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John L.

Casti

Die Quantenpotential-Interpretation
Die Wirklichkeit ist ein ungeteiltes Ganzes, das durch „Pilotwellen“
zusammegehalten wird
Der schizophrenen Realität des anti-kommunistischen Hexenjägers McCarthy
glücklich entronnen, überließ sich Bohm der sehr viel ungefährlicheren und
vernünftigeren Erforschung der Quantenrealität. Er griff eine frühere Idee
Louis de Broglies auf und entwickelte aus ihr eine mathematisch konsistente
Interpretation der Quantenrealität mit lauter normalen Objekten.
Interessanterweise hatte Bohm vor seinem erzwungenen Rückzug von der
Lehrtätigkeit in Princeton ein noch immer hoch angesehenes Lehrbuch der
Quantenmechanik in der konventionellen Kopenhagener Tradition verfaßt. Aber
während er seinen Studenten diese bewährte dänische Kost vorsetzte, überzeugte
er sich in Gesprächen mit Einstein immer mehr davon, daß Bohr und von Neumann
im Irrtum sein müßten: Eine Interpretation der Quantentheorie im Sinne der
normalen Realität war sehr wohl möglich. Die Achillesferse, die er an John von
Neumann entdeckte, hatte mit einer impliziten Annahme über die Interaktion von
Quantenobjekten zu tun. Von Neumann war davon ausgegangen, daß Quantenobjekte
- wie er sich ausdrückte - „vernünftig“ interagierten. Die Interaktionen, die
Bohr vorschwebten, würden freilich, wie wir gleich sehen werden, nach von
Neumanns Kriterien entschieden nicht „vernünftig“ sein.
Der theoretische Schlüsselbegriff, auf welchen Bohm seinen Ansatz gründete,
war die Vorstellung einer Pilotwelle. Diese Idee war von de Broglie bereits in
den zwanziger Jahren ins Gespräch gebracht, jedoch von den Kopenhagenern
angesichts scheinbar unüberwindlicher mathematischer Schwierigkeiten einem
vernichtenden Gelächter preisgegeben worden. Bohm zeigte nun, wie man diese
Schwierigkeiten aus dem Weg räumen konnte, und reaktivierte Broglies Idee, ein
Quantenobjekt als Teilchen mit zugeordneter Pilotwelle zu betrachten, die ihm
sozusagen sagt, wie es sich zu bewegen hat. Sehen wir uns hierzu ein paar
Details an.
Nach der Pilotwellen-Vorstellung ist jedes Quantenobjekt ein wirkliches
Teilchen, das jederzeit bestimmte Eigenschaften besitzt. Jedem solchen Objekt
ist eine Pilotwelle zugeordnet, die ebenfalls real ist, aber nicht anders als
durch ihre Einwirkung auf das Teilchen aufgespürt werden kann. Diese Welle
heißt „Quantenpotential“ und hat die Funktion, die Umgebung zu "lesen“ und
Befunde an das Teilchen rückzumelden. Es handelt sich um eine reale Welle,
nicht mit der Wellenfunktion des Quantums zu verwechseln, die eine rein
mathematische Konstruktion zu prognostischen Zwecken ist. Das Teilchen verhält
sich dann nach Maßgabe der Information, die es durch die ihm zugeordnete
Pilotwelle bekommen hat. Infolgedessen besteht in der Quantenpotential-
Interpretation ein Quantenobjekt nicht aus einem einzigen „Ding“ - Teilchen
oder Welle -‚ sondern ist beides zugleich. Zu beachten ist, wie bei dieser
Vorstellung die objektive Realität wieder zu ihrem Recht kommt, da die
bisherige Schizophrenie zwischen dem Objekt als Teilchen und dem Objekt als
Welle entfällt. Das Objekt ist jederzeit beides, und jederzeit besitzt die
Teilchenseite der Sache alle üblichen klassischen physikalischen Größen. Die
Genialität Bohms lag darin, zu zeigen, wie man diese Vorstellung
funktionsfähig machen konnte. Aber weder im Leben noch in der Quantentheorie
gibt es irgend etwas umsonst, und so müssen die Anhänger des traditionellen
Standpunkts einen hohen Preis für diese Wiedereinsetzung der Realität
entrichten.
Der erste wesentliche Einwand gegen diesen Quantenpotential-Ansatz lautet, daß
er mit einer physikalisch nicht beobachtbaren Welle arbeitet, die angeblich
die objektive Realität herstellen soll. Was man nicht messen kann, existiert
für die meisten Physiker nicht, und der Vorteil, den eine postulierte Größe
wie das Quantenpotential bietet, ist den Preis der Unentdeckbarkeit nicht
wert. Wenn es zur Abwägung zwischen objektiver Realität und physikalischer
Beobachtung kommt, wird das Verdikt des praktischen Physikers immer lauten,
daß man ohne Beobachtbarkeit nichts hat - oder daß das, was man hat, keine
Physik ist. Indessen verblaßt dieser Einwand gegen das Quantenpotential,
verglichen mit dem anderen Hauptargument dagegen: daß es nämlich eine Uber-
Lichtgeschwindigkeit der Signal-übermittlung voraussetzt.
Es ist eine Ironie der Wissenschaftsgeschichte, daß die Idee des
Quantenpotentials entwickelt worden ist, um die Einsteinsche
Realitätsvorstellung von jenem Kehrichthaufen zu retten, auf dem sie dank der
Arbeiten Bohrs und von Neumanns gelandet war. Eine Ironie deshalb, weil das
größte Hindernis, das dieser Rettungsaktion entgegensteht, justament Einsteins
Spezielle Relativitätstheorie ist, die jede Art von Signalübermittlung von
mehr als Lichtgeschwindigkeit strikt verbietet. Das Quantenpotential soll ja,
wie erinnerlich, als eine Art Radarwelle fungieren, welche die Umwelt
sondiert, wobei die „reflektierten“ Signale von der Teilchenhälfte des
Quanten-Verbandes sozusagen zur Entscheidungsfindung benutzt werden. Das
Quantenpotential spürt also das Vorhandensein eines irgendwie gearteten
Meßapparats und setzt hiervon unverzüglich das Teilchen in Kenntnis, welches
dann sein Verhalten derjenigen Art von physikalischer Größen anpaßt, die das
Gerät messen soll. Es läßt sich zeigen, daß diese Art der Signalübermittlung
vom Quantenpotential zurück zum Teilchen in irgendeiner Form einen
Informationstransfer impliziert, der mit Uber-Lichtgeschwindigkeit vor sich
gehen muß - ein direkter Verstoß gegen die von Einstein verhängte kosmische
Geschwindigkeitsbegrenzung.
Eine Teilantwort Bohms auf diese Schwierigkeit lautet, daß das
Quantenpotential keine Materiewelle, sondern eine Welle aktiver Information
ist. Ihre Wirkung rührt allein von ihrer Form, nicht von ihrer Größe her;
infolgedessen kann das Quantenpotential, im Gegensatz zu Materiewellen wie
Schall- oder Wasserwellen, deren Wirkung mit zunehmender Entfernung vom
Ausgangspunkt abnimmt, auch über riesige Entfernungen enorme Wirkungen haben.
Das ist das Phänomen der Nicht-Lokalität, das uns in Kürze beschäftigen wird.
Bohm zufolge ist Relativität ein statistischer Effekt, kein absoluter. Der
Effekt der Uber-Lichtgeschwindigkeit wird nur sichtbar, wenn wir die
Korrelationen zwischen Signalen an zwei verschiedenen Lokalitäten betrachten;
sehen wir uns hingegen an, was in der lokalen Nachbarschaft der jeweiligen
Lokalitäten geschieht, so scheinen die statistischen Eigenschaften der Signale
unabhängig voneinander zu sein. Daher treten keine Uber-Lichtgeschwindigkeits-
Aspekte auf.
In den letzten Jahren hat sich Bohm mit Nachdruck für jene Denk-richtung
eingesetzt, die das gesamte Universum als riesiges Hologramm auffaßt. Um
Quantenprozesse wirklich zu verstehen und erklären zu können - so heißt es -
‚ müssen wir von unseren traditionellen reduktionistischen Denkweisen Abschied
nehmen. Unter der Welt der Oberflächenphänomene gibt es ein ungeteiltes,
saumloses Ganzes, und diese „Unter-Welt“ ist die Domäne der Quantenobjekte. In
diesem Reich ist jedes Objekt mit jedem anderen verknüpft, und zwar aufgrund
des Ineinanderwirkens der Quantenpotentiale, das dafür sorgt, daß jedem
Quantenobjekt eine Spur von jedem anderen Objekt anhaftet, mit dem es jemals
interagiert hat.
Bezüglich des Meß- und des Interpretationsproblems schneidet die
Quantenpotential-Interpretation ganz gut ab. Sie löst beide Probleme in der
Art und Weise, die Einstein am meisten zugesagt haben würde (abgesehen von dem
Aspekt der Uber-Lichtgeschwindigkeit, der ihm absolut nicht gefallen hätte).
Mit dem Meßproblem verfährt Bohms Theorie ganz ähnlich wie die Viele-Welten-
Interpretation: Er sagt, daß die Wellenfunktion sich nicht reduziert, weil sie
keine vollständige Beschreibung des Objekts darstellt. Sobald die zusätzlichen
Variablen vorhanden sind (Quantenpotential), gibt es keine Reduktion und damit
auch kein Meßproblem.
Das Interpretationsproblem wird auf ähnlich saubere Weise erledigt: Alle
Quantenobjekte sind normale Objekte, die jederzeit alle physikalischen Größen
aufweisen. Infolgedessen ist die Realität objektiv und unabhängig davon
vorhanden, ob wir zufällig hinsehen oder nicht. Und so löst die
Quantenpotential-Interpretation jedes Problem, das im Zusammenhang mit der
Quantenrealität von Interesse ist - solange man „reale“ Größen akzeptieren
kann, die einen nicht nachweisbaren und mit mehr als Lichtgeschwindigkeit
erfolgenden Informationstransfer darstellen.