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Christoph Butterwegge Gudrun Hentges (Hrsg.)

Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut

Befunde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Verlag Barbara Budrich Opladen & Farmington Hills 2008

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ISBN

978-3-86649-071-0

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Inhalt

Einleitung 7 Einführung in den Diskussionsstand und theoretische Grundlegung Christoph Butterwegge Definitionen,
Einleitung
7
Einführung in den Diskussionsstand und theoretische Grundlegung
Christoph Butterwegge
Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus
11
Jörg
Die populistische Lücke. Umbrüche in der Arbeitswelt und ihre
politische Verarbeitung
Flecker
79
Empirische Ergebnisse des europäischen Forschungsprojekts
SIREN
Gudrun Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs
Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten
103
Gudrun Hentges/Gerd
Wiegel
Arbeitswelt, soziale Frage und Rechtspopulismus in Deutschland
143
Ulrike
Papouschek/Jörg
Flecker/Sabine
Kirschenhofer/Manfred
Krenn
Vorurteil und Berechnung. Sozioökonomischer Wandel und Varianten
rechtspopulistischer Anziehung
187
Francesca Poglia Mileti/Fabrice Plomb/Peter Streckeisen
Von der Chemie der Arbeit zum Siegeszug des Populismus 211

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Inhalt

Arbeitswelt, Armut und soziale Exklusion

Klaus

Dörre Prekarisierung der Arbeit: Fördert sie einen neuen Autoritarismus?

Klaus Dörre Prekarisierung der Arbeit: Fördert sie einen neuen Autoritarismus? 241
Klaus Dörre Prekarisierung der Arbeit: Fördert sie einen neuen Autoritarismus? 241
Klaus Dörre Prekarisierung der Arbeit: Fördert sie einen neuen Autoritarismus? 241
Klaus Dörre Prekarisierung der Arbeit: Fördert sie einen neuen Autoritarismus? 241

241

Michael Fichter/Richard Stöss/Bodo Zeuner Gewerkschaften und Rechtsextremismus. Ausgewählte Ergebnisse eines Forschungsprojekts

 

255

Susanne Lang (Selbst-)Ethnisierungsprozesse und Rassismus der Exklusion im Ausbildungsbetrieb

 

277

Abkürzungsverzeichnis

 

293

Literaturauswahl

 

297

Autor(inn)en

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Einleitung

Rechtsextreme, vor allem jedoch -populistische Parteien feiern seit geraumer Zeit sensationelle Wahlerfolge. Zuletzt baute die Schweizerische Volkspartei (SVP) unter ihrem Vorsitzenden Christoph Blocher ihren Stimmenvorsprung gegenüber den mit ihr in der eidgenössischen Konkordanzdemokratie regie- renden Parteien weiter aus. Nach ihrem Triumph am 21. Oktober 2007 stellt sie die mit Abstand stärkste Nationalratsfraktion. Andere rechtspopulistische Parteien wie die des Hamburger Amtsrichters und späteren Innensenators Ronald B. Schill (PRO) oder die Liste des niederländischen Multimillionärs Pim Fortuyn (LPF) verschwanden nach kurzem Höhenflug wieder von der parlamentarischen Bühne. Wieder andere, etwa der Vlaams Blok bzw. Vlaams Belang in Belgien, stabilisierten sich nach einer wechselhaften Ent- wicklung auf einem relativ hohen Niveau. Auf- und Abstieg der extremen Rechten in vielen europäischen Ländern, aber auch in Regionen wie Flandern oder Norditalien, haben die internatio- nale Sozial- und Parteienforschung vor neue Herausforderungen gestellt. Un- übersehbar waren die vorübergehenden Stimmengewinne des Front National (FN) und der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) maßgeblich auf eine größere Attraktivität dieser Rechtsparteien für Arbeiter/innen zurückzufüh- ren. Hängen (partei)politische Entwicklungsprozesse direkt oder indirekt mit ökonomischen Krisen und sozialen Verwerfungen zusammen? Besteht zwi- schen der sozialen Lage von Menschen, deren Alltagserfahrungen im Beruf und ihrer Anfälligkeit für rechtsextreme bzw. -populistische Agitation und Propaganda ein Kausalnexus? Wie und weshalb knüpfen Neonazis mit wach- sendem Erfolg an das Alltagsbewusstsein „ganz normaler" Menschen an? Welche Rolle spielen in diesem Kontext der Um- bzw. Abbau des Sozial- staates, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die zunehmende Prekarisie- rung von Beschäftigungsverhältnissen sowie neue Formen der Armut und so- zialen Ausgrenzung? Solche und ähnliche Fragen harren noch immer ihrer Beantwortung, obwohl die Fachliteratur zur extremen Rechten längst sehr umfangreich ist. Als wichtige Rahmenbedingungen der Entwicklung sind die Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1989/90ff., die enorme Dynamik der europäi- schen Integration und der neoliberale Globalisierungsprozess zu berücksich-

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Einleitung

tigen, welcher seinerseits weitreichende Umbrüche in der Arbeitswelt indu- zierte: Deregulierung, Privatisierung ehemaliger Staatsunternehmen, Fusio- nen, Joint Ventures, Verlagerung von Produktionsstandorten, Outsourcing, neue Managementstrategien, Rationalisierungsmaßnahmen und Abbau von Arbeitsplätzen - um nur einige Stichworte zu nennen. Während der Prozess der europäischen Integration damit einherging, dass die EU-Mitgliedstaaten sukzessive auf nationale Souveränität verzichteten und nationalstaatliche Kompetenzen an supranationale Institutionen - z.B. die EU-Kommission - delegierten, erstarkten in den europäischen Nationalstaaten selbst Bewegun- gen und Parteien, deren zentrale Forderung darin bestand, am Prinzip der na- tionalen Souveränität festzuhalten. Ungeachtet der Heterogenität der pro- grammatischen und ideologischen Positionen der extremen Rechten im euro- päischen Kontext existiert eine ideologische Schnittmenge, die sie eint: Eu- roskepsis und -kritik, Globalisierungskritik von rechts und die Verteidigung nationalstaatlicher Souveränität gegen supranationale Institutionen. Die Liberalisierung der Märkte und die Wirkungsmöglichkeiten rechts- populistischer Parteien bilden offenbar zwei Seiten derselben Medaille. Rechtspopulistische bzw. -extreme Parteien und Organisationen kritisieren Prozesse der Globalisierung und stoßen hierbei auf positive Resonanz inner- halb der Bevölkerung. Sie prangern ökonomische, politische und soziale Miss- stände an und gewinnen dadurch Anhänger/innen. Greifen rechtsextreme bzw. -populistische Parteien die soziale Frage nur aus taktischen Gründen auf, et- wa deshalb, weil sich der Neoliberalismus in einer Legitimationskrise befin- det und der Zeitgeist nach links zu tendieren scheint? Oder verbirgt sich da- hinter ein grundlegender, längerfristig angelegter Strategiewechsel? Welche Präventionsmaßnahmen sind nötig und wie können die politische und ge- werkschaftliche Bildungsarbeit hierauf reagieren? Der vorliegende Band behandelt die skizzierten Themenfelder und Pro- blemkomplexe aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Den objektiven Ver- änderungen in der Arbeitswelt und den Interessen der gesellschaftlichen Eli- ten an einer Popularisierung extrem rechter Einstellungen tragen seine Bei- träge ebenso Rechnung wie den subjektiven Reaktionen auf die Umbrüche in der Arbeitswelt, Massenarbeitslosigkeit sowie zunehmende Armut. In das Buch sind Ergebnisse des von der EU-Kommission geförderten Forschungs- projekts „Socio-economic change, individual reactions, and the appeal of the extreme right" (SIREN) eingeflossen. Auf der Basis einer Rekapitulation der Fachdiskussion werden Forschungsergebnisse empirischer Studien vorge- stellt, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz entstanden.

Köln/Fulda, im Spätherbst 2007 Christoph Butterwegge/Gudrun Hentges

Einführung in den Diskussionsstand und theoretische Grundlegung

Christoph Butterwegge

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

Rechtsextremismus gibt es nicht erst seit kurzem, er droht allerdings mehr Einfluss zu gewinnen, ohne dass man sich dieser Gefahr auch nur ansatzwei- se bewusst wäre. Ein möglicher Grund dafür dürfte in seiner enormen Flexi- bilität, großen Anpassungsfähigkeit und geschickten Mimikry liegen. Viel- leicht verstellen auch die schrecklichen Verbrechen und Kriegsgräuel des Na- tionalsozialismus hierzulande den Blick auf einen demgegenüber „harmlos und gewöhnlich" wirkenden Rechtsextremismus, der heute die Gesellschaft allmählich durchdringt, ohne dass man ihn überhaupt richtig wahrnimmt. Schließlich tragen neuere Entwicklungen auf dem Weltmarkt, die als „Glo- balisierung" bezeichnet und damit mehr verklärt als verständlich gemacht werden, bis in die Mitte der Gesellschaft hinein zur Ausbreitung ultrarechter Tendenzen bei. Dreh- und Angelpunkt der folgenden Überlegungen ist die Erkenntnis, dass sich der Rechtsextremismus in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess befindet (vgl. dazu: Stöss 2005), dessen Folgen erst in Umrissen absehbar sind. Dies gilt sowohl für seine Erscheinungsformen wie auch seine Ursa- chen, Rahmenbedingungen und Handlungsmöglichkeiten. Hier wird die The- se vertreten, dass sich der Rechtsextremismus modernisiert und ausdifferen- ziert, wobei er sowohl auf die Veränderung der für ihn entscheidenden Wir- kungsbedingungen ökonomischer, politischer und sozialer Art reagiert als auch zunehmend Anleihen beim Zeitgeist macht, den man als neoliberal be- zeichnen kann (vgl. hierzu: Butterwegge u.a. 2007 und 2008). Diesem gilt es daher ebenso nachzuspüren wie Strategiewechseln und taktischen Winkelzü- gen innerhalb des rechtsextremen Lagers. Nicht nur der Rechtsextremismus selbst, sondern auch sein sozioökonomi- sches und politisch-ideologisches Umfeld haben sich in jüngster Zeit grundle- gend verändert. Ausgehend vom Prozess der Globalisierung, die kaum einen Gesellschaftsbereich ausspart und auch den Rechtsextremismus keineswegs unbeeinflusst lässt, sollen Zusammenhänge zwischen diesem und anderen Geis- tesströmungen wie dem Neoliberalismus und dem Standortnationalismus her- gestellt sowie Erfolg versprechende Gegenstrategien entwickelt werden. Au- ßerdem wird ein kategorialer Rahmen für die Analyse des Rechtspopulismus und maßgeblicher Bewusstseinsformen im Gewerkschaftsbereich abgesteckt.

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Christoph Butterwegge

1. Rechtsextremismus im Zeichen der Globalisierung bzw. der neoliberalen Modernisierung

„Rechtsextremismus" ist eine Sammelbezeichnung für politische Organisa- tionen, Gruppierungen und Parteien, aber auch Strömungen, Bewegungen und Bestrebungen außerhalb solcher Zusammenschlüsse, die - häufig unter Androhung und/oder Anwendung von Gewalt - demokratische Grundrechte einzuschränken bzw. ganz abzuschaffen, in der Regel sozial benachteiligte, aufgrund phänotypischer Merkmale wie der Hautfarbe, dem Körperbau oder der Haarbeschaffenheit bzw. nach der ethischen Herkunft, weltanschaulichen, religiösen oder sexuellen Orientierung unterscheidbare, von der gültigen „Standardnorm" abweichende Minderheiten auszugrenzen, auszuweisen oder - im Extremfall - auszurotten und gleichzeitig jene Kräfte zu schwächen oder gar auszuschalten suchen, die für deren umfassende Integration, gesellschaft- liche Emanzipation und mehr Möglichkeiten demokratischer Partizipation für alle Wohnbürger/innen eintreten (vgl. hierzu: Butterwegge 2002, S. 22). Kernideologien, Organisationsformen, politische Strategien und soziale Wählerpotenziale des Rechtsextremismus fächern sich im Zuge der ökonomi- schen Globalisierung auf. Die extreme Rechte der Bundesrepublik Deutsch- land zerfällt organisatorisch in drei Fraktionen, von denen zwei antigiobali- stisch bzw. -modernistisch sind und ein (Wahl-)Bündnis miteinander ge- schlossen haben:

1. Die deutschnational bzw. völkisch-traditionalistisch orientierten Grup- pierungen mit der DVU an ihrer Spitze wenden sich bei Wahlen primär an die Verlierer/innen der neoliberalen Modernisierung, reaktivieren in einer Mischung aus Nostalgie und sozialer Demagogie die Erinnerungen der Großvätergeneration an die glanzvolle Vergangenheit der Nation, be- schwören die ruhmreichen Siege der Nazi-Wehrmacht sowie den Hel- denmut deutscher Frontsoldaten in beiden Weltkriegen und propagieren Vaterlandsliebe, Heimatverbundenheit und Traditionspflege, womit sie ihrer überalterten Klientel angesichts der Herausforderung durch die Globalisierung ein Gefühl sozialer „Nestwärme", Sicherheit und Gebor- genheit in der (Volks-)Gemeinschaft zu vermitteln suchen.

2. Gefährlicher ist der nationalrevolutionäre bzw. -sozialistisch orientierte Flügel, repräsentiert von den Jungen Nationaldemokraten (JN), ihrer Mutterpartei, der NPD, und den Neonazis der „freien" Kameradschafts- szene. Er verbindet das völkische Ideologieelement stärker mit einer Fundamentalkritik am bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssys- tem, ohne dass der Kapitalismus als solcher verdammt wird, rückt die so- ziale Frage noch mehr in den Mittelpunkt, bekämpft die Demontage des Wohlfahrtsstaates durch die „Altparteien" im Bundestag und sucht die jugendliche Subkultur im Sinne von Rechtsextremismus als Event (vgl. dazu: Glaser/Pfeiffer 2007) durch Übernahme szenetypischer Symbole,

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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Musikstile und Kleidung an sich zu binden. Man bemüht sich jedoch nicht bloß um eine kommunalpolitische Basis und „Faschisierung der ostdeutschen Provinz", wie es Toralf Staud (2005, S. 11) nennt, sondern sucht durch zahlreiche Demonstrationen und Aufsehen erregende Kam- pagnen wie die „Aktion Schulhof', bei der flächendeckend CDs mit rechtsextremen Liedtexten verteilt wurden, auch im Westen stärker als bisher Fuß zu fassen.

3. Von untergeordneter Bedeutung sind derzeit die REPublikaner als Ver- treter jener Richtungsgruppierung im ultrarechten Spektrum, die „moder- ner" erscheint, weil sie mehrheitlich viel eher dem Mainstream ent- spricht, den Protektionismus und sozialen Paternalismus des Nationalso- zialismus überwunden und sich gegenüber dem Wirtschaftsliberalismus geöffnet hat. Dass auch der Bund Freier Bürger (BFB), die Partei Rechts- staatlicher Offensive (PRO) von Ronald Barnabas Schill und die Deut- sche Partei (DP) wie viele andere rechtsextreme Splittergruppen vor ih- nen gescheitert sind, bedeutet nicht, dass solche Organisationen für im- mer chancenlos wären. Perspektivisch droht Gefahr weniger von einer Wiederbelebung völkischer Mystik durch Neonazis, die sich auf dem Obersalzberg treffen, zum Kyffhäuser pilgern oder ins oberfränkische Wunsiedel wallfahrten, wo der „Hitler-Stellvertreter" Rudolf Heß begra- ben liegt, als von Kräften, die das Konzept der „Standortsicherung" ver- treten und sich der (heimlichen) Unterstützung mächtiger Wirtschafts- kreise erfreuen. Neonazis sind - wie politische Akteure, ja Menschen generell - nicht zuletzt Kinder ihrer Zeit, und der organisierte Rechtsextremismus lässt sich - wie gesellschaftliche Phänomene ganz allgemein - kaum von den jeweiligen so- zioökonomischen Rahmenbedingungen ablösen, sondern gegenwärtig nur im Kontext einer sich intensivierenden Weltmarktdynamik umfassend verstehen. Um die richtigen, d.h. Erfolg versprechenden Strategien gegen den modernen Rechtsextremismus entwickeln zu können, braucht man deshalb neben Ein- sichten in seine unterschiedlichen Erscheinungsformen und die spezifische Funktionsweise seiner Organisationen bzw. Parteien genauere Kenntnisse über seine Rolle im bzw. für den globalisierten Kapitalismus. In diesem Zusammenhang spielt der Neoliberalismus als Triebkraft des ökonomischen Globalisierungsprozesses und die Tagespolitik wie das All- tagsbewusstsein fast überall beherrschende Ideologie eine Schlüsselrolle. Aus einer Wirtschaftstheorie, die (z.B. durch Steuererleichterungen im Unterneh- mensbereich) optimale Verwertungsmöglichkeiten für das Kapital zu schaf- fen empfahl, entwickelte sich der Neoliberalismus zu einer Sozialphiloso- phie, welche die ganze Gesellschaft nach dem Modell der Leistungskonkur- renz (um)gestalten will, wobei ihr der Wettbewerb zwischen (arbeitenden) Menschen, Unternehmen, Regionen und Nationen, kurz: „Wirtschaftsstand- orten" unterschiedlicher Art, als Wundermittel zur Lösung aller sozialen Pro-

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Christoph Butterwegge

bleme gilt. Hans-Gerd Jaschke (1998, S. 114) spricht vom Neoliberalismus als einem „Marktradikalismus" bzw. ,,-fundamentalismus", der sein Gesicht erkennbar wandle: „Von einer interessenpolitisch begründeten und nachvoll- ziehbaren wirtschaftspolitischen Position wird er immer deutlicher zu einer umfassenden politischen Ideologie, die sich unangreifbar gibt, indem sie auf die Globalisierung verweist, auf den Konkurrenzdruck und das angedrohte Abwandern von Unternehmen." Wenn der Neoliberalismus mehr als eine Wirtschaftstheorie ist, die in den 1930er-Jahren als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise und den Keyne- sianismus als staatsinterventionistischem Lösungsmodell entstand (vgl. dazu:

Ptak 2007, S. 16ff.), nämlich auch eine Weltanschauung, politische Zivilreli- gion und Lebensweise, welche die Hegemonie, d.h. die öffentliche Mei- nungsführerschaft in allen Industrienationen erobert hat, stellt sich die Frage nach seiner sozialen Basis und seinem Verhältnis zum Rechtsextremismus. Dieser wiederum bestimmt seine politisch-programmatische Einstellung zum Markt bzw. zum (Sozial-)Staat nicht im luftleeren Raum, sondern mit Rück- sicht auf die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse, institutionellen Gegebenhei- ten und geistigen Modeströmungen. Wer die Ökonomie verabsolutiert, wie das Marktradikale tun, negiert die Politik im Allgemeinen und die repräsentative Demokratie im Besonderen, weil sie Mehrheitsentscheidungen zum Fixpunkt gesellschaftlicher Entwick- lungsprozesse machen und nicht das Privateigentum an Produktionsmitteln. Selbst das Grundgesetz der Bundesrepublik ist Neoliberalen ein Dorn im Au- ge (vgl. Darnstädt 2004), gilt es doch, sein Sozialstaatsgebot außer Kraft zu setzen und dem Markt nicht nur Vor-, sondern auch Verfassungsrang einzu- räumen, wobei demokratische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse, die mehr Zeit in Anspruch nehmen als dezisionistische Maßnahmen, Gewal- tenteilung und föderale Strukturen, die Macht beschränken, sowie der Kon- senszwang eines Parteienstaates nur stören. Auch prominenten Repräsentan- ten der Wirtschaft, etwa BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel (1997, S. 89), dau- ern die Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse einer föderalen Demo- kratie zu lange, weshalb sie eine Verfassungsrevision befürworten. Hier zeigt sich die enge Affinität zwischen Neoliberalismus, Marktradi- kalismus und Rechtspopulismus. Herbert Schui u.a. (1997) haben in einer Schrift mit dem Titel „Wollt ihr den totalen Markt?" zahlreiche Parallelen zwischen dem Neoliberalismus und dem Rechtsextremismus herausgearbeitet und deren geistige Verbindungslinien nachgezeichnet. Dass die politisch- ideologischen Übergänge zwischen beiden etwa im Hinblick auf die Wohl- fahrtsstaatskritik fließend sind, beweisen Buchautoren wie Roland Baader (1997) oder Alfred Zänker (1994), die man als ideologische Grenzgänger be- zeichnen kann. Neoliberale reduzieren den Menschen auf seine Existenz als Marktsub- jekt, das sich im Tauschakt selbst verwirklicht. Letztlich zählt für sie nur, wer oder was ökonomisch verwertbar und gewinnträchtig ist. Aufgrund dieses

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ausgeprägten Utilitarismus (Orientierung am Nutzen), seines betriebswirt- schaftlichen Effizienzdenkens, seiner Leistungsfixierung und seines Wettbe- werbswahns bietet der Neoliberalismus nicht bloß Topmanagern eine ihren Erfahrungen im Berufsleben adäquate Orientierung, sondern auch genügend ideologische Anschlussmöglichkeiten an den Rechtsextremismus bzw. die ihm zum Teil scheinbar widersprechenden Kernideologien, als da sind: Ras- sismus, Nationalismus, Sozialdarwinismus, Biologismus, Sexismus, Autorita- rismus und Militarismus. Während den Neoliberalen die „Rasse", die ethnische Herkunft bzw. die Religionszugehörigkeit eines Marktteilnehmers nicht oder nur am Rande in- teressiert, spielt die Identifikation mit dem „eigenen" Wirtschaftsstandort ei- ne umso größere Rolle. Menschen, die zuwandern, werden von Rechtsextre- misten nach zwei Kriterien beurteilt: ihrer Leistung für die Nation bzw. den „Wirtschaftsstandort" (Nutzen), was mit dem entscheidenden Maßstab von Neoliberalen korrespondiert, und ihrer ethnischen Abstammung, was damit weniger harmoniert. Stärker erscheinen die ideologischen Überlappungen auf einem anderen Gebiet: Wegen des prononcierten Antiegalitarismus im Neoli- beralismus verschwimmt die Grenze zum expliziten Sozialdarwinismus (vgl. Ptak 2007, S. 73), der immer ein konstitutiver Bestandteil der Gesellschafts- theorie des Faschismus, Nationalsozialismus und Rechtsextremismus war. Weder der Rechtsextremismus noch der Neoliberalismus zeigt auch nur das geringste Verständnis für die Schwachen, sozial Benachteiligten, (Langzeit-) Arbeitslosen, Kranken und Behinderten, obwohl zumindest Ersterer im poli- tischen Tagesgeschäft teilweise um deren Stimme buhlt. Gemeinsam ist ih- nen auch das Streben nach einem „perfekt-erfolgreichen Menschen", welcher den Wunschtraum sämtlicher Anhänger des Sozialdarwinismus verkörpert (vgl. Malina 2006). Über solche inhaltlichen Affinitäten hinaus ergeben sich mit Blick auf die Hauptfunktion beider Geistesströmungen, der Legitimationsbeschaffung und der Herrschaftssicherung, frappierende Ähnlichkeiten. Nicht bloß der Rechtsextremismus will hinter die demokratischen Errungenschaften der Großen Französischen Revolution zurück und schafft dafür die Vorausset- zungen, wenn er Machtpositionen erringt, sondern auch ein Marktradikalis- mus, der die Menschen politisch entmündigt, indem er sie auf ihren Status als „Homines oeconomici" beschränkt. „Neoliberalismus ist militante Gegenauf- klärung: Die Menschen sollen ihre Lage nicht durch vermehrtes Wissen in einer kollektiven, bewussten Anstrengung in den Griff bekommen. Denn dies würde mit der Herrschaft aufräumen, die der Neoliberalismus mit all seinen Kunstgriffen zu legitimieren sucht." (Schui 2006, S. 54) Dass sich Rechtsextremisten und Neonazis auf die Globalisierung, ins- besondere auf deren unsoziale Schattenseiten beziehen, wurzelt nur zum Teil in einem Opportunismus, der sich am Zeitgeist orientiert. Wenn viele Millio- nen Menschen von Arbeitslosigkeit und/oder Armut betroffen sind, können auch solche Gruppierungen dazu nicht schweigen. „Eine dauerhaft hohe Ar-

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Christoph Butterwegge

beitslosigkeit und eine zunehmende Spaltung in Arm und Reich bringen so- ziale Verwerfungen und Konflikte hervor, auf die Rechtsextremisten aufsat- teln." (Grumke 2006b, S. 516) Neben (partei)taktischen Motiven ist dafür entscheidend, dass die objektiven Verhältnisse ultrarechten Organisationen gar keine andere Wahl lassen, als sich damit inhaltlich auseinanderzusetzen und eindeutig Stellung zu beziehen. Gleichzeitig wissen Neonazis sehr ge- nau, dass sonst womöglich die (sich in der Bundesrepublik seit geraumer Zeit als Partei neu formierende) Linke das Thema besetzt und ihnen weniger Möglichkeiten zur Nachwuchsrekrutierung bleiben, wenn sie es gänzlich meiden und auf andere Felder ausweichen würden. „Mit ihrer völkisch ge- wendeten Kapitalismuskritik versuchen rechtsextremistische Kader nicht zu- letzt bei Zielgruppen anzudocken, die diese mit einer generellen Kritik am politischen System, an ,Amerikanisierung' und kultureller und ethnischer ,Überfremdung' verbinden." (ebd.)

Bei der Suche nach den sozialen Trägern des Neoliberalismus stößt man nicht nur auf das exportorientierte Großkapital, dessen Interesse an einer Li- beralisierung der Märkte, einer Deregulierung von Arbeitnehmerschutzbe- stimmungen sowie einer (Re-)Privatisierung öffentlicher Unternehmen, Dienst- leistungen und sozialer Risiken offenkundig ist, sondern auch auf die Mittel- schichten. Elmar Altvater (1981, S. 9) schrieb bereits kurz nach der Wahl von Margaret Thatcher zur britischen Premierministerin und von Ronald Reagan

zum Anwalt

der radikalisierten Kleinbürger auf: gegen Verschwendung und Ineffizienz, gegen die Gleichmacherei und für mehr Freiheit vom Staat, für das Individu- um und für den Markt." „Globalisierung" fungiert heute als Schlüsselkategorie und darüber hin- aus - neben dem demografischen Wandel - als zweite Große Erzählung unse- rer Zeit, die Neoliberale benutzen, um ihre marktradikale Ideologie zu ver- breiten und den Um- bzw. Abbau des Sozialstaates zu legitimieren (vgl. hier- zu: Butterwegge 2007, S. 143ff.). Obwohl oder wahrscheinlich eher gerade weil dieser Terminus ausgesprochen vage, missverständlich und vieldeutig ist, liefert er Politik und (Medien-)Öffentlichkeit, aber auch den Gesellschafts- wissenschaften ein Paradigma (vgl. Badura u.a. 2005), das die epochale Wende nach der Systemauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und (Staats-)So- zialismus bestimmt. Selbst wenn die Globalisierung nur einen medial erzeugten Mythos darstellt, wie Kai Hafez (2005) mutmaßt, erlangt sie schon dadurch ge- sellschaftliche Wirkungsmächtigkeit und Gestaltungskraft, dass subjektive Überzeugungen, die Menschen überall auf der Welt teilen, einen objektiven Machtfaktor bilden, den man schwerlich ignorieren kann. Versteht man unter „Globalisierung" einen Prozess, der zur Ausweitung wie zur Intensivierung wissenschaftlich-technischer, ökonomischer, politi- scher, sozialer bzw. kultureller Beziehungen fuhrt, nationalstaatliche Grenzen nicht nur überschreitet, sondern zumindest der Tendenz nach auch überwin- det und schließlich den ganzen Planeten umspannt (vgl. hierzu: Butterwegge

zum US-Präsidenten: „Der Neoliberalismus schwingt sich (

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1999, S. 27f.), bleibt davon, wie er sich gestaltet bzw. wie er gestaltet wird, auch der zeitgenössische Rechtsextremismus nicht unberührt. Dieser ist viel- mehr auf drei Ebenen maßgeblich von jenen Strukturveränderungen geprägt, die heutzutage fast alle Lebensbereiche betreffen:

1. Aufgrund der Globalisierung bzw. der neoliberalen Modernisierung, d.h. der Umstrukturierung vieler Sektoren nach dem Vorbild des Marktes so- wie der Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung als wirt- schafts- und sozialpolitischer Leitlinie verändern sich die gesellschaftli- chen Rahmen-, Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen des Rechts- extremismus gravierend. Durch die ökonomische Globalisierung sowie die ihr folgenden Spaltungstendenzen und sozialen Verwerfungen ge- winnen rechtsextreme Organisationen bzw. Parteien zumindest der Ten- denz nach mehr Anhänger/innen, Mitglieder und Wähler/innen, verbes- sern sich aber auch ihre politischen Handlungsmöglichkeiten. Eine zer- rissene Klassengesellschaft, in der sich die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vertieft (vgl. z.B. Andreß/Kronauer 2006; Lauterbach 2007; Wagenknecht 2007), bietet für solche Gruppierungen gute Erfolgschan- cen.

2. Der organisierte Rechtsextremismus war auch in der Vergangenheit nie, wie oftmals unterstellt, „hinterwäldlerisch-provinziell" und bloß auf den eigenen Nationalstaat fixiert, sondern suchte immer den Kontakt zu sei- nen ausländischen Gesinnungsgenossen. Heute „globalisiert" sich die Szene jedoch gewissermaßen selbst, indem man bisher noch bestehende Barrieren der Kommunikation mittels Internet niederreißt (vgl. dazu:

Pfeiffer 2006), ein „transnationales Netzwerk" schafft (vgl. dazu: Grum- ke 2006a) und die Kooperation mit den „Bruderparteien" in rasantem Tempo vorantreibt. Dadurch verstärkt sich die Gefahr, dass eine sich allmählich herausbildende „braune Internationale" ursprünglich regionale Krisen und Konflikte benutzt, um konzertiert zu handeln und weltweit an Einfluss zu gewinnen.

3. „Globalisierung" avanciert zum Gegenstand der rechtsextremen Agitati- on und Propaganda (vgl. dazu: Maegerle 2005; Pfahl-Traughber 2006). Teilweise befürworten Rechtsextremisten die Globalisierung, überwie- gend lehnen sie den Prozess jedoch kategorisch ab, was sich beispiels- weise in Kampfparolen gegen die angebliche Überfremdung der Einhei- mischen durch Zuwanderer („Globalisierung ist Völkermord") und gegen die Willkür des globalisierten Kapitals („Sozial statt global! - Wir for- dern Arbeit im eigenen Land", „Arbeit für Millionen statt Profite für Millionäre!" oder „Arbeit statt Dividende - Volksgemeinschaft statt Globalisierung!") niederschlägt. Von den linken Kritiker(inne)n wie At- tac unterscheidet die alten Herren der DVU, NPD-Kader oder „Autono- me Nationalisten" (AN), die bei Neonazi-Demonstrationen einen „Schwar- zen Block" bilden, dass sie gegen die Globalisierung als solche und nicht

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Christoph

Butterwegge

nur gegen deren heute klar dominante neoliberale Spielart polemisieren. „Rechtsextremisten sind keine Globalisierungskritiker, sondern Anti- Globalisten." (Grumke 2006a, S. 132)

Während uns die organisatorische Ebene hier weniger interessiert, obwohl dort momentan für den Rechtsextremismus wichtige Veränderungen und vor allem Vernetzungen stattfinden, stehen die inhaltliche und die Wirkungsebe- ne im Mittelpunkt der folgenden Betrachtungen, weil sie das Fundament ei- ner Ursachenanalyse bilden. Hatte die etablierte Rechtsextremismusforschung den Kausalzusammenhang zwischen der Globalisierung, massenhafter Ver- breitung der neoliberalen Ideologie und rechtsextremer Mobilisierung lange Zeit unbeachtet gelassen, werden solche Hintergründe in der politischen und Fachdiskussion ungefähr seit der Jahrtausendwende offen thematisiert (vgl. besonders folgende Sammelbände: Loch/Heitmeyer 2001; Bathke/Spindler 2006; Greven/Grumke 2006).

2. Die ökonomischen Rahmenbedingungen, das soziale Klima und die politische (Un-)KuItur als Erklärungsfaktoren für Rechtsextremismus

Rechtsextremismus ist ein komplexes Phänomen, das in mehreren Erschei- nungsformen auftritt, unter denen die Gesinnung (Ideologie), die politische Organisation (Parteibildung) sowie die (gewalttätige) Aktion hervorstechen. In der unter Fachleuten sehr kontrovers verlaufenden Diskussion über die Entstehung bzw. Entwicklung rechtsextremer Einstellungen, Haltungen und Handlungen kann man zwei Grundrichtungen unterscheiden:

1. Die herrschende Lehre, nach der sich Regierungen, Verwaltungen und Strafverfolgungsbehörden in der Bundesrepublik üblicherweise richten, erklärt den Rechtsextremismus kurzerhand zu einem Rand(gruppen)pro- blem (kritisch dazu: Pereis 2003), das eine Abweichung von der Norma- lität darstellt, räumlich und/oder zeitlich „hier und heute" nur eine Ne- benrolle spielt und keinesfalls in der bestehenden Staats-, Wirtschafts- bzw. Gesellschaftsordnung wurzelt. Zu den dominanten Ansätzen zählen beispielsweise die im sog. Kalten Krieg fast konkurrenzlose Extremis- mus- bzw. Totalitarismustheorie, aber auch Deutungsmuster, die den Blick auf „den Protestwähler" und/oder die Orientierungslosigkeit von Jugendlichen richten. Ins Visier geraten dann vornehmlich militante Or- ganisationen und gewaltbereite Jugendliche, etwa rechte Skinheads, die spektakuläre Straftaten begehen (vgl. z.B. Schroeder 2004; Oepke 2005; Hafeneger/Becker 2007; Möller/Schuhmacher 2007), oder Parteien wie die REPublikaner, die DVU und die NPD, besonders dann, wenn sie sen-

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sationelle Wahlerfolge feiern (vgl. z.B. Neubacher 1996; Hoffmann 1999; Mecklenburg 1999"). 2. Dagegen führen (system)kritische Beobachter/innen den Rechtsextre- mismus auf Herrschaftsstrukturen, Machtkonstellationen und parlamen- tarische Mehrheitsverhältnisse, d.h. darauf zurück, wie die „Mitte der Gesellschaft" (re)agiert (vgl. z.B. Funke 2002; Brodkorb 2003). Die öko- nomische Grundstruktur bzw. die konjunkturelle Situation eines Landes, das dort nicht zuletzt wegen der aktuellen Wirtschaftsentwicklung herr- schende soziale Klima und seine politische Kultur bilden m.E. eine ana- lytische Trias, die Erscheinungsformen, Einflussmöglichkeiten und Er- folgsaussichten des Rechtsextremismus verständlich macht. Wenn man prognostische Aussagen über diesen treffen will, tut man deshalb gut daran, alle genannten Bereiche in den Blick zu nehmen und ihre Wech- selwirkungen aufeinander zu berücksichtigen.

Falsch und politisch irreführend ist es, den Rechtsextremismus als Desintegra- tionsphänomen oder als Jugendproblem zu begreifen, das mit deviantem Ver- halten oder pubertärem Überschwang zu tun hat. Neuerdings wird er gar auf die demografische Entwicklung zurückgeführt. So weist Ulrich Deupmann (2005, S. 54) unter Berufung auf das Berlin-Institut für Bevölkerung und Ent- wicklung daraufhin, dass in ostdeutschen Randregionen auf 100junge Männer nur noch 80 gleichaltrige Mädchen und Frauen kommen, weil die übrigen nach Westen abgewandert sind: „Niemand weiß, was aus den zurückgebliebenen, überzähligen Männern wird. Wie werden sie die langen einsamen Tage und Abende verbringen, zumal da sie häufig arbeitslos, schlecht ausgebildet und mit geringer sozialer Kompetenz ausgestattet sind? Werden sie resignieren oder womöglich hinter rechtsradikalen Rattenfängern hermarschieren?" Der organisierte Kern ist auch keine Protestbewegung, die sich für sozial benachteiligte Deutsche einsetzt (vgl. zur Kritik solcher Deutungsmuster:

Butterwegge 1996, S- 64ff). Vielmehr grenzt er Einheimische mit Behinde- rungen, (psychisch) Kranke, Obdachlose, Homosexuelle, Juden und Flücht- linge gleichermaßen aus, will ihnen staatliche Leistungen vorenthalten und/ oder sie durch Zwangsmaßnahmen disziplinieren. Es geht also beim Rechts- extremismus nicht etwa um eine Negation, sondern gerade um die - manch- mal bis zur letzten, tödlichen Konsequenz getriebene - Realisation herr- schender Nonnen (Beurteilung einer Person nach der ökonomischen Ver- wertbarkeit, Leistungsfähigkeit bzw. Systemangepasstheit) und gesellschaft- licher Funktionsmechanismen wie der Konkurrenz. Man kann das mit dem Bielefelder Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer (2002) als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" (GMF) be- zeichnen und in den drei Dimensionen des „Eigenen" und des „Fremden", der Verabsolutierung utilitaristischer Kalküle sowie der Machtdemonstration gegenüber Unterlegenen und Abgewerteten erfassen. Präziser ausgedrückt, handelt es sich bei jenen sechs Elementen, die Heitmeyer (ebd., S. 20f.) als

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Christoph

Butterwegge

GMF-Varianten zusammengefasst ein „Syndrom" nennt (Rassismus, Frem- denfeindlichkeit, Antisemitismus, Heterophobie, Etabliertenvorrechte und Sexismus), um ein Konglomerat rechter Ausgrenzungsideologien und -pra- xen gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten, die ethnisch, sexuell, ge- sundheitlich oder sozial von den Normalitätsvorstellungen der Mehrheitsge- sellschaft abweichen. Sinnvoller wäre eine Unterscheidung gemäß der Kern- ideologien des Rechtsextremismus: Rassismus (einschließlich der Spezial- form des Antisemitismus), Nationalismus, Sozialdarwinismus, Biologismus, Sexismus (Antifeminismus) und Homophobie. Weshalb der Begriff „Rassis- mus" nur die biologistisch, nicht jedoch die kulturalistisch begründete Ab- wertung der Gruppenangehörigen „fremder" Herkunft umfassen soll - für die zuletzt genannte Form der Ausgrenzung benutzt Heitmeyer die missver- ständliche, weil eine „natürliche" Abwehrhaltung gegenüber dem Unbekann- ten suggerierende Bezeichnung „Fremdenfeindlichkeit" -, erschließt sich mir nicht. Auch in anderer Hinsicht mutet das GMF-Konstrukt merkwürdig an:

Da wird die Abwertung von Homosexuellen (sowie Behinderter und Obdach- loser) paradoxerweise „Heterophobie" genannt. Solche terminologischen Un- scharfen mindern freilich in keiner Weise die Verdienste, welche sich die Forschergruppe um Heitmeyer mit ihrer Längsschnittuntersuchung rechter Mentalitätsbestände, die sie unter dem Titel „Deutsche Zustände" alljährlich veröffentlicht, erworben hat. Um den zeitgenössischen Rechtsextremismus genauer im politischen Raum verorten sowie seine Entstehungsbedingungen und Entwicklungsmög- lichkeiten beurteilen zu können, muss die Forschung auf drei Untersuchungs- ebenen ansetzen: der ökonomischen, der sozialen und der politischen. Hier wird deshalb für ein Erklärungsmodell plädiert, das von der Konkurrenz als entscheidender Triebkraft des kapitalistischen Wirtschaftssystems ausgeht, dadurch (mit)bedingte Veränderungen bzw. Verschlechterungen des sozialen Klimas jedoch genauso berücksichtigt wie die Traditionsbestände der politi- schen Kultur in Deutschland. Darüber hinaus wären die „Angebots-" und die „Nachfrageseite" getrennt voneinander zu betrachten: Der organisierte Rechts- extremismus unternimmt seit jeher Anstrengungen, um Wähler/innen, An- hänger/innen und Parteigänger/innen zu gewinnen, wobei er unterschiedliche Methoden anwendet und mehr oder weniger Erfolg hat, je nachdem, wohin sich die Gesellschaft entwickelt und welche Bedürfnisse, Einstellungen und Überzeugungen deren Mitglieder ausbilden. Idealistisch wäre es, wollte man den Rechtsextremismus aus sich selbst oder nur aus mit ihm verwandten Geistesströmungen innerhalb einer Gesell- schaft erklären, ohne die materiellen Grundlagen seines Wirkens einzubezie- hen. Ökonomistisch wiederum wäre es, würde man aus der verschärften Kon- kurrenz im Zeichen der Globalisierung unmittelbar ein Mehr an Rechtsex- tremismus, Rassismus und Gewalt ableiten. Denn so wahrscheinlich es ist, dass der größere Leistungs- bzw. Leidensdruck des „Turbokapitalismus" (Ed- ward N. Luttwak) in verstärkte Ausgrenzung mündet und dass sich die härte-

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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re Rivalität unter den Gesellschaftsmitgliedern in zunehmender Brualität entlädt, so wenig reicht die Wirtschaftsentwicklung aus, um den Wandel po- litischer Einstellungsmuster und Verhaltensweisen von Menschen erklären oder gar voraussagen zu können. Entscheidend für die Wirkungsmöglichkei- ten des Rechtsextremismus ist nämlich darüber hinaus, ob ihn die politische Kultur eines Landes begünstigt und wie sich das soziale Klima dort gestaltet. Schließlich führen Arbeitslosigkeit und Armut nicht automatisch zu (mehr) Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt. Vielmehr tragen die sich selbst meist - in Abgrenzung von den übrigen Mitgliedern („Massen") - als „Eli- ten" verstehenden Führungsgruppen einer Gesellschaft ganz entscheidend da- zu bei, ob die Frustration über soziale Deprivation in politische Aggression umschlägt. Momentan ist die Ausgangslage des Rechtsextremismus vor allem durch eine verschärfte Konkurrenz auf den Weltmärkten (Stichwort: „Globalisie- rung"), eine sich im Gefolge dieser neoliberalen Modernisierung zuspitzende sozial(räumlich)e Polarisierung sowie eine partielle Renationalisierung der öffentlichen Diskurse (Wiederentdeckung des Stolzes auf seine Nationalität bzw. den „Standort D" und Rückbesinnung auf die eigene „nationale Identi- tät") unter Einschluss der etwa im Demografie- sowie im Migrationsdiskurs sichtbaren Tendenz zur Biologisierung und Ethnisierung sozialer Beziehun- gen gekennzeichnet, was ihm auf absehbare Zeit gute Entfaltungsmöglichkei- ten und Erfolgschancen garantiert, wenn er seine Strategie und Taktik darauf einstellt.

2.1

Die

Kapitalismus

forcierte

(Standort-)Konkurrenz

im

globalisierten

Die für den Rechtsextremismus konstitutiven Aus- bzw. Abgrenzungsideolo- gien wie der Rassismus oder der Sozialdarwinismus sind in letzter Konse- quenz auf die Konkurrenz zurückzuführen, welche eine notwendige - wohl- gemerkt: keine hinreichende Bedingung für die Herausbildung solcher Handlungsanleitungen und Legitimationskonzepte zur Ausgrenzung von (ethnischen) Minderheiten bzw. Leistungsschwächeren darstellt. Die auch von seinen schärfsten Kritiker(inne)n bewunderte Produktivität, Flexibilität und Vitalität des kapitalistischen Wirtschafts- bzw. Gesellschaftssystems be- ruht auf der Konkurrenz, die seine Mitglieder nicht ruhen lässt, sie vielmehr zum permanenten Kampf Jeder gegen jeden" zwingt und als stärkste Trieb- kraft wissenschaftlich-technischer Innovationen und unternehmerischer Inve- stitionen fungiert. Dysfunktional wirkt dagegen, dass sich die soziale Kohä- sion einer Industrienation im „Säurebad der Konkurrenz" (Karl Marx) zer- setzt, Ideale wie Solidarität, Gerechtigkeit und Humanität auf der Strecke bleiben und eine systemimmanente Selektion stattfindet, die eine Vertrauens-

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Christoph

Butterwegge

volle Kooperation selbst zwischen Angehörigen derselben Bevölkerungs- schicht verhindert, zumindest aber erschwert. Bei der neoliberalen Modernisierung/Umstrukturierung handelt es sich um ein gesellschaftspolitisches Großprojekt, das auf der ganzen Welt noch mehr soziale Ungleichheit schafft, als es sie aufgrund der ungerechten Vertei- lung von Ressourcen, Bodenschätzen, Grundeigentum, Kapital und Arbeit ohnehin schon gibt. „Es geht um die Vertiefung gesellschaftlicher Ungleich- heiten zum Zwecke einer besseren Abstimmung auf die Bedürfnisse eines Wirtschaftsstandortes." (Pelizzari 2001, S. 152) „Standortsicherung" fungiert dabei als Schlachtruf (einfluss)reicher Gruppen im Verteilungskampf, die den Neoliberalismus zur Stärkung ihrer Machtposition benutzen. Was als „Mo- dernisierung" klassifiziert wird, ist teils nur eine „neoliberale Konterrevoluti- on" (Milton Friedman), anders formuliert: die Rücknahme demokratischer und sozialer Reformen bzw. Regulierungsmaßnahmen, mit denen die Staaten das Kapital zeitweilig einer gewissen Kontrolle unterworfen hatten. Durch die systematische Ökonomisierung bzw. Kommerzialisierung aller Gesellschaftsbereiche, deren Restrukturierung nach dem Marktmodell und die Generalisierung seiner betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien und Kon- kurrenzmechanismen, wie sie beispielhaft die Unternehmensberatungsfirma McKinsey verkörpert (vgl. dazu: Kurbjuweit 2003), sollen nicht nur neue Pro- fitquellen erschlossen, sondern auch rigidere Ordnungsprinzipien implementiert werden. Man kann von einem „Wirtschaftstotalitarismus" sprechen, der nach Joachim Bergmann (1998, S. 334) die „negative Utopie" des Neoliberalismus ausmacht: „Ökonomische Kriterien, Kosten und Erträge sollen ebenso alle an- deren gesellschaftlichen Teilsysteme bestimmen - die soziale Sicherung und die materielle Infrastruktur so gut wie Bildung und Kultur."

2.2

Die

soziale

Kälte

der

Konkurrenzgesellschaft

Radikalisierungstendenzen

Hochleistungs-,

als

Nährboden

Markt-

für

und

Als neoliberale Modernisierung ins Werk gesetzt, führt Globalisierung zu di- versen Spaltungen (vgl. ausfuhrlicher: Butterwegge 2006b, S. 63ff.). Zu den negativen Folgen, auf die der Rechtsextremismus eine demagogische, also keine wirklich überzeugende Antwort gibt, gehören: die soziale Polarisierung innerhalb der wie auch zwischen den einzelnen Gesellschaften; die Dualisie- rung des Prozesses transnationaler Wanderungen in Experten- bzw. Elitenmi- gration einerseits und Elendsmigration andererseits; Krise bzw. Zerfall der Städte, bedingt durch Marginalisierung und sozialräumliche Segregation. Die neoliberale Modernisierung verschärft nicht nur die Konkurrenzsi- tuation zwischen den einzelnen Wirtschaftsstandorten und -Subjekten, son- dern führt auch zu einer sozialen Polarisierung, einer Prekarisierung der Ar- beit (Zunahme von geringfügiger Beschäftigung, von Teilzeit-, Leih- und

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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Zeitarbeit sowie Mini-, Midi- und Ein-Euro-Jobs) sowie einer Pauperisierung großer Teile der Bevölkerung bei gleichzeitiger Explosion von Unternehmens- gewinnen und Aktienkursen, also einer weiteren Konzentration von Kapital und Vermögen bei Wohlhabenden und Reichen. „Das soziale Klima wird zu- nehmend von Mitleidlosigkeit und emotionaler Kälte bestimmt. Traditionell schwache Gruppen wie Migranten oder Obdachlose, aber auch Langzeitar- beitslose, leiden besonders darunter, mit durchschlagenden Wirkungen auf Körper und Seele - und mit dadurch entstehenden gewaltigen sozialen Kos- ten." (Ulrich 2007, S. 854) Mit der Diskussion über „Globalisierung" und die angeblich drohende Gefährdung des „Industriestandortes D" bemühten sich Unternehmer(verbän- de), marktradikale Politiker und liberalkonservative Publizisten, den „Kampf aller gegen alle" populär zu machen: Wirtschaftlicher Wettbewerb wurde zum „Krieg" hochstilisiert (vgl. Scherer 1993, S. 31). Wenn statt einer kon- sequenten Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit und -armut die Sicherung des Standortes im Mittelpunkt der Wirtschafts- und Sozialpolitik steht, ist „Konkurrenzfähigkeit" der strategische Dreh- und Angelpunkt, was nicht oh- ne Konsequenzen für das soziale Klima des Landes bleibt: „Die Betonung des ökonomischen Nutzenkalküls sieht nicht nur von schlichten mitmenschli- chen Verpflichtungen ab, sie grenzt auch all jene aus, die uns tatsächlich oder vermeintlich nur zur Last fallen." (Schäfer 1993, S. 88) Die soziale Kälte drückt sich exemplarisch in der öffentlichen Gleich- gültigkeit gegenüber einer seit längerem stark zunehmenden Kinderarmut (vgl. hierzu: Butterwegge u.a. 2005) bei einem parallel dazu teilweise ins Gi- gantische wachsenden Reichtum weniger Großaktionäre, Erben von Famili- enunternehmen, Finanzinvestoren und Privatbankiers aus, die zum „Geld- machtapparat" gehören (siehe dazu: Krysmanski 2007). Während die Aktien- kurse einen Rekordstand nach dem anderen übertrafen, interessierte die Ein- richtung von Babyklappen, Suppenküchen und Kleiderkammern durch Kom- munen, Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbände in deutschen Städten die überwiegend marktradikal denkenden Meinungsführer der Republik weniger. Wenn die Angst vor dem sozialen Abstieg bis in die Mitte der Gesell- schaft hinein reicht, fühlen sich insbesondere kleinbürgerliche Schichten akut bedroht, was irrationale Reaktionen auf Krisensymptome fördern kann. „Die im Namen des Neoliberalismus betriebene Demontage des Sozialstaats und die vom losgelassenen Markt entfesselte sozialdarwinistische Leistungskon- kurrenz versetzen die Menschen in den Zustand einer permanenten Verteidi- gung und Aggression." (Eisenberg 2002, S. 120) Dass die neoliberale Hegemonie nicht - wie man erwarten könnte - mehr Freiheit, Toleranz und Bürgerrechte mit sich bringt, sondern ganz im Gegen- teil von einem Sicherheitsdiskurs begleitet wird, der Disziplin, Autorität und die Notwendigkeit sozialer Kontrolle betont, verweist auf die Affinität eines betriebswirtschaftlichen Effizienzdenkens zum totalitären Gesellschaftsmo- dell des Rechtsextremismus. Das fast alle Lebensbereiche beherrschende Kon-

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Christoph Butterwegge

kurrenzdenken führt zur Ausgrenzung und Abwertung von Leistungsschwä- cheren, die im wirtschaftlichen Wettbewerb auf der Strecke bleiben, als menschlicher Ballast für den „eigenen" Standort wirken oder die Gewinn- margen eines Unternehmens senken. Wenn sich der Neoliberalismus mit dem Nationalkonservatismus amalgamiert, resultiert daraus ein besonders aggres- siver Standortnationalismus, der als politisch-ideologische Steilvorlage für den Rechtsextremismus wirkt. Die neoliberale Hegemonie ist nicht zuletzt deshalb eine Gefahr für die Demokratie (vgl. dazu: Butterwegge u.a. 1998; Lösch 2007), weil sie mit dem Standortnationalismus eine Ideologie festigt, durch die der Rechtsextremismus für das Establishment anschlussfähig wird. Gegenwärtig greift vermehrt ein Trend zum „hedonistisch-konsumisti- schen Sozialdarwinismus" um sich: „Nach dem globalen Sieg der Marktwirt- schaft hat jenes Prinzip, demzufolge der Stärkere sich durchsetzt und das Schwache auf der Strecke bleibt, noch an Plausibilität gewonnen. Der aktu- elle Rechtsextremismus und Rechtspopulismus beruhen auf einer Brutalisie- rung, Ethnisierung und Ästhetisierung alltäglicher Konkurrenzprinzipien." (Menschik-Bendele/Ottomeyer 2002, S. 305) Rivalität fungiert als Haupt- triebkraft einer zerklüfteten, zunehmend in Arm und Reich gespaltenen Ge- sellschaft. „Die sozialdarwinistische Alltagsphilosophie, die damit einher- geht, erzeugt eine unauffällige, sich von direkter Gewalt fernhaltende und als ,Sachzwang' der Ökonomie erscheinende Brutalität." (Klönne 2001, S. 266) Wo die Umverteilung von unten nach oben unter Hinweis auf Globalisie- rungsprozesse - als für die Sicherung des „eigenen Wirtschaftsstandortes" unbedingt erforderlich - legitimiert wird, entsteht ein gesellschaftliches Kli- ma, das (ethnische) Ab- und Ausgrenzungsbemühungen stützt. In einer Zeit verschärfter Konkurrenz eine ideologische Rechtfertigung der Missachtung ethischer Grundwerte und größerer sozialer Ungleichheit - im Sinne von Un- gleichwertigkeit - zu offerieren, bildet laut Franz Josef Krafeld (2001, S. 287) einen Hauptgrund für die wachsende Attraktivität der rechtsextremen Orientierungen. Sozialdarwinismus fallt nicht vom Himmel, wurzelt vielmehr in der Er- fahrungswelt einer Jugend, die durch das kapitalistische Leistungsprinzip, die Allgegenwart des Marktmechanismus und den Konkurrenzkampf jeder gegen jeden geprägt wird (vgl. Kühnl 2001, S. 32f.). Andreas Hadjar (2004) führt die Ellenbogenmentalität und die Fremdenfeindlichkeit bei Jugendlichen auf ein „hierarchisches Selbstinteresse" zurück, das er als „verabsolutierte Form der Marktideologie" (ebd., S. 240) bezeichnet. Tatsächlich reproduzieren sich auf den Schulhöfen seit jeher die gesellschaftlichen Herrschafts-, Macht- und Gewaltverhältnisse: Wer als Jugendlicher offen Schwäche zeigt, wird von seinen Klassenkameraden schon mal als „schwule Sau" beschimpft, und wer einer Minderheit angehört oder gesellschaftlicher Außenseiter ist, zum „Op- fer" erklärt. Wenn nach sozialdarwinistischer Manier die Überlegenheit, Här- te und Stärke im alltäglichen Konkurrenzkampf zur Kernkompetenz erklärt werden, darf man sich nicht wundern, dass viele Jugendliche wenig Solidari-

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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tat und kein soziales Verantwortungsbewusstsein praktizieren. Thomas Kre- her (2007) hat untersucht, wie sich 18- bis 25-jährige Männer mit prekären beruflichen Perspektiven in dieser Situation einer biografischen Unsicherheit verhalten. Das frühe Scheitern eines Heranwachsenden bei dem Versuch, sich auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren, kann zur Überkompensation und zur De- monstration von Maskulinität auf anderen Feldern führen, etwa in der Part- nerschaft oder im jugendkulturellen bzw. Freizeitbereich (vgl. ebd., S. 95). Sofern dort Rechtsextremisten und junge Neonazis agieren, zeichnet sich ein deutlicher „Wandel der Politikformen" ab: „Die klassischen Insignien rechts- extremer Politik treten in den Hintergrund oder werden neu eingebettet in zu- nehmend ,poppig' gestaltete Konzepte, Webseiten und Transparente, die zum Teil an die Ästhetik der autonomen Antifa-Bewegung der 1990er Jahre an- gelehnt sind und mit denen es gelingen soll, an breitere Spektren der Jugend- subkulturen anzuknüpfen." (Kaindl 2006, S. 64) Ungefähr seit der Jahrtausendwende verzeichnet auch die NPD einen or- ganisatorischen und politischen Wiederaufstieg (vgl. dazu und zum Folgen- den: Brandstetter 2006, S. 81 ff.), nachdem sie fast schon in der Bedeutungs- losigkeit versunken zu sein schien. Durch das am 18. März 2003 verkündete, formalrechtlich begründete Scheitern des Verbotsverfahrens gegen die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht (vgl. dazu: Flemming 2005) hat die zeit- weilig verunsichert, schwankend und geschwächt wirkende Partei eine de- mokratische Scheinlegitimität gewonnen, die ihre Funktionäre als politischen Freibrief missbrauchen. Nach dem Konzept einer „Drei-" bzw. „Vier-Säulen- Strategie", für das der Parteivorsitzende Udo Voigt (1999) steht, werden fol- gende Handlungsfelder besetzt: Mit dem „Kampf um die Straße" sollen junge Menschen für die NPD mobilisiert, mit dem „Kampf um die Köpfe" poli- tisch-ideologische Positionen durch innerparteiliche Schulungsarbeit gefes- tigt, durch Errichtung eines Bildungszentrums verbreitet und durch Agitation im Massenbewusstsein verankert sowie mit dem „Kampf um die Wähler/ Parlamente" auch institutionelle Machtbastionen erobert werden. Ergänzt wurde das Mehrphasenmodell durch den „Kampf um den organisierten Wil- len", womit die Bündelung vormals zerstreuter Kräfte des organisierten Rechtsextremismus unter Einbeziehung offen neonazistischer „Freier Kame- radschaften" gemeint ist. Am 15. Januar 2005 schlossen NPD und DVU einen „Deutschland-Pakt", in dem sie genau festlegten, welche der beiden Parteien bis 2009 bei welcher Wahl antritt. Vermieden werden sollte durch den Verzicht der jeweils ande- ren auf eine separate Kandidatur, dass man sich gegenseitig die Stimmen wegnimmt. Gedacht war an eine „Volksfront von rechts", die auch unorgani- sierte Neonazis und Kooperationswillige aus der gewaltbereiten Kamerad- schaftsszene mit einschloss. Historisch stand dabei offenbar die Harzburger Front, in der sich am 11. Oktober 1931 Nationalsozialisten, Deutschnationale und „Stahlhelm"-Mitglieder zum Sturm auf die Weimarer Republik rüsteten, Pate. Dass die CDU-Vorsitzende Angela Merkel und der damalige CSU-

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Christoph

Butterwegge

Vorsitzende Edmund Stoiber in einem Offenen Brief an Gerhard Schröder der Bundesregierung im März 2005 einen „Pakt für Deutschland" vorschlu- gen, lässt wenig Sachkenntnis und/oder Sensibilität erkennen, zeigt jedoch, wie stark das demonstrative Bekenntnis zur eigenen Nation mittlerweile ge- fragt war. Gegen Ende des 20,/Anfang des 21. Jahrhunderts rückte die völkische Kapitalismuskritik wieder stärker in das Blickfeld der Rechtsextremisten, was sich in einem Strategiewechsel von Gruppierungen wie der NPD und ei- ner thematischen Schwerpunktverschiebung von der „Ausländer-" zur „so- zialen Frage" niederschlug. Freilich hat die soziale Frage, mit der sich die Not von Millionen Erwerbslosen, Niedrieglöhner(inne)n und armen Familien verbindet, im rechtsextremen Politikmodell keinen Eigenwert; sie ist der na- tionalen Frage, verstanden als Auftrag zur Bildung einer „Volksgemein- schaft", vielmehr total untergeordnet. Ginge es nach der NPD, würden die Deutschen nach diesem historischen Vorbild heute eine „Schutz- und Schick- salsgemeinschaft" bilden, um in deren Schoß den Stürmen der ökonomischen Globalisierung standhalten zu können. Zum ideologischen Kern des völkischen Nationalismus zählt die Überzeu- gung, dass der „Fortbestand des eigenen Volkes" aufgrund der Dekadenz einer demokratischen Gesellschaft gefährdet ist. Der besorgte Warnruf „Die Deut- schen sterben aus!" gehörte daher immer zum propagandistischen Rüstzeug der Rechtsextremisten aller Schattierungen. Häufig genug gelang es ihnen, damit die öffentliche Meinung zu beeinflussen, was dazu führte, dass der Bevölke- rungsdiskurs wiederholt apokalyptische Züge annahm (vgl. dazu: Hummel 2000; Mackensen/Reulecke 2005; Etzemüller 2007). In jüngster Zeit dominiert neben der Schreckensvision einer „Schrumpfgesellschaft" (Kaufmann 2005) vor allem die Furcht vor einer „Überalterung" des Wirtschaftsstandortes und einem dadurch bedingten Verlust seiner Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit. Beide demografischen Horrorszenarien, die Medien, Politik und Fach- wissenschaft beherrschen, haben historische Vorläufer im 19. und 20. Jahrhun- dert (vgl. Lengwiler 2007). Bevölkerungswissenschaftler entwickelten da- mals Argumentationsfiguren, die rechtsextremen Deutungsmustern teilweise bis ins Detail glichen. Genannt sei nur Friedrich Burgdörfer (1932), Direktor des Statistischen Reichsamtes, welcher mit Büchern wie „Volk ohne Jugend. Geburtenschwund und Überalterung des deutschen Volkskörpers" die Demo- grafie als Kardinalproblem der Volkswirtschaft, des Sozialstaates bzw. der Zukunft Deutschlands darstellte und zu einem Wegbereiter des NS-Regimes wurde. Ulrich Deupmann (2005, S. 66) mokiert sich über den „Mutter- und Jugendkult" der nationalsozialistischen Familienpolitik, entwickelt in seinem Buch „Die Macht der Kinder" jedoch dieser nicht unähnliche Konzepte, um die „Zeitbombe der Demografie" zu entschärfen: „Unser demografisches Schicksal ist keineswegs besiegelt. Wir können es aktiv beeinflussen - am besten und wirkungsvollsten, indem wir die Zahl der Geburten in Deutsch- land rasch steigern." (ebd., S. 67)

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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Nach 1945 gelangte der Demografiediskurs, wie man das Reden bzw. Schreiben über eine negative Bevölkerungsentwicklung, die „Vergreisung" und ähnliche Prozesse nennen kann, erst ganz allmählich wieder vom äußers- ten rechten Rand des politischen Spektrums in das gesellschaftliche Macht- zentrum, wo sich viele konservative und neoliberale Medienmacher/innen um seine Weiterverbreitung bemühten (vgl. hierzu: Butterwegge 2002, S. 167ff.; Butterwegge 2006a, S. 70 ff; Klundt 2007). Im neoliberalen Gegenwartsdis- kurs verdichten sich die zwei Großen Erzählungen unserer Zeit, die Globali- sierung und der demografische Wandel, zu einem umfassenden Bedrohungs- szenario, das nur durch eine riesige Kraftanstrengung der ganzen „Standort- gemeinschaft" sowie größere Leistungsbereitschaft all ihrer Mitglieder seine Schrecken verlieren kann: „Im Zeitalter des demografischen Umbruchs und des globalen Wettbewerbs sind Kinder keine Privatsache mehr, sondern eine der wichtigsten Angelegenheiten eines starken Staates." (Deupmann 2005, S.

70) Dadurch, wie Politik, Wissenschaft und (Fach-)Publizistik im Demogra- fiediskurs über Hintergründe des Bevölkerungsrückgangs verhandeln und welche Lösungsmöglichkeiten sie immer öfter erwägen, können nicht nur Rechtsextremisten und Neonazis, die sich seit jeher Sorgen um den „Fortbe- stand des deutschen Volkes" machen und rigide Gegenmaßnahmen befür- worten, Auftrieb erhalten, wird vielmehr auch eine Biologisierung bzw. Eth- nisierung des Sozialen betrieben, die der Entpolitisierung zwangsläufig Vor- schub leistet. In gesellschaftlichen Krisen- und Umbruchphasen wie der heu- tigen wird den Menschen häufig auf sehr subtile Weise, aber systematisch Angst eingeflößt, die sie gegenüber als „natürlich", wenn nicht gar naturge- setzlich erscheinenden Veränderungen gefügig macht. Dazu dienen extrem düstere Prognosen und Kassandrarufe im Hinblick auf die Bevölkerungsent- wicklung, deren Zahl in jüngster Zeit explosionsartig wächst. Eva Barlösius (2007) spricht von einer „Demographisierung des Gesellschaftlichen" womit sie die Verengung sozialer Aushandlungsprozesse durch eine deterministi- sche Erklärung von Konflikten und Katastrophen meint. Die von Neonazis wie Christian Worch angemeldeten Demonstrationen griffen das Problem der Massenarbeitslosigkeit und der Armut verstärkt auf. „Dies geschah einerseits durch Aufmärsche, die in mehreren Städten parallel am 1. Mai organisiert wurden, andererseits durch Aufmärsche gegen Globa- lisierung' sowie im Kontext der Proteste gegen Hartz IV." (Virchow 2006, S. 78f.) Der soziale Klimawandel, für den „Hartz IV" als berühmt-berüchtigter Höhepunkt der rot-grünen Reformpolitik steht, die CDU/CSU und SPD in der Großen Koalition eher noch verschärft fortführen (vgl. hierzu: Butter- wegge 2006c, S. 184ff. und 301 ff.), hat die Wirkungsmöglichkeiten für Rechtsextremisten verbessert. Wut und Verzweiflung unter den davon Be- troffenen erleichterten es beispielsweise örtlichen Gliederungen der NPD, sich im Vorfeld der Beschlussfassung über das Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt an Montagsdemonstrationen in Ostdeutsch-

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Christoph

Butterwegge

land zu beteiligen, und die wachsende Verunsicherung von Langzeitarbeitslo- sen erlaubte es ihnen, Funktionäre als „Sozialberater" einzusetzen (vgl. dazu:

Maegerle 2006). Damit war die NPD zumindest bei einzelnen Wahlen auf kommunaler und regionaler Ebene ziemlich erfolgreich. So schaffte sie im Gefolge der ostdeutschen Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV am 19. September 2004 mit 9,2 Prozent der Stimmen den Sprung in das sächsische Landespar- lament, ohne dort allerdings - wie ihren Wähler(inne)n vorher versprochen - eine Politik für Modernisierungsverlierer zu machen. Vielmehr schildert der Journalist Toralf Staud (2005, S. 116), dass sich die Partei monatelang nicht mehr um „ihr" Erfolgsthema kümmerte und ihre Abgeordneten in den Fach- ausschüssen dazu schwiegen: „Keinen einzigen Antrag zum Thema brachte die NPD zustande, und für drei Kleine Anfragen brauchte sie ein halbes Jahr - sie bezeugten dann auch noch Inkompetenz, weil darin Fachbegriffe ver- wechselt wurden." (ebd., S. 117) Statt mit Hartz IV und den Folgen beschäf- tigte sich die sächsische NPD-Landtagsfraktion lieber mit dem 60. Jahrestag der Zerstörung Dresdens durch alliierte Kampfflugzeuge, die Jürgen W. Gan- sei, eines ihrer Mitglieder, als „Bomben-Holocaust" bezeichnete. Um solche Provokationen zu entschärfen, müssten die demokratischen Parteien der NPD innerhalb wie außerhalb des Parlaments geschlossen be- gegnen, was ihnen aufgrund inhaltlicher Divergenzen, programmatischer De- fizite und ideologischer Schnittmengen mit den Rechtsextremisten allerdings zumindest in Dresden selten gelingt. Vielmehr lässt sich beobachten, „dass Teile der sächsischen CDU seit dem Landtagseinzug der NPD nach rechts schwenken. Die Junge Union etwa begann eine Debatte über,Nationsverges- senheit und Wertekultur' und veröffentlichte ein Thesenpapier mit der Über- schrift ,Ein Wert für sich: Deutschland', das sich ausdrücklich und genau wie die NPD zum Abstammungsprinzip bei der Staatsangehörigkeit bekennt." (Staud 2005, S. 122) Tatsächlich sind führende Repräsentanten der Sachsen- CDU kaum weniger völkisch angehaucht, „vaterländisch" ausgerichtet und provinziell als die dortigen Nationaldemokraten. Nachdem ihr der „Westim- port" Kurt Biedenkopf als eigenwilliger Ministerpräsident zur absoluten Mehrheit verholfen und sie durch seinen unrühmlichen, von zahlreichen Af- fären begleiteten Abgang wieder auf den harten Boden der Tatsachen zu- rückgeworfen hatte, befand sich die sächsische Union in einem Zustand der inneren Zerrissenheit und der anhaltenden Diadochenkämpfe. Statt der ultra- rechten Herausforderung offensiv entgegenzutreten, verabschiedete die dorti- ge CDU auf ihrem 19. Landesparteitag in Schwarzenberg am 5. November 2005 eine Resolution „Deutscher Patriotismus in Europa", die sich eher bei der NPD anbiederte als vom Nationalismus abgrenzte. Man definierte sich als „patriotische, konservative und christlich-wertorientierte Volkspartei", be- klagte die angebliche „Deutungsdominanz der ,Achtundsechziger' in Medi- en, Wissenschaft und Schule" sowie die daraus erwachsene „Abneigung ge- gen die eigene nationale Identität" und monierte das Fehlen von „Symbol-

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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trächtigen Institutionen, die den Patriotismus auf ein sinnfälliges Zentrum hin bündeln und Momente kollektiver emotionaler Erhebung ermöglichen." (CDU-Landesverband Sachsen 2005, S. 4, 6, 7 und 9) Trost fand die sächsi- sche Union einzig in der schwarz-rot-goldenen Flagge, die „besonders vor Schulen und Hochschulen zu hissen" sei, sowie im „Lied der Deutschen", das morgens nach dem Schulgebet zu schmettern ihre Delegierten am liebsten schon den kleinen Kindern verordnet hätten: „Das Erlernen der National- hymne gehört in die Lehrpläne der Grundschulen. Das Singen der Hymne muss eine Selbstverständlichkeit bei öffentlichen Veranstaltungen werden, dient der Identifikation der Bürger mit ihrem Gemeinwesen und wird gerade von jedem Politiker als Bekenntnis zu unserem demokratischen Staat erwar- tet." (ebd., S. 9)

2.3 Merkmale,

Kontinuitätslinien

Kultur

in

Deutschland

und

Erblasten

der

politischen

Hass, Aggressivität und Brutalität gegenüber (ethnischen) Minderheiten er- zeugt die stärkere ökonomische Rivalität im Zeichen der Globalisierung bzw. der neoliberalen Modernisierung nur, weil in den meisten Ländern außer den materiellen Voraussetzungen ein geistiger Nährboden dafür existiert. Hier liegt auch ein Hauptgrund dafür, dass der Rechtsextremismus in Wirtschafts- krisen besonders gedeiht, ohne zwangsläufig an die Macht zu kommen, wenn der Gesellschaft ein konjunktureller Abschwung oder ein historischer Nie- dergang droht. Vielmehr bedarf es politisch-kultureller Traditionen, die dafür sorgen, dass keine anderen, etwa demokratisch-sozialistische Deutungsmus- ter, dominant werden, damit eine Krisensituation mittels rassistischer, natio- nalistischer und biologistischer Kategorien erklärt bzw. kollektiv „verarbei- tet" wird. Neben den ökonomischen Macht- und Herrschaftsverhältnissen, die im Zuge der Globalisierung eine neue Gestalt annehmen, prägt die politische Kultur eines jeden Landes seine extreme Rechte, deren Ideologie, Organisati- onsstruktur und Führungspersonal, aber auch die Art und Weise, wie ihr de- mokratische Kräfte begegnen (vgl. hierzu: Butterwegge 2001). Erblasten der politischen Kultur in Deutschland waren und sind trotz der vor allem durch die Jahreszahlen 1918/19 und 1945 markierten Zäsuren und der „Kulturre- volution" durch die Außerparlamentarische Opposition (APO) von 1968 zum Teil noch immer: ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken, die Fixierung auf Staat (Etatismus) und Obrigkeit (Untertanenmentalität), politischer Konfor- mismus und übertriebene Harmoniesucht, Autoritarismus und Antipluralis- mus, Antiintellektualismus und Irrationalismus, ein Hang zum (rechtlichen) Formalismus, die preußische Ordnungsliebe sowie eine Schwäche vieler Männer für militärische Disziplin (vgl. dazu: Sontheimer 1991; Bergem 1993; Greiffenhagen/Greiffenhagen 1993). Sie gipfelten in einem aggressiv-mili-

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tanten Nationalismus, weil Deutschland als „verspätete Nation" (Helmuth Plessner), von der Ungleichzeitigkeit zwischen kapitalistischer Industrialisie- rung und Demokratisierung geprägt, im Wilhelminismus und im sog. Dritten bzw. Großdeutschen Reich wenn nötig auch mit Waffengewalt einen „Platz an der Sonne" - das meinte: Weltmachtstatus - zu erlangen suchte. Der jüdische Historiker Fritz Stern (1963) hat in seinem Hauptwerk „Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland" nachgezeichnet, wie die Sehnsucht nach Größe und einem „starken Mann" die politische Kultur seit der Reichsgründung 1870/71 ge- prägt und welche Rolle sie für den Aufstieg der NS-Bewegung gespielt hat. Stern (ebd., S. 16f.) hält die „Kultivierung der Innerlichkeit" und die „Ideali- sierung der Macht" für die zwei entscheidenden Merkmale der politischen Kultur in Deutschland. Die sozialpsychologischen Wurzeln der Militanz des deutschen Nationalismus liegen seiner Meinung nach im Wilhelminischen Reich: „Kaum verhüllte autoritäre Macht einerseits und völlig wirklichkeits- fremde Geistigkeit andererseits - dies waren die beiden Aspekte des kaiserli- chen Deutschlands." (ebd., S. 17) Jener „Kult der Unbarmherzigkeit und Ge- walt gegen sich und andere als einzig wirksames Mittel, um sich durchzuset- zen", den Tonio Walter (2007, S. 48) für einen Wesenszug des deutschen Bürgertums hält, das hiermit seiner Meinung nach aristokratische Kriegsstra- tegien der preußischen Junker fehlinterpretierte und verabsolutierte, lebt bis heute fort und findet seinen aktuellen Niederschlag im Marktradikalismus unserer Tage. Trotz schwerer militärischer Niederlagen in beiden Weltkriegen blieb der Glaube, dass „wir Deutsche" ein besonders fleißiges, tüchtiges und begnade- tes Volk seien, tief im Massenbewusstsein verankert. Kurt Sontheimer (2004) weist auf die Kontinuität antidemokratischen Denkens hin, betont aber gleich- zeitig, dass sich die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen seit der Weimarer Republik grundlegend verändert haben. In einem Punkt gleichen sich die Weimarer und die „Berliner Republik", obwohl sie vieles andere trennt: Problematischer als das, was organisierte Rechtsextremisten tun, um die parlamentarische Demokratie zu untergraben und am Ende zu zerstören, ist heute wie seinerzeit die Annäherung von deren führenden Re- präsentanten, Trägern und Institutionen an ihre Grundüberzeugungen bzw. Schlüsselideologien, als da waren und sind: (Kultur-)Rassismus, (Standort-) Nationalismus und Sozialdarwinismus. Anders gesagt: Nicht militante Neo- nazi-Aufmärsche und spektakuläre Gewalttaten stellen die eigentliche Be- drohung für Demokratie, Grundwerte und Humanität dar, sondern viel sub- tilere Veränderungen der politischen Kultur. Eine Renaissance des Nationalismus setzte nicht erst mit der DDR- „Wende" im Herbst 1989 und der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990, sondern bereits nach dem Regierungswechsel im Oktober 1982 ein, als sich die CDU/CSU/FDP-Koalition der sog. Deutschen Frage zuwandte und diese in „Berichten zur Lage der Nation" wieder für offen erklärte. Wenig später

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hielt das Deutschlandlied (manchmal mit allen drei Strophen) Einzug in Schulbücher, Klassenräume, Fußballstadien sowie Sendeanstalten. Forderun- gen nach einer Neukonturierung der „nationalen Identität" fungierten als Brücke zwischen der „liberalkonservativen Mitte" und der extremen Rechten. Als Helmut Kohl am 8. Mai 1985 gemeinsam mit US-Präsident Ronald Rea- gan den Soldatenfriedhof in Bitburg besuchte, wo sich u.a. zahlreiche Gräber von Angehörigen der Waffen-SS befinden, wurden die NS-Täter durch einen symbolischen Akt rehabilitiert. Micha Brumlik (1989, S. 264) sah in diesem „obszönen Ritual" ein klares Signal zur „Rechtsverschiebung des bürgerli- chen Lagers" durch die CDU/CSU: „Im Jahre 1985, vierzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der Befreiung Deutschlands vom Nationalso- zialismus, leitete die große konservative Volkspartei den ideologischen Rechtsruck ein." 1986/87 wurde im sog. Historikerstreit versucht, die Liberalisierung der politischen Kultur, meist mit der Schüler- und Studentenbewegung bzw. „1968" assoziiert, durch Relativierung der Shoah und Rehabilitierung der NS-Täter rückgängig zu machen (vgl. z.B. Senfft 1990). Langsam verschob sich das politische Koordinatensystem der Bundesrepublik nach rechts. Spä- ter knüpften Debatten über Martin Walsers Friedenspreis-Rede, die Wehr- machtsausstellung, das Holocaust-Mahnmal in Berlin, das „Schwarzbuch des Kommunismus", den Bestseller „Hitlers willige Vollstrecker" von Daniel J. Goldhagen und Norman G. Finkelsteins Polemik zur „Holocaust-Industrie" daran mittelbar an (vgl. dazu: Wippermann 1997; Dietzsch u.a. 1999; Wiegel/ Klotz 1999; Brumlik u.a. 2000; Klundt 2000; Piper 2001; Steinberger 2001). Die deutsche Vereinigung hat den Nationalismus 1989/90 wieder zu ei- ner politisch relevanten Größe gemacht. Nun bekamen jene Kräfte spürbar Auftrieb, denen „das Nationale" immer schon mehr als „das Soziale" am Herzen gelegen hatte. Zwar konnten REPublikaner, DVU und NPD bei der nächsten Parlamentswahl von dem „Jahrhundertereignis" nicht profitieren, sondern eher die in der Wählergunst zurückgefallenen Unionsparteien und ihr Spitzenkandidat Helmut Kohl, der sich als „Kanzler der Einheit" feiern und später für den Friedensnobelpreis vorschlagen ließ; als eigentliche Sieger fühlen sich bis heute aber jene, die nach „Mitteldeutschland" nun auch die ehemaligen deutschen Ostgebiete „heimholen" wollen. Wiewohl es nach der Vereinigung von DDR und Bundesrepublik weder hüben noch drüben einen „Nationalrausch" (Wolfgang Herles) gab, hat eine partielle Renationalisierung der Politik und der politischen Kultur stattgefun- den (vgl. dazu: Dietl u.a. 1998; Jäger u.a. 1998; Jäger/Jäger 1999). Die am 20. Juni 1991 getroffene Entscheidung des Bundestages, vom „Wasserwerk" am Rhein in das Reichstagsgebäude nach Berlin überzusiedeln, wirkte unter- schwellig als Distanzierung von der „Bonner Republik" und wurde zumin- dest in Teilen der Öffentlichkeit als definitive Abkehr von der Westorientie- rung bzw. als „Rückbesinnung auf die Nation" interpretiert. Seit nicht mehr zwei miteinander verfeindete Teilstaaten existieren, erscheint Deutschland

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wieder als politisches Kollektivsubjekt, das „selbstbewusst" handeln soll und seinen Bürger(inne)n mehr Leistungs- bzw. Leidensfähigkeit abverlangen muss (vgl. z.B. Baring 1991 und 1997; Schwilk/Schacht 1994) Politisch-kulturelle Traditionen entscheiden mit darüber, auf welche Art eine Wirtschaftskrise oder eine gesellschaftliche Umbruchsituation, etwa DDR-„Wende" und deutsche Wiedervereinigung, kollektiv „verarbeitet" wer- den. Sofern ausgrenzend-aggressive Momente in der politischen Kultur eines Landes dominieren, werden die gesellschaftlichen Verteilungskämpfe zu Abwehrgefechten der Einheimischen gegen „Fremde" und zu interkulturellen Konflikten hochstilisiert (vgl. zur Rolle der Medien in diesem Zusammen- hang: Butterwegge/Hentges 2006). Wellen rassistisch motivierter Gewalt und rechtsextremer Anschläge stehen im Zusammenhang mit der öffentlichen Diskussion um (Möglichkeiten/Grenzen der) Zuwanderung und (Probleme der) Asylpolitik. Rechte Straftäter können sich - teils nicht ohne Grund - als Vollstrecker eines breit bekundeten „Volkswillens" fühlen, was durch ent- sprechende Erklärungen und Stellungnahmen etablierter Politiker unterstri- chen wird. Die von offizieller Seite gern behauptete Weltoffenheit scheint auf für den „eigenen" Wirtschaftsstandort bzw. die nationale Kapitalakkumulati- on „Nützliche" beschränkt zu sein; den als „Sozialschmarotzer" oder „Para- siten" diffamierten Asylbewerber(inne)n schlägt hingegen eine wachsende Ablehnung entgegen. Die 1991/92 extrem zugespitzte Asyldebatte hat nicht nur dem Grund- recht selbst geschadet, sondern auch die Verfassung und die demokratische Kultur der Bundesrepublik lädiert (vgl. Prantl 1994): Günter Grass (1992, S. 22) sprach mit Blick auf die Asylhysterie vom „Niedergang der politischen Kultur im geeinten Deutschland", gar von einem „Rechtsrutsch", welcher als „bundesweite Verlagerung der politischen Mitte" begriffen werden müsse. Von der Asyldiskussion führte ein direkter Weg zur Standortdebatte, die Mitte der 90er-Jahre das Einfallstor für eine neue Spielart des Nationalismus bildete. War zuerst die Furcht verstärkt worden, Ausländer nähmen „den Deutschen die Arbeitsplätze" weg, so entstand nun der Eindruck, das deut- sche Kapital wandere ins Ausland ab. Der neoliberalen Standortlogik fol- gend, war und ist der Diskurs über Auslandsinvestitionen nicht frei von apo- kalyptischen Untertönen, weil so getan wird, als gingen hierzulande „die Lichter aus". Angeblich läuft der „Industriestandort D" aufgrund mangelnder Wettbewerbsorientierung und nachlassender Leistungsbereitschaft längerfris- tig Gefahr, auf den Weltmärkten zurückzufallen. Genannt seien hier nur die Bestseller „Sind die Deutschen noch zu retten?" von Herbert A. Henzler und dem früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth (1993), „Ist Deutschland noch zu retten?" von Hans-Werner Sinn (2004) und „Deutschland. Der Abstieg eines Superstars" von Gabor Steingart (2004). Obwohl die Bundesrepublik jahrelang „Exportweltmeister" war, wurde in der Politik sowie der Wirtschaftspublizistik so getan, als könne sie im Standort- wettbewerb nicht mehr mithalten.

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Ähnliches gilt für die im Sommer 1998 vom damaligen Berliner Innen- senator Jörg Schönbohm (CDU) als Gegenmodell zum Multikulturalismus erhobene, gut zwei Jahre später von seinem Parteifreund und damaligen Chef der Unionsfraktion im Bundestag Friedrich Merz aufgegriffene Forderung, Zuwanderer müssten sich der „deutschen Leitkultur" unterwerfen. Darüber entbrannte in den Medien eine längere Kontroverse, bei der es um die „natio- nale Identität" und die Salonfähigkeit einer neokonservativen Spielart des Kulturrassismus ging. In diesem Zusammenhang fungierten Vertreter demo- kratischer Parteien wiederholt als Stichwortgeber rechtsextremer Publikations- organe, die sich gern auf Stellungnahmen und Positionen bürgerlicher Kreise berufen, um ihre Reputation zu erhöhen. „Medien der extremen Rechten zi- tierten Politiker und Wissenschaftler aus der gesellschaftlichen Mitte', die der multikulturellen Gesellschaft und den ,Parallelgesellschaften' den Kampf ansagten und sich für eine deutsche Leitkultur stark machten, und dokumen- tierten Artikel bzw. Kolumnen, die zuvor in den etablierten Medien veröf- fentlicht worden waren und die Forderungen nach einer deutschen Leitkultur mit der sog. Inländerfrage und dem deutschen Nationalstolz' verknüpften." (Hentges 2002, S. 113f.) „Leitkultur" ist ein neokonservativer Kamptbegriff, der sich gegen die ethnischen Minderheiten in Deutschland richtet, und sie zur Akzeptanz der normativen, sprachlichen und religiösen Hegemonie der Mehrheitsgesell- schaft zwingt. Gudrun Hentges (2001, S. 65) erklärt Brisanz und Resonanz der im Oktober 2000 entbrannten „Leitkultur"-Diskussion mit dem Zeit- punkt, zu welchem sie gefuhrt wurde: „Ein Jahrzehnt nach der Auflösung des sozialistischen Staatensystems und der Wiedervereinigung der beiden deut- schen Staaten stellt sich die Frage nach der selbstbewußten Nation' neu - nicht nur in der sog. Sicherheits- und Verteidigungspolitik, sondern auch im Bereich der Ausländer- und Asylpolitik." „Parallelgesellschaft" avancierte nach der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh im November 2004 zu einem Konträrbegriff zur „multikulturellen Gesellschaft", der als Chiffre für die sprachliche Entfremdung, Integrationsverweigerung und Selbstabschottung von Migrant(inn)en steht. Zwar gibt es „Parallelge- sellschaften", diese bilden sich aber weniger entlang ethnischer als sozioöko- nomischer und -kultureller Scheidelinien heraus. Jürgen Nowak (2006, S. 71 f.) nennt „Gated Communities" als Beispiel für eine Parallelgesellschaft der Eliten und der Reichen im Lande, die nicht skandalisiert wird, sondern gesellschaftlich akzeptiert ist. Von der „Leitkultur"-Diskussion führte ein gerader Weg zur „National- stolz"-Debatte (vgl. dazu: Häusler 2002) und zur Diskussion über einen „neuen Patriotismus". Auf dem Höhepunkt teilweise pogromartiger, rassis- tisch motivierter Übergriffe, die zu Beginn der 1990er-Jahre im vereinten Deutschland zunächst vor allem Asylbewerber(inne)n und vietnamesischen Vertragsarbeitnehmer(inne)n nicht nur in Hoyerswerda und Rostock-Lichten- hagen, dann auch türkischen Familien nicht nur in Mölln und Solingen gal-

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ten, wurde die Parole „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" in der bürgerli- chen Mitte meist rechten Skins zugeordnet. Ungefähr ein Jahrzehnt später bekannte der damalige CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer im Focus (v. 30.10.2000) jedoch, er sei stolz, ein Deutscher zu sein. Am 12. März 2001 konterte der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin in einem WDR- Interview eine Meyer-Attacke auf die Parteitagsforderung der Bündnisgrü- nen, das ursprüngliche Grundrecht auf Asyl wieder herzustellen („Rückfall in Müsli-Nostalgie"), unter Bezugnahme auf die Glatze des Zitierten: „Laurenz Meyer hat die Mentalität eines Skinheads und nicht nur das Aussehen." Als Johannes Rau nach Rücktrittsforderungen der Union gegenüber Trit- tin völlig zu Recht bemerkte, man könne nur auf eigene Leistungen, nicht je- doch auf die Nationalität stolz sein, musste sich sogar das damalige Staats- oberhaupt der Bundesrepublik einen Mangel an Patriotismus vorwerfen las- sen. Weit über das ultrarechte Spektrum hinaus wurde nunmehr die Position bezogen, das Deutschsein verlange wie zu Zeiten des zweiten Kaiserreiches oder des NS-Regimes entsprechenden Nationalstolz. Heute müsste ein Staatsoberhaupt, das auf die Frage, ob es den Staat liebe, sarkastisch „Ich lie- be nicht den Staat, ich liebe meine Frau" antworten würde wie Gustav Hei- nemann als designierter Bundespräsident 1969, zumindest dann bissige Kommentare über sich ergehen lassen, wenn es dabei um „Deutschland" gin- ge. Matthias Matussek (2006, S. 244) drückt das in der Bundesrepublik mitt- lerweile vermutlich dominante Gefühl folgendermaßen aus: „Wir Deutschen haben Gewaltiges geleistet in den letzten 15 Jahren. Wir haben unsere Einheit als Volk errungen und sind nicht mehr abhängig von Blöcken und Alliierten und Siegermächten. Wir sind ein selbstbestimmtes Volk, eine große Nation in der Mitte Europas, die stolz auf sich sein kann." Bei jener neudeutschen Ideologie, die heute fast alle Lebensbereiche durchdringt, handelt es sich weder um jenen „klassischen" Deutschnationa- lismus, der schon im Kaiserreich parteiförmig organisiert war und von gesell- schaftlich einflussreichen Kräften neben den Parteien, etwa dem Deutschen Flottenverein oder dem Alldeutschen Verband (vgl. dazu: Hering 2003; Wal- kenhorst 2007), propagiert wurde, noch um einen aufgeklärten Wilhelminis- mus, vielmehr um eine umfassend modernisierte Variante nationalistischen Bewusstseins, die sich der Öffentlichkeit als legitime Reaktion auf eine ver- schärfte Weltmarktkonkurrenz präsentiert. Die Totalidentifikation mit der Nation ist wieder ausdrücklich erwünscht, geht es doch darum, nicht nur die Transformation der Bundeswehr zur Interventionsarmee zu flankieren, son- dern auch den Weltmarkt zu erobern und im Kampf mit anderen „Wirt- schaftsstandorten" alle Kräfte zu mobilisieren. Von den Sportnachrichten über die Modeberichterstattung bis zum Wirtschaftsteil der Tageszeitungen dominiert daher die Botschaft, dass man auf Leistungen deutscher Mitbür- ger/innen, handle es sich nun um Boxchampions, Topmodels oder Spitzen- manager, stolz sein und ihnen auf dem eigenen Tätigkeitsfeld nacheifern soll. „Privatinitiative", unbedingter Leistungswille, berufliche Flexibilität und

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geografische Mobilität sowie der Verzicht auf „Besitzstände" sind angeblich notwendig, um auf den Weltmärkten bestehen zu können. Matthias Matussek (2006, S. 244) behauptet in seinem Bestseller „Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können", ohne Nationalstolz sei eine Wirtschaftsnation nicht erfolgreich: „Die unverklemmte Identifikati- on mit der eigenen Nation ist neben allem anderen ein Wettbewerbsvorteil. Auch in Zeiten der Globalisierung wird die deutsche Nation nicht überflüs- sig, nicht für uns, die wir hier arbeiten, hier unsere Kinder in die Schulen schicken, hier unsere Steuern bezahlen und uns hier auf Krankenhäuser und Müllabfuhr verlassen müssen, und das gilt für unsere Arbeitgeber und Ar- beitnehmer gemeinsam. Für uns gibt es nationale Interessen, die über denen anderer Nationen rangieren sollten." Claudia Pinl (2007, S. 110) verweist demgegenüber auf das „Wirtschaftswunder" am Ende der 1950er-/Anfang der 1960er-Jahre und fragt mit ironischem Untertan, „wie es möglich war, dass die national so gedemütigten und verklemmten (West-)Deutschen in der Nachkriegszeit diesen erstaunlichen wirtschaftlichen Aufschwung zustande brachten." Henrik Müller (2006, S. 71) begegnet dem naheliegenden Ein- wand mit der Bemerkung, seit 1989/90 habe sich der Standortwettbewerb zwischen den Nationalstaaten drastisch verschärft: „Weil in der globalisierten Welt der Wettbewerb zwischen Nationen ausgetragen wird, hat die Bundes- republik mit der schwachen Loyalität ihrer Bürger zur Nation Nachteile, die sich in der Abwärtsspirale der Wirtschaft niederschlagen." Das in der Bundesrepublik stärker als in den meisten anderen Ländern verbreitete Bewusstsein, auf den internationalen Märkten einer „Welt von Feinden" gegenüberzustehen und durch (den sprichwörtlichen deutschen) Er- findungsgeist, besondere Tüchtigkeit, größeren Fleiß und noch mehr Opfer- bereitschaft die Überlegenheit des „eigenen" Wirtschaftsstandortes unter Be- weis stellen zu müssen, bildet die Grundlage des Standortnationalismus. Es handelt sich hierbei um ein Konkurrenzdenken, das auf den „eigenen" Wirt- schaftsstandort fixiert ist, von der Bevölkerungsmehrheit einen Verzicht auf Wohlstandszuwächse fordert und eine primär dessen internationale Wettbe- werbsfähigkeit steigernde (Regierungs-)Politik favorisiert. Wenn das Wohl und Wehe des „Standorts D" im Mittelpunkt aller Bemühungen um die Ent- wicklung der Gesellschaft steht, sind die (arbeitenden) Menschen nebensäch- lich, hohe Gewinnmargen der (Groß-)Anleger jedenfalls erheblich wichtiger und andere Länder nur Weltmarktkonkurrenten, die es niederzuringen gilt. Bis zur vorgezogenen Bundestagswahl am 18. September 2005 überla- gerte das Ringen um vergangene und künftige Sozialreformen die Auseinan- dersetzung über alle sonstigen Themen. Kaum im Amt, reanimierte Norbert Lammert, der Wolfgang Thierse (SPD) als Bundestagspräsident abgelöst hatte, die „Leitkultur"-Debatte. Unter diesem Begriff versteht der CDU-Poli- tiker die Durchsetzung eines religiös-kulturellen Dominanzanspruchs, um dadurch „unseren Erfahrungen, Überzeugungen und Prinzipien im eigenen Land Geltung zu sichern. Diese Vereinbarung über gemeinsame Grundwerte

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ist auch die notwendige Substanz für den Erwerb der Staatsangehörigkeit. Die Staatsangehörigkeit ist nicht die Vorleistung für Integration, vielmehr ist umgekehrt Integration die Voraussetzung zum Erwerb der Staatsangehörig- keit." (Lammert 2006, S. 144) Lammert hält „Verfassungspatriotismus" als geistig-moralisches Fundament des Gemeinwesens für unzureichend, wes- halb er die „Identifikation mit der eigenen Nation" (ebd.) fordert. „Deutschland" geriet nun wieder stärker in den Blickpunkt der politi- schen Öffentlichkeit und wurde häufiger zum Kristallisationskern massen- medialer Diskurse. Typisch dafür war jene Werbekampagne des Deutschen Sportbundes für mehr Bewegung, die unter dem Motto „Sport tut Deutsch- land gut" stand, obwohl das Argument eines persönlichen Nutzens (Gesund- heitsvorsorge) bei sportlicher Betätigung vermutlich überzeugender gewirkt hätte. Genannt sei auch die große, 2005/06 von nicht weniger als 25 Medien- unternehmen getragene Sozialmarketingkampagne „Du bist Deutschland", die für mehr nationales Selbstbewusstsein werben und damit ökonomische Aufbruchstimmung erzeugen wollte. In dieselbe Richtung wies der Hurrapa- triotismus während der Fußballweltmeisterschaft, die vom 9. Juni bis zum 9. Juli 2006 unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden" in der Bundes- republik stattfand. Wenn der Nationalstolz bis in die Mitte der Gesellschaft hinein rekultiviert wird, sind dafür ökonomische ebenso wie sportliche Erfol- ge maßgeblich. Nach dem vorzeitigen Ausscheiden der heimischen Natio- nalmannschaft, die immerhin den 3. Platz belegte, wurden zwar die meisten schwarz-rot-goldenen Fähnchen wieder eingemottet und erst wieder vor dem Titelgewinn bei der Handball-WM vom 19. Januar bis zum 4. Februar 2007 herausgeholt, die Zunahme rechtsextremer Straftaten und rassistischer Über- griffe während des genannten Zeitraums spricht jedoch für eine Stimulation des Nationalismus. Claudia Pinl (2007, S. 93), die im „Biedermeier-Kom- plott" neokonservativer Zeitgeistsurfer einen Angriff auf die Demokratie sieht, überschätzt jedoch die Langzeitwirkung des „Party-Patriotismus", wenn sie schreibt: „Seit der Fußball-WM gibt es für deutschen Stolz kaum noch ein Halten." Als die DFB-Frauen am 30. September 2007 in Shanghai ihren WM-Titel erfolgreich verteidigten, gab es trotz einer sehr hohen Ein- schaltquote bei der Fernsehübertragung des Endspiels gegen Brasilien kein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer auf deutschen Straßen, vielleicht auch des- halb, weil Fußball hierzulande immer noch als reiner Männersport gilt. Stolz, ein Deutscher zu sein, ist man kaum wegen der glorreichen Ge- schichte oder der siegreich beendeten Schlachten dieser Nation, sondern hauptsächlich wegen ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Thematisiert der Neorassismus die kulturelle Differenz, so verabsolutiert der Standortna- tionalismus die Konkurrenzfähigkeit und postuliert einen parteienübergrei- fenden Konsens im Wirtschafts- und Sozialbereich, der Konflikte mit (ge- werkschaftlichen) Verbandsinteressen bzw. Gruppenegoismen nicht aus- schließt. In einer Krisen- und Umbruchsituation ertönt der Ruf nach einem „starken Mann" nicht nur im Kreis rechtsextremer Randalierer.

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Mit dem Standortnationalismus korrespondierte ein Großmachtanspruch, der sich in einer sukzessiven Remilitarisierung der Außenpolitik und der Vorstellung niederschlug, die Bundesrepublik „am Hindukusch verteidigen" (Peter Struck) zu müssen. Was aufgrund der totalen Niederlage des Hitlerfa- schismus im Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang tabu gewesen war, wurde allmählich wieder für „normal" erklärt. So erschien der Spiegel am 20. No- vember 2006 auf dem Titelblatt mit einem Bundeswehrsoldaten im Tarnan- zug, einer schwarz-rot-goldenen Fahne mit arabischem Schriftzug und dem Zitat „Die Deutschen müssen das Töten lernen", das von einem Gesprächs- partner des SPD-Politikers und Regierungsbeauftragten für die deutsch- amerikanischen Beziehungen Karsten D. Voigt in der US-Administration stammt, wie man aus dem Artikel „Das Afghanistan-Abenteuer" erfährt. Dort werden die Klagen von NATO-Militärs über die „Feigheit" der Deutschen kolportiert, verbunden mit der Einschätzung, dass sich die Bundesregierung den Forderungen nach einem stärkeren Engagement und mehr Truppen auf Dauer kaum werde entziehen können: „Die Rückkehr Berlins auf die interna- tionale Bühne ist wohl im letzten Akt angekommen. Schon bald könnten deutsche Soldaten wieder in Kampfeinsätze ziehen, wo sie auf Menschen schießen und auch beschossen werden. Dann wird sich erweisen, ob das Land darauf vorbereitet ist - mental, politisch und militärisch." Militärische Tugenden wie Pflichtbewusstsein, Treue, Ehre, Mut, Diszi- plin, Zucht und Ordnung waren in der Bundesrepublik lange Zeit verpönt. Umso mehr erstaunt die Tatsache, dass ein oberflächliches und wenig ni- veauvolles Buch wie Bernhard Buebs (2006) „Lob der Disziplin" die Best- sellerlisten stürmte, was Frank-Olaf Radtke (2007, S. 236) als „Symptom der gegenwärtigen Tendenz zur Ent-Demokratisierung wichtiger gesellschaftli- cher Bereiche" wertet, in diesem Fall der Erziehung von Kindern und Ju- gendlichen. Dass man in Schulen und Hochschulen, die steigendem Konkur- renzdruck unterliegen, mit modernen Managementmethoden auf Leistung getrimmt werden und sich in Rankings permanent miteinander messen (las- sen) müssen, auf diese Weise eher mehr Streber, Duckmäuser und Konformis- ten als selbstbewusst handelnde Bürger/innen und kritische Geister heran- zieht, liegt auf der Hand. Das ist einer der Hauptwidersprüche des gegenwärtigen Zeitgeistes: Wäh- rend man den Wirtschaftsbossen grenzüberschreitend immer mehr unternehme- rische Autonomie gewährt, werden den (arbeitenden) Menschen ein Verzicht auf die gewohnte soziale Sicherheit, eine stärkere Abhängigkeit von Markt- zwängen und mehr Staatseingriffe in ihre Privatsphäre zugemutet. Das Hohe- lied auf die Marktfreiheit geht paradoxerweise mit der Wiederentdeckung ge- sellschaftlicher Konventionen, Pflichten und Sekundärtugenden einher. Offen- bar harmoniert die globalisierte Postmoderne gut mit biedermeierlichem Mief und kleinbürgerlicher Spießennorai (vgl. dazu: Rickens 2006: Pinl 2007). Ist der Marktradikalismus von (bildungs)bürgerlichem Sendungsbewusst- sein. einem Rekurs auf religiöse Werte, einem Aufwallen patriotischer Ge-

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fühlsregungen und einer übermäßigen Betonung der sog. Sekundärtugenden begleitet und paart er sich mit traditionellen Moralvorstellungen (vgl. Pinl 2007, S. 122), schlägt der Neoliberalismus in Neokonservatismus um, für den Autorennamen wie Udo Di Fabio (2005), Paul Kirchhof (2006), Meinhard Miegel (2002 und 2005), Paul Nolte (2004 und 2006) und Frank Schirrma- cher (2004 und 2006) stehen. Claudia Pinl (2007, S. 153) verweist auf die Komplexität des Phänomens, unterschiedliche Schwerpunkte der Autoren und widersprüchliche Argumentationsmuster: „Nicht alle Neokonservativen wollen die Frauen an den Herd zurückschicken, nicht alle sind gegen Kin- dertagesstätten oder für die radikale Durchkommerzialisierung aller Lebens- bereiche. Einige glauben vorwiegend an die Macht Gottes, andere an die Macht des Marktes oder der Gene, wiederum andere trauen vor allem dem moralisch erhobenen Zeigefinger. Woran sie eher nicht glauben: dass Men- schen fähig sind und in die Lage versetzt werden müssen, über die Macht- und Ressourcenverteilung in der Gesellschaft demokratisch zu bestimmen." Ludwig Elm (2007, S. 23) sieht im Neoliberalismus „nach Ursprung und so- zialem Auftrag wie nach seiner erkennbaren gesellschaftspolitischen Rolle eine der Rechten zugehörige, sie ergänzende und stützende Erscheinung", ohne ihm eine autonome Stellung in der Ideengeschichte des Bürgertums oder eine spezifische Funktion im bestehenden Herrschaftssystem zuzugeste- hen. Neoliberalismus und -konservatismus gehen zwar Hand in Hand, wenn die ökonomische, politische und geistig-moralische Vorherrschaft des Kapi- tals bedroht ist, sind jedoch eigenständige Gedankengebäude. Angesichts die- ser relativen Autonomie war der Neoliberalismus nur deshalb hegemoniefä- hig, weil seine Vertreter ein Bündnis mit dem Neokonservatismus eingingen. Nationalkonservatismus und Neoliberalismus schließen einander nicht etwa grundsätzlich aus, wie man angesichts ihrer unterschiedlichen Ideenge- schichte meinen könnte, sondern gehen eine politisch brisante Synthese ein. Religiös-moralischer Konservatismus und Marktradikalismus liefern bei- spielsweise gemeinsam die ideologische Legitimation einer „Sicherheitsge- sellschaft", wie Tobias Singeinstein und Peer Stolle (2006, S. 43 und 89) die gegenwärtige Spielart der Sozialkontrolle nennen. Darunter verstehen sie eine Gesellschaftsformation mit erweiterten Eingriffsmöglichkeiten in die Privat- sphäre, subtileren Disziplinierungsmechanismen und verfeinerten Kontroll- techniken: „Der Schwerpunkt von sozialer Kontrolle verlagert sich von der sozialen Integration durch soziale Netzwerke und Institutionen und der für- sorglichen, resozialisierenden Intervention des Staates hin zu Selbstflih- rungsmechanismen, amoralischen und abstrakt-unpersönlichen Kontrollarran- gements und sozialem Ausschluss. Damit entsteht eine Ausdifferenzierung in sich komplementär ergänzende Mechanismen. Diese sind vorfeldorientierter, wirken manipulativ und entfalten umfassende Kontrolle, während sie zu- gleich absoluter und repressiver sind." (ebd., S. 88)

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3. Populismus als spezifische Politikform und Problem der kleinbürgerlichen Mitte

Seit den 1990er-Jahren hat der Populismusbegriff in Politik und (Fach-)Pub- lizistik eine steile Karriere gemacht. Heute wird „Rechtspopulismus" häufiger anstelle von und in deutlicher Abgrenzung zum Begriff „Rechtsextremismus" für Kräfte am Innenrand dieses politischen Spektrums zur politischen Mitte benutzt, um zu vermitteln, dass es sich hierbei um eine modernisierte und salonfähigere Form derselben Richtung handle. Rückblickend stellt sich frei- lich die Frage, ob der Populismusbegriff zu mehr Klarheit hinsichtlich der Klassifikation von Kräften rechts der Mitte beigetragen oder eher Verwirrung in der (Medien-)Öffentlichkeit gestiftet hat.

3.1 Rechtspopulismus

-

begrifflicher

Klarheit?

inhaltsleerer

Modebegriff oder

Garant

Der vornehmlich in vielen Massenmedien zuletzt beinahe inflationär verwen- dete Populismusbegriff ist aus zwei Gründen schillernd und unscharf. Einer- seits fallen darunter häufig link(sradikal)e genauso wie recht(sextrem)e und basis- bzw. radikaldemokratische genauso wie antidemokratische Strömun- gen, was seine Offenheit für unterschiedliche Strategien und Taktiken signa- lisiert, aber auch inhaltliche Mehrdeutigkeit, Verschwommenheit und Kon- turlosigkeit bedingt. Andererseits wird häufig so getan, als sei „Rechtspopu- lismus" das demokratisch geläuterte, zumindest sehr viel moderatere Pendant zum Rechtsextremismus, nicht etwa nur eine Spezialform desselben. Dies bringt jedoch weitere Abgrenzungsprobleme mit sich, ohne gleichzeitig mehr terminologische Klarheit zu schaffen. Missverständlich ist der Populismus- begriff insofern, als dafür zwei unterschiedliche Deutungsmuster existieren, die wir nachfolgend darstellen und kommentieren wollen. Das erste, in der Forschungslandschaft wie in der Fachliteratur klar do- minante Deutungsmuster begreift Populismus als Politik(vermittlungs)form und Regierungsstil (vgl. z.B. Körte 2003; Jun 2006), welcher von Personen, Parteien oder Koalitionen ganz unterschiedlicher Couleur praktiziert werden kann, was man ggf. mittels der Differenzierung zwischen Links- und Rechts- populismus zum Ausdruck bringt. Nach herrschender Lehre charakterisiert der Populismus gar nicht die Politik einer Partei, sondern nur die Art, wie sie gemacht und/oder „an den Mann gebracht" wird: .„Populistisch' genannte Bewegungen und Strömungen appellieren an das ,Volk' im Gegensatz zu den Eliten, insbesondere an die ,einfachen Leute', und nicht an bestimmte Schichten, Klassen, Berufsgruppen oder Interessen." (Puhle 1986, S. 13) Armin Pfahl-Traughber (1994, S. 18f.), der unter „Populismus" gleich- falls keine politische Ideologie, sondern eine Politikform? versteht, nennt als

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wichtigste Kennzeichen den Bezug auf das „Volk" (lat. populus) als homo- genes Ganzes, den Rekurs auf das Unmittelbare bzw. die direkte Beziehung zwischen Basis/,,Volk" und populistischem Akteur sowie die Anlehnung an den „Stammtisch"-Diskurs, real existierende diffuse Einstellungen, Ressen- timents und Vorurteile. Hans-Jürgen Puhle (2003, S. 42) behauptet, dass in Demokratien des Informationszeitalters ein „struktureller Zwang zu populis- tischer Politik" bestehe: „Der klassen- und interessenübergreifende Appell ans Volk, an die Leute, besonders die ,kleinen Leute' und die zu kurz gekom- menen, ist in der modernen Massendemokratie mit ihren mehr präsidialen oder quasi-präsidialen als parlamentarischen Zügen eine wichtige strategische Schiene auf dem Weg zum Erfolg, zur Stimmenmaximierung." Von einer Ubiquität des Populismus, wie sie Autoren konstatieren, die ihn kurzerhand zum nötigen Schmiermittel einer Mediendemokratie erklären, kann jedoch keine Rede sein. Marcus Neureiter (1996, S. 22) sieht im Rechtspopulismus ein „Über- gangsphänomen", das er im politischen Grenzland zwischen Rechtsextre- mismus und Konservatismus ansiedelt. Zwar versteht Neureiter (ebd., S. 23) den Populismusbegriff als „zunächst inhaltsfreie Bezeichnung für eine spezi- fische Form der Politikformulierung und -Vermittlung", doch beharrt er auf einem qualitativen Unterschied zwischen Rechtsextremismus und -populis- mus: „Während typische (rechts)extremistische Gruppierungen oder Aktivis- ten zunächst eine spezifische Ideologie oder Doktrin entwickeln und diese dogmatisch auch unabhängig von der Zustimmung der Massen' vertreten, insofern aber auch in ihren Inhalten von der ,Massenzustimmung' unabhän- gig und damit inhaltlich prinzipiell ,frei' sind, entwickeln typische populisti- sche Parteien ihre Programmatik pragmatisch entlang der Vorurteils- und Af- fektstruktur bestimmter sozialer Schichten und sind infolge dessen von deren Inhalten abhängig." (Hervorh. im Original) Deshalb könnten sie häufig das zielgerichtet von ihnen angesprochene Bevölkerungssegment geschlossen mobilisieren. Dagmar Schaefer, Jürgen Mansel und Wilhelm Heitmeyer (2002, S. 124) wählen einen anderen Zugang, um den Begriff zu erläutern, und sie verstehen darunter auch mehr als nur einen Stil: „Rechtspopulismus ist als eine Mobili- sierungsstrategie zu verstehen, in deren Zentrum es steht, Stimmungen ge- genüber Schwächeren zu erzeugen, um über erzielte Wahlerfolge dann mit- tels demokratisch erworbener Macht die Gesellschaft autoritär umzubauen." Die zitierten Autor(inn)en interessieren sich weniger für die „Angebotsseite", d.h. rechtspopulistische Parteien bzw. deren Funktionäre, als für die „Nach- frageseite", d.h. das von ihnen nicht ohne Ironie als „saubere Mitte" bezeich- nete rechtspopulistische (Wähler-)Potenzial (vgl. auch Schönfelder 2008). Karin Priester (2007, S. 9f.) beharrt zu Recht darauf, dass der Populismus mehr als eine Frage des Politikstils, der „Anrufung" und des Auftritts gegen- über einer bestimmten Zielgruppe ist, nämlich „eine durchaus konsistente, wenn auch ambivalente und wenig ausgearbeitete Philosophie mit klar identi-

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fizierbaren gesellschafts- und staatstheoretischen Vorstellungen beinhaltet." Weiter bemerkt die Münsteraner Sozialwissenschaftlerin, dass der Populis- mus zumindest in seiner nordamerikanischen und europäischen Ausprägung „erstens eine recht genau lokalisierbare soziale Basis, zweitens eine zwar we- nig elaborierte, dennoch konkrete Gesellschaftsvorstellung und drittens ein spezifisches Verständnis vom Staat und (von; Ch.B.) seinen Funktionen hat." (ebd., S. 13) Wie ein roter Faden ziehe sich durch alle Bewegungen, die im Ruch des Populismus gestanden hätten oder stünden, ein bestimmtes Frei- heitsverständnis, das Unabhängigkeit vor allem gegenüber dem modernen Interventionsstaat, Experten und Technokraten verlange, was ihre antiintel- lektualistischen Züge erkläre. Rechtspopulismus agiert nicht im luftleeren Raum, sondern benötigt eine soziale Basis, deren Interessen er vertritt oder zu vertreten vorgibt. Indem Karin Priester (ebd.) den Populismus klassenpoli- tisch verortet, nimmt sie diesem Begriff jene Beliebigkeit, die ihn für eine politikwissenschaftliche Analyse zuletzt eher verzichtbar hatte erscheinen lassen: „Populisten vertreten, immer bezogen auf die westliche Hemisphäre, zutiefst bürgerlich-liberale Werte und sind als Kleinproduzenten selbst Teil des Bürgertums." Ein gewisses rhetorisches Talent und die argumentative Demagogie sei- ner fuhrenden Repräsentanten sind auffällige Merkmale des Populismus, aber nicht für ihn konstitutiv. Nach größerer Popularität zu streben, „dem Volk aufs Maul zu schauen" und komplexe Zusammenhänge leicht verständlich darzustellen, ist höchstens dann populistisch, wenn damit die Manipulation von Menschen zugunsten einer privilegierten Minderheit verbunden ist. Un- befriedigend bleibt eine bloße Formaldefinition für Populismus, wenn sie kei- nerlei inhaltliche Festlegung enthält. Die Bezeichnung eines Parteiprogramms als „populistisch" ist sowenig aussagekräftig wie der Begriff „Protestpartei", welchen Everhard Holtmann (2002, S. 70) bevorzugt, weil in beiden Fällen keine Aussage über die dahinter steckende Ideologie getroffen wird. Das zweite Deutungsmuster versteht unter Populismus eine stärker in- haltlich bestimmte Konzeption, die aufgrund ihrer Konstruktion eines (eth- nisch) homogenen Volkes, das sie den „korrupten Eliten" gegenüberstellt, mit einer linken Weltanschauung bzw. deren Hauptströmungen - Sozialis- mus, Reformismus und Kommunismus -, die Klassen und Schichten zu Ba- siskategorien ihrer Topografie der Gesellschaft machen, unvereinbar ist, aber mit den bürgerlichen Grundrichtungen - Liberalismus und Konservatismus -, die zwischen den genannten Großgruppen keine Interessengegensätze zu er- kennen vermögen, durchaus harmoniert. Rechtspopulismus wäre für diese Orientierung zwar der treffendere Begriff, was allerdings nicht ausschließt, dass sich auch Strömungen der „Mitte" oder der Linken zumindest vorüber- gehend solcher Argumentationsmuster und entsprechender Agitationstechni- ken bedienen. Özgür Öner (2002, S. 179) sieht die gesamte Ultrarechte durch Ausgren- zung ethnischer Minderheiten aus der Nation und durch bewussten Verzicht

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auf deren Integration gekennzeichnet: „Während Rechtsextremisten sich auf die Ablehnung von Immigration beschränken, treten bei den Rechtspopulis- ten law-and-order-Parolen und neoliberale Programmpunkte hinzu, die auf Entmachtung der politischen Eliten zielen." (Hervorh. im Original) Ob dieses Merkmal ausreicht, um beide Akteursgruppen trennscharf voneinander zu unterscheiden, ist jedoch fraglich. Der Bochumer Sprachwissenschaftler Jürgen Link (2002, S. 201) glaubt, in der Verwendung von Bezeichnungen wie „Rechtspopulist" für Jörg Haider, Ronald Barnabas Schill usw. eine „Normali- sierung" erkennen zu können, durch die sie in das demokratische Parteienspek- trum integriert werden und womit ihnen Koalitionsfähigkeit attestiert wird. Vergleiche können in der Politikwissenschaft und Parteienforschung ge- nauso wie in anderen Untersuchungsbereichen erkenntnisfördernd sein, aller- dings nur dann, wenn sie die Gemeinsamkeiten zwischen bestimmten Ob- jekten der Komparatistik nicht zulasten der wesentlichen Unterschiede oder Gegensätze zwischen ihnen überzeichnen. Unter dem Sammelbegriff „Popu- lismus" werden allerdings so unterschiedliche, wenn nicht gegensätzliche Phänomene wie die PRO (Schill-Partei) und die PDS (vgl. z.B. Hartleb 2004), DIE LINKE und REPublikaner, Vulgärmarxisten und organisierte Rechtsextremisten oder gar (sich moderat gebende) Neo- und Antifaschisten subsumiert. Darin manifestiert sich eine gravierende Schwäche dieser Be- grifflichkeit: Aufgrund seiner inhaltlichen Konturlosigkeit und geringen Aus- sagekraft ist der Populismusbegriff nur sehr begrenzt geeignet, die wissen- schaftliche Analyse zu befruchten. Wenn man alle wichtigen Rechtsparteien, unabhängig davon, ob sie nationalkonservativ wie die REPublikaner, deutsch- national wie die DVU oder neonazistisch bzw. nationalrevolutionär wie zu- mindest seit geraumer Zeit die NPD ausgerichtet sind, über einen Kamm schert und als „rechtspopulistisch" bezeichnet (so z.B. Lucardie 2007, S. 42ff.), verwischt dieses Etikett mehr, als es zu ihrer Klassifikation innerhalb des Parteienspektrums bzw. zur Typologisierung ihrer programmatischen, strategischen und taktischen Orientierung beiträgt. Der doppeldeutige Populismusbegriff lässt zwei entgegengesetzte Inter- pretationen zu: Entweder versteht man unter „Populismus" nur einen Agita- tions- bzw. Regierungsstil, dessen sich linke wie rechte Parteien bedienen (können), und ergänzt den rein formalen Begriff zur Spezifikation um die je- weilige politische Richtung, oder man füllt ihn mit Inhalt und differenziert zwischen demokratischem und ethnischem Populismus, je nachdem, welches Verständnis der Volksinteressen seiner Berufung darauf zugrunde liegt: Eth- nos und demos (vgl. dazu: Francis 1965; Hentges/Reißlandt 2001) kenn- zeichnen ganz unterschiedliche Konzepte, geht es doch im einen Fall um die ethnische Abstammung als Merkmal der „Fremden" und im anderen Fall um die soziale Lage der Menschen, die zusammen als Volk gegenüber den „ei- genen" Machteliten firmieren. Populismus ist mehr als eine Stilfrage und eine Agitationstechnik, wor- auf schon die Etymologie des Terminus verweist, denn die ursprüngliche

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Wortbedeutung lässt den Anspruch damit Bezeichneter erkennen, Politik im Namen des Volkes und/oder für das Volk zu machen. Je nachdem, ob man diese Zielgruppe im Sinne von „ethnos" oder „demos" versteht, bildet das „eigene" oder das „gemeine Volk" den Fixpunkt. Zwar haben Rechtspopulis- ten nur wenig Hemmungen, ihrerseits - etwa als Parlamentsabgeordnete oder Minister - die Privilegien der Mächtigen und Regierenden in Anspruch zu nehmen, verlangen von diesen jedoch, sich nicht persönlich zu bereichern, sondern selbstlos „der Sache des Volkes" anzunehmen. Rechtspopulisten stellen zwar die soziale Frage, ohne sie jedoch überzeugend zu beantworten. Meistens verknüpfen solche Gruppierungen die soziale mit der nationalen Frage, obwohl eine Verbindung von sozialer und demokratischer Frage nötig wäre, um sie zu lösen. Da sich der Rechtsextremismus im Hinblick auf seine Ideologieprodukti- on und Strategiediskussion spürbar modernisiert, programmatisch erneuert und vom Nationalsozialismus mehr oder weniger überzeugend distanziert so- wie aufgrund der Vielfalt von ihm mittlerweile besetzter Handlungsfelder, Aktionsformen und Organisationszusammenhänge erheblich ausdifferenziert hat, sollten nur jene (Partei-)Organisationen, Strömungen und Bestrebungen als rechtspopulistisch bezeichnet werden, die den Dualismus von „Volk", „Bevölkerung" bzw. „mündige Bürger" und „Elite", „Staatsbürokratie" bzw. „politische Klasse" zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Agitation und Propa- ganda machen, ohne militante Züge aufzuweisen und Gewalt zur Durchset- zung politischer Ziele anzuwenden oder anzudrohen. Innerhalb des Rechts- populismus kann man idealtypisch vier Grundvarianten unterscheiden:

1. Wenn die Kritik an einem vermeintlich überbordenden, die Volkswirt- schaft lähmenden und den eigenen Wirtschaftsstandort gefährdenden Wohlfahrtsstaat im Mittelpunkt der Propaganda einer Rechtspartei steht, wäre von „Sozialpopulismus" zu sprechen. Man nutzt den unterschwellig vorhandenen, oft in der politischen und medialen Öffentlichkeit ge- schürten Sozialneid gegenüber noch Ärmeren - in diesem Fall: den an- geblich „faulen" bzw. „arbeitsscheuen" Erwerbslosen und Sozialhilfe- empfänger(inne)n -, um von den eigentlichen Verursachern der sich ver- tiefenden Kluft im Land abzulenken. Von einem Sozialpopulismus kann aber dann nicht ernsthaft die Rede sein, wenn man kritisiert, dass Trans- ferleistungen wie die Altersrente und die Arbeitslosenhilfe gekürzt bzw. gestrichen werden. Das tun aber Everhard Holtmann, Adrienne Krappi- del und Sebastian Rehse (2006, S. 133), die den Populismus als „Droge" verharmlosen, um damit der „Vorstellung allumfassender staatlicher So- zialfürsorge" entgegenzutreten. Wenig aussagekräftig erscheint der Ter- minus „Wirtschaftspopulisrnus", den Andreas Bachmeier (2006) für ein anderes Phänomen verwendet. Um seine Hypothese zu verifizieren, dass die deutschen Volksparteien in Bundestagswahlkämpfen „wirtschaftspo- pulistisch" agieren (vgl. ebd., S. 13), überdehnt Bachmeier den Begriff.

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Er verwendet ihn als „Bezeichnung einer wirtschaftspolitischen Richtung und Argumentationsweise, die Wirtschaftswachstum und Einkommens- verteilung betont, jedoch die damit verbundenen Risiken vernachlässigt. Diese Politik wird umgesetzt durch Dramatisierung der Lage, Übertrei- ben und Überhöhen von Inhalten sowie ein gezieltes Ansprechen von Emotionen und Ängsten, die in vorgeblich einfachen Problemlösungen umgesetzt werden, um die Zustimmung der breiten Masse zu gewinnen." (ebd., S. 14)

2. Konzentriert sich eine rechte Gruppierung auf die Stigmatisierung und Diskriminierung von Straffälligen, plädiert sie energisch für „mehr Här- te" der Gesellschaft im Umgang mit ihnen und nimmt sie besonders Dro- genabhängige, Bettler/innen und Sexualstraftäter ins Visier, um die Wäh- ler/innen mit einem Szenario der permanenten Bedrohung zu erschre- cken, handelt es sich um Kriminalpopulismus, der die „anständigen Bür- ger" gegen den „gesellschaftlichen Abschaum" mobilisiert und seine Kampagnen auf dem Rücken von sozial benachteiligten Minderheiten in- szeniert. Häufig genug spielt die Boulevardpresse dabei eine unrühmli- che Rolle als Sprachrohr einer intoleranten und illiberalen Mehrheitsge- sellschaft.

3. Steht mehr der staatliche Innen-außen-Gegensatz bzw. die angebliche Privilegierung von Zuwanderern gegenüber den Einheimischen oder die „kulturelle Überfremdung" im Vordergrund, handelt es sich um Natio- nalpopulismus. Charakteristisch ist für ihn, dass die zunehmende Paupe- risierung breiter Bevölkerungsschichten, übrigens vor allem ethnischer Minderheiten, nicht etwa als Konsequenz ihrer Diskriminierung (z.B. im Bildungsbereich sowie auf dem Arbeitsmarkt) und einer ungerechten Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen, vielmehr als Resultat der zu großen Durchlässigkeit bzw. Aufhebung der Grenzen für Migrant(in- n)en thematisiert und die Angst vor einer „Überflutung" bzw. ,,-frem- dung" durch diese kultiviert wird. „Nicht mehr die Differenzierung zwi- schen ,oben' und ,unten' ist für die Wahrnehmung gesellschaftlicher Konfliktlinien entscheidend, sondern die zwischen ,innen' und ,außen', zwischen der ,Wir'-Gruppe und ,den Anderen'. Auch für die Anhänger des Rechtspopulismus erscheint der gesellschaftliche Basiskonflikt pri- mär als ein kultureller, in dem nicht die .objektive' Schichtzugehörigkeit, sondern die (wahrgenommene) Haltung zur Welt zum letztlich entschei- denden Kriterium wird, wer zur ,Wir'-Gruppe gezählt wird und wer nicht." (Geden 2006, S. 44) Man bemüht rassistische Ressentiments ge- genüber sog. Gastarbeitern, Aussiedlern, Asylsuchenden, „Illegalen" und anerkannten Flüchtlingen, während die heimischen Profiteure des sich vertiefenden Wohlstandsgefälles von Kritik weitgehend verschont blei- ben.

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schung über ihre etablierten Konkurrentinnen auf dem „Wählermarkt" und die Entfremdung vieler Bürger/innen gegenüber dem bestehenden Regierungs- bzw. Parteiensystem („Politikverdrossenheit") zunutze macht, das sie mit Korruption gleichsetzt und aus prinzipiellen Erwägun- gen ablehnt, erreicht die populistische Zuspitzung eine andere Qualität, was die Bezeichnung „Radikalpopulismus" rechtfertigt. Bei dieser Vari- ante legt eine populistische Bewegung den Maßstab für ihr eigenes Ver- halten sehr hoch. Umso leichter kann sie daran gemessen und wie schon oft geschehen selbst der politischen Unfähigkeit, Inkompetenz und Korruptionsanfälligkeit überführt werden. Radikalpopulismus ist die falsche Antwort auf ein reales Problem, das als Krise der demokratischen Repräsentation zweifellos auch in der Bundesrepu- blik existiert. Der aktuelle Rechtsextremismus führt die Menschen nicht ein- fach an der Nase herum, sondern greift subjektive Eindrücke bzw. persönli- che Erfahrungen auf und bietet ein Modell für ihr Verständnis und ihre Ver- änderung, ohne dabei mit seinen Grundlagen - Ungleichheitsideologien, Ab- lehnung der parlamentarischen Demokratie und autoritären Führungskon- zepten - brechen zu müssen (vgl. Kaindl 2006, S. 65f.; Kaindl 2007, S. 148). Je mehr sich die politische Klasse gegenüber der übrigen Gesellschaft abzu- schotten und die Interessen sozial benachteiligter und von Deklassierung be- troffener bzw. von sozialer Marginalisierung bedrohter Schichten mit Füßen zu treten scheint, umso leichter fällt es rechten Demagogen, die wachsende Wut über „die da oben" auszunutzen, die Enttäuschung über gebrochene Wahlversprechen zu kanalisieren und Bürger/innen für ihre Weltdeutung zu gewinnen. Rechtspopulisten ziehen ihre (wahl)politische Legitimation nicht zuletzt aus der Ohnmacht, in die (Sozial-)Staat und Politik durch den Globalisie- rungsprozess vermeintlich geraten sind. Wenn man so will, wurde dieser zum Geburtshelfer des modernen Rechtspopulismus als einer spezifischen Politik- form durch die Auswüchse bzw. sozialen Verwerfungen der neoliberalen Modernisierung radikalisierter Kleinbürger. In einer Krise der Beschäftigung, des Sozialen wie der politischen Partizipation und Repräsentation schlägt die Stunde rechter Demagogen. Vor allem junge Menschen verfallen leichter dem Irrglauben, durch demokratisches Engagement nichts mehr bewirken zu können, sondern einem charismatischen Führer folgen zu müssen, wenn sie keine andere Möglichkeit mehr sehen, die Gesellschaft zu verändern, trans- nationale Konzerne in die Schranken zu weisen und andere Global Player zu kontrollieren. Hans-Georg Betz (2001, S. 168) weist daraufhin, dass sich der jüngste Aufstieg des Rechtspopulismus im Spannungsfeld von neoliberaler Moderni- sierung und antiglobalistischer Gegenmobilisierung vollzog. Während der 1980er-Jahre lehnte sich der Rechtspopulismus fast überall in Europa an den Neoliberalismus an, überbot dessen Marktradikalismus teilweise sogar und

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fungierte damit als Türöffner für den Standortnationalismus. Hatte der Natio- nalsozialismus auf Traditionsbewusstsein, überkommene Werte und den Mythos des Reiches gepocht, setzte der Rechtspopulismus eher auf Innovati- onsbereitschaft, geistige Mobilität und den Mythos des Marktes. Statt der an- tiliberalen Grundhaltung à la Carl Schmitt war für ihn zunächst eine wirt- schaftsliberale Grundhaltung ä la Adam Smith kennzeichnend. Weniger einer völkischen Blut-und-Boden-Romantik als der wirtschaftlichen Dynamik ver- haftet, ist der Rechtspopulismus stärker markt-, Wettbewerbs- und leistungs- orientiert. Statt fremder Länder wollte er lieber neue Absatzmärkte erobern. Die ultrarechte Wertetrias, so schien es fast, bildeten nicht mehr „Führer, Volk und Vaterland", sondern Markt, Leistung und Konkurrenzfähigkeit: Pri- vatisierung öffentlicher Unternehmen und Dienstleistungen, Deregulierung des Arbeitsmarktes und Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse erga- ben jene Zauberformel, mit der man die Zukunft des „eigenen" Wirtschafts- standortes sichern wollte. Anfang der 1990er-Jahre äußerten die europäischen Rechtspopulisten deutlicher Vorbehalte gegenüber einer Form der Globalisierung, die Massenar- beitslosigkeit produzierte und gleichzeitig die Zuwanderung von Hochqualifi- zierten forcierte, um den jeweiligen Industriestandort noch leistungsfähiger zu machen. Nun wendete man sich sozialen und ökonomischen Fragestellungen zu, die im Zeichen der Globalisierung tendenziell an Bedeutung gewannen. Wirtschaft und Soziales wurden zu dem Politikfeld, auf das sich Agitation und Propaganda fast der gesamten rechtsextremen Szene konzentrierten (vgl. Ptak 1999, S. 98). Je mehr sich Arbeitslosigkeit, Armut und Abstiegsängste bis in die Mitte der Gesellschaft hinein ausbreiteten und das Leben von Millionen Familien bestimmten, umso stärker konzentrierten sich Rechtspopulisten auf die soziale Frage. Sie propagierten eine größere Heimatverbundenheit, völki- sches Zusammengehörigkeitsgefühl und nationale Identität als geistig- moralischen Schutzschild gegenüber den Herausforderungen der Globalisie- rung, massenhafter Migration und kultureller „Überfremdung", sei es durch Ju- den oder durch Muslime (vgl. Grumke 2006a, S. 131). Rechtspopulisten profilierten sich als Interessenvertreter der Arbeitneh- mer/innen und Erwerbslosen, die von den sozialdemokratischen (Regierungs-) Parteien verraten worden seien. Teilweise feierten sie Wahlerfolge mit unge- wohnten Tiraden gegen die Öffnung der (Arbeits-)Märkte, den Wirtschaftsli- beralismus, Managerwillkür und Standortentscheidungen multinationaler Konzerne. „Selbst rechtsextreme Politikprojekte, die mit dem Neoliberalis- mus weiter im Bunde sind, bieten auch die Kritik der durch ihn hervorge- brachten gesellschaftlichen Veränderungen." (Kaindl 2006, S. 64) Geschickt verbanden Rechtspopulisten unter Hinweis auf negative Folgen der Globali- sierung die soziale mit der „Ausländerfrage", wodurch sie Anschluss an die Massenstimmung, neoliberale Sozialstaatskritik und hegemoniale Diskurse gewannen - für Rainer Benthin (2004, S. 187) eine historisch bedeutsame Veränderung im rechten Lager.

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Christina Kaindl (2005, S. 182) diagnostiziert einen „Umschwung der rechtspopulistischen Parteien von Befürwortern zu Kritikern von Globalisie- rung und Neoliberalismus", thematisiert allerdings nicht, ob es sich hierbei um eine Richtungsänderung oder bloß um einen taktischen Schachzug han- delte. Man kann beim Rechtspopulismus keinen durchgängigen „Schwenk weg vom Neoliberalismus" (Greven 2006, S. 19) erkennen, sondern höch- stens ein zeitweiliges Schwanken im Hinblick darauf, wie bestimmte Wähler- schichten am besten zu erreichen wären. Dass der Rechtspopulismus aus wahltaktischen Gründen programmatische Konzessionen an breitere Schich- ten (Arbeitermilieu, sozial Benachteiligte, „Modernisierungsverlierer") ma- chen musste, bedeutet natürlich keinen prinzipiellen Bruch mit dem Marktra- dikalismus. Vielmehr existiert zwischen beiden weiterhin ein politisch- ideologisches Interdependenzverhältnis. „Selbst dort, wo neue rechtsradikale Parteien ihre wirtschaftsliberale Rhetorik einschränken, bedeuten die Konse- quenzen ihres Aufstiegs Wasser auf die Mühlen neoliberaler Sozialstaatskri- tik." (Kitschelt 2001, S. 439)

Ausgelöst und erleichtert durch die Rechtsentwicklung der Sozialdemo- kratie und ihre Abkehr vom traditionellen Wohlfahrtsstaatsmodell, das sie bisher als historische Errungenschaft betrachtet hatte, suchte die Ultrarechte ihre soziale Basis um die Jahrtausendwende zu verbreitern. Je mehr sich fast die ganze europäische Sozialdemokratie dem neoliberalen Mainstream an- passte, als nationale Regierungspartei einen sog. Dritten Weg einschlug, in die („Neue") Mitte rückte und dadurch machtpolitisch wie programmatisch ein Vakuum auf der Linken schuf (vgl. dazu: Unger u.a. 1998; Schroeder 2001; Frenzel 2002; Jun 2004; Merkel u.a. 2006), umso leichter fiel es Rechtspopulisten in unterschiedlichen Ländern, sich als Hoffnungsträger ei- ner durch die politische Klasse entmündigten und ohnmächtig der Welt- marktdynamik ausgelieferten Bevölkerung zu präsentieren. „Es ist die man- gelnde Warmherzigkeit, die etliche Apologeten des Dritten Wegs ausstrahlen und die gerade untere Schichten scharenweise in die Arme rechtspopulisti- scher Rattenfänger treiben." (Frenzel 2002, S. 303) Denselben Zusammen- hang hebt auch der Göttinger Parteienforscher Franz Walter (2005, S. 106) hervor: „Die neue Mittigkeit der Sozialdemokraten - aber auch der Christ-

demokraten und Konservativen - in Europa war (

Humus für den rechts-

populistischen Aufstieg. Wo die neumittigen Sozialisten vage blieben, gaben sich die Parteien der populistischen Rechten eindeutig, pointiert, markant und geradlinig, eben: ohne Wenn und Aber."

Manche rechtspopulistische Parteien vermögen Aufsteiger und Karrieris- ten ebenso von der Richtigkeit ihrer Programmatik zu überzeugen wie sozial Benachteiligte. Wer die Frage beantworten möchte, warum Millionen Arbeit- nehmer/innen und Erwerbslose die Parteien bzw. Listen von Multimillionä- ren wie Christoph Blocher (SVP), Pim Fortuyn (LPF), Gerhard Frey (DVU) oder Jörg Haider (FPÖ/BZÖ) wählen bzw. gewählt haben, stößt auf die Ja- nusköpfigkeit des modernen Rechtspopulismus, der marktradikale Botschaf-

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ten meist eher unterschwellig mittels einer bestimmte Gruppen ausgrenzen- den Dominanzideologie und sozialer Demagogie verbreitet. Abwehr und Af- firmation neoliberaler Botschaften gehen Hand in Hand. Rechtspopulisten gelingt es, den neoliberalen Subjektanforderungen gemäß zu handeln und ih- nen gleichwohl zu widersprechen„Einerseits werden sie zurückgewiesen und im rechtsextremen Modell vom volksgemeinschaftlichen Sozialstaat auf- gelöst; andererseits werden ihre Formen der Ausgrenzung, Brutalisierung, Mobilisierung des Subjekts aufgegriffen und gegen die gesellschaftlich Mar- ginalisierten gewendet" (Kaindl 2007, S. 147) Die sog. Neue Rechte übt sich in einem gesellschaftspolitischen Spagat:

Sie verachtet den Sozialstaat, der ihr als Hemmschuh der Wirtschaftsent- wicklung und Wachstumsbremse erscheint, verteidigt den Nationalstaat je- doch gegen Versuche der Zuwanderer, ihn „auszuplündern", und spricht Letzteren das Recht auf Transferleistungen wie das Kindergeld ab, um sie für Angehörige des eigenen Volkes erhalten oder erhöhen zu können. Rainer Benthin (2004, S. 190) spricht von einer „strategische(n) Koppelung neolibe- raler Ideologie mit xenophoben und rassistischen Diskursmustern", durch die sich eine nach rechts radikalisierte Sozialstaatskritik, wie sie der Neolibera- lismus formuliert, und das Postulat der sozialen Exklusion nach ethnisch-kul- turellen Kriterien verbinden lassen. Rechtspopulisten sprechen Wohlhabende, Besserverdienende und Super- reiche genauso an wie die vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelschichten und die von der Arbeitslosigkeit betroffenen Modernisierungsverlierer/innen. Historisch betrachtet war der Populismus allerdings eine kleinbürgerliche Protestbewegung, die das Dilemma der Mittelschichten, sozial „einge- klemmt" und von zwei die Geschichte dominierenden Kräften bedroht zu sein, durch eine doppelte Abgrenzung - gegenüber den „korrupten Eliten" da oben und den „trägen Massen" da unten kompensiert. Heute sind die Auf- stiegskanäle der Gesellschaft für Kleinbürger/innen so verstopft, dass deren sozialer Absturz viel wahrscheinlicher ist. Umso energischer wenden sich Teile der Mittelschichten gegen einheimische „Sozialschmarotzer" und Mi- grant(inn)en, was sie für rechtspopulistische Mobilisierungsversuche anfälli- ger macht. Hierzulande greift der Rechtspopulismus bisher weniger als in den meis- ten übrigen EU-Staaten das Gefühl der politischen Entfremdung zwischen Btirger(inne)n und dem bestehenden Regierungs- bzw. Parteiensystem, dafür jedoch umso konsequenter folgende drei Schlüsselthemen auf, die er in dem- agogischer Manier so miteinander verschränkt, dass Migrant(inn)en als Sün- denböcke fungieren und der Ruf nach einem „starken Mann" als notwendi- ger, wenn nicht wichtigster Schritt zur Lösung sämtlicher Probleme er- scheint:

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liehen Kassen) und des Systems der sozialen Sicherung (Finanzierungs- schwierigkeiten im Bereich des Gesundheitssystems, der Altersvorsorge und der Pflegekassen);

2. das Problem der demografischen (Fehl-)Entwicklung, des anhaltenden Geburtenrückgangs, der vermeintlichen Überalterung („Vergreisung") und des anschließenden Sinkens der Einwohnerzahl („Bevölkerungs- schrumpfung");

3. das Spannungsverhältnis zwischen Migration in multikulturellen Ein- wanderungsgesellschaften, Defiziten der Integration und dem traditio- nellen Konzept des Nationalstaates (Bedürfnis nach „deutscher Identi- tät") im Zeichen der Globalisierung. Betrachtet man die Geschichte des Parteiensystems der Bundesrepublik, so kann man wohl noch am ehesten die Partei Rechtsstaatlicher Offensive (PRO) des Hamburger Amtsrichters Ronald Barnabas Schill als rechtspopuli- stisch bezeichnen, wenngleich sie von ihrer Gründung an versuchte, sich ideologisch und organisatorisch vom Rechtsextremismus abzugrenzen. Da sich die sog. Schill-Partei vor und nach ihrem kometenhaften Aufstieg, ihrem Sensationserfolg bei der Wahl zur Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg am 23. September 2001, als sie 19,4 Prozent der Stimmen erhielt, sowie bei dem Zerfall in zerstrittene Gruppierungen fast nur mit dem Thema „Innere Sicherheit" bzw. „(Ausländer-)Kriminalität" beschäftigt, „Law and order"-Parolen verbreitet und einen Ausbau der Polizei gefordert hat, weist ihr Profil gewisse Überschneidungen mit Kernbestandteilen der rechtsextre- men Programmatik auf. Die starke Personalisierung auf den Parteigründer (vgl. dazu: Carini/Speit 2002) hat mit zu ihrem Image als Rechts- bzw. Füh- rerpartei beigetragen, die sich auf populistische Weise der Sorgen „kleiner Leute" annahm. Der damalige nordrhein-westtalische Landesvorsitzende und ehemalige Vizekanzler Jürgen W. Möllemann brach im Bundestagswahlkampf 2002 durch antisemitische Ausfalle (Angriffe auf Michel Friedman, seinerzeit Stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, so- wie eine Postwurfsendung in Massenauflage, in der die Politik Israels scharf attackiert wurde) einen heftigen Streit mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland vom Zaun. Möllemann (2003) ergriff im Streit mit der israeli- schen Regierung vehement Partei für die Palästinenser und ließ als neoliberal orientierter Politiker deutlich Sympathien für Standortnationalismus und Rechtspopulismus erkennen. Ein rechtspopulistischer Kurswechsel der FDP nach dem Muster ihrer österreichischen Schwesterpartei, wie ihn Hajo Funke und Lars Rensmann (2002) vorschnell diagnostizierten, blieb zwar aus. Möl- lemanns „Projekt 18", von dem sich Guido Westerwelle inspirieren (und - in maßloser Überschätzung seiner Rolle, Bedeutung und Möglichkeiten - als „Kanzlerkandidat" der FDP nominieren) ließ, zeigte aber, dass die nationalli- beralen Traditionslinien innerhalb dieser Partei fortwirkten und weiterhin ge-

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fährlich waren. Durch den spektakulären Tod Möllemanns beim Fallschirm- springen am 5. Juni 2003 hat die von ihm verkörperte Spielart des Rechtspo- pulismus in Deutschland jedoch ihren „Wort-Führer" mit den vielfältigsten, in Regierungsämtern wie im parlamentarischen und außerparlamentarischen Raum gesammelten Erfahrungen und dem größten persönlichen Charisma verloren. In der Bundesrepublik konnte sich bislang keine rechtspopulistische Partei bei Wahlen auf der zentralstaatlichen Ebene durchsetzen oder auf re- gionaler Ebene dauerhaft behaupten. Vielmehr kamen alle Gruppierungen dieser Art nicht über regionale bzw. lokale Achtungserfolge und kurze Hö- henflüge hinaus. Das bestehende Parteiensystem weist jedoch vermutlich ge- rade deshalb „rechtspopulistische Unterströmungen" auf, wie Ursula Birsl (2002, S. 31) konstatiert, weil entsprechende Bemühungen immer wieder ab- sorbiert oder neutralisiert wurden: „Die politische Mitte hat es bisher ver- mocht, die Existenz einer radikal rechten Partei mit größerer Ausstrahlung zu verhindern, jedoch um den Preis, äußerst rechtes und rechtspopulistisches Denken zu integrieren und damit nach rechts zu erodieren." (ebd., S. 48) Es wird abzuwarten sein, ob sich der Rechtspopulismus in der Bundesrepublik in Gestalt einer seit Jahrzehnten fest etablierten Partei (wie der FDP) for- miert, was eher unwahrscheinlich ist, oder mit größerem Erfolg als früher den Neuaufbau einer Organisation betreibt. Was sich aber schon deutlich zeigt, ist die zunehmende Überschneidung ultrarechter und bürgerlich-seriöser Diskur- se der gesellschaftlichen Mitte (vgl. hierzu ausführlicher: Butterwegge u.a.

Krisen- und Auflösungserscheinungen innerhalb des politischen Systems führen auch dann, wenn sich keine rechtspopulistische Partei fest etablieren oder auf Dauer halten kann, zu tektonischen Verschiebungen zwischen sei- nem Zentrum und der Peripherie, die sich quasi „nach innen" bewegt, was Ursula Birsl und Peter Lösche (2001, S. 369f.) folgendermaßen kommentie- ren: „Die äußerste Rechte befindet sich nicht mehr am Rand des politischen Spektrums, sondern in dessen Mitte." Wilhelm Heitmeyer (2001, S. 500) ver- tritt sogar die These, „daß sich ein autoritärer Kapitalismus herausbildet, der vielfältige Kontroll Verluste erzeugt, die auch zu Demokratieentleerungen bei- tragen, so daß neue autoritäre Versuchungen durch staatliche Kontroll- und Re- pressionspolitik wie auch rabiater Rechtspopulismus befördert werden." Noch in einer anderen Hinsicht bildet die neoliberale Hegemonie den Humus für Rechtsextremismus und Neofaschismus. Die scheinbare Übermacht der kapita- listischen Ökonomie gegenüber der Politik bzw. transnationaler Konzerne ge- genüber dem einzelnen Nationalstaat zerstört den Glauben junger Menschen an die Gestaltbarkeit von Gesellschaft, treibt sie in die Resignation und verhindert so demokratisches Engagement, das im Zeichen der viel beschworenen „Glo- balisierung" nötiger denn je wäre (vgl. Klönne 2001, S. 262). Durch die populistische Ansprache verändert der Rechtsextremismus nur sein Gesicht, aber nicht sein Wesen. Bei dem, was üblicherweise „Rechtspo-

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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pulismus" genannt wird, handelt es sich weder um ein neues Phänomen noch um eine mit dem Extremismus kontrastierende und konkurrierende Strö- mung. Wohl kann man die im modernen Rechtsextremismus dominante Agi- tationstechnik populistisch nennen. Dabei werden Sorgen, Nöte und Bedürf-

nisse des „einfachen Volkes" aufgegriffen und so in ein Projekt gegen die re- gierenden Politiker und Parteien eingebaut, dass Eigentums-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse unangetastet bleiben. Stattdessen wendet sich der rechte Populismus gegen (Rand-)Gruppen, denen man die Schuld an sozialen Missständen zuschiebt. „Die populistische Ansprache aktiviert in latenter Form vorhandene ausländerfeindliche Ressentiments, verbalisiert diese und läßt sie durch die Auslöser-Funktion der Rede manifeste Formen annehmen." (Pfahl-Traughber 1993, S. 42) Der modernisierte Rechtsextremismus ver- klammert Nationalismus und Wirtschaftsliberalismus in einer Weise mitein- ander, die populistische Anrufungen ermöglicht bzw. erleichtert: „Konstruk-

tionen des Nationalen werden (

soziale Frustration in autoritäre, obrigkeitsstaatliche Orientierungen zu über- führen." (Dörre 2001, S. 79)

Durch die Bildung der Großen Koalition auf Bundesebene haben sich die Rahmenbedingungen für rechtsextreme bzw. -populistische Wahlparteien und Listenverbindungen landesweit eher verbessert. Wenn die Regierung Merkel/ Steinmeier scheitert und die Massenarbeitslosigkeit nach dem gegenwärtigen, in erster Linie weltmarktbedingten Konjunkturaufschwung erneut stark an- steigt, dürfte der Ruf nach dem „starken Mann" wieder lauter erschallen, vor allem mit der Begründung, dass die erste Frau im Kanzleramt der ökonomi- schen und sozialen Probleme nicht Herr geworden sei, aber vermutlich auch mit der Konnotation, dass nunmehr die Zügel straffer angezogen und autori- täre Herrschaftsmethoden praktiziert werden müssten, um die Lage noch in den Griff zu bekommen. Mit der schwarz-gelben, der rot-grünen und der schwarz-roten Koalition sind bereits fast alle möglichen Farbkombinationen im Regierungsalltag „erprobt" worden, was die Gefahr erhöht, dass sich rechtsextreme bzw. -populistische Tendenzen verstärken. Bei der Landtags- wahl in Mecklenburg-Vorpommern am 17. September 2006 erhielt die NPD immerhin 7,3 Prozent der Stimmen. Demagogen könnten auch hierzulande vermehrt als „Retter des Sozialstaates" in Erscheinung treten und Gewinner wie Verlierer/innen seines Um- bzw. Abbaus und von tiefgreifenden Verän- derungen der Arbeitswelt gleichermaßen bei ihnen Zuflucht suchen.

als ideologisches Bindemittel genutzt, um

)

3.2 ,,Linkspopulismus"

Lieblingsfeindbild

der

ein

medialer

bürgerlichen

Popanz:

Oskar

Publizistik

Lafontaine

als

Fragwürdig ist der Terminus „Populismus", wenn er als Kosename für den Rechtsextremismus benutzt, zur Verharmlosung von dessen Gefahrenpoten- zial missbraucht und/oder gegen die demokratische Linke gekehrt wird. Of-

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Christoph

Butterwegge

fenbar geht heute ein neues Gespenst in Europa um: der „Linkspopulismus", welcher laut Frank Decker von dem globalisierungskritischen Netzwerk attac bis zur Partei DIE LINKE reicht. Decker (2007, S. 36) gibt auf der anderen Seite des politischen Spektrums hingegen vorschnell Entwarnung, wenn er von einer „allgemeinen Erschöpfung des europäischen Rechtspopulismus" spricht und behauptet, die etablierten Parteien hätten ihren Herausforderern „die Migrationsfrage entwunden." Das klingt nach einer politischen Kraftan- strengung und einer anerkennenswerten Leistung, meint jedoch nichts weiter als die Anpassung demokratischer Regierungen an den Rechtspopulismus bzw. die Nachgiebigkeit gegenüber seiner Forderung nach Verschärfung der Zuwanderungs- und Asylgesetzgebung. Man besiegt den Rechtspopulismus aber nicht, indem man Kernelemente seiner Programmatik in abgeschwächter Form oder homöopathischen Dosen übernimmt. Höchst problematisch erscheint die Verwendung des Populismusbegriffs, wenn mit seiner Hilfe die während des Kalten Krieges zur westdeutschen Staatsdoktrin avancierte Extremismus- bzw. Totalitarismustheorie im modi- schen Gewand wiederaufersteht und neuerliche staatliche Ausgrenzungsbe- mühungen gegenüber linken Systemkritiker(inne)n, z.B. Oskar Lafontaine als früherem SPD-Vorsitzenden und heutigem Chef der Partei DIE LINKE, legi- timiert werden. Dabei wird der Populismusbegriff sowenig mit Inhalt gefüllt wie seinerzeit die beiden Termini „Totalitarismus" und „Extremismus". Nicht zufällig erfährt die Extremismustheorie seit geraumer Zeit eine Renaissance, was sich auch in Buchpublikationen dazu niederschlägt (vgl. z.B. Kaditz 2004; Backes 2006; Jaschke 2006) und in einer Phase weitgehender Entpoli- tisierung der (Medien-)Öffentlichkeit weniger überrascht. Genauso wie jene Extremismusmustheoretiker, die während der frühen 1990er-Jahre teilweise mit Spitzenrepräsentanten der sog. Neuen Rechten gemeinsam publizierten (vgl. hierzu: Butterwegge 1996, S. 74), beschwören führende Populismusforscher hauptsächlich eine Gefahr von links. Während der Rechtspopulisnius aufgrund der NS-Vergangenheit hierzulande in einem „höchst empfindlichen öffentlichen und medialen Umfeld" agiere, leicht stigmatisiert werden könne und keine charismatischen Spitzenpolitiker habe, verfügt der Linkspopulismus nach Ansicht von Frank Decker und Florian Hartleb (2006, S. 212) durch die feste gesellschaftliche Verankerung und gute organisatorische Vernetzung der PDS in Ostdeutschland über eine trag- fähige Basis, genügend Ressourcen sowie geeignetes Führungspersonal. Sie könne trotz ihrer „DDR-Vergangenheit" und des fortbestehenden „Extremis- musverdacht(s)" ihr gegenüber nicht auf Dauer delegitimiert werden, zumal sich die Partei „in ihrer ideologischen Gegnerschaft zum Rechtsextremismus scheinbar (?!) von niemandem überbieten" lasse: „Gerade weil sie über den Faschismusverdacht in jeder Hinsicht erhaben ist, kann es sich die Linkspar- tei relativ gefahrlos leisten, mit Themen und Methoden auf Stimmenfang zu gehen, die man normalerweise dem Rechtspopulismus zuschreibt." (ebd., S.

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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Belege für ihre These blieben die Verfasser zwar schuldig, schlossen damit aber erfolgreich an ein in der Medienöffentlichkeit verbreitetes Kli- schee an, das in dem früheren SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine den (Links-)Populisten schlechthin verkörpert sieht. Frank Decker und Florian Hartleb (2006, S. 211) weisen kurz auf „Lafontaines Einlassungen zur Zu- wanderungspolitik" hin, die ihrer Meinung nach „genauso gut von Jörg Hai- der oder Franz Schönhuber hätten stammen können", ohne sie auch nur sinn- gemäß zu zitieren oder zu erwähnen, dass der WASG-Spitzenkandidat zum Zeitpunkt der inkriminierten Äußerungen noch gar nicht der Linkspartei.PDS angehörte, die übrigens auch längst nicht mehr PDS hieß. Doch was interes- sieren Daten, Fakten und Details im Rahmen der öffentlichen Meinungsbil- dung, wenn durch ihr Verschweigen das Hauptziel erreicht wird, linke Poli- tik, Politiker und Parteien im Rahmen des fortwirkenden antikommunisti- schen Grundkonsenses der Bundesrepublik zu diskreditieren? Gegen den früheren SPD-Vorsitzenden wurde in manchen Medien regel- recht eine publizistische Treibjagd eröffnet, die Monate dauerte. „Der Staat ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und Frauen arbeitslos wer- den, weil Fremdarbeiter ihnen zu Billiglöhnen die Arbeitsplätze wegneh- men", hatte Oskar Lafontaine auf einer Wahlkampfveranstaltung in Chemnitz am 14. Juni 2005 gesagt (zit. nach: Neuber 2006). Indem er den Begriff „Fremdarbeiter" für osteuropäische Arbeitsmigranten benutzte, verstieß La- fontaine zweifellos gegen die Political Correctness, wiewohl er nur aus- drückte, was die deutsche Arbeitsmarktpolitik mit dem sog. Inländerprimat seit Jahrzehnten praktiziert. Wenn Politiker des Establishments - wie etwa der seinerzeit für das Thema „Migration und Integration" zuständige frühere Bundesinnenminister Otto Schily - in und außerhalb von Wahlkampfzeiten Ähnliches tun, stellt sie deshalb bezeichnenderweise kaum jemand zur Rede und/oder mit Vertretern rechtsextremer Parteien auf eine Stufe. In einem In- terview, das am 2. November 2000 in der Zeit erschien, warb Schily, auf Probleme der Integration von Türk(inn)en und Tendenzen ihrer Gettoisierung (Stichwort: Berlin-Kreuzberg) angesprochen, zwar für all jene Migrant(in- n)en um Verständnis, die im Aufnahmeland zu Menschen mit der ihnen ver- trauten Sprache und vergleichbaren Gewohnheiten ziehen. „Das ist übrigens eine Eigenschaft, die auch dem deutschen Volkscharakter nicht fremd ist. Deutsche haben in Übersee auch immer die Nähe zu Deutschen gesucht." Mit einem Begriff wie „deutscher Volkscharakter" leistet man der Ethnisierung sozialer Verhaltensweisen allerdings selbst dann Vorschub, wenn er im Rah- men der Argumentation für Migration, Integration und multikulturelles Zu- sammenleben benutzt wird. Spätestens seit dem 13. Mai 2007, als die Linkspartei mit 8,4 Prozent der Stimmen in die Bremische Bürgerschaft (Landtag) einzog, ist sie auch im Westen des Landes eine von ihren Konkurrentinnen ernst zu nehmende poli- tische und parlamentarische Größe, die vor allem bei der SPD und ihr nahe- stehenden Kommentatoren scharfe Abwehrreflexe auslöst. Altbundeskanzler

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Helmut Schmidt (SPD) qualifizierte die Konkurrenzpartei in einer ständigen Rubrik „Auf eine Zigarette - Helmut Schmidt" des ZEITmagazins Leben der von ihm mit herausgegebenen Wochenzeitung (v. 28.6.2007) kurzerhand als „linksextrem" ab: „Einige SPD-Wähler möchten an Regeln festhalten, die nicht mehr realistisch sind. Sie möchten an dem Wohlstand festhalten, den ihnen der Sozialstaat verschafft hat. Dass die Welt sich ändert und dass wir Deutschen viel älter werden als früher, dass das Renteneintrittsalter steigen muss, schafft Unsicherheit und Besorgnisse. Dann gibt es Leute wie diesen Lafontaine, die auf diesem Klavier spielen und Ängste schüren." Auch die Populismusforschung schreckt im Einzelfall vor übertriebener Polemik nicht zurück. Selbst namhafte Wissenschaftler sind von solchen Anwandlungen keineswegs frei, wie folgende Bemerkung des Bonner Hoch- schullehrers Frank Decker (2004, S. 225) zeigt: „Nicht wenige von denen, die der multikulturellen Gesellschaft das Wort reden, leben selbst in sicherem Abstand zu den Problemvierteln, um der harten Realität des zwischenethni- schen Alltags aus dem Weg zu gehen." Das klingt nach einem schlagenden „Argument", welches REPublikaner, DVU-Anhänger oder NPD-Sympathi- santen fast in jeder Diskussion über Schwierigkeiten der Integration von Zu- wanderern benutzen, um die Gegenseite ins Unrecht zu setzen. In dieser Klarheit und Schärfe tragen es Rechtsextremisten aber selten vor, sprechen sie doch eher davon, dass „MultiKulti-Schwuchteln" aufgrund ihrer sozialen Privilegierung in nobleren Gegenden wohnen und deshalb den „Umweltbe- lastungen" durch Ausländer, also ihrem Lärm und Dreck, überhaupt nicht ausgesetzt seien, weshalb sie - das ist die Schlussfolgerung - gefälligst über dieses Thema schweigen sollten. Decker hingegen stellt die im Grunde weit kühnere Behauptung auf, Befürworter des multikulturellen Miteinanders zö- gen gezielt in Quartiere, die abseits von Stadtteilen mit vielen Zuwanderern und Angehörigen ethnischer Minderheiten lägen. Einen besseren Kronzeugen für ihre rassistischen Ressentiments als einen renommierten und der SPD na- hestehenden Universitätsprofessor dürften Neonazis kaum finden. Das hier dokumentierte Beispiel zeigt sehr gut, warum der Rechtspopu- lismus überhaupt wirksam ist: Wenn zumindest Teile seiner Ideologie nicht nur am Rande virulent, sondern bis in die Mitte der Gesellschaft hinein salon- fähig sind, muss er nicht fürchten, in ähnlicher Form wie DIE LINKE und ihr politisches Umfeld ausgegrenzt zu werden. Durch die Formalisierung und Sinnentleerung zu einer politischen Allzweckwaffe degeneriert, wird der Po- pulismusbegriff neuerdings vornehmlich als semantische Keule im Kampf gegen die am 15./16. Juni 2007 durch Zusammenschluss von Linkspartei. PDS und WASG entstandene LINKE und deren Bundesvorsitzenden Oskar Lafontaine missbraucht. Thomas Meyer (2007, S. 40), führender sozialdemo- kratischer Intellektueller, Mitglied der Programmkommission und Chefre- dakteur des Theorieorgans seiner Partei, verteidigt dort die Arbeitsmarkt- bzw. Modernisierungspolitik der Bundesregierung und wirft der „Empö- rungslinken" vor, die „Gestaltungslinke" durch ihre Kritik daran zu schwä-

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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chen: „Der Populismus, auch auf der Linken, ist stets mehr Form als Inhalt:

maßloser Protest, Schaffung von Sündenböcken, statt Kontroversen morali- sche Rechthabereien gegen den Rest - im vorliegenden Falle gegen die ,Hartz-IV-Parteien'." (Hervorh. im Original) Wie die LINKE bzw. ihre Parteiführung mittels des Populismus-Vor- wurfs erledigt werden soll, illustriert folgendes Beispiel: In einer einziges Ausgabe der Zeit (v. 24.5.2007) wird Oskar Lafontaine gleich drei Mal als „Linkspopulist" klassifiziert. Christoph Dieckmann stellt in seinem Artikel „Der große Mann der kleinen Leute" die Frage, ob Lafontaine ein Populist sei, und zitiert danach zustimmend einen Ost-WASGler unter Hinweis auf die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen mit dem Satz:

„Wenn man was verlangt, das sich nicht realisieren lässt, ist es Populismus" (S. 11). Wäre dem so, müssten alle großen Politiker, Revolutionäre und poli- tischen Visionäre, die weit voraus dachten, Populisten gewesen sein. Wenn sich die Sklaverei nach Millennien verbieten ließ, die auch nicht sehr viel kürzer dauernden Hexenverbrennungen beendet werden konnten und das Frauenwahlrecht nach mehreren Jahrhunderten, in denen das Dogma weibli- cher Unmündigkeit bzw. Politikunfähigkeit galt, eingeführt wurde, müsste sich der kaum ein paar Dekaden alte „Finanzmarkt-" und „Aktionärskapita- lismus", gegen den Lafontaine zu Felde zieht, gleichfalls überwinden lassen. Kaum geeignet dafür erscheint die Forderung nach einem allgemeinen Grundeinkommen, zu der sich aber weder DIE LINKE noch ihr Vorsitzender Lafontaine bekennt, auch wenn ihm das Dieckmann und Andrea Nahles unter- stellen. Nahles, (damals designierte) Stellvertreterin Kurt Becks im SPD- Vorsitz, sagte zwei Zeit-Redakteuren, die sie interviewten und - wie könnte es anders sein - mit dem „Fremdarbeiter"-Zitat konfrontierten, so habe Lafontaine schon geredet, als er noch SPD-Parteichef war: „In Sachen Populismus hat er schon immer Schwächen gehabt." (ebd., S. 10) Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, ebenfalls SPD-Vizevorsitzender, wurde zum selben Themenkom- plex befragt und widersprach der Auffassung, die LINKE treffe die Gefühlsla- ge der Bürger/innen besser als die SPD: „Die Linkspartei argumentiert populis- tisch, das ist zunächst leichter. Was die vertreten, ist: Lasst uns festhalten an den jetzigen Verhältnissen oder sogar in die Vergangenheit zurückkehren, das sichert uns die Zukunft. Das funktioniert aber nicht in einer sich um uns herum stramm verändernden Welt, und das merken die Menschen, weil man sie auf Dauer nicht für dumm verkaufen kann." (ebd., S. 25) Noch weiter ging Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, als er Lafontaine in einem Leitartikel der Welt (v. 10.7.2007) unter dem Titel „Nationaler Sozialismus" vorwarf, die Pressefreiheit und die Marktwirtschaft zu verhöhnen: „Das Phänomen Lafontaine leitet nicht nur eine weitere Stufe in der Entfremdung der Bürger von politischen Prozessen ein. Es besiegelt und belegt auch die Auflösung der Kategorien von links und rechts." Schließlich sei „der Demagoge aus dem Saarland", geiferte Döpfner, kein linkes Phänomen: „Aus Lafontaines Weltanschauung folgt das Pro-

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gramm einer nationalpopulistischen Regierungspartei, bei der Jürgen W. Möllemann den Außenminister, Peter Gauweiler den Innenminister und Erich Mielke und Franz Schönhuber die Ehrenvorsitzenden hätten geben können." Denn die LINKE müsse eigentlich „Die Reaktionäre" heißen, pflege sie doch „ein Weltbild des Ressentiments: protektionistisch, wirtschafts- und wettbe- werbsfeindlich, nationalistisch und fremdenfeindlich." Franz Walter (2007, S. 339) kritisiert die Stigmatisierung der „Lafontai- ne/Gysi-Partei" und weist daraufhin, dass solche Populisten nicht „wie Phö- nix aus der Asche" kämen, ihr Aufstieg vielmehr ein Indiz für gesellschaftli- che und politische Defizite darstelle, weshalb man sich über sie nicht selbst- gerecht ereifern solle, vielmehr nach den Ursachen ihres Rückhalts in be- stimmten Bevölkerungskreisen fragen müsse: „Populisten reüssieren allein dann, wenn in einer Gesellschaft etwas nicht stimmt, präziser: wenn die öf- fentlichen Einrichtungen an Legitimation verloren haben, wenn die Füh- rungsschichten nicht mehr überzeugen, wenn ganze Gruppen von den ent- scheidenden politischen Vereinbarungen ausgenommen sind, wenn sie sich also verloren, kulturell entfremdet, ökonomisch betrogen fühlen." Gleichwohl trägt Walter seinerseits zur Diskreditierung der LINKEN bei, weil er ihnen ebenfalls das Etikett des Populismus anhängt, statt es zu hinter- fragen. Sind Gregor Gysi und Oskar Lafontaine wirklich „Linkspopulisten", nur weil sie mit enormer rhetorischer Begabung ausdrücken, was Millionen sozial Benachteiligten unter den Nägeln brennt? Schließlich ist die SPD zur Massenpartei geworden, weil ein Volkstribun wie August Bebel mit dersel- ben Wortgewalt die soziale Ungerechtigkeit des frühen Industriekapitalismus, die Kriegsabenteuer des Imperialismus und die Selbstherrlichkeit des kaiser- lichen Halbabsolutismus geißelte, mit welcher Lafontaine und Gysi heute die weit krasseren Einkommens- bzw. Vermögensunterschiede im modernen Fi- nanzmarktkapitalismus, den Militärinterventionismus der Bundeswehr und die Volksferne der politischen Klasse kritisieren. Einen „populistischen So- zialismus", den Heiko Maas der LINKEN in der Zeit (v. 26.7.2007) vorwirft, gibt es nicht. Der saarländische SPD-Vorsitzende widerspricht sich denn auch schon ein paar Interview-Sätze später selbst, wenn er der Konkurrenz- partei unterstellt, eine nicht mehr haltbare Form von sozialer Gleichheit zu versprechen, und dies mit den Worten klassifiziert: „Das ist populistisch, aber nicht sozialistisch." Ja, was denn nun, möchte man fragen: Repräsentieren die Führungsfiguren der LINKEN einen „populistischen Sozialismus", oder mar- kieren diese beiden Begriffe (auch für Maas) inhaltliche Gegensätze? Überhaupt scheinen die Vorwürfe gegenüber Lafontaine beliebig zu sein. In einer weiteren Ausgabe der Zeit (v. 9.8.2007), deren Titelblatt neben dem Aufmacher „Deutschland rückt nach links" eine Landkarte ziert, über die sich rote Farbe ergießt, wird Lafontaine zuerst als politischer Abenteurer beschrie- ben, der nur die für ihn günstige Stimmung erzeugen will: „Seine Macht spielt sich im Raum der öffentlichen Zuschreibungen und Ängste ab, der Sehnsüchte und Übertreibungen. Es ist keine Gestaltungsmacht, eher eine

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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Macht zur Verformung, zur Dimensionierung von Bedeutsamkeiten, nicht zuletzt der eigenen. Es ist auch Zerstörungsmacht." Was immer mit diesen düsteren Andeutungen gemeint sein mag, ihr Verfasser Thomas E. Schmidt beendet seinen „Paria und Volksversteher. Oskar Lafontaine führt die erste linke Partei, die ohne Fortschrittsglauben auskommt" überschriebenen Arti- kel mit folgender Einschätzung, die teilweise in Widerspruch dazu steht: „La- fontaine ist ganz Medienmutant, seine Sprache ist formelhaft, die Bereitschaft zur Diskussion ist klein, groß dagegen seine Neigung zur Wiederholung. Der Populist könnte ein einsamer Mann werden. Obwohl er doch so viele Freunde hat." Manchmal wurden umstrittene familienpolitische Äußerungen der La- fontaine-Ehefrau Christa Müller ihrem Mann nach Art einer politischen Sip- penhaft zugerechnet. So erweiterte Thomas Gesterkamp den Vorwurf des Rechtspopulismus auf die ganze Familie, als er das „Fremdarbeiter"-Zitat in der taz (v. 9.8.2007) unter dem Titel „Die Wacht an der Saar" mit dem von Christa Müller auf öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen gemünzten Begriff „Fremdbetreuung" in Verbindung setzte und nach Ausführungen über die Unruhe, welche das Fremde „für das deutsche Gemüt" seit jeher mit sich bringe, schlussfolgerte: „So strandet der linke Populismus aus dem Hause La- fontaine genau dort, wo er hingehört: rechts außen, wo Fremdarbeiter und Fremdbetreuung nicht nur sprachlich zusammenpassen." Populismus ist heute in Europa entweder Rechtspopulismus oder über- haupt keiner. Wer - wie das alle Populisten tun - in der politischen Arena den „natürlichen Menschenverstand" bzw. das „gesunde Volksempfinden" bemüht, stellt die neoliberale Standortlogik nicht in Frage, sondern stützt den gesellschaftlichen Status quo, stabilisiert die im globalisierten Kapitalismus bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse und kann schon deshalb kein Linker bzw. Linkspopulist sein, weil er neue Erfahrungen und kritische Einsichten in das Prokustesbett überlieferter Traditionsbestände, „bewährter" Denkschablonen und pragmatischer „Durchwurstelei" presst. „Der Alltags- verstand begünstigt einen gewissen Konservatismus im Denken und Handeln, sein Potential zur Bewältigung von großen Überraschungen und ungewohn- ten Anpassungszwängen bleibt jedoch nur ein begrenztes." (Geden 2006, S.

Allerdings greift auch hier die Mode um sich, bisher politisch-inhaltlich gefüllte Begriffe wie „Konservatismus" alltagssprachlich zu entleeren, was darin zum Ausdruck kommt, dass der Linkspartei neben dem Populismus auch eine Wende zum Konservatismus unterstellt wird. Franz Walter (2007, S. 343) spricht von der möglicherweise bevorstehenden „Fusion von Popu- lismus und Konservatismus", die Folge einer „Vergreisung der Kernländer des klassischen, mittlerweile überkommenen Industriekapitalismus" sei und einen „konservativen Linkspopulismus" hervorbringe. Hier meint „Konser- vatismus" jedoch nicht mehr eine politische Grundströmung, die zur Zeit der Großen Französischen Revolution entstand, wegen ihrer Betonung des tradi-

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tionellen Familienbildes, der christlichen Religion und der Ehre der Nation unter Aristokraten viel Resonanz fand und darauf gerichtet war, deren Herr- schaft wiederherzustellen, sondern nur noch den Wunsch nach Wiederher- stellung oder Bewahrung überholter Zustände gleich welcher Art. Falls nicht alles täuscht, wird „Populismus" mehr und mehr zu einem Allerweltsbegriff, der bloß noch das tiefe Missbehagen seiner Benutzer ge- genüber dem damit bezeichneten Gegenstand ausdrückt. So spricht Manfred Mai (2007) vom „Technikpopulismus", weil neue Technologien die moderne Lebenswelt und die politischen Strukturen wie nie zuvor prägen. Eine weitere Popularisierung des Terminus birgt die Gefahr seiner völligen Entgrenzung, Entkernung und Entleerung in sich. Wenn ein analytischer Begriff zum blo- ßen Schimpfwort degeneriert, geht seine aufklärerische Wirkung verloren. Insofern leidet die Tiefenschärfe des Populismusbegriffs nicht nur unter sei- ner Inflationierung, sondern mehr noch unter seiner Instrumentalisierung zur Delegitimierung von Oskar Lafontaine und der von ihm geführten Partei DIE LINKE. Um den Terminus „(Rechts-)Populismus" nicht zu einem Wieselwort verkommen zu lassen, muss man ihn möglichst allgemeinverständlich und präzise definieren. Hier wird dafür plädiert, den Populismusbegriff derart weiterzuentwickeln und inhaltlich zu konkretisieren, dass er nur solche Phä- nomene umfasst, die überprüfbare Kriterien erfüllen. Populistisch wäre dann jene Teilmenge innerhalb des organisierten Rechtsextremismus wie des Brü- ckenspektrums zwischen diesem und dem (National-)Konservatismus zu nennen, die besonders das verunsicherte Kleinbürgertum anspricht, dessen Vorurteile gegenüber dem Wohlfahrtsstaat nährt, dabei wirtschaftsliberale Ziele verfolgt, Minderheiten abwertende Stammtischparolen aufgreift (vgl. dazu: Hufer 2006), den Stolz auf das eigene Kollektiv, die Nation bzw. deren Erfolge auf dem Weltmarkt (Standortnationalismus) mit rassistischer Stim- mungsmache oder sozialer Demagogie verbindet und die verständliche Ent- täuschung vieler Menschen über das Parteien- bzw. Regierungsestablishment für eine Pauschalkritik an der Demokratie schlechthin nutzt. Daraus folgt:

Nicht alle Rechtsextremisten sind Populisten, aber sämtliche Populisten ten- dieren in letzter Konsequenz nach rechts, weil sie die durch sozioökonomi- sche Herrschaftsverhältnisse und politische Machtungleichgewichte im Rah- men der Globalisierung bzw. neoliberalen Modernisierung verursachte Zer- klüftung unserer Gesellschaft entweder ignorieren oder deren Widersprüche bzw. Klassengegensätze auf die verkürzte Frontstellung zwischen „Volk" und „korrupter Elite" reduzieren.

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

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4. Gewerkschaften, Arbeit(nehm)erbewusstsein und Standortnationalismus

Die deutschen Gewerkschaften gehören als Arbeiter- bzw. Arbeitnehmeror- ganisationen mit christlich-sozialem, sozialdemokratisch-sozialistischem oder kommunistischem Entstehungshintergrund seit jeher zu den Hauptgegnern des Rechtsextremismus. Umgekehrt fühlten sich die meisten Gewerkschafter schon vor 1933 als Antifaschisten und bekämpften nach 1945 auch Parteien wie die NPD, die DVU und die REPublikaner, in denen sie teilweise Ab- kömmlinge der NSDAP sahen. Gewerkschaftsvorstände, Gliederungen und Funktionäre trugen Kampagnen, Bündnisse und Demonstrationen gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und rechte Gewalt mit. Bisweilen klagten Kritiker jedoch keineswegs ohne Grund über die mangelnde Konsequenz sol- cher Aktivitäten (vgl. z.B. Öztürk 1994, S. 113f.). Nihat Öztürk (1998) hat auf die erhebliche Kluft zwischen der gewerkschaftlichen Beschlusslage zur Gleichstellung von Migranten und der Alltagsrealität in Betriebs- und Perso- nalräten sowie Gewerkschaftsgremien hingewiesen. Konrad Gilges (1991, S. 147), damals Vorsitzender des DGB-Kreises Köln, wiederum bekannte selbst- kritisch: „Der türkische Kumpel ist uns als Dolmetscher, Agitator und Protes- tierender lieb und teuer, aber im Gewerkschaftshaus oder am Tisch der Tarif- kommission findet er keinen Platz." Die IG Metall (1990, S. 157), größte Einzelgewerkschaft des DGB mit den meisten Mitgliedern nichtdeutscher Herkunft, erklärte die REPublikaner bereits Ende der 80er-Jahre in einer Entschließung ihres Gewerkschaftstages mit folgender Begründung zur gegnerischen Organisation: „Gesinnung und Haltung der Republikaner' lassen sich mit den gewerkschaftlichen Grund- vorstellungen in keinem Punkt in Übereinstimmung bringen." Über den or- ganisatorischen Zwangsmaßnahmen, die sich auf solche Unvereinbarkeitsbe- schlüsse gründeten, kam die offensive inhaltliche Auseinandersetzung mit der „Neuen Rechten" in den eigenen Reihen jedoch zu kurz (vgl. Gilges 1991, S. 147). Der damalige DGB-Vorsitzende Ernst Breit (1990, S. 9) räumte in einem für die deutsche Diskussion über das Problem typischen, aber ziemlich schiefen Bild - Rechtsextremismus ist nämlich keine anste- ckende Krankheit - ein, „daß auch die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft nicht gegen den rechtsradikalen Bazillus immunisiert." Hierauf mussten die Gewerkschaften nach seiner Meinung in erster Linie argumentativ und nicht administrativ reagieren: „Wer rechtsextremes Gedankengut in Wort oder Schrift vertritt, wer für rechtsextreme Parteien kandidiert oder zur Kandidatur für sie aufruft, hat in einer DGB-Gewerkschaft keinen Platz. Aber nicht alle, die einmal Republikaner' wählen, sind Faschisten. Mitläufer und Irregelei- tete können ins Lager der Demokraten zurückgeholt werden." (ebd., S. 11)

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Christoph

Butterwegge

4.1

Anknüpfungspunkte für

gewerkschaftlichen

den

Rechtspopulismus

im

und

im

Alltagsbewusstsein

Zwar steht die scharfe, kompromisslose Abgrenzung des DGB wie seiner Mitgliedsgewerkschaften gegenüber Neonazis und rassistischer Gewalt außer Frage. Schwieriger erscheint die Bestimmung der Wechselwirkungen zwi- schen gewerkschaftlicher Orientierung/Organisierung von Menschen und de- ren Anfälligkeit gegenüber rechtspopulistischen Parolen, die sich z.B. in Wahlentscheidungen für solche Parteien dokumentiert. „Gewerkschaftsmit- gliedschaft, ja selbst gewerkschaftliche Aktivität und Neigungen zur extre- men Rechten schließen einander nicht aus." (Dörre 1994, S. 187) Eine sei- nerzeit im Auftrag des WDR durchgeführte Studie von Infratest dimap (1998, S. 5) kam sogar zu dem Resultat: „Insgesamt gesehen ist die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft keine Barriere (mehr) für die Wahl einer rechtsradika- len Partei. Sie ist im Gegenteil derzeit eher förderlich für die Bereitschaft, rechtsradikal zu wählen. Insbesondere viele junge und arbeitslose Gewerk- schaftsmitglieder sind geneigt, einer rechtsradikalen Partei ihre Stimme zu geben." Bodo Zeuner u.a. (2007, S. 8) bestätigen den Trend, ergab ihre empi- rische Untersuchung doch, dass Gewerkschaftsmitglieder ebenso anfällig für Rechtsextremismus sind wie die Gesamtbevölkerung und bestimmte Stamm- klienteln der Gewerkschaften sogar überdurchschnittlich. Wie kann man solche Umfrageergebnisse erklären? Zu kurz greift ein Konzept, das die Anfälligkeit vieler Gewerkschaftsmitglieder für rassistische Einstellungsmuster bloß auf ihr gesellschaftliches Umfeld zurückführt und darin ein Spiegelbild der Bevölkerungsmeinung schlechthin sieht: „Gewerk- schaften existieren nicht im luftleeren Raum; sie atmen die gleiche, mit Vor- urteilen und fremdenfeindlichen Parolen angereicherte Luft wie die übrige Gesellschaft." (DGB-Bundesvorstand 2000, S. 32) Das tun demokratische Kräfte in Parteien oder Kirchen und Antifa-Initiativen auch, ohne deshalb zwangsläufig rassistische Ressentiments zu übernehmen. Es gibt aber neben mancherlei organisatorischen Parallelen wie einem hohen Maß an Zentralis- mus und Bürokratismus auch ideologische Berührungspunkte zwischen Ge- werkschaften und rechtsextremen Gruppierungen, die kurz skizziert werden. Die wichtigste Schnittmenge liegt in der Überzeugung, dass man auf den „Wirtschaftsstandort D" stolz sein dürfe und ihn stärken müsse, um den Wohlstand für die Arbeitnehmer/innen hierzulande mehren zu können. Den festen Glauben an die Überlegenheit des „eigenen" Wirtschaftsstandortes teilen viele, auch prominente Gewerkschafter mit den meisten Rechtsextre- misten. Genauso, wie man neoliberale Grundpositionen nicht nur innerhalb der FDP findet, sondern weit darüber hinaus, beschränken sich standortnatio- nalistische Überzeugungen keineswegs auf das Unternehmerlager. „Dass Deutschland .wieder Spitze' sein müsse, ist ein gängiger Topos des öffentli- chen Diskurses, in den auch Gewerkschaftsführer nicht selten einstimmen." (Zeuner u.a. 2007, S. 20) Diese sich im Zuge der Globalisierung und einer

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

61

neoliberalen Modernisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Staatsapparat ausbreitende Ideologie begünstigt die Marginalisierung bzw. Ausgrenzung von (ethnischen) Minderheiten. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangte Klaus Dörre (1994, S. 184), als er die Befürchtung äußerte, dass nationalistisches Denken im Zuge der Globalisierung neue Nahrung erhalte, wobei die Klassifizierung des „Eige- nen" und des „Fremden" einer „Logik der Konkurrenz um Vorteile (Rechte), Ressourcen und Macht" folge: „Nation und kulturelle Differenz werden re- politisiert und strategisch eingesetzt; sie dienen als ideologische ,Bollwerke' gegen Negativfolgen einer internationalisierten Ökonomie." Man rühmt Deutschlands Rolle als „Exportweltmeister", statt sie zu hinterfragen sowie die Nachteile für Importstaaten zu reflektieren, und deutet die „Schlacht um den Weltmarkt" - ökonomische Machtverhältnisse bzw. soziale Beziehungen ethnisierend - in einen Kampf zwischen Nationen oder Kulturen um (vgl. Ptak/Virchow 2001, S. 375). Janine Cremer (2002, S. 55) kam per Inhaltsanalyse zu dem Ergebnis, dass die gewerkschaftliche Mitgliedspresse - z.B. das entsprechende Organ der IG Metall - sehr stark durch die mediale Globalisierungs- bzw. Standort- debatte geprägt ist, den Rechtsextremismus trotz teilweise von rassistischen Ressentiments geprägter Leserbriefe überwiegend als Randgruppenphänomen behandelt und das Thema „Zuwanderung" eher vernachlässigt: „Zwar stellen die Gewerkschaften und ihre Medien ein Korrektiv zur einseitig kapitalorien- tierten Sicht in der Zuwanderungsdebatte dar, ihrem Anspruch auf eine in- formative Berichterstattung wird insbesondere ,Metall' aber nicht gerecht. Die Interessen der bereits eingewanderten Mitglieder werden vertreten, auch wenn diese in den Zeitschriften unterrepräsentiert sind, neue Migrant(inn)en werden jedoch als Konkurrenz auf dem deutschen Arbeitsmarkt gesehen." Mathias Brodkorb (2000, S. 581 f.) ging im SPD-Theorieorgan Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte mit Blick auf seine Partei noch ein Stück

die etablierte Politik nicht die Frage stellt, welchen

weiter: „Solange (

Beitrag sie selbst zur Zunahme der Fremdenfeindlichkeit leistet, bleibt die momentane Diskussion fadenscheinig. Es macht wenig Sinn, nur auf Stoibers ,durchrasste Gesellschaft' oder Rüttgers' .Kinder statt Inder'-Kampagne zu deuten, denn auch SPD und Gewerkschaften haben in Vergangenheit und Gegenwart ihren Beitrag dazu geleistet, dass rechtsextremes Gedankengut auf guten Nährboden trifft: Gewerkschaften konzentrieren sich seit Jahren auf nationale Standortpakte, anstatt die Herausforderungen der Globalisierung of-

fensiv anzugehen." Auch wenn man z.B. das von Gerhard Schröder ins Le- ben gerufene „Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit", das sich am 7. Dezember 1998 konstituierte und am 25. Januar 2002 zum letzten Mal auf höchster Ebene zusammentrat, nicht so kritisch bewertet wie der linke Sozialdemokrat Brodkorb damals, lässt sich seine Schlussfolgerung nachvollziehen, dass die Übernahme der (gegen ausländische Konkurrenten auf dem Weltmarkt gerichteten) Standortlogik durch den DGB und seine Ein-

)

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Butterwegge

zelgewerkschaften es den rechtsextremen Parteien erleichtert hat, Parolen wie „Arbeitsplätze zuerst für Deutsche!" zu verbreiten. Hier liegt seiner Meinung nach auch einer der Gründe dafür, dass Gewerkschafter für rechtspopulisti- sche (Wahl-)Parolen anfälliger sind als Nichtmitglieder. Ähnliches wie bezüglich des internationalen Standortwettbewerbes voll- zieht sich hinsichtlich des Konkurrenzkampfes der Unternehmen bzw. ihrer Belegschaften. Die zuletzt fast überall in die Defensive gedrängten Gewerk- schaften und Betriebsräte beteiligen sich häufig an einem „standortverteidi- genden Wettbewerbskorporatismus", wie Bodo Zeuner u.a. (2007, S. 81) die betrieblichen „Bündnisse für Arbeit" nennen, zu denen sie von Kapitaleig- nern. Managern und Politikern gedrängt werden: „So unterschreiben Gewerk- schaften seit Jahren Standortsicherungsverträge, die in der Regel mit einer Art heiligem Schwur beginnen, die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Unter- nehmens zu fördern. Durch diese Praxis untergraben sie kontinuierlich die Idee gegenseitiger Solidarität von Lohnabhängigengruppen, die ja an allen Orten mit geringerer Wettbewerbsfähigkeit den Preis dafür zahlen, dass ihre Kollegen sie mit gewerkschaftlicher Unterstützung durch verbesserte Wett- bewerbsfähigkeit verstärkt aus dem Markt drängen."

4.2 Schlussfolgerungen

Rechtsextremismus

und

bzw.

Gegenstrategien:

Wie

man

-populismus

zurückdrängen

den

kann

Bodo Zeuner u.a. (2007, S. 10) sehen rechtsextreme Einstellungen innerhalb der Gewerkschaften auf dem Vormarsch, was diese ihres Erachtens nicht ru- hen lassen darf: „Gewerkschaften in Deutschland haben die Aufgabe, als In-

teressenvertreter der abhängig Beschäftigten und als immer noch mitglieder-

auf einen Hegemo-

nie- und Deutungskampf gegen Rechtsextremismus einzulassen." Obgleich die Behauptung Wilhelm Heitmeyers (1992), eine gewerkschaftliche Politik gegen den Rechtsextremismus finde nicht statt, zu weit ging, bleibt zu resü- mieren, dass sie noch immer durchaus Leer- und Schwachstellen hat, wie Thomas von Freyberg (1995) meinte. Wohl gibt es - je nach Einzelgewerk- schaft, zum Teil auch je nach Untergliederung bzw. dem dafür zuständigen Gremium - unterschiedlich ausgerichtet und gewichtet gewerkschaftliche In- itiativen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt, die aber kaum

stärkste die Demokratie tragende Organisation sich (

)

Erfolge zeitigen, weil ihnen kein überzeugendes, in sich stimmiges Konzept zugrunde liegt: „Die gewerkschaftlichen Maßnahmen gegen rechtsextreme Tendenzen sind entweder falsch oder zumindest nicht ausreichend, auch und gerade, was die Anfälligkeit der eigenen Mitglieder für Rechtsaußen-Parteien angeht." (Dammann 1999, S. 219) „Die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft gewerkschaftlicher Politik fängt da an, wo das eigene Handeln und die eigenen Positionen selbstkritisch

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

63

reflektiert werden." (Ptak/Virchow 2001, S. 375) Von wissenschaftlicher Sei- te den Gewerkschaften eine Fundamentalkritik am Neoliberalismus und an dessen Standortlogik zu empfehlen, ist natürlich mitnichten als „Versuch, dem DGB ein Bekenntnis zur Partei- und Staatsdoktrin der SED und der DDR unterzujubeln", zu werten, wie dies Otto Sundt (2001, S. 554) allen Ernstes gegenüber Ralf Ptak und Fabian Virchow behauptete: „Wenn der Be- griff Neoliberalismus' durch den herkömmlichen Begriff Kapitalismus' er- setzt wird, kommt deutlich die altstalinistische Faschismusthese zum Vor- schein, nach der der Kapitalismus eine Verschwörung zur Durchsetzung des Faschismus ist." Neoliberalismus ist gerade nicht gleichbedeutend mit wohl- fahrtsstaatlichem („Rheinischem") Kapitalismus bzw. Sozialer Marktwirt- schaft, vielmehr eine Gesellschaftstheorie - ja, mehr noch: eine politische Zi- vilreligion, welche die Konkurrenz verabsolutiert und die soziale Verant- wortung für Schwächere leugnet, also einem „schweinischen", rücksichtslo- sen und rechte Ideologien nährenden Kapitalismus das Wort redet. Erschwert wird die gesellschaftspolitische Aufgabe der Gewerkschaften dadurch, dass sich in ihren Reihen sowohl „Globalisierungs- bzw. Moderni- sierungsgewinner", berufliche Aufsteiger aus dem Bereich der neuen Infor- mations- und Kommunikationstechnologien, als auch „Globalisierungs- bzw. Modernisierungsverlierer", Arbeitslose und prekär Beschäftigte aus den sog. Altindustrien, befinden. Diese soziale Heterogenität be- oder verhindert eine Blockbildung gegen Rechtsextreme, weil sozialökonomische Interessenge- gensätze und politische Mentalitätsunterschiede zwischen den gewerkschaft- lich Organisierten selbst bestehen. Durch viele gewerkschaftliche Stellungnahmen und Schulungsmateriali- en zieht sich wie ein roter Faden das Argument, der (Dauer-)Aufenthalt von Ausländern liege im Interesse der Einheimischen, der Volkswirtschaft (Stei- gerung des Bruttoinlandsprodukts) und der sozialen Sicherungssysteme (auf- grund einer günstigeren Altersstruktur von Zuwanderern insbesondere der Rentenkasse). Man weist auf demografische Probleme, etwa die angeblich drohende „Vergreisung" Deutschlands, hin und leitet daraus ab, dass sich „unser" Lebensstandard ohne die Aufnahme junger, möglichst kinderreicher Migrant(inn)en auf Dauer nicht werde halten lassen. Eine gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die Ressentiments gegenüber Ausländern zu verringern sucht, indem sie vorrechnet, dass diese den Wohlstand im Aufnahmeland erhöhen, verfehlt aber ihr Ziel, weil das utilitaristische, für den Rassismus konstitutive Denkschema, Personen nach ihrer Nützlichkeit für das „eigene" Kollektiv zu beurteilen, übernommen und damit (ungewollt) zementiert wird. „Autoren und Pädagogen, die Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und rassistischer Gewalt zu Leibe rücken wollen, sollten sich also davor hüten, die in den Köpfen ihrer Adressaten vermutete rassistische Gleichsetzung von Nützlich- keit mit dem Recht auf menschenwürdige Behandlung zur positiven Grund- lage ihrer Argumentation zu machen. Sie bekräftigen damit nämlich genau die Logik, nach der Nicht-Deutsche - sofern sie als nicht (mehr) nützlich an-

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Christoph

Butterwegge

gesehen werden - zum Opfer rassistischer Gewalt werden." (Gloel/Gützlaff 2005, S. 101) Martin Baethge (1994, S. 210) bemerkte zu Recht, dass wirtschaftliche Prozesse in der alten Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg nur gemäß ih- rer Wachstumslogik, jedoch nicht politisch diskutiert worden seien, und zwar weder auf der Unternehmerseite noch innerhalb der Gewerkschaften: „Folg- lich sind auch die Zusammenhänge zwischen globaler und nationaler Um- verteilung von Arbeit nicht auf der politischen Tagesordnung, sondern geht die Standort-Deutschland-Debatte allein um die Sicherung von imperialer Weltmarktposition und nationaler Wohlstandsprivilegierung. Sie in eine an- dere Richtung zu lenken, in der nicht probate Rezepte für die Rückeroberung der besten Ausgangsposition für neue Exportschlachten der deutschen Wirt- schaft im Mittelpunkt stünden, sondern die Möglichkeiten einer gerechteren globalen Umverteilung geprüft würden, wäre vermutlich eines der wichtigs- ten politischen Mittel zur Eindämmung von und Prävention gegen Fremden- feindlichkeit." Arno Klönne (1998) hob hervor, dass die Interessen- und Konfliktorien- tierung in der Bildungsarbeit aufgrund einer mit dem Globalisierungsprozess verbundenen „Rückkehr der sozialen Frage" wieder aktuell sei. Statt sich mit „dem Fremden", seiner Furcht einflößenden Wirkung oder möglichen Faszi- nation zu beschäftigen, sollte die antirassistische Bildungsarbeit auf die eige- ne Gesellschaft, ihre ungleichen Verteilungsrelationen und fragwürdigen Machtverhältnisse schauen. Charakteristisch für den modernen Standortna- tionalismus - wie für jede andere Spielart des Chauvinismus - ist die Beto- nung des staatsbürgerlichen „Innen-außen"-Gegensatzes. Aufgabe der ge- werkschaftlichen Jugendbildung wäre es, die Bedeutung dieser Kontliktlinie dadurch zu relativieren, dass der innergesellschaftliche „Oben-unten"-Gegen- satz schärfer konturiert wird. Statt die soziale mit der „nationalen Frage" zu verbinden, wie es Rechts- extremisten tun, muss man die demokratische mit der sozialen Frage ver- knüpfen. Denn damit die moderne Demokratie funktionieren kann, bedarf sie wohlfahrtsstaatlicher Fundamente. Je brüchiger diese durch Leistungsktir- zungen für Bedürftige werden und je stärker sich die soziale Polarisierung in Arm und Reich manifestiert, umso eher ist die parlamentarische Demokratie durch rechtsextreme Bestrebungen gefährdet. Anknüpfungspunkte findet die gewerkschaftliche (Jugend-)Bildungsarbeit im ausgeprägten Interesse vieler Menschen an Zukunftsthemen. Fragen nach gesellschaftlichen Entwicklungs- perspektiven („Wie und in welcher Welt wollen wir leben?") stellen eine gute Basis für Problemstellungen ökonomisch-sozialer, ökologischer und demo- kratischer Natur dar (vgl. Horn 1995, S. 496). Dabei ist mit zu bedenken, dass die kontinentale Dimension aufgrund der europäischen Integration in Zukunft wichtiger sein wird als „nationale Identität" und „Standortqualität". Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt sind keineswegs bloß „hin- terwäldlerisch" anmutende Reaktionsweisen direkt betroffener oder benach-

Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus

65

teiligter Gruppen auf Globalisierungs-, neoliberale Modernisierungs- und so- ziale Marginalisierungsprozesse. Vielmehr verursachen diese auch in der ge- sellschaftlichen Mitte bzw. genauer: auf den „höheren Etagen" bedrohliche Erosionstendenzen. „Gefahren der Entwicklung - auch solche der sozialen Desintegration und rechtsextremer Potentiale - gehen nicht von der ,Masse' der Bevölkerung aus. In der politischen Qualifikation der alten und neuen Eliten liegt das Problem." (Vester 2001, S. 343) Da der Rechtsextremismus inmitten - und eben nicht: am Rand - der Gesellschaft entsteht, tut sich diese mit seiner Bekämpfung äußerst schwer. Die ideologische Entsorgung des Phänomens erfolgt besonders in letzter Zeit überwiegend durch seine Reduk- tion auf ein Jugendproblem. Peter Rieker (2007, S. 210) kritisiert völlig zu Recht, „dass sich die öffentliche, politische und wissenschaftliche Aufmerk- samkeit immer stärker auf Jugendliche konzentriert und daher die Pädagogik zum zentralen Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rechtsex- tremismus avanciert ist." Jugend(sozial)arbeit und politische Bildung sind je- doch überfordert, wenn die etablierte Politik auch weniger spektakuläre Er- scheinungsformen als rassistisch motivierte Gewalt nicht konsequent be- kämpft und die demokratischen Abwehrkräfte eher schwächt. Bodo Zeuner u.a. (2007, S. 9f.) halten eine klare Frontstellung der Ge- werkschaften gegenüber dem Neoliberalismus für unverzichtbar, raten diesen jedoch, sich genauso deutlich von rechtsextremen Parolen und Weltbildern abzugrenzen: „Denn anders als die Neoliberalen verteidigen auch die Rechts- extremen die (national)staatliche Intervention in die Wirtschaft, die (ethni- sche) Solidaritätsgemeinschaft und eine auf die eigene Gruppe konzentrierte Idee von sozialer Gerechtigkeit." (ebd., S. 10) Die Autoren der Studie „Ge- werkschaften und Rechtsextremismus" glauben, dass sich diese in einem ideologischen Zweifrontenkrieg befinden: „Gegen den in der veröffentlichten Meinung herrschenden Neoliberalismus mit seinen goldenen Kälbern Markt und Privatisierung, und zugleich gegen den unterschwelligen Rechtsextremis- mus, der Sündenböcke bei Fremden und Schwachen sucht und nach dem starken Führer ruft. Die eigenen Deutungen müssen sich deutlich gegen beide Seiten absetzen." (ebd., S. 99f.) Bodo Zeuner und seine Koautoren übersehen oder unterschätzen jedoch die politisch-ideologischen Schnittmengen zwi- schen Neoliberalismus und Rechtsextremismus, wie sie im Sozialdarwinis- mus und im Standortnationalismus zutage treten. Wenn unsere Analyse des Rechtsextremismus, seiner Triebkräfte und ge- sellschaftlichen Hintergründe richtig ist, muss seinen Kernideologien durch eine andere Arbeitsmarkt-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik das materielle Fundament entzogen, die Standortlogik widerlegt und eine überzeugende Alternative zum Neoliberalismus entwickelt werden. Letztlich ist die Beant- wortung der Frage entscheidend, in welcher Gesellschaft wir künftig leben wollen: Soll es tatsächlich eine Konkurrenzgesellschaft sein, die Leistungs- druck und Arbeitshetze weiter erhöht, Erwerbslose, Alte und Behinderte aus- grenzt sowie Egoismus, Durchsetzungsfähigkeit und Rücksichtslosigkeit eher

66

Christoph

Butterwegge

honoriert, sich jedoch gleichzeitig über den Verfall von Sitte, Anstand und Moral wundert, oder eine soziale Bürgergesellschaft, die Kooperation statt Konkurrenzverhalten, Mitmenschlichkeit und Toleranz statt Gleichgültigkeit und Elitebewusstsein fördert? Ist ein permanenter Wettkampf auf allen Ebe- nen und in allen Lebensbereichen, zwischen Bürger(inne)n, Kommunen, Re- gionen und Staaten, bei dem die (sicher ohnehin relative) Steuergerechtigkeit genauso auf der Strecke bleibt wie ein hoher Sozial- und Umweltstandard, wirklich anzustreben? Eignet sich der Markt als gesamtgesellschaftlicher Re- gelungsmechanismus, obwohl er auf seinem ureigenen Terrain, der Volks- wirtschaft, ausweislich einer sich trotz des Konjunkturaufschwungs im Früh- jahr 2007 verfestigenden Massenarbeitslosigkeit, gegenwärtig kläglich ver- sagt? Darauf die richtigen Antworten zu geben heißt, den Neoliberalismus mitsamt seinem Konzept der „Standortsicherung", aber auch den sich moder- nisierenden Rechtsextremismus, Nationalismus und Rassismus erfolgreich zu bekämpfen. Klaus-Peter Hufer (1999) hat ein „Argumentationstraining gegen Stamm- tischparolen" entwickelt, das für die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus ausgesprochen nützlich ist und sich in der politischen Bil- dungsarbeit sehr bewährt. Auch Rolf Gloel und Kathrin Gützlaff (2005) set- zen darauf, dass man „gegen Rechts argumentieren lernen" kann. Sie plädie- ren für eine politische Pädagogik, die den Versuch unternimmt, vor allem junge Menschen - nicht nur solche, die Parteien wie der NPD zuneigen - von der Dummheit und Schädlichkeit nationalistischer, rassistischer und fremden- feindlicher Einstellungen zu überzeugen (vgl. ebd., S. 135ff). Man kann den Rechtspopulismus nicht mit Erfolg bekämpfen, wenn man selbst populisti- sche, rassistische und (standort)nationalistische Botschaften verbreitet, weil er dadurch im Grunde bestärkt und unterstützt wird. Die demokratische mit der sozialen Frage zu verbinden heißt: Partizipation als Kern der Demokratie bedarf umfassender Emanzipation.

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Jörg Flecker Die populistische Lücke

Umbrüche in der Arbeitswelt und ihre politische Verarbeitung

In der öffentlichen Diskussion über den Rechtspopulismus wird häufig ein Kausalzusammenhang zwischen Veränderungen im Erwerbsleben und jener Resonanz hergestellt, die er in einer ganzen Reihe europäischer Länder wäh- rend des letzten Jahrzehnts fand. Da ist oft die Rede von den „Modernisie- rungsverlierern", deren Frustrationen die Rechtspopulisten durch Stimmungs- mache gegen die etablierte Politik und Politiker, Ausländer/innen und Sozial- leistungsempfänger/innen in Wahlerfolge ummünzen konnten. Tatsächlich wurde die Arbeitswelt in der vergangenen Dekade eine andere. Technischer Wandel, Liberalisierung und Internationalisierung, Veränderungen in der Un- ternehmenssteuerung und steigender Konkurrenzdruck haben einem großen Teil der Erwerbstätigen erhebliche Anpassungsleistungen abverlangt. Diejeni- gen, die nicht mithalten können, machen die Erfahrung, dass ihr Netz der so- zialen Sicherheit im selben Zeitraum deutlich weitmaschiger geworden ist. Für die Zukunft wird allen Erwerbstätigen noch größere Unsicherheit und noch weniger soziale Absicherung prognostiziert. Laut der „Modernisierungsverlierer"-These gelingt es dem Rechtspopu- lismus, die im sozioökonomischen Umbruch entstehende Enttäuschung und Unzufriedenheit in die Bahnen der Fremdenfeindlichkeit bzw. der Politik- verdrossenheit zu lenken und politisch für sich auszunutzen. Selbst wenn man sich auf die sozioökonomischen Ursachen beschränkt, wäre es ver- fehlt, den Aufschwung des Rechtspopulismus mit wenigen gesellschaft- lichen Problemen erklären zu wollen. Denn es ist ja gerade ein wichtiges Merkmal dieser Parteien, dass ihnen ein konsistentes politisches Programm fehlt und sich ihre Botschaften und Forderungen durchaus widersprechen können. So vereinen sie in der Regel die Forderung nach einer neoliberalen Wirtschaftspolitik für die Unternehmen mit dem Versprechen des sozialen Schutzes für die Arbeitenden, die Botschaft des nackten Leistungsprinzips für die Aufsteiger mit der Verklärung traditioneller Gemeinschaften und Sicherheiten für bedrohte Kleinbürger/innen. Dies ist nur deshalb kein Pro- blem, weil bewusst nicht Interessen vertreten, vielmehr nationale oder eth- nische Gemeinsamkeiten beschworen werden und solchermaßen gemein- same Identität anstelle von Interessen zur Basis von Politik gemacht wird (vgl. Steinert 1999).

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Jörg Flecker

In den vergangenen Jahren haben rechtspopulistische Parteien die Beto- nung national abgegrenzter Gemeinschaften und die Angriffe auf alles „Fremde", insbesondere den Islam, erheblich verstärkt (vgl. Betz 2003). Sie appellieren damit an eine kulturelle Gruppenidentität, die sie als gefährdet darstellen. Diese Verstärkung der Identitäts- gegenüber der Interessenpolitik stellt für manche Beobachter die Bedeutung des sozioökonomischen Wandels für die Erklärung der Erfolge des Rechtspopulismus in Frage. Sind es viel- leicht doch nicht die Verletzungen, die sich Menschen in der Arbeitswelt zu- ziehen, sondern die Konflikte an den diversen Schauplätzen der multikultu- rellen Gesellschaft, die für den Zulauf zu den Rechten sorgen? Hier sollen zunächst Bedingungen und Veränderungen in der Arbeitswelt skizziert werden, die als Ursachen für eine gestiegene Anziehungskraft rechtspopulistischer Politik gelten. Danach geht es um jenes Erklärungsmu- ster, das auf Bedrohungen der kulturellen Identität abstellt, und die Frage, ob zwischen diesen Deutungsversuchen ein Widerspruch besteht oder ob nicht auch die Äußerungen der Bedrohung kultureller Identität vor dem Hinter- grund der Bedingungen und Veränderungen im Erwerbsleben gesehen wer- den müssen. Meine zentrale These lautet nämlich, dass rechtspopulistische Parteien die Lücke nutzen konnten, die der sozioökonomische Umbruch und seine unangemessene politische Verarbeitung hinterließen. Eine solche po- pulistische Lücke ist in mehreren Dimensionen zu erkennen: der öffentlichen Wahrnehmung von Problemlagen, der Berücksichtigung, Vertretung und Durchsetzung von Interessen sowie der Anerkennung von Identitäten. 1

Große Not und kleine Nöte

Die „Lohnarbeitsgesellschaft" und die mit ihr verbundenen Sicherheiten und Gerechtigkeitsvorstellungen haben sich in einem langen historischen Prozess herausgebildet, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann und erst Anfang der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts, getragen von Wirtschafts- wachstum und Ausbau des Sozialstaates seinen Höhepunkt erreichte (vgl. Castel 2000). Es ist also nicht lange her, dass die Arbeiter und Arbeiterinnen nach Jahrhunderten der würdelosen Lage am Rande der Gesellschaft soziale Absicherung und Anerkennung gewannen und es gelang, „Arbeit und relative Sicherheit miteinander zu verbinden" (Castel 2001, S. 15). Zudem hat sich Lohnarbeit insofern verallgemeinert, als die überwiegende Mehrheit der Ge- sellschaftsmitglieder lohnabhängig ist, ihre soziale Identität darauf gründet und nach dem Beschäftigungsverhältnis beurteilt und sozial verortet wird. Derzeit erleben wir einen Zerfallsprozess dieser Lohnarbeitsgesellschaft. Er

1

Als

eine

ausführliche

Darstellung

am

Beispiel

Österreichs

siehe

Flecker/Kirschenhofer

2006

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drückt sich für Robert Castel (2000, S. 357) unter anderem in der zunehmend instabilen Lage weiter Teile der bisher Abgesicherten, einer „Destabilisierung der Stabilen" aus: „Ein Teil der integrierten Arbeiterklassen und der abhängig Beschäftigten der kleinen Mittelklasse ist vom Absturz bedroht. Im Gegen- satz zur Konsolidierungsphase der Lohnarbeitsgesellschaft, in der das Fun- dament der gesicherten Positionen kontinuierlich erweitert und die Wege so- zialen Aufstiegs gebahnt worden waren, ist nun eine gegenläufige Bewegung vorherrschend. Es sind zweifellos diese Zwischenklassen - und nicht der obere oder untere Teil der Gesellschaftspyramide die aufgrund der blo- ckierten Aufwärtsmobilität gegenwärtig nicht allzu viel erwarten, aber eini- ges zu verlieren haben, wo über das Gleichgewicht unserer Sozialstruktur entschieden wird (Rechts- oder Linkspopulismus sind nur der politische Aus- druck ihrer Verunsicherung)." Destabilisierung und Prekarität bedeuten, dass die gesellschaftliche Inte- gration, also Teilhabe und Anerkennung, bedroht oder akut gefährdet sind. Zum einen hängt die Integration in die Gesellschaft vom Einkommen ab, das u.a. die Möglichkeiten zur Teilnahme am Konsum sowie zum Aufbau und zur Pflege sozialer Beziehungen bestimmt. Erst auf der Basis einer stabilen Erwerbstätigkeit ist i.d.R. ein Engagement in anderen gesellschaftlichen Be- reichen möglich. Zum anderen bleiben die soziale Anerkennung und die Ab- sicherung im Alter für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung an die Erwerbsarbeit geknüpft. Obwohl das Zeitalter, in dem auch jenen, die für ihren Lebensunterhalt Lohnarbeit verrichten müssen, relative Sicherheit und Anerkennung gewährt wurden, im historischen Maßstab kurz war, ergibt die Untersuchung der Wahrnehmung des aktuellen Umbruchs, dass die Orientierungen aller derzeit Erwerbstätigen sehr stark von den Versprechen zunehmender Sicherheit und sozialer Anerkennung geprägt sind. Ihre Ansprüche sind also in Relation zu den Errungenschaften der Lohnarbeitsgesellschaft zu sehen, wie im Hinblick auf ihre Betroffenheit von den Folgen des Umbruchs weniger die etwaigen absoluten Verschlechterungen als die relativen Benachteiligungen von Be- deutung sind. Es geht also, um mit Pierre Bourdieu (1997, S. 19; vgl. auch ders. 1998) zu sprechen, nicht nur um die Frage, ob und wo die „große Not" ausbricht, sondern auch darum, jene Leiden wahrzunehmen und zu verstehen, die „kleine Nöte" aus der Perspektive der jeweils Betroffenen nach sich zie- hen. Sie können verursacht sein durch eine niedrige soziale Position, durch die Frustration von Aufstiegserwartungen und durch tatsächlichen oder dro- henden Abstieg und sind weniger in ihrer objektiven als in ihrer subjektiven Bedeutung relevant. In dieser Hinsicht gilt es, die objektiven Bedingungen mit den im Habitus angelegten Aspirationen in Zusammenhang zu bringen. In Zeiten des Umbruchs ist es wahrscheinlicher, dass die Einbettung der As- pirationen in die sozioökonomischen Gegebenheiten aufbricht, dass sich also die früher durchaus realistischen Lebensentwürfe nicht mehr verwirklichen lassen.

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Hinzu kommt, dass man die große wie die kleine Not als Betroffener be- sonders schmerzlich empfindet, wenn sie nicht von allen geteilt, sondern im Gegenteil innerhalb einer reichen Gesellschaft erlitten werden. Verarmung, Unsicherheit und Armutsgefährdung haben als „Armut im Wohlstand" (Bohle u.a. 1997) eine stärker demütigende und kränkende Wirkung als in ei- ner armen Gesellschaft, denn sie stehen in scharfem Kontrast zu den Bildern von den Erfolgreichen und Aufsteigern, welche die Massenmedien und die Unterhaltungsindustrie als neue gesellschaftliche Norm hinstellen. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass die rechtspopulistischen Parteien gerade in jenen Ländern und Regionen Europas erfolgreich waren und sind, die sich nicht durch eine hohe Arbeitslosigkeit und ein niedriges Sozialprodukt, son- dern im Gegenteil durch Wohlstand auszeichnen wie Dänemark, die Schweiz, Österreich, Norditalien, Flandern, die Niederlande oder Norwegen. Ungeschützte sowie Erwerbsarbeit, die keine ausreichende Existenzsi- cherung ermöglicht, ist im Zunehmen begriffen - ein Prozess, der als „Infor- malisierung der Arbeit" (Altvater/Mahnkopf 1999 und 2002) bezeichnet wird. Die Globalisierung des Kapitalismus und die Ausdehnung des Dienst- leistungssektors sind die Triebkräfte hinter der Verbreitung prekärer Be- schäftigung: Da nicht alle Teilbereiche einer Volkswirtschaft den ökonomi- schen Standards des Weltmarktes entsprechen können, wird Arbeit - so El- mar Altvater und Birgit Mahnkopf - in die Arbeitslosigkeit oder Informalität abgedrängt. Neben einem Absenken nationalspezifischer Niveaus der Regu- lierung von Arbeit und der sozialen Sicherung kommt es dadurch zu einer Fragmentierung der Gesellschaft, dass immer mehr Arbeit unter dem Niveau der jeweiligen gesellschaftlichen Normen geleistet werden muss. Die auf den Weltmarkt ausgerichteten Branchen steigern ihre Produktivität und reduzie- ren die Beschäftigung. Mit der Abnahme von Erwerbsmöglichkeiten in den Kernbereichen der Industrie und der Dienstleistungen wächst auch das Ange- bot an Arbeitskräften für informelle Beschäftigung bzw. für den informellen Sektor: „Eine vergleichsweise geringe Zahl von hochproduktiven Arbeits- kräften und von wettbewerbsfähigen Unternehmen erfährt eine starke Auf- wertung, andere Leistungen hingegen werden - auch wenn es sich dabei um unverzichtbare Leistungen der sozialen Reproduktion handelt - monetär ab- gewertet. Dies hat zur Folge, dass der Anteil derjenigen Arbeitskräfte wächst, denen eine vollständige und dauerhafte Integration in die Gesellschaft ver- wehrt ist - über die Höhe des verfügbaren Haushaltseinkommens, die Stabi- lität ihres Erwerbsschicksals und ihre Arbeitsbedingungen." (Altvater/Mahn- kopf 1999, S. 339) Die Folge ist eine Verschärfung der gesellschaftlichen Spaltung zwischen den Geldvermögensbesitzern und hoch qualifizierten Spe- zialisten einerseits sowie den zunehmender ökonomischer Unsicherheit aus- gesetzten mittleren Angestellen bzw. Arbeitern und der Unterschicht anderer- seits (vgl. ebd., S. 357). Damit ist jenes „leistungsorientierte Arbeitnehmermilieu" unmittelbar betroffen, das sich aus qualifizierten Arbeitnehmer(inne)n und Gewerbetrei-

Die populistische Lücke

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benden zusammensetzt und sich nach unten gegenüber „weniger respekta- blen" Milieus abgrenzt, wo deutlich niedrigere Qualifikationen und Einkom- men vorherrschen (vgl. Vester 2001, S. 312). Es geht in diesem Zusammen- hang nicht nur um die Verschlechterungen und Bedrohungen des Lebens- standards verschiedener Gruppen, sondern auch um die Strategien der Ab- grenzung und um symbolisch außerordentlich bedeutsame Grenzziehungen:

„Um diese Grenze der Respektabilität wurden in der Geschichte der Bundes- republik die wichtigsten Auseinandersetzungen geführt. Durch die seit den fünfziger Jahren erkämpfte soziale Teilhabe (an Wohlstand, Bildung und so- zialer Sicherung) wurde die große Mehrheit der Arbeitnehmer und kleinen Selbständigen in diese soziale Mitte der Respektabilität integriert. Eben die- ses Sozialmodell steht heute wieder zur Disposition." (ebd., S. 312) Rationalisierungs- und Flexibilisierungsstrategien der Unternehmen sind zweifellos wichtige Triebkräfte der Prekarisierung und Informalisierung von Arbeit. Ihre Wirkung wird noch dadurch verschärft, dass der Umbau des So- zialstaates in vielen Ländern die Absicherung zugleich reduziert. So wird der Zugang zu Transferleistungen erschwert, während die Bindung sozialer Absi- cherung an die Erwerbsarbeit trotz Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in Ländern wie Deutschland und Österreich aufrechterhalten bleibt oder gar ver- stärkt wird (vgl. Mairhuber 2001). Ein Beispiel, an dem die Folgewirkungen für die materielle Lage sowie für die subjektive Unsicherheit vieler Arbeit- nehmer/innen besonders deutlich hervortritt, bietet die Verschärfung der An- spruchsvoraussetzungen für eine Altersrente: Hier haben die jüngsten Ver- schlechterungen für die Versicherten etwa in Österreich sowohl das Pensions- zugangsalter nach oben geschraubt als auch die Pensionshöhe noch stärker von einer kontinuierlichen Erwerbstätigkeit abhängig gemacht. Zwar scheint der dominante Diskurs über die „leeren Kassen" die Verschlechterung der sozialen Absicherung zu legitimieren. Die Frage ist allerdings, ob diese Über- zeugungsversuche erfolgreich sind und Gefühle der Verunsicherung und Be- nachteiligung im Zaum halten können. Zudem verlangt der Umbau des Sozial- staates nach einer Alternative zur sozialstaatlichen gesellschaftlichen Inte- gration, als die sich insbesondere neokonservative Strategien der symboli- schen Integration anbieten. Und genau so wird Rechtspopulismus zumindest in der angelsächsischen Soziologie definiert (vgl. Dubiel 1994). In der aktuellen Diskussion über die Umbrüche der Erwerbsarbeit finden sich gute Argumente dafür, dass die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse etwa in Form „atypischer" Beschäftigung in Ländern wie Deutschland und Österreich zwar eine bedeutende, aber nicht die wichtigste und folgenreichste Veränderung darstellt. Denn während die „Erosion des Normalarbeitsverhält- nisses" gar nicht in dem Maße fortschreitet, wie oft behauptet wird, sind gra- vierende Verschiebungen im Normalarbeitsverhältnis selbst zu beobachten, die eine „innere Rekommodifizierung der Arbeitsverhältnisse" bewirken. „Im nicht nachhaltigen Umgang mit Arbeitskraft im Inneren des Arbeitsverhält-

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Gefahr", argumentiert Gerhard Bosch (2003, S. 23). Wenn es darum geht, die großen und kleinen Nöte zu erkennen, die eine Voraussetzung für die Attrak- tivität rechtspopulistischer Strömungen sein könnten, dann sollte man sich folglich nicht nur auf die offensichtlichen „Verlierer/innen", d.h. auf Ar- beitslose und prekär Beschäftigte, konzentrieren. Dies legt schon die Beob- achtung nahe, dass Verunsicherung und Leiden häufig verdeckt bleiben, nicht nur weil man „die im Dunklen" nicht sieht, sondern auch deshalb, weil die Betroffenen alles daran setzen, die Symbole der Zugehörigkeit nicht zu ver- lieren, also zumindest den Schein zu wahren, wie man aus der Arbeitslosen- forschung weiß. Wem fällt schon auf, dass hinter der Fassade einer scheinbar gesicherten Existenz nicht mehr lange durchzuhaltender Arbeitsdruck, eine krasse Ausdehnung der Arbeitszeit oder hohe Verschuldung stecken? In unserem Zusammenhang ist besonders hervorzuheben, dass der Leis- tungsdruck allgemein zunimmt, wodurch die Arbeit intensiviert und die Ar- beitszeit bestimmter Beschäftigtengruppen ausgedehnt wird, zugleich aber die Unsicherheit steigt, ob sich der Einsatz mittel- oder langfristig überhaupt noch lohnt. Hintergrund der Entwicklung sind in Teilen der Arbeitswelt die Internationalisierung und die Umstellung der Steuerungsformen der Unter- nehmen, in anderen die Liberalisierung und Privatisierung öffentlicher Dienst- leistungen oder die Kürzung öffentlicher Budgets, in wiederum anderen die Ersetzbarkeit von Arbeitskräften angesichts hoher Arbeitslosigkeit und der (teils illegalen) Beschäftigung von Arbeitsmigrant(inn)en und Saisonarbei- ter(inne)n. Die Internationalisierung der Unternehmen und die Entwicklung der in- ternationalen Arbeitsteilung haben die Unsicherheit über den Bestand von Betrieben und Arbeitsplätzen massiv erhöht. Globalisierung und Standort- wettbewerb veränderten zudem die Stellung bedeutender Industriezweige im Gefüge der internationalen Arbeitsteilung und beeinträchtigten dadurch die soziale Position, die Beschäftigungsbedingungen und die „Selbstdefinition" der Beschäftigten: „Die Rückkehr sozialer Unsicherheit in Stammbelegschaf- ten und Facharbeiterränge muss besonders von Gruppen als schmerzlicher Einschnitt empfunden werden, deren Erwartungen auf eine mehr oder minder kontinuierliche Steigerung des Lebensstandards und die schrittweise Mini- mierung von Lohnarbeiterrisiken fixiert sind." (Dörre 1997, S. 95) Ein recht guter Indikator für die auch auf Seiten der Arbeitnehmer/innen wahrgenommene Unsicherheit der Beschäftigung dürfte die Verbreitung von sog. Standortvereinbarungen sein, mittels deren Interessenvertretungen der Arbeitskräfte etwa Zugeständnisse bei den Beschäftigungs- und Arbeitsbe- dingungen gegen Zusagen der Unternehmensleitung tauschen, die Beschäfti- gung am Standort aufrechtzuerhalten und in den Betrieb zu investieren. Sol- che Vereinbarungen gibt es inzwischen in jedem zweiten deutschen Großun- ternehmen (vgl. MPIfGF 2002). Laut WSI werden sie nicht nur in Großbe- trieben, sondern bereits in einem Drittel aller Betriebe abgeschlossen (vgl. Mauer/Seifert 2001). Die Vereinbarungen werden häufig als „betriebliche

Die populistische Lücke

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Bündnisse für Arbeit" bezeichnet, obwohl sie in den wenigsten Fällen tat- sächlich Arbeitsplätze schaffen oder schützen. Wie die Untersuchung des Max-Planck-lnstituts für Gesellschaftsforschung ergab, waren nur bei 4 Pro- zent der Vereinbarungen beschäftigungspolitische Motive ausschlaggebend. In der überwiegenden Mehrheit ergreift das Management die Initiative und will über Kostensenkung und Flexibilisierung größere Wettbewerbsvorteile als Antwort auf die Konkurrenz innerhalb des Unternehmens oder von außer- halb erzielen (vgl. MPIfGF 2002, S. 48). Während solche Vereinbarungen in Deutschland verbreitet explizite Beschäftigungsgarantien enthalten, war in Österreich festzustellen, dass den Zugeständnissen der Arbeitnehmerseite oft nur vage Absichtserklärungen von Seiten der Unternehmensleitungen gegen- überstanden (vgl. Blum u.a. 1999). Der Druck globalisierter Finanzmärkte auf die Realökonomie hat zu er- höhten Renditeforderungen und zu Kurzfristigkeit geführt, was massive Auswirkungen auf die Unternehmensorganisation, die Wirtschaftsstruktur und die Art der Beschäftigungsverhältnisse zeitigte. Die hohen Beiträge zu den Renditen sollen in allen Teilbereichen der Unternehmen und in jedem Quartal erwirtschaftet werden. Damit droht nicht nur dem Gesamtbetrieb, sondern auch einzelnen Funktionsbereichen oder Abteilungen getrennt die Aus- oder Verlagerung und Schließung. Zugleich kommt es zu forcierten Auslagerungen (Outsourcing) und damit zur Aushöhlung von Unternehmen, deren Leitungen damit zu verhindern suchen, dass die ständigen Nachfrage- schwankungen der Märkte auf das betriebswirtschaftliche Ergebnis durch- schlagen. Die Kapazitäten eines Unternehmens, also der Personalstand, die Anlagen, die Büroflächen etc., sollen durch Auslagerung, variable Arbeits- zeiten und Leiharbeit möglichst flexibel an die jeweilige Auslastung ange- passt werden (vgl. Altvater/Mahnkopf 2002). Die neuen Formen der Steuerung von Unternehmen führen nicht nur zu Arbeitsplatzverlust und verallgemeinerter Unsicherheit, sie greifen auch tief in die betrieblichen Sozialbeziehungen ein: Ständige Umstrukturierungen, Kurz- fristigkeit und erhöhter Renditedruck untergraben das Prinzip der Gegenseitig- keit und zerstören damit das Vertrauen, auf dem die meisten Arbeitsbeziehun- gen basieren. Bestimmte Arbeitsformen, etwa die eigenverantwortliche Tätig- keit auf Basis von Erfahrungswissen, setzen Vertrauensbeziehungen voraus und werden durch den Zwang zur Quantifizierung und durch kurzfristige Ko- sten-Nutzen-Kalküle beeinträchtigt. Für die Arbeiter/innen bedeutet dies nicht nur, dass die Chancen, ihre Erfahrung und ihr Engagement im Sinne der Unter- nehmensziele einbringen zu können, geschmälert werden, sondern auch eine Missachtung ihrer Fähigkeiten und ein Misstrauen ihren Motiven gegenüber. Tiefe Kränkungen können die Folge sein (vgl. Flecker/ Krenn 2001 ). Richard Sennett beschreibt weitere Gründe für die abnehmende gesell- schaftliche Einbindung von Arbeiter(inne)n und Angestellten in der Arbeit, also Veränderungen für jene Personen, die in einem „Normalarbeitsverhält- nis" beschäftigt und in materieller Hinsicht meist nicht von Ausgrenzung be-

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Jörg Flecker

droht sind. Ihm geht es insbesondere um die Erfahrungen der Mittelschichten.

Für Sennett (2000, S. 436) fällt die soziale Inklusion der Flexibilität zum Op- fer: Verpflichtung und Loyalität der Beschäftigten schwinden, weil Firmen verpflichtende Bindungen verweigern. Inklusion erfordert aber Dauer der so- zialen Beziehungen und wiederholte Interaktion. Die vielfach gewachsene Autonomie in der Arbeit führt unter diesen Bedingungen zu Frustration: Die Unternehmen spalten die Befehls- von der Leitungsfunktion ab, wobei die Vorgaben aus unzugänglichen Zentralen kommen und nur gesagt wird, was zu erreichen ist, aber nicht, wie es erreicht werden kann, während die Vorge- setzten durch „manipulative Abwesenheit" glänzen. Die angebliche Freiheit von Anleitung schürt Frustration, denn die Beschäftigten haben das „Gefühl, es sei nur recht und billig, dass diejenigen, die befehlen, auch genau benen- nen, was sie erwarten", tatsächlich aber werden „diejenigen, die Befehle aus-

davor geschützt, Verantwortung fur die Konsequenzen zu tragen"

(Sennett 2000, S. 443). Neben den Arbeitsbedingungen spielen in unserem Zusammenhang besonders Anerkennungsverhältnisse eine wichtige Rolle. In dieser Hinsicht kritisiert Sennett, dass heute eher Unternehmer und weniger Arbeitnehmer/innen ehrenhafte Arbeit symbolisieren, weshalb er es als Auf- gabe einer Sozialreform ansieht, die Würde von Männern und Frauen als Ar- beitnehmer(inne)n wiederherzustellen. Es gibt einen Bereich der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes, in dem in- nerhalb relativ kurzer Zeit besonders gravierende Umbrüche in der Arbeit er- folgten: die von Liberalisierung und Privatisierung betroffenen öffentlichen Dienstleistungen. So wurden in den letzten Jahren der Personalstand bei Bahn, Post, Telekommunikation und anderen Dienstleistungen erheblich reduziert, die Löhne gesenkt und die Arbeitsbedingungen verschlechtert (vgl. Atzmüller/ Hermann 2004). In den ersten zehn Jahren nach der Liberalisierung und Priva- tisierung öffentlicher Dienstleistungen ist die Beschäftigung in einigen Bran- chen und Unternehmen, etwa der britischen Elektrizitätswirtschaft oder der Deutschen Bahn, um mehr als 50 Prozent gesunken. Hinzu kommt das Phäno- men des Personalaustauschs: Nicht an die 50 Prozent, sondern - wie Atzmüller und Hermann am Beispiel der deutschen Bahn zeigen - nur 10 bis 25 Prozent der früheren Beschäftigten konnten ihren Arbeitsplatz erhalten. Die Einkom- men der Beschäftigten wurden durch Kürzung von Zulagen, Sozialleistungen und Betriebsrenten reduziert. Neu in die Unternehmen Eintretende müssen trotz gleicher Tätigkeit häufig deutlich niedrigere Löhne als die bereits länger Be- schäftigten in Kauf nehmen. Aber auch die Arbeitsorganisation erfuhr zum ei- nen durch neue Managementkonzepte und zum anderen durch Rationalisie- rungsmaßnahmen umfassende Veränderungen. Neben dem stark gestiegenen Arbeitsdruck stellen insbesondere die ständigen Umstrukturierungen und geän- derten Arbeitszeitformen neue Belastungsquellen dar. Was diese Veränderungen für die Arbeitskräfte bedeuten, lässt sich man- gels Untersuchungen kaum abschätzen. Für die subjektive Seite sind zunächst jene Orientierungen und Ansprüche zu berücksichtigen, die zur Aufnahme

geben, (

)

Die populistische Lücke

87

einer Beschäftigung in einem staatlichen oder kommunalen Unternehmen ge- führt haben dürften. Für viele Menschen spielten wohl Sicherheitserwartun- gen bzw. -versprechen mit, die nun enttäuscht werden. Die Frustrationen dürf- ten weit über das hinausgehen, was das offizielle Bild des „sozial verträg- lichen" Personalabbaus und der „freiwilligen" Frühpensionierungen vermit- telt. Anzunehmen sind massenhafte Brüche impliziter Verträge, eine gene- relle Abwertung von Erfahrungswissen und eine kontinuierliche Entwertung von Sozialkapital, die wohl mit tiefen Verletzungen des Gerechtigkeits- empfindens und Ohnmachtsgefühlen einhergehen. Es ist naheliegend, in all diesen Tendenzen zumindest Grundlagen für Po- tenziale politischer Subjektivität zu erkennen, die nicht mehr durch die vorherr- schenden Legitimationsangebote eingebunden sind und so von Populisten aus- genutzt werden können. Kernbotschaft verschiedener rechtspopulistischer Par- teien ist demnach auch der Appell an jene „Anständigen und Fleißigen, die nicht bekommen, was ihnen zusteht", während andere, die es eigentlich nicht verdienen, weil sie angeblich nichts leisten, mehr für sich herausholen können - „die Politiker", Asylbewerber/innen oder „Sozialschmarotzer". Doch warum sollen die Zumutungen im Erwerbsleben ausgerechnet rechtspopulistische Parteien und ihre Botschaften attraktiver machen? M.E. gelingt es ihnen, die „populistische Lücke" zu füllen, die sich zwischen dem sozioökonomischen Wandel und seiner politischen Verarbeitung aufgetan hat: Der Neoliberalismus (vgl. zu seiner Kritik: Butterwegge u.a. 2007 und 2008) ist als hegemoniale Ideologie und Politik bisher einerseits stark genug, um öffentliche Kritik und Widerstand gegen den Umbau der Bedingungen der Erwerbsarbeit weitgehend zu unterdrücken. Dadurch können die von ihm verursachten Leiden nur schwer legitimen Ausdruck finden. Wie sollen die Betroffenen etwa die Verschlechterung der Arbeits- und Beschäftigungsbe- dingungen im öffentlichen Dienst anprangern, wo sie doch selbst seit Jahren als hochgradig ineffizient und grundlos privilegiert am Pranger stehen? An- dererseits dürfte die neoliberale Ideologie zwar stark genug sein, die ver- schiedenen Bevölkerungsgruppen von der Notwendigkeit stärkerer Einspa- rungen und des Abbaus von „Privilegien" bei den jeweils anderen, nicht aber, sie von der Legitimität eigener Opfer überzeugen zu können. Dies ist ange- sichts des Reichtums der Gesellschaft sowie der maßlosen Bereicherung vie- ler ihrer Mitglieder auch nicht besonders überraschend. Es bleibt also eine Lücke zwischen der öffentlichen Anerkennung von Problemen einerseits und der Einsicht in die Unausweichlichkeit eigener Beiträge zu ihrer Lösung so- wie der Bereitschaft, für sich selbst Nachteile zu akzeptieren, andererseits. Wobei diese Nachteile durchaus relativ sein, also neben schmerzhaften Ver- lusten auch die subjektiv erlebte Bedrohung des Wohlstandes oder einen ge- ringeren als den angestrebten Gewinn und Aufstieg beinhalten können. Eine

dass diese Art der Rebellion

schaft angelegt ist und von

günstige

Voraussetzung

in

für den

Rechtspopulismus

besteht darin,

der vorherrschenden

Ideologie der Gesell-

Eliten de

den wirtschaftlichen und politischen

88

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facto unterstützt wird. Auch sie setzen im Zuge des Abbaus sozialstaatlicher Integration gern auf Strategien der symbolischen (anstelle einer materiellen, sozialstaatlichen) Einbindung. Mit dem „Standortnationalismus" existiert ein politisch-ideologisches Bindeglied zwischen Liberalkonservatismus und Rechtsextremismus (vgl. dazu: Butterwegge 1998 und 1999). Hiermit ver- knüpft ist das Bewusstsein, auf den internationalen Märkten einer Welt von Feinden gegenüberzustehen und die wirtschaftsimperiale Überlegenheit des eigenen Volkes durch Erfindungsgeist, größeren Fleiß und Opferbereitschaft beweisen zu müssen. Während die Menschen früher im Namen der eigenen Nation dazu gebracht wurden, Opfer zu erbringen, sollen sie dies heute im Namen „ihres" Standortes tun (vgl. Butterwegge 2001, S. 96ff.). Nicht nur die offizielle Ideologie des Standortwettbewerbs bereitet den Boden für autoritär-ausgrenzende Reaktionen. Die Unterstützung für rechts- populistische Parteien kann trotz der Empörung, die sie hervorruft, deshalb auch als „konformistische Rebellion" (Hentges/Meyer 2002, S. 55) bezeich- net werden, weil der Protest gegen soziale Ungerechtigkeiten im Hinblick auf die Klassenbeziehungen konformistisch bleibt und nur ein Aufbegehren ge- gen die geforderte politische Korrektheit bedeutet.

Bedrohung kultureller Identität?

Im ersten Teil dieses Beitrages wurde argumentiert, dass es eine Reihe von Entwicklungen im Erwerbsleben gibt, die jene Potenziale politischer Subjekti- vität ausbilden, die - weil nicht mehr eingebettet in traditionelle Legitimati- onsmuster und politische Angebote - vom Rechtspopulismus für seine Agitati- on genutzt werden können. Teilweise sind die politischen Botschaften rechts- populistischer Parteien durchaus als Antworten auf Probleme zu verstehen, die sich aus der „Brutalisierung" der Arbeitswelt ergeben. Betrachtet man jedoch die aktuellen Hauptthemen der populistischen und extremen Rechten in Euro- pa, so ist unschwer zu erkennen, dass Bedingungen der Erwerbsarbeit und Ver- teilungskonflikte nicht im Zentrum ihrer Argumentation stehen (vgl. Poglia- Mileti u.a. 2002; Betz 2003). Das sind vielmehr die Einwanderung und angeb- liche kulturelle Bedrohungen, also das Schreckgespenst der „Überfremdung", die Notwendigkeit der Verteidigung christlicher Werte und der Anti-Islamis- mus. So stellten die Dansk Folkeparti (DF) und die Lijst Pim Fortuyn (LPF) Angriffe auf muslimische Minderheiten in den Vordergrund, wenn sie in den Wahlkämpfen für die Verteidigung der dänischen bzw. niederländischen kultu- rellen Identität eintraten. Auch die Lega Nord, die Freiheitliche Partei Öster- reichs (FPÖ) und die Schweizerische Volkspartei (SVP), der damit am 21. Oktober 2007 ein großer Wahlsieg gelang, warnten vor einer „Invasion Euro- pas" und begründeten Forderungen nach einem Einwanderungsstopp für Mus- lime damit, dass diese aus kulturellen Gründen nicht integrationsfähig seien.

Die populistische Lücke

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Die „identitätspolitische Wende" des Rechtspopulismus macht es für Hans-Georg Betz (2003) erforderlich, seine politischen Erfolge neu zu inter-

pretieren: Nicht der Aufstand der Modernisierungsverlierer erkläre die politi- sche Entwicklung in Europa, sondern die Betonung kultureller Differenz und die Verteidigung der kulturellen Eigenheit. Betz (ebd., S. 262f.) begründet diese Argumentation unter Bezugnahme auf Nancy Fräsers Konzept sozialer Gerechtigkeit mit der These von der „Identitätspolitik als Anerkennungspoli- tik", in der es insbesondere um die öffentliche Anerkennung gruppenspezifi-

sind ge-

rade deshalb so erfolgreich, weil sie dezidiert eine politische Strategie verfol- gen, die auf der Mobilisierung von Anerkennungsforderungen beruht ( ) Der Diskurs rechtspopulistischer Parteien baut gerade darauf auf, Multikultu- ralismus als eine Abwertung der Mehrheitskultur darzustellen und die Mehr- heit zu Opfern derjenigen zu machen, die einer unbegrenzten Einwanderung' Vorschub leisten und damit die Zerstörung der nationalen und kulturellen Identität billigend in Kauf nehmen. Daraus ergibt sich folgerichtig die Forde- rung rechtspopulistischer Parteien nach Anerkennung des Rechts auf Identität und darauf, Herr im eigenen Haus zu sein."

Nun ist nicht zu leugnen, dass der Widerstand gegen Bedrohungen der kulturellen Identität eine sehr prominente Rolle im politischen Angebot des Rechtspopulismus spielt. Und es wäre verfehlt, entsprechende Bedrohungsge- fühle auf Seiten der politischen „Nachfrage" leugnen und alles den Verfüh- rungskünsten der Rechtspopulisten zuschreiben zu wollen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob es sich bei dem sozioökonomischen Wandel und der Modernisie- rungsverlierer-These einerseits sowie der These der kulturellen Bedrohung und der Identitätspolitik andererseits wirklich um gegensätzliche Erklärungen han- delt oder ob nicht auch Zusammenhänge zwischen ihnen bestehen. Ein solcher Zusammenhang ist darin zu erkennen, dass Immigration und Multikulturalismus eine tatsächliche Bedrohung für die Interessen bestimm- ter Bevölkerungsgruppen darstellen; ein weiterer ergibt sich, wenn man die vielfältigen Aspekte der Identitätsarbeit betrachtet. Was bedrohte Interessen betrifft, sind es bestimmte Bevölkerungsgruppen, die mit lmmigrant(inn)en um Arbeitsplätze und Wohnungen konkurrieren und mit ungelösten Proble- men multikulturellen Zusammenlebens, etwa im Bereich der Schulbildung, konfrontiert sind, nämlich jene Erwerbstätigen, die auf die schlechtesten Ar- beitsmarktpositionen abgedrängt werden: „Zuwanderer treten in eine Ver- meidungskonkurrenz ein, die in den Gesellschaften, in die sie so recht und schlecht aufgenommen werden, schon seit langem abläuft. Es ist nicht ver-

wunderlich, dass sie dabei die schlechtesten Karten in Händen halten (

Die

Zuwanderer treten so der einheimischen Unterklasse als Konkurrenz, der Elite als willkommene Entlastung und als jene Bereicherung' gegenüber, von der in diesem Zusammenhang immer gesprochen wird." (Zilian 2002, S. 68) Weder das Schicksal der Unterklasse noch die Nachteile, die deren Mit- glieder durch Zuwanderung erleiden, finden in der Gesellschaft genügend

scher kultureller Identitäten gehe: „Rechtspopulistische Parteien (

)

).

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Anerkennung. Ebenso wenig wurden lange Zeit jene Probleme offen disku- tiert, die das Zusammenleben von Menschen verschiedener Sprache und Kultur mit sich bringen kann. Gerade Mitglieder der sozialen Unterschichten

erleben die Schattenseiten der multikulturellen Gesellschaft und werden mit der ihre Lebenswirklichkeit krass widersprechenden politischen Ideologie ei- nes ethnisch homogenen Nationalstaates konfrontiert: „Die Konservativen geben vor, durch Begrenzung der Zuwanderung Probleme zu lösen, die den Alltag dieser Menschen gar nicht berühren. Eine Politik der Abschottung nach außen kann die realen Konfliktstrukturen im Wohn-, Arbeits- und Frei-

Während die intellektuellen Kosmopoliten

und Dienstleister den Mob, die Engstirnigen und Ungebildeten im Grunde

verachten, tendieren die konservativen Besitzstandswahrer eher zur Instru- mentalisierung der städtischen Modernisierungsverlierer. Deren Nöte werden als legitim anerkannt, aber am Ende dazu genutzt, die Politik der Abschot- tung zu rechtfertigen und dem Zwang zum Teilen zu entgehen. Von beiden Gruppen dergestalt mißachtet ist der Weg in die politische Apathie oder zu den Rechtsaußen-Parteien dann nur noch ein kleiner Schritt. Der Rechtspo-

hat geschickte Wege gefunden, dieses Potential für sich einzu-

nehmen." (Jaschke 2001, S. 92f.) Wenn auch durch Ethnisierung überformt, geht es dem Rechtspopulismus hier doch ein Stück weit um Interessenpolitik, sofern auf soziale Deklassierung und Probleme in wichtigen Lebensberei- chen, etwa Arbeit, Wohnen oder Schule, Bezug genommen wird. Nicht nur auf bestimmte exponierte Bevölkerungsgruppen bezogen lässt sich argumentieren, dass die Politik der nationalen Präferenz, welche den unterschiedlichen rechtspopulistischen Parteien in Europa gemeinsam ist, ei- ne Form der Verteidigung bedrohter Interessen darstellt. Der aggressive Wohlfahrtschauvinismus setzt an allgemeinen Erfahrungen mit dem Rückbau des Sozialstaates und den ständig wiederholten Behauptungen seiner Unfi- nanzierbarkeit an. Dasselbe gilt für die Misere des Arbeitsmarktes. Klaus Dörre (1997, S. 97) sieht in den Folgen der Globalisierung für die Industrie- arbeiter eine Ursache für einen „defensiven Arbeiternationalismus", der auf Selbstbehauptung und die Bewahrung des Erreichten sowie darauf ausge- richtet ist, den Abstand zu den Unterschichten auch mittels „ethnisierender Ausgrenzung" zu bewahren: „Über den Appell an die zuständige Regulati- onsinstanz, den Staat, will er sein Anliegen durchsetzen; den Parteien der ex- tremen Rechten kann dabei der Part des Anwalts verletzter Gruppeninteres- sen zufallen." Mangelnde Vertretung der „Verlierer/innen" durch andere Parteien, ins- besondere die Sozialdemokratie, wird von weiteren namhaften Autor(inn)en als eine der Ursachen für die Popularität rechtsextremer und rechtspopulisti- scher Parteien genannt (vgl. Mahnkopf 2000; Zilian 2002). Die Krise der Re- präsentation betrifft aber nicht nur die politischen Parteien. Asbjorn Wahl (2004, S. 46f.) verweist in diesem Zusammenhang auf das Unvermögen der europäischen Gewerkschaften, dem Abbau des Wohlfahrtsstaates sowie einer

zeitbereich nicht verbessern. (

)

pulismus (

)

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Verschlechterung der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen wirkungsvoll zu begegnen: „In different European countries we have seen retrenchments in welfare provision such as reduced sick pay and pensions, cuts in unemploy- ment benefits, higher use fees in public education, nursery schools, and health and social services, and the abolition of nonprofit housing projects. Working conditions have worsened through the undermining of labor laws and agreements, including the weakening of working hours regulations, the reduction of overtime pay, the reintroduction of shift work in many indus- tries, reduces job security, more temporary short contract jobs, more use of contract and leased workers, and more decentralized bargaining. One impor- tant effect of this development has been the demoralization of workers and a reduction in trade union membership, as the trade unions fail to protect their members. The growth of right-wing populist parties is probably the most dangerous result of this trade union policy of indulgence." Die Wirkung der „Inländer zuerst"-Botschaften der radikalen Rechten von Jean-Marie Le Pen bis Jörg Haider ist nur vor dem Hintergrund verletzter materieller und symbolischer Interessen zu verstehen, vor dem Hintergrund als ungerechtfertigt empfundener sozialer Deklassierung. Über einen Prozess der Ethnisierung der sozialen Beziehungen (vgl. Jaschke 2001), der keines- wegs von den rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien allein getra- gen wird (vgl. Butterwegge 2006, S. 188f.), findet der Protest gegen die In- teressenverletzungen seinen Ausdruck in der Forderung nach Ausgrenzung und nationaler Präferenz. Der Umstand, dass die Forderung nach Anerken- nung sich auf kulturelle Identitäten bezieht, heißt ja nicht, dass die Rebellion gegen Missachtung ihren Ursprung in der Identifikation mit einer ethnisch, kulturell oder national definierten Gruppe haben muss. Es ist ja naheliegend anzunehmen, dass sie darin ihren Ausdruck findet, weil andere legitime Aus- drucksmittel oder entsprechende politische Angebote fehlen. Mit anderen Worten: Auch wenn der Erfolg des Rechtspopulismus auf fundamentalisti- sche Identitätspolitik zurückzuführen ist, müssen nicht primär Gefühle der kulturellen Bedrohung als Gruppe dahinter stehen. Die Ursachen können auch in individuellen Erfahrungen versagter Anerkennung und bedrohter Identität liegen, die erst im Prozess der Mobilisierung auf eine - sozial kon- struierte - Gruppenidentität und kulturelle Differenz hin geleitet werden, weil sich auf diese Weise einfache Muster der Bevorzugung und Benachteiligung konstruieren lassen. Den rechtspopulistischen Parteien dient die Identitätspo- litik zur Legitimation der nationalen Präferenz („Österreich zuerst", „Les Français d'abord"); auf diese Weise wird wieder ein Bezug zu Verteilungs- fragen hergestellt. Statt einer Gegenüberstellung der beiden genannten Erklärungsversuche des Rechtspopulismus kann auch eine enge Verquickung zwischen der Be- nachteiligung im Erwerbsleben, der gefährdeten sozialen Sicherheit und der Identitätsbedrohung durch Ungleichheit einerseits sowie den wahrgenomme- nen Bedrohungen der kulturellen Identität andererseits vermutet werden.

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Meine These ist, dass wir es außer mit den erwähnten Verletzungen von In- teressen mit Entfremdungsphänomenen zu tun haben, in denen Migrant(in- n)en und als fremd empfundene Kulturen bzw. Religionen zum Symbol für die „Fremdheit" der Gesellschaft werden, wiewohl diese Fremdheit auch oh- ne Immigration gegeben wäre (vgl. Hentges u.a. 2003). Wie stellen sich nun die Probleme der Sicherung persönlicher und so- zialer Identität und die Verbindung zur kulturellen Identität konkret dar? Be- trachtet man die individuelle Situation im Erwerbsleben und die über die Stellung in der Arbeitsgesellschaft vermittelte Position im sozialen Raum, so lassen sich viele Argumente dafür finden, dass soziale Ungleichheit und nachteiliger sozioökonomischer Wandel das Selbstbewusstsein und den Selbstwert von Menschen bedrohen können. Sowohl psychologische als auch soziologische Konzepte von Identität heben hervor, dass einmal entwickelte persönliche und soziale Identität grundsätzlich nicht festgefügt und auf Dauer gestellt ist. Identität ist vielmehr als ein im Fluss befindlicher kontinuierlicher Versuch von Individuen zu verstehen, unterschiedliche Rollenanforderungen auszubalancieren und Teilaspekte der Persönlichkeit zu integrieren (vgl. Krappmann 1969). Um Identität überhaupt ausbilden und aufrechterhalten zu können, bedarf es der Anerkennung von Selbstbildern und Selbstentwürfen durch andere. Nach Axel Honneth versichern sich Individuen der spezifi- schen Fähigkeiten und Bedürfnisse, die ihre Persönlichkeit ausmachen, durch befürwortende Reaktionen anderer. „Der Wegfall solcher Anerkennungs- beziehungen hat Erfahrungen der Missachtung und Demütigung zur Folge, die nicht ohne schädliche Konsequenzen für die Identitätsbildung des einzel- nen Individuums sein können." (Honneth 2003, S. 205) Die Arbeitswelt und ihre Veränderungen wirken sich gleich in mehrfa- cher Hinsicht auf die Identitätsarbeit aus. Hierzu liegen vielfältige und um- fangreiche Forschungsergebnisse vor, bei denen zwei Aspekte im Mittel- punkt stehen: die Tätigkeiten, die sozialen Beziehungen in der Arbeit und die Arbeitsergebnisse als Voraussetzungen für die Entwicklung von persönlicher und sozialer Identität einerseits sowie die über Ausbildung und Erwerbsarbeit bestimmte Position im sozialen Raum sowie die Möglichkeiten des Aufstiegs und die Gefahren des Abstiegs bis hin zur Drohung der Ausgrenzung aus der Gesellschaft andererseits. Mit Pierre Bourdieu kann man argumentieren, dass nicht nur aktuelle, nachteilige sozioökonomische Veränderungen die Identität beeinträchtigen, sondern schon die Ausgangslage sozialer Ungleichheit mit Demütigungen und Kränkungen für jene auf den unteren oder absteigenden Positionen im sozialen Raum verbunden ist. Benachteiligungen und Bedrohungen beziehen sich auf die Ausstattung mit ökonomischem Kapital, also mit Einkommen und Vermögen. Da sich in unserer Gesellschaft mit Besitz und Geld viel be- wegen lässt, erfährt sich ein Individuum, das darüber verfügt, als jemand, der oder die Machtressourcen hat und die Umwelt gestalten kann (vgl. Vogt 2000, S. 84). Auch kulturelles und soziales Kapital können als Ressourcen

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für die Identitätsarbeit angesehen werden: Ganz abgesehen von einem mit ih- nen zu erreichenden Zugang zu einem Arbeitsplatz, der Selbstverwirklichung erlaubt, ermöglichen es Qualifikationen, aber auch kommunikative und so- ziale Kompetenzen, sich als aktiv gestaltend zu erleben. Soziales Kapital, al- so Ressourcen, die mit den Beziehungen gegenseitigen Kennens und Aner- kennens bzw. der Mitgliedschaft in einer Gruppe verbunden sind, sichern Identität, indem sie Kontinuität gewähren und als Auffangnetz eine Versiche- rungsfunktion erfüllen. „Kapitalrestriktionen bringen auch Identitätsrestrik- tionen mit sich" (ebd., S. 96) - Kapitalverlust bedeutet demnach teilweisen Identitätsverlust. Vor diesem Hintergrund sind die jüngsten Umbrüche in der Arbeitswelt, die kontinuierliche Restrukturierung von Unternehmen, die Liberalisierung und Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, die Rationalisierung sowie die ständigen Veränderungen der Arbeitsorganisation zu analysieren: Für viele Menschen sind diese Veränderungen mit einer Bedrohung ihres Ein- kommens und damit ihres materiellen Lebensstandards verbunden. Sie erle- ben zugleich - und das ist in unserem Zusammenhang ebenso wichtig - eine Entwertung von Qualifikationen und sozialem Kapital. So können Änderun- gen auf dem Arbeitsmarkt und im Unternehmen die Verwertbarkeit von Wis- sen, Erfahrung und Bildungstiteln in Frage stellen, während Versetzungen, Arbeitsplatzwechsel und Umzüge die oft langjährig durch Gabe und Gegen- gabe kontinuierlich aufgebauten Beziehungen entwerten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ein Arbeitsplatzverlust jene besonders loyalen Arbeit- nehmer/innen am stärksten trifft, die ausschließlich in unmittelbar betrieblich verwertbares Wissen und in die sozialen Tauschbeziehungen des Betriebes investiert und sich - noch grundlegender - hinsichtlich der Anerkennung ih- res Selbstbildes durch bedeutsame Andere, den Arbeitgeber, Vorgesetzte und Kolleg(inn)en, überaus abhängig gemacht hatten.

Folgen für die politischen Orientierungen

Auf die Bedrohung und Gefährdung von Identität sind verschiedene Reaktio- nen vorstellbar. Wie kommt es gerade zu autoritär-ausschließenden Reaktio- nen? Was ist das Angebot des Rechtspopulismus und wie wird die Verbin- dung mit Fragen der gruppenspezifischen kulturellen oder ethnischen Identi- tät hergestellt? Eine Erklärung stellt auf die Orientierungsfunktion der Ideologien ab, in- dem betont wird, dass die Menschen in einer zunehmend komplexen Welt große Probleme haben, jene Kräfte zu verstehen, die so nachteilig auf ihr Le- ben einwirken. Konfrontiert mit Widersprüchen und existenziellen Unsicher- heiten können Personen, weil sie „die Welt nicht mehr verstehen", durch die Übernahme bestimmter Interpretationen wie sog. Sündenbocktheorien oder

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autoritärer Gesellschaftsbilder ihrer Wahrnehmung der Gesellschaft subjekti- ve Konsistenz verleihen (vgl. Zoll 1984). Sichtweisen und Erklärungen, die auf ethnische Differenzierung, Ausgrenzung von Randgruppen oder Spaltung zwischen Bevölkerung und Elite abstellen, bieten einfache Lösungen für komplexe Probleme und erfüllen so eine Orientierungsfunktion. Eine andere Antwort verweist auf die Problemverschiebung, welche dann erfolgt, wenn Ausbeutung und Entwertung von kulturellem und sozia- lem Kapital zu Spannungen führen, für die es an legitimen Ausdrucksmög- lichkeiten mangelt und die in der Folge an objektiv nicht damit in Zusam- menhang stehenden Themen abgebaut werden (vgl. Bohle u.a. 1997). Frem- denfeindliche Impulse können als ein Weg gesehen werden, Frustrationen auszudrücken, deren Ursachen möglicherweise nichts mit Ausländer(inne)n zu tun haben (vgl. Bourdieu 1997, S. 796). Psychoanalytische Theorien sprechen von Projektion und erklären aus- grenzende Haltungen mit libidinösen und aggressiven Impulsen, die auf an- dere projiziert werden. Außenseiter, denen unterstellt wird, dass sie die eige- nen unterdrückten Wünsche oder Triebregungen ausleben, werden zum Ziel der Aggression. Je mehr sich die Personen dem Diktat intensivierter Leistung und Produktivität unterwerfen müssen, desto wahrscheinlicher wird die Ag- gression gegen jene Gruppen oder Personen, die als unproduktiv, faul oder als Trittbrettfahrer wahrgenommen werden (vgl. Zoll 1984; Dörre 1997). Andere Antworten beziehen sich unmittelbar auf den Aspekt der Siche- rung von Identität. Eine Möglichkeit, Selbstwert und Selbstbewusstsein in Krisensituationen aufrechtzuerhalten, besteht darin, Teilaspekte der Persön- lichkeit zu betonen, die relativ unproblematisch Anerkennung, etwa Zugehö- rigkeit und Bestätigung, mit sich bringen. Auf diese Weise kann das Ethni- sche zu einer Stützidentität werden: „In der demagogischen Ethnisierung der industriegesellschaftlichen Identitätsprobleme wird den Individuen, die nach Bestätigung und Verbundenheit suchen, als Ersatz der Verschönerungsspie- gel einer einfachen und überlegenen ethnischen Zugehörigkeit hingehalten." (Ottomeyer 2000, S. 20) Eine Bedrohungszone liegt in der äußeren Realität des Individuums, d.h. den Konkurrenzbeziehungen in der Arbeitswelt. Jene, die mit der Gefahr des Abstiegs oder Absturzes konfrontiert sind, beziehen sich nicht auf die tatsächlichen Ursachen ihrer Probleme, weil man ihnen Sündenböcke anbietet: „Die Fremden sind greifbar, das Kapital nicht." (ebd S. 29) Ähnlich argumentiert Dörre (2001), wenn er von einer „Schatteniden- tität" spricht, die man sich leicht borgen könne, wenn die eigene beschädigt

sei. Während hier Produktionsverhältnisse sowie Folgeprobleme angespro- chen werden, die mit Krisen im Kapitalismus stets verbunden waren, hebt Richard Sennett die Besonderheiten des flexiblen Kapitalismus hervor:

„Nichts Langfristiges" scheint zum Motto der Gesellschaft geworden zu sein; dies zerstört Vertrauen und Verpflichtung, macht soziale Bindungen, die auf gegenseitiger Abhängigkeit beruhen, unmöglich und untergräbt letztlich die

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Selbstachtung der Menschen. Diese geraten in einen Zustand des „Dahintrei- bens", und ihre Persönlichkeit erodiert. In der wiedergewonnenen Bedeutung des „gefährlichen Pronomens ,Wir"' sieht Sennett (1998, S. 190) eine der Konsequenzen: „Eine der unbeabsichtigten Folgen des modernen Kapitalis- mus ist die Stärkung des Ortes, die Sehnsucht der Menschen nach der Ver- wurzelung in einer Gemeinde. All die emotionalen Bedingungen des moder- nen Arbeitens beleben und verstärken diese Sehnsucht: die Ungewissheiten der Flexibilität; das Fehlen von Vertrauen und Verpflichtung; die Oberfläch- lichkeit des Teamworks; und vor allem die allgegenwärtige Drohung, ins Nichts zu fallen, nichts ,aus sich machen zu können', das Scheitern daran, durch Arbeit eine Identität zu erlangen. All diese Bedingungen treiben die Menschen dazu, woanders nach Bindung und Tiefe zu suchen. Heute, unter dem neuen Regime der Zeit, ist dieser Gebrauch des ,Wir' zu einem Akt des Selbstschutzes geworden. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist defensiv, sie drückt sich oft in der Ablehnung von Immigranten oder anderer Außenseiter aus ( )." Die Abwertung der „Normalleistung" im Prozess der Globalisierung (Altvater/Mahnkopf 2002) beinhaltet sowohl materielle als auch symbolische Aspekte: Routineproduzenten im Sinne von Robert B. Reich (1993) haben in den Industrieländern des Nordens weder ein gesichertes Lohneinkommen noch Anerkennung für ihre Leistungen für die Gesellschaft zu erwarten, wo- bei die unerfreulichen Tendenzen in den Unternehmen und auf dem Arbeits- markt noch durch Diskurse verdoppelt werden, die mit Begriffen wie „em- ployability" und „Lebenslanges Lernen" den Opfern die Verantwortung zu- schieben und den Druck bzw. die herrschende Verunsicherung verstärken. Diese Missachtung kann nicht ohne Folgen für die Identitätsarbeit der Ar- beiter/innen und Angestellten mit niedrigen Qualifikationen bleiben. Für Sennett kommt hinzu, dass als ehrenhafte Arbeit heute diejenige der Unter- nehmer gilt, weshalb sich jede Sozialreform zunächst die Aufgabe stellen müsste, die soziale Ehre der Menschen als Arbeitnehmer/innen wiederherzu- stellen. Insgesamt sind massive Erschütterungen des Selbstwertes und der Selbstgewissheiten breiter Bevölkerungsschichten zu erkennen. Durch den Umbau der Erwerbsarbeit und ihre Missachtung werfen die dominanten gesellschaftlichen Gruppen die Arbeiter/innen und die niedrig oder zu spezifisch Qualifizierten auf jene Aspekte von deren Identität zurück, die ih- nen mit der Geburt zufielen. Nun kann es vorkommen, dass Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit überhöht werden, um die verletzte persönliche Identi- tät zu stützen. Wahrscheinlicher ist aber, dass die solche Aspekte hervorkeh- renden Rechtspopulisten deshalb Zuspruch finden, weil die gesellschaftlich Benachteiligten meinen, so im Verteilungskampf retten zu können, was noch zu retten ist - sowohl in materieller als auch in symbolischer Hinsicht. Der Zusammenhang zwischen den Umbrüchen in der Arbeitswelt und dem Zustrom zu rechtspopulistischen Parteien ist eine empirische Frage: Er- gebnisse des darauf konzentrierten SIREN-Projekts (vgl. hierzu: Flecker

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2007) werden in weiteren Beiträgen dieses Bandes dargestellt. Hier wurden zunächst Entwicklungen der Erwerbsarbeit referiert, die für die Analyse poli- tischer Orientierungen eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus ging es darum, Argumente hinsichtlich möglicher Zusammenhänge zwischen zu- nehmender Unsicherheit und Ungleichheit einerseits sowie der Anziehungs- kraft des Rechtpopulismus andererseits darzustellen. Aus vielerlei Gründen ist es plausibel anzunehmen, dass Verunsicherung, Ungerechtigkeitsempfin- den und Kränkungserfahrungen wichtige Grundlagen für jene Elemente poli- tischer Subjektivität bilden, die während des letzten Jahrzehnts in mehreren europäischen Ländern von rechtspopulistischen Parteien sehr erfolgreich ge- nutzt werden konnten. Die Betonung des sozioökonomischen Wandels als möglicher Ursache der beschriebenen politischen Veränderungen resultiert aus der Tatsache, dass wir nach wie vor in einer Lohnarbeitsgesellschaft leben, wo die gesell- schaftliche Integration fast ausschließlich über Erwerbsarbeit oder erwerbs- bezogene soziale Absicherungen erfolgt und die soziale Position überwie- gend von der Berufstätigkeit abhängt. Umbrüche der Erwerbsarbeit betreffen somit den Kern der gesellschaftlichen Integration, und deren nachteilige Fol- gen lassen entsprechend heftige Reaktionen erwarten. Fehlt es an politischen Angeboten und ist die Artikulation der Probleme tabuisiert, so überrascht ei- ne Stärkung rechtspopulistischer Parteien nicht. Nach unserem Argument der „populistischen Lücke" stützt sich die rechtspopulistische Mobilisierung also keineswegs nur auf fundamentalistische, ethnisierende Identitätspolitik, son- dern ganz zentral auch auf die Anerkennung materieller und symbolischer Interessen, die auf das Erwerbsleben, aber auch auf die soziale Absicherung, den Wohnungsmarkt oder das Bildungssystem bezogen sind. Die Konzentration auf die Frage, wie Umbrüche in der Arbeits.welt zum Aufstieg des Rechtspopulismus beitragen, sollte nicht den Eindruck erwe- cken, dass negative Erfahrungen und Bedrohungen im Erwerbsleben notwen- digerweise zu autoritär-ausgrenzenden Reaktionen fuhren müssen. Vielmehr reagieren Arbeitnehmer/innen höchst unterschiedlich auf Krisenerfahrungen und Bedrohungen (vgl. Zoll 1984). „Unsere empirischen Untersuchungen be- stätigen, auch mit repräsentativen Daten, daß die heute wieder häufigeren Lagen der Deklassierung oder Anomie je nach Mentalität und Milieutradition sehr verschieden, sowohl autoritär oder resignativ als auch solidarisch oder demokratisch, verarbeitet werden." (Vester 2001, S. 299) Autoritarismus ent- spricht laut Vester nicht der Intensität sozialer Frustrationen, sondern den in der Mentalität angelegten Deutungsmustern (vgl. ebd., S. 323). Hinzu kommt, dass gesellschaftliche und politische Orientierungen meist ambivalent, wenn nicht widersprüchlich sind, wie schon die Studie von Erich Fromm (1983) über „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Rei- ches" gezeigt hat. Schon zu einer Zeit, als die politischen Lager fester gelugt waren als heute, zeigte nur eine Minderheit der Arbeitnehmer/innen eine kon- sistente politische Haltung in Übereinstimmung mit der Programmatik jener

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Partei, der sie sich zuordneten. „Als zweifellos wichtigstes Ergebnis ist zu- nächst der geringe Prozentsatz von Linken festzuhalten, die mit der sozialisti- schen Linie sowohl im Denken als auch im Fühlen übereinstimmten. Nur von dieser mit 15% recht kleinen Gruppe konnte in kritischen Zeiten erwartet werden, daß sie den Mut, die Opferbereitschaft und die Spontaneität aufbrin- gen würde, die zur Führung der weniger aktiven Elemente und zur Besiegung des Gegners notwendig sind. Zwar besaßen die linken Parteien die politische Treue und die Stimmen der großen Mehrheit der Arbeiter, aber es war ihnen im großen und ganzen nicht gelungen, die Persönlichkeitsstruktur ihrer Mit- glieder so zu verändern, daß diese in kritischen Situationen verläßlich gewe- sen wären." (ebd., S. 250) Besonders weit waren autoritäre Haltungen verbreitet, auch in der Form des rebellisch-autoritären Typus, welcher sowohl autoritäre wie auch radikale Orientierungen zeigte. Auch heute lassen sich die individuellen Reaktionen auf zunehmende Ungleichheit sowie Abstiegs- und Ausgrenzungsgefahren, die zu einem Aufschwung des Rechtspopulismus fuhren, am besten als re- bellisch charakterisieren, wobei das radikale Element noch stärker zugunsten des Konformismus zurückgegangen sein dürfte. Mit der Betonung von Veränderungen in der Arbeitswelt soll nicht einer bestimmten Erklärung des Rechtspopulismus das Wort geredet werden, denn es macht wenig Sinn, darüber zu streiten, ob es nun Anerkennung und Ver- tretung realer Interessen, Unterstützung der Identität durch die Ethnisierung von Problemen, Problemverschiebungen, Widerstand gegen kulturelle Be- drohungen oder Angebote zur Orientierung in einer zu komplexen Welt sind, welche die Attraktivität des Rechtspopulismus ausmachen. Den Rechtspopu- lismus in vielen europäischen Ländern kennzeichnen gerade seine vielfalti- gen, häufig widersprüchlichen Botschaften und Angebote. Zudem gelingt es den Rechtpopulisten meistens, Gruppen mit unterschiedlichen bis gegensätz- lichen Interessen anzusprechen. Dennoch sind ihre Ideologie und Program- matik nicht beliebig, wie sie ihre Fähnchen auch keineswegs nur nach dem Wind hängen. Ein mehr oder weniger deutlich erkennbarer rechtsextremer ideologischer Kern ist ihnen gemeinsam (vgl. Betz 2002). Empirische Analysen sind wichtig, um zu erkennen, warum sich be- stimmte Gruppen bzw. Personen in einer spezifischen Lebenssituation wegen oder trotz dieses rechtsextremen ideologischen Kerns angesprochen fühlen. Es ist anzuerkennen, dass für verschiedene Gruppen und Personen jeweils andere Erklärungen nötig sind, wie auch die Attraktivität nicht zur Gänze unter sozialer Pathologie verbucht werden sollte, weil rechtspopulistische Parteien vielfach reale soziale Problemlagen angesprochen haben, denen sich andere Parteien nicht stellten. Sonst läuft man Gefahr, die Abwertung der Verlierer/innen als „moralische Tölpel" (Hans-Georg Zilian), welche diese seitens der Gewinner/innen erfahren, wissenschaftlich durch die Feststellung eines falschen Bewusstseins zu verdoppeln.

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Literatur

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Jörg Flecker

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Empirische Ergebnisse des europäischen Forschungsprojekts

SIREN

Gudrun Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

In der Diskussion über Erfolge des Rechtspopulismus bzw. -extremismus in Europa herrscht weitgehend Konsens über die Bedeutung von sozioökonomi- schem Wandel und relativer Deprivation. Gleichzeitig werden jedoch die Grenzen von Erklärungen deutlich, die auf soziostrukturelle Eigenschaften der Wähler/innen abheben. Weder lässt sich die Aufwärtsentwicklung der extremen Rechten einer bestimmten sozialen Gruppe zuschreiben, die in be- sonders hohem Maße vom sozioökonomischen Wandel betroffen ist - etwa den Arbeitern (vgl. Collovald 2002) noch zeigen Menschen in vorteilhafte- ren sozialen Positionen notwendigerweise eine geringere Affinität zum Rechts- populismus bzw. -extremismus (vgl. Betz 1996, 2001, 2002a und 2002b). Fundierte Untersuchungen darüber, wie Menschen vom sozioökonomischen Wandel betroffen sind und ob sie dies für rechtspopulistische bzw. -extremis- tische Ideologien empfänglich macht, fehlen weitgehend. Die qualitative Studie im Rahmen des SIREN-Projekts suchte den Wan- del im Arbeitsleben vom Standpunkt der Betroffenen aus zu betrachten sowie die relativen Vor- und Nachteile zu verstehen, die damit verbunden sind. Es ging darum, die Weltanschauung der Gesprächspartner/innen, ihre Gesell- schaftsbilder und ihre soziale Stellung, aber auch ihr Streben und ihre Hoff- nungen zu berücksichtigen, die sich an Arbeit, Beschäftigung, Lebensstan- dard, den damit zusammenhängenden Status und die soziale Integration knüp- fen. Analysiert wurde, ob sich Erfahrungen im Arbeitsleben mit der Identi- tätskonstruktion von Menschen decken. Einerseits sollte die Bedeutung des gegenwärtigen Wandels in Arbeit und Beschäftigung, andererseits sollten Konsequenzen für die „politische Subjektivität" der Betroffenen hervortreten, um deren politische Reaktionen und damit die Anziehungskraft von Rechts- populismus bzw. -extremismus begreifen zu können (vgl. Flecker 2007). Dem verbreiteten Topos, wonach Rechtspopulismus bzw. -extremismus vornehmlich die „Verlierer" anzieht (vgl. z.B. Falter/Klein 1994), skeptisch gegenüberstehend, beschäftigten wir uns auch mit jenen Personengruppen, die vom sozioökonomischen Wandel profitieren. Dafür gab es zwei Gründe:

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Gudrun Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs

letztlich davon abhängen, ob sich Menschen vom sozioökonomischen Wandel bedroht oder herausgefordert fühlen. Dies hieße, dass objektive sozioökonomische Positionen nicht notwendigerweise deren subjektiver Wahrnehmung entsprechen, sodass „Gewinner" sich selbst als vom Ab- stieg bedroht oder dazu gezwungen sehen können, hart zu kämpfen, um auf der „Siegerstraße" zu bleiben.

2. folgten wir empirisch der Hypothese, dass der Neoliberalismus eine neue Form des Rechtsextremismus - mit dem „Standortnationalismus", einer „Ideologie des Erfolgs" und dem Sozialdarwinismus als ideologischen Kernelementen - hervorbringt (vgl. Schui u.a. 1997; Butterwegge u.a. 1998; Leiprecht 1990; Held u.a. 1991; Butterwegge 1999). Sollte sich diese Annahme bestätigen, könnten nicht nur Menschen in prekären oder sozioökonomischen Abstiegspositionen empfanglich für rechtsextreme Ideologien sein, sondern auch oder sogar gerade diejenigen, die sich in Aufstiegspositionen befinden.

Hier werden die Hauptergebnisse einer im Rahmen des SIREN-Projekts auf der Grundlage von Länderberichten und des Gesamtberichts (vgl. Hentges u.a. 2003) durchgeführten qualitativen Untersuchung präsentiert. Im ersten Teil wird unser methodisches Vorgehen erläutert, denn sowohl die Komple- xität der Untersuchungsfragen als auch die Sensibilität des Gegenstandes ma- chen es erforderlich, das Untersuchungsdesign und das methodische Vorge- hen offenzulegen. Im zweiten Teil zeichnen wir nach, wie Erfahrungen im Arbeitsleben zu Potenzialen politischer Subjektivität beitragen, welche sich die extreme Rechte zunutze machen kann. Während wir in diesem Teil nur die stärksten Wechselbeziehungen zwischen den Wahrnehmungen sozioöko- nomischen Wandels und politischen Orientierungen darstellen, werden wir im dritten Teil die breite Vielfalt von Formen der Anziehung oder der politi- schen Konversion hervorheben, die wir anhand des qualitativen empirischen Materials herausarbeiten konnten. Wir wollen damit zeigen, dass es keines- wegs nur eine Ursache für Erfolge des Rechtspopulismus bzw. -extremismus gibt. Vielmehr können Menschen aus verschiedenen sozialen Gruppen und solche, die in unterschiedlicher Weise vom sozioökonomischen Wandel be- troffen sind, rechtsextreme Ideologien für ihre Interpretation sowohl der Ge- sellschaft als auch ihrer eigenen Lebenssituation benutzen oder mit rechtspo- pulistischen bzw. -extremen Parteien und Politikern sympathisieren.

1. Anziehungskräfte verstehen - die qualitative Methode

Am SIREN-Projekt waren Wissenschaftler/innen aus Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Italien und der Schweiz betei- ligt. Die acht Teams führten auf der Basis gemeinsamer Interviewleitfragen insgesamt 313 qualitative Interviews durch und analysierten 279 davon. In

105

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

allen Ländern umfasste das Sample der Interviewpartner/innen unterschiedli- che sozioökonomische Lebenslagen, die wir als „aufsteigend", als „vom Ab- stieg bedroht" oder als „prekär" klassifizierten. Ferner waren Interviewpart- ner/innen mit unterschiedlichen politischen Orientierungen vertreten. So führten wir Interviews mit Personen, die eine Affinität zum Rechtspopulis- mus bzw. -extremismus zeigten, aber auch mit solchen, die keinerlei Nähe zur extremen Rechten aufwiesen. Interpretation und Analyse erfolgten auf der Basis gemeinsamer Verfahrensweisen und wurden in Interview- sowie Länderberichten zusammengeführt. Untersuchungsinstrument war das qualitative, problemzentriert geführte Interview. Außerdem bezogen wir uns auf methodische Prinzipien, die Pierre Bourdieu (1997) in dem Buch „Das Elend der Welt" beschrieben hat. Die in- ternational standardisierten Richtlinien schlossen folgende Themengebiete ein: Arbeitsbiografie, subjektive Wahrnehmungen, Betroffensein vom so- zioökonomischen Wandel und dessen Interpretation, politische Einstellungen und Orientierungen. Jedes Forschungsteam übertrug diese Prinzipien auf den nationalen Kontext und führte die empirische Erhebung in Übereinstimmung mit den eigenen Forschungsmethoden durch. Außerdem wurden Struktur und Verlauf jedes Interviews stärker durch die Lebenssituation des Befragten be- stimmt als durch die einzelnen Vorgaben des Leitfadens.

Anzahl der geführten Interviews

 

Die Interviews wurden auf Tonband aufgenommen. Ein durchschnittliches Interview dauerte anderthalb Stunden; einige Interviews erstreckten sich über zweieinhalb Stunden. Die Transkription der Interviews auf eine grundsätzlich lesefreundliche Art und Weise erlaubte uns eine detaillierte Darstellung des Inhalts. Alle Interviews wurden zumindest kurz zusammengefasst und für insgesamt 96 davon detaillierte und in die Tiefe gehende Interviewanalysen mit ausführlichen Zitaten angefertigt, übersetzt und somit allen anderen For- scherteams zugänglich gemacht. Zusätzlich fasste jedes Länderteam alle In- terviewinterpretationen zusammen. Die Ergebnisse und Auswertungen fan- den Eingang in den Bericht des jeweiligen Landes.

106

1.1

Gudrun Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs

des

Die

Auswahl

Samples

der

Interviewpartner/innen

und

die

Beschreibung

Für die Zusammensetzung des Samples waren als Kriterien maßgeblich: das Betroffensein der Interviewpartner/innen vom sozioökonomischen Wandel, der Wirtschaftssektor, in dem sie beschäftigt sind, und ihre Empfänglichkeit für Rechtspopulismus bzw. -extremismus. Hinsichtlich des Betroffenseins vom sozioökonomischen Wandel ent- wickelten wir folgende Kategorien:

1. Aufstieg: Selbstständige oder Angestellte, die eine Verbesserung ihrer Beschäftigungslage, ihres Einkommens und ihrer gegenwärtigen oder zukünftigen Chancen auf dem Arbeitsmarkt erlebten. Was hier zählt, ist nicht hohes Einkommen oder Sicherheit per se, sondern der berufliche Aufstieg, welcher durch sozioökonomischen Wandel in den ausgewähl- ten Sektoren möglich wurde.

2. (Bedrohung durch) Abstieg: Personen, die sich zwar (noch) in (dauer- haften) Beschäftigungsverhältnissen befinden, aber von sich verschlech- ternden Bedingungen (in Bezug auf Arbeitslohn, -bedingungen, Art der Arbeit, Flexibilitäts- und Mobilitätsförderungen) und/oder wachsender Unsicherheit (z.B. Betriebsumstrukturierungen) betroffen sind.

3. (Zunehmende) Prekarität: Personen, die freiberuflich arbeiten (etwa auf Werkvertragsbasis oder als freie Mitarbeiter), jedoch nicht in der Lage sind, auf dieser Grundlage längerfristig ein sicheres Einkommen zu er- zielen; Menschen in kurzfristigen Beschäftigungsverhältnissen mit einem hohen Niveau von Unsicherheit; Menschen im Vorruhestand und Er- werbslose. Die Konstruktion dieser drei Kategorien basierte auf objektiven Lebenslagen oder Positionen in der Arbeitswelt (z.B. Beschäftigungsbedingungen, Höhe der Arbeitslöhne oder Veränderungen der Arbeitsbedingungen als Folge der Privatisierung von Staatsunternehmen) und nicht auf den subjektiven Ein- schätzungen der Befragten in Bezug auf Abstieg, Prekarität oder Aufstieg. Rechtspopulismus und -extremismus umfassen zwar eine breite Palette von Ideologien, Bewegungen und Parteien mit je nach nationalen politischen Traditionen ausgeprägten Unterschieden, sie haben jedoch einen gemeinsa- men ideologischen Kern und der Unterschied zwischen ihnen ist eher ein gradueller als ein qualitativer. Dementsprechend benutzten wir eine gemein- same Definition der ideologischen Kernelemente, um die „Empfänglichkeit" der Menschen für die extreme Rechte zu analysieren. Die folgenden Dimen- sionen dienten der Einschätzung der Affinität zur extremen Rechten:

• Ablehnung von Outgroups (z.B. Fremdenfeindlichkeit oder Ausgrenzung von Minderheiten),

• Begünstigung von Ingroups (z.B. Nationalismus),

107

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

• rechtsgerichteter Autoritarismus (z.B. autoritäre Einstellungen),

• systemfeindliche Gefühle (z.B. Desillusionierung durch die Politik und Ablehnung demokratischer Strukturen). Einerseits konnten wir mittels dieses Instrumentariums die länderspezifischen Merkmale erfassen, andererseits die allgemeinen länder übergreifenden Ele- mente herausarbeiten. Ziel der Gesamtstichprobe war eine gut ausbalancierte Verteilung der Interviews auf die Kategorien „niedrige" bzw. „hohe Emp- fänglichkeit für Rechtspopulismus". Das Maß an „Empfänglichkeit" war bei der Auswahl der Interviewpartner/innen am schwierigsten festzustellen, weil erst im Verlauf der Interviewanalyse zu verifizieren. Demnach mussten sich die SIREN-Teams bei der Suche nach Interviewpartner(inne)n auf Personen konzentrieren, bei denen man von vornherein eine gewisse Affinität zur ex- tremen Rechten vermuten konnte; hier orientierten sich die Forscher/innen an der Einschätzung von Mittelspersonen (u.a. Kollegen, Bekannten, Freunden). Wenn sich diese Einschätzung im Laufe des Interviews oder im Verlauf der Interviewanalyse nicht bestätigte, subsumierten wir den Befragten bzw. die Befragte unter die Kategorie „nicht empfänglich". Die politischen Orientierungen der Interviewpartner/innen verteilten sich wie folgt:

Anzahl der Interviewpartner/innen entsprechend ihrer politischen Orientierung

1.2

Wirtschaftssektoren

Mit Blick auf die Wirtschaftssektoren wählten alle am SIREN-Projekt betei- ligten Teams zunächst frühere Staatsunternehmen aus, die im Zuge der Libe- ralisierung privatisiert wurden. Die Tatsache, dass die privatisierten Unter- nehmen zuvor in öffentlichem Besitz gewesen waren, ermöglichte ungeachtet der nationalen Besonderheiten einen Ländervergleich. Überdies präferierten wir Sektoren, die im Zuge von Strukturveränderungen einem tiefgreifenden Wandel unterworfen waren (Abstieg oder Aufstieg). Die Wahl der Telekom-

108

Gudrun Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle

Balazs

munikationsbranche erleichterte das Studium der Liberalisierungspolitik: Es gibt große Wellen von Fusionen, die öffentliche Unternehmen erfassen, Um- strukturierungsmaßnahmen. Entlassungen und einen intensiven Wettbewerb. Die für die Studie ausgewählten Sektoren waren während der vergange- nen 10 bis 15 Jahre einem raschen Wandel unterworfen. Aufgrund der Kon- zentration auf jene Sektoren konnten wir die vermutete Verbindung zwischen dem sozioökonomischen Wandel und der Anziehungskraft von Ideen bzw. Ideologien der extremen Rechten besser erfassen. Während es schwierig ist, den Zusammenhang zwischen langfristigen Tendenzen des Wandels und in- dividuellen Reaktionen der Beschäftigten zu untersuchen, fallt es wesentlich leichter, die Auswirkungen eines dynamischen Wandels des Arbeits- und Be- ruflebens auf Individuen zu analysieren.

1.3 Kontakt zu den Interviewpartner(inne)n

Gemäß den dargestellten Forschungsgrundsätzen kontaktierten wir die Inter- viewpartner/innen hauptsächlich über Dritte, die es uns ermöglichten, die Be- deutung des Wandels in jedem Arbeitsmilieu zu verstehen, und uns gleich- zeitig zu Menschen führten, die sehr stark vom Wandel betroffen waren. Mit Hilfe dieser Kontaktpersonen vermochten wir aus den Arbeitsmilieus jene Individuen auszuwählen, die uns interessierten. Somit basiert diese Studie nicht auf einem zufällig ausgewählten Sample von Interviewpartner(inne)n. Vielmehr lassen sich aus den Interviews Rückschlüsse auf Milieus ziehen, als deren Angehörige die Beschäftigten ihre Arbeitsbedingungen und Erfahrun- gen teilen. Unsere Mittelspersonen waren Gewerkschaftsfunktionäre, Vertrauens- leute und Betriebsratsmitglieder verschiedener politischer Fraktionen der Ge- werkschaften. Darüber hinaus baten die italienischen, belgischen und franzö- sischen SIREN-Teams Personalmanager darum, ihnen potenzielle Interview- partner/innen zu vermitteln. Freunde und Bekannte wurden befragt, ob sie Menschen in unterschiedlichen sozioökonomischen Lagen kannten, die dazu bereit wären, uns ein Interview zu geben. Somit wurden einige Interview- partner/innen aus dem persönlichen Umfeld der am Projekt beteiligten Mitar- beiter/innen rekrutiert, z.B. Arbeitskolleg(inn)en von Freunden oder Be- kannten. Diese Form der Rekrutierung ermöglichte uns u.a. einen Zugang zu freiberuflich tätigen lnterviewpartner(inne)n. Nachdem die ersten Kontakte zustande gekommen waren, warben wir weitere Interviewpartner/innen nach dem Schneeballsystem: Die Interviewter* wurden darum gebeten, uns einer Person vorzustellen, die unter ähnlichen oder vergleichbaren Bedingungen arbeitet. In einigen Ländern wurden Markt- forschungsinstitute eingeschaltet, um Zugang zu Personen mit extrem rechten Neigungen zu erhalten. Außerdem gab es folgende Strategien zur Rekrutie-

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

109

rung von Interviewpartner(inne)n: Wir führten Interviews mit Personen, die bei den Kommunalwahlen für Parteien der extremen Rechten kandidierten (Deutschland); schalteten Anzeigen in einer nationalkonservativen Wochen- zeitung (Deutschland); recherchierten auf privaten Internet-Websites mit so- wohl arbeitsbezogenem als auch rechtspopulistischem Inhalt; kontaktierten einschlägig tätige Stiftungen; in Österreich (vgl. dazu: Flecker u.a. 2002; Flecker/Kirschenhofer 2006) wandten wir uns an ländliche Selbstverwal- tungsbehörden und baten freie Bildungsträger, die Maßnahmen des Arbeits- amtes durchführten, um Vermittlung von Interviewpartner(inne)n. Die Hauptschwierigkeit, mit der wir dabei konfrontiert waren, ist Teil unserer zentralen Hypothese: Wie können jene Bevölkerungsgruppen, die am härtesten vom sozioökonomischen Wandel betroffen sind, befragt werden, wenn eine Verbindung zwischen diesem und dem Rechtspopulismus bzw. -ex- tremismus besteht? Wie kann ein akademischer Forscher ein Vertrauensver- hältnis zu Personen aufbauen, die unter diesen Bedingungen am stärksten lei- den? Alle SIREN-Forscher/innen machten die Erfahrung, dass insbesondere der Zugang zu Personen äußerst schwierig ist, von denen angenommen wird, dass sie für Ideologien der extremen Rechten anfällig sind. Es war auch nicht leicht, Angestellte (auf den unteren Ebenen der Beschäftigungshierarchie), Erwerbslose, prekär Beschäftigte und Zeitarbeiter/innen für ein Interview zu gewinnen. Letztere sind nur schwer erreichbar und kaum dazu zu motivieren, außerhalb ihrer Arbeitszeiten ein Interview zu geben. Wegen dieser Schwierigkeiten sind einige Samples in den am SIREN- Projekt beteiligten Ländern schlecht ausbalanciert, besonders hinsichtlich der soziostrukturellen Merkmale Geschlecht, Alter und Arbeitslosigkeit. Wir wa- ren uns dieser Verzerrungen wie auch ihrer Unvermeidlichkeit bewusst und versuchten, ihre Auswirkungen eher zu kontrollieren, als sie zu leugnen. Wir vermieden die positivistische Illusion einer repräsentativen Stichprobe und widmeten den möglichen Verzerrungen besondere Aufmerksamkeit. Die Schwierigkeiten im Prozess der Rekrutierung von Interviewpartner(inne)n und die Lehren, die wir aus dem spezifischen Sample zogen, wurden inner- halb des SIREN-Teams eingehend diskutiert. Die Kontaktaufnahme und der Autbau eines Vertrauensverhältnisses zu den Interviewpartner(inne)n stellte uns vor große Herausforderungen; hilf- reich war hier vor allem die vorherige Kenntnis der jeweiligen Milieus. Re- gelmäßige Besuche erlaubten es uns, ein Vertrauensverhältnis zu denjenigen aufzubauen, die uns mit Informationen weiterhalfen. Somit konnten wir ei- nem Misstrauen von Seiten der Interviewpartner/innen vorbeugen und Ver- dächtigungen vermeiden, die durch die vermeintlich neugierigen Fragen eines Fremden im Allgemeinen ausgelöst werden.

110

Gudrun

Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs

2. Sozioökonomischer Wandel und politische Subjektivität:

Wie eine „Nachfrage" für Rechtspopulismus bzw. -extremismus entsteht

In allen untersuchten Ländern zeigte die Interpretation der Interviews interes- sante Wechselbeziehungen zwischen den Erfahrungen der Menschen (mit ih- rem Beruf bzw. auf dem Arbeitsmarkt) sowie ihren politischen Einstellungen und Meinungen. Mitunter war es sogar möglich, jüngste Veränderungen der politischen Orientierung und Parteipräferenzen unter Bezugnahme auf solche Erfahrungen zu erklären. Im Folgenden möchten wir die zentralen Auswir- kungen der Veränderungen im Arbeitsleben auf die Affinität zu rechtspopu- listischen bzw. -extremistischen Ideen und Ideologien zusammenfassen. Bei der Analyse politischer Reaktionen auf persönliche Erfahrungen so- zioökonomischen Wandels beschränkten wir uns nicht in erster Linie auf die Meinungen, das Wahlverhalten oder die Parteimitgliedschaft der Befragten. Wir interessierten uns für politische Orientierungen in einem viel weiteren Sinne: Die „Potentiale politischer Subjektivität" schließen Gesellschaftsbilder und normative oder moralische Vorstellungen von sozialer Ordnung ebenso ein wie Gerechtigkeitskonzeptionen und Gefühle von Ungerechtigkeit hin- sichtlich des sozialen Lebens, das Streben nach Glück sowie das Bedürfnis nach Anerkennung und kultureller Identität (siehe Dubiel 1994). Materielle und symbolische Folgen des sozioökonomischen Wandels können zu einer Freisetzung von Potenzialen politischer Subjektivität führen, wenn in einem „populistischen Moment" der Geschichte „die kollektiven Kränkungserfahrungen, die Statusängste und frustrierten Glückserwartungen der betroffenen Bevölkerungsgruppen aus den etablierten Diskursen und Le- gitimationsmustern gleichsam herausfallen und den Status vagabundierender Potentiale gewinnen, die eigentümlich quer liegen zum Spektrum politischer Richtungstraditionen" (ebd., S. 204). Folglich sollte uns die Interpretation subjektiver Wahrnehmungen von Veränderungen im Arbeitsleben verstehen helfen, warum besondere ideologische Elemente, politische Botschaften oder Politikstile des Rechtspopulismus und -extremismus für besondere Gruppen von Menschen anziehend wirken können. Die empirische Untersuchung begann mit den Hypothesen, dass Men- schen zunehmende Unsicherheit und andere widrige Veränderungen im Ar- beitsleben auf verschiedene Arten interpretieren und dass politische Reaktio- nen in Abhängigkeit vom sozialen Milieu, von Mentalität, Geschlecht, Bio- grafie, Alter, sozialem Status, geografischem und kulturellem Kontext usw. variieren. Wir nahmen weder an, dass eine mechanistische Beziehung zwi- schen sozioökonomischem Wandel und politischen Ansichten besteht, noch setzten wir voraus, dass sozioökonomischer Wandel die Hauptursache für den Aufstieg von Rechtspopulismus und -extremismus ist. Klar war ferner, dass Veränderungen im Arbeitsleben die Empfänglichkeit für die extreme

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

1ll

Rechte aus mehreren Gründen vergrößern können. Im Folgenden beschreiben

Ungerechtigkeitsgefühle, Unsicherheit und Angst vor

Deklassierung sowie die Verletzung von Werten, was zu anomischen Bedin- gungen führt.

wir die Hauptgründe:

2.1 Verletztes Gerechtigkeitsgefühl

In allen untersuchten Ländern zeigten sich Verbindungen zwischen den Ar- beitsbedingungen und den Veränderungen in der Arbeitswelt einerseits sowie der Empfänglichkeit für Rechtspopulismus und -extremismus andererseits. Ein solcher Zusammenhang kann aus Erfahrungen resultieren, die das Ge- rechtigkeitsgefühl der Menschen verletzt haben, und in der Erfahrung oder Furcht wurzeln, dass sie trotz harter Arbeit und großer Opfer nicht dazu in der Lage sind, ihren früheren Lebensstandard und sozialen Status aufrechtzu- erhalten bzw. ihren derzeitigen Lebensstandard und sozialen Status zu ver- bessern. Die betroffenen Gesprächspartner/innen brachten zum Ausdruck, für ihre Unterordnung nicht belohnt oder - noch schlimmer - dafür sogar bestraft worden zu sein. Enttäuschung und Wut richten sich gegen jene, die nach An- sicht der Interviewten ein „gutes Leben" führen, ohne sich den Lasten und Risiken einer zunehmend brutaler werdenden Arbeitswelt zu unterwerfen. Das sind Politiker mit einem hohen und gesicherten Einkommen, Flüchtlinge, „um die sich der Staat kümmert", und Langzeitarbeitslose, die angeblich überhaupt nicht arbeiten wollen. Damit in Zusammenhang steht die wachsende oder unfaire Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Von Immigrant(inn)en geleistete Schwarzarbeit - beispielsweise im Tourismus - ist vor allem bei arbeitslosen Kellner(inne)n ein Stein des Anstoßes. Aber auch in der Bauindustrie führen Schwarzar- beit und Lohndumping zu Konflikten zwischen örtlichen Arbeitskräften sowie Zuwanderern aus Mittel- und Osteuropa. In Deutschland wird die Konkurrenz zwischen Ost- und Westdeutschen als Folge der deutschen Wiedervereinigung ebenso erwähnt wie die Konkurrenz von Seiten der ein- gewanderten Spätaussiedler/innen aus den Staaten der ehemaligen Sowjet- union. Die von den Gesprächspartner(inne)n in der Arbeitswelt gemachten Er- fahrungen sind vielfältig: Hierzu gehören die Privatisierung von Unterneh- men, der erzwungene Vorruhestand, der Arbeitsplatzverlust durch Werks- schließung und Standortverlagerung sowie der drohende Arbeitsplatzverlust aufgrund einer Branchenkrise. Das kann zur Enttäuschung von Erwartungen und Hoffnungen führen, verursacht durch Einkommenseinbußen und Status- verlust. Aber es kommt auch vor, dass die Menschen mit Blick auf ihren Le- bensstandard und die gesellschaftliche Integration über den Rückgang der Belohnungen für harte Arbeit und Unterordnung reflektieren und die Unsi-

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Gudrun

Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs

cherheit solcher Belohnungen erkennen, sofern Letztere überhaupt noch exis- tieren. Innerhalb der Gruppe von Personen in sozioökonomischen Lebensla- gen, die wir als „vom Abstieg bedroht" oder „prekär" klassifizierten, herrscht der Eindruck vor, erniedrigt und betrogen zu werden. „Ich fühle mich betro- gen, wissen Sie. Betrogen und bestraft", sagte Herr Oster, Postangestellter im Vorruhestand (Deutschland); „Ich habe tüchtig gearbeitet und ich fühle mich dafür bestraft", meinte Frau Frank, angelernte Arbeiterin in der Elektronik- branche und seinerzeit arbeitslos (Österreich); „Wir sind zu anständig, ver- dammt noch mal, zu blöd, zu ehrlich", äußerte Herr Bouler, Eisenbahner im Ruhestand (Frankreich). Das vergebliche Sehnen nach Respekt und Anerken- nung erwies sich als wichtiges Thema und gemeinsamer Nenner der meisten Interviews. Die Erfahrung, dass Loyalität nicht honoriert wird, wenn man die Härten der Arbeit „ohne Klage" erledigt hat, führt zu tiefer Enttäuschung. Dieses Gefühl wird oft von der Wahrnehmung begleitet, dass Asylsu- chende und „Arbeitsscheue" systematisch begünstigt seien. Solche Gruppen werden zum Objekt von Aggressionen, weil sie nach Meinung der Befragten den aufreibenden Anforderungen der Arbeit entkommen und „dennoch gut leben". Die Emotionen, welche dabei im Spiel sind, können oft nur vor dem Hintergrund großer Mühen der Arbeit verstanden werden, resultieren sie doch aus den physischen und psychischen Anstrengungen, welche in einer ziemlich prekären Situation lebende Menschen akzeptieren müssen. Die un- mittelbaren Arbeitsbedingungen scheinen daher entscheidend für das Ver- ständnis individueller Interpretationsmuster zu sein: Erstens kann in einer Situation, wo eine unausgesprochene Übereinkunft gebrochen oder - mit an- deren Worten - die Gegenseitigkeit beendet wird, erwartet werden, dass Un- gerechtigkeitsgefühle desto stärker sind, je höher man seinen Beitrag oder seine Kosten einschätzt, z.B. in Form materieller Einbußen oder physischer und psychischer Schädigungen. Zweitens müssen die Mühen der Arbeit verdrängt werden, was zu Aggressionen gegen andere führen kann, hauptsächlich solche, von denen man annimmt, dass es ihnen gelingt, sich diesen Mühen auf illegiti- me oder illegale Weise zu entziehen. In einigen Fällen besteht das Problem we- niger in einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen als in den unverän- derten Härten industrieller Arbeit unter den Bedingungen wachsender Beschäf- tigungsunsicherheit und steigender Lebenshaltungskosten. In der Welt von Büroangestellten ist die Abstiegsgefahr manchmal weni- ger präsent. Wie im Falle von Herrn Imhof, einem Schweizer IT-Spezialisten in der chemischen Industrie, mag sie auf die Beobachtung begrenzt sein, dass ein neues Management berufliche Erfahrung, Engagement und Leistung nicht mehr anerkennt. Die daraus resultierende Beeinträchtigung des Verständnis- ses von sozialer Gerechtigkeit macht es schwierig, sich anzupassen. Das ist für eine hochgradig konformistische Persönlichkeit anstrengend und kann zu einem noch stärkeren Verlangen führen, sich anderen anzupassen und zu as- similieren - Forderungen, die im Kontext der Einwanderungsdebatte emotio- nal aufgeladen werden.

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

113

Nicht nur diejenigen Interviewten, deren Arbeitsleben sich in negativer Weise verändert hat, artikulierten ihre Abneigung gegenüber schwächeren so- zialen Gruppen. Eine solche Reaktion ist vielmehr auch unter jenen Interview- ten zu finden, die in der Lage waren, ihre Position zu verbessern, aber gleich- wohl unter starker Arbeitsbelastung, extensiven Arbeitszeiten und massiven Flexibilitätsanforderungen litten. Herr Müller beispielsweise, Telekom-Beam- ter mit einem relativ hohen Gehalt, der in seinem Beschäftigungsverhältnis un- ter Stress leidet, projiziert seine Abneigung auf all jene, die sich nicht auf ähn- liche Weise wie er für das Unternehmen aufopfern und zum Wohle der natio- nalen Wirtschaft quälen. Sein Ruf nach Zwangsarbeit für Arbeitslose („Sie soll- ten eine Schaufel in die Hand bekommen und einen Kubikmeter am Tag schau- feln müssen") und sein Plädoyer für die brutale Zerschlagung kommunaler Strukturen, die er der Korruption verdächtigt, lassen erkennen, dass Herr Mül- ler trotz einer politischen Mitte-Links-Ausrichtung für rechtsextreme Konzepte zur Lösung gesellschaftlicher Probleme empfänglich ist. Andere Beispiele zei- gen, dass Unsicherheit hinsichtlich der Überlebensfähigkeit des eigenen Unter- nehmens solche autoritären Ansichten stärkt und Personen dazu veranlassen kann, Kolleg(inn)en zu verachten, die vermeintlich keine ausreichenden Leis- tungen erbringen. Diese durch Exklusion geprägte Haltung ist leicht auf die Ebene des Nationalstaates übertragbar, dessen wirtschaftliche Überlebensfä- higkeit entsprechend der Ideologie des Standortnationalismus bedroht ist. In Ungarn untergrub die wirtschaftliche Transformation den Lebensstan- dard und vergrößerte die Unsicherheit für viele Menschen. Sogar jene, die ih- re materielle Lage aufrechterhielten oder verbesserten, mussten dafür ge- wöhnlich unglaubliche Anstrengungen unternehmen. So stieg z.B. das Ein- kommen durch die Aufnahme eines zweiten oder dritten Beschäftigungsver- hältnisses oder - wie im Falle von Herrn Iró - durch eine Unternehmensgrün- dung neben einer Vollzeitbeschäftigung. Interessanterweise wird häutig nicht die ökonomische Situation der Elterngeneration als Vergleichsmaßstab her- angezogen, sondern die wirtschaftliche Lage der Großeltern in der Zwischen- kriegszeit. Interviews in Ungarn legen nahe, dass die (drohende) Absenkung des Lebensstandards und die Prekarität jene Vorurteile verstärken oder sogar mobilisieren können, die im Verlauf der familiären Sozialisation erworben wurden. Dies veranlasst die Betroffenen möglicherweise zur Wahl einer Par- tei der extremen Rechten. In diesem Kontext wirkt der Antikommunismus quasi als Katalysator, weil diese Ideologie in eine Skepsis gegenüber der po- litischen Elite transformiert werden und dabei einer Affinität zur extremen Rechten Vorschub leisten kann (vgl. Toth/Grajczjar 2007). Oft nähren berufliche Erfahrungen auch das Gefühl, dass „die da oben", welche Entscheidungen treffen, nichts von den tatsächlichen Gegebenheiten wissen: „Da sitzen Leute an der Spitze, und die haben keine Ahnung davon, was in den Fabriken und in der Gemeinde los ist. Sie sind nur damit beschäf- tigt, so viel Geld wie möglich zu verdienen." (Frau Jorgensen, ungelernte Ar- beiterin in der Druckindustrie, Dänemark)

114

Gudrun Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs

Die Gegenüberstellung von „den Menschen" und „der Elite" findet sich auch häufig in den Schweizer Interviews (siehe Plomb u.a. 2002). Die Identi- fikation mit den Mittelklassen, dem Milieu, in dem „Menschen ihren Lebens- unterhalt korrekt verdienen, ohne sich weiß Gott was leisten zu können" (Herr Bollinger, pensionierter Abteilungsleiter), ist die gemeinsame Grundla- ge dieser individuellen Geschichten. Das Wort „wir" wird häufig benutzt, wenn man auf die Beherrschung von oben Bezug nimmt („Sie halten uns für Schwachköpfe"), insbesondere auf die Beherrschung durch „die Politik" und „diejenigen, die die Entscheidungen treffen". „Die kleinen Leute" bzw. „das Volk" bilden dementsprechend eine mo- ralische Kategorie jener Menschen, die hart arbeiten, um ihr Auskommen zu finden, aber der Verantwortungslosigkeit von wirtschaftlichen und politi- schen Eliten unterworfen sind. Dieselben Formulierungen finden auch Ver- wendung, um ein Gefühl auszudrücken, von dem man annimmt, es stoße auf einen allgemeinen Konsens, nämlich die Vermutung, das eigene Haushalts- budget werde durch die Belastungen der Krankenversicherung, der (indirek- ten) Steuern, der Familienunterstützung usw. oder durch den Druck bzw. die Unbegreiflichkeit der Regierungsbürokratien minimiert. „Die kleinen Leute" (von einigen Interviewten auch „die Arbeiter" genannt) sind also eine arbeit- same und schweigende Mehrheit, die Druck „von oben" erleidet. Dieses Bild von der sozialen Welt ist insbesondere bei Interviewpartner(inne)n vorhan- den, deren Karrieren hauptsächlich aus täglichen persönlichen Investitionen in die Aufrechterhaltung ihres Lebensstandards bestehen. Einige der Interviewpartnerinnen drückten deutlich das Gefühl von Un- gerechtigkeit hinsichtlich ihrer doppelten Benachteiligung aus, die sie als Frauen und (Fabrik-)Arbeiterinnen erleiden: Sie fügen zu der Gleichung ihre Diskriminierungserfahrungen hinzu, d.h. Probleme bei der Arbeit und im Be- schäftigungsverhältnis, die aus patriarchalischen Familienbeziehungen resul- tieren, sowie die praktische Unmöglichkeit, Erwerbsarbeit und Mutterschaft in Einklang zu bringen. Trotz harter Arbeit und großer Opfer sind sie häufig von ihrem Lebenspartner ökonomisch abhängig, was manche Befragte am meisten verletzt. Andere der befragten Frauen sind, nachdem sie ihre eigenen Karrierehoffnungen und -träume aufgegeben haben, noch mehr um das Schicksal ihrer Kinder besorgt. Was einige Frauen, die sich vor allem über Haushalt und Kindererziehung definieren, dazu veranlasst, mit rechtspopulis- tischen Ansichten zu sympathisieren, sind einerseits die fehlenden Möglich- keiten der Kinderbetreuung, die schlechte Qualität der Schulen, der Mangel an Ausbildungsplätzen für Jugendliche und junge Erwachsene sowie anderer- seits die Anerkennung ihres Selbstbildes als Mutter durch rechtspopulistische Parteien und Politiker, eine Anerkennung, die ihnen vom politischen Spek- trum der Mitte bzw. der Linken häufig verweigert wird. Sozioökonomischer Wandel zwingt die Menschen dazu, ihre Position in der sozialen Welt zu überdenken und neu zu bewerten. Sie können sich in ei- ner „unhaltbaren Position" wiederfinden, wenn beispielsweise ihr Status und

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

ihr Einkommen nicht (mehr) ihren Qualifikationen oder ihrem kulturellen Kapital entsprechen. Diese Diskrepanz kann zu einer Situation fuhren, in der materielle und symbolische Entlohnungen nicht länger als Ausgleich für die erbrachten Anstrengungen und Opfer wahrgenommen werden. Das ist in ho- hem Maße relativ und kann durch Veränderungen der Arbeitswelt oder des Berufslebens verursacht sein, z.B. durch ein zunehmendes Arbeitspensum, mangelnde Anerkennung oder prekäre Beschäftigung. Aber es kann auch von einer Bedrohung des Lebensstandards durch die gestiegenen Lebenshal- tungskosten herrühren. Beides kann sich darauf auswirken, ob die Menschen ihr Arbeitsleben als sinnstiftend erfahren oder nicht, wie zufrieden sie im Allgemeinen sind oder wie sie physisch und psychisch schädliche Arbeitsbe- dingungen ertragen. Diese wahrgenommene Balance oder die „Art der Bin- dung" an die Arbeit scheint in vielen Fällen im Zentrum der Beziehung zwi- schen sozioökonomischem Wandel und politischen Reaktionen zu stehen. Die politischen Reaktionen jedoch sind nicht notwendigerweise fremden- feindlich, nationalistisch und autoritär. So stießen wir auch auf demokrati- sche und solidarische Reaktionen und steht der Prozess, in dem Enttäuschung und das Gefühl der Ungerechtigkeit mit besonderen Sachverhalten oder Symbolen verknüpft werden, unter starkem Einfluss der politischen und Me- diendiskurse (vgl. hierzu: Butterwegge/Hentges 2006).

2.2 Unsicherheit,

Abstiegsängste

und

Gefühle

der

Machtlosigkeit

Unsicherheit tritt innerhalb der subjektiven Berichte über die Folgen der jüngsten Veränderungen im Arbeitsleben als eines der wichtigsten Probleme auf. Während das Thema für die meisten Befragten im Allgemeinen höchst relevant ist, unterscheiden sich die besonderen Grade und Ausprägungen der Unsicherheit und die ihnen beigemessene Relevanz stark voneinander. Sie reichen von prekären Lebensbedingungen und Wahrnehmungen der uner- gründlichen Vieldeutigkeit einer Welt, die kaum zu verstehen ist, bis zu kal- kulierbaren Risiken der eigenen Marktposition. Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Selbstständigkeit mit niedri- gem Einkommen bedeuten gewöhnlich ein hohes Maß an Unsicherheit der materiellen Existenz. An die Zukunft zu denken erscheint als schwierig; ge- wöhnlich geben es Menschen in solchen Lebenslagen auf, Pläne für ihr Le- ben zu machen, und tendieren dazu, sich passiv an das anzupassen, was auch immer geschieht. Soziale Unsicherheit kann daher einen Verlust von Kon- trolle über das eigene Leben mit sich bringen. Auch Menschen in unbefristeter Beschäftigung berichten von gestiegener Unsicherheit, als deren Hauptquellen die fortgesetzte Umstrukturierung von Unternehmen und Arbeitsplätzen, sich verändernde Technologien und neue Qualifikationsanforderungen oder so stark gewachsene Arbeitspensen und hohe Stressniveaus genannt werden, dass es fraglich erscheint, ob die Tätig-

Gudrun Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle

Balazs

keit langfristig überhaupt noch leistbar ist. In den liberalisierten öffentlichen Dienstleistungsunternehmen berichten selbst Angestellte mit Beamtenstatus von Unsicherheit, die daher rührt, dass das Personal zwischen verschiedenen Abteilungen wechseln muss. Die Art, wie Menschen mit Veränderungen und wachsender Unsicherheit umgehen, variiert auch und hängt von einer ganzen Anzahl weiterer Faktoren ab, u.a. davon, ob es die Betroffenen gewohnt sind, eine unsichere Beschäfti- gung zu haben. Angestellte des öffentlichen Dienstes, die mit ihrer berufli- chen Wahl vor allem Sicherheit gesucht hatten, fällt es oft besonders schwer, diese neuen Anforderungen zu bewältigen. Im Gegensatz dazu ist Unsicher- heit für viele Selbstständige immer ein Teil ihres Arbeitslebens gewesen, mit dem manche zu leben gelernt haben. Objektive sozioökonomische Lagen korrelieren häufig nicht mit deren subjektiver Wahrnehmung, woraus folgt, dass sich unterschiedliche Interpre- tationsrahmen, soziales und kulturelles Kapital (bzw. das Maß von Vertrauen in seinen Wert und seine Verwendbarkeit), Erwartungen (auf vergangener Er- fahrung aufbauend) ebenso wie Strategien, solche Veränderungen zu bewäl- tigen, darauf auswirken, ob wachsende Unsicherheiten als Herausforderung oder Bedrohung eingeschätzt werden: Einige Interviewte fühlten sich von Umstrukturierungsmaßnahmen (im Post- und Telekommunikationssektor) stark bedroht, obwohl sie verbeamtet und damit unkündbar waren, während sich andere, die z.T. einen sozialen Aufstieg erlebt hatten, in objektiv unsi- cheren und riskanten Positionen hinsichtlich ihrer Arbeit und der Zukunft recht sicher fühlten oder gaben. Abgesehen von der Erfahrung und den Men- talitäten der Einzelnen werden Formen und Bedeutung beruflicher Unsicher- heit vom familiären Hintergrund beeinflusst und von der Art, wie der Wohl- fahrtsstaat organisiert ist. Auf einer generellen Ebene gibt es bereits eine klare Verbindung zwi- schen Unsicherheit und Kontrollverlust auf der einen sowie Rechtspopulis- mus bzw. -extremismus auf der anderen Seite, welcher die Individuen als passive Opfer von übermächtigen Gegnern anspricht, oft ohne auf klar defi- nierte Interessen einzugehen (vgl. Dubiel 1994; Steinert 1999). Es besteht auch eine Verbindung zum Standortnationalismus, da die Interviewten häufig Gefühle von Machtlosigkeit ausdrücken, die sich nicht nur auf ihre eigene sozioökonomische Lage beziehen, sondern auf den Staat, das Land oder die Gesellschaft als ganze: „Wir sind wirtschaftlich am Ende und wir sind völlig machtlos. Deutschland hat seinen Rang in der Welt verloren." (Herr Marzahl, Einkäufer in der Bauindustrie) Eine andere generelle Beziehung lässt sich darin erkennen, dass Menschen, die sich von der unmittelbaren Zukunft be- droht fühlen, in ihren Geschichten stark auf die Vergangenheit rekurrieren. Dies führt oft zu nostalgischen Berichten, welche die „gute alte Zeit" mit der unangenehmen Gegenwart und der erschreckenden Zukunft kontrastieren. Das entspricht den rückwärts orientierten politischen Botschaften des Rechts- populismus, die traditionelle Gemeinschaften glorifizieren.

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

1 17

Auf einer spezifischeren Ebene zeigte die Interpretation der Interviews unterschiedliche Reaktionen auf Gefühle von Unsicherheit und Machtlosig- keit. Einige davon sind deutlich autoritär, andere ausschließend, und viele offenbaren einen wahrgenommenen Mangel an politischer Repräsentation. Ein gutes Beispiel für eine autoritäre Reaktion bietet der Fall von Herrn Vanhaard, einem belgischen Eisenbahner. Als seine Frau durch den Bank- rott der nationalen Fluglinie, für die sie gearbeitet hatte, ihre Stelle verlor, realisierte Herr Vanhaard plötzlich, dass die Arbeit in einem Staatsunter- nehmen keine Beschäftigungssicherheit garantiert. Die erkannte Unsicher- heit veranlasste ihn dazu, nicht nur die Regierungspolitik zu kritisieren, sondern auch seine Kollegen. Herr Vanhaard verhält sich sehr schroff ge- genüber Menschen, die mit der veränderten Gangart bei der Arbeit nicht Schritt halten. Analysen des Interviews zeigen, dass Herr Vanhaard auf die Bedrohung in einer autoritären Weise reagiert, indem er „Faulpelze" ver- dammt. In seiner Wahrnehmung handelt es sich hier um Menschen, die nicht hart genug arbeiten und daher die Überlebensfahigkeit des Unterneh- mens aufs Spiel setzen und somit auch seine eigene Arbeit, seinen Renten- plan und damit seine persönliche Zukunft. Hinsichtlich des politischen Autoritarismus ließen die Interviews erken- nen, dass sich in einem Zustand allgemeiner Unsicherheit größere Aufmerk- samkeit und Hoffnung auf alle jene richten, die noch als „player" erscheinen - d.h. als Menschen, die dazu in der Lage sind, zu handeln und Effekte zu er- zielen. Herr Parrimer, ein österreichischer Sozialdemokrat, Fabrikarbeiter und später gering entlohnter Angestellter, war sich zwar immer der grundlegen- den Abhängigkeit von gemeinsamen Entscheidungen bewusst, bei ihm ent- stand jedoch zunehmend das Gefühl, einer unbeständigen wirtschaftlichen Situation ausgeliefert zu sein, die er als eine neu auftauchende Bedrohung für sein Überleben begreift. Infolge der Teilverlegung des Betriebes wollte ihn das Management seiner Firma nach Ungarn versetzen; aus Gesundheitsgrün- den konnte er sich diesen Plänen widersetzen. Obwohl innerhalb des Unter- nehmens eine Arbeit für ihn gefunden wurde, war sie in hohem Maße unsi- cher. Und ihm ist klar, dass er im Alter von 45 Jahren keine andere Beschäf- tigung in der Region finden wird, sollte er sie verlieren. Diese Erfahrung hat nicht nur zur Konsequenz, dass Herr Pammer die Rolle und den Einfluss der Gewerkschaften hinterfragt, sondern auch jene der Parteien, da sie nicht in der Lage sind, ihn vor dem Arbeitsplatzverlust zu schützen. Neben der akuten Bedrohung für seine eigene Arbeit verletzt der schleichende Abstieg der Re- gion, mit welcher er emotional sehr verbunden ist, Herrn Pammers Identität. Er sieht daher in einer konsequenten Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsförde- rungspolitik das wichtigste sozioökonomische Ziel. „Player", die seiner Mei- nung nach dazu in der Lage sind, sich der Standortverlagerung nach Mittel- und Osteuropa erfolgreich zu widersetzen und Arbeitsplätze in Österreich zu schaffen, sowie Politiker, die als „starke Männer" auftreten, erscheinen ihm daher als Hoffnungsträger.

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Gudrun Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs

Gefühle von Unsicherheit und Machtlosigkeit angesichts der Entwick- lung in Unternehmen, auf dem Arbeitsmarkt oder in der Weltwirtschaft wer- den dadurch verstärkt, dass politische Repräsentanten nicht als Akteure wahr- genommen werden, die Schutz gewähren können. Arbeitervertreter erschei- nen als handlungsunfähig und werden als Personen betrachtet, die entweder den Widerstand gegenüber den Arbeitgebern „aufgegeben" haben oder gar mit ihnen „mitschwimmen". Das Verhältnis zwischen einem zunehmend mo- biler werdenden Kapital einerseits und schwächer werdenden Gewerkschaf- ten mit einer kontinuierlich abnehmenden Mitgliedschaft andererseits, die den Beschäftigten überdies Zugeständnisse nahelegen, wird als asymmetri- sche Machtkonstellation wahrgenommen. Gefühle von Unsicherheit und Machtlosigkeit beziehen sich aber auch auf die unmittelbare Unterstützung einzelner Arbeiter im Falle von Problemen. In dieser Hinsicht liegen uns un- terschiedliche Befunde vor: Während einige Interviewpartner/innen deutlich zwischen Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsvertreter(inne)n einerseits und Politiker(inne)n andererseits unterscheiden, berichten andere auch von einem Mangel an Unterstützung durch ihre Gewerkschaft, z.B. im Kontext eines Streits mit ihrem Arbeitgeber. Die frühere Reinigungskraft Frau Frederiksen (Dänemark) repräsentiert solch einen Fall: Ihr Arbeitsplatz wurde nach Jahren harter Arbeit wegratio- nalisiert, weil sie an einer ernsten Allergie litt, die es ihr unmöglich machte, ihre Putztätigkeit weiter zu verrichten. Ein Dermatologe half ihr, und nach einer Auseinandersetzung, die sich über Jahre hinzog, erhielt sie endlich eine Betriebsentschädigung. „Ich glaube nicht", sagt Frau Frederiksen, „dass sich die Gewerkschaft das als Verdienst anrechnen kann, weil sie keinen Finger krumm gemacht haben, um mir zu helfen - sie taten nichts, um mir zu helfen, eine andere Arbeitsstelle zu finden. Mir wurde keine andere Arbeit angebo- ten. Das war falsch, fühle ich, weil sie leicht hätten aufstehen und sagen kön- nen: ,Sie hat so und so viele Jahre geschuftet, daher sind wir der Überzeu- gung, sie verdient eine einfachere Arbeit.'" Obwohl sie es schließlich nicht tat, hatte Frau Frederiksen überlegt, für Pia Kjaersgaard zu stimmen, die Vor- sitzende der Dänischen Volkspartei. Hier scheint das öffentliche Interesse an den persönlichen Problemen und das politische Interesse an der Welt der Arbeiter eines der entscheidendsten Merkmale der Populisten zu sein. Auf diese Weise enthüllten die Interviews eine Krise der Repräsentation, die in den industriellen Beziehungen aufzu- treten scheint, aber am stärksten auf dem Feld der Parteipolitik zu finden ist. Unsere Analyse der Wechselwirkungen zwischen Unsicherheit, Machtlosig- keit und politischen Orientierungen enthüllte auch eine andere, scheinbar wi- dersprüchliche Verbindung, die als „konformistische Rebellion" bezeichnet werden kann (siehe Hentges/Meyer 2002, S. 55). Rassismus ist - zumindest für einige unserer Interviewpartner/innen - eine Strategie, ihren Protest gegen soziale Ungerechtigkeit auf eine offiziell akzeptierte und autorisierte Art und Weise zu artikulieren.

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

Auch wenn die Betreffenden mit linkem Klassenkampf oder Slogans von sozialer Gleichheit in Berührung kämen - was, wie jeder weiß, selten vor- kommt -, scheint es sehr unwahrscheinlich zu sein, dass sie sich diesen Posi- tionen anschließen würden. Schließlich wäre die Gefahr weiterer Marginalisie- rung und Isolation weit größer, als wenn sie für die halboffizielle Propaganda eintreten. Indem sie nach einer extrem autoritären Reintegration in die „Volks- gemeinschaft" rufen, idealisieren einige extrem rechte Interviewpartner/innen aus Deutschland ausgerechnet solche Mechanismen, die sich als sehr effektiv darin erwiesen haben, ihre eigenen ökonomischen und emotionalen Bedürfnis- se dem Willen machtvoller Akteure und Institutionen zu unterwerfen. Was als konformistisch in den Begriffen der Klassenverhältnisse gesehen werden kann, erscheint in der Wahrnehmung vieler Interviewpartner/innen als eine Rebellion gegen den Zwang zur „political correctness". Im Hinblick auf Probleme, die aus der Einwanderung resultierten, drückten sie die Befürchtung aus, dass es ihnen „nicht erlaubt ist, irgendetwas zu sagen". Dies könnte mit ein Grund da- für sein, weshalb die fremdenfeindlichen Äußerungen von Rechtspopulisten als so „erfrischend" erscheinen. Es handelt sich daher um eine Rebellion im dop- pelten Sinne: erstens als Protest gegen Ungerechtigkeit und zweitens als Ver- letzung der „political correctness", die aber „im Rahmen" bleibt. Insofern ist die Rebellion konformistisch, denn sie steht in Einklang mit den teilweise ver- heimlichten Ansichten der ökonomischen und politischen Elite. Insgesamt ließen die Interviews überdeutlich Gefühle von Arbeitsplatz- unsicherheit erkennen. Diese deutlich wahrgenommene Unsicherheit wurde teils explizit, teils aber auch nur implizit ausgedrückt, indem die Befragten ihre Wünsche hinsichtlich einer Beschäftigungsstabilität artikulierten oder Bemerkungen wie die Zeitangabe „in zwei Jahren - wenn ich dann noch hier bin" machten. In der Wahrnehmung der Befragten wird die Arbeitsplatzsi- cherheit in erster Linie durch Betriebsschließungen oder -verlegungen, durch ungezügelte Konkurrenz zwischen den Unternehmen, die häufig in Insolven- zen mündet, aber auch durch Betriebsumstrukturierung und -rationalisierung bedroht. Die Interviewpartner/innen beziehen die Bedrohung der Beschäfti- gungssicherheit jedoch auch auf das stets wachsende Arbeitspensum, das von ihnen erwartet wird, sowie auf Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen. Die Beschäftigten zweifeln daran, ob sie den wachsenden Ansprüchen ge- recht werden können und ob sie z.B. Arbeit und familiäre Verpflichtungen langfristig in Einklang bringen können. Nach unserer Interpretation neigen Menschen, die als empfänglich für extrem rechte Ideologien oder Botschaften eingeschätzt werden, stärker dazu, sich selbst für negative Entwicklungen verantwortlich zu halten und davon überzeugt zu sein, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen können. Probleme in der Arbeitswelt oder auch die subjektive Wahrnehmung von Unsicherheit werden in der politischen Öffentlichkeit häufig vollständig ignoriert oder zumindest nicht in der Weise thematisiert, dass sich die Men- schen mit ihren Problemen verstanden fühlen. Ein gutes Beispiel dafür ist die

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Erweiterung der Europäischen Union, die von der etablierten Politik in vielen Mitgliedstaaten positiv verklärt wurde. Vor dem Hintergrund von Standort- verlagerungen nach Ungarn und in andere mittel- und osteuropäische Staaten (ab 1989) sowie neuer Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt durch Zuwanderer drückten in Österreich Befragte ihre Sorge über die volle EU-Mitgliedschaft dieser Länder aus. Während Herr Daxhofer, der sich einer sicheren Stellung in der IT-Industrie erfreut, von dem „mulmigen Gefühl" berichtete, das er bei dem Thema hat, sprach eine erwerbslose Arbeiterin in einer alten, absteigen- den Industrieregion von „panischer Angst", die sie verspüre. Da die anderen Parteien sich den unmittelbaren Sorgen und den legitimen Interessen der Ar- beiter/innen kaum zuwenden, ist es gut zu verstehen, wie Rechtspopulisten Vorteile aus solchen Potenzialen politischer Subjektivität ziehen können. Für manchen Befragten haben niedriges Einkommen und viele Über- stunden - mitunter eine Strategie, um dieses zu kompensieren - einen Rück- zug aus dem sozialen Leben zur Folge, das sie sich ganz einfach nicht länger leisten können. Die Befragten brachten zum Ausdruck, dass ihr Alltagsleben nicht mehr funktioniert und ihr soziales Umfeld schwindet. Das Leben au- ßerhalb der engsten Sozialkontakte wird für sie etwas Ungewohntes und Fremdartiges. Diese Entfremdung vom sozialen Leben kann als Grundlage fremdenfeindlicher Ressentiments betrachtet werden und Menschen veranlas- sen, Ausländer/innen als Symbole eines sozialen Lebens zu betrachten, das ihnen fremd geworden ist. Der Satz „Bald werden wir die Ausländer sein", den mehrere unserer Interviewpartner/innen benutzten, sollte daher nicht als bloßer Reflex einer wahrgenommenen Bedrohung der kulturellen Identität durch Zuwanderung missverstanden werden. Vielmehr scheint diese Aussage persönliche Entfremdung auszudrücken. Dies verweist darauf, dass die ge- sellschaftliche Integration von Teilen der Arbeiterklasse gefährdet ist.

2.3

Die

Verletzung

Bedingungen

von

Werten

und das

Entstehen

anomischer

Offensichtlich üben nicht nur die Umwälzungen im Arbeitsleben maßgebli- chen Einfluss auf die Potenziale politischer Subjektivität aus. Die Literatur über Rechtspopulismus und -extremismus wendet sich oft langfristigen Trends des sozioökonomischen Wandels zu, etwa der „Individualisierung", durch die traditionelle gesellschaftliche Institutionen wie die Familie oder die Berufsgruppe ihre frühere Stabilität und ihre schützende Funktion verlieren. Das kann zu sozialer Isolation, Handlungsunsicherheit und Gefühlen von Machtlosigkeit führen - anomischen Bedingungen, die von rechtsextremer Ideologie aufgegriffen werden können (vgl. Heitmeyer 1987, 1989, 2001 und 2002-2006; Endrikat u.a. 2002). Die Komplexität und die Widersprüche der gegenwärtigen Gesellschaft können zu Orientierungsschwierigkeiten führen, Elemente rechtsextremer Ideologie wie gegen Außenseiter und Minderheiten

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

gerichtete Haltungen oder Autoritarismus in einer solchen Situation einzelnen Menschen helfen, ein persönliches Gefühl von Stimmigkeit zu schaffen (vgl. Zoll 1984). Wir griffen diese Hypothesen in unserer Untersuchung auf, weil Folgen der Individualisierung, die Verletzung von Werten oder Anomie in den Äuße- rungen der Interviewten über ihre Lebensplanungen, Arbeitsbiografien, Unsi- cherheiten und die soziale Welt berührt wurden. Eine wichtige Erkenntnis aus unserer Studie lautet, dass die konkreteren Wechselbeziehungen zwischen sozioökonomischem Wandel und Empfänglichkeit für Rechtspopulismus bzw. -extremismus viel bedeutsamer zu sein scheinen als solche allgemeinen Tendenzen wie der Verlust von Orientierung, Werten oder sozialen Bindun- gen. Die Anomietheorie liefert daher nur zusätzliche Erklärungen, insbeson- dere für ländliche Gebiete oder spezielle soziale Gruppen, bei denen die Ero- sion traditioneller Gemeinschaften, charakterisiert durch spezifische Rezipro- zitätsbeziehungen und soziale Identitäten, erst ein jüngeres Phänomen ist. Die folgenden exemplarischen Fälle illustrieren Bedingungen, unter de- nen die unmittelbaren Verbindungen zwischen Veränderungen im Arbeitsle- ben und Empfänglichkeit für Rechtspopulismus bzw. -extremismus für die Erklärung nicht ausreichten und deshalb der gesellschaftliche Wandel im weiteren Sinne berücksichtigt werden musste. Die 38-jährige Frau Veit- schnig, die seit dem Verlassen der Wirtschaftsschule bei der österreichischen Post im Beamtenverhältnis beschäftigt ist und erst kurz vorher befördert wur- de, verweist auf das Problem des zu großen Arbeitspensums: „Dann kommst du heim

wie ein ausgepresster Lappen, sage ich oft." In dieser Perspektive ist ein nostalgisch verklärter Rückblick auf die „guten alten Zeiten" wahr- nehmbar, als man noch langsamer zu Werk gehen konnte sowie mehr Zeit für die Arbeit und die Kunden hatte. Einen anderen Aspekt des Wandels, wel- chen Frau Veitschnig gleichfalls in einem negativen Licht sieht, hält sie für ebenso wichtig: die „Auflösung", d.h. die Umstrukturierung des Unterneh- mens, welche die Liberalisierung begleitete, und den zunehmenden Druck auf die Beschäftigten, Produkte zu verkaufen, um den Umsatz zu erhöhen. Frau Veitschnig betrachtet das „Keilen von Kunden", bei dem die sozialen Nor- men von Ehrlichkeit und Anstand verletzt werden, als „abstoßend". Starke Gefühle des Verlusts von Werten und Gemeinschaftsbindungen waren auch bei anderen Interviewpartner(inne)n aus derselben ländlich-bäuerlichen Grenz- region anzutreffen. Sie sehen in den gegenwärtigen wirtschaftlichen und po- litischen Umbrüchen eine Gefahr und halten ihre kulturelle Identität für be- droht. Die Zuwanderung bzw. der Aufenthalt von Ausländern bildet einen Streitpunkt, an den diese Bedrohung anknüpfen kann. In eine ähnliche Richtung gehen die Ansichten von Frau Kantor, Leiterin der Marketingabteilung eines ungarischen Telekommunikationsunternehmens mit einem Universitätsabschluss in Psychologie. Die Erfahrungen, die Frau Kantor an ihrem Arbeitsplatz gemacht hat - sie entwickelt eine Marketing- psychologie und beobachtet Strategien anderer Unternehmen auf diesem Ge-

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biet verstärken ihre Überzeugung, dass der Massenkonsum durch betrüge- rische, ausschließlich den Profitinteressen der Unternehmen dienende Wer- bekampagnen gefördert wird. Frau Kantors wachsender Widerwille gegen ih- re berufliche Stellung steht zum Teil mit diesem Unmut gegenüber den Aus- wüchsen der Konsumgesellschaft in Verbindung. Für sie ist der wirklich ge- fährliche Vorgang in der modernen Geschichte die Globalisierung - ihrer Meinung nach ein Prozess, der örtliche Gemeinschaften, Traditionen und na- tionale Kulturen zerstört. Ihre negative Wahrnehmung der Globalisierung geht mit der Ansicht einher, dass die Globalisierung von einem kleinen Kreis jüdischer Finanzmagnaten vorangetrieben werde. Frau Kantor stimmt zwar ganz deutlich mit einigen Hauptthesen der MIEP überein, wählt diese rechts- extreme Partei jedoch nicht, weil sie sich deutlich von deren „zornigen An- hängern" abgrenzt. Ein anderes Beispiel ist Michel Rust aus der Schweiz, der gerade seine Karriere im Forschungs- und Entwicklungsbereich eines transnationalen Un- ternehmens beginnt. Obwohl er sich von dem Milieu kleiner regionaler Fir- men (Arbeiter, Präzisionsmechaniker und andere Menschen im technischen Bereich) unterscheidet, teilt Herr Rust in gewissem Maße ihre Werte. Arbeit von hoher Qualität abzuliefern wird außerordentlich geschätzt, und es kann zu Unbehagen führen, wenn die Bedingungen es nicht zulassen, solchen Werten zu entsprechen. Dieses Element seines Wertesystems beeinflusst die Art und Weise, wie Herr Rust Grenzen zieht, z.B. dann, wenn es zu „Vermi- schung und dem Einströmen von Migranten" mit „unterschiedlichen Menta- litäten" kommt, welche die Schweizer Arbeitsprinzipien zu verderben dro- hen. Besonders interessant an diesem und an vergleichbaren Berichten ist die Definition eines „Milieus der Moral", das die Interviewpartner/innen jenen Bevölkerungsgruppen entgegensetzen, die sie für die schädlichen Entwick- lungen in der Gesellschaft verantwortlich machen (Manager, Zuwanderer). Wie diese Beispiele aus den qualitativen Interviews in verschiedenen Ländern zeigen, herrscht bei einigen Interviewten das Unbehagen über den Verlust von Werten und stark integrierten Gemeinschaften vor. Wir fanden neben Ungerechtigkeitsgefühlen, der Furcht vor „Deklassierung" oder Unsi- cherheitsgefühlen auch Manifestationen politischer Subjektivität, die Rechts- populisten bzw. -extremisten mittels rückwärtsgewandter Utopien von unver- dorbenen Gemeinschaften oder Law-and-order- und Anti-Immigrations-Poli- tiken erreichen können. Aber hier sind einige Einschränkungen angebracht:

Erstens: Wir können annehmen, dass die Anziehungskraft von politischen Botschaften, Politikstilen oder Ideologien des Rechtspopulismus und -extre- mismus öfter mit Bezug auf die konkreten Gründe erklärt werden kann, wie oben beschrieben. Zweitens sorgen die ideologischen Elemente Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Autoritarismus und Nationalismus zwar für Orientie- rung, für Gelegenheiten zur Identifikation oder für die Unterstützung beschä- digter sozialer Identitäten, tragen aber nicht immer zur Attraktivität der Pro- paganda von Rechtspopulisten und -extremisten bei.

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

123

Wenn Menschen die Leitmotive des Neoliberalismus (vgl. zur Kritik:

Butterwegge u.a. 2007 und 2008) und Standortnationalismus übernehmen, kann die Unterstützung des Rechtspopulismus und -extremismus auch von wirtschaftlichen Überlegungen geleitet sein. Globalisierung als Herausforde- rung für die nationale Ökonomie führt zum Ruf nach einer starken, autoritä- ren Regierung, welche die Wettbewerbsfähigkeit des „eigenen" Wirtschafts- standortes auf der supranationalen Ebene verbessern soll. Eine andere Ursa- che der Unterstützung von Rechtspopulisten oder -extremisten kann das wahrgenommene Demokratiedefizit sein - sei es die Erfahrung von Vettern- wirtschaft und Korruption oder auch das Gefühl, nicht partizipieren zu kön- nen, im politischen System nicht repräsentiert zu sein. Während Rechtspopu- listen zu Recht als Gefahr für die repräsentative Demokratie gelten, lassen sich ihre Erfolgschancen teilweise in den undemokratischen Verhältnissen der gegenwärtigen europäischen Gesellschaften auf lokaler, regionaler und nationaler, aber auch auf der EU-Ebene verorten. Diesen und anderen As- pekten wollen wir uns nun in der Diskussion über die Ursachen für Rechts- populismus bzw. -extremismus zuwenden, einschließlich jener, die nicht mit dem sozioökonomischen Wandel in Verbindung stehen.

3. Variationen politischer Konversion

Wir haben die Wechselbeziehung zwischen Wahrnehmungen des sozioöko- nomischen Wandels und Potenzialen politischer Subjektivität herausgearbei- tet, die in den Interviews aufzufinden waren. Diese Darstellung bildet jedoch nicht vollständig die breite Vielfalt dessen ab, wie bestimmte Erfahrungen die Menschen dazu veranlassen, sich mit ihrer Interpretation der Realität auf Elemente rechtsextremer Ideologie zu berufen oder Politiker bzw. politische Botschaften der extremen Rechten überzeugend zu finden. Nunmehr möchten wir diese Vielfalt etwas ausführlicher darstellen, um den Eindruck zu ver- meiden, dass Elemente des sozioökonomischen Wandels und spezielle indi- viduelle Reaktionen als Hauptursache für den Erfolg des Rechtspopulismus bzw. -extremismus angesehen werden können. Auch wenn sich unsere Untersuchung auf die Anziehungskraft der ex- tremen Rechten konzentriert, müssen wir in Erinnerung behalten, dass diese spezielle politische Konversion nur eine innerhalb der großen Palette unter- schiedlicher Interpretationen und Bewältigungen der eigenen Lebenssitua- tion ist. Das empirische Material enthält Informationen über den Wechsel von einem bestimmten politischen Lager hin zu Desinteresse und Wahlent- haltung wie auch umgekehrt über politische Konversionen in Richtung „voice" (Hirschman 1970) sowie über den Wechsel von einer politischen Position zu einer anderen. Negative Beispiele in der Arbeitswelt, die man- che dazu veranlassten, rechtspopulistischen Argumenten zu folgen, stärkten

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die sozialdemokratischen, konservativen oder liberalen Überzeugungen an- derer. Die ersten Variationen politischer Konversion, die wir im Folgenden dar- stellen, beziehen sich mehr oder weniger direkt auf Erfahrungen im Arbeits- leben. Bei der Interpretation dieser Fälle wurde deutlich, wie Frustrationen, Ungerechtigkeiten, intensivierter Wettbewerb oder Überidentifikation mit dem Unternehmen zu speziellen politischen Orientierungen und zu Sympa- thien für Rechtspopulismus bzw. -extremismus beitragen. Andere Muster der politischen Konversion, die anschließend behandelt werden sollen, beziehen sich auf breitere gesellschaftliche Entwicklungen wie Finanzierungsprobleme des Sozialstaates und insbesondere auf die Alterssicherung, Folgen der Glo- balisierung oder die Kehrseiten der multikulturellen Gesellschaft. Einige der Muster, die noch dargestellt werden, sind typisch für mehrere, wenn nicht so- gar alle Länder, die wir untersuchten, während andere länderspezifisch sind und als nationale Besonderheiten gelesen werden können.

3.1

Politische

Konversion

als

Reaktion

auf Erfahrungen

im

Arbeitsleben

3.1.1

,,Ich kann eine solche Ungerechtigkeit nicht ertragen die

Erschütterung

durch

Arbeitslosigkeit

oder

"

-

unfreiwilligen

Vorruhestand

Erwerbslose leiden nicht nur unter einem verringerten Einkommen und einem Sinken des Lebensstandards, sondern häufig auch unter Problemen sozialer Integration, mangelndem Selbstvertrauen und zeitlicher Desorientierung, also Aspekten, welche die Grundlage für eine stabile Identität bilden. Langzeitar- beitslosigkeit wird oft begleitet von Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags sowie von sozialer Stigmatisierung. Die Anwendung sozial nicht ak- zeptabler Methoden beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit wird meist der Unfähigkeit einer Person zugeschrieben, die in diesem Dilemma gefangen ist, und nicht dem System, das die Situation erst schuf (vgl. Kieselbach 1996, S.

187f.).

In unseren Interviews wurde auch klar, dass der Verlust des Arbeitsplat- zes zu ernsten Erschütterungen und sozialer Isolation führen kann. Die Erfah- rung, dass alle Anstrengungen, Leistungen und Opfer, die teilweise über Jahrzehnte hinweg erbracht wurden, überhaupt nicht mehr zählen, begünstigt intensive Ungerechtigkeitsgefühle. Diese wiederum können Menschen ver- anlassen, ihre Parteibindung zu wechseln und - aus Mangel an überzeugende- ren Deutungsmustern - die Unterteilung zwischen „Inländern" und „Immi- granten" als Hauptstrukturprinzip zu benutzen und das Verlangen nach natio- naler Präferenz zu unterstützen.

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

125

Nicht nur die Massenarbeitslosigkeit spielt eine Rolle. In jedem Land tra- fen wir auf psychosoziale Stresssymptome unter Beamt(inn)en, Büroange- stellten und Arbeiter(inne)n, die von Formen der Frühverrentung bzw. "Pen- sionierung betroffen waren. Im Verlauf der Privatisierung, die seit Beginn der 1990er-Jahre rasch fortschritt, waren Angestellte früherer Staatsunternehmen (mit einer ärztlichen Empfehlung) die ersten, die in den Vorruhestand gingen und ihre Pension vom Staat erhielten. Auf ähnliche Weise entwickelte das Management in den absteigenden Industrien (Bergbau und Stahl) gemeinsam mit den Betriebsräten „Sozialpläne". Ein naheliegender Weg, das Personal zu verringern, war die Frühverrentung bzw. -Pensionierung. Während manche Frühruheständler/innen ihre neue Situation genießen, ließen andere erkennen, dass sie sich nicht freiwillig zur Ruhe setzten. Ruhestand bereits mit Mitte 40 verursacht nicht nur finanzielle Schwierigkeiten, sondern auch emotionale und psychosoziale Probleme, über die man nur zögernd spricht.

3.1.2 Arbeiterinnen

unter prekären Lebensbedingungen:

Körper

einfach

„ Aber an nicht mehr"

einem

gewissen

Punkt funktioniert dein

Rechtspopulismus bzw. -extremismus wird oft als ein ausschließlich männli- ches Phänomen wahrgenommen, weil die meisten Parteivorsitzenden, Aktivi- sten, Kämpfer und Propagandisten junge Männer sind. Außerdem betont die Medienberichterstattung das maskuline Bild der rechtsextremen Bewegung dadurch stark, dass sie sich im Wesentlichen auf gewalttätige Angriffe, Stra- ßenkrawalle oder sexuelle Belästigungen konzentriert. Während der letzten Jahre wurden mehrere interessante Forschungsprojekte durchgeführt, die sich mit Gender-Aspekten von Parteien, Organisationen und Ideologien der ex- tremen Rechten befassten. Wie die Ergebnisse zeigen, sind die Anführer der Parteien und Bewegungen fast immer Männer, während man Frauen als Ak- tivistinnen auf einer niedrigeren Ebene, aber auch als Parteimitglieder, Sym- pathisantinnen, Unterstützerinnen oder Wählerinnen von Parteien der extre- men Rechten finden kann. Sofern es um politische Haltungen geht, zeigen die Ergebnisse der jüngsten Forschungsprojekte, dass auf dieser Ebene der „gen- der gap" rückläufig ist: Frauen erweisen sich als ebenso anfällig für die Un- terstützung weit rechts stehender Ideologien wie ihre männlichen Kollegen (vgl. Bitzan 1997; Rommelspacher 2001; Hentges 2002; Köttig 2004; Antifa- schistisches Frauennetzwerk u.a. 2005). In hoch industrialisierten Gesellschaften stehen sich zwei unterschiedlich organisierte Lebensbereiche (Produktions- und Reproduktionssphäre) gegen- über, die man auch als unterschiedlichen Herrschaftsprinzipien unterworfene Einflusssphären in der Gesellschaft interpretieren könnte. Frauen haben die Aufgabe, diese sich im Moment widersprechenden Strukturprinzipien und die Logik in den Sphären von Produktion und Reproduktion zu versöhnen. Die soziale Integration von Frauen findet sowohl durch Arbeit in der Familie als auch durch Arbeit auf dem Markt statt. Frauen müssen solchen Forderungen

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Gudrun

Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs

in unterschiedlichen Bereichen gerecht werden und reproduktive mit produk- tiven Aufgaben verbinden, wodurch sie einer „doppelten Vergesellschaftung" (Becker-Schmidt 1987) unterworfen werden. Die zwei sozialen Sphären wer- den nicht gleich beurteilt. Stattdessen wird eine marktbezogene Tätigkeit als „Arbeit" angesehen, während familiäre Verantwortlichkeiten als Privatange- legenheiten gelten. Da familienbezogene Arbeit gewöhnlich von Frauen aus- geführt wird, beeinflussen die Folgen deren Integration in bezahlte Beschäf- tigungsverhältnisse. Frauen sind auf den unteren Ebenen der Beschäftigungs- hierarchie überrepräsentiert, sodass man von einem geschlechtsspezifisch segmentierten Arbeitsmarkt sprechen kann. Sowohl anstrengende Arbeit als auch die Doppelbelastung zu bewältigen, ist oft nur für eine begrenzte Zeit möglich: „Die Arbeit war nicht schlecht, aber unglücklicherweise hatte ich gerade da einen Nervenzusammenbruch. Das war, als es klar wurde, ich dachte immer, dass ich, wenn ich mein Bestes gebe, es schon schaffen würde. Aber an einem gewissen Punkt funktioniert

dein Körper einfach nicht mehr. (

meine Arbeit, mein Sohn, die Schichten. Und dann sagte an einem gewissen Punkt mein Sohn zu mir: ,Mama, ich fürchte, ich könnte dich auch noch ver- lieren'." (Frau Renger, Deutschland) Solche Erfahrungen können starke Un- gerechtigkeitsgeftihle erzeugen und Frauen für die sich vertiefende Kluft zwi- schen etablierten Politikern auf der einen Seite und den gewöhnlichen Biir- ger(inne)n auf der anderen Seite besonders sensibilisieren.

)

Ich hab's einfach nicht mehr geschafft:

Erfahrungen von Frauen können nicht auf die Sphäre der Beschäftigung reduziert werden, zeigte sich doch, dass unsere Interviewpartnerinnen in die Berichte über ihre beruflichen/fachlichen Erfahrungen vor dem Hintergrund ihrer doppelten Vergesellschaftung auch ihre Alltagserfahrungen einfließen ließen. Die Spaltung zwischen Beruf und Familie wurde zusammen mit Fra- gen der Erziehungs- und Schulpolitik sowie mit Nachbarschaftskonflikten zum Diskussionsgegenstand. Einige Interviewpartnerinnen kritisierten die vermeintlich allzu liberale Immigrations- und Asylpolitik unterschiedlicher Regierungen. Auch sahen sie in (männlichen wie weiblichen) Ausländern ei- ne Bedrohung im Wettbewerb um Beschäftigung und für das Netz sozialer Sicherheit. Eine besondere Nuance der rechtsextremen Haltung von Frauen drückt ihre Befürchtung aus, dass (weibliche und männliche) Zuwanderer aus islamischen Gesellschaften eine Bedrohung für die westliche Frauenemanzi- pation darstellen.

3.1.3 ,,Du fängst wirklich an, sie zu hassen " - die Entwertung der

Unterordnung unter Normen

von Leistung

und harter Arbeit

Die Arbeitsethik und die Überzeugung, dass jeder am Leistungsprinzip fest- halten sollte, stehen im Zentrum der Interviews, die hier als Beispiele dienen. Insbesondere die männlichen Interviewpartner identifizieren sich stark mit ih- rem Status als Arbeiter, betrachten sich selbst als Teil der hart arbeitenden

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen

Rechten

Gemeinschaft und distanzieren sich heftig von sog. Sozialschmarotzern. Eine gründliche Analyse des Interviewmaterials enthüllt, dass die „Gemeinschaft der anständigen und hart arbeitenden Menschen" durch die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in den vergangenen Jahren oder Probleme, den Le- bensstandard mit dem Einkommen, das ihre Mitglieder für harte Arbeit be- kommen, aufrechtzuerhalten, noch stärker zusammengeschweißt wird. Interviewpartner/innen, die (noch) nicht von Rationalisierungsprozessen und massiver Personalreduzierung betroffen, sondern nach wie vor beschäf- tigt sind, geben an, dass sie unter gestiegenen Arbeitspensen, Stress, einer Verdichtung der Arbeit und enorm großen Ängsten leiden. Oft akzeptieren die Betreffenden unter dem Damoklesschwert der Entlassung solche Bedin- gungen, ohne Widerstand zu leisten oder kollektive Abwehrmaßnahmen zu ergreifen. Einige Interviewte berichten von Gesundheitsproblemen (Verdau- ungs- und Herzproblemen ebenso wie Schlafstörungen), die sie den sich ver- schlechternden Arbeitsbedingungen zuschreiben. Das oft nur beiläufig er- wähnte Leiden darunter verschafft sich auf anderen Wegen Gehör: So ver- weisen Interviewte auf jene, die anscheinend damit Erfolg haben, sich diesen Problemen zu entziehen, insbesondere ausländische Sozialhilfeempfänger/in- nen, Arbeitslose und gegenwärtig auch Vorruheständler/innen. Arbeitende Menschen, welche die „protestantische Arbeitsethik" internalisiert und sich mit ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen abgefunden haben, ärgern sich über solche alternativen Lebenskonzepte. Sie verlangen, dass sich die ande- ren gemäß dem Motto „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" dem Gesetz der Lohnarbeit unterwerfen. Immigrant(inn)en, die nicht arbeiten und Sozial- leistungen beziehen, rufen besonders emotionale Reaktionen hervor: „Sie kommen her, sie bekommen eine Menge Geld, sie können sich ein Haus und alles andere kaufen. Du fängst wirklich an, sie zu hassen. Dann fragst du: Ist das richtig? Ist das System richtig, wenn es das tut?" (Herr Kammer, Deutsch- land)

3.1.4 Arbeiterbewusstsein

und pragmatischer

Wechsel zum

Rechtspopulismus: „Normalerweise sind die Sozialisten die für die

kleinen Leute "

Wir fänden in Österreich, Dänemark, Frankreich, Deutschland und der Schweiz zahlreiche Beispiele für die Abkehr von sozialdemokratischen und eine Hinwendung zu rechtspopulistischen oder -extremen Parteien. Die Aus- wertung der Interviews zeigte entweder Enttäuschung über gebrochene Ver- sprechen solcher Regierungen oder Ernüchterung über Regierungen, an de- nen sozialdemokratische/sozialistische Parteien beteiligt waren. Letzteres gilt auch für die französischen Kommunisten (PCF). Häufig erstreckt sich die Enttäuschung auch auf die Gewerkschaften: Sie werden nicht mehr als im Besitz von ausreichend Macht befindlich wahrgenommen, um die Interessen der Arbeiter/innen erfolgreich zu vertreten.

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Gudrun Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs

Da die betreffenden Interviewpartner/innen eine starke Identität als Ar- beiter/innen ausgebildet hatten und ihren Traditionen entsprechend fest im Arbeitermilieu - soweit dieses noch besteht - verankert waren, hielten sie die konservativen Parteien für keine annehmbare Alternative. Sie sehen sich vielmehr vor die Alternative gestellt, entweder überhaupt nicht wählen zu ge- hen oder für eine Partei rechts der Mitte zu votieren, die behauptet, die Inter- essen der „kleinen Leute" zu vertreten.

Büroangestellte und die Bedrohung durch den sozialen Abstieg:

3.1.5

„Aber es kommt eine Zeit, da hast du wirklich genug"

Eine Empfindung von Unsicherheit, die auf ununterbrochenen Umstrukturie- rungen oder wiederholtem Arbeitsplatzverlust beruht, sowie das subjektive Gefühl von Bedrohung der eigenen kulturellen Identität und die sentimentale Hinwendung zu Nostalgie lassen sich in zahlreichen Interviews finden, die wir mit Büroangestellten oder Beamt(inn)en führten. Einige der Befragten haben gemeinsam, dass sie sich selbst der Gefahr des sozialen Abstiegs aus- gesetzt sehen, obwohl sie immer noch einen relativ sicheren sozialen Status haben. Eine ungünstige Managemententscheidung oder eine Krankheit kann bedeuten, dass sich die Betroffenen ihr Haus oder ihre Wohnung, den Urlaub etc. nicht mehr leisten können. Andere haben ihre berufliche Sicherheit schon verloren und müssen, um ihren Lebensstandard mehr oder weniger zu halten, in hohem Maße flexibel sein, über weite Strecken pendeln und Arbeit an- nehmen, die nicht ihren eigentlichen Qualifikationen entspricht. Die Frustra- tion darüber wird in unterdrücktem Ärger spürbar, der sich mit Ausländern verknüpfen kann, wenn diese zum Symbol für den eigenen sozialen Abstieg oder wenn sie als Menschen dargestellt werden, die erhalten, was sie nicht verdienen.

3.1.6

Aufstiegsorientierte Angestellte zahlen einen hohen Preis und neigen zur Überidentifikation mit dem Unternehmen: „Sich quälen gehört zur Veränderung "

Der Versuch, Sympathien für Rechtspopulismus und -extremismus auf der Grundlage einer speziellen Teilmenge der Untersuchungsstichprobe zu ver- stehen, nämlich des „empfänglichen" Teils der „Aufstiegs"-Kategorie, zeigte oft, dass die politische Konversion überraschenderweise in Verbindung mit einer Verbesserung der fachlichen oder beruflichen Position auftrat. Typische Beispiele dafür sind Beförderungen auf Managementstellen, zum Beispiel in privatisierten Unternehmen, die sich in einem konstanten Umstrukturierungs- prozess befinden. Teilweise führt eine solche Beförderung zu Statusinkonsis- tenzen, weil die Betroffenen ein relativ niedriges Bildungsniveau haben. Ein Grund dafür, dass die Verbesserung der sozialen Position zur politischen Konversion beiträgt, dürfte der Preis sein, den solche Personen für ihren be-

Potenziale politischer Subjektivität und Wege zur extremen Rechten

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ruflichen Erfolg zahlen: Sie leiden nicht nur unter langen Arbeitszeiten, ei- nem hohen Arbeitspensum und Stress, sondern haben in ihrer Sandwichposi- tion auch einen klaren Blick auf die Verschlechterung der gesamten Arbeits- bedingungen im Verlauf der Privatisierung und Umstrukturierung. Eine zweite Ursache liegt darin, dass beruflicher Aufstieg oft die Identifikation nicht nur mit der Arbeit, sondern auch mit dem Unternehmen fördert. Das wiederum stärkt die Leistungsorientierung und die Forderungen, die an Un- tergeordnete, Kollegen, Beschäftige und Bürger/innen allgemein gerichtet werden. Die politische Konversion selbst kann verschiedene Formen annehmen. Einige der von uns Befragten hatten eine klare Bindung an die Sozialdemo- kratie, andere waren Wechselwähler/innen; einige sind geneigt, soziale Pro- bleme stärker als zuvor zu „ethnisieren"; wieder andere zeigen größere Härte und eine intensivere Arbeitsethik. Enttäuschungen und Entfremdungsgefühle mancher Menschen können vor dem Hintergrund der Umwälzungen in pri- vatisierten Unternehmen wie der Post und der Bahn verstanden werden. Die Reaktionen von anderen sind deutlich von der Ideologie des Standortnationa- lismus beeinflusst, die sie veranlasst, ihr Arbeitsethos und ihre Identifikation mit dem Unternehmen zu radikalisieren, sodass sie leicht ausschließende und nationalistische Ideologien der extremen Rechten übernehmen.

3.2

Durch

umfassenderen

sozialen

Wandel

und

Eigenheiten

des

politischen

Systems

verursachte

Konversionen

 

3.2.1

Angehörige der Einstellungen

Mittelklasse mit konservativen

und nationalistischen

Mitte der 1930er-Jahre.stellte der Wirtschaftswissenschaftler David Saposs (zit. nach: Lipset 1960, S. 134) fest, Faschismus sei „der extreme Ausdruck von

Die Grundideologie der Mittel-

Ihr Ideal war eine unabhängige, kleine, Eigentum

besitzende Klasse, die aus Händlern, Mechanikern und Landwirten besteht.

das jetzt als Mittelklasse bezeichnet wird, forderte ein Sy-

stem von Privateigentum, Profit und Konkurrenz auf einer Basis, die gänzlich verschieden war von derjenigen, die vom Kapitalismus übernommen worden war." Angehörige der Mittelklasse widersetzten sich danach sowohl dem Ka-

pitalismus als auch dem Big Business. Ein Vierteljahrhundert später bezog sich Seymour Martin Lipset (1960, S. 132; vgl. auch ders. 1962) in seinem Buch „The Political Man" darauf und erweiterte die These, denn jede soziale Klasse könne eine demokratische oder eine extreme Ausdrucksform wählen: „Die ex-

gründen

tremistischen Bewegungen der Linken, der Rechten und der Mitte (

in erster Linie jeweils auf der Arbeiter-, der Ober- und der Mittelklasse." Lipset argumentiert, dass der Rechtsextremismus seine Anhänger aus derselben so-

Mittelklassen-Ideologie oder Populismus. (

klasse ist Populismus. (

Dieses Element (

),

)

)

)

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Gudrun Hentges/Jörg Flecker/Gabrielle Balazs

zialen Klasse rekrutiere, welche die liberalen Parteien unterstützt, und dass Wirtschaftskrisen die ehemaligen Anhänger/innen liberaler Parteien veranlass- ten, sich rechtsextremen zuzuwenden. So verdanke die NSDAP ihre Wahler- folge in erster Linie den alten, aufgrund des Modernisierungsprozesses von Ab- stieg und Statusverlust bedrohten Mittelklassen. Unser empirisches Material bestätigt Lipsets These. Einige Manager, Unternehmer oder Selbstständige wandten sich von den Konservativen ab und der FPÖ zu, nachdem Jörg Haider die Partei übernommen hatte; sind fasziniert von Gianfranco Fini 1 ; wurden lokale Aktivisten der REPublikaner, nachdem sie über Jahre hin CDU/CSU gewählt hatten usw. Diese politischen Konversionen gründen auf einer konservativen und oft nationalistischen po- litischen Orientierung, die durch Sozialisationsprozesse in der Familie, örtli- chen Milieus oder Schulen und Jugendorganisationen geformt wurde. Die Radikalisierung, die sie darstellen, wird nicht immer von Erfahrungen im Ar- beitsleben ausgelöst. Wenn dies doch einmal der Fall ist, können sie sich auf unfairen Wettbewerb beziehen, der durch das örtliche politische Monopol ei- ner konservativen Partei bestimmt ist, oder auf einen Misserfolg beim Auf- bau eines Geschäfts, der zu einem Statusverlust und einem sinkenden Le- bensstandard führt. Autoritarismus, Nationalismus, Rufe nach Disziplin, In- dividualismus und Meritokratie sind ideol