Sie sind auf Seite 1von 304

rfi

:£>

M

BS* ?

^-

ij-

I

1

j

Menschliche Erblichkeitslehre

und Rassenhygiene (Eugenik)

Band IL

von

Prof. Dr. E. Baur, Prof. Dr. E. Fischer

Prof. Dr. F. Lenz

Band I:

[enschliche Erblichkeitslehre

Band II:

Menschliche Auslese und Rassenhygiene

J. F. LEHMANNS VERLAG / MÜNCHEN 1932

von

Dr. FRITZ LENZ

Professor der Rassenhjgiene an der Universität München

Vierte Auflage

(Unveränderter Naoli druck

der dritten, vermehrten und verbesserten Auflage)

Mit 12 Textabbildungen

J. F. LEHMANNS VERLAG" / MÜNCHEN1932

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, behalten sich Urheber und Verleger vor.

Copyright 193t J. F. Lehmanns Verlag, München.

Druck von Dr. F. P. Datterer & Glc, Freising.

Prinlcd In Germany.

Die

Menschliche Auslese und Rassenhygiene" ist leider meh-

rere Jahre vergriffen gewesen. Daß ich nicht früher mit der

Neubearbeitung fertig geworden bin, hat verschiedene Grande.

Einerseits wurde meine Arbeit durch äußeres Schicksal gehemmt;

andererseits aber waren es auch innere Gründe, die den Abschluß

der Arbeit immer wieder verzögert haben. Ich war mit manchen

Fragen innerlich einfach noch nicht fertig. Als ich zehn Jahre

jünger die erste Auflage schrieb, war mir das viel leichter gewor- den; nun aber war ich mit der früheren Auflage gar nicht mehr

zufrieden. Ich darf wohl sagen, daß diese Auflage in vielfacher

Beziehung solider und wirklichkeitsnaher als die vorige ist. Sie

ist freilich auch erheblich umfangreicher geworden. Um sie nicht

noch mehr anschwellen zu lassen, habe ich die in der vorigen

Auflage enthaltenen Kapitel über Bekämpfung des Alkoholmiß-

brauchs und der Geschlechtskrankheiten jetzt weggelassen. Diese

Dinge sind ja nicht in erster Linie von rassenhygienischer Bedeu-

tung und haben von spezialistischer Seite gute Darstellungen

gefunden. Eigentlich wollte ich noch ein Kapitel über Recht und

Sitte in ihrer Bedeutung für Ehe und Familie in den Abschnitt

über soziale Rassenhygiene einfügen. Ich habe dann aber doch

davon abgesehen, um das Erscheinen der neuen Auflage nicht

noch weiter zu verzögern. Die vorliegende Auflage ist ja ohnehin ein neues Buch geworden. Möchte sie ebenso günstig aufgenom-

men werden wie die früheren!

Das Literaturverzeichnis am Schluß ist wesentlich erweitert

worden. Die Hinweise Lit. 1, Lit. 2 usw. im Text bedeuten jeweils

die Nummern der Schriften des Literaturverzeichnisses. In Fuß-

noten habe ich nur speziellere Arbeiten zitiert. Die Abkürzung

A.R.G.B. bedeutet Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie.

Für Vorschläge zu Verbesserungen und einschlägige Mittei-

lungen bin ich immer dankbar, besonders auch für Zusendung

einschlägiger Publikationen, die ich für eine spätere Auflage

berücksichtigen kann.

Herrsching bei München im Oktober 1930.

Fritz Lenz.

Erster Abschnitt: Die Auslese beim Menschen

i- Die biologische Auslese

a) Begriff und Formen der Auslese

b) Die Wirkung der Auslese auf die Tüchtigkeit der verschie-

denen Organsysteme in der modernen Umwelt

c)Die Auslese durch akute Infektionskrankheiten

d) Die Auslese durch Tuberkulose

e) Die Auslese durch Syphilis und Tripper

f ) Die Auslesewirkung der Säuglings- und Kindersterblichkeit

g)Die Auslese durch Alkohol und andere Genußgifte

h) Die Auslesewirkung des Krieges

2. Die soziale Auslese

a) Erbliche Veranlagung und soziale Gliederung

b) Rasse und soziale Gliederung

i

3

3

12

38

41

48

60

69

75

91

91

125

3. Die Zusammenhänge zwischen sozialer und biologischer Aus-

lese

a) Die Unterschiede der Fortpflanzung .

b) Der Geburtenrückgang

c) Die Auslesewirkung der geistigen Frauenberufe .

.

.

d) Die Wanderungsauslese

e) Das Schicksal der großen Rassen und Völker

136

136

175

206

211

220

Zweiter Abschnitt: Praktische Rassenhygiene 1. Zum Begriff der Rassenhygiene

2. Soziale Rassenhygiene

a) Eheverbote und Eheberatung

b) Die Verhinderung der Fortpflanzung Untüchtiger .

c) Quantitative und qualitative Bevölkerungspolitik

d) Der Ausgleich der Familienlasten

e) Erbrecht und Erbschaftssteuer

f) Siedelung und Wanderung

.

.

.

.

.

g) Politik, Wirtschafts- und Staatsform

h) Erziehungs- und Bildungswesen

247

249

255

255

267

307

326

362

369

397

419

3. Private Rassenhygiene

451

a) Die rassenhygienische Gestaltung des persönlichen Lebens 451

b) Rassenhygienische Eheberatung

454

INHALTSVERZEICHNIS.

VII

c) Die Selbstbehauptung der Familie

506

d) Die junge Generation

520

e) Wege rassenhygienischen Wirkens

530

f) Rassenhygiene und Weltanschauung

548

Kurze Erklärung erbbiologischer Fachausdrücke

567

Literatur zum II. Bande

57^

Schlagwörter- Verzeichnis

5^3

Namen-Verzeichnis

59°

ERSTER ABSCHNITT

DIE AUSLESE BEIM MENSCHEN

!. Die biologische Auslese.

a) Begriff und Formen der Auslese.

In der „Menschlichen Erblichkeitslehre" ist gezeigt worden, daß

es innerhalb der menschlichen Bevölkerungen sehr mannigfache

erbliche Unterschiede gibt, außer jenen, die man als Rassenunter-

sch^ede im engeren Sinne zu bezeichnen pflegt, auch allerlei andere

Unterschiede der körperlichen und seelischen Veranlagung, ins- besondere auch zahlreiche Abweichungen krankhafter Natur. Wenn

nun alle Individuen einer Bevölkerung genau gleich viele Nach-

kommen hinterlassen würden, so würde die erbliche Durchschnitts-

beschaffenheit (abgesehen von dem Auftreten neuer Mutationen)

immer die gleiche bleiben, wie schon auf S. 74 ff. des ersten Bandes

dargelegt wurde. In Wirklichkeit ist das aber niemals und nirgends

der Fall; und wenn die erblich verschiedenen Individuen einer Be-

völkerung nicht die gleiche, sondern eine verschiedene Zahl von

Nachkommen hinterlassen, so sprechen wir von biologischer

Auslese (Selektion oder Zuchtwahl) oder auch wohl Aus-

lese schlechtweg.

In der freien Natur, bei Tieren und Pflanzen, kommt die Aus-

lese hauptsächlich dadurch zustande, daß die allermeisten Indi-

viduen vor Abschluß ihrer Fortpflanzung zugrunde gehen; der

größte Teil erreicht nicht einmal das Fortpflanzungsalter, sondern

fällt bereits im Jugendzustande irgendwelchen Feinden oder Klima-

einflüssen zum Opfer. Viele Lebewesen gehen gewiß zufällig zu-

grunde, d. h. nicht infolge ihrer Beschaffenheit, sondern infolge von Situationsnachteilen. Das ändert aber nichts daran, daß die

minder lebensfähigen im Durchschnitt häufiger zugrundegehen als die volltüchtigen. Im allgemeinen kommen nur widerstandsfähige und zum Daseinskampf wohlausgerüstete Wesen in der freien Natur

zur Erzeugung von Nachkommen. Das ist auch bei menschlichen

Naturvölkern die Regel. Bei den modernen Kulturvölkern dagegen kommen die meisten Individuen, welche geboren werden, auch

wieder zur Fortpflanzung. Gleichwohl aber ist auch bei allen Kultur-

völkern dauernd Auslese am Werke. Der Tod der Individuen als

solcher macht nämlich nicht das Wesen der Auslese aus; denn alle

Individuen müssen ja sterben. Nur insofern als der frühere oder

spätere Eintritt des Todes auch für die Zahl der Nachkommen von

4

DIE AUSLESE BEIM MENSCHEN.

BEGRIFF UND FORMEN DER AUSLESE.

Bedeutung ist, hat er eine Auslese zur Folge. In unseren Bevöl- kerungen hat aber die Verschiedenheit der Nachkommenzahl vor- wiegend andere Ursachen. Eine Auslese, die nicht durch den

früheren oder späteren Tod der Individuen, sondern nur durch

Unterschiede der Fortpflanzung zustandekommt, bezeichnet man

als Fruchtbarkeitsauslese oder besser Fortpflanzungs-

auslese. Eine scharfe Unterscheidung gegenüber der Lebens-

auslese, die durch das unterschiedliche Zugrundegehen der In-

dividuen zustandekommt, ist aber nicht durchführbar; denn im

Grunde ist eben alle Auslese Fortpflanzungsauslese.

Durch jede Auslese wird eine Bevölkerung gewissermaßen in

zwei Teile geteilt, von denen der eine erhalten, der andere aus-

geschaltet wird. Diese Ausschaltung bezeichnet man auch wohl als

positive Auslese, als Elektion oder auch als Auslese schlechthin.

Immer aber ist dabei vorausgesetzt, daß der überlebende Teil der

Bevölkerung von anderer Beschaffenheit als der ausgeschaltete ist.

Wenn das nicht der Fall ist, so liegt überhaupt keine Auslese vor, sondern eine wahllose Ausschaltung oder nonselektorische

Elimination (Ploetz) einerseits und eine wahllose Erhaltung an-

dererseits. Das ist z. B. der Fall, wenn von einer Anzahl erbgleicher

Lebewesen ein Teil infolge äußerer Zufälligkeiten zugrundegeht.

Bei der Auslese dagegen findet die Erhaltung und Ausschaltung

nicht zufällig statt, wie öfter von Leuten, die den Begriff der Aus-

lese nicht verstanden haben, angegeben wird, sondern in Abhängig- keit von der erblichen Beschaffenheit der Lebewesen. Im wirklichen Leben kommen wahllose und auslesende Aus-

schaltung vielfach miteinander vermischt vor. Bei gewissen Schäd- lichkeiten oder Katastrophen wiegt die wahllose Vernichtung vor,

bei anderen die selektive Ausschaltung. Je größer die wahllose

Ausschaltung durch eine Schädlichkeit ist, desto geringer ist natür-

lich ihre Auslesewirkung und umgekehrt. Gleich Null ist aber

kaum jemals eine dieser beiden Größen. Das wird immer wieder

verkannt. Immer wieder muß man hören, daß eine Schädlichkeit deshalb keine Auslesebedeutung haben könne, weil die Entschei-

dung über Ausschaltung oder Überleben ja nicht n u r in den Unter-

schieden der erblichen Veranlagung liege. In diesem Argument

liegt aber ein logischer Widersinn, denn wenn allein die erbliche

Veranlagung den Ausschlag gäbe, so würde ja der äußeren Schäd-

lichkeit überhaupt keine Bedeutung, also auch keine Auslese- bedeutung zukommen können. Gerade überall dort, wo die Ent-

scheidung über Leben und Tod von äußeren Einflüssen im Verein

mit der erblichen Veranlagung abhängt, ist Auslese wirksam. Auch

wo den Unterschieden der Erbanlage eine viel geringere Bedeutung als den äußeren Einflüssen für Überleben oder Unterliegen zu-

kommt, findet immer noch Auslese statt, wenn auch nicht in gleich

hohem Grade wie bei vorwiegender Bedeutung der Erbanlage. Im

wirklichen Leben sind bald die äußeren Einflüsse und bald die

Erbanlagen von größerer Bedeutung für Sterben oder Überleben,

und dasselbe gilt von den Unterschieden der Fortpflanzung.

Als ein Beispiel wahlloser Vernichtung sei die große Explosionskatastrophe

in dem Stickstoffwerk der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Oppau bei Lud-

wigshafen, die am 21. September 192 1 stattfand, genannt. Hier flog ein Speicher

mit Stickstoff Verbindungen in die Luft, und im Umkreise von mehreren hundert

Meiern wurden sämtliche Menschenleben ohne Unterschied ihrer erblichen Ver-

anlagung vernichtet. Unmittelbar fanden 561 Arbeiter den Tod und viele andere

wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Die in dem Stickstoffspeicher und seiner nächsten Umgebung Beschäftigten kamen infolge eines Situationsnachteils

um, nicht etwa, weil sie minderwertig veranlagt gewesen wären. Im Gegenteil,

da es sich um lauter arbeitsfähige Menschen handelte, waren die Verunglückten

vermutlich sogar körperlich tüchtiger als der Durchschnitt der Bevölkerung;

aber eben darum war auch diese Katastrophe nicht ohne eine gewisse, wenn

auch geringe Auslcsewirkung, nur diesmal in ungünstiger Richtung.

Ein anderes Beispiel vorwiegend wahlloser Vernichtung ist das große Erd-

beben, das Japan im September 1922 heimsuchte. Die Zahl der Toten belief sich auf 99375, die der Vermißten und vermutlich ebenfalls Toten auf 42890. Auch hier spielten die Unterschiede der Veranlagung innerhalb der von der Kata-

strophe Betroffenen keine Rolle; und doch war auch hier die Vernichtung nicht ohne eine gewisse Auslesewirkung. Die Opfer entfielen nämlich vorzugsweise

auf die städtische Bevölkerung, die in steinernen Häusern wohnte; in Tokio

allein waren es 68215 Tote; die Landbevölkerung, die in leichten Holzhütten

wohnte und zur Zeit des Erdbebens großenteils unter freiem Himmel war, hatte

dagegen nur geringe Verluste. Da die Bevölkerung der Großstädte Tokio und

Yokohama, die die meisten Opfer zu beklagen hatten (68215 Dzw ' 28238 Tote),

sich vorzugsweise aus geistig regsamen und begabten Elementen rekrutiert, so

geht man wohl nicht fehl, daß dieses Erdbeben auch eine ungünstige Auslese-

wirkung hinsichtlich der geistigen Tüchtigkeit gehabt habe-

Eine Katastrophe von starker Auslcsewirkung war die des englischen

Luftschiffs R 101 am 5. Oktober 1930, bei der der englische Minister für

Flugwesen und mehrere andere hervorragende Persönlichkeiten den Tod

fanden. Die ganze Besatzung bestand offenbar aus überdurchschnittlich tüch- tigen und mutigen Menschen. Die zahlreichen tödlichen Unfälle im Flug-

wesen wirken überhaupt in der Richtung einer Abnahme des Wagemutes.

Aus den von der modernen Biologie festgestellten Tatsachen folgt mit lo-

gischer Notwendigkeit, daß die natürliche Auslese auch bei der Umgestaltung der Arten eine entscheidende Rolle spielt. Die führenden Genetiker unserer Zeit,

Morgan, Baut und viele andere, haben sich unzweideutig in diesem Sinne ausgesprochen. Wenn es gleichwohl gewisse Gelehrte gibt, die den „Darwinis-

mus" ablehnen zu müssen glauben, so zeigt das nur, wie die Rücksicht auf ge-

wisse „Weitanschauungen" hier verwirrend wirkt. Der sozialistische Sozial-

hygieniker Gro t j ahn hat mir und anderen Rassenhygicnikern vorgeworfen,

wir deduzierten unsere Lehren aus dem „Darwinismus". Nim halten wir zwar die Auslesetheorie Datwins durch die biologischen Tatsachen für völlig sicher-

DIE AUSLESE BEIM MENSCHEN.

gestellt; aber auch wenn Darwin nie gelebt hätte, würde aus dem unmittelbar

am Menschen gewonnenen Erfahrungsmaterial immer noch die überragende Be-

deutung der Auslese sich ergeben. Gegenüber dem von Grotjahn erhobenen

Vorwurf sehe ich midi genötigt, nachdrücklich zu betonen, daß die Ausführun-

gen dieses Buches unmittelbar auf die Erfahrung an menschlichen Bevölkerun- gen gegründet sind. Nur wer sich über handgreifliche Tatsachen oder die ele-

mentarsten Gesetze der Logik hinwegsetzt, kann verkennen, daß die Auslese

entscheidend auf die Beschaffenheit der Rasse einwirkt, Die Leugnung der Wirkung der Auslese beruht meist nur auf einem Miß-

verständnis des Begriffs. So sagt der Berliner Kinderarzt Prof. Langstein 1

in dem Bestreben, die Auslese wirkung der Säuglingssterblichkeit zu leugnen:

„Sie wirkt nur negativ, indem sie ohne Unterschied vernichtet, was gut und schlecht." Er verwechselt den Begriff der Auslese also direkt mit seinem Gegen-

teil, der wahllosen Aasschaltung. Dabei bezeichnet Langstein es als seine

„elementarste Pflicht, die Lehre von der Auslese zu untersuchen".

Auf einem Mißverständnis beruht auch die Ansicht von Prof. Ignaz Kaup, der die erste Auflage dieses Buches in einer- umfangreichen Streit-

schrift*) angegriffen hat: „In Populationen, also in einem Typengemisdi, tritt durch Auswahl einzelner Individuen nur eine Sortierung, eine Isolierung der

einzelnen Typen ein. Genotypische Unterschiede können durch eine derartige

Sortierung oder Isolierung des Typengemisches nicht hervorgebracht werden.

Es gibt somit (1) auch keine Selektion in Populationen, also

in Typengemischen" (!!}. Kaup verwechselt den Begriff der Selektion

hier mit dem der Erbänderung. Darwin selbst hat übrigens keinen Anlaß

zu diesem Mißverständnis gegeben; er hat sich vielmehr, als es auch zu seiner

Zeit schon auftauchte, in der „Entstehung der Arten" ausdrücklich dagegen ge-

wandt mit den Worten : „Einige haben sich sogar eingebildet, daß die natürliche

Auslese Variabilität herbeiführe, während sie doch nur die Erhaltung solcher

neu entstehender Varietäten bedeutet, die für das Lebewesen unter seinen Le-

)

bensbedingungen nützlich sind." Mit großer Vorliebe wird auch der Begriff des Kampfes ums Dasein

mißverstanden, Weil der Lebensraum für alle Lebewesen notwendig begrenzt ist

und weil diese infolge ihrer natürlichen Vermehrung den verfügbaren Lebens-

raum immer mehr oder weniger ausfüllen, so stehen alle Lebewesen, welche

einen Teil ihrer Lebensbedürfnisse gemeinsam haben, dauernd in einem Kon-

kurrenzkampf um Nahrung und Lebensraum. Nur ausnahmsweise findet dabei

ein Kampf im eigentlichen Sinne statt, etwa wenn Raubtiere um die Beute kämpfen oder Vögel um eine Nistgelegenheit. Der von Darwin eingeführte

Begriff des Kampfes ums Dasein bezeichnet also ganz allgemein die Tatsache

der Lebenskonkurrenz der Organismen, welche eine der hauptsächlichsten Ur- sachen der Auslese ist.

Mit dem Begriff der Fortpflanzungsauslese hängt der der

geschlechtlichen Auslese zusammen. Während die natür-

liche Auslese nach Darwin im allgemeinen auf Überleben der angepaßteren und Zugrundegehen der weniger angepaßten Lebe-

1 ) Langstein, L. und Putzig, H., Auslese und Konstitution in ihrer

Bedeutung für die Säuglingssterblichkeit. Berliner Klinische Wochenschrift

1919 Nr. 30.

a ) Kaup, I., Volkshygiene oder selektive Rassenhygiene? Leipzig 1922,

S.79-

BEGRIFF UND FORMEN DER AUSLESE.

wesen beruht, soll die geschlechtliche Zuchtwahl nur in Unter-

schieden der Fortpflanzung zum Ausdruck kommen. Im engeren

Sinne wird jener Teil der Fortpflanzungsauslese als geschlechtliche

Zuchtwahl bezeichnet, der durch den Wettbewerb von Individuen

des einen Geschlechts um das andere Geschlecht zustandekommt,

insbesondere durch den Wettbewerb der Männchen um die Weib-

chen und die Wahl der Männchen durch die Weibchen. Die Be-

deutung dieser geschlechtlichen Wahl für die Rasse wird oft sehr

überschätzt. Öfter wird sie sogar mit der biologischen Auslese

überhaupt gleichgesetzt. In Wahrheit hat aber die ge-

schlechtliche Wahl als solche überhaupt keine Aus-

lesebedeutung für eine Bevölkerung, sondern nur dann,

wenn sie zur Ausschaltung eines Teiles der Bevölkerung von der

Fortpflanzung führt oder doch zu einer wesentlichen Beeinträchti- gung der Fortpflanzung.

Das ist hauptsächlich bei polygyner Fortpflanzung der Fall, wie sie bei

vielen gesellig lebenden Tieren die Regel ist. Wenn von wenigen Männchen

viele Weibchen befruchtet werden, so werden die übrigen Männchen dadurch eben mehr oder weniger von der Fortpflanzung ausgeschaltet, und die zur Fort-

pflanzung kommenden sind im Durchschnitt natürlich stärker und lebenstüch-

tiger als die übrigen.

.Eine rationelle Tierzucht ohne polygyne Fortpflanzung

wäre kaum durchführbar.

Da in monogamen menschlichen Bevölkerungen im allge-

meinen nur ein recht kleiner Teil dauernd ehelos zu bleiben pflegt, hat die geschlechtliche Wahl dort keine so große Auslesebedeu-

tung als man vielfach meint, hauptsächlich nur auf dem Wege,

daß die bevorzugten Personen früher heiraten. Wenn alle Indi-

viduen zur Eheschließung kämen und keine Unterschiede der

Fruchtbarkeit zwischen den verschiedenen Paaren beständen, so

würde die Liebeswahl auf die durchschnittliche Zusammensetzung

der Erbmasse der Bevölkerung überhaupt keinen Einfluß haben. Deren Änderung durch Auslese kommt eben ausschließlich durch Unterschiede der Nachkommen zahl der verschiedenen Individuen

zustande, nicht aber durch die Art und Weise, wie die verschie-

denen Individuen beider Geschlechter sich zu Paaren zusammen-

finden. Innerhalb einer Bevölkerung kann durch geschlecht- liche Wahl allerdings eine Herauszüchrung und Erhaltung be-

stimmter Typen erreicht werden.

Im übrigen finden auch bei allgemeiner Einehe in allen Be-

völkerungen dauernd Auslesevorgänge statt, weil niemals alle Ehe-

paare dieselbe Zahl von Nachkommen hinterlassen. Keinerlei Aus-

lese würde nur in dem gedachten Falle stattfinden, wenn alle

Menschen zur Ehe gelangen, jedes Ehepaar nur zwei Kinder er-

s DIE AUSLESE BEIM MENSCHEN.

zeugen und die Kinder auch ihrerseits wieder alle das fortpflanzungs-

fähige Alter erreichen und je zwei Kinder erzeugen würden.

Die Intensität der Auslese ist im allgemeinen um so

größer, je großer die durchschnittliche Kinderzahl und je schneller

die Folge der Generationen, ist. Wie auch scheinbar geringe Unter-

schiede der Fruchtbarkeit und der Generationendauer weitgehende

Auslesebedeutung haben, möge an einem Zahlenbeispiel veran-

schaulicht werden.

Angenommen, in einer Bevölkerungsgruppe A gelangten von

jedem Ehepaar im Durchschnitt drei Kinder wieder zur Fort-

pflanzung, in einer Bevölkerungsgruppe B dagegen vier. Wenn

die durchschnittliche Dauer der Generationen 33 Jahre betrüge

und zu einer angegebenen Zeit die beiden Gruppen je die Hälfte

der Bevölkerung ausmachten, so würde sich die Zusammensetzung

der Bevölkerung weiterhin folgendermaßen gestalten:

Nach o Jahren . Nach 100 Jahren Nach 300 Jahren

Gruppe A

50

28

0/0

o/o

7 %

Gruppe B

50 0/0

720/0

93%

Aber auch wenn die Zahl der Kinder, welche zur Fortpflanzung kämen, in beiden Gruppen gleich wäre, z. B. vier, die Generationen-

dauer aber verschieden und zwar in der Gruppe A 33, in der Gruppe B 25 Jahre betrüge, würden sich Verschiebungen in der

Zusammensetzung der Bevölkerung vollziehen:

Nach o Jahren , Nach 100 Jahren

Nach 300 Jahren

Gruppe A

50

0/0

33%

11%

Gruppe B

500/0

670/0

89%

In Wirklichkeit haben nun jene Gruppen, die eine schnellere

Generationenfolge haben, in der Regel zugleich auch eine größere

Kinderzahl, was z. T. einfach eine Folge des früheren Heiratsalters

ist. Würden also in Gruppe A von jeder Familie im Durchschnitt 3 Kinder nach 33 Jahren zur Fortpflanzung kommen, in Gruppe B

aber 4 Kinder nach je 25 Jahren, so würde sich folgendes ergeben:

Gruppe A

Gruppe B

Nach o Jahren ,

500/0

50,00/0

Nach 100 Jahren

17,5%

82,50/0

Nach 300 Jahren

0,9 0/0

99,10/0

BEGRIFF UND FORMEN DER AUSLESE.

Prof. Thomsen (Münster) hat zu dieser meiner Rechnung

folgende anschauliche Erläuterung gegeben 1): „300 Jahre bilden

in einem Völkerleben keine große Zeitspanne. Hätte es nun m Deutschland zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (16181648)

gleich viel Neger und Weiße gegeben und hätten die Neger durch-

schnittlich mit 25 Jahren geheiratet und 4 Kinder hinterlassen, die

Weißen mit 33 Jahren geheiratet und 3 Kinder hinterlassen, dann

wären heute von 1000 Deutschen 991 Schwarze und nur 9 Weiße.

Also dieser kleine Unterschied im Heiratsalter und in der Zahl

der Kinder (3 Kinder und 4 Kinder!) kann schon in 300 Jahren

ein ganzes Volk umwandeln". In Südafrika, wo Weiße und Neger

durcheinanderwohnen, sind die Unterschiede der Kinderzahlen

tatsächlich aber viel größer. Nach der Volkszählung von 1921

kamen auf 1000

1000 Neger 50,6.

Weiße 25,7 Kinder unter einem Jahr,

auf

Die Neger haben also die doppelte Zahl

Kinder. Wenn die Weißen im Durchschnitt 2 und die Neger 4

Kinder hätten, so würde sich die Zusammensetzung der Bevölke-

rung folgendermaßen ändern:

Nach o Jahren . Nach 100 Jahren Nach 300 Jahren

Weiße 2 K.

50 >

6°/o

0,025 °/o

Neger 4 K.

50 0/0

94%

99>975 7°

Weiße : Neger

1

:

1

1:16

1 : 40c

Die durchschnittliche Generationen dauer der Neger ist dabei auf 25 Jahre angenommen. Da in Südafrika die Neger schon

heute die Hauptmasse der Bevölkerung ausmachen, wird ihr Über-

wuchern dort tatsächlich noch viel schneller fortschreiten als in dem Zahlenbeispiel. Auch in unserer Bevölkerung kommen Unter-

schiede der Fortpflanzung von diesem Ausmaß vor. In Preußen

kamen z. B. i. J. 191 2 in der Gruppe der höheren Beamten und

freien Berufe auf eine Eheschließung 2,0 Geburten, in der Gruppe

der ungelernten Arbeiter dagegen 4,1 . Nehmen wir das Verhältnis 2:4 an, so ergibt sich bei einer durchschnittlichen Generations-

dauer von 33 Jahren folgendes Bild (vgl. Fig. 1 S. 10):

f

DIE AUSLESE BEIM MENSCHEN.

Da die Eheschließungen in der großen Mehrzahl der Fälle

innerhalb derselben sozialen Schicht stattfinden, so ist die Sachlage

gegenüber der, wo zwei verschiedene Rassen beteiligt sind, nicht

grundsätzlich anders. Aber auch wenn allgemeine Vermischung

stattfände, eine bestimmte Eigenschaft aber mit stärkerer Fort-

pflanzung verknüpft wäre, so würde diese Eigenschaft in ver- hältnismäßig wenigen Generationen sich über die ganze Bevöl-

Nach o Jahren.

Nach ioo Jnhren.

Nach 300 Jahren.

Fig. I.

Gruppe A (2 Kinder) weiß, Gruppe B (4 Kinder) schwarz.

kerung ausbreiten. Gegenwärtig scheint das z. B. für die Minder-

begabung zuzutreffen. Eine Erhebung in München i) hat gezeigt,

daß Fortbildungsschüler mit Note 5 aus Familien mit durchschnitt-

lich 6,51 Kindern stammten, während die durchschnittliche Kinder-

zahl aller fruchtbaren Ehen 2,78 betrug. Auch auf diese Unter-

schiede der Fortpflanzung verschieden begabter Familien ist das

Bild Fig. 1 also anwendbar.

In der populären Literatur hat sich in den letzten Jahren eine andere und

zwar irrige Aufstellung über die Verschiebung der Zahlen bei ungleicher Fort-

pflanzung ausgebreitet. Angenommen sind auch da zwei Gruppen von je 500/0;

Gruppe A soll jährlich 10, Gruppe B dagegen 20 Geburten auf 1000 Einwohner

nach

haben bei je 15 Todesfällen. Dann soll Gruppe B nach 30 Jahren 53, 1,

60 Jahren 67,5, nach 100 Jahren 82,4 und nach 140 Jahren 100 0/0 der Bevöl-

kerung ausmachen. Diese Aufstellung geht auf einen Autor zurück, der die

Zahlen aus dem B aur -Fi scher- Lenz nicht einfach übernehmen, sondern eine eigene Rechnung bringen wollte, dabei aber einen groben Fehler im An-

satz machte. Selbstverständlich kann Gruppe B nach 140 Jahren nicht 1000/0

ausmachen; tatsächlich würden es etwa 800/0 sein. Diese falschen Zahlen sind

seitdem vielfach abgeschrieben worden, offenbar weil es die „schlagendsten"

zu sein schienen.

Da die Intensität der Auslese mit der durchschnittlichen

Zahl der Nachkommen und mit den Unterschieden zwischen der

Nachkommenzahl verschiedener Gruppen steigt, so muß sie um-

gekehrt natürlich mit der Abnahme der durchschnittlichen Nach-

i) Fürst, Th. und Lenz, F., Ein Beitrag zur Frage der Fortpflanzung verschieden begabter Familien. A.R.G.B. Bd. 17 H. 4, 1926.

BEGR