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Johannes Weiß [Gesammelte Aufsätze zu Max Weber]

[nur für den internen Gebrauch in Lehrveranstaltungen]

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I Zur Einführung

3

Die Gegenwärtigkeit Max Webers

4

II

Grundlegendes

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Die Entzauberung der Welt

11

III Theorie

48

Über ‚Weberianische‘ Theorie

49

Max Webers Unterscheidung von Zweckrationalität und Wertrationalität – Gründe,

Tragweite, Probleme

62

Die Irreversibilität des okzidentalen Rationalisierungsprozesses und der vermeintliche Fatalismus Max Webers

76

IV Wissenschaftslehre

88

Kausale Durchsichtigkeit. Über die Rolle der „Kausalbetrachtung“ in der Wissenschaftslehre Max Webers

89

Wertfreiheit und Wertbeziehung. Überlegungen aus Anlaß einer Untersuchung über

105

Das Verstehen des Lebens und die verstehende Soziologie (Dilthey und Weber). 117

Aussiedler

 

Georg Simmel, Max Weber und die „Soziologie”

131

Generalisierter Weberianismus? Einige Reflexionen zur gegenwärtigen Weber- Rezeption

151

V

Marx und Marxismus

158

„Marx oder Weber?“ Eine Rezension nebst Antireplik

159

Zur Entgegnung

169

„Max Weber in den sozialistischen Ländern

172

Max Weber in Rußland. Einige Überlegungen aus Anlaß der Max Weber- Vorlesungen von J.N. Davydov und P.P. Gaidenko

187

Marx oder Weber?

196

VI

Religionssoziologie

209

Konfessionalisierung der Religionssoziologie? Zu Werner Starks Weber-Kritik

210

Troeltsch, Weber und das Geschichtsbild des Kulturprotestantismus

222

Troeltsch als Soziologe

238

‚Religion des Wachstums‘ und protestantische Askese

246

Das Eigenrecht der Religion und die Eigenart der Religionssoziologie Webers

256

VII Politik als Beruf

265

‚Politik gehört nicht in den Hörsaal!‘ Über ein Diktum Max Webers

266

„Zwischen zwei Gesetzen“: Einige Reflexionen zu den Politischen Schriften Max

 

Webers

273

VIII Zwei Tagungsberichte

279

Kassel 1986

280

Erfurt 1989

291

IX

Zwei Einleitungen

294

Marx oder Weber? Zur Aktualisierung einer Kontroverse

295

Max Weber heute: Erträge und Probleme der Forschung

302

Nachspann

321

Ein Weber für Herz, Sinn und Gemüt?

322

Literatur

328

Werke Webers

329

Allgemeine Literatur

331

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I Zur Einführung

4

Die Gegenwärtigkeit Max Webers

Max Weber, dessen Geburtstag sich am 21. April zum 120. Male jährt, ge- hört durchaus nicht zu den verkannten Denkern, deren wahre Größe erst noch zu entdecken und publik zu machen wäre. Schon zu Lebzeiten, und zwar vom Anfang seiner Forschungstätigkeit an, wurde er als überragende wissenschaftliche Kapazität allseits wahrgenommen und hoch gepriesen. Be- reits als 29jähriger erhielt er, obwohl seiner akademischen Ausbildung nach in erster Linie Jurist und Rechtshistoriker, seinen ersten Ruf auf einen natio- nalökonomischen Lehrstuhl in Freiburg und in der anschließenden Heidelber- ger Zeit wurde er zum führenden Forscher, Methodologen und Theoretiker der deutschen Soziologie und zum Mittelpunkt und ersten Anreger eines sehr bedeutenden Kreises von Wissenschaftlern, Intellektuellen und Künstlern. Als er 1920 starb, bezeichnete Karl Jaspers ihn als denjenigen, der „vielleicht als einziger in neuerer Zeit und in einem anderen Sinne als irgend jemand heute Philosoph sein kann“, als Philosoph zu gelten habe. Kaum weniger prominent war Max Weber zeit seines Lebens als Ana- lytiker und Kritiker der deutschen politischen Zustände und als politischer Ratgeber. Von seinem frühen sozialpolitischen Engagement im Umkreis der „evangelisch-sozialen“ Bestrebungen (das ihm mit Friedrich Naumann zu- sammenbrachte) über seine aufsehenerregende Freiburger Antrittsvorlesung „Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik“ und seine vielfältigen öffentlichen Stellungnahmen (etwa zur Hochschulpolitik, aber auch zu den vorrevolutionären Ereignissen in Rußland) bis hin zu seinen Überlegungen zur politischen Neuordnung Deutschlands nach dem Weltkriege und zur Be- teiligung an der deutschen Friedensdelegation in Versailles reicht der Bogen seiner „Einmischungen“ in das politische Geschehen. Wenn auch alle Versu- che und Bemühungen, ihm eine führende Rolle in der praktischen Politik zu übertragen, am Ende an der Mißgunst anderer, aber auch an Webers Unver-

mögen, der politischen Opportunität auch nur kleinere sacrificia intellectus zu bringen, scheiterten, so galt er doch in weiten Kreisen, und zwar durchaus auch außerhalb des bürgerlichen Lagers, als außerordentliche politische Hoff- nung. Bei seinem Tod klagte Julius Bab, mit ihm sei „der genialste politische Kopf dieser ganzen armen Generation“ dahingegangen, „der geborene Füh- rer, der Mann, dem die politische Gnadengabe des „Charisma“ von der Stirn

leuchtete,

der heimliche Kaiser aller Demokraten.“

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Trotz dieses frühen und hohen Ruhms bietet die Wirkungsgeschichte Max Webers keineswegs das Bild einer zügigen Aufnahme, gründlichen Prü- fung und kontinuierlichen Fortentwicklung seiner Forschungsergebnisse und Ideen. Hinsichtlich seiner Vorstellung von Politik liegt die Erklärung für die- sen Tatbestand wohl in der Hautsache darin, daß zwischen den beiden Welt- kriegen (und erst recht nach 1933) eine von Parteistandpunkten im engeren Sinne unabhängige politische Analyse und Kritik wenig bzw. keinerlei Durchsetzungschancen besaß. Nach dem Zusammenbruch aber dürfte die – zwar im Laufe der Jahre abgemilderte, aber bis zum Schluß sehr ausgeprägte – Orientierung Max Webers an einer nationalen Machtpolitik zu Recht wenig zeitgemäß und überzeugend erschienen sein. Daß auch das wissenschaftliche Werk Webers nur sehr zögernd rezi- piert und fortgesetzt wurde (und daß es erst recht nicht zu einer Schulbildung etwa nach Art der Durkheim-Schule in Frankreich gekommen ist), könnte man – abgesehen davon, daß bald nach der Machtergreifung Hitlers über- haupt keine beachtliche sozialwissenschaftliche Forschung in Deutschland mehr möglich war – damit erklären, daß dieses Werk von seinem früh ver- storbenen Autor so heterogen, fragmentarisch und unfertig hinterlassen wor- den ist. Der tieferliegende und eigentliche Grund dürfte aber darin liegen, daß sich die Webersche Sozialwissenschaft ganz prinzipiell und ausdrücklich dem in jener Zeit – insbesondere in Deutschland – sehr allgemeinen Bedürfnis nach einer unmittelbaren politischen und weltanschaulichen Beanspruchung und Ausbeutung entzieht. Webers Einsicht, daß die „Entzauberung der Welt“ durch die neuzeitliche Wissenschaft auch bedeutet, daß diese Wissenschaft selbst ein durch und durch entzaubertes Unternehmen ist – unfähig, letzte Sinngebungen und Wertsetzungen zu vermitteln oder gar die Verwirklichung des „Heils“ zu gewährleisten – mußte allen unwillkommen und zuwider sein, die in eben solchen Leistungen den eigentlichen Nutzen der Sozialwis- senschaft sahen. Zugleich steht Webers Idee der Sozialwissenschaft eine Auf- fassung von Soziologie entgegen, die sich unkritisch an einem den Naturwis- senschaften nachgebildeten Modell von Erfahrungswissenschaft orientiert und die Eigentümlichkeiten und besonderen Probleme sozialwissenschaftli- cher Erkenntnis als „Kinderkrankheiten“ einer unreifen Disziplin interpretiert. Weber versteht die Soziologie dagegen in dem Sinne als „Wirklichkeitswis- senschaft“, daß sie darauf abstellt, die Fülle und Vielgestaltigkeit historischer Phänomene und sozio-kultureller Lebenswelten zu bewahren und auch mit ihren allgemeinsten Kategorien nicht den Bezug zum Selbstverständnis han- delnder Menschen aufzugeben.

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Erst in jüngerer Zeit – beginnend Ende der 50er Jahre und wesentlich befördert durch den dem Werk Webers gewidmeten Deutschen Soziologen- tag 1964 – kam es zu einer Wiederaufnahme der Weber-Rezeption, wie es sie umfassender und intensiver bis dahin nicht gegeben hat. Am Beginn dieser neueren Entwicklung wurden noch sehr häufig starke Vorbehalte gegenüber bestimmten methodologischen Anschauungen Webers – etwa gegenüber dem Verfahren der Idealtypenbildung oder gegenüber der Wertfreiheitsthese – einerseits und gegenüber seinen politischen respektive politikwissenschaftli- chen Auffassungen formuliert. Demgegenüber wird gegenwärtig auch We- bers Methodologie zu den besonder lebendigen Teilen seines Werks gerech- net, und darüber hinaus ist es geradezu Mode geworden, sich nicht nur Ar- gumente aus Webers politischer Soziologie, sondern sogar seinen tatsächlich sehr diskussionsbedürftigen Begriff von Politik umstandslos anzueignen. Gerade dieser letzte Punkt verweist auf einen fragwürdigen Aspekt der im übrigen sehr notwendigen und fruchtbaren Wiederannäherung an Weber. Die Faszination dieser Denkerpersönlichkeit rührt, wie mir scheint, vor allen Dingen daher, daß sich in ihr der entschiedenste Wille, die Dinge so zu sehen, „wie sie wirklich sind“ – in Webers eigenen Worten: die Haltung einer „ge- schulten Rücksichtslosigkeit des Blicks“ und unbedingten „intellektuellen Rechtschaffenheit“ – mit einem sehr starken politischen und auch morali- schen Pathos verbindet, und zwar so, daß die Nüchternheit des Tatsachen- blicks allen moralisch-politischen Zwecksetzungen einen heroischen Zug ver- leiht. Ähnlich wie bei Nietzsche, der Weber in mehrfacher Hinsicht sehr beeinflußte, ist hier eine tragische Attitüde vorgebildet, die mancher, ins- besondere mancher vermeintlichen oder tatsächlichen Sachzwängen gehor- chende Politiker, sich gern zueigen macht, ohne sich um die Bedeutung und die Voraussetzungen der Weberschen Stellung zu kümmern. So wurde in den jüngsten Debatten zur Friedens- und Rüstungspolitik vor allem Webers Un- terscheidung von Gesinnungs – und Verantwortungsethik des öfteren dazu verwendet, die Anerkennung harter und widerständiger Realitäten bereits als zureichenden Ausweis moralischer Politik zu deuten und verantwortungs- und folgenlosen Gesinnungsbekenntnissen entgegenzusetzen. Das mag der Selbststilisierung dienen, die eigentliche Problematik tritt aber erst dann in den Blick, wenn Webers Bemerkung – in „Politik als Beruf“ – ernst genom- men wird, daß Gesinnungsehtik und Verantwortungsethik in concreto keine absoluten Gegensätze, sondern Ergänzungen seien, die „zusammen erst den echten Menschen ausmachen, den, der den „Beruf zur Politik“ haben kann.

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Ein ganz ähnlicher Pseudo-Heroismus, der sehr leicht in einen prä- tentiösen Zynismus umschlägt, tritt auch heute noch gelegentlich auf dem erkenntnistheoretischen oder methodologischen Felde auf, und zwar unter Beanspruchung der Weberschen Wertfreiheitsthese. Diese These – sie be- sagt, daß Tatsachenfeststellungen und Wertungen logisch vollkommen hete- rogen sind, und daß die empirische Wissenschaft deshalb keineswegs zur Letztbegründung irgendwelcher Wertungen taugt – wird dann zur Dis- pensierung des Sozialwissenschaftlers von den moralischen und politischen Voraussetzungen und Folgen seiner Forschungen benutzt. Auch hier geht es sehr oft viel mehr um Selbststilisierung im Sinne kühler Sachlichkeit und inte- resseloser Objektivität als darum, der tatsächlich vorfindbaren und gelegent- lich sogar explizit betriebenen Vermischung von Tatsachen- und Werturteilen entegenzutreten. Weber selbst sah jedenfalls durchaus keinen Gegensatz zwi- schen jener Wertfreiheitsthese und seiner entschiedenen Auffassung, daß jede wissenschaftliche Forschung auf vielfältige „Wertbeziehungen“ angewiesen sei und daß der Sozialwissenschaft nur dann eine wirkliche „Kulturbedeu- tung“ zukomme, wenn sie sich bei der Auswahl und Formung ihrer For- schungsgegenstände an den die Epoche bewegenden Wertidealen orientiere. Die zuletzt genannten Beanspruchungen Webers, denen natürlich eine sehr prinzipielle Kritik des so verstandenen Denkers korrespondiert, sind zwar nicht haltbar, doch beruhen sie nicht ausschließlich auf Mißverständ- nissen oder oberflächlicher Lektüre. Sie haben vielmehr auch damit zu tun, daß Weber nicht nur ein außerordentlich streitbarer und zu sehr schroffen Reaktionen fähiger Mensch war, sondern auch in seiner politischen und sozi- alwissenschaftlichen Weltsicht durchgehend die Konflikte und Gegensätze in aller Schärfe ins Licht hob und sie lieber in ihrer Unversöhnlichkeit stehen ließ, als sich Möglichkeiten, sie zu überspielen oder – vermeintlich – zu har- monisieren, auszudenken. In dieser Hinsicht ist er weit radikaler als Karl Marx, der ja geradezu als der Vater der sozialwissenschaftlichen Kon- flikttheorien gilt. Marx nämlich führt alle überhaupt beachtenswerten Span- nungen und Konflikte, auch alle Konflikte zwischen den verschiedenen Sphä- ren menschlicher Sinngebung und Wersetzung, letztlich auf einen „Grundwi- derspruch“ (zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen) zu- rück, mit dessen Aufhebung sich jene Konflikte folglich allesamt lösen bzw. erledigen müssen. Weber erkannte, daß auch diese Marxsche „große Lösung“ durchaus nicht gelingen werde. Ganz abgesehen davon, daß sich keines der dem ideo- logischen Überbau zugeschlagenen Probleme auf diese Weise bewältigen

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(wohl zwar vorübergehend eskamotieren) lasse, werde sich vor allem das durch grundsätzliche Ambivalenzen gekennzeichnete Spannungsverhältnis von Demokratisierung undBürokratisierung auf diese Weise keineswegs – in der Form einer bürokratiefreien, vollkommenen Demokratie – auflösen, jeder „rationale Sozialismus“ werde vielmehr Grade der Zentralisierung und büro- kratischer Rationalisierung erforderlich machen, die weit über das in der bür- gerlichen Gesellschaft sich abzeichnende „Gehäuse der Hörigkeit“ hinausgin- gen.

Es ist aber nicht so sehr die – durch die Geschichte ja gut bestätigte – Richtigkeit dieser Prognose oder sonstiger Annahmen Webers, die ihn zum „gegenwärtigsten“ und am breitesten und intensivsten diskutierten aller gro- ßen Klassiker der Soziologie machen – auch wenn der fortschreitende Pro- zeß der Weber-Aneignung insbesondere unter (im weiteren Sinne) mar- xistischen Theoretikern natürlich mit der überlegenen Erklärungskraft der Weberschen Bürokratietheorie oder z.B. auch seiner klassentheoretischen Annahmen zusammenhängt. Entscheidend für die neue Anziehungskraft We- bers dürfte vielmehr sein, daß dieser eine im bezeichneten Sinne radikal ent- zauberte und von allen Dogmatismen – auch innertheoretischer Art – freie Vorstellung von Sozialwissenschaft nicht nur proklamiert, sondern auch in höchst eindrucksvoller Weise praktiziert hat. Am Beispiel Webers wird sicht- bar, daß es eine Möglichkeit, Soziologie zu treiben, gibt, die sich aller fal- schen Prätentionen und Versprechungen entledigt hat und dennoch Wesentli- ches zur Aufhellung und Bewältigung von Problemen beizutragen vermag, die die Grundlagen unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen und kulturellen Existenz betreffen. Allerdings findet sich bei Weber – auch wenn seine Vor- aussicht in vielen Punkten staunenswert bleibt – kein erschöpfender Katalog aller uns heute bewegenden Fragen, und erst recht wird man bei ihm vergeb- lich nach definitiven Antworten suchen. Sehr problematisch, und dies auch bei der gebotenen historischen Relativierung, sind und bleiben viele seiner politischen Einschätzungen und Wertungen. Dennoch darf dieser Teil seines Denkens unter keinen Unständen verdrängt oder in seiner Bedeutung ver- kleinert werden. Er ist ganz unverzichtbar, weil er zeigt, daß es ohne leiden- schaftliche existentielle Betroffenheit des Forschers kein bedeutendes sozial- wissenschaftliches Lebenswerk geben kann, daß aber auch das breiteste und genaueste, sich über große historische Zeiträume und viele verschiedene Kul- turen erstreckende Wissen und die schärfste analytische Intelligenz nicht zu- verlässig jede ideologische Befangenheit und politische Irrtumsfähigkeit aus-

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schließen. Weber selbst hat diese letztere Einsicht immer wieder gegenüber allen Herrschaftsansprüchen selbsternannter Szientokraten bekräftigt.

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II Grundlegendes

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Die Entzauberung der Welt

1. Das Leben

Karl Emil Maximilian Weber wird am 21. April 1864 in Erfurt geboren. Bei- de Eltern, die Mutter Helene (geb. Fallenstein) und der Vater Dr. jur. Max Weber, entstammten Familien, die bedeutende Traditionen bürgerlicher Kul- tur und ökonomischer wie politisch-administrativer Lebenspraxis repräsen- tierten. Von früher Jugend an ist Webers Bildungsprozeß nicht nur von der umfassendsten und intensivsten Aneignung der überkommenen Bildungsbe- stände, sondern auch von objektivierend-kritischer Auseinandersetzung mit diesen Traditionen geprägt. So wird ihm die anti-institutionell und ethisch orientierte Religiosität der Mutter zum Anlaß sehr früher und fundamentaler Überlegungen über den Sinn und die gegenwärtige Kulturbedeutung des Christentums. Ebenso werden die politischen Auffassungen des Vaters selbst in den Teilen, in denen Weber sie übernimmt (d.h. insbesondere in ihrer star- ken nationalen und machtpolitischen Ausrichtung), zum Gegenstand früh einsetzender und andauernder Objektivierungs- und Klärungsbemühungen. Derart ist die sehr starke und intensive Anteilnahme Webers an den gesell- schaftlichen, kulturellen und politischen Problemen seiner Zeit, die sich bis zu seinem Lebensende immer wieder in Eruptionen leidenschaftlicher Par- teinahme äußert, zugleich auch von frühester Jugend an durch das Bedürfnis nach intellektueller Einsicht gezügelt und gebrochen. Das Studium der Jurisprudenz sowie der Nationalökonomie, Ge- schichte, Philosophie und einiger Theologie an den Universitäten zu Heidel- berg, Göttingen und Berlin schließt Weber mit den juristischen Staatsprüfun- gen, einer rechtsgeschichtlichen Promotion über die „Entwicklung der offe- nen Handelsgesellschaften im Mittelalter“ (1889) und der Habilitation über „Die Römische Agrargeschichte in ihrer Bedeutung für das Staats- und Pri- vatrecht“ (1891) ab. Nachdem er vorübergehend an seiner Berufung zur aka- demischen Laufbahn gezweifelt hat, übernimmt Weber 1893 eine a.o. Profes- sur für Handels- und Deutsches Recht in Berlin. Noch im selben Jahr folgt er einem Ruf auf einen Lehrstuhl für Nationalökonomie an der Universität Frei- burg. Diesen Ruf verdankt Weber in erster Linie dem Bericht über die Lage

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der ostelbischen Landarbeiter, dessen Erstellung (im Rahmen einer groß an- gelegten Landarbeiter-Enquête) ihm vom „Verein für Socialpolitik“ übertra- gen worden war. Dem sozialpolitischen Interesse Webers entspringt auch seine Beteiligung am „Evangelisch-Sozialen Kongreß“ (1889), die ihn vor allem mit sozialpolitisch engagierten Theologen wie Friedrich Naumann und Paul Göhre zusammenbringt, sowie die Mitarbeit an der Schriftenreihe „E- vangelisch-Soziale Zeitfragen“ (hrsg. von Webers Vetter, dem Theologen Otto Baumgarten) und der Zeitschrift „Christliche Welt“ (hrsg. von Martin Rade). 1893 heiratet Max Weber Marianne Schnitger, eine entfernte Ver- wandte; die Ehe bleibt kinderlos. Marianne Weber besorgt nicht nur die posthume Drucklegung eines großen Teils der „Gesammelten Schriften“ Max Webers, sondern veröffentlicht auch eine Vielzahl eigener wissenschaftlicher und politischer Arbeiten, darunter mehrere Schriften zur „Frauenfrage“ und eine wichtige Biographie ihres Gatten. Nachdem er einem weiteren Ruf auf einen national-ökonomischen Lehrstuhl an der Universität Heidelberg gefolgt ist (1896), muß Weber sich – nach einigen physischen und psychischen Zusammenbrüchen seit 1898 – be- reits im Jahre 1899 von seinen akademischen Pflichten beurlauben lassen. Im Jahre 1903 wird Weber, obwohl seine Arbeitsfähigkeit weitgehend wieder- hergestellt ist, auf (erneuten) eigenen Antrag hin aus dem Lehramt entlassen und wird Honorarprofessor mit Lehrauftrag, jedoch ohne Promotions- und Mitspracherecht in der Fakultät. Erst 1918 übernimmt er probeweise wieder eine Professur an der Universität Wien, um dann im folgenden Jahr einem Ruf auf den Lehrstuhl von L. Brentano an der Universität München zu fol- gen.

Nach der Überwindung der schweren psychisch-physischen Krise tritt Max Weber, und zwar fast ohne sichtbaren „Vorlauf“, mit Arbeiten hervor, die eine entscheidende Erweiterung und Wendung seiner bis dahin auf rechts- , sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Fragen konzentrierten Forschungsinte- ressen dokumentieren. Mit dem Aufsatz „Roscher und Knies und die logi- schen Probleme der historischen Nationalökonomie“ (1903) beginnt er, seine Auffassungen über die Grundlagenprobleme der historischen Sozialwissen- schaften zu entwickeln, und mit der Abhandlung „Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus“ (1905) legt er den Grundstein nicht nur zu seinem großen religionssoziologischen Werk, sondern auch zu jener „Typo- logie und Soziologie des Rationalismus“, die er später als Ziel seiner soziolo- gischen Forschungsarbeit insgesamt bezeichnen wird.

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Nachdem er seit 1888 bereits an der Arbeit des Vereins für Socialpoli- tik teilgenommen hatte, beteiligt sich Weber 1909 an der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Sie sollte sich nach seinen Vor- stellungen im Gegensatz zum Verein für Socialpolitik allein der Förderung empirischer sozialwissenschaftlicher Forschung widmen. Nachdem er auf zwei Tagungen der DGS (1910 und 1912) seine Auffassungen in Geschäfts- bericht und Diskussionsreden mit Entschiedenheit vertreten und eine große Fülle von Arbeitsanstößen gegeben hat, tritt er bereits 1912 wieder aus dem Vorstand der Gesellschaft zurück, weil er auch dort seine Vorstellungen von strenger Wissenschaftlichkeit und „Wertfreiheit“ nicht hatte allgemein ver- bindlich machen können. Mit zunehmender Häufigkeit und Intensität beteiligt Weber sich durch Vorträge, Artikel und Schriften an den politischen Ereignissen seiner Zeit; die Themen seiner Publikationen erstrecken sich von hochschulpolitischen Fragen über die revolutionären Vorgänge in Rußland 1905 und 1917 bis zum 1. Weltkrieg und dessen Folgen. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs gilt We- ber in weiten Kreisen (und zwar auch außerhalb des bürgerlich-liberalen und nationalen Lagers) als eine große politische Hoffnung. Schließlich scheitert jedoch sogar der Versuch, ihm einen aussichtsreichen Listenplatz (bei der Deutschen Demokratischen Partei) für die Reichstagswahl 1919 zu verschaf- fen. Dies, wie Webers Erfolglosigkeit in der praktischen Politik überhaupt, hängt nicht zuletzt mit seiner Unfähigkeit zusammen, die Position distanzier- ter Analyse zugunsten eines entschiedenen (partei-)politischen Engagements aufzugeben oder auch nur vorübergehend „auszuhängen“. In ihrem Haus in Heidelberg pflegen Max und Marianne Weber einen intensiven und umfassenden Austausch mit Persönlichkeiten aus der Wis- senschaft, der Kunst und der Politik. Zu den Philosophen, die dort mit Max Weber zusammenkommen und wichtige Anstöße für ihren eigenen Denkweg erfahren, gehören vor allem Karl Jaspers, Georg von Lukács und Ernst Bloch. Max Weber stirbt am 14. Juni 1920 an den Folgen einer Lungenentzün-

dung.

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2.

Vorbemerkung

Das Unterfangen, Max Weber als einen der großen Philosophen der Ge- genwart vorzustellen, hat von vornherein mit viel Widerspruch zu rechnen, und zwar sowohl von soziologischer wie von philosophischer Seite. Nicht wenige soziologische und sozialwissenschaftliche Fachvertreter werden es als Anschlag auf die wissenschaftliche Integrität und Seriosität eines der wichtigsten „Klassiker“ ihrer empirischen Disziplinen verstehen, wenn er in dieser Weise von der Philosophie „vereinnahmt“ wird. Im Lager der akademischen Philosophie wird, andererseits, die Ansicht sehr verbreitet sein, daß es sich dabei um ein Danaergeschenk bzw. den Versuch handle, hochwertige und darum besonders gefährliche soziologische Konterbande in das Reich des philosophischen Denkens einzuschmuggeln. Tatsächlich können sich beide Seiten bei ihrem Widerspruch ja darauf berufen, daß die Philosophie in Webers umfangreichem und in das Gebiet vieler verschiedener Wissenschaften sich erstreckendem Werk nur am Rande vorkommt (und zwar in der beschränkten und „instrumentellen“ Form me- thodologischer Reflexion) und daß Weber darüber hinaus eine entschieden a- philosophische Idee von Soziologie vertreten hat. Offenbar gibt es bei vielen anderen „Gründervätern“ der Soziologie und der Sozialwissenschaften im allgemeinen ein sehr viel entwickelteres Verhältnis zur Philosophie, ohne daß sie – mit der einzigen Ausnahme von Karl Marx – von irgend jemandem un- ter die bedeutenden Philosophen gerechnet würden. Allerdings ist der Versuch, die große philosophische Bedeutung des Weberschen Denkens darzustellen, keineswegs neu. Es gibt vielmehr einige sehr bemerkenswerte Arbeiten hervorragender Philosophen, die genau dieser Aufgabe gewidmet sind. So hielt Karl Jaspers (1920) eine – später zu einer größeren Abhandlung ausgearbeitete – Gedenkrede auf Max Weber, in der er feststellt, daß dieser „vielleicht als einziger in neuerer Zeit und in einem ande- ren Sinne, als irgendjemand sonst heute Philosoph sein kann“, als Philosoph zu gelten habe (Weber, 3). Der „neue Sinn“ des durch Max Weber repräsen- tierten Philosophierens, sagt Jaspers, liege darin, daß er „der philosophischen Existenz gegenwärtigen Charakter verschafft“ habe (a.a.O., 24). Löwith fand in seiner Abhandlung von 1932 über „Max Weber und Karl Marx“ die Möglichkeit, diese beiden Forscher einer gründlichen verglei- chenden Erörterung zu unterziehen, darin, daß sie beide, allerdings in einem „ungewohnten und ungewöhnlichen Sinne“, Philosophen gewesen seien (Weber, 5). Das empirische Werk beider Autoren wird nach Löwith in seiner

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Eigenart und Bedeutung nur sichtbar, wenn man es auf das jeweilige „anth- ropologische Grundmotiv“, die es bestimmende „Idee vom Menschen“ zu- rückbezieht (Weber, 1f.). Dieter Henrich schließlich unternahm es, die „universale Bedeutung des Weberschen Werkes“ auch für die Philosophie deutlich zu machen, indem er das einheitliche, anthropologische bzw. ethische „Prinzip“ – das Prinzip der „Vernünftigkeit“ als spezifischer Möglichkeit und Aufgabe des Menschen – herausarbeitete, das Webers Wissenschaftslehre im ganzen trägt und be- stimmt (Henrich, 3 bzw. 2). Diesen drei Versuchen ist es – bei allen Unterschieden der Perspektive und der Deutung – gemeinsam, daß sie die philosophische Bedeutung des Weberschen Denkens nicht in einer separaten, wenn auch „heimlichen“ und unexplizierten Philosophie, sondern in Begriff und Durchführung der Weber- schen Sozialwissenschaft selbst entdecken. Von Jaspers und Löwith wird darüber hinaus die Auffassung vertreten, daß diese Entfaltung des philoso- phischen Gedankens in der Gestalt empirischer Sozialwissenschaft kein akzi- denteller Tatbestand sei, daß sich darin vielmehr der „neue“ (Jaspers) bzw. „ungewohnte und ungewöhnliche“ (Löwith) Sinn der durch Webers Denken repräsentierten Philosophie unmittelbar und in seinem eigentümlichen Wesen ausdrücke. Es wäre damit die Philosophie selbst, die im Zuge der Weber- schen Grundlegung der Sozialwissenschaft einen wesentlichen Gestaltwandel vollzogen hätte. Offenbar ist es diese Annahme, die erklärt, warum die Vor- behalte nicht nur der soziologischen, sondern auch der philosophischen scien- tific community gegenüber einer philosophischen Interpretation des Weber- schen Werkes durch die bisherigen Bemühungen dieser Art eher verstärkt als abgebaut worden sind. Die folgenden Überlegungen können die vorliegenden Deutungsversu- che nicht außer acht lassen; jede Auseinandersetzung mit dem philoso- phischen Gehalt des Weberschen Denkens ist vielmehr auch notwendi- gerweise eine Auseinandesetzung mit diesen sehr gründlichen und ent- schiedenen Deutungen. Womöglich verlangt jedoch die veränderte ge- schichtliche und geistige Situation eine neue Sicht des Verhältnisses von So- ziologie und Philosophie; es könnte sein, daß das philosophische Gewicht der Weberschen Position heute um so stärker und überzeugender in Erscheinung tritt, je nüchterner ihre Voraussetzungen und Konsequenzen geprüft werden.

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3. Die Entzauberung der Welt als „unentrinnbare Gegebenheit“

Auszugehen ist von der zentralen These, die Weber in vielen Abwandlungen vorgetragen hat und die deshalb auch kaum einem Interpreten entgehen konnte. 1 Sie bezieht sich auf die Bedeutung, welche das Dominantwerden der erfahrungswissenschaftlichen Erkenntnisform für das menschliche Welt-und Selbstverständnis besitzt. „Das Schicksal einer Kulturepoche, die vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, ist es, wissen zu müssen, daß wir den Sinn des Weltgeschehens nicht aus dem noch so sehr vervollkommneten Ergebnis seiner Durchforschung ablesen können, sondern ihn selbst zu schaffen im- stande sein müssen, daß ‚Weltanschauungen‘ niemals Produkt fortschrei- “

tenden Erfahrungswissens sein können

gegrenzten und zugleich apodiktischeren Form findet sich die These in dem 15 Jahre später gehaltenen Vortrag über „Wissenschaft als Beruf“: „Daß Wissenschaft heute ein fachlich betriebener ‚Beruf‘ ist im Dienste der Selbst- besinnung und der Erkenntnis tatsächlicher Zusammenhänge, und nicht eine Heilsgüter und Offenbarungen spendende Gnadengabe von Sehern (und) Propheten oder ein Bestandteil des Nachdenkens von Weisen und Philoso- phen über den Sinn der Welt – das freilich ist eine unentrinnbare Gegen- benheit unserer historischen Situation, aus der wir, wenn wir uns selbst treu bleiben, nicht herauskommen können“ (WL, 609; vgl. RSI, 564). Weber konstatiert, daß die neuzeitliche Wissenschaft zwar zu einem ungeheuren (und sich immer noch beschleunigenden) Zuwachs an Er- kenntnissen über die Welt geführt habe, zugleich aber im Zuge ihrer Ent- faltung und Durchsetzung ihr Unvermögen sehr fundamentalen Fragen ge- genüber immer deutlicher offenbare: Die den Maßstäben der neuzeitlichen Wissenschaft gemäß disziplinierte und rationalisierte menschliche Erkenntnis begibt sich, zuerst unbewußt, auf einer höheren Stufe ihrer Entwicklung aber „sehenden Auges“, der Möglichkeit, die alte Frage nach den letzten Gründen und Zwecken der Welt im allgemeinen und der menschlichen Existenz im besonderen noch als eine sinnvolle Frage zu thematisieren. Entscheidend ist, daß diese „Entzauberung der Welt“ nicht die Folge bestimmter erfahrungswissenschaftlicher Auffassungen oder Erkenntnisse – etwa der kopernikanischen Wende in der Kosmologie oder der Darwinschen Deszenenztheorie – ist, sondern sich aus der allgemeinsten und konstitutiven Prämisse der erfahrungswissenschaftlichen Stellung zur Welt ergibt. Diese

(WL, 154). In einer genauer ein-

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grundlegende Annahme lautet, daß der Mensch „alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne (WL, 594). Der Umstand, daß diesem Berechnen und Beherrschen de facto auf unabsehbare Zeit – und womöglich für immer – Grenzen gesetzt sind, kann die prinzipielle Anschauung weder aufheben noch in Frage stellen oder in ihrem Recht begrenzen. Die Annahme, daß die Welt von sich her dem berechnenden und beherrschenden Zugriff des Menschen keine grundsätzlichen Restriktionen auferlegt, bedeutet vielmehr ebenso grundsätzlich, daß aus dieser Welt keinerlei Ansatzpunkte für „objek- tiv“ verpflichtende Sinngebungen und Wertsetzungen abzuleiten sind. Eine dritte Möglichkeit, bei der sowohl dem „rationalen empirischen“ Erkennt- nisinteresse (RS I, 564) als auch dem Bedürnis nach einem „irgendwie e- thisch sinnvoll orientierten Kosmos“ (a.a.O.) und einer korrespondierenden, praktisch verbindlichen „Weltanschauung“ entsprochen würde, ist im stren- gen Sinne undenkbar und entspringt, wo sie vertreten wird, gedanklicher Inkonsequenz. Weber bemerkt, daß der Idee einer durchgängigen Berechen- barkeit und Beherrschbarkeit der Welt deren „Verwandlung in einen kausalen Mechanismus“ (RS I, 564) zugrunde liege. Damit ist nicht gemeint, daß erst jetzt die Kausalitätsvorstellung als solche oder die Annahme eines universal gültigen Kausalprinzips zur Herrschaft gekommen wäre. Die erfahrungs- wissenschaftliche Deutung der Welt als „kausaler Mechanismus“, als Kosmos der Naturkausalität“ (a.a.O., 569), setzt sich einer Weltvorstellung entgegen, die ihrerseits kausalen Charakters ist, nämlich dem von der religiösen (und „weltanschaulichen“) Ethik postulierten „Kosmos der ehtischen Aus- gleichskausalität“ (a.a.O.). Die Begriffe „kausaler Mechanismus“ und „Na- turkausalität“ bezeichnen also einen universalen (und gesetzmäßigen) Zu- sammenhang von Ursache und Wirkung unter der Voraussetzung, daß dabei auf alle moralischen Interpretationen oder Konnotationen – im Sinne eines Schemas von Verdienst oder Schuld und Vergeltung 2 oder in dem abstrakte- ren Sinne teleologischer Hintergrundannahmen – verzichtet wird. Es liegt nahe zu vermuten, daß es vor allem Nietzsche war, der Weber auf den moralischen (Hinter-)Sinn des Kausalschemas in religiösen und me- taphysischen Weltbildern aufmerksam machte. Nietzsche deutet alle grundle- genden Kategorien der abendländischen Metaphysik als Ausdruck eines pri- mär „moralischen“ Interesses; eben darum versteht er (III, 678) seine De- struktion dieser Metaphysik von ihrer negativen Seite her als „Nihilismus“:

„Die Kategorien ‚Zweck‘, ‚Einheit‘, ‚Sein‘, mit denen wir der Welt einen

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Wert eingelegt haben, werden wieder von uns herausgezogen, – und nun sieht die Welt wertlos aus“ (vgl. Heidegger). Auch die Kausalitätskategorie hängt mit dem teleologischen Deutungsschema zusammen, dessen sich jenes moralische Interesse bedient: Die „psychologische Nötigung zu einem Glau- ben an Kausalität liegt in der Unvorstellbarkeit eines Geschehens ohne Ab- sichten“ (a.a.O., 502; vgl. 767). Nietzsche kommt zu dem Schluß, daß daher auch die Kategorie der Kausalität „vollkommen unbrauchbar“ sei und – in eins mit der Moral – ganz aufgegeben werden müsse. 3 Weber teilt in diesem Punkt nicht den „Radikalismus“ des Nietzsche- schen Denkens. Nach seiner Auffassung läßt sich das „kausale Bedürfnis“ (WL, 67 ff., 167, passim) weder aus einem Bedürfnis nach moralischem „Ausgleich“ im Weltgeschehen ableiten, noch ist es der Sache nach an ein teleologisches Deutungsschema gebunden. Im Rahmen erfahrungs- wissenschaftlicher Erkenntnis ist eine Interpretation von Zwecken her zwar möglich und, vor allem in der Form der konstitutiven, ‚Wertbeziehungen‘ (s.u., Abschn. 5), auch notwendig, sie ist jedoch logisch von der geforderten „Analyse der kausalen Zusammenhänge der empirischen Wirklichkeit“ (WL, 396) streng zu trennen. Dies gilt auch für die Erforschung menschlichen Handelns, und zwar auch dann, wenn dieses absichtsvoll (und etwa an mora- lischen Zielsetzungen orientiert) vollzogen wird. 4 Weber ordnet der Kategorie der Kausalität (in ihrem „vollen, sozusa- gen, ‚urwüchsigen‘ Sinn“) zwei Bedeutungselemente zu: „Den Gedanken des ‚Wirkens‘ als eines, sozusagen dynamischen Bandes zwischen unter sich qua- litativ verschiedenen Erscheinungen auf der einen, den Gedanken der Gebun- denheit an ‚ ‚Regeln‘ auf der anderen Seite“ (WL, 134 f.). Nur wo beide De- finitionselemente gegeben sind, kann von einem „Kausalzusammenhang“ im Vollsinne gesprochen werden. Das Element des „Wirkens“ fehlt im Falle ma- thematischer „Kausalgleichungen“ (jedenfalls, so sei hinzugefügt, solange diese eben nicht einer „Interpretation“ vermittels einer empirisch gehaltvollen Theorie unterzogen worden sind). Auf der anderen Seite fehlt das Element der „Regel“, wenn die „schlechthinnige qualitative Einmaligkeit“ bzw. „Ein- zigartigkeit“ des Weltgeschehens im ganzen oder eines „Ausschnitts“ daraus zum Gegenstand der Betrachtung gemacht wird (a.a.O., 135). Sofern in bei- den Fällen der Bezug zu einem der beiden Definitionselemente aktualiter vollzogen und der Verweis auf das jeweils andere zumindest potentialiter

3 a.a.O., 620; vgl. I, 1021; zitiert wird nach der Schlechta-Ausg., 1966.

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erhalten bleibt, halten sie sich beide durchaus noch in den Grenzen der „Ana- lyse der kausalen Zusammmenhänge der empirischen Wirklichkeit“. „In vol- ler Entfaltung“ wird die Kausalitätskategorie von „denjenigen empirischen Disziplinen, welche die Qualitäten der Wirklichkeit bearbeiten“ (a.a.O.), verwendet, und zu dieser Wissenschaftsgruppe gehören nach Weber vor allen Dingen die historischen Kultur- und Sozialwissenschaften. „Sie betrachten Zustände und Veränderungen der Wirklichkeit als ‚bewirkt‘ und ‚wirkend‘ und suchen teils aus den konkreten Zusammenhängen durch Abstraktion ‚Regeln‘ der ‚Verursachung‘ zu ermitteln, teils konkrete ‚ursächliche‘ Zu- sammenhänge durch Bezugnahme auf ‚Regeln‘ zu erklären“ (a.a.O., 135 f.). Dabei kann der Stellenwert und auch der logische Status der „Regeln“ sehr verschieden sein; insbesondere muß es sich keineswegs um deterministische Gesetze – Weber spricht von „kausalen Notwendigkeitsurteilen“- handeln. Auf die besondere Qualität der über ein Sinnverstehen vermittelten Form empirischen Erklärens ist an späterer Stelle (Abschn. 5) zurückzukom- men. Eine Aufgabe der Kausalitätsperspektive ist mit diesem „bedeutenden Erklären“ nach Webers Auffassung durchaus nicht verbunden. Zwar dürften die Begriffe „kausaler Mechanismus“ und „Naturkausalität“ im Hinblick auf diesen Forschungsbereich zumindest mißverständlich sein. Sofern sie jedoch geprägt und verwendet wurden, um die Differenz zu jeder moralischen und teleologischen Weltdeutung möglichst klar zu bezeichnen, ensprechen sie ihrer Intention nach wiederum nur der These von der „Entzauberung der Welt“. Die „schicksalhafte Notwendigkeit“ der „Entzauberung der Welt“ folgt nach Weber daraus, daß sie eine zwingende Konsequenz des „Intellek- tualisierungsprozesses“ ist, „dem wir seit Jahrhunderten unterliegen “(WL, 593). Der Prozeß der „Intellektualisierung und Rationalisierung“ des menschlichen Welt- und Selbstverhaltens, der sehr wesentlich von der Frage nach dem „Sinn“ der Welt im ganzen motiviert und vorangetrieben wurde und der – etwa in der abendländischen Theologie und Philosophie – intellek- tuell so überaus beeindruckende Versuche ihrer Beantwortung hervorgetrie- ben hat, nimmt schließlich, seiner immanenten Dynamik folgend, eine Wen- dung, die nicht nur diesen Lösungsversuchen, sondern jener Frage selbst den Boden entzieht. Ganz offensichtlich folgt Weber auch mit diesem Gedanken Nietzsche, der diese „Dialektik“ der Rationalisierung menschlicher Wahr- heitssuche vor allem als Schicksal des christlichen Glaubens aufdeckte. 5 Das

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Christentum und insbesondere die christliche Moral werden nach Nietzsche am Ende ein Opfer desjenigen Willens zur Wahrhaftigkeit und zur intellektu- ellen Redlichkeit, den sie selbst auf die Bahn gebracht und vorangetrieben haben (vgl. III, 852; eine entsprechende Feststellung Webers – ohne aus- drücklichen Verweis auf Nietzsche – in RS I, 569). Nietzsche bemerkt dar- über hinaus auch, daß sich gerade auch auf dem Boden der Religion und der religiösen Ethik jene Haltung einer rationalen, gewissenhaften Methodik vor- bereitet habe, die sich dann in ihrer Entfaltung zur neuzeitlichen Wissenschaft gegen ihre eigene Herkunft wandte: „Die Gewissenhaftigkeit im kleinen, die Selbstkontrolle des religiösen Menschen war eine Vorschule zum wissen- schaftlichen Charakter: vor allem die Gesinnung, welche Probleme ernst nimmt, noch abgesehen davon, was persönlich dabei für einen herauskommt“ (a.a.O., 808). Der entscheidende Punkt einer derartigen Argumentation liegt in fol- gendem: Da die neuzeitliche Wissenschaft ein folgerichtiges und notwendiges Resultat des Strebens nach fortschreitender „Intellektualisierung und Ratio- nalisierung“ des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses darstellt, ist es heute unmöglich geworden, sich mit rationalen Mitteln grundsätzlich gegen die Wissenschaft und wissenschaftliche „Aufklärung“ zu wenden. Es ist die Wissenschaft, die die fortgeschrittensten Möglichkeiten einer rationalen Ver- ständigung über die Welt (als Ingebriff des Seienden) bereitstellt. Eine grund- sätzliche und rationale Kritik der wissenschaftlichen Weltauffassung würde deshalb ihrerseits voraussetzen müssen, wogegen sie sich wendet.

4. Das ethische Korrelat: „intellektuelle Rechtschaffenheit“ und „Per- sönlichkeit“

An diesem Punkt stellt sich nicht nur das Problem eines logischen Wi- derspruchs oder Zirkels. Aus Webers Sicht ist die (so häufig von ihm zitierte) „intellektuelle Rechtschaffenheit“ – auch diese für Weber überaus wichtige Maxime steht im Zentrum des Denkens Nietzsches (II, 690, 197; I, 1242) – kein bloßes Beiwerk, sondern das notwendige subjektive und ethische Korre- lat wissenschaftlicher Rationalität: Nur in der Bereitschaft, sich durch per- sönliche Rücksichten und Wünsche nicht von der Suche nach intellektueller

schen“ (die „das Glück erfunden haben“) bereits den „naiven Optimismus“ zurück- gewiesen habe, mit dem die Wissenschaft und die auf sie begründete Technik als „Weg zum Glück“ gefeiert worden seien (WL, 598). Zu Webers Nietzsche- Rezeption vgl. Mommsen (254, Anm. 41; 129 ff.) sowie Fleischmann.

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Klarheit und Einsicht abhalten zu lassen, erweist sich letzten Endes die Ernsthaftigkeit dieser Suche und die Fähigkeit, den Anforderungen wissen- schaftlicher Rationalität angemessen zu entsprechen. Mit „Wissenschaftsgläubigkeit“ hat eine solche Haltung nichts zu tun. Die Entscheidung, sich keiner Möglichkeit der rationalen und wissenschaft- lichen Klärung und Einsicht zu verschließen, besagt nichts darüber, wie weit diese Erkenntnisform trägt. Tatsächlich führt die von Weber vertretene Posi- tion unbedingter intellektueller Redlichkeit im Ergebnis dazu festzustellen, daß die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Erkenntnis eine „Wis- senschaftsgläubigkeit“ gerade nicht begründen können, daß diese vielmehr als Einstellung „einiger großer Kinder auf dem Katheder oder in den Redak- tionsstuben“ (WL, 598) zu gelten hat. Das Postulat der intellektuellen Redlichkeit bezeichnet für Weber of- fenbar die Gestalt, die die Verpflichtung zur höchstmöglichen wissen- schaftlichen Rationalität annimmt, nachdem die sehr großen Hoffnungen, die mit der Entfaltung der neuzeitlichen Wissenschaft verbunden wurden, sich als nicht einlösbar erwiesen haben. Insofern richtet sich dieses Postulat vor allem gegen die auch zu Webers Zeit bereits gerade in Intellektuellenkreisen belieb- te „moderne intellektualistische Romantik des Irrationalen“ (WL, 598; vgl. WG, 104). Es ist nach Weber logisch widersprüchlich und subjektiv-ethisch unglaubwürdig (sowie schließlich: politisch höchst gefährlich), das „Opfer des Intellekts“ mit intellektuellen und wissenschaftlichen Mitteln zu rechtfer- tigen: „Das ist einfach: Schwindel oder Selbstbetrug“ (WL, 611). 6 Ist intellektuelle Redlichkeit diejenige subjektive Haltung, die dem durch Rationalisierung und Intellektualisierung geprägten „Schicksal der Zeit“ (WL, 605) allein gemäß ist, so ist „Persönlichkeit“ die dieser geschicht- lichen Situation und der Haltung intellektueller Redlichkeit entprechende Form von moralischer „Identität“. Das Wesen der hier gemeinten „Persön- lichkeit“ liegt nach Weber „in der Konstanz ihres inneren Verhältnisses zu bestimmten letzten ‚Werten‘ und Lebens-‚Bedeutungen‘“ (WL, 132). 7 Diese

6 Nach Webers Ansicht läßt sich das „Opfer des Intellekts“ ohne „Umgehung der schlichten intellektuellen Rechtschaffenheitspflicht“ nur bei einer „bedingungslo- sen religiösen Hingabe“ überzeugend vertreten (WL, 611 f.). Weber glaubte, daß sich die religiöse Erfahrung im Zuge der Verwissenschaftlichung und „Intellektua- lisierung“ (die ja ihrerseits sehr wesentlich von religiös-ehtischen Motiven be- stimmt war) in die „unangreifbare Inkommunikabitität des mystischen Erlebnisses“ (RS I, 566) zurückgezogen habe (vgl. dazu Schluchter, Paradoxie, 275 ff.).Unter welchen Voraussetzungen damit die Theologie noch als Wissenschaft möglich sei, erörtert Weber in „Wissenschaft als Beruf“ (a.a.O., 610 f.).

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Konstanz ist nicht der unbeirrbare Dogmatismus einer autoritären Persön- lichkeit, sondern diejenige „Übereinstimmung mit sich selbst“, die sich nur aus einem fortdauernden und angestrengten Bemühen um Klarheit und „inne- re Widerspruchsfreiheit“ jener obersten Sinngebungen und Wertsetzungen ergibt. Persönlichkeit in diesem Verstande ist also das Produkt höchster, selbstbezüglicher Rationalität und wird insofern von Weber mit großer Ent- schiedenheit allen Auffassungen entgegengestellt, die sie entweder als schlechthin unergründliches, spontan wirkendes und aller rationalen Aufhel- lung und Bestimmung sich entziehendes „Prinzip“ (auch in der Geschichte; vgl. WL, 42 ff.; bes. 46 ff., 130 f.) oder als Gebilde und Ausdrucksfeld einer ästhetischen Welt- und Lebensanschauung interpretieren (vgl. z.B. WG, 469 u.ö.; RS I, 555 f.). Der ersten Abwandlung des irrationalen Persönlichkeits- verständnisses hält Weber des näheren entgegen, daß sich die eigentümliche Freiheit menschlichen Handelns gerade aus dem Vermögen zur rationalen „Selbstbesinnung“ herleite, Freiheit und Rationalität also als korrelative Beg- riffe verstanden werden müßten (WL, 312 f.; 136, 225 ff., 423). Gegen die ästhetisierende Variante wendet Weber ein, daß sie eine Umdeutung ethi- scher in Geschmacksurteile vornehme und damit eine „subjektivistische Inap- pellabilität“(WG, 469) in ethischen Fragen vertrete; demgegenüber bezeich- net der „Rationalismus“ der Weberschen Persönlichkeitsidee die entschei- dende Voraussetzung ethischer „Appellabilität“ und Verantwortungsfähig- keit.

Der Begriff der Persönlichkeit und die Maxime der „intellektuellen Redlichkeit“ repräsentieren das subjektive und positive Korrelat der These von der „Entzauberung der Welt“. Die gegebene Welt – und zwar die na- türliche ebenso wie die geschichtlich-gesellschaftliche – hat aufgehört, von sich her der menschlichen Existenz verpflichtende Sinnsetzungen vorzugeben und anschaulich vor Augen zu stellen. Der Gedanke, „alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen“ zu können, schließt es aus, aus eben diesen Dingen Obligationen abzuleiten, die dem Menschen (als „maître et posses- seur de la nature et de la société“) 8 seinerseits Sinn und Zielrichtung seines

der Wissenschaft äußert sich „Persönlichkeit“ darin, daß der Forscher „rein der Sa- che“ dient (WL, 591). Wenn man den Begriff der „Sache“ von allen Konnotationen der Dinghaftigkeit befreit, gilt sogar generell, daß „Persönlichkeit“ sich in einer bewußten und dauerfähigen „Treue zur Sache“, die ihrerseits Vertrauen begründet (und das genaue Gegenteil blinder „Pflichterfüllung“ ist), erweist.

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Lebens zu vermitteln imstande wären. 9 Zugleich aber muß sich eine neue sinngebende und verpflichtende Instanz menschlichen Handelns aus derselben Entwicklung ergeben, welche die „Entzauberung der Welt“ mit sich führt:

Nicht gegen, sondern über „Rationalisierung und Intellektualisierung“ ist sie zu begründen. Es ist die in sich reflektierte Rationalität und die sich in dieser selbstbezüglichen Rationalität begründende Selbst-Gewißheit und Selbst- Verantwortlichkeit, welche sich als diese Instanz konstituiert und entfaltet. Weber kennzeichnet diesen Vorgang der Verlagerung der sinn- und ob- ligationsstiftenden Kraft in die sich selbst bestimmende Subjektivität als einen spezifischen Prozeß „ethischer Rationalisierung“. Die beiden wichtigsten historischen Stationen dieses Prozesses findet er im altjüdischen Propheten- tum und im (asketischen) Protestantismus. Durch das erstere wird Moralität als ständige Aufgabe des einzelnen, sein Leben persönlich (und einem perso- nalen Gott gegenüber) verantwortenden Menschen bestimmt und gefordert. „Eine echte Prophetie schafft eine systematische Orientierung der Lebensfüh- rung an einem Wertmaßstab von innen heraus, der gegenüber die ‚Welt‘ als das nach der Norm ethisch zu formende Material gilt“ (RS I, 521; vgl. 173). Der asketische Protestantismus stellt insofern einen weiteren Schritt in die- sem Prozeß der ethischen Rationalisierung dar, als sich der Handelnde nun- mehr mit noch größerer Radikalität auf sich selbst (in seinem individuellen Verhältnis zu Gott) zurückgeworfen findet und außerdem aufgerufen sieht, ein Leben in „konstanter Reflexion“ (PE I, 134) bzw. unter „stetiger wacher Beherrschung aller natürlichen Triebhaftigkeit“ (WG, 483) zu führen. (Weber

9

Gehlen macht für diese historische Entwicklung (des näheren: für neuzeitliche Wissenschaft, Technik und „Marxismus“) in erster Linie den christlichen Mono- theismus verantwortlich (vgl. etwa: Descartes im Urteil Schellings, 1937, in: Theo- rie der Willensfreiheit und frühe philosophische Schriften. Neuwied 1965, 302); im Unterschied zu Weber vermag er jedoch die „Subjektivität“ nicht als positives Prin-

zip einer korrespondierenden ethischen Rationalisierung, sonder nur als Inbegrif ei- nes entfesselten und luxurierenden Antriebslebens zu verstehen. Vgl. dazu: J. Weiß: Weltverlust und ubjektivität. Zur Kritik der Institutionenlehre A. Gehlens, Freiburg 1971, 237 ff.

Sehr entschieden wandte sich Weber in seiner Abhandlung „Energetische Kultur- “

(1909) gegen die mannigfachen Versuche, vermittels vermeintlich ex-

theorien

akt-erfahrungswissenschaftlicher Verfahren bestimmte „Weltanschauungen“ und ehtisch-politische Normen zu begründen; die „technologischen Ideale“ des Chemi- kers Wilhelm Ostwald beweisen nach seiner Ansicht nur, „welche Wechselbälge

gezeugt werden, wenn rein naturwissenschaftlich geschulte Technologen die Sozio- logie vergewaltigen“ (WL, 402) und welcher Selbsttäuschung hinsichtlich ihrer Möglichkeiten auch die von Comte begründete Soziologie unterlag. Zu Webers Kri- tik an einem normativen und sogar weltanschaulichen Gebrauch der Psychoanalyse vgl. den bei Baumgarten (644 ff.) teilweise abgedruckten Brief an E. Jaffé vom

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spricht auch von einer „mächtigen Verinnerlichung der Persönlichkeit“ unter der Herrschaft des Puritanismus; RS I, 188.) Ein weiterer und womöglich letzter Schritt auf diesem Wege ethischer Rationalisierung liegt darin, daß auf jede unvordenkliche Vorgegebenheit von Sinngebungen und Wertgesichtspunkten (in Gestalt eines von Gott offenbar- ten Werte- und Normenkanons) verzichtet wird und der Mensch sich folglich nicht nur zu einer hoch-bewußten und selbstbezüglichen Vollzugsform der Welt- und Handlungsorientierung, sondern auch zur inhaltlichen Verantwort- lichkeit genötigt sieht. Damit ist zugleich der Standpunkt erreicht, auf den Weber sich selber versetzt fand und den er offenbar auch als konsequentes und – immer unter Voraussetzung eines Maximums an „intellektueller Red- lichkeit“ – notwendiges Resultat eines langen Intellektualisierungs- und Rati- onalisierungsprozesses betrachtete. Er liegt der bekannten Weberschen Un- terscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungs- (oder Erfolgs-)Ethik noch voraus und zugrunde: In beiden Fällen ist nicht nur die gründlichste Selbstbesinnung bei der Begründung und die größte Wachheit und Konse- quenz bei der Realisierung von Handlungen gefordert, sondern auch die Be- reitschaft, die jeweiligen Zwecke und Normen selbst zu verantworten. Allerdings kann man sagen, daß die Verantwortungsethik sich in dieser Hinsicht insofern radikaler darstellt, als bei ihr auf jeden Rückzug auf einen per se (d.h. unangesehen der tatsächlichen Handlungschancen) positiven Wert bestimmter Handlungen verzichtet wird. Problematisch ist es dagegen, den Vorrang der Verantwortungsethik (auch für Weber persönlich) damit zu begründen, daß sie der „Entzauberung der Welt“ positiv entspreche, sofern sie „allein bewußte Weltbeherrschung“ (Schluchter, Paradoxie, 280) zulasse. Um naheliegende Mißverständnisse – etwa in Richtung einer „Anpassungs- ethik“ (Schluchter, a.a.O., 281) – ganz auszuschließen, sollte man besser sagen, daß allein die Verantwortungsethik auf eine moralische Regulation und Begrenzung von „Weltbeherrschung“ abzielt. Entscheidend ist nicht, daß sie die wissenschaftlich-technische Rationalität überhaupt wahrzunehmen, zu akzeptieren und auch zu fördern vermag, sondern daß sie ihre eigene Ratio- nalität auf dem Felde wissenschaftlich-technischer Weltbeherrschung be- stimmend ins Spiel bringt, und zwar nicht durchgehend im Sinne einer „Op- timierungsstrategie“ (Schluchter), sondern gegebenenfalls auch durchaus einseitig zugunsten ethischer Postulate (die ja für einen Ver- antwortungsethiker ebensowenig wie für einen Gesinnungsethiker zur belie- bigen Disposition stehen).

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Weber bemerkt ausdrücklich, daß gerade auf dem Felde politischen Handelns ein Zusammenspiel von gesinnungs- und verantwortungsethischen Bestimmungsgründen nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern u.U. sogar notwendig und besonders überzeugend sei (WL, 559). Weber nimmt also weder einen absoluten logischen Widerspruch noch eine generelle „Realre- pugnanz“ zwischen diesen beiden Richtungen ethischer Reflexion und Moti- vation an. Dieselbe Bemerkung verweist auch darauf, daß Weber keinen „Dua- lismus unübersteigbarer Art“ (Mommsen, 138 unter Bezug auf RS I, 547 f.) zwischen den Sphären der Ethik und der Politik insgesamt behauptet. Einen derartigen Dualismus sah er allerdings zwischen den Anforderungen der Poli- tik einerseits und einem spezifischen Typus religiöser Ethik, der „konsequen- ten Brüderlichkeitsethik der Weltreligionen“ (RS I, 546) und insbesondere den „rein gesinnungsethischen, akosmistischen Forderungen der Bergpredigt“ (WL, 555) andererseits. Dazu ist anzumerken, daß die „Liebesethik“ der Bergpredigt natürlich nur in dem Maße „akosmistisch“ (und mit der Entzau- berungsthese unvereinbar) ist, in dem die geschichtlich-gesellschaftliche „Welt“ tatsächlich von Gewaltsamkeit – nach Weber das konstitutive Merk- mal politischen Handelns – durchherrscht ist und sein muß. Offensichtlich geht es hier also um empirisch und praktisch, nicht aber um logisch oder a priori entscheidbare Fragen. Bevor zu einer kritischen Diskussion der Weberschen Stellung überge- gangen wird, soll im folgenden zunächst versucht werden zu zeigen. wie sich Webers Begründung der Soziologie zu dieser philosophischen Grundstellung verhält. Auf diesem Wege wird sich eine angemessenere Vorstellung von der Bedeutung und Tragweite, aber auch von den Grenzen der Weberschen Re- flexion über die „Entzauberung der Welt“ gewinnen lassen.

5. Die Grundlegung der Soziologie im Lichte der Entzauberungsthese

Es liegt nahe, Webers Grundlegung der Soziologie in der folgenden Weise mit seiner Leitidee von der „Entzauberung der Welt“ zu verbinden: In der empirischen Sozialwissenschaft wird auch die geschichtlich-gesellschaftliche Welt, die nach der Entmagisierung der Natur als Quelle und Ort verbindlicher Sinngebung gedeutet wurde, selbst zum Gegenstand eines objektivierenden, berechnenden und damit letzten Endes „technischen“ Zugriffs des Menschen. Webers Grundlegung der empirischen Sozialwissenschaft wäre in dieser Hin-

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sicht nur konsequenter als die anderer „Klassiker“ 10 , sofern sie sehr aus- drücklich auf jeden Rest von Geschichtsmetaphysik verzichtet und deutlich macht, daß weder letzte Sinnfragen (Was ist der Mensch?) noch Fragen der politisch-ethischen Praxis (Was soll ich tun?) von dieser Wissenschaft beant- wortet werden können. Tatsächlich ist es nicht falsch, wenn Weber eine derartige Position in der Geschichte der empirischen Sozialwissenschaft zugewiesen wird. Er hat mit aller Entschiedenheit darauf hingewirkt, diese Wissenschaft von den hochfliegenden Versprechungen und Erwartungen ihrer Gründerzeit zu be- freien und auf den Boden ihrer tatsächlichen Möglichkeiten zu versetzen. Seine Zurückhaltung nicht nur gegenüber dem Historischen Materialismus (seiner Zeit), sondern auch gegenüber der „Soziologie“ rührt daher, daß ins- besondere in der an Comte anschließenden Tradition mit dieser Disziplin Ansprüche weltanschaulicher und normativer Art verbunden wurden, denen sie nach Webers Auffassung durchaus nicht entsprechen kann (vgl. den in Anm. 5 gegebenen Hinweis). Die Vorstellung, daß die im Ansatz „anthropo- logische“ und in der Durchführung sozialwissenschaftliche Destruktion der überkommenen „onto-theologischen“ Weltbilder und Ethiken zugleich im- stande sein werde, an deren Stelle überlegene, nämlich positiv- wissenschaftliche Äquivalente zu setzen, hat sich nach Webers Überzeugung definitiv als unhaltbar erwiesen. Der Prozeß der „Entzauberung der Welt“ hat sich in der empirischen Sozialwissenschaft vollendet, weil er hier reflexiv und als Entzauberung der Wissenschaft sichtbar werden mußte (vgl. dazu beson- ders: Tenbruck). Die empirische Sozialwissenschaft ist nicht nur der konsequente letzte Schritt des abendländischen Rationalisierungsprozesses und nicht nur diejeni- ge Stufe der Entwicklung, auf der diese in ihrer Bedeutung und in ihrer Tragweite selbst zum Thema wird. Im Zuge der Realisierung des sozialwis- senschaftlichen Erkenntnisprogramms erweist sich vielmehr auch, daß die Wissenschaft insgesamt außerstande ist, eine allgemeingültige und verbindli- che Welt- und Selbstdeutung des Menschen zu begründen. In der Gründerzeit der Sozialwissenschaft besaß der doppelte Gedanke sehr viel Überzeugungs- und Motivationskraft, daß (a) die Wissenschaft von der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit der so erfolgreichen Natur- wissenschaft sogar überlegen sein werde (da sie es mit einem von Menschen geschaffenen und darum für diesen prinzipiell „durchsichtigen“ Gegenstand

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zu tun habe) 11 und daß (b) eine nicht spekulative, sondern radikal empirische Erforschung dieser Wirklichkeit ein sicheres und vor allem auch praktisch tragfähiges Fundament menchlicher Welt- und Sebstdeutung bereitstellen werde, nachdem die theologischen und philosophischen Systeme in ihrer an- thropologischen Bedeutung enthüllt und damit „aufgehoben“ worden waren. Es zeigte sich jedoch, daß weder der „wirkliche (natürliche) Mensch“ noch die menschliche „Gattung“, weder der Geschichtsprozeß noch die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse ein solches Fundament abzugeben vermögen, wenn sie tatsächlich zum Gegenstand einer radikal und konsequent „empiri- schen“ (vgl. MEW, Bd. 3, 27) Erforschung gemacht werden. Die Wissen- schaft erweist ihr prinzipielles Unvermögen einer solchen Aufgabe gegenüber genau da, wo sie eine angemessene, nämlich entschieden anti-metaphysiche und anthropologische, Bestimmung dieser Aufgabe glaubt gewonnen zu ha- ben.

Weber geht in seiner Grundlegung der Sozialwissenschaft von der Un- haltbarkeit jener großen Erwartungen aus. Seine Soziologie hat die „Entzau- berung der Welt“ nicht nur zum Anlaß und zum Gegenstand, sie ist vielmehr selbst ein durchaus „entzaubertes“ Unternehmen. Dies drückt sich nicht zu- letzt darin aus, daß er die Soziologie, auch nachdem er sie als eigenständigen Forschungsbereich anerkannt hat (d.h.: etwa zum Zeitpunkt der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 1909), keineswegs als Über- oder Universalwissenschaft, sondern ausschließlich als Fachdisziplin und als „fach- lich betriebenen ‚Beruf‘“ verstanden wissen will Die Soziologie (und die So- zialwissenschaft insgesamt) ist für ihn weder die „aufgehobene Wahrheit“ noch das der historischen Situation entsprechende „funktionale Äquivalent“ von Theologie oder Philosophie, und zwar weder in „theoretischer“ noch in

11 Dieser Gedanke G.B. Vicos findet seine entschiedenste und wirkungsvollste Durch- führung im Denken von K. Marx. Diesem gilt die „Wissenschaft von der Ge-

schichte“ als die „einzige Wissenschaft“; ferner ist die Geschichte der Natur „als eine Funktion der Geschichte der Menschen“ aufzufassen, seitdem es die letztere gibt. In diesem Sinne bemerkt Marx gegen Feuerbach: „Er sieht nicht, wie die ihn umgebende Welt nicht ein unmittelbar von Ewigkeit her gegebenes, sich stets glei- ches Ding ist, sondern das Produkt der Industrie und des Gesellschaftszustandes, und zwar in dem Sinne, daß sie ein geschichtliches Produkt ist, das Resultat der

Tätigkeit einer ganzen Reihe von Generationen

fortwährende sinnliche Arbeiten und Schaffen, diese Produktion die Grundlage der ganzen sinnlichen Welt, wie sie jetzt existiert, daß, wenn sie auch nur für ein Jahr unterbrochen würde, Feuerbach eine ungeheure Veränderung nicht nur in der na- türlichen Welt vorfinden, sondern auch die ganze Menschenwelt und sein eigenes Anschauungsvermögen, ja seine eigene Existenz sehr bald vermissen würde“ (Die deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3, 42 f.). Vgl. in diesem Zusammenhang (mit weite- ren Belegen): Löwith, Weber, 40 f.

So sehr ist diese Tätigkeit, dieses

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„praktischer“ Hinsicht. 12 Wenn ihre Fragestellungen und Antworten im Hin- blick auf eine Reihe von Problemen an die Stelle einer theologischen oder

philosophischen Betrachtungsweise getreten sind, so ist dies, bei aller damit verbundenen Steigerung von Rationalität und Erfahrungsgehalt, in jedem Falle mit dem Verzicht auf letzte Sinngebungen theoretischer wie praktischer Art verbunden. Ausgehend von der Bestimmung der Philosophie als „Selbsterkenntnis des menschlichen Geistes“ kennzeichnet Karl Jaspers (M. Weber, 6) den „philosophischen Charakter“ der Soziologie so: „Sie ist die wissenschaftliche Gestalt, die die Selbsterkenntnis in der gegenwärtigen Welt anzunehmen ten- diert.“ Zwar habe Weber die Soziologie mit Entschiedenheit als Fachwissen- schaft gekennzeichnet, doch sei dies eine „wunderliche Fachwissenschaft“ –

, große Philosophie, alle Wissenschaften für sich arbeiten läßt und alle Wis- senschaften befruchtet – sofern sie irgendetwas mit dem Menschen als Objekt zu tun haben“ (a.a.O:, 7 f.). Japers charakterisiert damit zutreffend die Sozio- logie „in dem Urzustand, in dem alle Wissenschaften mit der Philosophie zusammenfließen“ (a.a.O., 8). Ohne Zweifel glaubte Weber selbst jedoch, und zwar mit guten Gründen, mit seiner Soziologie diesen „Urzustand“ defi- nitiv hinter sich gelassen zu haben. Für ihn vermag die Soziologie, wie Jas- pers später selbst konstatiert, jene Einheit und Totalität der menschlichen Selbsterkenntnis, deren die „große Philosophie“ noch fähig war, durchaus nicht zu gewährleisten. Ebensowenig erfüllt sich in ihr für Weber, wie Voe- gelin (192) meint, jener alte Traum der Philosophen, „auf dem Wege der Spekulation den Punkt zu erreichen, von dem aus das eigene Sein verständ- lich und damit gerechtfertigt wird“: Nicht nur die vorangehenden, sondern auch die noch fehlenden Versuche zu einer Selbstbegründung und Selbst- rechtfertigung der Soziologie (und damit zur Begründung eines umfassenden Erklärungs- und Sinngebungsanspruchs dieser Wissenschaft) stehen in völli- gem Gegensatz zu Webers Stellung. Entschiedene Selbstbeschränkung und nicht Totalitätsansprüche sind nach seiner Auffassung die einzig mögliche Konsequenz, die sich aus jenem Reflexivwerden des Prozesses der „Entzau- berung der Welt“ in der empirischen Sozialwissenschaft ableiten läßt. Aller- dings hat das Bewußtsein der Entzauberung der Welt nicht nur negative und einschränkende Folgen für Webers Grundlegung der empirischen Soziologie.

ohne „eigenes Stoffgebiet“ und „faktisch universal

indem sie wie früher die

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Dies wäre sehr überraschend, wenn anders dieses Bewußtsein doch, wie im vorangehenden Abschnitt dargestellt, eine entschieden positive, nämlich ehti- sche Kehrseite besitzt. Es ist zu erwarten, daß die Nötigung zur ethischen Rationalisierung und Individualisierung auch und nicht zuletzt in Entwurf und Durchführung der Weberschen Soziologie deutliche Auswirkungen ge- zeitigt hat. Die Forderung, die „Selbstbesinnung verantwortlich handelnder Menschen“ (WL, 150) habe sich der jeweils verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse zu versichern, setzt voraus, daß sich diese Erkenntnisse ihrem Gegenstand und ihrer Struktur nach in den Vollzug einer derartigen „Selbst- besinnung“ einbeziehen lassen. Es bedarf keiner näheren Darlegungen, daß Webers soziologische For- schungen, was ihre thematische Orientierung betrifft, einem solchen Er- fordernis entsprechen. Eine „Soziologie und Typologie des Rationalismus“ (RS I, 537) ist der allgemeine Bezugsrahmen dieser Forschung; die besonde- ren Merkmale und Ursachen, die Dynamik und die Konsequenzen des okzi- dentalen Prozesses der Entzauberung der Welt bilden ihr dominierendes his- torisch-soziologisches Problem. „Unser europäisch-amerkikanisches Gesell- schafts- und Wirtschaftsleben ist in einer spezifischen Art und in einem spezi- fischen Sinne ‚rationalisiert‘. Diese Rationalisierung zu erklären und die ihr entsprechenden Begriffe zu bilden, ist daher eine der Hauptaufgaben unserer Disziplinen“ (WL, 525). Auch die Untersuchungen Webers zur Genese und zu den Entfaltungs- und Durchsetzungschancen desjenigen rational-ehtischen Prinzips, von dem oben die Rede war, gehören in den Zusammenhang dieser Aufgabenstellung. 13 Noch wichtiger als diese unbestreitbare und auch weitgehend unbestrit- tene inhaltliche Leit-Thematik der Weberschen Sozialwissenschaft ist jedoch, daß diese in methodologischer und begrifflich-theoretischer Hinsicht auf die genannte politisch-ethische Rationalisierungsaufgabe bezogen und zuge- schnitten ist. So ist bereits die fundamentale Entscheidung Webers für eine Sozial- wissenschaft, die bei allen Bemühungen um begriffflich-theoretische „Abs- traktion“ (insbesondere im Umkreis der Soziologie im engeren Sinne) in der

13 Diese Überlegungen finden sich außer in den religionssoziologischen Untersuchun- gen vor allem in den politischen Analysen Webers., und zwar insbesondere unter dem Gesichtspunkt des Spannungsverhältnisses zwischen der „verunpersön- lichenden“ bürokratischen Rationalisierung und dem spezifischen „Rationalismus“ der Menschen- und Bürgerrechte. Zu Webers Verhältnis zu den Menschen- und Bürgerrechten und zur Bedeutung sozialwissenschaftlicher „Aufklärung“ bei poli- tisch-ethischen Grundlagenproblemen vgl. Brugger.

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Erforschung der geschichtlichen Handlungswirklichkeit ihren eigentlichen Zweck besitzt und sich deshalb als „Wirklichkeitswissenschaft“ versteht, die- ser Aufgabenstellung zuzuschreiben: „Die Sozialwissenschaft, die wir betrei- ben wollen, ist eine Wirklichkeitswissenschaft. Wir wollen die uns umgeben- de Wirklichkeit des Lebens, in welche wir hineingestellt sind, in ihrer Eigen- art verstehen“ (WL, 170). Jaspers (Politiker, 41) kennzeichnet das Motiv der Weberschen Wirklichkeitswissenschaft treffend: „Der Forscher Max Weber will wissen, was ist, weil das Gewußte ihn angeht.“ Alle methodologischen Grundsätze Webers und auch seine begrifflich-theoretische Grundanschau- ung vom „sozialen Handeln“ erklären sich aus der Absicht, bei der Erfor- schung der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt den Geboten wissenschaftli- cher Rationalität ebenso Genüge zu tun wie den Perspektiven und Bedürfnis- sen konkreter geschichtlicher Praxis. In diesem Sinne verlangt Weber von der empirischen Sozialwissen- schaft strenge „Wertfreiheit“, d.h. die Annahme und Befolgung der Einsicht, daß erfahrungswissenschaftliche (und formal-logische) Sätze einerseits, un- bedingte Sollenssätze andererseits logisch gänzlich heterogener Natur sind und die Erfahrungswissenschaft deshalb zur Letztbegründung irgendwelcher Wertsetzungen außerstande ist. Zugleich aber stellt Weber fest, daß die So- zialwissenschaft ihre wirklichkeitswissenschaftliche, d.h. geschichtlich- praktische, Aufgabe nur erfüllen könne, wenn sie sich bei der „Auswahl und Formung“ ihrer Untersuchungsgegenstände von je spezifischen und ge- schichtlich wandelbaren „Wertgesichtspunkten“ leiten lasse. Durch das Ver- fahren der theoretischen oder hypothetischen „Wertbeziehung“ ist die sozial- wissenschaftliche Forschung auf die „den Forscher und seine Zeit beherr- schenden Wertideen“ (WL, 184) und damit auf die Perspektive geschichtli- cher Praxis verwiesen, ohne doch die – aus Gründen wissenschaftlicher Rati- onalität – unabdingbare „Wertfreiheit“ aufzugeben. 14 Dasselbe Doppelmotiv bestimmt Webers Thesen „Idealtypus“: Einer- seits entspringt die idealtypische Begriffsform dem Bedürfnis, auch bei der Erforschung historischer Tatbestände nicht auf „begriffliche Deutlichkeit“ bzw. die „Anwendung fester präziser Begriffe“ zu verzichten (SWG, 280). Andererseits haben die spezifisch historischen Begriffe einen nur idealtypi- schen, d.h. rein konstruktiven und „utopischen“, Charakter, weil grundsätz- lich nicht angenommen werden kann, daß die Differenzierungen und Ord-

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nungen der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit diejenige Homogeni- tät und interne Konsequenz („Sinnadäquanz“) besitzen, die bei der Bildung „fester und präziser Begriffe“ unterstellt werden muß. Allerdings ist eine sol- che „Sinnadäquanz“ eine Möglichkeit geschichtlich-gesellschaftlichen Han- delns (das als solches ja durch Sinnhaftigkeit charakterisiert ist). Die idealty- pischen Begriffsbildungen „rekonstruieren“ geschichtliche Sinnzusammen- hänge unter dem Gesichtspunkt sinnhafter Klarheit, Konsequenz und Durch- sichtigkeit, das aber heißt: unter dem Gesichtspunkt von „Rationalität“ in diesem (weiten) Sinne. 15 In dieser Begriffsform konvergiert also das wissen- schaftliche Interesse an „begrifflicher Deutlichkeit“ mit dem Interesse an Klarheit und Konsequenz, das für die „Selbstbesinnung“ sinnhaften ge- schichtlich-gesellschaftlichen Handelns kennzeichnend und notwendig ist, und das sich aber zumindest als „Tendenz“ in der historischen Wiklichkeit vorfinden läßt (vgl. dazu z.B. WL, 195 ff.). Der Modus der „objektiven Mög- lichkeit“, in dem die Idealtypen stehen, ist zugleich derjenige Modus, in dem sich jede vom unmittelbaren Handlungsdruck entlastete und insofern „ratio- nale“ Selbstvergegenwärtigung, Orientierung und Planung geschichtlicher Praxis vollzieht. Das „Verstehen“ schließlich ist für Weber keine Alternative zum kau- salen Erklären, sondern die einzige Weise, wie die spezifischen, nämlich sinn- haften Bestimmungsgründe geschichtlich-gesellschaftlichen Handelns gege- ben sind, und zwar in der lebensweltlichen Erfahrung ebenso wie auf der E- bene wissenschaftlicher Erkenntnis. Weil dies so ist, ermöglicht das Verste- hen eine Form des kausalen Erklärens, die der in der Naturerkenntnis prakti- zierten an Erklärungskraft sogar überlegen ist. An die Stelle der Äußerlich- keit und Fremdheit der Natur tritt die prinzipielle Durchsichtigkeit sinnhafter Handlungsbestimmungen. Zwar ist es nur im konkreten Falle jeweils zu ent- scheiden, wie weit die Verwendung sinnadäquat konstruierter Deutungs- schemata für eine kausal-adäquate empirische Erklärung gegebener Tatbe- stände trägt. Dessen ungeachtet kann und muß die Soziologie jedoch mit der Annahme arbeiten, daß die spezifisch sozialen Bestimmungsgründe menschli- chen Verhaltens grundsätzlich verstehbarer (und also sinnhafter) Natur sind. Diese Annahme gilt nach Weber auch, und zwar sogar a fortiori, wenn menschlichem Verhalten die Fähigkeit zur Freiheit zugeschrieben wird. Wenn dabei Freiheit einerseits in einem empirisch überhaupt konstatierbaren Sinne und andererseits nicht als etwas schlechthin „Indeterministisches“, „Unbere-

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chenbares“ oder objektiv „Irrationales“ (vgl. WL, 136 f.) verstanden wird, entzieht sie sich keineswegs demjenigen „kausalen Erklären“, das eine ver- stehende Sozialwissenschaft zu praktizieren vermag. Das „empirische ‚Frei- heitsgefühl‘“ begleitet nach Weber gerade die Handlungen, welche „rational, d.h. unter Abwesenheit physischen und psychischen ‚Zwanges‘, leidenschaft- licher ‚Affekte‘ und ‚zufälliger‘ Trübungen des Urteils“ vollzogen werden (a.a.O., 226). In demselben Maße, in dem Akteuren Freiheit in diesem Sinne, d.h. im Gegensatz zur Wirksamkeit „blinder Naturgewalten“ (a.a.O.), zuge- schrieben werden kann, sind die Bestimmungsgründe ihres Handelns dem Verstehen zugänglich und erlauben damit eine Form der Erklärung, die zu- gleich sinnadäquat und kausaladäquat ist. Kausales Erklären, das sich auf der Basis und im Medium von Ver- stehen vollzieht, hat demnach einen doppelten Vorzug:

Erstens sind ihm bestimmte Tatbestände in einer Weise als wirkende Ursachen gegeben, wie dies bei der Erforschung sinnfremden Geschehens unmöglich ist. Webers Feststellung, daß die „Kulturwissenschaften“, sofern sie „empirisch“ und „mit der Kategorie der Kausalität“ arbeiten, diese Kate- gorie „durchweg in ihrer vollen Entfaltung“ verwenden, wurde bereits ange- führt. Diese Feststellung steht nicht der Annahme entgegen, daß menschli- ches Handeln der Freiheit fähig ist. Wo Freiheit (im bezeichneten Sinne) stattfindet oder unterstellt wird, ist vielmehr eine spezifisch evidente Form der (kausalen) Erklärung möglich. Auf dem Felde verstehbaren Geschehens ist also die „kausale Zurechnung“ nicht nur „in absolut dem gleichen logi- schen Sinn“ (WL, 134; Sperrung von M. Weber) wie in der Naturforschung möglich – sie erreicht hier sogar Grade der Durchsichtigkeit und Rationalität, die in letzterer schlechterdings ausgeschlossen sind. Zweitens stehen die über ein „Verstehen“ vermittelten kausalen Erklä- rungen menschlichen Handelns in einem spezifischen Verhältnis zur le- bensweltlichen Praxis: Sie bewegen sich in demselben Medium, in dem jene sich als soziale Praxis immer schon vollzieht. Kausale Erklärungen auf der Basis verstehbarer „Motive“, „Zwecke“, „Maximen“, „Regeln“ etc. zielen unmittelbar auf diejenige Ebene der Verhaltensbestimmung, auf die sich die Selbstdeutung lebensweltlicher gesellschaftlicher Praxis immer schon bezieht und beziehen muß. Nicht nur die Konstitution und Erhaltung, sondern auch die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse vollzieht sich auf der Basis geschichtlicher Sinngebungen – und damit im Medium des Verstehens. In- dem die verstehende Soziologie sich auf diese Dimension menschlichen Han- delns konzentriert (nicht: beschränkt), hat sie im Ansatz teil an der spezifi-

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schen „Kommunikabilität“, mit welcher Weber die fundamentale Rationalität sozialen Handelns – in dem zitierten Sinne – kennzeichnet (vgl. Weiß, Ra- tionalität). Die verstehende Soziologie richtet sich bei ihren Erklärungs- bemühungen systematisch auf diejenigen Faktoren, die in einem ausge- zeichneten Sinne gesellschaftlicher Provenienz sind und über intersubjektive Bewußtmachung und Klärung in einer prinzipiell anderen Weise verändert werden (können), als dies bei Naturfaktoren der Fall ist. Das begrifflich-theorethische Korrelat des Verstehens (wie auch des Idealtypus-Konzepts) ist Webers Grundanschauung vom „sozialen Han- deln“. Der „Individualismus“ dieser Grundanschauung rührt nach Weber daher, daß eben der einzelne Akteur der „einzige Träger sinnhaften Sich- verhaltens“ ist (WL, 439). Ihre ausdrückliche Funktion liegt darin sicherzu- stellen, daß soziologische Begriffs- und Theoriebildung auf die Ebene sinn- hafter Orientierung und „Kommunikabilität“ zurückbezogen bleibt, auf der sich soziales Handeln selbst versteht und vollzieht. Der „Grundbegriff“ vom sozialen Handeln schließt höhere Abstraktionsgrade soziologischer Begriff- lichkeit und Hypothesenbildung durchaus nicht aus, stellt jedoch den inner- wissenschaftlichen Rationalitätsbedürfnissen (d.h. den Bedürfnissen nach Systematisierung und Generalisierung) die Forderung an die Seite, daß jene soziologischen Konstrukte grundsätzlich auf die Erfahrungsebene ge- sellschaftlicher Akteure zurückübersetzt werden können – auf die Ebene al- so, auf der sich die gesellschaftliche Wirklichkeit tatsächlich fortwährend konstituiert, erhält und verändert. Es ist in Webers Augen doppelt – nämlich in „theoretischer“ wie in „praktischer“ Hinsicht – widersinnig, wenn sozialwissenschaftliche Begriffs- und Theoriebildung sich prinzipiell und planmäßig von dem lebensweltlichen Vollzug gesellschaftlicher Praxis absetzt (wie es systematisch und bewußt z.B. bei N. Luhmann und im Rahmen bestimmter Vorstellungen von „stren- ger“ Erfahrungswissenschaft geschieht, de facto aber trotz entgegengesetzter Ansprüche – auch sehr häufig in der marxistischen Theorietradition, so be- sonders in ihrer leninistischen und in ihrer strukturalistischen Ausprägung):

Erstens entspricht dies nicht dem Tatbestand, daß gesellschaftliche Wirklich- keit letzten Endes eben eine Wirklichkeit aus sozialem Handeln ist. Insbeson- dere in einer methodisch nicht kontrollierten Verwendung von „Kol- lektivbegriffen“ sah Weber eine „Quelle arger Unklarheiten“, wenn nicht gar ein Mittel absichtsvoller „Erschleichungen“ (WL, 88). Dies verweist unmit- telbar auf den zweiten Widersinn. Er liegt darin, daß dieselbe Soziologie, die mit einem so ausgeprägten praktisch-politischen Anspruch angetreten war,

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den gesellschaftlichen Akteuren ein Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit vermittelt, in dem (seiner Struktur nach) diese sich als soziale Akteure nicht wiederzufinden und zu verorten vermögen. Widersinnig ist es, am überkom- menen Aufklärungsanspruch der Soziologie festzuhalten, die soziologische „Aufklärung“ den gesellschaftlichen Akteuren jedoch – theoretisch wie prak- tisch – wiederum nur als äußerliche und „fremde Macht“ entgegentreten zu lassen. Webers Grundlegung der Soziologie ist darauf angelegt, den vermeint- lich widersprüchlichen Anforderungen der geschichtlichen Situation zu ent- sprechen. Sie macht Ernst mit dem Gebot unbedingter intellektueller Red- lichkeit auch bei der Erforschung der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirk- lichkeit. Soweit diese Wirklichkeit überhaupt auf dem Wege er- fahrungswissenschaftlicher Forschung durchsichtig und berechenbar gemacht werden kann, hat dies zu geschehen. Dabei ist jede Hoffnung, daß sich mit dem empirisch Wahren auch das sittlich Gute ergeben bzw. herstellen werde, aufzugeben. Weil dies so ist, d.h. weil die Soziologie keinen objektiven Sinn und kein vorgegebenes Subjekt des geschichtlich-gesellschaftlichen Ge- schehens anzugeben vermag, hat sie ihre Begriffs- und Theoriebildung und ihre ganze Forschungsmethodik so anzulegen, daß sie tatsächlich als Element einer selbstbestimmten und sebstverantwortlichen Praxis fungieren kann. Nur wenn die Soziologie dem Rationalitätsstandard neuzeitlicher Wissenschaft und den Anforderungen einer derartigen ethisch-politischen Handlungsratio- nalität zugleich entspricht, wird sie den Erfordernissen der geschichtlichen Situation gerecht.

6. Kritische Diskussion: Der Widerstreit der Wertordnungen und die Grenzen der Rationalität

Die herausragende philosophische Bedeutung des Weberschen Denkens liegt in der Klarheit begründet, mit der er die „Entzauberung der Welt“ gesehen und in der Folgerichtigkeit, mit der er die Konsequenzen aus dieser Einsicht – insbesondere für die Möglichkeiten und die Grenzen einer Erforschung der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt – gezogen hat. Zumindest im Rückblick erweist es sich, wie sehr Webers Stellung wegen dieser Klarheit und Ent- schiedenheit allen Versuchen überlegen ist, die darauf abstellen, den Prozeß der Verwissenschaftlichung der Welt auf die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit auszudehnen und doch (bzw. gerade auf diese Weise) neue ver-

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bindliche Sinngebungen und Wertsetzungen aus eben dieser wis- senschaftlichen Analyse abzuleiten. Nicht nur den an Hegel und Marx an- schließenden Bemühungen und den von Saint-Simon und Comte begründeten „positivistischen“ Vorstellungen von sozialer Physik und Technologie gegen- über hat Weber die These von der entzauberten Welt wirklich radikal und konsequent vertreten. Auch diejenigen Denktraditionen von denen Weber sich in seinem eigenen Denken unmittelbar bestimmt fand – die „historische Schule“ und die i.e.S. „auf Kant zurückgehende moderne Erkenntnislehre“ (WL, 208) – werden von Weber einer kritischen Prüfung und Umbildung im Lichte der Idee der „Entzauberung der Welt“ unterzogen. W. Dilthey und E. Troeltsch unternahmen – auf je verschiedene Weise

– den Versuch, den sowohl theoretischen als auch praktischen Relativismus eines von jeder Geschichtsmetaphysik befreiten „Historismus“ zu überwin- den, indem sie eine grundlegende Bestimmung der Bedingungen der Mög-

lichkeit aller historischen Erkenntnis – bei Dilthey als „Kritik der historischen Vernunft“, bei Troeltsch als „formale Geschichtsphilosophie“ gekennzeichnet

– mit der Aufgabe verknüpften, die Möglichkeit einer wissenschaftlich ver-

bindlichen „Weltanschauung“ und „Ethik“ zu begründen. Dilthey sah den letzten Zweck seiner Bemühungen in nichts Geringerem als darin, dem „Be- dürfnis nach einer letzten Festigung der Stellung des Menschen zur Welt“ genüge zu tun. 16 Für E. Troeltsch hatte, nach dem Zerfall der kirchlich- religiösen wie der rationalistischen Normen-Systeme, eine „materiale Ge- schichtsphilosophie“ das Historismusproblem so zu lösen, daß sie – bei aller Anerkennung einer „grundsätzlichen Wertrelativität“ (Ges. Schriften, Bd. 3, 211) – eine „gegenwärtige Kultursynthese“ (bzw. ein gegenwärtiges „Kultur- ideal“) zu entwerfen und diese darüber hinaus in einem zweiten Schritt in ein „universales Entwicklungsbild“ (a.a.O.) einzuordnen unternahm. Auch die neukantianischen Bemühungen um eine erkenntnistheoretische Begründung und Absicherung der Geschichts- und Kulturwissenschaften sind von der Vorstellung beherrscht, daß es auf dem eingeschlagenen Weg zugleich gelin- gen werde, die Allgemeingültigkeit und Verbindlichkeit eines bestimmten Systems oberster Werte zu demonstrieren. Die klarste und wirksamste Ent- wicklung dieser Vorstellung stammt von H. Rickert, in dessen Überlegungen Weber auch die größte Affinität zu den eigenen Reflexionen entdeckte. Nicht als Resultat einer von philosophischer Reflexion angeleiteten Analyse des hi- storischen „Materials“ (wie bei Dilthey und Troeltsch), sondern als Be-

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dingung der Möglichkeit der „Objektivität“ historischer Erfahrung ist nach Rickert jenes System höchster Werte zu erweisen. Den obersten Werten kä- me damit derselbe logische Status, d.h. dieselbe Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit zu, wie den reinen Verstandesbegriffen in Kants theoretischer Philosophie. 17 Im vorliegenden Zusammenhang sind weder diese verschiedenen Be- mühungen im einzelnen zu erörtern, noch kann Webers Verhältnis zu diesen und weiteren Denkströmungen dargestellt werden. Zu dem sehr breiten phi- losophischen Bezugsrahmen Webers gehört – aus dem Umkreis seiner Zeit- genossen – außer den genannten Denkern sowie G. Simmel, W. Windelband, Th. Lipps und E. Lask auch der heute wenig bekannte F. von Gottl- Ottlilienfeld. 18 Auch ohne jede nähere Diskussion ist aber festzustellen, daß Weber alle Versuche, das Problem neuer verbindlicher Sinn- und Wertsy- steme (Weltanschauungen und Ethiken) in einem Zuge mit der Erklärung wissenschaftlicher bzw. wissenschafts- oder erkenntnistheoretischer Fragen positiv zu lösen, für inkonsequent und daher letzten Endes aussichtslos er- achtete. Trotzdem ist es nicht angebracht, sich bei der richtigen Feststellung zu beruhigen, daß Webers Auffassungen, die sich zu ihrer Zeit keineswegs durchzusetzen vermochten, am Ende doch ihre überlegene Klarsichtigkeit und Folgerichtigkeit bewiesen hätten. In den vielfältigen Bemühungen um eine wissenschaftlich begründete Sinngebung menschlichen Weltverhaltens drückt sich offenbar ein der „Natur der Vernunft“ (Kant, Kdr V A VII, A 669) entspringendes Bedürnis aus, dem in keiner Weise zu entsprechen un- möglich ist. Auch wenn die erwähnten Bemühungen der expliziten oder im- pliziten Kritik Webers gegenüber nicht standhalten können, so sind sie – auch im nachhinein betrachtet – keineswegs umsonst gewesen. Ohne eine gründli- che Auseinandersetzung mit diesen sehr verschieden ansetzenden, durchge- hend aber sehr ernsthaften und scharfsinnigen Versuchen wird es auch in Zukunft keine hinreichend problembewußte Klärung der Fragen geben, die duch jenes „natürliche“ Bedürfnis gestellt sind. Tatsächlich können Webers Überlegungen, so sehr sie wegen ihrer Ra- dikalität und Konsequenz zu überzeugen vermögen, diese Fragen weder zu- reichend beantworten noch als überholt oder sinnlos erweisen. Zwar erschei- nen sie, soweit sie bisher vorgetragen wurden, zwingend: Erstens ist Morali-

17 Vgl. dazu die näheren Hinweise in Weiß, Grundlegung, 24 ff,; zu Rickerts negati- ver Beurteilung der philosophischen Qualität des Weberschen Denkens vgl. Rickert und Jaspers, Autobiographie.

18 Vor allem: „Die Herrschaft des Wortes“, 1901; abgedr. in: „Wirtschaft als Leben“,

1925.

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tät oder Sittlichkeit unter den Bedingungen der entzauberten Welt nur noch möglich, wenn sie aus einer in sich reflektierten, selbstbezüglichen Rationali- tät der Individuen entspringt, ihre spezifische Vollzugsweise also eine auf Dauer gestellte Sebstbesinnung und Selbstverantwortung ist. Dies, und nicht eine Verpflichtung auf irgendwelche vorgegebenen oder sogar unvor- denklichen „Institutionen“, ist die einzige intellektuell überzeugende und auf längere Sicht allein erfolgversprechende Weise, in der Gegenwart noch Ver- bindlichkeiten zu behaupten, die weder logischer noch erfahrungswissen- schaftlicher oder technologischer Natur sind. Zweitens muß eine empirische Sozialwissenschaft, wenn sie nicht nur dem Ziel der Berechen- und Beherrschbarkeit der sozialen Welt, sondern auch den Anforderungen einer derartigen „ehtischen Rationalisierung“ ent- sprechen können soll, den bezeichneten meta-theoretischen bzw. methodolo- gischen Regeln folgen. Gerade weil Weber derart in der Konsequenz seiner Entzauberungs- These die moralisch-praktische Sinngebung menschlichen Handelns strengen Rationalitätsansprüchen unterwirft, macht er um so deutlicher, was damit in die Sphäre des Irrationalen rückt: Die letzten Wertsetzungen selbst sind zwar einer rationalen wissenschaftlichen Klärung (hinsichtlich ihres Sinns wie der manifesten oder konkreten Folgen ihrer Praktizierung), nicht aber einer rati- onalen Begründung oder Rechtfertigung zugänglich. Hier herrscht vielmehr der „unlösliche“ (WL, 603), ja „unüberbrückbar tödliche“ (a.a.O., 507) Kampf der „verschiedenen Wertordnungen der Welt“ (WL, 603), die deshalb den Charakter von je „eigenen letzten Stellungnahmen zum Leben“ (WL, 599) besitzen. 19 Weber identifiziert bei dieser Argumentation offensichtlich Rationalität und Wissenschaftlichkeit und versteht dabei „Wissenschaft“ als Erfahrungswissenschaft im neuzeitlichen Sinne – einschließlich ihrer logi- schen und mathematischen, aber auch ihrer „hermeneutischen“ Bereiche (zu dieser Umgrenzung des Bereichs der neuzeitlichen Wissenschaft vgl. WL, 601 u. 150 f.).Ganz entsprechend werden von ihm auch – im Umkreis der Entzauberungsthese – die Begriffe „Rationalisierung“ und „Verwissen-

19 Hier liegt im übrigen auch der Grund dafür, daß für Weber nicht nur die Mög- lichkeit einer wissenschaftlichen Ethik und Politik, sondern auch einer wissen- schaftlichen „Weltanschauung“ vergangen ist. Im Zuge der fortschreitenden Ratio- nalisierung erweist es sich, daß diese Weltanschauungen letzten Endes nicht kogni- tiven (erkenntnismäßigen), sondern bewertenden Charakters (eben: „Wertordnun- gen“, die aus spezifischen „Stellungnahmen zu Leben“ entspringen) sind. Der Tate- stand, daß Wissenschaft im diametralen Gegensatz zur Weltanschauung zur Spe- zialisierung und zur Abkehr von jeder Totalitätsbetrachtung gezwungen ist, ist demgegenüber von abgeleiteter Bedeutung.

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schaftlichung“ durchaus parallel verwendet. Die Frage ist, ob diese Gleich- setzung zu überzeugen vermag, selbst wenn man sich zunächst im Horizont des Weberschen Denkens und dessen eigener Voraussetzungen bewegt. In dieser Hinsicht ist vor allem zu klären, ob die erläuterte Vorstellung von ethischer Rationalität nicht nur, wie dies oben festgestellt wurde, ein notwendiges Korrelat der Idee der Entzauberung der Welt darstellt, sondern darüber hinaus ihrerseits vollständig unter einen Rationalitätsbegriff subsu- miert werden kann, der von der wissenschaftlich-technischen Rationalisie- rung der Welterfahrung und Weltbeherrschung hergeleitet ist. Eine nähere Prüfung dieser Frage dürfte zu einem nagativen Ergebnis führen: Der Um- stand, daß eine auf permanente Selbstbesinnung und Selbstverantwortung abstellende Position die einzig „rationale“ ethisch-praktische Antwort auf die Entzauberung der Welt darstellt und daß darüber hinaus erfahrungswissen- schaftliche bzw. logisch-hermeneutische Analysen ein unverzichtbares Ele- ment dieser Selbstbesinnung sind, bedeutet keineswegs, daß sich die Rationa- lität einer solchen Position selbst angemessen und erschöpfend als Anwen- dungsfall erfahrungswissenschaftlicher Rationalität fassen ließe. Dies ist schon deshalb ganz undenkbar, weil es sonst für die ethische ebenso wie für die wissenschaftliche Rationalität gelten müßte, daß sie sich in der erfolgssi- cheren „Beherrschung“ ihres Objekts vollende. Weber hat die eigene Legitimität auch der praktischen Philosophie (E- thik, Sozialphilosophie) gelegentlich (so. z.B. WL, 151, 156, 508, 608) ex- plizit festgestellt. Seine Hinweise zum spezifischen Status philosophischer Reflexion, die von ihm als Wertanalyse bzw. Wertdiskussion (vgl. insbes. WL, 510 f.)bestimmt wird, sind allerdings sehr knapp und auch vieldeutig. Im „Objektivitäts“-Aufsatz werden diese philosophischen Untersuchungen, sofern sie es mit einer (hermeneutischen) Klärung und einer formal-logischen Prüfung von Wertsetzungen zu tun haben, dem Bereich wissenschaftlicher Erkenntnisbemühungen zugerechnet (WL, 150 f.). Jenseits der Grenze der Wissenschaft liegt dagegen die Frage der „Geltung“ von Wertsetzungen, die eine „Sache des Glaubens, daneben vielleicht eine Aufgabe spekulativer Be- trachtung und Deutung des Lebens und der Welt auf ihren Sinn hin“ (a.a.O., 152; Hervorhebungen von M. Weber) sei. An einer späteren Stelle – im Auf- satz über die Wertfreiheit – wird von der Wertanalyse, sofern sie die Aufde- ckung der jeweils letzten „Wertaxiome“ zum Ziel hat, gesagt, sie arbeite nicht „mit den Mitteln einer empirischen Disziplin“ und zeitige „keine Tatsa- chenerkenntnis“, sondern gelte „in gleicher Art wie die Logik“ (a.a.O., 510). Es ist unklar, ob Weber mit dieser letzten Bemerkung an eine formale, aber

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normative Ethik denkt und dabei womöglich die praktische Philosophie Kants im Blick hat (auf die er ja an anderer Stelle verweist). Unklar ist damit auch, wo genau Weber in dieser Hinsicht die Grenze „wissenschaftlicher“ Er- kenntnis zieht, da diese offenbar auch nicht durch den Umkreis der von den Erfahrungswissenschaften eingesetzten Erkenntnismittel definiert sein soll. Ungeachtet dieser Unklarheit hält Weber jedoch eindeutig an der Auf- fassung fest, daß auch philosophische Reflexionen, sofern sie wissen- schaftlichen Anspruch erheben wollen, nur eine Klärung ethischer Maximen, prinzipiell nicht jedoch eine Entscheidung über deren Geltungsanspruch lie- fern können: Nicht nur vermöchte „eine empirische Wissenschaft niemanden zu lehren, was er soll“, sondern nur, was er kann und was er will (WL, 151), sondern es gebe überhaupt „keinerlei (rationales oder empirisches) wissen- schaftliches Verfahren irgendwelcher Art, welches hier eine Entscheidung geben könnte“ (WL, 508). Die folgenden Überlegungen sollen deutlich machen, daß Webers Pos- tulat ethischer Rationalität nur einlösbar ist, wenn der Geltungsanspruch und die Grenzen der Verbindlichkeit ethischer Maximen nicht dem „Glauben“, der „Spekulation“, dem „Gefühl“ (WL, 157 vgl. auch 155) oder einem je individuellen „Dämon“ (WL, 613) überlassen bleiben, sondern ihrerseits ei- nem Verfahren rationaler Reflexion unterzogen werden können. Zu diesem Zweck bedarf es in erster Linie einer Klärung der Frage, ob es einen Begriff von „Rationalität“ gebe, der den Bedingungen der „Entzauberung der Welt“ entspricht, ohne an die Zwecke und Mittel erfahrungswissenschaftlicher Ra- tionalität gebunden zu sein. Darüber hinaus ist zu klären, ob eine bestimmte Fassung der Begründungs- oder Geltungsfrage (die in der Regel mit einer bestimmten Unterscheidung von inhaltlicher und formaler Argumentation in ethischen Fragen einhergeht) nicht ihrerseits Voraussetzungen impliziert, die – insbesondere im Hinblick auf die „Entzauberung der Welt“ – weder über- zeugend noch notwendig sind. Um ein angemessenes Verständnis der Problematik und auch einige Ansatzpunkte zu ihrer Lösung – und zwar noch im Bezugsrahmen des We- berschen Denkens – zu gewinnen, ist es geboten, die Bedeutung und die Verwendungsweise der Rationalitätskategorie in den begrifflich-theoreti- schen Setzungen und in den materialen Analysen Webers in die Erörterung einzubeziehen. Im vorangehenden Abschnitt wurde bereits gesagt, daß We- ber die konstitutive Sinnhaftigkeit sozialen Handelns als „qualitative Rationa- lität“ charakterisiert und diesen Rationalitätscharakter seinerseits in der „Kummunikabilität“ sinnhafter Bestimmungsgründe menschlichen Handelns

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entdeckt. Unter „Kommunikabilität“ ist dabei intersubjektive (und tenden- ziell) allgemeine Verständlichkeit, Durchsichtigkeit und auch „Berechenbar- keit“ (und zwar im Sinne von sinnhafter Folgerichtigkeit und Erwartbarkeit) verstanden. Es ist dieser weitere, aber keineswegs überdehnte Begriff von Rationa- lität, den Weber meint, wenn er dem Menschen ein spezifisches Vermögen zur „Vernünftigkeit“ zuschreibt; bei demselben Begriff setzt Henrich bei sei- nem Versuch an, das einheitsstiftende ethische Prinzip der Weberschen Wis- senschaftslehre aufzudecken. Tatsächlich scheint damit zumindest die Ebene bezeichnet zu sein, auf der ein Rationalitätsbegriff zu suchen ist, dem zwar durchaus kein transzendenter und auch noch kein (im strengeren Sinne) tran- szendentaler Status zukommt, der aber dennoch geeignet ist, die erfah- rungswissenschaftliche Stellung zur Welt ebenso wie die oben bezeichnete ethische Stellung als je spezifische Ausprägungen von „Rationalität“ zu in- terpretieren. Allerdings bezeichnet der Begriff der „Kommunikabilität“ ein sehr ele- mentares Merkmal (bzw. eine sehr fundamentale Dimension) menschlicher Rationalität. So ist bereits das gerade in ethischen Erörterungen häufig he- rangezogene Kriterium der „Verallgemeinerbarkeit“ sehr viel enger, jeden- falls dann, wenn es besagen soll, daß bestimmte Auffassungen oder Sätze grundsätzlich von jedermann akzeptiert bzw. für „wahr“ gehalten werden müßten. Weder ein tatsächlich gegebener oder tendenziell sich herausbilden- der noch ein idealiter zu konstruierender Konsens („in der Sache“) ist mit dem von Weber gemeinten Begriff der „Kommunikabilität“ behauptet. Auf der anderen Seite ist allerdings mit dieser Kategorie mehr bezeichnet als eine notwendige Voraussetzung solcher Bemühungen um „Verallgemeinerung“ und „Konsens“ unter anderen: Wo sie verwendet bzw. der von ihr gemeinte Sachverhalt unterstellt wird, wird angenommen, daß diese Bemühungen grundsätzlich sinnvoll und nicht im Ansatz – wegen der „Natur der Sache“ – zum Scheitern verurteilt sind. Was ist mit einem solchen Begriff von Rationalität oder „Vernünftig- keit“ trotz seines unbestreitbar allgemeinen und auch unbestimmten Charak- ters für die hier interessierenden Fragen gewonnen? Gewonnen ist ein Ein- wand gegen Webers These, auf dem Felder der „Wertordnungen“ bzw. der „letzten Stellungnahmen zum Leben“ seien alle Bemühungen um rationale Verständigung und erst recht um ein rationales Einverständnis im Ansatz „sinnlos“, da hier eben ein prinzipieller und „unlöslicher Kampf“ herrsche. Weder diese ganz grundsätzliche These Webers noch die speziellere, daß es

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in politischen Auseinandersetzungen keineswegs um rationale Argumente, sondern allein um „Kampfmittel“ („Schwerter gegen den Gegner“) gehe (WL, 601), ergeben sich als zwingende Konsequenz aus der Einsicht in die „Entzauberung der Welt“. Wenn diese Thesen, was Weber zweifellos meint, einen nicht nur empirischen, sondern prinzipiellen Geltungsanspruch besitzen sollen (vgl. WL, 507), so stehen und fallen sie mit der Annahme, daß allein der Rekurs auf empirisch gegebene Wirklichkeit (bzw.: auf die Gesetze der formalen Logik) rationale und intersubjektiv überzeugungskräftige Ent- scheidungen im Widerstreit der Auffassungen zulasse. Diese Annahme bindet die Rationalität der Lösung inhaltlicher (nicht bloß logischer) Probleme an die Existenz und an den Richtspruch einer unvordenklich und unverfügbar vorgegebenen Instanz. Es ist einsichtig, daß, wenn als diese Instanz nur noch die empirische Wirklichkeit (und nicht mehr – wie in der theologisch- metaphysichen Tradition – Gott oder die Vernunft) zur Verfügung steht, in erster Linie alle ethischen Bemühungen ohne Rationalitätsbasis und damit der Irrationalität des Meinungskampfes überlassen sind. Die Frage ist, ob Weber, indem er bei dieser Argumentation die Mög- lichkeit von Rationalität an ein objektiv vorgegebenes (und inhaltliches) Be- zugssystem bindet, nicht in einer Vorstellung befangen ist, die durch die Ent- zauberung der Welt grundsätzlich überholt ist und insbesondere im Wider- spruch steht zu derjenigen Form ethischer Rationalität, die Weber selbst so entschieden als allein noch zeitgemäß behauptet. Was das grundsätzliche Problem betrifft, so drückt sich in dem Rekurs auf eine vorgegebene rechtfertigende Instanz offenbar das Bedürfnis nach einem fundamentum absolutum et inconcussum (Descartes) des menschlichen Weltverhaltens aus, das doch nach der übereinstimmenden Auffassung der traditionellen Metaphysik wie der gegenwärtigen niemals endgültig erreicht und gesichert werden kann. Tatsächlich vertritt Weber im Hinblick auf die Erkenntnismöglichkeiten der empirischen Sozialwissenschaft ja die Auffas- sung, daß die unaufgebbare Relativität der Erkenntnis (d.h. die Unmöglich- keit einer Wesenserkenntnis) keineswegs deren Objektivität und Rationalität ausschließe. Während er also für den Bereich der theoretischen Erkenntnis den Gedanken einer schlechthin vorgegebenen und begründenden Basis nur in einer sehr gemäßigten Form ins Spiel bringt, setzt er ihn mit großer Ent- schiedenheit ein, um die Unmöglichkeit rationaler Wertbegründung zu be- haupten. Hier, und nicht im Felde der theoretischen Erkenntnis, stützt er sich bei seiner Argumentation auf die Disjunktion von Letztbegründung aus ab- soluten Voraussetzungen oder Irrationalität und „unlöslicher Kampf“.

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Damit überspannt Weber nicht nur seine allgemeinen erkenntis- und wissenschaftstheoretischen Grundannahmen, sondern gerät auch in einen deutlichen Widerspruch zu den eigenen positiven ethischen Reflexionen, wie sie oben umrissen wurden. Es ist zu fragen, warum ihm selbst dieser Wider- spruch verborgen blieb und wie seine Auflösung zu denken wäre. Weber bestimmt die Rationalität einer zeitgemäßen ethischen Stellung durchaus individualistisch oder „monologisch“: Ethische Orientierungen sol- len danach als rational gelten, wenn sie dem andauernden Bemühen des Indi- viduums entspringen, größtmögliche Klarheit über ihre Bedeutung und ihre (praktische) Tragweite zu gewinnen und ihnen in seinem Handeln auf eine widerspruchslose und konstante Weise zu entsprechen. Solange dieses Be- mühen sich nur im forum internum des individuellen „Gewissens“ (WL, 155) vollzieht, ist es sehr gut möglich und sogar wahrscheinlich, daß die jeweiligen Wertorientierungen einander bis zur Unlöslichkeit widersprechen. Die Ein- sperrung ethischer Reflexion in die Innerlichkeit der einzelnen Menschen ist jedoch nicht nur nicht notwendig, sondern steht im direkten Gegensatz zur eigentlichen ratio dieser Reflexion. (Diese Feststellung richtet sich nicht zu- letzt gegen die Interpretation Löwiths - Weber, 33 -, der den Rekurs auf die „Subjektivität der rationalen Verantwortung als einer reinen Eigenverantwor- tung des Individuums vor sich selbst“ in einem radikal individualistischen Sinne versteht und glaubt, daß sich diese Deutung aus Webers Stellung zwin- gend ergebe). Die Ausweitung jener Bemühungen um Klarheit, Widerspruchsfreiheit und Konstanz von Wertorientierungen auf die intersubjektive Ebene bedeutet zweifellos eine qualitative Steigerung von Rationalität. Nur auf dem Wege einer solchen intersubjektiven Reflexion kann es gelingen, die „subjektivisti- sche Inappellabilität in ethischen Fragen“ wirklich zu überwinden. Daß sich die Individuen – hochbewußt und konsequent – jeweils auf ihre persönlichen „Wertordnungen“ beziehen, ist eine zwar unbedingt notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für eine rationale ethische Begründung und Ges- taltung des intersubjektiven Handelns. Nur in dem Maße, in dem es gelingt, die von Weber bezeichneten Postulate ethischer Rationalität als gesellschaft- liche Postulate bzw. als Regulative eines intersubjektiven Prozesses der „Selbstbesinnung“ und eines entsprechenden Handelns wirksam werden zu lassen, kann es eine rationale „Appellabilität“ in ethischen Fragen geben. Weber selbst bemerkt, daß die „tiefe innerliche Isolierung“, die „uner- hörte innere Vereinsamung des einzelnen Individuums“ (PE, 124, 122) unter der Herrschaft der asketisch-protestantischen Ethik geradezu eine „Verun-

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persönlichung“ oder ethische Neutralisierung der Beziehungen der Gläubigen untereinander zur Folge gehabt habe. Diese Entwicklungsrichtung ethischer

Rationalisierung ist jedoch aufs engste an den Tatbestand gebunden, daß der

seinem Gott gegenübergestellt ist“ (PE

II, 307 f.; Hervorhebungen von mir, J.W.). Auch die Rationalität der aske- tisch-protestantischen „Verinnerlichung der Persönlichkeit“ ist also an Inter- Subjektivität, nämlich an die Selbstprüfung und Selbstbestimmung vom Wil- len Gottes her, gebunden. Die Fähigkeit zur Distanzierung von der natürli- chen Triebhaftigkeit (RS I, 531; WG, 483) und die Möglichkeit, ein klares und konstantes Selbstverständnis hinsichtlich der eigenen Bestimmung zu entwickeln, hängen von dieser Vermittlung der Reflexion über das absolute alter ego ab. Es ist die Kommunikabilität der ethischen Pflichten für das Indi- viduum selbst, welche nur über diese intersubjektive Vermittlung zu gewin- nen ist. Fällt das göttliche alter ego dahin, ist diese Kommunikabilität nur durch Verlagerung des ethischen Besinnungs- und Klärungsprozesses auf die Ebene „innerweltlicher“ Intersubjektivität zu erhalten. Ansonsten bliebe nur, was Weber für die in der Gegenwart allein wahrhaftige Vollzugsweise religi- öser Erfahrung hielt: der Rückzug in die „unangreifbare Inkommunikabilität“ (vgl. Anm. 2) des subjektiven „Erlebens“, das über keine Mittel der „adäqua- ten Mitteilung und Demonstration“ (a.a.O.) verfügt, bzw. auf den Stand- punkt einer blind sich behauptenden und durchsetzenden „Persönlichkeit“. Die soweit vorgetragenen Überlegungen ergeben also, daß die von Weber postulierte Überwindung der „subjektivistischen Inappellabilität“ in ethischen Fragen nur auf dem Wege kommunikabler, d.h. an Inter-Sub- jektivität orientierter, Selbstbestimmung gelingen kann; der Umstand, daß diese Selbstbestimmung ihrer Natur nach nur von den einzelnen Subjekten wirklich vollzogen und verantwortet werden kann und muß, widerspricht dieser Feststellung nicht. Ferner dürfte hinreichend deutlich sein, inwiefern im Hinblick auf die korrelativen Merkmale der Kommunikabilität und Appel- labilität von einer spezifischen Rationalität ethischer Reflexion gesprochen werden kann. Damit ist eine bestimmte, durch Webers eigene Argumentationsweise zumindest geförderte Deutung zurückgewiesen, die annimmt, daß ein ir- rationaler „Dezisionismus“ und radikaler Individualismus in der Konsequenz der Weberschen Position liegt. So spricht auch W. Mommsen (106) von ei- nem „Wertdezisionismus nietzscheanischer Prägung“ bzw. – mit Abramow- ski – von einer „dezisionistischen Verantwortungsethik“ bei Weber, bemerkt aber zugleich, daß es im Prozeß der ethischen Entscheidung nach Weber

einzelne hier „einzig auf sich selbst

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darum gehe, „rational und verantwortungsbewußt zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Alternativen und Wertreihen“ zu wählen (107), und daß es Weber „ganz fern“ gelegen habe, einem „irrationalistischen Persönlich- keitskult das Wort zu reden“ (108). Mommsen kommt folglich im Anschluß an Löwith zu der These von einer „eigentümlichen Dialektik im Per- sönlichkeitsbegriff Max Webers, die aus dieser gleichzeitigen Bejahung und Verneinung des Prinzips der Rationalität“ resultiere (110). Abgesehen davon, daß Mommsen Webers Unterscheidung von Kulturidealen und ethischen Imperativen übergeht (vgl. Anm. 10), ist zu fragen, ob es nicht in Webers Vorstellung von ethischer Rationalität Ansatzpunkte zu einer Aufhebung dieser „Dialektik“ (d.h. vor allem zu einer Vermeidung tatsächlich „dezisio- nistischer“ Konsequenzen der Entzauberungsthese) gebe. Es bleibt jedoch der Einwand, daß insoweit bestenfalls gewisse not- wendige, aber keineswegs die hinreichenden Voraussetzungen für eine ra- tionale Begründung ethisch-politischer Wertsetzungen angegeben seien bzw. daß sich auf diese Weise vielleicht die rationale Form des gesuchten Verfah- rens, nicht aber der rationale Gehalt der Wertsetzungen bestimmen lasse. Diesem Einwand gegenüber ist zunächst zu wiederholen, daß unter ra- tionaler Begründung hier nicht (mehr) Letztbegründung, d.h. Rückgang auf ein „absolutes und unerschütterliches Fundament“, verstanden werden sollte. Andernfalls würden nicht nur uneinlösbare Forderungen aufgestellt, sondern auch der Selbstverantwortlichkeit des Menschen in ethischen Fragen absolute Grenzen gesetzt; beide Implikationen bedeuten viel eher einen Mangel als einen Zuwachs an Rationalität. Offenbar impliziert der Verzicht auf Letzt- begründung die Annahme der Möglichkeit, daß der Widerstreit verschiedener Wertordnungen nicht definitiv aufzuheben ist, da sich jede von ihnen auf „gu- te“, d.h. rational überzeugungskräftige (und grundsätzlich auch verallgemei- nerungsfähige) Gründe oder „Prinzipien“ bezieht. Die insoweit durchaus vergleichbare Situation auf dem Felde erfahrungswissenschaftlicher Theorien hat jedoch heute im allgemeinen nicht mehr zur Folge, daß der einen oder an- deren Theorie wegen dieser Unvereinbarkeit die Wissenschaftlichkeit oder die Rationalität überhaupt abgesprochen würde (vgl. die entsprechende Be- merkung Webers: WL, 501). Die Frage, ob eine um „kommunikable“ und dauerfähige Wertsetzun- gen bemühte ethische Reflexion einen bloßen Formalismuns darstelle und durch ein Verfahren zur inhaltlichen Bestimmung und Begründung ergänzt werden müsse, läßt sich an dieser Stelle nicht einmal ansatzweise erörtern. Jedenfalls wäre hier zu überlegen, ob bei dieser Kritik nicht ein schlechthin

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vorgegebener Wertkanon unterstellt und diesem eine Existenzweise eigener und höherer Art zugeschrieben werden muß. Einer solchen Voraussetzung steht die Einsicht entgegen, daß die inhaltliche Bestimmung ethisch- politischer Wertsetzungen sich nur aus dem jeweiligen geschichtlichen Erfah- rungs- und Handlungszusammenhang ergibt und ergeben kann, Der Forma- lismus in der Ethik folgt insofern mit Notwendigkeit aus dem Bedürfnis, die Geschichtlichkeit menschlicher Existenz wirklich ernstzunehmen (d.h. auch:

auf jede materiale Geschichtsphilosophie bzw. die Konstruktion eines objek- tiven Fortschritts in der Geschichte zu verzichten) und ein diesem Tatbestand angemessene Form der rationalen Behandlung ethischer Fragen zu entwi- ckeln. Eine nähere Prüfung dürfte darüber hinaus zeigen, daß eine solche formal-rationale Behandlungsart sich keineswegs mit beliebigen inhaltlichen Wertsetzungen vereinbaren läßt. Weber selbst wendet sich (anläßlich einer entsprechenden Kritik von seiten Schmollers) gegen das „schwere (freilich weit verbreitete) Mißverständnis“, „formale Sätze“, wie etwa die der Kanti- schen Ethik, enthielten keine „inhaltlichen Weisungen“ (WL, 504, 505). 20 Mit der zuletzt zitierten Bemerkung konstatiert Weber – implizit – zugleich die eigene Legitimität und die grundlegende (und folgenreiche) Be- deutung einer philosophischen Behandlung ethischer Fragen. Die vorlie- genden Überlegungen sollten deutlich machen, daß die Möglichkeiten solcher philosphischer Bemühungen weiter reichen, als Weber selbst offenbar an- nahm. Ein Begriff von Rationalität, der in einer sehr fundamentalen Hinsicht durch die Merkmale der Kommunikabilität und der Appellabilität definiert ist, eröffnet den Blick auf diese Möglichkeiten, indem er ihre konstitutiven und notwendigen (wenn auch nicht: hinreichenden) Bedingungen bezeichnet, und zwar unter voller Anerkennung der Entzauberungsthese. Wie weit gerade die Kantische und die an Kant anschließende prakti- sche Philosophie (bis auf Habermas) eine solche Bestimmung von Rationali- tät voraussetzt, ist an dieser Stelle nicht zu erörtern. 21 Es kann nicht einmal

20 Weber macht an dieser Stelle – wie auch bereits im Objektivitätsaufsatz (WL, 148, 154) – einen grundsätzlichen Unterschied zwischen „ethischen Imperativen“ einer- seits und (bloßen) „Kulturwerten“, „auch den höchsten“, andererseits, und zwar of- fensichtlich im Hinblick auf den jeweils möglichen Grad rationaler Begründbarkeit. So entschieden er feststellt, daß jene formalen „ethischen Pflichten“ durchaus von inhaltlicher Bedeutung seien, so wenig glaubt er, daß aus ihnen sich konkrete „Kul- turideale“ oder „Kulturwerte“ ableiten ließen (WL, 154). Eine genauere Auseinan- dersetzung mit Webers Argumentation hätte sich in erster Linie mit dieser Vorstel- lung von zwei völlig heterogenen Wert-Welten zu befassen.

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der Versuch gemacht werden, den behaupteten sachlichen oder „logischen“ Zusammenhang näher zu erläutern und zu begründen. Ein starkes Argument für die bezeichnete Interpretationsrichtung wird man jedenfalls darin sehen müssen, daß Weber alles darum zu tun war, die Möglichkeit einer ihrerseits rational begründbaren und gesellschaftlich-politisch wirksamen ethischen Ge- genposition gegen die alles durchdringende wissenschaftliche (bzw. wissen- schaftlich begründete) Rationalisierung und die Gefahr einer „Ver- unpersönlichung“ (RS I, 547; vgl. SSP 405, 414 u.ö.) der inter-subjektiven Beziehungen in einem „Gehäuse der Hörigkeit“ festzuhalten. Eine Anpassung an die wissenschaftliche, auf technische Beherrschung abzielende Rationali- tätsform würde die Begründung eines „adäquaten ethischen Lebensstils“ (PE II, 286; zit. Schluchter, a.a.O., passim) in diesem kritischen Sinne offensicht- lich im Ansatz unmöglich machen. Die befreiende Kraft charismatischen Füh- rertums aber vermöchte zwar die Erstattung der politischen Verhältnisse zu durchbrechen, wäre jedoch keine Alternative, sondern viel eher eine prinzi- pielle Gefährdung der Rationalität ethischer Selbstbesinnung und Selbstbe- stimmung. Der ethisch begründete Widerstand gegen die aus der Dynamik wissenschaftlich-technischer Rationalisierung erwachsende „Versteinerung“ der gesellschaftlichen Handlungszusammenhänge ist selbst – wie die entzau- berte Wissenschaft und Technik – eine „Forderung des Tages“ (WL, 613). An die Wiederkunft charismatischer „Propheten und Heilande“ (a.a.O.) kann sie schon deshalb nicht gebunden werden, weil diese weder nach Bedarf machbar noch – in dieser Gegenwart – erwartbar ist. Darüber hinaus aber untersteht dieser ethisch motivierte Widerstand seinerseits, wie bemerkt, ei- nem spezifischen Rationalitätspostulat und ist insofern von einer charisma- tischen bzw. charisma-inspirierten „metánoia“ (WG, 413), in der ein schlechthin neuer und umwälzender „Sinn“ entsteht und sich durchsetzt, durchaus zu unterscheiden. (Zur Bedeutung und zur Problematik des Cha- risma-Konzepts bei Weber, u. zw. insbes. in seinem Verhältnis zur vielschich- tigen Idee der Rationalität, vgl. Mommsen, 120 ff., und Weiß, Rationalität.) Auch die Kategorie des (religiös-ethischen) „Virtuosentums“, die We- ber bei den konsequenten Vertretern des innerweltlich-asketischen Prote-

führungen über den radikalen „Individualismus“ Webers (vgl. oben 40) die fol- genden Bemerkungen über Kant zu konfrontieren: „Daß der Mensch ein Selbst-

zweck ist, das bedeutet für Kant keineswegs, daß es dem menschlichen Dasein als

primäre Sinn der Bestimmung des

Menschen als eines zu achtenden Selbstzwecks ist nicht die Begründung des Men- schen als eines auf sich gestellten Individuums, sondern die Begründung selbstän- diger Verhältnisse aneinander teilnehmender Personen“ (153; Löwith bezieht sich hier vor allem auf eine Stelle aus einer Vorlesung von Kant über Ethik).

einem je eigenen

um

sich selbst gehe

Der

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stantismus noch für angebracht hält (RS I, 573), wird von ihm nicht ver- wendet, wo es um die ethische Problematik der Gegenwart geht. Dies ist bemerkenswert, gerade weil Weber bei dieser Kategorie nicht wie Nietzsche (von dem auch dieser Terminus wohl übernommen ist) den „Renaissancebeg- riff“ einer „moralinfreien virtù“ (III., 313, 619 f.), sondern jede außerordent- liche persönliche Qualifikation hinsichtlich der klaren Erfassung und – vor allem – der konsequenten Befolgung religiös-ethischer Forderungen im Blick hat (vgl. z.B. WG, 421 ff.).In der radikal entzauberten, „gottfremden, pro- phetenlosen“ (WL, 610) Welt ist an die Stelle der grundsätzlich unaufhebba- ren Spannung zwischen Heilsgewißheit und Weltlichkeit, in deren Bewäl- tigung sich die außergewöhnliche Qualifikation der religiös-ethischen „Virtu- osen“ erwiesen und bewährt hatte, die prinzipielle und beziehungslose Tren- nung beider Sphären getreten. Moralität im streng innerweltlichen Sinne, die dem bezeichneten Rationalitätspostulat im allgemeinen und den Maximen der „intellektuellen Rechtschaffeneheit“ und „Persönlichkeit“ im besonderen ent- spricht, ist daher eine prinzipiell an jedermann gerichtete und – ebenso prin- zipiell – von jedermann zu erfüllende „Forderung des Tages“. Es ist die „Entzauberung der Welt“ selbst, die deutlich macht, daß das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis und nach technischer Herrschaft sich nicht aus sich selbst erklären und rechtfertigen läßt, sondern, soll es nicht völliger Sinnlosigkeit anheimfallen, auf vom Menschen zu verantwortende Wertsetzungen angewiesen ist. So unmöglich es ist, das wissenschaftlich- technische Weltverhältnis mit allein wissenschaftlichen Mitteln zu rechtferti- gen oder in die Schranken zu verweisen, so notwendig ist es, dies zur Aufga- be ethischer „Selbstbesinnung“ zu machen. Diese Selbstbesinnung muß rati- onal sein, um dem Rationalitätsanspruch der Wissenschaft angemessen und kritisch begegnen zu können; sie muß subjektiv (oder individuell) sein, weil die „Entzauberung der Welt“ das Subjekt bei seiner Suche nach Sinngebung und Wertsetzung auf es selbst in seiner Endlichkeit (s. dazu RS I, 548 f., 569 f. und WL, 594 f.) und auf seine unveräußerliche Verantwortung zurück- wirft; sie muß inter-subjektiv sein, weil sich dies aus ihrem eigenen Rationali- tätsanspruch ergibt und weil Wissenschaft und Technik ihrerseits zu einer ge- sellschaftlichen und politischen Macht ersten Ranges geworden sind. 22

22 Es ist offensichtlich, daß Webers Postulat „Politik gehört nicht in den Hörsaal“ (WL, 600) in dem Maße an Überzeugungskraft verliert, als Möglichkeiten einer ra- tionalen, wenn auch nicht (erfahrungs-)wissenschaftlichen Argumentation in Fra- gen politischer und ethischer Wertsetzung aufgewiesen und praktiziert werden. (Im übrigen ist dieses Postulat natürlich von der Wertfreiheitsthese i.e.S. – also der

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III Theorie

49

Über ‚Weberianische‘ Theorie

1.

Ein besonders auffälliges und erklärungsbedürftiges Kennzeichen der jünge- ren (und noch andauernden) Weber-Rezeption besteht darin, daß Weber auch als bedeutender, vielleicht sogar bedeutendster Theoretiker der Sozio- logie gesehen und beansprucht wird. Dabei geht es nicht um die theoretische Natur vieler Konzepte und Analysen, die sich im gesamten, und zwar auch dem frühen, präsoziologischen Werk, vor allem aber natürlich in „Wirtschaft und Gesellschaft“ verstreut finden, sondern um dasjenige allgemeine theoreti- sche ‚System‘, das diesen einzelnen Konzepten und Analysen zugrunde liegt. Lange Zeit galt es als ausgemacht, daß es bei Weber höchstens Ansatz- punkte einer allgemeinen soziologischen Theorie gebe, und viele seiner Kriti- ker, insbesondere in der angelsächsischen Welt, hielten ihn, wie Parsons be- merkt hat, für einen Theoretiker oder ‚Philosophen‘ „nur im abschätzigen Sinne: für einen Menschen, der die Tatsachen lieber seiner Theorie anpaßt als umgekehrt“(Parsons 1968, 500). Talcott Parsons war es auch, der es als er- ster und zugleich für viele Jahre als letzter unternommen hat, Webers Beitrag zur theoretischen Soziologie in seiner fundamentalen Bedeutung zu bestim- men und für die Ausarbeitung eines „single coherent body of theory“, und dies in Gestalt einer einheitlichen „theory of social action“(a.a.O., XXI), nutzbar zu machen. Einen solchen Versuch hatte es in Deutschland bis dahin (bzw. bis 1933) nicht gegeben; nach 1945 aber beherrschten zunächst einige aus den Vereinigten Staaten stammende Paradigmen (insbesondere die struk- tur-funktionale Theorie, eine häufig trivialisierte Form der Rollentheorie oder aber die Verhaltenstheorie) und dann die materialistische Konzeption das Feld der allgemeinen Theorie in Westdeutschland. Talcott Parsons seinerseits geht in seiner Hochschätzung Webers so weit zu behaupten (a.a.O., 638), dieser sei in der frühen deutschen Soziolo- gie fast der einzige gewesen, der „die logische Notwendigkeit allgemeiner Konzepte für eine empirische Erkenntnis, die ihren Namen verdient“, erkannt habe, und damit tut Parsons allerdings solchen Denkern wie Tönnies oder Simmel durchaus Unrecht – von Marx, der kein ‚Soziologe‘ war und sein

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wollte, ganz abgesehen. „Webers eigene Theoriearbeit“, so sagt Parsons, „setzte bei der historistischen Tradition an, zielte aber am Ende auf ihre Ü- berwindung“ (a.a.O., 502). Eben darin liegt nach ihm die Größe und Bedeu- tung, aber auch die Grenze Webers als eines soziologischen Theoretikers. Diese Grenze sieht Parsons nämlich genau darin, daß Weber, anders als Pare- to und Durkheim (der „fast den reinen Typus eines theoretischen Kopfes“ repräsentiere) „sich nicht daran gemacht (habe), ein allgemeines theoretisches System auf dem Felde des Gesellschaftlichen zu errichten“, und Parsons fügt hinzu: „Tatsächlich spricht wenig dafür, daß er eine klare Vorstellung von der Möglichkeit resp. der Nützlichkeit hatte, derartiges zu unternehmen“ (a.a.O., 686). Es handelt sich also hier, nach Parsons’ richtiger Einsicht, um eine be- wußte Selbstbeschränkung Webers. Sie erscheint ihm aber, alles in allem, doch als eine „Sache minderer Bedeutung“, und dies nicht nur angesichts der Verdienste, die sich Weber um die soziologische Theoriebildung erworben habe. Noch wichtiger ist es für Parsons, daß man auch in diesem Falle den Autor besser verstehen kann und muß, als er sich selbst verstanden hat. Im- plizit nämlich enthält Webers Werk nach seiner Auffassung sehr wohl „den Umriß eines allgemeinen theoretischen Systems“, nämlich diejenige – die falschen Antithesen von Positivismus (oder Materialismus) und Idealismus, Utilitarismus und Organizismus, Historizismus und Naturalismus etc. über- windende – „voluntaristische Theorie des Handelns“, deren Ausarbeitung und Systematisierung die Absicht von „The Structure of Social Action“ ist.

2.

Es ist hier nicht der Ort, nachzuzeichnen und zu erörtern, wie sich die Beur- teilung Webers als eines soziologischen Theoretikers bei Parsons im Zuge der Entwicklung des eigenen Systems verändert hat. Es ist keine Frage, daß sich dieser Parsonianische „single coherent body of theory“ sehr bald sehr weit – und zwar nicht nur der Entfernung, sondern auch der Richtung nach – von dem fortbewegt hat, was er ursprünglich als das implizite „generalized theoretical system“ Webers glaubte identifizieren zu können. Ebenso unbe- streitbar erscheint mir aber, daß er sich auch weiterhin von fundamentalen Motiven der theoretischen Arbeit Webers hat bestimmen lassen. Dies betrifft einerseits die allgemeine Orientierung an einem action frame of reference und andererseits die von Weber intendierte Überwindung bzw. Vermittlung fal-

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scher theoretischer bzw. metatheoretischer und methodologischer Alter- nativen. Beides bringt Parsons sehr deutlich in dem kurz vor seinem Tode, aus Anlaß seiner Heidelberger Ehrenpromotion (1979), gehaltenen Vortrag „On the Relation of the Theory of Action to Max Weber’s Verstehende So- ziologie“ zum Ausdruck. Die „wichtigsten Beiträge Max Webers zu einer Theorie des Handelns“ liegen nach Parsons „auf drei verschiedenen Ebenen“ (T. Parsons 1980, 151 ff.): Auf der methodologischen Ebene habe Weber sich gegen das „falsche Dilemma“ von Naturwissenschaft versus Kulturwis- senschaft (als Geisteswissenschaft) und gegen die Auffassung gestellt, „daß nur die Naturwissenschaften mit einer verallgemeinernden Konzeptualisie- rung zu tun haben“. Er habe in seiner Methodologie und in seinem materiel- len Werk gezeigt, daß in den historischen Sozialwissenschaften ein „Gleich- gewicht zwischen dem subjektiven und dem objektiven Aspekt“ möglich und die Verbindung von kausalem Erklären und „deutendem Verstehen“ notwen- dig sei. Auf der philosophischen Ebene habe Weber das „Dilemma der Di- chotomisierung der Handlungs-Realität Begriffen von ‚Realfaktoren‘ und ‚Idealfaktoren‘“ (resp. von ‚Positivismus‘ und ‚Idealismus‘) hinter sich gelas- sen. Auf der soziologischen Ebene schließlich habe er die Unfruchtbarkeit der „Entweder-oder-Frage“ im Hinblick auf die Gemeinschaft-Gesellschaft- Dichotomie aufgewiesen. Dieses letzte, von Parsons so deutlich hervorgehobene und über- nommene Motiv nun hat in der nachfolgenden Rezeption des Theoretikers Weber eine wichtige Rolle gespielt. Nur wenigen Interpreten ist entgangen, daß dies ein entscheidendes und unterscheidendes Merkmal des Weberian theorizing ist. Übersehen wurde es nur da, wo man Weber, unter Verzicht auf jedes breitere und genauere Studium seiner Schriften, als „Idealisten“ (also als ‚Anti-Marx‘) oder aber als „Positivisten“ deutete (und, je nach eige- ner Position, als solchen vereinnahmte oder ablehnte), wobei man sich im er- sten Fall ausschließlich auf eine ganz oberflächliche Lektüre der „Protestanti- schen Ethik“, im zweiten auf eine grobe Simplifikation der Idee der ‚Wert- freiheit‘ stützte. Wer dagegen, wie die meisten Interpreten, Webers Bemühungen um einen ‚dritten Weg‘ wahrnahm und auch für prinzipiell berechtigt hielt, mußte diese Bemühungen dennoch nicht für erfolgreich und überzeugend halten. Tatsächlich war dies lange Zeit wohl eher die Ausnahme, und dies ist übri- gens auch ein wichtiger Grund dafür, daß es einen einigermaßen ge- schlossenen ‚Weberianismus‘ bis heute nicht gibt. Es ist, auch unter ‚Weberi- anern‘, der Normalfall und deshalb, anders als etwa bei Marxisten, kein An-

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laß zu immer neuen Kämpfen um die eine und ganze Wahrheit, daß der We- bersche Versuch einer ‚Synthese‘ als nicht nur unvollendet, sondern auch als (nach der einen oder anderen Seite hin) unausgewogen bzw. als mehrdeutig und nicht kohärent beurteilt wird. Eine auch heute noch häufig vertretene Kritik besagt so, daß es deutliche Inkongruenzen oder Diskrepanzen nicht nur zwischen den verschiedenen Phasen des Weberschen Denkens, sondern auch zwischen den verschiedenen Teilen oder Dimensionen von dessen So- ziologie gebe, und zwar insbesondere zwischen den konzeptuellen, theoreti- schen und methodologischen Arbeiten einerseits, den materiellen Analysen der historischen und vergleichenden Soziologie andererseits.

3.

Für die Weber-Rezeption der letzten Jahre gilt nicht nur, daß der Theoretiker (und Methodologe) Max Weber eine ganz neue Bedeutung erlangt hat, son- dern auch, daß der multidimensionale und „synthetische“ Charakter der theo- retischen Konzeption Webers betont und sehr häufig auch als deren besonde- rer Vorzug gegenüber den konkurrierenden Auffassungen bewertet wird. Der Tatbestand, daß Weber „allen Interpreten etwas bietet – den parsonianischen Funktionlisten, den Anti-Marxisten, den Idealisten ebenso wie den Evolutio- nisten, aber auch den Anti-Funktionalisten, den symbolischen Inter- aktionisten, der Sozialphänomenologie und der Konflikttheorie (und, so wäre zu ergänzen, auch den marxistischen Theoretikern verschiedener Observanz) – wird so von Collins 23 zwar mit dem Fehlen der „one grand synthesis“ er- klärt, aber doch eher als Ausdruck der Komplexität denn als Mangel des Weberschen Denkens betrachtet. Jeffrey Alexanders großangelegtes Werk Theoretical Logic in So- ciology ist von der Annahme bestimmt, daß „es in der Soziologie nie einen vollständigen Konsens geben wird, die aber desungeachtet nach einer allge- meinen und synthetischen Theorie streben muß“. 24 Genau dies ist der Grund, weshalb die Rekonstruktion des Weberschen Denkens für sein Vorhaben von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Ohne Zweifel haben Marx und Durkheim viel entschiedener und ausdrücklicher an einer „general and synthetic theory“

23 R. Collins 1986, 2 ff.; vgl. Turner (1978, X), der bemerkt, der „intellektuelle Riese“ Max Weber habe „nahezu alle theoretischen Perspektiven beeinflußt“ – und nur deshalb habe dessen Werk in der 1. Auflage des Buches keine spezielle Diskussion erfahren!

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gearbeitet, und deshalb sind sie auch jederzeit als eminente Theoretiker be- trachtet worden. Sie konnten ihre jeweiligen Generalisierungen und Synthe- sen jedoch nach Alexanders zutreffender Einsicht nur um den Preis einer e- benso entschiedenen Einseitigkeit erreichen, die Alexander(a.a.O., 19) im Falle von Marx, wenig glücklich, als „instrumentalistisch“, im Falle von Durkheim als „normativistisch“ oder auch „idealistisch“ kennzeichnet. Im Vergleich mit ihnen (und anderen, weniger gewichtigen Klassikern) ist We- ber für Alexander deshalb der größere und auch der aktuellere Theoretiker, weil ihm der Ehrentitel gebührt, den „classical attempt at synthesis“ in der soziologischen Theorie unternommen zu haben. 25 Noch eindeutiger und nachdrücklicher als Parsons behauptet Alexander also, daß es nicht nur eine Vielzahl heterogener theoretischer Einflüsse im Weberschen Denken und auch nicht nur vorsichtige und mehr oder minder latente Ansätze zu ihrer Versöhnung gebe, sondern daß Webers späteres Werk „a powerful strand of synthetic and multidimensional theory“(a.a.O., XV) aufweise: „Weber ge- langt in seinem späten Werk zur ersten wahrhaft synthetischen Form von soziologischer Theorie, einer multidimensionalen Analyse, die in einer sehr fundamentalen Weise die idealistische und die materialistische Theorie re- konstruiert, statt sich ihrer nur zu bedienen“ (a.a.O., 23). Dieser „theoretical breakthrough“ hin zu einem „komplexen und differenzierten Modell des ge- sellschaftlichen Lebens“ (a.a.O., 128) – das sich insbesondere auf die Re- ligion, die religiöse Evolution, die Klassenprobleme und die städtische Revo- lution beziehe – bzw. zu einem „multidimensionalen Verständnis von Hand- lung und Ordnung“ (a.a.O., 56) verortet Alexander in die Zeit unmittelbar nach Webers psycho-physischem Zusammenbruch (d.h. in eine Zeit, in der Weber noch durchaus kein klares und eindeutig positives Verhältnis zur „So- ziologie“ besaß). Vor allem in seinen späteren Arbeiten ist es Weber nach Alexanders In- terpretation allerdings nicht immer gelungen, sich auf der „Höhe des schon Erreichten“ zu halten. Teile der Religionssoziologie, größere Teile der politi- schen Soziologie und Webers „portrayal of modern industrial society“ sogar insgesamt sind nach seiner Meinung vielmehr charakterisiert und verdorben durch einen Rückfall in jene „dichotome und instrumentelle Logik“, jene ma- terialistische bzw. „mechanizistische“ und „deterministische“ Orientierung (a.a.O., 122, 129, 196), die die frühen historisch-politischen Analysen We-

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bers geprägt habe. Hier, im Verkennen der fortwirkenden Bedeutung der „normativen“ und speziell der religiösen Dimension, sieht Alexander auch den Hauptgrund für Webers Schwierigkeiten, den „Übergang zur Moderni- tät“ und die Modernität selbst theoretisch adäquat zu erfassen. Erst Parsons habe, so meint Alexander, „eine multidimensionale ‚Weberianische‘ Soziolo- gie der Modernität“ (a.a.O., 134) entwickelt. Die meisten der Theoretiker, die in den letzten Jahren versucht haben, das Webersche „Programm“ fortzu- führen, haben demgegenüber nach Alexander den „instrumentalistischen“ Rückfall Webers mitvollzogen oder sogar noch überboten. Dies gilt nach seiner Auffassung für die verschiedenen Varianten des Webero-Marxismus (bei Mills, Rex oder Lockwood), für den „Weberianischer Marxismus“ von Habermas und schließlich auch für Randall Collins, der in seiner Conflict Sociology, wie Alexander meint, „in einer ganzen Serie von weitreichenden empirischen Behauptungen einen hypotrophen Instrumentalismus entfaltet“ habe (a.a.O, 132).

4.

Jeffrey Alexanders Interpretation und Kritik Webers kann als Leitfaden die- nen, einige Kernfragen der gegenwärtigen Diskussion über Weber als master theorist der Soziologie zu identifizieren und zu klären. Diese Fragen betreffen 1. das – tatsächliche oder vermeintliche – Scheitern der von Weber – tatsächliche oder vermeintlich – intendierten großen theore- tischen Synthese, 2. die Gründe dieses „Scheiterns“ und 3. das – tatsächliche oder vermeintliche – Unvermögen Webers, die Moderne (und den Übergang zur Moderne) theoretisch angemessen zu erfassen und zu erklären. Was die erste Frage angeht, so wird das fragliche Scheitern Webers – aus leicht verständlichen Gründen – seit jeher von allen Interpreten be- hauptet, die glauben, daß die Soziologie eines „single coherent body of theo- ry“, einer einheitlichen, geschlossenen und gleichsam „absorptiven“ Theorie der Gesellschaft bedürftig und fähig sei. So findet sich eine derartige Feststel- lung und Kritik regelmäßig bei marxistischen Autoren, aber z.B. auch bei Leopold von Wiese, der, erstaunlich genug, fest überzeugt war, mit seiner „Beziehungslehre“ Weber in dieser Hinsicht weit übertroffen zu haben. In der Gegenwart wird sie – im Gefolge von T. Parsons – außer von Alexander vor allem, und zwar im Rahmen höchst anspruchsvoller eigener theoretischer Bemühungen, von Richard Münch vorgetragen. Münch meint,

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wie angemerkt, im Unterschied zu Alexander auch, daß es trotz aller „unge- lösten Probleme“ doch Durkheim gewesen sei, der „unter allen klassischen Soziologen die tiefste und geschlossenste theoretische Konzeption“ erreicht habe (a.a.O., 589). Außer Alexander und Münch wird man in diesem Zusammenhang auch Habermas nennen müssen. Dessen Theorie des kommunikativen Handelns weist zwar bemerkenswerte Fortschritte in der Rezeption und Hochschät- zung Webers auf (auch hält Habermas nunmehr – bis auf weiteres – eine Sys- tem und Lebenswelt übergreifende theoretische Synthese für unmöglich), doch betont er auch hier die prinzipiellen Unzulänglichkeiten der Weberschen Theorie des sozialen Handelns. Nur auf den ersten Blick ist es erstaunlich, daß, was die zweite der ge- nannten Fragen (also die Gründe des Scheiterns Webers) angeht, Alexander, Münch und Habermas durchaus ähnlich, nämlich mit der Dominanz des in- strumentalistischen Begriffs vom Handeln und der daraus folgenden „Eindi- mensionalität“ (a.a.O., 558) der theoretischen Perspektive Webers argumen- tieren. Münch glaubt darüber hinaus, daß Weber – zugleich oder trotzdem? – allzu sehr dem „historischen Idealismus“ verpflichtet gewesen sei (a.a.O., 557, 571), um über die immer perspektivische Konstruktion einer Mehrzahl von idealtypischen Modellen hinaus zu dem vorzustoßen, was Münch eine „tiefere Struktur“, ein „abstrakteres, allgemeingültiges Gesamtmodell“ bzw. ein „geschlossenes Modell“ (a.a.O., 561 u.ö.) nennt. Die Vielzahl und der Wechsel der theoretischen Perspektive als solche gelten Münch also als der eigentliche Mangel. Der dadurch ermöglichten „Verabsolutierung“ der einen oder anderen Perspektive durch verschiedene Interpreten – so des „rationa- listischen Idealismus“ durch Tenbruck oder des „macht- und konflikt- theoretischen Positivismus“ durch Mommsen und Collins – könnte man, Münchs Idealen folgend, immerhin noch zugute halten, daß sie ja jeweils zu „geschlossenen Modellen“ führt. Unterschiedlicher, aber insgesamt doch deutlich positiver, sind die Ur- teile der genannten und vieler weiterer Interpreten, was die dritte der ge- nannten Kernfragen – Webers Bedeutung für eine Theorie der Moderne und ihrer Genese – betrifft. Tatsächlich steht in diesem Punkt Alexander mit sei- ner sehr negativen Meinung ziemlich isoliert da. Auch wo das Fehlen einer umfassenden theoretischen Synthese und die Dominanz einer instrumentalis- tischen Perspektive kritisiert wird, wird in aller Regel doch festgestellt, daß Weber sich – viel eher als Marx und auch als Durkheim – als der scharfsin- nigste, nüchternste und differenzierteste Theoretiker der okzidentalen Mo-

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derne – ihrer Eigenart, ihrer Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen und ihrer Antagonismen – erweise (und daß in dieser Hinsicht allein Georg Sim- mel neben, wenn nicht sogar über ihn zu stellen sei). Aus welchen Gründen ist Weber, insbesondere in den letzten Jahren, derart zum wichtigsten, jedenfalls zum – innerhalb wie außerhalb der Profes- sion – am meisten zitierten Theoretiker der Moderne geworden, und zwar einschließlich der sogenannten „Postmoderne“ (die man wohl als den neue- sten Versuch betrachten muß, den Zwängen der Moderne mit den Mitteln der Moderne zu entkommen). Wie immer man diese Frage beantwortet, eins ist sicher: Dieser Grund liegt nicht darin, daß Weber eine umfassende, alle relevanten Dimensionen und Faktoren in einem „integrierten“ Modell ver- knüpfende und in diesem Sinne „geschlossene“ Theorie der Gesellschaft im allgemeinen und der modernen Gesellschaft im besonderen zur Verfügung stellte. Derartiges findet man bei ihm nicht, und es ist auch höchst unwahr- scheinlich, daß er es jemals unternommen hätte, eine umfassende und abge- schlossene „Theorie der Moderne“ (oder auch nur eine „Theorie der moder- nen Kultur“, etwa nach Art des jüngsten Buches von Richard Münch) zu konstruieren. Wäre es möglich, daß die Attraktivität und Fruchtbarkeit der Ideen und Analysen Webers zur Moderne gerade umgekehrt damit zu tun haben, daß Weber dabei, und zwar nicht nur aus kontingenten Gründen, auf höhere Gra- de der Generalisierung und der Integration (der „Synthese“) verzichtet hat? Könnte es sein, daß zumindest dieser Gegenstand sich – bei näherer Betrach- tung – nicht vermittels eines abstrakten, einheitlichen und geschlossenen the- oretischen „Modells“ erfassen und erklären läßt? Wäre Weber (wie Simmel) vielleicht genau deswegen nicht nur ein eminenter Theoretiker der Moderne, sondern auch ein eminent moderner Theoretiker (auf dem Felde der Sozial- wissenschaften), weil seine „Theorie“ zugleich eine Kritik der Theorie ist – „Kritik“ verstanden im Kantischen Sinne einer begründeten, rationalen Selbstlimitierung des Erkennens? Diesen Fragen ist, in ganz vorläufiger Weise, der abschließende Teil dieser Überlegungen gewidmet. Zuvor wäre es eigentlich notwendig, das Verhältnis zur Soziologie als theoretischer Sozialwissenschaft im einzelnen (und in seiner Entwicklung) nachzuzeichnen, und zwar auch deswegen, weil hier ein großes Defizit auch noch der gegenwärtigen Diskussion des soziolo- gischen Theoretikers Weber liegt. Unter den gegebenen Bedingungen müssen einige Hinweise genügen, die um der Kürze und Klarheit willen thesenhaft formuliert sind.

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5.

Webers tätiges Interesse an einer theoretischen Sozialwissenschaft geht sei- nen Bemühungen um eine methodologische und theoretische Grundlegung der Soziologie zeitlich und sachlich voraus. Tatsächlich ist Weber immer, also auch lange vor seinen Veröffentlichungen zur Methodologie, dafür ein- getreten, daß die historischen Kultur- und Sozialwissenschaften sich bei ihren kausalen Erklärungen im Rahmen des Möglichen theoretischer Ge- neralisierungen bedienen müßten. So heißt es dann im „Geleitwort der Her- ausgeber“ des 1. Bandes des Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik (1904), dessen Sprache eindeutig auf Weber als Autor verweist: In dieser Zeitschrift werde man den „Anforderungen strenger Wissenschaftlichkeit“ auch durch regelmäßige „erkenntniskritisch-methodologische Erörterungen über das Verhältnis zwischen den theoretischen Begriffsgebilden und der Wirklichkeit“ entsprechen. Man werde sich bemühen, den immer stärker werdenden „Hunger nach sozialen Theorien“ zu stillen; der „i.e.S. ‚Theorie‘ genannten Forschung“ wird als spezifische Aufgabe die „Bildung klarer Beg- riffe“ zugeordnet. 26 Es macht demnach keinen Sinn, zwischen einer frühen „historistischen“ oder „idiographischen“ und einer nachfolgenden theoretischen oder „no- mothetischen“ Phase in Webers Methodologie und/oder Forschungspraxis zu unterscheiden. Über alle terminologischen Veränderungen und alle Ver- schiebungen der Perspektive hinweg vertritt Weber im Prinzip von Anfang an die Auffassungen, die er am Ende seines Lebens (nämlich im ersten Teil von Wirtschaft und Gesellschaft) noch einmal in konzentrierter und präzisierter Form vorgetragen hat: Um reale geschichtliche Verhältnisse und Ent- wicklungen begreifen und erklären zu können, muß sich die historische So- zialwissenschaft a) ohne Vorbehalt als empirisch-kausale Wissenschaft ver- stehen und sich als solche b) hinsichtlich ihrer Konzepte und Erklärungen um so viel theoretische Generalisierung bemühen, wie dies mit der Eigenart der jeweiligen „Sache“ vereinbar ist. Die Soziologie, der sich Weber vergleichsweise spät und ohne beson- deren Enthusiasmus zugewandt hat 27 , wurde von ihm als theoretischer Teil der historischen Sozialwissenschaft verstanden und entwickelt. Der Artikel „Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie“ und die Definitionen und Theoreme von „Wirtschaft und Gesellschaft“, aber auch viele Passagen

26 Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd.1, 1904, VII, VI.

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der Untersuchungen zur „Wirtschaftsethik der Weltreligionen“, entsprangen

der Absicht, diesen theoretischen Teil in einer „endlich

schaftlichen“ Weise (anstelle der „Dilettanten-Leistung geistreicher Philoso- phen“) auszuarbeiten. Die primär instrumentelle Funktion der Soziologie (Typenbegriffe und generelle Regeln des Geschehens“ zu bilden) hebt Weber mit der Feststellung hervor, daß die Soziologie „nicht um ihrer selbst willen“ (sondern eben: wegen ihrer Unverzichtbarkeit für die Arbeit der historischen und vergleichenden Sozialwissenschaften) betrieben werde. Dieser Auffas- sung korrespondiert auch Webers Überzeugung, daß die von ihm vorge- schlagenen Konzeptualisierungen, etwa seine „soziologischen Einteilungs- prinzipien der Herrschaftsformen“, keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Ausschließlichkeit erhöben und daß sogar die „verstehende Soziologie“ ins- gesamt niemandem aufgenötigt werden könne. Nicht nur die – viel gelobte – „Multidimensionalität“, sondern auch die – viel beklagte – Unfertigkeit und der – viel kritisierte – Mangel an „Synthe- se“ (also das Fehlen eines einheitlichen und geschlossenen theoretischen Mo- dells) ergeben sich so aus dem Tatbestand, daß die Soziologie von Weber nie als separate Wissenschaft (und schon gar nicht als höchste und am meisten synthetische Wissenschaft), sondern als theoretischer Teil einer umfassenden historischen Sozialwissenschaft verstanden wurde. Dies bedeutet nicht, daß nicht höhere Grade der Vollständigkeit, der Kohärenz und der Systematik er- reichbar wären, als sie sich in Webers – gerade in dieser Hinsicht un- vollendetem – Werk finden. Es bedeutet aber, daß alle Versuche, die Sozio- logie als eine einzige und einheitliche, kohärente, absorptive und geschlosse- ne Theorie der geschichtlich-gesellschaftlichen Realität zu verstehen, sich nicht nur dem Grade nach, sondern prinzipiell von Webers Vorstellungen unterscheiden.

streng wissen-

6.

Mit diesen Bemerkungen sei zu den aktuellen Diskussionen und des näheren zu den Fragen zurückgekehrt, die ich oben gestellt, aber nicht beantwortet wurden. Diese Fragen beziehen sich auf den tatsächlichen oder vermeintli- chen Gegensatz zwischen der überragenden Bedeutung, die Weber als einem Theoretiker, und insbesondere als einem Theoretiker der modernen Kultur und Gesellschaft, zugeschrieben wird einerseits und dem Mangel an Homo- genität, Vollständigkeit oder ‚Geschlossenheit‘ seiner theoretischen Synthe-

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sen andererseits. Ich will, wenn auch in einer ganz vorläufigen und wohl auch etwas ‚überspitzten‘ Weise, die These vertreten, daß es sich hier, wenn über- haupt, um einen „dialektischen“ Gegensatz handelt – in dem (Marxschen) Sinne, daß er nicht vermieden und in keiner höheren Synthese aufgehoben werden kann. Dies bedeutet, mit anderen Worten, daß die Stärken des We- berschen Denkens mit Notwendigkeit geknüpft sind an die von verschiedenen Interpreten hervorgehobenen Schwächen und daß man die spezifischen Mög- lichkeiten dieser Art des Theoretisierens nicht nutzen kann, ohne ihre Gren- zen zu akzeptieren. Darüber hinaus glaube ich, daß die Offenheit, Vielseitig- keit und auch Vieldeutigkeit der Weberschen Denkweise der modernen Kul- tur und Gesellschaft und der Verfassung des modernen Bewußtseins in be- sonderem Maße adäquat sind. Ganz zu Recht sehen die oben zitierten Autoren die Aktualität Webers vor allem darin begründet, daß er – in seiner Wissenschaftslehre, in seinen theoretischen Arbeiten und in seinen materiellen Analysen gleichermaßen – die Unhaltbarkeit und Sterilität der erwähnten Dichotomien und Alternativen demonstriert hat. Darüber hinaus bin ich überzeugt, und zwar noch mehr als einige von diesen Autoren, daß es in Webers Werk nicht nur eine unge- ordnete, äußerliche Ansammlung, sondern eine wirkliche Verknüpfung, wenn nicht Synthese, vermeintlich gegensätzlicher Prinzipien und Methoden (Ma- terialismus/Positivismus versus Idealismus, Kausalität versus Sinn, Erklären versus Verstehen, idiographische versus nomologische Orientierung, Wert- freiheit versus Wertbeziehung etc.) gibt. Schließlich erscheint es mir unbe- streitbar, daß diese Synthese sich folgerichtig aus dem „action frame of refe- rence“ der Weberschen Theorie ergibt; dieser Bezugsrahmen nämlich führt nicht nur zu einer bestimmten (und spezifischen) Menge von allgemeinen Begriffen oder Kategorien, sondern zu einer durchaus eigentümlichen und distinkten Form der Wahrnehmung, Ordnung und kausalen Erklärung histori- scher und sozio-kultureller Tatbestände. Die Webersche „Synthese“ (bzw. die Webersche Form der Bildung und Verwendung konzeptueller Synthesen) gründet in den (sinnhaften) Synthe- sen, vermittels deren sich menschliches Handeln als sinnhaftes, gesellschaft- liches, geschichtliches Handeln, definiert, konstituiert und vollzieht. Diese Rückbindung an die „action reality“ (Talcott Parsons) hat Weber im Zuge der Entfaltung seines Werks nie aufgegeben; sie ist gemeint, wenn er auch im Blick auf die historische Soziologie von der Idee der „Wirklichkeitswissen- schaft“ spricht. Sie verweist auf die Grenzen nicht der Möglichkeit, wohl aber der Nützlichkeit einer generalisierenden Begriffs- und Theoriebildung in

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den historischen Sozialwissenschaften und erklärt, warum Weber seine eige- nen Konzeptualisierungen 1. als weder erschöpfend noch exklusiv verstand und sie 2. hinsichtlich ihres logischen Status, als „idealtypisch“ interpretierte. Nur diese Art der Konzeptualisierung ist nach seiner Auffassung imstande, dem wissenschaftlichen Bedürfnis nach Klarheit und Distinktheit zu genügen und zugleich das Bewußtsein der Differenz zwischen diesen analytischen Konstrukten und der lebensweltlichen Erfahrung wachzuhalten. Ein weiteres, sehr wichtiges Merkmal der Denkweise Webers (das von manchen Interpreten schon eindeutig zu deren ‚Defiziten‘ gerechnet wird) liegt darin, daß Weber die Soziologie weniger als spezielle Disziplin denn als theoretischen Teil der historischen Kultur- und Sozialwissenschaften (neben bzw. in Verbindung mit der theoretischen Nationalökonomie) verstand. Es ist ganz auffällig, daß Weber sich nicht, wie in prototypischer Weise Emile Durkheim, abgemüht hat, die Soziologie als ganz neue Wissenschaft, und zwar als Wissenschaft sui generis, wenn nicht gar als Über-Wissenschaft, zu erweisen. Diesem Desinteresse korrespondiert seine Überzeugung, daß all- gemeine Propositionen über „die Gesellschaft“ oder „das Soziale“ als solche zwar möglich und wohl auch unvermeidlich seien, daß sie aber aus der Sicht der historischen Soziologie kaum Erklärungswert besäßen. Die Soziologie existiert also, wie bemerkt, für Weber nicht nur nicht um ihrer selbst willen, sie stellt sich für ihn vielmehr überhaupt nicht als „reine“, von den anderen empirischen Wissenschaften vom menschlichen Verhalten klar geschiedene Disziplin dar. Nur deshalb ist es übrigens auch legitim, die Abhandlung zur „Protestantischen Ethik“ als eine „soziologische“ zu qualifizieren, wie Weber selbst es ja tut, indem er sie unter die „Gesammelten Aufsätze zur Reli- gionssoziologie“ aufnimmt. Allerdings muß man, wenn man gerade aus die- ser Abhandlung so etwas wie ein „allgemeines theoretisches Modell“ heraus- destillieren möchte, beachten, daß Weber sich – in den „Antikritiken“ – ge- gen eine übermäßig generalisierende (psychologische) und für eine dezidiert historische Erklärungsweise ausgesprochen hat.

7.

Die soweit angedeuteten ‚guten Gründe‘ für den Mangel an Integration und Einheitlichkeit der theoretischen Konstruktionen Webers werden, so glaube ich, noch wesentlich plausibler, wenn man sich dem Problem der Moderne zuwendet und bedenkt, daß die Moderne nicht nur der zentrale Gegenstand,

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sondern auch die – sehr bewußte – Voraussetzung (oder: das intellektuelle Medium) dieser Theorie ist, daß wir es hier also mit einer Theorie der Mo- derne zu tun haben, die sich selbst als ein Produkt und Element der Moderne, und zwar in einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Entwicklung, versteht. Tatsächlich kann es keine überzeugende und ihrem Gegenstand ange- messene Theorie der Moderne geben, die nicht selbst als konstitutives Ele- ment eben dieser Moderne zum Thema und zum Problem werden müßte. Eine solche Reflexivität aber ist ein besonderes Kennzeichen des Weberschen Denkens. In diesem Denken, mit seiner tiefen Skepsis gegenüber den großen philosophischen Synthesen und den umfassenden politischen und/oder kultu- rellen Entwürfe des 19. Jahrhunderts, wird mit aller Konsequenz eine geistige Situation ins Bewußtsein gehoben, in der die Entzauberung durch die Wis- senschaften sich zur Selbstentzauberung der Wissenschaften radikalisiert hat. Es wäre ein leichtes Unterfangen zu zeigen, daß so gut wie alles, was als spezifisches Merkmal des Wissenschafts- und insbesondere des Theoriever- ständnisses Webers gilt, aus eben diesem Bewußtsein entspringt, das Weber im übrigen mit größter Klarheit in einer seiner letzten Schriften (Wissenschaft als Beruf) zum Audruck gebracht hat. Nicht wenigen Interpreten ist es höchst problematisch, wenn nicht widersinnig erschienen, daß der moderne okzidentale Individualismus nicht nur ein zentraler Beweggrund und Gegens- tand der Weberschen Analysen ist, sondern auch seine theoretischen und methodologische Perspektive prägt. Aber wenn hier ein tiefes Problem (viel- leicht sogar eine Paradoxie) liegt, so kann sich die Soziologie diesem Pro- blem doch nicht entziehen, solange sie nicht aufhört, so reflexiv und selbst- kritisch zu sein, wie es die schlichte intellektuelle Rechtschaffenheit von ihr fordert. Zugleich aber mag eben diese problematische Existenz der Haupt- grund jener erfrischenden und inspirierenden „ewigen Jugendlichkeit“ sein, von der Weber gesprochen hat. Es ist sehr üblich, die Schwierigkeiten der Soziologie, eine reife und ‚erwachsene‘ Wissenschaft zu werden, zu bekla- gen. Unter den gegebenen kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen erscheint es mir aber viel angemessener und produktiver, diese „ewige Ju- gendlichkeit“ nicht als Fluch, sondern viel eher als einen wahren Segen zu sehen und nach Kräften zu nutzen.

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Max Webers Unterscheidung von Zweckrationalität und Wer- trationalität – Gründe, Tragweite, Probleme

Die klassische ‚handlungstheoretische‘ Grundlegung der Soziologie ist nach einer in der scientific community sehr verbreiteten Vorstellung diejenige, die Max Weber vorgetragen hat. Man könnte dies schon deshalb überraschend finden, weil Weber bekanntlich nie von einer soziologischen ‚Handlungstheo- rie‘ gesprochen hat, sondern es vorzog, sein Unternehmen, bescheidener und zugleich auch mißverständlicher, als ‚verstehende Soziologie‘ zu kennzeich- nen. Daß es hier tatsächlich nicht bloß um eine terminologische Frage geht, zeigt sich an der großen Fülle der Mißverständnisse und überflüssigen Kon- troversen, die durch bestimmte Deutungen der verstehenden Soziologie als Handlungstheorie produziert worden sind. Die prominente Stellung und Rolle Webers in der handlungsbezogenen soziologischen Theorietradition bleibt aber auch bei einer genaueren Betrach- tung durchaus erstaunlich: Webers eigene explizite Analysen zum Hand- lungsbegriff beschränken sich auf die vergleichsweise knappen Überlegungen in dem Aufsatz ‚Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie‘ von 1913 und die noch mehr gestrafften bzw. ‚vereinfachten‘ (Max Weber) be- grifflichen Festlegungen und Explikationen, die ‚Wirtschaft und Gesellschaft‘ vorangestellt sind. Weber selbst hat weder eine hinreichend breite und diffe- renzierte Analyse seiner Handlungsbegriffe vorgelegt, noch hat er es unter- nommen zu zeigen, wie die durch diese Handlungsbegriffe bestimmte ‚Grundanschauung‘ das Ganze seines begriffliche-theoretischen wie empi- risch-historischen Werks trägt und durchdringt. Beide Aufgaben sind aber nun auch in der bisherigen Beschäftigung mit Webers Soziologie sehr vernachlässigt worden. Dies dürfte sich im wesentli- chen dadurch erklären, daß die große Mehrzahl der Interpreten sich entweder mit der ad hoc-Plausibilität der Weberschen Bemerkungen zufrieden gegeben oder aber den ‚Ansatz‘ beim Handeln wegen sehr grundsätzlicher (und oft von außen herangetragener) Einwände für fehlgeleitet und unfruchtbar er- klärt hat. So konnte es geschehen, daß sehr fundamentale Unklarheiten und Schwierigkeiten der grundbegrifflichen Überlegungen Webers bis heute we- der angemessen wahrgenommen noch bearbeitet worden sind. Erst in jüngs- ter Zeit ist diese wichtige Klärungsarbeit wieder aufgenommen und vorange- trieben worden, und zwar insbesondere am Leitfaden der Frage, welche Idee

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von Rationalität in Webers begriffliche Grundlegung der Soziologie gleich- sam ‚eingebaut‘ ist und wie sich von daher aus der Perspektive dieser Sozio- logie das Verständnis von Sozialität und Rationalität menschlichen Handelns bestimme. Diesen neueren interpretatorischen Bemühungen 28 sind wesentlich von der Vorstellung motiviert, daß Webers außerordentlich aktuelle Theorie der gesellschaftlichen Rationalisierung 29 ohne eine genaue Explikation der Rationalitäts- und Handlungsbegriffe Webers weder verstanden noch fort- entwickelt werden können. Die folgenden Bemerkungen gehören in diesen Zusammenhang. Sie er- örtern die Bedeutung, die Tragweite und die Schwierigkeiten einer sehr grundlegenden und auch sehr häufig zitierten begrifflichen Unterscheidung Webers, der Unterscheidung von Zweck- und Wertrationalität menschlichen Handelns. Es ist vor allem zu klären, 1. ob dies eine plausible, notwendige und (im Hinblick auf mögliche Typen rationalen Handelns) erschöpfende Disjunktion darstellt, 2. welcher Begriff von Rationalität dabei verwendet wird und schließlich 3. wie sich das Verhältnis von Rationalität und Sozialität menschlichen Handelns aus dieser Perspektive darstellt. Als Einstieg in die Überlegungen empfiehlt es sich wohl, Webers Be- merkung zum zweckrationalen Handlungstyp zu wählen. Ob die vorrangige Behandlung dieses Typs durch Weber selbst nur mit ‚methodischen Zweck- mäßigkeitsgründen‘ (nämlich: mit der relativen Klarheit des hier Genannten) zusammenhängt oder etwa in einem logischen oder sachlichen Primat (und tendenziell sogar: in einer Monopolstellung) dieser Rationalitätsform begrün- det liegt, ist später zu erörtern. Ein Handeln soll nach Weber ‚zweckrational‘ heißen in dem Maße, in dem es ‚durch Erwartungen des Verhaltens von Gegenständen der Außen- welt und von anderen Menschen und unter Benutzung dieser Erwartungen als „Bedingungen“ oder als „Mittel“ für rational, als Erfolg, erstrebte und abgewogene eigene Zwecke‘ bestimmt ist (WG, 12). Worin liegt die spezi- fische Rationalität eines derartigen Handelns? Offensichtlich darin, daß die Bedingungen der Realisierung eines angestrebten oder angezielten Hand- lungserfolges (a) in möglichst umfassender Weise zur Kenntnis genommen und (b) soweit möglich in der von der Sache gebotenen Weise als Mittel des Handelns benutzt werden. Ein Handeln ist um so (zweck-)rationaler, je um- fassender und genauer es die jeweils gegebenen Bedingungen der Verwirk-

28 Vgl. z.B. Prewo 1979, Kalberg 1980, Weiß 1981.

29 Vgl. dazu z.B. Mommsen 1974, Schluchter 1979, Seyfarth/Sprodel 1981, Habermas

1981.

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lichung eines bestimmten antizipierten Zwecks – kognitiv und praktisch – berücksichtigt und je vollständiger (sowie eventuell: je schneller) es diesen Zweck tatsächlich erreicht. Es ist leicht einsehbar, daß sich der Prozeß des ‚Abwägens‘ (WG, 13) nicht nur auf das Verhältnis von angestrebtem Erfolg und gegebenen Bedingungen/Mitteln, sondern auch auf eventuelle unbeab- sichtigte und unter Umständen dem gewollten Zweck völlig zuwiderlaufende ‚Nebenfolgen‘ beziehen muß. Demgegenüber scheint die Grenze bloßer ‚Zweckrationalität‘ überschritten zu werden, wo es um ein rationales Abwä- gen ‚verschiedener möglicher Zwecke gegeneinander‘ (a.a.O.) geht. Nach Weber ist dies jedoch solange nicht der Fall, wie der Handelnde die konkur- rierenden Zwecke ‚einfach als gegebene subjektive Bedürfnissregungen in eine Skala ihrer von ihm bewußt abgewogenen Dringlichkeit‘ bringt und da- nach sein Handeln so orientiert, ‚daß sie in dieser Reihenfolge nach Möglich- keit befriedigt werden (Prinzip des „Grenznutzens“)‘ (a.a.O.). Der rationale Charakter der Zweckrationalität bezieht sich also nach Weber nicht, wie sehr oft behauptet, allein auf die kritische Prüfung von und den sachgemäßen Umgang mit Bedingungen und Mitteln. Auch hier gibt es vielmehr bereits ein mehr oder minder rationales Verhältnis zu den Zwecken als solchen. Rationalität ist auch hier nicht bloß ‚instrumentelle‘ Rationalität. Weder ‚irrational‘ noch (bereits) ‚wertrational‘ ist ein Verhältnis zu Hand- lungszwecken nach Weber dann, wenn diese Zwecke vom Handelnden aus- schließlich als Korrelate subjektiver Bedürfnisse erfahren, als solche in ihrem relativen subjektiven Gewicht geklärt und dementsprechend im Handlungs- vollzug berücksichtigt werden. Rational ist das Verhältnis zu Zwecken hier, sofern es sich als ein sachliches (d.h. vor allem: trieb- oder affektentlastetes) Aufklären, Abwägen und Beachten bestimmter Tatbestände vollzieht; es ge- hört in den Bereich der bloßen Zweckrationalität, weil und sofern diese Tat- bestände als gegebene, ‚empirische‘ Fakten hingenommen werden, und so- lange die Entscheidung zwischen ihnen ausschließlich von ihrer jeweiligen faktischen ‚Dringlichkeit‘ bestimmt wird. Auch in diesem Falle wird also nicht der Zweck (oder allgemeiner: der Sinnbezug) des Handelns als solcher, sondern eine bestimmte Form des – kognitiven und praktischen – Umgangs mit ihm als ‚rational‘ qualifiziert. Insofern ist der Terminus ‚zweckrational‘ tatsächlich außerordentlich irreführend. Nicht daß der Handelnde einen be- stimmten Zweck, womöglich in klarer Bewußtheit, ‚hat‘ oder intendiert, macht die zweckrationale Qualität dieses Handelns aus, sondern, daß es sich den Bedingungen, Mitteln und Nebeneffekten sowie dem Zweck selbst ge- genüber in einer distanziert – abwägenden Weise verhält. Dies tut es aller-

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dings, und hier liegt wohl der Grund für Webers terminologische Festlegung, weil es einen Zweck, d.h. einen bestimmten Zielzustand in einer Welt von Gegebenheiten (gleichgültig, ob es sich um eine innere oder äußere, natür- liche oder gesellschaftliche, diesseitige oder jenseitige Welt handelt) nicht nur überhaupt, sondern möglichst gut, mit möglichst geringen Kosten und auch möglichst schnell realisieren will. Weil er einen bestimmten Erfolg des Han- delns in dieser oder jener Welt anzielt, muß der Handelnde ein möglichst genaues und umfassendes Bild der Gegebenheiten haben oder erwerben. Er handelt in dem Maße subjektiv rational, in dem er überzeugt ist, zutreffende Vorstellungen über die Gegebenheiten zu besitzen, unter deren Herrschaft und mit deren Hilfe er jenen Erfolg zu realisieren sucht. Es ist gerade die Zweck- und Erfolgsorientierung des Handelns, die eine spezifische ‚Sach- lichkeit‘ des kognitiven und eine spezifische ‚Sachgemäßheit‘ des eingreifen- den Verhaltens verlangt. Tatsächlich liegt in eben dieser Sachlichkeit und Sachgemäßheit die eigentümliche Rationalität eines zweckbezogenen Han- delns. Zwar vollzieht sich zweckrationales Handeln nicht ‚um der Sache wil- len‘ (dies ist gerade ein Charakteristikum wertrationalen Handelns), sondern eben im Dienst und unter den immer restriktiven Bedingungen menschlicher Zwecksetzungen. Es ist aber nicht zuletzt wegen der üblichen kulturkriti- schen Attitüde gegenüber der Zweckrationalität (und auch gegenüber der vermeintlich auf diesen Typ von Rationalität fixierten Weberschen So- ziologie) nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, daß das zweck- oder erfolgs- orientierte Handeln Rationalität in diesem Sinne von ‚Sachlichkeit‘ bean- sprucht und befördert. Nur weil jene Kulturkritik dies regelmäßig verkennt, kann sie sich gegen die im zweckrationalen Handeln wirksame Form von Rationalität richten, statt sich der sehr viel schwierigeren Aufgabe zu wid- men, die herrschenden Zwecke einer inhaltlichen Prüfung zu unterziehen. Die methodologische Sonderstellung, die Weber dem zweckrationalen Hand- lungstyp zuschreibt, hängt mit den bisher genannten Merkmalen der dabei wirksamen Rationalitätsform zusammen. Weil es hier um die möglichst adä- quate Erfassung von und den möglichst sachgerechten Umgang mit Tatbe- ständen oder Gegebenheiten geht (und zwar nach Maßgabe ihrer sachlichen, d.h. kausalen oder logischen Beziehung zu einem zu realisierenden Zielzu- stand), ist es grundsätzlich möglich, der subjektiven Zweckrationalität kon- kreter Akteure die gedankliche Konstruktion einer Handlungsorientierung gegenüber zu stellen, bei der von den kognitiven und technischen Beschrän- kungen dieser Akteure abstrahiert wird. Weber bezeichnet diese Konstrukti- on als Typus der ‚objektiven Richtigkeitsrationalität‘ (WL, 432 ff.). Auch

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dieser Terminus ist insofern irreführend, als er die Vorstellung nahelegt, es gebe zu dem faktisch vorkommenden subjektiv zweckrationalen Handeln jeweils eine richtige, nämlich vollkommen rationale, alle Bedingungen und Chancen des Handelns erschöpfend erfassende und optimal nutzende Hand- lungsorientierung. Die eigentliche Bedeutung der Weberschen Vorstellung einer ‚objektiven Richtigkeitsrationalität‘ scheint mir demgegenüber darin zu liegen, daß sie als regulative Idee sowohl auf Seiten der Akteure selbst wie des (wissenschaftlichen) Beobachters fungieren muß. Weil ‚Rationalität‘ im Falle zweckrationalen Handelns Sachlichkeit und Sachgemäßheit bedeutet, impliziert jede ‚subjektive‘ Zweckrationalität mit Notwendigkeit den Glauben an eine möglichst objektive und richtige Erfassung und Nutzung der jeweils relevanten Tatbestände. Eine solche Tendenz ist charakteristisch für subjektiv zweckrationales Verhalten und sie hat durchaus ein Fundament in der Sache – in den handlungsrelevanten Sachverhalten nämlich, die eben sehr verschie- dene Grade der Erfassung und Bewältigung zulassen. Insofern ist es ‚von der Sache her‘ möglich, ein offensichtlich zweckrational gemeintes Handeln dar- auf zu untersuchen, wieweit es auf einer angemessenen Wahrnehmung, Ein- schätzung und Handhabung der handlungswichtigen Tatbestände beruht. Dies genau ist die methodische Funktion des Idealtyps der ‚objektiven Richtigkeitsrationalität‘. Über die bisher genannten Gründe hinaus (und viel- leicht sogar ohne deren Berücksichtigung) wird er im lebensweltlichen wie im sozialwissenschaftlichen Kontext deswegen zur Interpretation menschli- chen Verhaltens herangezogen, weil er für den Beobachter ein Optimum an Verständlichkeit des beobachteten Handelns bedeutet. Der Begriff der ‚Ver- ständlichkeit‘ dient bei Weber zur allgemeinsten Charakterisierung von ‘Ra- tionalität’ aus dem Blickwinkel des lebensweltlichen oder wissenschaftlichen Beobachters, aber auch aus dem Blickwinkel des sein eigenes Handeln ‚beo- bachtenden‘ Akteurs. Den verschiedenen Grade oder Stufen der ‚Rationali- tät‘ auf Seiten des Handlungsvollzuges korrespondieren Grade und Stufen der ‚Verständlichkeit‘. ‚Verstehen‘ ist die Art und Weise, wie sinnhafte Be- stimmungsgründe menschlichen Handelns wahrgenommen werden. Das Ver- stehen, und zwar auch das Selbst-Verstehen, kann seiner Sache um so siche- rer sein, je mehr der zu verstehende Sinnbezug in einer objektiven Orientie- rung an vorgebenen Sachverhalten besteht, also in dem umrissenen Sinne (zweck-)rational ist. In demselben Maße nämlich, so bemerkt Weber (WL, 432), verlieren ‚psychologische Erwägungen‘, also Erwägungen über spezifi- sche, insbesondere emotionale ‚Innenzustände‘ des Akteurs, an Bedeutung, und es geht nur noch um denjenigen Ausschnitt seiner Erwartungen, der sich

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auf das ‚Verhalten der Objekte‘ bezieht. Während bei der Annahme subjekti- ver Zweckrationalität immerhin noch die faktischen Erwartungen dieser Art auf Seiten des Akteurs erfaßt werden müssen, stützt sich die Konstruktion eines objektiv richtigkeitsrationalen Handelns ausschließlich auf die dem Be- obachter verfügbaren ‚gültigen Erfahrungen‘ (a.a.O.) vom ‚Verhalten der Objekte‘. Die Unterstellung objektiver Richtigkeitsrationalität ermöglicht also genau deswegen ein Höchstmaß an Verstehen, weil mit ihr jeder Rest von ‚Einfühlung‘ in ‚Fremdpsychisches‘ zugunsten des Rückganges auf eine gemeinsame (intersubjektive) Welt von Sachverhalten entfällt. In diese Sicht der Dinge drückt sich nun eine sehr grundsätzliche An- nahme Webers bezüglich der Voraussetzungen des Verstehens aus: Ein ver- läßliches Verfahren der Wirklichkeitserfassung kann danach das Verstehen nur sein, sofern es sich nicht auf seelische Zustände und Vollzüge als solche, sondern auf die darin intendierten ‚Sachen‘ oder ‚Sinngehalts‘ bezieht. Dies gilt, wie gesagt, ganz prinzipiell und erklärt die für Webers Auffassungen so charakteristische Korrespondenz von Verständlichkeit und Handlungs-Ratio- nalität. Die methodische Sonderstellung der Handlungstypisierung unter dem Gesichtspunkt der Zweckrationalität im allgemeinen und der objektiven Rich- tigkeitsrationalität im besonderen hat ihren Grund darin, daß sich das Verste- hen dabei auf Sachverhalte beschränken kann, die durch eine spezifische in- tersubjektive Zugänglichkeit ausgezeichnet sind. Dennoch gibt es nun aber keine eindimensionale Abstufung von Typen der Handlungsrationalität (bzw., von der anderen Seite betrachtet, von Typen der Verständlichkeit) derart, daß der Grad an ‚Zweckrationalität‘ als einziges Abstufungskriterium fungierte. Eine solche Vorstellung wird allerdings durch eine Reihe von Bemerkungen Webers nahegelegt. So gibt er im Kategorien- aufsatz (WL, 435) eine (6-fache) Abstufung von typischen Handlungsorien- tierungen, die das Prädikat ‚rational‘ nur im Sinne von ‚zweckrational‘ ver- wendet; zwischen die verschiedenen Grade der Rationalität in diesem Sinne und die völlige Irrationalität ist hier ein ‚Übergangsfeld‘ von sinnhaft moti- viertem (und ergo ‚sinnhaft verständlichem‘) Handeln eingeschoben. Auch hatte Weber an noch früherer Stelle (im Objektivitäts-Aufsatz von 1904; WL, 149) bemerkt, daß eine Analyse menschlichen Handelns zunächst immer an das Zweck-Mittel-Schema der Interpretation gebunden sei. Es ist daher nicht erstaunlich, daß sehr viele Interpreten Webers dessen Hinweis, die Vorliebe für eine zweckrationale Typisierung menschlichen Handelns habe ausschließ- lich ‚methodische Zweckmäßigkeitsgründe' (WG, 3) nicht ernstnehmen, son- dern feststellen, daß Webers Soziologie, sofern sie mit einer Ra-

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tionalitätsunterstellung operiere, menschliches Verhalten ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der relativen Zweckrationalität thematisiere (und damit sehr weite Bereiche sozio-kultureller Handlungsdetermination als ‚irrational‘ qualifiziere). Dieser sehr verbreiteten Interpretation steht nun vor allem entgegen, daß Weber in der bekannten Handlungstypologie von ‚Wirtschaft und Gesell- schaft‘ zwei Typen rationaler Handlungsorientierung und Handlungs- steuerung, den der Zweckrationalität und den der Wertrationalität, klar von- einander (und als rationale von den beiden übrigen Typen) unterscheidet. Es ist also zu klären, worin der Unterschied zwischen diesen beiden Typen besteht, aber ebenso, worin sie, als rationale Typen, übereinkommen. Die Differenz wird von Weber bereits im Kategorienaufsatz (WL, 442) mit dem Begriffspaar ‚erwartungsorientiert‘ versus ‚wertorientiert‘ ge- kennzeichnet. Im ersten, zweckrationalen, Falle orientiert sich der Handelnde an ‚Erwartungen‘ über das ‚Verhalten der Objekte‘ bzw. über die durch diese Objekte beeinflußten Erfolgschancen dieser oder jener Handlung; im zweiten Falle orientiert sich der sinnhaft Handelnde ‚lediglich an dem subjektiv ge- glaubten „Wert“ seines Sinngehalts als solchen‘ (a.a.O.). In ‚Wirtschaft und Gesellschaft‘ heißt es ganz entsprechend, daß ein wertrational orientiertes Handeln sich ‚durch bewußten Glauben an den – ethischen. ästhetischen, religiösen oder wie immer sonst zu deutenden – unbedingten Eigenwert eines bestimmten Sichverhaltens rein als solchen, unabhängig vom Erfolg‘ (WG, 12) bestimmen lasse. Weber sieht also die Differenz zwischen zweckrationa- ler und wertrationaler Handlungsorientierung offenbar in folgendem; Beim zweckrationalen Handeln beziehen sich die handlungsleitenden ‚Sinngehalte‘ auf Objekte, deren ‚Verhalten‘ das Handeln in seinen Möglichkeiten und Er- folgschancen bedingt. ‚Rationalität‘ des Handelns äußert sich hier darin, die- se Objekte möglichst adäquat zu erfassen, ins Kalkül zu ziehen und, soweit möglich und geboten, zu nutzen. Demgegenüber ist es im Falle der wertratio- nalen Orientierung der jeweilige Sinngehalt, der als solcher, nicht als Reprä- sentation von Handlungsbedingungen, das Handeln bestimmt. ‚Rationalität‘ äußert sich hier darin, daß der Sinngehalt in seiner Bedeutung erfaßt und im Handlungsvollzug ‘befolgt’ wird, und zwar – idealtypisch – ohne jede Rück- sicht auf die faktischen Bedingungen (und auch Folgen) dieses sinn-gemäßen Handelns. Daher muß, wie Weber bemerkt (WG, 13), ein rein wertrationales Verhalten vom Standpunkt der Zweckrationalität aus betrachtet völlig ‚irra- tional‘ erscheinen.

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Dies führt auf die Frage, ob eine solche Einschätzung nicht auch un- abhängig von diesem Standpunkt gelten muß, ob also die Rede von Wertra- tionalität in irgend einem Sinne überzeugend erscheint. Entsprechende Zwei- fel dürften sehr dadurch bestärkt werden, daß Weber die Vollzugsform der wertrationalen Orientierung mit Begriffen wie ‚Glaube‘ (WG, 17,19), ‚Hin- gabe‘ (WG, 15,17) und ‚Überzeugung‘ (WG, 12) kennzeichnet, und daß der Terminus ‚Hingabe‘ von ihm auch im Falle der affektuellen Form der Hand- lungsbestimmung verwandt wird (WG, 17, 27). Ganz sicher ist angesichts der zitierten Bemerkung zunächst dies: Weber sieht den rationalen Gehalt der Wertrationalität keineswegs darin, daß dieses in irgendeinem Sinne doch an der Zweckrationalität Anteil hätte. Die umfassende Bedeutung von ‚Rationa- lität‘ muß sich also, sofern es sie gibt, unabhängig von den speziellen Merk- malen dieses Rationalitätstyps definieren lassen. An dieser Stelle ist nun auf den früheren Hinweis zurückzugreifen, daß bei Weber ‚Rationalität‘ und ‚Verständlichkeit‘ offensichtlich als korrelative Konzepte verstanden werden. ‚Rational‘ ist ein Handeln danach in dem Ma- ße, indem es ‚verstanden‘ werden kann, und umgekehrt gilt, daß ein Handeln in seinen Bestimmungsgründen um so besser verstanden werden kann, je ‚rationaler‘ diese sind. Eine Erläuterung dieser Formulierung (die ja dem alltäglichen Sprachgebrauch gut entsprechen) führt zu der gesuchten allge- meinen und fundamentalen Bedeutung des Weberschen Rationalitätsbegriffs. Zwischen den Begriffsprägungen ‚zweckrational‘ und ‚wertrational‘ besteht eine offenkundige Asymmetrie: im ersten Falle heißt nicht der Zweck selbst und auch nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, das Verhältnis des Han- delnden zum Zweck rational, sondern das Verhältnis des Handelnden zu den Bedingungen und Mitteln des Zweckhandelns. Im zweiten Falle dagegen bezieht sich das Prädikat ‚rational‘ tatsächlich auf den ‚Wert‘ als solchen bzw. auf das Verhältnis des Akteurs zu diesem Wert. Der handlungsbestim- mende Wert ist rational, sofern er sich in seiner Bedeutung (seinem ‚Sinnge- halt‘) durch eine spezifische Klarheit und Eindeutigkeit auszeichnet; der Ak- teur verhält sich ‚rational‘, sofern er diese Bedeutung angemessen und ‚be- wußt‘ erfaßt und sein Handeln in größtmöglicher ‚Sinnadäquanz‘, d.h. als konsequente Verkörperung, Darstellung oder Realisierung des Werts voll- zieht. Die Charakterisierung diese Verhältnisses als ‚Glaube‘, ‚Über Zeu- gung‘ oder ‚Hingabe‘ bezeichnet die subjektive Anerkennung des Unbe- dingtheitsanspruchs eines Werts (d.h. eines normativen Sinngehalts); sie ist mit seiner Qualifizierung als ‚rational‘ vereinbar, wenn und sofern das Korre- lat dieses ‚Glaubens‘ etc. clare et distincte verstehbar und verstanden ist.

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Auch im Falle der Wertrationalität ist Rationalität eine Frage des Gra- des; daher kann Weber auch von Prozessen der ‚Wertrationalisierung‘ (WG, 12) sprechen. Der Unterschied zur Zweckrationalität liegt in dieser Hinsicht darin, daß es – nach Weber – offenbar nicht möglich ist, einen ‚objektiven Richtigkeitstypus‘ wertrationalen Handelns zu konstruieren. Der Grund dürf- te darin liegen, daß es hier kein ‚objektives‘ Referenzsystem von ‚Sachver- halten‘ gibt, auf das sich die subjektiv wertrationalen Orientierungen bezie- hen und an dem man sie ‚messen‘ könnte. Man kann diesen Tatbestand als Indiz dafür nehmen, daß die rationale Qualität wertrationalen Handelns grundsätzlich (also keineswegs in jedem einzelnen Falle) geringer ist als die zweckrationalen Handelns (und dies dürf- te tatsächlich Webers Auffassung sein). Der bei einem solchen Vergleich anzulegende Maßstab, d.h. der umfassende Begriff von Rationalität, hängt sehr eng mit dem Kriterium der ‚Verständlichkeit‘ zusammen. Eine zweckra- tionale Handlungsorientierung ist in spezifischer Weise verständlicher als eine wertrationale und – a fortiori – als eine affektuelle oder traditionale. Den letzten drei Typen der Handlungsorientierung ist gemeinsam, daß sie einen unmittelbar normativen (d.h. das Handeln bindenden) Charakter haben. Vom affektuellen und traditionalen Handeln unterscheidet sich das wertrationale jedoch insofern, als der Handelnde sich nicht nur an bestimmte ‚Sinngehalte‘ gebunden, sondern zugleich, und zwar womöglich auf einem höchst an- spruchsvollen Niveau, intellektuell ‚angesprochen‘ und sogar ‚genötigt‘ er- fährt. Es ist aber genau diese ‚kognitive‘ Seite der wertrationalen Orientie- rung, die dieser einen qualitativ höheren Grad an Verständlichkeit als den beiden letzten Arten der Handlungsbestimmung verleiht (und zugleich er- klärt, warum sie noch dem Bereich des rationalen Handelns zugerechnet wird). Auf der anderen Seite bereitet wertrationales Handeln dem Verständ- nis (durch andere Akteure) spezifisch mehr Schwierigkeiten als zweckra- tionales, weil 1. (wie bemerkt) die es bestimmenden Sinngehalte keine Refe- renz in einer Welt von ‚objektiven‘ Sachverhalten besitzen und 2. die konsti- tutive ‚Unbedingtheit‘ (oder absolute Verbindlichkeit) ihrer Geltung sich einer bloß intellektuellen Erfassung entzieht. Die Verständlichkeit eines Handelns für andere ist deshalb ein Maß seiner ‚Rationalität‘, weil diese Rationalität auch auf der ‚Objektseite‘ (als Kennzeichnung der Orientierung des Akteurs) als Verständlichkeit zu cha- rakterisieren ist. ‚Rational‘ (im weiteren Sinne) nennen wir nämlich ein Ver- halten in dem Maße, in dem es nicht nur durch sinnhafte Bestimmungsgründe motiviert ist, sondern der Handelnde selbst ein durchsichtiges und klares

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Verständnis dieser Bestimmungsgründe besitzt und sich von diesem Ver- ständnis in seinem Handeln leiten läßt. Ein solches Verständnis der hand- lungsleitenden Sinngehalte auf Seiten des Akteurs ist nun für zweck- und wertrationales Handeln, in je verschiedener Weise, konstitutiv, während es bei einer affektuellen oder traditionalen Orientierung typischerweise fehlt. Setzt bei diesen Arten der Handlungsbestimmung ein Prozeß der (bewußten) ‚Selbstverständigung‘ des Akteur ein, so vollzieht sich entweder ein ‚Mo- duswechsel‘ zu einer zweck- oder wertrationalen Orientierung hin (darauf geht Weber in den Erläuterungen zu seiner Typologie in WG kurz ein), oder aber es verliert in demselben Maße an unmittelbar bindender Kraft. Weber verwendet allerdings das Kriterium der ‚Verständlichkeit‘ auch im Falle des affektuellen und traditionalen Handelns, um eine (noch) ‚sinnhaf- te‘ von einer sinn-freien Handlungsbestimmung zu unterscheiden. Es gibt danach einen weiten Bereich menschlichen Handelns, der sinnhaft bestimmt und insofern auch ‚verständlich‘, aber nicht ‚rational‘ ist. Dieser begrifflichen Festlegung entspricht es, daß Weber auch in seinem materialen Werk die Be- griffe ‚affektuell‘ und ‚traditional‘ als Gegenbegriffe zu ‚rational‘ verwendet. Weber identifiziert Rationalität hier also nicht mit sinnhafter Verständlichkeit überhaupt, sondern mit zwei spezifisch ausgeprägten und ‚starken‘ Formen der Verständlichkeit. Man kann fragen, ob dieser Begriffsgebrauch in jeder Hinsicht über- zeugt. Eine Erörterung dieser Frage ist deshalb besonders geboten, weil sie mit Notwendigkeit auf den Zusammenhang von Rationalität, Sozialität und Kausalität hinführt. In der frühen wissenschaftstheoretischen Arbeit ‚Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie – II.Knies und das Irrationalitätsproblem‘ (1906) hatte Weber bemerkt: ‚Individuelles Handeln ist, seiner sinnvollen Deutbarkeit wegen, soweit diese reicht, prinzi- piell spezifisch weniger „irrational“ als der individuelle Naturvorgang‘ (WL, 67). Aus diesem Grunde sei es angebracht, von einer ‚qualitativen Rationali- tät‘ (WL, 68) des sinnhaften bzw. sinnhaft deutbaren Handelns zu sprechen. In dieser frühen Phase seiner wissenschaftstheoretischen Reflexion neigt We- ber also dazu, die sinnhafte Verständlichkeit überhaupt mit Rationalität (in einem sehr weiten Sinne) zu identifizieren. Offensichtlich erschien ihm eine solche Gleichsetzung in dem Maße nicht mehr angebracht, in dem er er- kannte, daß ‚Sinnhaftigkeit‘ und ‚Verständlichkeit‘ menschlichen Handelns weit über die Grenzen der Zweck-Mittel-Rationalität hinausreichen. Den- noch, und obwohl die in ‚Wirtschaft und Gesellschaft‘ vollzogene begriffliche

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Grenzziehung nicht ohne Plausibilität ist, wäre es nicht widersinnig, auch auf dem hier erreichten Niveau der Differenzierung den Begriffen der Sinnhaftig- keit und Verständlichkeit einen ganz elementaren Begriff der Rationalität zuzuordnen. Auch für affektuell oder traditional orientiertes und bestimmtes Handeln, soweit dies überhaupt noch ‚sinnhaft verständlich‘ ist, gilt, daß es einer eigenen ‚ratio‘ folgt und auf diese hin interpretiert werden kann. So ist insbesondere die Rede von einer ‚Grammatik der Gefühle‘ oder einer ‚logi- que du cœur‘ (Pascal) ja keineswegs bloß metaphorisch gemeint; sie bezieht sich vielmehr auf den Tatbestand, daß es auch auf dieser vermeintlich ganz ‚irrationalen‘ Ebene der Handlungsbestimmung spezifische Formen der sinn- haften Ordnung (nach Kategorien, Werten und Regeln), verschiedene Grade der ‚Durchsichtigkeit‘ und damit auch der Selbst- und Fremdverständigung gibt.

Zwar nur gelegentlich, aber zweifellos terminologisch verwendet We- ber zur näheren Kennzeichnung der Sinnhaftigkeit menschlicher Handlungs- orientierung den Begriff der ‚Kommunikabilität‘ (WL, 120, 123; WG, 2; zum Näheren vgl. Weiß 1981, insbes. 47 ff). Wird aber Sinnhaftigkeit als Ver- ständlichkeit und diese wiederum als intersubjektive Kommunikabilität be- stimmt, so scheint mir genau jener elementare Begriff von Rationalität im Spiel zu sein. Ganz unabhängig von Webers Überlegungen nämlich dürfte ein breiter Konsens darüber bestehen, daß die Grenzen der Rationalität, was immer man im einzelnen darunter verstehen mag, da liegen, wo eine adäquate inter-subjektive Verständigung prinzipiell ausgeschlossen ist. Dies kann man daran erkennen, daß dort, wo ein besonders enger und strenger Begriff von Rationalität vertreten wird, die entscheidende formale Begründung lautet, jenseits der so definierten Grenzen sei eine sachgemäße und verläßliche inter- subjektive Verständigung nicht mehr möglich. Wenn aber die Idee der Ratio- nalität in den engsten Zusammenhang zu sinnhafter Verständlichkeit im Sinne von (adäquater) ‚Kommunikabilität‘ gesetzt wird, so wird Rationalität offen- bar auf einer sehr grundlegenden Ebene als ein gesellschaftlicher Tatbestand verstanden. Auf Webers Grundlegung der Soziologie bezogen bedeutet das:

Das Interesse an der spezifisch sozialen Bestimmtheit menschlichen Verhal- tens wird durch das offensichtliche Interesse an den Möglichkeiten rationa- len Handelns nicht bloß ergänzt oder gar (wie viele Interpreten meinen) kon- terkariert. Vielmehr kommt die Problematik der Rationalität in einem Zuge mit der Klärung der Sozialität in den Blick. Die hier gemeinte Schicht der Gesellschaftlichkeit liegt allerdings tiefer als diejenige, auf die sich Webers bekannte Definition vom sozialen Handeln (als Handeln, ‚welches seinem

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von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten ande- rer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist‘) bezieht. Weber bemerkt bei der Einführung seiner Handlungstypologie (WG, 12), daß diese ‚auch‘ für soziales Handeln (im Sinne dieser Definition) gelte. Tatsächlich aber ist eine Typologie, die auf Arten und Stufen ‚sinnhafter Ver- ständlichkeit‘ oder ‚Kommunikabilität‘ menschlichen Handelns abstellt, an einer fundamentalen Idee von Rationalität und Sozialität zugleich orientiert. Menschliches Handeln ist nicht erst dann sozialen Charakters, wenn es sich von (konkretem) ‚Verhalten anderer‘ bestimmen läßt, sondern bereits dann, wenn seine Bestimmungsgründe als ‚kommunikabel‘, d.h.: der inter- subjektiven Mitteilung und Verständigung prinzipiell fähig, wahrgenommen oder gedeutet werden. Für diese sehr fundamentale Schicht der Sozialität menschlichen Han- delns gilt, daß ein Zuwachs an Sozialität mit einem Zuwachs an Rationalität einhergeht und vice versa. Dies ist per definitionem so, weil der jeweilige Rationalitätsgrad sich am Grad der intersubjektiven Verständlichkeit oder Kommunikabilität bemißt. Im Rahmen solcher Überlegungen muß dem zweckrationalen Handeln ein Höchstmaß an Sozialität (bzw. an ‚Soziabili- tät‘) zugesprochen werden. Die das zweckrationale Handeln bestimmenden Sinngehalte sind, wie dargelegt, in ganz spezifischer Weise kommunikabel, weil ihre Produktion und Anwendung mit Notwendigkeit von der Vorstel- lung einer objektiv (und das heißt sehr wesentlich: intersubjektiv) gegebenen und erfahrbaren Welt von Sachverhalten bestimmt ist. Dem Bezug zweckrationaler Handlungsorientierung auf eine Wirklich- keit, die – prinzipiell – für jedermann gilt und zugänglich ist, korrespondiert beim wertrationalen Handeln der Bezug auf eine Wirklichkeit, die für jeder- mann gelten soll. Die Erfahrung einer absoluten Geltung von Wertideen imp- liziert unmittelbar die Vorstellung, daß sich niemand deren Geltungsanspruch entziehen dürfe. Aus dieser Perspektive betrachtet sind die beiden übrigen, im engeren Sinne nicht-rationalen Arten der Handlungsorientierung insofern zugleich auch weniger sozial, als die leitenden Sinngehalte (a) im Falle des traditiona- len Handelns entweder überhaupt keinen expliziten Geltungsanspruch oder jedenfalls keinen universalisierbaren Geltungsanspruch (und zwar auch nicht ‚tendenziell‘) enthalten und (b) im Falle des affektuellen Handelns von einem konstitutiven Streben nach Mitteilung und Verständigung und von einer e- benso konstitutiven Erfahrung einer inkommunikablen Privatheit zugleich geprägt sind.

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Diese sehr vorläufigen Bemerkungen können an dieser Stelle nicht wei- ter ausgeführt werden. Um sie etwas weniger mißverständlich zu machen, sind aber noch die folgenden Hinweise nötig. Auf der Ebene, auf der Weber den Begriff ‚sozial‘ explizit einführt, stellt sich das Verhältnis von Sozialität und Rationalität sehr viel komplexer und vieldeutiger dar. Sofern mit der – sehr offenen – Formulierung ‚auf das Verhalten anderer bezogen und daran in seinem Ablauf orientiert‘ eine eigenständige, durch die Sinnhaftigkeit als solche noch nicht gegebene Handlungsbestimmung gemeint ist, dürfte gelten, daß hier sogar ein inverses Verhältnis von Sozialität und Rationalität besteht – in dem Maße nämlich, in dem nicht der ‚subjektiv gemeinte Sinn‘ von sich her auf das ‚Verhalten anderer‘ verweist, sondern das tatsächliche oder er- wartete Verhalten anderer seinerseits das Verhältnis des Akteurs zum hand- lungsleitenden Sinn bestimmt und steuert, treten Sozialität und Rationalität auseinander und in Widerstreit zueinander. Die höchsten Grade der Wirk- samkeit entfaltet eine so verstandene Sozialität, wo die Orientierung an ‚kommunikablen‘ Sinngehalten weitgehend zurückgedrängt und durch den Eindruck der Übermacht bzw. der überlegenen Sanktionsgewalt anderer vollkommen ersetzt ist. Angesichts der spezifischen Labilität affektueller und traditionaler Sinnorientierungen ist zu erwarten, daß eine derartige Sinnent- leerung der sozialen Handlungsdetermination vor allem auf diesen beiden Ebenen ansetzt und stattfindet. Demgegenüber wird der tatsächliche Zerfall der jeweiligen Sinngehalte auf der Ebene des zweckrationalen und des wert- rationalen Handelns regelmäßig durch Rationalisierung oder – im gesamtge- sellschaftlichen Maßstab – durch Ideologien aufgefangen und überdeckt. Dies geschieht offenbar deshalb, weil und sofern es hier um Handlungszu- sammenhänge geht, die ohne die Fiktion der Rationalität, d.h. ohne eine spe- zifische sinnhafte Verständlichkeit und Verbindlichkeit nicht existieren kön- nen.

Es scheint mir ein besonderer Vorzug der Weberschen Grundlegung der Soziologe zu sein, daß sie ein so breites Spektrum der Möglichkeiten sozialer Handlungsbestimmungen in den Blick nimmt. Indem sie bei einer Definition des Handelns durch Sinnhaftigkeit ansetzt, bewegt sie sich bereits auf der elementarsten Ebene von Sozialität als Kommunikabilität. Weil dies so ist, ergeben die verschiedenen Typen des Handelns ebensoviele typische Entwicklungsmöglichkeiten für soziales Handeln in dem engeren, auf das Handeln anderer tatsächlich und explizit bezogenen Sinne. Last but not least wird von dieser Grundanschauung her sichtbar, daß es sowohl spezifisch ausgeprägte und wirksame Formen des Zusammenspiels von sozialen und

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rationalen Bestimmungsgründen menschlichen Handelns gibt, als auch die Möglichkeit einer sehr weitgehenden Dissoziierung von Sozialität und Ratio- nalität. Zum Abschluß meiner Bemerkungen sei noch auf einen wichtigen, bis- her aber nicht ausdrücklich thematisierten Aspekt hingewiesen: Webers Defi- nitionen des Handelns, des sozialen Handelns und der verschiedenen Typen von beidem beziehen sich durchgehend auf bestimmte Ebenen und Arten der Determination bzw. der Erklärung menschlichen Verhaltens. Dies bedeutet, daß Weber auch in der (möglichen) Rationalität menschlichen Handelns nicht eine Grenze, sondern ganz im Gegenteil besondere Chancen einer kausalen Erklärung sieht. Besonders eingehend hat er sich mit dieser Problematik in der schon zitierten frühen Auseinandersetzung mit Roscher und Knies be- schäftigt. Dort stellt er fest, daß gerade zweckrationales Handeln die besten Voraussetzungen für eine kausale Erklärung erhalte. Eine Kausalerklärung ‚im vollen, sozusagen „urwüchsigen“ Sinne‘ (WL, 134) beruhe nämlich auf zwei Grundannahmen: der Annahme der Regelhaftigkeit und der Annahme eines ‚Bewirkens‘. Die Begriffe ‚wirkend‘ und ‚bewirkt‘ seien überhaupt nur in den Wissenschaften vom sinnhaften menschlichen Handeln angemessen zu verwenden, und daher gebe es (jedenfalls, soweit man hier zugleich auf gene- relle Erklärungen abstelle) gerade nur in diesem Wissenschaftsbereich Kau- salerklärungen im Vollsinne. Beim zweckrationalen Handeln aber sei sowohl die Regelhaftigkeit als auch das Bewirken in einer spezifisch ausgeprägten und durchsichtigen Weise gegeben. Aus einer Entfaltung und Prüfung dieser Überlegungen Webers ließen sich, so scheint mir, immer noch ergiebige und entschiedene Argumente zur gegenwärtigen reasons and causes-Diskussion gewinnen.

76

„Überlegungen zur Irreversibilität des okzidentalen Rationa- lisierungsprozesses und zum vermeintlichen Fatalismus Max Webers

1.

Ein bekannter Einwand gegen Webers Analysen zum okzidentalen Ratio- nalisierungsprozeß lautet, daß diese Analysen es zwar erlaubten, die nega- tiven Aspekte und Folgen dieses Prozesses – insbesondere im Hinblick auf die Chancen der Entfaltung von Freiheit und Persönlichkeit – zu identifizie- ren, zugleich aber diesem Prozeß eine eherne Notwendigkeit und Irre- versibilität zuschrieben. Für diese, wie es heißt, ‚fatalistische‘ Position We- bers werden in der Hauptsache die folgenden beiden Erklärungen gegeben:

Auf der einen Seite wird behauptet, eine individualistische Handlungs- theorie sei prinzipiell außerstande, umfassende geschichtlich-gesellschaftliche Entwicklungen in einer offenen und kritischen Weise zu erfassen. Sie habe es nur mit derivativen Tatbeständen auf der subjektiven oder Erscheinungs- Ebene zu tun und reiche mit ihren Begriffen und Erklärungen nicht an die Kräfte heran, die das gesellschaftliche Ganze bestimmen. Auf diese sehr grundsätzliche Form des Einwandes will ich hier nicht eingehen. Die zu diskutierende konkretere Form der Kritik besagt, daß We- ber genau deswegen zu fatalistischen Konsequenzen hinsichtlich des Gesell- schaftsprozesses genötigt werde, weil er diesen Prozeß – und zwar auch in seinen freiheitsfeindlichen, entfremdenden und unterdrückenden Auswir- kungen – eben als einen universalhistorischen Prozeß der Rationalisierung interpretiere (vgl. z.B. V.M. Bader u.a. 1976, 484, Marcuse 1965, 216).

2.

Gegenüber dieser Kritik an Webers Rationalisierung-Perspektive ist zunächst in Erinnerung zu bringen, wie vielgestaltig die Formen und Richtungen der Rationalisierung, und zwar durchaus innerhalb des okzidentalen Rationalisie- rungsgeschehens, nach Webers Auffassung sind. Aus diesen Hinweisen ergibt

77

sich vor allem, daß dieser Rationalisierungsprozeß von tiefen internen Span- nungen und Gegensätzen bestimmt ist, daß also die Webersche Theorie der Rationalisierung – im Unterschied zu allen unreflektierten aufklärerischen Geschichts- und Fortschrittskonzeptionen – überhaupt keinen eindimensiona- len, unilinearen und entsprechend unwiderstehlich voranschreitenden Ent- wicklungsprozeß kennt. „Natürlich kann man Stellen in Weber zitieren, in denen er die ‚Entzauberung der Welt‘ in dieser Weise charakterisiert, aber isolierte Zitate ergeben nur eine Karikatur. Ein Studium des Gesamtwerks ergibt vielmehr, daß für Weber die Mehrdeutigkeit und daher Fragwürdigkeit der Rationalisierung ein wesentliches Element der Entwicklung selbst ist“ (R. Bendix 1972, 523, vgl. Roth 1980 sowie Ferry 1985, 16f.). Dementspre- chend geht es auch nicht um die einfache Frage der Irreversibilität oder Re- versibilität des Prozesses im ganzen und auch nicht um ein Nullsummenspiel ‚Rationalität versus Irrationalität', sondern darum, die konfligierenden und häufig gegenläufigen Entwicklungen innerhalb des komplexen Rationalisie- rungsgeschehens zu erkennen. Insofern gilt für Weber hinsichtlich des Kon- zepts ‚Rationalisierung‘, was der Philosoph R. Spaemann (1985) hinsichtlich

des Konzepts ‚Fortschritte‘ feststellte: „Wenn wir festhalten an einem Begriff von Fortschritt im Singular, dann ist vermutlich die Bombe wirklich das End- resultat. Wir müssen lernen, Fortschritt prinzipiell im Plural zu denken. Es gibt Fortschritte in dieser und jener Hinsicht, und wir müssen jeweils wissen, ob wir diesen oder jenen Fortschritt vielleicht mit diesem oder jenen Rück-

schritt bezahlen. Der Begriff Fortschritt im Singular

ist eine ganz unver-

nünftige Idee“. Allerdings könnte man gegen eine solche Argumentation einwenden, daß die Weber zugeschriebene Irreversibilitätsannahme gerade damit zusam- menhänge, daß nach Webers Meinung im Rahmen empirischer Wissenschaft von Fortschritt überhaupt nur noch im Sinne von Wissensfortschritt und fort- schreitender technischer Rationalisierung gesprochen werden könne. Durch diese Reduktion von Fortschritt auf Rationalisierung im kognitiven und tech- nischen Sinne werde nämlich der Gesellschaftsprozeß jeder wertenden Beur- teilung und damit jeder freien und vernünftigen menschlichen Praxis entzogen und objektiv wirkenden ‚Sachgesetzen‘ unterstellt. Demnach wäre Weber also gerade durch den Verzicht auf den traditionellen, wertrationalen Fort- schrittsbegriff genötigt worden, die Irreversibilität der historischen Entwick- lung zu behaupten. Ein solcher Einwand ist ebenso naheliegend und verbreitet wie inad- äquat. Zwar ist es richtig, daß sich irgendwelche Entwicklungen auf kulturel-

78

ler, sozialer oder materieller Ebene nur insofern als ‚objektiver‘ Fortschritt beschreiben lassen, als sie zur Verbesserung von kognitiven oder technischen Mitteln (zur Erreichung vorgegebener Zwecke) führen. Damit aber verliert der Begriff des Fortschritts jede absolute und selbstlegitimierende Begrün- dung. Seine Verwendung ist in jedem Falle relativ und der Begründung be- dürftig. So ist es eine empirische frage, ob etwas als Fortschritt im techni- schen Sinne gelten kann; und ob die jeweils geltenden Kulturideale (intellek- tueller, politisch-moralischer, ästhetischer Art etc.) anderen überlegen und vorzuziehen sind, läßt sich zwar, mit mehr oder weniger guten Gründen erör- tern, aber keineswegs im Sinne eines objektiven Fortschritts-/Rückschritts- Schemas eindeutig und ein für alle Mal festlegen. Genau diese letzte Annahme dürfte Webers Geschichtsbetrachtung am deutlichsten von der Marxschen unterscheiden. Die ‚ehernen Gesetze‘, denen nach Marx der Geschichtsprozeß unterliegt, sind deswegen so mächtig und unwiderstehlich, weil es sich bei ihnen um die Bewegungsgesetze der ‚mate- riellen Basis‘ handelt; sie gehören damit einer Schicht der Wirklichkeit an, die dem Zugriff und sogar dem Bewußtsein der Menschen weitgehend entzogen ist. In dieser Hinsicht besitzt die Dynamik der technischen Rationalität in der Marxschen Geschichts- und Gesellschaftstheorie einen sehr viel höheren sys- tematischen Stellenwert als bei Max Weber. 30 Tatsächlich sind für Marx, keineswegs aber für Weber, Fragen der materialen Rationalität immer eine Funktion technischer Rationalitäten.

3.

Alles in allem erscheint es mit also sehr falsch, Weber die Idee zuzuschreiben, die moderne okzidentale Gesellschaftsgeschichte unterliege einem einheitli- chen, alles durchdringenden und irreversiblen Gesetz der (technischen) Rati- onalisierung. Weber war, wie die Lektüre seiner Arbeiten unzweideutig vor Augen führt, vielmehr in erster Linie damit beschäftigt zu zeigen, wie span- nungsvoll die Beziehungen zwischen Rationalisierungsprozessen in verschie- denen sozio-kulturellen Bereichen gerade in der okzidentalen Rationalisie- rungsgeschichte waren und sind. Hier geht es keineswegs nur um die Kon- flikte zwischen formaler oder technischer und materialer, instrumenteller und

79

Wertrationalität (etwa den Konflikt zwischen fortschreitender Rationalisie- rung des Rechts und der staatlichen Verwaltung einerseits, der fort- schreitenden Radikalisierung und Universalisierung politisch-moralischer Postulate im Sinne der Menschen- und Bürgerrechte andererseits). Vielmehr gilt in Webers Sicht der Dinge generell, daß die – formale oder materiale – Rationalisierung innerhalb bestimmter Sinn- und Handlungsbereiche (Kunst, Wissenschaft, Religion, Erotik, Ökonomie, Politik etc.) die Spannungen zu anderen Sinn- und Handlungsbereichen bis zur völligen Unverträglichkeit steigern muß. Ist also von gesellschaftlichen Rationalisierungsprozessen die Rede, so verlangt die Webersche Rationalisierungskonzeption eine genaue Bestim- mung derjenigen Dimension sozialen Handelns, in der sich jene Prozesse der Rationalisierung vollziehen. Auf diese Weise läßt sich auch die ‚Dialektik‘ von Rationalisierungsprozessen empirisch analysieren. So erweisen sich z.B. ‚rein geschäftliche Beziehungen‘, die in ihrer Art durch ein Höchstmaß von ‚Berechenbarkeit‘ gekennzeichnet sind, deswegen als ‚ethisch irrational‘, weil sie eine Interpretation und Verständigung auf der Ebene eines ‚individu- ellen Willens‘ und eines persönlichen Verhältnisses ‚von Mensch zu Mensch‘ grundsätzlich von sich abweisen (WG, 353). Ebenso liegt kein Widerspruch darin festzustellen, daß es einen fortschreitenden Prozeß der ‚gesellschaftli- chen Differenzierung und Rationalisierung‘ (WL, 473) gibt, der zugleich durch ein wachsendes Maß an Irrationalität gekennzeichnet ist, weil die ge- sellschaftlichen Akteure immer weniger imstande sind, die ‚rationale Basis‘ der ‚rationalen Technik und Ordnung‘ zu durchschauen. Die durch jene Rati- onalisierung fortschreitend gesteigerte ‚kommunikative Erreichbarkeit‘ (N. Luhmann) gesellschaftlicher Akteure ist insofern bloß technischer Natur, als sie gerade nicht von einer ‚Universalisierung des Wissens um die Bedingthei- ten und Zusammenhänge des Gemeinschaftshandelns‘ (a.a.O.) getragen wird. Was schließlich eine Rationalisierung dieser Art für die Ausgrenzung des Affektlebens aus den herrschenden gesellschaftlichen Handlungszusammen- hängen und damit für den fortschreitenden Abbau an ‚Kommunikabilität‘ (d.h. an Möglichkeiten einer differenzierten intersubjektiven Verständigung) in dieser Sphäre bedeutet, haben lange vor den Soziologen die Dichter ge- sehen und beschrieben.

80

4.

Die soweit vorgetragenen Überlegungen sind in mindestens zweifacher Hin- sicht unzureichend: Erstens enthalten sie keine zureichende Klärung des Beg- riffs der ‚Irreversibilität‘ (soweit dieser Begriff im gesellschafts- und ge- schichtstheoretischen Kontext beansprucht wird). Zweitens beantworten sie nicht die Frage, wie es sich angesichts der so hervorgehobenen Offenheit und Vieldimensionalität der Perspektive Webers erkläre, daß dieser so oft die Unwiderstehlichkeit und Unaufhaltsamkeit von Rationalisierungsprozessen behaupte. Zu beiden Punkten, vor allem zum zweiten, will ich im folgenden noch einige Bemerkungen vortragen. Was die allgemeinen Voraussetzungen und Implikationen einer Irrever-

sibilitätsthese in den Geschichts- und Sozialwissenschaften betrifft, so möch- te ich an ein Argument von K.R. Popper anschließen. In ‚The Poverty of Historicism‘ (London 1957, 116) trägt dieser nämlich einen ganz prinzipiel- len Einwand gegen jede Behauptung der Irreversibilität historischer Prozesse vor. Poppers Kritik richtet sich u.a. gegen die folgende (112 zitierte) Be-

hauptung von A Toynbee (A Study of History, vol. 1, 176): „

are not static conditions of societies but dynamic movements of an evolu-

tionary kind. They not only cannot stand still, but they cannot reverse their

direction without breakting their own law of motion

fassung liegt Thesen dieser Art regelmäßig eine Verwechslung von (beo- bachtbaren) Trends mit (den Geschichtsprozeß im ganzen angeblich deter- minierenden) Gesetzen zugrunde: „There is little doubt that the habit of trends (such as technical progress), inspired of the inexorable laws of bio- logical evolution and of their irreversible laws of motion of society.“ In einer sehr anderen und jedenfalls auf den ersten Blick genau gegen- sätzlichen Weise wird das Konzept der Irreversibilität neuerdings in bestimm- ten Bereichen der Wissenschaftsphilosophie verstanden und verwendet. Ins- besondere bei I. Prigogine und seiner Schule ist es vor allem die Einsicht in irreversible Prozesse in der Natur, die auf eine grundlegende ‚Metamorphose der Wissenschaft‘ und, in deren Gefolge, eine neue Synthese von Natur- und Kulturwissenschaften verweist. 31 Auf diese sehr anspruchsvollen und natür-

civilizations

“ Nach Poppers Auf-

31 Vgl. I. Prigogine/I. Stengers, La nouvelle alliance. Métamorphose de la science, Paris 1979; bearb. engl. Fassung: Order out of Chaos. Men’s New Dialogue With Nature, Toronto, New York, London 1984; um einiges technischer ist: I. Prigogine, From Being to Becoming. Time and Complexity in the Physical Sciences, San Francisco 1980.

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lich auch sehr kontroversen Überlegungen kann ich im einzelnen nicht ein- gehen. Von Wichtigkeit für den vorliegenden Zusammenhang ist aber der Tatbestand, daß Prigogine die Idee der Irreversibilität in einer sehr grund- sätzlichen Weise der für die klassische Physik charakteristischen Idee von universalen, deterministischen Naturgesetzen entgegenhält. Diese klassische Idee impliziere nämlich nicht nur ein geschlossenes und statisches Bild der Welt, sondern auch die Vorstellung von der – prinzipiellen – Reversibilität aller Prozesse. Spontaneität, Singularität – und vor allem – wirkliche In- novation könne es in einer solchen Welt nicht geben. Dagegen gelangte Pri- gogine durch seine eigenen (übrigens mit dem Nobelpreis bedachten) For- schungen auf dem Grenzgebiet von Physik und Biologie zur Entdeckung von „Prozessen der spontanen Organisation und von dissipativen Strukturen“, und damit zu der Einsicht, „daß die Irreversibilität in der Natur eine konstitu- tive Rolle spielt, weil sie Prozesse der spontanen Organisation zuläßt“ (Nou- velle alliance, 18). Der Unterschied zwischen Poppers und Prigogines Sichtweise dürfte weniger in der Sache als – jedenfalls was die Konsequenzen für die Sozial- und Geschichtswissenschaften betrifft – in dem verschiedenen Bedeutungs- kontext liegen, in dem beide den Begriff der ‚Irreversibilität‘ verwenden. Popper wendet sich gegen die Irreversibilitätsannahme in den historischen Sozialwissenschaften, weil eine solche Annahme sich mit der Offenheit ge- sellschaftlicher Entwicklungen nicht vereinbaren lasse. Ein ganz ähnliches Motiv führt Prigogine, und zwar gerade im Hinblick auf die Geschichts- und Sozialwissenschaften (vgl. z.B. Order out of Chaos, 206 f.), dazu, sehr große Erwartungen an die Entdeckung irreversibler Abläufe in der Natur zu knüp- fen. Im Rahmen der Begrifflichkeit Poppers impliziert die Rede von der Irre- versibilität irgendwelcher Prozesse, daß diese Prozesse im ganzen unbedingt zwingenden Gesetzmäßigkeiten unterliegen, daß diese Gesetzmäßigkeiten die Prozesse auf eine bestimmte Entwicklungsrichtung festlegen und schließlich:

daß dies alles mit Sicherheit erkannt werden kann. Demgegenüber bezieht sich der Begriff ‚Irreversibilität‘ im Sprachgebrauch Prigogines auf den ge- nau entgegengesetzten Tatbestand, daß weder deterministische noch eindeu- tig gerichtete Gesetzmäßigkeiten unterstellt werden können. Für Prigogine ist es gerade das (durch die Form der mathematischen Gleichung am klarsten zum Ausdruck kommende) Merkmal allgemeiner Gesetzesaussagen, die ge- meinten Vorgänge als grundsätzlich reversibel zu betrachten und auszu- schließen, daß sich etwas im strengen Sinne Neues und prinzipiell Unvorher- sehbares ereignet.

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Berücksichtigt man diese Ambiguität des Begriffs der Irreversibilität, so ist es nicht paradox zu behaupten, daß sowohl Poppers als auch Prigogi- nes Überlegungen den Auffassungen Webers nahekommen. Was die Poppersche Sichtweise betrifft, so ist, zur Bekräftigung des bereits Gesagten, festzustellen, daß Weber ganz außerstande war, eine Irre- versibilitätsannahme in der von Popper kritisierten Art zu vertreten. Eine Verwechslung von Trends und Gesetzen kommt bei ihm nicht vor; vielmehr hat er immer mit größter Entschiedenheit bezweifelt, daß sich universell gül- tige und deterministische Gesetze der Geschichte auffinden und zu Er- klärungszwecken verwenden ließen. So hat er ja die ihm als besonders stark und beherrschend eingeschätzten Ausprägungen des okzidentalen Rationali-

sierungsprozesses, die Bürokratisierung auf der institutionellen und die ‚Ent- zauberung der Welt‘ auf der kulturellen Ebene, keineswegs mit Hilfe ent- sprechender Gesetzesannahmen für unlimitierbar, unaufhaltsam und unum- kehrbar erklärt. Daß er dennoch, vor allem am Ende von „Die protestanti- sche Ethik und der Geist des Kapitalismus“ die Prognose stellt, der alles durchdringende Prozeß der Rationalisierung werde sich in absehbarer Zu- kunft nicht abschwächen oder umkehren, sondern mit Sicherheit noch ver- stärken, ist kein Verstoß gegen die Absage an jede nomothetische Ge- schichtstheorie. Zwar klingt es außerordentlich apodiktisch, wenn er in jener berühmten Passage von dem „mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-maschineller Produktion ge- bundenen, Wirtschaftsordnung“ spricht, „der heute den Lebensstil aller ein-

zelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden

mit überwältigendem

Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossi- len Brennstoffs verglüht ist“ (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, 203). Der Eindruck, daß Weber hier ein unaufhaltsames und unent- rinnbares Geschick im Auge habe, wird nicht entscheidend dadurch gemil- dert, daß er erwägt, ob es in einer sehr fernen Zukunft („am Ende dieser un- geheuren Entwicklung“) doch nicht eine allgemeine „mechanisierte Ver- steinerung“, sondern „neue Propheten“ oder – zumindest – eine „mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale“ geben werde (a.a.O., 204). Ganz ohne Zweifel war Weber also überzeugt, daß der Prozeß fort- schreitender Rationalisierung immer weiterer Lebensbereiche – vor allem, soweit es sich um direkt oder indirekt mit der‚ ‚Wirtschaftsordnung‘ verbun- dene Lebensbereiche handelt – einen zwanghaften, vom Willen der einzelnen Menschen weitgehend unabhängigen und die Spielräume des Handelns zu-

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nehmend einschränkenden Charakter habe. Allerdings zog er daraus nicht die Konsequenz, Freiheit nur noch als Einsicht in – und bewußte Anpassung an – diese Notwendigkeit zu verstehen oder zur bloßen Fiktion zu erklären. Seine Schlußfolgerung lautet vielmehr, daß alles darauf ankomme, die Idee und die Entfaltungschancen individueller Handlungsfreiheit nach Kräften zu fördern und zu stärken (vgl. vor allem ‚Politische Schriften‘, 64). Dies allein schließt es aus, ihm eine ‚fatalistische‘ Haltung zur Geschichte zuzuschreiben. Desungeachtet hielt Weber die Vorstellung für unrealistisch und hoff- nungslos, daß sich jene ‚ungeheure Entwicklung‘ in einer absehbaren Zukunft umkehre resp. umkehren lasse. Dies führt zu der Frage, worauf sich diese Überzeugung und die Entschiedenheit der Zukunftsprognose begründet. Auf diese Frage gibt es mit Sicherheit keine einfache Antwort. Ich glaube aber, daß ein Aspekt in den bisherigen Kontroversen über Webers Position allzu vernachlässigt worden ist. Mir scheint nämlich, daß die Webersche Prognose eine Affinität zu dem Typus von ‚wahrsagender Geschichte‘ besitzt, dem Kant in seiner Schrift über den ‚Streit der Fakultäten‘ als einzigem Legitimi- tät zugesprochen hat. Kant bemerkt dort, daß wir in dem Maße etwas über den zukünftigen Verlauf der Geschichte sagen können, in dem wir als prak- tisch-vernünftig Handelnde an diesem Verlauf mitwirken wollen und können. Im Rahmen einer derartigen Geschichtsbetrachtung können also histo- rische Entwicklungen insofern als irreversibel behauptet werden, als diese Entwicklungen – im großen und ganzen – den Bedürfnissen und Intentionen der jetzt und in Zukunft lebenden Menschen entsprechen. Als irreversibel gilt der Geschichtsverlauf nicht, weil – wegen der Wirksamkeit deterministischer Gesetze – eine Änderung oder Umkehr der Verlaufsrichtung unmöglich und vielleicht sogar undenkbar wäre. Die These der Unumkehrbarkeit ergibt sich vielmehr aus der Annahme, daß die Menschen eine solche Umkehrung der Entwicklungsrichtung angesichts ihrer Einsichten und ihrer Interessen nicht wollen können. Offensichtlich kommt eine so verstandene und begründete Irreversibi- lität den skizzierten Vorstellungen von Prigogine nahe, wonach die Irreversi- bilität von Prozessen eine Funktion von Indeterminiertheit oder Spontaneität ist. So ergibt sich als allgemeines – und bis auf weiteres sehr spekulatives – Resultat der eigenen Überlegung von Prigogine und Stengers auch die Idee einer „offenen Welt, der wir angehören, an deren Konstruktion wir Anteil haben“ (1979, 273). Schlußfolgerungen dieser Art erscheinen völlig unvereinbar zu sein mit dem von Max Weber so nachdrücklich betonten zwanghaften und freiheits-

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feindlichen Charakter des okzidentalen Rationalisierungsprozesses. In dieser Hinsicht ist jedoch von größter Wichtigkeit, daß Weber die Zwanghaftigkeit und Unaufhaltsamkeit dieses Prozesses durchaus nicht mit der Herrschaft blinder, objektiver Gesetzmäßigkeiten oder mit einer diesem Prozeß imma- nenten Logik oder Eigendynamik erklärt. Zwar ist es zutreffend, daß sich die fraglichen Rationalisierungsprozesse zu einem guten Teil ‚hinter dem Rü- cken‘ der gesellschaftlichen Akteure und ganz unabhängig von deren be- wußter Motivation und Entscheidung vollziehen. Der entscheidende Punkt liegt aber darin, daß die Dynamik der Rationalisierung nicht grundsätzlich in Frage gestellt, aufgehoben oder umgekehrt wird, wenn sie zum Gegenstand des Nachdenkens der Akteure gemacht wird. Gerade wenn handelnde und ihrer Handlungsfreiheit bewußte Menschen sich ihrer Stellung und ihrer Handlungsmöglichkeiten in diesem Rationalisierungsprozeß vergewissern, wird die Einsicht in dessen Unumkehrbarkeit besonders zwingend. Dies mag, wie Luhmann 32 behauptet, letzten Endes daher rühren, daß die Selbstbe- schreibung sozialer Systeme in Handlungsbegriffen eine zeitliche ‚Asymmet- risierung‘ von sozialen Beziehungen zwischen der ‚Irreversibilität der Zeit und der Genese von Sinn als Form der Informationsverarbeitung‘ besteht. Konkreter, nämlich bezogen auf das Rationalitätsproblem in der vorge- gebenen historischen Situation betrachtet, entspringt die Überzeugung von der Irreversibilität des Geschichtsverlaufs aber der Einsicht, daß – beim ge- gebenen Stand des Wissens – keine grundsätzliche Alternative zu jenem Ra- tionalisierungsprozeß existiert, die intellektuell überzeugend und praktisch realisierbar wäre. 33 Der hier gemeinte ‚Stand des Wissens‘ betrifft kei- neswegs nur den Bereich des kausalanalytischen und technischen Wissens. So wäre es durchaus vorstellbar und auch praktisch möglich, dem Rationli- tätsgrad der z.B. in der industriellen Produktion oder im Bereich der gesell- schaftlichen Kommunikation verwendeten ‚Techniken‘ nicht weiter zu stei- gern und auch zu senken. Dem stehen aber nicht nur, und auch nicht in erster Linie, die ökonomischen, Prestige- oder Selbsterhaltungsinteressen der diese

32 1985, 71 f., 232 f., 609, passim; Luhmann äußert (71) unter Verweis auf Prigogine – die Vermutung, daß es sich bei der Irreversibilität (auch) um ein von der Evoluti- onstheorie aufgedecktes „Faktum der makroskopischen Ordnung der Natur“ hand- le.

33 Mit diesen Bemerkungen wird durchaus nicht der – allzu offensichtliche – Tat- bestand geleugnet, daß technologische Entwicklungen auf verschiedenen Gebieten häufig einer sehr bornierten, blinden und sogar selbstzerstörerischen Logik der Per- fektionierung folgen. Tatsächlich geht es bei meinen Überlegungen überhaupt nicht um die Frage der Wünschbarkeit oder Unvermeidlichkeit von speziellen, konkreten Formen der Rationalisierung, weil diese Frage natürlich nur konkret und im einzel- nen geklärt und entschieden werden kann.

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Rationalisierung betreibenden Gruppen entgegen. Vielmehr korrespondieren Rationalisierungsprozesse dieser Art sehr starken Postulaten materialer Ra- tionalität, und zwar insbesondere insofern, als diese Postulate sich auf eine optimale und gerechte Versorgung von immer mehr – und tendenziell allen – Menschen mit materiellen und kulturellen Gütern beziehen. 34 Die Realisie- rung solcher moralisch-politischer Zielsetzung, gerade wenn sie in einem sehr radikalen Sinne aufgefaßt werden, erfordert grundsätzlich kein geringeres, sondern ein immer höheres Maß an technischer Rationalität bei der Pro- duktion und Distribution dieser Güter. Dasselbe gilt auch hinsichtlich der immer stärker werdenden Forde- rung, der fortschreitenden Ausbeutung und Vernichtung der natürlichen Res- sourcen Einhalt zu gebieten. Dieser Forderung kann nach Lage der Dinge nur durch mehr Rationalität – nämlich durch tiefere wissenschaftliche Einsichten in komplexe Wirkungszusammenhänge, durch verfeinerte und effizientere Technologien und, nicht zu vergessen, durch einen größeren, differenzierte- ren und effizienteren organisatorischen Apparat zur Steuerung und Kontrolle des geforderten Verhaltens – entsprochen werden. Insofern wäre das sogar das ‚stahlharte Gehäuse‘, das am Ende dieser Entwicklung stehen könnte, nicht als Produkt einer blind ihrer eigenen Dynamik folgenden technischen Rationalität zu erklären. Es wäre vielmehr das in der Regel nicht gewollte, aber doch unverzichtbare Instrument zur Durchsetzung höchst radikaler Vor- stellungen von materialer Rationalität; es ist insofern nicht widersinnig, son- dern sehr konsequent, wen besonders fanatische Theoretiker der Gleichheit (von Saint-Just bis zu einigen dogmatischen kommunistischen Theoretikern der Gegenwart wie Wolfgang Harich) die Einrichtung des ‚Gehäuses der Hörigkeit‘ ausdrücklich gefördert und nach Möglichkeit auch betrieben ha- ben.

Was schließlich den Prozeß der Rationalisierung im intellektuellen oder kulturellen Sinne, also im engeren Sinne des Weberschen Begriffs der ‚Ent- zauberung der Welt‘ angeht, so dürften bis auf weiteres die besseren Gründe

34 Zu Webers Vorstellungen vom Zusammenhang von Demokratisierung und Büro- kratisierung vgl. z.B. Roth 1980, 121 f. Für Tocqueville ergibt sich die These von der Unaufhaltsamkeit des Demokratisierungsnprozesses, und zwar einschließlich der Transformation des Staates in eine nahezu allmächtige „Vormundschaftsge- walt“, letztlich aus der Einsicht, daß es kein überzeugendes moralisch-politisches Argument gegen die Schaffung gleicher Lebensbedingungen für alle Menschen ge- be. Die Überlegung, daß dieser Prozeß Gottes Wille sein müsse, besitzt demgegen- über nur eine unterstützende Funktion. Vgl. A. de Tocqueville, Das Zeitalter der Gleichheit. Auswahl aus Werken und Briefen. Übersetzt und herausgegeben von S. Landshut, 2. Aufl., Köln und Opladen 1967, 7, 16, 99, 112.

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dafür sprechen, dessen Irreversibilität zu akzeptieren. „Magic and religion have been dispossessed by science and logic, and it is no more plausible to suppose that the process will go historically into reverse and the workers in the research lobaoratories of Frankfurt, Princeton and Leningrad come to share the beliefs of the Azandne about witchraft than that the results of their researches will suffer an epistemological collapse and the atomic structure of a protein molecule turn out to look incomprehensively different tommorow from what it is agreed from China to Peru to be today“ (Runicman 1984). Gewiß können wir uns eine ‚Wiederverzauberung der Welt‘ wünschen und vielleicht sogar vorstellen 35 , die Frage ist aber, ob wie sie bei – Beachtung der Gebote intellektueller rechtschaffenheit – wirklich anstreben und auf Dauer durchhalten können. Ähnliche Zweifel sind hinsichtlich der Entwicklung des moralischen Rainsonnements einerseits, der Intellektualisierung der ästhetischen Erfah- rung und Produktion andererseits angebracht, auch wenn man auf diesen Ge- bieten noch sehr viel vorsichtiger mit der Kategorie ‚Fortschritt‘ sein muß als im Falle von Wissenschaft und Technik. 36 Man muß nicht Anhänger einer evolutionistischen Stufentheorie des moralischen Bewußtseins sein, um zu behaupten, daß es keinen überzeugenden Weg zurück hinter die moral- philosophischen Einsichten und Postulate der Aufklärung gibt. 37 Und was die Kunst betrifft, so heißt es z.B. bei H.M. Enzensberger sehr bestimmt: „Der Weg der modernen Künste ist nicht reversibel. Auf das Ende der Neuzeit, auf Bekehrungen und Reprisen mögen sich andere Hoffnungen machen“ (Die Aporie der Avantgarde, in: Einzelheiten, Frankfurt 1962, 315). Das mag sehr dekretorisch formuliert sein und im übrigen keineswegs überall akzeptiert und befolgt werden. Aber spricht nicht die romantische Bewegung in der Kunst, dieser große und anspruchsvolle Versuch einer Überwindung der ‚Entzauberung der Welt‘, dafür, daß ein solcher Versuch – intellektuelle Rechtschaffenheit wieder voraussetzt – nicht in eine neue Naivität und Un-

35 Tatsächlich werden solche Vorstellungen gegenwärtig sogar im Umkreis der seriö- sen Philosophie der Naturwissenschaften vorgetreagen; vgl. vor allem Prigogine 1984, 291 f., und Berman 1983.

36 So bemerkt auch Toynbee (Toynbee/Ikeda 1976, 325): „The cumulative progress of science and technology has no counterpart in the ethical sphere.“

37 Dies wäre z.B. an den Schwächen und Widersprüchen des entsprechenden Ver- suchs von Arnold Gehlen (in ‚Moral und Hypermoral‘) zu demonstrieren; vgl. die interessante Kritik von J. Habermas (1981). Die Unmöglichkeit, von der außerreli- giösen ‚Persönlichkeitsethik‘ zu einer religiösen ‚Unterwerfungsethik‘ zurückzu- kehren, betont auch Schluchter (1976, 278); gleichermaßen irreversibel erscheint Schluchter die Substitution des Heilsinteresses durch das Interesse am (innerweltli- chen) Erfolg.

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mittelbarkeit, sondern bestenfalls in einen Zustand der ironischen Gebro- chenheit führen kann? Es scheint also, als ob wir allen Grund hätten, die ‚Entzauberung der Welt‘ für alle absehbare Zukunft für irreversibel zu halten, weil sie allein un- seren intellektuellen Ansprüchen und Bedürfnissen korrespondiert. Dies heißt aber durchaus nicht, daß wir uns unaufhaltsam einem Zustand intellektueller ‚Entropie‘ näherten, daß also eine Auflösung aller intellektuellen und exi- stentiellen Spannungen und challenges in einem einheitlichen und diffusen Medium, genannt ‚Rationalität‘, zu befürchten ist. Eher ist, wie oben bereits angedeutet, zu vermuten, daß sich unter der Überschrift ‚Rationalisierung‘ oder ‚Entzauberung‘ intellektuelle und praktische (gesellschaftliche und poli- tische) Konflikte verbergen, die an die Grenzen dessen gehen, was wir – als einzelne und als Mitglieder von Gruppen und Gesellschaften – ertragen kön- nen.

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IV Wissenschaftslehre

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Kausale Durchsichtigkeit. Über die Rolle der „Kausal- betrachtung“ in der Wissenschaftslehre Max Webers

1.

Es ist auffällig, aber nicht leicht zu verstehen, daß die Thematisierung und Behandlung des Kausalitätsproblems in Webers Wissenschaftslehre in der Weber-Forschung vergleichsweise wenig beachtet worden sind. Man kann nicht behaupten, daß diese Überlegungen nicht extensiv und explizit genug wären oder daß sie der Diskussionswürdigkeit entbehrten. Weber beschäftigt sich mit den Fragen der Kausalität und der Kausalerklärung vielmehr in einer sehr ausführlichen und nachgerade obsessiven Weise, und zwar in allen Pha- sen seines Nachdenkens über die „allgemeinen Voraussetzungen“ und die „Logik“ kultur- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnis. Es ist bekannt, daß er seine „methodo-logischen“ Auffassungen im Zuge umfassender und einge- hender Auseinandersetzungen mit den Vorstellungen anderer führender Rep- räsentanten der historischen Kultur- und Sozialwissenschaften und der Philo- sophie ausgebildet hat; im Mittelpunkt aber gerade dieser frühen, nicht selten auch sehr polemischen Auseinandersetzungen steht das Kausalproblem. Mehr noch als Umfang und Intensität hätten die Art und die Zielrich- tung der Weberschen Erörterungen Aufmerksamkeit und Anstoß erregen müssen. Ihrer allgemeinen Tendenz nach zielt Webers Argumentation näm- lich darauf zu zeigen, daß der Begriff, ja das Prinzip der Kausalität auch auf dem Felde der empirischen Kultur- und Sozialwissenschaften unein- geschränkt Geltung besitzt, und zwar auch dann, wenn diese als „idiographi- sche“ und/oder als verstehende Wissenschaften aufgefaßt und betrieben wer- den. Das Interesse an „kausaler Erklärung“ übergreift deshalb nach seiner Auffassung sowohl die Differenz von generalisierender und individualisieren- der Erkenntnis als auch von Natur und Geschichte, Naturvorgängen und menschlichem Handeln. Darüber hinaus erscheint ihm die verbreitete Annah- me, daß im Falle historisch-individualisierender Handlungszusammenhänge bestenfalls defizitäre Formen der Kausalbetrachtung in Frage kommen, durchaus nicht überzeugend.

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Gerade dieser letzte Punkt deutet an, daß Webers Überlegungen zum Kausalitätsproblem nicht nur im Kontext der zeitgenössischen Kontroversen resp. in wirkungsgeschichtlicher Hinsicht beachtlich sind. Seine Fragestellun- gen und seine Lösungsvorschläge erscheinen kaum überholt und erledigt, wenn man sie zu den neueren Auseinandersetzungen in Beziehung setzt. Viel eher wird man bedauern, daß etwa in der sog. reasons-causes Debatte (s. Ritsert 1975) oder in den jüngeren Kontroversen über Erklären und Verste- hen (s. v. Wright 1974) Webers Argumentationen entweder überhaupt nicht oder in einer sehr marginalen und schiefen Weise berücksichtigt worden sind. Es wäre ohne Zweifel hilfreich und der Vermeidung von begrifflichen und sachlichen Konfusionen dienlich gewesen, wenn man zumindest seine Bemü- hungen um eine Klärung der Begriffe und der Probleme zur Kenntnis ge- nommen hätte. Die Überwindung unklarer, irreführender Begrifflichkeiten und falscher Alternativen in der Sache (und in der Methodologie) war der hauptsächliche Sinn und Zweck der Weberschen Beiträge zur Wissenschafts- lehre, und darin vor allem liegt – überraschenderweise – ihre eigentümliche Modernität (und ihre Widerständigkeit gegen das post-moderne Denken). Vielleicht hat er im konkreten Falle die Gefahr, bei diesem Streben nach „in- tellektueller Rechtschaffenheit“ auf nicht mehr lösbare Fragen und Aporien zu stoßen, unterschätzt. Dies aber ist gewiß kein Grund, seine Argumente unbeachtet und ungeprüft beiseite zu lassen.

2.

Über alle terminologischen und thematischen Abwandlungen hinweg durch- zieht eine Grundthese Webers Reflexionen zur „Wissenschaftslehre“: Wenn und sofern die Kultur- und Sozialwissenschaften als empirische Wissenschaf- ten gelten wollen, zielt ihr Erkenntnisinteresse auf die „kausale Erklärung“ geschichtlich-gesellschaftlicher Tatbestände; nicht nur das bloße Beschreiben von Gegebenem, sondern auch das „Verstehen“ von Sinneszusammenhängen oder Handlungsmotiven ist nach seiner Auffassung eingebunden in die Zwe- cke der „Kausalbetrachtung“. In immer neuen Ansätzen und Wendungen wird dieser Leitgedanke vorgetragen, erläutert und begründet. Es ist gesagt worden, Weber gebrauche „die Begriffe ‚historisch‘, ‚em- pirisch‘ und ‚kausal‘ ständig als identisch“, die Wirklichkeitswissenschaft werde von ihm mit „kausalanalytischer Forschung“ identifiziert (Henrich 1952, 8, 15). Dies sind ohne Zweifel überzogene oder zumindest sehr miß-

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verständliche Formulierungen; zutreffend ist jedoch, daß der historische und wirklichkeitswissenschaftliche Charakter der Kultur- und Sozialwissenschaf- ten für Weber eben nicht im Gegensatz zum Interesse an „kausaler Erklä- rung“ steht. Weber verwendet große, vielen Interpreten sehr übertrieben er- scheinende Mühe darauf nachzuweisen, daß alle in diese Richtung gehenden Behauptungen sich bei genauerer Prüfung nicht halten lassen. Die fraglichen Argumente beziehen sich zunächst auf den Tatbestand, daß, wie es bei Weber – zustimmend heißt, „jede Wissenschaft von mensch- lichem Sichtverhalten“ (WL, 532) ist. Bei Wissenschaften dieses Typs aber, so wird dann behauptet, sei eine „kausale Betrachtung“ deplaziert oder un- möglich – wegen der sinnhaften, nur verstehend zu erschließenden Natur des Handelns, wegen seiner objektiven oder subjektiven, also funktional oder teleologisch zu deutenden Zweckhaftigkeit oder schließlich wegen seiner – durch Spontaneität, Irrationalität und Individualität gekennzeichneten – Frei- heit. Als Gegenbegriffe zum Begriff der Kausalität werden so, in verschiede- ner Bedeutung und Kombination, höchst gewichtige Kategorien ins Feld ge- führt: Sinn, Funktion, Zweck, Zufall, Freiheit. Als Gegenbegriffe zum Begriff der Kausalität werden so, in verschiedener Bedeutung und Kombination, höchst gewichtige Kategorien ins Feld geführt: Sinn, Funktion, Zweck, Zu- fall, Freiheit, Irrationalität. Argumentationen dieser Art, und zwar in allen ihren Modifikationen, erscheinen Weber fehlgeleitet und falsch, und dies so sehr, daß er in seinen Erörterungen nicht die geringsten Zugeständnisse macht. Zwar neigt Weber auch sonst in Fragen der Wissenschaftslehre nicht zu intellektuellem Wan- kelmut, ein solches Maß an Unbeirrbarkeit wie beim Kausalitätsproblem aber findet sich wohl nur noch bei der Wertfreiheitsthese. Dies ist kein Zufall, weil die Wertfreiheitsthese das – gleichermaßen fundamentale und zwingende (und übrigens für Weber auch „an sich“ gleichermaßen triviale) – Korrelat der Kausalitätsthese darstellt.

3.

Einer „strengen Durchführung der Kategorie der Kausalität auf dem Gebiet des Psychischen“ (WL, 54) steht die Sinnbezogenheit oder Intentionalität des Psychischen nach Weber durchaus nicht entgegen. Wenn es um menschliches Handeln (in Raum und Zeit) geht, definiert das Sinnhafte oder Verstehbare (resp. das Verstehen selbst) keine eigene Sphäre oder Form wissenschaftli-

92

cher Erkenntnis, es ist vielmehr der zentrale Gegenstand der Wissenschaften vom „menschlichem Sichtverhalten“, die auf die „rein empirische Tatsachen- forschung“ resp. eine „rein empirisch und kausal zurechnende“ Erklärungs- weise (WL, 480, 524) verpflichtet sind. 38 Der „volle, sozusagen ‚urwüchsige‘ Sinn“ der Kausalitätskategorie, so bemerkt Weber in der Abhandlung über „Knies und das Irrationali- tätsproblem“, enthalte zwei Elemente: „den Gedanken des ‚Wirkens‘ als ei-

nes, sozusagen, dynamischen Bandes zwischen unter sich qualitativ verschie- denen Erscheinungen auf der einen, den Gedanken der Gebundenheit an ‚Re- geln‘ auf der anderen Seite“ (WL, 135). Dies aber bedeute, daß gerade „die-

empirischen Disziplinen“, die „die Qualitäten der Wirklichkeit

bearbeiten, und zu ihnen gehört die Geschichte und gehören alle ‚Kulturwis- senschaften‘ gleichviel welcher Art“, die Kategorie der Kausalität „durchweg in ihrer vollen Entfaltung“ verwenden. Die – etwa von den führenden Vertre- tern der historischen Schule der Nationalökonomie wie Roscher, Knies und Schmoller, aber auch von E. Meyer (WL, 239) vertretene – Gleichsetzung von Kausalität und „Gesetzlichkeit“ (WL, 8, 45, 144) entspringt nach Weber einer ganz einseitigen Betrachtungsweise. Sie verkennt, daß „der sachliche Gehalt“ der Kausalkategorie (und damit auch der Sinn des Begriffs „Ursa- che“) in der Vorstellung eines „Wirkens“ bestehe und daß dieser „sachliche Gehalt“ (d.h. die Ungleichartigkeit von Ursachen und Wirkungen resp. der Wirkungszusammenhang zwischen ihnen) in den – mathematisch formulierten – „Kausalgleichungen“ gerade verschwindet, in die die „quantifizierende Abstraktion“ der „Naturwissenschaften“ ausmündet. Der Ausdruck „Natur- wissenschaften“ wird hier im methodologischen (nicht ontologischen) Sinne eines bestimmten Erkenntnisinteresses – also im Sinne der Rickertschen Wis- senschaftslehre – verwendet. Wenn dagegen der Begriff „Natur“, so bemerkt Weber in seiner Stammler-Kritik, die „Gesamtheit allen empirischen Seins überhaupt“ meint, gehört zur Naturwissenschaft die „Gesamtheit der eine empirisch-kausale ‚Erklärung‘ erstrebenden Disziplinen“ (WL, 322), und dann ist es auch zulässig, etwa die „empirisch-kausale ‚Auffassung‘ der

jenigen

38 Von dieser i.e.S. empirischen und unvermeidlich kausalen Betrachtungsweise un- terscheidet Weber (490, 524), auf dem Gebiet der Erfahrungswissenschaften, die formal-logischen Operationen einerseits, die „wertinterpretativen“ Verfahren ande- rerseits. Auch letztere besitzen in den Handlungswissenschaften, anders als in den Geisteswissenschaften, nur eine, wenn auch höchst wichtige dienende Funktion.

93

‚Rechtsregeln‘ eine ‚naturalistische‘ zu nennen im Gegensatz zu ihrer Be- handlung in der juristischen Dogmatik“ (WL, 357). 39 Ausdrücklich stellt sich Weber (WL, 270) gegen den u.a. von Th. Ki- stiakowski erhobenen Einwand, in der Vorstellung eines „Wirkens“ resp. eines „kausalen Bandes“ drücke sich ein unzulässiger Anthropomorphismus aus. Diesem – damals (s. Koenig 1888) wie heute (Stegmüller 1970; vgl. auch Mac Iver 1964, 57 f.) – gängigen, in sehr radikaler Form auch von Nietzsche vertretenen – Einwand gegenüber beharrt Weber in der Abhand- lung über ‚Adäquate Verursachung und objektive Möglichkeit in der histori- schen Kausalbetrachtung‘ von 1906 darauf, daß diese Vorstellung „von jeder Kausalbetrachtung, welche auf individuelle qualitative Veränderungsreihen reflektiert, durchaus unzertrennlich“ (WL, 75) sei. Ihre Unverzichtbarkeit oder Unabweisbarkeit für jedes empirisch-konkrete Zusammenhänge ge-

richtete und in diesem Sinne individualisierende Erkenntnisstreben erscheint ihm offenbar so evident, daß er jene nähere Erläuterung und Begründung seiner Behauptung unterläßt. Die entsprechenden logischen und er- kenntnistheoretischen, vielleicht auch erkenntnis-psychologischen Überle- gungen zu dieser die Philosophie seit Hume und Kant beschäftigenden Prob- lematik hatte Weber auch da nicht angestellt, wo er die „Wirklichkeitswis- senschaft“ aus dem „Bedürfnis“ erklärt hatte, einzelne Phänomene „in einem universellen Zusammenhang unmittelbar anschaulich-verständlicher konkre- ter ‚Ursachen‘ und ‚Wirkungen‘ einzuordnen (WL, 5) oder, wie es im Objek- tivitäts-Aufsatz heißt, „einzelne konkrete Kulturvorgänge der historischen

Wirklichkeit

konkreten historisch gegebenen Ursachen“ zuzurechnen

(WL, 168).

4.

Es ist bemerkenswert, daß Weber auch an solchen Stellen die spezifische Funktion und Bedeutung der Kausalitätskategorie, ihren „sachlichen Gehalt“, nicht, jedenfalls nicht explizit, auf den Tatbestand bezieht, daß die von ihm gemeinte Wirklichkeitswissenschaft eine „Wissenschaft vom menschlichen Sichtverhalten“ (WL, 532) ist. Dieser implicite natürlich immer unterstellte

39 Vgl. die Definition von „Naturwissenschaft“ als der „Gesamtheit der eine empi- risch-kausale ‚Erklärung‘ erstrebenden Disziplin“ (322). Von „Naturalismus“ im negativen Sinne spricht Weber da, wo versucht wird, Werturteile aus „naturwissen- schaftlichen Tatbeständen“ (425) abzuleiten; dies entspricht z.B. Moores Rede vom „naturalistischen Fehlschluß“.

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Tatbestand kommt – als solcher und in seiner Bedeutung für die Kausali- tätsproblematik – im Zuge der wissenschaftstheoretischen Reflexionen erst allmählich in den Blick und zur ausdrücklichen und klaren Darstellung. Im Vordergrund der Weberschen Überlegungen steht fürs erste die vergleichs- weise technische Frage, wie sich das originäre und unabweisbare Interesse an „kausaler Durchsichtigkeit“ in der wirklichkeitswissenschaftlichen Forschung – also unter Bewahrung der Konkretheit und Komplexität historischer, d.h. „in ihrer Eigenart bedeutungsvoller“ (WL, 177) Gegebenheiten und Wir- kungszusammenhänge – realisieren und befriedigen lasse. Die fraglichen „lo- gischen Operationen“ (a.a.O.) werden als solche der „kausalen Zurechnung“ bestimmt und am Leitfaden der von anderen Autoren (von Kries und G. Radbruch) übernommenen Kategorien „objektive Möglichkeit“ und adäquate Verursachung“ beschrieben. Auch bevor sich Webers Interesse auf die Pro- bleme der soziologischen Generalisierung verlagert, werden – in Gestalt der „Regeln adäquater Verursachung“ einerseits (WL, 69, 112, 179), der idealty- pischen „Gedankenbilder“ andererseits – diejenigen Formen der Verallgemei- nerung von Begriffen und „kausalen Hypothesen“ erörtert, die in den histori- schen Wissenschaften möglich und geboten sind. Auf diese Operationen der „Isolierung, Generalisierung und Konstruk- tion von Möglichkeitsurteilen“ (279) und ihre Schwierigkeiten ist an dieser Stelle nicht einzugehen. 40 Hervorzuheben ist indes Webers Behauptung, daß ihr Status und ihre Funktion im Rahmen der „deutenden Kausalerkenntnis des Historikers bzw. Nationalökonomen“ (112) in logischer Hinsicht ganz dieselben seien wie im Falle der Analyse „konkreter Naturvorgänge“ (112, vgl. 134, 182). Neben dieser Feststellung finden sich jedoch in allen Abhand- lungen zur Wissenschaftslehre kürzere oder längere, direkte oder mittelbare Hinweise auf den Tatbestand, daß der „sachliche Gehalt“ der Kau- salitätskategorie, also die Vorstellung des Wirkens, in den im engeren Sinne historischen Wissenschaften in einer ganz spezifischen Weise ins Spiel kom- me und daß sich darauf eine besondere und höhere Qualität der kausalen Erklärung ergebe. Diese spezifische Stellung der „empirischen sozialen Kul- turwissenschaften“ (213) zur Frage der Kausalität und der Kausalerklärung wird zunächst mit dem Hinweis erläutert, daß mit der Chance einer „sinnvol- len Deutung“ (12) bzw. der „Verständlichkeit“ (14) der zu erklärenden Vor- gänge ein qualitativer Zuwachs an „kausaler Durchsichtigkeit“ ermöglicht werde. Kausale Bedeutung aber besitzt die sinnhafte und insofern verständli-

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che Dimension geschichtlicher Wirklichkeit und insofern verständliche Di- mension geschichtlicher Wirklichkeit als „Innenseite“ (78, 360 f.) men- schlichen Handelns. Mit zunehmender Deutlichkeit und Ausführlichkeit wird deshalb in Webers Reflexionen das „sinnhafte“ Handelns als Kernproblem (und theoretisch-methodologischer Ansatzpunkt) aller „eine empirisch- kausale Erklärung“ anstrebenden Kultur- und Sozialwissenschaften themati- siert. Dabei kann Weber einerseits, in der Form einer klaren Abgrenzung einer „rein empirisch-kausalen“ von einer „dogmatischen“ oder bewertenden Betrachtungsweise, an rechts- insbesondere strafrechtstheoretische Überle- gungen und andererseits, durchaus kritisch, an diejenige Behandlung anknüp- fen, die das „Problem der Kausalität auf dem Gebiet des menschlichen Han- delns“ (72) bei Gelehrten wie Münsterberg (Grundzüge der Psychologie) oder – in Anwendung auf die Geschichte und die ihr verwandten Wissen- schaften – Gottl bereits erfahren hatte. In der Abhandlung ‚Knies und das Irrationalitätsproblem‘, in der auf diese Vorarbeiten verwiesen wird, kommt es so bereits zu einer Erörterung der sachlichen Unterschiede zwischen Na- turvorgängen und menschlichen Handlungen. In diesem Zusammenhang wird, an erster Stelle, festgestellt, daß das „kausale Bedürfnis“ bei letzteren eine „qualitativ andersartige Befriedigung“ erfahren könne. Über die An- wendung des eventuell verfügbaren „nomologischen Wissens“ hinaus erlaube die Möglichkeit eines sinnhaften Verstehens hier „wirklich positive kausale Deutungen aus ‚Motiven‘“ (67 f.).

5.

An diese und ähnliche Erwägungen kann Weber anschließen, als er sich – viele Jahre später – genötigt sieht, zur kategorialen und logischen Klärung der Soziologie beizutragen. Anders als Durkheim und anderen soziologischen Gründervätern geht es ihm dabei viel weniger darum, die Soziologie als neue und eigenständige Wissenschaft zu begründen und auf die Bahn zu bringen, als vielmehr um eine systematische und möglichst präzise Darlegung (und methodologische Absicherung) des theoretischen ‚Kerns‘ derjenigen wissen- schaftlichen Bemühungen, zu deren Charakterisierung er zuvor gelegentlich den Begriff „empirische soziale Kulturwissenschaft“ verwendet hatte. Es liegt ganz in der Konsequenz der Grundgedanken der Weberschen Wissenschaftslehre, daß die Soziologie nun als theoretische, als empirisch- kausale und zugleich als verstehende Disziplin bestimmt wird. Aus derselben

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dreifachen, insgesamt an das „wirklichkeitswissenschaftliche“ Erkenntnispro- gramm rückgebundenen Bestimmung erklärt es sich, daß die Grundkategorie

– und Grundanschauung – dieser Soziologie das soziale Handeln ist. Der

vorausgehende Denkweg Webers und die auf diesem Wege erarbeiteten „all-

, mit welchen wir an unsere wissenschaftliche

Arbeit herangehen“ (WL, 1) hätten eine andere als diese handlungs- theoretische Perspektive für die Soziologie nicht zugelassen. Aus dieser ausdrücklichen und entschiedenen Festlegung in der frage der theoretischen (und meta-theoretischen) Prämissen der historischen Sozi- alwissenschaften ergab sich aber zugleich die dringende Notwendigkeit, das Verhältnis von „sinnvoller Deutung“ (oder Verstehen) und „kausaler Erklä- rung“ resp., sachlich gewendet, von Sinnhaftigkeit, Rationalität und Kausali- tät erneut, und zwar in einer ausführlicheren und systematischeren Form als bisher, zu erörtern. Eben dies geschieht bekanntlich in der Abhandlung über „Einige Kategorien der verstehenden Soziologie“ und dann, in einer noch einmal überarbeiteten und präzisierten Weise, in den ersten Abschnitten der „Soziologischen Grundbegriffe“. Auch diese Erörterungen konzentrieren sich allerdings auf die in logi- scher bzw. mnethodologischer Hinsicht wichtig oder vordringlich er- scheinenden Probleme. Die tiefer reichenden philosophischen, d.h. vor allem:

gemeinen Voraussetzungen

erkenntnistheoretischen, ethischen oder gar ontologischen Fragen, die in frü- heren Abhandlungen in den Blick genommen und angesprochen worden wa- ren, bleiben ausgespart. Diese Zurückhaltung Webers erklärt sich gewiß nicht daraus, daß er Fragen mit Unverständnis oder Verachtung begegnet wäre – aber auch nicht nur aus einer im fraglichen Kontext gebotenen methodologi- schen Askese. Webers methodologische Ausführungen in den beiden Abhandlungen zielen vor allem darauf, die Beziehungen zwischen dem Verstehen und dem kausalen Erklären klarzustellen. Daß „sinnhaft verstandene seelische Zusam- menhänge und speziell zweckrational motivierte Motivationsabläufe für die

Soziologie

ren“ (437), erscheint ihm ganz unbestreitbar. Die Aufgabe des Verstehens

besteht des näheren nicht nur darin, bestimmte (nämlich sinnhafte) Elemente eines Handlungszusammenhanges überhaupt zu erfassen, sondern sie in ihrer

– möglichen – Handlungswirksamkeit, also als kausale Momente zu erschlie-

ßen. Im Hinblick auf diese zweite Funktion spricht Weber (546 ff.) in den „Grundbegriffen“ vom „erklärenden“ bzw. „motivationsmäßigen“ (im Gegen- satz zum „aktuellen“) Verstehen. Die vermittels dieses erklärenden Verste-

dazu qualifiziert (sind), als Glied einer Kausalkette zu fungie-

97

hens erzeugten „kausalen Hypothesen“ befriedigen das „kausale Bedürfnis“ deshalb in spezifischer Weise, weil sie einen – potentiellen – Wirkungszu- sammenhang sinnhaft, d.h.: als solchen, verständlich machen. Besondere (kausale) Evidenz besitzen solche Hypothesen, die den fraglichen Handlungs- ablauf auf eine streng zweckrationale Sinnorientierung (im Sinne eines Nut- zenkalküls) auf seiten des oder der Handelnden beziehen. Hier kommt die Kausalitätskategorie nicht nur gemäß ihrem „sachlichen Gehalt“ (der Vorstel- lung eines „Wirkens“) in besonderer Klarheit und Einfachheit zur Geltung, sondern, anders als bei sonstigen „sinnadäquaten“ Deutungen, auch gemäß ihrem zweiten Bedeutungsaspekt, der Idee der Regelhaftigkeit. Der – metho- dologische – Vorrang solcher zweckrationaler Erklärungen rührt also daher, daß sie neben (bzw. vermittels) ihrer spezifischen sinnhaften Evidenz auch dem Interesse an einer „generalisierenden Kausalbetrachtung im Sinn der ‚Gesetzlichkeit‘ in spezifischem Maße“ (127) entsprechen. Dem „erklärenden“ (oder eben „motivationsmäßigen“) Verstehen geht es um die adäquate Erfassung der Motive (d.h. der Beweggründe) des zu erforschenden Handelns; die entsprechende Webersche Definition von „Mo- tiv“ lautet: „ein Sinnzusammenhang, der dem Handelnden selbst oder den Beobachtenden (in lebensweltlicher oder in wissenschaftlicher Perspektive; J.W.) als sinnhafter ‚Grund‘ eines Verhaltens erscheint“ (550, vgl. 547). Ge- nerell – also noch unangesehen der spezifischen Möglichkeiten einer sinnhaf- ten Deutung – liegt, nach Webers Formulierung in den ‚Grundbegriffen‘, eine „kausale Erklärung“ dann vor, wenn festgestellt wird, „daß nach einer ir- gendwie abschätzbaren, im – seltenen – Idealfall: zahlenmäßig angebbaren Wahrscheinlichkeitsregel auf einen bestimmten beobachtbaren (inneren oder äußeren) Vorgang ein bestimmter anderer Vorgang folgt (oder mit ihm ge- meinsam auftritt)“. Diese Minimaldefinition von kausaler Erklärung, die sich ausschließlich auf das Element der ‚Regel‘ (oder, in objektivierender Wen- dung, der Regelhaftigkeit) bezieht, wird, und zwar qualitativ, überschritten, wo eine „richtige kausale Deutung“ möglich und intendiert ist. Im Falle eines „konkreten Handelns“ ist eine „richtige kausale Deutung“ dann gegeben, wenn der „äußere Ablauf“ und das Motiv desselben zutreffend erfaßt und „zugleich in ihrem Zusammenhang (meine Hervorhebung, J.W.) sinnhaft“ verständlich gemacht werden. Eine derartige historisch-individualisierende Einsicht in das „kausale Band“ (zwischen Handlungsvollzügen und ihren Beweggründen) verzichtet allerdings auf die Vorstellung einer Regelmäßig- keit des behaupteten Zusammenhangs oder läßt diese Vorstellungen doch zumindest unexplizit. Auf die Behebung eben dieses ‚Mangels‘ zielt die So-

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ziologie, indem sie, vor allem vermittels der Bildung von „verständlichen Handlungstypen“, nach „generellen Regeln des Geschehens“, also nach „so- ziologischen Regeln“, sucht (559, 551). Das – theoretische – Interesse der Soziologie richtet sich demgemäß auf die „richtige kausale Deutung typi- schen Handelns“. Die von ihr aufgestellten soziologischen Regeln beinhalten bzw. behaupten ein doppeltes: die (mehr oder minder große) Sinnadäquanz des „als typisch behaupteten Hergangs“ einerseits, die Annahme, daß dieser „sinnadäquat erscheinende“ Hergang – mit größerer oder geringerer Wahr- scheinlichkeit resp. ‚Annäherung‘ – auch tatsächlich stattfindet (und empi- risch konstatiert werden kann) andererseits. Weber legt allergrößtes Gewicht auf die Feststellung, daß eine sinnhaft noch so evidente kausale Deutung der „Erfahrungsprobe“ unterworfen werden müsse – vor allem mit Hilfe statisti- scher Verfahren und des systematischen Vergleichs, aber auch, wenn mög- lich, vermittels echter Experimente (vor allem bei psychologischen Fragestel- lungen) oder der – allerdings höchst unsicheren – Methode des Gedankenex- periments.

6.

Auch diese Ausführungen Webers können hier nicht im einzelnen dargelegt und erörtert werden, und zwar auch nicht hinsichtlich ihrer Übereinstimmung mit früheren Äußerungen und ihrer internen Konsistenz. Auch wenn sie den letzten Stand seiner Überlegungen dokumentieren und sehr beachtenswerte Klärungen und Explikationen enthalten und im übrigen in keinem wesentli- chen Punkt von den früheren Auffassungen abweichen 41 , sind sie doch kei- neswegs in allen Teilen so durchgebildet und begrifflich so präzis, daß kein größeres Bedürfnis nach Interpretation und kritischer Prüfung mehr bestün- de. Selbst in wichtigen Fragen – etwa hinsichtlich des Verhältnisses von his- torisch-individualisierenden und soziologisch-generalisierenden Erklärungen oder auch hinsichtlich der Verwendung des zentralen Begriffs „kausal“ – enthalten diese Ausführungen vielmehr noch beträchtliche Unklarheiten und Probleme. Statt diese im einzelnen aufzuzeigen und nach Möglichkeit aufzulösen, sollen die folgenden Bemerkungen darauf reflektieren, wie die soweit refe-

99

rierten Weberschen Auffassungen insgesamt zu interpretieren und einzu- schätzen sind. Es soll also der Frage nachgegangen werden, warum Weber überhaupt in dieser so auffälligen (wenn auch viel zu wenig beachteten) und beharrlichen Weise die Notwendigkeit der „kausalen Betrachtung“ in den Kultur- und Sozialwissenschaften vertreten und soviel Zeit und Energie um die entsprechenden methodologischen Überlegungen und Auseinanderset- zungen investiert hat. Es könnte sein, daß die allgemeinen Beweggründe und Einsichten, von denen Weber sich dabei hat bestimmen lassen, auch dann noch gültig oder bedenkenswert bleiben, wenn einige seiner methodologi- schen Erwägungen und Postulate zwischenzeitlich manches an Überzeu- gungskraft oder an Bedeutung verloren haben sollten. Weber bedient sich der Kausalitäts-Begrifflichkeit, um größtmögliche Klarheit über die spezifischen aufgaben und über die Grenzen erfah- rungswissenschaftlicher Erkenntnis auf dem Gebiet der geschichtlich- gesellschaftlichen Wirklichkeit zu schaffen. In dieser doppelten Hinsicht ver- weist das Attribut ‚kausal‘ – in Formulierungen wie „rein empirisch-kausale Betrachtung“ (369) oder „rein empirisch-kausale Disziplin“ (87) – auf den streng empirischen Charakter der entsprechenden Erkenntnisbemühungen. Dies bedeutet zur positiven Seite hin, daß sich die fraglichen Diszipli- nen nicht auf bloß deskriptive und/oder sinn-interpretierende Vorge- hensweisen beschränken können und sollen, daß ihre „Erklärungen“ vielmehr reale, also raum-zeitlich zu verortende Bedingungs- oder Wirkungszusam- menhänge durchsichtig zu machen haben. Im Rahmen dieser Aufgabe ist es dann eine sekundäre Frage, ob die „kausalen Erklärungen“ mit einem gerin- gen Maß an Generalisierung (in Gestalt bloßer „Erfahrungsregeln“) bzw. mit „Regeln adäquater Verallgemeinerung und Systematisierung bemühen. Zu dieser positiven Funktion des Kausalitätsbegriffs in der Weberschen Verwendung gehört nicht die Vorstellung, daß die so erreichte „kausale Durchsichtigkeit“ der Wirklichkeit in erster Linie dazu dienen werde, in diese Wirklichkeit im großen Stil, planvoll und erfolgssicher einzugreifen. Diese für die Gesellschaftstheorien des 19. Jahrhunderts generell charakteristische (und insbesondere von Marx und Durkheim sehr betonte) Erwartung spielt in We- bers Überlegungen eindeutig keine bestimmende Rolle. Zwar besagt die Idee „der Naturkausalität“, die im Zuge der „Entzauberung der Welt“ den Ge- danken einer moralischen „Ausgleichskausalität“ ersetzt hatte, daß alle Dinge im Prinzip berechenbar und beherrschbar seien. Aus dieser prinzipiellen Ein- sicht folgt aber auch für die Naturwissenschaften (im engeren Sinne) nicht, daß die Natur-Welt tatsächlich einmal erschöpfend – womöglich vermittels

100

einer einzigen „Welt-Formel“ (317) – erklärt und nach Bedarf manipuliert werden könnte. Erst recht ist solches nicht im Hinblick auf die geschichtlich- gesellschaftliche Welt vorstellbar. Der Gedanke, die historische Wirklichkeit ließe sich, das entsprechende nomologische und Fakten-Wissen vorausge- setzt, in ihre Bestandteile zerlegen und – zunächst theoretisch, dann auch praktisch – von Grund auf re-konstruieren und umbauen, ist höchst irreal und, wie die historische Erfahrung lehrt, in seinen (politischen) Kon- sequenzen abenteuerlich. Tatsächlich zielt die Kausalitätsvorstellung, gerade wenn sie zur Er- läuterung der Entzauberungsthese beansprucht wird, auf ein prinzipielles Unvermögen einer solchen Weltbetrachtung, und dieses negative, erkenntnis- und auch praxiskritische Moment ist in Webers Ausführungen zur f rage der Kausalbetrachtung von vordringlicher Bedeutung. Die Qualifizierung von Erkenntnisverfahren als „rein empirisch-kausal“ bedeutet hier also, daß be- stimmte überschwengliche Erwartungen oder Anmaßungen als haltlos und uneinlösbar zurückgewiesen werden. Dem durch das Attribut ‚kausal‘ ange- zeigten Mehr an Erklärungskraft korrespondiert unvermeidlich ein Weniger (oder ein völliger Mangel) an Sinngebungs-, Wertsetzungs- und Obligations- kraft.

In diesem negativen Sinne setzt Weber, oft entschieden polemisch, die begrenzten Möglichkeiten der Kausalforschung allen Versuchen entgegen, in den historischen Sozialwissenschaften, verdeckt oder ausdrücklich, teleolo- gisch zu argumentieren: „Wem die schlichte Arbeit kausalen Verständnisses der historischen Wirklichkeit subaltern erscheint, der mag sie meiden, – sie durch irgendeine ‚Teleologie‘ zu ersetzen, ist unmöglich“ (WL, 138; vgl. 86, 93, 361 f., 393). Sehr klare und nachgerade moderne Bemerkungen macht Weber auch zum Verhältnis von kausalen und funktionalen Deutungen. Sie richten sich nicht gegen letztere als solche, wohl aber gegen die übliche, bereits von Nietzsche kritisierte Meinung, sie enthöben der Notwendigkeit einer kausalen Analyse. Davon kann nach Weber durchaus keine Rede sein; gegen entspre- chende Auffassungen auf seiten materialistischer und organizistischer Theo- retiker betont er, die Bedeutung der „funktionalen Vorfragestellung“ liege genau darin, der Kausalforschung die Richtung zu weisen (WL, 557; vgl.

169).

Wiederum ganz prinzipieller Natur ist die Grenze, die die rein empi- risch und kausal verfahrenden Wissenschaften von „normativen“ oder „dog- matischen“ Disziplinen, etwa auf dem Gebiet der Jurisprudenz oder der

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Theologie (aber auch in der Ethik oder der Logik) scheidet (369 f.). Der Gel- tungsanspruch dogmatischer Rechts- und Glaubenssätze läßt sich durch strikt empirische – und das heißt nach Weber: kausale – Ableitungen weder be- gründen noch zurückweisen. Ebensowenig läßt sich aus den sinnhaften oder Ableitungs-Beziehungen zwischen solchen Sätzen auf eine entsprechende „Logik“ ihrer geschichtlichen Entstehung und Abfolge schließen. In enger Beziehung zu den dogmatischen stehen nach Weber die wer- tenden Aussagen, und zwar genau deshalb, weil auch diese (aus den gleichen Gründen) dem Geltungs- und Kritikbereich empirisch-kausaler Feststellungen entzogen sind. In der Unmöglichkeit, Werturteile moralischen, ästhetischen oder sonstigen Inhalts in letzter Instanz und schlechthin verbindlich zu be- gründen, sieht Weber bekanntlich die wichtigste Konsequenz der geforderten Selbstbescheidung empirischer Wissenschaft. Daß es hier aber um eine logische Unmöglichkeit geht, wird genau dann einsichtig, wenn man akzeptiert, daß die von „Erfahrungsurteilen“ be- haupteten Zusammenhänge im besten Falle bloß kausaler Natur sind und nur als solche beansprucht werden können. 42

7.

Diese Hinweise mögen genügen, um sichtbar zu machen, welche ar- gumentative Funktion das Beharren auf einer kausalen Perspektive in Webers Wissenschaftslehre erfüllt. Zur positiven (und keineswegs zu vernachlässi- genden) Seite hin besteht diese Funktion darin, die Bedeutung, die Erklä- rungskraft und die kognitive wie praktische Reichweite der historischen Kul- tur- und Sozialwissenschaften vor Augen zu stellen, und zwar auch im Sinne

42 Hier setzt u.a. die sehr prinzipielle und scharfe Weber-Kritik von Ernst Troeltsch an. Weber sei, so bemerkt Troeltsch, von allen neukantianischen Geschichtstheo- retikern „am meisten zum Positivismus übergegangen“. Er habe sich auf einen „Kausalitätsmonismus“ festgelegt und deshalb keinen historischen Entwicklungs- begriff (mit seiner „besonderen Logik und seiner besonderen metaphysischen Tie- fe“) gewinnen können. Die historische Forschung sei von ihm auf die „Bildung von Kausalitätsreihen“ reduziert worden, und dabei werde nicht einmal zwischen Na- turkausalität und historischer Kausalität unterschieden: „Das wirkliche Eindringen in die innere Dynamik, Spannung und Ryhthmik des Geschehens, in das Ineinan- der von Sein und Wert und dessen Wachstum ist damit grundsätzlich ausgeschlos- sen“ (Der historische Entwicklungsbegriff in der modernen Geistes- und Lebens- philosophie, in: Historische Zeitschrift, Bd. 124/1921, 417 ff.; vgl. in diesem Zu- sammenhang auch Troeltschs Besprechung von Otto Ritschl, Die Causalbetrach- tung in den Geisteswissenschaften, Bonn 1901, in: Theologische Literaturzeitung 27/1902, Sp. 387-389.)

102

einer entsprechenden (Selbst-)Verpflichtung sozialwissenschaftlicher For- schung. So entschieden Weber einen intellektuellen oder gar politischen Do- minanz- und Führungsanspruch dieser Wissenschaften ablehnt, so nachdrück- lich wendet er sich auch dagegen, die ihnen gegebenen Er- kenntnismöglichkeiten nicht auszuschöpfen und sich in falscher Be- scheidenheit zu üben, etwa durch eine Beschränkung auf bloß sinn- verstehende oder wertinterpretierende Verfahren. Zur negativen, kritischen Seite hin bedeutet die Festlegung auf eine „kausale Betrachtung“ nichts anderes als den Verzicht auf alle erfah- rungswissenschaftlich nicht einlösbaren Ansprüche. „Negativ“ ist diese Funk- tion auch insofern, als der Begriff der kausalen Erklärung hier nur zur Ab- grenzung von verschiedenen, die Grenzen erfahrungswissenschaftlicher Er- kenntnis prinzipiell überschreitenden Bestrebungen benutzt wird. Offenbar bedarf zu diesem Zweck, jedenfalls bis auf weiteres, nur eine Definition ex negativo und keiner wohlbegründeten und allgemein akzeptierten positiven inhaltlichen Bestimmung. Zumindest in diesem erkenntniskritischen und dop- pelt negativen Sinne wird auch heute noch an der „regulativen Idee“ einer durchgängigen kausalen Erklärbarkeit resp. am „Kausalprinzip“ festgehalten, wenn die Bedingung der Möglichkeit, die Einheit und die Selbstbegrenzung erfahrungswissenschaftlicher Erkenntnis zur Frage stehen. Dabei rekurriert man, angesichts der ungelösten erkenntnistheoretischen Probleme, nicht sel- ten auf eine ausdrücklich nur pragmatische Begründung (vgl. Stegmüller 1970, 17). Offenbar kann auf diese „regulative Idee“ nicht ersatzlos verzich- tet werden, ein funktionales Äquivalent aber steht nicht zur Verfügung. Gerade hinsichtlich dieser letzten Überlegungen ist es gewiß zu be- dauern, daß Weber sich nicht eingehender mit den philosophischen, insbe- sondere erkenntnistheoretischen Voraussetzungen der kausalen Betrachtung beschäftigt hat. Zugleich aber gilt, daß viele seiner Gedanken – vor allem, soweit sie sich mit den Einwänden gegen eine kausale Betrachtungsweise in den Kultur- und Sozialwissenschaften befassen – weder überholt noch ausge- schöpft sind. 43 Dazu sollen, über das Gesagte hinaus abschließend noch eini- ge Hinweise gegeben werden.

43 Diese Überlegungen gehören im übrigen zu den am meisten eigenständigen Teilen der Weberschen Wissenschaftslehre. Deren Begrifflichkeiten und Argumentationen gehen ja in vielen Punkten auf andere Autoren zurück – ein Tatbestand, auf den Weber selbst immer wieder, wenn auch in einer eher pauschalen Weise, hingewie- sen hat. Spätestens die historische-kritische Edition der Wissenschaftslehre wird Gelegenheit bieten, diese vielfältigen Bezüge und Einflüsse im einzelnen aufzude- cken und zu bewerten.

103

Die Gedanken Webers zum „vollen Gehalt“ des Kausalitätsbegriffs dürften sich, so ‚ungeschützt‘ sie von ihm auch vorgetragen werden, durch den immer aufs neue vorgetragene Anthropomorphismus- (oder Animismus- )Einwand nicht erledigt haben. Diskussionswürdig ist vor allem die Frage, ob dieser Einwand nicht seine Plausibilität verliert, wenn er von der Naturer- kenntnis umstandslos auf die Erkenntnis menschlichen, und zwar sinnhaften „Sichtverhaltens“ übertragen wird. Dies ist nur dann nicht paradox, wenn gezeigt würde, daß es sich bei der Erfahrung, die Menschen von sich und ihresgleichen als handelnden Subjekten machen, in erfahrungswissenschaftli- cher Sicht um eine unbegründbare und haltlose Fiktion handelt. Es könnte gut sein, daß sich ein solcher Nachweis auf Prämissen gründen müßte, die sogar noch fiktiver (oder artifizieller) sind als jene Erfahrung. Wenig durchdacht erschien Weber die sehr übliche Behauptung, eine kausale Betrachtungsweise oder gar das Kausalprinzip sei mit der – mögli- chen -Freiheit und/oder Rationalität menschlichen Handelns nicht vereinbar. Wenn, was Weber für sehr unbefriedigend hielt, Freiheit als Sprunghaftigkeit oder Unberechenbarkeit definiert wird, so steht das ihrer kausalen (etwa e- motions- oder triebtheoretischen) Erklärbarkeit keineswegs entgegen; Frei- heit geradezu als „Ursachlosigkeit“ (305) zu bestimmen, würde dagegen hei- ßen, sie jeder empirischen Betrachtungsweise zu entziehen. Ein empirisch brauchbarer und zugleich anspruchsvoller Begriff von Freiheit läßt sich nach Weber überhaupt nicht ohne Bezug auf die „qualitative Rationalität“ menschlichen Handelns fassen. Die damit gegebene eigentümli- che Verstehbarkeit und Berechenbarkeit aber eröffnen einer „kausalen Be- trachtung“ sogar sehr besondere Möglichkeiten; die zu Webers Zeiten und auch heute noch (MacIntyre 1964, 52) anzutreffende Vorstellung, hier gehe es überhaupt nicht mehr um kausale, sondern um sinnhafte resp. „logische“ Beziehungen, hält einer näheren Prüfung nicht stand (jedenfalls solange über- haupt ein empirisch gegebenes, in der Zeit sich vollziehendes Handeln im Blick steht). Weniger überzeugend oder zumindest weniger gut erläutert und be- gründet erscheinen demgegenüber Webers Ausführungen (WL, 282, 507 f., passim) zu der Frage, ob hinsichtlich des Problems von Kausalität und Frei- heit eine prinzipielle Differenz zwischen einer objektivierenden, tendenziell erfahrungswissenschaftlichen Einstellung und der aktuellen Selbsterfahrung von Handeln anzunehmen sei. Weber bestreitet dies. Nach seiner Auffassung liegt z.B. auch keine Schwierigkeit darin, eine Bewertung, etwa ethischer oder ästhetischer Art, actualiter (und ohne jede Irritation) zu vollziehen und

104

sich zugleich ihrer durchgängigen kausalen Determiniertheit bewußt zu sein. Ein logisches Problem besteht hier tatsächlich nicht, und zwar auch nicht hinsichtlich des prinzipiellen logischen Unterschieds zwischen Wertungen und Kausalerklärungen (resp. ihren jeweiligen Geltungsbedingungen). Zu erwägen wäre aber, ob die originäre Erfahrung des „Wirkens“ im aktuellen Handlungsvollzug sich nicht von jener verallgemeinerten „strengen Durch- führung der Kategorien der Kausalität“, auch auf psychischem Gebiet, mehr oder minder gründlich dispensieren muß, die ihrer Genese und womöglich auch ihrer Geltung nach doch in ihr gründet. Ein zeitgenössischer Theoretiker (Elster 1981, 255) weist den Sozial-

wissenschaften die Aufgabe der „Befreiung des Menschen

die seine Intentionen nicht nur formen, sondern auch zunichte

machen“, zu. Diese Aufgabenstellung ist ohne Zweifel gut gemeint, aber, so formuliert, widersinnig und uneinlösbar, weil anders die Sozi- alwissenschaften, auch für diesen Autor, nur vermittels ihrer kausalen Erklä- rungen der Emanzipation zu dienen vermögen. Nicht in der Aufhebung aller „kausalen Kräfte“, die auf das menschliche Handeln einwirken, sondern in der Steigerung ihrer „kausalen Durchsichtigkeit“ liegt der Beitrag sozialwis- senschaftlicher Forschung zur Beförderung der Freiheitschancen menschli- chen Handelns. Die „normative“ Idee der Verantwortung setzt die Möglich- keit der „kausalen Betrachtung“ und der kausalen Zurechnung menschlicher Handlungen zwingend voraus; bei einem Verzicht auf diese Möglichkeit er- scheint das Handeln nicht frei und vernünftig, sondern „incomprehensible, chatic, void“ (Mac Iver 1964, 286). Hier liegt auch der Grund dafür, daß die von Weber aufgenommenen und fortgeführten Erörterungen vor allem in einem rechtstheoretischen Kontext aufgekommen sind. Daß diese Erörterun- gen um die Begriffe der objektiven Möglichkeit und der adäquaten Verursa- chung kreisen, hat keineswegs nur methodologische Gründe. Diese Begriffe (ebenso wie der von Weber später eingeführte Begriff der Chance) kenn- zeichnen vielmehr eine Form der „kausalen Betrachtung“, die – jenseits der falschen Alternative von Zufall und Notwendigkeit (vgl. v. Kries 1888, 200 ff.; WL, 69, 112 f., 287) – menschliches Handeln in seinen jeweiligen, tat- sächlichen und sinnhaften Möglichkeitsspielräumen durchsichtig zu machen sucht.

von den kausa-

len Kräften,

105

Wertfreiheit und Wertbeziehung. Überlegungen aus Anlaß einer Untersuchung über Aussiedler

1.

In meinen Arbeiten und übrigens auch in meinen Lehrveranstaltungen habe ich mich immer wieder auf Einsichten und Feststellungen Max Webers zur Wissenschaftslehre der Sozialwissenschaften bezogen. Von der grundsätzli- chen Gültigkeit dieser Einsichten war ich seit jeher in einer geradezu naiven Weise überzeugt, und es waren in der Hauptsache Behauptungen anderer Weber-Interpreten (Kritiker, aber auch Anhänger), die mich zu einem inten- siveren Nachdenken über Webers Auffassungen und dazu gebracht haben, mich meinerseits darüber auszulassen. In ganz besonderem Maße gilt dies für Webers These und Postulat der „Wertfreiheit“. Daß gerade dieses Stück der Weberschen Wissenschaftslehre auf soviel Ablehnung und Kritik stieß (und dies sogar bei Autoren, die nichts sehnlicher wünschten, als sich an Weber anschließen zu können), war mir kaum verständlich. Dieses Unverständnis erklärt sich wohl vor allem daraus, daß ich in erster Linie immer den logischen Kern der Weberschen Argumen- tation im Blick hatte, also die nach Webers eigener Ansicht „an sich höchst triviale“ Behauptung, daß sich aus erfahrungswissenschaftlichen Aussagen als solchen keine normativen oder Sollens-Sätze logisch zwingend ableiten las- sen (Es gibt schlechterdings keine Brücke, welche von der wirklich nur ‚em- pirischen‘ Analyse der gegebenen Wirklichkeit mit den Mitteln der kausalen Erklärung zur Feststellung oder Bestreitung der ‚Gültigkeit‘ irgendeines Werturteils führt“ und daß deshalb „der Forscher und Darsteller die Feststel- lung empirischer Tatsachen (einschließlich des von ihm festgestellten ‚wer- tenden‘ Verhaltens der von ihm untersuchten empirischen Menschen) und seine praktisch wertenden, d.h. diese Tatsachen (einschließlich etwaiger, zum Objekt einer Untersuchung gemachter ‚Wertungen‘ von empirischen Men- schen) als erfreulich oder unerfreulich beurteilenden, in diesem Sinn: ‚bewer- tende‘ Stellungnahme unbedingt auseinanderhalten solle, weil es sich da nun einmal um heterogene Probleme handelt“.

106

Auf die hier in Frage stehende resp. geforderte „rein logische Erörte- rung“ hat sich die Kritik des sog. Weberschen Wertfreiheitspostulats in aller Regel überhaupt nicht eingelassen. Statt dessen hat sie ihr pauschales Verdikt auf eine Forderung Webers gestützt, die dieser zwar an die Heterogeni- tätsthese anschloß, ohne sie, wie er wußte und ausdrücklich betonte, daraus logisch ableiten zu können: die Forderung nach Enthaltung von „Katheter- wertung“ und „Professoren-Prophetie“ („Politik gehört nicht in den Hör- saal“). Diese Forderung wird von Weber in der Abhandlung über den Sinn der Wertfreiheit (1917) des Näheren damit begründet, daß in der gegebenen politischen Situation „gerade die praktisch-politisch entscheidenden Wer- tungsfragen“, die „Lebensfragen der Nation“, nicht „in voller Freiheit disku- tiert werden könnten“ und daß „die Würde der Vertreter der Wissenschaft“ eine Beschränkung auf Wertprobleme minderen Ranges nicht zulasse. Webers Ausführungen und Forderungen zur „Katheterwertung“ berüh- ren und beeinträchtigen, wie immer man sie interpretiert und beurteilt, die Richtigkeit der eigentlichen Wertfreiheitsthese durchaus nicht. In einem Spannungsverhältnis stehen sie jedoch zu Webers Auffassung, daß eine noch so ‚wertfrei‘ prozessierende Sozialwissenschaft es nicht nur auf der Ge- genstandsseite, sondern auch auf seiten ihrer konstitutiven Erkenntnisvor- aussetzungen unvermeidlich mit Wertsetzungen zu tun habe. Um diesen, der geforderten „Wertfreiheit“ korrespondierenden Tatestand, den Weber mit dem Begriff der „Wertbeziehung“ faßt, hat man sich jedoch in den Aus- einandersetzungen über die Werturteilsfrage kaum gekümmert. Die „Aus- wahl und Formung“ ihrer Forschungsgegenstände verdankt die sozial- wissenschaftliche Forschung der „Wertbeziehung“ – also der zunächst hy- pothetischen Orientierung des oder der Forscher an Kriterien der Wichtig- keit, der kognitiven und innerwissenschaftlichen, aber auch und vor allem der lebenspraktischen (etwa moralischen oder politischen) Bedeutsamkeit. („Was Gegenstand der Untersuchung wird, und wieweit diese Untersuchung sich in die Unendlichkeit der Kausalzusammenhänge erstreckt, das bestimmen die den Forscher und seine Zeit beherrschenden Wertideen“; WL, 184.) Dies gilt grundsätzlich für alle Wissenschaften (als menschliche, kultu- relle Praxis), a fortiori aber für die Sozialwissenschaften als Kulturwissen- schaften, weil und sofern sie in spezifischer Weise in die geschichtliche und gesellschaftliche Praxis eigebunden sind und auf diese einwirken wollen. Oh- ne eine Reflexion über und eine Bindung an Werte als Präferenz – und Aus- wahlkriterien des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens kommen sozial- wissenschaftliche Forschungen also weder in Gang noch zu überzeugenden

107

Gegenständen noch endlich zur Wirksamkeit in außerwissenschaftlichen, gesellschaftlichen Handlungszusammenhängen. Wertungen, und zwar durch- aus auch politische Wertungen, sind also den Forschern nicht nur erlaubt, sondern notwendig, und es ist schwer einzusehen, warum er (oder sie) diese forschungsleitenden Wertgesichtspunkte (auch und gerade, sofern sie außer- wissenschaftlichen Charakters sind) auf dem Katheter nicht sollte offenlegen und vertreten dürfen. Wertpropagenda und politische Aktion („Kathetersug- gestion“) gehören allerdings nicht in den Hörsaal, doch sollte die explizite Darlegung und auch Rechtfertigung jener forschungsleitenden Wertbezüge den Forschern nicht nur zugestanden, sondern geradezu abverlangt werden. Nur so, scheint mir, kann die akademische Lehre auch die Aufgabe erfüllen, die Weber ihr (in Absetzung von der „Katheterwertung“) abfordert: der Ein- übung der Fähigkeiten nämlich, „Tatsachen, auch und gerade persönlich un- bequeme Tatsachen, zunächst einmal anzuerkennen und ihre Feststellung von der bewertenden Stellungnahme dazu zu scheiden“ (WL, 493). Im übrigen unterstellt Weber ja, daß es – in Gestalt der „Wertdiskussi- on“ und der „Wertanalyse“ (WL, 245 ff., 510 ff.; SSB, 417 f., 420 f.) ratio- nale, nämlich logische (formallogische, vielleicht auch transzendental- logische und empirische Verfahren zwar nicht einer „Letztbegründung“, wohl aber der Klärung, Präzisierung und Prüfung von „Wertideen“ gebe. Existier- ten solche Verfahren nicht, hätte man sich wenn nicht mit der Undurchsich- tigkeit, so doch mit der völligen Beliebigkeit forschungsleitender Wertprä- missen abzufinden, und ein solcher Mangel an Selbstaufkärung wäre einer so

sehr auf Aufklärung verpflichteten Wissenschaft kaum erträglich. Tatsächlich verlangt Weber auch ausdrücklich von den Vertretern der „sozialen Kultur- wissenschaften“, daß sie es verstehen müßten, „die Vorgänge der Wirklich-

auf universelle ‚Kulturwerte‘ zu beziehen und danach die Zu-

keit

sammenhänge herauszuheben, welche für uns bedeutsam sind“ (WL, 181). So sei es auch das Kennzeichen des „wissenschaftlichen Genius“, daß die

Werte, auf welche er die „Objekte seiner Forschung bezieht“, die „‚Auffas-

sung‘ einer ganzen Epoche zu bestimmen

vermögen“ (a.a.O., 182).

2.

Dies mag (und muß, um die an Weber anschließenden Vorstellungen über Wertfreiheit und Wertbeziehung zu umreißen, die ich verschiedentlich einge- hender und differenzierter erörtert und auch gegen die mehr oder minder

108

bekannten Einwände verteidigt habe. Meine einschlägigen Überlegungen waren, wie in der Wissenschaftstheorie üblich und wohl auch notwendig, durchgehend allgemeiner und prinzipieller Natur. Dies vor allem ist gewiß der Grund dafür, daß ich mich über die Jahre hinweg nicht in der Überzeu- gung von der Richtigkeit und der Praktikabilität dieser Vorstellungen irritiert, ja nicht einmal ernsthaft herausgefordert gesehen habe. Theoretische Analy- sen (selbst auf dem Gebiet der Kurltursoziologie) geben offenbar viel weni- ger Anlaß zu einer konkretisierenden und forschungspraktisch u.U. folgen- reichen wissenschaftstheoretischen Sebstvergewisserung als empirische Un- tersuchungen; dies erklärt sich in der Hauptsache wohl daraus, daß man sich bei letzteren nicht bloß mit Begriffen und Konzeptionen, sondern in einer sehr unmittelbaren, interaktiven Weise mit den Interessenlagen, Wertorientie- rungen und Ansprüchen von Menschen und Gruppen beschäftigen und ausei- nandersetzen muß. Über die begrifflich-theoretischen Annahmen hinaus wer- den auch die – nicht zuletzt in diese Annahmen eingebauten – Wertbezüge (und natürlich auch der Wertfreiheitsanspruch) sozialwissenschaftlicher For- schung in anspruchsvollen empirischen Untersuchungen einer sehr viel härte- ren, kritischen Prüfung ausgesetzt, als dies in theoretisch bleibenden Erörte- rungen zu geschehen pflegt. Den eigentlichen Gegenstand der kritischen Prü- fung bilden dabei allerdings nicht die forschungsleitenden Werte oder Wert- bezüge als solche, sondern deren Funktion bei der Auswahl und der begriff- lich-theoretischen Auffassung (resp. „Formung“) des Forschungsgegen- standes. Für meinen Teil habe ich mich, wie angedeutet, über die Jahre hinweg nicht genötigt gesehen, meine eigenen (implizit beanspruchten, aber auch gelegentlich explizit vertretenen) forschungsleitenden Wertideen einer kriti- schen Reflexion zu unterwerfen und diese Reflexion womöglich so weit zu treiben, daß auch die wissenschaftstheoretischen Prämissen selbst (also vor allem meine ‚Weberianischen‘ Vorstellungen von der Wertfreiheit und Wert- bezogenheit sozialwissenschaftlicher Forschung) mit problematisch gewor- den wären. Ich habe keinen Grund anzunehmen, daß dies nicht auch mit der Überzeugungskraft dieser Wertideen und Vorstellungen (im Vergleich mit den denkbaren und den vorgeschlagenen Alternativen) zusammenhängt. Wohl aber habe ich Grund zu vermuten, daß diese relative Unerschütterlich- keit auch damit zu tun hat, daß sich weder diese Wertideen selbst noch die sie absichernden wissenschaftstheoretischen Prämissen je dem Härtetest (o- der dem Fegefeuer) einer groß angelegten und substantielle sozio-kulturelle Problemlagen betreffenden empirischen Untersuchung ausgesetzt haben. In

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einigen kleineren Untersuchungen (insbesondere bei der Befragung über das Berufsbewußtsein von Lehrern und, mehr noch, beim Lehrforschungsprojekt über das Wohnverhalten und die Wohnverhältnisse von Arbeitern) hat es zwar gewisse Ansätze zu einer problematisierenden Reflexion gegeben, doch ließ sich in diesen Fällen der Reflexions- und Rechtfertigungsbedarf (mir selbst und anderen gegenüber) ohne große Mühe in engen Grenzen halten. Dies gilt für die jetzt ins Auge gefaßte und in Vorbereitung befindliche Untersuchung über deutschstämmige (resp. eine deutsche Volkszugehörig- keit beanspruchenden) Zuwanderer nicht mehr. Allerdings war mir, als ich die Ideen und den Plan dieser Untersuchung – zunächst allein, dann im Ge- dankenaustausch mit Kollegen aus der Geschichte und der Psychologie – entwickelte, durchaus nicht sogleich klar, daß mit diesem Unternehmen, über die von vorneherein erkennbaren theoretischen und forschungsmethodischen Schwierigkeiten hinaus, besondere wissenschaftstheoretische und wissen- schaftsethische Komplikationen verbunden sein könnten. Dies ist mir erst im Zuge einer näheren Beschäftigung mit der Sache, mit dem Stand (oder besser der Dynamik) der Diskussion innerhalb und, vor allem, außerhalb der scienti- fic community und schließlich mit den Problemen einer angemessenen Beg- riffs- und Theoriebildung bewußt geworden.

3.

An dieser Stelle will ich das zur Frage stehende Forschungsvorhaben soweit beschreiben, wie dies für die Zwecke der nachfolgenden Überlegungen not- wendig und zum gegenwärtigen Zeitpunkt möglich ist.

(a) Es ist keine Frage, daß der Prozeß, in dem die Aussiedler sich be-

mühen, sich in der bundesrepublikanischen Gesellschaft zurechtzufinden und einzuleben, eine Problematik von großer politischer, existentieller und wis- senschaftlicher Bedeutung darstellt. Trotzdem hat sich die so- zialwissenschaftliche Forschung dieser Problematik bisher kaum ange- nommen; der Unterschied zur Masse und Vielfalt der Untersuchungen zur

‚Arbeitsmigration‘ ist auffallend. Dies erklärt sich wohl nicht allein daraus, daß die Zuwanderung dieser Gruppen erst in den letzten Jahren sprunghaft angewachsen ist.

(b) Das unterscheidende Merkmal und die spezifische (wissenschaftli-

che, politische, aber auch existentielle) Problematik dieser Zuwanderergrup- pen liegt darin, daß sich ihre Zuwanderung und ‚Integration‘ in die Bundes-

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republik unter der Voraussetzung resp. dem Anspruch vollzieht, es handele sich in ethnischer und kultureller Hinsicht um Angehörige der – einen – deut- schen Nation. Aus dieser Voraussetzung und aus diesem Anspruch (der von den Zuwanderern selbst durchaus nicht allein und, was große Teile von ihnen betrifft, nicht einmal primär aus strategischen Gründen vertreten wird) erzeu- gen Randbedingungen der ‚Integration‘, die sich von den Verhältnissen bei den Arbeitsmigranten (und übrigens, in anderer Hinsicht, auch bei den Über- siedlern aus der DDR) sehr deutlich unterscheiden. Selbst in den Fällen, in denen die beanspruchte deutsche Identität viel mehr ist als eine unverzichtba- re Fiktion, spricht wenig für die Erwartung, daß der personale (kulturelle und identifikatorische) Teil der ‚Assimilation‘ (im Unterschied zum strukturellen Teil) sich erübrige oder doch vergleichsweise unproblematisch sei. Viel eher wird man vermuten müssen, daß genau diese Erwartung (auf seiten der Zu- wanderer selbst und/oder auf seiten ihrer sozialen Umwelt in der Bundesre- publik) spezifische Schwierigkeiten und Belastungen (auf der sozialen und der personalen Ebene) erzeugt. (b) Unsere theoretischen Überlegungen sind noch nicht soweit gedie- hen, daß ich eine fertige und konsistente Konzeption vorstellen könnte. Wir haben bisher erst begonnen, die verfügbaren und ergiebig erscheinenden Be- grifflichkeiten und Theoriestücke soziologischer und psychologischer Prove- nienz, aufeinander zu beziehen und aufeinander abzustimmen. Im Zuge dieser Bemühungen haben wir uns auf einen handlungs- (und lern-)theoretischen Bezugsrahmen und darüber hinaus, aus den angedeuteten Gründen, darauf verständigt, besonderes Gewicht auf das Problem der soziokulturellen und personalen Identität resp. des ‚Selbst-Konzepts‘ zu legen. Der Begriff der kulturellen Identität spielt bekanntlich in den öffentlichen und politischen Kontroversen, aber auch in den wissenschaftlichen Erörterungen eine zentra- le Rolle. Obwohl er derart als politischer Kampfbegriff verwendet wird und ohne Zweifel auch fragwürdige Konnotationen (vor allem im Sinne einer bestimmten Konstanz- und Homogenitätsunterstellung) mit sich führt, dürfte er doch als heuristischer Leitbegriff und vielleicht auch, in präziserer Form, als theoretisches Konzept brauchbar sein. Die spezifischen Merkmale der (kulturellen und personalen) Identität dieser Zuwanderer (a), ihre Entste- hungs- und Erhaltungsbedingungen in den Herkunftsländern (b) und ihre Bewahrung, Umbildung oder Auflösung im Prozeß der ‚Assimilation‘ (c) sollen so den Kernbereich unseres Forschungsgegenstandes bilden.

111

4.

Worin liegt nun das – im Sinne der vorausgeschickten Überlegungen – Irri- tierende und Bedenkliche einer so orientierten und angelegten Untersuchung? In einer soeben erschienenen Sammelbesprechung zur Migrationsfor- schung heißt es, daß man „bei den vielen Problemen, Spekulationen und Rechtfertigungen“, die zu hören seien, wenn es um die Aussiedler gehe, und bei dem „gesellschaftlichen Konfliktpotential“, das dieser Problematik inne- wohne, über die Veröffentlichung einer empirischen Untersuchung zu dieser Thematik 44 froh zu sein habe (Heckmann/Heckmann, Soziologische Revue 12/1989, 374). In dieser Bemerkung, wie auch sonst in vielen Äußerungen zum Verhältnis der soziologischen Migrationsforschung zu den die Öffent- lichkeit und die Politik bestimmenden Interessen- und Wertkonflikten, tritt, so scheint mir, ein unzulängliches Problembewußtsein zutage. Dieses unzu- längliche Problembewußtsein trifft viel weniger die Frage der Wertfreiheit (ihre Möglichkeit und ihre heilsamen Folgen) als die Frage der Wertbezie- hung. Tatsächlich wird dieser Unterschied häufig nicht oder nicht mit der erforderlichen Klarheit gemacht, sondern unterstellt, daß sich das ganze Pro- blem mit der Anerkennung und Beachtung des Werturteilspostulats erledige. In Wahrheit ist, wie bemerkt, die Werturteilsfrage – jedenfalls ‚im Prinzip‘ – vergleichsweise trivial, und das gilt auch hinsichtlich der Erforschung der Aussiedlerproblematik. Die eigentlichen Schwierigkeiten mit der Separierung und Kontrastie- rung wissenschaftlicher und außerwissenschaftlicher (lebenspraktischer) Deu- tungs- und Darstellungsformen ergeben sich aus dem Umstand, daß eine noch so „wertfrei“ verfahrende Analyse und Darstellung sozialer Tatsachen eines Bezugsrahmens bedarf, der durch außerwissenschaftliche Wert- und Relevanzentscheidungen definiert wird. Dies gilt jedenfalls, solange nicht beansprucht wird, das Ganze (die ‚Totalität‘) der gesellschaftlichen Realität, und zwar unter allen möglichen, resp. den allein zulässigen Wert- und Re- levanzgesichtspunkten zu erforschen – wie dies ja z.B. in Teilen der marxi- stischen Theorietradition üblich gewesen ist. Handlungstheoretische Konzeptionen kommen, bei aller sonstigen Ver- schiedenheit, darin überein, daß ihr Erkenntnisinteresse und ihre explana- torischen Bemühungen bei den subjektiven, d.h. empirisch vorfindbaren und wirksamen Welt- und Selbstdeutungen (Erfahrungen, Wertsetzungen, Moti- ven) gesellschaftlicher Akteure ansetzen. Dies bedeutet zwar ganz und gar

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nicht, daß man diese Welt- und Selbstdeutungen einfach hinzunehmen oder gar für ‚wahr‘ zu halten hätte; wohl aber bedeutet es, daß man sie in ihrer handlungsbestimmenden Bedeutung ernstnehmen und verständlich machen muß, und schließlich: daß die zumindest partielle Überlegenheit der wissen- schaftlichen Beschreibungen und Erklärungen in der direkten Aus- einandersetzung mit jenen ‚lebenspraktischen‘ Deutungen zu demonstrieren ist. Alles das aber ist nur möglich, wenn die forschungsleitenden Wertbezie- hungen in irgendeiner, und sei es in einer ganz negativen Weise in ein sinn- haftes Verhältnis zu den Wertorientierungen der untersuchten Akteure ge- setzt werden können. Genau dies nun scheint aufs Beste gewährleistet, wenn sich eine Untersuchung, wie die geplante, auf der Basis einer handlungtheo- retischen Orientierung des näheren auf die Problematik der sozio-kulturellen und personalen Identität richtet. Eine solche Spezifizierung des Forschunsin- teresses und der theoretischen Perspektive konvergiert offenbar in geradezu exemplarischer Weise mit der Situationsdeutung der zu untersuchenden Ak- teure, und es spricht alles dafür, daß die Konjunktur des Identitätskonzepts (und verwandter Konzepte) in der Migrationsforschung sich vor allem daher erklärt. Mir ist nicht bekannt, daß dieser Zusammenhang im Umkreis der bun- desdeutschen Migrationsforschung einmal kritisch reflektiert worden wäre. Tatsächlich konnte er solange unproblematisch erscheinen, wie es darum ging, die Gefährdungen und Chancen der kulturellen Identität von Minder- heiten in der westdeutschen Gesellschaft zu untersuchen, und dies in der praktischen Absicht, zur Sicherung dieser kulturellen Identität(en) beizutra- gen. Eine derart orientierte und motivierte Forschung konnte offenbar mit guten Gründen überzeugt sein, sich von universalistischen Wertideen leiten zu lassen, damit von Wertideen, die allein dem kognitiven Universalismus der Wissenschaft korrespondieren. (Das so erzeugte gute moralische Gewissen mag gelegentlich auch geholfen haben, das intellekuelle oder professionelle Gewissen zu beruhigen.) Hier liegt gewiß auch der Grund dafür, daß (wiederum im Umkreis der Arbeitsmigrantenforschung) die Auffassung vertreten wird, die konkurrie- renden assimilations- oder integrationstheoritischen Ansätze entsprängen fragwürdigen politischen Wert- und Zielsetzungen (Hill/Schell, Was ist ‚I- dentität‘?, in: Esser/Friedrichs 1989, 25). Eine derart politisch motivierte Fixierung auf das Problem der Identitätsbehauptung ist es übrigens wohl auch, die verhindert, daß das folgende (und an sich offenkundige) praktisch- politische Dilemma wahrgenommen wird: „Alle Maßnahmen, die eine stabil

113

und effektive Eingliederung begünstigen und damit ‚Spannungen‘ und ‚Kon- fliktpotential‘ beseitigen, verringern die ethnische Identifikation und die Rückkehrbereitschaft der Arbeitsmigranten irreversibel. Und alle Maßnah- men, die im Sinne der ‚Konsolidierung‘ die Rückkehrbereitschaft erhalten sollen, erhöhen die Situationsdiffusität des Wanderers und damit gleichzeitig unvermeidlich eine Marginalisierung, psychische Spannungen und damit das ‚Konfliktpotential‘“. 45 Die Auffassung von der politisch-moralischen Höherwertigkeit der i- dentitätstheoretischen Perspektive hängt, ohne daß dies ihren Vertretern be- wußt sein müßte, aufs engste mit dem Tatbestand zusammen, daß die ‚kultu- relle Identität‘ der Arbeitsmigranten in einem Verhätnis der Spannung, wenn nicht des unvereinbaren Gegensatzes, steht zu den kulturellen Gegebenheiten und Zumutungen der Aufnahmegesellschaft. Nur eine Auswahl und Formen‘ des Forschungsgegenstandes unter dem Gesichtspunkt der Identität und der Identitätsbehauptung korrespondiert, so scheint es , in dieser Lage den Impe- rativen einer universalistischen Ethik (im Sinne der Förderung personaler und kultureller Selbstbestimmung). Demgegenüber machen sich die assimilations- und integrationstheoretischen Ansätze dieser Auffassung zufolge den Domi- nanzanspruch der Aufnahmegesellschaft und ihrer Kultur zu eigen, und ein derartiger kultureller Partikularismus und Hegemonialismus widerspricht denjenigen ‚Kulturidealen‘, denen sich die Wissenschaft selbst verdankt. Der Tatbestand, daß die Migrationsforscher selbst typischerweise der aufneh- menden (deutschen) Gesellschaft und Kultur angehören, muß die Üerzeu- gungskraft dieser Argumentation wesentlich verstärken.

5.

Im Falle der Aussiedler nun scheint es Schwierigkeiten mit einer solchen (u- niversalistischen) Wertbeziehung zu geben. Die Zuwanderung, Aufnahme und, vor allem, bevorzugte (materielle und kulturelle) Versorgung dieser Gruppen beruht auf einer erfolgreich beanspruchten deutschen kulturellen respektive ethnischen (gar auf eine entsprechende ‚Volkstums‘-Zugehörig- keit gegründeten) Identität. So sehr sich hier also aus sachlichen Gründen eine identitätstheoretische Perspektive oder Problemdefinition geradezu auf-

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zwingt, so problematisch erscheint sie aus politisch-moralischen Gründen. Deutsche Sozialwissenschaftler, die sich diesem Thema zuwenden, müssen sich unter anderem mit den folgenden Fragen beschäftigen:

1. Gibt es (und was wäre dann) eine spezifisch deutsche Identität, und

zwar (a) in der Selbstwahrnehmung der Zuwanderer, (b) in sozialwissen-

schaftlicher Perspektive, also: Gibt es hier insofern ein besonderes Problem?

2.

Ergeben sich daraus besondere Bedingungen für den Eingliederungs-

prozeß?

3.

Beeinflußt dies (nämlich eine bejahende Antwort auf die Fragen 1

und 2. das Verhältnis der Sozialwissenschaftler zum Forschungsgegenstand (a) auf der – im engeren Sinne wissenschaftlichen – Ebene der zu verwenden- den Begrifflichkeiten, theoretischen Annahmen und Forschungsmethoden und (b) auf der – davor – oder dahinterliegenden – Ebene der forschungs- leitenden Wertbeziehungen (das heißt im Hinblick auf die praktische Be- deutsamkeit oder Relevanz der Problematik)? Diese Fragen scheinen mir unabweisbar und zwar 1. aus sachlichen Gründen und 2. deswegen, weil von der auf seiten des Untersuchungsobjekts beanspruchten Identität eine spezifische Herausforderung an den Sozial- wissenschaftler ausgeht – jedenfalls wenn dieser sich nolens volens in ir- gendeinem Sinne als Produkt, Angehöriger und vielleicht ‚Träger‘ deutscher kultureller Traditionen (zumindest auf dem Felde der Wissenschaftskultur) verstehen muß (oder weil, anders gesagt, die sozio-kulturelle, ethnische und wohl auch personale Identität des Sozialwissenschaftlers ins Spiel und auf den Prüfstand kommt). Zugleich aber ist – ohne nähere Erläuterung – evident, in welche Irrita- tionen, Schwierigkeiten und Peinlichkeiten eben diese unvermeidlichen Fra- gen führen. Hier ist daran zu erinnern, wieviel Unsicherheit und Streit in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit und unter bundesrepublikanischen Politikern von der Frage erzeugt worden ist (und noch wird), ob man dieser Zuwanderer-Gruppe mit ihren Identitätsansprüchen und Identitätszumu- tungen in einer besonderen (nämlich besonders sympathetischen) Weise be- gegnen müsse (Hinweis auf Kanzler Kohls Landsleute-Rhetorik einerseits, Lafontaines Warnung von ‚Deutschtümelei‘andererseits, schließlich D Cohn- Bendits Feststellung). In diesen Auseinandersetzungen ist gefordert worden, die Politik solle sich in ihrem Umgang mit den verschiedenen Zuwanderer- Gruppen von ein und derselben universalistischen Moral, etwa in Gestalt der christlichen Liebesethik, bestimmen lassen. Vermutlich kann man sich ver- gleichsweise leicht darauf verständigen, daß dies eine allzu ‚akosmistische‘

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(also weltfremde), den Realitäten politischen Handelns nicht gemäße Forde- rung sei. Warum aber sollte eine solche Forderung (auch nach dem oben Ge- sagten) nicht genau da am Platze und auch praktikabel sein, wo es um die Wahrnehmung und Behandlung der Aussiedler im wissenschaftlichen Kon- text geht? Für meine Person würde ich einer entsprechenden Empfehlung gerne folgen, wenn sie eine zureichende, konsistente und überzeugende Lö- sung darstellte. Tatsächlich aber bedeutet der oben (im Blick auf die Ar- beitsmigrantenforschung) erwähnte Universalismus gerade, daß die kulturelle Eigentümlichkeit und das kulturelle Eigenrecht der Zuwanderer auf den ver- schiedenen Ebenen des soziologischen Forschungsprozesse (vor allem als Thema wie als Wertbezug) beachtet werden. An dieser Stelle ist das bereits Gesagte um die Feststellung zu ergänzen, daß eine solche Forderung es auch fragwürdig erscheinen läßt, diese kulturelle Eigenständigkeit durch entspre- chende begrifflich-theoretische Vorrichtungen (vorzugsweise durch einen allgemeinen modernisierungstheoretischen Bezugsrahmen) zumindest zu rela- tivieren oder zu mediatisieren (ein Verfahren, das sich gerade für die Sozio- logie ja gewiß nahelegt). All dies muß nun aber auch für Forschungen über die Aussiedler gel- ten, und zwar gleichgültig, ob diese Forschungen von einem Amerikaner, ei- nem Japaner oder eben einem Deutschen durchgeführt werden. Wenn es sich aber um einen Deutschen handelt, so wird er sich, wie mir scheint, auch den spezifischen Irritationen und Zumutungen nicht entziehen dürfen und können, die von seinen Untersuchungsobjekten ausgehen. Natürlich versteht es sich, daß er den Identitätsdefinitionen und -zumutungen, denen er in seinen Unter- suchungen (Befragungen) begegnet, kritisch begegnet; dies läßt sich ange- sichts der jüngeren deutschen Geschichte und der Rolle, die Volkstums- und Volksgemeinschaftsideologien darin gespielt haben, selbst bei einem Mini- mun an Problembewußtsein und intellektuellerRechtschaffenheit kaum ver- meiden.

6.

Ich muß meine Überlegungen hier abbrechen, ohne daß ich über das bloße Problematisieren weit hinausgekommen wäre. Allerdings glaube ich, daß ich es auch bei viel längerem Nachdenken nicht zu einem – möglichst ver- allgemeinerbaren – Patentrezept gebracht hätte. Immerhin läßt sich aus dem Gesagten eine Einsicht ableiten, die mir nicht trivial erscheint: Eine So-

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ziologie, die sich überhaupt mit bedeutsamen gesellschaftlichen und kul- turellen Vorgängen abgeben will, wird sich trotz aller unaufgebbaren uni- versalistischen Prinzipien (kognitiver und normativer Art) und trotz aller be- rechtigten Bemühungen um generelle Erklärungen nicht aus allen partiku- laren Sinn- und Wertkontexten herauslösen können. Diese Tatsache wider- streitet weder der Verpflichtung zur Wertfreiheit und Objektivität noch steht sie im Gegensatz zu den fundamentalen ethischen Prinzipien, die bei der Er- zeugung und der Verwertung soziologischen Wissens zu beachten sind. Dies gilt allerdings nur dann, wenn die fraglichen partikularen Wertbezüge und Wertbindungen ihrerseits nicht der kritischen Reflexion und Prüfung – oder allgemeiner: der Pflicht zur Rationalität und intellektuellen Rechtschaffenheit – entzogen werden, und sei es dadurch, daß man ihre Existenz oder ihre E- xistenzberechtigung leugnet.

117

Das Verstehen des Lebens und die verstehende Soziologie (Dilthey und Weber)

1.

In den nachfolgenden Überlegungen wird Wilhelm Diltheys Lehre vom Ver- stehen nicht von innen heraus, in ihrer ganzen Breite und Tiefe und auch nicht hinsichtlich ihrer Genese oder ihrer verwickelten, zu großen Teilen un- tergründigen Wirksamkeit in den Blick genommen. Es geschieht dies viel- mehr aus einer ganz besonderen und in mehrfacher Hinsicht begrenzten Per- spektive heraus, nämlich aus der Perspektive der verstehenden Soziologie Max Webers. Diese Perspektive habe ich mir in allen wesentlichen Punkten und bis auf weiteres zu eigen gemacht. Dies bedeutet, daß ich Diltheys Auf- fassungen auch nur insoweit betrachte und erörtere, wie sie mir für die ge- genwärtige Diskussion über die Problematik einer ‚verstehenden Soziologie‘ wichtig und diskussionswürdig erscheinen. Demgegenüber bleibt auch die Frage des faktischen Einflusses Dilteys auf Weber (und einer eventuellen Wechselwirkung zwischen den beiden Denkern) weitgehend unerörtert. Na- türlich hoffe ich, daß die von mir behandelten Fragen, trotz aller Grenzen der Reichweite und des Anspruchs, dennoch das Zentrum des Diltheyschen Den- kens und seiner Aktualität berühren.

2.

Max Weber hat in seinen frühen Arbeiten zur Wissenschaftslehre der Kultur- und Sozialwissenschaften auf Wilhelm Dilthey als einen der Autoren verwie- sen, von denen er sich in seinem Denken beeinflußt oder zumindest, wie bei Rickert, bestätigt sah. Aber selbst da, wo es von der Sache her besonders nahegelegen hätte, sind diese Verweise oder Bezugnahmen keineswegs so ausführlich und so nachdrücklich, wie man es hätte erwarten können. Was des Näheren die Problematik des Verstehens angeht, so wird in der Abhand- lung über „Knies und das Irrationalitätsproblem“ (WL, 92) gesagt, daß sich die „logisch weitaus entwickeltsten Ansätze einer Theorie des Verstehens“ in

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der 2. Auflage von Georg Simmels „Probleme der Geschichtsphilosophie“ (1905) fänden. Auf eine Auseinandersetzung mit den Auffassungen Diltheys wird, im gegebenen Zusammenhang, ausdrücklich verzichtet, und zwar we- gen der Gefahr, nicht nur auf ein allzu weites Feld, sondern „ins Bodenlose“ zu geraten. 46 Die Hervorhebung Simmels findet sich dann auch wieder in den beiden Arbeiten zur Grundlegung der verstehenden Soziologie („Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie“ von 1913 und „Grundbegriffe“ von 1920). Dilthey dagegen, der doch mittlerweile auch die Abhandlung über den „Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften“ veröffent- licht hatte (1905/1910), wird hier (anders als Rickert, Jaspers, Tönnies, Gottl, Husserl und Lask) überhaupt nicht mehr, auch nicht unter anderem, erwähnt, und dies obwohl doch gerade diese Arbeiten die systematischsten und konzentriertesten Überlegungen zur Frage des Verstehens enthalten. Auch ohne genauere Prüfung und Erörterung läßt sich also sagen, daß Weber Diltheys Bedeutung für die Klärung der Verstehensproblematik in den historischen Sozialwissenschaften als eher gering wahrgenommen und einge- schätzt hat. Man könnte meinen, daß dies vor allem mit Diltheys ablehnender Haltung zur ‚Soziologie‘ zusammenhänge. Eine solche Vermutung ist aber nicht sehr plausibel. Eine als Universalwissenschaft von der „geschichtlich- gesellschaftlichen Welt“ verstandene, diese Welt in abstrakte Begriffe und Gesetze auflösende (bzw. sie aus solchen ableitende) Soziologie nämlich, wie sie Dilthey in seiner Kritik allein vor Augen stand, ist auch von Weber jeder- zeit für unmöglich gehalten und aufs entschiedenste abgelehnt worden. We- ber hat sich bekanntlich lange Zeit sehr distanziert zu dieser vermeintlichen Über-Wissenschaft verhalten, und als er sich schließlich doch auf die Sozio- logie einließ, geschah es nicht zuletzt um zu zeigen, was es, auch an Selbst- beschränkung und Selbstdisziplinierung des Erkenntnisstrebens, bedeute, sie „streng wissenschaftlich“, und zwar streng erfahrungswissenschafltich, auf- zufassen und zu betreiben. Die von ihm ins Auge gefaßte und auf die Bahn gebrachte Soziologie ist aber nicht nur durch drastisch reduzierte Ansprüche hinsichtlich der Reichweite und Sicherheit ihrer Erkenntnisse und hinsichtlich ihres praktisch-politischen Nutzwerts (was den Entwurf und die Imple- mentierung neuer sozio-politischer Ordnungen oder, mit Troeltsch zu spre- chen, einer neuen „Kultursynthese“ betrifft) gekennzeichnet. Vielmehr ist sie

119

zugleich und zutiefst von der Erfahrung der Geschichtlichkeit der Welt, ins- besondere der Menschenwelt, und ihrer Erkenntnis geprägt und bestimmt, und dies wiederum erklärt, warum Weber glaubte, daß sie nur als ver- stehende Soziologie ihren eigenen (geschichtlichen und intellektuellen) Ent- stehungsbedingungen, ihrem spezifischem Gegenstand und ihren kognitiven und praktischen Aufgaben gerecht werden könne. Diese Auffassungen Webers, die Soziologie betreffend, stehen so we- nig im Widerspruch zu den Diltheyischen, daß vieles für die Behauptung spricht, die Webersche ‚verstehende Soziologie‘, und zwar nur sie, re- präsentiere genau die durch die Diltheyische „Kritik der historischen Ver- nunft“ hindurchgegangene Gestalt dieser Wissenschaft – auch wenn Dilthey selbst dies, u.a. wegen seines zu frühen Todes, nicht habe wahrnehmen, ja nicht einmal ahnen können. Das würde auch bedeuten, daß diese Denktradi- tion für Weber zumindest der Sache nach viel wichtiger gewesen ist, als er selbst meinte, und vielleicht sogar wichtiger als die von Weber selbst so stark hervorgehobene neukantianische, insbesondere Rickertsche (nicht: Simmel- sche) Erkenntnis- und Wissenschaftslehre. Daß eine solche Vermutung man- ches für sich hat, sollen die nachfolgenden Erörterungen zeigen. Zugleich allerdings wird sich aus ihnen ergeben, daß die ‚verstehende Soziologie‘ auch eine unvermeidliche Absage an zentrale Motive und Zielsetzungen des Dil- theyischen Denkens impliziert.

3.

Nicht mit Webers (das wäre anmaßend und unmöglich), wohl aber mit mei- nen eigenen Weberianischen Augen will ich also im folgenden einige Gedan- ken und Argumente Diltheys in den Blick nehmen und prüfen. Dabei werde ich mich im wesentlichen auf den Stand der Diltheyischen Überlegungen be- ziehen, wie er sich im „Aufbau der geschichtlichen in den Geisteswissen- schaften“ (bzw. im Umkreis dieser unvollendeten Arbeit) darstellt. Nicht ein- gehen werde ich also auf das von Dilthey zuvor verfolgte Projekt, eine „be- schreibenden und zergliedernde Psychologie“ als „Grundwissenschaft“ der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften zu erweisen und auszuarbeiten (und schon gar nicht will ich mich auf die schwierige Frage einlassen, ob Dil- theys Denkweg in den verschiedenen Phasen von unvereinbaren Zielset- zungen bestimmt und gehemmt worden ist). Es ist keine Frage, daß Weber die Vorstellung, die Wissenschaften von der geschichtlich-gesellschaftlichen

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Welt bedürften, um endlich eine feste theoretische und methodologische Ori- entierung zu gewinnen, einer psychologischen Fundamentierung auch in der

Diltheyischen Version für prinzipiell fehlgeleitet gehalten hat. Das wird, was Diltheys Auffassungen angeht, schon an der bereits erwähnten skeptischen Bemerkung in „Knies und das Irrationalitätsproblem“ deutlich, und im üb- rigen sind weite Passagen der Wissenschaftslehre (einschließlich des Ka- tegorien-Aufsatzes) und, wie bekannt, der „Antikritiken“ zur „Pro- testantischen Ethik“ der prinzipiellen Zurückweisung jener Vorstellung von der Psychologie als theoretischer „Grundwissenschaft“ der geschichts- und gesellschaftswissenschaftlichen Forschung gewidmet. Allerdings sollte, trotz aller gebotenen Kürze, doch nicht unerwähnt bleiben, daß sich die Dinge bei Dilthey auch in dieser Frage durchaus verwi- ckelt und mehrdeutig darstellen. Die von ihm ins Auge gefaßte Psychologie sollte, um ihre Funktion als ‚Grundwissenschaft‘ erfüllen zu können, gerade keine psychologistische Reduktion geschichtlich-gesellschaftlicher Wirklich- keiten zum Ziele haben. So heißt es in den – zu Lebzeiten nicht veröffent- lichten – Aufzeichnungen im Umkreis der (frühen) Abhandlung „Über das Studium der Geschichte der Wissenschaften vom Menschen, von der Ge- sellschaft und der Geschichte“ (GS XVIII, 64): „Die psychologischen De- duktionen aus einer Mehrheit von Trieben mußten verworfen werden, in den Wechselwirkungen der Individuen in der Gesellschaft ist der Ausgangspunkt zu nehmen; bestimmte Weisen der Beziehung, welche bei Auf- und Unter-

gang der Individuen verharren, stellen sich als Systeme dar

“. Diese Syste-

me der „Wechselwirkung“ seien, so fährt Dilthey fort, diejenigen „Elemen- tarvorgänge, welche das gewaltige Ganze der Gesellschaft und Geschichte bilden“. Der „erste und entscheidende Grundzug für die logische Kon- stitution des Zusammenhangs der Wissenschaften vom Menschen, der Ge- sellschaft und der Kultur“ aber bestehe darin, daß diese Elementarvorgänge sich in einer ganz spezifischen Weise unserem Verständnis erschlössen: „von innen wie sie an sich sind, in ihrer vollen Realität“ (a.a.O.). Dilthey selbst hat an anderer Stelle, nämlich im Zusammenhang seiner Arbeiten an der geplan- ten Neuausgabe der „Einleitung“ (1904-1906; GS I, 421 f.) die Affinität sol- cher Vorstellungen zu Simmels soziologischer Formenlehre festgestellt (und diese von seiner Ablehnung der Soziologie, die er weiterhin nicht als Wissen- schaft anerkennen wollte, ausgenommen). Die Gesellschaftlichkeit und die im Verstehen sich erschließende Sinn- haftigkeit der geschichtlichen Welt standen Dilthey also ebenso vor Augen wie der Tatbestand, daß eben darin ihre Geschichtlichkeit gründe. Die zitier-

121

ten Bemerkungen machen aber auch deutlich, daß es diese, einem un- mittelbar-evidenten Verständnis zugänglichen „Elementarvorgänge“ des in- tersubjektiven Lebens sind, bei denen immer aufs Neue Diltheys Bemühun- gen ansetzen, die „geschichtliche Weltanschauung“ vor der ihr inne- wohnenden selbstzerstörerischen Logik zu retten. Darauf ist zu- rückzukommen.

4.

Zwei miteinander verknüpfte Leitmotive des Diltheyischen Denkens verdie- nen aus der Sicht der verstehenden Soziologie besonderes Interesse: die Idee einer unverkürzten oder, mit Dilthey (GS V, 3, 168) zu sprechen, „unver- stümmelten“ Erfahrung des Ganzen der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit (oder des „Lebens“) einerseits, die Annahme, daß diese Wirk- lichkeit in einer spezifischen und spezifisch evidenten Weise, nämlich „von innen her“, erkennbar, und das heißt verstehbar, sei, andererseits. „Mich ver- langte“, so bemerkt Dilthey rückblickend (GS V, 4) „in die geschichtliche Welt immer tiefer einzudringen, um gleichsam ihre Seele zu vernehmen“. Das „Leben aus ihm selber verstehen zu wollen“ sei der „herrschende Impetus“ seines philosophischen Denkens gewesen. „Wirklichkeitsphilosophie“ und „Philosophie der Selbstbesinnung oder des Lebens“ waren, nach Georg Misch (GS V, LIII; vgl. GS VII, 176), die von Dilthey bevorzugten – und in seinen Augen äquivalenten – Selbstcharakterisierungen seines Werks. Die idealistischen (insbesondere Hegelschen) und die positivistischen Konstruktionen der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt sind von der Le- bens-Wirklichkeit gleichermaßen entfernt und abgezogen. Aber auch für die viel weniger ‚hegemonialen‘ (und Dilthey viel sympathischeren) Theorien der Erfahrung von Locke, Hume und Kant galt nach Diltheys Auffassung, daß in den Adern der von ihnen konstruierten erkennenden Subjekte kein „wirkli- ches Blut“ fließe, sondern „der verdünnte Saft von Vernunft als bloßer Denk- tätigkeit“ (GS V, XVIII). Auch ein solches Erkenntnis- und Wirk- lichkeitsverständnis erscheint Dilthey ganz unbrauchbar für die Wissen- schaften des Menschen, der Gesellschaft und der Geschichte. Diese Wissen- schaften nämlich, die er vorübergehend (GS XVIII, 19 ff.) auch als „Wissen- schaften des handelnden Menschen“ bezeichnet hatte, sind nicht nur „in der Praxis des Lebens selber erwachsen“ (GS I, 21), sie bleiben vielmehr, und zwar gerade als den ausdifferenzierten Bedürfnissen dieser Praxis gemäß

122

ausdifferenzierte „Einzelwissenschaften“, an das praktische, geschichtlich- gesellschaftliche Leben und die diesem eigentümliche Form der Selbst-Er- fahrung zurückgebunden. Dies bedeutet allerdings für Dilthey ganz und gar nicht, daß sich diese Wissenschaften, im Sinne eines strikten Historismus, auf eine Auffassung und Beschreibung singulärer Konkretionen des geschichtlich-gesellschaftlichen Lebens beschränken und auf alle Generalisierung und Theoriebildung ver- zichten müßten. Eine solche Selbstbeschränkung entspräche weder den an sie

als Wissenschaften gerichteten Anforderungen (die auf eine spezifisch gestei- gerte Form der „Selbstbesinnung“ des geschichtlichen Lebens zielen) noch, so ist zu ergänzen, den oben angedeuteten, weiterreichenden Intentionen Diltheys. Die allgemeinste Absicht seiner Bemühungen, bemerkt dieser so auch in der Vorrede zur „Einleitung in die Geisteswissenschaften“ von 1883 (GS I, XVII), bestehe darin, „das Prinzip der historischen Schule und die Arbeit der durch sie gegenwärtig durchgehends bestimmten Einzelwis- senschaften der Gesellschaft philosophisch zu begründen und so den Streit zwischen dieser historischen Schule und den abstrakten Theorien zu schlich- ten“. Diltheys Leitfrage lautet demnach: „Welches ist der Zusammenhang von Sätzen, der gleicherweise dem Urteil des Geschichtsschreibers, den Schlüssen des Nationalökonomen, den Begriffen des Juristen zugrunde liegt

und deren Sicherheit zu bestimmen ermöglicht?

für einen Zusammenhang der Sätze, der den Einzelwissenschaften Verknüp- fung und Gewißheit giebt?“ 47 Nicht vor oder jenseits der einzelwissenschaftlichen Forschungen, son- dern nur im verständnisvollen und kritischen Durchgang durch diese er- schließt sich nach Dilthey der Einheitsgrund der geschichtlich- gesellschaftlichen Wirklichkeit: der „ganze, ungeteilte Mensch als fühlendes, vorstellendes, wollendes, nicht bloß erkennendes Wesen“, in seinem „vollen Lebenszusammenhange“ (Spann 1903, 204; vgl. GS I, XVIII, 26 f.; Riedl 1981, 37), in der „Totalität“ seines Wesens (GS XVIII, 166). Damit ist gesagt, „was der Mensch sei, sagt ihm nur seine Geschichte“ (Diltheys ‚Traum‘ zit. Misch 1967, 36) oder: „Die Totalität der Menschenna- tur ist nur in der Geschichte“ (GS I, XVIII). Diese Aussagen aber, und das ist für Dilthey offensichtlich noch wichtiger, lassen sich auch umkehren: In einem ganz innerweltlichen, nicht-metaphysischen Sinne offenbart sich in der Geschichte, jenseits der Veränderlichkeit, Relativität und Endlichkeit aller

Wo ist der feste Rückhalt

123

Dinge, etwas „Unveränderliches, Regelhaftes“ (zit. Wanstraat 1949, 29; GS VII, 189), die „Kontinuität (einer) schaffenden Kraft“ (zit. Landgrebe 1951/52, 208 f.): das menschliche Leben in seiner Totalität. Derart vermag das „historische Bewußtsein“, so bemerkt Dilthey, das einen „absoluten Zweifel“ hervorgebracht hat, diesen (und die damit verbundene Gefahr einer „furchtbaren Anarchie des Denkens“) auch „in seinen Grenzen zu bestim- men“. Es habe die letzten, von Philosophie und Naturforschung noch ver- schonten Ketten zerrissen mit der Folge, daß der Mensch „nun ganz frei“ dastehe. Dasselbe historische Bewußtsein aber rette „zugleich dem Menschen die Einheit seiner Seele, den Blick in einen obzwar unergründlichen, doch der Lebendigkeit unseres Wesens offenbaren Zusammenhang der Dinge“ (Dil- theys ‚Traum‘; zit. Misch 1967, 35). Der eigentliche und einigende Gegenstand der Geisteswissenschaften ist also „die Totalität der Menschennatur“ oder „die Menschheit“ (Aufbau, GS V, 81), nicht jedoch als unmittelbar und im vollen Umfange erfaßbare Wesenheit, sondern als geschichtlicher „Lebens- und Wirkungszusammen- hang“, als „Zusammenhang von Leistungen“ (GS V, 153), der sich in der ungeheuren Fülle der kulturellen und gesellschaftlichen Schöpfungen – in „Staaten, Kirchen, Institutionen, Sitten, Büchern, Kunstwerken“ (GS V, 84), in „Gütern und Werten“ (153) – entäußert und vergegenständlicht hat. Ge- genstand der Geisteswissenschaften ist so „alles, worin sich der Geist objek- tiviert hat“ (GS V, 148). Die spezifische Differenz der geisteswissenschaftlichen Stellung (ge- genüber der naturwissenschaftlichen) besteht genau darin, diese Werke, Ge- bilde und Ordnungen als Äußerungen und Objektivationen eines „Inneren“, also „von innen her“ aufzufassen und zu analysieren. In „Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften“ (GS V, 85) betont Dil- they ausdrücklich, das hier im Blick stehende „Innere“ sei nicht in dem Sinne psychologisch zu deuten, daß damit die unmittelbare Wirksamkeit konstanter seelischer Vorgänge oder Strukturen gemeint wäre. Das in sachlicher, ge- schichtlicher und auch fachlicher Hinsicht ausdifferenzierte gei- steswissenschaftliche Erkennen habe es vielmehr zunächst und vor allem mit „geistigen Gebilden“ zu tun, die durch eine je „eigene Struktur und Gesetz- mäßigkeit“, eine je spezifische „Totalität des seelischen Zusammenhangs“ (V, 150) ausgezeichnet seien. Tatsächlich liege nicht nur die Möglichkeit, son- dern auch die Notwendigkeit der empirischen und fachlich ausdifferenzierten Geisteswissenschaften darin begründet, daß sich das „Leben“ (oder der „Geist“) nur als Einheit von Erleben, Ausdruck und Verstehen bestimmen

124

und deswegen nur vermittels seiner Objektivierungen erfassen lasse (V, 87). Die Geisteswissenschaften verstünden und verwendeten den Begriff des Gei- stes in dem Sinne, in dem Montesquieu vom „Geist der Gesetze“, Hegel vom „objektiven Geist“ und Ihering vom „Geist des römischen Rechts“ ge- sprochen haben. Es ist nicht zu übersehen und gewiß auch kein Zufall, daß Dilthey sich an den Stellen, an denen er die Möglichkeit eines Verstehens „von innen her“ als unterscheidendes Merkmal der Geisteswissenschaften hervorhebt, nicht so konsistent und klar ausdrückt, wie es zu wünschen und zu erwarten wäre. Er besteht, wie gesagt, sehr nachdrücklich darauf, daß sich das Leben nicht un- mittelbar, sondern nur auf dem Wege über die unendliche Vielfalt seiner Ausprägungen und Objektivationen erfahren und verstehen lasse. Weil dies so ist, ist mit der Feststellung, daß das Leben sich nur dem Leben oder, wie es auch bei Hegel heißt, der Geist nur dem Geist erschließe („Nur was der Geist geschaffen hat, versteht er“; VII, 148) zwar eine notwendige (und un- terscheidende), aber gewiß noch keine hinreichende Voraussetzung konkre- ter geisteswissenschaftlicher Erkenntnis ausgesprochen. Dies gilt auch, und sogar a fortiori, für die Ausführungen Diltheys in der „Einleitung in die Geis- teswissenschaften“ (I, 36 f.), in denen er auf die – Subjekt und Objekt der geisteswissenschaftlichen Forschung verbindende – Gesellschaftlichkeit als Bedingung der Möglichkeit eines „inneren“ Verstehens rekurriert. Dort heißt es: „Die Natur ist uns fremd. Denn sie ist uns nur ein Außen, kein Inneres. Die Gesellschaft ist unsere Welt. Das Spiel der Wechselwirkungen in ihr er- leben wir mit, in aller Kraft unseres ganzes Wesens, da wir in uns selber von innen, in lebendigster Unruhe, die Zustände und Kräfte gewahren, aus denen ihr System sich aufbaut“. Dilthey beschließt diese Passage mit dem lapidaren Satz: „Ich verstehe das Leben der Gesellschaft“. Diese Äußerung bereitet zunächst deshalb Schwierigkeiten, weil sich die höchst allgemeine und gleichsam ungeschützte Rede von „der Gesell- schaft“ nicht ohne weiteres mit den anderen (und üblicheren) Bestimmungen des Lebens bei Dilthey verbinden läßt – auch wenn er, wie bemerkt, die inter- subjektive oder dialogische Struktur des Lebens immer wieder hervorhebt. Vor allem aber läßt auch diese Formulierung nicht erkennen, was, angesichts der Vielgestaltigkeit, geschichtlichen Relativität und auch Gegensätzlichkeit der Objektivationen des Geistes, mit einem solchen Grundsatz, so richtig er sein mag, für ein angemessenes Verständnis bestimmter Äußerungen des Lebens gewonnen ist. Es ist ja keine Frage, daß der Begriff (oder die Idee) der Gesellschaft in dieser Hinsicht noch viel leerer und unergiebiger ist als

125

etwa der Begriff des Geistes bei Hegel (und zwar sogar dann, wenn man ihn in seiner spekulativen oder ontotheologischen Bedeutung nimmt). „Das Verstehen“, sagt Dilthey im „Aufbau der geschichtlichen Welt“, „ist ein Wiederfinden des Ich im Du; der Geist findet sich auf immer höheren Stufen von Zusammenhang wieder; diese Selbigkeit des Geistes im Ich, im Du, in jedem Subjekt einer Gemeinschaft, in jedem System der Kultur, schließlich in der Totalität des Geistes und der Universalgeschichte macht das Zusammenwirken der verschiedenen Leistungen in den Geisteswissen- schaften möglich. Das Subjekt des Wissens ist hier eines mit seinem Ge-

genstand, und dieser ist auf allen Stufen seiner Objektivation derselbe“ (Auf- bau, 235 f.). Die hauptsächliche Aufgabe einer „Erkenntnistheorie der Ge- schichte“ (a.a.O., 136) oder der Geisteswissenschaften besteht nach Dilthey darin, diejenigen „Kategorien der geistigen Welt“ aufzudecken, vermittels deren sich das Verstehen des Lebens – des je eigenen und des fremden – vollzieht, mit deren Hilfe sich das Leben also, wie vermittelt auch immer, am Ende doch immer nur selbst versteht: „Es ist der Vorgang des Verstehens, durch den Leben über sich selbst in seinen Tiefen aufgeklärt wird“ (GS VII, 87). Als Kategorien der geistigen Welt werden von Dilthey in einem Nach- laßfragment (GS VII, 362) u.a. aufgeführt: „Das Ganze und seine Teile. Der Zusammenhang. Die Struktur im Zusammenhang. Die Bestimmtheit der Ein- zelexistenz. Einzelexistenz als Kraft in der Wechselwirkung der Kräfte. We-

Die erste und allgemeinste der Kategorien (361,

sen und Entwicklung

232) des Erlebens (VII, 237, 195) und des Verstehens (VII, 234) aber ist die Kategorie der Bedeutung. Mit ihr ist nämlich nichts anderes gemeint als die „besondere Art der Beziehung, welche innerhalb des Lebens dessen Teile zum Ganzen habe“ (VII, 233 ff.; vgl. Bollnow 1936, 124 f.).

“.

5.

Bei diesen letzten Bemerkungen zur Verstehensproblematik habe ich es nicht vermeiden können, zumindest einen Ansatzpunkt der Kritik aus der Sicht der verstehenden Soziologie anzudeuten. Ich will mich nunmehr in einer etwas systematischeren, wenn auch immer noch sehr fragmentarischen und vorläu- figen Weise der kritischen Erörterung zuwenden. Diese Erörterung wird sich auf einige grundsätzliche und allgemeine Fragen beschränken, und deshalb sollte ich vorweg doch noch betonen, wie wichtig und lehrreich (und durch- aus unausgeschöpft) Diltheys Analysen, und zwar gerade zum Zusam-

126

menhang von Erlebnis, Ausdruck und Verstehen, aber auch z.B. zur Bezie- hung zwischen den elementaren und den höheren Formen des Verstehens 48 , für eine ‚Weberianische‘ Soziologie sind. Aber auch in prinzipieller Hinsicht ist, was die angesprochenen all- gemeinen Annahmen und Argumente Diltheys betrifft, zunächst die Überein- stimmung mit grundlegenden Auffassungen und Intentionen Webers gehörig hervorzuheben. Dies gilt, erstens, für Diltheys Überzeugung, daß die Geis- teswissenschaften berufen und auch genötigt seien, sich in ganz anderer Wei- se auf die konkrete geschichtlich-gesellschaftliche Lebenswirklichkeit einzu- lassen, als dies bei den Theoretikern geschieht, die, ohne Rücksicht auf die Besonderheiten ihres Gegenstandes (oder besser: unseres Verhältnisses zu diesem Gegenstand) ihr Wissenschafts- und Theorieverständnis umstandslos von den Naturwissenschaften übernehmen. Hier ist nur in Erinnerung zu ru- fen, wie entschieden Weber sich für eine „wirklichkeitswissenschaftliche“ Orientierung nicht nur der historischen Kultur- und Sozialwissenschaften, sondern auch der Soziologie ausgesprochen hat. Es läßt sich ohne viel Mühe zeigen, und ist ja auch von verschiedenen Interpreten gezeigt worden, daß die konstitutiven Merkmale der Weberschen Soziologie von der Idee der „Wirklichkeitswissenschaft“ her verstanden werden müssen und daß hier eine ganz fundamentale Differenz der verstehenden Soziologie nicht nur zu vor- hergehenden und zeitgenössischen, sondern auch zu sehr viel späteren Versu- chen liegt, die Soziologie als strenge Wissenschaft zu begründen und zu be- treiben. Allerdings ist an dieser Stelle sogleich hinzusetzen, daß dies bei Weber nicht im Gegensatz zu der Absicht steht, gerade die Soziologie als theore- tische Disziplin aufzufassen und auszuarbeiten. Aber auch diese Absicht kon- vergiert zunächst durchaus noch mit Vorstellungen Diltheys, der es ja als allgemeines Ziel seiner Bemühungen bezeichnet hat, die Geisteswissen- schaften aus der Theorielosigkeit, wenn nicht Theoriefeindschaft, herauszu- führen, die für die „historische Schule“ im engeren Sinne charakteristisch gewesen sei. Man kann sogar sagen, daß Dilthey eine sehr viel abstraktere, der „Geschichtlichkeit“ viel mehr enthobene Form der theoretischen Genera- lisierung vertreten und, in immer neuen Ansätzen, entworfen hat. 49

48 Höhere Formen des Verstehens sind für Dilthey solche, die „unseren Horizont um Möglichkeiten vom Menschenleben (erweitern), die nur so zugänglich werden“ (Texte, 297) und die für uns einen Zuwachs an Freiheit bedeuten.

127

Dies wiederum hängt offenbar damit zusammen, daß er, in deutlichem Unterschied zu Weber, die Theorie nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, als Mittel der kausalen Erklärung, sondern als Mittel der Erschließung und Si- cherung immer weiterer und letztlich unversaler Sinnzusammenhänge ver- standen hat. Mit dieser Zielsetzung ist aufs engste der ohne Zweifel höchst problematische Tatbestand verknüpft, daß Dilthey innerhalb der Geistes- wissenschaften keine scharfe Grenze zwischen den im eigentlichen Sinne hermeneutischen Wissenschaften und den Wissenschaften gezogen hat, für die die von ihm gelegentlich, aber ebenfalls unterschiedslos, verwendete Be- zeichnung „Wissenschaften des menschlichen Handelns“ die am meisten pas- sende sein dürfte. Hier also existiert ein sehr grundsätzlicher Unterschied zwischen den Vorstellungen und Intentionen Diltheys und Webers. Er macht es unmöglich, aus den angedeuteten Gemeinsamkeiten die Behauptung abzuleiten, daß die verstehende Soziologie nichts anderes als eine Spezifizierung oder Konkreti- sierung des Diltheyschen Programms darstelle. Diese Unmöglichkeit tritt noch klarer zutage, wenn der Begriff und die Funktion des Verstehens einer näheren, vergleichenden Betrachtung unterzogen werden. Zwar ist auch in diesem Punkt zunächst die keineswegs marginale Ü- bereinstimmung festzuhalten: Auch Weber hat bekanntlich immer die Auffas- sung vertreten, daß sich alle Kulturwissenschaften – also nicht nur die herme- neutischen, sondern auch die Handlungswissenschaften – darin prinzipiell von den Naturwissenschaften unterscheiden, daß ihnen ihr Gegenstand in beson- derer Weise, nämlich „von innen her“, zugänglich sei. Ich kann es mir sicher ersparen, diese Feststellung im einzelnen zu belegen. Sehr wichtig ist aber, daß aus der Sinnhaftigkeit und Verständlichkeit der geschichtlich-gesell- schaftlichen Wirklichkeit für Weber keineswegs die Unmöglichkeit oder die Unzulässigkeit kausaler Erklärungen folgt. In Wahrheit ist es gerade umge- kehrt: Die „qualitative Rationalität“ menschlichen Handelns vermittelt der „kausalen Betrachtung“ in den Handlungswissenschaften ein spezifisch höhe- res Maß an Plausibilität als im Falle der Naturwissenschaften. Diese diskussionswürdige These Webers kann ich an dieser Stelle e- bensowenig des Näheren erläutern wie seine damit einhergehenden, aber si- cher noch unzureichenden Differenzierungen im Verstehens-Begriff. Nur auf einen Aspekt möchte ich hinweisen: Die These impliziert, daß auch für We- ber der Unterschied zwischen den Kulturwissenschaften und Naturwissen-

128

schaften nicht bloß methodologischer Art oder eine Frage des jeweiligen Er- kenntnisinteresses ist, sondern durchaus etwas mit den Merkmalen der Wirk- lichkeit (oder besser: des vorwissenschaftlichen Wirklichkeitsverhältnisses) zu tun hat, an denen das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse ansetzt. Dilthey hat die Soziologie „angelsächsischer-französischer“ Provenienz abgelehnt, weil er ihr, nicht ohne Grund, die Absicht unterstellte, im direkten, nomothetischen Zugriff das Ganze der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt, und zwar abschließend, ergreifen, erklären und dann auch ‚sozio-technisch‘ beherrschen zu können. Dieselbe kritische Einschätzung hat Weber lange Zeit davon abgehalten, die Soziologie für eine seriöse Wissenschaft zu halten und an ihr mitzuwirken. Seine Kritik aber erstreckte sich nicht nur auf die unzulänglichen Erkenntnismittel, sondern auch auf das Erkenntnisziel jener Soziologie. Dilthey dagegen war überzeugt, daß dieses Ziel – die Erfassung der „Totalität“ der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit – zu wichtig und zu voraussetzungsvoll sei, als daß man seine Realisierung einer po- sitivistischen Universalwissenschaft wie der Soziologie überlassen dürfe. Nur auf dem Wege des Verstehens und in der Form einer in viele Einzelwissen- schaften ausdifferenzierten Erforschung seiner geschichtlichen „Objektivatio- nen“ könne das „Leben“ sich fortschreitend im ganzen Umfange seiner Mög- lichkeiten und in seiner Einheit erkennen und in Freiheit verwirklichen. Eine „Philosophie des Wirklichen“ (VII, 176), die in dieser Weise „das geschicht- liche Bewußtsein in seinen letzten Konsequenzen verfolgt“ habe (V, 8) wird – als Erkenntnistheorie, philosophische Psychologie und Anthropologie – nach seiner Auffassung zum Medium einer umfassenden „Selbstbesinnung“ (und auch praktischen Selbstbefreiung) des Lebens werden.

6.

Noch von einer anderen Seite tritt die prinzipielle Differenz zwischen Dil- theys Idee des Verstehens und der verstehenden Soziologie sehr klar hervor. Diltheys Grundannahme lautet, daß das Leben im Verstehen der Ob- jektivationen anderen, noch so fremden Lebens am Ende immer nur zu sich selbst kommt, sich in seinem eigensten Wesen und Wirken erfährt und erfaßt. In diesem – vermittelten – Zusichselbstkommen des Lebens sieht er jedenfalls (wie auf ihre Weise auch Hegel und Marx) das eigentliche Telos des von den Geisteswissenschaften und der sie begleitenden Reflexion getragenen (oder zumindest angeführten) Erkenntnisprozesses. Nur so kann nach seiner Über-

129

zeugung dieser Prozeß aus jener „Anarchie der Überzeugungen“ herausfüh-

ren, die „hereinzubrechen droht“ (V, 8) und in der sich für ihn nichts weniger als eine „große Krise der Wissenschaften und der europäischen Kultur“ (XIX, S. VII; zit. Orth 1985, 23) manifestiert. Auch wenn sich das Verstehen auf ein in jeder Hinsicht anderes Leben richtet, so ist es also „an sich“ doch immer ein Wiedererkennen und Wiede- raneignen, das über eine ganz originäre und täuschungssichere Form der Evi- denz verfügt und deshalb keiner zusätzlichen, gar von außen hinzutretenden Verfahren der Überprüfung und Bewährung (oder auch: einer möglichen

Widerlegung) bedarf. „Alles Feste, alles Fremde

physischen Welt eigen ist“, so sagt Dilthey („Aufbau“; Texte, 284 f.), müsse

man „wegdenken von dem Begriff des Gegebenen auf diesem Gebiet

Gegebene ist hier hervorgebracht, also geschichtlich; es ist verstanden, also

enthält es ein Gemeinsames in sich; es ist bekannt, weil verstanden

dies ist auch mit dem schon zitierten und für jede Soziologie doch sehr er- staunlichen Satz „Ich verstehe das Leben der Gesellschaft“ gemeint, und aus denselben Voraussetzungen erklärt es sich, daß sich das Verstehen für Dil- they in vollendeter und deshalb exemplarischer Weise in der Autobiographie ereignet (zit. Lieber 1965, 735). 50 Aus der Perspektive der verstehenden Soziologie erscheinen solche Vorstellungen unhaltbar, ja – was die Notwendigkeit soziologischer For- schung betrifft – selbstzerstörerisch, aber auch unnötig. Die Funktion des Verstehens besteht für sie in der Identifikation und Erfassung von Gegens- tänden besonderer (nämlich sinnhafter) Art. Diese besondere Weise der Er- fassung von Gegenständen ist aber weder täuschungssicher (sie ist keine Form von intuitiver Wesenserkenntnis), noch ist sie eine Alternative zum kausalen Erklären (sondern ein unverzichtbares Element desselben). Ich kann diese, im übrigen wohl genügsam bekannten Auffassungen Webers hier nicht im einzelnen darlegen und erörtern. Nur auf einen Punkt will ich hinweisen: Webers Überlegungen zum i- dealtypischen Status der begrifflichen und theoretischen Konstrukte der his- torischen Soziologie beruhen auf der Annahme, daß – erstens – die Kluft zwischen diesen Konstrukten und der „sinnhaften“ Wirklichkeit zwar von an- derer Art, aber grundsätzlich gerade nicht kleiner oder unwichtiger ist als im Falle der Naturerkenntnis und daß – zweitens – in der konkreten Forschung

, wie es den Bildern der

Alles

“. Eben

50 Die Auotobiographie sei, so bemerkt er, „die höchste und am meisten instruktive

Hier nähern wir

Form, in welcher uns das Verstehen des Lebens den Wurzeln alles geschichtlichen Auffassens.“

uns

130

das Verstehen (bzw. ein sich zuverlässig einstellendes Evidenzerlebnis) kei- neswegs genügt, um etwa den (subjektiven) Sinn und Zweck bestimmter Objektivationen oder Handlungen klar und eindeutig zu identifizieren und den entsprechenden Begriffen zuzuordnen. Zwar hat Weber den intersubjektiven Charakter von „Sinn“ sogar deut- licher hervorgehoben als Dilthey, so wenn er die „Kommunikabilität“ als dif- ferentia specifica von Sinn bezeichnet. Zugleich aber ist es gerade die Erfah- rung der Grenzen eines auf Aneignung, Synthese und Versöhnung zielenden Verstehens oder, anders gesagt, die Erfahrung der Unaufhebbarkeit von Dif- ferenz, Widersprüchlichkeit und Fremdheit nicht nur gegenüber der Natur, sondern auch gegenüber der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit, die u.a. die verstehende Soziologie notwendig, bedeutsam und spannend macht. Dilthey gehört, anders als Weber, in die Tradition bedeutender deutscher Philosophen (von Fichte, Hegel und Marx bis Heidegger), deren ganzes Streben darauf gerichtet war, den Menschen aus der Verlorenheit, Zerris- senheit und Entfremdung der gegebenen – geistigen und sozio-politischen – Wirklichkeit herauszuführen. In einem eigenartigen Kontrast zu dieser Grundtendenz des Diltheyi- schen Denkens steht es allerdings, daß er, nach eigener Auskunft, Zeit seines Lebens vom Problem der Unergründlichkeit, vom „Geheimnis“, der Indivi- dualität oder der Person umgetrieben worden ist. Eben dies ist aber auch das Problem, daß Simmel in die Soziologie hinein – und schließlich auch wieder aus ihr herausgeführt hat, und von dem schließlich auch das Webersche Den- ken zutiefst geprägt ist. Es wäre also eine eigene und höchst spannende Fra- ge, wie sich im Hinblick auf das Problem der Individualität die Auffassungen und die Schlußfolgerungen Diltheys, Simmels und Webers zueinander ver- halten. Ich kann mich auf eine solche Erörterung leider nicht mehr einlassen, obwohl sie womöglich wichtiger und aufregender wäre als alles, was ich vor- getragen habe.

131

Georg Simmel, Max Weber und die „Soziologie”

1.

In den Geistes- und Sozialwissenschaften gilt es seit jeher als probat und nützlich, zwei (oder mehr) bedeutende Theoretiker zum Gegenstand einer vergleichenden und kontrastierenden Deutung zu machen. Der große Vorzug dieses Verfahrens liegt darin, daß die in ihrer Gegensätzlichkeit vorgestellten und erörterten Positionen nicht fingiert werden müssen, sondern tatsächlich, und zwar auf hohem Niveau, vertreten und womöglich auch existentiell ‚ge- lebt‘ worden sind. Üblicherweise stehen deshalb die Sachprobleme und Ar- gumente auch nicht rein als solche, sondern in ihrer jeweiligen Bindung an komplexe Charaktere, Existenzen und Situationen zur Frage; insofern erlaubt oder verlangt das Verfahren des ‚Paarvergleichs‘ eine besonders abgewoge- ne, zurückhaltende und relativierende Form der Stellungnahme, und dies mag dem intellektuellen Temperament mancher Autoren sehr gelegen kommen. Der Vergleich und die Kontrastierung von Georg Simmel und Max Weber muß in jeder Hinsicht als besonders attraktiv gelten. Es kommt ja nicht zu oft vor, daß zwei Denker dieser Größenordnung nicht nur zur glei- chen Zeit und in enger räumlicher und sozialer Gemeinschaft in einer be- stimmten Wissenschaft (oder auf einem bestimmten Forschungsgebiet) arbei- ten, sondern sich zudem gemeinsam – und streckenweise auch kooperativ – um die Begründung, Entfaltung und Durchsetzung einer bis dato nur embry- onal vorhandenen neuen Wissenschaft bemühen. Auch steht in beiden Fällen hinter einem weitgespannten und bedeutenden Werk eine ausgesprägte, spannungsvolle Persönlichkeit, und es sind zweifellos nicht zuletzt die Über- einstimmungen und die Verschiedenheiten auf dieser Ebene, die einen Ver- gleich gerade dieser beiden Soziologen so naheliegend, interessant und viel- versprechend machen. Es ist so keine Überraschung, daß es in der Sekundär- literatur an Simmel-Weber-Vergleichen nicht eben mangelt. 51 Allerdings fällt auf, daß sehr viel häufiger im Rahmen einer Simmel-Interpretation ausführ-

132

lich auf Weber eingegangen wird als umgekehrt. Diese Asymmetrie erklärt sich sicherlich in der Hauptsache daraus, daß Max Weber – zu Recht oder zu Unrecht – als derjenige gilt, der gleichsam das Maß vorgibt, an dem sich an- dere, auf ihre Art noch so bedeutende Sozialwissenschaftler messen lassen müssen. Weil dies so ist, sehen sich Interpreten, die das eigenständige Ge- wicht und vielleicht sogar die Überlegenheit Simmels deutlich machen wol- len, offensichtlich genötigt, die Eigenart und die Bedeutung Simmels vor allem Max Weber gegenüber abzugrenzen und abzuheben. Im übrigen legt gerade die Vielzahl (und die Heterogenität) der Sim- mel-Weber-Vergleiche – und das gleichzeitige Fehlen einer umfassenden und angemessenen vergleichenden Analyse 52 – die Vermutung nahe, daß dieser so wichtig und ergiebig erscheinende Vergleich mit spezifischen Schwierigkei- ten zu kämpfen hat. Tatsächlich ist es keineswegs leicht zu entscheiden, in welcher Hinsicht (oder in welchen Hinsichten) denn ein solcher Vergleich anzustellen wäre, und zwar nicht wegen eines Mangels, sondern wegen einer übergroßen, heterogenen Fülle entsprechender Möglichkeiten. Dieses Prob- lem läßt sich zwar reduzieren, aber durchaus nicht erledigen, wenn man beim Aufeinanderbeziehen der beiden Theoretiker von einer Interpretation des einen oder anderen ausgeht und sich von daher den Bezugsrahmen des Ver- gleichs – in thematischer, konzeptueller und methodischer Hinsicht - vorgeben läßt. Um einiges schwieriger ist die Situation, wenn man beabsich- tigt, bei der Kontrastierung nach Möglichkeit eine ungefähr gleiche Distanz zu Simmel und Weber einzunehmen, den Bezugsrahmen also möglichst un- abhängig von beiden zu definieren. Natürlich kann man einen weiteren be- deutenden Theoretiker als ‚tertium comparationis‘ ins Spiel bringen, und dafür böte sich im gegebenen Falle vor allem Friedrich Nietzsche, aber auch Marx, Kant oder Troeltsch an. Es versteht sich aber, daß bei diesem Verfah- ren die Fälle der möglichen Hinsichten und also auch die Beliebigkeit der jeweils ausgewählten noch weiter gesteigert wird. Die folgende vergleichende Erörterung orientiert sich weder an bisher nicht gesehenen und also ausführlich zu rechtfertigenden besonderen Hinsich- ten, noch bedient sie sich eines dritten Theo-retikers als Bezugspunkt und Vergleichsmaßstab; daß sie nicht beanspruchen kann, den ausstehenden um- fassenden Simmel-Weber-Vergleich zu liefern, versteht sich von selbst. Sie geht vielmehr der sehr allgemeinen und insofern auch erwünschten, gleiche Distanz zu beiden Denkern gewährleistenden Frage nach, was Simmel und

133

Weber unter ‚Soziologie‘ verstanden und wie sie sich zu dieser so verstande- nen neuen resp. allererst auf die Bahn zu bringenden Wissenschaft gestellt haben. Beide gelten als ‚Klassiker‘, und zwar als die deutschen Klassiker dieser Wissenschaft, und es gibt keinen Grund, diese sehr verbreitete Ein- schätzung in Frage zu stellen. Es wird jedoch viel zu wenig beachtet und ist doch sehr diskussionswürdig, daß diese beiden Klassiker der Soziologie – etwa verglichen mit Durkheim, aber auch z.B. mit Mannheim – durchaus kein ungebrochenes und eindeutig affirmatives Verhältnis zu dieser Wissenschaft besessen haben. Während dieser Tatbestand im Falle Simmels nicht selten bemerkt und ansatzweise erörtert wird, erscheint Weber – gerade auch im Verhältnis zu Simmel – gemeinhin als derjenige, der mit Entschiedenheit, Konsequenz und Systematik die Soziologie als eigenständige Wissenschaft etabliert und sich selbst vom Juristen, Historiker und Nationalökonomen zum Soziologen entwickelt und gewissermaßen ‚gehäutet‘ habe. Die folgenden Überlegungen sind von der Annahme geleitet, daß diese Weber-Deutung ganz unhaltbar ist und daß gerade eine vergleichende Interpretation, die die am-bivalente Stellung Simmels und Webers zur Soziologie thematisiert, be- sonders ergiebig und anregend für die gegenwärtige Diskussion sein dürfte. 53 Noch weniger als ein systematischer Vergleich des soziologischen Werkes der beiden Theoretiker kann von den folgenden Ausführungen eine inhaltliche Darstellung der jeweiligen Soziologie erwartet werden. Zur Frage steht allein, und auch dies nur in den allgemeinsten Umrissen, die von Simmel und Weber der Soziologie zugewiesene Funktion und Aufgabe, und damit die Erwartungen, die sie an diese neue Wissenschaft knüpften. Nur in diesem, die jeweilige Durchführung der Aufgabe weitgehend außer Betracht lassen- den Sinne geht es also um ihr Verständnis von Soziologie. Darüber hinaus werden zwei weitere Fragen nur am Rande berührt, obwohl sie sehr direkt das Verhältnis von Simmel und Weber betreffen: die Frage des Einflusses des einen auf den anderen (insbesondere Simmels auf Weber) und die Frage ihrer wechselseitigen Wahrnehmung und Einschätzung als Soziologen. Beide Fra- gen wären angesichts des Mangels an entsprechenden Äußerungen und Bele- gen 54 nur auf der Basis eingehender Studien und Deutungen zu bearbeiten

53 In diesem Zusammenhang ist sehr bemerkenswert, daß Weber und Simmel be- stimmenden Anteil an der Gründung der DGS nahmen, sich aber sehr schnell wie- der von ihr distanzierten – Weber durch Austritt aus dem Vorstand, Simmel, indem er die Gesellschaft schon 1912 ganz verließ.

134

und zu beantworten; im übrigen sind sie für die Zwecke der vorliegenden, durchaus nicht werkge-schichtlichen Ausführungen tatsächlich nicht von vordringlicher Bedeutung.

2.

Unter den Klassikern der Soziologie werden in aller Regel drei als vor allen anderen bedeutend hervorgehoben: Karl Marx, Emile Durkheim und Max Weber; sie bilden nach einer sehr verbreiteten Auffassung gleichsam noch einmal eine Klasse für sich. Die Gründe und die Berechtigung dieser opinio communis können an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Bemerkenswert ist jedenfalls, daß sich Marx – aus gutem Grund – überhaupt nicht und Max Weber nur bedingt und partiell als ‚Soziologe‘ verstanden haben. Simmel dagegen, der gemeinhin nicht zum engsten Kreis der soziologischen Klassiker gerechnet und gelegentlich nicht einmal als ‚echter‘ Soziologe anerkannt wird, hat sich sehr früh 55 , sehr eindeutig und in einer wagemutigen, auch der akademischen Karriere nicht eben förderlichen 56 Weise für die in ihrem Exis- tenzrecht heftig umstrittene Soziologie eingesetzt. Sein Engagement für diese neue Wissenschaft war so stark und so auffällig, daß er zu seiner Zeit offen- bar weithin als der eigentliche Begründer und – im positiven oder negativen Sinne – hervorragendste Repräsentant der (deutschen) Soziologie galt. So heißt es bei Vierkandt:

„Gelingt es der Soziologie, sich zu einer selbständigen Einzelwis- senschaft zu entwickeln, so wird ihr zukünftiger Geschichtsschreiber Simmel als ihren Begründer feiern müssen.“ 57 Tatsächlich hat Simmel sich sehr früh, sehr ausdrücklich und sehr ent- schieden darum bemüht, die Notwendigkeit der Soziologie als Fachwissen- schaft sui generis darzulegen, ihr eigentümliches Forschungsfeld zu beschrei- ben (und zwar sowohl gegenüber anderen Wissenschaften von der geschicht- lich-gesellschaftlichen Welt als auch gegenüber der Philosophie) und schließ-

55 Schnabel 1976, 283; Köhnke 1984, 419.

56 Vgl. Schnabel 1976, 273, und Dahme 1981, 237. Man wird es als Reaktion auf diesem Hintergrund der langen Zurückstellung Simmels deuten müssen, daß das ihm 1911 verliehene staatswissenschaftliche Ehrendoktorat der Universität Frei- burg ausdrücklich dem ‚Begründer der Wissenschaft der Soziologie‘ galt.

57 Vierkandt 1909, 308; Franz Oppenheimer (1922, 115), der diese Äußerung Vier- kandts zitiert, verweist allerdings (117) darauf, daß Vierkandt später die Bedeutung von Tönnies höher eingeschätzt habe – auch dieser heute eindeutig ein Klassiker geringeren Ansehens.

135

lich und vor allem exemplarische Beiträge zur soziologischen Forschung auf einer Vielzahl von Gebieten zu liefern. Er hat dabei, insbesondere durch das Publizieren in französischen und amerikanischen Fachzeitschriften, von vorn- herein und sehr bewußt den internationalen Austausch gesucht und befördert. Darin drückt sich offenbar seine Überzeugung aus, daß die Soziologie eben- so universali-stisch sei oder werden müsse wie alle Erfahrungswissenschaf- ten, daß es also insbesondere keinen deutschen ‚Sonderweg‘ in ihrer Be- gründung und Entfaltung geben könne. 58 Eine große, für die Gründungspha- se der Soziologie keineswegs typische Nüchternheit ist überhaupt charakte- ristisch für Simmels Stellung zu dieser Wissenschaft. So nachdrücklich er für deren Notwendigkeit und eigene Legitimität eintritt, so wenig neigt er dazu, mit der Soziologie weltanschauliche und/oder politische Prätenrionen zu ver- binden. Ausdrücklich verlangt er in ‚Das Problem der Soziologie‘ den Ver- zicht auf jene „hochfliegenden Ansprüche“ (Simmel 1894, 277), die übli- cherweise an die Soziologie geknüpft wurden. Die Vorstellung, daß die So- ziologie als Über- oder Integrationswissenschaft aller Geistes- und Sozialwis- senschaften gelten müsse, entsprang nach seiner Überzeugung einer ganz „phantastischen Überspannung des Soziologiebegriffs“ (ders. 1917, 17). Der Satz: „Die Wissenschaft vom Menschen ist Wissenschaft von der menschli- chen Gesellschaft geworden“ (ders. 1894, 271) bringt sehr deutlich – und in einer geradezu an Marx’ 11. These über Feuerbach erinnernden Weise zum Ausdruck, welche Tragweite und Bedeutung er dieser gesell- schaftswissenschaftlichen Wende in den Human- und Geisteswissenschaften zuerkennt. Um so mehr fällt auf, wie sehr er sich bemüht, den Herrschafts- und Erklärungsbereich der ‚Gesell-schaftswissenschaft‘ zu begrenzen. Ganz offenkundig liegt hier auch ein wichtiges Motiv dafür, die Soziologie als em- pirische Einzelwissenschaft zu verstehen, deren Zuständigkeit auf die For- men der Vergesellschaftung resp. der sozialen Wechselwirkung beschränkt ist. Zwar zielt diese umstrittene und tatsächlich vieldeutige Definition der Soziologie als ‚formale‘ Wissenschaft darauf, sie als eigenständige und stren- ge Wissenschaft allererst zu begründen. Zugleich aber soll damit klargestellt werden, daß diese neue Wissenschaft, der so ein „abstrahierungsberechtigtes Gebiet“ gesichert wird, die menschliche und geschichtliche Wirklichkeit kei- neswegs in ihrer ganzen Fülle durchdringen oder auf eine Dimension dieser Wirklichkeit, die gesellschaftliche, zu ‚reduzieren‘ imstande ist. So stellt

136

Simmel bereits in ‚Das Problem der Soziologie‘ (a.a.O., 274) fest, daß den „Sozialisierungsformen“, die sich aus der „unmittelbaren Ineinsbildung von Form und Inhalt, wie sie in der historischen Wirklichkeit vorliegt“, abstrahie- ren lassen, zwei Arten von Inhalten unaufhebbar und unableitbar gegen- überstehen. Es sind dies die objektiven, ihren je eigenen Gesetzlichkeiten unterliegenden Produkte intellektueller, künstlerischer oder politisch- praktischer Tätigkeit (also die Gebilde des ‚objektiven Geistes‘ in der Spra- che der geisteswissenschaftlichen Tradition) einerseits und die „subjektive Natur“, die „unzähligen Seiten der Persönlichkeit“ andererseits. Eine entsprechende doppelte Begrenzung des Kompetenzanspruchs der Soziologie findet sich, und zwar in noch entschiedenerer Form, in den ‚Grundfragen der Soziologie‘ von 1917. Es sei, so bemerkt Simmel hier, von der Erkenntnis auszugehen, „daß neben dem gesellschaftlichen Leben als begründender Kraft und umfassender Formel des menschheitlichen Lebens auch noch Herleitung und Deutung des letzteren aus dem sachlichen Sinn seiner Inhalte und auch noch aus dem Wesen und der Produktivität der Indi- viduen als solcher besteht“ (ders. 1917, 23). Tatsächlich sei, so sagt er an späterer Stelle derselben Abhandlung (a.a.O., 72), die Gesellschaft überhaupt nur „eine der Formungen, in die die Menschheit die Inhalte ihres Lebens bringt“. Diese Formung gelte weder für alle Lebensinhalte, noch stelle sie die einzige Möglichkeit von Formung dar. Die Soziologie verfügt also nach die- ser Auffassung des späten Simmel weder über die „Inhalte“ des gesellschaft- lichen und geistigen Lebens noch über den einzigen, und offenbar nicht ein- mal über den privilegierten, Zugang zu den Formungen, in denen das Leben ordnung und Dauer gewinnt. So heißt es jetzt sehr bestimmt: „Alle rein sach- lichen Bedeutsamkeiten, an denen unsere Seele irgendwie teilhat, die logische Erkenntnis und die metaphysische Phantasie über die Dinge, die Schönheit des Daseins und sein Bild in der Selbstherrlichkeit der Kunst, das Reich der Religion und der Natur – alles dies, soweit es zu unserem Besitz wird, hat innerlich und seinem Wesen nach mit ‚Gesellschaft‘ nicht das mindeste zu schaffen.“ Zur subjektiven Seite hin gilt entsprechend, daß „die rein persona- len Eigenschaften: Kraft und Schönheit, Denktiefe und Gesinnungsgröße, Milde und Vornehmheit, Mut und Herzensreinheit – von einer autonomen Bedeutung (sind), die von ihren sozialen Verflechtungen völlig unabhängig ist“ (a.a.O., 72 f.). In dem Maße, in dem die neue soziologische Perspektive ihre Ergie- bigkeit erweist, wird zugleich deutlich, daß der Soziologie in dieser doppel- ten Hinsicht definitive Grenzen gesetzt sind. In diesem Sinne bemerkt Simmel

137

des näheren, daß auch die genaueste Analyse der gesellschaftlichen Bedin- gungen und Formen des religiösen Lebens am Ende um so klarer erkennen lasse, „was denn an dem religiösen Verhalten als die rein religiösen – und als solche gegen alles Soziale gleichgültigen – Elemente gelten dürfe“. 59 Es be- darf keiner Erläuterung, daß das derart mit der Soziologie verbundene Er- kenntnis- und Erklärungsinteresse Simmel in einen sehr prinzipiellen Gegen- satz etwa zu Marx und Durkheim (und in eine große Nähe zu Weber) rückt. Diese Selbstbescheidung gilt nun für die Soziologie nicht nur, solange sie als „neue Betrachtungsweise“ 60 oder „Methode“ von fast ubiquitärer Anwend- barkeit auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften verstanden und praktiziert wird. Nicht hinsichtlich des Erkenntnisanspruchs, sondern allein im Hinblick auf den Grad der Allgemeinheit und Systematik unterscheidet sich die Sozio- logie im engeren und eigentlichen Sinne, also die „formale“ oder „reine“ So- ziologie, von dieser soziologischen Methodik. Zwar ist der erkenntnislogi- sche Status jener „reinen“ Formen gesellschaftlicher Wechselwirkung nicht abschließend geklärt (und auch an dieser Stelle nicht zu klären) 61 , doch haben sie jedenfalls nicht eine Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit der soziolo- gischen Erkenntnis in dem Sinne zu gewährleisten wie die ‚reinen Verstan- desbegriffe‘ (bzw. die diesen korrespondierenden ‚synthetischen Urteile‘ a priori) in der Kantischen Theorie der Naturerkenntnis. So sehr sie die Eigen- tümlichkeit und die Strenge des soziologischen Denkens ausmachen, so we- nig bilden sie ein definitives und abgeschlossenes System. Zwischen ihnen und den konkreten und unendlich vielgestaltigen Wirklichkeiten existiert da-

her auch ein prinzipiell nicht zu beseitigender ‚hiatus irrationalis‘. In dieser Frage ist die Affinität zu Webers Vorstellungen vom idealtypischen Charak- ter historisch-soziologischer Begriffe ganz offenkundig. So heißt es in der

auch unsere Begriffe von den Dingen bilden

‚Philosophie des Geldes‘: „

wir unzählige Male so, daß die Erfahrung sie in dieser Reinheit und Absolut- heit überhaupt nicht zeigen, sondern daß erst Abschwächung und Einschrän- kung durch entgegengesetzt gerichtete ihnen eine empirische Form geben

Unser Intellekt kann nun einmal das Maß der Realität nur als Ein-

schränkung reiner Begriffe ergreifen und begreifen, die sich, wie sie auch von

kann

59 Ebd., 19; zu Simmels Stellung zur Religion vgl. Dahme/Rammstedt 1984, 461 f. und Atoji 1986.

60 Simmel 1917, 16; vgl. ders. 1908, 2I.

138

der Wirklichkeit abweichen, durch den Dienst legitimieren, den sie der Deu- tung dieser leisten“. 62 Anders als bei anderen Vertretern des Neukantianismus (Rickert vor allem) geht es bei Simmel (wie bei Weber) nicht um irgendeine Form von ‚Letztbegründung‘ dieser oder jener Erkenntnisweise. Vielmehr geht es allein darum darzutun, daß eine spezielle Gesellschaftswissenschaft durchaus auch eine eigene theoretische Legitimität beanspruchen kann. Die mit der begrifflich-theoretischen Durchbildung der Soziologie un- vermeidlich einhergehende Entfernung und Entfremdung von der ‚konkreten‘ Wirklichkeit negiert oder gefährdet keineswegs den rein empirischen Cha- rakter dieser neuen Wissenschaft. Auch in diesem Punkte ist Simmel, und zwar in allen Phasen seiner Beschäftigung mit der Soziologie, ganz eindeutig:

Die soziologische Erkenntnis bewegt sich „völlig innerhalb der Erschei- nungsreihe“ (Simmel 1894, 276), sie ist eine „exakte“ und zugleich „auf das unmittelbare Verständnis des Gegebenen gerichtete“ Wissenschaft (ders. 1917, 29). In dieser entschieden empirischen orientierung hat sie ihre Stärke und ihre Grenzen. Weil sie sich derart bescheidet, vermag sie sehr wichtige Fragen weder angemessen zu stellen noch zu beantworten, weder als unsin- nig zu erweisen noch ‚aufzuheben‘. 63 Sie ist vielmehr – nicht trotz, sondern gerade wegen ihres strikt empirischen Charakters – auf die Ergänzung durch philosophische Reflexion angewiesen, und zwar im Hinblick auf die jeder Einzelforschung voraus- und zugrunde liegenden (erkenntnistheoretischen) Probleme ebenso wie auf die übergreifenden (‚meta-physischen‘) Sinnfragen. Wo immer er sich zu dieser Frage äußert, trennt Simmel mit aller wünschbaren Klarheit die Soziologie als Tatsachenwissenschaft von der Phi- losophie. Dies geschieht, wie bemerkt, nicht aus Geringschätzung für die Philosophie, sondern (wenn schon gewichtet werden soll) viel eher, um die Grenzen der so nachdrücklich verteidigten Legitimität der Soziologie er- kenntnistheoretischen und metaphysischen Fragen gegenüber zu bezeichnen. Er selbst hat, ohne seine Sicht und Bewertung der Soziologie wesentlich zu ändern (vgl. Dahme/Rammstedt 1983, 25 f.), den Schwerpunkt seiner Arbeit im Laufe der Jahre immer stärker auf das Gebiet der Philosophie (zurück- )verlagert. Allerdings fällt auf, daß er trotz jener klaren Grenzziehung bei der Zuordnung seiner Analysen gelegentlich Schwierigkeiten hatte. So lautet der

62 Simmel 1900, 135; weitere Hinweise bei Tenbruck 1958, 608.

139

Titel eines Aufsatzes (von 1907): ‚Zur Philosophie der Herrschaft. Bruchstü- cke aus einer Soziologie‘ und viele heutige Simmel-Interpreten nehmen es offenbar nicht allzu ernst, daß er seine große kulturtheoretische Analyse nicht als Soziologie, sondern als ‘Philosophie des Geldes‘ überschrieben hat. Dies läßt sich nicht einfach der Unbekümmertheit der Interpreten zurechnen, u. a. deswegen nicht, weil Simmel selbst ein Kernstück der ‚Philosophie des Gel- des‘ am Ende (in den ‚Grundfragen‘ von 1917) als Beispiel für das vorstellt, was er nunmehr als »philosophische Soziologie« kennzeichnet (und also in den Corpus der Soziologie aufnimmt). Der Terminus „philosophische Sozio- logie“ deutet ja keineswegs die Lösung, sondern viel eher eine Verschärfung der Schwierigkeiten an, in die Simmel geraten mußte, weil die erfahrungswis- senschaftliche Soziologie sich als immer weniger tauglich zur Bewältigung der ihn vor allem bewegenden Fragen erwies (so auch diesb. 1984, 469). Das fragliche ‚Beispiel‘ – Individuum und Gesellschaft in Lebensanschauungen des 18. und 19. Jahrhunderts – betrifft nicht irgendein noch so wichtiges, sondern das bestimmende Problem des Simmelschen Denkens überhaupt. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß es genau dieses Problem der Individualität ist, das Simmel zur Soziologie gebracht und schließlich auch wieder unver- meidlich über deren Grenze hinausgetrieben hat. 64 Simmel selbst hat durch seine Analysen eindrucksvoll demonstriert, wieviel Einsicht in die Bedingun- gen, Funktionen und Folgen des modernen ‚Individualismus‘ in seinen ver- schiedenen Ausprägungen die Soziologie, und zwar als Theorie gesellschaft- licher Differenzierung, vermitteln kann. Gerade diese Thematik läßt aber mit der frappierenden Fruchtbarkeit einer soziologischen Betrachtungsweise

64 Der fragliche Abschnitt in den „Grundfragen“ beginnt mit dem Satz: „Das eigentli- che praktische Problem der Gesellschaft liegt in dem Verhältnis, das ihre Kräfte und Formen zu dem Eigenleben der Individuen besitzen“ (1917, 68). Bereits in „Ü- ber sociale Differenzierung“ (1890/1966, 20) hatte es geheißen, diese Analysen sollten „im wesentlichen die Stellung und die Schicksale des einzelnen zeichnen, wie sie ihm durch diejenige Wechselwirkung mit den anderen bereitet werden, die ihn mit diesem zu einem sozialen Ganzen zusammenschließt“. Insofern ist die, auch z.B. von Kracauer (vgl. Frisby 1981, 8) vertretene Auffassung Franz Oppen- heimers (1922, 113), Simmels Soziologie besitze „eben kein zentrales Problem“, sehr falsch. Allerdings ist das Grundproblem der Simmelschen Soziologie so gear- tet, daß ihr genau das fehlen muß, was Oppenheimer vermißt (und in seinem eige- nen ‚System der Soziologie‘ offenbar zu bieten glaubt): „die innere Ordnung, das sichere Schwingen des ganzen Aufbaus um einen Ruhepunkt, das Streben auf so viel Vollständigkeit und innere Durchformung, wie ein Autor von solchem Range sie in der Regel von sich fordert“. Es sei in diesem Zusammenhang schließlich noch daran erinnert, daß der Simmel-Schüler Theodor Kistiakowski (der einige Jahre später Weber bei dessen Chronik der revolutionären Ereignisse in Rußland sehr behilflich war) 1899 seine als ‚methodologische Studie’ gekennzeichnete Dis- sertation zum Thema „Gesellschaft und Einzelwesen“ veröffentlichte.

140

zugleich jederzeit deren Begrenztheit erkennen, und es lag, wie bemerkt, Simmel immer sehr viel daran, diese Grenzen hervorzuheben. Sowohl der „quantitative“ Begriff der Individualität (im Sinne von „Einzelheit“) als auch und erst recht der „qualitative“, „Einzigkeit“ meinende Begriff sind in ihrer inhaltlichen Bedeutung und Begründung nicht mehr empirisch-soziologisch zu fassen. Für beide nennt Simmel so auch einen Philosophen (Kant resp. Schleiermacher), der die jeweilige Idee von Individualität am klarsten und entschiedensten auf den Begriff gebracht habe (vgl. Simmel 1917, 85, 94). Erst recht ist die Soziologie überfordert, wenn eine neuere und höhere Idee von Individualität zur Frage steht, die die Widersprüche und selbstdestrukti- ven Tendenzen der beiden bisher realisierten Individualitätsvorstellungen zu überwinden vermag. In den einschlägigen, sehr knappen Überlegungen Sim- mels am Ende der ‚Grundfragen‘ kommen praktische, auf eine umfassende Erneuerung der Kultur zielende Motive zum Ausdruck, die in seinen Schrif- ten sonst im Hintergrund bleiben. Schon die wenigen bisher veröffentlichten Briefe an George und Gundolf 65 sind in dieser Hinsicht höchst aufschluß- reich. Hier spricht Simmel seine Überzeugung aus, „daß wir unter Barbaren leben“ (Dahme/Rammstedt, Hrsg. 1984, 434); um dieser Barbarei gegenzu- steuern, setzt er sich für ein „Unternehmen mit der Tendenz auf allgemeine deutsche Kultur“ (ebd., 436) ein, das von Persönlichkeiten getragen werde, „denen die Unabhängigkeit und das Sich-selbst-gehören der Kunst am Her- zen liegt und die die Leidenschaft für die Kultur der Menschheit fühlen“ (ebd., 435). Er akzeptiert Gundolfs Kennzeichnung seiner Bestrebungen als „Metaphysik der Individuen“ (ebd., 438); sie betrifft nach seiner Meinung allerdings nur „eine Seite oder Umreißung einer fundamentalen Absicht“, und so spricht er selbst lieber und umfassender von einer „Metaphysik des Dies- seits“. „Ein neues Geistwerden des Lebens und Lebenwerden des Geistes“ (ebd.) – dies ist die Formel für die erstrebte, im kleinen ansetzende, aber of- fenbar aufs Ganze der Kultur zielende Erneuerung. Nicht im Begriff der Soziologie oder gar in ihrer näheren Ausge- staltung, sondern in der Verortung und Beanspruchung der Soziologie im jeweiligen kulturtheoretischen und „kulturpolitischen“ Bezugsrahmen wird man die sehr grundsätzlichen Unterschiede zwischen Simmel und Weber zu suchen haben. Darauf ist zurückzukommen; zuvor aber ist in der gebotenen Kürze die Webersche Stellung zur Soziologie zu umreißen.

141

3.

Max Weber gilt, gerade in der Gegenwart, so sehr und so unbestritten als der Klassiker der Soziologie, daß sein Verhältnis zu dieser Wissenschaft und seine Identifikation mit derselben nie einer eigenen und eingehenden Betrach- tung und Erörterung zu bedürfen schienen. Die Ausdifferenzierung der ein- zelnen Geistes- und Sozialwissenschaften hat sich offenbar soweit verfestigt, daß das Bedürfnis nach eindeutiger fachlicher Zuordnung und einer entspre- chenden ‚Appropriation‘ bedeutender Wissenschaftler und Werke sich auch nach rückwärts durchsetzt. Auf der anderen Seite hindert dieselbe fachliche Ab- und Ausgrenzung viele der in Frage kommenden Wissenschaften – vor allem die Nationalökonomie, die Geschichte, die Politische Wissenschaft und die Philosophie – daran, Max Weber als Vertreter und Klassiker zu bean- spruchen und sich sein Werk einzuverleiben. Nur so ist es zu erklären, daß

die – allerdings auch hier nie von der ganzen Profession geteilte und gebillig- te – Beanspruchung Webers durch die Soziologie nicht deutlicher und ent- schiedener von seiten dieser anderen Wissenschaften in Frage gestellt worden ist. Erst in jüngster Zeit, und zwar im Zusammenhang mit der historisch- kritischen Werkedition, hat insbesondere W. Hennis in einer sehr pointierten Weise auf das Fragwürdige dieses Anspruchs (und damit des Verhältnisses Webers zur Soziologie und der Stellung der Soziologie in Webers Werk) hingewiesen. Tatsächlich läßt sich, und zwar ohne eingehende Studien, fest- stellen,

(a)

daß sich Weber, etwa verglichen mit Georg Simmel, erst nach einer län- geren Zeit der Zurückhaltung dazu verstehen konnte, eigene wissen- schaftliche Arbeiten als ‚soziologisch‘ zu kennzeichnen,

(b)

daß ihm eine gewisse skeptische Distanziertheit gegenüber dieser Diszip- lin (besser: gegenüber vielen ihrer zeitgenössischen Ausprägungen und Repräsentanten) immer zu eigen war, und schließlich

(c)

daß Weber sich selbst nie in erster Linie oder gar ausschließlich als ‚So- ziologe‘ verstanden und bezeichnet hat.

Zur übergreifenden Bezeichnung des von ihm vertretenen Ausschnitts aus dem großen Gebiet der „empirischen sozialen Kulturwissenschaften“ scheint Weber den Begriff ‚Sozialökonomie‘ bevorzugt zu haben; in ‚Wissenschaft als Beruf‘ spricht er von „uns Nationalökonomen“ (WL, 582). In der Vor- bemerkung zu den ‚Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie‘ werden die nachfolgenden „der Absicht nach streng empirischen Studien“ (ders.

142

1920, 14) einer „Universalgeschichte der Kultur“ zugeordnet (ebd., 10), und es wird auf eine später (gemeint ist wohl: im Rahmen des Beitrags zum Handbuch der Sozialökonomik) vorzulegende „systematische Bearbeitung der Religionssoziologie“ (ebd., 19) verwiesen. Die Zwischenbetrachtung am Schluß des ersten Bandes ist dann als „religionssoziologischer Versuch“ und als Beitrag zu einer „Typologie und Soziologie des Rationalismus selbst“ (ebd., 537) bezeichnet. Eine entsprechende Bestimmung und Ausgrenzung der im eigentlichen Sinne soziologischen Analysen findet sich auch in ‚Wirtschaft und Gesell- schaft‘ Dort wird – im einleitenden Kapitel (ebd., 9) – der Soziologie, im Unterschied zur Geschichte, die Aufgabe zugewiesen, Typenbegriffe zu bil- den und „generelle Regeln des Geschehens“ zu suchen. Späterhin wird dann darauf hingewiesen, daß nicht „Soziologie um ihrer selbst willen“ getrieben werde (ebd., 242). Einer „eigentlich“ resp. „exakt“ soziologischen Unter- suchung (ebd., 238, 244) wird die Aufgabe zugewiesen, Begrifflichkeiten mit einem Höchstmaß an Differenziertheit und Präzision zu bilden. Daneben wird allerdings die Kennzeichnung als soziologisch auch verwendet, um den rein empirischen Charakter irgendwelcher Behauptungen (im Unterschied insbe- sondere zu normativen juristischen Aussagen) hervorzuheben (ders. 1976, 19, 181, 440). Schließlich wird auch eine besondere Art und Richtung empi- rischer Begriffsbildung und Erklärung (nämlich: eine auf soziale Kausalität zielende) als ‚soziologisch‘ qualifiziert, etwa bei der Definition des Propheten (ebd., 268) oder bei der Unterscheidung von Kirche und Sekte einerseits (ebd., 692, 717, 721) und von Priestern und Zauberern andererseits (ebd.,

259).

Das ursprüngliche und immer dominante Motiv der Bemühungen We- bers um die Soziologie lag darin zu zeigen, daß auch die Sozialwissenschaft oder ‚soziale Kulturwissenschaft‘ in einer strikt empirischen, begrifflich strengen und durchaus auch theoretischen Weise betrieben werden könne und müsse. Mir scheint, daß dieses Motiv jedenfalls weitaus stärker war als die Vorstellung, daß die Soziologie substantiell ganz neue Erkenntnisberei- che aufzuschließen vermochte, oder daß, wie Durkheim meinte, die Ei- gentümlichkeit und Eigenständigkeit der faits sociaux eine scharfe Abgren- zung dieser Spezialwissenschaft verlange. So ist bereits im ‚Geleitwort der Herausgeber‘ zum I. Band der Neuen Folge des Archivs für Sozialwissen- schaft und Sozialpolitik (dem 19. Band des Archivs für soziale Gesetzgebung und Statistik) 1904 in einer eindeutig von Weber geprägten Wendung von den zu erfüllenden „Anforderungen strenger Wissenschaftlichkeit“ die Rede,

143

denen auch durch regelmäßige „erkenntniskritisch-methodologische Erörte- rungen über das Verhältnis zwischen den theoretischen Begriffsgebilden und der Wirklichkeit“ (ebd., VII) entsprochen werden müsse. Die „gewöhnlich unter dem Namen Soziologie zusammengefaßten Untersuchungen“ (ebd., V) werden nur unter anderen bei den zu berücksichtigenden Bereichen sozial- wissenschaftlicher Forschung aufgeführt. Es wird aber festgestellt, daß man sich besonders bemühen wolle, den immer stärker werdenden „Hunger nach sozialen Theorien“ zu stillen; der „i.e.S. ‚Theorie‘ genannten Form der For- schung“ aber wird als eigentümliche Aufgabe die „Bildung klarer Begriffe“ (ebd., VI) zugeordnet. Im Laufe der nächsten Jahre sieht sich Weber genö- tigt, die gerade auf dem Gebiet der „sozialen Theorien“ herrschende Konfu- sion aufs schärfste zu attackieren. Hierher gehört vor allem seine heftige Auseinandersetzung mit Rudolf Stammler (der, wie es dann im Kategorien- aufsatz heißt, „als Jurist ebenso hervorragend wie als Sozialtheoretiker un- heilvoll verwirrungsstiftend“ sei) 66 sowie der Nachweis, daß die „energeti- schen Kulturtheorien“ des – an den Belgier E. Bernays mit seiner ‚Energeti- que physio- et psycho-sociologique‘ anschließenden – Chemikers ostwald „soziologisch so gut wie wertlos“ (ebd., 419) seien. 67 Wie sehr die wesentlich von Weber betriebene Gründung der Deut- schen Gesellschaft für Soziologie von der Absicht geleitet war, ein Forum für die „rein wissenschaftliche“, auf einem „von jedem Parteienstreit entfernten Boden“ 68 stattfindende Arbeit zu gewinnen, ist ebenso bekannt wie der Um- stand, daß Weber sich, aufs tiefste enttäuscht, schon nach der 2. Tagung (1912) aus dem Vorstand völlig zurückgezogen hat. In der Begründung die- ses Rückzugs greift er des näheren einen der Vorsitzenden (Herrn G.) der Gesellschaft an, der „über eine sogenannte Weltanschauung (verfüge) und im Zusammenhang damit wissenschaftliche Prätentionen (erhebe), deren Na- tur jede Arbeit mit ihm für mich ausschließen“. 69 Wenn Weber mit großer Entschiedenheit für die Beschränkung auf „rein soziologische“ Arbeiten und Diskussionen eintritt, so meint er damit immer eine Beschränkung auf „wertfreie“ und „empirische“ Sozialwissen- schaft. Eindeutig nicht gemeint ist dagegen eine Restriktion auf eine wie im- mer geartete fachsoziologische Perspektive und Argumentationsweise. In

66 WL, 427.

67 In dieser Abhandlung ist übrigens auch von dem „grandiosen Pedanten“ Comte die Rede, dessen Auffassungen zur Kunst insbesondere nur als „banausisch“ zu qualifi- zieren seien.

68 Ders. 1924, 432 (Geschäftsbericht zum I. Deutschen Soziologentag).

144

dieser Hinsicht dürfte, ganz im Gegenteil, Marianne Webers Bemerkung (ebd., 464) zutreffen: der – die Gründung der DGS betreibenden – „jüngeren soziologisch interessierten Gelehrtengeneration“ sei es darum gegangen, ge- genüber dem Verein für Sozialpolitik das Gesprächsspektrum über die Nati- onalökonomie hinaus auf eine Vielzahl weiterer Wissenschaftsgebiete auszu- dehnen. Auch am Programm des Archivs für Sozialwissenschaften und Sozi- alpolitik läßt sich -für die Zeit der Weberschen Mitherausgeberschaft – zwar eine verstärkte und sicherlich bewußte Berücksichtigung von i.e.S. so- ziologischen Beiträgen beobachten – etwa in Gestalt theoretischer Aufsätze von Simmel oder von längeren Besprechungen neuerer theoretisch- soziologischer Literatur von Tönnies (Bd. 21/1906) und von Wiese (51/1910) -, doch kann von einer fortschreitenden Durchsetzung einer fach- soziologischen Perspektive überhaupt keine Rede sein, und zwar auch und vor allem nicht in Webers eigenen Archiv-Beiträgen. Weber konnte und wollte sich nicht mit der scharfen und durchaus ver- nichtend gemeinten Kritik der Unklarheiten, Konfusionen und Erschleichun- gen anderer „Sozialtheoretiker“ zufrieden geben. Vielmehr machte er sich, im zweiten Schritt, daran, ein System von Begriffen zu entwickeln, das seinen Vorstellungen von „strenger Sozialwissenschaft“ (resp. dem begrifflich- theoretischen Teil einer solchen) entsprach. Dies geschah vor allem im Kate- gorien-Aufsatz und in den definitorischen Teilen von ‚Wirt-schaft und Ge- sellschaft‘, aber auch etwa in speziellen Passagen der Untersuchungen zur Wirtschaftsethik der Weltreligionen (besonders in „Konfuzianismus und Ta- oismus“). Im Kategorien-Aufsatz schließt er dabei teilweise direkt an Stamm- ler an, und zwar um zu zeigen, was Stammler „hätte meinen sollen“ (WG, 427), während er in der Vorbemerkung zu den ‚Grundbegriffen‘ u. a. von der Absicht spricht, die Simmelsche Vermischung von subjektiv gemeintem und objektiv gültigem Sinn aus der Welt zu schaffen (ebd., 4). Im übrigen ist es, was den stark instrumentellen Charakter des Weberschen Verhältnisses zur Soziologie betrifft, sehr kennzeichnend, daß er für die von ihm geprägte Be- grifflichkeit ausdrücklich weder Vollständigkeits- noch Aus- schließlichkeitsansprüche erhebt 70 („mannigfache soziologische Einteilungs- prinzipien der Herrschaftsformen“ sind – wie Weber formuliert – möglich) und feststellt (WG, 6), daß die „verstehende Soziologie“ überhaupt nieman- dem aufgenötigt werden könne. Wie unsicher Weber selbst hinsichtlich seiner Stellung zur ‚Soziologie‘ und hinsichtlich der genauen wissenschaftssystema-

145

tischen Einordnung von ‚Wirtschaft und Gesellschaft‘ war, geht aus zwei brieflichen Äußerungen gegenüber seinem Verleger Siebeck hervor. 1913 bemerkt er, sein Beitrag zum Handbuch stelle annähernd seine ‚Soziologie‘ (sic) dar – obwohl er ihn „nie so nennen könnte“ (zit. Winckelmann 1986, 33), und im Jahre 1919 begründet er die Notwendigkeit einer erneuten Über- arbeitung des Textes damit, daß dieser in eine „lehrhafte“ Form gebracht werden müsse, „um endlich ‚Soziolo-gie‘ (sic, J.W.) streng sachlich- wissenschaftlich zu behandeln, statt der Dilettanten-Leistung geistreicher Philosophen“ (ebd., 47).

4.

Offenbar gibt es eine starke grundsätzliche Übereinstimmung zwischen Sim- mel und Weber hinsichtlich des Begriffs, der allgemeinen Aufgabenbestim- mung und auch der konkreten Ausarbeitung der Soziologie. Dem steht nicht entgegen, daß Simmel sich nicht nur viel früher, sondern auch, jedenfalls für eine gewisse Phase, viel bewußter und entschiedener mit der neuen Wissen- schaft identifiziert hat. Nimmt man die zu jener Zeit konkurrierenden Mei- nungen über die Soziologie in den Blick, wird deutlich, wie nahe sich Simmel und Weber standen, wenn das eigenständige Recht und die speziellen Aufga- ben der Soziologie einerseits und die Grenzen ihrer Erkenntnismöglichkeiten andererseits zur Frage standen. Sowohl die Überlastung der Soziologie (resp. der Gesellschaftswissenschaft überhaupt) mit weltanschaulichen oder prak- tisch-politischen Ambitionen (wie bei Comte, Marx und Durkheim, später dann auch bei Mannheim und v. Wiese) als auch die, vor allem von dieser Überbeanspruchung her motivierte Auffassung 71 , es handele sich hier um eine ganz überflüssige und gefährliche Pseudowissenschaft, ein bloßes „Wortmas- kenverleihinstitut“ (Dove), wurden von ihnen mit der gleichen Entschieden- heit und mit sehr ähnlichen Argumenten kritisiert und auch durch den Tatbe- weis (also durch die jeweilige soziologische Praxis) widerlegt. Für beide ist die Soziologie nur als empirische Fachwissenschaft möglich und notwendig; ihre wichtigste Aufgabe besteht darin, für die Erforschung der gesell- schaftlichen Bedingtheit geschichtlicher Wirklichkeiten und Prozesse ein – durchaus offenes – System von klaren Begriffen und theoretischen Annah- men zu erarbeiten. Auch für Simmel besitzt dieses begrifflich-theoretische

146

Instrumentarium weder einen Zweck in sich selbst noch eine unvordenkliche, etwa transzendentale Geltung. 72 Es ist insofern wenig überzeugend, wenn Simmel und Weber, wie dies oft geschieht, als Repräsentanten zweier prinzipiell verschiedener Ausprä- gungen von Soziologie vorgestellt und gedeutet werden. Dabei wird Unter- schieden im intellektuellen Temperament, in der Gewichtung der einzelnen Arbeitsbereiche und auch in den erkenntnistheoretischen oder metaphysi- schen Hintergrundannahmen zuviel Bedeutung zugemessen. Natürlich lassen sich die Vergleichsgesichtspunkte und deren relatives Gewicht nicht dogma- tisch festlegen, und ganz ohne Zweifel sind Webers und Simmels Auffassun- gen in mancherlei Hinsicht außerordentlich verschieden. Es scheint aber, daß dies gerade nicht für ihre Stellung zur Soziologie gilt. In dieser Hinsicht ste- hen sich Simmel und Weber vielmehr unter allen Klassikern am nächsten. Daher rührt es auch, daß die gegenwärtige Soziologie keiner aufwendigen Abgrenzungs- und Vermittlungsbemühungen bedarf, wenn sie in themati- scher oder in konzeptueller Hinsicht an beide Klassiker anschließen will. Ein besonders wichtiger Aspekt der Affinität zwischen den beiden Theoretikern liegt darin, daß die Entstehungs- und Existenzbedingungen, damit auch die Zukunftschancen des modernen okziden-talen Individualismus ein bestimmendes Thema und Motiv ihres Denkens gewesen sind. Dieses Erkenntnisinteresse ist zwar bei Simmel expliziter und manifester, doch ist seine dominierende Bedeutung auch für Webers Denken ganz unübersehbar und tatsächlich oft konstatiert worden. 73 Offenbar ist Simmels Grundbegriff der ‚Differenzierung‘ für eine soziologische Behandlung des Problems ange- messener und auch ergiebiger als das von Weber bevorzugt verwendete Ra- tionalisierungskonzept. Differenzierung und Rationalisierung gelten jedoch für Simmel und Weber gleichermaßen als zwei Seiten desselben Gesche- hens 74 , auch wenn Simmel ganz ohne Zweifel das Differenzierungskonzept in

72 Ein solcher (transzendental-logischer Status der soziologischen Formbegriffe Sim- mels wird gelegentlich aus seinem Rekurs auf Kant oder aus seinem Vergleich mit der Geometrie abgeleitet. Demgegenüber ist nicht nur an die oben zitierten, auf Webers Idealtypus-Konzept vorausweisenden Feststellungen Simmels zu erinnern, sondern z.B. auch auf seine Bemerkungen (1907, 12) über die prinzipielle Diffe- renz zwischen den geometrischen und den soziologischen Abstraktionen. In der ‚sozialen Differenzierung‘ (1890/1966, 17) hatte Simmel in einer sehr problemati- schen Weise die soziologischen resp. sozialen ‚Formen‘ hinsichtlich des Verhält- nisses von Allgemeinheit und Einzelheit mit den Naturgesetzen verglichen.

73 Vgl. z.B. Rammstedt 1985 und Ringer 1969, 168.

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einer konsequenteren und umfassenderen Weise zu einer genuin soziologi- schen Analyse des modernen Individualismus genutzt hat. Allerdings erweist es sich, wie bemerkt, im Zuge dieser Simmel-schen Analyse, daß die Sozio- logie durchaus nicht in ein inneres und produktives Verhältnis zur Individua- lität treten kann, und dies ist sicherlich ein wichtiger Grund dafür, daß sich Simmels Interesse schließlich wieder von der Soziologie wegbewegt. Auf der anderen Seite hat der oft – zuerst von O. Spann – als geradezu antisoziolo- gisch kritisierte und auch von Simmel nicht geteilte 75 ‚Individualismus‘ der Weberschen Soziologie damit zu tun, daß Weber keine Hoffnungen in eine „Metaphysik der Individualität“ zu setzen vermochte. Seine Kritik (und Ver- meidung) aller hy-postasierenden Begriffsbildung entspringt demnach auch der Absicht, wenigstens ex negative die möglichen Spielräume individuellen Handelns sichtbar zu machen. 76 So gilt für Simmel und Weber, daß ein originäres Interesse an den Be- dingungen individueller Freiheit sie zur Soziologie gebracht und sie zugleich zu einer sehr auffälligen Distanz zu dieser Wissenschaft genötigt hat. Einer solchen, die Affinität der beiden Klassiker hervorhebenden Deu- tung steht die explizite Simmel-Kritik Webers nicht entgegen. Dies ist selbst dann nicht der Fall, wenn eine gewisse Unzufriedenheit mit Simmels Argu- mentations- und Darstellungsweise eine nicht zu vernachlässigende Rolle bei Webers Bemühungen um die Soziologie gespielt haben sollte (was man wohl annehmen kann). Auch in der geplanten ausführlichen, aber Fragment ge- bliebenen Auseinandersetzung mit Simmel wäre es, so ist zu vermuten, nicht darum gegangen, das Simmelsche Verständnis von Soziologie grundsätzlich zu kritisieren. Aus den vorliegenden kritischen Bemerkungen ergibt sich viel eher, daß Weber vor allem mit einer bestimmten Ambivalenz oder Inkonse- quenz bei Simmel nicht einverstanden war. obwohl Simmel sich über die Aufgaben und Möglichkeiten einer erfahrungswissenschaftlichen Soziologie sehr klar geäußert hat, hat er die damit vorgegebenen Grenzen nach Webers Auffassung zumindest in einer wichtigen Hinsicht nicht eindeutig und strikt beachtet. Hierbei handelt es sich einerseits um eine – womöglich sogar be-

tung‘, in der wohl ein direkter Einfluß Simmels zu erkennen ist, hebt ja auf den Differenzierungsprozeß und dessen tiefreichende Widersprüche ab. Von daher ist es also keineswegs überzeugend, dem Rationalisierungs-theoretiker Weber den Dif- ferenzierungstheoretiker Simmel entgegenzusetzen.

75 Dies habe ich an anderer Stelle (Weiß 1975, 91 f.; ders. 1981, 113 f.) etwas genauer ausgeführt.

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wußte – Grenzüberschreitung vom faktisch gültigen (‚gemeinten‘) zum ‚ob- jektiv gültigen‘ Sinn und andererseits (und in Verbindung damit) um eine Unklarheit hinsichtlich der Frage des geschichtlichen Fortschritts und seiner wissenschaftlichen Konstatierbarkeit. 77 Es ist aber zu beachten, daß Weber diese doppelte Grenzüberschreitung weder an Simmels Begriff der Gesell- schaft oder der Soziologie noch an dessen konkreten soziologischen Analy- sen dingfest macht. Auch ist nach dem Gesagten Weber nicht die Auffassung zu unterstellen, daß jene ‚Konfusion‘ für die Simmelschen Vergesellschaf- tungs- oder Wechselwirkungsformen als solche kennzeichnend sei, so daß die formale Soziologie ein in sich widersprüchliches oder jedenfalls ‚ü- berschwengliches‘ Unternehmen darstellte. Webers Bedenken beziehen sich vielmehr auf den Umstand, daß Simmel nicht imstande und bereit war, sich in seinen kulturtheoretischen und zeitdiagnostischen Analysen an die Grenzen einer erfahrungswissenschaftlichen, soziologischen Argumentation zu binden und zu halten. Zwar gibt Simmel selbst die gemeinten Arbeiten (vor allem:

‚Die Philosophie des Geldes‘) wohl sehr bewußt nicht als soziologische aus, obwohl sie ganz ohne Zweifel soziologisch außerordentlich gehaltvoll und anregend sind. Unklar bleibt aber, wo die soziologische, also erfah- rungswissenschaftliche Argumentation endet und eine andere, etwa ‚meta- physische‘ oder moralphilosophische Argumentation beginnt. offenbar liegt in dieser ‚Konfusion‘ für Weber das Anstößige und Problematische des Sim- melschen Denkens, und diese Konfusion wird ja durch Simmels unexplizier- ten Begriff der ‚philosophischen Soziologie‘ keineswegs aufgelöst. Weber besteht, oft geradezu pathetisch, darauf, daß die „Entzauberung der Welt“ ein unvermeidliches und unrevidierbares Resultat der neuzeitlichen Wissenschaft sei und daß es deswegen widersinnig wäre, von eben dieser Wissenschaft neue Wertsetzungen und Sinngebungen zu erwarten. Auch Simmel setzt solche Erwartungen nicht in die Soziologie als solche. offenbar glaubt er aber sehr lange, daß die intendierten kulturphilosophischen oder kulturmetaphysischen Entwürfe und Synthesen unmittelbar an soziologische Analysen anschließen oder aus denselben hervorgehen könnten. Bei einer solchen Sichtweise wäre die Soziologie zum problematisierenden (und auch ‚negativen‘) Teil des Denkens, seinem ‘Purgatorium’ gleichsam, zu rechnen,

77 In seinem Brief an Max Weber vom 18.3.1908 (Gassen/Landmann 1958, 127 f.) beklagt sich Simmel über die „in gewissen Kreisen“ verbreitete „scheußliche Un- wahrheit“, daß er „ein ausschließlich kritischer, ja destruktiver Geist“ sei und mit seinen Vorlesungen „zur Negation anleite“: In Wahrheit seien seine Vorlesungen und seine gesamte Arbeit seit vielen Jahren „ausschließlich auf das Positive, auf die Beweisung eines tieferen Verständnisses von Welt und Geist gerichtet“

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jenseits dessen die eigentlich intendierten – neuen, konstruktiven Sinnstiftun- gen, womöglich in der Form einer umfassenden ‚Metaphysik des Diesseits‘, anzusetzen hätten. 78 Es liegt nahe, auch den eigentümlichen, oft als ‚ästheti- zistisch‘ und unwissenschaftlich kritisierten (vgl. z.B. Hübner-Funk 1976; Frisby 1981, 72 ff.) Schreib- und Vortragsstil Simmels mit der Absicht zu erklären, an unscheinbaren und alltäglichen Gegenständen den Vorschein oder die Anmutung eines tiefen, wenn auch unbestimmten Sinns zu erzeugen. Allerdings scheint es (trotz der Ausführungen über die philosophische Soziologie in den ‚Grundfragen‘) so, als ob Simmel am Ende der Soziologie überhaupt keine notwendige und konstitu-tive Bedeutung hinsichtlich der ihn bewegenden Probleme mehr zugeschrieben hätte. Die letzte von ihm veröf- fentlichte Schrift (Lebensanschauung. Vier metaphysische Kapitel, 1918), deren letztes Kapitel dem „individuellen Gesetz“ gewidmet ist, läßt jedenfalls nicht erkennen, daß er von der Soziologie irgendeine Hilfe bei der Bewälti- gung dieser Fragen erwartete. Weber hat sich seinerseits zu keiner Zeit in seiner Auffassung beirren lassen, die Sozialwissenschaften seien außerstande, neue Welt- oder Lebensanschauungen zu begründen oder ihnen auch nur in irgendeiner Weise den Boden zu bereiten. Dies kommt auch in der sehr be- tonten (und von ihm selbst schon in seiner Jugend als Last empfundenen) Nüchternheit seines Denk- und Sprachstils zum Ausdruck. Darüber hinaus aber sah er keine Möglichkeit, und dies auch aus soziologischen Gründen, von irgendeiner Metaphysik eine Erneuerung der Kultur und eine Überwin- dung der »Entzauberung der Welt« zu erhoffen. Die Philosophie, soweit sie auf Wissenschaftlichkeit Anspruch erhebt, kann und soll sich nach seiner Auffassung als Erkenntnistheorie, als ‚Wertanalyse‘ und als Moralphiloso- phie (in der Tradition Kants) betätigen: Eine umfassende Welt- oder Lebens- anschauung oder auch nur, mit Simmels Worten, eine „philosophische Kul- tur“, zu stiften, liegt dagegen durchaus nicht in ihrer Kompetenz. Weber hat diese Auffassung zeit seines Lebens vertreten; aus ihr ergab sich auch seine tiefe Skepsis gegenüber den Vorstellungen von einer neuen ‚Kultursynthese‘, wie sie im Zuge geschichtsund religionsphilosophischer Reflexionen (und durchaus in Verbindung mit einer grundsätzlichen Kritik an Webers restriktivem Verständnis von Soziologie) auch von Ernst Troeltsch entwickelt wurden. 79 Wegen dieser grundsätzlichen Zurückhaltung in Fragen

78 Insofern ist es auch unrichtig, wenn (Frisby 1981, 26) gesagt wird, Weber habe sich immer weiter von der Philosophie entfernt, während Simmel sich ihr immer mehr angenähert habe.

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einer neuen Sinn- und Wertsetzung sieht Weber (am Ende von ‚Wissenschaft als Beruf‘) keine andere Möglichkeit, als jeden einzelnen an die „Forderung des Tages“ und an den „Dämon“ zu verweisen, der „seine Lebensfäden hält“. 80 Darin kommt in sehr prägnanter Weise zum Ausdruck, daß der We- bersche ‚Individua-lismus‘ ohne jeden substantiellen Begriff von Individuali- tät auszukommen genötigt ist. Demgegenüber sind Simmels Analysen zum Problem der Individualität – und zwar nicht nur die philosophischen, sondern auch die soziologischen 81 – noch sehr viel stärker von der philosophischen Tradition, d.h.: von einer ontologi-schen oder metaphysischen Auffassung des Individualitätsproblems, bestimmt. Es ist aber eine sehr diskussionswür- dige Frage, ob nicht Simmels soziologische Analysen (die ja der Sache nach ohne Zweifel zur ‚Entzauberung‘ von Individualität beitragen), ebenso wie seine metaphysischen Reflexionen zu einer völligen Entsubstantialisierung der Individualität und zu ihrer Umdeutung in eine regulative Idee führen müssen. Das „individuelle Gesetz“, von dem Simmel im abschließenden Kapitel seines letzten Buches handelt, wird von ihm folgendermaßen charakterisiert: „Das jeweilige Sollen ist eine Funktion des totalen Lebens der individuellen Per- sönlichkeit.“ Wie nahe sich Simmel und Weber damit in dieser für ihrer bei- der Denken so wesentlichen Frage gekommen sind, macht die unmittelbar anschließende Erläuterung deutlich: „Dies ist vielleicht der tiefere Sinn der mystischen Vorstellung, daß jeder Mensch seinen besonderen, ihn von Fall zu Fall führenden Engel oder Genius hätte, der gewissermaßen die ‚Idee‘ „sei- nes Lebens darstellte“ (Simmel 1918, 205).

philosophie II. In: Historische Zeitschrift, Bd. 124/1921, 377-447. Hier spricht Tro- eltsch von der Unfähigkeit Webers zu einem „wirklichen Eindringen in die innere Dynamik, Spannung und Rhythmik des Geschehens, in das Ineinander von Sein und Wert und dessen Wachstum“. Angesichts dieser Kritik auf der einen und We- bers Simmel-Kritik auf der anderen Seite könnte man vermuten, daß Troeltsch gro- ße Sympathie für Simmels kulturphilosophische Bestrebungen empfunden haben müßte. Tatsächlich schreibt er der Simmelschen Soziologie das Verdienst zu, dazu beigetragen zu haben, „ein neues historisches Sehen zu lehren“ (a.a.O., 447); er erwähnt aber auch, daß Simmel ihm gegenüber in seinen letzten Jahren bemerkt habe, soziologische Fragen „interessierten ihn nicht mehr“ (a.a.O., 423). Was aber die Kultur- und Geschichtsphilosophie Simmels betreffe, so habe allein in der „ab- soluten Situation des Weltkrieges“ den „spielenden Intellekt ein Hauch wirklich hi- storischen Lebens“ berührt, doch habe sehr bald wieder der „Skeptiker und Pessi- mist“ mit seiner Vorstellung von einer unaufhaltsamen Tragödie der Kultur die Oberhand gewonnen (a.a.O., 435).

80 Letztere insofern, als Simmel ja ‚Individualität‘ als ‚Grundbegriff‘ der Soziologie (nämlich: als Gegenbegriff zu ‚Gesellschaft‘) verstehen will (1890, 3).

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Generalisierter Weberianismus? Einige Reflexionen zur ge- genwärtigen Weber-Rezeption

1.

Ist es ist an der Zeit, eine Abhandlung zu verfassen, deren Titel und Tendenz einem schönen Aufsatz Adornos über Johann Sebastian Bach entliehen wäre und lautete: „Max Weber gegen seine Liebhaber verteidigt?“ Muß es nicht viel eher nachdenklich als freudig stimmen, wenn ein Gelehrter – Jurist, His- toriker, Ökonom, Soziologe und auch Philosoph –, an dem sich so lange die Geister geschieden haben, nunmehr zum intellektuellen Liebling breitester Kreise avanciert ist – in den in Frage kommenden Wissenschaften ebenso wie in der gebildeten (oder gebildet erscheinen wollenden) kulturellen und politi- schen Öffentlichkeit? Was ist geschehen, daß das Werk Max Webers, den schon zu Lebzeiten niemand des geistigen oder politischen Versöhnlertums hätte bezichtigen können und mit dessen Ideen und Argumenten man jeder- zeit – und nach vielen Seiten hin – die heftigsten Kontroversen auslösen konnte, geradezu zum Medium eines allgemeinen, herrschaftsfreien und zwanglosen Diskurses und Konsenses innerhalb und außerhalb der Sozialwis- senschaften werden konnte? Kann ein Denken, das in so vielfältiger Hinsicht, und ganz im Sinne des Denkers, als sehr provokatorisch gegolten hatte, im Laufe der Zeit, also im Zuge einer entsprechenden Veränderung der Randbe- dingungen der Rezeption, allmählich eine starke konsensstiftende Wirkung entfalten? Oder haben wir es hier mit einem groben Mißverständnis und ei- nem Mißbrauch zu tun – etwa in dem Sinne, daß man sich, koste es, was es wolle, um diesen großen Gelehrten schart, weil man solcher „repräsentativer Individuen“ (Jakob Burckhardt) bedarf und weil alle Konkurrenzkandidaten ihre Anziehungs- und Überzeugungskraft fast vollständig verloren haben? Wäre also der zu beobachtende allgemeine Weberianismus nichts anderes als der Ausdruck eines anderweitig nicht mehr angemessen – soll sagen: auf ei- nem hinreichenden Anspruchsniveau – zu befriedigenden intellektuellen Ori- entierungs-, Schutz- und Sicherheitsbedürfnisses?

152

2.

Mutmaßungen dieser letzteren Art drängen sich am ehesten da auf, wo Sozi- alwissenschaftler(innen), die, aus welchen Gründen auch immer, in ihrem langewährenden Vertrauen auf die alle Probleme lösende und geradezu welt- erlösende Kraft des von Marx und Engels sich herschreibenden und von so bedeutenden Denkern wie Lenin, Trotzki, Lukács, Bloch und anderen fortge- führte Denktradition verloren haben und nun einen gangbaren Weg zur intel- lektuellen und politischen Selbst-Erlösung suchen. So unwahrscheinlich und unplausibel, wie es zunächst erscheinen mag, ist es tatsächlich nicht, von Marx mehr oder minder direkt (oder vermittelt über Webero-Marxisten wie Gramsci oder Marxo-Weberianer wie Bourdieu) zu dem Denker überzu- wechseln, der vordem als eigentlicher „Anti-Marx“ gegolten hatte. Dies näm- lich erlaubt es, eine Menge unhaltbarer, weil überschwenglicher, das heißt:

mit Hilfe der Wissenschaften prinzipiell nicht einzulösender Ambitionen gleichsam ‚auf einen Schlag‘ loszuwerden und zugleich viele bedeutende Problemstellungen, nicht wenige der erlernten Erkenntnismittel und sogar zentrale Elemente des überkommenen Erkenntnisinteresses zu retten – eben darum, weil es in all diesen Hinsichten viele Gemeinsamkeiten zwischen Marx und Weber gibt. Der „positive“ Charakter der Weberschen „Kritik der materialistischen Geschichtsauffassung“ begründet sich ja im wesentlichen genau darin, daß Weber nicht nur zentrale Fragestellungen – allem voran die Leitfrage nach der Eigenart, den Entstehungsbedingungen und den sozio-kulturellen Folgen des modernen okzidentalen Kapitalismus -, sondern auch wichtige Erklä- rungsmittel und Erklärungsweisen – vor allem: die systematische Berück- sichtigung sozio-ökonomischer Tatbestände und ökonomischer, politischer und ideeller Machtinteressen – mit Marx teilte (wenn auch nicht, schon gar nicht unmodifiziert, von Marx übernahm). Keiner der ‚bürgerlichen‘ Klassi- ker der Soziologie steht insofern dem Marxschen Forschungsprogramm nä- her, und dies gilt auch für diejenigen forschungsleitenden Wertbeziehungen und Wertsetzungen, die sich bei Marx auf das Problem der Entfremdung, bei Weber, in der Sache sehr ähnlich, auf die Gefahr einer fortschreitenden „Ve- runpersönlichung“ in einem durchrationalisierten „Gehäuse der Hörigkeit“ bezogen.

153

3.

Über diesen besonderen, allerdings auch besonders wichtigen Aspekt – das Verhältnis zur marxistischen Theorietradition – hinaus lassen sich einige all- gemeine Gründe dafür angeben, daß Max Weber und sein Werk sich in der gegenwärtigen Situation tatsächlich besonders eignen, eine breite Basis und zugleich ein hohes Anspruchsniveau für inner- und außerwissenschaftliche Kommunikationen und Kontroversen zu liefern. Diese Gründe sind im fol- genden kurz zu umreißen. Abschließend ist darzulegen, warum es dennoch – zum Glück – unmöglich ist, sich in einem kollektiven Weberianismus warm und gemütlich einzurichten. Der vermittelnde, aber durchaus nicht kompromißlerische Charakter des Weberschen Denkens läßt sich auf drei Ebenen dingfest machen: (a) hin- sichtlich des Verhältnisses von Sozialwissenschaft und sozialer Lebenswelt, (b) hinsichtlich grundlegender methodologischer Prinzipien und Regeln und (c) in thematischer Hinsicht. (a) Weber hat, wie man weiß, sehr nachdrücklich um die Wissenschaft- lichkeit sozialwissenschaftlicher Forschung (das heißt die Präzisierung der Begrifflichkeiten, die Strenge der Methode, die theoretische Syste- matisierung) gekämpft, zugleich aber immer betont, daß sich diese Wis- senschaften in ihrer Erkenntnisform nicht prinzipiell von der lebensweltlichen und lebenspraktischen Erfahrungsform distanzieren dürften und daß erst recht eine Enteignung der resp. Entfremdung von lebensweltlichen Erfah- rungsweisen durch sozialwissenschaftliche „Aufklärung“ vermieden werden müsse. Im (Rück-)Blick auf bestimmte Ausprägungen marxistischer Theorie läßt sich demgegenüber ja mit gutem Grund von einer nicht nur moralisch- politischen, sondern auch intellektuellen Expropriation der (sozio- ökonomisch) Expropriierten sprechen, und die neuere Systemtheorie hat die prinzipielle und rigorose Distanzierung von lebenspraktischen ‚Selbst- beschreibungen‘ bekanntlich zum Programm gemacht. Dies steht im prinzi- piellen Gegensatz zu dem, was Weber meinte, als er die Kultur- und Sozial- wissenschaften als „Wirklichkeitswissenschaften“ bezeichnete: als Wissen- schaften nämlich, deren Erkenntnisinteressen, Erkenntnisgegenstände und auch Erkenntnismittel aus dem geschichtlichen Lebenszusammenhang er- wachsen, in diesen eingebunden bleiben und auf ihn zurückwirken (sollen). Die Idee der Wirklichkeitswissenschaft verweist nicht auf Grenzen der Mög- lichkeit, wohl aber auf Grenzen der Nützlichkeit einer generalisierenden Beg- riffs- und Theoriebildung in den historischen Sozialwissenschaften, und sie

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erklärt, warum Weber seine eigenen Konzeptualisierungen 1. als weder er- schöpfend noch definitiv und exklusiv verstand und sie 2. hinsichtlich ihres

logischen Status als „idealtypisch“ interpretierte. Nur diese Art der Konzep- tualisierung ist nach seiner Auffassung imstande, dem wissenschaftlichen Bedürfnis nach Klarheit und Distinktheit zu genügen und zugleich das Be- wußtsein der Differenz zwischen diesen analytischen Konstrukten und der lebensweltlichen Erfahrungsform wachzuhalten.

(b) Dem wirklichkeitswissenschaftlichen Programm entspricht die We-

bersche Wissenschaftslehre oder Methodologie. Hier ist vor allem daran zu erinnern, daß und wie bei Weber vermeintliche Unvereinbarkeiten verbunden sind, so vor allem Wertfreiheit und Wertbezogenheit, Verstehen und kausales Erklären, begrifflich-theoretische Präzision und Systematik einerseits, Offen- heit und Vorläufigkeit aller Konzeptualisierungen andererseits. Wie eine klas-

sische contradictio in adiecto erscheint die ganze Vorstellung einer „individu- alistischen“ (nämlich auf die einzelnen Akteure als – einzige – Träger sinnhaf- ten sozialen Handelns abhebenden) Soziologie. Diese dialektisch zu nennen- de Vorstellung aber ist methodologisch und auch ontologisch wohlbegrün- det, und im übrigen entspricht nur sie den kulturellen resp. sozial-moralischen Vorgegebenheiten der Moderne und den Erfordernissen einer aufgeklärten gesellschaftlichen Praxis. Diese Verknüpfungen von scheinbar unvereinbaren Gegensätzen sind an dieser Stelle nicht im einzelnen zu erörtern. Es ist aber ganz sicher, daß auch hier wichtige Gründe für die gegenwärtige Anziehungskraft Webers liegen: Die Soziologie sieht sich in diesen Punkten nicht (mehr) mit falschen Alternativen konfrontiert und genötigt, unmögliche und im Ergebnis völlig unbefriedigende Entweder-Oder-Entscheidungen zu treffen.

(c) Sehr gewichtig sind die Möglichkeiten, die sich aus einer Weberia-

nischen Perspektive für die Analyse unserer gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Gegenwart (und absehbaren Zukunft) ergeben. Hier wäre der Frage nachzugehen, warum Max Weber, neben Georg Simmel, zu dem – mit großem Abstand – am meisten beanspruchten unter den klassischen Theore- tikern der Moderne geworden ist. Die Antwort, die ich an dieser Stelle eben- falls nicht ausführen kann, findet sich, so nehme ich an, zunächst darin, daß er, trotz des fragmentarischen Charakters seines Werks, wie kein anderer die Eigentümlichkeiten und die spezifischen Bedingungen der Entstehung und der Durchsetzung der modernen (okzidentalen) Kultur erforscht hat. Noch wichtiger aber dürfte, was seine neue Aktualität angeht, sein, daß er den tie- fen Widersprüchen, ja Antinomien, dieser Moderne geradezu besessen nach-

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gespürt und alle Versuche – die älteren wie die zeitgenössischen – zurück- gewiesen hat, diesen Widersprüchen und Antinomien mit mehr oder minder anspruchsvollen intellektuellen Synthesen oder praktisch-politischen ‚Aufhe- bungen‘ beizukommen. Wäre es möglich, daß die Attraktivität und Fruchtbarkeit der Ideen und Analysen Webers zur Moderne gerade damit zu tun haben, daß Weber dabei, und zwar nicht nur aus kontingenten Gründen etwa wegen seines allzu frühen Todes, auf höhere Grade der Generalisierung und der Integration (der „Syn- these“) verzichtet hat? Könnte es sein, daß zumindest dieser Gegenstand (die moderne Kultur und ihre Dynamik) sich – bei näherer Betrachtung – nicht vermittels eines abstrakten, einheitlichen und geschlossenen theoretischen „Modells“ erfassen und erklären läßt? Wäre Weber (wie Simmel) vielleicht genau deswegen nicht nur ein eminenter Theoretiker der Moderne, sondern auch ein eminent moderner Theoretiker (auf dem Felde der Sozial- wissenschaften), weil seine „Theorie“ zugleich eine Kritik der Theorie ist – „Kritik“ verstanden im Kantischen Sinne einer begründeten, rationalen Selbstlimitierung des Erkennens? Tatsächlich kann es keine überzeugende und ihrem Gegenstand ange- messene Theorie der Moderne geben, die nicht selbst als konstitutives Ele- ment eben dieser Moderne zum Thema und zum Problem werden müßte. Eine solche Reflexivität aber ist ein besonderes Kennzeichen des Weberschen Denkens. In diesem Denken, mit seiner tiefen Skepsis gegenüber den großen philosophischen Synthesen und den umfassenden politischen und/oder kultu- rellen Entwürfe des 19. Jahrhunderts, wird mit aller Konsequenz eine geistige Situation ins Bewußtsein gehoben, in der die Entzauberung durch die Wis- senschaften sich zur Selbstentzauberung der Wissenschaften radikalisiert hat. Es wäre ein leichtes Unterfangen zu zeigen, daß so gut wie alles, was als spezifisches Merkmal des Wissenschafts- und insbesondere des Theoriever- ständnisses Webers gilt, aus eben diesem Bewußtsein entspringt, das Weber im übrigen mit größter Klarheit in einer seiner letzten Schriften (Wissenschaft als Beruf) zum Audruck gebracht hat. Nicht wenigen Interpreten ist es höchst problematisch, wenn nicht widersinnig erschienen, daß der moderne okzidentale Individualismus nicht nur ein zentraler Beweggrund und Gegens- tand der Weberschen Analysen ist, sondern auch seine theoretischen und methodologische Perspektive prägt. Aber wenn hier ein tiefes Problem viel- leicht sogar eine Paradoxie liegt, so kann sich die Soziologie diesem Problem doch nicht entziehen, solange sie nicht aufhört, so reflexiv und selbstkritisch zu sein, wie es die schlichte intellektuelle Rechtschaffenheit von ihr fordert.

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Zugleich aber mag eben diese problematische Existenz der Hauptgrund jener erfrischenden und inspirierenden „ewigen Jugendlichkeit“ sein, von der We- ber gesprochen hat. Es ist sehr üblich, die Schwierigkeiten der Soziologie, eine reife und ‚erwachsene‘ Wissenschaft zu werden, zu beklagen. Unter den gegebenen kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen erscheint es mir aber viel angemessener und produktiver, diese „ewige Jugendlichkeit“ nicht als Fluch, sondern viel eher als einen wahren Segen zu sehen und nach Kräf- ten zu nutzen.

4.

Vor allem diese letzten Hinweise machen deutlich, daß es zwar gute Gründe gibt, an Weber anzuschließen, daß sich aber damit die entscheidenden Pro- bleme nicht so sehr erledigen als vielmehr allererst wirklich stellen. Genau dies gilt auch für die vorher genannten Weberschen ‚Vermittlungen‘. Immer zeigt sich, bei etwas genauerer Betrachtung, daß diese zwar sehr anziehend und vielleicht sogar unvermeidlich also alternativenlos sind, daß aber mit der Vermeidung falscher Alternativen und nicht begründbarer Einseitigkeiten die Arbeit nicht etwa getan ist, sondern erst wirklich beginnt. Webers ‚Vermitt- lungen‘ stellen ja nicht Lösungen, sondern schwere Aufgaben und Heraus- forderungen dar, deren Bewältigung ebensogut mißlingen wie, fürs erste und bis auf weiteres jedenfalls, glücken kann. Alles in allem ist mir das Webersche Denken nie wie ein sanftes intel- lektuelles Ruhekissen, sondern immer, um in der metaphorischen Redeweise zu verharren, wie ein intellektueller Jungbrunnen erschienen. Es ist eine Quelle immer neuer und auf neue Fragestellungen zielender Anregungen, aber auch immer neuer Aufregungen und Ärgernisse. Ich vermute, daß genau dies erklärt, warum die einen nicht von Weber los- und die anderen auf ihn zukommen. Wenn das so ist, bedeutet ein generalisierter Weberianismus nicht den sicheren Weg in, sondern das zuverlässigste Mittel gegen jede intel- lektuelle Entropie. Und dies hängt wiederum damit zusammen, daß die Rede von einem ‚Weberianismus‘ in Wahrheit einen Widerspruch in einem Begriff enthält: Wenn es einen Denker gibt, den man keinen -ismus anhängen kann, dann dieser.

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Friedrich H. Tenbruck

Friedrich H. Tenbruck hat seine Kritik am Soziologismus in der Soziologie vor Jahren einmal in der schönen und schön polemischen, aber auch plasti- schen Formel vom „generalisierten Marxismus“ zusammengefaßt. Er hat die- sem generalisierten Marxismus eine von Weber sich herschreibende kultur- oder wirklichkeitswissenschaftliche Idee von Soziologie entgegengesetzt. Dennoch wäre ihm die Alternative eines „generalisierten Weberianismus“ gewiß ein Greuel gewesen. Mir gefällt der Gedanke (oder besser: ich gefalle mir in dem Gedanken), meine knappen Bemerkungen hätten Tenbruck gefal- len. Insofern sei mir erlaubt, sie zum Anlaß zu nehmen, an diesen bedeuten- den, immer höchst anregenden und sehr oft sehr aufregenden Kollegen und Weber-Forscher zu erinnern.

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V Marx und Marxismus

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„Marx oder Weber?“ Eine Rezension nebst Antireplik

(Zu: Veit Michael Bader u.a., Einführung in die Gesellschaftstheorie. Ge- sellschaft, Wirtschaft und Staat bei Marx und Weber, Frankfurt/New York

1976.)

Die Auseinandersetzung materialistischer Theoretiker mit dem Werk Max Webers ist – von sehr wenigen und nahezu wirkungslosen Ausnahmen abge- sehen – sicherlich eines der wissenschaftliche unfruchtbarsten und deprimie- rendsten Kapitel der an unergiebigen Kontroversen und Spiegelfechtereien nicht armen Geschichte der Soziologie. Das in dieser Auseinandersetzung demonstrierte groteske Mißverhältnis zwischen der Schärfe und der Apodik- tizität der Ablehnung einerseits, dem Umfang und der Intensität der Rezepti- on andererseits dürfte nachgerade ohne Parallele sein. Worin dies begründet liegt, ist an dieser Stelle nicht zu untersuchen, so lehrreich das in mancher Hinsicht sein dürfte. Tatsächlich scheint dieses wenig ruhmvolle Kapitel nunmehr auch seinem Ende entgegenzugehen und einer tiefer eindringenden Beschäftigung mit den Arbeiten Webers von seiten materialistischer Sozial- wissenschaftler Platz zu machen. Es ist zu hoffen, daß damit eine von Sach- lickkeit und intellektueller Redlichkeit geprägte Auseinandersetzung in Gang gesetzt wird. Die vorliegende Publikation dürfte geeignet sein, einen Beitrag dazu zu leisten. Der von den Autoren bekundete „emphatische Anspruch wissen- schaftlicher Wahrheit und Kritik“ (15) drückt sich darin aus, daß man es sich mit der Weber-kritik tatsächlich vergleichsweise – und gelegentlich sogar fühlbar – schwer macht. Allerdings ist dies auch a fortiori von einem Text zu erwarten, der wie der vorliegende als Einführung in „Theorien der Gesell- schaft“ im Rahmen des sozialwissenschaftlichen Grundstudiums dienen soll. Auch der formale Aufbau demonstriert das nachdrückliche Bemühen um eine durchsichtige und der Kritik offenstehende Darstellung. In sechs Teilen werden jeweils die Argumentationen von Marx und Weber zu drei Problembereichen (Grundlegende Begriffe/Theoreme; Politische Ökono- mie/Wirtschaftssoziologie; Recht und Staat) referiert und erörtert. Jeder Pro- blembereich wird durch eine „Vergleichende Diskussion“ abgeschlossen. Teils diesen drei Teilen insgesamt, teils ihren Unterabschnitten oder Kapiteln werden „Lernziel“-Formulierungen vorangestellt; allen Kapiteln sind Hinwei-

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se auf die jeweilige „Textgrundlage“ und ein Katalog von „Fragen zur Dis- kussion“ beigegeben. Außerdem gibt es einen sehr umfänglichen Apparat von „Erläuterungen und Zusätzen“ zu jedem Kapitel und ein Literaturverzeichnis sowie ein Sach- und ein Personenregister am Ende des zweiten Bandes. Es ist das ausdrückliche Interesse der Autoren an einem kritischen Studium, das vorweg einige Bemerkungen zur Auswahl, Gliederung und Darbietung des Stoffes erfordert. Zunächst einmal führt das Symmetrie-Bedürfnis dazu, daß – innerhalb der drei Problembereiche -Argumentationen von Marx und Weber nebenein- ander gestellt und „vergleichend diskutiert“ werden, die teils überhaupt nicht, teils nur sehr begrenzt für eine solche direkte Konfrontation geeignet sind. Dieser, den Autoren offenbar auch bewußten (17 f.) Schwierigkeit wäre wohl nur so zu begegnen gewesen, daß eine systematische Einführung in beide Grundlegungs-Versuche einschließlich einer genauen Bestimmung ihres jeweiligen erkenntnislogischen Status an den Anfang gestellt worden wäre. Dabei hätte es – im Rahmen eines einführenden Studienbuchs – natürlich nicht darum gehen können, etwa das bei Marx wie bei Weber zentrale Prob- lem des Verhältnisses eines betont historischen Forschungsansatzes zur – unvermeidlich – generalisierenden Begriffs- und Theoriebildung aufzuklären. Ein noch so knapper Aufriß gerade dieses sehr schwierigen und sicherlich von keinem der beiden Autoren endgültig „gelösten“ Problems wäre aber zweifellos den ebenso entschiedenen wie widersprüchlichen Einzelbemerkun- gen zu diesem Thema vorzuziehen gewesen, die sich in der Arbeit finden. So heißt es an einer Stelle (17), Marx habe im Gegensatz zu Weber „keine all- gemeine, universalhistorisch gültige Wirtschafts-, Rechts- oder Staatstheorie formuliert“, wohingegen wenig später (28) von dem „allgemein gehaltene(n) auf alle Geschichtsepochen bezogenen Marxschen Ansatz“ die Rede ist. Auch wird mit der – doch wohl nur polemisch verwendbaren – Marx-These über „Sein“ und „Bewußtsein“ so operiert, als handele es sich dabei tatsäch- lich um so etwas wie ein oberstes Axiom – die Autoren reden von „Grund- gedanke“ bzw. „Quintessenz“ (99) – der materialistischen Theorie; für Weber wäre sie dagegen zweifellos eine ganz leere, nichts erklärende und ge- schichtslose Abstraktion. Schließlich hätte schon eine ganz elementare Klä- rung des Sinns der Rede von empirischer Theorie es unmöglich gemacht, dem „realhistorischen“ Prozeß mit dem Konzept einer „logisch“ notwendigen Entwicklung entgegenzutreten, wie die Autoren – gelegentlich sogar unter Berufung auf eine „im Geschichtsverlauf selbst arbeitende Vernunft“ (447)! – dies tun (385, vgl. 324).

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In einer abgeschlossenen und gedruckt vorliegenden Erörterung dürf- ten Lernziel-Formulierungen, die im übrigen nichts anderes als ein kurzes Abstract der folgenden Darstellungen sind, wohl einigermaßen deplaziert sein. Zumindest problematisch scheinen die „Fragen zur Diskussion“: Wem bei der Lektüre keine eigenen Fragen kommen, dem ist vermutlich auch durch solche Vorgaben nur sehr bedingt zu helfen. Eine spezifische Gefahr liegt darin, daß die vorgegebenen Fragen für die einzig möglichen oder zu- mindest für die wichtigsten gehalten werden können; dazu dürften auch die gelegentlich recht apodiktischen Formulierungen beitragen. Schließlich sind die Fragen im vorliegenden Falle teilweise so gestellt, daß die vorangehenden Darstellungen zumindest eine kritische Beantwortung (die ja auch auf die Angemessenheit der Frage gehen müßte) nicht erlaubt. („Läßt sich ein gesell- schaftliches Sein ohne Bewußtsein der vergesellschafteten Individuen den- ken?“, 32, Frage 1.) Schließlich wirft es ein eigenartiges Licht auch auf die „Fragen zur Diskussion“, wenn gerade die „Vergleichenden Diskussionen“ zu den drei Problemkomplexen derartigen Fragen nicht unterworfen werden. Tatsächlich tendieren diese „Vergleichenden Diskussionen“ dahin, aus der offenen und kontroversen Erörterung wieder zu einigermaßen „festen“ Posi- tionen zurückzulenken. Über die „Erläuterungen und Zusätze“ ist zumindest zu sagen, daß sie – in der Aufnahme nahezu aller Probleme, die in der ge- genwärtigen Diskussion behandelt werden – die Verarbeitungskapazität und vielleicht auch die Frustrationsschwelle von Grundstudium-Studenten ein- deutig überschreiten. Wichtiger dürfte allerdings sein, daß durch sie eine Fül- le von Fragen nebenher miterledigt erscheinen könnte, die einer sehr einge- henden eigenen Erörterung sehr bedürftig wäre. Zum Abschluß dieser mehr technischen Bemerkungen noch ein Wort zum Literaturverzeichnis: Webers Arbeiten werden dort überhaupt nicht auf- geführt, wohingegen es eine detaillierte Inhaltsangabe der wichtigsten MEW- Bände gibt. Dies ist um so folgenschwerer, als auch die immer noch sehr beschränkten Hinweise im Zuge der Darstellung keinen Eindruck von der Breite des Weberschen Forschungsspektrums vermitteln können. Auch die Auswahl der Sekundärliteratur verrät, um das Mindeste zu sagen, einen deut- lichen Mangel an Sorgfalt: so fehlen z.B. die Weber-Monographie von Ben- dix, die Verhandlungen des 15. Deutschen Soziologentages über „Max We- ber und die Soziologie heute“ sowie die sehr wichtigen Abhandlungen zum Verhältnis von Weber und Marx von Roth, Kocka und W. Mommsen. Die folgenden inhaltlichen Erörterungen werden sich auf einige grund- legende Probleme beschränken müssen. Auf einzelne diskussionswürdige und

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kritikbedürftige Thesen und Formulierungen einzugehen, wäre – angesichts ihrer großen Zahl – mit allzu viel Beliebigkeit behaftet. Insbesondere soll auf jede Erörterung von i.e.S. methodologischen Fragen verzichtet werden, auf die die Autoren sich auch – bewußt – nur am Rande einlassen. Allerdings wären die Ausführungen über Verstehen und Erklären (83 ff.) – mit der The- se, die Auffassungen P.Winchs stellten eine „radikale Ausarbeitung des hand- lungstheoretischen Rahmens“ dar (102) – einer kritischen Diskussion in be- sonderem Maße bedürftig. Der wichtigste der Gründe, die die Autoren für die Wahl gerade der Marxschen und der Weberschen Konzeption angeben (16 f.), ist ebenso tra- ditionsreich wie fragwürdig: Es gebe zwei „alternative ge- sellschaftstheoretischen Positionen“, nämlich „objektiv gerichtete Theorien“ einerseits und „subjektiv gerichtete Theorien“ andererseits; Marx und Weber aber seien „anerkanntermaßen“ sowohl die „Gründer“ als auch „nach wie vor“ die „wichtigsten Repräsentanten“ dieser beiden Theorierichtungen. Nun könnte eine solche, eingeschliffene Simplifikationen aufnehmende Dichoto- misierung einen didaktisch brauchbaren Ausgangspunkt gerade für ein Stu- dienbuch abgeben. Dies ist jedoch nicht der Gebrauch, den die Autoren da- von machen. Zwar finden sich bei ihnen mancherlei explizite und implizite Bemerkungen, die einem derartigen alternativen Argumentieren im Bezug auf beide Autoren widersprechen. Sie stellen auch fest, daß von der „objektiv gerichteten“ Marxschen Theorie, die „Handeln durch Gesellschaft zu erklä- ren“ suche, durchaus Gesellschaft ihrerseits als „Handlungszusammenhang erkannt“ werde (16), wie andererseits für Webers „subjektiv gerichtete“ Theorie die Verselbständigung von Handlungszusammenhängen bzw. ihr „Umschlagen in Eigenwertgeltung“ (Gehlen) sogar ein zentrales Problem sei. Dennoch aber rekurrieren sie bis zum Ende immer wieder (und insbesondere in den „Vergleichenden Diskussionen“) auf jene Alternative, und zwar durch- gehend, um die Unmöglichkeit eines vom Handeln her argumentierenden Ansatzes darzutun. Tatsächlich kommt es trotz mancher Ansätze nirgends zu einer gründlichen und systematischen Klärung dessen, was unter sozialem Handeln zu verstehen ist, wie sich in solchem Handeln „überindividuelle“ Handlungsmuster „konstituieren“ und wie – last but not least – die Verselb- ständigung dieser „Strukturen“ und „Systeme“ zu einer „fremden Macht“ zu erklären ist. Nun ist es unbestreitbar, daß die zweite dieser Fragen bei Weber nur implizit (etwa: in den Definitionen sozialer Gebilde in den „Grundbegrif- fen“) behandelt wird und daß die dritte Frage bei ihm überhaupt keine sy- stematische Erörterung erfährt.

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Ebenso unbestreitbar scheint es mir jedoch zu sein, daß diese Fragen

sich allein aus einer handlungstheoretischen Perspektive sinnvoll formulieren, diskutieren und beantworten lassen. Allerdings kann dabei der Begriff vom sozialen Handeln nicht so aussehen, wie die Autoren ihn Weber zumindest immer dann zuschreiben, wenn sie die fundamentale Unzulänglichkeit dieses Handlungsansatzes belegen wollen. An diesen Stellen nämlich wird das Defi- nitionsmerkmal „sinnhaft“ durchgehend im Sinne von „bewußt gewollt“ (25), „gewollt“ (492), „zweckintendiert“ (226), „beabsichtigt“ (310), auf den (be- wußten) „Willen der Individuen“ (345) abstellend gedeutet. Die entsprechen- de Unterstellung, daß sozialen Akteuren der sinnhafte Bezug ihres Handelns auf das Verhalten anderer a) überhaupt irgendwie und b) sogar adäquat be- wußt sein müßte, ist aber keineswegs konstitutiv für Webers Ansatz. An ei- ner (früheren) Stelle sagen die Autoren im Anschluß an ein recht deutliches Weber-Zitat selbst, wie Sinnbezogenheit und Bewußtsein zusammenhängen:

„ ist Sinn doch insofern an Bewußtheit gebunden, als die Voraussetzung

dafür, von einem sinnhaften Handeln zu sprechen, die Möglichkeit ist, daß der Handelnde sich den Sinn seines Handelns klar machen kann“ (72; Un- terstreichung von B. u.a.). Dies scheint mir sehr zutreffend zu sein, jedenfalls in Verbindung mit einem Zusatz etwa folgenden, sehr schwerwiegenden In- halts: Die Bewußtmachung sinnhafter Bestimmtheit des Handelns stellt als solche bereits eine Veränderung dieser Bestimmtheit dar; darüber hinaus ist sie die Voraussetzung zumindest aller rational gesteuerten Veränderungspro- zesse auf der Ebene der sinnhaften Handlungsorientierung und -motivation. So verstanden scheint mir aber jede über eine Aufklärung der Akteure lau- fende gesellschaftliche Veränderung mit der Unterstellung zu stehen und