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Greenpeace –

ungemein nützlich
Erfolge für das Gemeinwohl
Svenja Koch / Jochen Lohmann
Ungemein nützlich
Inhaltsverzeichnis

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Seite 5

1. Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie . . . . . . . . . . . . . . . 6

1.1 Richter urteilen zu Gunsten von Greenpeace . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6


Dünnsäure-Verklappung, Kronos-Prozeß 1988 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
Giftmüll Albanien, Europabrücke Kehl 1997 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
Klimakatastrophe, Plakate/Hilger/Hoechst 1999 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Gen-Raps, Potsdam Agrarminister 2001 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Castor, Anketten Mannheim 2001 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Oil of elf-Domain 2001 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

1.2 Kampagnen: Welche Aktionen hatten welche Funktion und welche Wirkung? . . . . . . . . 12
Dünnsäure . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Greenfreeze-Kühlschrank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
Weltpark Antarktis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Brent Spar, 1995 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Olympische Spiele in Sydney 2000 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
Kein Patent auf Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
TBT – Dauergift im Meer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

1.3 Gesetze und Verordnungen als Folge von Greeenpeace Kampagnen . . . . . . . . . . . . . . . 30


Das Walfangmoratorium und andere Gesetze zum Schutz der Meere . . . . . . . . . . . . . . . 30
London-Konvention: Keine Müllversenkung im Meer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
Giftmüll / Basel-Konvention . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
Diuron und der Grundwasserschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
Die Gebühren des Umweltinformationsgesetzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

1.4 Anstöße in Wissenschaft und Technik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37


Auf dem Weg zum chlorfreien Papier: „Das Plagiat“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
SmILE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
Cyrus und die Solar-Kampagne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40

1.5 Greenpeace in der DDR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41


2. Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Seite 44
2.1 Ehrenamt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.2 Greenpeace-Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
2.3 Kinder- und Jugendprojekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
2.4 genetiXproject . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
2.5 Elbeflut, August 2002 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
2.6 Bergwaldprojekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53

3. Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55


3.1 In den Bundesministerien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.2 In den Fachbehörden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
3.3 In den Enquete-Kommissionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.4 Beim Bundespräsidenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
3.5 In internationalen Institutionen als Beobachterin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
3.6 Mit Gewerkschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64

4. Zwei Beispiele für den internationalen Einsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66


4.1 Im Libanon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
4.2 In Russland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69

5. Externe Würdigungen für Greenpeace . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72

Herausgeber: Greenpeace e.V., Große Elbstr. 39, 22767 Hamburg, Tel. 040/306 18-0, Fax: 040/306 18-100, Email: mail@greenpeace.de, Politische
Vertretung Berlin, Chausseestr. 131, 10115 Berlin, Tel. 030 /30 88 99-0, Fax: 030 /30 88 99-30, Internet: www.greenpeace.de, Autoren: Svenja Koch,
Jochen Lohmann, Redaktion: Anja Oeck, Bildredaktion: Conny Böttger, Produktion: Christiane Bluhm, Gestaltung: simon_spiegel_zimmermann, Ham-
burg , F o to s Ti t e l : P. Gleizes, U. Baatz, C. Shirley, alle © Greenpeace, Druck: edp, Virchowstr. 12, 22767 Hamburg, Auflage 10.000 Exemplare,
V.i.S.d.P. Svenja Koch, 10/2003. Gedruckt auf 100%-Recyclingpapier.
Zur Deckung der Herstellungskosten bitten wir um eine Spende: Postbank Hamburg, BLZ 200 100 20, Konto-Nr. 97 338 207
© W. Geier/Greenpeace
Vorwort 5

Vorwort
Greenpeace im Dienst
der Gemeinnützigkeit
Über 30 Jahre Greenpeace, das sind drei Jahr- Aber wie sieht uns der Rest der Welt?
zehnte konfrontativer, polarisierender Kam- In diesem Report haben wir „Lob von
pagnen-Arbeit zum Schutz des Planeten als außen“ zusammengestellt und Unmengen an
Lebensraum für alle. Belegen dafür gefunden, dass Greenpeace viel-
30 Jahre, in denen sich Greenpeace neben leicht manchmal gemein, weil frech, aber
Hunderttausenden von Freunden und Förde- doch ungemein nützlich ist. Und dafür sogar
rern auch eine ganze Reihe von mächtigen von denjenigen gelobt wird, denen man es
Feinden gemacht hat. nicht zutraut (Industrie, konservative Presse,
Gerade in Deutschland gibt es seit den politische Gegner).
Protestaktionen gegen die Castor-Transporte Der Wissenschaftler Elmar Altvater
2001 eine Reihe von Politikern aus dem kon- schreibt: „Wenn die Nationalstaaten ungeeig-
servativen Lager, die Greenpeace den Status net sind, die globalen ökonomischen und
der Gemeinnützigkeit aberkennen wollen. Im ökologischen Probleme zu bewältigen, ein
deutschen Recht ist der Status der Gemein- globaler Staat aber eine Illusion ist, wächst
nützigkeit mit einer Reihe von Privilegien und den intermediären Institutionen und Organi-
Erleichterungen, u.a. mit dem Recht auf Aus- sationen ein doppelter Komplex von Aufga-
stellung von Spendenbescheinigungen ver- ben im Zuge der internationalen ökologi-
bunden, die die Arbeit von Nichtregierungs- schen Regimebildung zu: Erstens werden
organisationen, von Vereinen und Verbänden Nichtregierungs-Organisationen unverzicht-
fördern und erleichtern sollen. bare Vermittler und Multiplikatoren des
Hinter der Debatte um die Gemeinnützig- Konsenses innerhalb je nationaler (oder
keit steckt der Versuch einiger Politiker, sich regionaler) Gesellschaften ... Zweitens sind
der „lästigen“ Kritiker zu entledigen, um die NRO die Bindeglieder internationaler Netz-
eigene Hilfs- und Konzeptlosigkeit zu ka- werke, die von den Nationalstaaten nicht
schieren und Umweltprobleme zu leugnen. geknüpft werden können ... Sie sind somit
Dabei sieht etwa der Politikwissenschaftler gewissermaßen die Bindeglieder einer inter-
Ulrich Beck in Greenpeace eine Antwort auf nationalen Zivilgesellschaft.“
die Umweltkrise als Krise der Institutionen: Wir nehmen diese Herausforderung an.
„Gesellschaftstheoretisch gewendet handelt es Dieser Report stellt beispielhaft zusammen,
sich bei der ökologischen Krise um eine sys- was Kampagnen von Greenpeace an positi-
tematische Verletzung von Grundrechten (...). ven Entwicklungen für die Bürgergesell-
Gefahren werden industriell erzeugt, ökolo- schaft gefördert und ausgelöst haben. Schon
gisch externalisiert, juristisch individualisiert, Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588–
naturwissenschaftlich legitimiert und politisch 1679), eigentlich ein Befürworter absoluter
verharmlost.“ Monarchien, plädierte für ein Widerstands-
Ist Greenpeace gemeinnützig? Wir von recht des Bürgers, wenn ein Staat lebensge-
Greenpeace sind uns da einig, die über fährdende Verhältnisse erzeugt oder duldet.
500.000 Förderer in Deutschland auch. Die Wir teilen diese Erkenntnis, und sie ist
Liste unserer umweltpolitischen Erfolge ist uns Ansporn genug, unseren Weg unbeirrt
lang. Und in einer repräsentativen Umfrage weiterzugehen.
von April 2003 liegt Greenpeace zusammen
© W. Geier / Greenpeace

mit ADAC und Polizei auf der Liste der ver- Keep Greenpeace in action
trauenswürdigen Institutionen ganz oben. Brigitte Behrens
6 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

Greenpeace im zulässig, ließ sie aber weiter bestehen. In der


gemeinnützigen mündlichen Verhandlung hatte sich der vor-
sitzende Richter Gärtner 1 für das Greenpeace-
Dienst für Umwelt Anliegen stark gemacht: für die Einführung
und Demokratie des Verursacherprinzips in die Rechtspre-
chung. Er prangerte die unhaltbaren Zustän-
de in der Nordsee an und forderte die Politi-
1.1 Richter urteilen ker zu einem schnellen und entschlossenen
zu Gunsten von Greenpeace Handeln auf und meinte, das Vorgehen von
Greenpeace sei löblich.
Dünnsäure-Verklappung, In der Urteilsbegründung heißt es zur
Kronos-Prozess 1988 Beibehaltung der einstweiligen Verfügung:
Am 27.7.1988 wurde vor dem Landgericht „Die Kammer war sich bei dieser Bewertung
Oldenburg über die Rechtsmäßigkeit einer durchaus bewusst, dass nach der gegenwär-
einstweiligen Verfügung verhandelt, die von tigen Rechtslage für die Verfügungsbeklag-
der Firma Kronos Titan am 30.5.1988 in Nor- ten (A.d.V.: also Greenpeace) ein effektiver
denham gegen Greenpeace erwirkt wurde. Rechtsbehelf nicht gegeben ist. Dies vermag
Greenpeace hatte das Dünnsäure-Verklap- aber nichts daran zu ändern, dass auch die
pungsschiff der Firma drei Tage am Auslau- Verfügungsbeklagten sich an die geltende
fen und am Verklappen der Giftfracht gehin- Rechtsordnung zu halten haben, die nur vom
dert, um auf die Verschmutzung der Nordsee Gesetzgeber geändert werden darf. Dass die
und das massenhafte Robbensterben auf- Kammer, wie auch in der mündlichen Ver-
merksam zu machen. handlung zum Ausdruck gekommen sein
Greenpeace behindert ein
Dünnsäure-Verklappungs-
Im Beschluss des Landgerichts Olden- dürfte, die weitere Verbringung von Indus-
schiff am Auslaufen burg vom 17. August bezeichnete das Gericht trieabfällen in die Nordsee an sich für nicht
in Nordenham. die einstweilige Verfügung teilweise als un- mehr vertretbar hält, vermag an dieser recht-
lichen Bewertung nichts zu ändern, da auch
die Kammer, wie im übrigen das Amtsge-
richt Nordenham, sich nur im Rahmen der
geltenden Rechtsordnung bewegen konnte.“
Das Verständnis des Richters Gärtner war
der erste Schritt in die richtige Richtung.
Einzelheiten zum Erfolg der Kampagne und
zu den entsprechenden Gesetzesänderungen,
die folgten, stehen im Abschnitt 1.2.

Giftmüll Albanien,
Europabrücke Kehl 1997
Das Amtsgericht Kehl hat im Gerichtsverfah-
ren im Juli 1996 zu einer Aktion vom März
1994 auf der Europabrücke in Kehl Verständ-
nis für das Anliegen der Greenpeace-Demon-
stranten gezeigt und den Vorwurf der Nöti-
gung zurückgewiesen2. Greenpeacer hatten
© v. Stengel / Greenpeace

damals 21 Fässer eines aus Deutschland stam-


menden Giftmülltransports über Italien und
Frankreich aus Albanien zurückgeholt. Nun

1) PE vom 27.7.88.
2) Beschluss Amtsgericht Kehl.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 7

wurden die Fässer mit zwei LKWs über die


Europabrücke Kehl in die Bundesrepublik
eingeführt. Der LKW wurde auf der Brücke
abgestellt und Bundesumweltminister Töpfer
aufgefordert, sich um den albanischen Gift-
müll deutscher Herkunft zu kümmern.
In der Urteilsbegründung des Kehler Ge-
richts heißt es: „Angesichts der unabsehba-
ren Gefahren für die Menschen in den be-
troffenen Regionen (...) einerseits und der
dagegen geringfügigen und zeitlich nur auf
Stunden beschränkten Verkehrsbehinderung
durch die nicht verkehrsbedingt abgestellten
beiden Fahrzeuge von Greenpeace anderer-
seits, überwiegt das wohlverstandene öffent-
liche Interesse am Ruf der Bundesrepublik
Deutschland durch die ,humanitäre‘ Rück-
holaktion der Pestizide bei einer Güterabwä-
gung mit dem ebenfalls schutzwürdigen In- Blockierer als solche, sondern durch zwei Mit einer Straßensperre
teresse am reibungslosen Verkehr auf öffent- Fahrzeuge auf der Brücke die Straßensperre auf der Kehler Europabrücke
lichen Straßen und Brücken.“ erreichtet wurde. (A.d.V.: Das Amtsgericht protestieren Greenpeacer
gegen illegale Giftmüllab-
Mit der Aktion auf der Kehler Europa- nimmt hier Bezug auf das berühmte Sitzblo- schiebungen nach Albanien.
brücke sollte auf die unhaltbaren Zustände ckade-Urteil vom Januar 19954.)
im albanischen Bajze aufmerksam gemacht Das entscheidende Moment ist jedoch,
werden. Mit Reichsbahn-Waggons hatte eine dass diese Fahrzeuge gerade Gegenstand der
Firma aus Hannover zwischen September Demonstration waren, nämlich durch ihre
1991 und Juli 1992 785 Tonnen hochgiftige Ladung auf einen Umweltskandal aufmerk-
Pflanzenschutzmittel aus der DDR-Produktion sam machen sollten. Die ,Kraftentfaltung‘
dorthin gebracht. In der Nähe des Zuges kam beim Auffahren der Fahrzeuge (...) war not-
es zu schweren Umweltschäden, und es drohte wendigerweise Bestandteil der Meinungsäu-
der Eintritt einer Umweltkatastrophe. Green- ßerung selbst, denn eine Blockade mit belie-
peace hatte den Giftmüll verpackt und auf big anderen Fahrzeugen hätte gerade nicht
den Weg nach Deutschland gebracht3. Sinn und Zweck der Aktion entsprochen.
Das Gericht argumentierte, dass keine Nö- Auch das Anketten der Aktivisten an die
tigung vorliege, weil man nicht so genannte Fahrzeuge ist keine ,Gewalt‘; die hierfür be-
„Fernziele“ verfolgt habe, sondern das „Nah- nötigte Kraftentfaltung minimal. Es dient
ziel“, die illegal exportierten und nunmehr für alle erkennbar ausschließlich dem Zweck,
zurückgeführten Abfälle an der Grenze der eigene Gewaltfreiheit zu demonstrieren und
zuständigen Behörde zu übergeben. Ein wei- die Ernsthaftigkeit des Protestes zu betonen.
terer Abfalltransport durch die Bundes- Es bestand von Anfang an bei allen Betei-
republik sei gerade nicht gewollt gewesen. ligten kein Zweifel, dass von der Greenpeace-
Im Einzelnen heißt es im Beschluss vom Aktion keinerlei Gewalt gegen konkrete Per-
17.7.1996: „Zunächst ist festzustellen, dass sonen oder Sachen ausgehen würde. Gewalt:
sich der hier zu Grunde liegende Fall zwar hier verstanden als unmittelbare Ausübung
vom Sachverhalt, der dem Bundesverfas- eines physischen Zwangs auf irgendein Opfer
© B. Euler / Greenpeace

sungsgericht zur Entscheidung vorlag, inso- oder gegen Sachwerte.“ Dass von den Green-
weit unterscheidet, als hier nicht durch die peace-Aktivisten keinerlei Gewalt im üblichen

3) PE zur Lage in Albanien vom 4.3.1994.


4) Artikel aus der FR zu diesem Urteil.
8 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

Presse und Umweltministerium waren darü-


ber informiert, dass Greenpeace bereits auf
dem Verhandlungswege versucht hatte, ei-
nen Rücktransport zu erreichen, jedoch ohne
Erfolg. Da der Giftmüll aus Deutschland
kam, lag eine moralische, wenn nicht gar
rechtliche Verpflichtung für die BRD vor. (...)
Die hier zu beurteilende Aktion von
Greenpeace hatte nicht nur den Rücktrans-
port der anderen noch in Albanien lagernden
Giftmüllfässer zur Folge, sondern auch, dass
in der Folgezeit mit erhöhter Intensität an
den gesetzlichen und vertraglichen Regelun-
gen des Verbots von Giftmülltransport gear-
beitet wurde. Dieses Ziel war bei der Aktion
mit umfasst worden.
„Angesichts der unabsehbaren Gefahren
Mit Gasmasken und Sinne des Sprachgebrauchs zu erwarten war, für die Menschen in den betroffenen Regio-
Schutzanzügen sichern wurde allgemein so gesehen und fand auch nen (...) einerseits und der dagegen geringfü-
Greenpeaceer 1994 in
in der örtlichen Presse ihren Niederschlag: gigen und zeitlich nur auf Stunden beschränk-
Albanien Giftmüllfässer
aus Deutschland. So wird in der Kehler Zeitung vom 12.03.1994 ten Verkehrsbehinderung durch die nicht
die Meinung eines Bundesgrenzschutzbeam- verkehrsbedingt abgestellten beiden Fahrzeu-
ten mitgeteilt, dass man am meisten Angst ge von Greenpeace andererseits, überwiegt
vor Angetrunkenen gehabt habe, die ihrem das wohlverstandene öffentliche Interesse
angestauten Unmut Luft machen würden. am Ruf der Bundesrepublik Deutschland
„Bei Greenpeace selbst habe man hingegen durch die ,humanitäre‘ Rückholaktion der
keinerlei Befürchtungen gehabt, schließlich Pestizide bei einer Güterabwägung mit dem
sei bekannt, dass sie sich ausschließlich auf ebenfalls schutzwürdigen Interesse am rei-
passiven Widerstand versteifen.“ bungslosen Verkehr auf öffentlichen Straßen
Ausgehend von dieser – von den Ereig- und Brücken.
nissen auch voll bestätigten – Überzeugung, Diese gilt für die Teilnahme aller hier
dass die Greenpeace-Aktivisten weder Steine Beschuldigten an der Aktion, da ausnahms-
werfen, noch irgendwelche Gemeinheiten los ein moralisch hochwertiges und dem
gegen Polizeibeamte oder Bürgerinnen und wohlverstandenen deutschen Interesse ent-
Bürger begehen würden, verlief der Umlei- sprechendes Verhalten bei Einhaltung strik-
tungsverkehr ab 13 Uhr reibungslos. (...) ter Selbstdisziplin festzustellen ist.“
Selbst wenn der Tatbestand der „Gewalt- Die Staatsanwaltschaft gab sich damit
entfaltung“ bejaht würde, was das Gericht allerdings nicht zufrieden. Schließlich einig-
beim hier vorliegenden Sachverhalt für te man sich, dass die 17 Beteiligten 250 DM
unvereinbar mit dem Grundgesetz hielte, an die Nothilfe für Suizidgefährdete und chro-
entfiele die Anwendung des § 240 StGB nisch Schmerzkranke e.V. zahlen und dass das
(Nötigung), denn die den Beschuldigten Verfahren damit endgültig eingestellt wird.
angelastete Tat wäre nicht rechtswidrig. Diese Beträge liegen weit unter den beim
Insoweit fehlt es am Merkmal der Verwerf- Amtsgericht Kehl üblichen Summen.
© S. Vielmo / Greenpeace

lichkeit, § 240 II StGB. (...) Am 25.3.1994 wurde das Greenpeace-En-


Hintergrund der Aktion der Beschuldig- gagement schließlich abschließend belohnt.
ten war demnach, dass erhebliche Gewässer- Die Teilnehmer-Staaten der Basel-Konventi-
verseuchungen befürchtet wurden. Die Trink- on verabschiedeten ein weltweites ausnahms-
wasserversorgung für Teile Montenegros und loses Verbot für alle Giftmüllexporte aus den
Westalbaniens drohte in Gefahr zu kommen. reichsten Industrienationen nach Osteuropa
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 9

und in die so genannte Dritte Welt. Exporte „Die Feststellung des Bundesgerichtsho-
zum Zweck des Recyclings unterlagen einer fes, die Plakataktion von Greenpeace sei
strengen Überwachung und wurden ab De- weder als Angriff auf die Menschenwürde
zember 1997 ganz verboten 5. des Beschwerdeführers noch als Schmähung
einzustufen, ist von Verfassungs wegen nicht
(Näheres dazu im Abschnitt 1.3.) zu beanstanden. (...)
Der Bundesgerichtshof hat andererseits
Klimakatastrophe, erhebliche Gesichtspunkte angeführt, die für
Plakate/Hilger/Hoechst 1999 einen Vorrang für die Meinungsfreiheit spre-
Nach neun Jahren Rechtsstreit bis vor das Bun- chen. Das gilt vor allem für die Erwägung,
desverfassungsgericht ging am 5. Juni 1999 das Plakat betreffe eine Frage von herausra-
ein wegweisendes Gerichtsverfahren zur Ver- gender umweltpolitischer Bedeutung. Die
teidigung der Meinungsfreiheit zu Ende – Problematik eines FCKW-Verbots wurde zu
fast pünktlich zum 50. Jahrestag des Grund- Beginn der 90er Jahre ausgiebig und höchst
gesetzes. Das höchste deutsche Gericht lehn- kontrovers in Politik und Gesellschaft disku-
te die Verfassungsbeschwerde des früheren tiert. Mit der Plakataktion verfolgte Green-
Vorstandschefs der Hoechst AG, Wolfgang peace ersichtlich das Ziel, in dieser die Öffent- Greenpeace-Protest gegen
Hilger, gegen ein Protestplakat der Umwelt- lichkeit wesentlich berührenden Frage Druck den Klimawandel und dessen
organisation ab und bestätigte das Urteil des auf Unternehmen auszuüben, welche noch Hauptverantwortliche.
Bundesgerichtshofs von 1993 über die Zuläs- FCKW produzierten. Zu Recht hat der Bun-
sigkeit des Plakats6. desgerichtshof betont, dass sich eine Person,
Es ging um ein Motiv als Protest gegen die sich kraft ihrer Stellung Entscheidungen
den Klimawandel. Darauf waren zwei Porträts von solcher Tragweite, wie sie hier zur De-
der Kläger zu sehen mit dem Spruch: „Alle batte stünden, zurechnen lassen müsse, in
reden vom Klima – Wir ruinieren es: Prof. besonderer Weise der Kritik zu stellen habe.“
Dr. Wolfgang Hilger, Hoechst – Konsul Cyril (Mehr dazu im Abschnitt 1.2. FCKW-
van Lierde, Kali-Chemie“. Greenfreeze-Kühlschrank)
Das Urteil bedeutet bis heute, dass sich Dazu schreibt der Greenpeace-Anwalt
Unternehmer genauso wie Politiker öffent- Michael Günther im „Greenpeace-Buch“8:
liche Kritik auch in polemischer Form „Die Freiheitsrechte schaffen den Raum
auf Plakaten gefallen lassen müssen, wenn für öffentliche Meinungsbildung – ohne das
sie Entscheidungen zu verantworten haben, Recht auf Information und ohne einen freien
die die Umwelt belasten. Greenpeace hat Diskurs ist ein wirksamer Umweltschutz
damit ein Recht für alle Umweltinitiativen nicht möglich. (...) Konfliktbereitschaft ist
erstritten. Die Plakate mit dem umstrittenen deshalb so wichtig, weil sich die Rechtsord-
Motiv waren Teil einer Kampagne, mit nung in einer Schieflage befindet. Der
der Greenpeace Anfang der neunziger Jahre gerichtliche Rechtsschutz – und damit auch
gegen die Herstellung von Fluorchlorkohlen- die Rechtmäßigkeitskontrolle der Verwal-
wasserstoffen (FCKW) durch die Kali- tung und die Durchsetzung rechtlicher
Chemie und die Hoechst-AG protestiert Pflichten – ist fast ausschließlich an eigen-
hatte. nützige Interessen, an subjektive, öffentliche
In der Begründung des Bundesverfas- Rechte, nicht aber an das Gemeinwohl ge-
sungsgerichtes, warum die Beschwerde Hil- koppelt. Jeder Bürger kann sein Privateigen-
gers nicht angenommen wurde, nimmt das tum und seine egoistischen Interessen vor
Gericht Bezug auf das Urteil des Bundesge- Gericht verteidigen. Rechtswidrige, vom Staat
richtshofs7: geduldete Eingriffe in Umwelt und Naturgü-
© Greenpeace

5) PE vom 25.3.1994.
6) PE vom 5.6.1999
7) Begründung Bundesverfassungsgericht vom 8. April 1999 und Urteil Bundesgerichtshof vom 12. Okotber 1993.
8) Das Greenpeace-Buch/C.H.Beck, Seite 75, „Greenpeace und das Recht“.
10 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

ter hingegen können in der Regel vor Gericht protestieren9. 20 Aktivisten schaufelten eine
nicht mit Erfolg verhindert werden. Das Ver- Lastwagenfuhre der Gentech-Pflanzen vor
waltungsermessen wird von denen beein- den Eingang eines Hotels in Potsdam, wo der
flusst, die wirtschaftlich und vor Gericht Minister einen Agrarkongress eröffnete.
Druck ausüben können. (...) Ende Mai hatte Greenpeace den illegal nach
Gegendruck, erzeugt durch öffentliche Deutschland gelieferten Raps auf einem Feld
Aktionen, korrigiert die Schieflage bis zu in der Nähe von Ulm abgemäht10.
einem gewissen Grad – verantwortungsbe- In der Begründung der Potsdamer Staats-
wusste Beamte und Richter sind dafür manch- anwaltschaft heißt es11: „In Anbetracht des-
mal dankbar.“ sen, dass bis auf die Reinigungskosten des
Aus Protest gegen Gentechnik
in der Landwirtschaft kippen
Greenpeacer den politisch
Verantwortlichen Gen-Raps
vor das Kongress-Gebäude.

Gen-Raps, Hotels keine Schädigungen verursacht wur-


Potsdam Agrarminister 2001 den, stellt sich die Blockierung des Hauptein-
Auch bei einer Aktion gegen Gentechnik in gangs durch Mist, den die Aktivisten von
der Landwirtschaft am 5.6.2000 gaben die Greenpeace als ,Genraps‘ bezeichnen, noch
Juristen dem Anliegen der Umweltschützer als sozialadäquate Nebenwirkung der Mei-
Recht. Mit Ausnahme eines Aktivisten stellt nungs- und Versammlungsfreiheit dar, so
die Staatsanwaltschaft Potsdam die Ermitt- dass das Handeln der Aktivisten von ,Green-
lungsverfahren gegen die übrigen ein. peace‘ nicht als ,verwerflich‘ i.S. von § 240
© P. Langrock / Zenit / Greenpeace

Die Greenpeacer hatten dem damaligen Abs. 2 StGB (Nötigung) anzusehen ist.“
Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke Gegen den Strafbefehl wurde Einspruch
(SPD) eine Ladung gentechnisch veränderten eingelegt. Hauptverhandlung vor dem Amts-
Raps vor die Füße gekippt, um damit gegen gericht Potsdam wurde für Juni 2001 anbe-
den gentechnikfreundlichen Kurs Funkes zu raumt. Das Verfahren wurde gegen Zahlung
9) PE vom 5.6.2000.
10) PE vom 29.5. 2000.
11) Begründung GP-Az.:20/2000.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 11

einer Geldbuße eingestellt und ist damit ab-


geschlossen.

Castor, Anketten Mannheim 2001


Am frühen Morgen des 23.4.2001 waren auf
dem Rangierbahnhof in Mannheim-Hoch-
stätt unter der Autobahnbrücke drei leere
Castor-Behälter auf Eisenbahn-Waggons ab-
gestellt.
Sechs junge Greenpeacer hatten sich je-
weils zu zweit zusammengekettet, und zwar
unter den Schienen und unter den Trans-
portbehältern, um grundsätzlich gegen Cas-
tor-Transporte zu protestieren. Die leeren Be-
hälter sollten befüllt und dann über Frank-
reich in die Wiederaufarbeitungsanlage Sel-
lafield gebracht werden. Die Umweltschüt-
zer wurden vor dem Jugendgericht des Amts-
gerichtes Mannheim wegen gemeinschaft-
licher Nötigung angeklagt.
In der Urteilsbegründung vom 20. Juni
2001 schrieb das Gericht12, dass das Anketten
an die Gleise zwar als „sozial unverträglich“
anzusehen sei, aber: „Das Gericht ist der An- schon früh sinnvolle Freizeitinteressen und Durch Anketten an den
sicht, dass der Zweck der Nötigung als sol- außerschulische Engagements entwickelt und Schienen der Castor-
cher hier nicht als verwerflich angesehen vermochten in der Hauptverhandlung ein Transportstrecke protestieren
Greenpeacer gegen die
werden kann, da das verfolgte Nahziel der sachliches und ruhiges Gespräch zu führen. Atomenergie.
Verzögerung des Castor-Transports und des Was die Straftat betrifft, so gehören alle
Polizeieinsatzes unter dem von den Ange- sechs ohne Zweifel nicht zu irgendwelchen
klagten angeführten Fernziel – öffentlicher zweckfrei Randalierenden. Vielmehr wurde
Hinweis auf die Nicht-Verantwortbarkeit des deutlich, dass sie in Bezug auf Umweltschutz-
Transports von Atommüll ins Ausland wegen fragen und speziell die Atomenergie thema-
des dort nahezu unkontrollierten Umgangs tisch und inhaltlich außerordentlich gut
mit diesem gefährlichen Stoff- gerade um die informiert waren und darüber auch sehr
Zeit des 15. Jahrestages der Katastrophe von sachlich und ruhig und ohne jede Militanz
Tschernobyl nachvollziehbar erscheint.“ zu reden vermochten. Dabei war ihnen die
Und zum Schluss gibt es sogar noch rich- Gewaltfreiheit ihrer Aktionen, wie sie sie in
terliches Lob für das Engagement der sechs: ihrem Laienverständnis definiert haben, ex-
„Nach dem Ergebnis der Hauptverhand- trem richtig (A.d.V.: wahrscheinlich ist „wich-
lung hielt es das Gericht für angemessen, tig“ gemeint), nämlich dahin gehend, dass
allen sechs Angeklagten eine Verwarnung weder Sachen noch Menschen zu Schaden
sowie eine sechstägige Arbeitsauflage zu er- kommen sollten. Auf diesem positiven Hin-
teilen. Positiv erscheint es, dass alle Ange- tergrund hielt das Gericht erzieherische Maß-
klagten einen auffallend positiven persön- nahmen nicht für notwendig.“
lichen und schulischen Lebensweg vorwei-
© M. Fink / Greenpeace

sen können. Sie durchlaufen sehr zielstrebig Oil of elf 2001


und bewusst ihre schulische bzw. berufliche Der Mineralölkonzern TotalFinaElf war vor
Laufbahn und haben dabei Erfolg, sie haben Gericht gezogen, weil Greenpeace unter der

12) Urteilsbegründung Amtsgericht Mannheim.


12 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

Internet-Adresse oil-of-elf Informationen zu weil soziale Bewegungsorganisationen und


den Umweltverbrechen bei der Ölförderung ihre Kampagnenarbeit selbst Teil dieser Arena
in Russland darstellte, für den sie den Kon- sind, ihre Einbindung nicht strategischer,
zern mit verantwortlich machte. TotelFinaElf sondern struktureller Art ist. Beispielsweise
klagte auf Unterlassung. sprechen die Vereinten Nationen und ihre
Das Kammergericht Berlin entschied am diversen Unterorganisationen internationa-
23. Oktober 2001: „Der Antragstellerin (Total len NRO eine stets wichtigere Rolle zu.“14
FinaElf) steht gegen den Antragsgegner (Green- Die Wissenschaftler Hilmar Schmidt und
peace ) kein Unterlassungsanspruch dahin zu, Ingo Take sehen „den Beitrag von Nichtregie-
unter der Internet-Domian www.oil-of-elf auf- rungs-Organisationen zur Demokratisierung
zutreten.“ Damit stellte das Gericht die Infor- internationaler Politik und außenpolitischer
mationsfreiheit höher als Verletzungen des Fir- Entscheidungsprozesse (...) in erster Linie in
men- oder Namensrechts13. der Schaffung von Transparenz. (...) Die Trans-
parenz politischer Entscheidungsprozesse ist
eine zentrale Kategorie der gesellschaftlichen
1.2 Kampagnen: Rückbindung von politischer Macht (...) NGOs
Welche Aktionen hatten welche unternehmen es deshalb, sich auch in außen-
Funktion und welche Wirkung? politischen bzw. internationalen Fragen Kom-
petenz zu erwerben (zumindest in Bezug auf
Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern ihr jeweiliges ‚issue‘) und sich damit in die
beschäftigen sich mit den Grundmustern Lage zu versetzen, internationale Entschei-
globalen kollektiven Handelns und analysie- dungsprozesse zu durchschauen.“15
ren dabei auch die internationalen Kampag- Die Öffentlichkeit traue deshalb in stei-
nen von NGOs, von Nichtregierungsorgani- gendem Maße den „issue“-orientierten NGOs
sationen wie Greenpeace. So beschreibt der zu, auf die neuen Probleme in angemessener
Wissenschaftler Christian Lahusen die Kon- Weise zu reagieren als die Parteien und In-
textbedingungen internationaler Kampag- teressenverbände (siehe auch Abschnitt 1.2
nen wie folgt: „Wie Thränhardt bezeichnend zu Brent Spar).
feststellt, hat die Inkongruität zwischen glo- Auch Ansgar Klein betont die „unbestreit-
balen Risiken und Missständen, bestehen- bar (...) wichtige Rolle, die Bewegungsakteu-
den Moralstandards und dem Fehlen eines ren bei der Artikulation von Problemsichten
effektiven transnationalen Regierungshan- im Prozess der politischen Willensbildung
delns die Rolle und den Einfluss von sozialen zukommt. Die Thematisierung der Ökologie-
Bewegungen in der internationalen Arena frage und von Fragen des Geschlechterver-
verstärkt und international agierende Nicht- hältnisses ist das Verdienst der neuen sozia-
Regierungsorganisationen (NGO) in zuneh- len Bewegungen. (...) Und auch Greenpeace
mendem Maße als ‚missing link‘ etabliert. trägt – bei allen Ambivalenzen und Risiken
Soziale Bewegungsakteure können nämlich einer mit den Mitteln symbolischer Politik
initiativ werden und internationale Abkom- unter den Selektionsvorgaben der Massen-
men einklagen oder kontrollieren, ohne auf kommunikation operierenden Kampagnen-
Diplomatie und Prinzipien der Nichteinmi- politik – zur öffentlichen Problemartikula-
schung Rücksicht nehmen zu müssen. Das tion aus Sicht advokatorischer Politik bei.“16
heißt, internationale Regime gelten nicht bloß Greenpeace gehört zu den „issue-orien-
als externe politische Gelegenheitsstruktu- tierten“ NGOs, den themenorientierten Nicht-
ren für strategisches Bewegungshandeln, regierungsorganisationen, die in Kampagnen
13) Urteilsbegründung.
14) Christian Lahusen, Internationale Kampagnen. Grundmuster und Kontextfaktoren globalen kollektiven Handelns,
Forschungsjournal NSB, Jg. 9, Heft 2, 1996.
15) Hilmar Schmidt und Ingo Take/„Demokratischer und besser?“ Seite 14.
16) Ansgar Klein, Die Legitimität von Greenpeace und die Risiken symbolischer Politik. Konturen und Probleme einer medialen Stellvertreterpolitik
im Bewegungssektor, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 9, Heft 1, 1996.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 13

Missstände an die Öffentlichkeit bringen, langfristigen Ziel erklärt, sondern das Ende
um politische Veränderungen zu bewirken. der Einträge schädlicher Stoffe bis 2020. (...)
Und die reichen oft über das eigentliche Die Bedeutung europäischer Umweltpoli-
kurz- oder mittelfristige Ziel der Kampagne tik wurde in Deutschland in den 80er Jahren
hinaus. Hier einige Beispiele: nur wenig wahrgenommen. Erst im Rück-
blick wird deutlich, in welcher Weise die Dis-
Dünnsäure kussion um die Dünnsäure die europäische
1980 startete Greenpeace eine Kampagne zur Entwicklung zwischen 1973 (Erstes Aktions-
Beendigung der Dünnsäure-Verklappung in programm der Europäischen Gemeinschaf-
der Nordsee. Das sachbezogene Ziel war die ten) und Mitte der 90er Jahre (Verträge von
Einstellung der Ableitung saurer Produkti- Maastricht und Amsterdam) geprägt hat. Das
onsabfälle aus der Titanoxidherstellung ins Verhältnis zwischen Parlament und Rat und
Meer. Titanoxid war für die Herstellung von das Verhältnis zwischen Artikel 130s (Umwelt-
Farben wichtig. Doch mit dieser Kampagne schutzmaßnahmen, einstimmige Entschei-
ist es der Umweltorganisation indirekt ge- dungen im Rat, ursprünglich keine Beteili-
lungen, das Vorsorgeprinzip in der öffentli- gung des Parlaments) und 100a (Markthar-
chen Debatte zu verankern. Die Verklappung monisierung, Mehrheitsentscheidungen im
von so genanntem Grünsalz aus der Titan- Rat, Beteiligung des Parlaments) wurden ent-
dioxid-Produktion endete 1984. Zum ersten scheidend von der Titandioxid-Debatte ge-
Mal erwähnte dieses Prinzip die erste Nord- prägt. Sie hatte deutlich gemacht, in welchem
see-Ministerkonferenz 1984. Das Prinzip wur- Maße umweltbezogene Anforderungen an
de 1987 auf der zweiten Nordseekonferenz Produktionsprozesse marktprägend für be-
weiterentwickelt. Die Einbringung von Dünn- stimmte Produkte sein können.“
säure wurde Ende 1989 ganz eingestellt. Und ein Auszug aus dem Sachbuch „Che-
1989 wurde das Vorsorgeprinzip sogar vom mische Industrie – Umweltschutz, Arbeits-
Umweltprogramm der Vereinten Nationen schutz, Anlagensicherheit“ von Horst Pohle19:
übernommen17. „Die am 21. Juni 1989 verabschiedete drit-
Andreas Ahrens und Jochim Lohse von te Titandioxid-Richtlinie der EG zur Harmo-
Ökopol, Hamburg haben für Greenpeace die nisierung der nationalen Verringerungspro-
Langzeitwirkung der Kampagne ausgewertet: gramme enthält Übergangsfristen für die
„Die politischen Auseinandersetzungen Einleitung von Dünnsäure bis Mitte 1993,
um die Titandioxidrichtlinie der EU und die insbesondere von Frankreich, Großbri-
die parallelen Diskussionen im Rahmen von tannien und Spanien in Anspruch genom-
OSPAR (Oslo-Paris-Kommission zum Mee- men werden. (...) Die Richtlinie ist für den
resschutz) sind als Schlüsselauseinanderset- europäischen Gewässerschutz von besonde-
zungen um den Besorgnisgrundsatz bzw. das rer Bedeutung. Für die Einleitung eines Stof-
Vorsorgeprinzip zu werten18. Aus der Erkennt- fes (Dünnsäure) gelten erstmals keine Quali-
nis, dass selbst für punktförmige Einträge tätsziele, sondern Einleitungsverbote. Hier
gefährlicher Stoffe die beobachtbaren biolo- hat sich mit der Umsetzung des Standes der
gischen Effekte selten monokausal erklärbar Technik die vorsorgende Umweltschutzpoli-
sind, hat sich im Bereich der Meeresschutz- tik durchgesetzt.“
Konvention das Vorsorgeprinzip politisch
durchgesetzt. So haben die OSPAR und HEL- (Siehe auch Gerichtsurteil zu Dünnsäure im
COM Strategie gegen gefährliche Stoffe 1998 Abschnitt 1.1.)
nicht nur die Vermeidung von Effekten zum

17) Kevin Stairs auf Greenpeace-WTO-Workshop Juli 2000 in Genf, Greenpeace International seminars on Safe Trade, Seite 14.
18) Rekonstruktion und Bewertung zweier Greenpeace-Kampagnen zum Meeresschutz /Andreas Ahrens, Joachim Lohse/Ökopol Hamburg,
März 1999, S. 17.
19) „Chemische Industrie – Umweltschutz, Arbeitsschutz, Anlagensicherheit“ von Horst Pohle/VCH Verlagsgesellschaft 1991.
14 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

Greenfreeze-Kühlschrank Zeitung der Welt auf chlorfrei gebleichtem


1989 startete Greenpeace eine Kampagne Tiefdruckpapier in Form eines Spiegel-
gegen Fluorkohlenwasserstoffe (FCKW) zu Plagiats (siehe auch Abschnitt 1.4).
einem Zeitpunkt, als sich keine Regierung Die Geschichte des FCKW-freien Kühl-
für ein Verbot dieses aggressiven Stoffes ein- schranks namens Greenfreeze begann 1990
setzte. FCKW zerstören die Ozonhülle der gegen den Widerstand der gesamten Bran-
Erde, die vor schädlichen UV-Strahlen der che und brachte innerhalb von drei Jahren
Sonne schützt. In einem Rückblick schreibt den Durchbruch für die umweltschonende
Chris Rose, ehemaliger Geschäftsführer von Kühltechnik in Deutschland.
Greenpeace England20: „Der US-Innenstaats- Im Gegensatz zu den sieben großen deut-
sekretär Donald Holdel schlug vor, anstatt schen Kühlschrankherstellern, die die Natur-
der Industrie den Ausstieg aus FCKW nahe gase Propan und Butan als Ersatz für den Kli-
zu legen, solle man Amerikaner dazu ermun- makiller FCKW noch bis in das Jahr 1993
tern, Sonnenbrillen, Hüte und Sonnencreme verteufelten, griff das von der Schließung
zu tragen.“ bedrohte Unternehmen dkk im sächsischen
Scharfenstein den Greenpeace-Vorschlag „Na-
turgase statt FCKW und FKW“ auf. In kür-
zester Zeit entwickelten Geschäftsführung
und Belegschaft der dkk Scharfenstein (später
Foron) den Greenfreeze bis zur Serienreife.
Auf der Domotechnica, der weltgrößten
Haushaltsmesse, präsentierten im Februar
1993 plötzlich auch Bosch, Siemens, Liebherr
und Miele Kühlschränke, die mit Isobutan
als Kälte- und Pentan als Schäummittel ar-
beiteten – keine fünf Monate, nachdem sie
diese fortschrittliche Technik als „unrealis-
tisch“ und gefährlich diffamiert hatten. Green-
freeze bekam auf der Domotechnica vom
deutschen Umweltministerium den Blauen
Umweltengel verliehen. Es sollte nicht die
letzte Auszeichnung bleiben.21
In einem Artikel über die „Foron-Story“
im „Akzente Special Edition /December 1994”,
einer Publikation der Gesellschaft für techni-
Auf der Messe in China In zunehmendem Maße begann Green- sche Zusammenarbeit (GTZ), hieß es: „Im Fe-
stellt der Greenpeacer peace nicht nur Protest und Widerstand zu bruar 1993 gewann der ,saubere Kühlschrank‘
Wolfgang Lohbeck 1993 den
formulieren, sondern auch positive Lösungen den Blauen Engel des Umweltministeriums
FCKW-freien Greenfreeze vor.
und Optionen zu erarbeiten. Auf technologi- auf der Domotechnica. Im März begann die
schem Gebiet gehören hierzu insbesondere Massenproduktion. Im Juni wurde die Firma
zwei Demonstrationsobjekte, die fundamen- mit dem ersten Umweltpreis der Bundesum-
tale industrielle Umwälzungen zur Folge hat- weltstiftung belohnt. Darauf folgte im Herbst
ten: der weltweit erste FCKW/FKW-freie der Innovationspreis des Freistaats Sachsen
Kühlschrank, Greenfreeze, sowie die erste und der Alternative Marketing Preis, den Di-
20) www.greenpeace.org/„Trail-blazers – The Strategic Role of Greenpeace“/Chris Rose
21) Auch die Entwickler der als „Dortmunder Mischung“ bekannt gewordenen halogenfreien Ersatzstoffe für FCKW, Prof. Dr. Harry Rosin und
© Greenpeace

Dr. Hans Preisendanz, wurden ausgezeichnet. Die beiden Mediziner wurden am 24.11.2000 im Umweltministerium in Düsseldorf mit dem
Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland für die Entwicklung und Durchsetzung einer neuen umweltfreundlichen Kälte-
technik, der ab 1993 durch die Zusammenarbeit mit Greenpeace unter dem Titel „Greenfreeze“ in Kühlschränken der Durchbruch gelang.
Staatssekretärin Christiane Friedrich: „Mit dieser FCKW-freien Kältetechnik haben Prof. Dr. Harry Rosin und Dr. Hans Preisendanz einen
besonders bedeutenden Beitrag zur Erhaltung der Ozonschicht und damit der Umwelt geleistet.“
Presseerklärung des MURL NRW. http://www.munlv.nrw.de/presse/pressemitteilungen/ue001124.htm
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 15

rektor Günther mit dem Greenpeacer Wolf- den Greenfreeze. In der Einleitung des von
gang Lohbeck teilte.” Greenpeace herausgegebenen Sammelban-
Mit der Entwicklung des Greenfreeze war des zum Thema „Hydrocarbons and other
der FCKW-Ausstieg ein Stück näher gerückt progressive answers to refrigeration” schreibt
und Arbeitsplätze gerettet. Als gemeinnützi- der deutsche „Kältepapst“ Prof. Dr. Ing. Horst
ge Organisation hatte Greenpeace bis Ende Kruse (Universität Hannover, Institut für Käl-
1992 ca. 500.000 DM investiert.22 tetechnik und angewandte Wärmetechnik):
Im GTZ-Jahrbuch 1995 „Hydrocarbon „Greenpeace hat bei der Anwendung von
Technology Yearbook 1995 – The Use of Hy- Kohlenwasserstoffen in modernen Kühlgerä-
drocarbons as Foaming Agents and Refrige- ten, Klimaanlagen und Wärmepumpen die
rants in Household Refrigeration” wird der wichtigste Rolle gespielt. (...) Es war (A.d.V.
Einsatz von Greenpeace ebenfalls lobend er- die Umweltorganisation) Greenpeace, die
wähnt. Besonders das Engagement des Green- sich um den Ersatz von FCKW durch HFKW
peace-Experten Wolfgang Lohbeck wird her- bemüht hat, weil die Fluorchlorkohlenwas-
vorgehoben: „Im Oktober 1993 gewann Loh- serstoffe einen ernormen Anteil des globalen
beck den Alternativen Marketing Preis für Erwärmungs-Potenzials ausmachen, während
,neue Methoden im Produkt-Marketing. (...)‘. HFKW dazu nur unwesentlich beitragen. Der
Seitdem hat Lohbeck die Hände nicht in Erfolg von Greenpeace begann in Deutsch-
den Schoß gelegt. Er hat intensive Kontakte land zusammen mit der ostdeutschen Firma
zum Montreal-Protokoll aufgenommen, den dkk Scharfenstein, die ihre östlichen Markt-
Greenfreeze auf Ausstellungen in China und anteile durch die deutsche Wiedervereini-
in Tokio/Japan vorgestellt und er hat Foron gung verloren hatte.25“ Und er schließt mit
mit der indischen Regierung ins Gespräch folgendem Ausblick: „So war es der Green-
gebracht. Dank seiner Arbeit hat die Firma peace-Initiative zu verdanken, dass die Indus-
Liebherr eine Kühlschrank-Fabrik in Qing- trie mit der modernen Kohlenwasserstoff-
dao, China, mit der neuen Technologie ausge- Technologie den ersten Schritt gemacht (...)
stattet (...). Die pragmatische Ausrichtung der hat. Mit wachsender Erfahrung mit diesen
Greenpeace-Kampagne hatte den Nebenef- Anwendungen liegt es in den Händen der In-
fekt, dass den nicht-industrialisierten Län- dustrie, die alten natürlichen Gase in moder-
dern eine Innovation kostenlos zur Verfü- nen, umweltfreundlichen Kühlgeräten, Klima-
gung gestellt werden konnte.”23 anlagen und Wärmepumpen einzusetzen.
Seit der Kampagne für den FCKW- und Aber es bleibt weiterhin in der Verantwor-
FKW-freien Kühlschrank genießt Greenpeace tung der Regierungen der ganzen Welt, diesen
auch in Fachkreisen Respekt. Im Oktober Prozess der Entwicklung umweltfreundlicher
1995 trafen sich in Washington über 1.500 Systeme zu unterstützen, um die globale
Delegierte aus aller Welt zu einer Konferenz Umwelt auch in der Zukunft zu schützen.26“
über FCKW-Ersatzstoffe – Greenpeace-Exper- Selbst Hermann Hahn von Liebherr Haus-
te Wolfgang Lohbeck leitet die Veranstaltun- geräte („Die gesamte Entwicklung ist welt-
gen zum Thema „Kohlenwasserstoffe als Käl- weit stark von der internationalen Organisa-
temittel“. 24 tion Greenpeace unterstützt worden“27) und
Auch Wissenschaftler und sogar die Ver- Dr. Udo Wenning von Bosch-Siemens Haus-
treter einer großen Anzahl von Kühlschrank- geräte heben den Anteil von Greenpeace deut-
Herstellern (Liebherr, AEG, Bosch-Siemens, lich heraus: „Die ostdeutsche Firma Foron hat
Linde, DeLonghi ...) äußern sich positiv über mit Unterstüzung von Greenpeace den ersten

22) Greenpeace Jahresrückblick 1992, S.15.


23) Akzente Special Edition/December 1994, The Greenfreeze Campaign, S. 29.
24) Greenpeace Jahresrückblick 1995, S. 29.
25) Greenpeace (Hrsg.), Hydrocarbons and other progressive answers to refrigeration, S. 1.
26) Ebenda, S. 2.
27) The Change to Hydrocarbon Refrigerators and Freezers, S. 5.
16 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

Kühlschrank mit einer Mixtur aus Isobutan of Greenfreeze (2002)“ betont Edwin R. Staf-
und Propan auf den Markt gebracht. (...) ford, Associate Professor of Marketing der
Innerhalb sehr kurzer Zeit waren deutsche Utah State University, mehrfach die positive
Hersteller in der Lage, (A.d.V. das Kühlmit- Bedeutung von Greenpeace bei der Verbrei-
tel) 134 a durch Isobutan zu ersetzen.”28 tung des FCKW- und FKW-freien Kühl-
In einem vom Deutschen Museum Bonn schranks.
moderierten Technikdialog zwischen Dieter Die Neuartigkeit der Kampagne beschreibt
Bärmann (Bosch/Siemens) und Wolfgang Loh- Stafford auf Seite 5: „Greenpeace, bestens be-
beck gibt der Kältefachmann zu: „Also, Herr kannt für die Boots-Jagden nach Walfängern
Lohbeck, den Krieg um den Kühlschrank, den und dramatische Proteste, hat sich selbst im
haben Sie also gewonnen.“29 Bährmann geht letzten Jahrzehnt neu erfunden und zwar mit
sogar noch weiter: „Nachdem nun mittlerwei- einer neuen Art von öko-politischem Akti-
le gut zwei Jahre abgelaufen sind und sich vismus, den so genannten ,Lösungs-Kampag-
unsere Gegnerschaft in eine Partnerschaft nen‘. ,Lösungen‘ sind praxisbezogene Inno-
verwandelt hat, können wir – glaube ich – vationen, die sich zur Beseitigung von Um-
mit einiger Zufriedenheit, zumindest über weltproblemen eignen, aber bisher von der
Europa, den FCKW-freien Mantel breiten.“30 Industrie ignoriert oder unterdrückt worden
Aber auch außerhalb von Europa sorgte waren, weil sie durch neue Technik den bis-
der Greenfreeze für Aufsehen. So bekam herigen Status gefährdet, Marktposition oder
Greenpeace Germany am 24.10.1995 den Profite bedroht sah. Mit Hilfe einer provoka-
Stratospheric Ozone Protection Award der tiven Mischung traditioneller Aktionen und
US EPA (US-amerikanische Umweltbehörde) kollektiver Untergrabung, trat Greenpeace
verliehen. für die ,Lösung‘ in bei der Industrie, bei
Prof. Dr. Klaus Töpfer, Exekutiv-Direktor Regierungen und bei Verbrauchern an, um
der UNEP, gratulierte am 16.11.1998 Thilo die Nachfrage zu stimulieren und die pfiffige
Bode von Greenpeace International zum ökologischere Technik zu verbreiten. (...) Der
Erhalt des UNEP-Ozone-Award (Umweltpreis Erfolg wurde zum Sprungbrett, um den Kühl-
zum Schutz der Ozonschicht des Umwelt- schrank in China und anderen Entwicklungs-
programms der Vereinten Nationen): „Ich ländern bekannt zu machen.“
habe mich sehr gefreut, durch Ihren Brief Es kommt zu einer noch nie da gewese-
von den fortgesetzten erfolgreichen Aktivitä- nen Zusammenarbeit: „Obwohl Lohbeck sich
ten von Greenpeace International zu erfah- nicht über die deutsche Industrie ärgerte,
ren. Besonders glücklich bin ich darüber, sah er die ,historische Chance ökonomische
dass Greenpeace für den UNEP-Ozone- und ökologische Interessen‘ zu vereinen, um
Award für die Entwicklung der Greenfreeze- den Greenfreeze in China zu verbreiten. (...)
Technologie vorgeschlagen wurde (...). Ich Auf der Pekinger Konferenz arbeiteten Loh-
wünsche mir in der Zukunft eine intensivere beck und andere Greenpeace-Mitarbeiter mit
Kooperation zwischen Greenpeace Interna- der Spitze der chinesischen Regierung, Indus-
tional und der UNEP. Bitte lassen Sie mich es trievertretern und Universitäts-Wissenschaft-
wissen, wenn immer Sie das Gefühl haben, lern zusammen. Greenpeace zeigte Green-
dass Ihnen meine Unterstützung helfen freeze-Kühlschränke von Foron, Bosch-Sie-
kann. Ich will mein Möglichstes tun. Ich mens und Liebherr und bewarb die Techno-
wünsche Ihnen für die künftige Arbeit vol- logie intensiv als ,neuesten Stand deutscher
len Erfolg.“ Technik.‘ Beeindruckt baten Chinas Offiziel-
In seinem Artikel „Driving Environmen- le darum, dass Greenpeace ein Joint Venture
tal Innovation Diffusion in China: The Case mit deutschen Herstellern vermitteln sollte.
28) No-frost Refrigeration: A Retrospect After Conversion to Hydrocarbons, S. 34.
29) Technikdialog 8: Dieter Bärmann und Wolfgang Lohbeck sprechen über „Werbung gegen Umweltzerstörung?“ – die Einführung des ersten
FCKW- und FKW-freien Kühlschranks. Hrsg. von Peter Frieß und Peter M. Steiner, Bonn 1997, S. 19.
30) Ebenda, S. 21.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 17

(...) Die Experten-Kommission OORG (Ozone Der Verbreitung des FCKW-freien Kühl-
Operations Resource Group) billigte den schranks in China weist Stafford so auch
Greenfreeze (1993 A.d.V.) als einen brauchba- eine Vorreiterrolle bei der Durchsetzung von
ren Ersatz für die Fluorchlorkohlenwasserstof- umweltfreundlichen Technologien zu: „Das
fe in Haushalts-Kühlschränken. (...) In kurzer Wettrennen um die Einführung des Green-
Zeit hat die politische Hinterzimmer-Arbeit der freeze in China bietet wichtige Erfahrungen
Umweltorganisation die Hochzeit von Welt- für Unternehmen, Regierungen, Umwelt-
bank-Kapital mit chinesischer Nachfrage und schützer und Berater, wie man Märkte für
deutschem Industrie-Know-how eingefädelt.” ökologische Produkte in Entwicklungslän-
Diese Erfolge in China führten dazu, dass dern erschließen kann.”31
bis zum Sommer 1995 „drei der vier größten
Kühlschrank-Hersteller – in Teilen – auf die Weltpark Antarktis
Greenfreeze-Technologie eingestiegen wa- Am 4. Oktober 1991 wurde der Traum vieler
ren. (...) Kelon (Firma in der Provinz Guang- Umweltschützer wahr: Auch die letzten Ant-
dong, A.d.V.) hat 1997 eine Million Green- arktis-Vertragsstaaten unterzeichneten end-
freeze-Kühlschränke hergestellt. Zu Beginn lich ein Umweltschutzabkommen für den
des 21. Jahrhunderts waren bereits 35 Prozent eisigen Kontinent. Das Abkommen verbietet
aller in China verkauften Kühlschränke mit nicht nur den Rohstoffabbau in der Antark-
der Greenfreeze-Technologie ausgestattet36. tis für die folgenden 50 Jahre, sondern er-
Dass sich jetzt auch japanische Hersteller kennt auch die Natur als Wert an sich an.
der Greenfreeze-Technologie angenommen Zu diesem Schwenk der Vertragsstaaten
haben, bewertet Stafford als großen Durch- in Richtung Umweltschutz hatten zwei Schiffs-
bruch auf dem asiatischen Markt: „Die Chine- unfälle im Jahr 1989 beigetragen: die „Exxon
sen schauen immer zu den japanischen Her- Valdez“-Katastrophe in Alaska und die Hava-
stellern im Ringen um den technologischen rie der „Bahia Paradiso“ in der Antarktis. Beide
Führungsanspruch. Nun kamen von Matsu- Unfälle bewiesen, was für eine unkontrollier-
shita, Toshiba, und Hitachi neue vielverspre- bare Situation entsteht, wenn große Mengen
chende Signale. Im Januar 2002, nach fast Öl in schwer zugängliche Gewässer gelangen.
einem Jahrzehnt der Lobbyarbeit durch Green- Daraufhin entschloss sich Australien, das Roh-
peace, begannen diese Hersteller, die Green- stoffabkommen für die Antarktis (CRAMA),
freeze-Technik zu propagieren. Es ging darum, das sechs Jahre lang ausgehandelt worden
die Nachfrage in China nach japanischen war, zu blockieren. Dabei enthielt das CRAMA
Produkten zu bedienen. Japans Übernahme dank der Arbeit der Umweltgruppen bereits
des Greenfreeze wird seinen Widerhall in die strengsten Umweltauflagen, die je in einem
ganz Asien haben.” internationalen Dokument fixiert wurden.
So klingt auch die Zusammenfassung des Aber, wie der australische Außenminister Ga-
amerikanischen Wissenschaftlers hoffnungs- reth Evans sagte: „Die einzig vernünftige
froh: „Greenpeace und seine Verbündeten Reaktion ist, die bloße Möglichkeit eines
haben dazu beigetragen, über 55 Millionen Abbaus, die die CRAMA noch offen gelassen
Greenfreeze-Kühlschränke weltweit zu ver- hat, zu verhindern.“ Außerdem gab Evans zu,
kaufen. Seit 2000 hat Greenfreeze maßgebli- dass der Druck, den Gruppen wie Greenpea-
che internationale Verbreitung durch Coca- ce und die australische „Conservation Foun-
Cola, Unilever, McDonald‘s und andere Kon- dation“ auf seine Regierung ausgeübt hatten,
zerne gefunden. (...) Die Übernahme der sehr große Wirkung gehabt habe. „Wir
Greenfreeze-Technologie durch die führenden fürchteten, dass der Umweltschutz der
japanischen Hersteller könnte die Totenglocke Antarktis schon unter dem Versuch, Rohstof-
für umweltzerstörende Kühlgeräte sein.” fabbau zu planen, leiden würde.“31

31) Edwin R. Stafford, Driving Environmental Innovation Diffusion in China: The Case of Greenfreeze, In preparation for Business Horizons
(2002), S. 1.
18 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

abkommen nicht zustande gekommen wäre.


Bereits 1983 erklärte Greenpeace den Schutz
des sechsten Kontinents zum zentralen A n-
liegen und startete eine Kampagne für einen
Weltpark Antarktis. 1987 errichtete die Um-
weltschutzorganisation stellvertretend für die
Weltöffentlichkeit eine eigene Station in der
Antarktis, in der bis 1991 jeweils ein vierköp-
figes Team überwinterte, und dokumentierte
auf Expeditionen die Zerstörung des letzten
unberührten Kontinents. Die Greenpeace-
Station und die Expeditionen in der Antark-
tis hatten Vorbildcharakter, denn sie genüg-
ten den strengsten Sicherheitsvorschriften –
und das hatte seinen Preis: Der Stationsbe-
trieb kostete Jahr für Jahr 2.703.000 DM, die
Expedition 1991 2.565.000 DM.32
Im Vorfeld der Weltklimakonferenz in
Kyoto 1998 dokumentierte die Crew des
Greenpeace-Schiffs „Arctic Sunrise“ erste An-
zeichen eines Klimawandels im ewigen Eis.
Im selben Jahr wurde auch die Vision
vom Weltpark Antarktis Realität: Mit der
endgültigen Ratifizierung des Umwelt-
schutzabkommens der Antarktis-Vertrags-
staaten wurde der sechste Kontinent am
14.1.1998 zum Naturreservat. Die Erkennt-
nis, dass die Antarktis ein schützenswerter
Kontinent ist, hat sich durchgesetzt. Interna-
tionale Forschung im größten „Freilichtla-
bor“ und „eisigen Geschichtsbuch“ gilt mitt-
1989: Greenpeace-Aktion Auch in Deutschland setzte sich Green- lerweile als weitaus größerer Beitrag zur
in der Antarktis gegen den Bau peace aktiv für das Zustandekommen des Zukunft der Menschheit als die Zerstörung
einer französischen Landebahn. Umweltabkommens ein. Mit einer Briefsen- der Region durch Rohstoffausbeutung.
dung 1991 bewog Greenpeace 250.000 Men- Greenpeace hatte 13 Jahre lang alles darange-
schen dazu, an Wirtschaftsminister Mölle- setzt, dass der erste Weltpark der Erde Wirk-
mann (FDP) zu schreiben. Möllemann, des- lichkeit werden konnte, und feierte nun das
sen Ministerium sich die Möglichkeit zum Ende einer erfolgreichen Kampagne.
Rohstoffabbau in der Antarktis stets hatte
offen halten wollen, zeigte sich von der Brent Spar, 1995
Aktion sehr beeindruckt und sprach sich dar- Die ausgediente Shell-Ölplattform „Brent
aufhin für ein dauerhaftes Abbauverbot aus. Spar“ wurde am 30. April 1995 von Green-
Das Einlenken der Japaner folgte kurz da- peace besetzt. Es folgte ein wochenlanges me-
rauf, und nachdem auch die USA zugestimmt dienträchtiges Spektakel um Räumung und
© S. Morgan / Greenpeace

hatten, war der Weg für das Abkommen frei. Wiederbesetzung, um europaweite Proteste
Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass gegen die Versenkung der ausgedienten Platt-
ohne die Arbeit von Greenpeace das Umwelt- form, um einen Messfehler von Greenpeace.
31) Johanna Wesnigk, Durchbruch im Jahr 1991 – eine Bilanz; in: Jochen Vorfelder, Eispatrouille – Greenpeace in der Antarktis,
Hamburg 1992, S. 190.
32) Greenpeace Jahresrückblick 1991, S. 14.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 19

Während der Auseinandersetzung äußer- Bereits am 9. Juni 1995, während die Aus-
ten sich viele Politiker in Europa positiv über einandersetzung um die Brent Spar in vol-
die Greenpeace-Aktion. Am 14. Mai begrüßte lem Gange war, konstatierten die Umweltmi-
die EU-Umweltkommissarin Ritt Bjerregard nister der Nordseeanrainerstaaten, sie seien
die Besetzung der Brent Spar und sprach „sich bewusst, dass eine wachsende Zahl von
sich gegen die Versenkung aus. Der dänische Offshore-Plattformen in der Nordsee das En-
Umweltminister Svend Auken äußerte sich de ihrer Einsatzzeit erreichen. Selbst wenn
sogar generell gegen die Versenkung von die Plattformen von giftigen Materialien ge-
Plattformen. Am 23. Mai bezog auch die reinigt und auf See gelassen werden, stellen
damalige deutsche Umweltministerin Angela
Merkel überraschend deutlich Position: „Es
kommt selten vor, dass ich mit Greenpeace
einer Meinung bin, aber in diesem Falle schon.
Wenn die Brent Spar eine deutsche Platt-
form wäre, hätten wir keine Genehmigung
zur Versenkung gegeben. Die deutsche Dele-
gation wird ein generelles Versenkungsver-
bot bei der Nordseeschutzkonferenz zur
Sprache bringen und sich für eine solche
Lösung aussprechen.“33 Es blieb nicht bei
diesen Äußerungen. Der nordrhein-westfäli-
sche Landesverband der Jungen Union rief
am 24. Mai, einen Tag nach der Räumung der
Brent Spar, als erste politische Gruppe in der
Bundesrepublik dazu auf, Shell-Tankstellen
weiträumig zu umfahren. Wenige Tage spä-
ter äußerten weitere Politiker Verständnis
für einen Boykott. Eine von Greenpeace
beim EMNID-Institut in Auftrag gegebene
Umfrage zeigte, dass die Mehrheit der deut-
schen Bevölkerung gegen die Versenkung
der Brent Spar war. 74 Prozent der Bundes-
bürger erklärten ihre Bereitschaft, Shell-
Tankstellen aus Protest zu boykottieren.
Alsbald schlossen sich Politiker und Poli-
tikerinnen aller Schattierungen (von CSU bis
Grüne) dem Boykottaufruf an. Der Druck der sie eine Gefahr für die marine Umwelt dar. Erfolgreicher Greenpeace-
Öffentlichkeit zeigte Wirkung. Am 20. Juni Die Entsorgung solcher Anlagen an Land mit Protest gegen das Versenken
1995 gab der Ölkonzern Shell seinen Ver- unvermeidbaren Rückständen stünde in Über- der Ölplattform ›Brent Spar‹
1995 in der Nordsee.
zicht auf die Versenkung der Plattform einstimmung mit allgemein üblichen Rege-
bekannt. lungen des Abfall-Managements.”34
Der eigentliche Erfolg dieser Kampagne, Drei Wochen später, am 29. Juni, kam auf
nämlich das Moratorium der OSPAR (Oslo- dem OSPAR-Treffen kein einstimmiges Ver-
Paris-Kommission zum Schutz der Meeres- senkungsverbot ausgedienter Offshore-Anla-
umwelt) vom 29. Juni 1995 für das Versen- gen zustande. Aber die Mehrheit der Ver-
© D. Sims / Greenpeace

ken von Plattformen, fand längst nicht mehr tragsstaaten einigte sich darauf, die Versen-
so ein großes Medienecho. kung von Öl- und Gasförderanlagen in Nord-

33) Jochen Vorfelder: Brent Spar oder die Zukunft der Meere, München 1995, S. 132.
34) Paragraph 54 of the 4th Ministerial Declaration for the Protection of the North Sea adopted in Esbjerg, Denmark, 9.6.1995.
20 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

see und Nordostatlantik für zwei Jahre aus- Lösung, sondern als Teil eines Problems
zusetzen. Nur Großbritannien und Norwe- begreift, ist ebenso ein Greenpeace-Erfolg
gen lehnten ein generelles Versenkungsver- wie das Verbot der Versenkung Hunderter
bot ab. Ein konferenzerfahrenes Delegations- von Ölplattformen.“36
mitglied von der Bundesanstalt für See- Die Westfälische Rundschau aus Dort-
schifffahrt und Hydrographie (BSH) schätzte mund urteilte: „Greenpeace war und ist
die Lage nach der Konferenz positiv ein: „Die wichtiger Motor des Schutzes der Meere.
Norweger würden ein absurdes Projekt wie Ohne die gewagten Aktionen dieser Organi-
die Brent Spar nie ins Auge fassen. Ihnen sation hätte beispielsweise ein Verbot der
geht es im Grunde nur um die riesigen Be- Verklappung der widerwärtigen Dünnsäure
tonsockel ihrer Plattformen. Nun, mit diesen auf hoher See weit länger auf sich warten las-
massiven Klötzen auf dem Meeresgrund sen.“37
könnte man zur Not leben. Und die Briten? Auch die Kontroverse um die endgültige
Für die ist es zunächst ein finanzielles Pro- Entsorgung der Brent Spar zog sich bis in
blem, und deshalb sträuben sie sich mit Hän- das Jahr 1998. Rémi Parmentier, Chef-Lobby-
den und Füßen. Das erinnert mich an ihre ist von Greenpeace, beschrieb den Entschei-
Haltung in der Frage der Dünnsäureverklap- dungsprozess innerhalb von Shell wie folgt:
pung. Da waren die Briten auch die Letzten, „Im Januar 1998 wurde dem Konzern Shell
die schließlich mitgezogen wurden. Ich schät- nach gründlichem Nachdenken endgültig
ze, sie in der Plattform-Frage auf politischer bewusst, dass die für die Umwelt verträglichs-
Ebene zum Einlenken zu bewegen, wird noch te Variante die Weiternutzung der Anlage als
zwei bis vier Jahre dauern. Aber es gibt kein Kai-Erweiterung in der Nähe von Stavanger
Zurück.“35 in Norwegen sei. Auf Shells Liste der sieben
Drei Jahre später sollte es tatsächlich zum Möglichkeiten war die Versenkung im Meer
krönenden Abschluss kommen – mit dem Be- von allen Standpunkten aus (einschließlich
schluss der 15 Anrainerstaaten des Nordost- der Emissionen an Kohlendioxid) die
atlantiks, dass künftig niemand mehr ausge- schlechteste – abgesehen vielleicht von den
diente Öl- und Gasplattformen im Meer ver- Kosten.“
senken darf. Der Erfolg auf der OSPAR-Kon- Wichtig ist aber, dass es Greenpeace von
ferenz in Sintra bei Lissabon im „Jahr der Anfang an nicht nur um die Brent Spar, son-
Meere“ 1998, so urteilten die Medien einstim- dern um den Meeresschutz insgesamt ging.
mig, sei in erster Linie Greenpeace zu ver- Denn in den folgenden Jahren standen weite-
danken. re 400 Plattformen zur Versenkung bereit.
So schrieb die Mittelbayerische Zeitung Bei einem Treffen zwischen Greenpeace-Ver-
aus Regensburg: „Die Beschlüsse der Meeres- tretern und einer hochrangigen Delegation
konferenz sind unbestreitbar das große Ver- der deutschen Shell am 1. Juni 1995 in der
dienst von Greenpeace. Zwei Jahrzehnte jag- Hamburger Zentrale des Ölkonzerns legte der
ten die Schiffe unter der Flagge des Regenbo- internationale Greenpeace-Kampagnenchef
gens die Giftfrachter der Industriegiganten, Ulrich Jürgens die Beweggründe zur Beset-
rückten Greenpeace-Aktivisten mit halsbre- zung der Brent Spar ausführlich dar: „Shell ist
cherischen Aktionen die Umweltsauereien in wahrscheinlich so gut oder schlecht wie alle
den Blickpunkt der Öffentlichkeit, agierten anderen Öl-Multis auch. Sie sind allerdings
Greenpeace-Wissenschaftler auf den ,Mee- unser derzeitiger Kampagnen-Gegner, weil
res-Verschmutzungs-Konferenzen‘ als An- Ihre Plattform Brent Spar, Ihre derzeitigen
walt der Weltmeere. Dass man Dumping auf Versenkungsabsichten, die Zukunftsaussich-
hoher See heute nicht mehr als Teil einer ten der Nordsee insgesamt verschlechtern. Es

35) Jochen Vorfelder: Brent Spar oder die Zukunft der Meere, München 1995, S. 190.
36) Mittelbayerische Zeitung (Regensburg), 24.7.98, Da lacht der Regenbogen.
37) Westfälische Rundschau (Dortmund), 24.7.98, Teilerfolge zum besseren Schutz der Meere. Treffen ohne Merkel.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 21

geht uns um den Zustand der Meere; die tig nicht mehr zur Disposition einzelner
Brent Spar, isoliert als Einzelfall betrachtet, Staaten stehen – und zwar auch dann nicht,
interessiert uns überhaupt nicht. Es geht da- wenn die betreffenden Länder den Überein-
her nicht darum, ob auf Ihrer alten Plattform kommen zum Schutz der Meeresumwelt
nun 150 oder 5.000 Tonnen Giftstoffe lagern. nicht beigetreten sind oder Vorbehalte geäu-
Sie müssen begreifen, dass Ihre Brent Spar ßert haben. Das Völkergewohnheitsrecht ent-
ein zentrales Pilotprojekt darstellt. Shell ist wickelt sich fort mit den Auffassungen der
nur die erste der über ein Dutzend Mineralöl- Völkerrechtssubjekte. Im Fall Brent Spar hat-
gesellschaften, die ihre Nordsee-Plattformen ten sich eine Reihe von Regierungen die Auf-
entsorgen müssen. Wenn Sie es mit Hilfe der fassung von Greenpeace und der Greenpeace
britischen Regierung durchdrücken, die Brent unterstützenden öffentlichen Meinung zu Ei-
Spar zu versenken, stehen ein Dutzend ande- gen gemacht und die britischen Lizenzen zur
rer Gesellschaften mit ihren Offshore-Ruinen Beseitigung der Plattform öffentlich bean-
Gewehr bei Fuß. Ihre Brent Spar ist nur das standet. Damit beginnt sich eine Rechtsauf-
Symbol für einen ganzen Haufen von Schrott fassung durchzusetzen, der zufolge die Meere
und Müll, der eindeutig an Land und nicht das gemeinsame Erbe der Menschheit sind.
auf hoher See entsorgt werden muss. Das ist Jede vermeidbare nachhaltige Störung ist ein
unsere zentrale politische Forderung, die Sie Eingriff in das Recht künftiger Generatio-
überdenken und erfüllen sollten.“38 nen, keine schlechteren Lebensbedingungen
Ebenso wertete es Grant Jordon, Profes- vorzufinden als sie die Menschheit gegen-
sor für Politik und internationale Verbindun- wärtig hat. Niemand, weder ein Staat noch
gen an der Universität Aberdeen: „Tatsache ein Großkonzern, hat das Recht, sich darüber
ist, dass der Greenpeace-Erfolg nicht das Pro- hinwegzusetzen.“40
dukt der Ereignisse im Mai und Juni 1995 Die Funktion der Repräsentation öffent-
war, sondern des generellen Interesses für das licher Interessen wird den NGOs sowohl von
Anliegen der Meeresverschmutzung in den öffentlicher als auch von offizieller Seite zu-
vorangegangenen zwei Jahrzehnten. Die Brent- erkannt, wie die Wissenschaftler Schmidt/
Spar-Kehrtwende war nicht das Ergebnis der Take darlegen: „Die Gründe für die öffentli-
kurzfristigen Greenpeace-Aktivitäten wäh- che Anerkennung liegen in der thematischen
rend der Besetzung und der damit verbunde- Ausdifferenzierung politischer Entscheidungs-
nen Öffentlichkeit, sondern der langfristig materien und der zunehmenden Partikulari-
angelegten Änderung der öffentlichen Mei- sierung von Interessenlagen, die dazu füh-
nung in Sachen Müllversenkung im Meer. ren, dass die Parteien mit ihren programma-
Wie Chris Rose (Kampagnen-Chef, Greenpea- tischen Generalisierungsansprüchen und die
ce Großbritannien, A.d.V.) sagte: ,Die Brent- national hochaggregierten Interessenverbän-
Spar-Kampagne hat diese Themen nicht ge- de diesen neuen Herausforderungen nicht
schaffen, sie hat sie nur deutlich herauskris- mehr gerecht werden. Die Öffentlichkeit traut
tallisiert‘. (...) Die Ereignisse von 1995 haben deshalb in steigendem Maße den ‚issue‘-
nicht die Meinungen geändert, aber sie haben orientierten NGOs zu, auf die neuen Proble-
die Strukturen verändert, in denen Entschei- me in angemessenerer Weise zu reagieren,
dungen getroffen wurden.”39 was auch den Erfolg der Brent-Spar-Kampag-
Für den Greenpeace-Anwalt Michael ne von Greenpeace erklärt. Sie zeigte, dass
Günther signalisierte die Brent Spar eine weder multinationale Konzerne noch Minis-
Wende im Völkerrecht: „Hochrangige Rechts- ter beim Treffen weit reichender Entschei-
güter, wie der nachhaltige Schutz der Mee- dungen intervenierende NGOs ignorieren
resumwelt, werden auch auf hoher See künf- können, wenn deren Kampagnen Rückhalt

38) Vorfelder, S. 128f.


39) Grant Jordon: Indirect causes and effects in policy change: The Brent Spar Case, in: Public Administration, vol. 76, Winter 1998, S. 737.
40) Das Greenpeace-Buch/C.H.Beck/S. 64 „Greenpeace und das Recht“/Michael Günther.
22 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

in der Öffentlichkeit finden. Shell sah sich, beauftragten Vertretern vorbeiliefen, läuft
nach eigener Aussage, gezwungen, dem am realen Geschehen vorbei. Zwar hatten
‚internationalen Druck‘ (so der Vorsitzende diese Vertreter beschlossen, dass die ‚Brent
von Shell Deutschland, Peter Duncan) nach- Spar‘ versenkt werden dürfe, aber nicht, dass
zugeben, nachdem der Kampf um die öffent- dies auf alle Fälle so geschehen müsse. Und
liche Meinung verloren war. Man ist seitdem schon gar nicht hat Greenpeace ein Verbot
bei Shell bemüht, eine Lösung für Brent Spar der Versenkung verbindlich ‚entschieden‘.
in Abstimmung mit den Umweltverbänden Und in diesem Sinne ist der Name der NGOs
zu finden. Duncan bezeichnet dieses Vorge- als Non-Gouvernmental Organizations in der
hen ‚als Bestandteil unserer Bemühungen, Tat nicht ‚verniedlichend‘, sondern bezeich-
gesellschaftliche Strömungen aufzufangen‘.“41 net ein Faktum – wie auch die Haltung der
So äußerte sich Duncan auch nur ein Jahr französischen Regierung in der Frage der
nach der Brent-Spar-Kampagne sehr positiv Atomtests belegt hat.
über die Umweltschutzorganisation, die sei- Solange ihre Arbeit reine Interessenarti-
nem Konzern so hart zugesetzt hatte: „Ich kulation im Rahmen geltender Gesetze bleibt
möchte Ihnen gerne meine Anerkennung und solange sie keine gesamtgesellschaftlich
dafür aussprechen, dass Sie fest hinter dem verbindlichen Entscheidungen treffen (kön-
Prinzip von Gewaltfreiheit stehen und im nen), haben NGOs kein Legitimationspro-
Gegensatz zu anderen sehr schnell Gewaltak- blem.“43
te im Zusammenhang mit der Brent-Spar- Weiter argumentiert Beisheim: „Gerade
Kampagne verurteilt haben, und ich schließe im Umweltbereich kommt es durch Markt-
hierein auch den Idealismus und Mut vieler versagen zu externen Effekten wirtschaft-
Ihrer Mitglieder ein.“42 licher Tätigkeit, die oft nicht oder nur unzu-
Allerdings kamen nach der Brent-Spar- reichend durch staatliche Maßnahmen gere-
Kampagne Fragen zur Legitimität solcher Ak- gelt sind. NGOs erbringen hier als Interes-
tionen auf. Greenpeace wurde die Legitima- sengruppen besondere Leistungen, indem
tion abgesprochen, auf politische Instanzen sie auf diese Probleme aufmerksam machen
und Wirtschaftsverbände Druck auszuüben. und auf deren Regelung drängen oder auch
Darauf erwiderte die Wissenschaftlerin Druck auf die Industrie ausüben, selbst
Marianne Beisheim: „Zentral ist dabei die Lösungen zu erarbeiten. Sie bringen neue
Frage, ob eine NGO als Interessengruppe Themen auf die politische Agenda, sie stellen
gegenüber anderen Interessengruppen ein- alternative Informationen für Politiker und
fach nur ihre Position durchsetzt oder ob sie Bürger zur Verfügung oder unterstützen
eine kollektiv bindende Entscheidung getrof- lokale Projekte, um Politiken zu implemen-
fen hat. Am Beispiel des ‚Brent Spar‘-Falles tieren. Gerade diese Leistungen und das spe-
lässt sich dieser Unterschied gut verdeut- zifische Potenzial der NGOs an Unabhängig-
lichen: Zwar hat Greenpeace gegenüber Shell keit, Flexibilität und Bürgernähe werden in
das Ziel der Nicht-Versenkung erreicht, aber der Diskussion oft als unverzichtbar darge-
die entsprechende, von der Regierung von stellt.“
Großbritannien beschlossene Erlaubnis (also Mit diesen Leistungen bei der Vorberei-
nicht das Gebot) für die Versenkung ist tung der Politikfindung steigern NGOs nach
immer noch gültig, und Greenpeace kann Meinung Beisheims ihre Legitimität: „NGOs
auch keine äquivalente gegenteilige Ent- spielen in diesen Prozessen der öffentlichen
scheidung herbeiführen. Hier von einer Meinungsbildung eine wichtige Rolle und
‚Deklassierung der Staatsgewalt‘ zu spre- tragen mit ihrem Vorhandensein und ihren
chen, weil die ‚Dinge‘ an den gewählten und Aktionen mehr oder weniger direkt zum
41) Hilmar Schmidt/Ingo Take, Demokratischer und besser? Der Beitrag von Nichtregierungsorganisationen zur Demokratisierung
internationaler Politik und zur Lösung globaler Probleme, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. B 43/97, 17.10.1997, S. 14f.
42) Greenpeace Magazin 3/96, S. 59.
43) Marianne Beisheim, Nichtregierungsorganisationen und ihre Legitimität, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. B 43/97, 17.10.1997, S. 21-29.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 23

Legitimationsprozess der politischen Ord- tional oder Greenpeace, die ihr Ansehen ja
nung bei. Umgekehrt steigern NGOs ihre nicht auf irgendwelchen Nebenbühnen
Legitimität über das Recht der Bürger, sich erworben haben, sondern im Zentrum des
ihrer als Mittel zu bedienen, in der Öffent- Terrains, für das der Staat ursprünglich ein-
lichkeit und gegenüber der Regierung auf mal Zuständigkeit beansprucht hatte, beim
ihre Präferenzen aufmerksam zu machen. Schutz der Menschenrechte nämlich und bei
(...) Ulrich Beck spricht mit Blick auf die der Verteidigung einer lebenswerten
NGOs von einem Bündnis, das sich ‚für eine Umwelt. Wer es mit der Ökologie und dem
im höheren Sinne legitime Sache [einsetzt]: Folterverbot ernst meint, hält sich schon
die Rettung der (Um-)Welt‘. Das Überlebens- längst nicht mehr an die Behörden. Er enga-
interesse mache den hochlegitimen Allge- giert sich anderswo oder resigniert.“45
meinheitsanspruch geltend, alle bedrohen- Wasser auf die Mühlen der Greenpeace-
den Gefahren abzuwenden. Beck kritisiert Kritiker war der Messfehler, der im Herbst
nicht etwa die Legitimationsprobleme von 1995 die Medien beschäftigte. Bis zum 18. Juni
Greenpeace, sondern behauptet, dass Green- hatte Greenpeace immer von 100 bzw. 130
peace vielmehr ‚das längst entstandene Legi- Tonnen an Schadstoffen in der Brent Spar
timations- und Machtvakuum des politi- gesprochen. Durch eine fehlerhafte Messung
schen Systems zum Vorschein‘ bringe.“ durch Greenpeace-Wissenschaftler kam am
Auch der konservative Journalist Konrad 19. und 20. Juni der Verdacht auf, in der
Adam beschreibt, wie NGOs Staatsaufgaben Brent Spar befänden sich 5.500 Tonnen
übernehmen, weil Behörden oder Regierun- Schadstoffe. Das war falsch. Für diesen
gen versagen: „Was Organisationen wie Messfehler entschuldigte sich der Geschäfts-
Amnesty International, Greenpeace, Ärzte führer von Greenpeace England, Peter Mel-
ohne Grenzen oder der Worldwide Fund for chett, im September 1995 bei Shell46. Doch
Nature besorgen, der Einsatz für die Men- die „5.000 Tonnen“ hatten sich längst ver-
schenrechte also und für die Rechte der selbständigt. Und so erhielt Greenpeace im
Natur, sind klassische Staatsaufgaben; und Herbst 1995 immer wieder den Vorwurf, die
wirklich greifen die Behörden ja auch gern Kampagne auf dieser falschen Zahl aufge-
auf die Sachkunde und das Ansehen der baut zu haben. Heiligabend 1995 titelte die
NGO‘s zurück, wenn sie sich ihrer Elemen- „Welt“: „Umwelthysterie wegen eines Rechen-
taraufgaben entsinnen und sich dazu herbei- fehlers“. Nein, der Messfehler geschah fünf
lassen, einen Vertrag zum Schutz von Wochen nach der Besetzung, da war die
Mensch und Tier, von Feuer, Wasser, Luft und öffentliche Empörung über die Müllversen-
Erde zu schließen. Man muss kein Anhänger kung im Meer schon sehr hoch. Der Messfeh-
von Thomas Hobbes sein, um in der Verteidi- ler hat Greenpeace geschadet, da das höchste
gung von Leben und Gesundheit erste Pflicht Gut der Umweltorganisation die Glaubwür-
des Staates zu begreifen; wie man umge- digkeit ist. Aber alle Vorwürfe, man habe in
kehrt kein Anarchist sein muss, um anzuer- Sachen Brent Spar die Öffentlichkeit be-
kennen, dass die erwähnten Gruppierungen wusst getäuscht, sind falsch.
für den Erhalt von Grund- und Menschen- Greenpeace ist trotz allem die Organisa-
rechten mehr geleistet haben als alle gewähl- tion mit den höchsten Werten an Glaubwür-
ten Regierungen.“44 digkeit geblieben. Das belegen Umfragen,
In dasselbe Horn stößt die „Welt“: „Ele- die seit Jahren für NGOs und speziell Green-
mentare Aufgaben wie die Verantwortung peace extrem positive Werte verzeichnen.
für Leib und Leben seiner Bürger überlässt Eine Umfrage der Edelman PR Group in
er (der deutsche Staat, A.d.V.) Nichtregie- Großbritannien, Frankreich, Deutschland und
rungsorganisationen wie Amnesty Interna- den USA hat im Januar 2002 ergeben, dass
44) Konrad Adam, Volkes Ohr und Volkes Stimme. Worauf gründet das Ansehen und der Einfluss der NGO’s?, ohne Ort und Datum.
45) Die Welt, 29.9.01, Den eignen Bürger untergräbt der Staat.
46) Brent Spar und die Folgen, Verlag Die Werkstatt 1997, S. 35.
24 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

die Glaubwürdigkeit von Nichtregierungsor- Fragen für kompetent halten die Bürger am
ganisationen wie Greenpeace und amnesty ehesten die Nicht-Regierungsorganisationen
international nach wie vor groß ist, in Euro- wie Greenpeace oder Bund Naturschutz.
pa liegt sie weit über der von Regierungen Negativ beurteilt werden dagegen Gewerk-
und Unternehmen.47 Und in einer repräsen- schaften, Kirchen und Industrie.“52
tativen Umfrage von April 2003 liegt Green- Diese gesellschaftliche Unterstützung be-
peace zusammen mit ADAC und Polizei auf zeichnet Beisheim als den zentralen legiti-
der Liste der vertrauenswürdigen Institutio- mierenden Faktor für Umwelt-NGOs: „Diese
nen ganz oben48. kann sich z.B. ganz direkt in der Mitglied-
Bei einer vom Institut Forsa im Jahr 1999 schaft in Umweltschutzinitiativen ausdrü-
durchgeführten Jugend-Umfrage kam her- cken: Das Bundesumweltministerium regis-
aus, dass amnesty international und Green- trierte 1992 mehr als vier Millionen Men-
peace bei den 15- bis 20-Jährigen besonders schen als Mitglieder von lokalen, regionalen
viel Vertrauen genießen, hingegen nur jeder und bundesweiten Umwelt- und Natur-
Vierte die Bundesregierung für vertrauens- schutzverbänden. Die großen Parteien dage-
würdig hält. Deswegen interessierten sich gen hatten zu diesem Zeitpunkt nur rund
junge Leute kaum für Politik schlussfolgert zwei Millionen Mitglieder. Und auch Umfra-
die WAZ aus Essen: „Vielleicht kommt es ja gen zeigen hohe gesellschaftliche Unterstüt-
auch auf die Art an, wie Politik gemacht zung etwa für Greenpeace. NGOs werden
wird. Organisationen wie Greenpeace und von der Gesellschaft auch mit Machtmitteln
Amnesty stehen bei den jungen Leuten hoch ausgestattet, so zum Beispiel mit Spenden,
im Kurs, weil sie weit weg vom Ortsvereins- mit der Unterstützung von Aktionen wie
Image sind. Sie engagieren sich jeweils für Briefkampagnen, Boykottaktionen, aber auch
konkrete Einzelfälle, Erfolg oder Misserfolg mit Glaubwürdigkeitskredit und Definitions-
ist schnell sichtbar. Das kann gerade Jugend- macht. Diese ständige gesellschaftliche Kon-
liche zum Engagement motivieren.“49 trolle durch die Öffentlichkeit hat auch eine
Dietrich Thränhardt sieht die hohen Pres- legitimierende Wirkung. Matthias Kettner
tigewerte darin begründet, dass „Greenpeace fasst die Tatsache, dass NGOs ‚der Wahrneh-
mit seinen Aktionen optimal zwei Bedürfnis- mung der politisch relevanten Öffentlichkeit
sen entgegen [kommt], die in der entzauber- ausgesetzt sind, um deren Gunst sie konkur-
ten Welt (Max Weber) und angesichts der rieren und deren kollektive Meinungsbil-
von Kompromissen lebenden und nur in dung sie ebenso anregen, wie sie ihr stand-
Ausnahmefällen moralisch anziehenden Po- halten müssen‘ unter dem Begriff der ‚kon-
litik nicht gestillt werden: der Sehnsucht textuellen Legitimation‘.“53
nach Heroismus und nach Reinheit. Green- In ihrem Fazit urteilt Beisheim abschlie-
peace verwirklicht in symbolischer direkter ßend: „All diesen Argumenten gemeinsam
Aktion Prinzipien, die in der Politik meist ist die Erkenntnis, dass NGOs Leistungen
nur schrittweise durchgesetzt werden kön- erbringen, die Staaten allein offenbar nicht
nen, was einen halbherzigen und wenig glaub- erzielen. (...) Legitimität von Umwelt-NGOs
würdigen Eindruck macht.“50 ist vorhanden, solange es ihnen gelingt, die
Auch in einer Studie zum „Umweltbe- Gesellschaft zu überzeugen, dass ihr Beste-
wusstsein in Deutschland 2000“ der Univer- hen und ihre Arbeit notwendig und die best-
sität Marburg51 kommt heraus: „In diesen mögliche ist, um eine effektive Umweltpoli-

47) http://www.zeit.de/2002/08/Politik/print_200208_globalisierung.html Politik 08/2002.


48) Umfrage McKinsey, Stern April 2003.
49) WAZ (Essen), 22.7.99, Junge Leute interessieren sich kaum für Politik.
50) Dietrich Thränhardt, Globale Probleme, globale Normen, neue globale Akteure, in: Politische Vierteljahresschrift (PVS), 33. Jg., 1992, Heft 2, S. 229.
51) Umweltbewusstsein in Deutschland 2000, Udo Kuckartz, Uni Marburg.
52) Süddeutsche Zeitung, 25.7.2000, Wichtig – aber nicht aktuell. Wie die Deutschen es mit dem Umweltschutz halten.
53) Marianne Beisheim, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B43 / 97, S. 27.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 25

tik zu gewährleisten. (...) Die von den NGOs


erbrachten Leistungen [können] dabei so-
wohl ihre eigene Legitimität als auch die Le-
gitimität nationaler oder internationaler
Politik stärken.“54

Olympische Spiele in Sydney 2000


Ein Architekturwettbewerb 1992 für das
Olympische Dorf war letztlich der Start-
schuss für die ersten „grünen“ Olympischen
Spiele. Unter mehr als 100 Teilnehmern, zu-
meist große Baukonzerne und Entwicklungs-
gesellschaften, überzeugte ein anonym ein-
gereichter Entwurf das australische Bewer-
bungskomitee und kam in die Endrunde der
letzten fünf – der Entwurf des australischen
Greenpeace-Büros für ein Öko-Athletendorf.
Greenpeace wollte damit zeigen, was eine
Stadt mit ehrlichem Umweltengagement
erreichen kann.
Umweltbewusste Architekten und Stadt-
planer wurden befragt, ihre Ideen und Erfah-
rungen aus der Praxis gesammelt. Die Vorbe- Jahr 2000 zu einer der größten solar versorg- Ökologische Materialien
reitung für den Wettbewerb waren umfang- ten Siedlungen der Welt. Das neu gebaute wie z.B. Recyclinggranulat
machen Sydney zur ersten
reich: Der Greenpeace-Entwurf sah vor, dass Stadtviertel war zu rund 80 Prozent PVC-frei
›grünen‹ Olympiade.
das gesamte Gebiet autofrei ist, eine vollstän- und während der Olympiade für den öffent-
dige Energieversorgung aus regenerativen lichen Autoverkehr gesperrt. Damit ist es ein
Energiequellen gewährleistet wird und alle hervorragendes Beispiel für zukunftsorien-
eingesetzten Baumaterialien nach den neues- tierte Stadtplanung.
ten baubiologischen Standards ausgewählt Seit Greenpeace sich an der Vorbereitung
sind. Die Ver- und Entsorgung des Geländes der Olympischen Spiele in Sydney beteiligt
sollte so ressourcenschonend wie möglich er- hat, werden auch andere Länder, die sich für
folgen. Das gesamte Baukonzept sollte außer- eine Austragung der Olympiade bewerben,
dem als internationales Schaufenster für die mit zahlreichen Informationen versorgt, um
modernsten Umwelttechnologien dienen. die Idee der „Grünen Spiele“ weiterzutragen.
Viele engagierte Ideen und Innovationen Der damalige IOC-Präsident Juan Anto-
haben dazu beigetragen, dass eine umfassen- nio Samaranch sagte in seiner Rede bei der
de und praxisnahe Planung der „Grünen ersten Konferenz für „Sport und Umwelt“
Spiele“ möglich wurde. Die Umweltschutzas- 1996: „Das Internationale Olympische Komi-
pekte der Olympischen Spiele wurden nach tee ist entschlossen, die Umwelt als dritte
einigen Schwerpunktthemen beurteilt: er- Dimension für die Olympiade aufzunehmen,
neuerbare Energien, Energieeffizienz, öffent- die ersten beiden sind Sport und Kultur.“
liche Verkehrsmittel, Altlastensanierung, Seit dem Jahr 2001 wird nun eine deut-
PVC-freie Materialien, Müllvermeidung, effi- sche Bewerbung für die Austragung der Olym-
© M. Ziegler / Greenpeace

zientes Wasser- und Abwassermanagement, pischen Spiele 2012 diskutiert. Für Green-
Schutz gefährdeter Arten und Verwendung peace Deutschland ist wichtig, dass die gute
von Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Vorgabe in Bezug auf die Umweltfreundlich-
Ergebnis: Das Olympische Dorf zählte im keit der Spiele von Sydney dann noch einmal

54) Ebenda, S. 29.


26 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

übertroffen wird. Die Umweltorganisation be- len der Gesellschaft. Dazu zählten neben
rät das Internationale Olympische Komitee Greenpeace die Bundestagsfraktion der PDS
(IOC) und die nationalen Komitees (NOKs) (Berlin), der Ökumenische Rat der Kirchen
weiter. in Österreich, das Bundesministerium der
Justiz, die Bundestagsfraktion von Bündnis
Kein Patent auf Leben 90/Die Grünen, der Staatssekretär des nieder-
Greenpeace wendet sich seit Jahren gegen ländischen Wirtschaftsministeriums, die Deut-
die Patentierung von Menschen, Tieren, Pflan- sche Forschungsgemeinschaft (DFG), die ita-
zen und ihren Genen. Die Umweltschützer lienische Regierung und andere. Greenpeace
fordern die generelle Überarbeitung der EU- erfüllte also die wichtige Rolle der außerpar-
Genpatentrichtlinie und ein Verbot von Pa- lamentarischen Umweltpolizei, die Behörden
tenten auf Leben. Ein großer Teilerfolg wur- auf die Finger schaut, um den Ausverkauf
de im Juli 2002 erzielt: Das skandalöse Em- des Erbgutes zu stoppen.
bryo-Patent, das Greenpeace im Februar 2000 Der Widerruf des Patents wurde in vielen
aufgedeckt und gegen dessen Erteilung die Kommentaren als Erfolg der Arbeit von Green-
Organisation Einspruch erhoben hatte, wur- peace verbucht.
Vor dem Europäischen
de nach drei Tagen öffentlicher Anhörung in So kommentierte Achim Bahnen, Redak-
Patentamt errichtet
Greenpeace eine Mauer wesentlichen Teilen zurückgenommen. Das teur der konservativen Frankfurter Allgemei-
gegen die Patentierung Europäische Patentamt (EPA) in München nen Zeitung, am 25. Juli 2002: „Das Bemer-
von Menschen-Genen. hatte dieses Patent der Universität Edinburgh kenswerte an der gestrigen Entscheidung ist
hingegen der Prozess, der zu ihr führte. Es ist
müßig zu spekulieren, wer außer Greenpeace
den Skandal der Patenterteilung vielleicht
noch bemerkt und Einspruch dagegen einge-
legt hätte. Jetzt kann sich die Umweltorgani-
sation zu Recht rühmen, mit der öffentlich
wirksamen Aktion einen Vorgang ans Licht
gebracht zu haben, der sonst vielleicht unbe-
merkt geblieben wäre. (...) Wenn das Patent-
amt nun stolz und von allen Selbstzweifeln
unberührt behauptet, im Streit um das ‚Edin-
burgh-Patent‘ habe sich ‚das im Europäischen
Patentübereinkommen verankerte Einspruchs-
verfahren erneut als wirksames und transpa-
rentes Rechtsmittel zur Überprüfung der von
der EPA erteilten Patente erwiesen‘, dann gilt
es daran zu erinnern, dass erst der öffentli-
che Protest das Amt zur Transparenz und
Korrektur seiner Fehlentscheidung gezwun-
auf menschliche Embryonen bereits am gen hat.“55
8. Dezember 1999 unter der Nummer EP 695 Die Süddeutsche Zeitung schrieb zum sel-
351 erteilt. Beansprucht wird die Entnahme ben Vorgang: „Bei der Vergabe des ‚Edin-
© T. Einberger / argum / Greenpeace

von Zellen aus menschlichen Embryonen, die burgh Patents‘ hat das Patentamt einen
gentechnische Manipulation dieser Zellen schweren Fehler eingestanden. Es gehört zu
und sogar die „Züchtung“ von gentechnisch den Absurditäten, dass das Patentamt einen
manipulierten Menschen aus diesen Zellen. schweren Fehler nicht korrigieren kann,
Nach der Bekanntmachung des Patents durch über Einsprüche in einem internen Gericht
Greenpeace kamen Einsprüche aus allen Tei- entschieden werden muss, Kontrollinstan-

55) FAZ, 25.7.02, EP 0695 351. Auch ein entschärftes Patent schützt keine Embryonen.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 27

zen fehlen; Greenpeace hat dieses Wächter- der Aktuellen Stunde zur Haltung der Bun-
amt übernommen. In der EU ist das alles desregierung zur Patentvergabe des Europäi-
bekannt.“56 schen Patentamtes auf Genmanipulation
Auch das Deutsche Ärzteblatt widmet menschlichen Erbguts Greenpeace ausdrück-
sich dem Präzedenzfall für die Ethik: „Dass lich gelobt. „Ich möchte zu dieser Entschei-
das Europäische Patentamt wesentliche Teile dung des Europäischen Patentamtes noch
seines Ende 1999 erteilten ‚Edinburgh‘-Pa- etwas hinzufügen. Ich sage es in aller Deut-
tents revidiert hat, ist kein Zufall. 14 Organi- lichkeit: Ich halte es nicht für ein Versehen,
sationen, darunter die deutsche, die nieder- sondern für ein Verdienst von Greenpeace –
ländische und die italienische Regierung insbesondere von Herrn Then, dem ich auf
sowie Greenpeace, hatten vehement gegen diesem Wege ganz besonders für seine Hart-
das Patent protestiert. Es schützt ein Verfah- näckigkeit danken möchte, dieses Thema an
ren, mit dem sich Stammzellen von anderen die Öffentlichkeit zu bringen –, dass heraus-
Zellen trennen lassen. Dazu müssen die gekommen ist, dass das Europäische Patent-
Stammzellen gentechnisch verändert werden. amt zweimal absichtlich bei ein und dersel-
Der manipulierte menschliche Embryo hätte ben Patenterteilung darauf hingewirkt hat,
somit patentiert werden können. (...) So hatte dass menschliches Gewebe, menschliche
das 1994 von der Universität Edinburgh (die Stammzellen, patentiert werden können.“58
mit dem australischen Forschungsunterneh- Bei der Kampagne „Kein Patent auf
men ‚Stem Cell Sciences‘ verbunden ist) an- Leben“ im Jahr 2000 stieß Greenpeace auf
gemeldete Patent alle tierischen Zellen, ein- breite gesellschaftliche Unterstützung. So
schließlich menschlicher Zellen, in den An- teilte der Islamrat für die Bundesrepublik
trag einbezogen. Die betreffende Passage im Deutschland die Besorgnis der Umweltschüt-
englischen Originaltext hatten die Patentprü- zer „über die neuesten Entwicklungen im
fer angeblich übersehen. Erst Greenpeace Bereich der Gentechnik und der Patentie-
hatte den ‚Fehler‘ nach der Patenterteilung rung von Leben. Wir begrüßen Ihre Initiati-
entdeckt und Einspruch erhoben.“ ve und sind selbstverständlich bereit, eine
In der Neuen Westfälischen Zeitung aus entsprechende Kampagne von Greenpeace zu
Bielefeld bedankte sich Pastor Ulrich Pohl unterstützen und von unserer Seite alles zu
bei Greenpeace: „Auf Betreiben von Green- tun, um gegen die Patentierung von Leben
peace und anderen hat nun das Europäische einzutreten“59. Auch die Nordelbische Evan-
Patentamt in München das 1999 erteilte Pa- gelisch-Lutherische Kirche lehnte die „Paten-
tent für die Züchtung gentechnisch verän- tierung von pflanzlichen, tierischen und
derter Menschen sowie für das Verfahren menschlichen Genen, gentechnisch veränder-
zur Züchtung embryonaler Stammzellen von ten Organismen oder gentechnischen Ver-
Mensch und Tier widerrufen. Frank Ulrich fahren“ ab.60 Die Münchener Evang-Luth.
Montgomery, Vorsitzender des Ärzteverban- Kirchengemeinde St. Lukas rief am 8. März
des Marburger Bund, kennzeichnete die Ent- 2000 zu einem Abendgebet zum Thema
scheidung des Patentamts mit den Worten: „Patent auf Leben?“ auf. In ihrer Ankündi-
‚Die Rücknahme dieses Teufelspatents zur gung teilte die Gemeinde mit: „Wir freuen
Züchtung von Embryonen und zum Klonen uns auch, dass wir zur Vorbereitung bzw. zur
ist ein Sieg der Menschlichkeit.‘“57 Mitwirkung Greenpeace, ‚Kein Patent auf
Der SPD-Politiker Dr. Wolfgang Wodarg Leben‘ und das Umweltreferat der Evang.-
(SPD) hatte bereits im Bundestag anlässlich Luth. Kirche in Bayern gewinnen konnten.“61

56) Süddeutsche Zeitung, 25.7.02, Der patentierte Mensch.


57) Neue Westfälische (Bielefelder Tageblatt), 27.7.02, Zum Sonntag. Danke, Greenpeace!
58) Redebeitrag von Dr. Wolfgang Wodarg anlässlich der Aktuellen Stunde im Bundestag (24.02.2000).
59) Brief des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland an B. Behrens/S. Flothmann, 28.2.2000.
60) Schreiben vom 17.2.2000.
61) Fax an C. Then, 3.3.2000.
28 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

Auch gegen die Entscheidung des Euro- und den Niederlanden haben sich gegen die
päischen Patentamtes, das so genante Brust- Patente von Myriad ausgesprochen. Das Euro-
krebs-Gen patentrechtlich zu schützen, pro- päische Parlament sowie die Bioethik-Enquê-
testierten Patienten, Ärzte, Wissenschaftler te-Kommission des Deutschen Bundestages
und Politiker. Die Ärztekammern in Deutsch- lehnen Patente auf menschliche Gene als
land und Österreich unterstützen die Green- unethisch ab.
peace-Einsprüche gegen die Patenterteilung Allgemein haben die Weltärztekammer,
des von der Firma Myriad mehrfach paten- Bauernverbände, Vertreter der Weltbank und
tierten Gens (BRCA1, breast cancer, engl. die Entwicklungshilfeorganisation der UNO,
Brustkrebs), das eine zentrale Rolle bei der die UNDP, an der zunehmenden Patentie-
Entstehung und Diagnose bestimmter Brust- rung von Lebewesen scharfe Kritik geübt. So
krebs-Erkrankungen spielt. Der Bundesärzte- heißt es im „Bericht über die menschliche
kammerpräsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hop- Entwicklung 1999“: „Der unerbittliche Vor-
pe wies darauf hin, dass diese Patentertei- marsch der Rechte auf geistiges Eigentum
muss gestoppt und in Frage gestellt wer-
den.“63 Der Europarat beschloss in seiner
Empfehlung „Biotechnologie und geistiges
Eigentum“: „Die Versammlung vertritt die
Ansicht, dass Pflanzen, Tiere, menschliche
Gene, Zellen, Gewebe und Organe weder als
Erfindungen betrachtet, noch Monopolen un-
terworfen werden können, die durch Patente
gewährt werden.“64
In einem Leserbrief an den Berliner Ta-
gesspiegel 2001 erklärte Andreas Troge, der
Präsident des Umweltbundesamtes, seine
Wertschätzung für Greenpeace und distan-
zierte sich von einer zuvor veröffentlichten
Meinungsäußerung eines seiner Mitarbeiter:
„Der Leserbrief meines Mitarbeiters, Dr. Mar-
tin Mieschendahl, zur EG-Biopatentrichtlinie
gibt nicht die Meinung des Umweltbundes-
amtes wieder. Insbesondere distanzieren wir
uns von dem Satz: ‚Die Opposition von Green-
peace ist undemokratisch und unethisch.‘ Im
Im Februar 2002 erheben lung (Patent EP0705 903) dank der Recher- Gegenteil: Wir schätzen die Arbeit von Green-
Greenpeacer Einspruch chen von Greenpeace bekannt geworden sei. peace und anderen Nichtregierungsorganisa-
gegen ein patentiertes „Wir fordern gemeinsam mit Greenpeace tionen sehr und zweifeln weder an ihrem
Brustkrebs-Gen.
den Widerruf des Patents und unterstützen Demokratieverständnis noch an der Gemein-
den Appell an den Deutschen Bundestag und nützigkeit ihres Wirkens.“65
die Europäische Union, die Patentierung von Und in einem Interview mit dem Publik-
Genen generell zu verbieten“, so der BÄK- Forum äußerte sich die aus Indien stammen-
© C. Lehsten / argum / Greenpeace

Präsident.62 de Soziologin Shalini Randeria, die 2002 als


Auch die Deutsche Gesellschaft für Hu- Professorin an der Universität München lehr-
mangenetik (Würzburg) sowie die entspre- te, über Konzerne, den freien Welthandel
chenden Vereinigungen in Belgien, Frankreich und die Dritte Welt. Die Autorin des Buches
62) Pressemitteilung der Bundesärztekammer, 20.6.2001.
63) Bericht über die menschliche Entwicklung 1999, UNDP, Bonn 1999, S. 89.
64) Recommendation 1425 (1999).
65) Der Tagesspiegel, Berlin, 3.6.2001.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 29

„Das Recht im Globalisierungsprozess“ ant- durchgeführten Analysen hin und forderte


wortete auf die Frage, „wie wichtig (...) der von den Seglern ein Umdenken: „Bei Unter-
Druck der hiesigen Verbraucher oder der suchungen, die zum Teil in ausschließlich
UNO auf die Multis [ist], soziale Menschen- von Sportbooten genutzten Häfen durchge-
rechte einzuhalten“: führt wurden, hat Greenpeace noch 1999,
„Wichtig. (...) Und ein Netzwerk von zehn Jahre nach dem EU-weiten Verbot von
Nichtregierungsorganisationen klagte erfolg- TBT für Sportboote unter 25 Metern, auffäl-
reich gegen den amerikanischen Chemiekon- lig hohe Konzentrationen im Sediment
zern W.R. Grace und das US-Landwirtschafts- gefunden. Dies weist leider darauf hin, dass
ministerium wegen ‚Biopiraterie‘. Das Patent TBT-haltige Farben weiter von einigen Boots-
Durch Proteste wie 1999
des Schädlingsbekämpfungsmittels aus dem besitzern verwendet werden. Das haben auch
in Bremerhafen erwirkt
Öl von Samen des indischen Neembaums Untersuchungen in schleswig-holsteinischen Greenpeace ein Verbot des
wurde schließlich durch das Europäische Pa- Sportboothäfen gezeigt. Für die Sportschiff- hochgiftigen TBTs in Schiffs-
tentamt widerrufen. Das ist auch dem Druck fahrt sind umweltschonende Antifouling- farben ab 2003.
von Greenpeace zu verdanken.“66

TBT – Dauergift im Meer


Die Greenpeace-Kampagne gegen das Dauer-
gift TBT konnte im Herbst 2001 einen wich-
tigen Erfolg verbuchen: Die Mitgliedsländer
der Internationalen Schifffahrtsorganisation
(IMO) beschlossen ein globales Verbot des
TBT-Einsatzes in Schiffsfarben. Demnach dür-
fen Schiffe ab Januar 2003 nicht mehr mit
TBT-haltiger Farbe gestrichen werden, ab 2008
müssen auch Altanstriche entfernt oder zu-
mindest sicher versiegelt werden.
Neben der toxischen Wirkung für Meeres-
organismen wirkt TBT bereits in kleinsten
Konzentrationen schädigend auf das Hormon-
system von Menschen und Tieren. Das Gift
wird Schiffsfarben beigemischt, um den Be-
wuchs der Bordwände mit Algen und Mee-
restieren zu verhindern. Die Weltgesund- Anstriche ohne TBT und seit einiger Zeit
heitsorganisation zählt das Umwelthormon auch ohne die ebenfalls schädlichen Kupfer-
zu den giftigsten Stoffen, die der Mensch verbindungen oder andere organische Biozi-
heute in die Umwelt freisetzt. de vorhanden. (...) Nutzen Sie bitte diese um-
Seit 1999 hatte Greenpeace mit zahlrei- weltfreundlichen Einkaufsmöglichkeiten.“67
chen Aktionen in deutschen Nord- und Ost- Sein Hamburger Kollege, der Umweltsenator
seehäfen auf das TBT-Problem aufmerksam Alexander Porschke (GAL), hatte sich bereits
gemacht. Die Umweltschützer entdeckten im 1999 der Initiative für ein internationales
Schlick dieser Häfen, aber auch in Fischen, TBT-Verbot, „das auch von den Umwelt-
Wattwürmern und Seehunden hohe Konzen- schutzorganisationen WWF und Greenpeace
trationen des Giftstoffes. Der schleswig-hol- zu Recht gefordert wird“, angeschlossen.
steinische Minister für Umwelt, Natur und „Die Unterstützung dieses weltweiten Verbo-
© F. Dott / Greenpeace

Forsten, Klaus Müller, wies auf dem Seglertag tes kann gar nicht breit genug sein“, erklärte
2001 in Owschlag auf die von Greenpeace Porschke.68
66) Publik-Forum 11.10.02, Biopiraten auf dem Weg in den Süden.
67) Rede des Ministers für Umwelt, Natur und Forsten des Landes Schleswig-Holstein Klaus Müller, Seglertag 2001, 3.3.2001, Owschlag.
68) Pressemitteilung der Hamburger Umweltbehörde, 13.10.1999.
30 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

Greenpeace protestierte auch bei Schiffs- schichte. Um diesen Erfolg muss jedoch Jahr
eignern: So empfingen am 13.11.1999 sieben für Jahr wieder gerungen werden. Zwar bleibt
Schlauchboote das Kreuzfahrtschiff „Queen das Moratorium wohl noch bestehen, weil
Elizabeth 2“, als es in die Wesermündung ein- man sich nicht auf ein Management einer
fuhr. Aktionisten sprühten auf den Schiffs- „nachhaltigen“ Jagd einigen kann, aber schon
rumpf „God save the Queen from TBT“. Nach die beiden Schlupflöcher des Abkommens –
der mehrstündigen Protestaktion erklärte die Jagd zu „wissenschaftlichen Zwecken“ und
die Reederei des Schiffes, Cunard Lines, aus traditionellen Gründen – bereiten Green-
ihren Verzicht auf die Verwendung des Dau- peace jedes Jahr aufs neue Kopfschmerzen.
ergiftes. Cunard-Vertreter versicherten Green- Die Japaner töten unter dem Vorwand der
peace schriftlich, dass der berühmte Luxus- Wissenschaft sogar in Schutzgebieten, die
liner bei dem 2001 fälligen Neuanstrich von Norweger schieben die angebliche Walfang-
seinem giftigen TBT-Altanstrich befreit und tradition vor ihre kommerziellen Interessen.
mit TBT-freier Farbe lackiert wird. 69 Und 2003 hat Island die Waljagd zu „wissen-
Greenpeace fand TBT sogar in Alltags- schaftlichen Zwecken“ wieder aufgenommen.
gegenständen, wie zum Beispiel Babywin- Und alle Jahre wieder versuchen die Wal-
deln, Sporttrikots oder Luftmatratzen. Ein fangnationen Greenpeace um den Beobach-
erneuter Greenpeace-Test von Windeln im terstatus in der IWC und beim Washingto-
Jahr 2001 zeigte, dass bis auf ein Produkt alle ner Artenschutzabkommen CITES zu brin-
inzwischen frei von dem Schadstoff sind. gen. Doch der gute Ruf und die kompetente
Endlich 2002 entschloss sich auch die IMO, Walschutzarbeit der vergangenen Jahrzehnte
die Schifffahrtsorganisation der UN, zum schützen die Organisation vor diesen Angrif-
TBT-Verbot weltweit. fen. Immer und immer wieder werden die
Anträge auf Ausschluss abgeschmettert.
So heißt es in einem Antrag der SPD-
1.3 Gesetze und Fraktion und der Grünen vom März 2000:
Verordnungen als Folge von „Der Bundestag bittet die Bundesregierung,
Greenpeace-Kampagnen sich entsprechend der langjährig internatio-
nal üblichen Praxis weiterhin für einen gesi-
Eigentlich müsste man an dieser Stelle er- cherten Beobachterstatus von Nicht-Regie-
neut den Antarktis-Schutzvertrag, das Verbot rungsorganisationen bei der CITES und IWC
des Schiffsanstriches TBT und das Versen- einzusetzen.“70 Der Antrag übernimmt zudem
kungsverbot für Ölplattformen von Sintra beinahe wortwörtlich die Greenpeace-Forde-
aus Abschnitt 1.2. als lobenswerte, legislative rungen: „Die Wiederaufnahme des kommer-
Folgen des Greenpeace-Engagements erwäh- ziellen Walfangs ist vor diesem Hintergrund
nen. Aber wie Gesetzgeber sich der Green- nicht zu verantworten. Die Bundesregierung
peace-Anliegen annehmen, soll an anderen sollte weiterhin ihren Einfluss innerhalb und
Bespielen verdeutlicht werden. außerhalb der EU geltend machen, damit so-
wohl im Washingtoner Artenschutzabkom-
men als auch innerhalb der IWC ein optima-
Das Walfangmoratorium und andere ler Schutz der Wale gewährleistet bleibt. Vor-
Gesetze zum Schutz der Meere rangiges Ziel sollte dabei die Aufrechterhal-
Der Beschluss der Internationalen Walfang- tung und konsequente Umsetzung des welt-
kommission (IWC) 1982, die kommerzielle weiten Walfangmoratoriums und Handels-
Jagd auf Wale vorerst zu beenden und mit der verbots mit Walprodukten sein.“
Jagdsaison 1986 ganz auszusetzen, gehört zu In der Sitzung des Deutschen Bundestags
den größten Erfolgen der Greenpeace-Ge- am 23. März 2000 forderte die SPD-Abgeord-

69) ADN, 13.11.1999, Deutschland: Luxusliner „Queen Elizabeth“ künftig ohne giftigen Anstrich.
70) Deutscher Bundestag – 14.Wahlperiode – Drucksache 14/2985, 21.3.2000.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 31

nete Anke Hartnagel, den Schutz der Wale halb des Schutzgebietes auf. Die Greenpeace-
dauerhaft sicherzustellen: „Wenn man an Wale Aktivisten stellten sich in Schlauchbooten
denkt, dann sieht man immer die Greenpeace- zur Rettung der Wale den japanischen Fang-
Aktivisten vor sich, zum Beispiel im Einsatz schiffen entgegen. Eine ähnliche Aktion zwei
gegen japanische Walfänger. Ich glaube, die Jahre zuvor hatte der ehemalige Regierungs-
Bilder kennen fast alle. Sie sind natürlich sehr sprecher Klaus Bölling73 in der B.Z. wie folgt
beeindruckend. Um es gleich ganz klar zu sa- kommentiert: „Der Mann riskierte dabei, wie
gen: Der Walfang, den die Japaner vornehmen, vor ihm so manche andere Greenpeace-Akti-
ist illegal. Die so genannten Forschungszwe- visten, sein Leben. Das ist, in den letzten Tagen Japaner widersetzen sich
dem Walfangverbot, was
cke dienen hier lediglich als Alibi. Das Pro- des Jahres, die Geschichte vom braven Mann. Greenpeace immer wieder
blem ist zudem, dass die Japaner im antarkti- Die vielen Tierfreunde, die es in Berlin gibt, auf den Plan ruft, hier im
schen Schutzgebiet jagen und damit auch werden ihm Respekt zollen.“74 Januar 2000 im Südpazifik.
gegen das Moratorium der Internationalen
Walfangkommission verstoßen. Deshalb habe
ich volles Verständnis für die Aktionen der
Walschützer. Zumindest für die SPD-Fraktion,
aber, so denke ich, auch für einen Großteil die-
ses Hauses, möchte ich an dieser Stelle den
Greenpeace-Aktivisten ausdrücklich Respekt
zollen.“ (Beifall bei der SPD, dem Bündnis
90/DIE GRÜNEN und der PDS)71
Bereits ein Jahr zuvor hatte sich Frau Hart-
nagel deutlich für Greenpeace eingesetzt, als
in Norwegen während der Aktionen gegen
Walfänger Greenpeace-Aktivisten verhaftet
worden waren: „Norwegen muss die Gefan-
genen (Greenpeace-Aktivisten, A.d.V.) sofort
aus der Militärhaft entlassen und ihnen den
Zugang zu ihren Rechtsanwälten gewähren.
Ferner ist erklärungsbedürftig, warum die
norwegische Regierung ein Schiff in interna-
tionalen Gewässern beschlagnahmen ließ.
Bisher liegen keine Erkenntnisse vor, dass
die Greenpeace-Aktivisten internationales
Recht missachtet hätten. [...] Es ist mir völlig
unverständlich, dass einerseits Norwegen das
Greenpeace-Schiff beschlagnahmt und die
gesamte Besatzung verhaftet hat, gleichzeitig
aber nicht gegen die Schützen auf dem Wal- Auch im Bereich der Fischerei hat Green-
fänger vorgegangen ist.“72 peace Erfolge vorzuweisen. So forderte 1987
Neben der fortgesetzten Lobbyarbeit über- die US-amerikanische Fischereibehörde nach
wachten die Umweltschützer das Walschutz- Protesten von Greenpeace die Krabbenfischer
gebiet im Südpolarmeer. Am 14. Dezember auf, ihre Netze so zu verändern, dass Schild-
© J. Cunningham / Greenpeace

2001 spürte das Greenpeace-Schiff „Arctic kröten ungefährdet bleiben. 1989 verabschie-
Sunrise“ die japanische Walfangflotte inner- deten die UN eine Resolution für ein Verbot

71) Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 95. Sitzung, Berlin, 23.3.2000, Anke Hartnagel (SPD).
72) Pressemitteilung von Anke Hartnagel, MdB vom 13.7.1999.
73) Von 1974 bis 1981 war Klaus Bölling Regierungssprecher unter dem Kanzler Helmut Schmidt (SPD). Danach war er für ein Jahr Ständiger
Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in der DDR. Heute arbeitet Klaus Bölling als Journalist und Publizist.
74) B.Z., 21.12.1999, Der Greenpeace-Held und wir.
32 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

der Treibnetzfischerei, die Greenpeace zusam- zu verbrennen oder zu versenken, erklärten


men mit den USA, Neuseeland und einigen deren Vertreter, es sei unmöglich, diese öko-
Südpazifikstaaten erarbeitet hatte. 1991 wur- logische Anforderung zu erfüllen. Rund 20
de ein entsprechendes Moratorium beschlos- Jahre später sollten die Greenpeace-Forde-
sen. 1995 verabschieden die Vereinten Natio- rungen Bestandteil der internationalen Politik
nen ein Abkommen, an dessen Ausarbeitung werden.
Greenpeace mitgewirkt hat und das erste in- Rémi Parmentier, Chef-Lobbyist von Green-
ternationale Standards für eine nachhaltige peace International, ist überzeugt: „Die exis-
Fischerei festlegt. tierenden Restriktionen für das Versenken
Und 1998 trugen die erneuten Aktionen und Verbrennen von Müll auf und in den Mee-
von Greenpeace gegen Treibnetze im Mittel- ren wäre nicht zu Stande gekommen, wenn
meer Früchte: Am 8. Juni 1998 stimmten die Greenpeace nicht die Kampagne mit diesem
EU-Landwirtschafts- und Fischereiminister Ziel in den siebziger, achtziger und neunzi-
in Luxemburg nach langen Debatten für ein ger Jahren vorangetrieben hätte.”75
Verbot dieser destruktiven Fangmethode. Ab Die Wissenschaftler Schmidt und Take
dem 1. Januar 2002 sollten demnach die gro- führen die London-Konvention76 als ein Bei-
ßen Todeswände aus allen europäischen spiel dafür an, dass „Umweltschutzorganisa-
1982: Greenpeace-Protest
gegen das Versenken
Gewässern verschwunden sein. Ein großer tionen (...) aus diesem ‚Aufdeckungskonflikt‘
von Atommüll-Fässern Sieg für die Meere und ihre Bewohner – ein oft als Sieger hervorgegangen (Basler Gift-
auf hoher See. großer Erfolg der Greenpeace-Arbeit. müll-Konvention, Verbot der Dünnsäurever-
klappung auf See, Moratorium überirdischer
Atomtests etc.)“77 seien. ‘
Begonnen hatte der Konflikt bereits 1978,
als die ‚Rainbow Warrior‘ zu ersten Einsätzen
gegen die Verklappung von britischem Atom-
müll ausfuhr. Parmentier beschreibt die ersten
Aktionen wie folgt: „Ohne die Hartnäckig-
keit der Greenpeace-Mitglieder in den kom-
menden Jahren hätte es als Anekdote geen-
det: Ein Gummi-Schlauchboot von der ,Rain-
bow Warrior‘ fährt unter die Versenkungs-
plattform des Frachters ,Gem‘ und wird durch
ein Fass zertrümmert, das radioaktiven Müll
enthalten soll. Sonst war eigentlich nichts los
im Sommer 1978.“
Sommer für Sommer begleiteten die Um-
weltschützer die Verklappungsschiffe auf ih-
rer Fahrt. 1982 kam es, nach dramatischen Ak-
tionen gegen die Atommüllverklappungsschif-
fe Gem (Großbritannien), Scheldeborg und
London-Konvention: Rijnborg (Niederlande), bei denen Schlauch-
Keine Müllversenkung im Meer boote von abgeworfenen Atommüllfässern
Als Greenpeace die Chemie- und die Atomin- getroffen und deren Insassen ins Wasser
dustrie Ende der siebziger Jahre erstmals auf- geschleudert werden, zu einem ersten Erfolg:
© P. Gleizes / Greenpeace

forderte, ihre hochgiftigen Abfälle nicht mehr Am 22. September gab die niederländische

75) Remi Parmentier: Greenpeace and the Dumping of Waste at Sea: A case of Non-State-Actors’ Intervention in International Affairs, in:
International Negotiation 4, 1989, S. 433.
76) LDC; weltweite Übereinkunft zur Verhütung von Meeresverschmutzung durch Verklappung, heute London Convention, LC).
77) Hilmar Schmidt/Ingo Take: Demokratischer und besser? Der Beitrag von Nichtregierungsorganisationen zur
Demokratisierung internationaler Politik und zur Lösung globaler Probleme, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bd. 43/97, S. 16.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 33

Regierung ihren Rückzug aus der Atommüll- einer Mehrheitsentscheidung – die Versen-
verklappung bekannt. kung von radioaktiven Abfällen verboten wer-
Mitte der achtziger Jahre zahlte sich die den sollte. Die drei Änderungsanträge wur-
Hartnäckigkeit von Greenpeace endlich aus. den geltendes Recht für die Vertragsstaaten
Im Februar 1983 beschlossen die Vertrags- der London-Konvention und des UNCLOS-
staaten der London-Konvention mit großer Abkommens ( Law of the Sea Convention ) am
Mehrheit ein zehnjähriges Moratorium für 20. Februar 1994. Mit anderen Worten, sie
die Atommüllverklappung. Allein Großbritan- sind in praktisch der ganzen Welt Gesetz.”78
nien weigerte sich, dem Beschluss zu folgen.
Dort gelingt es Greenpeace, die National Union Giftmüll/Basel-Konvention
of Seamen (NUS) und die International Als sich Greenpeace International Ende 1988
Transport Federation (Internationale Trans- dazu entschloss, den internationalen Gift-
portarbeitergewerkschaft, ITF) davon zu über- müllschiebern das Handwerk zu legen, setz-
zeugen, jegliche Beförderung und Verladung ten die Umweltschützer ihre Hoffnung auf
von Atommüll zu boykottieren. Das hatte zur die Vereinten Nationen, die eine global gel-
Folge, dass das jährliche Verklappungspro- tende Konvention zum Thema in Arbeit hat-
gramm abgesagt wurde. 1983 war das erste ten: das „Baseler Übereinkommen zur Kon-
Jahr des Atomzeitalters ohne (offizielle) Atom- trolle grenzüberschreitender Transporte ge-
müllverklappung. fährlicher Abfälle“. Um die Regierungen
In den folgenden zehn Jahren gelang es weltweit von der Notwendigkeit einer wir-
Greenpeace, den Mitgliedsstaaten der LDC/LC kungsvollen internationalen Konvention zu
die Auswirkungen der Gift- und Atommüll- überzeugen, erstellte Greenpeace für die Sit-
verklappung deutlich zu machen. Greenpeace zung der UNEP (United Nations Environ-
International nahm an den Beratungstreffen mental Program, Umweltabteilung der UN)-
der London-Konvention seit 1983 teil. Und Arbeitsgruppe im März 1989 eine Bestands-
immer wieder versuchten einige Länder, aufnahme über den internationalen Müll-
angeführt von Frankreich und Großbritan- handel, der zwischen 1986 und 1988 einen
nien, diese Teilnahme im Experten-Rat zu Umfang von mehr als sechs Millionen Ton-
verhindern mit der Begründung, dies sei ein nen Abfall umfasste.79
Gremium von Regierungen. Sie wollten damit Doch während der Verhandlungen in
Greenpeace verbieten, schriftliche Anträge Basel wurde schnell deutlich, dass die Vertre-
einzureichen und auf der Eröffnungssitzung ter Japans, der USA und westeuropäischer
zu sprechen.1991 ließen Frankreich und Groß- Regierungen ihren Industrien den billigen
britannien ihre Bedenken fallen. Seitdem ist Entsorgungsweg in die arme Welt freihalten
Greenpeace akzeptiertes Mitglied im Exper- wollten. Daraufhin verließen alle afrikani-
ten-Rat, dem „Panel of Experts“. schen Delegierten unter Protest und ohne
Die jahrelange Lobbyarbeit zahlte sich Unterschrift den Basler Verhandlungssaal.
1993 endlich aus, als die London-Konvention Sie entwickelten eine eigene Konvention über
das seit 1983 geltende Moratorium für die den Müllimport nach Afrika. Im Februar
Verklappung von Atommüll in ein endgülti- 1991 unterzeichneten alle 41 Mitglieder der
ges Verbot mit weltweiter Geltung umwan- Organisation Afrikanischer Staaten (OAU) in
delte. Rémi Parmentier: „Nach einem Jahr- Malis Hauptstadt Bamako eine Konvention,
zehnt der Konfrontation einigten sich die die den Import von Abfällen aller Art nach
Vertragsstaaten im November 1993 auf eine Afrika verbietet. Die EG musste sich ver-
Änderung der London-Konvention dahin ge- pflichten, 69 afrikanische, karibische und
hend, dass die Versenkung von Industrieab- pazifische Staaten (AKP-Gruppe) künftig von
fällen und die Verbrennung auf See und – mit Mülleinfuhren zu verschonen. Das Verbot
78) Remi Parmentier: Greenpeace and the Dumping of Waste at Sea: A case of Non-State-Actors’ Intervention in International Affairs, in:
International Negotiation 4, 1989, S. 439.
79) Jim Vallette und Andreas Bernstorff, Der internationale Müllhandel: Eine Bestandsaufnahme von Greenpeace, Basel 1989.
34 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

wurde als § 39 in dem schen Landtag; „Erst mit der Lagerung, mit
wichtigen Finanz- und der offensichtlichen Entladung in Rumä-
Handelsabkommen Lomé nien, bei deren Feststellung uns Greenpeace
IV zwischen der EG und in dankenswerter Weise unterstützt hat,
den ehemaligen Koloni- konnte die Entledigungsabsicht tatsächlich
en der heutigen EU-Staa- nachgewiesen werden.“80
ten eingebaut. Der damalige Umweltminister Klaus Töp-
Auch außerhalb Afri- fer (CDU) erinnerte sich 1996 an die Giftmüll-
kas gab es für die Green- Rückholaktion: „Greenpeace war nicht ganz
peace-Giftmülldetektive unbeteiligt daran, dass ich im April nach
genug zu tun. Unmittel- Sibiu (Hermannstadt) fuhr, um den Rücktrans-
bar nach der Öffnung sei- port von 430 Tonnen Giftmüll nach Deutsch-
ner Grenzen zum Westen land zu veranlassen: Die Organisation hatte
war Polen 1989 einer wah- den Schmuggel nach Rumänien aufgedeckt.
ren Müllschwemme aus- Die Fässer mit Altpestiziden waren teilweise
gesetzt. Zum ersten Mal aufgeplatzt oder durchgerostet. Die Rückhol-
arbeitete Greenpeace mit aktion war eine Entschuldigung für den ille-
einer Staatsregierung zu- galen Gifttransfer und der Beginn einer
sammen. Warschau nahm deutsch-rumänischen Kooperation auf den
nach kurzem Zögern das Gebieten Schadstoffemissionen und Gewäs-
– stillschweigende – Ko- serqualität. Zugleich machten wir damit deut-
operationsangebot der lich, dass wir Giftmüllexporte nicht dulden.“81
Umweltschützer an und Anlässlich der fünften Basel-Vertragsstaa-
sorgte dann von sich aus tenkonferenz blickte Klaus Töpfer, mittler-
1992 sorgen Greenpeacer für Transparenz. Erfolg: Polens Westgrenze weile UNEP-Direktor, auf die Entstehungsge-
für den Rücktransport von war schließlich für Müllschieber so gut wie schichte der Basel-Konvention und auf seine
illegalem Giftabfall
dicht. Die Giftströme wurden ins Baltikum, eigene Beteiligung als damaliger deutscher
aus Rumänien zu den
deutschen Produzenten. nach Weißrussland, in die Ukraine und nach Umweltminister zurück.
Südosteuropa umdirigiert. „Ich möchte aber auch unsere Freunde
Greenpeace organisierte weltweit Rück- von Greenpeace erwähnen. Ich erinnere mich
holaktionen unter dem Motto „Return to sehr gut an die Zeit vor zehn Jahren. Es war
Sender“, um die Öffentlichkeit für die Pro- eine harte Zeit für einen Bundesumweltmi-
blematik zu sensibilisieren. Im September nister. Ich wurde für den illegalen Export gif-
1992 sammelten die Umweltschützer unter tiger Abfälle von Deutschland nach Rumä-
Anleitung von Andreas Bernstorff in Zusam- nien angegriffen. Ich stand in der Kritik für
menarbeit mit den zuständigen rumänischen abgelaufene Pestizide, die illegal als Handels-
Umweltbehörden in Sibiu (Hermannstadt) gut nach Albanien gegangen waren – und ich
illegal verbrachte Abfälle ein und transpor- hatte die riesige Aufgabe, diesen Müll nach
tierten sie zurück nach Deutschland. Es han- Deutschland zurückzubringen. Das war nur
delte sich dabei um Insektizide und Beizmit- möglich durch die große öffentliche Unter-
tel. Die Abfälle stammten von ehemaligen stützung.”82
Staatsbetrieben der DDR, aber auch von der Für die von Töpfer erwähnte Rückholak-
Firma Bayer. tion aus Albanien erhielt Greenpeace sogar
Dazu erklärte Arnold Vaatz (CDU), Staats- richterliches Lob (siehe auch Abschnitt 1.1.).
© S. Vielmo / Greenpeace

minister für Umwelt und Landesentwick- Zeitgleich zu der Aktion im März 1994 be-
lung, am 13.10.1992 gegenüber dem Sächsi- schlossen die Teilnehmerstaaten der Basel-
80) Sächsischer Landtag, 1. Wahlperiode – 53. Sitzung, 13.10.1992, Drucksache S. 3659.
81) Greenpeace Magazin, 3/96, S. 48.
82) UNEP Executive Director Klaus Töpfer´s Speech at the Ministerial Segment of the 5th Conference of the Parties to the Basel Convention,
Basel, 9.12.1999.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 35

Konvention ein ausnahmsloses Verbot für lungen der Londoner und Baseler Konven-
alle Giftmüllexporte aus reichen Industrie- tion teil, sondern war auch zu den Vertrags-
ländern nach Osteuropa und in die so genann- staatensitzungen regionaler Regime zugelas-
te Dritte Welt. Exporte zum Zweck des Recy- sen. So gelang es ihr nicht nur, die Einbrin-
clings unterlagen ab sofort einer strengen gungsproblematik mit der grenzüberschrei-
Überwachung und waren ab 1998 ganz ver- tenden Abfallproblematik zu verknüpfen, son-
boten. dern auch, an der ‚Politik des koordinierten
Dass er die Basler Konvention für einen Alleingangs‘ in beiden Problemfeldern ent-
großen Erfolg hält, betonte Klaus Töpfer bei scheidend mitzuwirken. Dass Greenpeace an
seiner Rede 1999 ausdrücklich: „Die Konven- der Verbreitung der Verbotspolitik für das
tion (...) bewies in diesen zehn Jahren, dass Einbringen, Verbrennen der Seebettbeseiti-
sie von Vorteil für die Qualität der Problem- gung und die Einfuhr von gefährlichen Ab-
lösung und für die Handlungsweise weltweit fällen auf der regionalen Ebene beteiligt ge-
ist. Sie arbeitet in einem offenen, sehr trans- wesen sein muss, zeigt sich daran, dass in
parenten Prozess, schließt alle Nationen auf fast allen Regimen, in denen diese Politiken
gleicher Höhe ein und umfasst alle Teile der als Reaktionen auf die Annahme der globa-
Gesellschaft: Nichtregierungorganisationen, len Baseler Konvention vereinbart wurden,
Industrie, Wissenschaft, Handel u.a. Und die die Bamako-Konvention als Modell herange-
Konvention, die Basel-Konvention, beweist zogen wurde.“84 Meinke hält es für „geradezu
und wird in der Zukunft beweisen, dass die bezeichnend, dass Greenpeace, eine NGO mit
Globalisierung notwendigerweise mit einer weltweit 24 nationalen Büros, einer interna-
neuen Kultur der Solidarität verbunden sein tionalen ‚Ocean Dumping Campaign‘ und ei-
muss, mit Respekt für regionale Eigenheiten ner ‚Toxic Waste Trade Campaign‘ und einem
und mit Zusammenarbeit zum gegenseitigen Beobachterstatus für die Verhandlungspro-
Nutzen.“ zesse der meisten regionalen Regime im Pro-
Nach dem Verbot der Hochseeverbren- blemfeld ‚Einbringen von Abfällen auf See‘
nung und der Meeresverklappung durch die und ‚Grenzüberschreitende Verbringung von
London-Konvention ist dank der Basel-Kon- gefährlichen Abfällen‘, von einer ‚Klonung
vention auch das „Recycling-Schlupfloch“ für von Bamako‘ sprach und den horizontalen
Giftmüllexporte geschlossen, was ihr globale Diffusionsprozess so offensichtlich beim Na-
Bedeutung verleiht. Damit können Müllver- men zu nennen wusste. Bei einer Beurtei-
meidung und Entgiftung der Produktion ver- lung der Bedeutung zentraler Akteure muss
stärkt durchgesetzt werden. Die Industrien also auch dem Umstand Rechnung getragen
der reichen Länder werden gezwungen, mehr werden, dass einige von ihnen aufgrund
Verantwortung und die Folgekosten auf sich ihres unterschiedlichen Zugangs zu Ent-
zu nehmen, anstatt sie an Schwächere wei- scheidungsforen im Orwellschen Sinne ‚zen-
terzureichen.83 traler als zentral‘ sein können.“85
Dass Greenpeace auf die Entstehung der
genannten zwei Konventionen einwirken Diuron und der Grundwasserschutz
konnte, steht für Britta Meinke, die mit ihrer Erfolg für den Greenpeace-Einsatz für gift-
Dissertation „Mehrebenenregulierung durch freies Grundwasser: Mitte April 1996 ent-
internationale Umweltregime“ eine der zen- schied die Biologische Bundesanstalt (BBA)
tralen Arbeiten zu dem Themenkomplex ver- in Braunschweig, zuständig für die Zulas-
fasst hat, außer Frage: „Die Umweltschutzor- sung von Pestiziden, das Pflanzengift Diuron
ganisation nahm nicht nur an den Verhand- dürfe nicht weiter als Unkrautkiller auf Bahn-
83) Andreas Bernstorff, Global denken – Global handeln: Eine Bilanz der Giftexport-Kampagne, in: Das Greenpeace Buch, hrsg. von Greenpeace,
München 1996, S. 138-151.
84) Britta Meinke, Mehrebenenregulierung durch internationale Umweltregime. Die Entstehung und Weiterentwicklung der globalen und regio-
nalen Umweltregime in den Problemfeldern „Einbringen von Abfällen und Stoffen auf See“ und „Grenzüberschreitende Verbringung von
gefährlichen Abfällen“. Dissertation, Berlin, November 1999, S. 391.
85) Ebenda, S. 392.
36 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

gleisen eingesetzt werden. Die Deutsche Bahn umstrittenen Anhang für ungültig – eine
AG hatte regelmäßig Diuron auf ihren Gleis- wichtige Entscheidung zum Schutz des
anlagen versprüht und musste diese Praxis Grundwassers.
nun einstellen. „Ein wichtiger Teilerfolg in Zur sechsten Novelle des deutschen Was-
Sachen Wasserschutz ist damit erreicht“, serhaushaltsgesetzes leistete Greenpeace eben-
erklärte Wasser-Experte Jörg Naumann von falls politische Überzeugungsarbeit. Die vom
Greenpeace. Das ganze Jahr über „bearbeite- Bundesrat und der Bundesregierung vorge-
ten“ die Greenpeace-Gruppen mit Nachdruck legte Version beinhaltete eine Aufweichung
weitere Diuron-Kunden. Sie durchforsteten bestehender Umweltschutzstandards und
Bau- und Gartencenter nach diuronhaltigen einen klaren Rückschritt für den Schutz der
Mitteln und brachten immer mehr Händler Gewässer. Greenpeace setzte sich dafür ein,
dazu, die Gifte aus ihren Regalen zu entfernen – dass der Vermittlungsausschuss schärfere
darunter die Kaufhauskette Karstadt und die Schutzbestimmungen formulierte. Im Novem-
Baumarktketten Obi, Praktiker und Stinnes. ber 1996 wurde das Gesetz dann in nachge-
Darüber hinaus stiegen 1996 acht Pesti- besserter Form verabschiedet.
zidhersteller aus der Produktion diuronhalti-
ger Pflanzengifte aus und orderten keinen Die Gebühren des
Nachschub bei Bayer. Jörg Naumann war zu- Umweltinformationsgesetzes
versichtlich: „Unsere Aufklärungsarbeit führt Mit den Gebühren des Umweltinformations-
dazu, dass bald niemand mehr das Gift gesetzes hat sich Manfred Redelfs, der Leiter
kauft86“. der Greenpeace-Recherche-Abteilung, befasst
Als die für die Zulassung von Pestiziden und schließlich erreicht, dass die Gebühren-
zuständige Biologische Bundesanstalt (BBA) verordnung für Bürgeranfragen in Nieder-
in Braunschweig im Jahr 2000 die Wiederzu- sachsen drastisch gesenkt werden mussten.
lassung von Diuron vorschlug, „scheiterte das Mit dem Umweltinformationsgesetz (UIG)
Vorhaben an Greenpeace, Landesregierungen wurde 1994 die in deutschen Behörden übli-
und Wasserwerken“, wie die Süddeutsche Zei- che „Amtverschwiegenheit“ zumindest für
tung mitteilte.87 Umweltbelange von der Regel zur begrün-
Die Deutsche Bahn – 1996 Greenpeace- dungsbedürftigen Ausnahme88. Das Um-
Gegner beim Streit um das Pflanzengift Diu- weltinformationsgesetz gibt Bürgern in ganz
ron, das die Bahn auf den Gleisen einsetzte – Europa das Recht, von Behörden Auskünfte
setzte trotzdem auf Spitzengespräche mit den über Umweltdaten im weitesten Sinne zu er-
Umweltverbänden. Die Einladung dazu er- fragen. Mehr Transparenz bei Verwaltungs-
folgte am 29. November 2001. vorgängen stärkt nicht nur die demokrati-
Um mehr Wasserschutz durchzusetzen, schen Mitwirkungsrechte der Öffentlichkeit.
musste Greenpeace zähe Hintergrundarbeit Sie trägt auch dazu bei, den Kontakt zu den
auf politischem Parkett leisten. Das Europäi- Bürgern zu verbessern und damit letzten En-
sche Parlament hatte 1994 – nach Lobbyar- des die Akzeptanz für das Handeln der Ver-
beit von Greenpeace – gegen den damals neu- waltungen zu erhöhen. Außerdem kann nur
en Anhang VI der EU-Pflanzenschutzrichtli- eine informierte Öffentlichkeit ihre Beteili-
nie geklagt, der die Zulassungsbedingungen gungsrechte wirkungsvoll wahrnehmen.
für Pestizide regelte. Der neue Anhang hätte Doch die Tücke steckt im Detail. Die Be-
zur Folge gehabt, dass nur rund zehn Prozent fürchtung der Autoren Schomerus, Schrader
des Grundwassers in Europa vor Pestizidbe- und Wegener in ihrem Vorwort zum Geset-
lastungen geschützt gewesen wären. Im Juni zeskommentar UIG erwies sich als berechtigt:
1996 fällte der Europäische Gerichtshof in „Besonders anfänglich mag die vermehrte
Luxemburg dann das Urteil: Er erklärte den Nachfrage nach Umweltinformationen auch
86) Greenpeace Jahresrückblick 1996, S. 30.
87) SZ, ohne Datum (2001), Ein Blumenbinder in der Rolle des Michael Kohlhaas.
88) Zusammenfassung aus der Tagungsdokumentation „Die transparente Verwaltung“, 5. Juli 2002, Humboldt-Universität zu Berlin.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 37

als Störung eines bis dahin von Zugangsge- anfragen mit Mammutgebühren zum Schwei-
suchen unbehelligten Behördenalltags begrif- gen gebracht, wäre das Gesetz gescheitert.
fen werden.“ Viele Behörden sahen in dem Dabei kann die Auskunftspflicht ein
Recht, für die Bearbeitung von Anfragen Schutz gegen Bestechung im Amt sein. Die
eine Gebühr zu erheben, eine willkommene Nichtregierungsorganisation „Transparency
Abwehrmaßnahme für die Bürgeranfragen. International“, die sich u.a. der Bekämpfung
So antwortete der Landkreis Cuxhaven auf der Korruption verschrieben hat, weist darauf
eine Anfrage zu Umweltdaten: „Unter Anwen- hin, dass die Länder mit der größten Trans-
dung der Allgemeinen Gebührenordnung parenz auf dem Korruptions-Länder-Index am
müsste wegen der außergewöhnlich aufwän- besten abschneiden.
digen Maßnahmen eine Gebühr von mindes- Zum Zweiten zeigt sich, dass durch die
tens 1.220 Euro festgesetzt werden. Ich den- Behördentransparenz Vollzugsdefizite im
ke, dass angesichts dieses Kostenbetrages staatlichen Umweltschutz überhaupt erst auf-
Ihre Anfrage als erledigt anzusehen ist.“ fallen. Auf die Anfrage an das Umweltminis-
Im Landkreis Vechta zeigt sich, dass die terium Schleswig-Holstein nach einer Liste
Höhe der erhobenen Gebühr mit der politi- der Firmen mit Störfallplan, u.a. mit Anga-
schen Brisanz der erfragten Information kor- ben zu potenziell gefährlichen Stoffen, schrieb
relierte. Greenpeace wollte 2001 von den Bau- das Ministerium lapidar zurück, die Zahlen
ämtern im Regierungsbezirk Weser-Ems die seien nicht bekannt, und spielte den Ball
Zahl der Neubauanträge für Massentierhal- zurück: „Falls Sie über weitere Informationen,
tungsanlagen erfragen, aufgeschlüsselt nach die Verpflichtung aus § 11a betreffend, verfü-
Tierarten, Gemeinden und geplanten Tier- gen, bin ich für eine Unterrichtung dankbar.“
zahlen. Der Landkreis mit der höchsten Kon-
zentration von Massentierhaltung in ganz Eu-
ropa zierte sich, Angaben zu geplanten neuen 1.4 Anstöße in
Mastställen öffentlich zu machen, und ver- Wissenschaft und Technik
langte zunächst Gebühren von 5.600 DM
(2.600 Euro). Denn auch im Sommer 2002 Auch hier ist nur eine Auswahl der techni-
sah die Niedersächsische Gebührenordnung schen Innovationen dargestellt, die Green-
Höchstsätze von bis zu 6.130 Euro für die Be- peace auf den Weg gebracht hat. Der Green-
arbeitung von Anfragen vor. freeze ist bereits beschrieben, und seit 2001
Greenpeace erhob gegen den Kostenbe- kämpft Greenpeace um die Einführung eines
scheid aus Vechta Widerspruch und reichte ei- Dieselfilters für gebrauchte Dieselfahrzeuge.
ne Beschwerde bei der EU-Kommission ein, Diese Kampagne ist noch nicht abgeschlos-
um wegen der Gebührensätze für UIG-Anträ- sen und bleibt daher unerwähnt.
ge in Niedersachsen ein Vertragsverletzungs-
verfahren gegen die Bundesrepublik Deutsch- Auf dem Weg zum chlorfreien Papier:
land anzustrengen. Damit wurde die Umwelt- „Das Plagiat“
organisation zum Vertreter vieler Niedersach- Nach langen Vorarbeiten und technischen
sen, die sich durch zu hohe Gebühren sicher- Recherchen in Zusammenarbeit mit aufge-
lich von ihren berechtigten Anfragen zu schlossenen Papierherstellern gelang es Green-
Trinkwasserqualität oder Altlasten abge- peace 1990, dünnes Kraftzellstoff enthalten-
schreckt gefühlt hätten. Angesichts dieses des Tiefdruckpapier für Massendruck-Objek-
Drucks änderte das Land Niedersachsen zum te aus chlorfreiem Zellstoff herzustellen.
1. Juli 2002 endlich seine Gebührenordnung, Allerdings war die Reaktion der deutschen
woraufhin auch die Forderung gegen Green- Zeitungsverlage ernüchternd. Daraufhin be-
peace auf die neue Höchstgebühr von 500 schloss Greenpeace, selbst solches Papier pro-
Euro reduziert wurde. Das Engagement von duzieren zu lassen. Im Herbst 1990 erklärte
Greenpeace hat sich darüber hinaus aus zwei sich der Papierhersteller Haindl bereit, das
Gründen gelohnt. Denn hätte man die Bürger- Papier für ein Plagiat des Nachrichten-Maga-
38 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

Dabei sorgte die Umweltorganisation noch


für zwei weitere Weltpremieren: Der welt-
weit ersten Zeitschrift auf chlorfreiem Off-
setpapier (Greenpeace Magazin 1989) und
dem chlorfreien Tiefdruckpapier (Plagiat) folg-
te im November 1991 das Greenpeace Papier-
Dossier, die erste Broschüre der Welt auf
chlorfreiem Tiefdruckpapier mit 40 Prozent
Altpapieranteil.89
Zehn Jahre nach dem „Plagiat“ wies Bun-
despräsident Rau im Rahmen der Verleihung
des Verdienstkreuzes der Bundesrepublik
Deutschland an Thilo Bode auf das erste
Positiv-Projekt der Umweltorganisation hin:
„So schaffte Greenpeace 1991 mit der Prä-
sentation der weltersten Tiefdruckzeitung
auf chlorfreiem Papier, einem ‚Plagiat‘ des
Nachrichtenmagazins ‚Der Spiegel‘, den Pa-
piermarkt der Bundesrepublik zu verän-
1991 gibt Greenpeace ein zins „Der Spiegel“ in seiner Duisburger Fabrik dern.“90 (Siehe auch Abschnitt 5.)
Plagiat des Magazins zu fertigen, von wo auch der echte „Spiegel“
›Spiegel‹ heraus, der ersten einen Teil seines Tiefdruckpapiers bezieht. SmILE
Tiefdruckzeischrift auf
chlorfreiem Papier.
Am 1. März 1991 wurde „Das Plagiat“ in Die Erde heizt sich auf: Der Autoverkehr mit
einer Aktion vor dem Verlagshaus des „Spie- seinem horrenden CO2-Ausstoß ist eine der
gels“ der Öffentlichkeit präsentiert: Das erste Hauptursachen und mitverantwortlich für
Tiefdruckpapier der Welt aus chlorfrei ge- die globale Klimaveränderung. Trotzdem lag
bleichtem Kraftzellstoff war nur unmerklich der Benzinverbrauch in der Bundesrepublik
weniger weiß als das Original. Bedruckbar- 1995 schon 25 Jahre unverändert bei zehn
keit und Festigkeit des Papiers waren so gut Litern auf 100 Kilometer, „ein Offenbarungs-
wie beim Original. Innerhalb der nächsten eid umweltpolitischer Verantwortungslosig-
Wochen und Monate wurde es national und keit der Industrie“, wie Greenpeace-Experte
international als industrielle Lösung bei Pa- Wolfgang Lohbeck kommentierte.91 Seit Jah-
pier- und Zellstoffindustrie, Grafikern, Verla- ren versprachen die deutschen Autohersteller
gen, Druckereien und Werbeagenturen be- die Produktion eines so genannten Drei-
kannt. Liter-Autos, doch die Einführung wurde
Im Laufe des folgenden Jahres gewann immer wieder verschoben. Da die Automobil-
Papier aus chlorfreiem Zellstoff in allen Be- industrie untätig blieb, eröffnete Greenpeace
reichen gewaltig Marktanteile. Zum Jahres- den Wettbewerb um das Sparmobil.
ende verkündeten „Spiegel“ und „Stern“, dass SmILE heißt das Konzept (Small, Intelli-
ab sofort nur noch auf Papier aus chlorfrei gent, Light, Efficient), herkömmliche Serien-
gebleichtem Zellstoff gedruckt werde. Auch fahrzeuge mit wenig Aufwand in Sparautos
„Profil“ in Österreich schloss sich an. zu verwandeln. Am Beispiel des Renault Twin-
Ein solch großer Kampagnenerfolg ist go zeigte Greenpeace, wie es sich in der Pra-
nicht mit einer einzelnen Aktion zu errin- xis umsetzen lässt. In rund zwei Jahren bau-
© S. Vielmo / Greenpeace

gen. Seit 1989 hatte Greenpeace versucht, die ten Tüftler der Schweizer Motorenschmiede
weltweiten Papiermärkte zu beeinflussen. Wenko im Auftrag der Umweltschutzorgani-
89) Greenpeace Jahresrückblick 1991, S. 8.
90) Begründung für die Verleihung des Verdienstkreuzes 1. Klasse, des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
an Dr. Thilo Bode am 7.9.2001.
91) Greenpeace Jahresrückblick 1995, S. 33.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 39

sation das Fahrzeug um. Der Twingo SmILe Laudatio lobte Prof. Lino Guzzella vom Insti-
hat im Vergleich zum Ausgangsmodell 160 tut für Energietechnik und Laboratorium für
Kilogramm abgespeckt, seine Karosserie ist Verbrennungsmotoren und Verbrennungs-
aerodynamischer gestaltet. Unter der Motor- technik der ETH Zürich den Twingo SmILE
haube verbirgt sich statt eines Vierzylinder- als zukunftsweisendes Konzept.92
Aggregats ein viel kleinerer Zweizylinder- Die Autoindustrie jedoch ignoriert dieses
Boxermotor mit 360 Kubikzentimetern Hub- Konzept weitgehend. Erst im November 1998
raum, dem ein „Comprex“-Auflader zu 50 PS bestätigt mit Audi ein großer deutscher Auto-
Leistung verhilft. hersteller, dass die SmILE-Technik zur Ben-
Bei der SmILE-Premiere im schweizeri- zineinsparung der erfolgversprechendste
schen Luzern Mitte August 1996 beweist Weg sei. „Der Trend für den Ottomotor der
Greenpeace, dass sich der Spritverbrauch bei Zukunft geht ganz sicher hin zur Hubraum-
fast allen Serienautos problemlos halbieren reduzierung und zur Aufladung“, gibt Audi
lässt. Die Vergleichsfahrt mit einem herkömm- auf einer Fachtagung in Essen bekannt.93
lichen Renault Twingo, einem Ford Escort
und einem VW Polo gewinnt der SmILE sou-
verän mit einem Verbrauch von nur 3,2 Li-
tern Benzin auf 100 Kilometern.
Im September 1996 wird der SmILE aus
der Schweiz nach Bonn vor die Tür von Bun-
desverkehrsminister Wissmann (CDU) ge-
fahren. Spontan steigt der Minister zu einer
Probefahrt ein und lobt den Wagen nach der
Spritztour ausdrücklich.
Am 21.1.1997 erhalten das Entwicklungs-
team des Fahrzeugkonzeptes Twingo SmILE,
das aus dem Jungunternehmen Wenko AG
swissauto, Burgdorf, den Firmen Esoro AG,
Glattbrugg, und BRM Design AG, Brügg/Biel,
besteht, sowie die Umweltorganisation Green-
peace, die das Konzept in Auftrag gegeben
hatte, den Schweizer Innovationspreis 1996.
Die Idée-Suisse – Schweizer Gesellschaft
für Ideen- und Innovationsmanagement mit
Geschäftsstelle im Technopark Zürich – ver-
leiht seit 1985 den ‚Schweizer Innovations- Eine weitere Auszeichnung verleihen die SmILE, ein im Auftrag von
preis zur Förderung der wirtschaftlichen Zu- Organisation für wirtschaftliche Zusammen- Greenpeace umgebauter
Renault, auf der IAA 1997 in
kunftschancen‘. arbeit und Entwicklung (OECD) und das
Frankfurt: 3,2 Liter/100 km
Laut Idée-Suisse Präsident Dr. Olaf J. Böh- österreichische Bundesministerium für Land-
me erhalten Entwickler und Auftraggeber die und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasser-
Auszeichnung als Anerkennung für ein Fahr- wirtschaft dem Projekt „SmILE Fuel Efficen-
zeugkonzept, das prinzipiell auf alle Benzin- cy Technology/Greenpeace“ im Oktober 2000
motorfahrzeuge anwendbar ist: Senkung des im Rahmen einer Konferenz über ökologisch
© B. Bostelmann / Greenpeace

Treibstoffverbrauchs und des damit verbun- nachhaltigen Transport Est! (environmentally


denen Ausstoßes an Kohlendioxid (CO2), um sustainable transport) in der Kategorie „Inter-
die drohende Klimakatastrophe zu verhin- national Best Practices Competition”. In der
dern oder zumindest zu bremsen. In seiner Urkunde heißt es:

92) Pressecommuniqué der Idee Suisse, 21.1.1997.


93) Greenpeace Jahresrückblick 1998, S.35.
40 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

„Das Bundesministerium für Land- und Doch dann startete Greenpeace seine So-
Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirt- lar-Kampagne, und für die Photovoltaik-Tech-
schaft und das OECD-Umwelt-Direktorium nologie brach eine neue Gründerzeit an. In
erkennen dieses Projekt als Beitrag zu um- der Jubiläumsausgabe des Fachblatts „Sonne
weltfreundlich nachhaltigem Transport an Wind & Wärme“ hieß es dazu: „Doch gegen
und drücken ihren herzlichen Dank an die diese Depression stemmte sich als einer der
Projekt-Entwickler für ihr hingebungsvolles ersten Greenpeace. Die Umweltaktivisten
Engagement aus.” starteten im November die ‚Cyrus-Kampagne‘
mit dem Ziel, 2-kWp-Anlagen zum Festpreis
Cyrus und die Solar-Kampagne von 25.490 DM (einschließlich Montage und
Die kleine deutsche Photovoltaik-Branche, Mwst) anzubieten und dadurch die Nachfra-
auf der viele Hoffnungen ruhten, traf Ende ge anzukurbeln. Diese Summe lag um etwa
des Jahres 1995 ein schwerer Schlag. Die 30 Prozent unter den bis dahin üblichen
Angewandte Solarenergie GmbH (ASE), in Preisen – eine Provokation der Branche, die
der seit Januar 1994 die Solaraktivitäten von sofort lautstark protestierte.“94
Nukem (RWE) und DASA-Solartechnik ge- Die Greenpeace-Kampagne bewirkte, dass
bündelt worden waren, gab ihren Standort in innerhalb weniger Monate Tausende ihr In-
Wedel auf. Die hochsubventionierte und teresse an einer preisgünstigen Solaranlage
-entwickelte Produktion wurde in die USA mit Kaufabsichtserklärungen bekundeten. Da-
verlagert. Die hohen Lohnnebenkosten und mit konnte Greenpeace die Argumentation
der Rückgang öffentlicher Forschungsgelder der Stromkonzerne widerlegen, die stur be-
in Deutschland und die angeblich fehlende haupteten, die Produktion von Solaranlagen
Aktion von Greenpeace
beim Bonner Wirtschafts-
Nachfrage dienten zur Begründung für die- sei viel zu teuer, die Nachfrage in Deutsch-
ministerium 1996: Cyrus sen Schritt. Die Solarbranche schien ihre Zu- land zu gering.
schafft Arbeitsplätze! kunft schon hinter sich zu haben. Zwar pendelte sich der Durchschnitts-
preis für eine PV-Anlage bis Ende 1997 auf
knapp über 30.000 DM ein, aber: „Greenpeace
hatte nicht nur wie üblich in den Medien
und im politischen Sektor Aufsehen erregt,
sondern auch eine Kostensenkung bewirkt.“
Obwohl die Förderung in dieser Zeit gerin-
ger ausfiel als in den Vorjahren, kam es 1996
zu einer Verdopplung des Marktvolumens
von PV-Anlagen. Für „Sonne, Wind &
Wärme“ ist dieser „enorme Anstieg nur durch
einen positiven Stimmungsumschwung zu
erklären. Vermutlich haben drei Faktoren
dabei eine Rolle gespielt: Die durch Green-
peace gestartete Cyrus-Kampagne, die bundes-
weiten Initiativen des SFV (Solarenergie-För-
dervereins) zugunsten der kostendeckenden
Vergütung und die unternehmerischen Akti-
vitäten der genannten mittelständischen Un-
ternehmer.“
Auch Adolf Edelmann, Geschäftsführer des
© U. Baatz / Greenpeace

Solargroßhandels AET im Saarland, stellte


fest, es habe 1996 „ein erstaunlich großes In-
teresse an Photovoltaik in den überregiona-

94) Jubiläumsausgabe 2001 Sonne Wind & Wärme, Die Gründerzeit der Photovoltaik, S. 94.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 41

len Medien“ gegeben. Dafür hätten vor allem Förderung von Projekten auf dem Innova-
Greenpeace und die durch die Kampagne tionssektor zur Verfügung standen.97
gesteigerte Nachfrage gesorgt.95 Von Beginn Im Juli 1995 zeigte sich Bundesbauminis-
der Aktivitäten bis 1997 hatte sich der Markt ter Klaus Töpfer bei einem Besuch beein-
für Solarstrom trotz der rückschrittlichen Bon- druckt. Nicht nur bei den damals in Planung
ner Energiepolitik mehr als verdreifacht. befindlichen Berliner Neubauten der Bun-
Aber die politischen Entscheidungen ge- desregierung, sondern bei allen größeren Bau-
fährdeten nicht nur die Umwelt, sondern auch vorhaben bietet es sich an, auf teure Marmor-
Tausende von Arbeitsplätzen. So protestierte fassaden zu verzichten und dafür Solarfassa-
Greenpeace 1997 heftig gegen die geplanten den zu bauen. „Das Interesse an so einer image-
Änderungen des Stromeinspeisegesetzes und trächtigen Fassade ist groß“, berichtete Sven
die Novellierung des Energierechtes ohne Teske, mit zuständig für das Greenpeace-
Vorrangregelung für erneuerbare Energien. Solarprojekt. „Banken, Kaufhausketten und
Die Umweltschutzorganisation rechnete der andere Unternehmen erkundigen sich bei
Bundesregierung in einer Studie vor, dass uns. Aber der Preis schreckt viele.“98
mit einem Markteinführungsprogramm für Auch in dem Lehrbuch „Natur bewusst“
Photovoltaik und Windenergie durch Erhö- vom Westmann Schulbuchverlag dient die
hung der Strompreise um nur 0,125 Cent pro Greenpeace-Solarfassade als Vorbild. In dem
Kilowattstunde über 20.000 Arbeitsplätze Kapitel über erneuerbare Energieträger, in
allein durch den Absatz auf dem innerdeut- dem unter anderem die Funktionsweise von
schen Markt neu entstehen würden. Solarzellen erklärt wird, dient ein Foto vom
„Entsprechend dieser Chance für den Hamburger Lager zu Verdeutlichung.99
Arbeitsmarkt und die Umwelt gleicherma-
ßen fordern inzwischen mehrere Verbände
und Organisationen, unter anderem auch der 1.5 Greenpeace in der DDR
VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und
Anlagenbau), eine Festschreibung der Ein- In einem Bereicht der Europäischen Kom-
speisevergütung an der Küste und eine Erhö- mission zum Transformationsprozess in den
hung der Vergütung im Binnenland für die autoritären Regimen Zentral- und Osteuro-
Windenergie.“96 pas100 wird nicht nur den namhaften Dissi-
Greenpeace selbst ging in puncto Solar- denten wie Havel oder Konrad eine wesentli-
energie mit gutem Beispiel voran: Eine 80 che Rolle zugesprochen. Sie waren nicht die
Quadratmeter große Solarfassade ziert das einzigen Vordenker der Zivilgesellschaft in
Lager im Hamburger Hafen und liefert jähr- Osteuropa. Da die kommunistischen Regie-
lich rund 5.000 Kilowattstunden Strom – rungen keine Themen zur Sprache brachten,
genug für die gesamte Beleuchtung des Hau- die das tägliche Leben der Menschen berühr-
ses. Die Solarstromanlage wurde von der ten, entstanden Bürgergruppen im Bereich
Hamburger Umweltbehörde mit 88.000 DM des Umweltschutzes, der Kultur und der Frie-
bezuschusst. „Wir bezuschussen damit das densbewegung. Besonders die Zusammen-
erste Fassadenkraftwerk in Hamburg“, erläu- arbeit der Friedens- und Umweltschutzgrup-
terte Lutz Jahn von der Abteilung Energie- pen in Ost und West hat zu einer Verschmel-
politik und Wasserversorgung der Umwelt- zung der westlichen Ideen der sozialen
behörde, der damals 1,5 Millionen Mark zur Bewegungen mit den osteuropäischen Ansät-

95) Jubiläumsausgabe 2001 Sonne Wind & Wärme, S. 95f.


96) Wind-Kraft Journal 3/97, S. 12, Greenpeace: Heftiger Protest gegen die Änderungspläne des Stromeinspeisegesetzes und die Novellierung
des Energierechtes ohne Vorrangregelung für erneuerbare Energien.
97) Die Welt, ca. 1995, Artikel liegt vor.
98) Spiegel Spezial 7/95, S. 106.
99) Natur bewusst 2.1, Natur – Umwelt – Technik, Westermann Schulbuchverlag, Braunschweig 2000, S. 160.
100) Evaluation of the Phare and Tacis Democracy Program 1992–1997.
42 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie

August 1983:
Erste Greenpeace-Aktion mit
einem Heißluftballon in der
DDR gegen Atomwaffen.

zen geführt und so die heutige Bedeutung tionsrecht der Bürger, auf Schutz vor Um-
des Begriffs der Bürgergesellschaft entschei- weltgefahren und auf dem Recht zum fried-
den mitgeprägt. lichen Protest bestand. Daher schleuste die
Ein Lob der EU-Kommission, das sich Staatssicherheit ab Mitte der achtziger Jahre
auch Greenpeace ans Revers heften kann. Die Spitzel in die Umweltorganisation ein. Für
erste Greenpeace-Aktion im Ostblock fand wie gefährlich sie die friedlichen Umwelt-
1982 statt. Damals protestierte das Green- Aktivisten aus dem Westen hielt, geht aus
peace-Schiff „Sirius“ im Leningrader Hafen ge- folgenden Dokumenten hervor.
gen russische Atomwaffenversuche. Die erste Greenpeace war Feind. In der Richtlinie
Aktion in bzw. über der DDR lief am 1/76 (GVS MfS o008-100/76) ging es um die
28. August 1983, als der Heißluftballon „Tri- Entwicklung und Bearbeitung operativer
nity“ von West-Berlin aus in die DDR flog. Vorgänge102. Unter 2.6.2. Formen; Mittel und
Der Überflug sollte die grenzüberschreitende Methoden der Zersetzung heißt es: „Bewähr-
Gefahr von atomaren Waffen verdeutlichen te anzuwendende Formen der Zersetzung
und war für die SED eine Überraschung. Bis- sind: systematische Diskreditierung des öffent-
her hatte man die Umweltorganisation für lichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges
eigene Zwecke nutzen können, weil sie sich auf der Grundlage miteinander verbundener
auf Protestaktionen gegen Atomrüstung, wahrer, überprüfbarer und diskreditierender
Atomwaffentests und Umweltzerstörung in sowie unwahrer, glaubhafter, nicht widerleg-
© A. Paczenski / Greenpeace

den westlichen Ländern beschränkte.101 barer und damit ebenfalls diskreditierender


Nun wurde sie zur Gefahr für den totalitären Angaben (...) zielstrebige Untergrabung von
deutschen Staat, weil sie auf dem Informa- Überzeugungen im Zusammenhang mit be-

101) Greenpeace in der DDR / Uwe Bastian / edition ost“


102) ebenda
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst für Umwelt und Demokratie 43

stimmten Idealen, Vorbildern usw. und die Dr. Alfred Kleine, Generalleutnant und Chef
Erzeugung von Zweifeln an der persönlichen der Stasi-Wirtschaftsabteilung (HA XVIII)
Perspektive, Erzeugen von Misstrauen und gab im Februar 1989 noch sehr konkrete
gegenseitigen Verdächtigungen innerhalb von Anweisung zur Bekämpfung von Greenpea-
Gruppen, Gruppierungen und Organisationen.“ ce: „Schwerpunktmäßig die Realisierung fol-
In einem Schreiben des Ministerrates der gender Zielstellungen:
Deutschen Demokratischen Republik, Haupt- 1. (...)
abteilung XVIII vom16. Mai 1988 steht103: 2. Aufklärung und wirksame Verhinderung
„Weitere Qualifizierung der Führung, Leitung subversiver Handlungen, spektakulärer Akti-
und Organisation der politisch-operativen Ab- onen sowie staatlich nicht genehmigter Akti-
wehrarbeit auf dem Gebiet von Umweltschutz vitäten von „Greenpeace“ als Organisation
und Wasserwirtschaft zur vorbeugenden Ver- bzw. einzelner Mitarbeiter/Mitglieder/Sym-
hinderung, Aufklärung und Bekämpfung pathisanten.
feindlicher Angriffe. 3. Aufklärung, operative Kontrolle und Zu-
Der Bereich Umweltschutz und Wasser- rückdrängung des Auf- und Ausbaues inof-
wirtschaft der DDR ist zunehmend Angrif- fizieller Kontakte von „Greenpeace“ zu nega-
fen feindlich-negativer Kräfte unter Ausnut- tiv feindlichen Kräften, vor allem in so ge-
zung real existierender brisanter Umwelt- nannten staatlich unabhängigen Friedens-
probleme ausgesetzt. /Ökokreisen/-gruppen in der DDR durch den
Insbesondere durch (...) staatliche und ge- Einsatz geeigneter politisch operativer Kräf-
sellschaftliche Einrichtungen und Organisa- te und Mittel.(...)
tionen des Operationsgebietes, wie 4. (...)
- Umweltbundesamt Westberlin, 5. Verhinderung des Zuganges zu geheim zu
- Deutsches Institut für Wirtschafts- haltenden Umweltdaten.“
forschung Westberlin,
- Arbeitskreis ,Kirche im Sozialismus‘ West- Doch die Ostdeutschen waren nicht mehr zu
berlin, bremsen. Trotz der Stasi und drohender
- Greenpeace Deutschland, Sitz Hamburg, Repressalien hatten auf einen Rundbrief an
Kontaktgruppe Westberlin 20.000 zufällig ausgewählte DDR-Bürger
- Hanns-Seidel-Stiftung“ viele an Greenpeace geschrieben und das
Engagement gelobt. Und der Spuk war im
November 1989 vorbei.

103) Dokument 2 der edition ost


44 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft

2. Greenpeace nen und in den Teams Fünfzig Plus für die Se-
im gemeinnützigen nioren.
Bundesfamilienministerin Christine Berg-
Dienst der Gesellschaft mann lobte im Vorwort einer Broschüre des
Bundesministeriums für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend zur Wanderausstellung
2.1 Ehrenamt „Ehrenamtliches und bürgerliches Engage-
In Rahmen der Debatte um die Rolle von Non- ment in unserer Gesellschaft“ aus dem Jahr
profit-Organisationen in den Bürgergesell- 2001 den unbezahlten Einsatz: „Freiwilliges
schaften des 21.Jahrhunderts104 geht es im- oder ehrenamtliches Engagement ist unver-
mer wieder auch um die Bedeutung ehren- zichtbar für eine lebendige Demokratie und
amtlicher Arbeit. Der Wissenschaftler Rudolph den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesell-
Bauer schreibt dazu: schaft. Unschätzbare soziale, politische und
„Nonprofit-Organisationen stellen eine auch wirtschaftliche Werte verdanken wir den
Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel knapp 22 Millionen Freiwilligen in Deutsch-
dar. Sie bilden organisatorische Reaktions- land. Dennoch wird ihre Bedeutung häufig
formen, die durch soziale und kulturelle He- unterschätzt; auch, weil dieser unbezahlte und
terogenität hervorgerufen werden. (...) Ihre unbezahlbare Einsatz oft unsichtbar bleibt.“
Funktion beschränkt sich darauf, in den des- Im Kapitel „Am Anfang war das Ehren-
integrativen Stürmen gesellschaftlicher Span- amt“ heißt es: „Freiwillig Engagierte sind fast
nungen und Spaltungen eine Art von inte- immer in Organisationen eingebunden – in
grativen ,Rettungsinseln‘ bereitzustellen, Parlamente, Gerichte, Kirchen und Parteien,
welche soziale Kohäsion und die Bildung von in Initiativen, Vereine und Verbände. Diese
assoziativer Homogenität und Stabilität bündeln und vertreten ihrerseits Interessen,
erlauben. Zivilgesellschaftliche Gestaltungs- schützen und helfen. (...) Für die Organisatio-
perspektiven, die über den engeren Horizont nen wiederum stellt das Ehrenamt eine zen-
der satzungsmäßigen Organisationsziele hin- trale demokratische, legitimatorische und
ausreichen, haben und finden keine Chancen.“ wirtschaftliche Ressource dar.“ Die Broschü-
Der US-Außenstaatssekretär Timothy Wirth re bebildert diese Sätze mit Fotomaterial von
bestätigt dies105: „Der wachsende Einfluss Greenpeace. Bildunterschrift: „Greenpeace:
von Basisinitiativen ist neben der Internatio- Gemeinschaftlicher Einsatz in Sachen Tier-
nalisierung die zweite Herausforderung für und Umweltschutz“. 106
das bisherige Konzept von Politik. Es gibt Auch im Abschnitt, in dem es um die „Ge-
einen enormen Druck zur Dezentralisierung sellschaft von morgen“ geht, ist auf Green-
von Politik (...) Graswurzel-Bewegungen sind peace-Fotos zurückgegriffen worden: „Green-
der Politikstil der Zukunft. Manche Leute peace-Aktivisten warnen vor den Risiken der
glauben, diese Gruppen seien eine Marotte Atomkraft und der Gentechnologie.“ Dazu
der UNO. Doch es gibt sie jetzt in allen Län- heißt es: „Alle Vorschläge und Visionen (...)
dern. Überall muss sich daher die Politik de- haben eines gemeinsam: Sie weisen dem am
zentralisieren.“ Gemeinwohl orientierten Engagement eine
Greenpeace hat neben den rund 150 Fest- wichtige Rolle zu. In welchen Gewändern ge-
angestellten Tausende ehrenamtliche Mitar- sellschaftliche Beteiligung und aktives Enga-
beiter, organisiert in Gruppen, definiert nach gement auch auftreten mögen – als Bürger-
Alter, in den Greenteams für die Kinder, bei engagement oder Bürgerarbeit, als Zivilenga-
den JAGs für die Jugendlichen, in den loka- gement, Freiwilligenarbeit oder Selbsthilfe:
len Greenpeace-Gruppen für die Erwachse- All diese Formen gelebter Solidarität werden
104) Recherchen Imke Stock für Walter Homolka, Kap. 1.
105) US-Außenstaatssekretär Timothy Wirth/Spiegel Spezial 11 / 1995 / S. 8.
106) Ehrenamtliches und bürgerliches Engagement in unserer Gesellschaft, hrsg. vom Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2001, S. 9.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft 45

für eine humane Bewältigung der Zukunft öffentlich geförderten Gebäuden.109


unverzichtbar sein.“107 Damit die Energiezukunft ohne Kohle, Öl
und Atom Schule macht, initiierte die Um-
2.2 Greenpeace-Gruppen weltschutzorganisation gemeinsam mit der
Info-Tische in der Fußgängerzone, Flugblät- Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
ter verteilen, Dia-Vorträge halten oder an Ak- ein Solar-Schulprojekt. Die Idee: Schüler und
tionen teilnehmen: vielfältig sind die Aufga- Lehrer fahnden in ihrer „Penne“, wo und wie
ben der ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mit- Energie gespart werden kann. Mit dem ein-
arbeiterinnen von Greenpeace. Nach dem gesparten Geld finanziert die Schule schließ-
Motto „Global denken – lokal handeln“ fin- lich eine Solaranlage. Allein 1996 beteiligten
det Umweltschutzarbeit bei Greenpeace auch sich über 100 Schulen an dem Solar-Projekt110,
auf lokaler und regionaler Ebene statt. Heute das seit Februar 1996 von vielen regionalen
engagieren sich bundesweit ungefähr 1.800 Greenpeace-Gruppen betreut wird.
Menschen in über 80 Gruppen. Sie verstehen 1998 landete die Greenpeace-Gruppe Kre-
sich als Teil von Greenpeace und als wichtige feld mit ihrem Projekt „Dämm it“ einen dop-
Multiplikatoren der Greenpeace-Ideen. Die pelten Erfolg: Die Stadtwerke wollen in vier
Hauptmotivation dieser Freiwilligen liegt in Schulen den Energieverbrauch bis zum Jahr
dem Ansinnen, die Ziele und die Arbeit der 2003 um 25 Prozent senken. Im Landeswett-
Organisation öffentlich zu machen und zu bewerb „Öffentlichkeitsarbeit für eine nach-
unterstützen. haltige Entwicklung in Nordrhein-Westfalen“
Sie arbeiten gemeinsam an den globalen gewann das Projekt zudem den ersten Preis.111
Greenpeace-Zielen, unterscheiden sich in Der schwäbische Unternehmer Stefan
Größe und Struktur jedoch erheblich: Es gibt Bleyer profitierte vom Wissen der Stuttgarter
Stadt- und Regionalgruppen, Gruppen, die ei- Greenpeace-Gruppe. Seine neue Produktions-
gene Büros unterhalten, und andere, die sich halle sollte ein Paradestück für ökologisches
beispielsweise in Kulturzentren treffen. Große Bauen werden. Bleyer berichtete gegenüber
Gruppen wie in Hamburg oder Berlin zählen den Greenpeace Nachrichten: „Bei Baustoff-
über 100 Mitglieder, die kleinste „Gruppe“ auswahl und Energiegewinnung habe ich mich
auf Föhr besteht aus einer Person. von einem Experten der Stuttgarter Green-
Ein Beispiel für ein erfolgreiches bundes- peace-Gruppe beraten lassen – dieses Know-
weites Projekt ist die Weiterführung der how und Engagement waren sehr nützlich.“112
FCKW-Kampagne durch etwa 30 Gruppen. Dass der deutsche Ableger des Fast-Food-
Sie haben sich zum Ziel gesetzt, in Städten Konzerns McDonald‘s nach monatelangen
und Gemeinden Verordnungen zum FCKW- Aktionen zugesagt hat, künftig bei der Ernäh-
und FKW-Verbot bei öffentlichen Bauvorha- rung seiner Hühnchen für Burger und Nug-
ben durchzusetzen, und ihr Projekt auf PVC- gets kein gentechnisch verändertes Futter
Produkte und Raubbauholz erweitert. Mitt- mehr zuzulassen, rechnete der Bayerische
lerweile sind entsprechende Verordnungen Gastronomie Report auch den ehrenamtli-
in zahlreichen Städten erlassen worden. So chen Greenpeace-Aktivisten an: „McDonald‘s
verzichtete die Stadt Münster seit 1994 auf Deutschland hat zugesichert, ab April 2001
Druck der Greenpeace-Gruppe auf Tropenholz bei Hähnchen kein genmanipuliertes Tier-
und FCKW/H-FCKW.108 Seit 1995 verban- futter mehr einzusetzen. Für Schweine und
nen Berlin, Hessen, auch Bayern und Nord- Rinder wird der Verzicht zumindest ange-
rhein-Westfalen FCKW-haltige Baustoffe aus strebt. Der Erfolg ist in erster Linie vielen lo-

107) Ebenda, S. 27
108) Greenpeace-Jahresrückblick 1994, S. 31.
109) Greenpeace-Jahresrückblick 1995, S. 29.
110) Greenpeace-Jahresrückblick 1996, S. 10.
111) Urkunde von Bärbel Höhn, Ministerin für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, 19.11.1998.
112) Greenpeace Nachrichten, 3/2002, S. 7.
46 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft

kalen Greenpeace-Gruppen zu verdanken. zur Verfügung stellen. Begrüßen würde es die


(...) Ein Lob an Greenpeace wollen wir nicht Dezernentin, wenn die Aktion kein Einzelfall
vergessen. Gut zu wissen, dass jemand da ist, bliebe, sondern Startschuss wäre für mehr
der aufpasst und den Großen bei Bedarf in Bürgersinn in Sachen Stadt-Pflege.“114
die Suppe spuckt.“113
2.3 Kinder- und Jugendprojekte
Ende der 80er Jahre kam bei Greenpeace erst-
mals die Frage auf, ob die Organisation Kin-
dern einen Rahmen für ein selbstbestimmtes
ökologisches Handeln im Sinne der Green-
peace-Ziele bieten sollte. Nach heftigen und
kontroversen Diskussionen fasste Green-
peace im Jahr 1990 den Beschluss, die Kinder-
und Jugendprojekte zu gründen und als eige-
nen Bereich in der Organisation zu veran-
kern. Unter dem Motto „Kinder und ihre
Anliegen ernst nehmen“ entschied sich
Greenpeace für das Konzept einer offenen
Kinder- und Jugendarbeit in den so genann-
ten Greenteams, welches sowohl der lebhaf-
ten Phantasie, die für Kinder typisch ist, als
auch der radikalen politischen Herangehens-
weise gerecht wird, die die Umweltschutzor-
ganisation auszeichnet.
Dass sich dieses Konzept durchgesetzt
hat, zeigen sowohl die zahlreichen erfolgrei-
chen Greenteam-Aktionen und Auszeichnun-
gen für die engagierten Kinder und Jugend-
lichen als auch eine bundesweite Evaluation
aus dem Jahr 2001. Die Wissenschaftler, die
sich mit dem Umweltengagement von Kin-
dern und Jugendlichen in der außerschuli-
schen Umweltbildung beschäftigt haben,
kommen zu dem Fazit, dass „das Greenteam-
konzept als Angebot für Kinder und Jugend-
Greenpeace-Protest vor deut- Auch kleinere Aktionen fanden ihr Echo, liche von Greenpeace (...) immer noch als ein
schen McDonald’s-Filialen: wie etwa die Essener Aufräumtage 1994. Die modernes außerschulisches Umweltbildungs-
Kein genmanipuliertes Tier-
Essener Umweltdezernentin Eva-Maria Krü- angebot zu bezeichnen [ist]“. Als deutliche Zu-
futter in die ›Burger‹.
ger zeigte sich begeistert von der Greenpeace- stimmung werten sie „das rege Interesse (...)
Aktion: „Eine tolle Idee, die die Stadtverwal- der Kinder und Jugendlichen“. Die vorgestell-
tung nach Kräften unterstützen wird. Im ten Ergebnisse zeigen weiterhin, „dass Kin-
Rahmen einer Arbeitsgruppe werde mit Green- der und Jugendliche fähig sind, ihre eigenen
© C. Lehsten / argum / Greenpeace

peace derzeit über eine sinnvolle Aufstellung Umweltinteressen zu vertreten. Sie sind be-
stadteigener Container gesprochen, denn der reit, sich für zukünftige Belange einzusetzen
gesammelte Abfall müsse ja ordnungsgemäß und sie machen durch ihre Aktionen deut-
entsorgt werden. Auch anderer Hilfsmittel lich, dass sie an gesellschaftlichen Entschei-
wie etwa Greifzangen will das Reinigungsamt dungs- und Gestaltungsprozessen teilhaben

113) Der Bayerische Gastronomie Report, ohne Datum (2001), Erfolg für Greenpeace. McDonald’s verzichtet auf Genfutter.
114) NRZ (Essen), 22.10.1994, Aufräumtage im Grünen: 300 Essener sind dabei, Greenpeace-Aktion fand großes Echo.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft 47

wollen und auch können. Die Greenteam-Mit- sich schließen, dass sie durch die eigene Tätig-
glieder machen ihr Umweltengagement nicht keit Selbstvertrauen aufbauen, weil sie die
von materiellen Dingen abhängig, sondern Wirksamkeit ihres eigenen Handelns erleben.
bei ihnen steht vielmehr die Art der Tätigkeit Kinder und Jugendliche erfahren durch die
im Vordergrund – das Einbringen der eige- Beteiligung an Entscheidungen und die ge-
nen Fähigkeiten, Mitbestimmungsmöglich- sellschaftliche Integration eine Stärkung der
keiten und das Erreichen eines bestimmten eigenen Handlungsmöglichkeiten. Die Green-
Ziels. Diese Motive, sich in einem Greenteam teamtätigkeit lässt sich als eine Form der Ein-
zu engagieren, machen deutlich, dass die mischung von Kindern und Jugendlichen
Kinder und Jugendlichen nicht nur auf ihren bezeichnen – ein Möglichkeitsraum der gesell-
eigenen Vorteil bedacht sind, sie setzen sich schaftlichen Partizipation, der ihren Kompe-
für etwas ein, das in ihrer Wahrnehmung ge- tenzen angemessen ist und ihre Fähigkeiten
sellschaftlich und politisch zu wenig Beach- deutlich macht.“115
tung findet.“ In vielen Schulen setzen Schüler zusam-
Als besonders wichtig erscheint es den men mit Greenpeace ein Zeichen. Als ,Schu-
Wissenschaftlern, dass Greenteams Kindern len für den Urwald‘ verbannen sie Holzpro-
und Jugendlichen „die Gelegenheit zur Äuße- dukte aus Urwaldzerstörung – vom Toiletten-
rung der eigenen Interessen und der Öffent- papier über Schultische bis zu Turngeräten –
lichmachung ihrer Anliegen“ ermöglichen. aus den Schulgebäuden. Hunderte von Schu-
Somit stellt „die Auseinandersetzung der len gehen bis Ende 2001 an den Start. Sogar
Greenteams mit Umweltproblemen (...) eine außerhalb der Schulen erringen die Jugend-
Möglichkeit dar, sich gegen die durch die Um- lichen Erfolge. Nachdem rund 2.000 Kids in
weltsituation implizierte Hoffnungslosigkeit Gotha (Thüringen) für die Urwälder demon-
zu wehren. Die Kinder und Jugendlichen striert hatten, sicherte auch der Oberbürger-
machen deutlich, dass es sinnvoll ist, sich ak- meister Volker Doenitz (SPD) den ,Kids for
tiv für die Umwelt einzusetzen – jeder kann Forests‘ seine Unterstützung zu. „Er erklärte
etwas machen, ist ihre Devise. Daraus lässt auf der Kundgebung, dass die Stadtverwal-
›Kids for Forests‹: In vielen
Schulen verbannen die
Schüler Holzprodukte aus
Urwaldzerstörung.
© M. Fink / Greenpeace

115) Alle Zitate: Gerd Michelsen/Lars Degenhardt/Jasmin Godemann/Heike Molitor: Umweltengagement von Kindern und Jugendlichen in der
außerschulischen Umweltbildung: Ergebnisse – Bedingungen – Perspektiven: bundesweite Evaluation des Greenteamkonzeptes der
Umweltschutzorganisation Greenpeace, in: Umweltbildung und Zukunftsfähigkeit. Herausgegeben von Dietmar Bolscho, Band 3, Frank-
furt/M. 2001, S.173 ff.
48 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft

tung darauf achten werde, bei Neuanschaf- herausgegebenen Broschüre ,umwelterzie-


fungen auf Urwaldprodukte zu verzichten hung praktisch aktuell II/02‘ wird positiv
und verstärkt Recyclingpapier zu verwen- über den weltweiten Einsatz der Jugendlichen
den.“116 Damit wurde Gotha die erste urwald- für die letzten Urwälder dieser Erde berich-
freundliche Stadt Deutschlands. tet: „Viele Landesministerien unterstützen
Auch auf Bundesebene ernteten die ,Kids das Greenpeace-Projekt, so auch das Ministe-
for Forests‘ Zustimmung. In November 2001 rium für Bildung, Frauen und Jugend in
trafen sie sich mit Verbraucherschutzminis- Rheinland-Pfalz. ‚Ich stimme mit Ihnen über-
terin Renate Künast und baten sie, sich für ein, dass Urwaldhölzer möglichst nicht an
den Schutz der Urwälder einzusetzen. In ih- Schulen verwendet werden sollen. Die Akti-
rem Urwaldbrief antwortete die Bundesmi- on ‚Schulen für den Urwald‘ begrüße ich des-
nisterin für Verbraucherschutz, Ernährung halb ausdrücklich und würde mich freuen,
und Landwirtschaft den Schülern und Schü- wenn möglichst viele Schulen in Rheinland-
lerinnen: „Ihr wollt dies nicht tatenlos hin- Pfalz daran teilnehmen‘, so Michael Kaul
nehmen, sondern fühlt Euch aufgerufen, ei- vom Ministerium.“119
nen Beitrag zur Aufhaltung dieser rasanten Ministerialrat Martin Wünschmann vom
Urwaldzerstörung zu leisten. Für dieses Mit- sächsischen Staatsministerium für Kultus
denken, Mitfühlen und Mithandeln danke schreibt am 3.5.2002 an Greenpeace: „Ihre Ab-
ich Euch als für den Wald zuständige Bun- sicht, mit der Aktion ,Schule für den Urwald‘
desministerin ganz herzlich.“117 Kinder und Jugendliche dazu zu bewegen,
Ähnlich bedankt sich die Ministerin bei sich für den Erhalt unserer natürlichen Lebens-
den ,Kids for Whales‘, den Greenpeace-Kin- grundlagen einzusetzen, findet unsere volle
dern und Jugendlichen, die sich im Sommer Zustimmung.“120
2003 für den Schutz der letzten Wale stark Dr. Reißmann vom niedersächsischen Kul-
machen: tusministerium betont: „Insbesondere müs-
„Eure Aktion mit Musik, Gesang, Theater, sen in der Schule Handlungsmöglichkeiten
selbst gebastelten Walen und dem nachge- im Sinne eines verantwortungsbewussten
bauten Schiff vor dem Tagungsort der IWC Verbraucherverhaltens deutlich werden. Vor
(A.d.V.: Internationale Walfang-Kommission) diesem Hintergrund begrüße ich die Green-
hat mir sehr gut gefallen. Ihr habt damit wie- peace-Aktion ‚Schule für den Urwald‘.“ Und
der einmal bewiesen, wie sehr sich Kinder er bittet Greenpeace bei der weiteren Umset-
mit Herz, Verstand und viel Phantasie für zung um Mithilfe: „In welchem Umfang sich
das Überleben der beeindruckenden Meeres- auch in niedersächsischen Schulen Produkte
säuger engagieren. Euer ,Koffer für die Wal- aus Urwaldholz finden lassen, vermag ich
schützerin‘ hat in meinem Büro einen Ehren- nicht zu beurteilen. (Eine entsprechende
platz erhalten. (...) Natürlich muss noch sehr Recherche in der eigenen Schule oder im
viel mehr getan werden, bis die Wale wirk- Haushalt wäre ein interessanter Projektbau-
sam geschützt sind. Diese wunderbaren stein, der sich aber wohl nur mit externer
Tiere brauchen auch in Zukunft das Engage- Hilfe bzw. Anleitung realisieren ließe. Viel-
ment vieler Menschen. Ich bin sicher: Ihr leicht könnte Greenpeace mit einer entspre-
werdet dabei sein!“118 chenden ‚Checkliste‘ – zumindest für Tropen-
Auch aus den Kultusministerien der Län- holz – aushelfen?)“121
der kommt Zustimmung. In der vom Pädago- Ministerialrat Dr. Ellegast vom Bayeri-
gischen Zentrum des Landes Rheinland-Pfalz schen Staatsministerium für Unterricht und

116) Thüringer Allgemeine/Gothaer Allgemeine, 21.12.01.


117) Urwaldbrief von Renate Künast aus dem November 2001.
118) Brief Künast an Dietmar Kress, 20.Juni 2003.
119) umwelterziehung praktisch aktuell II/02, S. 12.
120) Brief an Dietmar Kress/Carsten Rocholl vom 3.5.2002.
121) Brief an Dietmar Kress/Carsten Rocholl vom 15.3.2002.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft 49

Kultus stimmt zu, dass „eine Selbstverpflich- Schatzkammern der Erde: Sie beherbergen
tung der Schulen bzw. zuständigen Kommu- zwei Drittel der auf dem Land lebenden
nen zum Verzicht auf Urwaldhölzer, wie in Tiere und Pflanzen, sie sind Lebensraum für
der Aktion ‚Schule für den Urwald‘ gefordert, rund 150 Millionen Menschen indigener Völ-
aber durchaus zu begrüßen“ ist. Abschließend ker. Urwälder sind einmalig und lebensnot-
wünscht er Greenpeace „für ihre Aktion wendig zur Stabilisierung der Lebensgrund-
‚Schule für den Urwald‘ (...) viel Erfolg“122. lagen dieses Planeten.“
Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend So steht es auf der Website der ,Kids for
und Sport, Berlin, schreibt am 28.1.2002: Forests‘, die auf dem Weg zur Haager Um-
„Die Aktion ‚Schule für den Urwald‘ können weltkonferenz zahlreiche Ministerien, Abge-
wir auf jeden Fall unterstützen.“123 ordnetenbüros und Botschaften besucht
Wolfgang Rudloff vom Ministerium für haben, um damit ihr Recht auf eine Zukunft
Bildung, Wissenschaft und Kultur, Mecklen- mit Urwäldern zu beanspruchen. Sie tun das
burg-Vorpommern stimmt nicht nur zu, „dass zum Bespiel an über 400 Schulen ‚für den
heute nicht nur die tropischen Urwälder drin- Urwald‘ – so nennen sie sich –, an denen
gend dieses Schutzes bedürfen“, sondern hat zukünftig Holz- und Papierprodukte aus Ur-
auch der Schulaufsicht geraten, die Green- waldzerstörung nicht mehr benutzt werden
peace „Mitmach-Aktion in geeigneter Weise sollen. (...) Für die Jugendlichen wird noch
an den Schulen zu nutzen“. Weiter teilt er immer zu viel geredet und zu wenig getan.
mit, dass „Greenpeace (...) für sein mutiges Sie sind mit ihrem Handeln erfolgreich: Erst-
Engagement zum Schutz der Urwälder und mals gibt es in Den Haag ein eigenes Jugend-
für andere lebenswichtige Ressourcen die forum, dessen Ergebnisse im Ministerseg-
Achtung in unseren Schulen sowie im Bil- ment eingebracht wurden.“
dungsministerium“ genießt.124 Weiter fordert die Staatssekretärin: „Wenn
Unterstützung gibt es auch vom Kultus- wir die letzten Primärwälder – sie werden
ministerium des Landes Sachsen-Anhalt. von Greenpeace die ‚fantastischen Sieben‘ ge-
Dr. Wolfgang Strauß schreibt am 16.1.2002: nannt – für die kommenden Generationen er-
„Als Leiter des Fachreferats, das auch für die halten wollen, dann müssen wir es als Dienst-
Ökologische Bildung in Schulen zuständig leistung verstehen und müssen es uns auch
ist, unterstütze ich Ihre Aufrufe ausdrück- etwas kosten lassen.“ Altmann teilt mit: „Der
lich, Urwaldhölzer als Rohstoff in jedem Fall Initiative der Kids in den Schulen will die
zu vermeiden. Die Aktion ‚Schule für den Ur- Bundesregierung nicht nachstehen. Das Um-
wald‘ halte ich für einen wichtigen Beitrag weltministerium setzt sich dafür ein, dass die
zu dieser Problematik. (...) Ihre Anregung Beschaffungsstellen des Bundes Produkte aus
aufnehmend, wollen wir vom Fachreferat Primärwäldern nur noch verwenden, wenn
aus Überlegungen anregen, derartige Emp- sie den Anforderungen des FSC entsprechen.
fehlungen in absehbarer Zukunft zu erstel- Wir werden auch weiterhin mit allen Mög-
len.“125 lichkeiten, die uns zur Verfügung stehen,
Gila Altmann, die Parlamentarische Staats- gegen die Einfuhr von illegalen Holzimpor-
sekretärin beim Bundesminister für Umwelt, ten vorgehen, wie kurz vor Ostern im Ham-
Naturschutz und Reaktorsicherheit (Bündnis burger Hafen mit einer Ladung Mahagoni
90/Die Grünen), lobt das Engagement der geschehen.
,Kids for Forests‘ sogar während einer Debatte Wie schrieben uns die Kids? (Dr. Peter
des Deutschen Bundestages am 19. April Ramsauer [CDU/CSU]: Welche Kids?) Die
2002. Die Bündnisgrüne zitiert von der Web- ‚Kids for Forests‘. Das ist ein feststehender
site der Urwaldschützer: „Urwälder sind die Name. Wie schreiben also die Kids?
122) Brief an Dietmar Kress/Carsten Rocholl vom 21.2.2002.
123) Brief an Dietmar Kress/Carsten Rocholl vom 28.1.2002.
124) Brief an Dietmar Kress/Carsten Rocholl vom 18.1.2002.
125) Brief an Dietmar Kress/Carsten Rocholl vom 16.1.2002.
50 Greenpeace im gemeinützigen Dienst der Gesellschaft

,Wir, die Generationen auf der ganzen Die Kinderkommission begrüßt und un-
Welt, wollen uns mit Ihnen gemeinsam an- terstützt das Engagement der beteiligten Kin-
strengen und in Zukunft auf Produkte aus Ur- der, ihr Recht auf Gesundheit auch in diesem
waldzerstörung verzichten. Bitte geben Sie speziellen Fall einzufordern. Sie empfiehlt
ein gutes Beispiel und stoppen Sie mit Ihrer dem Petitionsausschuss, die Eingabe der Bun-
ganzen Kraft den Import von Holz und Pro- desregierung sowie den zuständigen Minis-
dukten aus Urwaldzerstörung.‘ Ich finde, wir terien mit der Bitte um Berücksichtigung zu
sollten die jungen Leute nicht enttäuschen.“126 überweisen. (...)
Auch die Aktion BISS (Aktion für alle BIS Die Kinderkommission spricht sich daher
Siebzehn), bei der die Greenpeace-Jugendli- ebenfalls für eine Novellierung des Bundes-
chen 1998 100.000 Unterschriften für eine immissionsschutzgesetzes vom 19. Juli 1995
Verschärfung des Ozongesetzes gesammelt aus. Diese Novellierung sollte sicherstellen,
hatten, sorgte für positive Resonanz unter den dass die Grenzwerte für Ozonkonzentratio-
Politikern. So schrieb die Vorsitzende der nen herabgesetzt werden, bei deren Über-
Kommission zur Wahrung der Belange der schreitungen Maßnahmen zur Verkehrsbe-
Kinder (Kinderkommission) des Deutschen schränkung ergriffen werden können. Die
Bundestages Rita Grießhaber (MdB) an die Grenzwerte müssen am kindlichen, noch
Vorsitzende des Petitionsausschusses Christa wachsenden Organismus orientiert werden.
Nickels (MdB), dass die Kinderkommission Schadstoffe müssen dort gemessen werden,
einstimmig beschlossen habe, die Eingabe wo Kinder sich aufhalten. (...)
der Greenpeace e.V. – ‚Aktion BISS‘ zu unter- Im Übrigen empfiehlt die Kinderkommis-
Mit der Aktion ›BISS‹ stützen: „Die Petition, die von 90.000 Kindern sion dem Petitionsausschuss die Kenntnis-
sammeln die Greenpeace-
JAGs 100.000 Unterschriften
unterschrieben wurde, fordert von der Bun- nahme der ‚Kinderärztlichen Stellungnahme
für eine Verschärfung des desregierung eine Ozonverordnung, die die zur Energie- und Verkehrspolitik‘, Erklärung
Ozongesetzes. Gesundheit der Kinder berücksichtigt. (...) der Kommission für Umweltfragen der Aka-
demie für Kinderheilkunde und Jugendme-
dizin e.V. vom 8. Februar 1997.“127
In ihrer kinderärztlichen Stellungnahme
zur Energie- und Verkehrspolitik hatten die
Mediziner mitgeteilt: „Wir Kinderärzte sind
besorgt über die ozonbedingten Atemwegs-
schädigungen und über die immer noch an-
haltende Ausweitung des Energieverbrauches,
der durch die Freisetzung von Kohlendioxid
auch für die globale Erwärmung (Treibhaus-
effekt) verantwortlich ist.“128
Christa Nickels wandte sich daraufhin di-
rekt an Greenpeace: „Als Vorsitzende des Pe-
titionsausschusses freue ich mich darüber,
dass die Greenpeace-Jugendlichen ihr Peti-
tionsrecht so engagiert wahrnehmen. (...)
Das Petitionsverfahren hat dazu beigetra-
gen, dass das Anliegen der Kinder in den
Fraktionen, im Umweltausschuss und in der
© S. Hauser / Greenpeace

Kinderkommission des Deutschen Bundesta-


ges intensiv beraten wurde.“129
126) Gila Altmann während einer Debatte des Deutschen Bundestages am 19.4.2002.
127) Stellungnahme der Kinderkommission zu der Eingabe der Greenpeace e.V. – „Aktion BISS“, Bonn, 23.4.1997.
128) Kinderärztliche Stellungnahme zur Energie- und Verkehrspolitik, Köln, 8.2.1997.
129) Fax von Christa Nickels an Stephanie Weigel, Bonn, 9.7.1998.
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft 51

Die Projekte der Greenteams sind mit mehrfach mit öffentlichkeitswirksamen und
Auszeichnungen bedacht worden. Besonders begründeten Aktionen auf den politischen
hervorgetan haben sich dabei die Mitglieder Prozess eingewirkt [hatte], so dass z.B. Wal-
des Greenteam Jugendzentrum in Frankfurt/ schutzzonen in der Antarktis errichtet bzw.
Oder. Marcus Thätner, Sascha Klimczak und ein Verbot von industriellen Giftexporten in
Thomas Maschke erhielten für den Bau, die Entwicklungsländer vereinbart wurde“.135
Langzeiterprobung und Präsentation des So- Im April 2002 erscheint im UniSPIEGEL
larbuggys MT-2high solar den Förderpreis ein Artikel, der sich das Engagement des
des Bundesumweltwettbewerbs 2001 und Frankfurter Studenten Jan Cramer zum An-
den Sonderpreis des Ministerpräsidenten lass nimmt, über das ehrenamtliche Wirken
des Landes Brandenburg für den naturwis- von Studenten zu berichten. Jan Cramer war
senschaftlich-technischen Landeswettbewerb im Herbst 2001 für Greenpeace zum Amazo-
2001 „Jugend forscht/Schüler experimentie- nas geflogen, um gemeinsam mit den Deni-
ren“. Auch in den Jahren 1991, 1993, 1995 Indianern ihr Stammesgebiet zu markieren.
und 1997 errangen die jungen Umweltschüt- Mit dieser Grenzmarkierung mit hellblättri-
zer von der Oder Preise und Anerkennungen gen Bäumen wollten die Indianer ihre Besitz-
bei den „Jugend forscht“-Wettbewerben.130 ansprüche sichtbar geltend machen und sich
Auch andere Greenteams erhielten Preise. besser gegen illegalen Holzeinschlag und die
Dem Greenteam ,Child-Power‘ wurde 2002 Plünderung durch Holzkonzerne schützen.
der Umweltpreis der Gemeinde Rheurdt Die brasilianische Regierung erkannte das
verliehen.131 In Kiel wurde das Greenteam Indianergebiet daraufhin offiziell an.
,Schlüsbeker Umweltbande‘ von Minister- In dem Artikel heißt es: „Ob für Green-
präsidentin Heide Simonis mit dem ,STARK‘- peace, Amnesty International oder Attac: Stu-
Preis des Landes Schleswig-Holstein ausge- denten quetschen sich in ihrer Freizeit in
zeichnet. Die mit tausend Euro dotierte Tro- Schlauchbooten zwischen Ölfrachter und Kai-
phäe ist die Anerkennung dafür, dass die mauern, klettern auf Atomkraftwerke oder
Jugendlichen sich nicht nur für ihre eigenen kümmern sich um Asylsuchende in australi-
Interessen, sondern auch für das Wohl ande- schen Internierungslagern. Die internationa-
rer einsetzen. Die Geehrten hatten im Moor len Gipfeltreffen der Mächtigen machen sie
Müll gesammelt, Nistkästen aufgebaut und mit medienwirksamen Aktionen zu ihren ei-
Renaturierungsarbeiten vorgenommen.132 genen: Sie sind jung und treten mit Lust den
In Büchern zum Thema Umweltpädago- Mächtigen dieser Welt auf die Füße. Nach
gik werden die Greenteams oder Greenpeace dem Rückzug ins Private wieder mehr Enga-
allgemein als gutes Beispiel angeführt. Im gement. Der Spaß am Engagement könnte
Schulbuch Ethik „7/8“ vom Cornelsen Verlag Kristallisationspunkt für das Erwachen einer
wird Greenpeace in dem Kapitel über verant- neuen, politischen Studentengeneration wer-
wortliches Handeln als eine Organisation ge- den: ,Da ist wieder ein Pflänzchen, das aus
nannt, die Schülern bei einem eigenen Pro- dem Boden lugt, das kann eine Keimzelle
jekt weiterhelfen kann.133 Auch im Wegwei- sein‘, hat der Konstanzer Soziologe Tino Bar-
ser ,Ökologische Bildung im Landkreis Mün- gel beobachtet. Regelmäßig oder zumindest
chen‘ wird auf ein Greenteam verwiesen.134 manchmal engagiert sich ein Drittel aller Stu-
Klaus Schleicher von Institut für verglei- dierenden für Menschenrechte, in Umwelt-
chende Erziehungswissenschaften in Ham- schutzgruppen oder bei Bürgerinitiativen.“
burg stellt fest, dass „Greenpeace schon

130) Urkunden
131) Zeitungsausschnitt, 18.12.2002.
132) Zeitungsausschnitt ohne Ort und Datum.
133) Ethik 7/8, Berlin 1997, S. 71.
134) Kreisjugendring München-Land 1996.
135) Schleicher, „Brent Spar“ – ein Lehrbeispiel zur Umweltbildung, Studienmaterialien zur Umweltbildung Nr. 27, Hamburg 1996, S. 22.
52 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft

Jugendprojekt: Obwohl, als ich gehört habe, dass Green-


genetiXprojekt verbannt peace mit uns zusammen was machen will,
den Gen-›Butterfinger‹ von
Nestlé vom Markt.
dachte ich zuerst an die Brent Spar.“ Und DJ
5ter Ton ergänzte: „Bei Greenpeace fallen
mir sofort Menschen in Schlauchbooten ein.
Ich wäre ja früher selber gerne Aktivist
geworden, Wale und Robben retten. Aber es
ist bestimmt nicht so einfach und spaßig,
wie es auf den Fotos immer aussieht.“136
Für König Boris von ,Fettes Brot‘ ist
„Greenpeace die letzte moralische Bastion,
die es in Deutschland gibt. Zwar ist die Um-
weltschutzorganisation inzwischen sehr groß
geworden und wird nun hin und wieder kri-
tisiert, aber ich bin davon überzeugt, dass sie
sich weiterhin das Gute auf die Fahnen ge-
schrieben hat. Und die Aktionen – so mit An-
ketten – finde ich ziemlich cool.“ Sein Band-
kollege Schiffmeister betonte: „Die Aktionen
von Greenpeace sind immens wichtig, um
die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf
Umweltschutzthemen zu lenken. Aber um
überhaupt noch auf Interesse zu stoßen, muss
2.4 genetiXproject man sich immer spektakulärere Sachen ein-
Im Jahr 1998 startete Greenpeace eine neue fallen lassen.“ Und auch der Dritte im Bunde,
Art von Jugendprojekt, das genetiXproject, Dr. Renz, bekannte sich zu Greenpeace:
eine Plattform für Teens und Twens, die sich „Greenpeace – finde ich gut. So haben viele
gegen Gen-Food wehren wollen. Denn gerade Menschen die Chance, was für den Umwelt-
„auf jugendliche Trendkonsumenten“ setzte schutz zu tun. Viele können oder wollen nicht
die Firma Nestlé bei der Einführung seines selbst aktiv werden und spenden bloß Geld.
Schokoriegels ,Butterfinger‘, der gentechnisch Das hat zwar ein bisschen den Anschein von
manipulierten Mais enthält. Doch Nestlé hatte ‚ich kauf mich frei‘. Ohne Eigeninitiative, aber
nicht mit dem genetiXproject gerechnet. In auch ohne schlechtes Gewissen. Doch mit dem
vielen Städten fahndeten Greenpeace-Jugend- Geld kann Greenpeace wieder etwas gegen
gruppen in Supermärkten, Tankstellen und die Umweltzerstörung tun. Jeder halt auf
Kaufhäusern nach dem Butterfinger. Da Ju- seine Art.“
gendliche viel im Internet surfen und chat- So war es für die drei Hamburger selbst-
ten, startete die Greenpeace Online-Redak- verständlich, für das genetiXproject aktiv zu
tion eine eigene Website für die genetiX- werden. König Boris: „Klar, wir unterstützen
Fans mit Infos, Mitmachideen und Kontakten. das genetiXproject. Wir wollen unsere Popu-
Prominente Musiker wie Smudo von den larität dazu einsetzen, zusammen mit der
,Fantastischen Vier‘, die Stuttgarter HipHop- Initiative von Greenpeace möglichst viele
Band ,Massive Töne‘ oder die Hamburger Leute über die Risiken der Gentechnik zu
von ,Fettes Brot‘ beteiligten sich rege. Über informieren.“137
© D. Josefson / Greenpeace

ihre Bereitschaft, sich dem genetiXproject Smudo von den ,Fanta 4‘ und Kati und
anzuschließen, sagte Schowi von ,Massive Barbara von den Berliner ,Lemonbabies‘ be-
Töne‘: „Klar, da sind wir auch mit dabei. teiligten sich am 7.12.99 sogar an einer Akti-

136) http://archiv.greenpeace.de/GP_DOK_3P/GENETIX/SEITEN/XSOUNDZ5.HTM
137) http://archiv.greenpeace.de/GP_DOK_3P/GENETIX/SEITEN/XSOUNDZ6.HTM
Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft 53

on im Hamburger Hafen. Greenpeace hatte


den Frachter ,Unison‘ daran gehindert, mit
einer Ladung genmanipuliertem Maiskleber
anzulanden. Mit der Teilnahme an Aktionen
wollten die ,Lemonbabies‘ und der Fanta-4-
Sänger auf Dinge aufmerksam machen, be-
vor sie passieren. Smudo: „Wir sollen die Gen-
technik über die Hintertür auf den Tisch
bekommen – das darf nicht passieren."138

2.5 Elbeflut, August 2002


Als im August 2002 Städte und Landschaften
an den Ufern der Elbe im Hochwasser ver-
sanken, wurde bei Greenpeace nicht lange
gefackelt: Auf wiederholte Bitten um Hilfe
an Festangestellte und Greenpeace-Gruppen
melden sich reichlich Freiwillige. Schon bald
sind sie mit Schlauchbooten, Generatoren
und Pumpen unterwegs in die Katastrophen-
gebiete Sachsens und Niedersachsens. Bestätigung des Greenpeace-Einsatzes stellte Greenpeace hilft bei
Herr Eckert von der Dresdener Feuerwehr auch die bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow- der Elbeflut 2002 mit Gerät
bestätigte, „dass Greenpeace mit Booten und Dannenberg am 27.8.2002 aus. und manpower.
Fahrzeugen bei der Bekämpfung der Hoch- In der Elbe-Jeetzel-Zeitung, der Regional-
wasserkatastrophe zehn Tage im Einsatz war“. zeitung des Wendlandes, erscheint am 31.8.
Brandamtmann Flohr stellte am 2.8.2002 eine eine ganzseitige Dankesanzeige. Im Text dan-
Urkunde an Greenpeace aus: „Vielen Dank ken Landrat Dirk Aschbrenner und der Lei-
für die Unterstützung während des Katastro- ter des Stabes Martin Schultz bei den Helfe-
pheneinsatzes im August 2002.“ Außerdem rinnen und Helfern:
wurde das Abzeichen der Berufsfeuerwehr „Danke allen Helferinnen und Helfern
Dresden überreicht. aus der Bevölkerung, der Bundeswehr, den
Auch der Landkreis Lüchow-Dannenberg Feuerwehren aus nah und fern, den Einhei-
bedankte sich „bei den Helferinnen und Hel- ten des THW, des DRK, der DLRG, der Poli-
fern von Greenpeace für den selbstlosen Ein- zei, des BGS, Greenpeace (...) für die beispiel-
satz beim Katastrophenfall ‚Hochwasser Elbe‘ hafte Unterstützung des Landkreises Lüchow-
im August 2002“ mit einer von Landrat Die- Dannenberg bei der Bewältigung der Hoch-
ter Aschenbrenner und dem Leiter des Sta- wasserkatastrophe. Nur mit dieser Hilfe war
bes Martin Schulz unterzeichneten Urkunde. eine erfolgreiche Deichverteidigung zum
Auch für diese Region liegt eine offizielle Wohle aller Bürgerinnen und Bürger möglich.“
Bestätigung vom Landkreis (Herr Haacke)
vom 26.8.2002 vor, „dass sich Helfer der Um- 2.6 Bergwaldprojekt
weltschutzorganisation Greenpeace zusam- Gemeinsam arbeiten, Natur erleben, verste-
men mit den offiziell eingesetzten Hilfskräf- hen und nachhaltig verändern – das ist das
ten an den Deichsicherungsmaßnahmen Leitmotiv des ,Bergwaldprojektes‘, das seit
während der Flutkatastrophe im Landkreis 1987 in der Schweiz und seit 1992 auch in
© J. Gläscher / Greenpeace

Lüchow-Dannenberg in der Zeit vom 20.-25. Deutschland einwöchige Arbeitsaufenthalte


August 2002 beteiligt haben. Der Einsatz er- in Wäldern organisiert. Die Teilnehmer sol-
folgte u.a. mit Schlauchboten, Lkws und wei- len wortwörtlich begreifen, wie wichtig Bäu-
terem technischen Gerät.“ Eine wortgleiche me für unser (Über-)Leben sind: als Schutz vor

138) http://archiv.greenpeace.de/GP_DOK_3P/GENETIX/SEITEN/XNEWS97.HTM
54 Greenpeace im gemeinnützigen Dienst der Gesellschaft

Lawinen und Überschwemmungen, als Le- präsentiert das Bundesministerium für Ver-
bensraum für Pflanzen und Tiere, als Sauer- braucherschutz, Ernährung und Landwirt-
stoffspender und Klimaschützer. schaft diese kritische Bestandsaufnahme der
Die Kombination von sinnvoller prakti- ,Gesellschaft für Ökologische Forschung, Mün-
scher Arbeit und pädagogischem Anspruch chen‘. ,Schöne neue Alpen‘ zeigt die Bergwelt
war ausschlaggebend für die Umweltstiftung anhand großformatiger Bilder und ausführ-
Greenpeace, das deutsche Bergwald-Büro in licher Info-Texte zwischen Verstädterung und
Burgwallbach (Rhön) mit 16.000 Euro zu un- Entsiedlung. Die Ausstellung dokumentiert
terstützen. Rund 11.000 Teilnehmer haben die Entwicklung und Folgen der Zivilisation
bislang in den Alpen, im Schwarzwald, im und berichtet vom Widerstand gegen die
Pfälzer Wald, im Harz, aber auch auf der Nord- Zerstörung der Alpen. Die Ministerin lobte
seeinsel Amrum etwa 700.000 Bäume ge- besonders die Zusammenarbeit: „Die Koopera-
pflanzt, Moore renaturiert, Wege angelegt, tion zwischen dem Institut, Greenpeace, Ikea-
Erdrutsche stabilisiert, Lawinenzäune errich- Stiftung, Deutschem Alpen Verein und Minis-
tet und Wildschutzanlagen ausgebessert. terium erwähne ich hier bewusst. Denn sol-
In den Anfangsjahren wurde das Arbeits- che Kooperationen sind die beste Schutzalli-
angebot der Freiwilligen von Kommunen und anz für den Erhalt unserer Berge! Gerne wer-
Forstverwaltungen skeptisch aufgenommen, de ich deshalb auch Schirmherrin für das
mittlerweile bekommt der Verein so viele An- ,Bergwaldprojekt‘. Menschen von 18 bis 88
fragen, dass er sie kaum bewältigen kann.139 Jahren machen sich jedes Jahr auf den Weg,
Im März 2002 übernahm die Verbraucher- die Berge hautnah zu erleben. Und dabei in
schutzministerin Renate Künast anlässlich Harmonie mit den Bergen zu arbeiten, indem
der Ausstellungseröffnung ,Schöne neue Al- sie den Wald pflegen, Wege herrichten, Bio-
pen‘ die Schirmherrschaft für das Projekt. Ge- tope pflegen.“140
meinsam mit dem Deutschen Alpenverein
Bäume pflanzen, Moore
renaturieren und vieles
mehr kann man beim
1987 ins Leben gerufenen
Bergwaldprojekt.

© T. Einberger / Greenpeace

139) Greenpeace Nachrichten 4/02, S. 6


140) Renate Künast, Ausstellungseröffnung „Schöne neue Alpen“, Berlin, 20.03.2002
Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit 55

Internet, durch Rechtsberatung, durch Kon-


3. Greenpeace – takte zu kostenlosen Anwälten oder zu Lob-
Expertisen – Kontakte bygruppen wie Global 2000, Robin Wood,
FIAN oder Greenpeace.“
– Zusammenarbeit Und er sieht in der Verbandsklage ein
Mittel der Zukunft: „Die Verbandsklage ist
ein Modell, das auf globaler Ebene zum Bei-
3.1 In den Bundesministerien
spiel indigenen Völkern helfen könnte, den
Regenwald zu schützen: WWF, Greenpeace,
Umweltministerium Robin Wood, FIAN oder UNEP könnten,
Eigentlich ist Bundesumweltminister Jürgen informiert von den Menschen vor Ort, die
Trittin (Grüne) auf Greenpeace wegen der Rechte der Waldbewohner und des Waldes
Kritik am Atomkonsens und des fortgesetz- gegen einen Multi vor Gericht vertreten.“
ten Widerstands gegen Castor-Transporte und
Wiederaufarbeitung nicht gut zu sprechen. Wirtschaftsministerium
Doch das weltweite Engagement der Um- Bundeswirtschaftsminister Werner Müller
weltschützer für den Erhalt der letzten (SPD), als ehemaliger Manager eines Ener-
Urwälder schätzt er. In seinem Buch141 „Welt giekonzerns eher auf Seiten der Stromver-
Um Welt – Gerechtigkeit und Globalisierung“ sorger als auf Seiten der Verbraucher, war das
schließt er sich im Kapitel „Wälder“ beinahe Ziel einer Greenpeace-Kampagne im Sommer
wortwörtlich den Greenpeace-Forderungen 2002. Sie hat die europaweite Kennzeich-
an. Greenpeace fasst seine Forderungen unter nung von Strom zum Ziel, damit jeder Ver-
den drei M‘s zusammen: erstens Moratorium braucher sehen kann, woher der Stromver-
– ein Einschlagstopp in allen noch intakten sorger den Strom bezieht, so z.B. ob Strom
Urwäldern, zweitens Maßnahmen, um diese aus osteuropäischen Schrottreaktoren dabei
Urwälder zu schützen und in den Gebieten ist und ob es wirklich Anteile von regenerati-
rundum nachhaltige Forstwirtschaft zu för- ver Erzeugung gibt.
dern und zu ermöglichen, und drittens die Nachdem tausende von Protestpostkarten
,Moneten‘, die Finanzmittel, um die letzten im Bundeswirtschaftsministerium eingegan-
Schatzkammern der Artenvielfalt erhalten gen waren, die ein Recht auf den Herkunfts-
zu können. Trittin spricht von einem Netz nachweis des Stroms forderten, reagiert der
von Schutzgebieten für die Primärwälder, Minister. Werner Müller holte sich Rat bei
von der Ausweisung von Gebieten, „die so Greenpeace, die zusammen mit den Verbrau-
bewirtschaftet werden, dass das Ökosystem cherzentralen schon eine Musterstromrech-
funktionsfähig bleibt“142. nung entwickelt hatten, um den Verbraucher-
Und er lobt den Wert von Greenpeace, willen deutlich zu machen. In einem Brief an
wenn es darum geht, die Menschen in den die Greenpeace-Geschäftsführerin Brigitte
südlichen Waldregionen dazu anzuleiten, Behrens schreibt Müller am 26. März 2002:
dass sie ihre Interessen vertreten können: „Vor wenigen Tagen hat die EU-Kommis-
„Der Schutz der Wälder und der Arten- sion in ihrer Mitteilung an den Rat und das
vielfalt kann nicht allein dem Staat überlas- Europäische Parlament zur Vollendung des
sen werden. Für ihren Erhalt müssen sich Energiebinnenmarktes eine weiter gehende
Menschen aus eigenen Interessen einsetzen. Regelung für den Strommarkt vorgeschlagen.
Im Süden gilt es, die traditionellen Waldbe- Sie sieht vor, dass die Stromanbieter auf ihren
wohner mit Landrechten auszustatten und Rechnungen den Energieträgermix angeben,
ihre Fähigkeit zu fördern, ihre Interessen zu der bei der Erzeugung des Stroms eingesetzt
vertreten: durch Bildung, durch Zugang zum wurde. Wir werden diesen Vorschlag der EU-

141) „Welt Um Welt“/Jürgen Trittin/Aufbau-Verlag


142) Ebenda, S. 164f.
56 Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit

Kommission, der Ihrem in der Postkartenak- tern, Fähren und Tankern – dort allerdings in
tion zum Ausdruck gebrachten Anliegen sehr schwierigem Fahrwasser. Allein in den letz-
nahe kommt, sorgfältig prüfen. ten zehn Jahren gab es dort 21 Zwischenfäl-
Ich wäre Ihnen in diesem Zusammen- le. Als Anfang April 2001 durch die Havarie
hang für die Übermittlung von Vorschlägen der ,Baltic Carrier‘ die dänische Ostseeküste
dankbar, wie eine derartige Kennzeichnung mit rund 2.700 Tonnen Öl verschmutzt
aus Ihrer Sicht vor dem Hintergrund der zu- wurde, entschied sich Greenpeace, den Schiffs-
nehmenden Bedeutung von anonymen Strom- verkehr in der Kadetrinne einen Monat lang
handelsaktivitäten und des Stromaustausches zu überwachen.
über die Grenzen hinweg aussehen könnte.“ An Bord zweier Greenpeace-Schiffe
befanden sich erfahrene Überseelotsen, die
Außenministerium den Schiffsverkehr rund um die Uhr mit
Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer Radar beobachteten, den Funkverkehr abhör-
(Grüne) schätzt Greenpeace als Gesprächs- ten und Verstöße gegen die internationalen
partner weit über die deutschen Grenzen Schifffahrtsregeln dokumentierten.
hinaus. Da er auf seinen offiziellen Reisen Insgesamt registrierte Greenpeace in den
nur mit offiziellen Regierungsvertretern zu- vier Wochen über 200 Regelverstöße. Am
sammenkommen kann, nutzt er über die Kon- 12. Mai 2001 lief ein mit Zement beladener
takte der mitreisenden Nichtregierungsorga- Frachter ganz in der Nähe des Greenpeace-
nisationen, mit Initiativen zusammentreffen Überwachungsschiffs auf Grund und konnte
zu können, die nicht in Regierungen vertre- erst drei Tage später freigeschleppt werden.
ten sind, um seine Eindrücke abzurunden. Greenpeace-Schifffahrtsexperte Dr. Chris-
Greenpeace-Geschäftsführerin Brigitte Beh- tian Bussau sah seine Befürchtungen bestä-
rens durfte Fischer vom 24. bis 30. Juni 1999 tigt: Die Sicherheitsmaßnahmen in der Kadet-
bei einer offiziellen Reise nach Brasilien be- rinne reichten nicht aus. Die Ergebnisse der
gleiten. So konnte sie in direktem Kontakt auf Beobachtung der Kadetrinne in der Ostsee
zahlreiche Umweltprobleme aufmerksam ma- durch Greenpeace vom 28. April bis zum
chen, etwa auf die Zerstörung der letzten Ur- 28. Mai 2001 fasste Bussau unter Mitwirkung
wälder und die Gefahren des Anbaus von gen- der Überseelotsen Burkhard Preugschat und
technisch veränderter Soja. Dr. Bernd Wulf- Kapitän Michael Schmenner in einem
fen aus dem Außenministerium bedankt sich Bericht zusammen. Dieser Bericht enthält
am 10. August 1999: „Ich habe mich gefreut, auch die Forderung der Lotsenbrüderschaft
Sie kennen zu lernen, und würde es begrü- NOK II (Nordostseekanal) nach einer Lotsen-
ßen, wenn wir uns hinsichtlich der gravie- annahmepflicht in der Ostsee für:
renden Umweltprobleme in Lateinamerika 1. alle beladenen Tanker mit einem Tiefgang
auch weiterhin austauschen können.“ von sieben und mehr Metern
2. alle übrigen Fahrzeuge mit einem Tief-
Verkehrsministerium/ gang von neun und mehr Metern
Schiffssicherheit/Bahn 3. alle Massengut- und Containerschiffe mit
einer Länge von 180 und mehr Metern.
Greenpeace im Einsatz Greenpeace verschickte den Bericht an
für die Schiffssicherheit unterschiedliche politische und verwaltungs-
Die Kadetrinne in der Ostsee zwischen dem technische Institutionen. Das Bundeskanz-
Darß (Mecklenburg-Vorpommern) und der leramt dankte „für die Übersendung. (...) Er
dänischen Insel Falster ist eine der am stärks- wurde mit großer Aufmerksamkeit zur
ten befahrenen Schiffsrouten Europas. We- Kenntnis genommen.“143
gen geringer Breite und Tiefe manövrieren Der Staatssekretär Ralf Nagel vom Bun-
die Schiffe – darunter tausende von Frach- desministerium für Verkehr, Bau- und Woh-

143) Brief aus dem Bundeskanzleramt von Frau Wilhelmine Edlinger am 2.10.01.
Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit 57

nungswesen dankte im Namen des Bundes-


ministers Bodewig ebenfalls für die Übersen-
dung: „Ihr Erfahrungsbericht enthält interes-
sante Beobachtungen, die für die Weiterent-
wicklung der Sicherheit in der Kadetrinne
hilfreich sein können. Ich habe daher Ihren
Bericht an die Wasser- und Schifffahrtsdirek-
tion Nord (WSD-N) in Kiel weitergeleitet, die
für die ständige Verbesserung der Verkehrs-
sicherheit in der Ostsee vor der deutschen
Küste – auch in der Zusammenarbeit mit den
dänischen Behörden – zuständig ist.“ Hand-
schriftlich ergänzte Nagel: „PS: Ich danke für
Ihr Engagement!“144
Die für die Umsetzung der Verbesserungs-
vorschläge zuständige Wasser- und Schiff-
fahrtsdirektion Nord stellte konkrete Schrit-
te in Aussicht: „Die von Ihnen zur Verfügung
gestellte Studie über das Fahrverhalten von
Schiffen in der Kadetrinne, insbesondere die
Aufzeichnungen der verschiedenen Verkehrs-
situationen, werden im Rahmen einer umfas- Jammern, nie sind sie lustlos. Nichts von Null- Überwachung der Kadetrinne
senden Analyse zum Verkehrsgeschehen in Bock-Generation.‘“147 2001 mit Greenpeace-Schiff
der Kadetrinne Eingang finden.“145 In Sachen Schiffssicherheit lobte das Bun- ›Sunthorice‹.
In Anschluss an die Greenpeace-Beobach- desverkehrsministerium das Engagement von
tung überwachte auch die dänische Aufsichts- Greenpeace in einem Schreiben vom 7. Febru-
behörde die Seefahrt zwischen Dänemark ar 2002. Gert-Jürgen Scholz schrieb im Auf-
und Deutschland. Der Auslandsfunkreport trag des Ministers Kurt Bodewig (SPD): „Es
meldete am 24. Juni 2001, 20:41 Uhr: „In der ist sehr erfreulich, wenn eine als kritisch be-
stark genutzten Kadetrinne in der Ostsee kannte Umweltschutzorganisation wie Green-
zwischen Dänemark und Deutschland wer- peace so etwas wie Wertschätzung für die
den die Seefahrts-Regeln laufend missachtet. intensiven Bemühungen der Bundesregie-
Zu diesem Ergebnis kommt die dänische rung erkennen lässt, die maritime Notfall-
Aufsichtsbehörde, die den Verkehr mit Hilfe vorsorge in Nord- und Ostsee nachhaltig zu
des Marine-Einsatzkommandos Arhus zwei verbessern.“
Wochen lang eingehend beobachtete. (...) Der FDP-Abgeordnete Hans-Michael Gold-
Damit wird grundsätzlich eine Kritik bestä- mann schätzte den Einsatz der Bundesregie-
tigt, die die Umweltschutzorganisation nach rung für die Belange der Schiffssicherheit
eigenen Überwachungen erhob.“146 zwar wesentlich kritischer ein, aber Green-
Über die freiwilligen Greenpeacer, die an peace erwähnte er in seinem Schreiben vom
einer weiteren Beobachtung 2002/2003 teil- 26. März 2002 an den Schiffssicherheitsex-
nahmen, äußerte sich ein Lotse in den Kieler perten Christian Bussau lobend: „Ich danke
Nachrichten vom 11. Januar 2003: „‚Was die allen Aktiven der letzten Monate für ihren
dort alles ehrenamtlich und ohne Geld Einsatz. Mich hat die Energie, mit der viele
© F. Hormann / Greenpeace

machen‘, sagt der bodenständige Lotse aus Interessierte oft ehrenamtlich für den Erhalt
Rostock, ‚das gibt es doch gar nicht. Nie ein der öffentlichen Seeamtsverfahren gestritten
144) Brief von Staatssekretär Ralf Nagel vom Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen am 25.10.01.
145) Brief von Dr. Knieß von der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord am 8.11.01.
146) Auslandsfunkreport, Wildwest-Seefahrt zwischen Dänemark und Deutschland, 24.6.01, 20:41.
147) Kieler Nachrichten 11.1.2003.
58 Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit

haben, stark beeindruckt. Auch wenn das „um bei zukünftigen Fällen von in Seenot
Engagement nicht erfolgreich war, so ist dies geratenen Schiffen eine optimale Bekämp-
eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. fung der Schäden zu ermöglichen bzw. ein
Ich habe viel gelernt und viele interessante Eintreten von Schäden zu verhindern“.148
Menschen kennen gelernt.“ Die von Greenpeace erarbeiteten Verbesse-
Greenpeace übernahm mit der Überwa- rungsvorschläge enthielten als Kernpunkte,
chung eine längst überfällige Aufgabe der dass mehr Schlepper und Hubschrauber
zuständigen Behörden der Küstenländer und bereitgestellt, eine effektive Küstenwachzen-
des Bundes. Allein im Mai 2001 stellte die trale gebildet und die Reeder-Haftung bei
Umweltschutzorganisation über 150.000 Euro Unfällen verschärft werden müssen.
für den Einsatz im Sinne der Schiffssicher- Allerdings hatte Greenpeace nicht nur
heit zur Verfügung. theoretische Arbeit geleistet, sondern auch tat-
kräftig Schwer- und Dieselöl aus dem hava-
Havarie der „Pallas“ rierten Holzfrachter geborgen, denn auch
In dem Bericht der unabhängigen Experten- Monate nach dem Unglück gelangte noch Öl
kommission ,Havarie Pallas‘, der dem Bun- aus der ,Pallas‘ ins Meer. Um kurzfristig die
desminister für Verkehr, Bau- und Wohnungs- Einsätze an Bord der ,Pallas‘ durchführen zu
wesen am 16.2.2000 in Berlin vorgelegt wird, können, setzte Greenpeace insgesamt rund
wird der Greenpeace Schifffahrts-Experte 117.000 Mark ein.149
Dr. Christian Bussau als angehörter Sachver-
Neben wissenschaftlicher
ständiger aufgeführt. Er hatte im Namen von Forschungsministerium
Unterstützung leistete Green-
peace beim ›Pallas‹-Unglück Greenpeace Konsequenzen aus der Havarie Nach den zahlreichen Chemiekampagnen
auch Hilfe beim Bergen des der ,Pallas‘ für das Sicherheits- und Notfall- von Greenpeace verzichtet auch das Bundes-
ausgelaufenen Öls. konzept der Deutschen Bucht gefordert, forschungsministerium unter Edelgard Bul-
mahn (SPD) nicht auf die Meinung der Um-
weltorganisation. Schon im Mai 2002 wird
die Organisation zu einem Planungstreffen
eingeladen, weil 2003 das ,Jahr der Chemie‘
ansteht150.

(Familienministerium siehe Abschnitt 2.)

3.2 In den Fachbehörden

Umweltbundesamt
Regelmäßig steht Greenpeace in Kontakt mit
dem Umweltbundesamt. Auf höchster Ebene
wird auf die Meinung und Kompetenz der
Umweltschützer Wert gelegt. So etwa bei ei-
nem Treffen mit Geschäftsführerin Brigitte
Behrens am 17.5.1999, das in Gegenwart
aller wichtigen Abteilungsleiter des Amtes
stattfand.
© M. Langer / Greenpeace

In einem Schreiben an den Greenpeace


Chemie-Experten Manfred Krautter im Zu-
148) Greenpeace Papier „Konsequenzen aus der Havarie der ,Pallas‘ für das Sicherheits- und Notfallkonzept der deutschen Bucht“,
Mai 1999, S. 2.
149) Greenpeace Jahresrückblick 1999, S. 10.
150) Einladung
Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit 59

sammenhang mit dem Verbot von kurzket- Globalisierung der Weltwirtschaft


tigen Chlorparaffinen äußerte sich das Um- Im Schlussbericht der Enquete-Kommission
weltbundesamt (UBA) positiv zu weiteren ,Globalisierung der Weltwirtschaft‘152 wird
Analysen bei mittel- und langkettigen Chlor- Greenpeace als kompetenter Informant mehr-
paraffinen. Heinz-Jochen Poremski schrieb: fach erwähnt, gelobt und die Argumentation
„Über eine erneute und gute fachliche Koope- übernommen. Die Umweltschützer waren
ration mit Greenpeace würden wir uns freu- auf der öffentlichen Anhörung der Enquete-
en. Ein konkreter Anknüpfungspunkt wäre Kommission unter dem Titel „Von der Indus-
aus unserer Sicht die koordinierte Probenah- trie- zur Wissensgesellschaft: Wirtschaft,
me entsprechender Matrices. (...) Sobald wei- Arbeitswelt und Recht, Privatisierung und
tere Untersuchungs- und Rechercheergeb- Patentierung von Wissen“ in Berlin am
nisse vorliegen, sollten wir die Diskussion 8. Oktober 2001 vertreten. Greenpeace liefer-
gemeinsam fortführen.“151 te Antworten zu ausgewählten Fragen zu den
Themen Patente, Rechte des geistigen Eigen-
Bundesamt für Naturschutz tums und TRIPS-Abkommen der WTO.
Das Verhältnis zum Präsidenten des Bundes- U.a. waren der Bundesverband der Industrie
amtes für Naturschutz, Prof. Vogtmann, ist und die Gewerkschaft ver.di um ihre Experti-
von sehr guter Zusammenarbeit geprägt. So se gebeten worden.
lud Prof. Vogtmann Brigitte Behrens wieder- Zum einen nutzen die Kommissionsmit-
holt zum Gedankenaustausch in seine Behör- glieder einen von Greenpeace erstellten Ver-
de. Während die ersten Schreiben noch sehr gleich zwischen dem TRIPS-Abkommen
förmlich sind, klingt im Brief vom 19. Juli (Trade-Related Aspects of Intellectual Pro-
2002 sogar eine Bitte um ,Amtshilfe‘ an: perty Rights) und der EU-Richtlinie 98/44.
„Meine Lieben, (...) Schwerpunkt der na- In dem Vergleich geht es darum, wie weit die
turschutzfachlichen Aktivitäten wird in den EU-Richtlinie und damit die in Europa gängi-
nächsten Monaten die Stützung der Kom- ge Praxis der Patentvergabe auf Leben dem
missionsvorschläge sein gegenüber dem EU- TRIPS-Abkommen widerspricht. Jürgen
Parlament, dem Fischereirat sowie den ein- Knirsch, Greenpeace-Globalisierungsexperte,
zelnen Mitgliedsländern, besonders den süd- stellt die Tabelle vor.
europäischen Staaten, die sich zu einem Bünd- Zum anderen heißt es: „Die Ressource
nis ,Freunde der Fischerei‘ zusammenge- Umwelt ist durch landwirtschaftliche Pro-
schlossen haben. Dieses Bündnis übt massiv duktion, aber auch durch andere Einflüsse
Druck auf die Kommission aus und versucht, erheblich betroffen. (...) Neben dem Zugang
wesentliche Aspekte des Kommissionsvor- zu Land (...) spielt die Frage der verfügbaren
schlages zu verhindern. Ich mache auf die- Technologie eine herausragende Rolle. (...) In
sen Umstand aufmerksam, da eventuell Akti- diesem Sinne ist die Förderung der mensch-
onen erforderlich werden könnten, um die Be- lichen Ressourcen essenziell zur Verbesse-
mühungen der Kommission zu stützen.“ rung der Ernährungslage. Die von ,Brot für
die Welt‘ und Greenpeace veröffentlichte
Studie ,Ernährung sichern‘ (Brot für die Welt,
3.3 In den Enquete- Greenpeace 2001) setzt sich aus der Perspek-
Kommissionen tive des Südens mit nachhaltiger Landwirt-
Wenn der deutsche Bundestag die Einset- schaft auseinander. Zugrunde liegen die For-
zung einer Enquete-Kommission, einer Ar- schungsergebnisse der britischen Agrar-
beitsgruppe der Abgeordneten zu relevanten experten Jules Pretty und Rachel Hine, die in
gesellschaftspolitischen Fragen, einsetzt, wird ihren ,SAFE-World-Report‘ (Pretty, Hine 2001)
oft Greenpeace geladen und gehört. anhand von ca. 200 Beispielen in 52 Ländern

151) Brief des UBA an Manfred Krautter, 11.01.1999.


152) Abschlussbericht Enquete-Kommission des Bundestages „Globalisierung und Weltwirtschaft“, Drucksache 14/9200
60 Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit

belegen, dass die nachhaltig standortgerech- Recht und Ethik


te Landwirtschaft einen wichtigen Beitrag der modernen Medizin
zur Verbesserung der Ernährungssituation im In der Enquete-Kommission ,Recht und Ethik
ländlichen Raum leisten kann. Neben agrar- der modernen Medizin‘, die der Bundestag
technischen Aspekten belegt die Studie die am 24. März 2000 einsetze, war der Green-
enorme Bedeutung des traditionellen Wis- peace-Patentexperte Dr. Christoph Then bei
sens der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern.“ der Öffentlichen Anhörung am 3. Juli 2000
Im Dankesschreiben von Dr. Ernst Ulrich vertreten. Nach zähen Diskussionen und
von Weizsäcker heißt es153: „Auf diesem Wege unter Berücksichtigung eines Minderheiten-
möchte ich mich nochmals ganz herzlich votums kam am 25.1.2001 ein Zwischenbe-
dafür bedanken, dass Sie Ihren Sachverstand richt zustande, der die Greenpeace-Forde-
in die Arbeit der Enquete-Kommission einge- rung stützt .154
bracht haben. Die umfassenden Informatio- Demnach hegt die Enquete-Kommission
nen, die die Kommission durch die Anhörun- Bedenken dagegen, die Biopatent-Richtlinie
Greenpeace-Protest vor dem
Münchner Europäischen
gen erhalten hat, bildeten eine wichtige der Europäischen Union in deutsches Recht
Patentamt gegen Patentie- Grundlage für die Erstellung des Abschluss- umzusetzen, weil sie Patente auf Lebewesen
rung von Lebewesen. berichtes.“ und Gene nur unzureichend verhindert. Im
Text heißt es: „Mit der Forderung ,Kein Pa-
tent auf Leben‘ lehnen Kritiker insbesondere
die Patentierung der DNA-Sequenzen als
Kommerzialisierung des Lebendigen ab.“ Der
Zwischenbericht erwähnt Skandalpatente auf
Embryonen und Chimären (Mensch-Tier-
Mischwesen), die Greenpeace aufgedeckt
hatte. Die Kommission kommt zu dem Schluss:
„Die Enquete-Kommission sieht deshalb eine
wichtige Aufgabe darin, die rechtlichen und
ethischen Aspekte dieser Fragestellungen –
gemäß ihrem Einsatzungsbeschluss be-
schränkt auf Erfindungen, die sich auf den
Menschen in allen Stadien seiner Entwick-
lung beziehen – zu klären, um im Ergebnis
dem Gesetzgeber dazu Rat zu erteilen.“

3.4 Beim Bundespräsidenten

Auch die jeweiligen Bundespräsidenten pfle-


gen Kontakt zu Greenpeace – als eine Orga-
nisation, die in Sachen Umweltschutz eine
der wichtigsten außerparlamentarischen
Oppositionen vertritt und zu den wichtigen
bundesdeutschen Interessengruppen zählt.
© T. Einberger / argum / Greenpeace

Von 1991 bis 2002 war Greenpeace jedes Jahr


zum Neujahrsempfang geladen.
Dr. Arnold Wallraff dankte am 8. Novem-
ber 1993 dem damaligen Geschäftsführer
von Greenpeace, Thilo Bode, für die „thema-
tische Hilfe bei der Vorbereitung des Um-
153) Brief vom 20.9.2002.
154) Drucksache 14 / 5157 und PE.
Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit 61

weltgesprächs mit dem Bundespräsidenten sellschaften, auch wenn wir noch keine Welt-
in der Villa Hammerschmidt am 15. Novem- verfassung haben.“
ber 1993“. Dr. Wallraff schlug die Themen: Und auch Bundespräsident Johannes Rau
Stillstand der Umweltpolitik nach Rio, empfing Greenpeace zum Neujahrsempfang
Umweltschutz als Standortfaktor, Umwelt- in seinem Amtssitz, Schloss Bellevue am
schutz nach Maastricht und besondere Ein- 9. Januar 2002.
zelprobleme wie Energiekonsens und UNCED-
Wald-Konvention, Ökologisierung der Land- 3.5 In internationalen
und Forstpolitik sowie Wege zu einer ökolo- Institutionen als Beobachterin
gisch orientierten sozialen Marktwirtschaft
als Gesprächsthemen vor und schloss mit Der Greenpeace-Cheflobbyist Rémi Parmen-
den Worten: „Ich bin sicher, dass das Gespräch tier erinnert sich, wie schwierig es in den
beim Bundespräsidenten mit Ihrer Hilfe Anfangszeiten für Greenpeace war, an inter-
einen erfolgreichen Verlauf nehmen wird.“ nationalen Konferenzen teilzunehmen:
Thilo Bode war dann auch auf der Gäste- „Als die Greenpeace- Geschichte in den
liste des Neujahrsempfangs des Bundespräsi- späten siebziger Jahren begann, behandelten
denten im Schloss Bellevue am 9. Januar 1995. die ‚kompetenten Autoritäten‘ (Regierungen,
1999 würdigte Bundespräsident Roman Industrie genau wie zwischenstaatliche Or-
Herzog Greenpeace als einen ,player‘ in der ganisationen) Greenpeace im besten Fall vä-
Weltaußenpolitik im Rahmen seiner Eröff- terlich und oft genug eher rau. Nicht nur, dass
nungsansprache zum Weltwirtschaftsform Greenpeace-Schiffe in praktisch jedem Land
Davos am 28. Januar 1999 zum Thema festgesetzt wurden oder gerammt oder mit
,Außenpolitik im 21.Jahrhundert‘. Tränengas besprüht oder – in einem Fall –
Er sagte: „Manche hatten sich ausgerech- versenkt. Es waren entschlossene Anstren-
net, dass es nach der Auflösung des bipola- gungen für Greenpeace notwendig, um das
ren Systems eine neue Zukunft der National- Recht zu erhalten, an den Sitzungen von zwi-
staaten geben werde, mit 189 Staaten als schenstaatlichen Organisationen teilzunehmen.
unabhängigen Akteuren des internationalen Aber die Zeiten haben sich geändert. Heut-
Systems an Stelle der beiden Supermächte. zutage stehen Staatsbeamte weltweit, aber
Das war ein Irrtum. Zwar ist richtig, dass der auch viele Regierungsvertreter der Teilnahme
Prozess der Globalisierung mit Prozessen der von Greenpeace und anderer Umweltschutz-
Fragmentierung einherging. Aber nicht nur Gruppen offen gegenüber. Man sagt sogar,
die beiden ideologischen Blöcke fragmentier- manche würden Greenpeace vermissen, wenn
ten sich. Auch andere Großkollektive began- die Organisation nicht dabei wäre. Der Gene-
nen zu bröckeln, auch der Nationalstaat ralsekretär der Vereinten Nationen wies in sei-
selbst. Neben den nationalen Regierungen nem Bericht zur UN-Vollversammlung zum
hatten schon lange zahllose transnationale Thema ,Arrangements and Practices for the
Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft, Wis- Interaction of Non-Governmental Organiza-
senschaft und Kultur, Technik und Ökologie tions in all Activities of the United Nations
damit begonnen, ihre Anliegen und Bot- System‘ darauf hin, dass Nichtregierungsor-
schaften global zu vertreten. CNN, das Rote ganisationen ,nicht länger nur als Multipli-
Kreuz, Yehudi Menuhin, Politologen der Har- katoren von Information anzusehen sind,
vard University, das Internet und Green- sondern als Teilhaber der Politik und als Brü-
peace, von den Weltkonzernen ganz abgese- cke zwischen der breiten Öffentlichkeit und
hen, werden heute dezentral und ungesteu- zwischenstaatlichen Prozessen‘.”155
ert außenpolitisch wirksam. Es gibt sie bereits, Schmidt/Take sehen „die Rolle der NGOs
das Weltbürgertum und die globalen Zivilge- bei der Demokratisierung bzw. Re-Demokra-

155) Rémi Parmentier: Greenpeace and the Dumping of Waste at Sea: A Case of Non-State Actors´ Intervention in International Affairs, in: Inter-
national Negotiation 4, 1999, S. 449.
62 Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit

tisierung internationaler Politik bzw. von Greenpeace hatte 2003 folgenden Status in
außenpolitischen Entscheidungsprozessen (...) internationalen Organisationen:
in der Schaffung von Transparenz durch die
Information und Aufklärung der Öffentlich- Berater-Status – Consultative Status:
keit über diese Prozesse. Transparenz durch ECOSOC – (Wirtschafts- und Sozial-Rat der
Informationen stellt unseres Erachtens die UN), United Nations: Economic and Social
grundlegende Bedingung für eine öffentliche Council
Kontrolle dar und bildet somit einen wichti-
gen Beitrag zur Demokratisierung.“156 Greenpeace hat einen garantierten Berater-
Für Schmidt/Take spiegelt sich „die öf- Status in den meisten der UN- und Konven-
fentliche Anerkennung von NGOs (...) auch tions-Foren, der auf einer ECOSOC-Resoluti-
in der Berichterstattung der Medien wider. on von 1996 über den Status der NGOs bei
Nicht selten gründet sich die mediale Bericht- der UN beruht.
erstattung über Konferenzen auf Informati-
onsmaterialien, die dort von NGOs allen In- Kooperations-Status – Liaison Status:
teressierten zur Verfügung gestellt werden. FAO –Welternährungsorganisation – United
Auch von offizieller Seite erfahren die NGOs Nations: Food and Agriculture Organisation
zunehmend Akzeptanz und Anerkennung.
Dies findet seinen Ausdruck in der Einbin- Beobachter- Status – Observer Status:
dung der NGOs, sei es als Teilnehmer oder Be- UNEP – Umweltprogramm der Vereinten
richterstatter internationaler Meetings, sei es Nationen, United Nations: Environmental
durch die Aufnahme ihrer Vertreter in natio- Program
nale Delegationen. (...) Die Bedeutung der Basel-Konvention – Baseler Giftmüll-Abkom-
NGOs als Repräsentanten des öffentlichen In- men, Basel Convention on the Control of Trans-
teresses unterstrich auch der ehemalige UN- boundary Movements of Hazardous Wastes
Generalsekretär Butros-Ghali, indem er die Biosafety-Protokoll – Convention on Biological
NGOs als ‚eine grundlegende Form menschen- Diversity (CBD) and Cartagena Protocol (Ab-
naher Repräsentation‘ bezeichnete; sie seien kommen zum Schutz der Biologischen Vielfalt)
‚gewissermaßen eine Garantie für die politi- Washingtoner Artenschutzübereinkommen
sche Legitimation auch der Vereinten Natio- – CITES, Convention on International
nen‘. Die ständige Aufwertung des Konsulta- Trade in Endangered Species of Wild Fauna
tivstatus für NGOs in staatlichen und inter- and Flora)
nationalen Gremien unterstützt diese These. HELCOM – Convention on the Protection of
Auch auf Grund der steigenden persönlichen the Marine Environment of the Baltic Sea
Belastung der Menschen durch Umweltschä- Area (Helsinki-Konvention zum Schutz der
den wird die Beteiligung gesellschaftlicher Ostsee)
Akteure am Prozess der internationalen Um- Ramsar-Konvention – Ramsar Convention
weltpolitik immer dringender eingefordert.“ on Wetlands (Feuchtgebiete)
Stockholm-Konvention – Stockholm Conven-
tion/POPs Treaty (Abkommen zum Schutz
vor Dauergiften (POPs)
UNFCCC – United Nations: Framework
Convention on Climate Change
(Rahmenabkommen zum Klimawandel)

156) Hilmar Schmidt/Ingo Take, Demokratischer und besser? Der Beitrag von Nichtregierungsorganisationen zur
Demokratisierung internationaler Politik und zur Lösung globaler Probleme, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. B 43/97, 17.10.1997, S. 14ff.
Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit 63

MAP – United Nations: Barcelona Conven- Für Schmidt/Take ist „die zusätzliche De-
tion/Mediterranean Action Plan mokratisierung internationaler Entschei-
(Aktionsplan zum Schutz des Mittelmeeres) dungsprozesse durch NGOs (...) anhand ihrer
Cartagena-Konvention – United Nations: transparenzfördernden Leistungen plausibel
Cartagena Convention on the Protection of darzustellen. Hierzu zählen die von den
the Wider Carribean Region (Abkommen NGOs immer wieder erbrachte Information
zum Schutz des karibischen Raumes) und Aufklärung der Öffentlichkeit über poli-
UNSEGED – United Nations: Solar Energy tische Entscheidungsprozesse sowie die von
Group on Environment and Development den NGOs zur Verfügung gestellten unab-
(Solarenergie-Kommission der UN zu hängigen Expertisen und Handlungsanlei-
Umwelt und Entwicklung) tungen, die die politischen Entscheidungs-
Konvention von Bern – Berne Convention on träger nicht mehr allein auf ihre Berater an-
the Protection of European Fauna and Flora gewiesen sein lassen. Beispiele hierfür sind
and their Habitats regelmäßig erscheinende Mitgliederzeit-
CSD – UN-Kommission für nachhaltige schriften, konferenzbegleitende Informa-
Entwicklung – Commission on Sustainable tionsmaterialien und Zeitschriften sowie
Development Jahresberichte (...). Außerdem leisten die
Helsinki-Kommission – Commission on the NGOs einen Beitrag zur Überwachung der
Protection of Forests in Europe Implementation der international vereinbar-
(Kommission zum Schutz der europäischen ten Maßnahmen. Indem die NGOs also
Wälder) zusätzliche Informationen liefern, Entschei-
IPCC – Zwischenstaatlicher Expertenrat für dungsprozesse durchsichtiger machen und
Klimawandel – Intergovernmental Panel on die Implementation bestimmter Politiken
Climate Change überwachen, schaffen sie ein zusätzliches
IWC – Internationale Walfang-Kommission Maß an Transparenz, welches den Bürgern
– International Whaling Commission eine freiere Meinungsbildung ermöglicht.
WTO – Welthandelsorganisation – World Darüber hinaus werden die transparenzför-
Trade Organisation dernden Leistungen innerhalb der NGOs
London-Konvention – London Convention nicht durch einen restriktiven Verwaltungs-
(c/o IMO) apparat behindert. Sie können deshalb rela-
(Abkommen zur Müllversenkung im Meer) tiv ungehindert ihre originären Funktionen
OSPAR – Oslo Convention on the Prevention wahrnehmen, die vor allem in der Kontrolle,
of Marine Pollution by Dumping of Ships Kritik, Anklage und Verurteilung der politi-
and Aircraft and Paris Convention for the schen Prozesse und ihrer Träger liegen.
Prevention of Marine Pollution from Land- Allerdings muss auch konstatiert werden,
Based Sources (Abkommen zum Schutz des dass sich zumindest die größeren NGOs in
Nordostatlantiks)157 dem Dilemma befinden, sich einerseits von
Staatspolitik und Wirtschaftshandeln ab-
Greenpeace hat Beobachter-Status in allen grenzen zu müssen, andererseits aber auf die
gesetzgebenden Institutionen der EU: Formulierung anschlussfähiger Themenstel-
in der EU-Kommission, im EU-Rat, im lungen als Voraussetzung für unterstützende
EU- Parlament Förderung angewiesen zu sein.“158
Aber die beiden Wissenschaftler sehen in
der Aufklärung der Öffentlichkeit nicht allein
einen Beitrag zur Demokratisierung interna-
tionaler Politik, „sie ist auch eine der wichtigs-
ten Funktionen, die NGOs im Rahmen einer

157) Liste von Stefan Krug.


158) Schmidt / Take, S. 15.
64 Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit

mehrstufigen ‚global governance‘ zur Gefahr der Instrumentalisierung von NGOs


Lösung globalisierter Probleme ausüben. durch wirtschaftliche oder politische Lobbys.
Durch sie wird Druck auf die politischen Ent- Boutros-Ghali sah die NGOs als zusätzliches
scheidungsträger erzeugt, bestimmte Proble- Pluralitätselement in der internationalen
me auf die politische Agenda zu setzen bzw. Politik; NGOs würden sowohl gegenüber den
deren Bearbeitung voranzutreiben.“ eigenen Regierungsvertretern als auch für
Auch zu Problemlösungsfindungen tra- die Tätigkeit der internationalen Apparate
gen NGOs durch alternative Vorschläge und als korrektives Element wirken.
Ideen sowie eigene Expertisen bei. Schmidt/ Auch die Agenda 21 beurteilt das Engage-
Take konstatieren, dass „der Informations- ment nichtstaatlicher Organisationen als för-
input der NGOs (...) dabei (auch nach Aussa- derungswürdig.159 So wird vorgeschlagen, dass
gen von Regierungsdelegierten) teilweise von der Verband der Vereinten Nationen und die
mehr Kompetenz als entsprechende, von den Regierungen in Konsultationen mit den NGOs
Regierungen in Auftrag gegebene Studien einen Prozess in Gang setzen sollen, um die
[zeugt]. Durch die Vermittlung zwischen staat- förmlichen Verfahren und Mechanismen zur
lichen Akteuren und die Unterstützung von Einbeziehung der NGOs auf allen Ebenen
Leader-Staaten gelingt es ihnen immer wie- von der politischen Entscheidungsfindung
der, zur Fortentwicklung der Vereinbarun- bis zur Umsetzung – gerade auch der Agenda
gen beizutragen. (...) Die Beteiligung der NGOs 21 – zu überprüfen. Damit wird die Agenda
am Entscheidungsfindungsprozess bedeutet 21 zu einem ‚Aktionsprogramm für eine stär-
darüber hinaus gegenüber der Öffentlichkeit kere NRO-Partizipation‘, das auch ein Plus an
einen Legitimationsgewinn für die von der formaler Legitimation für NGOs auf der in-
Regierung verabschiedeten Gesetze. Das Glei- ternationalen Ebene mit sich bringen kann.“160
che gilt auch für die auf internationaler
Ebene getroffenen Vereinbarungen.“ 3.6 Mit Gewerkschaften
Auch Marianne Beisheim stellt fest, dass
die Arbeit der NGOs „bei den Prozessen der Zusammen mit der IG Bauen-Agrar-Umwelt
Politikfindung im Rahmen der Vereinten Na- entwickelte Greenpeace 1999 das Gütesiegel
tionen (VN) (...) hochgeschätzt [wird]. Auf ,Das Plus für Arbeit und Umwelt‘. Das Siegel
Grund des über sie erfolgenden Inputs gesell- garantiert den Verzicht auf umweltschädli-
schaftlicher Interessen gelten sie als ein po- che Baustoffe wie PVC, FCKW/FKW, Urwald-
tenzieller Legitimationsfaktor für internatio- holz und Dämmstoffe, die langlebige Gifte
nale Institutionen. (...) Die VN sind in der bis- enthalten. Am 19. November 2002 wurde das
herigen Praxis weniger eine Vereinigung von Modellsanierungsprojekt ,Bürger 2002‘ in Bre-
Völkern als eine Gemeinschaft von Staaten men mit dem Gütesiegel ausgezeichnet. An-
und Regierungen mit z.T. fragwürdiger demo- lässlich der Verleihung war der IG-BAU-Bun-
kratischer Legitimität. Die Demokratisierung desvorsitzende Klaus Wiesehügel anwesend,
der VN könnte auch durch die stärkere Einbe- der erklärte: „Das Gütesiegel dokumentiert
ziehung einer gesellschaftlichen Komponente eine umweltverträgliche Sanierung, bei der
vorangebracht werden. Dabei sind die Vortei- auch Sozialstandards und Tarifverträge einge-
le der Arbeit der NGOs gegen die Risiken halten werden. Das ist gut für Arbeit und
abzuwägen, wie z.B. Bürgernähe, Sachkom- Umwelt.“ Und die Bremer Senatorin für Bau
petenz, unbürokratisches, innovatives Den- und Umwelt Christine Wischer zeigte sich be-
ken gegen eventuell ungenügende Repräsen- eindruckt: „Was hier verwirklicht wurde, ist
tanz in der Gesamtgesellschaft oder gegen die Klimaschutz zum Vorzeigen.“161
159) Unter Ziffer 27.1 der Agenda 21 heißt es: „Nichtstaatliche Organisationen spielen eine entscheidende Rolle bei der Ausformung und Um-
setzung einer teilhabenden Demokratie … Die unabhängige Rolle, die den nichtstaatlichen Organisationen innerhalb der Gesellschaft zu-
kommt, verlangt nach einer echten Mitwirkung.“ Die Frage nach der demokratischen Legitimität der NGOs wird dabei ansatzweise behandelt,
indem man postuliert: „Ihre Glaubwürdigkeit ist durch die verantwortliche und konstruktive Rolle begründet, die sie in der Gesellschaft spielen.“
160) Marianne Beisheim, Nichtregierungsorganisationen und ihre Legitimität, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. B 43/97, 17.10.1997, S. 27f.
161) Presseerklärung der IG BAU, Greenpeace, der Bauherrengemeinschaft „Bürger 202“ und dem Bremer Energie-Konsens, Bremerhaven 19.11.2002.
Greenpeace – Expertisen – Kontakte – Zusammenarbeit 65

Der Vorsitzende der Vereinigten Dienst- unterschiedlichen Gewerkschaftsorganisatio-


leistungsgewerkschaft ver.di Frank Bsirske nen und Greenpeace forderten die UN-Kom-
verkündete in seiner Grundsatzrede auf dem mission über nachhaltige Entwicklung (CSD)
Gründungskongress der neuen Gewerkschaft unter anderem dazu auf:
am 20. März 2001: „Wir können von Green- - „die Ratifizierung des Übereinkommens
peace eine Menge lernen.“ 162 über die Erhaltung und verantwortungsbe-
In Zusammenarbeit mit der Internationa- wusste Bewirtschaftung von Fischbeständen
len Transportarbeiter Föderation (ITF), dem der UN-Organisation für Ernährung und Land-
Internationalen Bund Freier Gewerkschaften wirtschaft (FAO) und des UN-Übereinkom-
(IBFG), dem Gewerkschaftlichen Beratungs- mens über lokal und weit wandernde Fisch-
ausschuss (TUAC) sowie der Organisation bestände zu empfehlen;
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent- - sich für eine hochnormige Schifffahrt ein-
wicklung (OECD) brachte Greenpeace einen zusetzen und Initiativen für einen verantwor-
Bericht mit dem Titel ,Troubled waters: fish- tungsvollen Fischfang zu unterstützten;
ing, pollution and FOCs‘ (Billigflaggen, A.d.V.) - Maßnahmen zur Transparenz in diesem
heraus, um ein umfassendes Verbot un- Industriezweig zu entwickeln“.163
ternormierter Billigflaggen durchzusetzen. In 1983 gelang es Greenpeace in Großbritan-
dem Bericht wird die Verbindung zwischen nien, die National Union of Seamen (NUS, na-
Billigflaggen, Umweltverschmutzung und il- tionale Seeleutegewerkschaft) und die ITF da-
legaler Fischerei aufgedeckt. von zu überzeugen, jegliche Beförderung
Der Studie zufolge werden durch das Bil- und Verladung von Atommüll zu boykottie-
ligflaggensystem in großem Umfang illegale ren. Daraus resultierte, dass das jährliche
Fangpraktiken und die Befischung bedrohter Dumping-Programm Großbritanniens nicht
Arten ermöglicht. Darüber hinaus gefährden durchgeführt werden konnte. 1983 wurde
überaltete, schlecht gewartete Billigflaggen- das erste Jahr im atomaren Zeitalter ohne
flotten die Umwelt. „Tödliche Unfälle, Arres- offizielle Atommüllverklappung.
tierungen und Ölkatastrophen kommen in
der Billigflaggenszene weitaus häufiger vor (Mehr dazu unter 1.3 London Dumping Con-
als bei Schiffen unter nationaler Flagge“, vention.)
hieß es im ITF-Seeleute-Bulletin 2000. Die

162) http://www.zeit.de/reden/wirtschaftspolitik/200113_verdi_bsirske
163) ITF-Seeleute-Bulletin 2000, S. 14f.
66 Zwei Beispiele für internationalen Einsatz

4. Zwei Beispiele für Die Zeitschrift Natur & Kosmos hebt die
den internationalen internationalen Aktivitäten hervor: „Tatsäch-
lich trug Greenpeace mit gewaltfreiem Pro-
Einsatz test dazu bei, dass Frankreich die oberirdi-
schen Atombombenversuche einstellte, die
Greenpeace ist nicht in allen Ländern dieses USA und Russland die Antarktis unter Schutz
Planeten aktiv. Die gewaltfreien Umwelt- stellten und die Walfangnationen ihren Fang
schützer müssen sich aus Ländern heraushal- begrenzten. Ohne öffentlichkeitswirksame
ten, die nicht ein Mindestmaß an Bürgerrech- Aktionen wäre das kaum möglich gewesen.
ten und Personenschutz bieten, in denen Will- Die Greenpeace-Aktivisten scheuten nicht ein-
kür, Entführung, Mord und Folter alltäglich mal davor zurück, auf dem Platz des Himm-
sind. Doch in Ländern mit jungen oder sehr lischen Friedens in Peking gegen Chinas
brüchigen demokratischen Strukturen wer- Atombombenversuche zu demonstrieren.“165
den die gewaltfreien Umweltschützer aktiv.
Und sie leisten weit mehr, als sich nur für 4.1 Im Libanon
sauberes Wasser oder die geregelte Müllent-
sorgung einzusetzen. Sie sind Vorbild für Auch im bürgerkriegszerstörten Libanon ar-
eine Bürgergesellschaft, stärken demokrati- beitet Greenpeace mit Erfolg. Das ist der Ein-
sche Opposition und Initiativen von unten, satz für den Umweltschutz in einem zerrüt-
zeigen, dass sich gewaltfreier Widerstand teten Land, in dem sich die Menschen um
lohnt und Zähigkeit zum Erfolg führt. Wiederaufbau bemühen und nach einem Aus-
Thilo Bode, damals Direktor von Green- kommen suchen und dessen demokratische
peace International, schrieb dazu in der Strukturen von den mächtigen Familien des
Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Dezem- Landes eher geduldet als gefördert werden.
ber 1998 unter der Überschrift ,Weltvolk Aber Greenpeace wurde unter dem
probt Aufstand‘164 : „In weniger rigide regier- Deutsch-Libanesen Fouad Hamdan ab 1996
ten Staaten haben Nichtregierungsorganisa- schnell zur Institution. So schrieb die Süd-
tionen schon beachtliche Veränderungen be- deutsche Zeitung am 24. Oktober 1997 über
wirkt. Kürzlich protestierten vor dem türki- den Wiederaufbau der Hauptstadt des Liba-
schen Energieministerium Umweltaktivisten non, Beirut:166
gegen den Bau eines Atomkraftwerkes. Ein „So soll der Müll, täglich fallen 1.700 Ton-
unerhörter Vorfall für türkische Verhältnisse, nen an, künftig in zwei Stationen sortiert,
doch wurden die türkischen Aktivisten nicht dann zum Teil kompostiert, verbrannt und
wie üblich verprügelt und eingesperrt. Sie endgelagert werden. Das klingt gut, dafür gibt
konnten unter dem Schutzschild eines in- es vom örtlichen Greenpeace-Vertreter zum
ternationalen Umweltverbandes und der in- Teil auch Lob. ‚Die machen was, die haben
ternationalen Presse agieren. Offensichtlich endlich begriffen, dass es so nicht weiter-
hatten die türkischen Behörden wegen inter- gehen kann’, sagt Fouad Hamdan, einst Spre-
nationaler Komplikationen Bedenken vor cher der Organisation in Deutschland und
einem härteren Vorgehen. Für diplomatische seit elf Monaten in Beirut. Trotz des Engage-
Vertretungen, die sonst auf konfrontative Um- ments der Regierung kritisiert Hamdan je-
weltorganisationen nicht gut zu sprechen sind, doch die Richtung: Nicht die Verbrennung
sind diese jedoch ein willkommenes Instru- sei der richtige Weg, sondern die Müllver-
ment, um bürgerliche und politische Grund- meidung.
rechte, die sie wegen kommerzieller Interessen Das sind Töne, die zwar nach Deutsch-
eher verschämt einfordern, zu propagieren.“ land, nicht aber in ein vom Krieg zerstörtes
164) Frankfurter Allgemeine Zeitung /31.Dezember 1998/Feuilleton/Thilo Bode/“Weltvolk probt Aufstand“: / Organisierter Umweltschutz als
Nährboden der Demokratie.“
165) Natur und Kosmos, 1.6.2001, Im Namen der Umwelt, S. 28.
166) Und der Krieg ist doch der Vater aller Dinge/Die Dritte Seite/Stefan Braun/Süddeutsche Zeitung 24.Oktober 1997.
Zwei Beispiele für internationalen Einsatz 67

Land passen wollen. Doch Hamdan findet


Gehör: Denn der Libanon will sich Europa
als Wirtschaftsstandort anbieten und braucht
westliche Investoren. Kaum etwas wäre da un-
angenehmer als das Image eines Umwelt-
frevlers. Zugleich spielt auch das noch immer
vorherrschende System der proportionalen
Machtverteilung zwischen Christen, Sunni-
ten und Schiiten eine wichtige Rolle, wenn
es um den Einfluss von Greenpeace geht. Die
Teilung der Macht sorgt dafür, dass die tat-
sächliche Opposition im Parlament klein, die
Freude über öffentliche Kritik am jeweils
anderen aber groß ist. Günstiger können die
Bedingungen für eine Organisation wie Green-
peace gar nicht sein. Und Hamdan hat das be-
griffen. ,Solange einer meine Ziele unter-
stützt, arbeite ich mit ihm zusammen. Was
er sonst noch macht oder früher getan hat, ist
mir egal.‘ Wechselnde Koalitionen sind für
Hamdan kein Problem – und führen dazu,
dass er Freunden und Feinden nie ganz ge-
heuer ist. So heißt es aus dem Umweltminis-
terium, das selbst monatelang mit Green-
peace zusammenarbeitete: ,Die Organisation
leistet gute Arbeit. Aber hinter Hamdan steht
ein anderer Politiker.‘ Wer das ist, bleibt offen,
weil es ständig ein anderer sein kann.“
Die arabisch-levantinische Variante der
Umweltschutzarbeit wirkt. So schreibt Nadine
Alfa, Reporterin des Daily Star, am 14. Juli
1997 über den Besuch des Greenpeace-Schif- die doppelte Aufmerksamkeit von Seiten der Greenpeace protestiert
fes Sirius an der libanesischen Küste:167 Bevölkerung und der Regierung, um unser 1998 gegen Verklappung
von Hafenschlamm an
„Umweltminister Akram Chehayeb be- Meer wieder sauber zu machen und um uns
den Küsten des Libanon.
grüßte das Greenpeace-Schiff ,Sirius‘ im Li- Kritik von Greenpeace zu ersparen“.
banon am Samstagmorgen, als es in Tripol an- Die Prominenz von Fouad Hamdan ge-
legte. Mit einer sichtbaren Änderung der Re- stattet ihm offene Worte, die für andere
gierungspolitik gegenüber der internationa- wahrscheinlich hätte lebensgefährlich sein
len Umweltschutzorganisation in ihrer Rolle können. So spricht Hamdan bei der Gala zur
als Wachhund, sagte Chehayeb, dass sich die Wahl des Mannes und der Frau des Jahres
Dinge seit 1995 eben geändert hätten, als dem 1999, als er den Titel zugesprochen bekommt,
Schiff Altair das Einlaufen verweigert wurde, davon, dass „die Entscheidungsträger, die die
und er fügte an, obwohl es zwischen Green- Umwelt zerstören, die gleichen seien, die
peace und ihm Differenzen gebe, würde man während des Krieges Menschen entführt
© F. Hamdan / Greenpeace

ja für das gleiche Ziel arbeiten“. Im gleichen und getötet hätten“. 168
Artikel wird der Transportminister Omar Mis- Der Einfluss von Greenpeace für den
kawi mit den Worten zitiert: „Wir brauchen Wideraufbau der libanesischen Gesellschaft
167) The Daily Star/140797/Nadine Alfa/„Chehayeb gives Greenpeace a warm welcome – change of heart in evidence as minister greets ship
that would once have been turned away“
168) The Daily Star/Star Scene/250399/Maha Al-Azar/Social Reporter/„No losers at he Man and Woman of the Year Awards“
68 Zwei Beispiele für internationalen Einsatz

spiegelt sich bis in die Schulbücher. In bei- Jeder Mensch hat ein Recht auf freies
den Bänden der Reihe169 ,Staatsbürgerkunde Denken. Er hat das Recht, sich seine Meinung
und zivile Erziehung‘ wird der Unterrichts- zu bilden, sie zu äußeren und zu publizieren.
stoff immer wieder mit Greenpeace-Aktio- Niemand darf wegen seiner Meinungen ver-
nen gegen die Umweltzerstörung illustriert. folgt werden. Die Bürger dürfen sich versam-
So geht es im Kapitel ,Bürgerrechte‘ unter meln, um ihre Meinungen auszutauschen
der Rubrik ,Ziele‘ um: und Vereinigungen zu gründen. Jeder Mensch
„Die wichtigsten Rechte kennen lernen. ist frei, seinen Glauben zu haben, ist frei in
1. Die Fälle, in denen diese Rechte verletzt der Auswahl seiner Religion und frei bei der
werden, feststellen. Ausübung seiner religiösen Gebräuche.“
2. Bewusstsein schaffen, dass diese Rechte Und dieser Abschnitt ist illustriert mit
nicht automatisch respektiert werden und einer Demonstration von Greenpeace Liba-
erkämpft werden müssen, um sie zu schützen. non gegen die Verseuchung durch Asbest. Im
3. Erlernen, dass im Alltagsleben und durch Kapitel ,Umwelt und allgemeine Sicherheit/
bestimmtes Benehmen einige dieser Rechte Umwelt und Lebensqualität‘ wird schließlich
respektiert bzw. verletzt werden können.“ Greenpeace-ähnliches Vorgehen geübt und der
Und weiter unter ,Lese und überlege‘: Wert gewaltfreier Veränderungen gewürdigt:
1) Bürgerrechte und Menschenrechte „Aktivitäten
Die Bürgerrechte im Libanon stimmen mit 1. Versuche einen Ort mit Steinbrüchen zu
den Rechten, die in der Charta der Menschen- besuchen, der gesetzeswidrig betrieben wird.
rechte festgelegt wurden, überein, da der Li- Sammle Informationen über die Gefahren sol-
banon in seiner Verfassung eine Veranke- cher Aktivitäten und über das Gesetz über
rung dieser Charta festgeschrieben, diese Steinbrüche im Libanon und schlage dafür
Übereinkünfte ratifiziert und sich dadurch zur Lösungen vor. Stelle einen Ordner mit Bildern,
Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet Informationen und Gesetzen (...) zusammen.
hat. Die in dieser Lektion angegebenen Rech- 2. Der Internationale Gerichtshof in Den
te sind Teil der anerkannten Rechte für jeden Haag ist das wichtigste Gericht für die Lö-
Menschen gemäß der Charta der Menschen- sung von Konflikten zwischen den Staaten.
rechte. Es ist unausweichlich, dass jeder Stelle den Mitschülern in der Klasse den Ge-
Mensch ungeachtet seiner Nationalität, Reli- richtshof vor, erkläre seine Rolle und präsen-
gion, Meinung, Hautfarbe und sozialen Schicht tiere einige seiner Urteilsprüche in Form
diese Rechte genießt. eines Berichtes.
3) Privatleben und das Recht auf freie Evaluierung:
Meinungsäußerung 1. Nenne einige Wege zu demokratischen
Das Privatleben der Menschen muss respek- Lösungen von Konflikten.
tiert werden. Man darf sich nicht einmischen. 2. Findest du es notwendig, bei jedem Kon-
Einmischung heißt z.B. private Briefe zu flikt vor Gericht zu gehen? Was könnten die
lesen, Telefone abzuhören, Häuser ohne recht- Alternativen sein – falls vorhanden?
liche Begründung zu betreten, den Ruf zu 3. Wie können wir verhindern, dass Konflik-
schädigen oder die Würde zu verletzen. te zwischen Ländern zu einer bewaffneten
Auseinandersetzung führen?“

169) Staatsbürgerkunde und zivile Erziehung. Grundbildung/ 7.Klasse /Neue Curricula/ Nationales Schulbuch/Pädagogisches Zentrum für
Forschung und Entwicklung/Vorwort: „ Aufbau durch Erziehung “: „Vier Jahre sind seit der Gründung des Workshops für umfassende
pädagogische Reform vergangen. Mit dem heutigen Tag legt das Pädagogische Zentrum für Forschung und Entwicklung allen Zuständigen
im Erziehungswesen die erste Sammlung von Schulbüchern vor, die auf der Basis der neuen Curricula per Erlass Nr. 10227 vom 8. Mai 1997
veröffentlicht und ausgearbeitet wurden(...) Dieses Schulbuch bedeutet einen erfolgreichen vorläufigen Abschluss bisheriger Maßnahmen
auf dem Weg zum Wiederaufbau des Erziehungssektors unter der Aufsicht des Ministers für Nationale Erziehung, Jugend und Sport. Auf
diese Weise werden alle aufeinander aufbauende Schritte zur Erneuerung unternommen, die vom Förderplan bis zur Neuorganisation, von
den Curricula bis hin zu den Schulbüchern reichen. Wir hoffen, dass aus den besser ausgebildeten Schülern aktive und offene Bürger wer-
den, die in der Lage sind, ihrer Heimat zu dienen und sich für die Lösung ihrer Probleme einsetzen, die qualifiziert und mit Würde und
Selbstbewusstein bereit sind, sich an den Entwicklungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu beteiligen. (...) Das Zentrum hat auch die
Hilfe von internationalen Experten in Anspruch genommen.“ Sowie Staatsbürgerkunde und zivile Erziehung/Sekundarbildung/1. Schuljahr.
Zwei Beispiele für internationalen Einsatz 69

4.2 In Russland Wald und Weltnaturerbe


1994 unterzeichneten das Staatliche Komitee
In Russland sind die Umweltprobleme dra- der Russischen Förderation zum Schutz der
matisch: marode und gefährliche Atommei- Umwelt (Goscomecology) und Greenpeace
ler, undichte Ölpipelines, toxische Abwässer, Russland ein Abkommen zur Zusammenar-
die Abholzung von Urwäldern und und und. beit, um geschützte russische Regionen in die
In dieser Situation konnte Greenpeace Russ- Liste des Weltnaturerbes aufnehmen zu las-
land bereits einiges erreichen. Weil die staat- sen. Als erstes russisches Gebiet wurden die
lichen Institutionen häufig so schwach sind, Urwälder von Komi 1995 in die Liste aufge-
kommt Greenpeace in Russland in vielen Fäl- nommen. Ende 1996 erhielten weitere 6,5
len eine Vermittlerrolle zu. Staatliche Stellen Millionen Hektar Naturgebiete den höchsten
bitten Greenpeace um Hilfe, wenn sie selber ökologischen Schutzstatus.
ein Problem nicht lösen können. Greenpeace in Moskau erarbeitete die An-
träge, um beispielsweise den Baikalsee bei
Fischerei der UNESCO als Naturpark anerkannt zu be-
So waren Inspektoren vom Staatlichen Öko- kommen. Normalerweise wäre das die Auf-
logischen Komitee zum Erhalt der Umwelt gabe des Umweltministeriums. Doch dieses
im Bezirk Sachalin mit an Bord der ,Rainbow war schlicht nicht in der Lage, die aufwändi-
Warrior‘, die vom 8. bis zum 21. Juni 2000 in gen Kartierungen zu erstellen. Seit 1996 steht
der Wirrschafts-Zone zwischen dem Ochotz- dieser größte Süßwassersee der Welt unter
kischen Meer und dem Stillen Ozean in der Schutz, wie auch die Vulkane von Kamchat-
Region der Kurilen patrouillierte. Die staatli- ka, die goldenen Berge des Altaigebirges und
chen Inspektoren informierten sich über die Teile des westlichen Kaukasus. Zuletzt wur-
negativen Auswirkungen der japanischen de im Jahr 2001 das im fernen Osten gelege-
Treibnetzfischerei auf die Lachsbestände.170 ne zentrale Sikhote-Alin unter den Schutz
Die Urwälder von Komi sind
die ersten russischen Wälder,
die auf die Liste des Welt-
naturerbes aufgenommen
wurden.
© P. Gleizes / Greenpeace

170) PE Greenpeace Russland vom 23.06.2000.


70 Zwei Beispiele für internationalen Einsatz

land und Greenpeace Russland haben darü-


ber hinaus eine besondere Kooperation
geschlossen. Die deutsche Fundraising-
Abteilung wirbt seit 1999 um direkte Spen-
denpatenschaften für spezielle Projekte von
Greenpeace Russland. Zurzeit (April 2003)
gibt es rund 1.800 Russlandpaten. Das Spen-
denaufkommen, das direkt den russischen
Umweltschützern zugute kommt, pendelte
sich zwischen 1999 und 2002 stabil auf unge-
fähr 47.500 Euro ein.
Aktuell geförderte Projekte sind zum Bei-
spiel das ,Baikal Summer Camp 2002‘, bei
dem die Ufer von Müll gesäubert werden soll-
ten, mit 13.000 Euro.173 Das Projekt gegen den
Import von abgebrannten atomaren Brenn-
elementen erhielt 41.100 Euro aus Deutsch-
land.174 Der Kampf gegen die Produktion, den
Gebrauch und Vertrieb von POPs (chemische
Dauergifte) wird mit 24.650 Euro aus Deutsch-
land unterstützt.175

2002 säuberten Greenpeacer der UNESCO gestellt. Für weitere zehn Ge- Bürgergesellschaft
in einer internationalen Aktion biete laufen die Vorbereitungen für die Auf- Aber die Arbeit von Greenpeace Russland ist
die Küsten des Baikalsees. nahme in die Liste des Weltnaturerbes. nicht nur auf den Umweltschutz ausgerich-
Auch an der Erstellung des ersten kom- tet. Sie gilt auch als Beitrag zum Aufbau ei-
pletten russischen Atlas der intakten Wald- ner Bürgergesellschaft in dem Nachfolgestaat
gebiete im Jahr 2002 war Greenpeace Russ- der ehemaligen Sowjetunion. Die US-ameri-
land maßgeblich beteiligt. Zehn russische kanische ,Charles Stewart Mott Foundation‘,
Umweltschutzorganisationen und Forschungs- die sich dem Aufbau von Bürgergesellschaf-
institute hatten sich in der ,Global Forests ten in Zentral- und Osteuropa verschrieben
Watch Russia‘ zusammengeschlossen, um in hat, unterstützt NGOs mit dem Ziel, den
jahrelanger Arbeit eine erste vollständige Non-Profit-Sektor zu stärken, um ein Bewusst-
Aufnahme der russischen Waldbestände zu sein für Bürgerrechte und – verantwortlich-
kartographieren, eine gute Grundlage für wei- keiten zu schaffen. Auch Greenpeace Russ-
tere Waldschutzmaßnahmen.171 land hat 2000 einen Zuschuss in Höhe von
100.000 $ erhalten, „um die Entwicklung des
Finanzen respektvollen menschlichen Umgangs in Russ-
Trotz dieser großen Erfolge fehlt Greenpeace land zu fördern“. 176
Russland Geld. Auch in absehbarer Zeit wird Wie wichtig die Stärkung der Bürgerge-
Greenpeace nicht ausreichend Spenden aus sellschaft in Russland ist, zeigt der Umstand,
der Bevölkerung erhalten. Deswegen unter- dass dort immer wieder ganze Regionen zu
stützt Greenpeace International die russi- Sperrgebieten erklärt und so der Kontrolle
schen Umweltschützer. Greenpeace Deutsch- unter anderem auch durch Umweltschützer
© V. Potansky / Greenpeace

171) Atlas of Russia’s inact forest landscapes, Moscow 2002. Siehe auch Greenpeace Magazin, 5/99, Alarm aus dem All, S. 48-56.
172) Dokument Greenpeace Deutschland, Fundraising, Stand April 2003.
173) Agreement between Greenpeace e.V. Hamburg and Stichting Greenpeace Council, „Baikal Summer Camp 2002”.
174) Agreement between Greenpeace e.V. Hamburg and Stichting Greenpeace Council, „Nuclear fuel importation”.
175) Agreement between Greenpeace e.V. Hamburg and Stichting Greenpeace Council, „POPs”.
176) http://www.mott.org/publications/websites/annual1999/narrativ.pdf S.16.
Zwei Beispiele für internationalen Einsatz 71

entzogen werden. Um Kritiker von Umwelt- zusammen mit Greenpeace eine Untersu-
verbrechen einzuschüchtern, werden sie – wie chung der Umweltschäden in der Umgebung
zum Beispiel die Militärjournalisten Grigorij des Kombinats durchgeführt. Die Ergebnisse
Pasko und Alexander Nikitin – wegen Spiona- zeigten, dass sich die Hälfte der Bevölkerung
ge und Vaterlandsverrats angeklagt. Beide der Tschuwaschischen Republik von verseuch-
hatten Umweltvergehen der russischen Mari- ten Lebensmitteln aus der Region ernährt.
ne dokumentiert und veröffentlicht. Nikitin Bis 2007 sollen dort mehr als 30.000 Tonnen
wurde daraufhin der Spionage für Norwegen Giftgas unschädlich gemacht werden. Aber
beschuldigt und erst nach einem langen Pro- nach Überzeugung der Umweltschützerin gibt
zess freigesprochen, Pasko wegen angeblicher es bis jetzt kein Sicherheitskonzept, weder
Spionage für Japan zu vier Jahren Haft verur- für den Transport noch für die Vernichtung.179
teilt. Beobachter sprechen inzwischen von ei- Greenpeace selbst hatte bisher weniger
ner Spionage-Manie seitens der Staatsschutz- Schwierigkeiten mit den russischen Autoritä-
Behörden. Opfer dieses Spionagewahns sind ten. Der russische Greenpeace-Mitarbeiter
immer dieselben: Menschen, die sich für die Iwan Blokow sieht den Grund dafür darin,
Umwelt einsetzen und zugleich mit dem Mi- dass „wir einfacher und schneller internatio-
litär oder der Atomwirtschaft zu tun haben.177 nale Aufmerksamkeit erringen können“.
Über die Fälle der beiden ehemaligen Mili- Allerdings gab es auch Zwischenfälle. Im ent-
tärs Nikitin und Pasko berichteten sowohl legenen Osten Russlands ist der Atom-Cam-
das Greenpeace Magazin als auch die Green- paigner Igor Forofontow festgenommen wor-
peace Online-Redaktion ausführlich.178 den, weil er Außenaufnahmen eines Atom-
Auch gegen Oksana Alexejewa, die in kraftwerkes gemacht hatte, was nach russi-
Tscheboksary, der Hauptstadt der Tschuwa- schem Recht legal ist. Trotzdem wurde sein
schischen Republik in der Wolgaregion, eine Film zerstört. Und auch der russische Che-
Umweltorganisation gegründet hat, ist ein mie-Campaigner musste sich während einer
Verfahren eingeleitet worden. Sie ist davon Recherche vor der Polizei verstecken. Ein
überzeugt, dass dies mit ihrem Einsatz gegen Greenpeace-Fotograf und ausländische Jour-
das örtliche Chemiewaffenkombinat zusam- nalisten, die ihn begleitet hatten, wurden
menhängt, in dem über 30 Jahre lang Giftgas vorübergehend festgenommen.180
produziert wurde. Alexejewa hatte kurz zuvor

177) http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-hintergrund/727.html
178) http://www.greenpeace.de/GP_DOK_3P/REDAKTIO/E981113A.HTM
179) http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-hintergrund/727.html
180) Interview mit Nina Schulz von der Greenpeace Internet-Redaktion am 23. Februar 1999.
72 Externe Würdigungen für Greenpeace

5. Externe Würdigun- 1985


gen für Greenpeace Lob von Kurt Biedenkopf
Im Personality-Fragebogen des FAZ-Maga-
zins vom 22. März 1985 bezeichnet Professor
Kurt Biedenkopf (CDU) die Greenpeacer als
1982 seine ,Helden der Gegenwart‘.
GEO Umwelt-Preis
Bei der Preisverleihung des GEO Umwelt- Gustav-Heinemann Preis
Preises am 10.12.1982 sagte der GEO-Redak- Im Mai 1985 bekommt Greenpeace den mit
teur Hermann Schreiber: „Mit ‚Greenpeace 20.000 DM dotierten Gustav-Heinemann-
Deutschland e.V.’ will GEO die beharrlichen Bürgerpreis der SPD verliehen. In der Satzung
Bemühungen einer Gruppe von ideologisch des Kuratoriums steht: „Freiheit und Ge-
ungebundenen, international orientierten Men- rechtigkeit in einem demokratischen und so-
schen auszeichnen, die der drohenden Ver- zialen Rechtsstaat – das ist die Forderung un-
nichtung dieser Welt und ihrer Bewohner serer Verfassung. Das Lebenswerk Gustav W.
immer wieder durch einen gewaltlosen Akt Heinemanns war darauf angelegt, das große
zivilen Ungehorsams in den Arm zu fallen Angebot des Grundgesetzes allen Bürgern
versuchen. Ob sie nun gegen Atomtests in Ost bewusst zu machen. Mit der Verleihung des
und West, gegen die Ausrottung der Wale und Preises sollen Menschen ermutigt werden,
die Abschlachtung von Robbenbabys oder diese Forderungen des Grundgesetzes zu er-
gegen die Versenkung so genannter Dünnsäure füllen und in ihrer Haltung und ihren Hand-
und radioaktiver Abfälle im Meer tätig werden lungen mehr eigenverantwortliche Mitwir-
– nie kämpfen die Greenpeacer gegen lokale kung und Mitbestimmung mündiger Bürger
Bedrohungen, sondern immer gegen eine glo- in unserem Staat zu wagen.“
bale Gefahr an vielen Orten der Welt gleich-
zeitig. (...) Sie agieren dabei zuweilen am 1993
Rande der Legalität; aber ihre Aktionen zie- Courage-Orden des
len, glaubhaft gemacht durch die Bereitschaft Karnevalvereins Bürstadt
zu äußerster Selbstgefährdung, immer auf Der ,Courage-Orden‘ des Karnevalvereins Bür-
die Veränderung, nicht auf den Bruch einer stadt (Kreis Bergstraße) ging im Jahr 1993 an
gesetzlichen Bestimmung einer – leider lega- die Umweltschutzorganisation Greenpeace.
len – Umweltverwüstung. Sie praktizieren zi- Die Narren begründeten ihre Entscheidung
vilen Ungehorsam, sie propagieren ihn nicht. mit dem „Mut, den die Mitglieder bei ihren
GEO würdigt ausdrücklich die Effektivität, weltweiten Aktionen gezeigt haben“.181
mit der Greenpeace Deutschland gemeinsam
mit Sektionen in neun anderen Ländern seine 1995
Ziele verfolgt: in genau geplanten, internati- Martini-Preis für Demokratie
onal abgestimmten Aktionen. Auf diese Weise der südpfälzischen SPD
ist die drohende Zerstörung unseres Plane- Im November 1995182 erhielt Greenpeace
ten drastischer und nachhaltiger ins Bewusst- den Martini-Preis der südpfälzischen SPD
sein einer breiten Öffentlichkeit gebracht aus der Hand des Bundestagsabgeordneten
worden, als noch so dramatische Appelle oder Heinz Schmitt. Der Preis wird an Personen
die Schilderung der schieren Fakten dies ver- vergeben, die sich um die Demokratie – das
mocht hätten. Um die Erde zu retten, muss heißt politische Kultur, Aufklärung und
man handeln. Die Greenpeacer tun es.“ Wahrhaftigkeit im politischen, gesellschaft-
lichen und kulturellen Leben – verdient ge-
macht haben.

181) Zeitungsausschnitt ohne Datum und ohne Ort


182) Quelle Zeitungsartikel, aufgehoben von Svenja Koch, die den Preis entgegennahm.
Externe Würdigungen für Greenpeace 73

In der Begründung zur Vergabe des Prei- Hans Magnus Enzensberger


ses heißt es, dass wirtschaftliche Macht in über die Macht der
immer weniger Händen konzentriert sei und Nichtregierungsorganisationen
politischen Einfluss ausübe. Außerdem sei „Eine Person wie Heinrich Böll war die Ge-
die Konzentration publizistischer Macht in genfigur zu Konrad Adenauer. Die Gesellschaft
wenigen großen und teilweise verflochtenen hat damals solche Erscheinungen benötigt
Medienunternehmen eine Gefahr für die De- und hervorgebracht: Autorität und Gegen-
mokratie, da sie eine wirklich freie und unab- Autorität. (...) Wir haben Böll verloren. Aber
hängige Meinungsbildung behinderten. Da- dafür haben wir Amnesty und Greenpeace.“183
her brauche man heute Menschen, die sich
um den Bestand der Demokratie sorgen, of- Lob für gesellschaftlichen Druck
fen darüber sprechen und durch ihr Verhal- Der gesellschaftliche Druck über NGOs wird
ten ein Beispiel für demokratische Tugend offenbar als eine Art Leistung verstanden,
geben. Schmitt, Vorsitzender der SPD Süd- etwa wenn Marlies Flemming als österreichi-
pfalz, in seiner Laudatio: sche Umweltministerin sagte: „Ich bedanke
„Für die aufklärerische, mutige und enga- mich bei Greenpeace, dass wir so beschimpft
gierte Arbeit, für die Kunst, komplizierte The- werden. Nur so können wir ordentlich Druck
men so zu vereinfachen, dass sie in das Be- auf unsere Regierungen machen, nur, wenn
wusstsein vieler Menschen dringen; aber auch wir merken, dass engagierte Bürger hinter
für die Initiativen in der ökologischen For- uns stehen.“184
schung; nicht zuletzt für das Unternehmen Green-
peace, das zum Beispiel einen FCKW-freien Wunsch zur Zusammenarbeit
Kühlschrank marktfähig gemacht und sich von Klaus Töpfer
nun mit dem Dreiliter-Auto in den Auto- Prof. Dr. Klaus Töpfer bedankte sich anläss-
markt einmischt. Diese Arbeit betrachten wir lich seiner Wahl als Exekutivdirektor des
als ein wichtiges Element für die Machtbalance Umweltprogramms der Vereinten Nationen
in einem Land, das immer mehr durch die für die freundlichen Glückwünsche von Green-
Interessenpolitik regiert wird. Greenpeace ver- peace: „Angesichts der vielfältigen, schwie-
tritt im Gegengewicht zu den etablierten mäch- rigen Probleme, denen sich die globale Um-
tigen Interessen die ökologischen Interessen.“ weltpolitik insgesamt und die UNEP im Be-
sonderen gegenübersehen, hoffe ich sehr, dass
Ihre guten Wünsche auch in Erfüllung ge-
1995 hen. Mein Wunsch ist dabei, dass ich auch
Verleihung der Goldenen Kamera mit Greenpeace weiterhin in konstruktiv-kri-
der Zeitschrift „Hör Zu“ tischer Zusammenarbeit in Kontakt bleiben
In der Laudatio sagte die Schauspielerin Eve- kann.“185
lyn Hamann über die ,Regenbogenkrieger‘:
„Als Partei hätte diese Umweltschutzor- Anregung von Joschka Fischer
ganisation die absolute Mehrheit. 61 Prozent In einer von der Zeitschrift Stern moderier-
aller Deutschen würden ihr ihre Stimme ge- ten Diskussion riet der Grünen-Politiker
ben. Zwei Drittel würden sie sogar für den Joschka Fischer den anwesenden Jugend-
Friedensnobelpreis vorschlagen. Seit 25 Jah- lichen: „Ich würde mich an euer Stelle in
ren kämpfen sie engagiert für die Umwelt Umweltverbänden, in Umweltinitiativen
und damit für uns alle, manchmal unter Ein- und Menschenrechtsinitiativen engagieren –
satz ihres Lebens. Solange es diesen Idealis- etwa bei Amnesty oder Greenpeace, was
mus gibt, ist die Erde nicht verloren.“ auch immer.“186
183) Spiegel Spezial 11/95, Die Frau gegenüber, S.10.
184) Marianne Beisheim, Nichtregierungsorganisationen und ihre Legitimität, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. B 43/97, 17.10.1997, S. 28.
185) Brief von Töpfer an Birgit Radow vom 13.1.1998.
186) Stern, 34/98, S. 74.
74 Externe Würdigungen für Greenpeace

2000 UN-Kommisson zur Nachhaltigen Entwick-


Fundraiser des Jahres lung im Jahr 2000 und Verhandlungsführer
Anlässlich des 7. Deutschen Fundraising-Kon- zum Biosafety-Protokoll, wies im Juli 2000
gresses im April 2000 in Leipzig wurde Ger- auf einem Symposium zur WTO darauf hin,
hard Wallmeyer, Leiter der Fundraising-Ab- dass die Arbeit von Gruppen aus der Dritten
teilung von Greenpeace Deutschland, der Deut- Welt während der Verhandlungen zum Bio-
sche Fundraising-Preis verliehen. Wallmeyer safety-Protokoll wichtig gewesen sei. Der er-
wurde für seine Pionierleistungen auf die- folgreiche Abschluss dieses Protokolls hänge
sem Gebiet in Deutschland geehrt. Er habe zu eng mit der Beteiligung der Nichtregierungs-
einer Enttabuisierung von ursprünglich aus organisationen, der Presse und Industriever-
den USA stammenden Fundraising-Metho- treter hinter den Konferenztüren zusammen.
den (insbesondere Spenden-Mailings) beige- Der Minister strich die Rolle von Greenpeace
tragen und ihnen auch hierzulande zum Er- heraus, die darin bestanden habe, viele Grup-
folg verholfen. Sein Engagement für das Fund- pen aus der Dritten Welt bei der Teilnahme
raising in Deutschland gehe weit über sein an den Verhandlungen zu unterstützen.
Engagement für Greenpeace hinaus.187

Lob von der Weltbank 2001


Am 1. November 2000 antwortet James D. Bundesverdienstkreuz für Thilo Bode
Wolfensohn188, der Direktor der Weltbank, Am 7. September 2001 erhielt der ehemalige
Rémi Parmentier, dem Chef-Lobbyisten von Greenpeace-Geschäftsführer Thilo Bode aus
Greenpeace, auf Fragen zu einem Weltbank- der Hand von Bundespräsident Johannes Rau
Projekt im indischen Bundesstaat Gujarat. Es das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienst-
geht um die Umweltfolgen von Infrastruk- ordens der Bundesrepublik Deutschland we-
tur-Projekten, die unter anderem mit Gel- gen besonderer Verdienste um das Gemein-
dern der Weltbank finanziert werden. wohl190. Bode hatte 1989 die Leitung von Green-
Wolfensohn schreibt: „Greenpeace hat peace Deutschland übernommen und wurde
eine extrem wichtige Rolle gespielt, als es 1995 Geschäftsführer von Greenpeace Inter-
darum ging, die öffentliche Aufmerksamkeit national. Diese Funktion übte er bis Anfang
auf die Umweltbelange zu lenken und die 2001 aus.
Öffentlichkeit dort zu mobilisieren, wo zu Der Preis wurde von Bundespräsident
wenig nach Alternativen zu verbesserungsfä- Theodor Heuss gestiftet und ist „ein sichtba-
higen Plänen und Strategien der Regierun- res Zeichen für die Anerkennung und den
gen gesucht wird, und diese durchzusetzen. Dank des Staates an Bürgerinnen und Bür-
Wir begrüßen diese Rolle und freuen uns, ger, die sich in besonderer Weise um das
die Arbeit mit Ihnen – in Gujarat und Gemeinwohl verdient gemacht haben“.
anderswo – fortzusetzen.“ In der Begründung wies der Bundespräsi-
dent auf die Greenpeace-Strategie der ,Kon-
Lob zum Biosafety-Protokoll frontation und Kooperation‘ hin: „Der Orga-
Das Biosafety-Protokoll der UN-Konvention nisation gelang es durch zusätzliche, origi-
zur Biologischen Vielfalt wurde im Januar nelle und schnell zu realisierende Lösungen
2000 angenommen. Es regelt den Handel und zu zeigen, dass Wirtschaft und Unterneh-
die Kontrolle mit gentechnisch manipulier- men viele Möglichkeiten haben, auf umwelt-
ten Organismen. freundliche Produktion und Produkte umzu-
Der kolumbianische Umweltminister Juan steigen.“ Als Beispiele führte er die Präsenta-
Mayr Maldonada189, einst Vorsitzender der tion der weltersten Tiefdruckzeitschrift auf
187) Stiftung und Sponsoring 3/2000, S. 47.
188) Brief
189) The Greenpeace International Seminars on Safe trade, Juli 2000, S. 8/9.
190) PE vom 7.9.2001
Externe Würdigungen für Greenpeace 75

chlorfreiem Papier, das ,Plagiat‘, und die Ent- oder andere Aktion auch nicht gefallen, aber
wicklung des ersten FCKW/FKW-freien Kühl- dabei gehe es schlicht um Meinungsverschie-
schranks an. Weiter sagte Johannes Rau: denheiten. Schließlich habe die Organisation
„Greenpeace hat im vergangenen Jahrzehnt viel Gutes für den Umweltschutz bewirkt.
wichtige Entwicklungen zum Schutz der (...) Er werde in seiner Auffassung gegenüber
Umwelt initiiert und zum Teil auch selbst Greenpeace von Fraktionschef Ole von Beust
umgesetzt. Greenpeace hat sich dabei von unterstützt.192
einer konfrontativen Organisation hin ent- Im April 2001 sprach sich Ole von Beust,
wickelt zu einer Nichtregierungsorganisation der inzwischen Erster Bürgermeister der Han-
mit einem kooperativen Ansatz. Dabei wur- sestadt Hamburg ist, erneut für die Beibehal-
de die wissenschaftliche Kompetenz der Orga- tung der Gemeinnützigkeit aus und machte
nisation in der Erkenntnis stark ausgebaut, damit seine Wertschätzung deutlich. Im
dass die Kritik umweltschädlichen Verhal- Hamburger Abendblatt stand dazu:193
tens allein nicht ausreicht, wenn man nicht „Im Gegensatz zu einigen Länder-Innen-
zugleich auch Wege für ein umweltschonen- ministern hat sich Hamburgs CDU-Opposi-
des Verhalten aufweist. tionschef Ole von Beust dagegen ausgespro-
Bei internationalen Verhandlungen von chen, Greenpeace die Gemeinnützigkeit abzu-
Vereinbarungen zum Schutze der Umwelt ist sprechen. Obwohl er mit vielen Aktionen –
Greenpeace (...) zu einem kompetenten und zuletzt beim Castor-Transport nach Gorleben
konstruktiven Partner geworden. Aufsehen- – nicht übereinstimme, habe Greenpeace stets
erregende (und wenige kontroverse) Kam- auf engagierte Weise den Umweltschutzgedan-
pagnen von Greenpeace International sind ken im allgemeinen Bewusstsein verankert,
notwendiger Bestandteil der Tätigkeit einer sagte Beust. Selbstverständlich müssten ein-
internationalen Nichtregierungsorganisation, zelne Mitglieder, sollten sie strafbare Hand-
deren Aufgabe es u.a. auch ist, auf skandalö- lungen begehen, zur Rechenschaft gezogen
ses, verantwortungsloses und umweltschädi- werden. Staatliche Sanktionen gegen die Or-
gendes Verhalten mächtiger Interessengrup- ganisation insgesamt aber seien klein kariert."
pen hinzuweisen.“191

Lob von Ole von Beust (CDU) 2002


Der Vorstoß zweier Hamburger CDU-Mitglie- Das Siegel für umwelt- und
der, Greenpeace die Gemeinnützigkeit aber- sozialverträgliche Forstwirtschaft
kennen zu lassen, sorgte für Unverständnis Greenpeace setzt sich seit Jahren für eine öko-
und Ärger in der Hamburger CDU-Fraktion. logische Waldnutzung ein und fordert, weltweit
,Die Welt‘ schrieb dazu am 21.12.1999: „Die den Holzeinschlag in Urwäldern zu stoppen.
CDU-Politikerin Hermine Hecker und der Verbraucherministerin Renate Künast wies
Bürgerschaftsabgeordnete Rolf Harlinghau- die Besucher bei der Eröffnung der Messe
sen wollten der Umweltschutzorganisation ,Du und deine Welt‘ am 23. August 2002 in
Greenpeace die Gemeinnützigkeit aberken- Hamburg darauf hin, „dass diese Verbrau-
nen lassen. (...) Der umweltpolitische Spre- chermesse vor allem eines bietet: Informa-
cher der CDU-Fraktion, Hartmut Engels, ist tion. Über viele kleine wichtige Dinge im All-
über diesen Vorstoß empört und verärgert. tag, aber auch über die großen Zusam-
‚Dass sich hier einige Mitglieder als Zensoren menhänge. Greenpeace z.B. informiert über
aufspielen wollen, hat mich wütend ge- die letzten Regenwälder dieser Erde – und
macht’, sagte Engels. Zwar habe ihm die eine ich bin sicher: Dort werden Sie viele spannen-

191) Begründung für die Verleihung des Verdienstkreuzes 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an
Dr. Thilo Bode am 7.9.2001.
192) Die Welt (Hamburg), 21.12.99, Ärger um Greenpeace-Vorstoß in der Hamburger CDU. Der Tagesspiegel, 3.6.01,
Wir schätzen Greenpeace. Betrifft: Den Leserbrief „Undemokratisch“ vom 20. Mai 2001.
193) Hamburger Abendblatt/6.4.2001/scho/„Gemeinnützigkeit: Beust bricht Lanze für Greenpeace“.
76 Externe Würdigungen für Greenpeace

de Dinge auch über das globale Klima und Einsatz dieser Organisation für die Wälder ist
seine Veränderungen erfahren dürfen. Die in hohem Maße lobenswert. Natürlich hilft
Regenwälder sind einer der wichtigsten und die Blockade eines Schiffes nicht beim Errei-
größten Schätze unserer Erde. Deshalb: Ach- chen des Zieles, die Wälder zu erhalten. Aber
ten Sie auch beim Holzkauf auf die Kenn- eine solche Aktion gibt ein Signal, das für je-
zeichnung. Machen Sie sich die Mühe und dermann verständlich ist, dass wir unsere Auf-
übernehmen Sie die Verantwortung dafür, merksamkeit diesem Thema widmen. Wir
ob für Ihre Gartenstühle wirklich immer ein Politiker sollten nicht hinter dem Engage-
kleines Stück Regenwald fallen muss.“194 ment der Umweltverbände zurückbleiben.“
Mitte 1996 hatten Greenpeace und andere Eva Bulling-Schröter (PDS):
Umweltverbände ein Gütesiegel präsentiert, „Mit Zertifizierungs-Initiativen, mit der
das Holz aus ökologischer Waldnutzung kenn- Unterstützung von scheinbar nachhaltigen
zeichnet. Die wichtigsten Kriterien lauten: Forstmanagementplänen und mit Selbstver-
Kahlschlag und Monokultur sind verboten. pflichtungen kommunaler Unternehmen, kein
In der Debatte am 19. April 2002 im Deut- Tropenholz zu verwenden, wurden hierzulan-
schen Bundestag brachten Parlamentarierin- de die großen Proteste durch die Kleinarbeit
nen verschiedener Parteien dieses Öko-Siegel auf Beamten- und NGO-Ebene abgelöst. Green-
zur Sprache.195 peace und andere Organisationen versuchen
Jutta Müller (Völklingen), SPD: nun, eine Zäsur zu machen. Das ist sicherlich
„Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit an die- sehr gut, denn die Erwartungen in die Klein-
ser Stelle auf einen Report von Greenpeace arbeit, die ich auf keinen Fall kleinreden
lenken, der die Überschrift ‚Etikettenschwin- möchte, haben sich leider nicht erfüllt.“
del in Finnlands Wäldern’ trägt. Ich meine, Heidemarie Wright (SPD):
wir müssen in diesem Zusammenhang (Hal- „Bereits Anfang der 90er Jahre haben in-
tung der Bundesregierung zum Waldaktions- ternationale Umweltverbände und NGOs
plan im Übereinkommen über die biologi- erkannt, dass die Etablierung eines Handels-
sche Vielfalt anlässlich der 6. Vertragsstaaten- zertifikates für Holz ein Mittel für einen bes-
konferenz in Den Haag, A.d.V.) auch über die seren Schutz vor Raubbau und für bessere
Qualität von Zertifikaten sprechen. Es gibt Forstwirtschaft sein kann. (...) Gerade junge
mittlerweile Ökolabel für Holz. Sie sollen den Leute, Schulklassen befassen sich oft mit der
Verbraucher darüber aufklären, dass Holz Thematik der Waldzerstörung und der Situa-
aus nachhaltigem Waldbau zur Produktion ei- tion der Urwälder. ,Herr Dr. Ruck‘, rufen sie
nes Stuhls oder eines Blattes Papier verwen- uns zu: ,Was habt ihr getan‘? Wir müssen die-
det wurde. Doch der Wettbewerb der unter- se Zurufe ernst nehmen. Es ist auch unsere
schiedlichen Ökolabel ist für den Verbraucher Aufgabe, dieses Engagement nicht in der Pro-
eher verwirrend.“ jektbearbeitung stecken zu lassen, sondern
Hildebrecht Braun (Augsburg), FDP: glaubhaft zu vermitteln: Deutsche und inter-
„Man muss wirklich nicht mit allen Aktio- nationale Politik übernehmen für den Schutz
nen, nicht einmal mit allen Zielsetzungen des Ökosystems Wald Verantwortung.“
von Greenpeace einverstanden sein. Aber der

194) Rede der Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft Renate Künast anlässlich der Eröffnung der Verbraucher-
ausstellung „DU UND DEINE WELT“, 23.8.2002.
195) Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 231. Sitzung. Berlin, Freitag, den 19. April 2002.
Externe Würdigungen für Greenpeace 77

Lob des Castor-Einsatzleiters


In einer dpa-Meldung vom 14.11.2002 wurde den Aktivisten von Greenpeace Respekt zoll-
der 57-jährige Polizei-Einsatzleiter Hans Rei- te: „Insbesondere Greenpeace möchte ich für
me zitiert, der nach dem sechsten Castor-Trans- die fairen Aktionen danken. Es war immer
port in das atomare Zwischenlager Gorleben eine Herausforderung.“196

196) dpa, 14.11.2002, 15:47, Zum Abschluss ein Lob für Greenpeace von Castor-Einsatzleiter Reime.
Greenpeace, das sind drei Jahrzehnte konfrontativer
Kampagnen-Arbeit. Über 30 Jahre, in denen sich die Umwelt-
organisation neben Hunderttausenden von Freunden und
Förderern auch eine Reihe mächtiger Feinde gemacht hat.
Immer wieder gibt es Versuche, Greenpeace den Status der
Gemeinnützigkeit aberkennen zu wollen. Hinter dieser Debatte
steckt der Versuch einiger Politiker, sich „lästiger” Kritiker
zu entledigen, um die eigene Hilfs- und Konzeptlosigkeit zu
kaschieren und Umweltprobleme zu leugnen.

Die Liste der umweltpolitischen Greenpeace-Erfolge ist


dagegen lang. Und in einer repräsentativen Umfrage von April
2003 liegt Greenpeace in Deutschland zusammen mit ADAC
und Polizei auf der Liste der vertrauenswürdigen Institutionen
ganz oben. Greenpeace ist vielleicht manchmal gemein, weil
frech, aber doch ungemein nützlich. Dafür wird es sogar von
denjenigen gelobt, denen man es nicht zutraut: Industrie,
konservative Presse, politische Gegner.
S 130 1

Greenpeace e.V., 22745 Hamburg Tel. 040/306 18-0, Fax. 040/306 18-100
Email: mail @ greenpeace.de, Politische Vertretung Berlin, Chausseestr. 131, 10115 Berlin
Tel. 030 / 30 88 99 - 0, Fax 030/30 88 99-30 Internet: www. greenpeace.de