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Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg

No. 1, Januar 2014

ZEIT

GRATIS DABEI!

NOTÜBERNACHTUNG
»Fünf vor zwölf« (Seite 3)

DIE VERGESSENEN
»Sterben auf der Straße« (Seite 6)

SEID BITTE AKTIV!

»Józef Szajna, Künstler und KZ-Überlebender« (Seite 16)

2 | INHALT

strassenfeger | Nr. 1 | Januar 2014

SPEIS & TRANK
3 4 5 6 8 9 10 11 12 13 14 15 Fünf vor zwölf Herberge auf Zeit dringend gesucht! Qualität von Zeit Die Vergessenen Verhältnis von Arbeit und Freizeit »Zeit« in der Literatur Zeit der Angst Kinder, wie die Zeit vergeht … Bewegung im Raum = Zeit Hoch lebe der Müßiggang! Astro-TV Die Geburt des »Superpenners«

Liebe Leser_innen,
in dieser Ausgabe beschäftigen wir uns mit dem Thema »Zeit«. Für den Verein mob e.V. und dessen Notübernachtung »Ein Dach über dem Kopf« bedeutet Zeit: Es ist es fünf vor Zwölf! Nach mehr als einem Jahr Suche nach neuen Räumen für die Notübernachtung müssen wir heute konstatieren: Es gibt kein einziges Angebot! Das ist bitter, zumal uns die härtesten Wintertage sicher noch bevorstehen (Seite 3 und 4). Ganz schwierig ist auch die Situation der obdachlosen Polen, die seit Jahren auf Berlins Straßen verelenden und sterben (Seite 6.). Unsere Autoren haben sich aber auch mit der Qualität von Zeit generell (Seite 5) und dem vermeintlichen Widerspruch von Arbeitszeit und Freizeit beschäftigt (Seite 8). Auch ganz spannend: die Zeit der Angst, vor allem beim Zahnarzt (Seite 10). Und wer von Ihnen, liebe Leser_innen kennt den Ausspruch »Kinder wie die Zeit vergeht…« wohl nicht (Seite 11). Ach so, um Müßiggang geht es in dieser Ausgabe auch (Seite 13)! In der Rubrik »art strassenfeger« berichten wir über den polnischen Künstler und KZ-Überlebenden Józef Szajna. Unsere Kulturredakteurin Urszula Usakowska-Wolff stellt dessen Reminiszenzen an die Opfer vor (Seite 16). Auch im Heft: Zwei Berichte über die Obdachlosen-Weihnacht von Frank Zander (Seite 18/19). Auf der Seite 26ff. finden Sie ein Interview mit dem Chef der portugiesischen Straßenzeitung CAIS. Henrique Pinto erzählt über die spannende und anstrengende Arbeit in diesem Projekt und stellt Ihnen mit Paolo Amadore einen ganz besonderen seiner Schützlinge vor. Außerdem haben wir bei dieser Ausgabe ein ganz besonderes Schmankerl für Sie: Ein Jahr lang hat die Werbeagentur Scholz&Friends für uns an einem Comic gearbeitet. Gezeichnet wurde er von Stefan Lenz. Nun liegt er vor und wir freuen uns sehr, Ihnen den Comic »Superpenner« als Gratis-Beilage zum strassenfeger anbieten zu können. Seien Sie gespannt! Ich wünsche Ihnen, liebe Leser_innen, wieder viel Spaß beim Lesen! Andreas Düllick

TAUFRISCH & ANGESAGT
16 ar t s trassenfeger »Seid bitte aktiv!« – Der polnische Künstler und KZ-Überlebende Józef Szajna Ver käufer »Obdachlosen-Weihnacht«: »Das war supi!« Ehrenamtliche Helfer ausgebremst! S oz i al Mit Glück und aus eigener Kraft S port Kraft tanken – Wintersport im Riesengebirge Ku lturtipps skurril, famos und preiswert! Aktuell Carola Muyers INS P »CAIS« – ein Platz zum Anlegen Besuch bei der Straßenzeitung in Lissabon

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AUS DER REDAKTION
29 30 31 Har tz I V-Ratgeber Kindergeld Kolum ne Aus meiner Schnupftabakdose Vo r letzte Seite Leserbriefe, Vorschau, Impressum

strassen|feger
Die soziale Straßenzeitung strassenfeger wird vom Verein mob – obdachlose machen mobil e.V. herausgegeben. Das Grundprinzip des strassenfeger ist: Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe! Der strassenfeger wird produziert von einem Team ehrenamtlicher Autoren, die aus allen sozialen Schichten kommen. Der Verkauf des strassenfeger bietet obdachlosen, wohnungslosen und armen Menschen die Möglichkeit zur selbstbestimmten Arbeit. Sie können selbst entscheiden, wo und wann sie den strassenfeger anbieten. Die Verkäufer erhalten einen Verkäuferausweis, der auf Verlangen vorzuzeigen ist. Der Verein mob e.V. finanziert durch den Verkauf des strassenfeger soziale Projekte wie die Notübernachtung und den sozialen Treffpunkt »Kaffee Bankrott« in der Prenzlauer Allee 87. Der Verein erhält keine staatliche Unterstützung.

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ZEIT | 3

Fünf vor zwölf
BERICHT: Andreas Düllick

Notübernachtung von mob e.V. akut von Schließung bedroht

D

ie Uhr tickt unerbittlich herunter, es ist fünf vor Zwölf: Stand 8. Januar muss der Verein mob – obdachlose machen mobil seine Notübernachtung »Ein Dach über dem Kopf« in der Prenzlauer Allee 87 am 31. Januar schließen. Im Klartext heißt das: Die einzige Einrichtung dieser Art im Bezirk Pankow muss ihre Arbeit einstellen. Zehn Männer und sieben Frauen müssen dann wieder auf der Straße, unter der Brücke oder in Abrisshäusern hausen.

Flüchtlinge versus Obdachlose? Nein, aber…
Wir wollen selbstverständlich hier keine Fronten zwischen Obdachlosen und Flüchtlingen aufmachen, geschweige denn, diese gegeneinander ausspielen. Zumal Flüchtlinge ja per se auch erst einmal obdachlos sind. Es ist aber schon auffällig, das hier anscheinend mit zweierlei Maß gemessen wird. Seit Wochen, ja Monaten, vergeht kein Tag, an dem die Presse nicht über die missliche Lage der Flüchtlinge aus dem Zeltcamp am Oranienplatz berichtet. Die Berliner Politiker laufen wie aufgescheuchte Hühner durch die Gegend und verlieren sich in schönen Reden und Aktionismus. Auf der einen Seite werden in Windeseile Wohnungen bzw. Häuser für diese Menschen gesucht und gefunden. Auf der anderen Seite wird darüber schwadroniert, die Zeltstadt polizeilich räumen zu lassen.

Muss die Notübernachtung von mob e.V. am 31.01.2013 schließen?
(Foto: Samyr Bouallagui)

Obdachlose zweiter Klasse?
Tja, und nun kommen wir zum Kern unseres Problems: Kaum jemand scheint zu registrieren, dass es neben diesen Flüchtlingen, die zumeist ein ganz fürchterliches Schicksal hinter sich haben, traumatisiert sind und alles verloren haben, auch die – ich sage es mal ganz provokant – ganz »normalen« Obdachlosen in Berlin gibt. Diese Menschen haben ein ähnliches Schicksal; sie sind arm, sie sind oft krank, sie haben außer den Sachen, die sie am Leib tragen, nichts. Und – sie haben auch kein Dach über dem Kopf. Diese Menschen kommen in die Einrichtungen der Obdachlosen- bzw. Wohnungslosenhilfe wie die Notübernachtung von mob e.V. in der Prenzlauer Allee. Gerade im Winter, wenn es das Programm »Berliner Kältehilfe« gibt, bieten diese Einrichtungen Schutz und Hilfe vor klirrender Kälte, Schnee und Eis. 433 Schlafplätze gab es zum Start der »Kältehilfe« im November, 500 Plätze wollte der Sozialsenator eigentlich schaffen. Fallen unsere 17 Plätze jetzt weg, sind es nur noch 416 Plätze (siehe auch Artikel von Jan Markowsky auf Seite 4!). Ein Schlag ins Gesicht der Berliner Wohnungslosenhilfe, mit dem sich auch die »AG Leben mit Obdachlosen« eingehend beschäftigt.

Die Notübernachtung bietet für jeden ein eigenes Bett mit bequemer Matraze und frischer Bettwäsche. Es gibt eigene, abschließbare Spinde, es gibt saubere Waschräume, Duschen und Toiletten. Die Gäste können ihre Wäsche waschen. Zusätzlich dürfen sie sich am Tag und abends auch in unserem sozialen Treffpunkt »Kaffee Bankrott« aufhalten, fernsehen, Spiele spielen oder einfach nur ausruhen. Dazu kommt, dass unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter der Notübernachtung niedrigschwellige Beratung anbieten, z.B. Hilfe bei Behördengängen, Arztterminen etc., also alles Dinge, die viele Obdachlose alleine gar nicht bewältigen können. Wir verstehen das, was wir hier leisten als Hilfe zur Selbsthilfe; wir versuchen diesen Menschen ein menschenwürdiges Leben zu bieten, sicher auf einer niedrigen Ebene, aber das ist das, was der kleine Verein mob e.V. leisten kann.

Politik steckt den Kopf in den Sand!
Nach der Kündigung unserer Räume und der Räumungsklage durch die Vermieterin haben wir uns sofort an die zuständigen Politiker des Landes Berlin und des Bezirks Pankow gewandt mit der Bitte um Hilfe. Bis heute haben wir nicht ein einziges, ich wiederhole das gern noch mal, weil es so beschämend ist, nicht ein einziges Angebot für neue Räume für die Notübernachtung seitens der Politik erhalten, nicht einmal übergangsweise. Ich finde dieses Verhalten skandalös! Müssen unsere obdachlosen Gäste denn wirklich erst ein Zeltlager am Roten Rathaus oder am Pankower Rathaus aufschlagen wie die Flüchtlinge am Oranienplatz, damit die Verantwortlichen endlich aufwachen?! Wenn es denn so sein soll, wird es auch so kommen. Das wird ein schöner Anblick, Herr Wowereit, wenn die Betten der Obdachlosen vor ihrem Amtssitz stehen und sie tagtäglich an ihre Verantwortung erinnern!

Ein menschenwürdiges Leben bieten!
Viele Obdachlose kommen gern zu uns, das muss an dieser Stelle auch mal gesagt werden, weil unsere Einrichtung einen hohen Wohlfühlfaktor hat und die Menschen nicht nur eine Nacht bleiben können, sondern maximal sogar vier Wochen.

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Herberge auf Zeit dringend gesucht!
Berliner Kältehilfe ist auf den ersten Blick gut gestartet
BERICHT: Jan Markowsky FOTO : A n d re as D ü l l i c k © V G B i l d - Ku n s t

Auch dieser Obdachlose hätte gern ein Dach über dem Kopf Mal in der Woche oder in vielen Kiezen gar nicht. Als die AG »Leben mit Obdachlosen« gegründet wurde, gab es das Ziel, in jedem Kiez an jedem Tag ein Angebot zur Notübernachtung zu schaffen. Davon sind wir im Jahr 2014 meilenweit entfernt. Die Kältehilfe erreicht nicht jeden Obdachlosen in einem ausreichenden Maß. Die Einrichtungen der Kältehilfe bieten für viele auf der Straße lebende Menschen den ersten sozialen Kontakt zu Menschen außerhalb ihres Milieus. Hier kann Vertrauen ausgebaut werden, hier können erste Wege heraus aus der Obdachlosigkeit gegangen werden.

D

ie Mängel in der Berliner Kältehilfe sind erst auf den zweiten Blick zu erkennen: Seit dem 1. November haben die Nachtcafés und Not­ übernachtungen geöffnet. Wohnungslose Menschen, die auf der Straße leben, können sich aufwärmen, sich ausruhen, Kontakte knüpfen, die Toilette benutzen, sich waschen, essen, trinken und in einem geschützten Rahmen schlafen. Die aktuelle Saison ist mit 433 Notschlafplätzen im Durchschnitt gestartet. In der Saison 2012/13 waren es 422. Zehn Plätze mehr, das hört sich gut an. Angesichts der Forderung der Berliner Kältehilfe, mindestens 500 Plätze zur Verfügung zu stellen, sieht das aber ganz anders aus. Die Forderung, seit Jahren von der AG »Leben mit Obdachlosen« in Auswertung der Kältehilfe erhoben, ist beim Senat angekommen. Der Senator für Gesundheit und Soziales, Mario Czaja, hat das am 12.September 2013 auf der 35. Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses auf eine Anfrage der Abgeordneten Ülker Radziwill von der SPD-Fraktion bestätigt. Die Situation verschärft sich mitten in der Kältehilfesaison zum neuen Jahr, weil die Notübernachtung von mob – Obdachlose machen mobil e. V. mit zehn Schlafplätzen für Männer und sieben für Frauen höchstwahrscheinlich schließen muss. Diese Notübernachtung ist integraler Bestandteil der Berliner Kältehilfe.

Die Zahl wohnungsloser Menschen steigtwie viel und weshalb scheint der Politik egal
Der Berliner Senat kann seit 2005 keine Statistik über die Zahl wohnungsloser Menschen in Berlin vorlegen. Einziger Anhaltswert sind Zahlen über die Auslastung der Einrichtungen der Berliner Kältehilfe, die vom Kältehilfetelefon erhoben wird. Aber: Die Zahl wohnungsloser Menschen steigt in Berlin wie in anderen großen Städten. Ursachen dieser Entwicklung sind einerseits die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt in Berlin und andererseits die Europapolitik, die offene Grenzen für Waren und Kapital und Menschen versprach, aber die armen EU-Bürger nicht haben will. Sowohl bei der Mieten- und Sozialpolitik als auch bei der Europapolitik wird die Lebenswirklichkeit bedürftiger Menschen ignoriert.

Immobiliensituation verhindert ausreichende Anzahl an Notschlafplätzen
Mittel werden zwar bereitgestellt, trotzdem fehlen Plätze. Und: Es fehlen Einrichtungen, die Plätze anbieten. Robert Veltmann, Geschäftsführer eines großen Trägers der Wohnungslosenhilfe in Berlin, der GEBEWO- Soziale DiensteBerlin gGmbH, hatte anlässlich der Pressekonferenz zum Start der Kältehilfesaison 2012/13 mitgeteilt, dass er nach geeigneten Immobilien intensiv gesucht hatte. Doch vergebens. Beheizbare Räume mit geeigneten sanitären Einrichtungen für fünf Monate zu mieten, ist in Berlin zurzeit so gut wie aussichtslos. Die Gebewo soziale Dienste gGmbH ist ein großer Träger. Wenn solch ein großer Träger keine geeigneten Räumlichkeiten findet, wie soll das ein vergleichsweise kleiner Verein wie mob e.V. aus eigener Kraft schaffen? Angesichts dieser Situation dem Verein Hilfe zu verweigern, grenzt an unterlassene Hilfeleistung.

Bemerkungen zum Wohnungsmarkt in Berlin
Der Senat hat die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt jahrelang ignoriert. Erst 2012 hat der Senator für Stadtentwicklung, Michael Müller, Maßnahmen auf den Weg gebracht, die den Anstieg der Miete bremsen sollen. Es ist zu bezweifeln, dass diese Maßnahmen den Zugang der Empfänger sozialer Transferleistungen zum Wohnungsmarkt nachhaltig erleichtern. Selbst die Sozialmietquote im Mietbündnis des Senats mit den kommunalen Wohnungsbaugesellschaften hilft einem HartzIV-Empfänger kaum zu einer Wohnung, wenn 55 Prozent der Haushalte Anspruch auf einen WBS haben. Angesichts der Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt müssen sowohl Zwangsräumungen und Aufforderungen, die Kosten für Unterkunft und Heizung zu senken, sofort ausgesetzt werden. Wer keine andere Wohnung findet, kann auch nicht umziehen Die Maßnahmen des Berliner Senats werden den Anstieg der Zahl wohnungsloser Menschen bestenfalls bremsen.

Überlebenshilfe oder Teilhabe von wohnungslosen Menschen
Viele Menschen, die auf der Straße leben, haben sich in ihrem Kiez eingerichtet. So, wie die Berliner Kältehilfe aufgestellt ist, erreicht sie viele dieser Menschen in einigen Kiezen nur ein

Fazit
Herbergen auf Zeit werden in Berlin dringend benötigt. Die Politiker sorgen dafür, dass das so bleibt. Leider!

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ZEIT | 5

Ü

ber die Zeit haben sich schon viele Gelehrte aus physikalischer und philosophischer Sicht Gedanken gemacht. Doch Formeln, die von Physikern, wie Einstein in diesem Zusammenhang aufgestellt wurden, sind für Laien ebenso schwer zu verstehen wie philosophische Abhandlungen zum Thema. Ich selbst denke bei dem Begriff ‚Zeit‘ in erster Linie an jene, die ich am Handgelenk trage und die mich morgens zum Aufstehen nötigt. Anders verhält es sich, wenn ich an eine schöne, oder schwierige Zeit denke. Das eine ist analog und technisch, das andere hat mehr mit dem subjektiven Empfinden zu tun. Das eine ist ein Hilfsmittel, um den Alltag zu organisieren, das andere facettenreich wie der Mensch selbst. Die Erfahrung von Zeitqualität hat viele Gesichter.

Zeitqualität
BETRACHTUNG: Andreas Peters

Wohl dem, der den Moment zu genießen weiß.

Schöne Zeit – schwierige Zeit
Die hinter uns liegende Weihnachtszeit und der Neujahrswechsel liefern hierfür viele Beispiele. Dazu gehört das In-der-Schlange-stehen im Supermarkt, wo jede Minute gefühlt das Doppelte an Zeit kostet. Dann das vorweihnachtliche Gefühl, dass mir für die Vereinbarung und Umsetzung von vielen verschiedenen Aufgaben einfach viel zu wenig Zeit bleibt. Die Zeit, die ich zwischendurch versuchte, zum Verweilen, Beobachten, Staunen oder Genießen zu nutzen, hat sich in dem Bemühen, Berufliches und Privates zu verbinden, oft schnell verbraucht. Ich war jedenfalls froh, dass ich nicht noch, wie viele andere, an den Festtagen arbeiten musste. Während sie im Krankenhaus, bei der Bahn, in der Gastronomie und an vielen anderen Orten ihren Dienst ausübten, konnte ich mich auf die Besinnung vor dem Weihnachtsbaum konzentrieren. Was im Sinne von Zeitqualität als wichtig und wertvoll angesehen wird, entscheidet allerdings jeder für sich selbst.

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft
Zeitqualität ist für mich als Sozialarbeiter im beruflichen Umfeld natürlich auch ganz konkret fassbar. Professionelle klagen darüber, dass sie aufgrund des steigenden Verwaltungsaufwandes immer weniger Zeit für die Betroffenen haben, während die Betroffenen mit ihrer vielen Zeit immer weniger anfangen können, zumal, wenn sie körperlich und psychisch nicht mehr in der Lage sind, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Manches mal relativiert sich diese Auffassung, wenn ich mit den Menschen zusammen komme und feststellen muss, dass die meisten sich vor der Gegenwart, dem Verweilen im Augenblick, ängstigen. Das Leben in der Gegenwart, das oft einfach nur unmenschliche und volle Leere ist, wird vermieden, wo es nur geht. Die Vergangenheit (früher war alles anders), die Zukunft (wenn ich mal..., dann…) wird oft zur Flucht. Ich stehe dann vor der nicht einfachen Aufgabe, die Gegenwart zu retten, als einzig möglichen Ansatzpunkt für eine Veränderung, im Sinne von mehr Lebensqualität.

Zeit & Astrologie
Einen anderen Aspekt von Zeitqualität, den ich sehr interessant finde, bietet die Sichtweise der Astrologie. Besonders dann, wenn eben nicht Glück und Wohlstand, sondern materielle Not, Mangel, gesellschaftliche Unruhen und Umbrüche oder Schicksalsschläge unser Leben bestimmen. Wir leiden darunter oder können es nutzen für Veränderungen. Beides macht aber erst einmal Angst. Die Astrologie ist in solchen Situationen seit Jahrhunderten ein gefragter Ratgeber. Und sie kann mit ihrem Blick in die Sterne helfen, Möglichkeiten und Begrenzungen der Zeitqualität aufzuzeigen. So heißt es aktuell in einschlägigen Internetforen, dass sich bis 2015 aufgrund einer kritischen Sternenkonstellation (Pluto/Uranus Quadrat) für viele Menschen die einmalige Chance bietet, das zu tun, was sie schon immer gerne tun wollten, um eine unbefriedigende Situation endlich zu beenden. Andererseits wurden in der Vergangenheit unter dieser Konstellation Kriege angezettelt. Mit Blick auf die aktuellen Unruhen in der Ukraine, Thailand, Türkei und Ägypten bin ich jedenfalls geneigt, diesen Zusammenhang durchaus als möglich zu erachten.

Zeit & Rituale
Manchmal ist es auch ganz einfach. Wir alle kennen das. Wenn wir mit Begeisterung und Freude einer Sache nachgehen, zum Beispiel mit Freunden gemeinsam ein Spiel spielen. Je weniger dabei die Zeit eine Rolle spielt, umso schöner wird sie. Auch Rituale helfen, im Alltag ungemein Zeitqualität zu finden. Man denke nur an das gemeinsame Essen. Ebenso ergiebig in diesem Sinn kann die Umarmung eines geliebten Menschen oder die Liebkosung eines Haustieres sein. Wohl dem, der solche Momente anzunehmen und zu genießen weiß.

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Die Vergessenen
Auf Berlins Straßen verelenden und sterben obdachlose Polen. Vor Jahren haben sie hier ein besseres Leben gesucht. Wirkliche Hilfe gibt es in Deutschland für sie nicht, aber nach Polen wollen die meisten auch nicht zurück
BERICHT: Jutta H.

01 02 03

Obdachlose EU-Bürger haben in aller Regel keinen Anspruch auf einen Wohnheimplatz (Foto: Jutta H.) Jahrelanger Alkoholkonsum kann zur Lähmung der Beine führen (Foto: Antje Görner) »Anlaufstelle für osteuropäische obdachlose Menschen« in Hamburg (Foto: Jutta H.)

A

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ndrzej Fikus staunt nicht schlecht, als er im Sommer von einem Vertreter der polnischen Botschaft angerufen wird. Im Garten der polnischen katholischen Gemeinde in Berlin, heißt es am anderen Ende der Leitung, zelte ein Pole, der bald sterben werde. Er, Andrzej Fikus, solle etwas tun. Erstaunlich, dass der Pfarrer der Gemeinde gleich die polnische Botschaft anruft, denkt Fikus, der selber Pole ist und damals als Sozialarbeiter für ein Projekt tätig ist, das sich um Wohnungslose aus den östlichen EU-Staaten kümmert. Erstaunlich auch, denkt Fikus weiter, dass der Konsul nicht weiß, dass seine obdachlosen Landsleute in Deutschland fast keine Ansprüche haben, keinen auf Unterbringung in einem Wohnheim, keinen auf ordentliche medizinische Versorgung und schon gar keinen auf einen Platz in einem Hospiz. Was er tun konnte, tat Fikus. Er sorgte dafür, dass ein Arzt einer Wohnungslosenambulanz nach dem Mann, der mit Vornamen Marcin hieß, 40 Jahre alt war und an den Spätfolgen jahrelangen Alkoholkonsums litt, schaute. Und unterstützte eine polnische obdachlose Freundin des Sterbenden, die den Mann versorgte. Eines Tages war dann das Zelt im Garten verschwunden - Marcin war gestorben. Verglichen mit dem Tod vieler seiner obdachlosen Landsleute in Berlin hatte Marcin damit keinen schlechten Tod. Wie viele obdachlose Polen in der deutschen Hauptstadt leben, wie viele schon gestorben sind, das weiß niemand. Eine Statistik gibt es in Berlin nicht einmal für deutsche Obdachlose. Wissenschaftler aus anderen Ländern schätzen, dass in Oslo zehn Prozent der dortigen Obdachlosen Polen sind, in Madrid und London sollen es 20 Prozent sein. Meist sind es Männer, die mit dem Beitritt ihres Landes zur EU 2004 ihr Land verließen, um woanders Arbeit oder ein besseres Leben zu suchen. Gerade Berlin war nahe und die Hoffnungen groß. Manche Männer arbeiteten schwarz oder als Scheinstelbständige auf Baustellen, andere

landeten sofort auf der Straße. Sie fanden sich wieder in den Nothilfeeinrichtungen für Wohnungslose, die bald mehr Ausländer aus den östlichen EU-Ländern versorgten als Deutsche. In der größten Berliner Notunterkunft macht ihr Anteil bis heute 60 bis 80 Prozent aus.

»Unglaublich kaputte Leute kommen zu uns«
Die Gesundheitslage vieler Wohnungsloser in Berlin sei schlecht, heißt es seit einiger Zeit von Hilfsorganisationen. Im Dezember eröffnete die Stadtmission eine medizinische Ambulanz, die sich insbesondere an nicht versicherte, obdachlose Menschen aus den EU-Beitrittsstaaten richtet. Seit diesem Winter sind zudem einmal wöchentlich ein Arzt und eine Krankenschwester mit im Kältebus unterwegs. In der Bahnhofsmission am Zoo werden Menschen mit körperlichen Behinderungen und Gehhilfen nicht mehr bevorzugt hereinlassen – es seien zu viele geworden, heißt es. »Unglaublich kaputte Leute kommen zu uns«, sagt ein dortiger Mitarbeiter. Vielleicht ist es ja dieser Zeitraum von zehn Jahren, den ein menschlicher Körper Obdachlosigkeit und Sucht widersteht. Artur Darga ist ein sanfter Mann mit Pferdeschwanz. Seit vielen Jahren ist der 51jährige Pole im Winter für die Berliner Stadtmission abends und nachts im Kältebus unterwegs. Den Mann, den er an diesem Abend unter einem S-BahnBogen am Hackeschen Markt aufsucht, kennt er seit Jahren. Der Mann hat eine schmale Gestalt, rötliches Haar und sitzt im Rollstuhl. Wie die meisten anderen Obdachlosen stellt er sich nur mit Vornamen vor. Sein Name ist Jacek, er ist Pole und spricht nur gebrochen Deutsch. Er ist angetrunken und lächelt permanent. 41 Jahre sei er alt, seine Tage verbringe er mit Bettelei, dem Sammeln von Pfandflaschen, dem Zusammensein mit polnischen Freunden. In Polen habe er vor Jahren als LKW-Fahrer gearbeitet, wegen übermäßigem Alkoholkonsums aber seinen Füh-

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rerschein verloren. Er sei verheiratet, seine Frau lebe in Polen, auch ein Kind gebe es dort. Doch zurück dorthin will Jacek nicht, er sagt, erst müsse er wieder auf die Beine kommen. Dieser Satz sei typisch, sagt Artur Darga. Viele der Polen, die in Berlin auf der Straße lebten, trauten sich aus Scham nicht zurück zu ihren Familien, hätten jeden Kontakt abgebrochen. Sie hofften, das Ruder irgendwie doch noch herumreißen zu können, eine Arbeit zu finden, Geld mit nachhause zu bringen. Aber sie steckten zu tief in ihrer Sucht, der Weg hinaus sei zu weit.

Das, was er macht, ist eine Art Sterbebegleitung
Jacek kann seine Beine nur noch mühsam bewegen. Der jahrelange Alkoholkonsum hat die Nerven seiner Beine zerstört. Hochkonzentriert wirkt Alkohol als Gift. Polyneuropathie nennen Mediziner dieser Zerstörung von Nerven. So bewegt sich Jacek im Rollstuhl durch die Gegend. Darga hat ihm den besorgt - er hat Kontak zu einem Seniorenheim, das ausrangierte Rollstühle für ihn aufhebt. Artur Darga hat über die Jahre die Illusion verloren, Menschen wie Jacek helfen zu können. Er hat versucht, auf sie einzuwirken, ihnen angeboten, ihnen einen Suchttherapieplatz in Polen zu besorgen oder sie zu ihrer Familie zurückzufahren. Er hat sich abgewöhnt, wütend zu sein darüber, zusehen zu müssen, wie die Männer sich zu Tode trinken. Das, was er mache, sei vielfach eine Art Sterbebegleitung, sagt er. Er zählt Namen von Landsleuten auf, die inzwischen gestorben sind, die irgendwann nicht mehr da waren. Viele seien zu tief und zu lange in in ihre Sucht verstrickt, um das Ruder noch mal herumreißen zu können oder zu wollen, sagt Darga. Zu hilfreich sei der Alkohol auch dabei, durch den Tag zu helfen, die eigenen Sinne zu vernebeln, im Winter zu wärmen. Rafaels Haut ist fahl, sein dünner Körper verschwindet fast im Hochfunktionsbett des

Krankenhauses. Rafael ist Pole, 38 Jahre alt, hat kurz geschorenes Haar. Seit zwei Wochen liegt er im Krankenhaus. In holprigem Deutsch erzählt er von sich, Zahnlücken werden sichtbar. Neben dem Bett steht ein Gehwagen. Der Grund, warum er krank sei, sei der Alkohol, sagt Rafael, das hätten ihm die Ärzte erklärt. Seine Leber sei kaputt, zudem habe man ihm zwei Zehen amputiert, die seien abgefroren gewesen. In Polen hat Rafael vor Jahren bei der Post gearbeitet. Als seine Frau sich von ihm scheiden ließ, hat er angefangen zu trinken. Als er vor einigen Jahren nach Deutschland kam, wollte er damit aufhören und hier neu anfangen, sagt er, aber er sei damit gescheitert. Das Krankenhaus, das den Polen behandelt, zahlt dessen Behandlung aus eigener Tasche. Denn Rafael hat keine Krankenversicherung. Keine in Polen, weil er dort keinen Wohnsitz hat und keine in Deutschland, weil er hier keinen Anspruch auf Sozialleistungen hat. Doch in akuten Notfällen sind Ärzte und Krankenhäuser gesetzlich verpflichtet, auch nichtversicherte Personen zu behandeln. Und diese Behandlungen häufen sich.

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Den Krankenhäusern bleiben Kosten in Millionenhöhe
Aus einer Umfrage der Berliner Krankenhausgesellschaft unter 26 Berliner Krankenhäusern geht hervor, dass sie durch die Behandlung nichtversicherter EU-Ausländer auf Kosten in Millionenhöhe sitzenbleiben. Die Krankenhäuser stellten in der zweiten Jahreshälfte 2012 in 503 Fällen Anträge auf Kostenübernahme von Behandlungen von EU-Ausländern bei den Berliner Bezirksämtern. Diese sind gesetzlich zur Kostenerstattung der Notfallbehandlungen verpflichtet. Anfang 2013 hatten die Bezirksämter ganze fünf Prozent der Kosten erstattet. 46 Prozent waren abgelehnt, 49 Prozent noch nicht abschließend entschieden worden. Das bedeutete, dass für dieses halbe Jahr die befragten Krankenhäuser für

nicht versicherte Personen aus dem EU-Ausland offene Rechnungen in Höhe von knapp 1,5 Millionen Euro hatten. Einige Städte in Deutschland begegnen den hohen Zahlen obdachloser Polen mit sogenannten Rückführungen. In Hamburg beispielsweise wurden im Rahmen des Projekts »plata« bereits mehrere Hundert Polen in ihr Heimatland zurückgefahren bzw. zahlte die Stadt die Rückfahrkarten. Auch Artur Darga hat Landsleute nach Polen zurückgefahren. Circa zehn seien es gewesen, sagt er, in den Jahren 2009 und 2010. Er habe damals diejenigen ausgesucht, »die keine Kraft mehr hatten, diejenigen, die sich aufgegeben hatten«. Er organisierte ihnen einen Therapieplatz in Polen, besorgte für sie einen neuen Pass in der polnischen Botschaft. Heute sieht er die sogenannten Rückführungen nach Polen skeptisch: Fast alle Männer, die er nach Polen gebracht hatte, sind nach einiger Zeit nach Berlin zurückgekehrt, auch diejenigen, die erfolgreich ihre Suchttherapie durchgestanden hatten. Zurück in Berlin haben die Männer wieder angefangen zu trinken. Einige von ihnen sind inzwischen gestorben.

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Was vom Tage übrig bleibt
Gedanken zum Verhältnis von Arbeit und Freizeit
BETRACHTUNG: Jeannette Gierschner

U

m sechs Uhr klingelt der Wecker, dann schnell in die Küche und Kaffee aufsetzen. Während der durchläuft, springe ich unter die Dusche und wecke danach die Kinder. Nach dem gemeinsamen Frühstück bleibt noch ein wenig Zeit fürs Zusammensein. Sind die Kinder aus dem Haus, erledige ich ein paar Sachen im Haushalt oder schreibe ein paar Zeilen. Kurz vor halb neun fährt meine Straßenbahn zur Arbeit und zehn Stunden später bin ich wieder zuhause. Abwaschen, Wäsche waschen, Hausaufgaben und Abendbrot nehmen weitere ein bis zwei Stunden in Anspruch. Da ist nicht viel, was vom Tage übrig bleibt.

Freizeit?
So oder so ähnlich geht es vielen Menschen. Die freie Zeit, die neben Arbeit, Familie und Haushalt bleibt, scheint verschwindend gering. In keinem anderen europäischen Land wird mehr gearbeitet als vertraglich vereinbart. Viele Arbeitnehmer nehmen unerledigte Arbeit mit nach Hause oder sind per Mail oder Smartphone jederzeit für den Chef erreichbar. Dagegen belegen Statistiken, dass die Deutschen im Vergleich zu den 1990er Jahren durchschnittlich 0,6 Stunden mehr Freizeit haben. Dem Duden nach ist Freizeit die Zeit, in der man seinen Hobbys nachgeht oder Freunde trifft, also weder arbeitet noch Verpflichtungen nachgeht. Adorno und Eisler sehen Freizeit sogar als die Zeit, in der sich der Mensch erholen muss, um wieder mit vollen Kräften der Arbeit zur Verfügung zu stehen. Freizeit steht demnach nicht den individuellen Interessen zur Verfügung, sondern ist ein zusätzlicher Bestandteil der Arbeitszeit.

mend schwer - wenn man nicht gerade zusammenarbeitet, hat jeder andere Arbeitszeiten, seinen Haushalt und Familie unter einen Hut zu bringen. Um dem aus dem Weg zu gehen, entwickeln sich zumeist Freundschaften mit Kollegen, die ja die gleiche Arbeitszeit haben. Damit wiederum schleicht sich öfter als nötig die Arbeit in die eigentliche Freizeit, da man mit seinen Kollegen-Freunden auch beim Bier in der Kneipe mal mehr oder weniger über die Arbeit redet.

Arbeitszeit versus Freizeit
(Foto: Jeannette Gierschner)

Arbeitszeit versus Freizeit
Hat sich das Verhältnis von Arbeitszeit zu Freizeit im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten geändert? Arbeiten wir mehr und haben weniger Zeit für die Dinge im Leben, die einen Ausgleich zur Arbeit schaffen? Den Statistiken zufolge arbeiten wir mehr als andere Europäer und haben gleichzeitig mehr Freizeit. Logisch klingt das nicht, da ein Tag wie vor 10, 20 oder 50 Jahren immer noch 24 Stunden hat. Ergo schlafen wir weniger, nutzen mehr Stunden vom Tag als Arbeiter vor 20 Jahren und haben daher mehr Zeit für uns. Das mag nun jeder sehen, wie er möchte. Verpflichtungen gegenüber der Familie, steigende Lebenshaltungskosten und persönliche Interessen schränken auf ganz unterschiedliche Weise das selbstbestimmte Verhältnis von Arbeit und Freizeit ein. Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben ist dabei so nötig wie die Luft zum Atmen. Es entscheidet ein Jeder selbst, wo er diese Grenze zieht und wie er seine arbeitsfreie Zeit verbringt. Die Basis für ein ausgeglichenes Arbeit-Freizeit-Verhältnis ist das Wissen, wie man sich erholt und dass man arbeitet, um zu leben, nicht umgekehrt.

Feierabend adé!
Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben wird seit Jahren durch flexible Arbeitszeitmodelle, Heimarbeit, Schicht- und Bereitschaftsdienst und einem falsch verstandenen Loyalitätsgefühl verwischt. Die Zunahme von Erschöpfungszuständen, Burnout und psychischen Krankheiten zeigt, dass viele Menschen den Stress der Arbeit mit nach Hause nehmen. Arbeitsaufgaben werden durch technische Hilfsmittel und Personalabbau komplexer und müssen in weniger Zeit erledigt werden, sodass der eigentliche Feierabend immer mal wieder zeitlich nach hinten rückt. Dazu kommt ein gerade bei Start-Up-Firmen gern beschworenes »Familiengefühl«, mit dem jedem Einzelnen suggeriert wird, dass alle sich unheimlich wohl im Büro fühlen und gern solange arbeiten, bis die Arbeit erledigt ist. Der klassische Feierabend verliert an Bedeutung. Soziale Kontakte zu pflegen fällt vielen zuneh-

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»Zeit« in der Literatur
Empfehlungen zum Thema
Z U S A M M E N G E S T E L LT : R e d a k t i o n 1. MARC WITTMANN:

»Gefühlte Zeit« – Kleine Psychologie des Zeitempfindens Verlag C. H. Beck, 12, 95 Euro Gefühlte Zeit bestimmt unsere Entscheidungen im Alltag: Sollen wir auf den Aufzug warten oder die Treppen nehmen, stelle ich mich jetzt in die Schlange oder komme ich später wieder? Ökonomische Fragen sind zeitabhängig: Soll ich mein Geld langfristig anlegen oder für mein Traumauto ausgeben? Gefühlte Zeit bestimmt aber auch unser Verhältnis zum Älterwerden: Auf einmal spüren wir, dass wir nicht mehr der junge Mensch sind, für den wir uns immer hielten. Mit Erschrecken bemerken wir, dass mit zunehmendem Alter die Zeit immer schneller vergeht. Unsere Erfahrung von Zeit sagt etwas über uns selbst aus. Der Leser erfährt, wie unser Gehirn wirklich tickt und wie wir zu unserem Gefühl von zeitlicher Dauer kommen. Er lernt, dass der Umgang mit der Zeit für Erfolg im Leben wichtiger ist als etwa der IQ.
2. TILL ROENNEBERG:

Cover (Quelle: Verlage) Das »Lob der Langsamkeit« als Gegenmelodie anzustimmen, reicht nicht aus. Verlangsamung ist bloß die leisere Stimme jenes mächtigen Chors, dessen wahre Hymne die Herrschaft über die Zeit ist. Eine neue Zeitkultur besteht somit nicht im simplen Reflex des machtvollen Griffs zur Bremse als vielmehr in der Bereitschaft, die Eigendynamik der Natur zuzulassen und sich auf die Abstimmung zwischen natürlichen und kulturellen »Rhythmen und Eigenzeiten« einzulassen. Es gilt, den Zeitskalen ökologischer, sozialer und psychischer Systeme nachzuspüren, um eingebettete Zeitmaße für menschliches Handeln zu finden. In dieser Analyse unseres Umgangs mit der Zeit widmet sich Michel Baeriswyl sowohl den naturwissenschaftlichen als auch den kulturellen und psychologischen Konsequenzen desselben. Er verbindet aktuelle wissenschaftliche Fakten mit der Kenntnis der jüngsten »Zeittrends« wie beispielsweise den Chillout-Rooms der Techno-Jünger.
4. ROBERT LEVINE:

»Wie wir ticken« – Die Bedeutung der Chronobiologie für unser Leben DuMont Buchverlag, 9,99 Euro Stimmung, körperliches Befinden, Arbeitsabläufe, Lernfähigkeit: Unsere innere Uhr beeinflusst unser Leben vielfältig. Der Chronobiologe Till Roenneberg zeigt, dass uns der persönliche Biorhythmus bereits in die Wiege gelegt ist und seine Missachtung weitreichende Folgen hat. Viele Menschen leben permanent im Jetlag, denn unser innerer Schlaf-Wach-Rhythmus stimmt nur selten mit gesellschaftlichen Zeitplänen überein. Warum steckt der jüngere Kollege die Schichtarbeit besser weg als ich? Warum fallen mir bei einer Abendgesellschaft fast die Augen zu, wenn alle anderen noch feiern? Weshalb macht uns die Sommerzeit jedes Mal wieder zu schaffen? Und warum kann schlechtes Timing in der Ehe auch etwas mit der Chronobiologie zu tun haben? Anhand von 24 amüsanten und verständlichen Fallbeispielen gibt uns Roenneberg Antworten auf diese und andere Fragen rund um unsere innere Uhr und plädiert fürs Umdenken!
3. MICHEL BAERISWYL:

»Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen« Piper Taschenbuch, 9,99 Euro »Die Auffassung von Zeit ist relativ und flexibel«, so der Wissenschaftler Robert Levine. In seinem Buch macht er uns bewusst, dass das Zeitgefühl eines Kulturkreises tiefe Konsequenzen für das psychische, physische und emotionale Wohl eines Individuums hat. Er beschreibt »Uhr-Zeit« als Gegensatz zu »Natur-Zeit« (Rhythmus von Sonne und Jahreszeiten) und »Ereignis-Zeit« (Strukturierung der Zeit nach Ereignissen) und macht uns deutlich, dass wir, wenn wir uns dieser drei Zeitauffassungen bedienten, ein wesentlich flexibleres und ausgeglicheneres Leben genießen könnten. Levine präsentiert uns ein aufschlussreiches, erhellendes Porträt der »Zeit«; eines der wenigen Bücher, die uns öffnen und uns lehren, das alltägliche Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten und ganz neu zu überdenken. Quelle: Verlage

»Chillout: Wege in eine neue Zeitkultur« dtv München, 14,32 Euro Die Tempoexzesse der Industriegesellschaften führen in eine ökonomische, ökologische, politische, soziale und psychologische Sackgasse. Wir sind zu einer Nonstoppgesellschaft geworden, in der rund um den Globus produziert und kommuniziert wird - je schneller, desto besser.

Karikatur: OL

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Zeit der Angst
BERICHT: CaDa

Mein Problem mit dem Besuch beim Zahnarzt

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eder Mensch hat für spezielle Dinge seine Zeit. Einige Menschen gehen mit einem Krimi ins Bett, andere wiederum sehen vom selbigen aus gern TV. Dies sind für viele angenehme Dinge des Lebens. Aber es gibt ja auch die unangenehmen Dinge, und manche dieser Dinge machen Menschen eben Angst. Es gibt z. B. Menschen, die vor einem Zahnarztbesuch riesige Angst haben, obwohl sie ihre Zähne täglich zwei Mal mindestens putzen. Nehmen wir mal mich als Beispiel. Als ich in der zweiten oder dritten Klasse war, war es üblich, als schulische Vorsorge ein oder zwei Mal im Schuljahr zur Untersuchung beim Kinder- und Jugendzahnarzt zu erscheinen. Wer in der ehemaligen DDR groß geworden ist, wird dies noch kennen. Ich war also eigentlich gut und gründlich versorgt. Aber, man kann durch Vererbung ein Zahnproblem haben, oder man ist halt doch nicht so gründlich in diesem Bereich. Oder man hatte einen Fahrradunfall und verlor dadurch ein paar Zähne. Egal warum, hat man ein Zahnproblem, muss man zum Arzt. Und wie gesagt, da gibt es Ängste. Deswegen ist es schön, dass es Zahnärzte gibt, die sich auf Patienten mit Ängsten spezialisiert haben.

Zahnarztbesuch: Für viele Menschen tatsächlich Zeit der Angst!

(Foto: Wikipedia/U.S. Navy Photo by Tom Watanabe)

Die Leber ist schuld!
Eigentlich braucht man ja keine Angst vor dem Zahnarzt zu haben, meinen manche Menschen. Da stimme ich ihnen zu. Allerdings gibt es auch Umstände, die zu einer extremen Angst führen können. Bei mir war es ein Essen in der Schule, mit dem es anfing. Es gab gebratene Leber, fragen Sie mich aber bitte jetzt nicht, mit welcher Beilage und so weiter, dafür ist es schon zu lange her. Die Leber war an dem Tag so lange gebraten worden, dass man das Gefühl hatte, man kaue auf einer alten Schuhsohle herum. Bei mir drehte sich rechts und links oben je ein Backenzahn, so fühlte es sich zumindest an. Ich teilte dies meiner damaligen Klassenlehrerin und am späten Nachmittag dann zu Hause auch meiner Mutter mit. Als am nächsten Morgen die Schmerzen immer noch nicht verschwunden waren, machte sie einen Termin beim Kinder- und Jugendzahnarzt.

schnell etwas gefunden haben, denn sie zog mir die genannten Zähne, allerdings ohne Betäubung und so, dass die Zahnwurzeln dabei abbrachen. Wie sich später bei weiteren Extraktionen von Zähnen zeigte, neigen meine Zähne dazu, dies immer beim Ziehen zu tun. Jedes Mal müssen die Zahnwurzeln dann ausgebohrt werden. Was das für ein Gefühl ist, kann sich sicher jeder denken.

Ich bin ja nicht wehleidig, aber…
Es wäre vielleicht noch zu erwähnen, dass ich, bevor ich in die Schule kam, zu einer Spezialuntersuchung an Berlins größter Universitätsklinik musste. Dort erwischte ich bei einer Blutentnahme eine sehr junge Ärztin, die mein Blut haben wollte, aber an den üblichen Stellen keines bekam, da ich unter Rollvenen leide. Sie nahm mir mit sechs Jahren Blut aus der Halsschlagader ab, ein schockierendes Erlebnis. Seitdem ist bei mir ab der Schulter Kopf aufwärts alles Sperrgebiet, na ja der Frisör darf schon noch ran, das tut ja nun wirklich nicht weh. Obwohl… Wenn Sie das alles nun in Betracht ziehen, dann wissen Sie, wie es mir jedes Mal im Warteraum des Zahnarztes ergeht. Mir wurde gesagt, ich wär nur ein leichter Fall. Meine Angst vor dem Zahnarzt ist nur ein Beispiel für die Zeit der Angst. Aber, denken wir doch mal zurück an unsere Kindheit, abends allein im Dunkel der Nacht vor dem Einschlafen oder wenn man im Winter im Dunkel an einem Friedhof vorbei gehen muss. Zeiten der Angst gibt es eben viele in unserem Leben, sei als Kind oder als Erwachsener.

Bohren tut weh!
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nie Angst vor einer Zahnbehandlung, doch an diesem Tage sollte sich alles ändern. Ich ging als großer Junge, wie mich meine Mutter damals nannte, also allein dorthin. Die Zahnärztin kannte ich ja schon von den Vorsorgeuntersuchungen. Ich musste rauf auf den Behandlungsstuhl, und sie muss auch

strassenfeger | Nr.  1 | Januar 2014

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Kinder, wie die Zeit vergeht …
Über die Wahrnehmung der Zeit
BERICHT: Manfred Wolff

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ie vier Wochen vor dem Heiligen Abend nehmen Kinder als unerträglich lang wahr. Täglich steigt die Ungeduld, die Quengelei nimmt zu und angesichts der nicht enden wollenden Zeit bis zur Bescherung ist auch das Liedchen »Morgen, Kinder, wird’s was geben« kein wirklicher Trost. Für die Erwachsenen verläuft diese Zeit diametral anders. Es gibt so vieles zu erledigen, was nicht über den 24. Dezember hinaus aufgeschoben werden kann, dass die Vorweihnachtszeit zu einer wahren Hetzjagd wird. Die Tage verfliegen im Nu, und bei all der Eile bleibt am Heiligen Abend statt eines feierlichen Essens nur Zeit für Würstchen mit Kartoffelsalat. Eine solche unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit kennen wir auch aus dem Alltag. Das Warten in der Schlange an der Kasse des Supermarkts kommt uns wie eine kleine Ewigkeit vor, obwohl es in Wirklichkeit nur ein paar Minuten sind. Befragt man Leute, wie lange das Beladen des Einkaufswagens dauerte und wie lange sie an der Kasse standen, wird die erstere Zeit unterschätzt, die letztere maßlos überschätzt. Wie kommt es zu diesen Täuschungen? Der wichtigste Grund dafür liegt in der Tatsache, dass der Mensch über kein Organ zur Zeitwahrnehmung verfügt. Er kann seine Welt sehen, ihre Geräusche hören und differenziert wahrnehmen, er kann schmecken und fühlen, warm und kalt unterscheiden – ein Zeitorgan fehlt, und das, wo doch Zeit für den modernen Menschen ein sehr wichtiger Faktor ist. Zeitliche Abläufe ergeben sich aus dem Erleben von nacheinander stattfindenden Ereignissen. Wie lange etwas zu dauern scheint, hängt von der Vielfältigkeit des Erlebten ab. Ereignisreiche Zeiten werden als kurz empfunden, eben kurzweilig, ereignisarme als schrecklich lang, also langweilig. Im Kino macht man sich diese Wahrnehmungsmuster zu Nutze. Das Zerhacken einer Handlung in zahlreiche Cuts lässt den Film als spannend und handlungsintensiver erscheinen. Unglückliche Redner sind gut beraten, wenn sie in ihren Vortrag künstliche Ereignisse einbauen, die nicht unbedingt etwas zum besseren Verständnis beitragen, wohl aber die Zuhörer davor bewahren, in die Langeweile abzugleiten. PowerpointPräsentationen sind die Meisterschaft dieser Vortragstechnik. Soweit Vorgänge eine intensive geistige Tätigkeit erfordern, erfolgt die Zeitwahrnehmung umgekehrt. So vergeht die Zeit bei Problemlösungen scheinbar sehr langsam. Leute, die sich in gefährlichen Situationen befanden, die im Rhythmus von weniger als einer Sekunde immer neue Lösungsstrategien zur Rettung verlangten, berichten, dass ihnen die in Wirklichkeit sehr kurze Zeit sehr lang vorkam. Mit zunehmendem Alter, wenn die meisten Tätigkeiten routiniert und ohne großen Neuigkeitswert ablaufen, keine geistigen Anstrengungen abverlangen, wird eine Beschleunigung des Zeiterlebens beobachtet. Rentner haben nie Zeit.

»Kinder, wie die Zeit vergeht!« Nationalbibliothek Wien (Foto: www.onb.ac.at) Dass die Menschen sich überhaupt den Kopf zerbrechen, was es mit der Zeit auf sich hat, liegt an der Flüchtigkeit der Zeit, des Erlebens eines zeitlichen Ereignisses. »Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön«, schreibt Goethe im Faust. Dieser Augenblick dauert nur 30 Millisekunden in unserer Wahrnehmungsfähigkeit, danach versinkt er in den unendlichen Weiten der Vergangenheit bzw. treibt in die unbekannten Weiten der Zukunft. Beide Erlebnissituationen verlaufen unkontrollierbar, sind nicht steuerbar. Gestern bleibt Geschichte, Morgen ist immer wieder ein Geheimnis und nur Heute, der Augenblick ist ein Geschenk, das wir, wenn auch kurz, genießen können. Alle gut gemeinten Ratschläge für ein erfolgreiches Zeitmanagement ändern nichts daran. Wie schnell unsere Zeit vergeht, kann keine Uhr messen. Die physikalische Zeit und ihre Verweltlichung in der Uhr berühren unser Zeitempfinden, das höchst individuell und situationsbedingt ist, nicht. Sie zwängen uns lediglich in ein Zeitschema und belasten uns mit Schuldgefühlen. Gott hat die Zeit geschaffen, der Teufel den Kalender.

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strassenfeger | Nr.  1 | Januar 2014

Bewegung im Raum = Zeit
Zeit ist, was verhindert, dass alles auf einmal passiert
BETRACHTUNG: Bernhardt

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eit vielen Jahrhunderten bemühen sich Wissenschaftler darum, vor allem Philosophen, Theologen und Physiker, das Wesen der Zeit zu ergründen. Offenbar ohne nennenswerten Erfolg. Dem Kirchenvater Augustinus (354-430) fiel laut web nichts Besseres ein als der Scherz »wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es, will ich es aber einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht«. Der US-amerikanische Physiker John A. Wheelers (1911-2008), Professor an der berühmten Princeton-Universität, kam zu der verblüffenden Aussage, die der Verfasser als Untertitel verwendet hat: »Zeit ist, was verhindert, dass alles auf einmal stattfindet.« Auch hiermit ist keine positive Erkenntnis gewonnen, sondern es wird nur eine Folge ausgeschlossen: »… verhindert, dass alles auf einmal passiert«. Das ist im Grunde selbstverständlich, weil es der natürlichen Logik entspricht. Diese Aussage hat einen ähnlichen Überraschungseffekt wie die Pointe in einem Kabarett. Der Volksmund hat sich der Frage ebenfalls angenommen und kluge Sprüche formuliert: Kommt Zeit, kommt Rat. Die Zeit heilt alles. Der Mensch ist an Raum und Zeit gebunden (was übrigens auch die Philosophen beschäftigt). Das Zeitliche segnen; usw. Dabei ist das Problem ganz einfach durch unbefangene Naturbeobachtung zu lösen. Dann wird man feststellen, dass Zeit etwas Naturgegebenes ist und die Menschen sich nur auf eine Methode verständigen mussten, die Zeit zu messen und übereinstimmend zu benutzen. Ausgangspunkt ist das Naturgesetz der Bewegung, das fast immer übersehen wird. Dies hat der Verfasser bereits in der letzten Ausgabe des strassenenfeger in dem Beitrag »Prinzip Hoffnung. Lebenstrieb und Naturgesetz der Bewegung« ausgeführt. Alles bewegt sich immer und überall. »Panta rhei« heißt es bei dem griechischen Philosophen Heraklit (535-475 v. Chr.): Alles fließt. Bewegung bedeutet Ortwechsel; hat also zu tun mit Raum. Eine Person bewegt sich von Ort A nach Ort B. Betrachtet man die Bewegung in Bezug auf die Örtlichkeit, kommt man zwangsläufig zu dem Begriff Zeit, also zu dem Maßstab, der diese Bewegung zeitlich erfasst, (und zu dem Begriff Strecke, also zu dem Maßstab für die entfernungsmäßige Erfassung). Denn man kann nicht gleichzeitig an beiden Orten sein; logisch (siehe Wheelers). Zeit ist also automatisch beteiligt, wenn sich etwas in einem Raum bewegt, etwas ändert. Zeit ist deshalb naturgegeben, weil sich wie gesagt alles immer und überall bewegt: Naturgesetz der Bewegung. Was als selbstver-

ständlich im täglichen Leben gar nicht mehr wahrgenommen wird, hat in der Wirklichkeit eine überragende fundamentale Bedeutung für die gesamte Schöpfung. Auf welchen Maßstab zur Messung der Zeit man sich verständigt, damit in einem sozialen Verband die Kommunikation zwischen den einzelnen Mitgliedern erleichtert wird, ist im Grunde egal, sollte aber praktischerweise an einer leicht mess- und nachvollziehbaren Realität orientiert sein. Hier bietet sich die Erdrotation an, die Drehung der Erde um ihre eigene Achse, die einen Tag und eine Nacht dauert. Diese Spanne hat man in 24 gleiche Abschnitte unterteilt, genannt Stunden. Das entspricht ebenfalls praktischen Erwägungen, denn die Zahl 24 ist durch viele Zahlen ohne Rest teilbar: 2, 3, 4, 6, 8 und 12. Das sind viel mehr als bei der Zahl 10, die nur durch die Zahlen 2 und 5 ohne Rest teilbar ist und die man in Anlehnung an die 10 Finger der beiden Hände sonst gern in zum Messen verwendet (Dezimalsystem). Als Messgerät hat man Uhren erfunden, die mehr oder weniger genau gehen und mehr oder weniger lange halten. Quarzuhren gehen besonders genau. Wegen geringfügiger astrophysikalischer Schwankungen der Erdumdrehung wird, den technischen Fortschritt nutzend, die Zeit neuerdings mittels einer Atomuhr mit höchster Genauigkeit gemessen. Für Deutschland ist dazu die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig zuständig. Wenn der Mensch das Zeitliche segnet, gilt auch im Jenseits das Natur- und Schöpfungsgesetz der Bewegung. Ein Ortswechsel von A nach B ist möglich. Welcher Art Raum und Zeit dort sind, wo es ja keine irdische Materie, also Grobstofflichkeit, gibt, sondern etwas Leichteres von feinerer Stofflichkeit oder von materieloser Energie, vermag der Verfasser nicht zu beantworten. Folgt man dem Neuen Testament (2. Petrus Kap. 3 Vers 8), läuft die Zeit dort viel schneller als auf der Erde. Denn es heißt dort: »Ein Tag vor dem Herrn ist wie tausend Jahre, und tausend Jahre wie ein Tag«. Dem entsprechen Erkenntnisse der Schlafforscher, wonach die reale Dauer eines Traumes nur wenige Sekunden beträgt, während die Episode, die im Traum wie ein Film abläuft, sich über einen viel längeren Zeitraum erstreckt. Im Traum gelten also andere Zeitmaßstäbe. Das liegt daran, dass im Schlaf, wenn die Körperfunktionen wie Herzschlag, Kreislauf, Blutdruck usw. reduziert sind, sich die quasi-magnetische Verbindung Heraklit, Ölgemälde von Hendrick ter Brugghen (1628)
(Quelle: Wikipedia)

zwischen Körper und Seele lockert. Die Seele kehrt vorübergehend ein wenig in das Jenseits zurück, zu ihrer Ausgangsstation, und unterliegt dort dem anderen Zeitsystem. Deshalb sagt der Volksmund zu Recht: »Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes«.

strassenfeger | Nr.  1 | Januar 2014

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Hoch lebe der Müßiggang!
Müßiggang ist nicht aller Laster Anfang
BETRACHTUNG: Detlef Flister

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»Dolce far niente«, Gemälde von John William Waterhouse Müßiggang ist das Aufsuchen der Muße, das entspannte und von Pflichten freie Ausleben, nicht die Erholung von besonderen Stresssituationen oder körperlichen Belastungen. Er geht zum Beispiel mit geistigen Genüssen oder leichten vergnüglichen Tätigkeiten einher, kann jedoch auch das reine Nichtstun bedeuten«. Das habe ich im Internetlexikon Wikipedia erfahren.

(Quelle: Wikipedia)

Ist Müßiggang aller Laster Anfang?
»Müßiggang ist aller Laster Anfang«, sagt der Volksmund. Der Müßiggang wird von vielen Menschen mit Faulheit oder Trägheit gleichgesetzt. Im Christentum galt Müßiggang gar als eine der sieben Hauptlaster. Andererseits: Müßiggang war lange Zeit ein Privileg des Adels, der Oberschicht sowie der Geistlichkeit. Dabei wurde er aber nicht mit Faulenzen gleichgesetzt, sondern verbunden mit der Beschäftigung von Kunst, Musik, Literatur und Bildung.

Qualität des Müßiggangs
Felix Quadflieg ist Begründer des »Vereins zur Förderung des Müßiggangs«. Er nimmt sich jederzeit das Recht auf Faulheit heraus. Er lebt nicht, um zu arbeiten, sondern arbeitet generell, um zu leben. Er arbeitet gerade soviel, dass er seinen Lebensunterhalt bestreiten kann und fühlt sich

damit zufrieden und glücklich. Deshalb fordert Quadflieg auch die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens. Er ist der Meinung, dass das wahre Leben, Glück und Erfüllung jenseits der Arbeit liegen. In der Antike galt die Muße noch als erstrebenswertes Gut. Sokrates z. B. beschreibt sie als »Schwester der Freiheit«. Diese Einstellung änderte sich erst mit dem Christentum. Seit dem Beginn der Industrialisierung aber gilt: »Das Glück gehört dem Tüchtigen!« Quadflieg will dies widerlegen, Er ist der Meinung, »dass die Gesellschaft eine bessere, glücklichere und verträglichere wäre, wenn man weniger die fremdbestimmte Maloche und mehr dem selbstbestimmten Müßiggang frönen würde.« Übrigens: Die Menschheit war immer dann besonders kreativ, wenn es darum ging, Arbeit zu vermeiden. Gutenberg hat den Buchdruck erfunden, weil ihm das Abschreiben der Bücher zu langwierig war. Carl Benz hatte einfach keine Lust mehr, zu Fuß zu gehen, und tüftelte so lange, bis er das Auto erfunden hatte. Quadflieg ist sich einfach sicher, dass es sich gut lebt, ohne übermäßig viel zu arbeiten. Ich stimme dem zu. Das Leben würde mit der Einstellung: »Ich arbeite, um zu leben!« eine ganz andere Qualität bekommen. Diese Veränderung der Einstellung zu den Themen ›Arbeit‹ und ›Müßiggang‹ in unserer Gesellschaft käme einer Revolution gleich und wäre gleichzeitig das Ende der Massenarbeitslosigkeit. Denn dann könnten viel mehr Menschen Arbeit

bekommen. Es würde auf kulturellen Gebieten wie Musik, Literatur, Theater und in den Wissenschaften und Künsten einen immensen Aufschwung geben, weil viel mehr Menschen sich ihren künstlerischen bzw. wissenschaftlichen Neigungen widmen könnten.

Reihnard Mey: »Alle rennen«
In seinem Song »Alle rennen« beschäftigt sich der Liedermacher Reinhard Mey mit dem Thema ›Müßiggang‹ und deutet indirekt auch dessen Vorzüge an: »Alle laufen, alle schnaufen, alle hampeln, alle strampeln, alles regt sich und bewegt sich ringsumher: Immer schneller, immer höher, immer weiter, immer mehr Und ich, ich möchte einfach nur im Gras rumsitzen. Die Ameise den Krümmel tragen seh‘n und Eidechsen die über Mauerritzen flitzen seh‘n, Libellen, die still übern Tümpel steh‘n, die Kellerassel mit ihren dünnen, kleinen Beinen, die ihren schweren Leib nach Hause schleppt. Joggen? Jetzt lieber nicht und Fitnessdrink auch keinen und keinen der mein altes Fahrrad zum Bike aufpeppt!«

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strassenfeger | Nr.  1 | Januar 2014

Astro-TV
B E R I C H T: Gu i d o Fa h re n d h o l z

Spiritualität mit der Lizenz zum Gelddrucken

D

em Seinen gibt’s der Herr im Schlaf und häufig zu den fragwürdigsten Momenten. Bei irritierenden Interpretationen und nicht selten fatalen Folgen ist hier nicht die Rede von einer Bewusstseinserweiterung während einer durchzechten Nacht oder vom Sekundenschlaf am Steuer eines Autos. Die Kausalität von der Handlung des Individuums und den realen äußeren Umständen wäre dabei ja unstrittig. Während so mancher Tippelbruder oder übernächtigter Verkehrsteilnehmer völlig kostenfrei mehr als nur einen Schutzengel beansprucht, boomt im nächtlichen TVBrei das Geschäft mit der Spiritualität auf Rechnung, vorzugsweise der Telefonrechnung.

Ein Beispiel
Ein netter älterer Herr sitzt an seinem Tisch, neben sich eine Buddha-Statue, und legt unaufhörlich Karten, vermengt sie wieder, um gleich darauf die nächste geometrische Figur mit diesen zu bilden. Dabei redet er fast ununterbrochen mit angenehm sonorer Stimme, wenn auch erstaunlich betonungsarm und ausdruckslos. Stephan G. Schulz: Ich winke ihnen einfach mal zu. Hallo Frau M. Frau M.: Ja okay, Dankeschön. Frau M., was möchten sie den wissen? Was haben sie? Wo drückt sie der Schuh? Ähm…ja…wo mich der Schuh drückt? Na ja im Allgemeinen, sag ich mal. S. G. S.: Aha! Hmm! Also Frau M., das Gesundheitshaus gefällt mir aber gar nicht bei ihnen. Ich habe bei ihnen die gesamte Wirbelsäule als schmerzhaften Bereich. Das heißt, die Bandscheiben müssen ihnen arg zu schaffen machen und auch die Hüftgelenke. Frau M., da kommt in den nächsten zwei Jahren eine Hüft-Operation auf sie zu! Frau M., des Weiteren habe ich hier eine Veränderung ihrer Lebenssituation, in ihrem Wohnraum.
(Ungekürzter Dialog aus dem laufenden Programm von »Astro-TV«)

Screenshot (Quelle: Autor) lung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden.« Ist eine avisierte Hüft-OP jetzt nur noch ein Gesundheitstipp?

Allein 2011 rund Neunzig Millionen Euro Umsatz
Per Zufallsgenerator wird bei »Astro-TV« darüber entschieden, wer mit seinem Orakel verbunden wird. Kassiert wird von jedem Anrufer 50 Cent, ein einträgliches Salär. Wer nicht durchkommt, kann für nur zwei Euro in der Minute einen Telefontermin vereinbaren oder auf die anderen nicht weniger pseudospirituellen Angebote zurückgreifen, die pausenlos durch Bild flimmern. Das Format »AstroTV« ist das Schaufenster einer ganzen Esoterik-Industrie. »Questico« z. B. rühmt sich in seiner Selbstdarstellung »… Deutschlands erfolgreichste Plattform für esoterische Lebensberatung« zu sein. Beide Unternehmen agieren weitaus weniger unabhängig, als man annehmen könnte. Mutterschiff ist die Berliner »adviqo AG«, deren Hauptaktionär ein vollkommen irdischer internationaler Finanzinvestor ist. Allein 2011 machte dieser rund neunzig Millionen Euro Umsatz. Inzwischen ist auch der Horoskop-Anbieter »viversum« unter den Finanzflügel der »adviqo AG« geschlüpft. Spirituelle Unabhängigkeit sieht sicherlich anders aus.

Reine Glaubenssache
Entweder ist dieser Mann ein Genie, in Doppelbeschäftigung beteiligt an Gesundheitsreformen, als Einrichtungsberater tätig oder er ist ein gewissenloser Seelenverkäufer. Das Geschäft mit dem Terror haarsträubender Wahrsagungen und billiger Trivialitäten wird oft Beratung oder gar Therapie genannt. Die Qualifikation dieser »Lebensberater« ist formell gesehen reine Glaubenssache. Marktführer des Segments ist »AstroTV«, mit einer Lizenz der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) für ganz normales Fernsehen. Bleibt die Frage, ob eine angebliche Lebensberatung, zudem mit teils schwerwiegenden Inhalten wie dem oben zitierten Dialog, noch wirklich unter der Definition ‚normales Fernsehen‘ zu verantworten ist. Inzwischen gibt es nach eher halbherzig geführten Gesprächen zwischen den Betreibern von »Astro-TV« und der mabb eine Moderatoren-Selbstverpflichtung: »Den Moderatoren ist es untersagt, zu den Themen Tod und lebensgefährliche Krankheiten zu beraten. Das gilt insbesondere für Feststel-

Börsianer glauben nicht an die Kristallkugel
Spiritualität gibt es seit Menschengedenken. Die gewerbsmäßige Wahrsagerei ist ein handelbares Produkt oder auch eine Dienstleistung – und das schon seit Jahrtausenden. Handlesen, Eingeweide- und Opferschau, Vogelflug und Sterndeuten gehören zum illusionistisch unterhaltenden Handwerk. Die Kommerzialisierung mit TV-Ausstrahlungen in Webportalen und –shops ist dagegen weniger ein Qualitätsmerkmal als vielmehr ein diffuses Massenphänomen mit hoher Renditegarantie.

strassenfeger | Nr.  1 | Januar 2014

ZEIT | 15

Die Geburt des »Superpenners«
Der »Superpenner«-Comic war eine Idee von kreativen Menschen der Werbe­ agentur Scholz & Friends in Berlin. Ein Gespräch mit Stefan Sohlau über die Entstehung.
INTERVIEW: Boris Nowack

strassenfeger: Wie kam es zu der Idee für einen Comic für eine Straßenzeitung? Stefan Sohlau: Eine Agentur wie unsere arbeitet aus unterschiedlichen Motivationen heraus. Zum einen weil man mit der Arbeit Geld verdienen möchte. Und dann gibt es Projekte, die einem am Herzen liegen. Der »Superpenner« ist so etwas. Der strassenfeger, der ja Menschen dabei hilft, sich selbst zu helfen, ist eine unterstützenswerte Sache. Das kann man durch eine Werbekampagne fördern, oder durch zusätzliche Inhalte, um den Verkauf anzukurbeln. Wir wollten etwas machen, was man von so einer Zeitung gar nicht erwartet, indem man ein komplett anderes Medium besetzt, eben ein Superhelden-Comic. Wie lange hat es gedauert von der Idee bis zur Fertigstellung? Stefan Lenz hatte vor drei Jahren die Idee dazu. Er hat den Comic selbst über etwa ein Vierteljahr immer abends oder in seiner Freizeit geschrieben und gezeichnet. Normalerweise stemmt man so etwas für einen Auftraggeber in zwei, drei Monaten. Dass es hier bis zur Vollendung drei Jahre gedauert hat, liegt daran, dass wir viele Leute gewinnen mussten, die auch ohne Honorar arbeiten, der Druck des Heftes musste finanziert werden, ebenso die Kampagne. Der »Superpenner« ist ein wahres Potpourri an Comics. Die Berliner Stars Didi und Stulle kommen ebenso vor wie eine Referenz zu Asterix und Obelix mit dem am Baum gefesselten MC Fitti als Barde. Was war die Vorlage für Stefan Lenz? Orientiert hat sich Stefan an den 60er Jahre Marvel Comics aus den USA, an klassischen Superhelden wie Superman und Spiderman. Das erkennt man auch an der Lautmalerei. Wen möchtet Ihr mit dem Comic ansprechen und was möchtet Ihr erreichen? Die Zielgruppe ist sehr breit, deswegen haben wir ein so populäres Format gewählt. Das findet ein 14-Jähriger ebenso toll wie die etwas älteren. Wir sprechen alle Berliner an, genau wie der strassenfeger, und haben deswegen eine SuperheldenStory gewählt. Das Ziel ist es, die Berliner für den strassenfeger zu begeistern, deshalb auch der starke Lokalkolorit und die vielen Klischees. Die Straßenzeitungs-Verkäufer sieht jeder mindestens dreimal am Tag, aber die wenigsten kaufen ein Blatt. Wir wollten einen zusätzlichen Anlass schaffen, dass die Leute die Zeitung kaufen. Im Idealfall ist das die Initialzündung und sie kaufen sie regelmäßig. Sind denn der Titel »Superpenner« und die vielen Klischees über Obdachlose nicht etwas provokant? Darüber haben wir lange nachgedacht. Der »Superpenner« ist schon eine sehr plakative aber auch selbstbewusst ironische Art, die Geschichte zu erzählen. Klar spielen wir

Bild aus dem Comic (Foto © Scholz&Friends) hier mit Klischees, und der Zaubertrank ist dann auch noch Bier. Trotzdem ist er der Held. Wir haben Obdachlosen beim strassenfeger und auf der Straße von der Idee erzählt und alle fanden es lustig. Es ist überhaupt nicht politisch korrekt aber dadurch unterhaltsam. Außerdem kriegt jeder sein Fett weg. Von der Prenzlauer Berger Ökomutti über den unhöflichen Busfahrer bis zu Wowi, der einen Veranstaltungskalender liest. Obdachlose werden von manchen Bürgern angefeindet, eben weil sie angeblich nur Bier trinken, keine Superkräfte besitzen und unnütz sind. Kann so ein Comic daran etwas ändern? Im schlimmsten Fall wird das Problem komplett ignoriert. Wer Obdachlose in der S-Bahn als Verkäufer nicht beachtet, denkt auch nicht daran, dass sie abends im Freien schlafen müssen. Alles was zu Öffentlichkeit führt, um sich mit dem Thema zu beschäftigen, hilft den Obdachlosen. Wir sehen den Comic gewissermaßen als Trojanisches Pferd. Was gehört außer dem Comic noch zur Kampagne? Es gibt eine Plakatkampagne mit fünf Motiven mit Obdachlosen, die wir auf der Straße gecastet haben. Außerdem einen Kinospot, der mit Hilfe des Yorck Kinos für zwei Wochen in Berlin auf 23 Leinwänden laufen wird. Wo wird es den »Superpenner« geben? In der BZ gibt es ausschnittweise Vorabdrucke als Appetithappen, aber wer den ganzen Comic lesen will, muss den strassenfeger kaufen. Ist eine Fortsetzung geplant? Toll wäre es, wenn es in Paris den Superclochard oder in New York den Supertramp geben würde. Im besten Fall wird Berlin der Referenzfall für dieses Projekt. Die Story und Superhelden funktionieren in jeder Stadt, wenn man den Lokalkolorit anpasst. Bestenfalls finden sich in anderen Städten Leute oder Agenturen, die das machen und denen wir mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das ist aber noch Zukunftsmusik.

16 |   TAUFRISCH & ANGESAGT

a r t s t rass e nfeger

strassenfeger | Nr.  1 | Januar 2014

»Seid bitte aktiv!«
T E X T & FOTO S: U rszu l a Us a ko w s k a -Wo l f f

Der polnische Künstler und KZ-Überlebende Józef Szajna und seine Reminiszenzen an die Opfer

A
01

m 29. Januar 2007 besuchte Józef Szajna Berlin, wo in dem alten Gebäude der polnischen Botschaft Unter den Linden seine Ausstellung »Hört das noch jemand? Zur Condition Humaine nach Auschwitz« gezeigt wurde. Vierhundert Leute kamen, um den Künstler und seine von den Erfahrungen des Todes gezeichnete Kunst zu sehen. Das Publikum hörte ihm gebannt zu, als er auf Deutsch, das er im KZ Auschwitz, »seiner ersten Universität«, gelernt hat, erklärte: »Mit meiner Kunst zahle ich für mein Leben und meine Freiheit. Während meiner Jugend, die ich in den Lagern Auschwitz und Buchenwald verbrachte, war der Tod allgegenwärtig. Man lebte mit dem Tod, man ging mit dem Tod schlafen, man wusste, dass man vernichtet wird. So etwas bleibt nicht ohne Spuren, fließt in meine Kunst ein.« Er schämte sich lange Zeit dafür, die Hölle überlebt zu haben. Diese Hölle war auch das Hauptthema seiner unter die Haut gehenden Kunst: Verkrüppelte Mannequins, aus deren Köpfen und Mündern Schläuche herausragen, Stapel von Schuhen und anderen Habseligkeiten, die den Kindern, Erwachsenen und Alten vor dem Tod in den Gaskammern abgenommen wurden – der seiner Identität beraubte Mensch als Rohstofflieferant im industrialisierten und bürokratisch perfektionierten Prozess des Mordens.

Außenlager Schönebeck, wo er in Junkers Flugzeug- und Motorenwerken Zwangsarbeit leisten musste. Als die Häftlinge am 11. April 1945 auf den Todesmarsch geschickt wurden, gelang ihm die Flucht.

Verwirklichte Visionen
Bis 1947 lebte Józef Szajna in einem Lager für Displaced Persons in Haren an der Ems in der britischen Zone, wo er Abitur machte. Dann kehrte er nach Polen zurück, wo er an seiner »zweiten Universität«, der Akademie der Schönen Künste in Krakau, Grafik und Bühnenbild studierte. Seine Visionen vom Gesamtkunstwerk konnte er auf der Bühne verwirklichen. Seit Mitte der 1950er Jahre sorgte er, zuerst als Bühnenbildner, dann bis 1966 als Direktor des Teatr Ludowy (Volkstheater) in Nowa Huta bei Krakau, einer aus dem Boden gestampften sozialistischen Stadt, mit seinen theatralischen und skulpturalen Inszenierungen für großes Aufsehen. Anfang der 1970er Jahre nahm er eine Professur an der Akademie der Schönen Künste in Warschau an. Zum Intendanten des Teatr Klasyczny (Klassischen Theaters) berufen, änderte er dessen Namen in Teatr Studio, baute das Schauspielhaus im einstigen Josef-Stalin-Kulturpalast zu einem offenem Theater um, wo die Grenzen zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum verschwanden, wofür er von der polnischen Kritik zum Teil heftig angegriffen wurde. Er war Dramaturg, Bühnenbildner und Regisseur in einer Person. Seine multimedialen Aufführungen, unter anderem »Replika I«, »Replika II«, »Replika III«, »Paniktheater«, »Cervantes« und »Dante«, zeigten eine kurz vor dem Abgrund stehende oder vom Untergang nur einen Schritt entfernte mechanisierte Welt. Obwohl er auch in der Volksrepublik Polen hohes Ansehen genoss, bewahrte er stets eine unbeugsame Haltung. So verzichtete er 1982 aus Protest gegen die Ausrufung des Kriegsrechts auf seine Professur und Intendantur.

Der Mensch wird eine Nummer
Der Zweite Weltkrieg beendete das unbekümmerte Leben des künstlerisch begabten und sportbegeisterten Jungen, der am 13. März 1922 in der südostpolnischen Stadt Rzeszów zur Welt kam und in einer behüteten bürgerlichen Familie aufwuchs. Was ihm bevorstand, war ein fünf Jahre anhaltender Albtraum. Mit siebzehn wurde Józef Szajna Untergrundkämpfer, betrieb Sabotage gegen die deutschen Besatzer, flüchtete vor der Gestapo nach Ungarn und wurde auf dem Weg dorthin 1940 in der Slowakei verhaftet. Nach Aufenthalten in verschiedenen Gefängnissen »stand ich schließlich im Angesicht der Welt, die den Namen trug: ›Arbeit macht frei‹. Es war das Konzentrationslager Auschwitz. Hier wurde alles metaphysisch: Gewalt und Gräueltaten, Heldentum und Aufopferung. Wir fügen uns zu einem Archipel der menschlichunmenschlichen Psychen zusammen, wenn der Mensch eine Nummer wird, eine nichts bedeutende Zahl 18729«, schrieb er in seinen Erinnerungen. Nach einem Fluchtversuch im Sommer 1943 wurde Józef Szajna zum Tode verurteilt und in einem fensterlosen Stehbunker (90 x 90 cm) gefangen gehalten. Das Todesurteil wurde jedoch nicht vollstreckt, und im Januar 1944 überstellte ihn die SS nach Buchenwald, ins

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Józef Szajna, Berlin 2007 Józef Szajna, Häftling Nr. 18729

Erschütterndes Environment
Spätestens seit Anfang der 1970er Jahre war Jó-

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a r t s t rass e nfeger

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zef Szajna ein Kultregisseur und ein international anerkannter Künstler. 1970 zeigte er auf der Biennale von Venedig sein monumentales und erschütterndes Environment »Reminiszenzen«, den im KZ Auschwitz ermordeten Professoren der Krakauer Universität und Künstlern gewidmet, unter denen sich Ludwik Puget befand. Puget stammte aus einer französischen Familie, die Anfang des 18. Jahrhunderts in der polnischen Adelsrepublik ein neues Zuhause fand. Der am 21. Juni 1877 in Krakau geborene Baron Ludwik Puget studierte Skulptur und Kunstgeschichte zuerst in seiner Heimatstadt, danach in Paris. Seit 1907 arbeite er als Satiriker, Puppenbauer und Schauspieler mit dem legendären Krakauer Kabarett Zielony Balonik (Grüner Luftballon) zusammen. Er war auch Kunstkritiker und Publizist. Von 1918 bis 1925 lebte er in Frankreich, wo er zum Kavalier der Ehrenlegion geschlagen wurde. Nach der Rückkehr nach Polen war er zuerst Kustos des Stadtmuseums in Posen, dann bis 1939 Bühnenbildner des Theaters Cricot in Krakau. Als Bildhauer, Maler und Zeichner war er vor allem für seine Büsten und Porträts von Künstlern und Schriftstellern, aber auch für seine Tierskulpturen berühmt. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Kellner in einem Krakauer Künstlerrestaurant – und war im Untergrund tätig. Deshalb wurde er verhaftet, ins KZ Auschwitz verschleppt und dort am 27. Mai 1942 erschossen. Sein letztes in Auschwitz gemaltes Bild war das Porträt eines Hundes.

gene Häftlingsuniform tut der Würde, die sein edles Gesicht ausstrahlt, keinen Abbruch. Er bleibt auch in dieser schrecklichen und menschenverachtenden Lage ein aufrechter Mensch. »Fatalerweise behalten wir aus der Zeitgeschichte nur die größten Mörder in Erinnerung – Hitler vergisst man nicht. Wer aber kennt die Opfer?«, sagte 2002 der Autor der »Reminiszenzen« im Gespräch mit Ingrid Scheurmann, der Mitherausgeberin des Buchs » Józef Szajna – Kunst und Theater«. Der in Auschwitz ermordete Ludwik Puget ist für den Auschwitz-Überlebenden Józef Szajna »so etwas wie ein Mahnmal geworden. Hier wird der Mensch des 20. Jahrhunderts porträtiert. Für mich ist das der Häftling, das Opfer schlechthin, was übrigens so viel heißt wie: die Nummer, der uniformierte Mensch.« Die Fortsetzung der »Reminiszenzen« waren »Silhouetten und Schatten« – eine Hommage an Ludwik Puget und andere KZ-Häftlinge, von denen nur die Fotos, keine Namen, übriggeblieben sind.

Seid bitte aktiv!
Der am 24. Juni 2008 in Warschau verstorbene Józef Szajna hielt in seiner Kunst die Erinnerung an die Gräueltaten des Nationalsozialismus und Totalitarismus wach. Doch auch die Gegenwart und Zukunft der Welt betrachtete er mit großer Sorge. Als sensibler Mensch und präziser Beobachter machte er seine Zeitgenossen darauf aufmerksam, »dass wir gegenwärtig erneut der Gefahr der Uniformierung, einem Prozess der Gleichmacherei und Anonymisierung unterliegen. Jeder ist heute eine Nummer, nicht nur der Häftling.«. Um von dieser Situation abzulenken, werden die Schwachen gegen noch Schwächere ausgespielt, rücksichtlose Populisten feiern Triumphe, weil sie genau wissen, was man den gleichgeschalteten Massen auftischen muss: einen gemeinsamen Feind, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. »Hört das noch jemand? Das Schrecklichste ist der Hass nach dem Hass, der Krieg nach dem Krieg, die Verachtung nach der Verachtung«, so Józef Szajna im zitierten Gespräch. »Beten und Kerzen anzünden ist zu wenig. Seid bitte aktiv!«
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Paniktheater, Installation (Fragment), 1971-1972 Spiegelung, Collage (1970) Himmelsleiter, Polnisches Skulpturenzentrum Orońsko

Silhouetten und Schatten
»Reminiszenzen«, die das Sammlerehepaar Johnson aus Essen auf der Biennale von Venedig 1970 erwarb, gehören heute zur Sammlung der Gedenkstätte Buchenwald. Ludwik Pugets Häftlingsfoto, das Józef Szajna nach dem Krieg im Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau fand, steht überlebensgroß im Zentrum der »Reminiszenzen«. Die klugen und ruhigen Augen des Adeligen, Künstlers und Kosmopoliten Puget blicken unerschrocken und direkt an mehreren Stellen der begehbaren, 100 Quadratmeter großen Installation: Die gestreifte abgetra-

 TI PP 
  Józef Szajna: „Kunst und Theater“, Hrsg. von Ingrid Scheurmann und Volkhard Knigge Wallstein Verlag, Preis 29 Euro ›› www.wallstein-verlag.de/9783892445975.html ›› www.auschwitz.org ›› www.buchenwald.de

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Ver k ä u fer

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»Das war supi!«
B e r i c h t : r.W e r n e r F r a n k e

Frank Zanders 19. Weihnachtsessen für Obdachlose & Bedürftige

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ereits zum 19. Mal in Folge veranstaltete der Musiker und Entertainer Frank Zander sein großes Weihnachtssessen für Obdachlose und arme Menschen. Rund 2 800 Menschen hatte sich Frank am 23. Dezember in den Festsaal des »Estrel Convention Center« eigeladen, um mit ihnen zünftig Weihnachten zu feiern. Jeden einzelnen Gast begrüßte er persönlich mit einem Handschlag und ließ seine Gäste dabei seine Herzenswärme spüren. Allerdings war Frank schließlich froh, als alle Gäste im Saal waren, denn die rechte Hand schmerzte ihm durch das kräftige Händeschütteln ganz ordentlich. 200 ausgewählte Helfer_innen hatten den Saal zuvor weihnachtlich herausgeputzt, die großen, runden BankettTische mit Tannenzweigen, Weihnachtsgebäck und Kerzen festlich geschmückt.

»Nur nach Hause…«
Um 19:30 Uhr schließlich war das Finale angesagt. Der Höhepunkt war wie immer Frank Zanders berühmter Song »Nur nach Hause…« Alle Helfer fanden sich auf der Bühne ein, um den Gästen schöne Weihnachten zu wünschen und sie zu verabschieden bis zum zwanzigsten Gänsekeulen-Essen im nächsten Jahr. Einhelliger Tenor der Gäste: »Das war supi!« Andere meinten: »War mal wieder spitzenmäßig!« bzw. »Wie er das immer wieder hinkriegt!« Die Stimmung war friedlich, es gab kaum Gedränge oder Geschubse, kaum Gepöbel. An dieser Stelle auch von mir und den Mitarbeiter_innen und Gästen von mob e.V. bzw. den Verkäufer_innen des strassenfeger ein dickes Lob den Veranstaltern und Organisatoren, den Helfern sowie den zahlreichen Sponsoren, ohne die dieses schöne Fest gar nicht möglich gewesen wäre.

Frank Zander begrüßt jeden Gast persönlich
(Foto: r.Werner Franke)

3 200 Gänsekeulen und 750 Kilo Rotkohl
Das vielleicht Wichtigste bei dieser Feier war wie immer der Weihnachtsschmaus: Innerhalb von 45 Minuten hatten alle Besucher_innen ihre Gänsekeule mit Rotkraut und Knödel vor sich stehen und konnten so richtig »reinhauen«. 3 200 Gänsekeulen und 750 Kilo Rotkohl wurden dabei verdrückt! Die Hotelküche hatte die gespendeten Gänsekeulen schon vormittags im Ofen geschmort, außerdem bereiteten die Küchen-Mitarbeiter 8  000 Knödel vor. Bunte Teller mit kleinen Weihnachtsleckereien gab es natürlich auch.

Musik von »Seeed«, Lou Bega und Frank Zander
Im Anschluss an das Essen gab es ein großes musikalisches Bühnenprogramm. Opener war die Gruppe »Seeed« mit ihrem Frontmann Peter Fox. Dabei kam natürlich prächtige Stimmung auf. Die Gäste konnten für ein paar Stunden lang ihr Sorgen und Nöte vergessen. Überall sah man man in entspannte und fröhliche Gesichter. Viele Gäste nutzten die tollen Service-Angebote während der Feier wie beispielsweise den kostenlosen Friseurbesuch. Auch die vielen Kinder kamen voll auf ihre Kosten. Sie konnten reichlich gespendete Spielsachen freudestrahlend mit nach Hause nehmen. Natürlich wurden dann auch noch Geschenke verteilt. Es gab Weihnachtstüten, die gefüllt waren mit Spekulatius, geräucherter Wurst, aber auch warmen Einlegesohlen und Schals, Kosmetika und einer Hertha-BSC-Thermotasse.

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Ver k ä u fer

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Ehrenamtliche Helfer ausgebremst!
Obdachlosen-Weihnacht von Frank Zander Prestige-Projekt für Promis & Reiche?

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REPORT: Astrid Baty

ontag, der 23.Dezember 2013. Es ist sieben Uhr morgens vorm Estrel-Hotel. Ich warte mit 15 anderen freiwilligen Helfer_innen am Tor 2, dem Eingang zum Convention Center des Hotels darauf, dass wir reingelassen werden. Wir wollen als ehrenamtliche Helfer_innen bei der Weihnachtsfeier von Frank Zander arbeiten. Bis acht Uhr kommen immer mehr Menschen an. Einige stellen sich etwas abseits, andere kommen zu unserer Gruppe. Kurz nach 8 Uhr kommt Markus Zander, der Sohn von Frank Zander und Organisator der Feier, durchs Tor. Kurz darauf erfahren wir von den Sicherheitsbeamten, dass nun der Einlass für die Helfer_innen beginne, allerdings nur für diejenigen die ein Bändchen haben. In diesem Moment fährt ein Auto vor. Der Fahrer spricht eine Frau aus unserer Gruppe an und bekommt gesagt, dass die Straße hinunter noch ein Parkplatz sei. Auch das beobachte ich: Vier Leute, die später zu der Gruppe treffen, bringen Pullover mit und überreichen sie einigen Menschen in der Gruppe. Dann kommt Markus Zander und erklärt noch einmal, dass nur die Helfer, die Bändchen zugeschickt bekommen haben, auch ins Hotel eingelassen werden. Einige der Leute sagen ihm, dass sie im Sommer bereits angerufen und erklärt bekommen hatten, dass es so sei wie jedes Jahr: Die Bändchen und T-Shirts für die Helfer_innen würden im Hotel ausgegeben. Einige der Leute spricht Markus Zander mit Namen an, er kennt sie also. Dann wird gesprochen und diskutiert. Man sagt uns, wir sollten warten, vielleicht würden wir ja noch eingelassen. Na ja, ich sollte ja einen Artikel schreiben wie es den Obdachlosen bei Frank Zander gefällt, nun interviewe ich doch mal die Leute, die mit mir warten: Drei Damen, die schon seit vier Jahren bei Frank Zanders Obdachlosen-Weihnacht helfen, erklären mir, sie hätten in der Woche vor der Veranstaltung angerufen und gesagt bekommen: »Es ist wie jedes Jahr. Kommt nur und Ihr erhaltet die Bändchen.« Zwischendurch kommen einige Leute, zeigen ihre Bändchen und werden eingelassen. Oder rufen an, erhalten ein Password und dann ein Bändchen. Unter den weiter wartenden Helfer_innen ist ein Mann, der kommt extra aus Buch und mittlerweile das fünfte Jahr schon. Auch er hat im Sommer angerufen und deshalb kein Einlassbändchen. Er hat aber ein Bändchen für die Feier, denn auch dort kommt man ohne Bändchen nicht rein. Eine ältere Dame kommt mit Rollator und stellt sich neben mich. Sie fragt, was los ist. Dann erzählt sie mir, dass sie am Freitag zuvor bei Frank Zander angerufen und auch erklärt bekommen hat, die Bändchen für die ehrenamtlichen Helfer würden im Hotel ausgegeben. Inzwischen sind wieder einige Leute angekommen und im Convention Center verschwunden. Ein Herr aus Hannover, der mit einer Spende kam, erhielt nur nach Verhandlungen ein Bändchen ausgehändigt. Ich beginne zu grübeln: »Wieso haben einige Leute Bändchen und den anderen sagt man, man brauche keines?« Dann kommt Markus Zander noch mal zu uns und erklärt: »Das Estrel-Hotel hat die Auflage gemacht, dass nur Helfer mit Bändchen ins Center gelassen werden.« Das stand auf der Webseite und es wurde jedem, der anrief, mitgeteilt. Proteste brechen aus bei den Leuten, die mit mir dort stehen, auch die Frau mit dem Rollator sagt, niemand hätte ihr das mitgeteilt. Markus Zander darauf: Jeder, der ein Bändchen von den Veranstaltern habe, könne zur Feier kommen. Aber nur die 200 Helfer_innen, die auch die roten Helferbändchen hätten, würden vor der Feier ins Center eingelassen. Es ist inzwischen 9 Uhr und ich entschließe mich zu gehen, statt mir die Füße in den Bauch stehen. Nee, dazu habe ich keine Lust. Ich gehe mit der Dame mit dem Rollator zur Sonnenallee, um heimzufahren. Ich frage noch mal vorsichtig nach und erfahre von ihr: Sie arbeitet seit elf Jahren als ehrenamtliche Helferin für die Obdachlosen-Weihacht von Frank Zander. Um mal Klartext zu reden: Die Leute mit den rosa Helferbändchen waren entweder Promis oder Leute, die nicht gerade von Harz IV leben. Wie die Leute, die bei unserer Gruppe warteten und denen die Pullover mit Namen und Logo übergeben wurden. Die Menschen, die mit mir dort standen und warteten, waren dagegen Rentner, Hartz IV Empfänger, Minijobber etc. Ich frage mich nun: Darf man bei Frank Zanders Feier nur noch Ehrenamtlicher helfen, wenn man Geld hat? Ich habe mir dann am Samstag darauf Frank Zanders Homepage im Internet ganz genau angeschaut. Dort stand nichts von den Bändchen, die man braucht, wenn man bei der Feier helfen will. Wird aus Frank Zanders Feier für Obdachlose und arme Menschen ein Prestige-Objekt für Promis und Reiche? Trotz kleiner Kritikpunkte: Es war wieder ein tolles Fest! (Foto: r.Werner Franke)

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S oz i a l

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Mit Glück und aus eigener Kraft
Zwei optimistische Geschichten
BERICHT: Jan Markowsky

»Luttes Solidarités Travail LST Namur« (Quelle: Autor)

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Oliver Van Goethem musste nachweisen, dass die Obdachlosen Schwierigkeiten hatten, einen Ausweis zu erhalten. Er machte eine Umfrage. Ein Streetworker hatte dabei eine besondere Art der Unterstützung: Die Denunzierung als »Seitenwechsler«. Oliver war Angestellter, wollte aber etwas für die Obdachlosen erreichen. Der Denunziant hat nur das Erste gesehen. Oliver hat mit seiner Beharrlichkeit dann doch nachweisen können, dass die Obdachlosen Schwierigkeiten hatten, einen Ausweis zu erhalten. Trotz Anspruch. Da hat er sich mit seiner Beharrlichkeit durchgesetzt.

nde Oktober war ich als Teil einer kleinen Gruppe von »Unter Druck- Kultur von der Straße e.V.« gemeinsam mit Vertretern aus Budapest, Toulouse und Glasgow im Rahmen des EU-Austauschprogramms »Grundtvig« in Namur und Lüttich. Eingeladen hatten das »Netzwerk öffentlicher Zentren für Sozialhilfe« (CPAS) bzw. der »Städte- und Gemeindebund der Wallonie« (UCVWS), dem französisch sprechendem Teil Belgiens. Neben der Besichtigung von Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in beiden Städten gehörten wie zuvor in Berlin und Toulouse Austausch und Gespräch zum Programm. In Belgien habe ich von zwei Geschichten erfahren, die Mut machen sollten.

Rettung für eine Familie in letzten Augenblick
In Namur haben wir dann »Luttes Solidarités Travail LST Namur« besucht, eine Gruppe von Aktivist_innen mit einem selbst verwalteten Projekt. Frei übersetzt: »Kampf für solidarische Arbeit«. Als Industriestadt mit Metallverarbeitung, Maschinenbau, Porzellanindustrie ist Namur von den Folgen der Rationalisierung betroffen. Arbeitslosigkeit ist auch hier ein großes Thema. Arbeit anders denken, das ist die Antwort der Gruppe. Die Räume haben sie sich selbst genommen. Sie standen leer und wurden besetzt. Sie mussten um ihre Räume kämpfen. Inzwischen sind sie in Namur anerkannt. Sie haben sich Respekt bei den Mitarbeiter_innen des städtischen Friedhofs erarbeitet und können den LKW des Friedhofs nutzen. Die offizielle Aufschrift der Stadt auf diesem LKW ist für manche Aktion Gold wert. So auch bei der Geschichte, die uns Gustave von »LST Namur« erzählt hat:

Ein »Experte des Erlebten« erzählt
Die politisch Verantwortlichen sind in Belgien auf die Idee gekommen, Obdachlose als Experten in die Verwaltung zu holen: »Experten des Erlebten«. Ich kann nicht sagen, ob das für ganz Belgien gilt oder nur für die Wallonie. In Lüttich hat Oliver Van Goethem über seine Erfahrungen als »Experte des Erlebten« berichtet. Der obdachlose Oliver hatte von dem Vorhaben gehört und sich beworben. Er kam nicht in die engere Auswahl. Deshalb fragte er nach, denn er erfüllte ja die Voraussetzungen für diesen Job. Er erhielt dann doch die Zusage als »Experte des Erlebten« zu fungieren. Eigentlich sollte Oliver nur noch seinen Arbeitsvertrag unterschreiben. Aber er hatte wie viele Obdachlose keinen Ausweis. Er wusste zwar, dass er das Recht auf einen Ausweis hat. Die zuständige Behörde jedoch sah das anders. Er pochte auf sein Recht, beharrlich. Irgendwann erhielt er dann doch noch rechtzeitig seinen Ausweis und konnte seinen Arbeitsvertrag unterschreiben. Die Vorgesetzten und Kollegen wussten nicht, was er tun soll. So wurde er gefragt, wofür er sich einsetzen will. Mit der Antwort, er wolle dafür sorgen, dass Obdachlose einen Ausweis erhalten können, wurde ihm gesagt: »Wir haben doch das Gesetz, wo ist das Problem?«

Eine positive Geschichte von Glück und eigener Kraft
Gustave wollte aus Namur weg und seine Frau hat ein bezahlbares Haus gesucht. Sie schien ein geeignetes Gebäude gefunden zu haben und der Kaufvertrag wurde unterschrieben. Sie sind dann aber nicht in das Haus gezogen, das seine Frau besichtigt hatte. In dem neuen Domizil regnete es rein. Er reklamierte den Mangel, aber der Verkäufer rührte sich nicht. Irgendwann suchte er um Unterstützung beim Bürgermeister nach. Der Bürgermeister sah sich das Haus an und fand es unbewohnbar. Der Vorbesitzer blieb aber unbehelligt. Stattdessen wurden er und seine Familie aufgefordert, das Haus wegen Unbewohnbarkeit binnen fünf Tagen zu räumen. In so kurzer Zeit war keine geeignete Bleibe zu finden. Und bei Obdachlosigkeit musste er fürchten, von Amts wegen von seinen Kindern getrennt zu werden. In seiner Not hörte er von »LST« und trug vor der Räumung dem Plenum sein Anliegen vor. Es wurde beschlossen, ihm und seiner Familie zu helfen und sie in den Räumen von »LST« unterzubringen. Dank des LKW vom Friedhof mit seiner Aufschrift konnten die Aktivst_innen als offizielle Vertreter der Stadt die Trennung der Familie verhindern. Der Hausrat wurde aufgeladen und nach Namur gebraucht. Gustave engagiert sich seitdem bei »LST«. Er ist alkoholkrank, aber trocken. Er braucht eine Aufgabe, um trocken zu bleiben. Auch das ist eine positive Geschichte von Glück und eigener Kraft.

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Sport

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Kraft tanken
Wintersport im Riesengebirge
B E R I C H T & FOTO : A n d re as D ü l l i c k © V G B i l d - Ku n s t

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pindlerův Mlýn ist das Zentrum des Wintersports im Riesengebirge (tschechisch: Krkonoše). Nur knapp fünf Autostunden von Berlin entfernt, ist es auch das Hausrevier vieler Hauptstädter. Hinzu kommt, dass das Preisniveau bezüglich Unterkunft, Essen und Skipass dort doch noch erheblich günstiger ist als in Österreich, ganz zu schweigen von der Schweiz. Gerade zum Jahresende nutzen viele Berliner gern die freie Zeit, um im beschaulichen Riesengebirge, Kraft für das neue Jahr zu tanken.

Alte Pensionen & neue Hotels
Das Riesengebirge erstreckt sich an der Grenze zwischen Polen und Tschechien und hat mit der 1  602 Meter hohen Schneekoppe (tschechisch: Sněžka) seinen höchsten Gipfel. Die Anfahrt nach Spindlermühle, so hieß der traditionsreiche Ort früher, führt über die Autobahn Richtung Dresden, am Abzweig Bautzen geht’s dann dann durch die Lausitz Richtung Zittau ins Dreiländereck. Nur wenige Kilometer führt die Strecke dann durch Polen, dann ist Tschechien erreicht. Die Grenzen sind fließend, nur ein paar Schilder erinnern daran, dass man von einem Land in ein anderes fährt. Grenzkontrollen Fehlanzeige! Im früheren Schlesien geht es vorbei an vielen stillgelegten Tuchfabriken und alten Fabrikantenvillen hinauf in die Berge. Im Skigebiet angekommen findet man neben neuen Hotels, schicken, teuren Privatvillen immer noch auch schöne alte Pensionen. Einige davon sind genauso, wie man sich es vorstellt und auch wünscht: Altes dunkles Holz statt neumodischen Schnickschnacks. Mit knarzenden Treppen, hellhörig zwar, aber urgemütlich. Wenn man Glück hat direkt am Sessellift. Wenn man noch mehr Glück hat, gibt es ein Restaurant im Haus. Und wenn man ganz viel Glück hat, gibt es einen rührigen Wirt, der dem Gast erst einmal einen Kräuterschnaps und ein gepflegtes Pils als Willkommensgruß kredenzt.

Ein langer Schlepplift ist nicht jedermanns Sache übernommen, leider hat sich dadurch zum Leidwesen vieler einheimischer Pensionsbetreiber und Gäste das Niveau nicht gerade verbessert.

Frau Holle war säumig
Und wenn dann noch ein warmer Winter ohne Frost und Schnee dazukommt, dann geht auf den schönen Pisten am Medvědín und Svatý Petr leider nix. Zwar gibt es auch dort Schneekanonen, doch die können den Kunstschnee erst ab ca. 3 Grad minus produzieren. Mit Tiefschneefahren und Wedeln im weißen Traumschnee war’s deshalb heuer eher schlecht. Na ja, die schwarze FISPiste am Svatý Petr habe ich ohnehin noch nie im Betrieb gesehen. Von den schwierigen Schneebedingungen ließen sich die Wintersportfans überhaupt nicht abschrecken: Es wurde geheizt, was das Zeug hielt! Mancher schoss dabei auch stark über das Ziel hinaus, sodass der Akia – sprich Rettungsschlitten desöfteren zum Einsatz kam. Auch unsere Gruppe hatte ein Opfer zu beklagen: Diagnose Kreuzbandriss! Doch auch solche Malaisen waren im gemütlichen Restaurant an der Talstation schnell verdrängt: Kein Wunder bei der ausgezeichneten tschechischen Küche und dem exzellenten Feierabendbier.

Schein und Sein am Berg
Das ehemals verschlafene Örtchen ist der Magnet des tschechischen Skisports. In der Hochsaison kann sich die »Einwohnerzahl« von Spindlermühle durch die zahlreichen Touristen schon mal verzehnfachen. Leider trifft man hier nun neben einfachen Familien und armen Studenten auch oft viel reiche Tschechen und neureiche Russen. Die Dichte an teuren Allrad-SUV’s aller Marken ist gerade an Weihnachten und Silvester extrem hoch. Doch auf der Piste sind dann wieder alle gleich, auch wenn die Ski- bzw. Snowboardklamotten sich preislich sehr unterscheiden. Am Ende zählt, was der Einzelne auf Ski und Snowboard kann, und da sind viele Einheimische den arrivierten Gästen um Längen voraus. Ein wenig zu wünschen lässt mittlerweile die technische Ausstattung. Lange Wartezeiten für den Skipass am Kassenhäuschen, nicht eingelöste Rabattversprechen, weil es an geschultem Personal fehlt, Schließung der Lifte wegen technischer Probleme – all das gehört in Špindlerův Mlýn leider auch dazu. Ein österreichisches Unternehmen hat das »Skiareal Špindlerův Mlýn«

 I N FO & LITERATUR 
  ›› www.riesengebirge.cz Frank Schüttig: »Das Riesengebirge entdecken. Rübezahls Land an der tschechisch-polnischen Grenze – mit Isergebirge und Adersbacher Felsen, Ausflügen nach Görlitz und Breslau sowie einem Wegweiser für Wintersportler.« TrescherReihe Reisen, Berlin 2002

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Ku l tu r t i p ps

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skurril, famos und preiswert!
Kulturtipps aus unserer Redaktion
ZUSAMMENSTELLUNG: Laura
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01 FILM

»British Shorts«
»British Shorts« – Das sind 111 Kurzfilme, die in vier Tagen gezeigt werden. Dabei sind alle Genres von Drama und Comedy über Animation Thriller und Horror bis zu Dokumentation und Musikvideos vertreten. Neben den Kurzfilmen gibt es mehrere Konzerte und einen kostenlosen Workshop, in dem die Teilnehmer selbst einen Shortfilm herstellen können. Ein weiteres Festivalangebot ist eine Ausstellung, rund um das Thema Kurzfilme.
Vom 17.1. - 20.1., zu unterschiedlichen Zeiten Eintritt: Filme: sechs Euro / ermäßigt: fünf Euro Konzerte: vier Euro

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Das British Shorts findet an unterschiedlichen Orten statt, die der Seite www.britishshorts.de entnommen werden können. Info & Bild: www.britishshorts.de

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»Fair Camp«
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02 THEATER

»Ick & Berlin«
In der Show »Ick & Berlin« dreht sich alles um die Hauptstadt. Die Improvisationstheaterspieler »Die Gorillas« bitten das Publikum um Vorschläge mit Berliner Bezug, wie »Schönste U-Bahn-Station«, »Lieblingskiez« oder »BerlinKlischee«. Dann werden vor den Augen der Zuschauer Szenen, Songs und Geschichten entwickelt und eine andere Perspektive von Berlin auf die Bühne geworfen.
Am 15.1. und am 22.1., um 20.30 Uhr Eintritt: 15 Euro / ermäßigt: zwölf Euro / zehn Euro Kartenbestellung: Per Internet unter www.diegorillas.de

»JUBi«
Die Jugendbildungsmesse »JUBI« ist eine bundesweit stattfindende Messe für Jugendbildung im Ausland. Jugendliche haben hier die Möglichkeit sich über Schüleraustausche, High School-Besuche, Sprachreisen, Praktika, Au-Pair sowie auch über ein Studium im Ausland und Freiwilligendienste zu informieren. Messestände gibt es dabei nicht nur zu Austauschorganisationen. Für die, die noch nicht wissen, wie sie einen Auslandsaufenthalt bezahlen sollen, gibt es auch Informationen zu Stipendienangeboten. Dazu gehören zum Beispiel das Weltbürger-Stipendium und andere Finanzierungsmöglichkeiten.
Am 18.01., von 10 Uhr bis 16 Uhr, Eintritt frei! Rosa-Luxemburg-Gymnasium Mensa Eingang Neumannstraße / Borkumstraße 13189 Berlin

»Was nährt uns?« ist das Thema der Workshopreihe Fair Camp. In den Workshops geht es um Bildung, Gesundheit, Soziales Unternehmertum und Kommunikation. Es gibt Informationen über ökologische Textilien und fairen Handel, wie sie die neue Internetplattform fairnopoly verspricht. Ziel der Veranstaltungsreihe ist es Wissen zu teilen, sich gemeinsam zu inspirieren und eine Vernetzung vor Ort anzuregen. Es wird über neue Formen der Zusammenarbeit philosophiert, ebenso über den fairen Umgang miteinander ganz im Sinne der Gemeinwohlökonomie. Auf dem »Marktplatz der Sinne« stellen sich nachhaltige Initiativen, Projekte und Unternehmen vor.
Vom 17.1. bis zum 19.1. Teilnahmegebühr: 20 Euro / ermäßigt: zehn Euro Tickets: per E-Mail unter ticket@goldboerse.net

Ratibor Theater Cuvrystraße 20 10997 Berlin Info: www.die-gorillas.de Bild: David Baltzer

Eden Breite Str. 43 13187 Berlin Info & Bild: www.goldboerse.net

Info & Bild: www.weltweiser.de

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Ku l tu r t i p ps

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VORSCHLAGEN

Sie haben da einen Tipp? Dann senden Sie ihn uns an: redaktion@strassenfeger.org Je skurriler, famoser und preiswerter, desto besser!

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»Orchester im Exil«
»Orchester im Exil« ist eine Dokumentation über die Geschichte und Odyssee des polnischen Weltklasse-Violinisten Bronislaw Huberman, der mit Hilfe von Arturo Toscanini und Albert Einstein einige der weltbesten Musiker und insgesamt über 1 000 seiner jüdischen Mitbürger vor den Verfolgungen des Nazi- Regimes rettete. Bronislaw Huberman ist Begründer eines der bedeutendsten Orchester der Welt, dem Palestine Symphony Orchestra. Im Jahr 1948 gründete sich daraus das Israel Philharmonic Orchestra, das heute als eines der weltbesten Orchester gilt.
Am 23.1., um 17 Uhr, Eintritt: 8€ / ermäßigt: 7 € Urania An der Urania 17 10787 Berlin

Info und Bildnachweis: www.urania.de
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06 AU SSTELLUN G

»1813 – Auf dem Schlachtfeld bei Leipzig«
2013 hat sich die Völkerschlacht bei Leipzig zum 200sten Mal gejährt. Die Völkerschlacht gilt in der Geschichte als eine der größten Schlachten Europas. Der Jahrestag gibt den Anlass, verschiedene Aspekte dieser bedeutenden europäischen Schlacht anhand von Gemälden zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen das Ereignis und die Personen selbst: Wer waren die Protagonisten? Wer kämpfte gegen wen? Warum wird die militärische Auseinandersetzung Völkerschlacht genannt? Wer waren die kämpfenden Soldaten und warum kämpften sie in der Schlacht? Welche Kriegsmaschinerie kam zum Einsatz und welche hat den Krieg entschieden? Die Ausstellung klärt diese Fragen durch seine Bilder.
Bis zum 16.02., täglich von 10 Uhr bis 18 Uhr Eintritt: acht Euro / ermäßigt: vier Euro

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»Die Menge macht das Gift«
»Horris« alias Florian Anders ist eigentlich Regisseur und Drehbuchautor. Mit »Die Menge macht das Gift« hat er seinen ersten Roman geschrieben, der nun im »Café Tasso« vom Schauspieler Holger Handke vorgelesen wird. Der Roman dreht sich um Paulo, der eigentlich nicht Paulo heißt und in einem Steuerbüro arbeitet. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und nicht nur zuhause am liebsten seine Ruhe. Bis Lilli kommt, die in Paulos Ödnis wie der Korken aus der Sektflasche knallt. Was als Rollenspiel beginnt, stiftet immer mehr Verwirrung und wird zur Bedrohung. Dabei versucht Paulo irgendwie sich und seiner Familie treu zu bleiben. Aber er ist zu sehr mit seiner Gedankenwelt beschäftigt – und kann deshalb nicht verhindern, dass hier mehr auf der Strecke bleibt als der Familienfrieden und ein paar Haustiere.
Am 16.01, um 20 Uhr, Eintritt frei! Café Tasso Frankfurter Allee 11 10247 Berlin
08 D I S KU SS I O N

»Die Krise verstehen«
»Die Krise verstehen« ist ein offener Lesekreis, zu dem sich die Teilnehmer an vier Terminen treffen. Dabei werden Texte verschiedener Autoren zum Thema »Krise« gelesen. Der Lesekreis bietet allen Interessierten die Möglichkeit, anhand der Texte die Hintergründe zur aktuellen Wirtschaftskrise genauer zu beleuchten und mit Hilfe gemeinsamer Analyse und Diskussion besser zu begreifen. Neueinsteiger können problemlos teilnehmen. Der Kurs beantwortet die Fragen: Wie kam es zur Krise? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Krisen der letzten Jahre? Wie könnte die Krise überwunden werden?
Am 16.1., 23.1, 6.2. & 20.2., 20 Uhr, Eintritt frei! Anmeldung: Lazova@bildungswerk-boell.de

Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2 10117 Berlin Info & Bild: www.dhm.de

Der Veranstaltungsort wird mit der Anmeldebestätigungsmail bekannt gegeben. Info & Bild: www.boell.de

Info: www.cafe-tasso.de Bildnachweis: Horris

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strassenfeger | Nr.  1 | Januar 2014

»Denk an die ganze Welt, aber handle da, wo du bist!«
ist das Motto von Dr. Carola Muysers, die auf die Universitätskarriere verzichtete und einen Neuanfang als Unternehmerin wagte.
INTERVIEW: Urszula Usakowska-Wolff

 IN FO 
›› www.beesandbutterflies.de ›› http://berlin-woman.de ›› www.vin-silberhorn.de

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Carola Muysers
(Foto: Urszula Usakowska-Wolff)

Berlin Woman
(Quelle: Carola Muysers/Carolin Koch)

»Bees & Butterflies«
(Quelle: Carola Muysers)

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strassenfeger: Carola, du hast in den letzten fünf Jahren mehrere Unternehmen auf die Beine gestellt. Was genau machst du? Carola Muysers: 2009 habe ich zuerst die Agentur »Bees & Butterflies« (Bienen & Schmetterlinge) gegründet, in der ich kreative Unternehmen berate und begleite. Mein Schwerpunkt ist Hilfe zur Selbsthilfe. Ich helfe den Leuten, sich markenmäßig aufzustellen, sich zu vermarkten, ihre Produkte auf den Markt zu bringen, richtige Preise zu nehmen, Kunden zu akquirieren und sich auf dem Markt zu halten. 2010 gründete ich den Blog »Berlin Woman. Stadtkultur im weiblichen Blick«, weil ich ein Marketinginstrument brauchte. Ich habe mir überlegt, dass »Bees & Butterflies« wie gezüchtete Bienen und Schmetterlinge, wie Insektenhandel klingt, also muss ich etwas Handfestes, Konkretes entwickeln und einen passenden Namen für den Blog finden. Ich habe damals »Brigitte Woman« gelesen und fand, dass die Zeitschrift furchtbar ist – und dass ich es besser machen kann. Ich dachte, »Berlin Woman« wäre ein toller Name für den Blog. »Berlin Woman« war eigentlich als kleiner Blog konzipiert, doch er hatte allein im ersten Monat dreitausend Zugriffe, also habe ich ein Format entwickelt, welches auf das Webpublikum zugeschnitten ist: Man kann die Artikel innerhalb von zweieinhalb Minuten lesen, sie sind gut verlinkt, es gibt immer ein schönes Bild dazu. Wir, denn ich arbeitete nun mit einem vierköpfigen Team zusammen, berichten täglich darüber, was professionelle kreative Frauen tun, aber auch über Männer, die wir gut finden. Gegenwärtig hat »Berlin Woman« bis zu siebentausend Klicks im Monat. Die Leserschaft, bis heute über 230 000 Personen, setzt sich aus 80% Frauen und 20% Männern im Alter zwischen 28 und 60 Jahren zusammen. Aus einem kleinen Blog sind wir also zu einem gefragten Online-Portal geworden.

Du bist auch sehr aktiv auf Facebook. Warum? Ja, weil das ein ganz tolles Medium und ein unglaubliches Netzwerk ist, eine neue Art zu leben, zu kommunizieren und zu werben. Das ist ganz witzig, denn bis 2009 gehörte ich zu den Computer- und Internetdinosauriern. Als ich begann, den Blog und das Facebook zu nutzen, bin ich beinahe wahnsinnig geworden. Es war, als lernte ich fünf verschiedene chinesische Dialekte gleichzeitig! Doch schnell bin ich zur Social-MediaExpertin avanciert, was ich nicht beabsichtigt habe. Mittlerweile werde ich in dieser Funktion zu Workshops, Weiterbildungen und Podiumsdiskussionen eingeladen. Das hängt auch damit zusammen, dass ich, am 27. Dezember 1960 geboren, bekanntlich nicht die Allerjüngste bin. Ich bewege mich aber in einem sehr jungen Medium sehr jugendlich und sehr schnell, habe jedoch die Weisheit einer reifen Frau, sodass ich von Unternehmen, die eine Kampagne oder mehr Input haben wollen, gern als Social-Media-Expertin gebucht werde. Und zu meinem letzten Betätigungsfeld bin ich auch wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Ich bin gefragt worden, ob ich die Geschäftsführerin des im September 2013 gegründeten Verlags Vin Silberhorn – Schöne Bücher im 21. Jahrhundert werden will, und ich bin dabei, den Verlag mit den Gesellschaftern zusammen aufzubauen und bekannt zu machen. Wie viel Zeit arbeitest du denn? Rund um die Uhr? Nein, ich arbeite acht Stunden am Tag. Ich habe einen recht strengen Tagesplan. Ich stehe sehr früh auf, im Sommer sogar um sechs Uhr, im Winter etwas später. Ich frühstücke, versorge meinen Wellensittich, dann wird der Computer aufgeklappt und der Blog wird gemacht. Ich habe zwei Geheimtipps: Ich gehe früh schlafen, und ich mache einen 15-Minuten-Mittagsschlaf. Das ist wunderbar, denn mein Körper und mein Geist sind danach total erholt. Du bist Kunsthistorikerin, du hast als Dozentin und auch als Gastprofessorin an der BTU Cottbus, der UdK Berlin sowie der Jakobs-University Bremen gearbeitet, doch du hast auf die Universitätskarriere verzichtet und dich für einen ganz anderen Weg entschieden. Aus welchem Grund? Ja, ich habe Kunstgeschichte und romanische Philologie

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studiert, ich habe promoviert und war relativ weit angekommen, wovon die Gastprofessuren zeugen, die ich 2006 und 2007 hatte. Doch mir wurde bewusst, wie mittelmäßig und gleichzeitig elitär das Universitätsleben ist. Hinzu kommt, dass mir die Bodenhaftung, also der gesellschaftliche Auftrag, komplett fehlte. Ich bin jemand, der etwas bewirken möchte, auch wenn die Veränderung, die dadurch entsteht, noch so klein sein mag. Mein Motto lautet: »Think global, act local«, also »Denk an die ganze Welt, aber handle da, wo du bist!« Das war an der Uni nicht möglich, also fing ich von Null an. Ich habe alle Jobs, alle Ämter, auch Ehrenämter, niedergelegt. Ich habe mich ein ganzes Jahr selber coachen lassen, um herauszukriegen, was ich machen könnte. Dann fiel mir ein, dass ich immer andere Menschen gern beraten habe, denn die Verbesserung ihrer Lebensqualität lag mir am Herzen, aber ich habe dafür nie Geld genommen. Also dachte ich, das mache ich weiter, nur dass ich von nun an Geld dafür nehmen werde. Ich habe in dieser Zeit viel geboxt – und ein Video von Muhammad Ali, den ich sehr verehre, gesehen. Sein Spruch »Tanzen wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene« hat mir sehr gefallen. Deshalb habe ich meine Agentur »Bees & Butterflies« genannt. Mittlerweile hat meine Agentur 130 Kundinnen und Kunden. Wie sieht deine Arbeit als Beraterin konkret aus? Das ist unterschiedlich. Wenn Leute zu mir kommen, die eine unscharfe Geschäftsidee haben, dann feile ich sie mit ihnen aus. Ich helfe auch ganz pragmatisch bei den Gründungsfragen, bei der Beantragung der Steuernummer, bei der Überlegung, welche Produkte sie haben, was die Akquise ist, wie die Preisgestaltung aussieht. Wichtig ist, dass man entweder ein so gutes Produkt hat, das sich ohne Probleme verkaufen lässt, oder man muss drei Produkte haben: Schnäppchen, Standard und Luxus. Das gilt auch für Künstler, denn ich benutze zwar Marketing und betriebswirtschaftliche Begriffe, aber übertrage sie auf die kreativen Bereiche. Ich sage den Leuten: »Überleg dir, du bist selber eine Marke oder du gründest eine Marke. Mach einen Claim, mach Preisgestaltung, mach eine Produktlinie, auch wenn es deine Malerei ist. Du musst dich weder verändern noch verstellen, sondern einfach die Perspektive im Gespräch mit mir wechseln.« Das hilft,

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zielgerichteter zu arbeiten. Meine Idee ist, die Leute sollen nicht Taxifahren, um zu malen, sie sollen von ihren kreativen Produkten leben können. Ich helfe auch Leuten, sich schrittweise aus Hartz IV herauszubewegen, ihren Erwerb zu erhöhen und ihre Lebensqualität zu verbessern, sodass sie mutiger und selbstbewusster werden. Neben »Berlin Woman« und »Bees & Butterflies« hast du auch den »Neuen Berliner Salon« gegründet. Bist du eine Berlinerin? Nein, aber ich bin seit 1980 hier, also zähle ich mich langsam zu den Wahlberlinern, obwohl diese Stadt andere nicht so gern an sich heran lässt. Von der Mentalität, von der Frechheit und Forschheit her bin ich bestimmt sehr berlinerisch, aber ich komme aus einem ganz kleinen Kaff am Niederrhein, aus Kamp-Lintfort, bekannt für sein erstes Zisterzienserkloster auf deutschem Boden. Ich bin eigentlich eine Kleinstadtpflanze, die mit 19 nach Berlin gekommen ist. Ich habe es mir ja selber ausgewählt. Und der »Neue Berliner Salon«, der im Dezember 2013 zum 51. Mal lief, war das Allererste, was ich nach meiner Neuorientierung etabliert habe. 2008 hatte ich sehr engagierte Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewonnen, unter anderem Rosa von der Schulenburg, Leiterin der Kunstsammlung der AdK, und Thomas Röske, der die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg leitet. Dieser Salon findet bis zu zehnmal im Jahr an verschiedenen Orten in Berlin statt und widmet sich Kunst- und Kulturthemen wie Musik, Theater, Literatur und Malerei. Die Idee war und ist, etwas außerhalb des Geldkreislaufs, sprich gratis, zu machen. Die Leute bringen Essen und Trinken, schauen sich die Darbietungen an oder lauschen den Konzerten, wonach sie meistens lebhaft diskutieren und viel Spaß haben. Beim »Neuen Berliner Salon« geht es nicht um Geld, sondern um freies Denken und geistigen Austausch. Und das funktioniert prima.

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»CAIS« – ein Platz zum Anlegen
Zu Besuch bei der Straßenzeitung in Lissabon
I N T E RV I E W & FOTO S: A n d re as D ü l l i c k © V G B i l d - Ku n s t

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as Urlaubsland vieler Deutscher Portugal wird gerade von einer heftigen Krise durchgeschüttelt. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, haben Angst auf der Straße zu landen. Die EU hat dem Land einen strikten Sparkurs verordnet. Dazu zählen umfangreiche Steuererhöhungen, das Einfrieren von Renten und Gehältern und die Kürzung des Arbeitslosengelds. Außerdem sollen das Privatisierungsprogramms Portugals in den nächsten zwei Jahren beschleunigt und das Personal der öffentlichen Verwaltung reduziert werden. Bei Gewerkschaften und der linken Opposition gibt es heftigen Widerstand dagegen. Gut, dass es in Lissabon das Projekt »CAIS« gibt. »CAIS« steht für einen Wohlfahrtsverband und eine soziale Straßenzeitung. Andreas Düllick sprach für den strassenfeger mit Henrique Pinto, Chefredakteur der Straßenmagazins »CAIS«. Andreas Düllick: Was bedeutet CAIS? Henrique Pinto: CAIS – das ist ein Platz für Schiffe, an dem diese im Fluss, im See oder am Meer anlegen können. Wir übernahmen dieses Wort symbolisch für einen Platz, an dem Menschen für eine Weile bleiben können, um Nahrung und Wasser zu bekommen oder auch mal repariert zu werden, bevor sie wieder ins kalte Nass Wasser zurückkehren müssen. Welche Projekte betreibt CAIS? Einerseits haben wir hier das Projekt ›Einbeziehung‹. Dazu gehören unsere Obdachlosen, die Zeitung CAIS sowie soziale und kulturelle Veranstaltungen. Dann haben wir unsere juristischen und medizinischen Dienste, mit denen wir versuchen, Menschen zu helfen, z. B. wichtige Papiere wie Ausweise oder Pässe wiederzubekommen. Und es gibt eine schulische Abteilung. Außerdem unterhalten wir das ‚Eingreifen’-Projekt. Eingreifen bedeutet, dass wir als Wohlfahrtsorganisation politisch engagiert sind. Wir tun das jedes Jahr, indem wir mit Petitionen die Politiker auffordern, die bestmöglichen öffentlichen Bestimmungen zu verabschieden. Wir zeigen Probleme auf. Wir halten Seminare ab, um Fragen

und Probleme zu diskutieren. Ich glaube, dass es notwendig ist, dass wir diese Probleme auch ansprechen, damit diejenigen, die die Gesetze machen, die wohltätig sein wollen, auch begreifen, was Wohltätigkeitsverbände wirklich brauchen. Seit wann gibt es CAIS? Das ist nun fast schon 20 Jahre her. Die Zeitung war das erste Projekt, wir starteten im Dezember 1994. Die Organisation selbst wurde schon vorher gegründet, so um den 20. Mai 1994. Woher bekommt CAIS seine finanziellen Mittel? Wir beziehen vom Staat rund 18  000 Euro im Monat. Und dann haben wir über die Jahre Beziehungen und Netzwerke zu Unternehmen aufgenommen. Heute Morgen z. B. hatten war ein Treffen mit einer Weltbank, eine spanische Auslandsbank. Sie ist eine von unseren Unterstützern, die wir haben, mit einer jährlichen Unterstützung von 35 bis 40 000 Euros. Wenn man den Rücktitel unserer Zeitung anschaut, sieht man, dass wir einige Unternehmen haben, die uns unterstützen. Viele von ihnen unterstützen uns mit Produkten oder Dienstleistungen. Andere helfen uns mit Geld. Es ist also eine Mischung von öffentlicher und privater Unterstützung. Bekommt Ihr Unterstützung von privaten Spendern? Wir hatten einige Kampagnen am Anfang, als wir starteten. Aber, wir mögen das nicht so sehr. Über die Jahre sind wir erfahren darin geworden, Ideen, die wir haben, zu verkaufen. Wir fanden heraus: Wenn man eine gute Idee oder gar großartige Idee hat, spenden Menschen eher. Wir sagen nicht, gebt uns Euer Geld, dann sagen wir, was wir damit tun wollen. Das würde nicht funktionieren, da Leute misstrauisch werden, wenn sie nicht wissen, was genau mit ihrem Geld passiert. Wie viele Menschen unterstützt Ihr? Wir arbeiten jährlich mit rund 500 Menschen, und das sehr individuell. Wir finden, den Leuten nur Essen, medizinische Hilfe und Kleidung zu geben, das ist der falsche Weg. Wir versuchen, den Kreis der Armut zu unterbrechen. Wie viele Menschen sind in Lissabon bzw. Portugal obdachlos? Das kann ich nicht genau sagen. Vor Jahren sollen es rund 3  000 Menschen gewesen sein. Heute haben viele Menschen durch die Krise ihre

Henrique Pinto Verkäuferin der »CAIS« Großzügiges Gelände Wohlfahrtsorganisation »CAIS« in Lissabon« Wandmalerei

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Arbeit und ihre Wohnung verloren. Sie werden arbeitslos und geraten dann in Gefahr, auch ihre Wohnung zu verlieren, wenn sie keinen Lohn mehr bekommen. Auch Essen und Kleidung zu besorgen, wird schwieriger. Es gab diese Menschen zwar auch schon vor der Krise, aber nun werden diejenigen mehr, die bei uns oder anderen Organisationen nach Hilfe fragen. Aber: Die Familien- und Freundesnetzwerke, die diese Leute besitzen, sind weit gesponnen. Diese Netzwerke bewahren sie oft davor, obdachlos zu werden. Wenn sie die nicht hätten wäre die Situation noch viel schlimmer. Aber die Familie ist da, die Freunde sind da, nur die Frage ist, wie lange, bis auch die sagen, wir können dich nicht mehr unterstützen. Wie viele Leute arbeiten für CAIS? Wir haben etwa 20 Mitarbeiter in beiden Projekten. Wir arbeiten auch mit ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die meisten Bildungsangebote, die wir vorhalten, werden von diesen Ehrenamtlern weitergegeben, die einfach nur gut in ihrem Metier sind. Wir haben Lehrer, Sprachlehrer, Maler, Sänger und Fotografen. Wenn sie Zeit haben so zwei, drei Stunden in der Woche, dann machen sie das einfach. Wie viele Menschen verkaufen die soziale Straßenzeitung CAIS? Das sind einhundert bis einhundertzwanzig Verkäufer. Die Meisten davon sind Männer. Und davon sind die meisten Rumänen. Was kostet die Zeitung? Der Verkaufspreis ist zwei Euro. Die Verkäufer kaufen sie für 60 Cent und dürfen 1,40 Euro behalten. Dann gibt es ein externes Netzwerk von Verteilung und Verkauf. Für jede Zeitung, die diese externen Organisationen von uns kaufen, bezahlen sie nur 30 Cent. Müssen die Verkäufer Vorkasse leisten? Nein, die Verkäufer nicht und auch die Organisationen nicht. Wir haben Verkäufer, die sagen: »Wir können euch momentan nicht bezahlen.« Oder es gibt Situationen, wo Verkäufer verschwinden und die Schulden sind da. Und das Geld für die Zeitungen wurde an uns niemals gezahlt. Deshalb versuchen wir, dass Sozialarbeiter aus dem Vertrieb der Zeitung regelmäßig mit den Verkäufern sprechen. Das ist sehr hilfreich. Das zeigt den Verkäufern: Wir vertrauen dir und du wirst nicht verschwinden.

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Betreibt CAIS eine Obdachlosenunterkunft? Nein. Wir haben überlegt, ob wir irgendwas haben könnten, das näher an unserer Arbeit ist, nicht wie eine Obdachlosenunterkunft, sondern mehr wie ein Hostel. Für Leute, die in Arbeit stehen, also einen Job haben. Ihnen sechs Monate bis ein Jahr Unterstützung anbieten, das könnten wir tun. Obdachlosenunterkünfte sind meiner Meinung nach Teil des Problems, nicht die Lösung. Wir sind mehr von der Idee »Housing First« angetan. Wohnung und Arbeit, dies zu kombinieren, ist für uns sehr wichtig. Manchmal stell sich die Frage, was zuerst? Die Wohnung? Aber was kommt danach? Wir meinen, es muss zusammen kommen. Wie und wann kamst Du zu CAIS? Ich bin einer der fünf Gründer von CAIS. Ich hatte zuvor während des Studiums in London einige Artikel der Straßenzeitung »The Big Issue« gelesen. 1993 kam ich zurück nach Lissabon und habe neun, zehn Monate damit verbracht herauszufinden, ob so etwas hier helfen würde. Wahrscheinlich ist es so, dass ich die sogenannten menschlichen Werte so schätze. Werte wie soziale Gerechtigkeit, Frieden, gut, mitfühlend und einfühlsam sein. Alles das war immer Teil von meiner eigenen Bildung, von meiner Familie, meiner Schulausbildung. Ich könnte nichts anderes tun, als das was ich gerade mache. Ich könnte nie in einer Bank arbeiten, ich fühle mich wohl, wenn ich mit Menschen arbeite. Ich fühle, wenn du etwas für andere tust, tust du auch etwas für dich. Was waren die größten Herausforderungen in den letzten Jahren für CAIS? Ich glaube, das größte Problem, die größte Herausforderung war und ist, dass wir kein zuverlässiges Einkommen haben. Selbst, wenn wir Unterstützung vom Staat bekommen oder die Zusammenarbeit mit den Unternehmen haben. Wir sagen immer, CAIS ist eine Partnerschaft. Und umso mehr Partner man hat, desto mehr ist man vor Verlusten geschützt. Wenn die Partnerschaft kollabiert, verliert man die Organisation. Also ist unsere größte Herausforderung, jährlich ein finanzielles Plus zu machen. Wir verbrauchen, was wir müssen. Aber wir müssen auch Einnahmen erzielen, die man benötigt, um die Ausgaben zu decken. Aber die Hauptaufgabe

ist es, alles zusammenzuhalten, das ist es für die letzten 19 Jahre gewesen. Wir sind schon öfter am Rande des Zusammenbruchs gewesen, hatten aber immer wieder Glück. Was waren Eure schönsten Erfolge? Manche sagen, es gibt keine Obdachlosen mehr, es gibt nur noch Verkäufer unserer Zeitung. Ironischerweise ist unser Erfolg in manchen Augen ein Misserfolg. Der größte Erfolg für eine Organisation wie unsere wäre, dass sie überhaupt nicht mehr gebraucht wird. Die Frage, die wir uns jeden Tag stellen und die wir jeden Tag beantworten müssen, ist: Tun wir wirklich etwas Gutes für die Menschen? Was sind Deine Ziele für CAIS? Wir wollen unser eigenes Einkommen erwirtschaften und versuchen, unsere eigne Geschäftsidee zu verwirklichen. Und wir wollen mehr Organisationen oder Individuen ansprechen, damit sie unsere Arbeit unterstützen. Eine große Herausforderung ist es gerade, Organisationen in soziale Aufgaben einzubeziehen, die dann wiederum weitere Organisationen mit sich bringen. Kannst Du Dir vorstellen Deine Arbeit hier bei CAIS aufzugeben? Wenn man so eine Arbeit macht, kann man nicht so einfach aufhören. Oder nur eine halbe Stunde pro Tag da sein, es ist ein Vollzeitjob, eine Lebensaufgabe. Selbst, wenn man irgendwo Ferien macht, nimmt man die Gedanken und Probleme mit sich. Gerade als Chef kann man der Verantwortung nicht so einfach entkommen. Aber, man verändert sich auch mit der Verantwortung. Hier bist du mit den Schicksalen und Problemen von Menschen beschäftigt, auch mit der Zeitung, die jeden Monat erscheinen muss. Und du musst sichern, dass das funktioniert. Also kann man nicht so einfach sagen, ich gehe jetzt mal für zwei Monate irgendwo anders hin. Du musst es tun. Aber, man weiß ja nie. Im Moment ist es nicht die richtige Zeit zu sagen, ich mache etwas anderes. Manchmal würde ich gerne eine Farm haben, mit Kühen, Feldern und so weiter. Ich würde nur auf meiner Farm sein, Milch herstellen und meine Felder bestellen. Und meine Milch und das Gemüse verkaufen. Ja, ein Bauer wäre ich auch gerne.

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Paolo Amadore & das Projekt CAIS
Henrique Pinto über einen Menschen, der sein Glück gefunden hat
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Paolo Amadore ist 42 Jahre alt, er hatte einen Schlaganfall, als er 25 Jahre alt war. Er verlor dadurch viel von seiner Sprachfähigkeiten, sodass er nun nur noch mit Schwierigkeiten sprechen kann. Auf der rechten Seite seines Körpers ist er gelähmt, er kann Arm und Bein kaum gebrauchen. Paolo ist nun schon einige Zeit bei CAIS. Er ging für eine Zeit weg, kam aber im Juli 2013 zurück. Er hat in den vier Jahren zuvor viel Zeit in seinem Zimmer verbracht. Einfach nur da sein, Fernsehen gucken, aber das war kein Leben für ihn. Er hatte genug davon und suchte nach einem Leben, das ihm gefallen würde. Nun ist er Teil unserer Gruppe, arbeitet sogar, obwohl er Hilfe vom Staat bekommt. Aber, er entschloss sich zu kommen und mit anderen Leuten zusammen zu sein. Er hatte Drogenprobleme in der Vergangenheit, das ist auch ein Grund, weshalb er gegangen ist. Aber nun ist er schon lange Zeit drogenfrei, er hat nichts mehr genommen. Es ist ein Sieg. Oft, wenn ich ihn am Morgen sehe, erzählt er mir, dass es ein Tag mehr sei ohne Drogen. Das ist wirklich großartig, und er ist wirklich stolz darauf. Paolo verbringt die meiste Zeit auf seiner kleinen Farm hier bei »CAIS«, wo er viele verschiedene Gemüse anbaut. Er liebt es, das zu tun. Und er macht die ganze Arbeit mit nur einer Hand. Er hat keine Maschinen, kein Equipment, keine elektrischen Maschinen. Die Maschine hinter der ganzen Arbeit ist sein Körper und sein Gehirn. Paolo ist hochintelligent. Und er ist derjenige, der fast jeden Morgen als Erster da ist.

Paolo zeigt seine »Schätze« Paolo Amadore – Gärtner & Künstler Paolo in seinem Gemüsegarten bei »CAIS«

Paolo lebt in einem Zimmer und bezahlt 250 Euro pro Monat für das Zimmer. Er erhält eine kleine Rente, weil er behindert ist. Paolo hat mir erzählt, dass das Geld von der Rente nicht genug ist, und er viel Geld ausgeben muss für Medizin. Du kannst ja selbst sehen, dass er Probleme mit seiner Haut hat. Wir versuchen, ihm hier einen Platz zur Verfügung zu stellen, damit er Gemüse, Kräuter und Blumen anbauen und verkaufen kann. Wir benutzen seine Produkte auch hier in unserer Küche, aber nicht alles. Die Idee ist, dass er uns in naher Zukunft eine symbolische Miete zahlt für das Wasser etc., aber die Idee dahinter ist, dass Leute regelmäßig seine Produkte kaufen und er damit vielleicht mehrere hundert Euro im Monat einnehmen kann. Paolo ist auch ein Künstler. Was er hier tut, das hat er in Bildern verarbeitet. Einige seiner Werke sind ausgestellt worden und auch schon verkauft worden. Er hat ein Gemälde von seiner kleinen Farm hier gemacht. Jemand hat ihn dann gefragt, ob er noch ein Gemälde mit seiner kleinen Farm malen könnte. Daran arbeitet er im Moment. Es ist schön, dass Paolo hier bei uns ist. Und, dass es ihm gut geht.«

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AUS DER REDAKTION   | 29

KINDERZUSCHLAG
R ATG E B E R : J e t t e S t o c k f i s c h

 INFO 
Mehr zu ALG II und Sozialhilfe Der neue Leitfaden ALG II/Sozialhilfe von A–Z (Stand Juli 2013) ›› erhältlich für 11 EUR im Büro des mob e.V., Prenzlauer Allee 87, oder zu bestellen bei: DVS, Schumanstr. 51, 60325 Frankfurt am Main, ›› Fax 069 - 740 169 ›› www.tacheles-sozialhilfe.de ›› www.erwerbslosenforum.de

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er Kinderzuschlag ist für Familien gedacht, die Einkommen haben, mit dem sich die Eltern auf Hartz IVNiveau selbst finanzieren können, jedoch nicht ihre Kinder. Der Kinderzuschlag ist vorrangig zu Hartz IV. An dieser Stelle kann nicht die komplizierte und seitenlange Berechnung vorgenommen werden. Wer sich da durcharbeiten möchte, findet sie unter den o.g. Adressen oder muss den Leitfaden kaufen. An dieser Stelle möchte ich unter anderem auf ein paar Besonderheiten hinweisen, die selten von den Ämtern, weder den Jobcentern, noch den zuständigen Familienkassen der Agentur für Arbeit, bei denen der Kinderzuschlag beantragt werden muss, erwähnt werden. Der Kinderzuschlag beträgt höchstens 140 Euro pro Kind. Nur wenige Familien erhalten auch nur annähernd diesen Betrag. Zusätzlich müssen sie Wohngeld beantragen, dass ihnen dann als Einkommen angerechnet wird. Das sind schon mal zwei Ämter. Kommt aber noch besser. Bei unverheirateten Paaren, die nur einen Alleinverdiener haben oder der Partner nur einen Minijob hat, muss beim Jobcenter ein Zuschuss zur freiwilligen Krankenversicherung beantragt werden, denn der Partner ist beim Kinderzuschlag nicht krankenversichert. Das ist dann das dritte Amt, bei dem alle sechs Monate neue Anträge gestellt werden müssen. Zu beachten ist auch, dass es beim Kinderzuschlag keine Mehrbedarfszuschläge nach § 21 bzw. 23 SGB II für Alleinerziehende, Schwangere, Krankenkost, atypischen Bedarf u.a. gibt. Hier kann es sein, dass dadurch der Kindergeldzuschlag »aufgefressen« wird oder sogar finanzielle Nachteile drohen. Obwohl der Kinderzuschlag VORRANGIG zum Alg II beantragt werden muss, gibt es hier ein Wahlrecht. Betroffene können auf den Kinderzuschlag verzichten,

»wenn (sie den Kinderzuschlag) wegen eines damit verbundenen Verlusts von anderen höheren Ansprüchen nicht geltend machen wollen.« (§ 6a Abs. 5 BKGG) Doch kann es noch andere finanzielle Nachteile beim Kinderzuschlag geben, die beachtet werden sollten; das sind z.B. die Befreiung von der GEZ, Sozialtickets oder auch die höheren Zuzahlungsgrenzen bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Auch diese Nachteile müssen zu den »höheren Ansprüchen« zählen. Die Bundestags-Drucksache 16/1410, 34 begründet: »Mit der Regelung im neuen Absatz 5 Satz 1 sollen INSBESONDERE Problemfälle gelöst werden, in denen ein ansonsten bestehender Anspruch auf den befristeten Zuschlag... allein deshalb verloren geht, weil durch den Kinderzuschlag Hilfebedürftigkeit nach § 9 SGB II vermieden wird.« Der befristete Zuschlag (Armutsgewöhnungszuschlag) ist schon lange Geschichte. Doch heißt »INSBESONDERE« eben nicht AUSSCHLIESSLICH und muss somit auch für andere Problemfälle gelten. Da der Kinderzuschlag vorrangig ist, kann nur aus oben genannten Gründen darauf verzichtet werden. Jedoch kann auf Alg II verzichtet werden, obwohl es die o.g. finanziellen Nachteile gibt. Dafür kann es aus meiner Sicht nur zwei Gründe geben: Es gibt beim Kinderzuschlag KEINE ANGEMESSENE Miete. Die Berechnung geht immer von der tatsächlichen Miete aus! Also kein Umzugszwang! Da sich die Jobcenter immer mehr auf fordern verlegt haben und für fördern immer weniger Geld bereitgestellt wird, kann es für Betroffene sinnvoll sein, wenn sie den überproportionalen Druck der Verfolgungsbetreuung nicht mehr aushalten, auf Alg II zu verzichten. Insbesondere Alleinerziehende klagen über die Verfolgungsbetreuung. Der Kinderzuschlag hat auch noch eine weitere Funktion. Er bereinigt die Statistik. Jede Familie, die den Kinderzuschlag erhält, mindert die Zahl der Hartz IV beziehenden Familien. Es wird von den Jobcentern immer mehr darauf geachtet, ob die Familien mit Einkommen in den Kinderzuschlag abgeschoben werden können. Hinzu kommen weiterhin sinkende Geburtenzahlen, die sich natürlich auch in der Hartz IV-Statistik niederschlagen. Und so können sich die Verantwortlichen selbst bejubeln, wenn es ein paar Kinder weniger in Hartz IV gibt.

ALLGEMEINE RECHTSBERATUNG
Rechtsanwältin Simone Krauskopf Jeden Montag von 11.00 – 15.00 Uhr im Kaffee Bankrott bei mob e.V. Prenzlauer Allee 87, 10405 Berlin Bei Bedürftigkeit wird von der Rechtsanwältin ein Beratungsschein beantragt. Bitte die entsprechenden Nachweise mitbringen. (z.B. ALG II-Bescheid)

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Ko l u m ne

strassenfeger | Nr. 1 | Januar 2014

Aus meiner Schnupftabakdose
KOLUMNE: Kptn Graubär

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nsere große Koalition heißt ja nicht nur so, weil da so eine große Menge Abgeordneter sich vorgenommen hat, gemeinsam am selben Strick zu ziehen, auch nicht, weil da nur die großartigsten Köpfe sich zusammengetan haben. Nein, kaum war dieser Koalitionsvertrag unterschrieben, da wurde uns versprochen, diese Koalition wolle sich auch an die wirklich großen Aufgaben machen und sie in den kommenden vier Jahren lösen. Na, da bin ich mal gespannt, was daraus wird. Ganz vorn auf der Tagesordnung soll der flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro pro Arbeitsstunde ab 1. Januar 2015 stehen. Das sieht einfach aus: ein Gesetz mit einem Paragrafen müsste dafür ausreichen. Aber wir kleinen Leute verstehen davon wohl nicht viel. Wenn es nach den Vorstellungen der Wirtschaft geht, muss nicht mit der Anhebung aller Niedriglöhne begonnen werden. Der erste Schritt sollte sein, dass alle die in den Genuss eines Lohns von 8,50 Euro kommen, die bisher unverschämt viel mehr eingestrichen haben. Erst wenn diese Regelung flächendeckend eingeführt wird, kann man daran denken, die Löhne unter 8,50 Euro behutsam anzuheben. 50 Cent pro Jahr wären gut, um eine galoppierende Inflation zu vermeiden. Das wären für die meisten zehn Prozent oder sogar noch mehr. So wird uns aus der Mindestlohndebatte ein Rezept für die Erhaltung von Arbeitsplätzen und für die Schaffung neuer Arbeitsplätze (drei für jeden sind dann locker möglich!) und für eine blühende Wirtschaft an einem sicheren Standort gezaubert. Der Standort ist sowieso das wichtigste: ein geistiger und moralischer Horizont mit dem Durchmesser Null. Wir dürfen eben nicht zu viel von unseren Abgeordneten erwarten. Frau Merkel hat nach der Ankündigung der Großtaten in ihrer Neujahrsansprache schon fleißig zurückgerudert und sich Mut zu immer neuen kleinen Anfängen zugesprochen. Vielleicht ist sie aber auch nur erschrocken vor den großen Aufgaben, die in vier Jahren zu erledigen wären.

Deshalb sind aus dem Bundestag auch schon Stimmen zu hören, die Dauer einer Legislaturperiode auf fünf Jahre zu verlängern, damit die Abgeordneten genügend Zeit haben, ihre Aufgaben zu erledigen. Die jetzt geltende Vierjahresregelung umfasst im günstigsten Fall 920 Arbeitstage für die Parlamentarier. Aber diese Zahl trügt. Gleich am Anfang fallen alle Tage unter den Tisch, die für die Bildung einer neuen Regierung notwendig sind. Eine Einarbeitungszeit ist für die Parlamentsneulinge auch notwendig (Wo sind hier die Toiletten? Muss ich Abgeordnete aus anderen Fraktionen grüßen? Kann ich mit der Fahrbereitschaft auch in die Oper oder zum Olympiastadion fahren?). Am Ende einer Legislaturperiode gehen auch noch mal viele Tage für den Wahlkampf verloren. Zwischendrin gibt es noch Landtags- und Kommunalwahlkämpfe, in denen ein Bundestagsabgeordneter Flagge zeigen muss. Schließlich muss auch der Wahlkreis gepflegt werden, damit eine erneute Kandidatur gesichert wird. Da bleiben dann weniger als 400 parlamentarische Arbeitstage. Was kann da schon viel Vernünftiges herauskommen? Fünf Jahre scheinen eine vernünftige Lösung zu sein. Die exorbitant hohen Wahlkampfkosten werden auf die Dauer gesenkt. Der Vergesslichkeitsfaktor bei den Wählern erspart langatmige Rechtfertigungen für nicht eingehaltene Wahlversprechen. Die soziale Lage der Abgeordneten wäre weniger einer prekären Existenz ausgesetzt. Endlich hätte man genügend Zeit, über alle Probleme unseres Landes gründlich nachzudenken. Aber nach aller menschlichen Erfahrung wird auch eine solche Verlängerung wieder in der Prokrastination, auf gut Deutsch Aufschieberitis, enden. Die Landtage, die fast alle schon den Fünfjahresrhythmus eingeführt haben, leben das anschaulich vor. Da sollte man vor einer radikalen Lösung nicht zurückschrecken. Das Abgeordnetenmandat auf Lebenszeit gibt jedem MdB die von Gott gewollte Dauer seines Einsatzes für Volk und Vaterland, befreit die Bürger von den häufigen Gewissensqualen einer Wahl und machte endlich ernst mit dem Grundgesetz, dass Abgeordnete nur ihrem mehr oder weniger wachem Gewissen und nicht etwa auch nörgelnden Wählern verantwortlich sind.

Karikatur: Andreas Prüstel

strassenfeger | Nr. 1 | Januar 2014

Vo r l e t z te S e i te

AUS DER REDAKTION | 31

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Foto von Key Foster Creative Commons CC 2.0)

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»Schlamassel«
erscheint am 27. Januar 2014

K A R I KAT UR E N Andreas Prüstel, OL D E S I G N VO R L AG E Thekla Priebst SATZ UN D L AYOUT Ins Kromminga S C HR I FT E N Karmina Sans (mit freundlicher Genehmigung von typetogether), Life B E L I C HT UN G & D RU C K Union Druckerei Berlin R E DA K T I ON SS C HLU SS 08. Januar 2014 R E DA K T I ON Prenzlauer Allee 87, 10405 Berlin Telefon: 030 - 419 345 91 | redaktion@strassenfeger.org A B O - KO OR D I N AT I ON & A NZ EIGEN mob – obdachlose machen mobil e.V. Telefon: 030 - 419 345 91

KEIN DACH ÜBER DEM KOPF DIE KRISE LEBT PREKÄRES PRAKTIKUM

Foto: Andreas Düllick © VG Bild-Kunst

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LESERBRIEF zur Ausgabe 26/2013 »Schöne Aussichten«
Sehr geehrte Redaktion von der Zeitschrift strassenfeger! Sehr berührt bin ich von der Ausgabe „Schöne Aussichten“, dem Interview mit Rolando Villazón. Dies führte Frau Urszula Usakowska-Wolff mit feinem Gespür. Seit 2004, als ich den Tenor Villazón das erste Mal in der Staatsoper erlebte, versäume ich möglichst keine seine Aufführungen in Berlin. Er begeistert mich als Tenor, Künstler und als Mensch. Seine Stimme ist einzigartig, auch deshalb, er singt mit Seele. Ihn konnte ich erfreuen, indem ich Gedichte schrieb über seine Rollen in den Opernaufführungen oder den Konzerten. Herzlich bedankte er sich mit einer Umarmung für das „Geschenk“. Liebe Redaktion, der Artikel bewirkte: Jetzt ist bei mir noch mehr Aufmerksamkeit für den Kauf der Zeitschrift geweckt. Freundlich grüße ich Sie Waltraud Friederike Rauch
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T R E FFP UN K T KA FFE E BANKROTT Prenzlauer Allee 87, 10405 Berlin Telefon: 030 - 447 366 91 Öffnungszeiten: Mo bis So 8.00 – 19.30 Uhr Zeitungsverkauf: bis 20.00 Uhr N OT ÜB E R N AC HT UN G Prenzlauer Allee 87, 10405 Berlin Telefon: 030 - 419 345 93 Öffnungszeiten: 17.00 – 8.00 Uhr Anmeldung: 17.00 – 23.00 Uhr Zeitungsverkauf: ab 20.00 Uhr T RÖ D E L P OI N T B E I M OB E.V. Prenzlauer Allee 87, 10405 Berlin Montag bis Freitag 8.00 – 18.00 Uhr Telefon: 030 - 246 279 35 troedelpoint@strassenfeger.org

Rolando Villazón Portrait © by Monika Hoefler

W W W. ST R A SS E N FEGER.ORG Namentlich genannte Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Es war nicht möglich, bei allen Bildern die Urheber festzustellen. Betroffene melden sich bitte bei uns. Für unverlangt eingesandte Fotos, Manuskripte oder Illustrationen übernehmen wir keine Haftung. Der strassenfeger ist offen für weitere Partner. Interessierte Projekte melden sich bitte bei den Herausgebern.

Ein Dach über dem Kopf

Der Sänger Lou Bega unterstützt die Spendenkampagne »Ein Dach über dem Kopf«!

Foto: r.Werner Franke

Die Aktion »Ein Dach über dem Kopf« wurde vom Verein mob – obdachlose machen mobil e.V. gestartet, um Menschen, die in tiefer Not und ohne eigene Bleibe sind, wirksam helfen zu können. Damit wir diese Menschen dauerhaft unterstützen können, benötigen wir Ihre Hilfe.

EINMALIG
Ja, ich möchte für eine Woche einem Menschen Ein Dach über dem Kopf ermöglichen und zahle 14 EUR Ja, ich möchte für zwei Wochen einem Menschen Ein Dach über dem Kopf ermöglichen und zahle 28 EUR Ja, ich möchte für einen Monat einem Menschen Ein Dach über dem Kopf ermöglichen und zahle 60 EUR Bitte schicken Sie mir eine Spendenbestätigung zu.
Name, Vorname Straße PLZ, Ort

PARTNERSCHAFT
Ja, ich möchte einem Menschen dauerhaft Ein Dach über dem Kopf ermöglichen und zahle monatlich 60 EUR Ja, ich möchte die Aktion Ein Dach über dem Kopf regelmäßig unterstützen und zahle monatlich EUR (mindestens 10 EUR)

Einzugsermächtigung (Die Einzugsermächtigung gilt bis auf Widerruf)
Bank Konto Unterschrift BLZ Inhaber

Vielen Dank für Ihre Spende! Bitte senden Sie den Coupon an : »Ein Dach über dem Kopf« c/o mob e.V., Prenzlauer Allee 87, 10405 Berlin

Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft BLZ | BIC 100 205 00 | BFSWDE33BER IBAN DE97100205000003283801 Kennwort: »Ein Dach über dem Kopf«

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