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Sachverhalt

Der A geht in ein Schuhgeschäft. Dort probiert er mehrere Schuhe in ver- Sachverhalt
schieden Preisklassen an. Nach einiger Zeit hat A sich entschieden und
sagt zum Verkäufer 1: "Die Schuhe für 200 EUR nehme ich."

Der Verkäufer 1 packt die Schuhe versehentlich in einen falschen Schuh-


karton. Der Schuhkarton ist mit 150 EUR ausgezeichnet.

A geht mit dem Schuhkarton zur Kasse. Verkäufer 2 scannt den Schuhkar-
ton ein und verlangt einen Kaufpreis von 150 EUR. A bezahlt die 150 EUR
und verlässt das Geschäft.

Welche Ansprüche hätte der Ladenbesitzer gegen A?

Ist ein wirksamer KV abgeschlossen worden?

Lösungsvorschlag

Der Ladenbesitzer könnte einen Anspruch auf Zahlung von 200 EUR aus § Anspruchsgrundlage
433 Abs. 2 BGB haben. Dies wäre dann der Fall, wenn zwischen ihm und A
ein Kaufvertrag über die Schuhe zum Preis von 200 EUR zustande gekom-
men ist.

Ein Vertrag kommt durch zwei übereinstimmende, in Bezug aufeinander Angebot


abgegebene Willenserklärungen, das Angebot und die Annahme, zustan-
de.

Der Ladeninhaber könnte dadurch ein Angebot abgegeben haben, indem Invitatio ad offerendum
er die Schuhe in seinen Verkaufräumen auslegte. Fraglich ist jedoch, ob er
sich hierdurch bereits rechtsgeschäftlich binden wollte. Wäre das Auslegen
der Ware ein verbindliches Angebot, könnte es von jedem angenommen
werden. Der Ladenbesitzer hätte keine Möglichkeit, seinen Vertragspartner
auszuwählen. Daher ist das Auslegen der Schuhe im Geschäft nicht als
Angebot auszulegen. Vielmehr stellt es eine Information über das Waren-
sortiment sowie eine Aufforderung an die Kundschaft dar, ihrerseits ein An-
gebot abzugeben. Dem Ladenbesitzer steht dann die Wahl offen, ob er die-
ses annimmt oder nicht.

Der A könnte ein Angebot abgegeben haben, indem er sagte "Die Schuhe Wesentliche Vertrags-
bestandteile
für 200 EUR nehme ich." Ein Angebot zum Abschluss eines Vertrages
muss so gestaltet sein, dass es durch bloße Zustimmung angenommen
werden kann. Insbesondere muss es die wesentlichen Vertragsbestandtei-
le enthalten. Wesentliche Vertragsbestandteile eines Kaufvertrages sind
nach § 433 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 BGB Kaufsache und Kaufpreis sowie
die Vertragsparteien. A hat sich für ein bestimmtes Paar Schuhe entschie-
den und seine Preisvorstellung genannt, wenngleich diese wohl durch eine
Preisauszeichnung an der Ware geleitet war.

Zu klären ist, ob A einen Vertrag mit Verkäufer A oder mit dem Ladenbesit- Vertragspartner
zer eingehen wollte. Dies ist durch Auslegung gemäß §§ 133, 157 BGB zu
ermitteln. Offenkundig waren in dem Geschäft mehrere Verkäufer anwe-
send. Dem A musste somit bewusst sein, dass diese Verkäufer im Auftrag
des Ladeninhabers handeln, der wohl zunächst unbekannt blieb. A, der die
Schuhe kaufen wollte, wird beabsichtigt haben, mit demjenigen zu kontra-
hieren, der dazu befugt war und der auch in der Lage war, die aus einem
Kaufvertrag resultierenden Verpflichtungen zu erfüllen. In der Regel sind
dies jedoch nicht die Ladenangestellten, sondern der Inhaber. Vertragspart-
ner des A sollte somit der Ladenbesitzer sein. Die wesentlichen Vertrags-
bestandteile sind hinreichend bestimmt, A hat ein Angebot abgegeben, das
durch Zustimmung angenommen werden konnte.

Der Ladenbesitzer selbst erklärte die Annahme nicht. Fraglich ist, ob der Annahme
Verkäufer 1 die Annahme erklärte. Der Verkäufer 1 erklärte die Annahme
des Angebots nicht ausdrücklich. Die Äußerung kann aber auch durch
schlüssiges Handeln erfolgen. Bestandteile einer Willenserklärung sind der
objektive und der subjektive Tatbestand.

Der objektive Tatbestand liegt vor, wenn ein objektiver Beobachter aus dem Objektiver Tatbestand
Verhalten des Erklärenden auf die Äußerung eines Rechtsfolgewillens
schließen kann. Das Einpacken der von A ausgewählten Schuhe in einen
Schuhkarton durch Verkäufer 1 könnte demnach die schlüssige Kundgabe
eines Geschäftswillens sein. Maßgeblich ist, wie ein objektiver Beobachter
das Handeln des Verkäufers aufgefasst hätte. Ein objektiver Beobachter in
der Rolle des A wird das Einpacken als Zeichen dafür auffassen, dass die
Phase des unverbindlichen Anprobierens und Beratens nunmehr abge-
schlossen ist. Das Einpacken stellte zugleich eine Vorbereitungshandlung
dafür dar, dass A das gewählte Paar Schuhe bald mitnehmen kann. Wäre
die Phase des Anprobierens noch nicht abgeschlossen, hätte der Verkäufer
die Schuhe zunächst beiseite gestellt, um A sofort weitere Schuhe zeigen
zu können. Die anprobierten, aber nicht verkauften Schuhe hätte er nach
Ende der Beratung wegräumen können. Für einen objektiven Betrachter
muss das Einpacken der Schuhe in den Karton somit zugleich als Ende der
Beratungen und Abschluss des Kaufvertrages aufgefasst werden.

Der subjektive Tatbestand besteht aus den Elementen Handlungswille, Er- Subjektiver Tatbestand
klärungsbewusstsein und Geschäftswille. Der Verkäufer 1 handelte beim
Einpacken der Schuhe bewusst, hatte also einen Handlungswillen. Aufga-
be eines Verkäufers ist es, Waren an Kunden zu verkaufen. Er wird daher
sein Verhalten darauf ausrichten, bei der ersten sich ihm bietenden Gele-
genheit einen Vertragsabschluss herbeizuführen. Es ist deshalb anzuneh-
men, dass Verkäufer 1 mit dem Einpacken zugleich den Abschluss des
Kaufvertrages erreichen wollte. Ihm muss auch klar gewesen sein, eine
rechtlich erhebliche Handlung vorzunehmen, somit liegt das Erklärungsbe-
wusstsein vor. Verkäufer 1, dessen Aufgabe es war, Schuhe zu verkaufen,
wollte auch die von A ausgewählten Schuhe für 200 EUR an ihn verkaufen,
es lag also auch der Geschäftswille vor.

Durch das Einpacken der Schuhe hat Verkäufer 1 somit die Annahme des Zwischenergebnis
Angebotes des A erklärt. A war beim Einpacken der Schuhe anwesend und
konnte dieses beobachten. Die Annahmeerklärung des Verkäufers ist A zu-
gegangen und damit nach § 130 Abs. 1 Satz 1 BGB analog wirksam ge-
worden.
Fraglich ist, ob der Verkäufer 1 Vertragspartner des A geworden ist. A könn- Vertreter
te Vertreter des Ladenbesitzers gewesen sein, so dass die Erklärung des
Verkäufers nach § 164 Abs. 1 Satz 1 BGB für und gegen den Ladenbesit-
zer wirken würde. Der Verkäufer wäre Vertreter, wenn er eine eigene Wil-
lenserklärung im Namen des Ladenbesitzers abgegeben hat und hierfür
eine Vertretungsmacht bestanden hat.

Zunächst müsste der Verkäufer eine eigene Willenserklärung abgegeben Eigene Willenserklä-
rung
haben. Als Angestellter unterliegt er den Weisungen des Ladenbesitzers,
hat insbesondere die Aufgabe, die vorhandenen Schuhe zu den ausge-
zeichneten Preisen an Kunden zu verkaufen. Der Spielraum des Verkäu-
fers, eine eigene Willenserklärung zu fassen, ist somit sehr eingeschränkt.
Der Ladenbesitzer hat jedoch keinen Willen zu jeder einzelnen Verkauf-
handlung gefasst, hierzu bedient er sich gerade des Verkäufers. Trotz der
geringen Entscheidungsfreiheit des Verkäufers äußert dieser daher eine ei-
gene Willenserklärung und überbringt nicht nur als Bote eine Erklärung des
Ladenbesitzers.

Ferner müsste der Verkäufer im Namen des Ladenbesitzers gehandelt ha- Handeln in fremdem
Namen
ben. Dies müsste nach § 164 Abs. 1 Satz 2 BGB ausdrücklich erkennbar
sein oder sich aus den Umständen ergeben. Zum einen waren in dem
Schuhgeschäft mehrere Verkäufer anwesend, was gegen die Annahme
spricht, jeder dieser Verkäufer wolle Geschäfte in eigenem Namen ab-
schließen. Zum anderen entspricht es der Lebenserfahrung, dass ein La-
denangestellter für den Ladeninhaber Waren verkauft und sich nicht selbst
verpflichten will. Der Verkäufer 1 handelte also im Namen des Ladenbesit-
zers.

Der Verkäufer müsste zur Abgabe einer eigenen Willenserklärung im Na- Vertretungsmacht
men des Ladenbesitzers auch befugt gewesen sein. Im Rahmen des An-
stellungsverhältnisses zwischen Verkäufer und Ladenbesitzer wird dem
Verkäufer eine solche Vertretungsmacht eingeräumt worden sein, ansons-
ten könnte dieser seine Aufgabe nicht erfüllen. Die Erteilung einer Vertre-
tungsmacht durch den Ladeninhaber ist Grundlage dafür, dass die Verkäu-
fer überhaupt Schuhe verkaufen können. Diese Vertretungsmacht kann
ggf. einzelnen Vorgaben unterliegen, wie die Einräumung eines maximalen
Rabattrahmens, den der Verkäufer gewähren kann. Hier ist jedoch nicht er-
sichtlich, dass Verkäufer 1 einen solchen Handlungsrahmen verlassen ha-
ben könnte. Somit hatte er die Vertretungsbefugnis für den Verkauf der
Schuhe an A.

Verkäufer 1 war berechtigt, stellvertretend für den Ladenbesitzer die An- Zwischenergebnis
nahme des Angebots von A zu erklären. Diese Erklärung wirkt nach § 164
Abs. 1 Satz 1 BGB für und gegen den Ladenbesitzer.

Zwischen A und dem Ladenbesitzer kam ein Kaufvertrag über das von A Beantwortung der Fall-
fragen
ausgesuchte Paar Schuhe zum Preis von 200 EUR zustande. Aus diesem
Kaufvertrag kann der Ladenbesitzer nach § 433 Abs. 2 BGB von A die Zah-
lung von 200 EUR verlangen.
Wegen der Verwechslung des Schuhkartons verlangte Verkäufer 2 von A Verfügungsgeschäfte
die Zahlung von 150 EUR. A erhielt von diesem die Schuhe übergeben. Zur
Vertretungsbefugnis des Verkäufers 2 wird auf obige Ausführungen verwie-
sen. Verkäufer 2 war berechtigt, im Namen des Ladenbesitzers dem A das
Eigentum an den Schuhen zu übertragen. Der Ladenbesitzer hat seine
Verpflichtung aus dem Kaufvertrag nach § 433 Abs. 1 Satz 1 BGB damit er-
füllt. A hingegen hat dem Verkäufer 2 als Vertreter des Ladenbesitzers nur
150 EUR übereignet, seine Verpflichtung aus dem Kaufvertrag also noch
nicht voll erfüllt.

A muss dem Ladenbesitzer somit noch einen Restbetrag von 50 EUR be- Verpflichtung des A
zahlen.