien: Н. чаНева-ДечевСка [n. čaneva-dečevSka], Раннохристиянската архитектура в България IV–VII в [Altchristliche Architektur in Bulgarien IV.–VII. Jh.]. София [Sofija] 1999, 240 fig. 57 a, b, v.

74 Ј. јеличић [J. jeličić], Ikonografija ranokršćanske lunete iz Gata [Ikonographie der frühchristlichen Lünette aus Gat]. In:

Prilozi povjesti umjetnosti u Dalmaciji. Split 1985, 6; В. лилчић [v. lilčić], Ранохристијански засведени гробници во Македонија [Frühchristliche überwölbte Grabkammern in Makedonien]. ŽA 1. Скопје [Skopje] 1983, 250.

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

21

annimmt, dass die Wände des Dromos mit Fresken be- deckt waren, so ergibt sich ein vollständiges Bild der repräsentativen Gestaltung des Eingangsbereiches zum Martyrium. Bei der Entdeckung der Grabkammer befand sich in ihrem Zentrum, am Ehrenplatz, eine rechteckige, läng- liche Konstruktion in Form eines Postaments, belegt mit dünnen Marmorplatten 75 . Sie gehörte aller Wahr- scheinlichkeit nach zu einem repräsentativen Ziborium mit Marmorsäulen, welches für die Feier des Kultes be- stimmt war 76 . Es ist anzunehmen, dass sich unter dem Ziborium ein Behälter mit Martyrerreliquien befand, wie in der Kirche des Hl. Demetrios in Thessaloniki oder in einer polykonchalen Kirche in Ochrid 77 . Das Ziborium wurde durch die fenestella beleuchtet. Nach R. O. BRatanić fand man im Innenraum der Grabkammer eine große Zahl von Skeletten, Reste höl- zerner Kästen, Teile einer Säule aus rotem Sandstein und ein marmornes Kämpferkapitell mit christlichen Attri- buten 78 . Er erwähnt weiters größere Stücke quadratisch profilierter Steinbalken, einen massiven Säulenschaft, die Basis einer kleineren Säule, Steinplattenfragmente mit einer bisher nicht belegten Fischverzierung, kleinere

Stücke von Marmorplatten und eine zur mensa marty- rum gehörende quadratische Steinplatte. Das Aussehen des oberen Teils des Martyriums ist nicht bekannt. Pilaster aus Ziegeln verstärkten die Seitenwände, bei der ganzen Konstruktion sorgten massive Säulen für zusätzliche Stabilität 79 . Der oberir- disch gelegene Teil übernahm die Rolle des Atriums, wo die Ehrung der Reliquien oder der Verstorbenen vorgenommen wurde 80 .

Reliquien oder der Verstorbenen vorgenommen wurde 8 0 . Abb. 8: Westseite des Martyriums (Foto: M.

Abb. 8: Westseite des Martyriums (Foto: M. R akocija)

*

Zwanzig Jahre später wurde im Jahr 1953 unter der Leitung von Đ. M ano-zisi an der Ostseite des Martyri- ums eine dreischiffige Basilika (15,50 × 21,60 m) ausgegraben 81 . Im Jahr 1962 erforschte man den Narthex und den schmalen Exonarthex samt Umgebung des Martyriums. Bei dieser Gelegenheit wurde eine ältere Begrenzungswand um die Grabkammer festgestellt 82 (Abb. 9).

75 Handschriftlicher Bericht von A. nenadović, Martyrium in Niš (die Daten sind vom 23. 7. 1962). Dokumentation des Denk- malschutzamtes in Niš ; Г. М илошевић [G. M ilošević], Мартиријум и гробљанска базилика у Јагодин Мали у Нишу [Mar- tyrium und Friedhofsbasilika in Jagodin Mala zu Niš], 124, fig. 2.

76 M. Rakocija, Paleobyzantine churches of Niš (wie Anm. 62), 133.

77 В. Битракова-ГроЗДаНова [v. bitRakova-gRozdanova], Старохристијански споменици во Охридско [Altchristliche Denk- mäler in Ochrid]. Охрид [Ochrid] 1975, 36.

78 Р. О. Б рата Н ић [ R. o. B R atanić], Ископавања у Нишу и околини [Ausgrabungen in Niš und Umgebung] (wie Anm. 9), 182 – 183; И. Николајевић [I. nikolajević], Јонски импост-капители из Македоније и Србије [Ionische Kämpferkapitelle aus Makedonien und Serbien]. ЗРВи [ZRVI] 1 (1952) 170, 172 – 174, fig. 2.

79 Г. М илошевић [G. M ilošević], Мартиријум и гробљанска базилика у Јагодин Мали у Нишу [Martyrium und Friedhofsba - silika in Jagodin Mala zu Niš ], 127 – 128. Oder wie im Dorf Voden in Bulgarien: Н. чаНева-ДечевСка [n. čaneva-dečevSka], Раннохристиянската архитектура в България IV–VII в [Altchristliche Architektur in Bulgarien IV.–VII. Jh.], 240, fig. 57.

80 Deshalb findet er häufig bei Friedhofskirchen Verwendung: Ebd., 22.

81 Ђ. М а НоиСи – Д. јова Новић [Đ. Mano-ZiSi – d. jovanović], Археолошко ископавања Hишке тврђаве и Јагодин Мале у Нишу [Archäologische Untersuchung der Nišer Festung und Jagodin Mala in Niš]. Гласник САН [Glasnik SAN] 4/2. Београд [Beograd] 1952, 365 – 367. Die unveröffentlichte Dokumentation befindet sich im Nationalmuseum in Belgrad und wurde uns mit freundlicher Genehmigung von Kolleginnen und dem Direktor des Nationalmuseums zur Verfügung gestellt.

82 Die Ausgrabungen leitete M. GRBić in Zusammenarbeit mit N. PetRović und lj. Zotović. Die Ergebnisse dieser Arbeiten sind nicht vollständig zugänglich: lj. Zotović, Jagodin Mala, Niš – kasnoantička nekropola [Jagodin Mala, Niš – spätantike Nekro-

22

M iša R akocija

2 2 M iša R akocija Abb. 9: Basilika mit Martyrium, Grundriss. Ausarbeitung anhand des Grabungstagebuchs

Abb. 9: Basilika mit Martyrium, Grundriss. Ausarbeitung anhand des Grabungstagebuchs von Ɖ. Mano-zisi und Zeichnungen von V. to M ašević aus dem Jahr 1953 aus der Dokumentation des Nationalmuseums in Beograd (Grafik: Arch. J. R akocija)

Nationalmuseums in Beograd (Grafik: Arch. J. R akocija ) Abb. 10: Basilika mit Martyrium, Blick von

Abb. 10: Basilika mit Martyrium, Blick von Osten (Foto: M. Rakocija)

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

23

Die Basilika errichtete man wohl etwas später als das Martyrium an dessen Ostseite 83 . Beide Bauteile sollten als Einheit betrachtet werden, die als eine Friedhofsvariante einer Martyrerkirche mit Reliquien in- nerhalb der Krypta, zu der Treppen führten, gelten kann 84 (Abb. 10). Die Basilika hellenistischen Typs besteht aus einem dreischiffigen Naos und einer großen halbrunden Apsis. Aus Ziegeln errichtete Säulen trennten die Seitenschiffe vom Mittelschiff 85 , während die Süd- und Westwand mit Pilastern verstärkt wurden 86 . Ein schmaler, geschlossener Raum vor dem Narthex übernahm die Rolle des Exonarthex 87 , in welchem sich die Zugangstreppe zur Krypta befindet. Die Westwand des Exonarthex erstreckt sich oberhalb der Ostwand der Krypta. Die Mauern der Basilika bestehen wechselweise aus Ziegeln und Steinen, während die Pilaster aus Ziegeln gebaut sind. Die Stylobatwände der Seitenschiffe bilden in ihrer Fortsetzung zusammen mit den Seitenschiffen des Naos je einen Raum am Nord- und Südende des Narthex. Der am Nordende des Narthex ist nicht vollständig zu definieren, die Verbindung zum Nordschiff hingegen schon. Die Südwand des südlichen Raums hatte Arkosolien mit aus Ziegeln ausgeführten Archivolten, die die ganze Breite des Narthex umfassten. Ein identisches Arkosolium befindet sich noch in der Westwand des Narthex, südlich vom Kryptaeingang. Es ist klar, dass die für Bestattungen genutzten Arkosolien nicht gleichzeitig mit den angrenzenden Wänden des Narthex entstanden sind. Die Arkosolien, die auf diese Weise bisher nicht betrachtet wurden, unterscheiden sich durch ihre Dimensionen, ihre Bauweise und die Art des Materials. Der Eingang in den Exonarthex neben der Nordwand des Martyriums zwischen zwei Gräbern war je- denfalls aus der oberirdischen Konstruktion des Martyriums zugänglich. Die breite Eingangsöffnung führt aus dem Exonarthex, wiederum neben zwei repräsentativen Gräbern, zum Narthex. Der Eingang zwischen Narthex und Naos liegt nicht in der Achse des Bauwerks, sondern wurde nach Norden verschoben und mit gemauerten Pilastern flankiert. Von der Schwelle ist nur ein Einschnitt zwischen den Pilastern erhalten ge- blieben, während die aus einem Monolithen gehauene Stufe noch in situ vorhanden ist. Die Bodenflächen von ungleicher Höhe bestehen aus Stein (Exonarthex und Narthex) und aus Ziegeln (Naos) 88 . In der Basilika wurden bei den Ausgrabungen nur wenige Teile der dekorativen architektonischen Aus- stattung entdeckt. Was wir für wichtig halten, ist eine Angabe aus dem Tagebuch, dass während der Ausgra- bung der Basilika ein „monolither Steinblock mit eingravierten Rinnen unbekannten Zwecks, welcher eine Öffnung verschloss, entdeckt worden ist 89 “. Diese Steinplatte befindet sich noch heute neben der Basilika. An ihrer Oberseite angebrachte Vertiefungen zeigen, auch wenn nur ein Viertel der Platte vorhanden ist, dass sie sich ursprünglich auf allen vier Teilen in Form eines Christogramms kreuzten. Der Kanal entlang der Kante wurde an seinem Ende so gestaltet, dass er ein Gefäß zum Abfluss und zur Leitung von Flüssigkeiten der Libationen aufnehmen kann, wofür diese Platte am wahrscheinlichsten verwendet worden ist. Es handelt

pole]. AP 4 (1962) 232. lj. Zotović hat die Gräber in drei chronologische Phasen geteilt: die erste ist älter als die Basilika, die zweite gleichzeitig und die dritte gehört in die Zeit der Zerstörung der Basilika.

83 Die Ausgrabungen der Basilika wurden am 30. Juni 1952 (Sondage IV) unter der Leitung von Đ. Mano-ZiSi begonnen – Дневник са археолошких радова из 1952 [Grabungstagebuch von 1952]. Документација Народног музеја у Београду [Dokumentation des Nationalmuseums in Beograd].

84 Über die Stelle des Martyrergrabes innerhalb eines Martyriums siehe: A. gRabaR, Martyrium. Recherches sur le culte des reliques et l’art chrétien antique (wie Anm. 66), 345 – 350.

85 Ђ. М а Но-ЗиСи – Д. јова Новић [Đ. Mano-ZiSi – d. jovanović], Археолошка ископавања Нишке тврђаве и Јагодин Мале у Нишу [Archäologische Untersuchung der Nišer Festung und Jagodin Mala in Niš], 365; Ђ. МаНо-ЗиСи [Đ. Mano-zisi], Дневник са ископавања од 4. јула 1953 [Grabungstagebuch vom 4. Juli 1953]. Документација Народног музеја у Београду [Dokumentation des Nationalmuseums in Beograd]. Aus Ziegeln gemauerte Säulchen trennen die Schiffe in der Basilika auf der Akropolis von Caričin Grad: Ђ. МаНо-ЗиСи [Đ. Mano-zisi], Нова базилика у Царичином Граду [Neue Basilika in Cari- čin Grad]. Старинар н.с. [Starinar N. S.] 9 – 10/1958 – 1959 (1959) 296.

86 Die Rekonstruktion des Achsenabstandes der Säulen ergibt, dass die Kolonnaden, die die Seitenschiffe (Breite 2,5 m) vom Hauptschiff (Breite 8,7 m) trennten, aus sechs Säulen und sieben Zwischenräumen bestanden: Н. СП реМо-Петровић [N. sPReMo-PetRović], Пропорцијски односи у базиликама илирске префектуре [Proportionelle Verhältnisse in den Basiliken der illyrischen Präfektur]. Београд [Beograd] 1971, 28 – 29.

87 P. l e M e R le , Philippes et la Macédoine Orientale. Paris 1945, 308 – 309 meint, dass frühbyzantinische Basiliken keinen Exonar- thex, sondern eine Portikus haben.

88 Ђ. МаНо-ЗиСи [Đ. Mano-zisi], Дневник са археолошких ископавања из 1952 године [Grabungstagebuch von 1952].

89 deRs., Дневник са археолошких ископавања из 1952 године [Grabungstagebuch von 1952]. 2. јули 1952 [2. Juli 1952]. Сонда [Sondage] IV.

24

M iša R akocija

sich daher unserer Meinung nach um den Teil einer mensa martyrum, die für die Totenmahlzeiten an den

Gedenktagen bei der Verehrung eines Martyrers, ähnlich wie in Salona und Sirmium, gebraucht wurde 90 . Aufmerksamkeit verdient ein ionisches Kämpferkapitell aus Marmor, welches I. nikolajević im Detail analysiert und ins 5. Jh. datiert hat 91 . In der Mitte der Vorderseite befindet sich zwischen zwei konstanti- nischen Christogrammen eine Taube mit ausgebreiteten Flügeln und mit einem Zweig im Schnabel. Nicht erwähnt hat I. nikolajević Stojković jedoch die apokalyptischen Buchstaben Α und ω, welche sich am Rand des Kämpfers befinden und zwar Α oberhalb und ω unterhalb der Hasten. Auf der anderen Seite des Kämp- fers ist ein sogenanntes lateinisches, mit einem Kranz gekröntes Kreuz (crux coronata) ausgeführt. Die Innenwände der Basilika waren mit einer Marmorverkleidung versehen und darüber mit Wandma- lerei geschmückt. Die im gesamten Areal der Basilika gefundenen Freskenfragmente konzentrieren sich bei der West- und Nordwand des Naos und im Apsidenbereich. Sie weisen darauf hin, dass die Freskodekoration in der Parapethöhe aus mehreren, mit Bordüre gerahmten Flächen bestand. Auf den Feldern dominiert eine florale Ornamentik. Die Farben sind lebendig: rot, gelb, blau, grün. Auf den größeren Fragmenten erkennt man Gesichts- und Körperteile mit Zeichnungskonturen in schwarzer und roter Farbe. Das Inkarnat war, wie aus dem Grabungstagebuch abgeleitet werden kann, hellblau mit hellroten Akzenten 92 . Im Apsisbereich trifft man auf eine Dekoration textilen Charakters, die in Weiß und Blau ausgeführt wurde und welche von einer roten Bordüre umrahmt war. Auf einem Fragment sieht man ein drapiertes, rotes Gewand und auf dem

anderen griechische Buchstaben TPГ

A 93 .

*

Im Bereich der Basilika mit Martyrium wurden über 60 Gräber freigelegt 94 , sie sind mit der Basilika zeit- gleich und stammen aus dem 5./6. Jh. 95 . Bei den innerhalb des Komplexes vorgefundenen Gräbern handelt es sich um kistenförmige Konstruktio- nen mit rechteckigem oder trapezförmigem Querschnitt, welche sich nach dem dafür verwendeten Material (Ziegel oder Stein) und nach der Art ihrer Abdeckung unterscheiden: 1. Bestattung mit flacher Steinplatte bedeckt, 2. mit satteldachförmigem Deckel und 3. mit Tonnengewölbe 96 . Besonderes Interesse verdienen die im Narthex gelegenen kistenförmigen, gemauerten Gräber, welche sich symmetrisch links (Grab IV) und rechts (Grab III) 97 vom Haupteingang in den Naos befinden. Es sind zweifelsohne die Bestattungen von besonders angesehenen Bürgern der Stadt Naissus. Grab IV war mit einer grünen Sandsteinplatte bedeckt und hat eine für den Kopf vorgesehene, sorgfältig gestaltete, bogenförmige Stelle, was dieses Grab hervorhebt und die Bedeutung der hier begrabenen Person unterstreicht. Etwas weiter östlich hat Slavetić in der nahegelegenen Kirche Nr. 20 ebenfalls in gleicher Art ausgeführte Gräber mit einer kleinen, halbkreisförmigen Kopfnische entdeckt 98 . Wir treffen sie in der südwestlichen Ecke des Mit- telschiffes der Basilika auf der Akropolis in Caričin Grad 99 , in Sirmium, in der dreischiffigen Basilika extra

90 N. duval, Mensae funéraires de Sirmium et de Salona. Vjesnik za arheologiju i historiju dalmatinsku 77 (1984) 200 – 222.

91 И. Николајевић [I. nikolajević], Јонски импост-капители из Македоније и Србије [Ionische Kämpferkapitelle aus Make- donien und Serbien] (wie Anm. 78), 170, 172 – 174, fig. 1 – 2.

92 Ђ. М а Но-ЗиСи [Đ. Mano-ZiSi], Дневник са археолошких ископавања из 1952 године [Grabungstagebuch von 1952]. Im Tagebuch ist festgehalten, dass die Fragmente an das Nationalmuseum in Niš übergeben wurden, wo heute jede Spur von ihnen fehlt.

93 Ђ. МаНо-ЗиСи . Mano-zisi], Дневник са археолошких ископавања-1953 [Grabungstagebuch von 1953]. Auch diese Frag- mente sind derzeit nicht auffindbar und verschollen.

94 Die jüngste Schicht setzt man in die Periode vom 10. bis ins 12. Jh.: Ђ. МаНо-ЗиСи [Đ. Mano-zisi], Дневник са археолошких ископавања-1953 [Grabungstagebuch von 1953].

95 Љ. Зотовић [lj. Zotović], Јагодин Мала [Jagodin Mala]. In: Енциклопедија Ниша-историја [Encyclopädie der Nišer Geschichte]. Ниш [Niš] 1995, 20.

96 Г. М илошевић [G. M ilošević], Мартиријум и гробљанска базилика у Јагодин Мали у Нишу [Martyrium und Friedhofsba - silika in Jagodin Mala zu Niš] (wie Anm. 72), 130.

97 Die Nummern der Gräber stammen aus dem Grabungstagebuch von Đ. M ano-zisi aus dem Jahr 1952.

98 А. оршић-Славетић [a. oRšić-Slavetić], Археолошка истраживања у Нишу [Archäologische Untersuchungen in Niš] (wie Anm. 67), 304, fig. 3.

99 Bei der Basilika auf der Akropolis wurde der Eingang, ähnlich wie in Niš, von zwei Gräbern flankiert. Das Grab südlich vom Eingang ist eigentlich ein Steinsarkophag, dessen Innenraum ein anthropomorphes Aussehen hat, während sich auf dem Deckel ein in Flachrelief ausgeführtes Kreuz befand: I. nikolajević, Sahranjivanje u ranohrišćanskim crkvama na području

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

25

muros in Philippi und in Konstantinopel an 100 . Solche Gräber mit einer Nische für den Kopf waren Bischöfen und namhaften Priestern sowie Gründern der Kirche vorbehalten. Für die Kirche selbst könnten sie einen apotropäischen Charakter haben. Im südwestlichen Teil der Basilika wurden in einem Raum mit drei Arkosolien, unter der Decke des westlichen Arkosoliums, zwei aus Ziegeln gemauerte Kindergräber entdeckt (V und VI). Im Grab V befand sich ein Bleisarkophag mit bogenförmigem Deckel. Das unterhalb des Bogens des nördlichen Arkosoliums liegende Grab (Grab VII) weist eine identische Konstruktion auf 101 . Die Gräber I, V, VI und VII gehören demnach zu einem Typ aus der zweiten Hälfte des 4. oder dem Anfang des 5. Jhs. Im Grab südlich vom Eingang zum Martyrium hatten sich verschiedene organische Materialien erhalten:

ein Lederkissen unter dem Kopf, über dem Körper eine drapierte Tunika aus schwarzer Seide, Lederschuhe und eine Pergamentrolle, die der Verstorbene in seiner linken Hand in Bauchhöhe hielt. Das Grab war aus Ziegeln errichtet und mit Ziegeln abgedeckt, während der westliche Teil eine gemauerte Ergänzung in Form eines Tympanons besaß 102 . Im Naos der Basilika befanden sich Grabkonstruktionen mit rechteckigem Grundriss und Steinplattenab- deckung 103 . Im Mittelschiff wurden neben der südlichen Stylobatwand drei nebeneinanderliegende, gemau- erte Gräber entdeckt, die mit Schieferplatten abgedeckt waren; sie wurden als Grab II bezeichnet. Eines hatte auf der Westseite eine aus Ziegeln und Mörtel gefertigte Kopfstütze. Auf den anderen Innenseiten des Grabes waren in roter Farbe gleicharmige Kreuze mit dreieckig verbreiterten Kreuzenden gemalt. Bei Grab VIII im südlichen Seitenschiff bilden dünne Schieferplatten eine trapezoide Form. Im Grab fand man das Skelett einer männlichen Person mit dunkelbraunen Haaren und Überresten einer Kleidung aus Seide mit einem Clavus, wie er sich auch auf dem Gewand des auf der Wandmalerei der nahegelegenen Grabkammer dargestellten Heiligen befindet. Dieses Detail der Kleidung weist auf einen hohen kirchlichen Rang hin. Eine nicht ausreichend präzise archäologi- sche Notiz besagt, dass im Kirchenschiff bei der nördlichen Stylobatwand zwei Gräber mit ge- mauerten Ziegelbögen angetroffen wurden. Im mittleren Teil des nördlichen Grabes befand sich ein zweizelliges, aus Ziegeln gemauertes Grab mit einer teilweise abgerissenen Trennwand. Als Grab 7 wird ein frühchristlicher Kin- dersarkophag aus Blei bezeichnet, welcher im Jahr 1962 im Narthex vor dem Eingang zum Martyrium gefunden wurde. Innerhalb des Blei- sarges lag ein in Seide gewickeltes Kinderske- lett 104 . Auf dem Deckel des Sarkophags befindet sich ein plastisch ausgeführtes Kreuz (Abb. 11).

Apotropäische Kräfte des Kreuzes an dieser

Stelle sind zweifellos anzunehmen 105 . Die Ge- staltung der Ausführung des Standplatzes des Kreuzes erinnert an den Ort Golgota (καράνιον τόπος, Calvaria) bzw. Adams Grab, wo ein Kreuz gesetzt wurde, da Salomon Adams Grab mit Steinen markiert

gesetzt wurde, da Salomon Adams Grab mit Steinen markiert Abb. 11: Bleisarkophag mit Reliefdarstellungen (Foto: J.

Abb. 11: Bleisarkophag mit Reliefdarstellungen (Foto: J. kRStić)

Srbije [Bestattung in den frühchristlichen Kirchen im Gebiet Serbiens]. AV 28 (1978) 682; Ђ. М а Но-ЗиСи [Đ. M ano-zisi], Нова базилика у Царичином Гpаду [Neue Basilika in Caričin Grad] (wie Anm. 85), 302 – 303, fig. 15, 16.

100 I. nikolajević, Necropoles et tombes Chrétiennes en Illyricum Oriental (wie Anm. 71), 525, fig. 4.

101 Im Sarkophag befand sich ein Kinderskelett mit Haar- und Gewandresten: Ђ. МаНо-ЗиСи [Đ. Mano-zisi], Теренски дневник за 1952 [Grabungstagebuch von 1952].

102 Ebd.

103 Ђ. МаНо-ЗиСи [Đ. Mano-zisi], Теренски дневник за 1953 [Grabungstagebuch von 1953].

104 Љ. Зотовић – Н. Петровић [lj. Zotović n. PetRović], Ниш – Јагодин Мала [Niš – Jagodin Mala]. Старинар н.с. [Stari- nar N. S.] 11, 1960 (1961) 246 –247; lj. Zotović, Jagodin Mala, Niš – kasnoantička nekropola [Jagodin Mala, Niš – spätantike Nekropole] (wie Anm. 82), 230 – 233.

105 T. Pazaras, Ανάγλυφες, σαρκοφάγοι και επιτάφιες πλάκες της μέσης και ύστερης βυζαντινής περιόδου στην Ελλάδα. Αθήνα 1988, 67, 114 – 116.

26

M iša R akocija

2 6 M iša R akocija Abb. 12: Hl. Panteleimon, Projektion des Grundrisses der frühchristlichen Basilika

Abb. 12: Hl. Panteleimon, Projektion des Grundrisses der frühchristlichen Basilika anhand der Angaben von V. k o R ać (Grafik:

Arch. J. Rakocija)

hatte. Diese Darstellung enthüllt die symbolische Bedeutung der Reliefdekoration des Sarkophagdeckels, die auch Golgota, den Ort wo Christus gekreuzigt wurde, bezeichnet. Die vertikalen Kreuzarme enden in drei Büsten und die horizontalen mit je einer stehenden Figur in einem langen, gegürteten Kleid. Solche aus drei büstenartigen Darstellungen bestehende Gruppen, welche auffallend an die Hl. Dreifaltigkeit erinnern, befinden sich in der Mitte der kürzeren und an der Spitze der Lateralseiten, wo der Kopf des Verstorbenen ruhte. Unterhalb dieses Dreibüstenmotivs befindet sich eine tabula ansata. Über die Frage, wen diese Büsten darstellen, wurde viel diskutiert 106 . Die große Anzahl von Gräbern lässt erkennen, dass der gesamte Kirchenkomplex als Friedhofsbasilika anzusehen ist, welche, ähnlich wie jene in Stobi 107 , auf der Westseite eine unterirdische Kammer (Hypogä- um) besitzt. Diese kommemorative Architektur weist darauf hin, wie die Bauwerke für den Martyrerkult als heilige Orte errichtet wurden 108 .

106 Siehe dazu А. јоваНовић [a. jovanović], О проблему фибула са портретима [Über das Problem der antiken Fibeln mit Porträts]. Зборник Филозофског факултета [Zbornik Filozofskog Fakulteta] 13 (1976) 43 – 51; I. nikolajević, Necropoles et tombes Chrétiennes en Illyricum Oriental, 526, fig. 5 – 7; deRs., Recherches nouvelles sur les monuments chrétiens de Serbie et du Monténégro. In: Actes du XI e CIAC. Lyon, Vienne, Grenoble, Geneve, Aoste 21 – 28 septembre 1986 (CEFR 123 – SAC 41) 3. Rome – Città del Vaticano 1989, 2446 –2448, fig. 6; H. – H. buschhausen, Der imperiale Bleisarkophag aus dem Martyrium zu Niš. 17 – 18, 1989 – 1990 (1991) 45 – 47, 60; Г. М илошевић [G. M ilošević] , Мартиријум и гробљанска базилика у Јагодин Мали у Нишу [Martyrium und Friedhofsbasilika in Jagodin Mala zu Niš] (wie Anm. 72), 134 – 137. heide und helMut busch- hausen erinnern daran, dass Galla Placidia und Honorius samt der Familie am Ende des 4. Jhs. auf der Durchreise in Niš waren. Der Sarkophag zeugt von einem unangenehmen Ereignis, welches sie auf ihrem Weg nach Rom in Niš aufgehalten hatte. Die kaiserliche Familie könnte zwischen den Jahren 385 und 395 in Niš gewesen sein.

107 И. Микулчић [I. Mikulčić], Стоби [Stobi]. Скопје [Skopje] 2003, 142, 144.

108 A. gRabaR, Starokršćanski spomenici Salone i početci kulta mučenika [Altchristliche Denkmäler von Salona und die Anfänge des Martyrerkults]. In: Antička Salona. Split 1991, 410.

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

27

Die Basilika im Hof Der kircHe Des Hl. Panteleimon

Im Hof der heutigen Panteleimon Kirche, an der ehemaligen nördlichen Begrenzung der Nekropole von Naissus, wurden bei den archäologischen Ausgrabungen in den Jahren 1966, 1969 und 1970 Teile einer frühchristlichen Basilika festgestellt, welche aus dem Ende des 4. Jhs. oder aus der ersten Hälfte des 5. Jhs. stammen, auf deren Fundamenten später eine mittelalterliche Kirche errichtet wurde 109 (Abb. 12). Der Ausgräber V. k o R ać beschäftigte sich nicht weiter mit dem möglichen Aussehen der frühchristlichen Basilika. Der Analyse der veröffentlichten Ergebnisse der archäologischen Ausgrabungen zufolge kamen wir zu dem Schluss, dass die dreischiffige Basilika einen schmalen Narthex im Westen hatte. In ihrer Grundriss- gestaltung und ihrer Entstehungszeit steht sie der Basilika mit Martyrium nahe. In einer spätantiken Grube im Apsisbereich wurde ein Bleigewicht 110 mit eingravierter Inschrift, an de- ren Ende ein stilisierter Palmzweig erscheint, gefunden. Eine detaillierte Analyse der Inschrift seitens A. jovanović 111 bestätigt unsere Behauptung, dass Naissus eine Martyriopolis war 112 . Daher schloss jovanović, dass zum Zeitpunkt der Entvölkerung der Stadt ein neben dem Städtenamen eingeritzter Palmenzweig als erkennbares Symbol des Sieges über den Tod und des Martyriums ausgewählt wurde (siehe Abb. 2).

KIRCHEN IN DER UMGEBUNG DER STADT NAISSUS

Die Basilika im Hof Der kircHe Des Hl. nikolaus

Die Kirche des Hl. Nikolaus liegt am Fuß des gleichnamigen Hügels im südlichen Stadtteil Palilula 113 . Die Forschungen in diesem Bereich basieren auf der Annahme, dass die berühmte byzantinische Bischofskirche des Hl. Prokopius, in welcher die Reliquien dieses Martyrers ruhten, hier zu suchen ist 114 . Diese Kathed- ralkirche wurde nach ihrer ersten Erwähnung im Jahr 1072 weiter ausgebaut und geriet jedoch nach 1386 – noch vor der ersten türkischen Eroberung von Niš – in Vergessenheit 115 (Abb. 13). Mit dem Vorhaben, die aus historischen Quellen bekannte Kirche des Hl. Prokopius zu lokalisieren, wurden Ausgrabungen im Hof der heutigen Kirche des Hl. Nikolaus durchgeführt 116 . Die baulichen Reste der Wände, die Ausrichtung des Objekts sowie die Anordnung der Säulenbasen deuten auf eine dreischiffige Kirche mit einem Ziegelplattenboden hin. Die kistenartige Grabkonstruktion aus Steinplatten, identisch mit der im Naos der Basilika mit Martyrium, ermöglicht eine Datierung ins 5./6. Jh. Das Fragment eines Mar- morkreuzes ist der Ausstattung der Kirche zuzuordnen.

109 В. кораћ [v. koRać], Истраживање остатака храма Св. Пантелејмона [Erforschung der Reste der Kirche des Hl. Pantelei- mon] (wie Anm. 28), 111 – 112; deRs., Свети Пантелејмон у Нишу, задужбина Стефана Немање [Der heilige Panteleimon in Niš, Stiftung des Stephan Nemanja], Стефан Немања – Свети Симеон Мироточиви [Stephan Nemanja – Heiliger Simeon Mirotočivi], Историја и предање [Geschichte und Überlieferung]. Научни скупови САНУ [Die wissenschaftlichen Tagungen der SANU], књ. [Buch] 94, Одељење историјских наука [Abteilung Geschichtswissenschaften], књ. 26. Београд [Beograd] 2000, 163 – 169.

110 В. кораћ [v. koRać], Истраживање остатака храма Св. Пантелејмона [Erforschung der Reste der Kirche des Hl. Pantelei- mon], 132, Т. IX/149.

111 А. јоваНовић [A. jovanović], Прилог проучавању официјалних симбола античког Ниша [Beitrag zu Studien der offiziel- len Symbole des antiken Niš] (wie Anm. 29), 43 – 52.

112 М. ракоција [M. Rakocija], Манастири и цркве града Ниша [Klöster und Kirchen der Stadt Niš] (wie Anm. 27), 14.

113 D. МилутиНовић – М. валтровић [D. Milutinović – M. valtRović], Извештај уметничком одбору српског ученог друштва [Der Bericht zum Kunstausschuss der serbischen Gelehrtengesellschaft]. ГСУД [GSUD] 48 (1880) 461; M. Rakocija, Paleobyzantine churches of Niš (wie Anm. 62), 137 – 138, fig. 16 –19.

114 Es gibt auch andere Überlegungen: П. ГаГулић [P. GaGulić], Црква Св. Николе у Нишу [Die Kirche des Hl. Nikolaus in Niš]. Ниш [Niš] 1963; М. А. војиНовић [M. a. vojinović], Две знамените старине у близини Ниша [Zwei berühmte Altertümer in der Nähe von Niš]. Преглед црквене епархије Нишке [Pregled crkvene eparhije Niške] 7 – 8. Ниш [Niš] 1929, 176 –179; f. kanitz, Römische Studien in Serbien (wie Anm. 5), 164.

115 В. Марковић [v. MaRković], Ископавања хришћанских старина у Нишу [Ausgrabungen christlicher Altertümer in Niš] (wie Anm. 64), 39, 48; Ј. к алић-М ијушковић [j. k alić-M ijušković], Ниш у средњем веку [Niš im Mittelalter]. In: историја Ниша [Geschichte von Niš] 1. Ниш [Niš] 1983, 87.

116 М. ракоција [M. Rakocija], Резултати археолошких истраживања у порти цркве Св. Николе у Нишу и покушај убикације епископске цркве Св. Прокопија [Die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen im Hof der Hl. Nikolaus Kirche in Niš und der Versuch der Ubikation der Episkopalkirche des Hl. Prokopius] (wie Anm. 19), 127 – 131.

28

M iša R akocija

2 8 M iša R akocija Nach den freigelegten baulichen Res- ten zu schließen handelt es

Nach den freigelegten baulichen Res- ten zu schließen handelt es sich um eine repräsentative, frühbyzantinische Basili- ka, die vielleicht als die dem Hl. Proko- pius geweihte Bischofskirche anzuspre- chen ist 117 .

die fRühchRistliche kiRche in Mediana

Die Kirche in der spätantiken Siedlung Mediana wurde im Jahr 2000 ausge- graben, man datiert sie ins ausgehende

4. Jh. 118 . Sie besitzt eine breite, halbrun-

de Apsis im Osten und einen schmalen

Narthex an der Westseite. Im Mörtel- boden wurde anstelle des Ambos ein Mosaikfeld in Form eines Christusmo- nogramms eingebaut (Abb. 14).

Abb. 13: Hl. Nikolaus, die entdeckten Fundamente der Basilika (Foto: M.

Rakocija)

entdeckten Fundamente der Basilika (Foto: M. R akocija ) Abb. 14: Mediana, Kirchenboden mit Mosaikdarstellung des

Abb. 14: Mediana, Kirchenboden mit Mosaikdarstellung des Christogramms (Foto: M. vaSić, Хроника ископавања Медијане 2000–2002 [wie Anm.

118], 294)

*

Auf den dominanten Erhebungen rund

um Niš wurden in der Zeit vom 5. bis

7. Jh. mehrere Kirchen errichtet 119 .

die BaSilika in ćuRlina

Im Tal des Flusses Gorica außerhalb der Dörfer Ćurlina und Knežica befindet sich eine frühbyzantinische Basilika, die im Jahr 1882 ausgegraben wurde. Alles, was wir über sie wissen, verdanken wir den Forschern 120 M. M ilićević, F. k anitz und M. valtRović (Abb. 15). Der Grundriss der Kirche in Form

einer dreischiffigen Basilika mit Narthex (37 × 16 m) erinnert an die Bischofskirche in Caričin Grad 121 . An der West-, Süd- und Nordseite hatte sie eine Vorhalle. Jedes Schiff endet in einer polygonalen Apsis an der Ostseite. In der Apsis des Mittelschiffes befindet sich ein Synthronon. Der Altarraum wird durch eine Schranke mit zwei graugrünen Granitsäulen abgeschlossen. Das Hauptschiff trennen drei rechteckige Ziegelpfeiler von den beiden Seitenschiffen, alle sind durch je eine Tür von Westen her zu betreten. Der Narthex besitzt hingegen nur einen Haupteingang.

117 Zur Frage, wie die Reliquien des Prokopius nach Niš gelangten, siehe С. ГаБелић [S. GaBelić], О иконографији св. Прокопија [Über die Ikonographie des Hl. Prokopius]. ЗРВи [ZRVI] 43 (2006) 527 – 559.

118 М. ваСић [M. vaSić], Хроника ископавања Медијане 2000 – 2002 [Chronik der Ausgrabungen Medijanas 2000 – 2002]. Старинар [Starinar] 43 – 44, 2003 – 2004 (2004) 290 – 292, 294; Г. ј ере М ић [G. j e R e M ić], Мозаици Медијане – нека разматрања [Die Mosaiken Medijanas – einige Überlegungen]. In: Ниш и Византија. Зборник радова [Niš & Byzantium. Symposium. The Collections of Scientific Works] 4. Ниш [Niš] 2006, 155.

119 M. Rakocija, Paleobyzantine churches of Niš, 140 – 141, fig. 22, 23.

120 М. Ђ. М илићевић [M. Đ. Milićević], Краљевина Србија [Das Königreich Serbien]. Београд [Beograd] 1884, 19 – 20; f. kanitz, Römische Studien in Serbien, 184 – 185; М. валтровић [M. valtRović], Белешке с пута [Reisenotizen]. Старинар САД [Starinar SAD] 4 (1888) 120 – 122.

121 В. коНДић – В. ПоПовић [v. kondić – v. PoPović], Царичин град утврђено насеље у византијском илирику [Caričin Grad – befestigte Siedlung im byzantinischen Illyricum] (Галерија САНУ [Galerija SANU] 33). Београд [Beograd] 1977, 155, fig. 119.

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

29

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien) 2 9 Abb. 15: Basilika in Ćurlina, Grundriss

Abb. 15: Basilika in Ćurlina, Grundriss (nach: M. Ɖ. Milićević, Краљевина Србија [wie Anm. 120], 20)

Die Mauern der Kirche sind aus Ziegeln errichtet, den Angaben von F. k anitz zufolge war sie mit Wand- malerei geschmückt. R. F. h oddinott vergleicht die Basilika in Ćurlina mit der Kirche des Hl. Prokopius in Prokuplje und in Kalaj bei Radinovac 122 . Die Analysen von b. aleksova weisen ihr aufgrund ihrer baulichen Gestaltung einen wichtigen Platz in der Geschichte der frühchristlichen Architektur zu 123 . Solche Kirchen sind charak- teristisch für die justinianische und postjustinianische Epoche, oft sind sie als Martyrien in Verwendung 124 . Parallelen finden sich im Osten, so stammt die Mjarfarkin-Kirche in Mesopotamien aus dem 7. Jh., welche in der den Martyrern gewidmeten Stadt Martyriopolis 125 errichtet wurde. Wir wollen unter anderem auch ihre offensichtliche Ähnlichkeit mit der Kirche der Hl. Sophia in Thessaloniki aus dem 7. Jh. erwähnen, die für die Entwicklung der kuppelbedeckten Zentralbauten 126 eine große Bedeutung hat.

122 R. F. h oddinott, Early Byzantine churches in Macedonia and Southern Serbia: A Study of the Origins and the Initial Develo - pment of Early Christian Art. London 1963, 195, fig. 104; В. коНДић – В. ПоПовић [v. kondić – v. PoPović], Царичин град утврђено насеље у византијском илирику [Caričin Grad – befestigte Siedlung im byzantinischen Illyricum], fig. 119 und 120.

123 Б. алекСова [B. alekSova], Loca sanctorum macedoniae, култ на мартирите во Македонија од IV до IX век. [Orte der Heiligen in Mazedonien, Martyrerkult in Mazedonien vom 4.–9. Jh.]. Скопје [Skopje] 1995, 148.

124 R. kRautheiMeR, Early Christian and Byzantine Architecture. Baltimore-Maryland 1965, 199 – 200. In Ćurlina gibt es keine Indizien dafür, dass dort ein Martyrergrab existiert hat.

125 Б. алекСова [B. alekSova], Епископијата на Брегалница [Bischofssitz in Bregalnica] (wie Anm. 25), 97.

126 В. кораћ – М. шуПут [V. koRać – M. šuPut], Архитектура византијског света [Die Architektur der byzantinischen Welt]. Београд [Beograd] 1998, 99 – 100, fig. 85.

30

M iša R akocija

Die Forschungen von Đ. StR ičević, die auch die Basilika in Ćurlina als eines der Beispiele anführt, haben gezeigt, dass die Verlagerung von Diakonikon und Prothesis neben dem Altar schon früher, etwa in der Mitte des 6. Jhs., üblich war 127 . Das ist die Zeit, als die Basilika in Ćurlina ausgebaut wurde. Wenn wir auf ihre Übergangsposition in der Entwicklung des zentralen Kuppelbaus hinweisen, dann ist diese Datierung noch akzeptabler. Für die vorgeschlagene zeitliche Einordnung spricht auch ein Kapitell 128 , welches um die Mitte des 6. Jhs. in einer lokalen Werkstatt entstanden ist 129 . Vom imposanten Bauwerk sind heute nur einige unter dem Schutt vergrabene Wände zu erkennen. Man sieht noch die beiden von F. k anitz erwähnten, schön gearbeiteten Säulen, die einst zur Altarschranke ge - hörten 130 . Viele Fragen, wie auch die, ob diese Basilika in Ćurlina die Kathedralkirche des Hl. Prokopius war 131 , müssen vorerst offen bleiben.

die lokalität „GRčka cRkvain kneZ

Im nördlichen Teil des Dorfes Knez befinden sich auf dem so genannten „Kreuzhügel“ bis jetzt unerforschte Reste einer dreischiffigen, byzantinischen Basilika (19 × 8 m), die die Bauern „griechische Kirche“ nennen. Auf der Westseite ist die steinerne Schwelle der Türöffnung in das Kirchenschiff in situ erhalten, flankiert von zwei schön bearbeiteten Säulenbasen aus Andesit. Der Übergang vom Narthex zum Naos wurde auf eine für die frühchristlichen Kirchen im Balkanraum typische Weise gelöst 132 : anstelle der Tür wurde ein Eingang mit drei Öffnungen (Tribelon) mit den beiden imposanten Säulen als Trennung gestaltet. Analogien dafür sind im gesamten Balkanraum zu finden 133 . Als Entstehungszeit der Kirche ist im Hinblick auf Parallelen der Säulenbasen in Caričin Grad das 6. Jh. anzunehmen.

die kiRche an deR lokalität kaMaRa

Östlich von Niš, vor dem Dorf Gabrovac, liegt an der Lokalität Kamara 134 die noch nicht erforschte Kirchen- ruine Crkvište. Da ein Zugang nicht erkannt werden konnte, ist die Deutung als Kirche unsicher 135 . Innerhalb der Mauern befindet sich das Grab einer Person, sodass es sich um eine darüber errichtete Kirche handeln könnte 136 . Die Entstehung der Anlage wird im 5. oder 6. Jh. angenommen.

127 Ђ. Стричевић [Đ. StRičević], Ђаконикон и протезис у ранохришћанским црквама [Diakonikon und Prothesis in den frühchristlichen Kirchen]. Старинар н. с. [Starinar N. S.] 9 – 10/1958 – 1959 (1959) 61 – 65, bes. 61 – 62.

128 f. kanitz, Römische Studien in Serbien (wie Anm. 5), 185.

129 I. nikolajević-Stojković, Les monuments de la decoration architecturale en Serbie d’un atelier local du VIe siècle. In: Actes du V e CIAC. Aix-en-Provence, 13 – 19 septembre 1954 (SAC 22). Città del Vaticano – Paris 1957, 467 – 469.

130 М. ракоција [M. Rakocija], Манастири и цркве града Ниша [Klöster und Kirchen der Stadt Niš] (wie Anm. 27), 57 – 60.

131 М. А. војиНовић [M. a. vojinović], Две знамените старине у близини Ниша [Zwei berühmte Altertümer in der Nähe von Niš] (wie Anm. 114) 176 –178.

132 С. раДојчић [S. Radojčić], Црква у Коњуху [Eine Kirche in Konjuh]. ЗРВи [ZRVI] 1 (1952) 158.

133 In Stobi – Basilika mit Baptisterium; Thessaloniki – Acheiropoietos; Svinjarica; Nea Anchialos – Basilika A, Kreta; Cher- sonesos – Basilika B; Korinth – Sikion; Philippi – Basilika extra muros; Nea Anchialos – Basilika B und D; Bregovina; Caričin Grad – Basilika in der Unterstadt; Thessaloniki – Hl. Demetrios; etc.; Н. СПреМо-Петровић [N. sPReMo-PetRović], Пропорцијски односи у базиликама илирске префектуре [Proportionelle Verhältnisse in den Basiliken der illyrischen Prä- fektur] (wie Anm. 86), Т. 5 – 7, 14, 19 – 22, 25 – 26, 38. Und in der nahe gelegenen Kirche Nr. 8 in der Jagodin Mala Nekropole.

134 А. оршић-Славетић [a. oRšić-Slavetić], Белешке са путовања [Reisenotizen]. Старинар [Starinar] 10 – 11, 1935 – 1936 (1935 – 1936) 172, fig. 4; M. Rakocija, Paleobyzantine churches of Niš (wie Anm. 62), 141 – 142, fig. 24.

135 Aufgrund des Fehlens des apsidalen Teils gibt es zwei Ansichten: A. oRšić-Slavetić meint, dass es sich um eine Kirche handelt, während I. nikolajević denkt, dass der rechteckige Raum oberhalb der Grabkammer ein oberirdischer Teil einer Grabanlage ist, in welchem die Bänke an den Wänden für die kommemorativen Totenmahlfeiern dienten – ein Brauch, der bis heute erhal- ten geblieben ist: А. оршић-Славетић [a. oRšić-Slavetić], Белешке са путовања [Reisenotizen]; I. nikolajević, Necropoles et tombes Chrétiennes en Illyricum Oriental (wie Anm. 71), 530 – 531.

136 Neben dem Kopf des Verstorbenen sind in eine Steinplatte (0,55 × 0,60 m) ein Christogramm und ein Name eingraviert: Par-

Italicus?): Н. вулић [n. vulić], Антички

споменци наше земље [Antike Denkmäler aus unserem Land]. Споменик СКА [Spomenik SKA] 77 (1934) 48 – 49; P. P et R ović , IMS 4: Naissus – Remisiana – Horreum – Margi (wie Anm. 12).

vuli(?)/Dus ss (= siti sunt, suprascripti?)/[do]rmivit in p[ace/….pidius it/

(Epidius

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

31

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien) 3 1 Abb. 16: Miljkovac, Kirche an der

Abb. 16: Miljkovac, Kirche an der Lokalität Gradište, Apsisraum samt Synthronon (Foto: M. Rakocija)

die kiRche an deR lokalität gRadište kod Miljkovac

Unweit von Niš, auf dem linken Ufer des Flusses Toponica, gegenüber der mittelalterlichen Stadt Železnik 137 , befindet sich eine frühbyzantinische Festung an der Lokalität Gradište 138 . Die strategisch günstige Lage lässt vermuten, dass es sich um eine unter Kaiser Justinian I. (527 – 565) restaurierte oder von Grund auf neu er- richtete Anlage handelt. Etwa 10 km südwestlich der Befestigung wurde der Apsisbereich einer Kirche festgestellt. Der Apsisbo- gen ist in Form von zwei Stufen (Synthronon) in den Felsen eingeschnitten, der Platz in der Mitte der Apsis ist hervorgehoben (Abb. 16). Die Kirche hatte Wandmalerei in Fresko-Technik. Die Mauern der Kirche wurden aus behauenen Steinen und Ziegeln aufgeführt. In der Umgebung fand man eine große Anzahl von Fragmenten steinerner Schrankenplatten mit einem Kreuz im Relief.

Die DreikoncHenkircHe im Dorf klissura

Zwischen den Dörfern Klissura und Orljane, oberhalb der Straße Niš – Thessaloniki und unter der serbischen mittelalterlichen Stadt Koprijan 139 , liegt auf einem niedrigen konischen Hügel eine Kirche, von der heute nur mehr geringfügige Spuren, nämlich Ziegel und Mörtelbrocken, erhalten sind 140 .

137 f. kanitz, Römische Studien in Serbien, 134 – 135; M. Rakocija, Cultural treasures of Niš (wie Anm. 27), 70 – 71.

138 deRs., Paleobyzantine churches of Niš, 144, fig. 28.

139 deRs., О цркви Св. Јована у селу Орљане код Ниша и њеном месту у историји византијске архитектуре [Über die Hl. Johannes Kirche im Dorf Orljane bei Niš und ihren Platz in der Geschichte der byzantinischen Architektur]. In: Ниш и Византија. Зборник радова [Niš & Byzantium. Symposium. The Collections of Scientific Works] 1. Ниш [Niš] 2003, 75 – 107.

140 А. оршић-Славетић [a. oRšić-Slavetić], Белешке са путовања [Reisenotizen], 173, fig. 5; В. коНД ић – В. ПоПовић [v. kondić – v. PoPović], Царичин Град, утврђено насеље у византијском илирику [Caričin Grad – die befestigte Siedlung im byzantinischen Illyricum] (wie. Anm. 121) 158, fig. 122.

32

M iša R akocija

3 2 M iša R akocija Als diese Kirche im Jahr 1933 ausgegraben wurde, konnte man

Als diese Kirche im Jahr 1933 ausgegraben wurde, konnte man ihren Grundriss erkennen, von ihrer Aus- stattung waren der mit Mar- morplatten und Mosaiken geschmückte Boden, Reste des Ambo und mit einem Kreuz versehene Schran- kenplatten vorhanden. Der dreikonchale Naos der Kirche hat auffallend kleine Seitenkonchen und einen Narthex, an dessen Nordseite sich ein recht- eckiger Raum mit kleiner, östlich gerichteter Apsis befindet, in welchem ei- ne kreuzförmige Pisci- na untergebracht ist. dj. StRičević änderte seine zu-

vor gefasste Meinung, dass es sich um ein Baptisteri- um handeln könnte 141 , und meint, dass dieser Raum zur Waschung der kirchlichen Gefäße diente. Diakon- ikon und Prothesis hatten schon ihre Gestalt mit der östlich gerichteten Apsis, als sie sich noch im westlichen Teil der Kirche befanden, wie die Kirchen in Rujkovac, Kuršumlija und Konjuh 142 sowie die Kirche Nr. 8 in Diokletianopolis 143 zeigen. Somit nimmt die Kirche in Klissura einen bedeutenden Platz in der Entstehung und Entwicklung der frühbyzantinischen Kirchenarchitektur ein (Abb. 17). Diese Anordnung der Apsiden stellt einen der ersten Schritte in der Entwicklung der dreikonchalen Kir- chen dar. Aufgrund der Tatsache, dass sich das Diakonikon und die Prothesis auf der Westseite befinden, sollte die Kirche in die vorjustinianische Epoche des 5. oder in die erste Hälfte des 6. Jhs. datiert werden.

Slavetić], Белешке са путовања [Reisenotizen] [wie Anm. 134] fig. 5)

Abb. 17: Klissura, die frühbyzantinische Kirche (nach: А. оршић-Славетић [a. oRšić-

die basilika Mit gRabkaMMeR in deR substRuktion beiM doRf ostRovica

Die frühbyzantinische Basilika mit einer Grabkammer in der Substruktion, genannt als Crkvište/Heiligtum des Hl. Erzengels Gabriel, befindet sich im Sićevo-Tal vor dem Dorf Ostrovica 144 . Von der dreischiffigen Basilika erkennt man die Grundmauern, die ein Rechteck (10,5 × 4 m) bilden, das durch eine Wand in zwei ähnliche Räume geteilt ist 145 . An der Ostseite des mittleren Schiffes schließt sich das Bogensegment der Altarapsis an, das nördliche Schiff endet in einer halbrunden Wand. Eine an ihr an- setzende Treppe ermöglicht den Zugang zum Grab (Hypogäum) (Abb. 18).

141 Ђ. Стричевић [Đ. StRičević], Рановизантијска црква код Куршумлије [Frühbyzantinische Kirche bei Kuršumlija] (wie Anm. 70), 182 – 183.

142 Ausführlicher dazu: deRs., Ђаконикон и протезис у ранохришћанским црквама [Diakonikon und Prothesis in den früh- christlichen Kirchen] (wie Anm. 127), 64 – 65.

143 К. МаДжаров – М. МаДжаров [k. MadžaRov – M. MadžaRov], Диоклецианополис (Dioklecianopolis). In: Римски и ранновизантийски градове в България [Römische und frühbyzantinische Städte in Bulgarien] 1. София [Sofija] 2002, 201, fig. 15.

144 П. ГаГулић [P. GaGulić], У Сићевачкој клисури цркве и манастири [Kirchen und Klöster im Sićevačka-Tal]. Ниш [Niš] 1980, 8; М. ракоција, Манастири и цркве града Ниша (wie Anm. 27), 61 – 62; deRs., Cultural treasures of Niš (wie Anm. 27), 62 – 63; deRs., Манастир Св. Богородице у Сићевачкој клисури [Gottesmutter Kloster im Sićevačka-Tal]. Ниш [Niš] 2007, 13, fig. 3, 4; deRs., Paleobyzantine churches of Niš (wie Anm. 62), 140 – 141, fig. 22, 23.

145 Nach den Spuren von Schutt wäre eine Länge von über 25 m und eine Breite von 12 m möglich. Im Altarraum wurde vor kur- zem eine Kapelle errichtet.

Das frühe Christentum in Naissus / Niš (Serbien)

33

Die östliche Wand des Nordschiffes wurde an die halbrunde Decke der Grabkammer an- gebaut, genau oberhalb der Eingangsöffnung. Sie ist aus schön angeordneten Ziegeln mit Mörtel und breiten Fugen gefertigt. Auf diese Weise umfasste die Basilika die Grabkammer, mit der sie strukturell verbunden war und die einen integralen Bestandteil ihrer Architektur bildete. Die aus Bruchsteinen errichtete Grabkam- mer ist mit Mörtel verputzt. Oberhalb der rechteckigen Eingangsöffnung befinden sich radial angeordnete Ziegel. Die Grabkammer gehört zum Bautyp der frühbyzantinischen gewölbten Gräber mit einer Nische an der Westwand 146 . Der vorgeschlagenen chronolo- gischen Systematisierung dieses Gräbertyps folgend wurde ihre Erbauung Ende des 4. oder ins 5. Jh. datiert 147 . Crkvište/Heiligtum des Hl. Erzengels Ga- briel ist eine frühbyzantinische, dreischiffi- ge Basilika mit etwas älterer, frühchristlicher Grabkammer in der Substruktion ihres östli- chen Teils. Genau genommen wurde der öst- liche Teil des Nordschiffs über der Grabkam- mer ausgebaut, die vom Apsisraum (Prothesis)

aus zugänglich war, man nimmt eine Verbin- dung mit einem Presbyterium an. Grabkammern dieses architektonischen Typs treten im Balkanraum in der frühbyzantinischen Periode oft innerhalb der Kirchen auf, manchmal auch, wie in Ostrovica, konstruktiv verbunden als Bestandteil ihrer architektonischen Struktur 148 . In der näheren Umgebung von Niš befindet sich an der Lokalität Kamara vor dem Dorf Gabrovac 149 eine Crkvište. Die Basilika in Ostrovica sollte man ins 5. oder 6. Jh. datieren, als auch andere Kirchen mit Grabkonstruktion entstanden sind 150 , welche etwas früher, Ende des 4. oder Anfang des 5. Jhs. errichtet

Rakocija)

Abb. 18: Ostrovica, Grundriss und Längsschnitt (Grafik: Arch. J.

18: Ostrovica, Grundriss und Längsschnitt (Grafik: Arch. J. 1 4 6 Eine identisch gestaltete Nische befindet

146 Eine identisch gestaltete Nische befindet sich in der frühchristlichen Grabkammer, die in der Crkvina des Hl. Stephanos in Svrljig ausgegraben wurde: Ђ. Бошковић [Đ. Bošković], Средњовековни споменици Источне Србије [Mittelalterliche Monumente Ostserbiens]. Старинар [Starinar] 2 (1951) 236, fig. 30.

147 М. ракоција [M. Rakocija], Рановизантијска гробница на свод код села Клисура поред Ниша и кратак осврт на проблем засведених гробница [Die frühbyzantinische gewölbte Grabkammer beim Dorf Klissura bei Niš und ein kurzer Rückblick auf das Problem der gewölbten Grabkammern] (wie Anm. 69), 151, 154, fig. 10.

148 Beispiele gibt es viele, für Bosnien und Herzegowina siehe: I. bojanovski, Kasnoantičke grobnice na svod u Čitluku i njihova predhodna konzervacija [Spätantike überwölbte Grabkammern in Čitluk und ihre vorherige Konservierung]. In: Naše starine. Godišnjak Zavoda za zaštitu spomenika kulture SR Bosne i Hercegovine 9. Sarajevo 1964, 115; in Makedonien: В. л илчић [v. lilčić], Ранохристијански засведени гробници во Македонија [Frühchristliche überwölbte Grabkammern in Makedo- nien] (wie Anm. 74), 95 – 108; in Bulgarien: Д. ДиМитров [d. diMitRov], изкуството в Тракия през епохата на римското владичество. история на Българското изобразително изкуство [Die Kunst in Thrakien während der Epoche der römi- schen Herrschaft. Geschichte der bulgarischen darstellenden Kunst] 1. София [Sofija] 1976, 47 – 48 mit älterer Literatur. Weiters Д. М. Петровић [d. M. PetRović], Рановизантијска гробница у Бољевцу на Ибру [Frühbyzantinische Grabkammer in Boljevac am Ibar]. Старинар н. с. [Starinar N. S.] 15 – 16, 1964 – 1965 (1966) 257; И. Николајевић [I. nikolajević], Necro- poles et tombes Chrétiennes en Illyricum Oriental (wie Anm. 71), 682.

149 А. оршић-Славетић [A. oRšić-Slavetić], Белешке са путовања [Reisenotizen] (wie Anm. 134), 172, fig. 4; M. Rakocija, Paleobyzantine churches of Niš, 141 – 142, fig. 24.

150 I. nikolajević, Sahranjivanje u ranohrišćanskim crkvama na području Srbije [Bestattung in den frühchristlichen Kirchen im Gebiet Serbiens] (wie Anm. 99), 683.

34

M iša R akocija

wurden. Bekannte Kirchen mit einem Grab in der Substruktion werden ins 5. oder 6. Jh. datiert 151 , was eben auch für das Heiligtum des Hl. Erzengels Gabriel angewendet werden kann.

DIE GRABKAMMERN

die stadtnekRoPole

Östlich des antiken Naissus erstreckte sich die städtische Nekropole, welche das Gebiet der heutigen städti- schen Siedlung Jagodin Mala umfasst 152 . Die ersten schriftlichen Angaben über diese Gräber stammen von

M. valt Rović und F. k anitz 153 .

Bei der archäologischen Kampagne des Jahres 1933 unter der Leitung von A. o R šić-Slavetić wurden 17 Grabkammern mit Gewölbe, vier Kirchen und mehrere einzelne Gräber 154 entdeckt. Im Bereich der Marty- rium-Basilika setzte Đ. M ano-zisi in den Jahren 1952 – 1953 die Ausgrabungen fort 155 . Weitere systematische Forschungen in der Nekropole in Jagodin Mala begannen 1956 und dauerten – mit Unterbrechungen im Jahr 1963 – bis 1967 an 156 . Durch die Grabungen und Zufallsfunde in Jagodin Mala wurden ca. 80 gemauerte Grabkammern erfasst, vier befinden sich in den umgebenden Dörfern (Abb. 19). Die Ausdehnung der Nekropole lässt sich vorläufig folgendermaßen festlegen. Etwa 100 m nordwestlich der Festungsmauer wurde die westliche Begrenzung annähernd bestimmt, die östliche liegt knapp über der Fabrik „Nitex“. Das rechte Flussufer der Nišava kennzeichnet die südliche Grenze, die nördliche verläuft in der Kosovka devojka Straße, ca. 150 m südlich der Hl. Panteleimon Kirche 157 . Das Zentrum der Nekropole umfasst das Terrain von der Čegarska Straße bis zur Fabrik „Nitex“ 158 . Im Gebiet, das zum mittleren Areal der Nekropole gehört, wurden zwischen der Kosovka devojka Straße, Bogdan Popović Straße, Ratko Pavlović Straße und Čegarska Straße aneinander gereihte Gräber entdeckt 159 . Wir wissen, dass die Bestattungen in regelmäßigen Reihen (I, II, III) erfolgten, wie sie im zentralen und im südlichen Teil der Nekropole zu erkennen sind. Trotz der unterschiedlichen Größe der Grabkammern kon- zentrieren sich diese bei den Kirchen. Die Präsenz der Reliquien in der Kirche und das Martyrergrab ließen diese Bereiche für die Bestattung der Privilegierten besonders attraktiv erscheinen 160 .

151 Ebd., 681 – 683.

152 Љ. Зотовић [lj. Zotović], Izveštaj sa iskopavanja kasnoantičke nekropole u Nišu [Bericht über die Ausgrabungen der spätan- tiken Nekropole in Niš]. In: Limes u Jugoslaviji 1. Beograd 1959, 171 – 175; Љ. Зотовић – Н. П етровић [lj. Zotović – n. PetRović], Касноантичка некропола у Јагодин Мали [Die spätantike Nekropole in Jagodin Mala]. Ниш [Niš] 1968 (водич без пагинације) [ohne Paginierung]; Љ. Зотовић [lj. Zotović], Погребни ритуал и схватање загробног живота у свету касноантичке некрополе Наиса [Bestattungsritual und das Verständnis des jenseitigen Lebens im Lichte der spätantiken Nekropole von Naissus]. Нишки зборник [Niški Zbornik] 1. Ниш [Niš] 1974, 46–51; П. П етровић [P. PetRović], Ниш у античко доба [Niš in antiker Zeit] (wie Anm. 7), 74 – 88.

153 M. валтровић [M. valtRović], Белешке с пута [Reisenotizen] (wie Anm. 120), 118 – 119; f. kanitz, Römische Studien in Serbien (wie Anm. 5), 73.

154 А. оршић-Славетић [a. oRšić-Slavetić], Археолошка истраживања у Нишу [Archäologische Untersuchungen in Niš] (wie Anm. 64), 304; Р. O. Б рата Н ић [ R. o. B R atanić], Ископавања у Нишу и околини [Ausgrabungen in Niš und Umgebung] (wie Anm. 9), 180 – 187.

155 Ђ. МаНо-ЗиСи – Д. јоваНовић [Đ. Mano-zisi d. jovanović], Apхeoлoшкo иcпитивaњe Hишкe твpђaвe и Jaгoдин Мaлe y Hишy [Archäologische Untersuchungen der Nišer Festung und Jagodin Mala in Niš] (wie Anm. 81), 365 – 367. Die Ausgrabungsergebnisse wurden nicht zur Gänze publiziert. Dank der Freundlichkeit der Kollegen aus dem Nationalmuseum in Belgrad stellte man uns das Grabungstagebuch zur Verfügung.

156 Die Untersuchungen der Nekropole in Jagodin Mala wurden in drei Sektoren (I–III) ausgeführt und jede Grabkammer trägt eine Nummer – Дневник са археолошких ископавања из 1956, 1957, 1958 и 1961 [Grabungstagebuch von 1956, 1957, 1958 und 1961]. Документација Археолошког института у Београду [Dokumentation des Archäologischen Instituts in Beograd