Achtes Kapitel

Gurdjieff und der Innerste Kreis der Menschheit
Der Gedanke eines steuernden Einflusses hinter den Kulissen der Geschichte blieb nicht gänzlich unvermutet. Zu Napo­ leons Zeiten schöpfte offensichtlich eine französische Grup­ pe mit Namen Sophiens Verdacht und sah sich veranlaßt, im Orient nach Ursprung und Herkunft solcher Impulse zu for­ schen. Nach sechs Jahren jedoch kam die Gruppe zu dem Schluß, daß die Initiative bei den Steuermännern selbst zu liegen hat, und nicht bei hoffnungsfrohen Aspiranten, unabhängig vom Grad der Lauterkeit ihrer Absichten. Sie konstatierten, daß all ihre Bemühungen nur Zeitverschwendung gewesen seien, äußerten dies auch mit bemerkenswerter Offenheit und lösten ihre Gesellschaft auf. In jüngster Zeit ist Lewis Spence auf einige wichtige Kompo­ nenten in der Geschichte aufmerksam geworden und hat ver­ sucht, sie in seinem Buch The Occult Causes of the Present War1 (Die okkulten Ursachen des gegenwärtigen Krieges) zu einem Ganzen zu fügen. Das London der dreißiger Jahre sah einen höchst ehrgeizi­ gen (wenn auch vielleicht nicht gerade von tiefer Einsicht er­ hellten) Versuch in dieser Richtung, angeblich angestrengt von einer Gruppe abtrünniger Freimaurer und als Buch mit dem Titel The Trau of the Serpent veröffentlicht. Erst kürz­ lich wurde sein Autor unter Vorbehalt identifiziert als Mrs. H. T. Stoddart, Mitglied des Ordens vom Golden Dawn.

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Solche Nachforschungen nehmen natürlich die jeweils gerade zur Verfügung stehenden Materialien zum Ausgangspunkt, d. h. jene Bestandteile authentischer Unternehmungen, die erst dann öffentlich zugänglich werden, wenn die ursprüngliche Operation aufgegeben wurde und ihr Trägermedium schon dem Verfall preisgegeben ist. Studien wie die Lewis Spences und des Autors von The Trail of the Serpent veranschaulichen eigentlich nur die Tatsache, daß die Dinge, die sie zu analysie­ ren versuchen, im wesentlichen unergründbar sind. Authentische Operationen hinterlassen, wie wir aufzeigen wollten, nach ihrer Beendigung »Spuren«, die mit kraftvol­ len Energien ausgestattet sind. Diese Überreste wirken wie ein Magnet auf wohlmeinende Durchschnittsbürger, die nun das weiterführen wollen, was in Wirklichkeit nur noch eine leere, leblose Hülle ist. Man hat schon angedeutet, daß buch­ stäblich jede dem Westen bekannte Spielart des Okkultismus zu dieser Kategorie zählt. Solche Pseudo-Unternehmungen entwickeln sich »unfreiwil­ lig, unabsichtlich«. Die automatischen Antriebe der Beteilig­ ten, die aus individueller Persönlichkeitsstruktur, Eitelkeit, negativen Emotionen und Wunschdenken entspringen, be­ wirken, daß die Dinge, wie im Alltagsleben auch, einem me­ chanistischen und möglicherweise schließlich sogar destruk­ tiven Ende entgegeneilen. Solche Organisationen besitzen jedoch aufgrund des erleuch­ tenden und erhöhenden Wesens der ursprünglichen Idee, der sie anhängen, eine deutlich höhere Vitalität als gewöhnliche soziale oder politische Gruppierungen. Da für Untersuchungen und Nachforschungen nur diese »Überreste« zur Verfügung stehen, ist es kaum überra­ schend, daß die bisher unternommenen Studien zu einer Theorie geschichtlicher Außeneingriffe konvergieren, die größtenteils unheilvoll und finster klingt. Folgt man etwa dem Autor von The Trail of the Serpent, dann verlangen die höheren Weihen der hermetischen Gesell­

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schaffen, »daß sich der Eingeweihte sklavisch einem scharf­ sinnigen Geist oder einer Gruppe solcher Geister unterord­ net, die, so scheint es, über die Völker mit Hilfe hypnotisch gesteuerter Eingeweihter zu herrschen suchen... denn alle und jede dieser modernen Mysterien werden von einer unbe­ kannten Hierarchie verwaltet...« Lewis Spence kommt zu der vorsichtigen Schlußfolgerung, daß irgendwelche bösen Kräfte die europäische (nicht jedoch die englische!) Freimaurerei im Griff halten, und folgert bei­ spielsweise, daß Cagliostro die Französische Revolution be­ trieben habe, zum Vorteil einer finsteren, antimonarchisti­ schen Illuministengruppe. The Trail of the Serpent beginnt mit einer Faktensammlung, endet jedoch damit, daß den Juden und den Ältesten Zions die Schuld an allem menschlichen Leid zu geben ist. Pauwels und Bergier sehen in der russischen Gesellschaft Ro­ ter Drache die Initiatoren der Russischen Revolution und die Betreiber der Ermordung des Zaren; und dann ist da noch Haushofer mit Gruppe Thule, der Hitlers hohle Schale mit Leben erfüllte, um auf ihr Geheiß eine satanische Apokalyp­ se herbeizuführen (»Er wird tanzen, aber wir spielen die Me­ lodie«). Mit einiger Sicherheit läßt sich feststellen, daß alle Versuche, die Komponenten und Grundelemente einer einheitlichen Geschichtstheorie zu identifizieren und in Beziehung zu set­ zen, zum Scheitern verurteilt sind, solange sich die Untersu­ chungen und Studien auf die sichtbaren Schatten beschrän­ ken und die unsichtbare Substanz ignorieren. Seit den frühen fünfziger Jahren nun sind große Mengen bis dato unbekannter Materialien zugänglich geworden, und es liegt in der Natur dieser Dinge, daß dies nicht zufällig gesche­ hen sein kann. Sollten sie »durchgesickert« sein, dann nur deshalb, weil die Verantwortlichen sich dazu entschlossen haben, sie durchsickern zu lassen.2 Für sich allein betrachtet geben diese vielfarbigen Hinweise

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nicht viel her. Als Ganzes gesehen liefern sie erstmals in der Geschichte klare Hinweise auf das Wesen jener seit langer Zeit vermuteten, jedoch nie genau identifizierten Organisa­ tion, die mit der Bereitstellung und »Einimpfung« entwick­ lungsträchtiger, evolutiver Möglichkeiten in bestimmten kri­ tischen Phasen im Geschichtsprozeß befaßt ist. Interne Zeugnisse berechtigen zu dem Hinweis, daß es sich bei dieser Organisation um die Ausdrucksform eines jener Zentren handelt, die nach einer Schlußfolgerung J. G. Bennetts die Evolution der gesamten menschlichen Rasse steuern. Vor etwa 12000 Jahren sollen sich diese Zentren et­ wa 80 Generationen lang zurückgezogen haben, um den Bo­ den für das Debüt des modernen Menschen zu bereiten. Hiermit soll die Behauptung zur Diskussion gestellt werden, daß das unmittelbar für den Westen verantwortliche Zen­ trum die Entscheidung gefällt hat, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zumindest teilweise ans Licht der Öffent­ lichkeit zu treten. Möglicherweise hat die intellektuelle Ent­ wicklung des Menschen eine Stufe erreicht, auf der die El­ tern ihre Nachkommenschaft nur dadurch weiter anleiten können, daß sie sie ins Vertrauen ziehen. Wir müssen noch einmal ins letzte Jahrhundert zurückkeh­ ren, in die kleine kaukasische Stadt Alexandropol, um die einzelnen Phasen des Einfließens dieser Fingerzeige und Hinweise in das öffentliche Leben und ihre mögliche Ziel­ richtung erkennen zu können. Im Jahre 1872 wurde dort George Iwanowitsch Gurdjieff ge­ boren, sicherlich eine der bemerkenswertesten Persönlichkei­ ten, die jemals im Westen aufgetaucht sind. Seit Jahrtausenden ist die Region am Kaukasus ein Schmelz­ tiegel der Völker gewesen. Europäische, slawische, römische, mongolische, persische, türkische und noch ältere Kulturen strömten in dieses Gebiet, hinterließen ihre Spuren und zogen sich wieder zurück. Mitten hinein in den Zusammenfluß der Impulse und Einflüsse wurde Gurdjieff geboren.

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Seine Familie waren Griechen, die im 16. Jahrhundert aus Cäsarea auswanderten. Sein Vater war ein Barde, ein Ge­ schichtenerzähler, der Legenden aus uralter Zeit, teilweise aus assyrischer und sumerischer Tradition, vortrug und le­ bendig erhielt. Wahrscheinlich waren es diese Geschichten, die Gurdjieff erstmals an die Existenz eines verborgenen Impulses denken ließen, der, normalerweise unbemerkt, alle Menschengenera­ tionen durchzieht und aneinander bindet. Später in seinem Leben machte er die Entdeckung, daß die archäologische Ausgrabung und Übersetzung alter Keil­ schriften bis ins winzigste Detail die Wiedergabe geschichtli­ cher Fakten in den Gedichten seines Vaters bestätigten. Mit anderen Worten: Es gibt eine völlig unvermutete mündliche Form der Geschichtsüberlieferung, die genauso präzise und mindestens ebenso dauerhaft ist, wie jegliche orthodoxe Me­ thode der Geschichtsaufzeichnung.3 In jungen Jahren ließ sich Gurdjieff von der Idee fesseln, daß dem menschlichen Leben Sinn und Ziel innewohnen, von dem die unaufhörlich dahinrollenden Generationen von Menschen kaum jemals etwas ahnen. Er gewann die Über­ zeugung, daß der Mensch in früheren Epochen im Besitz po­ sitiver Erkenntnis solcher Dinge gewesen sei, und daß dieses Wissen irgendwie und an irgendeinem Ort heute noch existie­ re und erhalten sei. Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten begann Gurdjieff mit einer (jahrzehntelangen) Suche nach den Spuren dieses Wissens. Seine »Gemeinschaft« von Suchenden unternah­ men, einzeln und in Gruppen, Pilgerfahrten zu entlegenen Or­ ten, wo Überbleibsel dieses alten Wissens überlebt haben mochten. Die Mitglieder — einige von ihnen gab es wirklich, andere waren eher allegorisch aufzufassen — trafen sich in mehrjährigen Abständen, um Ergebnisse zu vergleichen. Afrika, Persien, Turkestan, Tibet, Indien und der Ferne Osten bis nach Malaya gehörten zu ihrem Forschungsgebiet.

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Einige seiner Freunde wurden getötet. Einige blieben bei Bru­ derschaften, die sie in den entlegensten Ecken der Welt auf­ gespürt hatten. Gurdjieff und einige andere nahmen Kontakt mit einer Gruppierung auf, die sie für im höchsten Grade be­ deutsam hielten, und unterzogen sich einer langen und entbeh­ rungsreichen Ausbildung. Diese Zeitperiode scheint mit dem Jahre 1908 beendet zu sein, und nichts in seinem Leben liefert Hinweise auf seine Aktivi­ täten zwischen 1908 und seinem Auftauchen in Moskau im Jahre 1914.4 Dort übernahm er die Rolle eines Lehrers und versammelte eine Gruppe um sich, zu der auch der russische Schriftsteller und Philosoph P. D. Ouspensky gehörte. Über die nun fol­ genden Aktivitäten Gurdjieffs und seiner Schüler berichten Ouspenskys Werk Auf der Suche nach dem Wunderbaren^ und eine wahre Flut von Büchern, die in den letzten Jahren von Schülern, ehemaligen Schülern und interessierten Au­ ßenstehenden verfaßt worden sind. Während seiner Zeit in Frankreich geriet Gurdjieff unter die Lupe vieler westlicher Intellektueller, die sich ein Bild von den Vorgängen verschaffen wollten — mit Hilfe der einzig verfügbaren Urteilskriterien und Maßstäbe: nämlich ihren eigenen. Das Ergebnis davon war und ist ein buntes Sammelsurium von Eindrücken und »Beurteilungen«, die Gurdjieff abwech­ selnd als Supermann, Magier und als irgendwie Verrückten darstellen. Er besaß eine außerordentlich große Fähigkeit, den Egoismus der Menschen zu durchlöchern und war schein­ bar völlig gleichgültig gegenüber den Verteufelungen, die er damit auf sich zog. Wenn überhaupt ein Eindruck allen Beurteilungen gemein­ sam ist, dann jener, daß Gurdjieff kein gewöhnlicher Mensch war. Er besaß Kräfte, die sonst keiner besaß, und er hatte ein Ziel, das alle anderen Überlegungen zur völligen Bedeutungslosigkeit verurteilte.

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Alle, die länger als nur einen Nachmittag mit Gurdjieff ver­ brachten, bezeugen einmütig die außergewöhnliche Aus­ strahlung, die von ihm ausging. Er setzte sich über alle Re­ geln des Miteinanders und des guten Benehmens hinweg, ge­ brauchte zuweilen eine Sprache, die nach allen gesellschaft­ lichen Maßstäben unverzeihlich war; und dennoch: er war fähig, bei den Beteiligten den Eindruck einer unerträglich schmerzhaften Nostalgie zu hinterlassen, einer Ahnung von einer unbekannten Seinsebene im Menschen, ein Gefühl von Heiligkeit. Die Erfahrung einer Begegnung mit Gurdjieff blieb stets unvergessen. Während er seinen Lebensunterhalt als Geschäftsmann in Paris verdiente, hielt er über Jahre hinweg seine Lehrstun­ den in Fontainebleau ab, überwachte das Kommen und Ge­ hen von Tausenden von Schülern aus aller Welt, lehrte seine Tanz-Bewegungen und seine Musik, und schrieb zwei Bü­ cher sowie Teile eines dritten. Das erste Buch, Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel6, das vor seinem Tod (29. 10. 1949) in Druck ging, bestätigte wahrscheinlich die literarische Welt in ihrer Überzeugung, daß Gurdjieff als Verrückter abzuschreiben sei. Hinter der Extravaganz der Sprache jedoch, hinter dem ab­ sichtlichen Durcheinanderwürfeln chronologischer Ereignis­ se, hinter den absurden Allegorien von Raben als Weltraum­ Wissenschaftlern verbirgt sich ein Sinngehalt, der sich bei oberflächlicher Prüfung und Beurteilung wohl kaum er­ schließt. Das Drama der Abläufe und Prozesse im Universum, das Wesen der Zeit und eine Darlegung des gegenseitigen Ineinanderfließens der Energien, die mit dem Leben verknüpft sind — all dies fügt sich zu einer beeindruckenden Kosmolo­ gie. Es besteht jeder Grund zu der Annahme, daß C. S. Nott und Orage recht haben, und daß Beelzebubs Erzählungen als ein Werk objektiver Kunst zu betrachten ist, vergleichbar dem Mahabharata.

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Das Buch erzeugt beim Leser Wirkungen auf verschiedenen Ebenen. Auf Menschen, die ihr Leben ausschließlich auf per­ sönliche Befriedigungen ausgerichtet haben, ist diese Wir­ kung manchmal niederschmetternd. Man hat Gurdjieff häufig die Frage nach der Herkunft sei­ nes Systems und dem Ursprung der Lehre, die es enthält, ge­ stellt. Er hat diese Informationen nie preisgegeben, manch­ mal jedoch auf die Andeutungen in der zweiten Serie seiner Schriften verwiesen, Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen'7. Darin finden sich Hinweise, daß die Mitglieder von Gurdjieffs Gemeinschaft von Suchenden in buchstäblich uner­ forschte Gebiete Zentralasiens vorgedrungen waren. Zu »Gurdjieffs Anhängern« in aller Welt zählten Schriftstel­ ler, Wissenschaftler, Künstler, Ärzte und Angehörige vieler Berufe. Viele von ihnen spürten, daß Beelzebubs Erzählun­ gen Enthüllungen über die Mechanismen der Natur enthielt, die man in die Praxis der technologieorientierten Welt des 20. Jahrhunderts übertragen könnte. Ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod scheint dies nun zu ge­ schehen. Gedanken und Ideen, die sich eindeutig aus Beelze­ bubs Erzählungen ableiten lassen, haben sich in die Psychologie eingeschlichen, ohne daß ihre Herkunft eingestanden wird. In England und Amerika kommt die neue Wissenschaft der »strukturellen Kommunikation« zum Einsatz bei solch un­ terschiedlichen Dingen wie Lehr- und Lernapparaten und in der Marinestrategie. Obwohl Pädagogen und Industrielle ihre Herkunft nicht ahnen, stammt sie direkt aus Gurdjieffs »okkulter« Lehre. Große Verwirrung herrschte in den frühen Jahren nach Gurdjieffs Tod unter den vielen »Gurdjieff-Gruppen« in Eng­ land, Amerika, Frankreich, Deutschland und anderswo. Mehrere »Nachfolger« Gurdjieffs tauchten auf und behaup­ teten implizit oder explizit, daß ihnen »G« selbst die Ermächtigungspapiere ausgestellt habe.

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Menschen, die jahrelang an sich selbst gearbeitet hatten, um die normalen Grenzen ihrer Persönlichkeit zu transzendie­ ren, legten plötzlich ein durch und durch »unobjektives« Be­ nehmen an den Tag. Wüste Beschimpfungen und Verteufe­ lungen waren an der Tagesordnung. Die eine Seite entwickel­ te die Tendenz zum Blick über den Zaun, die andere Partei neigte eher zur sklavischen Fortführung der »Arbeit«, die Gurdjieff selbst gelehrt hatte. Wahrscheinlich war es die Angst, die hinter alledem steckte. Die meisten der aufrichtigen Schüler hatten erkannt, daß ihre Studien und ihre Praxis ihnen dabei geholfen hatten, die meisten der kindischen Verhaltensmuster des Alltags hinter sich zu lassen; in den meisten Fällen war ihnen jedoch die Entwicklungsstufe verwehrt, die einen Fortschritt aus eige­ ner Kraft ermöglicht hätte. Einige der innerlich Unabhängigsten machten sich auf, um der nächsten Phase auf halbem Wege zu begegnen — falls es eine nächste Phase geben würde. Viele höchst verwickelte Schlußfolgerungen wurden gezo­ gen. So wurde beispielsweise in Beelzebubs Erzählungen da­ von berichtet, daß sich sieben Jahrhunderte vor den »Ereig­ nissen in Babylon« ein wahrer Prophet auf der Erde inkar­ niert habe. Sein Name sei Aschiata Schiemasch. Dieses »Höchst Heilige, heute schon Allgemein Kosmische Indivi­ duum« sei nach langen Überlegungen zur der Erkenntnis ge­ kommen, daß alle von den Wahren Propheten der Vergan­ genheit angewandten Methoden für die Gegenwart ungeeig­ net seien, namentlich der eine oder andere der Geheiligten Impulse Glaube, Hoffnung und Liebe. Bestimmte Kristalli­ sationen im Seelen-Körper des Menschen hätten eine solche Dichte erreicht, daß die Inspiration eines Propheten, der sich der »herkömmlichen« Heiligen Impulse bedient, nicht mehr ausreiche, um jene Katharsis auszulösen, die zu einer Weiterführung der Evolution nötig sei. Aschiata Schiemasch kam zu dem Schluß, daß im menschli­

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chen Dasein nur noch das Gewissen unbefleckt sei; er mach­ te sich deshalb an die Ausarbeitung von Techniken zu seiner Aktivierung. Dieses Kapitel in Beelzebubs Erzählungen hat seit jeher ei­ nen starken Eindruck auf seine Leser hinterlassen, und eini­ ge der Gurdjieff-Gruppen glaubten, darin den Schlüssel zur Zukunft entdecken zu können. »Sieben Jahrhunderte vor den Babylonischen Ereignissen« sei, so folgerten sie, ein ty­ pischer Gurdjieffscher »Vorhang«. Verschiedene geschicht­ lich belegte Boten und Propheten ließen sich mit Aktivitäten in Verbindung bringen, die auf Glauben, Hoffnung oder Liebe basieren, aber bisher sei keiner bekannt, der sich an das menschliche Gewissen gewandt habe ... Daraus folgerte man, daß Aschiata Schiemasch erst noch kommen würde. Gegen Ende seines Lebens hatte man Gurdjieff die Frage ge­ stellt, was nach seinem Tod aus den Gurdjieff-Leuten wer­ den würde. Er soll geantwortet haben: »Ein anderer wird kommen. Er ist sogar schon dabei, sich vorzubereiten.« An­ dere Hinweise konzentrierten die Erwartung seines Kom­ mens auf Indien bzw. auf ein benachbartes Land. Diese Hinweiskombination führte dazu, daß in Amerika, Frankreich und England eine große Zahl von Gurdjieff-Anhängern den indonesischen Meister Mohammed Subuh für »Aschiata Schiemasch« hielten: sicherlich einer der Haupt­ gründe für die rasche Verbreitung der Subud-Lehre im We­ sten. Andere Gruppen, die mit Gurdjieffs Lehre assoziiert, aber stärker auf seinen Schüler P.D. Ouspensky ausgerichtet wa­ ren, lehnten diese Identifikation ab, fanden aber Gründe, die für den indischen Mystiker Maharischi Mahesch zu spre­ chen schienen. Verschiedene Lernkurse zu Themen, die mit Metaphysik herzlich wenig zu tun haben und zur Zeit in ganz England an­ geboten werden, entspringen offensichtlich einem weiteren Versuch, Aschiata Schiemasch zu identifizieren. Irgendwie

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kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß man es hier mit dem letzten Versuch zu tun hat, eine verlassene Oase nach einer Karawane zu durchforschen. Zusätzlich zu den Bestrebungen, Aschiata Schiemasch zu identifizieren, gab es mehrere Versuche, Kontakt mit Gurdjieffs Quelle im Osten aufzunehmen. Sie blieben erfolglos, aber die Erfahrungen derjenigen, die dies auf sich nahmen, unterstreichen vielleicht das Prinzip, daß man diese Quellen nur entdecken kann, wenn diese selbst es zulassen. Tun sie es, dann stößt man kaum auf Hindernisse. Wie inzwischen bekannt ist, wollten sie tatsächlich entdeckt werden — aber offensichtlich nicht vor 1961. In jenem Jahr begegnete ein Journalist und Reisender auf der Suche nach Material für einen Artikel über Sufi-Prakti­ ken in Pakistan einem Sufi und wurde aus unerklärlichen Gründen mit allen Möglichkeiten versorgt, Material für sei­ nen Artikel zu sammeln. Omar Michael Burke, der Journa­ list, erhielt sogar die Erlaubnis zum Besuch einer geheimen Derwisch-Gemeinschaft, deren genauer Standort als Kundji Sagh (»Rabeneck«) in Belutschistan angegeben wurde. Er verbrachte dort einige Tage und gewann die vielfältigsten Eindrücke von den Aktivitäten der Gemeinschaft. Bald dar­ auf schrieb er seinen Artikel, der in Blackwood's Magazine im Dezember 1961 erschien.8 In seiner Beschreibung des Alltagslebens der Gemeinschaft berichtete Burke von verschiedenen Praktiken und einer spe­ ziellen Übung, die klare Übereinstimmungen mit Gurdjieffs System auf wiesen. Zufällig stolperte ein Mitglied einer Londoner Gurdjieff-Gruppe über diesen Artikel und erkannte, daß hier tat­ sächlich eine Spur zu Gurdjieffs »Quelle«, die man hoff­ nungslos im Dunkeln verborgen glaubte, offen in einem lite­ rarischen Magazin diskutiert wird! Vielleicht kann man sich die Erregung und die hektische Ak­ tivität hinter den Kulissen vorstellen, die diese Entdeckung

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auslöste. Schließlich gelang es, mit Akhund Mirza, dem Burke unter so glücklichen Umständen in Pakistan begegnet war, Kontakt aufzunehmen, und man bat um zusätzliche In­ formationen. Die Antwort erwies sich als eher noch verblüf­ fender als die ursprüngliche Entdeckung eines möglichen Hinweises auf Gurdjieffs Quellen. Der Londoner Gruppe wurde mitgeteilt, daß es sinnlos sei, nach Belutschistan zu kommen, da der gegenwärtige Brennpunkt der Aktivität gar nicht im Orient zu finden, sondern auf England konzentriert sei. Wenig später, aber unabhängig von der Burke-Story, sollte ein Suchender, der unter dem Namen Rafael Lefort schrieb, dem Geheimnis noch viel unmittelbarer auf die Spur kom­ men. Dieser Mann hatte die Überzeugung gewonnen, daß sich je­ ne Abteilung der Gurdjieff-Bewegung, der er selbst ange­ schlossen war, mit sterilen und sinnlosen Aktivitäten abge­ be. Gleichzeitig war er sich sicher, daß unter Gurdjieff selbst ein Entwicklungspotential spürbar gewesen sei, während es jetzt nur noch um Machtspiele gehe. Mutig trotzte er dem Etikett des Ketzers, das man ihm anhef­ ten würde, reiste in die Türkei und nahm die Fährte zu Gurdjieffs Quellen auf; er bediente sich dabei einer simplen und direkten Methode und stellte allerorten die schlichte Frage: »Haben Sie schon einmal von einem Mann namens Gurdjieff gehört?« Schon nach kurzer Zeit merkte er, daß seine Fragen irgend­ wie weitergereicht wurden und ihm Chancen zur Begegnung mit Menschen eröffneten, die Gurdjieff tatsächlich gekannt hatten und über vieles Bescheid wußten, was mit ihm im Zu­ sammenhang stand. Leforts Buch Die Sufi-Lehrer Gurdjieffs9 ist ein exzellentes Beispiel für das Erzielen durchschlagender Wirkung unter Einsatz von Methoden, die so simpel waren, daß offensicht­ lich bisher niemand auf die gleiche Idee gekommen war. 237

Lefort wurde von Hand zu Hand zu etwa einem Dutzend Be­ gegnungen weitergereicht, und jedes Mal wurden seine Mo­ tive aufs neue überprüft und seine Eitelkeit ein Stück abge­ baut. Mithin war mit dem Jahr 1962 das große Geheimnis zweimal enthüllt worden — obwohl die Lösung die ganze Zeit über of­ fensichtlich jedermann zugänglich gewesen wäre. Die ganze Story der Suche nach Gurdjieffs Quellen weist große Ähnlichkeit mit der alten orientalischen Geschichte von den Blinden und dem Elefanten auf. Einige der Blinden hatten den Rumpf betastet, andere Ohren, Schwanz oder Beine, und schließlich entwickelte ein jeder seine eigene Theorie vom Wesen dieses Tieres. Aber alle hatten nur die Einzelteile »begriffen«. Keiner suchte nach einem ganzen Elefanten. Die Suche wirft auch kein sehr schmeichelhaftes Licht auf die europäische Akademia. Gurdjieff hatte über Lehren und Meister in Kafiristan gesprochen. Die Sufi-Tradition Ha­ dschi Bektaschs sagt das gleiche aus. Jeder, der die sufischen Wurzeln von Gurdjieffs System erahnte, hätte einen gleich­ lautenden Verweis in einem Buch finden können, das wäh­ rend seines Aufenthaltes in Fontainehleau veröffentlicht wurde.10 G. veröffentlichte daneben auch eine — noch heute in eini­ gen Exemplaren im Umlauf befindliche — Schrift, in der er mehrere Sufi-Orden und Gruppierungen als Herkunfts­ quelle seiner Theateraufführungen benennt. Während hervorragende Denker in England, Frankreich und Deutschland erfolglos damit Zugange waren, die Teile eines störrischen Puzzles zusammenzufügen, gehörte im Osten das Wissen um die Existenz des vollständigen Bildes fast zum Allgemeingut. Ein innerster Kreis der Menschheit, der die Aktivitäten der Menschheit anfacht oder bremst, wird mit dem Sufi-Kon­ zept von den Abdals (»Die Verwandelten«) in Verbindung

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gebracht, und sowohl mündliche als auch literarische Quel­ len nehmen offen darauf Bezug. Der Gedanke, daß die Derwisch- oder Sufi-Bruderschaften ein mehr oder weniger sichtbares Bindeglied innerhalb dieser Organisation bilden, findet auch beim Durchschnittsbürger des Ostens allgemeine Zustimmung. In aller Fairneß sollte erwähnt werden, daß die Sufi-Verbin­ dung ins Auge gefaßt, aber aus irgendeinem Grunde über­ gangen worden war. Rodney Collin waren wichtige Hinwei­ se in der Derwisch-Literatur aufgefallen; er veröffentlichte in Mexiko sogar ein Büchlein" mit Derwisch-Materialien. Dabei handelte es sich um eine Auswahl aus dem Buch Le­ ben der Gnostiker von Aflaki, ein Schüler des Enkels von Dschalaluddin Rumi (1207—1273), der Gründer des Mevlevi-Derwischordens12. Rumi war der Verfasser des großar­ tigen Gedichtes Masnavi13, das dem mystischen Pfad, den die Mevlevis wandeln, Ausdruck verleiht. Gurdjieff lehrte »Movements« (»Bewegungen«), eine stili­ sierte Tanztechnik, die erhöhte Aufmerksamkeitskräfte er­ forderte. Es war möglicherweise kaum zu vermeiden, zwi­ schen G.s »Movements« und dem wirbelnden Tanz der Mevlevis eine Verbindung herzustellen, und obwohl Gurdjieff seine Schüler, vielleicht aus Gründen des »Spurenverwischens«, in Mevlevi-Gewänder kleidete, werden wir alsbald Gründe für die Annahme anführen, daß die »Bewegungen« aus anderer Quelle stammten. Bevor Gurdjieff das Schloß Prieure in Fontainebleau über­ nahm, hatte P.D.Ouspensky, der russische Philosoph und Schüler G. s, aus intellektuellen Gründen für sich entschie­ den, daß Gurdjieffs Ansatz nicht zufriedenstellend sei. Er war der Überzeugung, daß G. der letzte Schlüssel zu seinem Lehrsystem fehlt. Darüber hinaus war er sich sicher, daß G. einen falschen Weg eingeschlagen habe, oder gerade dabei sei, fehlzugehen, und daß er den Egoismus, statt ihn auszu­ löschen, zu einer Wesenheit mit schwerwiegenden Auswir­

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kungen für alle, die mit ihm verbunden seien, heranbilden würde. Er trennte sich von G. und gründete seine eigene Gruppe von Schülern. Ouspenskys Entscheidung erscheint heute, sogar von außen betrachtet, reichlich übereilt. Er be­ gann, große Teile der Praxis, die Gurdjieff gelehrt hatte, wegzulassen — eine Praxis, die schon seiner eigener Über­ zeugung nach lückenhaft gewesen sei. Ouspensky gab sich der Hoffnung hin, daß allein schon die Intensität individueller Anstrengung die Aufmerksamkeit der Quelle erwecken würde. Statt selbst nach ihr zu suchen, würde die Quelle ihn suchen. Bis 1938 war klar geworden, daß diese Erwartung unerfüllt bleiben sollte. Wie auch andere Intellektuelle, die Gurdjieff-Materialien studiert hatten, faszinierte ihn der Begriff Sarmoun, eine ge­ heime Bruderschaft, die Gurdjieff erwähnt und von der er sichtlich viel profitiert hatte. Wie viele andere war Ouspensky der Überzeugung, daß das Sarmoun-Kloster, wenn nicht gar die Quelle selbst, so doch die Schwelle zu ihr sei. Aus irgendeinem Grunde glaubte er, daß der Zugang zu ihm über den Mevlevi-Derwischorden führe. Man ist der Ansicht, daß Ouspensky in den dreißiger Jahren Kontakt zu den Mevlevis aufgenommen und darum gebeten hat, einen ihrer Vertreter zu entsenden. Dies wurde abge­ lehnt, aber man deutete die Bereitschaft an, einen seiner ei­ genen Repräsentanten zu empfangen. 1939 hatte einer der äl­ teren Schüler Ouspenskys schon alle Vorbereitungen zur Rei­ se in den Osten getroffen, als der Krieg ausbrach und damit das Projekt fallengelassen wurde. Obwohl einige seiner Schüler sicher sind, daß Ouspensky während seiner letzten Lebensmonate als Resultat fast über­ menschlicher Anstrengungen eine bestimmte Entwicklungs­ stufe durchbrochen habe, sind andere gleichermaßen davon überzeugt, er sei völlig desillusioniert gestorben.

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Aus Sufi-Quellen ist seither bekannt geworden, daß die gan­ ze Suche nach Gurdjieffs Quellen — und später nach seinem Nachfolger — von verschiedenen Punkten Zentralasiens aus mit mitfühlender, wenn nicht gar ironischer Belustigung be­ obachtet worden ist. Einer der Kommentare dazu lautete: »Die westeuropäische und amerikanische Phase der Gurdjieff-Ouspensky-Unternehmung war von wahrlich helden­ hafter Intensität. Die Aufmerksamkeit der Quelle weckt man jedoch nicht durch Heroik, sondern durch die Eigen­ schaft und Fähigkeit, auf ihre Botschaften zu reagieren.« Die Suchenden hatten durchaus recht: ein Schlüssel fehlte. Aber es war nicht die Art von Schlüssel, an die sie dabei dach­ ten. Was fehlte, war die Einsicht, daß »Interventionen« — konzipiert, um dem historischen Prozeß Impulse mit Ent­ wicklungspotential zu geben — nicht ständig vorgenommen werden. Zu »Gelegenheiten« kommt es in Relation zum eher zufälli­ gen Vorhandensein von Energien weit höherer Ordnung, und vielleicht sogar von außerhalb dieses Planeten. Es ist, als ob in Abständen ein »Sonnenwind« auf der Erde bläst. In einem solchen Fall können die Vertreter des Direktoriums — während der letzten tausend Jahre und länger repräsentiert von einigen Sufi-Organisationen — in Aktion treten, um rückschrittlichen Entwicklungen zu begegnen und evolutiven Boden zu gewinnen. Fehlt dieser »Sonnenwind«, gibt es keine Chance zur »Arbeit« und deshalb auch keine Aktivität auf historischer Ebene. Die Sache steht nicht im Ermessen derjenigen, die den »Au­ ßendienst« organisieren, geschweige denn im Ermessen der Anwärter auf eine Teilnahme, ungeachtet ihres Fleißes oder ihrer noch so guten Absichten. Beide Suchexpeditionen, denen es schließlich gelungen war, Gurdjieffs Lehre zu ihren Quellen zurückzuverfolgen, wa­ ren zum gleichen Ergebnis gekommen: die Quelle waren die Sufis. Sie entdeckten auch, daß eine genaue Prüfung der 241

Gurdjieff-Materialien dieses Ergebnis von Anfang an zutage gefördert hätte. Die Zentralfigur in Beelzebubs Erzählungen ist Beelzebub, eine archetypische Gestalt, die in ihrer Jugend eine Indiskre­ tion begangen hatte. Mit Hilfe bewußter Anstrengung und absichtlichem Leiden von heroischen Ausmaßen läutert er sich, bis er wieder in die Hierarchie kosmischer Wesen auf­ genommen werden kann. Beelzebub berichtet seinem Enkel »Hassein« von seinen Er­ fahrungen auf der Erde. Zwei bedeutende historische Figu­ ren des Orients sind Hassan und Hussein, Enkel von — Mo­ hammed. Darüber hinaus ist Beelzebub die verwestlichte Version von B'il Sabab, der arabische Ausdruck für einen »Mann mit Absicht, mit Ziel«. Ein weiteres Beispiel für dieses Spiel mit Wortbedeutungen ist der berühmte Aschiata Schiemasch. Wenn die Leitung ei­ ner Sufi-Schule von einem Lehrer auf einen anderen über­ geht, dann wird die Übergabe mit der Phrase Ja Schahim Sahist14 eingeleitet. Als Anagramm bleibt Aschiata Schiemasch selbst in der deutschen Transliteration fast buchsta­ bengetreu erhalten. In seinen Schriften erwähnt Gurdjieff wiederholt Begegnun­ gen mit Derwischen. Einer der scheinbar absurdesten Berich­ te erzählt von einem Einsiedler, der unter primitivsten Bedin­ gungen in einer Höhle haust. Trotzdem beleuchtet dieser Mann seine Höhle mit Elektrizität und Gas. Durch das Ab­ spielen bestimmter Noten auf einem Musikinstrument rief er am Bein eines Besuchers einen Abszeß hervor und brachte die Schwellung dann mit einer anderen Notensequenz zum Abklingen und zum Verschwinden. Zwar möchten wir Spekulationen über mögliche symboli­ sche Bedeutungen der Geschichte nicht verhindern, aber Gurdjieff sagte mehreren seiner Schüler, daß hier von einer wahren Begebenheit berichtet wird, die er selbst erlebt habe. Eine mögliche Schlußfolgerung aus der Geschichte bietet

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sich an: bestimmte Menschen, die unter primitiven Bedin­ gungen hausen, könnten im Besitz moderner, hochentwickel­ ter Technologien sein. Möglicherweise besitzen sie auch Kräfte, die der Wissenschaft und Medizin völlig unbekannt sind, weil sie das Erbe einer völlig anderen Art von Wissen ange­ treten haben. Der Einsiedler in der Höhle ist ein Derwisch, d.h. ein Mitglied eines Sufi-Ordens. Sein Name ist Asvatz-Truv. B'il Sabab (der Mann mit dem Ziel) wird Asvatz-Truv durch einen anderen Derwisch vorgestellt, durch den Hadschi BoggaEddin aus Buchara. »Bogga-Eddin« ist eine russifizierte Version von Bahauddin, wobei die Russen »h« durch »g« ersetzten (z.B. Gitler statt Hitler). Wenn wir daran denken, daß ein hochberühm­ ter Sufi-Lehrer Bauhauddin hieß und aus Buchara stammte, dann wird der versteckte Hinweis auf die Herkunft der Kräf­ te des Derwischs offenkundig.15 Bahauddin Naqschband war ein Sufi-Lehrer der Chwadjadschan-Linie (»Die Meister«), deren Schule den Aufstieg der Türken- und Mogulreiche stark beeinflußte. Die von Bahauddin ausgehende Schule nannte man Kette oder Orden der Naqschbandis.16 Er starb 1389, aber es heißt, daß seine spirituelle Kraft oder Baraka neben anderen Organisationen auch die Sarmoun-Bruderschaft nährt! Sarmoun, man wird sich daran erinnern, wurde von vielen Gurdjieff-Anhängern als Schlüssel zu seiner Lehre angese­ hen. Fingerzeige aus jüngster Zeit legen nahe, daß sich dieses Wort möglicherweise auf das »Kraftzentrum« bezieht, von dem entwicklungsträchtige Aktivitäten ausgehen, zumin­ dest, was bestimmte Weltgegenden anbetrifft. Heutzutage tauchen auch in allgemein verbreiteten Publika­ tionen Hinweise auf. Peter King, der amerikanische Reise­ schriftsteller, bemerkt in seinem Afghanistan: Cockpit in HighAsia:17

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... Der Schneemensch ist nicht das einzige Rätsel Nuristans [Gegend in Afghanistan, hieß bis zum Zweiten Af­ ghanischen Krieg Kafiristan}. Irgendwo in diesen Bergen befinden sich die Klöster oder Ausbildungszentren der »Menschen der Tradition«, wie sie von den Afghanen ge­ nannt werden. Diese Menschen, von denen nur wenig in Erfahrung zu bringen ist, sind angeblich die Hüter jener geheimen Tradition, die das Fundament der Religion und der menschlichen Entwicklung bildet. Das Markas oder »Kraftzentrum« dieser Menschen befindet sich am un­ zugänglichsten dieser Orte. Die Sufis Afghanistans ste­ hen in enger Verbindung mit diesen Menschen, aber nie­ mand verrät einem Außenstehenden mehr, als daß diese Klöster tatsächlich existieren. Sie berichten, daß der ein­ zige Nichteingeweihte, der bis zum äußeren Ring der Klö­ ster vordringen konnte, ein Rußland-Grieche namens George Gurdjieff gewesen sei, dessen Kontakte ihm die Aufnahme als Schüler ermöglichten. Das ist der gleiche Gurdjieff, der in den dreißiger Jahren mit einer Art phi­ losophischen Lehre in den Vereinigten Staaten und Euro­ pa einigen Erfolg hatte. Angeblich von Bahauddin Naqschband, einem der »Lehrer im Außendienst«, aus­ gebildet, meisterte Gurdjieff einige dieser Lehren und ver­ suchte sie dann dem Westen zu vermitteln. Diese Lehre konnte nicht recht Fuß fassen, und nach seinem Tode machten seine Proselyten in recht planloser Weise weiter und führten einige neue Dinge ein, um ihr Image ein we­ nig aufzufrischen. Scheinbar gelang es einer Gruppe sei­ ner früheren Schüler erst in den sechziger Jahren, den Kontakt mit der ursprünglichen Quelle der Lehre wieder­ herzustellen. Das war für sie sowohl Schock als auch ek­ statische Erfahrung, denn sie mußten entdecken, daß die Derwische nicht alle »berühmten« Nachfolger Gurdjieffs akzeptierten, geschweige denn für würdig hielten, selbst den Lehrer zu spielen...

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Deutlich erkennbar werden während der letzten zehn Jahre Informationen zum Allgemeingut, die über Jahrhunderte — wenn nicht Jahrtausende — mit dem undurchdringlichen Schleier des Geheimnisses umgeben waren. Genauso klar wird auch, daß dies kein Zufall, sondern absichtlich eingefä­ delt ist. So ist es beispielsweise unvorstellbar, daß ein westlicher Zei­ tungsreporter nebenbei und zufällig ausführliche Einzelhei­ ten über Dinge erfahren sollte, die in der gesamten Geschich­ te nicht mehr als geflüsterte Anspielung waren. Genau dies passierte 1964. Am 9. März des Jahres veröffentlichte die Londoner Times einen Bericht: ihr eigener Korrespondent hatte eines der be­ deutendsten Klöster Kafiristans besuchen dürfen. Der Arti­ kel enthält den Namen seines Abtes und buchstäblicheine Beschreibung, wie man dorthin gelangt. Noch früher, im Januar 1961, schrieb S. Brook White in ei­ nem englischsprachigen Kultur-Wochenblatt aus Neu-Delhi über den Einsatz von Sufi-Methodologien in der ganzen Welt, und verriet, daß sie auch in England aktiv seien. Im Dezember 1965 veröffentlichte das englische Magazin The Lady einen Artikel von Major Desmond Martin; er be­ schreibt darin, was im Endeffekt auf eine Erholungsreise zu einem Kloster der Sarmoun-Bruderschaft hinausläuft. 1961 wurde einem Arzt18 Gelegenheit gegeben, eine bis dato unbekannte Form der Heilkunde zu studieren, die in einer entlegenen Gemeinde in Afghanistan praktiziert wurde. Hypnose spielte dabei zwar eine Rolle, aber sie hatte nicht das geringste mehr gemein mit der bloßen Beseitigung von Symptomen durch posthypnotische Suggestion; sie erinnerte vielmehr an die klassischen Berichte von der griechischen »Tempel des Schlafs«-Technik, die man im allgemeinen für symbolisch hält. Die Ärzte — sie wurden 16 Jahre lang ausgebildet, bevor sie praktizieren durften — waren Sufis.

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In einer Buchrezension der Londoner Evening News (vom 10. Februar 1969) listet der Autor eine Reihe aussagekräfti­ ger Hinweise auf, die in kürzlich erschienenen Büchern auf­ getaucht waren, und legt nahe, daß diese Verweise und An­ spielungen Bestandteil einer gezielten Informationspolitik seien. Auf der Basis dieser Veröffentlichungen und anderer Quel­ len sei es erlaubt, einige vorsichtige Schlußfolgerungen zu ziehen. Zusammenfassend sind dies folgende: Die Legende von den »Geheimen Menschen« hat in jüng­ ster Zeit deutliche Bestätigung erfahren. Ihrem Wesen nach »sickern« solche Dinge nicht zufällig durch, und man muß folgern, daß die Informationen absichtlich frei­ gegeben wurden. Es ist möglich, auf eine Anzahl von Zentren zu schließen, die mit dieser Aktivität in Verbindung stehen: 1. Ein Ort in Belutschistan, bezeichnet als Kundji Sagh (»Rabeneck«). 2. In der Nähe eines Wasserfalls, bekannt als Nimtut, in den Bergen Paghmans, die etwa 35 km nordwestlich von Ka­ bul beginnen. 3. An einem nicht näher identifizierten Ort in Nordafghani­ stan »zu Füßen des Hindukusch«: das legendäre Sarmoun-Kloster, dessen amtierender Leiter ein Sufi na­ mens Baba Amin ist. 4. Daran angrenzend eine gleichgeartete Gemeinschaft für Frauen. 5. Nordafghanistan, ein als Abshaur19 bezeichneter Ort. 6. Ein Zentrum in Persien. 7. Ein Zentrum im Irak.

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Die Hinweise, aus denen die obige Liste zusammengestellt wurde, könnten sich teilweise überschneiden, und es ist des­ halb möglich, daß mindestens zwei von ihnen separate Be­ schreibungen der gleichen Örtlichkeit sind. Ein denkbarer Grund für die absichtliche Preisgabe der geo­ graphischen Lage von Gemeinschaften, die so lange Zeit ge­ heimgehalten worden war, ließe sich darin vermuten, daß die eigentliche Aktivität, mit der sie assoziiert waren, an ei­ nen anderen Ort verlagert worden sind. Fast explizit findet R sich dieser Gedanke bei einer Begebenheit, von der uns Ma­ jor Martin in seinem schon erwähnten Magazin-Artikel be­ richtet. Man erlaubte ihm, bestimmte Gegenstände aus dem Besitz der Sarmoun-Gemeinschaft zu betrachten, die nie­ mals zuvor ein Nichteingeweihter zu Gesicht bekommen hat­ te. Er erzählt: »Sie waren sozusagen >säkularisiert< worden, weil eine neue Phase der Lehre irgendwo im Westen das mit ihnen verbundene Ritual abgelöst hatte. Fortan würden sie nur noch zu Museumsstücken taugen« [unsere Kursive]. Weitere Überlegungen könnte man hier anschließen. Zur Wende des 12. Jahrhunderts kam es zu den Mongoleninvasionen, ei­ nem Wendepunkt der Geschichte, dessen Bedeutung die Hi­ storiker möglicherweise nicht voll erfaßt haben. In der Sufi-Hierarchie — jedenfalls oberhalb einer bestimmten Ebene — sah man das Ereignis und seine langfristigen Kon­ sequenzen voraus und traf Vorsorge, um (a) die schlimmsten Exzesse des neuen Regimes auf der Alltagsebene zu mildern und (b) die gegenwärtig ungünstigen Umstände in einen letztlichen Vorteil zu verwandeln. Als Dschingis Khan Zentral­ asien überrannte und Balkh, die »Mutter der Städte« zerstör­ te, waren Sufi-Organisationen vorher schon in Aktion getre­ ten. Ein Drittel emigrierte, ein Drittel arrangierte sich dem äußeren Anschein nach mit den Eroberern, ein Drittel ging in den Untergrund. Scheinbar besteht zumindest die Möglichkeit, daß eine ähn-

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liehe Situation für das 20. Jahrhundert vorausgesehen wird. Für diesen Fall wäre das »Cockpit Asiens«, mit seiner Lage zwischen China und Rußland, für die Organisation der »Menschen der Tradition« nicht mehr zu halten.20 — Die Theorie vom Eintreten einer solchen Lage, zusammen mit dem Element der Emigration, würde durch den Umstand gestützt, daß sich seit etwa 1952 eine von den Sarmounis und den angeschlossenen Traditionen unter­ haltene Aktivität im Westen etablierte, auch in England.21 Die Sarmounis (»Die Bienen«) glauben, daß die Lehre, der sie folgen, noch aus vorsintflutlicher Zeit stammt. Sie behaupten, daß objektive Erkenntnis eine stoffliche Substanz sei und wie Honig gesammelt und ge­ speichert werden könne. Dies geschieht in Geschichts­ perioden, in denen die Welt Honig nicht zu schätzen weiß. An kritischen Zeitpunkten verteilen die Sarmounis den »Honig« vermittels speziell ausgebildeter Botschaf­ ter in der ganzen Welt. — Im Umfeld der Sarmoun-Organisation existiert ein Sym­ bol namens Nu-Kundscha (wörtlich: »neunzackiges Dia­ gramm«), auch bekannt als Naqsh (»Siegel, Muster«), das »bis zu den innersten Geheimnissen des Menschen vordringt«.

—Soziale Strukturen, die von den Bevollmächtigten der Tradition in verschiedenen Teilen der Welt errichtet wur­ den, werden später von Menschen ohne Einsicht über­ nommen. Wie man dem Times - Korrespondenten in Abshaur mitteilte, verwandeln sie sich nach und nach in »philosophische Tretmühlen«; von diesem Augenblick an gehe es mit ihnen bergab. — Derwische, die auf der Grundlage islamischer Schriften 248

lehren und öffentliche Tanz-Vorführungen werden von den Sarmounis als entartet betrachtet.

abhalten,

• Aktivitäten der Sarmoun-Lehre, die manchmal »drau­ ßen« entdeckt werden, sind so strukturiert, daß sie von Moslems für maskierten Islam und von Christen für mas­ kiertes Christentum gehalten werden. • Bestimmte Aktivitäten in der ganzen Welt scheinen of­ fenbar Besorgnis zu wecken. Im Zuge von Einwanderer­ strömen haben asiatische Volksgruppen in jüngster Zeit in westlichen Ländern die Neigung entwickelt, soziale und rassische Gruppen zu formen, die sich der Sufi-Ter­ minologie und sufischer Organisationsformen bedienen. Das westliche, mit solchen Gemeinschaften vertraute Denken hat die Tendenz, das Wort Sufi mit solchen Nachahmungen in Verbindung zu bringen. Die Vertreter der Tradition sind besorgt über die Auswirkungen. Da sie vor dem 7. Jahrhundert andere »Etiketten« verwendet haben, ist es durchaus denkbar, daß die Mitglieder der Tradition gezwungen sein werden, das Wort Sufi fallen­ zulassen — ein Wort, das sie untereinander ohnehin nur selten benützen.22

Wir haben anzudeuten versucht, daß hinter der sichtbaren Geschichte ein verborgener Einfluß zur Wirkung kommt, der mit evolutiven Zielsetzungen für die gesamte Menschheit befaßt ist. Wir haben anzudeuten versucht, daß in jüngster Zeit absichtlich Anhaltspunkte über Wesen und Identität dieses Einflusses zur Verfügung gestellt wurden, und wir ver­ suchten nachzuweisen, daß sich diese Hinweise auf Afghani­ stan und benachbarte geographische Gebiete konzentrie­ ren.

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ANMERKUNGEN
1 Spence, TheOccult Causes of thePresent War, Rider, London, 1941. 2 Seit dem Erscheinen dieses Buches 1983 sind weitere Materialien »durchgesickert«: Siehe »Anmerkungen des Übersetzers«. 3 Gurdjieff entdeckte beispielsweise, daß seines Vaters Worte beim Vor­ trag des Gilgamesch-Epos bis in die kleinste Einzelheit mit der erst viel später entdeckten Keilschrift-Version übereinstimmten! (Anm. d. Übers.). 4 Viel neues Material ist in jüngster Zeit durch J. G. Bennetts Forschun­ gen zutage gefördert worden (Gurdjieff, Making a New Wortd, Turnstone, London, 1973; deutsch: Gurdjieff— Aufbau einer neuen Welt, Freiburg, 1976). 5 Englische Originalausgabe: In Search of the Miraculous, Routledge, London, 1950; deutsch: Auf der Suche nach dem Wunderbaren, Mün­ chen, Zürich, 1982. 6 Engl. Originalausgabe: G. I. Gurdjieff, All and Everything, Routledge, London, 1950; deutsch: Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel, Sphinx, Basel, 1981/87. 7 Juilliard, Paris, 1960. 8 Über seine Erfahrungen hat Omar Michael Burke auch ein sehr infor­ matives Buch geschrieben: Among the Dervishes, Octagon, London, 1973. 9 Gollancz, London, 1966; deutsch: Die Sufi-Lehrer Gurdjieffs, Mün­ chen, 1985. Vor kurzem wurde recht überzeugend argumentiert, daß dieses Buch den Charakter einer Reihe von Fabeln habe, die zur Veran­ schaulichung eines Standpunktes zusammengestellt wurden, und nicht als Tatsachenbericht betrachtet werden dürfen. Sollte das der Fall sein, dann würde dies eigentlich nichts weiter tun, als den Sufi-Aphorismus zu illustrieren, der in etwa so lautet: »Es muß nicht wirklich sein, um wahr zu sein.« 10 J.P.Brown, The Darvishes, O.U.P., London, 1927, S. 166. 11 The Whirling Ecstasy, Ediciones Sol, San Antonio Abad, Mexico, 1954. 12 Mevlevi bedeutet "vom Meister". 13 Der Masnavi hat sogar den Ehrentitel »Koran der Perser« erhalten. (Anm. d. Übers.). 14 »Es ist bereit, o mein Shah!« 15 Der zweite große Sufi-Meister Zentralasiens namens Bahauddin Shah liegt in Afghanistan in der Nähe von Kabul begraben. Er gehörte der gleichen Familie wie die Sayeds des Hindukusch an, die vom Times-Kcn;respondenten in Kafiristan ausfindig gemacht wurden. 16 »Naqsh« bedeutet soviel wie »Eindruck, Muster, Design, Diagramm, Siegel«; daher »Naqshbandi« = »Eindruck-, Mustermacher«. Siehe

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auch die Geschichte Das Muster aus Idries Shah, Denker des Ostens, Rowohlt, Hamburg, 1988, S. 156f. (Anm. d. Übers.). 17 Geoffrey Bles, London, 1960. 18 J. Hallaji, in The Nature of Hypnosis, Hrsg. R.E.Shor und M. T. Orne, Holt, Rhinehart and Winston, New York, 1965, S. 453 ff. 19 Bedeutet »Wasserfall«. 20 Im Frühling 1978 kam es in Afghanistan zu einer kommunistischen Re­ volution. (Und, wie der Leser weiß, in der Folge zu einem erbitterten Partisanenkrieg, der erst heute seinem Ende entgegenzugehen scheint. Anm. d. Übers.) 21 Seit etwa 1962 auch in Deutschland (Anm. d. Übers.). 22 Wenn sie von sich selbst und ihrer Organisation sprechen, benützen Sufis meistens nur Ausdrücke wie »Meine Freunde und ich« oder »Leu­ te wie wir« (Anm. d. Übers.).

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