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umschlag_jugendgew. 8.5.

2006 15:29 Uhr Seite 1

Prävention
von Jugend-
gewalt

von der Eidgenössischen


Ausländerkommission EKA
2006 herausgegeben

Wege zu einer evidenzbasierten


Präventionspolitik

Materialien zur Integrationspolitik


umschlag_jugendgew. 8.5.2006 15:29 Uhr Seite 2

Autoren
Manuel Eisner, Denis Ribeaud und Stéphanie Bittel

Wir möchten uns bei Simone Prodolliet, Stephanie


Schönholzer, Kathie Wiederkehr, Michele Galizia und
Christof Meier ganz herzlich für ihre Kommentare und
Anregungen zu früheren Fassungen dieses Berichtes
bedanken. Unser Dank gilt auch allen Fachstellen in den
Kantonen, die uns mit ihren Angaben geholfen haben,
einen Überblick über den Stand der Gewaltprävention
in der Schweiz zu erhalten.

Herausgeberin
Eidgenössische Ausländerkommission EKA
Quellenweg 9
3003 Bern-Wabern
031 325 91 16
eka-cfe@bfm.admin.ch
www.eka-cfe.ch

Titelbild
Foto Ursula Markus
(Ausstellung «La Suisse plurielle»)

Mai 2006
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 1

Prävention
von Jugend-
gewalt
Wege zu einer evidenzbasierten Präventionspolitik

Manuel Eisner, Denis Ribeaud und Stéphanie Bittel

Materialien zur Integrationspolitik


präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 3

inhalt
Prävention von Jugendgewalt
3

Inhalt
Vorwort 5

Einleitung 8

1 Gewalt von Jugendlichen in der Schweiz 10

2 Lebenslauf und Gewalt 16

3 Evidenzbasierte Gewaltprävention 25

4 Familienbasierte Prävention 33

5 Schulische Prävention 41

6 Prävention in Nachbarschaft und Freizeitbereich 51

7 Erkenntnisse und Folgerungen 58

Zitierte Literatur 61
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vorwort
Prävention von Jugendgewalt
5

Vorwort
«Gewalt von Jugendlichen» ist ein Thema, über die Zunahme von Gewaltakten bei Ju-
das sowohl in den Medien als auch in der gendlichen ausländischer Herkunft. Zwar stellt
Politik wiederholt aufgegriffen wird. Im Zen- die soziale Lage vieler ausländischer Jugend-
trum der Reden darüber steht oft die uns licher gewissermassen einen Risikofaktor dar.
präsentierte Zunahme von Gewaltakten, die Aus Untersuchungen ist aber auch bekannt,
beklagt wird. Der Ruf nach griffigen Mass- dass die Anzeigebereitschaft aus der Bevölke-
nahmen folgt auf dem Fusse. Dabei wird auf rung bei Delikten dieser Gruppe erhöht ist.
jene Gruppe von Jugendlichen verwiesen, die
in den Statistiken besonders auffallen: Es sind Forscherinnen und Forscher, die den Phä-
Jugendliche ausländischer Herkunft. nomenen Gewalt und Kriminalität nachgehen,
bemängeln denn auch seit Jahren, dass die
Was lässt sich daraus schliessen? Sind Datenlage ungenügend und ungenau ist und
Jugendliche ohne Schweizer Pass anfälliger dass eine differenziertere Statistik dringend
für Gewaltausübung? Müssen für junge An- vonnöten ist. Erste Schritte in diese Richtung
gehörige spezifischer Herkunft besondere wurden gemacht; es wird aber noch einige Zeit
Programme zur Prävention von Gewalt und dauern, bis entsprechende bereinigte Daten-
Kriminalität bereitgestellt werden? grundlagen zur Verfügung stehen werden.

Fehlen einer differenzierten Statistik Neuer Interventionsbereich im Rahmen


Die sorgfältige Analyse von statistischen der Integrationsförderung
Erhebungen zeigt zweierlei. Einerseits beste- Im Rahmen der Revision der Verordnung
hen bei der Registrierung von Gewaltakten über die Integration der Ausländerinnen und
erhebliche Unterschiede bei der Art, wie Daten Ausländer (VIntA), die am 1. Februar 2006 in
dazu überhaupt erhoben werden. Es gibt ge- Kraft getreten ist, wurde ein neuer Förder-
samtschweizerisch keine einheitliche Praxis, bereich eingefügt, für den Finanzhilfen des
wie die Ausübung von Straftaten registriert Bundes gewährt werden können. Nach Art.
wird. So ist nicht klar, ob etwa bei einem 16 lit. m. der genannten Verordnung können
Gewaltereignis mehrere Taten desselben Tat- neu auch Projekte gefördert werden, «die der
verdächtigen addiert oder als einzelne Tat ver- Gewalt und der Straffälligkeit vorbeugen».
bucht werden oder ob ein einzelnes Delikt, bei Die Bezeichnung eines neuen Interventions-
dem mehrere Personen beteiligt waren, als bereichs im Zusammenhang mit der Integra-
eine oder mehrere Taten verzeichnet wird. tionsförderung des Bundes geht zurück auf
Verzerrungen ergeben sich andererseits durch Vorschläge von Massnahmen, die der von
die Tatsache, dass bei der Registrierung von Bundesrat Christoph Blocher in Auftrag gege-
Delikten lediglich Geschlecht, Alter und Natio- bene Bericht zur «Illegalen Migration» nach
nalität erhoben werden. Aussagen zu Aufent- sich gezogen hat. Der in der Verordnung auf-
haltsstatus oder sozio-ökonomischem Hinter- gelistete Katalog von zwölf Bereichen, inner-
grund lassen sich nicht machen. Dabei wissen halb derer Bundesbeiträge für Integrations-
wir aus der Forschung, dass in Milieus von so- projekte gesprochen werden können, wurde
zial Benachteiligten physische Gewalt tenden- damit um einen dreizehnten erweitert.
ziell häufiger vorkommt. Und hier spielt das
Kriterium Nationalität nur bedingt eine Rolle. Die EKA, die im Auftrag des Bundesamts
für Migration mandatiert ist, den für Integra-
Ein behutsamer Umgang mit Statistik tionsbelange verfügbaren Kredit von gegen-
und deren Interpretationen ist eines der wärtig 14 Millionen Franken zu verwalten, Ge-
Postulate, das die Eidgenössische Ausländer- suche um Finanzhilfen entgegenzunehmen,
kommission EKA verschiedentlich vertreten zu prüfen und eine Empfehlung zuhanden
hat. In diesem Zusammenhang hat sie auch des Bundesamtes abzugeben, wurde vom Amt
darauf hingewiesen, dass in den Statistiken ersucht, für das Jahr 2006 einen Teil des Kre-
Tatverdächtige nicht selten mit Tätern gleich- dits für spezifische Projekte zur Prävention
gesetzt werden bzw. dass in Medienberichten von Gewalt zu reservieren. Die EKA hat sich
über kriminalstatistische Befunde, die von aufgrund dieser Ausgangslage entschieden,
Tatverdächtigen sprechen, von tatsächlich ein spezifisches Vorgehen zu wählen, bei dem
begangenen Straftaten ausgegangen wird. zunächst abgeklärt wird, welche Projekte
Ebenfalls Vorsicht geboten ist bei Aussagen oder Programme als wirkungsvoll zu erachten
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vorwort
Prävention von Jugendgewalt
6

sind. Dies insbesondere auch in Berücksichti- wird, besteht kein absoluter Konsens. Ist es
gung der Tatsache, dass für die Jahre 2004 bis lediglich physisch ausgeübte? Wie steht es mit
2007 ein Schwerpunkteprogramm vorliegt, psychischer Gewaltausübung oder gar mit
das für fünf Förderbereiche bereits eine Prio- gesellschaftlichen Dispositionen, die zu struk-
risierung vornimmt. tureller Gewalt führen, indem bestimmte
Personengruppen systematisch benachteiligt
Der Bund, der seit 2001 Projekte finan- werden? Wie wird mit der Frage umgegan-
ziell unterstützen kann, versteht Integrations- gen, dass gewalttätiges Verhalten eine Reak-
förderung in einem breiten Sinn. Integra- tion auf Frustration und Diskriminierung sein
tionsprojekte tragen zum einvernehmlichen kann? Wie wirken sich sozialräumlich schwie-
Zusammenleben zwischen der einheimischen rige Verhältnisse auf den zwischenmensch-
und der zugewanderten Bevölkerung bei. Im lichen Umgang aus? Welcher Einfluss ist jenen
weitesten Sinne trägt dies zum sozialen Medienerzeugnissen zuzuschreiben, in wel-
Zusammenhalt bei. Es werden Perspektiven chen Darstellungen von Gewalt zur Erzeu-
eröffnet, es werden Möglichkeiten der Parti- gung von Publikumsaufmerksamkeit und
zipation und der Begegnung geschaffen. Befriedigung von Sensationslust eine zentrale
Rolle spielen?
Das Anliegen, für spezifische Gruppen
der ausländischen Bevölkerung besondere Die EKA vertritt die Ansicht, dass die Ent-
Projekte zu realisieren, ist nicht unumstritten. stehung von Gewalt sowohl gesellschaftlich
Damit wird der Annahme Vorschub geleistet, bedingte Ursachen hat als auch auf individuell
dass es für eine bestimmte, nach Herkunft schwierige lebensgeschichtliche Zusammen-
oder Nationalität definierte Gruppe beson- hänge zurückzuführen ist. Vor diesem Hinter-
dere Massnahmen brauche. Herkunftsspezifi- grund ist die EKA überzeugt, dass nur ein
sche Projekte sind unter Umständen sinnvoll; mehrdimensionaler Ansatz Gewalt verhindern
tatsächlich weisen langjährige Erfahrungen in oder bekämpfen kann. Eine dieser Dimen-
der Integrationsarbeit jedoch aus, dass das sionen ist, dass ein gesellschaftliches Klima ge-
Herkunftsspezifische allein kein Kriterium sein schaffen wird, in welchem Perspektiven eröff-
kann, um ein Problem zu lösen. In den aller- net werden, eine Art Willkommenskultur, die
meisten Fällen zeigt ein vertiefter Blick auf jungen Menschen (ausländischer Herkunft)
eine spezifische Situation, dass es sich jeweils die Botschaft vermittelt, dass sie ihren Platz in
um Sachverhalte handelt, bei denen verschie- unserer Gesellschaft haben und dass sie ihre
denste soziale, ökonomische und psychologi- Zukunft aktiv mitgestalten können.
sche Faktoren zusammenkommen. Dies trifft
auch für den Bereich der Prävention von Ge- Bezogen auf die Integration ausländi-
walt und Straffälligkeit bei Ausländern zu. scher Jugendlicher zeigt es sich immer
wieder, dass es für junge Menschen, die die
Vielfältige Ursachen – mehrdimen- Erfahrung machen, dass man sie als Bürge-
sionaler Ansatz rinnen und Bürger zweiter Klasse behandelt –
Die Literatur über das Phänomen Gewalt etwa indem man sie lediglich als Ausländer-
ist äusserst umfangreich. Forscherinnen und innen und Ausländer wahrnimmt, indem
Forscher, die dazu Untersuchungen durchfüh- man sie als fremd abstempelt oder als Pro-
ren, sind sich auch bei unterschiedlichen theo- blemgruppe bezeichnet –, oft sehr schwierig
retischen Ansätzen einig, dass eine Vielzahl ist, ein Zugehörigkeitsgefühl zur Schweiz zu
von Faktoren dazu führt, dass Gewalt ent- entwickeln. Wie können sie sich integrieren,
steht. Als eine der wichtigen Erkenntnisse ist wenn sie beim Zugang zu Bildung, Arbeit
hervorzuheben, dass die Ausübung und die und Wohnung immer wieder diskriminiert
Erleidung von Gewalt in allen Gesellschaften werden?
vorkommt. Gewalt gibt es seit Menschenge-
denken; deren Ausprägungen, Charakter und Die EKA hat wiederholt darauf hin-
Deutung sind jedoch je nach gesellschaft- gewiesen, dass die Eröffnung von Perspek-
lichen Rahmenbedingungen unterschiedlich. tiven und die Ermöglichung von Partizipation
Unterschiedlich ist auch, was als legitime Ge- Grundbedingungen sind, damit Integrations-
walt (der Mächtigen) akzeptiert und welches prozesse erfolgreich verlaufen können. In
Verhalten unter illegitime Gewalt (und damit ihren Empfehlungen – etwa zu «Integration
zu verurteilende und zu bestrafende Tat) zu und Arbeit» oder zu «Integration und Habi-
zählen ist. Folglich ist die Art und Weise, wie tat» – hat sie aufgezeigt, dass der diskrimi-
in einer Gesellschaft mit Gewalt umgegangen nierungsfreie Zugang zu gesellschaftlichen
wird, keineswegs einheitlich, und über die Ressourcen Voraussetzung für ein einvernehm-
Frage, was überhaupt als Gewalt bezeichnet liches Zusammenleben und soziale Bindekraft
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vorwort
Prävention von Jugendgewalt
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ist. Dazu gehört auch, sich angstfrei in der Öf- der allgemeinen Förderung von Lebensqua-
fentlichkeit bewegen zu können und Freiräu- lität in Verbindung zu bringen. Ein solcher
me zur Verfügung zu haben. Public-Health-Ansatz ermöglicht es, Gewalt-
prävention nicht als isolierte Aktivität zu
Eine weitere zu verfolgende Dimension betreiben, sondern in die Förderung von Inte-
wäre die Etablierung einer Kultur der Wert- gration generell einzubeziehen.
schätzung. Damit ist nicht nur gemeint, dass
Zugewanderte als Menschen respektiert wer- Um Missverständnissen vorzubeugen:
den. Vielmehr sollen Leistungen von Migran- Die EKA ist nicht der Ansicht, dass gesellschaft-
tinnen und Migranten und Beispiele gelunge- liche Defizite allein über Gesundheitsförde-
ner Integration öffentlich gewürdigt werden. rung, die sich auf das Individuum ausrichten,
So ist etwa bekannt, dass dies nicht nur einen beseitigt werden können. Soziale Ungleich-
positiven Einfluss auf die Haltung der Einhei- heiten und damit verbundene unerwünschte
mischen hat, sondern dass die Darstellung von Begleiterscheinungen wie etwa die Ausübung
Erfolgsbiografien Zugewanderter auf junge von Gewalt sollen nicht «pathologisiert» und
Migrantinnen und Migranten motivierend damit dem vermeintlichen Unvermögen der
und ermutigend wirkt, sich für das eigene betroffenen Menschen zugeschrieben werden.
Fortkommen nach Kräften einzusetzen. Wert- Die in dieser Studie vorgestellten möglichen
schätzung beinhaltet aber auch, dass das be- Massnahmen, von denen man weiss, dass sie
sondere Engagement von Kantonen, Gemein- erfolgreich waren, sollen vielmehr dazu beitra-
den und Privaten zugunsten Zugewanderter gen, den Blick dafür zu öffnen, dass eine früh
anerkannt wird. einsetzende, langfristig angelegte, verschiede-
ne Altersstufen und mehrere Lebensbereiche
Neben diesen vor allem auf gesellschaft- umfassende Präventionspolitik gefragt ist.
liche Rahmenbedingungen und die öffentli-
che Meinung zielenden Massnahmen gibt es Die Erkenntnisse der Studie legen nahe,
eine Reihe von Ansätzen, die sich mehr auf dass die Konzentration auf Projekte mit
das einzelne Individuum und seine lebensge- der spezifischen Zielgruppe «ausländische Ju-
schichtliche Entwicklung konzentrieren. gendliche» verkürzt ist. Die Autoren zeigen,
dass die Prävention von Gewalt bei Jugend-
Die Studie «Prävention von Jugend- lichen mit einem Migrationshintergrund keine
gewalt» grundsätzlich anderen Massnahmen erfordert
Die Studie, die vom Kriminologen als bei Schweizer Jugendlichen. Die erfolgrei-
Manuel Eisner unter Mitarbeit von Denis che Umsetzung von Projekten, die sich nicht
Ribeaud und Stéphanie Bittel verfasst wurde, ausschliesslich auf diese Altergruppe konzen-
orientiert sich – ohne die diversen gesamtge- trieren sollte, erfordert allerdings vertiefte
sellschaftlichen Risikofaktoren ausblenden zu Überlegungen, wie sozio-ökonomische, aber
wollen – an einem Ansatz, der das Individuum auch sprachlich und bezüglich unterschied-
stärker ins Zentrum stellt. Vor dem Hinter- licher Wertsysteme bedingte Schranken über-
grund, besondere Projekte, die der Prävention wunden werden können.
von Jugendgewalt dienen sollten, zu etablie-
ren, ist das Autorenteam im Auftrag der EKA Die zentralen Aussagen des Berichts,
und des Bundesamts für Migration der Frage dass eine erfolgreiche Prävention möglichst
nachgegangen, welche Projekte als wirkungs- früh einsetzen, den verschiedenen Lebensbe-
voll zu betrachten sind und in welchen Berei- reichen Rechnung tragen und familiäre, schu-
chen anzusetzen ist, um mit den zur Verfü- lische und nachbarschaftliche Umfelder be-
gung stehenden, eher beschränkten Mitteln, rücksichtigen soll, bestätigen denn auch das
ein sinnvolles Vorgehen wählen zu können. Verständnis von Integration als einem Prozess,
der sowohl den einzelnen Menschen betrifft
So gesehen handelt es sich bei der als auch eine Aufgabe für die gesamte Gesell-
vorliegenden Darstellung weder darum, die schaft ist. Integration heisst Partizipation. Für
verschiedenen existierenden Theorien zum alle. Und in allen Bereichen. Gewaltprävention
Phänomen der Gewalt bei Jugendlichen mit- soll deshalb nicht Symptombekämpfung sein.
einander zu vergleichen, noch die gesamte Sie soll Integrationsprozesse so unterstützen,
Palette möglicher Interventionen aufzulisten. dass sie einem einvernehmlichen Zusammen-
Die vorgeschlagenen Massnahmen einer evi- leben aller Bevölkerungsgruppen dient.
denzbasierten Gewaltprävention schreiben
sich in eine Präventionspolitik ein, die ver- Simone Prodolliet
sucht, erprobte und nachweislich wirksame Eidgenössische Ausländerkommission
Projekte und Programme mit einem Ansatz
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einleitung
Prävention von Jugendgewalt
8

Einleitung
Die seit Jahren anhaltende Beunruhi- Auftreten von unerwünschten Verhaltenswei-
gung über Jugendgewalt hat dazu geführt, sen zu verhindern, welche ohne diese Mass-
dass heute in der Schweiz ein breit gefächer- nahme mit einiger Wahrscheinlichkeit einge-
tes institutionelles Angebot an Fachstellen treten wären.
und Massnahmen zur Prävention und Inter-
vention im Gewaltbereich besteht. Hinzu Allerdings stellt sich die Frage, ob eine
kommen mannigfache Projekte und Program- bestimmte Präventionsmassnahme tatsächlich
me, welche von spezialisierten Anbietern die angestrebte Wirkung erzielt. Ist sie nicht
durchgeführt werden. Allerdings ist auch vielmehr wirkungslos? Oder hat sie gar nega-
deutlich, dass nach wie vor erhebliche Defizite tive Auswirkungen? Überraschenderweise
bestehen. Sie lassen sich in vier Bereiche zu- wurde diese Frage bis vor kurzem weder in
sammenfassen: der Schweiz noch in anderen westeuropäi-
schen Ländern mit dem notwendigen Nach-
Das Wissen über die WIRKSAMKEIT DER druck gestellt. Daher gibt es in der Schweiz
BESTEHENDEN PRÄVENTIONSMASSNAH- zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein einziges
MEN ist äusserst lückenhaft. Programm zur Gewaltprävention, welches
sich auf wissenschaftlich abgestützte Befunde
Gewaltprävention ist nur ansatzweise in bezüglich der Wirksamkeit stützen könnte.
eine U M F A S S E N D E U N D L A N G F R I S T I G
ANGELEGTE GESUNDHEITSFÖRDERUNG Dieser Bericht ist der Auffassung verhaf-
integriert. tet, dass sich Gewaltprävention stärker als
bisher von Prinzipien der evidenzbasierten
Präventionsmassnahmen für VERSCHIE- Prävention leiten lassen sollte. E V I D E N Z -
D E N E A LT E R S S T U F E N , L E B E N S B E R E I C H E B A S I E R T E P R Ä V E N T I O N heisst, Programme
UND BEVÖLKERUNGSGRUPPEN sind mittels sorgfältig angelegter Forschung so zu
kaum aufeinander abgestimmt. prüfen, dass mit möglichst grosser Sicherheit
eine schädliche Wirkung ausgeschlossen und
WENIG INTEGRIERTE BEVÖLKERUNGS- eine positive Wirkung nachgewiesen werden
GRUPPEN werden nur teilweise erreicht. kann. Diese Leitidee hat in der Schweiz erst
vor wenigen Jahren Fuss gefasst und entspre-
Der vorliegende Bericht zeigt Ansätze, chende Forschungsprojekte werden erst in
mit denen diese Probleme angegangen wer- den nächsten Jahren Ergebnisse liefern. Aller-
den können. Ein besonderes Augenmerk dings liegen auf internationaler Ebene, vor
schenkt er der Frage, wie Bevölkerungsgrup- allem basierend auf amerikanischen Studien,
pen mit einem Migrationshintergrund besser bereits bemerkenswert viele Erkenntnisse vor.
für Anliegen der Prävention von Jugendge- Dieser Bericht stellt daher ausgewählte evi-
walt erreicht werden können und inwiefern denzbasierte Programme vor, um Anstösse für
hierfür besondere Überlegungen angestellt die Diskussion in der Schweiz zu geben.
werden müssen.
Gewaltprävention als Teil einer
Wirksamkeit von Präventions- umfassenden Gesundheitsförderung
massnahmen
Es ist seit Langem bekannt, dass Gewalt
In den vergangenen 20 Jahren ist Jugend- zu einem Komplex von jugendlichem Prob-
gewalt und ihre Prävention in der Schweiz ein lemverhalten gehört, der Suchtverhalten (z.B.
zentrales gesellschaftliches Problem geworden. Drogen- und Alkoholkonsum), schulische und
Parallel dazu sind die verschiedensten prä- berufliche Probleme, verschiedene Arten risi-
ventiven Ideen und Programme öffentlich koreichen Verhaltens (z.B. «Rasen» im Stras-
diskutiert und teilweise praktisch realisiert senverkehr, ungeschützter Sexualverkehr) so-
worden. Ihre Verbreitung wurde dadurch wie instabile Paarbeziehungen einschliesst.
erleichtert, dass Prävention ein Anliegen ist, Viele dieser Verhaltensprobleme haben ge-
dem sich kaum jemand verschliessen kann. Sie meinsame Ursachen und verlangen ähnliche
bezweckt, durch geeignete Massnahmen das präventive Massnahmen.
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einleitung
Prävention von Jugendgewalt
9

Wir glauben daher, dass Gewaltpräven- für Präventionsanliegen zu gewinnen. Eine


tion nicht als isolierte Aktivität betrieben wer- Folge ist der Matthäus-Effekt der Präven-
den sollte. Diesem Bericht liegt vielmehr eine tionspraxis: «Wer hat, dem wird gegeben.»
Public-Health-Perspektive zugrunde, wie sie
etwa kürzlich von der V I O L E N C E P R E V E N - Dieser Bericht zeigt, wo in Familie, Schu-
T I O N A L L I A N C E D E R W E LT G E S U N D H E I T S - le und Nachbarschaft besondere Schwierig-
O R G A N I S AT I O N formuliert wurde.1
WHO keiten bestehen und wie auf diese Hinder-
Sie betrachtet Gewaltprävention als Teil einer nisse reagiert werden könnte. Er geht davon
umfassenden Förderung der Lebenschancen aus, dass die Prävention von Gewalt durch
und Lebenskompetenzen von Kindern und Jugendliche mit einem Migrationshinter-
Jugendlichen. grund keine grundsätzlich anderen Massnah-
men erfordert, als die Prävention von Gewalt
Lebensphasen und Lebensbereiche durch Schweizer Jugendliche. Allerdings sind
umfassende Gewaltprävention wir der Ansicht, dass die Umsetzung von wirk-
samen und alle Risikogruppen erreichenden
Gewalt oder Gewaltbereitschaft kann Massnahmen besonderer Überlegungen be-
nicht an einer einzigen Ursache festgemacht darf, insbesondere wie sprachliche, kulturelle
werden. Vielmehr ist sie das Resultat des Zu- und sozio-ökonomische Schranken überwun-
sammenwirkens einer Vielzahl von äusseren den werden können.
und inneren Einflüssen. Sie können geordnet
werden, indem man sie als verschiedene Wir-
kungsebenen versteht, welche in jeder Phase
des Lebenslaufs auf die weitere Entwicklung
des Individuums einwirken. Wichtige Wir-
kungsebenen sind das Individuum selbst (z.B.
Persönlichkeit), die Familie (z.B. Erziehung),
die Schule (z.B. Lernerfahrungen) und die
Nachbarschaft (z.B. Zusammenhalt).

Die Wahrscheinlichkeit von Jugendge-


walt steigt in dem Masse, in dem belastende
Einflüsse in verschiedenen Lebensphasen und
auf mehreren Ebenen zum Tragen kommen.
Der vorliegende Bericht geht daher von einer
Perspektive aus, welche Ansätze zur Präven-
tion auf allen Altersstufen und auf verschie-
denen Wirkungsebenen gleichermassen ins
Auge fasst.

Erreichen von wenig integrierten


Bevölkerungsgruppen

In allen modernen Gesellschaften sind


Täter wie Opfer von Gewalt überdurch-
schnittlich häufig Angehörige von wirtschaft-
lich unterprivilegierten und gesellschaftlich
wenig integrierten Gruppen. In der Schweiz
sind dies nicht ausschliesslich, aber zu einem
wesentlichen Teil Migranten und Migrantin-
nen aus nicht-westlichen Staaten.

Die Botschaften von Präventionspro-


grammen allerdings erreichen am ehesten die
sozial integrierten Mittelschichten. Sozial we-
nig integrierte, bildungsferne, durch äussere
oder innere Probleme belastete Personen und
Gruppen hingegen sind sehr viel schwieriger

1
World Health Organisation Violence Prevention Alliance: Building Global Commitment for Violence Prevention, Geneva.
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gewalt von jugendlichen in der schweiz


Prävention von Jugendgewalt
10

1
Gewalt von Jugendlichen
in der Schweiz
Eine realistische Einschätzung der Prob- Die Zahl der Gewaltdelikte von Jugend-
lemlage ist eine wichtige Voraussetzung für lichen, die in der Polizeilichen Kriminalstatis-
wirksame Prävention. Um hierfür eine Grund- tik erfasst werden, hat seit etwa 1990 stark
lage zu schaffen, schildern wir im Folgenden zugenommen. Abbildung 1 zeigt die Entwick-
ausgewählte Indikatoren zu Entwicklung von lung für drei Tatbestände der PKS, nämlich
Jugendgewalt sowie zur Belastung von Bevöl- KÖRP E R V E R L E T Z U N G , R A U B , sowie D R O -
kerungsgruppen mit Migrationshintergrund. H U N G , N Ö T I G U N G U N D E R P R E S S U N G zu-
Mit J U G E N D G E W A LT meinen wir die Aus- sammengefasst. Bei den gezeigten Werten
übung oder Androhung von körperlicher Gewalt handelt es sich jeweils um die Kriminalitäts-
durch Personen im Alter von 12 bis 18 Jahren. raten pro 100 000 Personen der altersgleichen
Allerdings findet man in amtlichen Statistiken Bevölkerung (d.h. 7 bis 17 Jahre von 1982 bis
auch etwas andere Altersabgrenzungen, denen 1995 und 7 bis 15 Jahre von 1996 bis 2004).
wir bei der Auswertung folgen müssen.
Die Daten lassen während der vergan- Zunahme der
Entwicklung genen 20 Jahre einen markanten Anstieg erfassten
erkennen. Bei Raub und Körperverletzung Gewaltdelikte
Verfügbare Zur Beurteilung der Entwicklung von werden Jugendliche heute mehr als dreimal
Daten Jugendgewalt über die vergangenen 20 Jahre häufiger als Tatverdächtige registriert als in
steht im Wesentlichen die P O L I Z E I L I C H E der Mitte der 1980er Jahre, bei Drohung und
K R I M I N A L S T A T I S T I K D E R S C H W E I Z zur Nötigung zeigen die Zahlen eine Veracht-
Verfügung. D I E S C H W E I Z E R I S C H E S T A T I S - fachung. Die Zunahme der ermittelten jugend-
T I K D E R J U G E N D S T R A F U R T E I L E ist erst lichen Täter verläuft ungefähr parallel zu
seit 1999 verfügbar und daher zu jung, um zu- einer entsprechenden Zunahme bei den er-
verlässig Trends zu beurteilen. D I E S C H W E I - wachsenen Tätern.
Z E R I S C H E O P F E R B E F R A G U N G (Killias und
Lamon 2000) schliesst die gesamte Wohnbe- Im Bereich der Eigentumsdelikte weist
völkerung ein und erlaubt nur sehr einge- die PKS weder bei Jugendlichen noch bei
schränkt Aussagen über Jugendliche. Zeitrei- Erwachsenen eine Zunahme aus. Die Daten
hen von spezialisierten Jugendbefragungen zeigen im Gegenteil bei verschiedenen Delik-
über selbst berichtete Gewalt und Opferer- ten, besonders bei Fahrzeugdiebstahl und Ein-
fahrungen – mit identischem Studiendesign bruch, einen klaren Rückgang.
über mehrere Zeitpunkte durchgeführt – gibt
es hingegen bis heute nicht. Polizeiliche Daten verzerren die
tatsächliche Entwicklung
Die Polizeiliche Kriminalstatistik der
Schweiz (PKS) führt seit ihrem Bestehen (d.h. Würde der Anstieg der polizeilich er- Gründe für Vor-
seit 1982) bei allen Delikten neben der Ge- fassten jugendlichen Gewalttäter einer tat- sicht gegenüber
samtzahl der polizeilich ermittelten Täter sächlichen Zunahme entsprechen, dann wäre der Zunahme
auch die Zahl der ermittelten minderjährigen dies eine wahrhaft Besorgnis erregende in der Polizei-
Täter auf.2 Bis 1995 wurden hierunter Täter im Entwicklung. Es gibt jedoch etliche Gründe statistik
Alter von 7 bis unter 18 Jahren erfasst, seit dafür, dass die Zunahme der registrierten Ju-
1996 bezieht sich die Statistik auf Täter bis gendgewalt zu einem wesentlichen Teil die
unter 16 Jahren. Folge einer grösseren Anzeigetendenz in der
Bevölkerung sowie einer umfassenderen Re-
gistrierung durch die Polizei ist.

2
Genauer ist die polizeiliche Kriminalstatistik eine Statistik der «Tatverdächtigen». Die Daten werden in aller Regel dann erfasst, wenn gemäss polizeilichen Abklärungen ein Tatverdacht
erhärtet ist und der Fall an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet wird.
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gewalt von jugendlichen in der schweiz


Prävention von Jugendgewalt
11

1. Seit Anfang der 1990er Jahre kam es auch in Eltern deutlich gestiegen ist. Dies gilt insbe-
den Niederlanden und Schweden zu einer sondere, wenn ausländische Täter deutsche
explosionsartigen Zunahme von polizeilich Jugendliche angreifen (Wilmers, Enzmann,
registrierter Jugendgewalt. In beiden Ländern Schaeffer, Herbers, Grewe, und Wetzels 2002).
existieren allerdings Zeitreihen, welche auf
Befragungen von Jugendlichen basieren und 3. Eine massive tatsächliche Zunahme des Um-
damit von der Polizei unabhängig sind. Sie fangs von Jugendgewalt müsste sich auch in
beruhen entweder auf Angaben zu Opfer- einem Anstieg von Gewaltdelikten mit gravie-
erfahrungen oder über selbst berichtete Ge- renden Folgen für die Opfer niederschlagen.
waltausübung. Diese Befragungsdaten zeigen Gerade hier gibt es aber keinerlei Anzeichen
aber weder bei den Opferzahlen noch bei den für einen zunehmenden Trend. Abbildung 2
Angaben zu Tätern eine Zunahme. Studien, zeigt die Entwicklung von drei Formen von
welche Polizeistatistik und Befragungsdaten schwerster Gewaltausübung: vollendete Tö-
vergleichen, kommen übereinstimmend zum tungsdelikte, Raubüberfälle mit Schusswaffen
Schluss, dass die Angaben der Jugendlichen und Körperverletzungen mit Hieb- und Stich-
selbst eine bessere Quelle zur Beurteilung der waffen. Gemäss der Schweizerischen Kriminal-
realen Entwicklung sind (Estrada 1997). statistik haben alle drei Formen von massiver
Gewalt die höchste Häufigkeit um 1991 erreicht.
2. Zwischen 1998 und 2005 hat in Deutschland Seither ist ihre Häufigkeit um etwa einen Drittel
das Kriminologische Forschungsinstitut Nie- zurückgegangen. Polizeistatistiken gelten bei
dersachsen (KFN) mehrere Befragungen zu schwerer Gewalt als zuverlässige Gradmesser
Jugendgewalt in Städten durchgeführt. Die und wir halten es für unwahrscheinlich, dass
Daten zeigen während dieses Zeitraumes in Jugendgewalt ausschliesslich bei wenig gravie-
allen deutschen Städten sowohl gemäss Anga- renden Formen zugenommen hat.
ben der Opfer wie bei den Tätern einen aus-
geprägten Rückgang von Gewalt. Gleichzeitig Insgesamt gehen wir aus diesen Grün-
ist die polizeilich registrierte Jugendgewalt den davon aus, dass Jugendgewalt in den letz-
gemäss deutscher PKS weiter gestiegen. Gemäss ten 10 bis 15 Jahren nicht massiv zugenom-
Analysen des KFN ist hierfür mindestens teil- men hat.
weise verantwortlich, dass seit Ende der 1990er
Jahre die Anzeigebereitschaft der Jugend-
lichen selbst, der Lehrpersonen, aber auch der

Abbildung 1: Polizeilich registrierte jugendliche Tatverdächtige bei Gewaltdelikten, 1982 bis 2005,
pro 100 000 der altersgleichen Bevölkerung

120
Körperverletzung

Raub
100
Drohung, Nötigung
Erpressung
80
pro 100 000

60

40

20

1980 1985 1990 1995 2000 2005

Quelle: Bundesamt für Polizei, Polizeiliche Kriminalstatistik.


präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 12

gewalt von jugendlichen in der schweiz


Prävention von Jugendgewalt
12

Gewalt nach Nationalität im Bild oder zum Geschlecht der ausländischen Tat-
amtlicher Kriminalstatistiken verdächtigen aufgeführt werden. Seit 1988
wird einzig zwischen Ausländern M I T und
Die PKS enthält nur unzureichende O H N E Wohnsitz in der Schweiz unterschieden,
Daten zur Nationalität und zum Aufenthalts- wobei nicht weiter spezifiziert ist, welches
status der Tatverdächtigen. Dazu gehört, dass Wohnsitzkriterium zugrunde gelegt wird.
keine Informationen zur Staatsangehörigkeit, Tabelle 1 zeigt für einzelne Delikte den Anteil
zum Aufenthaltsstatus (z.B. Niedergelassene, ausländischer Täter mit Wohnsitz in der Schweiz
Jahresaufenthalter, Asylsuchende), zum Alter am Total aller in der Schweiz wohnhaften Täter.

Abbildung 2: Schwere Gewaltdelikte in der Schweiz, 1982 bis 2004, pro 100 000 Einwohner

10

8
Raub mit Schusswaffe
7
Körperverletzung mit
6 Hieb- und Stichwaffe
pro 100 000

5 Vollendete Tötung

1980 1985 1990 1995 2000 2005

Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik der Schweiz.

Tabelle 1: Anteil ausländischer Tatverdächtiger mit Wohnsitz in der Schweiz an allen in der Schweiz wohnhaften
Tatverdächtigen, 1988, 1994 und 2004

%-Anteil ausländischer Tötungsdelikte Körper- Raub Drohung Vergewaltigung


Nationalität verletzung

1988 30% 38% 31% 36% 51%


1994 41% 48% 38% 48% 59%
2004 47% 53% 57% 50% 62%

Quelle: Bundesamt für Polizei, Polizeiliche Kriminalstatistik.


präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 13

gewalt von jugendlichen in der schweiz


Prävention von Jugendgewalt
13

Die Daten lassen einen erheblichen Herkunft und soziale Lage:


Anstieg des Anteils ausländischer Täter im Gewalt von Jugendlichen mit Migra-
Verlauf der vergangenen 15 Jahre erken- tionshintergrund
nen. Heute sind bei Gewaltdelikten zwischen
47 und 62 Prozent der Tatverdächtigen auslän- Die Klassifikation der amtlichen Statistik Die Klassifikation
discher Nationalität. Gleichwie, ob man als in S C H W E I Z E R und A U S L Ä N D E R folgt einem in «Ausländer»
Vergleichsgrösse die gesamte ausländische rein legalen Kriterium: dem Besitz des Schwei- und «Schweizer»
Gesamtbevölkerung (rund 22 Prozent der zer Passes. Diese Klassifikation suggeriert eine ist irreführend
Wohnbevölkerung) oder nur die männliche irreführende Dichotomie, gibt bekanntermas-
Bevölkerung im Alter von 15 bis 30 Jahren sen fremdenfeindlichen Strömungen Aufschub
(rund 28 Prozent der Wohnbevölkerung) und ist analytisch unbrauchbar. Um besser zu
wählt, ergibt sich hieraus eine deutlich verstehen, was sich hinter den amtlichen Daten
erhöhte Belastung. verbirgt, muss eine genauere Analyse geleis-
tet werden. Gerade den Zusammenhang zwi-
Ausländische Die Polizeiliche Kriminalstatistik der schen Migrationserfahrungen und sozialem
Jugendliche bei Schweiz lässt sich nicht nach der Nationalität Hintergrund muss man präziser betrachten.
den Strafurteilen der jugendlichen Tatverdächtigen aufschlüs- Wir tun dies anhand der Daten der Zürcher
wegen Gewalt seln. Hierfür muss man sich auf die schweize- Jugendbefragung (Eisner, Manzoni, Ribeaud
übervertreten rische Statistik der Jugendstrafurteile stützen 2000). Obwohl sie bereits aus dem Jahr 1999
(siehe Tabelle 2). Sie zeigt, dass im Durchschnitt stammt, eignet sie sich gut, um das zentrale
der Jahre 2001 bis 2003 rund 40 Prozent aller Problem zu umreissen.
Urteile mit Gewaltstraftaten gegen Jugend-
liche schweizerischer Nationalität ergingen. Tabelle 3 zeigt hierzu die Rate der
57 Prozent betrafen jedoch ausländische Ju- selbstberichteten Gewalt (d.h. Jugendliche,
gendliche mit Wohnsitz in der Schweiz. Wei- welche angeben, mindestens einmal im Leben
tere 3 Prozent ergingen gegen Jugendliche schon ein Gewaltdelikt verübt zu haben) für
ohne Wohnsitz in der Schweiz. Vergleicht man verschiedene Gruppen. Unser Unterteilungs-
diese Daten mit der Verteilung in der Wohn- kriterium ist nicht die Nationalität, sondern
bevölkerung der Schweiz, ergibt sich eine die Migrationserfahrung der Eltern. Wir
Überbelastung um das Drei- bis Vierfache. gruppieren die Jugendlichen also danach, ob
ihre Eltern aus dem Ausland in die Schweiz
eingewandert sind und aus welchem Land sie
gekommen sind. Gleichzeitig zeigen wir einige
ausgewählte Merkmale des sozio-ökonomi-
schen Hintergrunds der Migrantengruppe.

Tabelle 2: Nationalität abgeurteilter jugendlicher Gewalttäter, Durchschnitt 2001 bis 2003

Vorsätzliche Körperver- Raub Erpressung Drohung Freiheits-


Tötung letzungen und Nötigung beraubung

Schweizer 54% 38% 36% 34% 45% 38%


Ausländer mit Wohn- 39% 60% 62% 62% 53% 49%
sitz in der Schweiz

Straftaten gegen Landfriedens- Gewalt gegen Alle Urteile mit


die sex. Integrität bruch Behörden / Beamte Gewaltstraftaten

Schweizer 37% 67% 46% 41 %


Ausländer mit Wohn- 62% 33% 45% 57 %
sitz in der Schweiz

Quelle: Schweizerische Statistik der Jugendstrafurteile.


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gewalt von jugendlichen in der schweiz


Prävention von Jugendgewalt
14

Die Gewalt- Die Auswertungen zeigen, dass es be- Die Tabelle vermittelt ausserdem einen
belastung hängt züglich der Gewaltausübung K E I N E G E N E - Eindruck davon, wie stark sich die Lebenser-
mit der sozialen R E L L E Übervertretung von Jugendlichen mit fahrungen und familiären Hintergründe die-
Lage und den Migrationshintergrund gibt. Jugendliche, ser Gruppen unterscheiden. Beispielsweise
Lebenserfahrun- deren Eltern aus westlichen Industriestaaten haben 40 Prozent der türkischen Jugendlichen
gen von immi- in die Schweiz gekommen sind (vor allem aus kein eigenes Zimmer, während dies bei 6 Pro-
grierten Grup- Deutschland, Österreich, USA – meistens mit zent der Schweizer Jugendlichen der Fall ist.
pen zusammen hoher Bildung und hohen beruflichen Quali- 60 Prozent der türkischen Väter hatten keine
fikationen) haben eine T I E F E R E Belastung Berufsausbildung und 25 Prozent der Mütter
als schweizerische Jugendliche. Hingegen wei- haben keinen Schulabschluss, beides Phäno-
sen Jugendliche, deren Eltern oft mit wenig mene, die Schweizer Jugendliche praktisch
Bildung aus dem ehemaligen Jugoslawien, nicht aus eigener Familienerfahrung kennen.
aus Italien, der Türkei und anderen südeuro-
päischen Staaten (Spanien, Portugal, Grie- Insgesamt zeigt die Tabelle einen wichti-
chenland) in die Schweiz gekommen sind, eine gen Sachverhalt: Unterschiede in der Gewalt-
E R H Ö H T E Belastung auf. wahrscheinlichkeit zwischen Gruppen von
Immigrierten sind im Wesentlichen eine Funk-
tion der sozialen Lage der immigrierten Be-
völkerungsgruppe.

Tabelle 3: Selbstberichtete Gewalt nach Nationalität, 15-jährige Jugendliche im Kanton Zürich, 1999

Im letzten Jahr Kein eigenes Keine Berufsaus- Kein Schulabschluss


Gewalt ausgeübt Zimmer bildung des Vaters der Mutter

Schweiz 12% 6% 2% < 1%


Westliche 8% 5% 2% < 1%
Industriestaaten
Ehem. Jugoslawien 18% 43% 28% 12%
Andere Südeuropa 22% 28% 40% 12%
Italien 24% 18% 34% 11%
Türkei 25% 40% 60% 25%

Quelle: Zürcher Jugendbefragung, Eisner, Manzoni, Ribeaud (2000).


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gewalt von jugendlichen in der schweiz


Prävention von Jugendgewalt
15

Vier Kernaussagen

Über die vergangenen 20 Jahre ist es in der Schweiz nicht zu einer


Zunahme schwerer Gewalt gekommen. Seit Anfang der 1990er Jahre
ist im Gegenteil ein rückläufiger Trend festzustellen. Die starke
Zunahme von angezeigter Jugendgewalt ist vermutlich im Wesent-
lichen auf eine erhöhte Sensibilisierung der Gesellschaft, eine
steigende Anzeigebereitschaft und eine vermehrte Registrierung
zurückzuführen.

«Ausländische» Jugendliche sind in der polizeilichen Kriminalstatistik


und der Strafurteilsstatistik deutlich übervertreten. Diese Über-
belastung zeigt sich auch in Daten zu selbstberichteter Gewalt und
in Opferbefragungen – sie ist kein Artefakt der Statistik. Wirksame
Prävention kann nur betrieben werden, wenn diese Gruppen er-
reicht werden.

Sozial privilegierte Jugendliche mit Migrationshintergrund haben


gegenüber Schweizer Jugendlichen eine tiefere Gewaltwahr-
scheinlichkeit. Eine höhere Belastung ist bei jenen Gruppen von
Jugendlichen festzustellen, deren immigrierte Eltern geringe
Bildung und tiefe berufliche Positionen haben.

Viele Präventionsmassnahmen erfordern die aktive Beteiligung der


Familien. Aus diesem Grund müssen Bemühungen vermehrt darauf
ausgerichtet werden, auch fremdsprachige und bildungsferne
Familien mit Migrationshintergrund für Präventionsmassnahmen
zu erreichen.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 16

lebenslauf und gewalt


Prävention von Jugendgewalt
16

2
Lebenslauf und Gewalt
Wenn in Medien oder Politik von Gewalt Wir zeigen in diesem Kapitel, weshalb
die Rede ist, richtet sich der Blick fast immer eine L E B E N S L A U F P E R S P E K T I V E eine wesen-
zuerst auf «die Jugend». Das hat insofern seine tliche Grundlage für nachhaltige Gewaltprä-
Berechtigung, als viele strafrechtlich verfolgte vention ist, welche Faktoren in verschiedenen
und für die Opfer besonders folgenschwere Lebensphasen auf die Gewaltwahrscheinlich-
Formen der Gewaltausübung (Raub, Verge- keit einwirken, und in welchen Bereichen
waltigung, Körperverletzung, Mord) im Ver- Jugendliche mit Migrationshintergrund durch
lauf der Adoleszenz mit zunehmender Häu- Risikofaktoren erhöht belastet sind.
figkeit begangen werden und eine Spitze im
Alter von etwa 17 bis 24 Jahren erreichen. Abnahme von körperlicher
Aggression als normale Entwicklung
Allerdings verstellt eine solche Einen-
gung den Blick auf Realitäten, die für eine Die Lebenslaufforschung kann inzwischen
wirksame Prävention entscheidend sind. Dazu die Entwicklung von körperlicher Aggression
gehört, dass Gewalt und Aggression Verhal- vom Säuglingsalter bis ins Erwachsenenalter
tensweisen sind, die sich in jeder Altersphase gut nachzeichnen. Sie zeigt, dass sich Gewalt
beobachten lassen und dass Jugendgewalt in verschiedenen Altersphasen unterschiedlich
nur ein Ausschnitt aus einer biographischen manifestiert und dass ihre Manifestationsfor-
Entwicklung ist (vgl. z.B. Loeber und LeBlanc men mit alterstypischen Aktionsfeldern und
1990; Tremblay, Nagin, Séguin, Zoccolillo, Veränderungen in den Entwicklungsaufgaben
Zelazo, Boivin, Pérusse, und Japel 2004). Dem in Zusammenhang stehen (vgl. z.B. Loeber und
entspricht, dass viele Faktoren, welche auf Hay 1997) (Tabelle 4).
Jugendgewalt einwirken, ihre Wurzeln im
Kindheitsalter und teilweise sogar noch früher
in der Entwicklung eines Menschen haben.

Tabelle 4: Manifestationsformen von Gewalt und Aggression im Lebenslauf

Alter Wichtige Verhaltensfelder Manifestationsformen


(Jahre) von Aggression und Gewalt

0 bis 2 Mutter, Vater, Geschwister Wutausbrüche; Aggressionen

2 bis 4 Eltern, Geschwister, Krippe, Spielplatz Wutausbrüche, Zerstörungen von Sachen;


Schlagen und Beissen

5 bis 11 Eltern, Kindergarten, Primarschule, Plagen; Streiten; Sachen zerstören; Tiere


Spielplatz, Hort, Gleichaltrige quälen

12 bis 16 Schule, Freundesgruppen, Freizeit Drohungen; Erpressen; Schlägereien;


ohne Erwachsene, erste Intimpartner Gewalt in Gruppen

17 bis 25 Freundesgruppen, Schule, Freizeit, Gewalt in Gruppen; Raub; Körperverletzungen;


Intimpartner sexuelle Gewalt

25+ Familie, eigene Kinder, Arbeits- Körperverletzung; Gewalt im Umfeld von


platz, Freizeitaktivitäten Alkohol; familiäre Gewalt
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lebenslauf und gewalt


Prävention von Jugendgewalt
17

Körperliche Forschungen über die Verbreitung von ben Individuen betreffen, mit anderen Worten:
Aggression körperlicher Aggression in unterschiedlichen inwiefern Aggressivität ein stabiles Merkmal
wird mit Altersphasen zeigen, dass physische Aggres- in der Entwicklung eines Menschen ist.
zunehmendem sion in der frühen Kindheit bis zu einem
Alter seltener gewissen Ausmass ein normales Konfliktver- Die Ergebnisse zeigen, dass Unterschiede
halten ist und bei der Mehrheit von Kindern zwischen Individuen im Lebenslauf R E L A T I V
beobachtet werden kann. Etwa ab dem 3. Al- S T A B I L sind – Personen mit einer hohen
tersjahr und während der gesamten Primar- Gewaltbereitschaft in einer früheren Lebens-
schulzeit werden Wutausbrüche und das phase sind mit höherer Wahrscheinlichkeit
Austragen von Konflikten mit körperlicher auch später gewalttätig (Tolan und Gorman-
Aggression bei den meisten Kindern immer Smith 1998). Durch neutrale Beobachter als
seltener (Tremblay et al. 2004). aggressiv eingeschätzte Kleinkinder sind bei-
spielsweise auch in der Primarschule über-
Der Trend hin zu weniger Gewalt setzt durchschnittlich häufig in Prügeleien verwickelt;
sich im Jugendalter fort. In einer niederländi- Aggression im Alter von 6 bis 11 Jahren ist ein
schen Studie beispielsweise sank die soge- Prädiktor für Gewalt und schwere Delinquenz
nannte Prävalenz – der Anteil der Gewalt aus- im Alter von 15 bis 25 Jahren; und Gewalt im
übenden Personen – von Gewalt gegen Jugendalter ist ein Prädiktor für die Wahr-
Personen von 26% im Alter von 14 bis 15 Jah- scheinlichkeit, im Erwachsenenalter Gewalt
ren auf 20% bei 16-Jährigen und 17% bei auszuüben. Über Zeiträume von 2 bis 4 Jahren
20-Jährigen (Terlouw und Bruinsma 1994). können hohe Korrelationen von rund 0.60 bis
0.70 beobachtet werden, über längere Zeit-
Dieselbe Entwicklung zeigt auch eine von räume sinken die Zusammenhänge (Moffitt,
uns durchgeführte Befragung von 400 Lehr- Caspi, Rutter, und Silva 2001; Olweus 1979).
personen in der Stadt Zürich im Jahr 2002
(Eisner, Manzoni, Ribeaud, und Schmid 2003). Das heisst auch, dass über verschiedene
Hier wurden die Lehrpersonen gefragt, wie Altersstufen hinweg ein erhebliches Ausmass
häufig sie in ihrer Klasse aggressives Verhalten an Veränderung stattfindet. Gewalt und Ag-
beobachten. Die Auswertungen ergeben, dass gression sind kein biographisch vorgeprägtes
die meisten Formen von verbaler und körper- Schicksal, sondern werden durch den Fluss von
licher Aggression im Kindergarten am häufig- Ereignissen in allen Lebensphasen beeinflusst.
sten sind. Im Verlauf der Primarschule und der Lebenslauforientierte Prävention kann dazu
Oberstufe werden sie von Lehrpersonen immer beitragen, dass in verschiedenen Lebenspha-
seltener beobachtet. sen aggressive Potentiale abgebaut werden
und dass die Entwicklung eines Individuums
Hieraus ergibt sich die wichtige Folge- positiv beeinflusst wird.
rung, dass Gewaltprävention im Lebenslauf
eigentlich nicht etwas verhindert, was vorher Gewalt und andere Formen von
nicht vorhanden war. Vielmehr stützt und Problemverhalten im Lebenslauf
fördert sie eine normale Entwicklung, in
deren Verlauf Kinder zunehmend S O Z I A L E Körperlich aggressives Verhalten ist in Gewalt und
K O M P E T E N Z E N erwerben, welche es ihnen allen Lebensphasen mit einer Reihe von an- andere Verhal-
ermöglichen, aggressive Impulse unter Kon- deren Verhaltensproblemen korreliert (sog. tensprobleme
trolle zu halten und welche in täglichen Inter- Komorbidität) (Tabelle 5). hängen
aktionen als Alternativen zum Einsatz von Ge- zusammen
walt dienen (Loeber und Hay 1997). Gewalttätige Jugendliche üben beispiels-
weise häufig Eigentumsdelikte wie Laden-
Kontinuität von Gewalt im diebstahl oder Einbruch aus, haben oft einen
Lebenslauf übermässigen Alkohol- oder Drogenkonsum
und schwänzen häufig die Schule. In der
Wie stabil sind Gleichwie, ob man Säuglinge, Kleinkinder, Zürcher Jugendbefragung zeigte sich etwa,
aggressive Jugendliche oder Erwachsene betrachtet: In dass unter denjenigen Jugendlichen, welche
Tendenzen im jedem Altersabschnitt bestehen zwischen mindestens einmal im vorangehenden Jahr
Lebenslauf? Individuen ausgeprägte Unterschiede in physische Gewalt ausgeübt hatten, 72% auch
aggressiven Verhaltenstendenzen, wobei ein ein Eigentumsdelikt verübt hatten, 67% auch
kleiner Prozentsatz jeweils durch besonders illegale Drogen konsumierten und 53% auch
hohe Aggressionsneigung auffällt. Die Längs- mindestens einmal pro Monat Alkohol konsu-
schnittforschung ist der Frage nachgegangen, mierten (vgl. Eisner, Manzoni, und Ribeaud
in welchem Ausmass diese Unterschiede über 2000). Diese Werte sind klar höher als in
verschiedene Lebensphasen hinweg die sel- der nicht-gewalttätigen Referenzgruppe. Die
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lebenslauf und gewalt


Prävention von Jugendgewalt
18

Überlappung mit anderen Formen von Prob- Die Alterskurve von strafrechtlich
lemverhalten verstärkt sich noch, wenn man verfolgter Gewalt
den Vergleich auf jene Jugendlichen ein-
schränkt, welche mehrfach Gewalt ausgeübt Strafrechtlich verfolgte Gewalt (d.h. Tö-
haben. Ähnliche Zusammenhänge sind aus tungsdelikte, Körperverletzung, Raub, Ver-
vielen empirischen Studien belegt (vgl. die gewaltigung) hat in allen westlichen Gesell-
Übersicht in Huizinga und Jakob-Chien 1998). schaften einen typischen Verlauf über die
Altersentwicklung hinweg (Abbildung 3). Wir
Der Befund, dass Gewalt und Aggression illustrieren diese sogenannte A LT E R S K U R V E
in allen Lebensphasen Teil eines Syndroms anhand von Daten des Kantons Zürich. Sie
von Verhaltensproblemen sind, hat wichtige zeigen die Rate der polizeilich registrierten
Implikationen für die Prävention. Er bedeutet, Täter, bezogen auf die jeweilige Wohnbevöl-
dass wirksame Gewaltprävention in der Regel kerung im Durchschnitt der Jahre 1999 bis
auch positive Auswirkungen auf andere 2004. Man sieht, dass die Täterraten ab etwa
Lebensbereiche hat, dass Gewaltprävention dem 12. Altersjahr steil ansteigen und im
mithin Teil einer breiteren Förderung von Alter von etwa 20 Jahren die maximale Häu-
Lebenschancen ist. figkeit erreichen.

Tabelle 5: In verschiedenen Lebensphasen mit Aggression assoziierte Verhaltensprobleme

Alter Mit Aggression und Gewalt korrelierte


Verhaltensprobleme

Säugling / Kleinkind Schwieriger Charakter, Trotz, Wutausbrüche

Primarschulalter Emotionale Probleme, Aufmerksamkeitsschwäche, Impulsivität, Diebstahl

Jugendalter Delinquenz, Alkohol, Drogenmissbrauch, Promiskuität, erhöhtes Unfall-


risiko, Schwänzen

Erwachsenenalter Delinquenz, Alkohol-, Drogenmissbrauch, Arbeitslosigkeit, instabile


Beziehungen, psychische Probleme

Abbildung 3: Alterskurve für Gewaltdelikte, pro 100 000 der Bevölkerung,


Delikte gegen Leib und Leben, Raub, Vergewaltigung

800
Leib und Leben
700
Vergewaltigung (x 20)
600
Raub (x 2)
pro 100 000

500

400 Anmerkung: Die Werte sind mit Faktor 20


bzw. 2 multipliziert worden, um eine bessere
300 Darstellung zu ermöglichen.

200

100

10 20 30 40 50 60 70 80

Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik des Kantons Zürich, 1999–2004.


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lebenslauf und gewalt


Prävention von Jugendgewalt
19

In der Jugend- Wie bereits diskutiert, ist dieser Anstieg Etwa ab dem 20. Altersjahr sinkt die Die meisten
phase verändert in der Jugendphase nicht so sehr eine Zunah- Häufigkeit von Gewaltdelikten wieder all- Gewaltdelikte
sich der Charak- me der Anzahl von Individuen, die Gewalt mählich ab. Dies darf allerdings nicht darüber werden von
ter von Gewalt ausüben. Vielmehr signalisiert er eine Verän- hinwegtäuschen, dass die weit überwiegende Erwachsenen
derung der Qualität von Gewalt und eine zu- Zahl von Delikten durch Erwachsene began- verübt
nehmende staatliche Sanktion in dem Masse, gen wird. Beispielsweise sind Erwachsene für
in dem das Individuum für seine Taten verant- rund 80 Prozent aller Delikte gegen Leib und
wortlich gemacht wird. Leben sowie rund 85 Prozent aller Vergewal-
tigungen verantwortlich.
So steigt in diesen Lebensjahren das Risi-
ko – teilweise infolge der zunehmenden kör- Die kriminologische Lebenslauffor-
perlichen Kraft, teilweise infolge Zugang zu schung hat mehrfach Zusammenhänge zwi-
Waffen –, dass Gewalt auch massive Formen schen strafrechtlich relevanter Gewalt im
annimmt. Ausserdem verlagern sich Gewalt- Jugendalter und aggressivem Verhalten in der
ereignisse von der Schule, dem Schulweg und Kindheit untersucht. Die Ergebnisse zeigen,
dem Umfeld des Zuhause in anonyme Räume dass die Intensität von Gewalt im Jugendalter
(z.B. Jugendhaus, Stadtzentrum), wo eine An- grösser ist, wenn während der Kindheit in
zeige bei der Polizei wahrscheinlicher wird. erheblichem Umfang altersinadäquates ag-
Des weitern wird in diesem Alter Gewalt zu gressives Verhalten festgestellt wurde (vgl.
einem Gruppenphänomen, so dass Schläge- z.B. Loeber und Hay 1997).
reien zwischen verfeindeten Gruppen oder
Raubüberfälle alterstypische Erscheinungsfor- Ursachen und Risikofaktoren
men von Gewalt sind. Und schliesslich steigt
nun das Gefälle zwischen den Geschlechtern Abbildung 4 zeigt ein für die Präven-
an, so dass die weit meisten Gewaltakte von tionsforschung hilfreiches Modell, um das Zu-
männlichen Jugendlichen begangen werden. sammenspiel verschiedener Wirkungsebenen
Und obwohl sich in der Jugend wie in der bei der Entstehung von Gewalt zu veran-
Kindheit die meiste Gewalt unter Angehöri- schaulichen. Es hebt drei Dimensionen hervor:
gen desselben Geschlechts abspielt, nimmt der
Anteil von Gewalt zwischen Geschlechtern – Erstens wird sichtbar gemacht, dass ein Situation und
vor allem sexuelle Gewalt von Knaben gegen konkretes Gewaltereignis das Ergebnis des Disposition
Mädchen – zu. Zusammenspiels von Individuum und Situa-

Abbildung 4: Mehrebenenmodell für Gewalt im Lebenslauf


Le

Familie
be
ns
al

Schule
te
r

Gleichaltrige, Lebenslauf

Familie Soziale Kontrolle


Schule Gelegenheiten
Gleichaltrige / Lebenslauf potentielle Opfer
Nachbarschaft / Gemeinde Streit / Provokation

Individuum Gewalt Situation


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lebenslauf und gewalt


Prävention von Jugendgewalt
20

tion ist. Das Individuum bringt Vorstellungen, Einflüsse, welche als wissenschaftlich relativ
Erwartungen, Absichten in eine Situation. Die gut abgesichert gelten können (für Übersich-
Situation (z.B. die Provokation durch ein Klas- ten vgl. Eisner und Ribeaud 2003; Farrington
senmitglied, die fehlende soziale Kontrolle in 1998; Hawkins, Herrenkohl, Farrington,
einer leeren Strasse nachts, die Rückweisung Brewer, Catalano, und Harachi 1998; Loeber
durch den Türsteher vor der Disco) bietet und Dishion 1983; Lösel und Bliesener 2003).
Gelegenheiten, um sich gewalttätig zu ver-
halten. Prävention kann auf beiden Ebenen – Ursachen und Risikofaktoren
der Situation und der individuellen Disposi- bei Jugendlichen mit Migrations-
tion – ansetzen. In diesem Bericht beschränken hintergrund
wir uns allerdings auf Massnahmen, welche
auf die Entstehung von aggressiven Disposi- Wir haben in Kapitel 1 gezeigt, dass Ju-
tionen im Lebenslauf einwirken möchten. gendliche aus benachteiligten sozialen Lagen
Eine Darstellung situativer Massnahmen würde und mit einem Migrationshintergrund sowohl
eine zusätzliche Analyse verlangen. gemäss polizeilicher Statistik wie auch gemäss
Befragungsdaten im Durchschnitt eher Ge-
Verschiedene Zweitens trägt das Modell der Vorstellung walt ausüben als schweizerische Jugendliche.
Wirkungsebenen Rechnung, dass in jeder Phase des Lebenslaufs Zwei Fragen sind hier in Zusammenhang mit
verschiedene Ebenen auf ein Individuum ein- Prävention zentral: Gelten in verschiedenen
wirken. Für die Präventionsforschung hat sich Kulturen dieselben Risikofaktoren für Ag-
hier die Unterscheidung zwischen Individuum gression, so dass man im Grundsatz die selben
(das auch auf sich selbst rückwirkt), Familie, Präventionsansätze zur Anwendung bringen
Schule, Gleichaltrigen / Freizeit sowie Nach- kann – oder benötigen wir für Angehörige
barschaft als nützlich erwiesen, weil jede die- verschiedener Kulturen jeweils andere Erklä-
ser Ebenen andere präventive Herangehens- rungsansätze und daher andere Programme?
weisen nahe legt. In verschiedenen Lebens- Welche Risikofaktoren sind dafür verantwort-
phasen sind jeweils andere Ebenen von grös- lich, dass einzelne Gruppen überdurchschnitt-
serer Bedeutung. In der ersten Lebensphase lich belastet sind – und können diese durch ent-
stehen die Bezugspersonen der Familie im sprechende Massnahmen beeinflusst werden?
Vordergrund. Ab dem 5. bis 6. Lebensjahr
kommt die Schule hinzu. Später sind ausser- In den letzten Jahren wurden mehrfach Risikofaktoren
schulische Kontakte mit Gleichaltrigen und kulturvergleichende Studien durchgeführt, in verschiedenen
ein erweiterter Aktionsraum von Bedeutung. welche die Determinanten von jugendlichen Kulturen
Verhaltensproblemen etwa in osteuropäi-
Allerdings sollte man sich die Ebenen schen, asiatischen oder afrikanischen Gesell-
nicht als voneinander getrennt vorstellen. schaften untersuchten. Deren Ergebnisse zei-
Beispielsweise können schon in den ersten gen, dass in verschiedenen Kulturen im
Lebensjahren Merkmale eines Quartiers (z.B. Wesentlichen ähnliche Mechanismen für die
mangelndes Vertrauen, fehlende Netzwerke) Entstehung von Gewalt verantwortlich sind
Auswirkungen auf das Zusammenleben in der (vgl. z.B. Jessor, Turbin, Costa, Dong, Zhang,
Familie haben, welche dann die Entwicklung und Wang 2003; Orpinas 1999; Vazsonyi,
des Kindes beeinflussen. Nützlich erweist sich Pickering, und Junger 2001).
hierbei die Unterscheidung zwischen P R O X I -
M A L E N U N D D I S TA L E N R I S I K O FA K T O R E N . Das bedeutet, dass Unterschiede zwi- Viele Risiko-
sind Ursa-
P R O X I M A L E R I S I K O FA K T O R E N schen Gruppen von Jugendlichen nicht auf faktoren wirken
chen und Mechanismen, die unmittelbar vom völlig A N D E R E Ursachen zurückzuführen sind, in verschiedenen
Kind oder Jugendlichen erfahren werden (z.B. sondern auf Unterschiede in der B E L A S T U N G Kulturen ähnlich
elterlicher Erziehungsstil). D I S T A L E R I S I K O - durch die selben Risikofaktoren (beziehungs-
F A K T O R E N hingegen sind weiter von der weise das Fehlen von Schutzfaktoren). Man
Lebenswirklichkeit der Person entfernt und braucht daher für Jugendliche mit Migra-
wirken mittelbar – über proximale Faktoren – tionshintergrund nicht grundsätzlich andere
auf den Lebenslauf ein (z.B. sozio-ökonomi- Prävention. Es braucht Prävention, welche
scher Status). zuerst diejenigen Risikofaktoren identifiziert,
bei denen eine besondere Belastung besteht
Ein Überblick Tabelle 6 stellt für jede Wirkungsebene und bei denen eine Beeinflussung durch Prä-
über Risiko- die zentralen Risikofaktoren zusammen, über vention möglich ist, und die dann wirksame
faktoren die gemäss aktuellem Forschungsstand weitge- Massnahmen ergreift.
hende Einigkeit besteht. Es handelt sich hier
nicht um eine vollständige Liste von relevanten
Einflüssen, sondern um eine Auflistung jener
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Prävention von Jugendgewalt
21

Tabelle 6: Wichtige Risikofaktoren für Gewalt und Aggression in verschiedenen Lebensphasen

Säugling bis Kleinkindalter

Individuum Ruhelosigkeit, Aufmerksamkeitsschwäche, Impulsivität


Mangelnde Frustrationstoleranz
Feindliche Wahrnehmungsmuster

Familie Substanzmissbrauch während Schwangerschaft


Geburtskomplikationen
Geringe elterliche emotionale Wärme
Misshandlung, Vernachlässigung
Überforderung, Depression der Mutter
Tiefe sozio-ökonomische Lage
Primarschulalter

Individuum Ruhelosigkeit, Aufmerksamkeitsschwäche, Impulsivität


Hohe Risikobereitschaft
Mangelnde Frustrationstoleranz
Geringe soziale Kompetenzen
Gewaltbefürwortende Einstellungen

Familie Geringe elterliche emotionale Wärme


Mangelnde elterliche Aufsicht
Inkonsistenter und ineffizienter Erziehungsstil
Desinteresse der Eltern an kindlichen Aktivitäten
Elterliche Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung
Streit zwischen den Elternteilen

Schule und Freizeit Schulische Probleme und geringe schulische Motivation


Unbeliebtheit bei Gleichaltrigen
Unklare Regeldurchsetzung im Schulhaus
Negatives Schulhausklima
Jugendalter

Individuum Geringe Selbstkontrolle, hohe Risikobereitschaft


Geringe soziale Kompetenzen
Gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen
Alkohol- und Suchtmittelkonsum, Delinquenz

Familie Inkonsistenter und ineffizienter Erziehungsstil


Elterliches Desinteresse

Schule Schulischer Misserfolg


Unklare Regeldurchsetzung im Schulhaus
Negatives Schulhausklima

Gleichaltrige und Lebensstil Gewaltbefürwortende Normen unter Freunden


Delinquenz / Gewalt in der Clique
Actionorientierter Lebensstil
Konsum von aggressionsfördernden Medieninhalten

Nachbarschaft und soziales Umfeld Soziale Benachteiligung


Geringer Zusammenhalt im Quartier
Hohe Mobilität (Weg- / Zuzüge)
Kriminalität / Drogenprobleme im Quartier
Geringes Engagement für geteilte Anliegen
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Tabelle 7: Mehrbelastung ausländischer Jugendlicher bei ausgewählten Risikofaktoren im Vergleich zu


schweizerischen Jugendlichen1

Risikofaktor Türkei Ehem. Westl.


Jugoslawien Mittelmeer 2

Soziale Lage der Familie


Sozialer Status der Eltern +++ +++ +++
Unterstützungsgelder +++ ++ 0
Vater arbeitslos +++ ++ 0

Persönlichkeit
Geringe soziale Kompetenzen* +++ + +
Gewalt befürwortende Normen* +++ ++ 0

Familiäres Umfeld
Streit zwischen Eltern + + 0
Wenig emot. Unterstützung durch Eltern +++ + 0
Elterliche Gewalt +++ + 0

Schule
Schulische Aspirationen 0 ++ 0
Geringe Unterstützung durch Eltern +++ +++ +
Schulischer Erfolg +++ +++ ++

Nachbarschaft und Freizeit


Soziale Belastung des Wohnquartiers +++ ++ +
Actionorientierte Freizeitgestaltung* ++ ++ +
Gewaltbefürwortende Normen unter +++ ++ +
Freunden*

Hinweise:
1
Anzahl Beobachtungen (m / f): Schweizer 1830 (854 / 970); Türkei 89 (42 / 47); Ehem. Jugoslawien 243 (119 /
123); Westlicher Mittelmeerraum 275 (136 / 139). Da die Studie auf Daten des Kantons Zürich basiert und
aus dem Jahr 1999 stammt, sind die Angaben nur als Näherungen zu verstehen.
2
Italien, Spanien, Portugal.
Mit * gekennzeichnete Risikofaktoren wurden nur für die männlichen Jugendlichen berechnet.
Die Auswertungen basieren auf Unterschieden der Mittelwerte der Migrationsgruppe gegenüber der
schweizerischen Vergleichsgruppe ausgedrückt in Standardabweichungen und entsprechen Cohen’s
Effektstärke d.
+++ Stark höhere Belastung durch Risikofaktor (d > .60)
++ Mittel höhere Belastung durch Risikofaktor (.40 < d < .60)
+ Wenig höhere Belastung durch Risikofaktor (.20 < d < .40)
0 Keine erhöhte Belastung durch Risikofaktor (d < .20)
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 23

lebenslauf und gewalt


Prävention von Jugendgewalt
23

Anhand der Zürcher Jugendbefragung N A C H B A R S C H A F T U N D F R E I Z E I T: Kinder


können wir untersuchen, bei welchen Risiko- und Jugendliche mit Migrationshintergrund
faktoren einige Gruppen von Jugendlichen wachsen im Durchschnitt in städtischen Quar-
mit Migrationshintergrund stärker belastet tieren auf, die durch eine erhöhte Dichte von
sind als Schweizer Jugendliche. Wir haben die- Risikofaktoren für die Entstehung von
se Befunde in der Tabelle 7 zusammengestellt. Jugendgewalt gekennzeichnet sind. Hierzu
Die Anzahl von Pluszeichen gibt an, wie stark gehören soziale Probleme wie Drogenmärkte,
wir in der entsprechenden Gruppe eine höhe- Prostitution und Gewalt durch Erwachsene.
re Belastung im Vergleich zu schweizerischen Hinzu kommen Faktoren wie geringer sozialer
Jugendlichen fanden. Zusammenhalt im Quartier und erhöhte Um-
zugsrate der Anwohner.
Risikofaktoren Die Daten zeigen, dass Jugendliche mit
bei immigrierten einem Migrationshintergrund im Vergleich zu P E R S Ö N L I C H K E I T: Im Lebenslauf erworbe-
Minderheiten schweizerischen Jugendlichen bei einer gan- ne soziale Kompetenzen sind ein wichtiger
zen Reihe von Risikofaktoren eine höhere Schutzfaktor gegen die spätere Entstehung
Belastung aufweisen. von Gewalt. Im Durchschnitt verfügen Jugend-
liche mit Migrationshintergrund über weniger
S O Z I A L E L A G E D E R F A M I L I E : Jugendliche differenzierte soziale Kompetenzen als schwei-
mit Migrationshintergrund entstammen häu- zerische Jugendliche. Ausserdem ist die Wahr-
fig Familien in einfachen sozio-ökonomischen scheinlichkeit, dass sie gewaltbefürwortende
Verhältnissen. Immigrierte Eltern haben im Ver- Normen verinnerlicht haben, erhöht.
gleich zu schweizerischen Eltern durchschnitt-
lich eine geringere Bildung, tiefere berufliche Diese Analysen legen nahe, dass jene
Qualifikationen und sind einem höheren Risiko Präventionsstrategien die Übervertretung von
von Arbeitslosigkeit und finanziellen Härten Jugendlichen mit Migrationshintergrund
ausgesetzt. Tiefe soziale Lage ist zwar nicht wirksam reduzieren könnten, welche auf die
unmittelbar ein Risikofaktor für Verhaltens- elterliche Erziehungspraktiken positiv einwir-
probleme, kann aber in Verbindung mit ande- ken, welche die soziale Kompetenzen stützen
ren Faktoren Probleme verstärken. und die aggressiven Muster des Umgangs mit
Problemen reduzieren, welche den schuli-
F A M I L I Ä R E S U M F E L D : Unter Familien mit schen Erfolg verbessern und welche die Struk-
einem Migrationshintergrund ist im Vergleich tur von Freizeitaktivitäten positiv beeinflussen.
zu schweizerischen Familien die Wahrschein-
lichkeit erhöht, dass Kinder und Jugendliche
nicht eine adäquate Erziehung erhalten. Unter
den immigrierten Gruppen mit den geringsten
Bildungsressourcen ist die Wahrscheinlichkeit
erhöht, dass die Eltern ihren Kindern geringe
emotionale Zuwendung zeigen, dass es Streit
zwischen Partnern gibt und dass die Kinder
Gewalt in der Familie erleben. All diese Aspek-
te sind direkte Risikofaktoren für eigene Ge-
waltausübung.

S C H U L E : Jugendliche mit Migrationshinter-


grund sind im Durchschnitt einer Reihe von
schulischen Risikofaktoren ausgesetzt, die mit
erhöhter Gewaltbereitschaft einhergehen.
Eltern mit geringen eigenen Bildungsressour-
cen können ihnen in der Regel weniger Unter-
stützung und Orientierung bezüglich des Er-
reichens von Bildungszielen geben. Ihre Kinder
sind daher bereits in der Primarschule einem
erhöhten Risiko von schulischen Problemen
ausgesetzt und sie bleiben auf der Sekundar-
stufe durchschnittlich auf tieferen Bildungs-
stufen als Schweizer Jugendliche.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 24

lebenslauf und gewalt


Prävention von Jugendgewalt
24

Drei Kernaussagen

Es gibt kaum Individuen, die im Jugendalter unvermittelt anfangen,


sich gewalttätig zu verhalten. Karrieren aggressiven Verhaltens
beginnen meist in der Kindheit. Daher ist Prävention sinnvoll, die in
frühen Lebensphasen einsetzt und sich am langfristigen Aufbau von
Lebenskompetenzen orientiert.

Gewalt und Aggression sind ein Teilaspekt eines Bündels von exter-
nalisierendem Problemverhalten. Viele Risikofaktoren und Schutz-
faktoren, welche die Wahrscheinlichkeit von Gewalt beeinflussen,
gelten in ähnlicher Weise für viele Formen von externalisierendem
Problemverhalten. Die Prävention von Jugenddelinquenz, von Dro-
genkonsum und von Gewalt sollten als Einheit im Rahmen einer För-
derung von Lebenskompetenzen betrachtet werden.

Jugendliche mit Migrationshintergrund haben bei einer Reihe von


familiären, schulischen, nachbarschaftlichen und individuellen Risi-
kofaktoren eine erhöhte durchschnittliche Belastung. Wirksame
Prävention sollte auf diese Risikofaktoren einwirken.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 25

evidenzbasierte gewaltprävention
Prävention von Jugendgewalt
25

3
Evidenzbasierte Gewaltprävention
Insgesamt ist das Problem in der Schweiz barschaft und der Gesellschaft, welche dem
nicht, dass es zu wenig Gewaltprävention aktuellem Wissensstand zu Folge mit grosser
gibt. Das Problem ist, dass man nicht weiss, Wahrscheinlichkeit ursächlich auf die Entste-
ob die vorhandenen Massnahmen nützen, hung von Gewalt einwirken. R I S I K O F A K T O -
schaden, oder wirkungslos sind. Um allerdings R E N sind Faktoren, deren Vorhandensein die
glaubwürdig zu sein, muss Gewaltpräven- Wahrscheinlichkeit von Gewalt erhöht. S C H U T Z -
tion auch tatsächlich Gewalt reduzieren kön- F A K T O R E N hingegen sind Merkmale, die da-
nen. Dieser Bericht geht davon aus, dass ein zu führen, dass ein Individuum trotz Vorliegen
P U B L I C - H E A LT H - Ansatz, welcher die Erkennt- von Risikofaktoren kein Problemverhalten
nisse der Lebenslaufforschung berücksich- entwickelt.
tigt und auf Prinzipien der evidenzbasierten
Prävention beruht, einen wesentlichen Bei- Risiko- und Schutzfaktoren unterschei-
trag zu einer effektiveren Präventionspolitik den sich von blossen I N D I K A T O R E N . Indika-
leisten kann (Sherman, Farrington, Welsh, und toren sind Klassifikationsmerkmale, nach denen
MacKenzie 2002). Personen unterschieden werden können, wel-
che aber keinerlei Erklärungskraft zum Ver-
Prinzip der Evidenzbasierte Prävention beruht auf ständnis von Gewalt haben. Beispiele hierfür
evidenzbasier- dem Grundsatz, dass die Wirksamkeit von Prä- sind Alter, Geschlecht und Nationalität. Es ist
ten Prävention vention durch gut fundierte empirische For- beispielsweise richtig zu sagen, dass Männer
schung überprüft werden kann und dass häufiger Gewalt ausüben als Frauen. Damit
durch den Zusammenzug der Forschungser- ist aber keine Erklärung geleistet, warum das
gebnisse zuverlässige Kenntnisse darüber ge- so ist. In gleicher Weise ist Nationalität ein
wonnen werden können, blosser Indikator, der keinen erklärenden
Wert hat. Es gibt keinen rationalen Grund,
welche Präventionsmassnahmen wirksam warum die Farbe des Passes einen Einfluss auf
sind, die Gewaltwahrscheinlichkeit haben sollte.
welche Massnahmen wirkungslos sind,
welche Massnahmen schädlich sind, Um Aussicht auf Erfolg zu haben, muss Drei Grundtypen
wie Massnahmen, welche sich in der For- Prävention entweder Risikofaktoren reduzie- von Prävention
schung als wirksam erwiesen haben, wirk- ren, welche Gewalt verursachen, oder aber
sam in die Praxis umgesetzt werden können, Schutzfaktoren aufbauen, welche der Entste-
wie wirksame Massnahmen auf die Bedürf- hung von Gewalt entgegenwirken. Präven-
nisse unterschiedlicher Bevölkerungsgrup- tionsmassnahmen lassen sich nach verschiede-
pen angepasst werden können, nen Kriterien unterscheiden. Besonders hilfreich
welche Aspekte der praktischen Umset- ist die Unterscheidung zwischen universeller,
zung von Präventionsmassnahmen dafür selektiver und indizierter Prävention.
verantwortlich sind, dass positive Wirkun-
gen erzielt werden können. U N I V E R S E L L E P R Ä V E N T I O N zielt auf eine Universelle,
Gesamtgruppe, ohne dass in der Gruppe ins- selektive und
Evidenzbasierte Prävention fusst dabei gesamt besondere Risikofaktoren vorliegen indizierte
auf der korrekten Identifikation von Risiko- müssen. Sie bietet dieselben Massnahmen Prävention
faktoren und Schutzfaktoren, welche mit allen Mitgliedern der Gruppe an. Beispiele
Gewalt in Zusammenhang stehen; auf der hierfür sind etwa Kurse für schwangere Frau-
Umsetzung von Massnahmen, welche entwe- en oder schulbasierte Programme zur Förde-
der Risikofaktoren reduzieren oder Schutz- rung von sozialen Kompetenzen. Universelle
faktoren stützen, sowie auf dem Nachweis der Programme sind unterstützend und proaktiv.
Wirkung durch methodisch durchdachte Eva- Ein wichtiger Vorteil universeller Prävention
luationsstudien. ist, dass niemand aufgrund der Massnahme
stigmatisiert wird und dass durch sie eine gros-
Risiko- und Risikofaktoren und Schutzfaktoren sind se Breitenwirkung erzielt werden kann. Dem
Schutzfaktoren Eigenheiten des Individuums, der Situation, steht der Nachteil gegenüber, dass universelle
des familiären Umfeldes, der Schule, der Nach- Massnahmen oft mit grossem Aufwand einher
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 26

evidenzbasierte gewaltprävention
Prävention von Jugendgewalt
26

gehen, die verfügbaren Mittel über eine grosse eine möglichst gleich zusammengesetzte Kon-
Anzahl von Personen verteilt werden und die trollgruppe, welche die Intervention / Mass-
Wirkungen oft gering sind. nahme nicht erhält. Dies ist notwendig, weil
nur so geprüft werden kann, ob sich bei der
S E L E K T I V E P R Ä V E N T I O N zielt auf beson- «behandelten» Gruppe Veränderungen im
dere Teilgruppen oder Individuen, die durch erwünschten Sinne ergaben, welche sich bei
eine erhöhte Belastung durch Risikofaktoren der Kontrollgruppe nicht beobachten lassen.
gekennzeichnet sind. Diese Teilgruppen stehen Idealerweise wird die Zuteilung zu Kontroll-
somit unter einem gesteigerten Risiko, gewalt- und Interventionsgruppe nach dem Zufalls-
tätiges Verhalten zu zeigen. Um herauszufin- prinzip vorgenommen. Ist das nicht möglich,
den, welche Gruppen dies sind, ist in der Regel werden die Gruppen nach einer Reihe von Kri-
eine genaue Problembeschreibung und eine terien so zusammengesetzt, dass sie einander
Kenntnis möglicher Ursachen nötig. Program- möglichst ähnlich sind (sogenanntes M AT C H E D
me, welche auf belastete Risikogruppen aus- G R O U P D E S I G N ).
gerichtet sind, haben den Vorteil, dass sie die
Mittel gezielt dort einsetzen, wo eher Wir- N A C H H A LT I G E W I R K U N G : Ein zweites Kri-
kungen hervorgebracht werden können. Dem terium ist der schlüssige Nachweis der ange-
steht der Nachteil gegenüber, dass unter Um- strebten Wirkung. Dies erfordert in der Regel,
ständen soziale Gruppen als gewaltgefährdet dass unterschiedliche Beobachter eine Wir-
stigmatisiert werden können. kung feststellen können. Beispielsweise sollten
bei einer schulischen Präventionsmassnahme
INDIZIERTE P R Ä V E N T I O N sind Präven- sowohl die Kinder selbst, die Lehrpersonen als
tionsprogramme für jene Individuen, bei auch unabhängige Beobachter eine Reduktion
denen bereits Manifestationen von Problem- von Gewalt feststellen können. Ausserdem
verhalten festgestellt werden können und bei wird meist gefordert, dass die Wirkungen nicht
denen durch die Massnahmen eine Verbesse- nur unmittelbar nach der Intervention, son-
rung ihrer zukünftigen Entwicklung ange- dern auch noch über einen Zeitraum danach
strebt wird. Dies können beispielsweise thera- feststellbar sind.
peutische Programme für bereits delinquente
Jugendliche sein. BESTÄTIGUNG DURCH WEITERE STU-
D I E N : Damit ein Präventionsprogramm als
Wie kommt die Forschung zu evidenzbasiert gelten kann, muss es sich in
«Evidenzen»? mehreren Studien als wirksam erwiesen haben.
DIE BLUEPRINTS OF VIOLENCE PREVEN-
Forschungs- In der heutigen Präventionspraxis wer- T I O N zum Beispiel fordern, dass ein Pro-
designs zur den viele Projekte von Evaluationen begleitet, gramm sich in mindestens drei Feldversuchen
Überprüfung die in der Regel auch Aussagen über die ver- als wirksam im Sinne der angestrebten
der Wirkung mutete Wirksamkeit der getroffenen Mass- Effekte erweist, bevor es als «evidenzbasiert»
von Prävention nahmen machen. Meistens handelt es sich ent- empfohlen wird. Oftmals wird hierbei ange-
weder um qualitative Prozessevaluationen – strebt, dass mindestens eine Studie von einer
also Einschätzungen darüber, wie das Projekt Forschergruppe realisiert wird, die nicht selbst
umgesetzt wurde und wie zufrieden die Be- das Programm entwickelt hat.
nutzer mit dem Programm sind – oder aber
um Vorher-Nachher-Messungen von ausge- I D E N T I F I K AT I O N D E R M E C H A N I S M E N :
wählten Zielvariablen. Beide Vorgehen wer- Präventionsmassnahmen können aus ganz ver-
den allerdings in der Forschung zu evidenz- schiedenen Gründen dazu führen, dass man
basierter Prävention N I C H T als Nachweis für nachträglich einen positiven Effekt nachwei-
Wirksamkeit betrachtet. sen kann. Aus diesem Grund wird inzwischen
oft gefordert, dass eine Studie zeigen kann,
Vielmehr besteht weit herum Einigkeit welche Mechanismen dazu geführt haben,
darüber, dass für einen wissenschaftlich abge- dass eine Wirkung erzielt wurde. Beispiels-
stützten Nachweis von positiven Wirkungen weise sollte man idealerweise zeigen können,
höhere Ansprüche an die Forschungsanlage dass eine Massnahme zur Verbesserung des
gestellt werden müssen. Vier zentrale Erfor- Klassenmanagements tatsächlich dazu führt,
dernisse sind (Sherman, Farrington, Welsh, dass Kindern die Regeln des Zusammenlebens
und MacKenzie 2002): besser bekannt sind und sie sich daher eher
daran halten.
Kriterien für G L E I C H W E R T I G E K O N T R O L L G R U P P E : Um
evidenzbasierte die Wirkung einer Massnahme bei einer
Prävention bestimmten Gruppe nachzuweisen, braucht es
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 27

evidenzbasierte gewaltprävention
Prävention von Jugendgewalt
27

Die Zusammenarbeit zwischen In der P R Ä V E N T I O N S F O R S C H U N G wer-


Forschung und Praxis den diese Erkenntnisse verwendet, um Mass-
nahmen zu entwickeln, welche in verschiede-
Man kann hieraus leicht sehen, dass die nen Lebensphasen auf ursächliche Faktoren
Überprüfung der Wirkung von Präventions- einwirken. Entscheidend für den Erkenntnis-
massnahmen aufwändige Forschung erfor- zuwachs ist die Realisierung von methodisch
dert, die oft mehrere Jahre in Anspruch ausgereiften Evaluationsstudien, welche zu-
nimmt. Solche Forschung in vollem Umfang zu verlässige Schlüsse über die Wirksamkeit der
betreiben, ist in der Praxis nur in den seltens- Interventionen erlauben. Typischerweise wer-
ten Fällen möglich und sinnvoll. Die prakti- den hierzu experimentelle Studien mit einem
sche Nutzung der Forschungserkenntnisse zu randomisierten Kontrollgruppendesign durch-
evidenzbasierter Prävention erfordert daher geführt, welche die Entwicklung von Indivi-
eine enge Zusammenarbeit zwischen Forschung duen über mehrere Zeitpunkte vergleichend
und Praxis. Die Abbildung 5 zeigt die wesent- beobachten.
lichen Elemente dieser Zusammenarbeit.
Um Fortschritte bei der Entwicklung und Systematische
Die Zusammen- In der G R U N D L A G E N F O R S C H U N G wer- Umsetzung evidenzbasierter Prävention er- Übersichten
arbeit zwischen den zunächst die Manifestationsformen und zielen zu können, muss das in wissenschaft- über den Stand
Praxis und die Entwicklung von Verhaltensproblemen lichen Studien vorhandene Wissen in S Y S T E - der Forschung
Forschung beschrieben und die Ursachen, Risikofaktoren M A T I S C H E N Ü B E R S I C H T E N gesammelt und
und Schutzfaktoren analysiert, die in ver- zusammengefasst werden. Aus der Sicht der
schiedenen Lebensphasen wirksam sind. Sie Forschung sind diese systematischen Übersich-
basiert im wesentlichen auf sogenannten ten wichtig, um einen zuverlässigen Überblick
Längsschnittstudien. Dabei handelt es sich um über die Ergebnisse von Einzelstudien zu ge-
Studien, bei denen die Entwicklung von Indi- winnen. Die Praxis benötigt übersichtliche, gut
viduen über mehrere Jahre oder sogar Jahr- verständliche und zuverlässige Zusammen-
zehnte untersucht wird. Sie erlauben es, die fassungen des jeweils aktuellen Wissensstan-
zeitliche Ordnung von Ursachen und Wirkun- des. Im englischsprachigen Raum sind daher in
gen zu bestimmen. den letzten 10 Jahren mehrere Projekte ins

Abbildung 5: Modell der Zusammenarbeit zwischen Praxis und Wissenschaft

Evaluationsforschung Grundlagenforschung
 findet wirksame, wirkungslose  identifiziert wichtige Risiko-
und schädliche Programme und Schutzfaktoren im Lebenslauf

Systematische Übersichten
 stellen aktuelles Wissen der
Praxis zur Verfügung

Lokale Problemanalyse Programmauswahl


 identifiziert lokal wichtige  nutzt «best practice»-Wissen, um
Risiko- und Schutzfaktoren geeignete Massnahmen auszuwählen

Umsetzung
 nutzt aktuelles «best practice»-Wissen, um geeignete
Massnahmen auszuwählen und zu realisieren; prüft
Wirksamkeit in einem konkreten Kontext
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 28

evidenzbasierte gewaltprävention
Prävention von Jugendgewalt
28

Leben gerufen worden, welche der Förderung aktuellen Wissens um wirksame Kriminalitäts-
evidenzbasierter Prävention verpflichtet sind prävention vorzunehmen. Der Bericht enthält
und systematische Übersichten über den 10 Kapitel von herausragenden Forschenden
aktuellen Wissensstand erstellen. Drei Projekte mit systematischen Übersichten über den
werden im Folgenden kurz vorgestellt. Wissensstand zu wirksamer Kriminalitätsprä-
vention in den Bereichen Familie, Schule, Ge-
Weltweite Schritte zu einer evi- meinschaft / Quartier, Arbeitsmarkt, Situation,
denzbasierten Kriminalitätsprävention Polizei, Strafen. Insgesamt wurden 675 Pro-
gramme untersucht, davon wurden 28 als wirk-
Die B L U E P R I N T S O F V I O L E N C E P R E V E N - sam beurteilt.
T I O N stellen den bisher grössten Versuch dar, Adresse: Neben der publizierten Buchversion
wissenschaftliche Evidenzen zur Wirksamkeit gibt es eine elektronische Fassung beim US
von Gewaltpräventionsprogrammen zu sam- Department of Justice unter www.cjcentral.
meln und zusammenzufassen. Das Projekt hat com/sherman/sherman.htm
1996 begonnen und wird unterhalten vom
Center for the Study and Prevention of Vio- Weder in der Schweiz noch im benach- Notwendigkeit
lence der Universität Colorado. Im Rahmen barten Ausland (Frankreich, Deutschland, eines Informa-
dieses Projektes wurden bisher in den USA Österreich, Italien) gibt es bislang vergleich- tionspools
über 600 Präventionsprogramme erfasst und bare Übersichten über evaluierte Präventions-
auf wissenschaftliche Befunde zu ihrer Wirk- projekte oder Fachstellen, die kompetent die
samkeit hin überprüft. Bisher erfüllen nur Entwicklungen in der internationalen Präven-
11 Programme die Kriterien, um das Prädikat tionsforschung beobachten und die Ergeb-
«wirksam» zu erhalten und somit als soge- nisse für die Praxis aufbereiten (dies hängt
nannte Modellprogramme empfohlen zu unter anderem damit zusammen, dass in Kon-
werden. Weitere 18 Programme werden als tinentaleuropa bislang kaum systematische
«vielversprechend» eingestuft. Für die Modell- und qualitativ hochwertige Forschung zur
programme können umfangreiche Broschüren Wirksamkeit von Gewaltprävention betrieben
bestellt werden, welche theoretischen Hinter- wurde). Bestehende Angebote in der Schweiz
grund, Wirksamkeit, Kosten und Massnahmen (etwa die D R E H S C H E I B E G E W A LT P R Ä V E N -
zur Qualitätssicherung detailliert beschreiben. T I O N der Bildungsdirektion des Kantons
www.colorado.edu/csvp/blueprints Luzern) sind in dieser Hinsicht klar unzurei-
chend. Gerade angesichts der kleinräumigen
Die C A M P B E L L C O L L A B O R A T I O N ist eine Organisation der Gewaltprävention in der
internationale Stiftung, die im Jahr 2000 mit Schweiz (Gemeinden, Schulen, Quartiere) wäre
dem Ziel gegründet wurde, weltweit Wissen es hier wichtig, Strukturen zu schaffen, wel-
über evidenzbasierte und wirksame Präven- che lokalen Akteuren den Zugang zu den
tion und Intervention zu sammeln und für Ak- Ergebnissen der praxisorientierten Forschung
teure in Praxis und Politik aufzubereiten. Das erleichtern.
Leitmotto ist: «Was nützt? Was schadet? Ge-
stützt auf welche Evidenzen?» Die Campbell Die Umsetzung von Prävention
Collaboration erstellt Übersichten zum aktuel-
len Stand der Forschung in den Bereichen «Kri- Zu wissen, welche Programme funktio- Umsetzungs-
minalität und Justiz», «Erziehung», sowie «So- nieren und welche nicht, ist allerdings nur ein qualität ist
zialstaat und Gesundheit». erster Schritt. Für die Praxis stellt sich dann die entscheidend
Aufgabe, eine Analyse der lokalen Problem-
Es gibt inzwischen Evaluationsberichte zu ei- situation (z.B. Risikofaktoren, bestehende An-
ner Vielzahl von Themen. Hierzu gehören bei- gebote) vorzunehmen und Massnahmen um-
spielsweise Reviews über die Wirksamkeit von zusetzen, welche auf die Problemsituation
Videokameras zur Kriminalitätskontrolle, von zugeschnitten sind.
Kompetenztrainings für Kinder, oder von
gruppenbasierten Trainingsprogrammen für Allerdings erzielen in der Forschung gut
Eltern von 0- bis 3-jährigen Kindern mit Ver- bewährte Programme in der Praxis oft nicht
haltensauffälligkeiten. die erhoffte Wirkung. Um die Ursachen für
www.campbellcollaboration.org dieses Problem zu verstehen, hat man sorg-
fältige P R O Z E S S E V A L U A T I O N E N durchge-
SHERMAN REPORT – EVIDENCE-BASED führt. Sie zeigen, dass die fehlende Wirkung
C R I M E P R E V E N T I O N : Dieser einflussreiche oftmals auf eine U N V O L L S T Ä N D I G E U N D
Bericht ist das Ergebnis eines 1996 von MANGELHAFTE UMSETZUNG DES PRO-
Lawrence Sherman geleiteten Projektes mit GRAMMS zurückzuführen ist. Die Forschung
dem Auftrag, eine kritische Beurteilung des der letzten Jahre hat daher Kriterien heraus-
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 29

evidenzbasierte gewaltprävention
Prävention von Jugendgewalt
29

gearbeitet, die für eine erfolgreiche Umset- sche Anpassung etwa eines bewährten
zung in die Praxis entscheidend sind (Mihalic Elternbildungsprogramms notwendig und
und Irwin 2003).3 angebracht ist, um auch Eltern einer Minder-
heitengruppe anzusprechen und zum Mit-
Kriterien für eine gute Umsetzung denken zu motivieren.
und kulturspezifische Faktoren
Präventionsmassnahmen müssen jene Erreichen der
Bedürfnis- und Auch gut bewährte evidenzbasierte Prä- Personen und Gruppen zur Teilnahme be- Zielpopulation
Ressourcen- ventionsprogramme sind keine Allerweltsre- wegen, bei denen man eine Wirkung erzielen
analyse zepte, die unbesehen übernommen werden möchte. In der Praxis erweist sich dies oft als
können. Jedem Präventionsprojekt muss eine ein erhebliches Problem. Eine sorgfältige
Analyse der Problemsituation (vor allem Iden- Abklärung der Frage, wie eine Zielpopulation
tifikation von Risikofaktoren und Schutzfak- erreicht werden kann, ist eine notwendige
toren), der bereits bestehenden Ressourcen Voraussetzung für wirksame Prävention.
und Massnahmen sowie der zu erwartenden
Schwierigkeiten vorangehen. Überall in Europa wird hierbei die Erfah-
rung gemacht, dass Zielgruppen umso weni-
Eine solche Bedürfnis- und Ressourcen- ger für Präventionsanliegen gewonnen werden
analyse ist besonders für Programme, welche können, je geringer ihre sozialen und wirt-
Gruppen mit Migrationshintergrund errei- schaftlichen Ressourcen sind und je grösser die
chen möchten, absolut entscheidend, da sich kulturelle Distanz zwischen der Migranten-
bestehende Kenntnisse und Erfahrungen aus gruppe und ihrem gesellschaftlichem Umfeld ist.
der Mehrheitsgesellschaft nur bedingt über-
tragen lassen. Kenntnisse über kulturell ver- Die Frage, wie diese Hemmschwellen
ankerte Wertvorstellungen z.B. bezüglich der überwunden werden können, ist nicht gelöst.
Rolle der Familie oder des Verhaltens von Ein vielversprechender Ansatz basiert auf dem
männlichen Jugendlichen, über bestehende Konzept der community readiness (vgl. z.B.
lokale Organisationen und Vereine sowie der Edwards et al. 2000). Gemeint ist damit der
sozialen und wirtschaftlichen Situation der Grad, in dem eine (lokale oder kulturelle)
Zielgruppen können helfen, Präventionspro- Gemeinschaft dafür vorbereitet ist, eine Prä-
gramme auf die Bedürfnisse der Zielgruppen ventionsmassnahme zu akzeptieren und um-
anzupassen. zusetzen. Diese Bereitschaft (beispielsweise
für Elternbildung) wurde in westlichen Ge-
Auswahl Hierzu gehört auch die Auswahl geeig- sellschaften über viele Jahrzehnte aufgebaut
geeigneter neter Präventionsprogramme: Ein kurzer Blick und verankert. In immigrierten Gemeinschaf-
Präventions- auf die obige Liste von Risikofaktoren ge- ten mit durchschnittlich wenig Bildungsres-
programme nügt um zu erkennen, das Gewaltprävention sourcen hingegen ist sie anfänglich kaum
Bereiche tangiert (z.B. Erziehung, Gewalt gegeben. Einige Gemeinschaften mögen etwa
zwischen Ehepartnern, Regeln in der Schule, Gewaltprobleme völlig leugnen, einige mögen
Zusammenleben in einer Gemeinschaft), in Probleme wahrnehmen, aber nicht zu Mass-
denen vielfältige kulturelle oder religiöse Vor- nahmen bereit sein. Der Ansatz von commu-
stellungen verankert sind. Obwohl davon aus- nity readiness geht davon aus, dass der Um-
gegangen werden kann, dass Präventionspro- setzung einer Präventionsmassnahme eine
gramme im Prinzip universelle Ziele verfolgen gute Abklärung der bestehenden Problem-
und wesentliche Risikofaktoren für Gewalt in wahrnehmung vorausgehen muss (in der
allen menschlichen Gesellschaften gelten, sind Regel durch Interviews mit Vertreterinnen
kulturelle Besonderheiten in der Gewaltprä- oder Vertretern der Gemeinschaft), der dann
vention zu beachten. zunächst Strategien folgen, mit denen ein
Bewusstsein für das Problem geschaffen wird.
Allerdings mangelt es weitherum an
gesichertem Wissen darüber, welche evidenz- Präventionsprojekte treffen auf ein Um- Vernetzung mit
basierten Programme in unterschiedlichen feld bereits bestehender Massnahmen, Insti- bestehenden
kulturellen Kontexten gleichermassen wirk- tutionen und Akteure. Um Wirkung erzielen Strukturen und
sam sind und bei welchen Programmen die zu können, müssen Interventionen auf dieses Akteuren
Wirkungen verschwinden (oder sich gar in Umfeld abgestimmt werden und von allen
negative Effekte umkehren). Und es fehlt an Beteiligten mitgetragen werden. Eine sorg-
Erfahrungen darüber, wie viel kulturspezifi- fältige Vorbereitung und Information ist

3
Vgl. auch die Berichte unter: http://www.colorado.edu/cspv/publications/otherblueprints.html.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 30

evidenzbasierte gewaltprävention
Prävention von Jugendgewalt
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daher in jedem Fall wichtig. Sie hat aber bei Evidenzbasierte Projekte
Projekten mit immigrierten Minderheiten ein in der Schweiz
besonderes Gewicht. Beispielsweise ist es in
ethnisch-kulturell durchmischten Quartieren In der Schweiz ist evidenzbasierte und
entscheidend, dass Minderheitenorganisatio- im Rahmen von breit verstandener Gesund-
nen von Beginn an über die Planung und Um- heitsförderung betriebene Gewaltprävention
setzung eines Projektes informiert – und al- erst in den letzten Jahren breiter bekannt
lenfalls aktiv beteiligt – werden. geworden.

Gute Programm- Selbst kleine Präventionsprojekte über- Gegenwärtig sind in der Schweiz vier
organisation fordern oft die Programmverantwortlichen, wissenschaftliche Grossprojekte in Bearbei-
weil die Organisation der Umsetzung nur un- tung, welche einem evidenzbasierten Ansatz
zureichend geplant wurde oder keine Res- verpflichtet sind und die sich mit Gewalt oder
sourcen bestehen, um eine organisatorische Delinquenz beschäftigen.
Begleitung sicherzustellen. Wirksame Projekte
verfügen in der Regel über ausreichende BERNER PRÄVENTIONSPROGRAMM GE-
Mittel, um eine Massnahme kompetent pla- G E N G E W A LT I M K I N D E R G A R T E N U N D I N
nen und realisieren zu können. Für Projekte, D E R S C H U L E B E - P R O X (Françoise Alsaker,
welche sich auch oder spezifisch an Gruppen Universität Bern): Zweck der Studie ist es, die
mit Migrationshintergrund wenden, ist hierbei Wirksamkeit eines Präventionsprogramms ge-
von einem erheblich erhöhten Zeit-, Planungs- gen Bullying (d.h. Plagen und Drangsalieren)
und Organisationsaufwand auszugehen, um im Kindergarten und der Grundstufe der
Wirkung zu erzielen. Primarschule zu überprüfen. Die wichtigsten
Elemente des Programms sind: 1) Sensibilisie-
Umsetzungs- Wirksame Programme fussen meistens rung und Früherkennung (inkl. Differenzieren),
treue auf umfangreichen Überlegungen, wie die 2) Thematisieren: Schweigen brechen und regel-
Programmelemente zusammengehören und mässige Kommunikation, 3) Erarbeiten von
weshalb sie ins Programm aufgenommen Verträgen oder Verhaltenskodex mit den Schü-
wurden. Eine wirksame Umsetzung in der lerinnen und Schülern, 4) Konsequentes Han-
Praxis erfordert, dass die Programme auch so deln und bewusstes positives und negatives
realisiert werden, wie sie von den Entwicklern Sanktionieren, 5) Förderung von sozialen Fer-
konzipiert wurden. tigkeiten und Zivilcourage und 6) Einbezug
der Eltern, Verbesserung der Kommunikation
Angemessene Je nach Zielpopulation und Typus der zwischen Schule und Elternhaus. Eine erste
Programm- Prävention (universelle, selektive oder indi- Studie wurde 1998 in 16 Kindergärten (8 Inter-
intensität zierte Prävention) sind unterschiedlich inten- vention und 8 Kontrollgruppe) umgesetzt und
sive Programme notwendig, um Wirkungen zeigte positive Wirkungen. Gegenwärtig läuft
zu erzielen. Es daher notwendig, sich zu eine erweiterte Studie mit 1000 Kindern in
Beginn einer Umsetzung darüber im Klaren zu 60 Kindergärten.
sein, wie intensiv ein Projekt sein wird und die
Betroffenen (z.B. Lehrpersonen) hierauf vor- Ein beträchtlicher Teil der teilnehmenden Kinder
zubereiten. Programme, die nur teilweise hat einen Migrationshintergrund. Die Studie
umgesetzt werden, erweisen sich in der Regel wird daher gut abgesicherte Aussagen darüber
als wirkungslos. ermöglichen, wie die getroffenen Massnah-
men bei Kindern aus bildungsfernen Migra-
Enthusiasmus Die Realisierung von Präventionspro- tionsmilieus wirken. Mit Ergebnissen ist gegen
und Ausbildung grammen, sei dies nun in der Schule, im Rah- Ende 2006 zu rechnen.
bei Umsetzungs- men von Elternbildung oder in Nachbar-
verantwort- schaften, erfordert eine möglichst aktive und Z Ü R C H E R P R O J E K T Z U R S O Z I A L E N E N T-
lichen überzeugte Mitarbeit von gut ausgebildeten WICKLUNG VON KINDERN Z-PROSO
Projektvermittlern. Denn bei ungenügender (Manuel Eisner, Universität Zürich): Das Pro-
Ausbildung und fehlender Begeisterung er- jekt untersucht die Entwicklung von rund
zielen auch evidenzbasierte Programme keine 1250 Kindern, welche nach den Sommerferien
Wirkung. 2004 in die Primarschule der Stadt Zürich ein-
getreten sind. Ein zentrales Ziel des Projektes
ist es, das Zusammenspiel von Persönlichkeit,
Familie, Nachbarschaft und Schule in Bezug auf
das Heranreifen von prosozialen Kompeten-
zen – wie zum Beispiel Einfühlungsvermögen –
auf der einen Seite und sozialem Problemver-
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 31

evidenzbasierte gewaltprävention
Prävention von Jugendgewalt
31

halten – wie zum Beispiel Stören des Unter- hingegen absolvieren ein Triple-P-Training (für
richts – auf der anderen Seite zu bestimmen. Im Informationen vgl. oben), welches ihre Erzie-
Rahmen des Projektes werden nach einem ran- hungskompetenz steigert. Die Ergebnisse der
domisierten Kontrollgruppenprinzip versuchs- Erhebungen werden 2006 vorliegen.
weise zwei Programme eingeführt, welche
darauf abzielen, die sozialen Fähigkeiten von S U P R A - F - S T U D I E (Bundesamt für Gesund-
Kindern nachhaltig zu stärken. Triple P (Positive heit): Dieses multizentrische Programm zur
Parenting Programme) ist ein Kursprogramm Suchtprävention und Gesundheitsförderung
für Eltern, in welchem den Eltern Techniken bei gefährdeten Jugendlichen im Alter von
zur Unterstützung bei alltäglichen Erziehungs- 11 bis 20 Jahren in Gemeinden basiert auf
aufgaben vermittelt werden. PFAD (Programm Prinzipien der evidenzbasierten Prävention. Es
zur Förderung alternativer Denkmuster) be- besteht aus 12 ambulanten supra-f-Zentren in
steht aus einer Reihe von Lektionen, die in den der deutschen und französischen Schweiz. Mit
Schulklassen umgesetzt werden und die sozia- schulischen, sozialpädagogischen und psycho-
len, emotionalen und kognitiven Fähigkeiten logischen Interventionen sollen Jugendliche in
von Kindern unterstützen, – d.h. sie darin för- schwierigen Lebenssituationen dahingehend
dern, mit Konflikten umsichtiger umzugehen, unterstützt werden, dass sich ihre Situation in
ihre Gefühle besser zu verstehen und Probleme Schule oder Berufslehre stabilisiert. Die ersten
angemessener wahrzunehmen. Ergebnisse zeigen eine gute Wirkung der
Massnahmen der supra-f-Studie.4
Entsprechend der kulturell heterogenen
Zusammensetzung von Familien in der Stadt Unter den der supra-f-Studie zugewiesenen
Zürich haben über die Hälfte der an der Studie Jugendlichen sind knapp die Hälfte ausländi-
teilnehmenden Kinder einen Migrationshin- scher Nationalität. Die supra-f-Studie ermög-
tergrund. Die Studie wird zu Kenntnissen da- licht empirisch gut abgestützte Aussagen über
rüber führen, ob Kinder mit Migrationshinter- die Wirksamkeit von intensiven Massnahmen
grund für Massnahmen der Frühprävention bei gefährdeten Jugendlichen mit Migrations-
erreicht werden können – und ob die Mass- hintergrund.
nahmen Wirkungen zeigen. Mit Ergebnissen
ist gegen Ende 2006 zu rechnen.

E LT E R N U N D S C H U L E S T Ä R K E N K I N D E R
ESSKI (Fachhochschule Aargau Nordwest-
schweiz FHA; Institut für Familienforschung
und Beratung der Universität Fribourg; Päda-
gogische Hochschule Zürich PHZH; und Fach-
stelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme
SFA): Das Projekt richtet sich an Kinder der
ersten bis fünften Primarklasse aus den Kanto-
nen Aargau, Basel-Stadt, Basel-Landschaft,
Schaffhausen, Thurgau und Zürich, die 52 Lehr-
personen dieser Schulklassen sowie die etwa
1000 Eltern bzw. Erziehungsberechtigten der
teilnehmenden Schülerinnen und Schüler.
Mit Hilfe eines randomisierten Kontrollgrup-
pendesigns werden die Wirkungen von zwei
Interventionen überprüft. Die Lehrpersonen
besuchen einen Stress- und Selbstmanage-
mentkurs, bei dem in ca. 20 Stunden die fünf
Kursbausteine Grundlagen, Spannung und
Entspannung im (Schul-)Alltag, der innere
Dialog als Ressource, Engagement und Distanz
im Lehrberuf sowie eine Einführung in den
Gebrauch des Lehrmittels F I T U N D S T A R K
F Ü R S L E B E N behandelt werden. Die Eltern

4
Vgl. Berichte unter http://www.suchtundaids.bag.admin.ch/themen/sucht/praevention/unterebenen/00414/index.html.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 32

evidenzbasierte gewaltprävention
Prävention von Jugendgewalt
32

Vier Kernaussagen

Es ist empfehlenswert, Gewaltprävention in Zukunft stärker an Prin-


zipien der evidenzbasierten Prävention zu orientieren. Dies ist
gegenwärtig der sinnvollste Weg, um Prävention mit einer guten
Aussicht auf positive Effekte zu betreiben.

Evidenzbasierte Gewaltprävention erfordert eine engere Zu-


sammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis, als dies bisher
üblich war. Ein sinnvoller Weg wäre die Schaffung einer Fachstelle
auf Bundesebene, welche Informationen über Forschungsergebnisse
für die Praxis aufbereitet und zum Aufbau einer Kultur von
evidenzbasierter Prävention in der Schweiz beiträgt.

Qualitativ hochwertige Umsetzung ist entscheidend dafür, dass die


Ergebnisse von Programmen, welche sich in der Forschung als wirk-
sam erwiesen haben, auch in die Praxis übertragen werden können.
Eine gute Qualitätskontrolle von Gewaltprävention erfordert aller-
dings finanzielle und organisatorische Ressourcen.

Gruppen mit Migrationshintergrund und wenig Bildungsressourcen


sind in der Regel für die Beteiligung an Präventionsmassnahmen
schwer zu motivieren. Eine sorgfältige Abklärung der besonderen
Bedürfnisse und Ressourcen, Überlegungen zur allfälligen Anpas-
sung von Programmen auf kulturelle Besonderheiten sowie die Vor-
bereitung einer Präventionsmassnahme durch frühe Information
und Einbezug von Minderheitenorganisationen können entschei-
dend helfen, eine Massnahme erfolgreich umzusetzen.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 33

familienbasierte prävention
Prävention von Jugendgewalt
33

4
Familienbasierte Prävention
Die Familie ist ein zentraler Angelpunkt Verhalten. Dieser Zusammenhang ist mit gros-
für die Prävention von Fehlentwicklungen bei ser Wahrscheinlichkeit in Defiziten der Sozia-
Kindern und Jugendlichen. Hierfür gibt es lisation begründet. Fehlende emotionale
zwei Gründe: Zum einen sind F A M I L I Ä R E Unterstützung durch die Eltern erschwert den
R I S I K O F A K T O R E N für die Entstehung von Aufbau von pro-sozialen Kompetenzen (z.B.
Verhaltensproblemen in Kindheit und Jugend Empathie, Vertrauen, Umgang mit Konflik-
mitverantwortlich. Familienbasierte Präven- ten), welche ihrerseits wiederum die Wahr-
tion versucht, auf diese Risikofaktoren einzu- scheinlichkeit von Gewalt in der Jugend ver-
wirken. Zweitens kann niemand besser als die ringern.
Eltern die emotionale und soziale Entwick-
lung des Kindes fördern. Sie in ihren erziehe- Fehlende Erziehungskompetenzen von Erziehungs-
rischen Aufgaben zu unterstützen, ist daher Eltern bilden eine dritte Gruppe von Einfluss- kompetenzen
auch dann sinnvoll, wenn die Ursachen für das faktoren. E R Z I E H U N G S K O M P E T E N Z E N meint der Eltern
Problemverhalten nicht in der Familie zu suchen ein Bündel von Techniken und Fähigkeiten,
sind, sondern beispielsweise in der Persönlich- um ein Kind seinen Möglichkeiten gemäss zu
keit, der Schule oder bei Gleichaltrigenkon- unterstützen und auf Probleme angemessen
takten. Familienbasierte Prävention kann daher zu reagieren. Inkonsistentes Reagieren auf
dem Ziel dienen, S C H U T Z F A K T O R E N gegen Problemverhalten, fehlende Unterstützung
problematische Entwicklungen aufzubauen. von Aktivitäten, mangelnde Betreuung und
elterliche Gewalt sind Ausdrucksformen
Familiäre Risikofaktoren fehlender Erziehungskompetenz und in vielen
Studien als Risikofaktoren für späteres
Familiäre Risikofaktoren haben von der Problemverhalten bestätigt (vgl. z.B. Pfeiffer,
Schwangerschaft bis zur Adoleszenz Auswir- Wetzels, und Enzmann 1999; Smith und
kungen auf die Wahrscheinlichkeit von Ge- Thornberry 1995). Besonders in Kombination
walt und Delinquenz im Jugendalter (Loeber mit geringer elterlicher Wärme und Liebe
und Stouthamer-Loeber 1986; McCord 1991; scheint der Mangel an Erziehungskompetenzen
Utting, Bright, und Henricson 1993). Sie lassen zu Jugendgewalt zu führen (Farrington 1998).
sich vier Gruppen von Phänomenen zuordnen.
Schliesslich sind B E Z I E H U N G S P R O B L E M E Beziehungsqua-
Körperliche Es gibt empirisch gut abgesicherte Risi- Z W I S C H E N D E N E LT E R N T E I L E N ein Risiko- lität zwischen
und psychische kofaktoren, welche mit der Schwangerschaft faktor. Jugendliche, welche als Kinder regel- Elternteilen
Risiken während und der Phase unmittelbar nach der Geburt mässig Zeugen von gewaltsamen Konflikten
und nach verknüpft sind. Zu den wichtigsten Risikofak- zwischen den Ehepartnern waren, üben über-
Schwangerschaft toren während der Schwangerschaft gehören durchschnittlich häufig selbst Gewalt aus (vgl.
ALKOHOL-, NIKOTIN- UND DROGENKON- auch Gelles und Strauss 1988). Dies wird in der
S U M und dessen Auswirkungen auf die Ent- Regel auf Lernprozesse im Umgang mit Kon-
wicklung des Fötus. Ebenfalls vielfach nach- flikten zurückgeführt (Bandura 1973). Zum
gewiesen sind langfristige Auswirkungen der Beispiel haben Jugendliche, welche in der
PSYCHISCHEN BELASTUNG DER MUTTER Kindheit Gewalt zwischen Eltern erlebt haben,
vor oder auch nach der Geburt sowie des Aus- eher gewaltbefürwortende Einstellungen.
masses, in dem sie sich in den ersten Lebens- Zudem gehen sie überdurchschnittlich häufig
monaten des Säuglings massiv überfordert davon aus, dass Mitmenschen ihnen gegen-
fühlt und keine positive emotionale Bindung über feindlich oder aggressiv gesinnt sind
aufbauen kann. (Pfeiffer, Wetzels, und Enzmann 1999).

Emotionale Der mangelnde Aufbau V E R L Ä S S - Familiäre Risikofaktoren wirken gemäss Familiäre


Bindungen LICHER BINDUNGEN und eine G E R I N G E dem bisherigen Wissensstand kumulativ zu- Risiken wirken
zum Kind E LT E R L I C H E EMOTIONALE UNTERSTÜT- sammen. Je mehr negative Faktoren zu- zusammen
ZUNG UND WÄRME haben in allen Lebens- sammenkommen und je länger und intensiver
phasen bis hin zur Adoleszenz eine grosse sie die heranwachsende Person prägen, desto
Bedeutung als Risikofaktoren für aggressives grösser ist das Risiko für verschiedene Formen
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 34

familienbasierte prävention
Prävention von Jugendgewalt
34

von Problemverhalten im Jugendalter. Aller- Das erfolgreichste und am besten evaluierte Beispiel I:
dings sollte nicht vergessen werden, dass ein Programm, welches sich an die erste Lebens- The
beträchtlicher Teil derjenigen Jugendlichen, phase richtet, ist das von David Olds und sei- Prenatal / Early
welche in sehr schwierigen familiären Ver- nem Team (National Center for Children, Fa- Infancy Home
hältnissen aufwachsen, kaum Verhaltensauf- milies and Communities at the University of Visitation by
fälligkeiten aufweist. Colorado) entwickelte P R E N A T A L / E A R LY Nurses Program
I N F A N C Y H O M E V I S I TA T I O N B Y N U R S E S
Grundtypen familienbasierter P R O G R A M . 5 Das in den späten 1970er Jahren
Prävention entwickelte Programm wurde in drei rando-
misierten Versuchen geprüft und wird heute in
In den vergangenen 30 Jahren wurden den USA in vielen Staaten eingesetzt.
viele erzieherische und therapeutische Pro-
gramme entwickelt, welche familiäre Risiko- Das Programm richtet sich an gefährdete, Zielgruppe &
faktoren zu reduzieren und elterliche Res- einkommensschwache junge Schwangere und Zweck
sourcen zu stärken suchen. In Anlehnung an ihr werdendes Kind. Es setzt sich zum Ziel, un-
Farrington und Welsh (2002) unterscheiden ter Einbezug bestehender sozialer Netzwerke
wir drei Grundtypen (Tabelle 8). Sie wenden Verhaltensweisen vorzubeugen, welche die
sich jeweils an unterschiedliche Altersgruppen physische, psychische und soziale Entwicklung
und können gut abgestützte Evidenzen vorle- des Kindes belasten können. Während der
gen, dass sie wirksam die Wahrscheinlichkeit Schwangerschaft stehen gesundheitsrelevante
von Gewalt und Delinquenz reduzieren. Verhaltensweisen wie Alkohol-, Drogen- und
Nikotinmissbrauch im Vordergrund. Nach der
Schwangerschaft und Geburt konzentriert sich das Programm auf die
frühkindliche Erziehung Förderung von Erziehungskompetenzen, auf
die Verhinderung von Kindsmisshandlung und
Eine erste Gruppe von Präventionspro- -vernachlässigung sowie auf die weitere Le-
grammen sind Massnahmen während der bensplanung der betroffenen Eltern.
Schwangerschaft und den ersten Lebensjahren
des Kindes. Evidenzbasierte Präventionspro- Das Angebot umfasst 1 bis 4 Hausbesuche Inhalt
gramme zielen darauf ab, durch intensive pro Monat durch eine hierfür besonders aus-
Unterstützung während der Schwangerschaft gebildete Hebamme, welche in der Schwan-
gesundheitliche Risiken zu reduzieren und gerschaft beginnen und fortgesetzt werden,
Erziehungskompetenzen von gefährdeten bis das Kind zwei Jahre alt ist. Die Hebamme
Müttern aufzubauen. unterstützt das Gesundheitsverhalten der wer-
denden Mutter und zeigt den Eltern Wege zu
einem positiven Umgang mit dem Säugling
und allfälligen Problemen; sie bietet aber auch
Berufs- und Erziehungsberatung an und infor-
miert darüber, wo weitergehender Rat gefun-

Tabelle 8: Drei Grundtypen von evidenzbasierten Präventionsprogrammen in der Familie

Art des Programms Altersstufe Zielgruppe

Schwangerschafts- und 0 bis 3 Jahre Selektiv: gefährdete, einkommensschwache,


Säuglingsprogramme bildungsferne Mütter

Elternbildungsprogramme 1 bis 15 Jahre universell, selektiv und indiziert

Kognitiv-behaviorale Therapie- 10 bis 18 Jahre indiziert: bereits gewalttätige, delinquente


programme für Familien mit oder suchtmittelabhängige Jugendliche
Einbezug des sozialen Umfeldes und ihre Familie

5
Für weitere Informationen vgl. die offizielle Website: http://www.nursefamilypartnership.org
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 35

familienbasierte prävention
Prävention von Jugendgewalt
35

den werden kann. Schliesslich hilft sie der Mut- wie sie die kognitiven, emotionalen und
ter im Aufbau von Beziehungen mit Angehö- sozialen Kompetenzen ihres Kindes fördern
rigen und nahen Freunden. können.

Wirksamkeit Die erste Studie zur Messung der Wirkun- Programme mit einem positiven Wir-
gen des Programms begann 1977 (Olds, kungsnachweis sind zudem Programme, wel-
Henderson, Chamberlin, und Tatelbaum 1986). che nicht bloss Wissen vermitteln, sondern
15 Jahre nach der Intervention konnten so-
wohl bei den Müttern selbst wie bei den Kin- mit den Eltern Fähigkeiten konkret ein-
dern positive Wirkungen nachgewiesen werden. üben und umsetzen,
Bei den behandelten Müttern wurde eine
deutliche Abnahme von sozialem und gesund- die Eltern darin unterstützen, sich Grund-
heitlichem Problemverhalten (44% weniger lagen einer positiven Erziehung dauerhaft
mit Alkohol- und Drogenkonsum zusammen- zu eigen zu machen,
hängendes Problemverhalten, 69% weniger
Verhaftungen) sowie weniger (31%) weitere eine minimale Intensität von mehreren
Schwangerschaften und ein längerer Zeitraum Kurseinheiten durch qualifizierte Trainer,
(+2 Jahre) bis zu einer allfälligen weiteren unterstützendes Material in Form von
Schwangerschaft nachgewiesen. Während in Videos und / oder Merkblättern sowie nach-
der Kontrollgruppe in 19% der Fälle Kinds- folgende Betreuung aufweisen,
misshandlung oder -vernachlässigung festge-
stellt wurde, betrug diese Rate bei den Behan- bei Vorliegen von schweren Erziehungs-
delten nur 4%. Die behandelten Familien und Verhaltensproblemen intensive Pro-
nahmen weniger Sozialhilfe in Anspruch, unter grammvarianten aufweisen, welche auch
anderem, weil eine höhere Rate der behan- die Paarbeziehung einschliessen.
delten Mütter später eine Stelle fand. Die
behandelten Kinder erwiesen sich als schulisch Seit Beginn der 1990er Jahre wurden
erfolgreicher. Als 15-Jährige liefen sie auch verschiedene standardisierte Elternbildungs-
weniger von zu Hause weg (56%), wurden programme entwickelt. Einige umfassen in-
weniger polizeilich angehalten (56%) und zwischen Kurse für verschiedene Altersstufen
konsumierten seltener Alkohol (56%) als Ju- wie auch unterschiedlich intensive Angebote
gendliche in der Vergleichsgruppe. je nach Bedürfnissen und bereits bestehenden
Problemen.6
Elternbildungsprogramme
Unter den wissenschaftlich evaluierten El- Beispiel II:
Eine zweite Gruppe von Programmen ternbildungsprogrammen ist in der Schweiz Positive Paren-
mit einem positiven Wirkungsnachweis sind T R I P L E P am besten bekannt. Das P O S I - ting Program
standardisierte Elternbildungsprogramme, T I V E P A R E N T I N G P R O G R A M wurde (Triple P)
welche problematische Erziehung reduzieren vom australischen Psychologen Mathew San-
und positive Erziehung stärken wollen. In Pro- ders entwickelt und wird in der Schweiz durch
grammen, welche Wirkungen nachweisen das Institut für Familienforschung in Freiburg
können, erhalten Eltern in der Regel Anlei- vertrieben.7 Triple P ist ein kognitiv-behaviora-
tung darin, les Programm, das auf Erkenntnissen über die
familiären Risiko- und Schutzfaktoren basiert,
wie sie das Verhalten des Kindes beobach- welche mit der Entstehung von Verhaltens-
ten und mögliche eskalierende Konflikte problemen bei Kindern und Jugendlichen ver-
im Voraus erkennen können, bunden sind. Das Interventionsmodell von
Triple P basiert auf 5 Prinzipien:
wie sie klare, verhaltensbezogene Ziele set-
zen und konsistent auf Probleme reagieren Sorgen Sie für eine sichere und interessante
können, Umgebung.
Regen Sie Ihr Kind zum Lernen an.
wie sie positives Verhalten verstärken und Verhalten Sie sich konsequent.
mit ihrem Kind eine unterstützende emo- Erwarten Sie nicht zu viel.
tionale Beziehung aufbauen können, Beachten Sie Ihre eigenen Bedürfnisse.

6
Ein Pionier ist allerdings das Gordon Familientraining, das bereits in den 1970er Jahren eingeführt wurde.
7
Für weitere Informationen vgl. die Website von Triple P Schweiz: www.triplep.ch
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 36

familienbasierte prävention
Prävention von Jugendgewalt
36

Angebot Triple P umfasst heute ein ganzes Paket von nen (Aufbau positiver Beziehungen, Umgang
Programmen, welche gemäss dem Grad ihrer mit Problemen im Klassenzimmer, Unterrich-
Intensität (von Informationsbroschüren bis zu ten von emotionalen und sozialen Kompe-
intensiven Therapien) und nach Altersgruppen tenzen) sowie eines für Kinder (Emotionen,
(Kinder von 0 bis 11 Jahren; Teenager) abge- Empathie, andere Kinder verstehen, Umgang
stuft sind. mit Ärger, Regeln in der Schule, mit Erfolg
lernen) enthält. Das Programm ist inzwischen
Bei den in der Schweiz verbreiteten Triple-P- ausser in Englisch auch in Französisch, Spanisch,
Kursen (Stufe 4) sollen die Eltern in vier ca. Norwegisch und Schwedisch – aber nicht in
zweistündigen Sitzungen befähigt werden, Deutsch – verfügbar.
mit bereits komplexen und andauernden Prob-
lemsituationen umzugehen. Anschliessend In Deutschland erfreut sich das vom Starke Eltern –
haben die Eltern in den folgenden Wochen die deutschen Kinderschutzbund angebotene Starke Kinder
Möglichkeit zu vier telefonischen Beratungen Elternbildungsprogramm S T A R K E E LT E R N –
mit einem Triple-P-Trainer. S T A R K E K I N D E R seit einigen Jahren einer
steigenden Beliebtheit.9 Es soll helfen, Erzie-
Triple-P-Kurse wurden in der Schweiz bis vor hungsstress zu reduzieren, Gewalt zu verhin-
kurzem ausschliesslich in Deutsch angeboten. dern und Problemlösungskompetenzen auf-
Seit wenigen Monaten sind im Rahmen von zubauen. Es ist aber hinsichtlich seiner Wirkung
Pilotversuchen auch Kurse in Albanisch, Portu- auf Verhaltensprobleme noch nicht evaluiert.
giesisch und Türkisch möglich.
Familientherapie bei delinquenten
Wirksamkeit Triple-P-Kurse zur Förderung von Erziehungs- Jugendlichen
kompetenzen haben sich in randomisierten
Feldversuchen bei Familien mit einem erhöhten Für bereits gewalttätige oder delin-
Risikoprofil mehrfach als wirksam erwiesen quente Jugendliche verspricht nach aktuellem
(vgl. z.B. Sanders 1999). Positive Effekte wur- Kenntnisstand indizierte Prävention mit The-
den hinsichtlich des verbesserten Erziehungs- rapieprogrammen am ehesten Erfolg. Unter
verhaltens, des positiveren Familienklimas und den verschiedenen Ansätzen können bisher
der Abnahme des beobachteten Problemver- kognitiv-behaviorale Programme der Fami-
haltens bei Kindern im Vorschulalter und im lientherapie, welche gleichzeitig das soziale
Primarschulalter gefunden. Auch bei chinesi- Umfeld (Schule, Lehre, Gleichaltrige, Nach-
schen Eltern mit Erziehungsproblemen in barschaft) einbeziehen, die beste Wirkung
Hongkong sowie bei Minderheiten in Austra- vorweisen. Wir skizzieren im Folgenden einen
lien konnten positive Ergebnisse beobachtet Ansatz, der in der bisherigen Forschung gute
werden. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, Ergebnisse erbracht hat, nämlich die funktio-
dass auch das neu entwickelte Triple-P-Pro- nale Familientherapie.
gramm für Eltern mit Teenagern (12 bis 14 Jah-
re, Kurs mit 8 Einheiten) zu deutlich verbesser- Die funktionale Familientherapie (FFT) Beispiel III:
tem Erziehungsverhalten, besserer psychischer richtet sich an 11- bis 18-jährige, gefährdete Funktionale
Befindlichkeit der Eltern, sowie weniger Kon- oder bereits gewalttätige, delinquente oder Familientherapie
flikten zwischen Partnern sowie gegenüber suchtmittelabhängige Jugendliche und ihre
dem Teenager führt (Sanders 1999). Familien. Dabei wird berücksichtigt, dass der
ethnische und kulturelle Hintergrund dieser
Varianten Im Grundanliegen ähnlich ist das Pro- Population äusserst vielfältig ist.10
Incredible Years gramm I N C R E D I B L E Y E A R S , das von der
amerikanischen Psychologin Carolyn Webster- Es lassen sich fünf aufeinanderfolgende
Stratton entwickelt wurde. Es richtet sich an Hauptziele formulieren: Zunächst geht es
Eltern von Kindern mit Problemverhalten im darum, die Jugendlichen und ihre Familien zu
Alter zwischen 3 und 8 Jahren und wird durch erreichen, zur Teilnahme zu motivieren und
sehr starke Evaluationsergebnisse in sechs einen frühzeitigen Abbruch zu verhindern
randomisierten Feldversuchen gestützt.8 Eine («Engagement»). Zweitens wird versucht, die
besondere Qualität von Incredible Years ist, für diese Familien oft typische Negativität ab-
dass es neben Programmen zur Förderung zumildern, inadäquate emotionale Reaktionen
elterlicher Erziehungspraktiken und sozialer und Einstellungen zu ändern sowie die Bin-
Kompetenzen auch ein Modul für Lehrperso- dung an das Programm, das Vertrauen in den

8
Für weitere Informationen vgl. www.incredibleyears.com
9
Für weitere Informationen vgl. www.starkeeltern-starkekinder.de
10
Für weitere Informationen vgl. die Website der Functional Family Therapy: http://www.fftinc.com
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 37

familienbasierte prävention
Prävention von Jugendgewalt
37

Therapeuten und die Hoffnung und Motiva- allerdings die Elternbildung durch die öffent-
tion für dauerhafte Veränderungen zu stärken liche Hand in sehr bescheidenem Ausmass ge-
(«Motivation»). Nachdem eine befriedigende fördert. So kommt der Schweizerische Bund
Anbindung an das Programm gewährleistet für Elternbildung (SBE) in seinem 2004 publi-
ist, wird – drittens – die Verflechtung des be- zierten Bericht zum Schluss, dass die Elternbil-
troffenen Jugendlichen und seiner Familie in dung in der Schweiz nach wie vor «ein Schat-
verschiedenen Netzwerken untersucht. Dabei tendasein fristet, kaum finanziell unterstützt
werden die zwischenmenschlichen Funktionen wird und mehrheitlich ehrenamtlich realisiert
von Verhaltensweisen und ihr Bezug zu Ver- wird».11 Nur in einem Viertel der Kantone der
haltensänderungstechniken eruiert («Prob- Schweiz existieren Dachorganisationen, wel-
lemeinschätzung»). Viertens soll die Kommu- che die Elternbildung im Bildungs- und Sozi-
nikation und gegenseitige Unterstützung in alwesen vernetzen und Informationsarbeit
der Familie verbessert werden. Parallel dazu betreiben können.
gilt es, mögliche Lösungen für Verhaltensprob-
leme zu identifizieren und wirkungsvolle Stra- Regional bestehen grosse Unterschiede
tegien der Verhaltensänderung zu erarbeiten in der Verbreitung von Elternbildungsange-
(«Verhaltensänderung»). Fünftens werden boten und der Verankerung von Elternbil-
vorhandene nachbarschaftliche Ressourcen in dung im weiteren Feld des Sozial- und Bil-
die Strategie miteinbezogen, um die Erhal- dungswesens. Dank der Verankerung der
tung und Verallgemeinerung von positiven Elternbildung im Jugendhilfegesetz mit re-
Änderungen in der Familie zu sichern («Gene- gionalen Geschäftsstellen für Elternbildung
ralisierung»). und einem attraktiven Kursangebot ist der
Kanton Zürich auf diesem Gebiet führend. An-
Angebot Das Programm wird von Familientherapeuten dere Kantone verfügen über ein sehr viel be-
geleitet, die jede Familie in einem klinischen grenzteres Angebot.
Rahmen individuell betreuen. Neuerdings wur-
den auch FFT-Programme entwickelt, die eine Gemäss dem Schweizerischen Bund für
Behandlung zu Hause vorsehen und sich spe- Elternbildung besuchten im Jahr 2004 rund
ziell an mehrfach belastete Familien mit mul- 48 000 Personen eine der rund 2500 Elternbil-
tiethnischem Hintergrund richten. In der Regel dungsveranstaltungen in der Schweiz. Das An-
werden nur rund 10 Stunden eigentliche The- gebot erstreckt sich von Kursen zu Schwan-
rapiearbeit je Familie aufgewendet, bei schwe- gerschaft und Säuglingsalter über Angebote
ren Fällen (z.B. nach der Rückkehr aus einer sta- zu Kinderziehung und Umgang mit Problemen
tionären Massnahme) höchstens 26 Stunden. während der Adoleszenz bis hin zu Veranstal-
tungen über Partnerschaft, Adoption oder die
Wirksamkeit Klinische Versuche zeigen, dass die FFT eine Situation von Kindern in der Scheidung. In den
wirkungsvolle Behandlung Jugendlicher mit letzten zehn Jahren kann vor allem eine Zu-
Verhaltensstörungen und Jugendlichen mit nahme von standardisierten Kursen und Pro-
Sucht- oder Gewaltproblemen ermöglicht. Sie grammen beobachtet werden, welche in der
verhindert auch, dass solche Jugendliche in res- Regel einer gewissen Qualitätskontrolle unter-
triktivere (und teurere) Behandlungen gelan- liegen. Jedoch wurde unseres Wissens ausser
gen oder andere Sozialdienste in Anspruch Triple P keines der angebotenen Programme –
nehmen müssen. Bezüglich der Rückfallquote sei es im Ausland oder in der Schweiz – hin-
wurde je nach Programm und Studie eine Re- sichtlich der Wirksamkeit evaluiert.
duktion zwischen 25% und 50% nachgewiesen.
Die Programmeffekte hielten auch 5 Jahre Die universelle Elternbildung in der Es braucht mehr
nach der Intervention an. Schweiz hat ihr präventives Potential noch evidenzbasierte
nicht ausgeschöpft. Sie benötigt allerdings Elternbildung
Familienbasierte Prävention in zusätzliche finanzielle und organisatorische
der Schweiz Ressourcen, um ein flächendeckendes Ange-
bot aufzubauen, innovative Projekte zu för-
Elternbildung Dass Eltern in die Prävention einbezo- dern, die Öffentlichkeitsarbeit zu intensi-
wird wenig gen und ihre Erziehungskompetenzen durch vieren und die Zusammenarbeit mit der
unterstützt Fachpersonen unterstützt werden sollten, ist Forschung zu verbessern.12 Hierzu gehört eine
ein altes Postulat der schweizerischen Fami- vermehrte Orientierung an evidenzbasierten
lienpolitik. Im Gegensatz zu anderen Berei- Programmen, die auf verschiedene Altersstu-
chen des Sozial- und Bildungswesens wird fen abgestimmt sind.

11
Auf der Website des Schweizerischen Bundes für Elternbildung unter «Über uns»: http://www.elternbildung.ch.
12
Vgl. Elternbildung in der Schweiz, S. 5, unter: http://www.elternbildung.ch/images/4_Elternbildung_Schweiz.pdf
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 38

familienbasierte prävention
Prävention von Jugendgewalt
38

Schliesslich bestehen auch im Bereich keit auch nur ansatzweise einschätzen lassen.
von indizierter familienbasierter Prävention Es scheinen daher generell alle Anstrengun-
mit bereits auffälligen Jugendlichen Angebote gen sinnvoll, die Massnahmen im Bereich der
in der Schweiz. Insbesondere wurden seit Elternunterstützung und -bildung vermehrt
Ende der 1980er Jahre in verschiedenen Kan- bezüglich ihrer Wirkungen evaluieren.
tonen (vor allem in der deutschsprachigen
Schweiz) sowie durch die Pro Juventute Familiäre Prävention und Eltern
Angebote der S O Z I A L P Ä D A G O G I S C H E N mit Migrationshintergrund
F A M I L I E N B E G L E I T U N G aufgebaut. Die Sozial-
pädagogische Familienbetreuung besteht aus Immigrierte Eltern mit geringen Bil- Familien mit
zeitlich befristeten Interventionen in Familien, dungsressourcen sind eine wichtige Zielgrup- Migrations-
die sich in einer akut schwierigen Lebens- pe für familienbasierte Gewaltprävention – hintergrund
situation befinden. verstanden als Teil einer breiten Förderung werden zu
der psycho-sozialen Entwicklung von Kindern wenig erreicht
Wie aber bereits in der kollektiven Ex- und Jugendlichen. Allerdings gibt es überall in
pertise des Bundesamtes für Gesundheit der Schweiz zu wenig Programme und Akti-
(2004) über Prävention zu Gunsten gefährde- vitäten, welche auf die Bedürfnisse von immi-
ter Kinder und Jugendlicher festgestellt wurde, grierten Eltern ausgerichtet sind und die
sind bisher ganz wenige dieser Angebote so angestrebten Zielgruppen T A T S Ä C H L I C H zu
evaluiert, dass sie sich bezüglich ihrer Wirksam- erreichen vermögen.

Tabelle 9: Angebote im Bereich der Elternbildung in der Schweiz:

Bereich Programme / Angebote – Beispiele

Schwangerschaft / Baby PEKiP (Prager Eltern-Kind Programm)


Unstandardisierte Kursangebote zu Schwangerschaft, Baby-
massage, Säuglingspflege, Erschöpfungszuständen der Mutter,
Schreibabies etc.

Elternbildung Vielfältige unstandardisierte Kursangebote für unterschiedliche


Altersgruppen und Elternkonstellationen

Standardisierte Programme
Triple P (Matthew Sanders)
Starke Eltern – Starke Kinder (Deutscher Kinderschutzbund, in
der Schweiz im Aufbau)
Was Eltern wissen sollten / Ce que les parents devraient savoir
(Rerrez, Minsel & Wimmer)
STEP – das Systematische Training für Eltern (Dinkmayer, McKay
& Dinkmeyer)
Gordon Familientraining / Familienkonferenz (Thomas Gordon)
Etre parents aujourd’hui (Don Gordon)

- Spezifische Angebote für Migrantinnen (FemmesTische, Deutsch-


kurse für Migrantinnen)

Therapieprogramme für Verschiedene unstandardisierte Therapieangebote


Familien von Jugendlichen Sozialpädagogische Familienbegleitung (Pro Juventute und andere)
mit Verhaltensproblemen
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 39

familienbasierte prävention
Prävention von Jugendgewalt
39

Nicht-medizini- So haben Migrantinnen einen deutlich Unsere eigenen Erfahrungen im Rahmen Ansätze zum
sche Geburts- schlechteren Zugang zur peri- und postnatalen des Präventionsprojektes Z I P P S ( Z Ü R C H E R Erreichen
vorbereitung Versorgung in der Schweiz.13 Dies betrifft vor INTERVENTIONS- UND PRÄVENTIONSPRO- bildungsferner
und Betreuung allem nicht-medizinische Angebote (etwa JEKT AN SCHULEN) zeigen jedoch, dass immigrierter
Geburtsvorbereitungskurse), die kaum in An- langfristig angelegte Informations- und Moti- Eltern
spruch genommen werden. Angesichts der vationsstrategien notwendig sind, um Eltern-
Bedeutung von Prävention in dieser ersten Le- bildung unter bildungsfernen immigrierten
bensphase für die spätere psycho-soziale Ent- Eltern bekannter zu machen und stärker zu
wicklung besteht hier ein erhebliches Defizit. verankern. So ist es im Zürcher Interventions-
und Präventionsprojekt an Schulen, zipps,
Gegenwärtig sind von verschiedenen trotz kostenlosem Kursbesuch, fremdsprachi-
Seiten – beispielsweise im Rahmen der gen Kursen, Kinderhütedienst und aufwändi-
Bundesstrategie M I G R A T I O N U N D G E S U N D - ger Werbung nur sehr beschränkt gelungen,
H E I T 2 0 0 2 B I S 2 0 0 6 – Bemühungen im Gan- die Angehörigen von wenig integrierten
ge, diese Lücken zu füllen.14 So hat in Basel die fremdsprachigen Minderheiten zum Besuch
S C H W E I Z E R I S C H E K O O R D I N AT I O N S S T E L L E der Kurse zu bewegen.
F Ü R M I G R AT I O N U N D R E P R O D U K T I V E G E -
S U N D H E I T mit dem Aufbau eines Angebots Neben anderen Faktoren scheint ein we-
zur Geburtsvorbereitung für Migrantinnen in sentlicher Grund zu sein, dass für eine grössere
mehreren Regionen begonnen.15 Es wäre für Akzeptanz solcher Elternbildungsangebote
eine langfristige Prävention von Verhaltens- langfristige Informationsarbeit nötig ist, weil
problemen wohl sinnvoll, Bestrebungen zu die dahinter stehenden Ideen oft ungewohnt
fördern, welche mütterlichen Stress abbauen sind. Fremdsprachige Kurse müssten daher,
helfen, den Aufbau emotional tragender Be- begleitet von entsprechender Informationsar-
ziehungen unterstützen und Kompetenzen beit, über mehrere Jahre kontinuierlich ange-
im Umgang mit Säuglingen vermitteln. boten werden.

Elternbildung Die Angebotslücken für Eltern von Ein interessanter Ansatzpunkt zur Infor-
für Migrantinnen Kleinkindern und Kindern im Primarschulalter mationsarbeit ist das Projekt F E M M E S -
und Migranten dürften noch ausgeprägter sein. Gespräche T I S C H E . FemmesTische wurde 1996 entwickelt
mit Vertreterinnen der Elternbildung ergeben und ist ein Projekt der Gesundheitsförderung
jedenfalls, dass das bestehende Angebot der für Migrantinnen. Es basiert auf der Idee, dass
Elternbildung in erster Linie sozial gut inte- informelle persönliche Kontakte und Gesprä-
grierte Mittelschichteltern schweizerischer che gerade unter bildungsfernen Gruppen oft
Nationalität erreicht. Mehrere Faktoren sind besser funktionieren als Vorträge oder schrift-
dafür verantwortlich, dass Migrantinnen und liche Informationen. Bei FemmesTische laden
Migranten nicht ausreichend erreicht werden. daher vorher ausgebildete Fachfrauen aus
Zu Barrieren infolge tiefer Bildung, geringen dem jeweiligen Kulturkreis andere Frauen zu
Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, fehlenden sich nach Hause ein, um dort über Gesund-
Sprachkenntnissen und anderen Erziehungs- heitsprobleme zu sprechen. Die Erfahrungen
vorstellungen kommen materielle Hindernisse zeigen, dass dieser Ansatz erfolgreich Mi-
wie die Kosten von Elternbildungskursen, oft grantinnen zu erreichen vermag und vermut-
unregelmässige Arbeitszeiten und die Kosten lich die Bereitschaft zu einer weitergehenden
für eine allfällige Kinderbetreuung während Nutzung von Präventionsangeboten stärkt
des Kursbesuches hinzu. Erst vor kurzen sind (obwohl keine gesicherten Kenntnisse über
erste Versuche angelaufen, Programme zur die Wirksamkeit vorliegen).
Förderung von Erziehungskompetenzen auch
in einigen wichtigen Sprachen von Migrantin-
nen und Migranten anzubieten (Triple P in
Albanisch, Türkisch und Portugiesisch).

13
Vgl. Newsletter 3/2003 der Fachstelle Gesundheit und Migration der Caritas Schweiz, http://www.caritas.ch/gesundheit
14
Vgl z.B. den Evaluationsbericht Anna Vettori, Stephan Hammer, Rea Bonzi, Nicolas Schmidt (2005) Zwischenevaluation Projekt Migration und Reproduktive Gesundheit im Auftrag des
Bundesamtes für Gesundheit (http://www.bag.admin.ch/cce/studien/migrationgesund/d/reprges05/berichtreprges05.pdf). Der Bericht kommt zum Schluss, dass eine Beurteilung der
erreichten Wirkungen nicht möglich ist.
15
Weitere Projekte in diesem Bereich sind beispielsweise conTATTO in Zürich (Babymassagekurse für Eltern aus verschiedenen Kulturen) oder das (abgeschlossene) Schulungsprojekt für tür-
kische Mütter und die Frühförderung ihrer Kinder, Scherer-Korkut, Yesim (1998) Bericht über ein Schulungsprojekt für türkische Mütter und die Frühförderung ihrer Kinder, in: Marie-Meier-
hofer Institut für das Kind (Hrsg). Startbedingungen für Familien. Zürich: Pro Juventute.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 40

familienbasierte prävention
Prävention von Jugendgewalt
40

Fazit

Die Förderung von elterlichen Erziehungskompetenzen in allen


Lebensphasen ist ein wirksamer Beitrag zur universellen Prävention
von Problemverhalten bei Kindern und Jugendlichen. Sie sollte in der
Schweiz systematischer unterstützt werden.

Vor allem sollten Kursangebote, deren Wirksamkeit wissenschaftlich


geprüft wurde und deren Umsetzung einer strengen Qualitätskon-
trolle unterliegt, in der Schweiz breiter gefördert werden.

Universelle Prävention erreicht im familiären Bereich immer nur


einen Teil der Zielgruppen. Sie sollte daher durch Angebote der
selektiven und indizierten Prävention ergänzt werden. Beispiels-
weise ist darüber nachzudenken, in welchem Masse Eltern von straf-
fälligen oder aggressiven Kindern und Jugendlichen zum Besuch
relevanter Elternbildungsangebote verpflichtet werden können.

Für Eltern mit Migrationshintergrund besteht eine klare Unterver-


sorgung im Bereich der Elternbildung. Es ist geboten, mehr An-
strengungen zu unternehmen, so dass diese Gruppen erreicht werden.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 41

schulische prävention
Prävention von Jugendgewalt
41

5
Schulische Prävention
Schulische Die Schule ist aus vier Gründen ein zen- tungserwartungen haben, welche die Jugend-
Faktoren traler Ort für Gewaltprävention: Erstens, weil lichen unter übermässigen Druck stellen.
Plagen, Drangsalieren und Gewalt auf allen Schliesslich können Delinquenz und Gewalt
Altersstufen negative Wirkungen auf das ihrerseits eine Ursache für schulische Probleme
Schul- und Lernklima haben, die es zu verhin- sein (Thornberry 1996). Dies liegt nicht nur da-
dern gilt; zweitens, weil die Schule die Lebens- ran, dass Schwänzen, Prügeln und Disziplinar-
chancen von Kindern prägt und ihr damit strafen ganz direkt einer schulischen Karriere
auch eine Verantwortung für die Prävention nicht dienlich sind. Vielmehr kann aggressives
von Problemverhalten zukommt; drittens, Verhalten bereits in der Primarschule zu einer
weil schulische Programme ausnahmslos alle Rückweisung durch sozial kompetente und
Kinder und Jugendlichen erreichen, was oft schulisch überlegene Gleichaltrige und
heisst, dass sie als Schutzfaktoren gegen damit zu weniger Unterstützung im Lernpro-
schwer beeinflussbare ausserschulische Risiko- zess führen.
faktoren (Familie, Nachbarschaft etc.) wirken
können; und viertens, weil von der Schule aus Die Wahrscheinlichkeit von Gewalt kor- Schulklima
Präventionsaktivitäten in Familie, Freizeit und reliert ausserdem mit Merkmalen von Schul-
Nachbarschaft angestossen und unterstützt klassen oder Schulhäusern. Schulhäuser mit
werden können. einem schlechten Schulklima, einem negativen
Lehrer-Schüler-Verhältnis und unklarer oder
Schulische Risikofaktoren als ungerecht empfundener Durchsetzung
von Regeln haben oft überdurchschnittlich
Gewalttätige Die Wahrscheinlichkeit von Gewalt viele Probleme mit Gewalt. Zu einem grossen
Jugendliche korreliert mit schulischen Merkmalen von Teil hat dies mit den individuellen Merkmalen
gehen nicht Jugendlichen. Hierzu gehören S C H W A C H E der Schülerinnen und Schüler zu tun, die ein
gern zur Schule S C H U L I S C H E L E I S T U N G E N , eine T I E F E bestimmtes Schulhaus besuchen. Wo viele
L E I S T U N G S M O T I V A T I O N , eine G E R I N G E schwierige Kinder in die Schule gehen, ist in
BINDUNG AN DIE SCHULE, HÄUFIGES der Regel auch das Schulklima schlecht und
SCHWÄNZEN und G E R I N G E B E R U F L I C H E das Aggressionsniveau hoch.
A S P I R A T I O N E N . In nach Leistung abgestuf-
ten Schulsystemen (wie in Deutschland und Jedoch sind Klassenverbände und Schul- Schlechtes
der Schweiz) weisen daher die unteren Schul- häuser als soziale Einheiten auch U R S Ä C H - Schulhausklima
stufen einen erhöhten Anteil von gewalttäti- L I C H an der Entstehung von Gewalt beteiligt und unklare
gen Jugendlichen auf. Allerdings haben (Gottfredson 2001; Meier 1997; Riedel und Regeln erhöhen
aggressiv auffällige Kinder bereits in der Welsh 2002; Welsh 2001). Mangelnde Klarheit Gewaltrisiko
Primarschule eher schulische Probleme. über Verhaltensregeln und inkonsistente
Durchsetzung von bestehenden Regeln bei-
Schulprobleme Drei Mechanismen sind für diesen Zu- spielsweise sind Merkmale von Schulen (und
und Gewalt sammenhang verantwortlich. Zum einen teilen Klassen), die mit einer höheren Wahrschein-
haben gemein- Schulprobleme und aggressives Verhalten viele lichkeit von Problemverhalten verschiedenster
same Ursachen Ursachen. Zum Beispiel haben Persönlichkeits- Art einhergehen. Ausserdem unterscheiden
merkmale wie geringe Selbstkontrolle und fa- sich Schulen im Ausmass, in dem sie Kindern
miliäre Risikofaktoren wie inkonsistente Erzie- emotionale Unterstützung bieten und bei-
hung sowohl auf die schulische Leistung wie spielsweise dem systematischen Ausschluss
auch auf aggressives Verhalten Auswirkungen von einzelnen Kindern entgegenwirken.
(vgl. z.B. Gottfredson und Hirschi 1990). Zwei- Schulen mit geringer emotionaler Unterstüt-
tens können schulische Probleme Stress auslö- zung der Kinder und mangelnder Förderung
sen und als Folge davon Gewalt und andere von Zusammenhalt zwischen den Schülerin-
Formen von Delinquenz begünstigen (z.B. nen und Schülern laufen eher Gefahr, mit Ge-
Agnew 1992). Engel und Hurrelmann (1998) waltproblemen konfrontiert zu sein. Und drit-
etwa argumentieren, dass schulisches Versagen tens haben Schulen eher mit Problemen zu
vor allem dann mit einem erhöhten Risiko für kämpfen, welche Lernfreude und geistige
Gewalt einher geht, wenn die Eltern hohe Leis- Entwicklung nur unzureichend fördern. Bei
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schulische prävention
Prävention von Jugendgewalt
42

Schulen der Oberstufe kommt schliesslich hin- Vorschulische Förderung


zu, dass die Verfügbarkeit von Drogen, Alko- von Kindern
hol oder Waffen auf dem Schulgelände zu
einem aggressiven und Gewalt fördernden Ein erster Typus von Interventionen mit
Klima beiträgt. einer nachhaltigen Wirkung sind qualitativ
hochwertige vorschulische Unterrichtsange-
Typen schulischer Prävention bote für gefährdete Kinder im Alter von 3 bis
5 Jahren. Zentrales Ziel ist hier eine gezielte
Fünf Grundtypen Man kann daher zwei Arten von schuli- Förderung der kognitiven, sprachlichen und
von schulischer scher Prävention unterscheiden. Ein erster An- sozialen Entwicklung der Kinder. Soziale und
Prävention satz zielt darauf ab, den Schülerinnen und kognitive Kompetenzen gehören zu den
Schülern jene Kompetenzen zu vermitteln, die wichtigsten direkten Schutzmechanismen ge-
als Schutzfaktoren dem Entstehen von Ver- gen die Entstehung von Verhaltensproblemen
haltensproblemen entgegenwirken. Ein zwei- während der späteren Entwicklung. Gleich-
ter Ansatz betrachtet die Schule oder das Klas- zeitig mindern solche Förderprogramme das
senzimmer als soziales System und versucht, Risiko von schulischen Problemen, welches
die Interaktionen und Entscheidungen in einem ihrerseits einen Risikofaktor für Verhaltens-
Schulhaus zu verbessern. In der Regel enthalten probleme darstellen. Oft werden sie mit Eltern-
konkrete Programme Elemente von beiden bildungsprogrammen verbunden.
Ansätzen. Tabelle 10 zeigt eine Übersicht von
fünf Grundtypen von schulischen Präventions- Ein beeindruckendes Programm ist das P E R R Y
programmen, für welche international eine P R E S C H O O L P R O J E C T ( P P P ) von Schwein-
relativ breite Evaluationsliteratur existiert (für hart, Barnes und Weikart (1993).16
eine Übersicht vgl. Gottfredson 2002).
Das PPP richtet sich an 3- bis 4-jährige Kinder Beispiel I:
Wir diskutieren im Folgenden jene drei aus benachteiligten Familien. Es verfolgt das Das Perry
Ansätze, für welche eine Wirkung im Sinne von Ziel, die spätere Schulleistung der Kinder Preschool
Gewaltprävention relativ gut dokumentiert ist. durch qualitativ hochstehende Vorschulbil- Program (PPP)

Tabelle 10: Evidenzbasierte Programme der schulischen Gewaltprävention

Art des Programms Alter Bemerkungen

A) Individuell ausgerichtete Programme


Vorschulische Förderung von sozialen 3 bis 5 Jahre Selektiv für belastete Kinder, guter
und kognitiven Kompetenzen Wirkungsnachweis

Curricula zur Förderung von sozialen 5 bis 11 Jahre Universell oder selektiv in belasteten
Kompetenzen mit kognitiv-verhaltens- Schulen; guter Wirkungsnachweis
orientierten Elementen

B) Auf Schule ausgerichtete Programme


Programme zur Verbesserung des Klassen- alle Schulstufen Universell oder selektiv in Schulen
und Schulhausmanagements mit Problemen; guter Wirkungs-
nachweis

Mediations- und Konfliktbewältigungs- alle Schulstufen Wirksamkeit kontrovers


programme

Informations- und Sensibilisierungs- alle Schulstufen Universell; bezüglich Verhalten


kampagnen kein Wirkungsnachweis

16
Die Webseite des Projektes lautet: http://www.highscope.org/Research/PerryProject/perrymain.htm
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schulische prävention
Prävention von Jugendgewalt
43

dung zu verbessern. Damit soll der Zusammen- In den Niederlanden wurde das Programm Umsetzungen
hang zwischen ökonomischer Benachteiligung unter dem Namen K A L E I D O S C O O P einge- in Europa
und schulischem Misserfolg aufgebrochen führt. Auch dort konnten sorgfältige Evalua-
werden. Vom schulischen Erfolg wird erwartet, tionen die Wirksamkeit des Programms nach-
dass sich hieraus bessere Chancen auf dem weisen. Ähnlich gestaltet sich auch das
Arbeitsmarkt und eine geringere Verwicklung Programm P Y R A M I D E , das sich aber speziell
in die Delinquenz ergeben. an Kinder aus Migrantenfamilien in ethnisch-
kulturell heterogenen Stadtquartieren wen-
Angebot Beim PPP handelt es sich um eine zweijährige det.17 Zusammen mit Kaleidoscoop ist es das
Intervention mit einem Pensum von 2,5 Stun- einzige Programm, welches gemäss Kriterien
den pro Tag, 5 Tage pro Woche und 7 Monate von C O M M U N I T I E S T H A T C A R E in den
pro Jahr. Wöchentliche Hausbesuche durch Niederlanden das Prädikat «effektiv» statt nur
einen Lehrer sind fester Bestandteil des Pro- «vielversprechend» trägt.
gramms. Fünf Komponenten tragen zum
Erfolg des Models bei. 1) Der an die Entwick- In Grossbritannien wird das Ziel einer umfas-
lung des Kindes angepasste Lehrplan betrach- senden frühzeitigen pädagogischen Förde-
tet Kinder als aktive, selbstmotivierte Lernende. rung von Kindern durch die seit 1997 ins Leben
Sie können ihre Lernaktivitäten selbst bestim- gerufenen E A R LY E X C E L L E N C E C E N -
men und ein spielerischer Umgang mit der T E R S umgesetzt. Sie sind darauf ausgerich-
Sprache wird besonders gefördert. 2) Kleine tet, in den am stärksten benachteiligten Stadt-
Klassen von bis zu 20 Kindern mit mindestens quartieren die Entwicklung von Kindern in
zwei Lehrkräften bürgen für eine unterstüt- einem frühen Lebensalter gezielt zu fördern
zende Lernumgebung und gewähren eine bes- und Bildung, Gesundheitsfürsorge, Betreuung
sere Aufsicht. 3) Die Lehrkräfte sind auf früh- sowie Unterstützung und Entlastung von
kindliche Belange spezialisiert und werden Familien miteinander zu verbinden.18
angemessen weitergebildet und begleitet. Sie
bauen auch einen aktiven Kontakt zu den Schulcurricula zur Förderung
Eltern auf. 4) Nebst pädagogischen Angeboten sozialer Kompetenzen
geht das PPP auf andere Bedürfnisse benach-
teiligter Kinder und ihrer Familien ein, z.B. Delinquente und gewalttätige Jugendli- Was sind soziale
durch Mittagsangebote oder durch die Ver- che haben häufig Defizite im Bereich K O G N I - Kompetenzen?
mittlung an andere Sozialdienste. 5) werden TIVER UND SOZIALER KOMPETENZEN,
Aktivitäten und Leistungen sowohl der Lehr- welche sich oft schon in der Kindheit fest-
kräfte als auch der Kinder laufend begleitet stellen lassen. K O G N I T I V E K O M P E T E N Z E N
und evaluiert. meint ein Bündel von Fähigkeiten zur Wahr-
nehmung von Anderen und sich selbst und
Wirksamkeit Das High / Scope Perry Preschool Program be- beinhaltet die Fähigkeit, Impulse zu kontrol-
gann 1970 als randomisierter Feldversuch mit lieren (d.h. zu denken, bevor man handelt),
123 sozio-strukturell stark benachteiligten Risiken angemessen einzuschätzen, Gefühle
afro-amerikanischen Kindern im Alter von 3 bis von Anderen richtig zu erkennen, sowie ver-
4 Jahren. Die Entwicklung der Programmteil- schiedene Lösungen für eine Problemsitua-
nehmer und der Kontrollgruppe wurde bis ins tion verfügbar zu haben. S O Z I A L E K O M P E -
Alter von 27 Jahren untersucht. T E N Z E N hingegen meint spezifischer die
Fähigkeit, angemessen mit Anderen zu spre-
Dabei zeigten sich für die Teilnehmer des Vor- chen und zu interagieren, Bedürfnisse zu äus-
schulprogramms sern und Regeln des Zusammenlebens zu
befolgen. Fehlende soziale und kognitive
63% weniger Personen mit 5 oder mehr poli- Kompetenzen sind als Risikofaktor für Gewalt
zeilichen Festnahmen, gebührend belegt. Gleichzeitig sind sie Risi-
68% weniger Festnahmen wegen Drogenhan- kofaktoren für andere Formen von Problem-
dels, verhalten wie Stehlen oder Schwänzen.
26% weniger Empfänger von Sozial- oder Für-
sorgehilfen, Kognitive und soziale Basiskompetenzen Grundidee
31% mehr Maturitätsabschlüsse, werden ab den ersten Lebensjahren und wäh-
fast doppelt so viele Hausbesitzer, rend der gesamten Kindergarten- und Pri-
drei Mal so viele Personen mit einem Einkom- marschulzeit erlernt. Vor- und Grundschule
men von mehr als $ 2000 / Monat. bieten einen Rahmen, in dem der Erwerb die-

17
Für die englischsprachige Übersicht vgl. http://www.nizw.nl/Docs/Internationaal/Jeugd/Factsheets/EarlyChildhood.pdf
18
Für weitere Information und Links vgl. http://www.britishcouncil.de/d/education/ecec.htm
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schulische prävention
Prävention von Jugendgewalt
44

ser Fertigkeiten bewusst gefördert werden Aggressive Schemata der Informationsver-


kann. Solche Sozialkompetenztrainings beste- arbeitung
hen in der Regel aus einem strukturierten Pro- Ungenügende Selbstkontrolle
gramm von Lektionen, welche in den schuli- Defizite im Umgang mit sozialen Problemen
schen Alltag eingebettet sind und deren Abweichende und aggressive Überzeu-
Umsetzung im Alltag durch konkrete Übun- gungen
gen und Techniken der Generalisierung (z.B. Fehlende Kompetenzen in prosozialer
Anwenden von Regeln während des ganzen Interaktion
Schultages) unterstützt wird. Schulische Sozi-
alkompetenztrainings haben den praktischen Tabelle 11 zeigt einige der bekannteren
Vorteil, dass sie die gesamte Zielpopulation und evaluierten Sozialkompetenzprogramme.
(z.B. Kindergarten, Schule) erreichen können,
dass sie in der Regel vergleichsweise geringe Warum sich Programme in einigen Eva- Warum sind
Kosten verursachen und dass die Umsetzung luationen als erfolgreich erweisen und ande- einige Programme
relativ einfach ist. Sie haben insgesamt einen re nicht, ist nicht völlig geklärt. Zwei Faktoren wirksamer als
guten und breit abgestützten Wirkungsnach- scheinen eine Rolle zu spielen: Zum einen andere?
weis (Lösel und Beelmann 2003). kommt es auf U M F A N G U N D Q U A L I T Ä T des
Unterrichts an. Wirksame Programme werden
Beeinflusste Verschiedene Programme zur Förderung in der Regel mindestens während 60 Minuten
Risikofaktoren sozialer und kognitiver Kompetenzen unter- pro Woche unterrichtet. Der Unterricht wird
scheiden sich in den Schwerpunkten, die sie durch eine sorgfältige Ausbildung vorbereitet
bei der Beeinflussung von Risikofaktoren set- und anschliessend im Rahmen einer Qualitäts-
zen. Allerdings beinhalten fast alle Program- kontrolle betreut. Zudem scheint die U N T E R -
me Elemente, welche auf folgende Faktoren R I C H T S F O R M eine wichtige Rolle zu spielen.
Einfluss zu nehmen versuchen. Sozialkompetenzprogramme, welche schwer-

Tabelle 11: Übersicht über bekannte schulische Sozialkompetenzprogramme

Name Altersgruppe Schwerpunkte Wirksamkeit


nachgewiesen

Fit und Stark Kindergarten Soziale und emotionale Kompetenzen, Ja


fürs Leben bis 4. Klasse Lebenskompetenzen
(Klett Verlag)

I Can Problem Solve 4 bis 9 Jahre Wahrnehmung Ja


(Shure and Spivak) Problemlösen
(Deutsch von Lösel, Umgang mit Anderen
Nürnberg) Erkennen von Gefühlen

PATHS
(Deutsch als PFAD in 5 bis 12 Jahre Emotionale Kompetenzen Ja
Pilotversuch, Eisner) Selbstkontrolle
Soziale Kompetenzen
Interpersonelles Problemlösen

Second Step Kindergarten Empathie Nein


(Committee for Children) bis 9. Schuljahr Impulskontrolle (teils wider-
(deutsch als Faustlos) Umgang mit Wut sprüchlich)
Problemlösen

Verhaltenstraining 1. und 2. Klasse Soziale und emotionale Unbekannt


für Schulanfänger Kompetenzen
(Petermann et al. 2002)
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schulische prävention
Prävention von Jugendgewalt
45

gewichtig mit aktiver Teilnahme, praktischen ihrerseits in 2- bis 3-tägigen Workshops in das
Übungen, Rückmeldungen an die Kinder und Programm eingeführt. Ihnen stehen während
der Anwendung des Wissens im schulischen des Programms Berater zur Seite, die sie im
Alltag arbeiten, zeigen häufig positive Effek- Zweiwochenrhythmus aufsuchen.
te. Programme, welche eher auf die «klassi-
sche» Methode der Wissens- und Kompetenz- Für sämtliche einleitend erwähnten Gruppen Wirkungen
vermittlung in Schulen wie das Vermitteln der von Kindern konnten bei Programmabsolven-
Lerninhalte durch Frontalunterricht, Übungs- ten im Vergleich zu Kontrollgruppen Verbes-
blätter und eventuell abschliessender Diskus- serungen beim Grad an Selbstkontrolle, dem
sion bauen, können hingegen keine Effekte Verstehen und Erkennen von Emotionen, der
aufweisen. Kognitiv-verhaltensfokussierte Pro- Frustrationstoleranz, der Verwendung wirksa-
gramme erweisen sich mithin als den «unter- merer Konfliktbewältigungsmuster sowie der
richtenden» Programmen überlegen. Denk- und Planungsfähigkeiten festgestellt
werden. Entsprechend äusserten «behandelte»
Beispiel II: Zu den am besten evaluierten Programmen Kinder weniger Beklemmungs- und Angstge-
Promoting gehört das von Mark Greenberg und Carol fühle und wiesen weniger Benehmens- und
Alternative Kusché entwickelte PATHS (Promoting Alterna- Gewaltprobleme auf (Greenberg, Kusché, und
Thinking tive Thinking Strategies).19 Wie es der Name Mihalic 1998; Kam, Greenberg, und Kusche
Strategies PATHS nahe legt, setzt sich das P R O G R A M M Z U R 2004).
FÖRDERUNG A LT E R N A T I V E R DENK-
S T R A T E G I E N ( P F A D ) das Ziel, emotionale Programme zur Verbesserung des
und soziale Kompetenzen von Kindern zu för- Schulhausmanagements, des Klassen-
dern und aggressives und anderes Problem- managements und der Durchsetzung
verhalten zu mindern, was nicht zuletzt dem von Regeln und Ordnungen
Lernprozess zugute kommen soll. PFAD wird
als Teil des Lehrplans vermittelt und richtet sich Hier handelt es sich um Programme,
grundsätzlich an alle Kinder im Primarschulal- welche innerhalb einer Schule klare Verhal-
ter. Es hat auch bei Kindern mit besonderen tensregeln aufstellen und diese systematisch
Bedürfnissen (schwerhörige, lernbehinderte, durchzusetzen versuchen. Programme dieser
gemütskranke oder auch hochbegabte) positive Art anerkennen, dass Lehrpersonen in ihrer
Resultate erzielt. täglichen Arbeit bereits Regeln durchsetzen.
Ziel der Präventionsprogramme ist es aber, die
Angebot Im Idealfall wird PFAD während der gesamten Vermittlung von Verhaltensregeln und ihre
Primarschulzeit in den ordentlichen Lehrplan Durchsetzung im Schulcurriculum zu veran-
aufgenommen. Das Programm wird in der kern, die Eltern aktiv einzubeziehen und mit
Regel drei Mal wöchentlich in einem Umfang lokalen Medien und politischen Akteuren zu-
von mindestens 20 Minuten unterrichtet. Der sammenzuarbeiten.
Lehrkraft steht Unterrichtsmaterial zur Verfü-
gung, das ihr hilft, ihren Schülern Selbstkon- Entsprechend enthalten alle Programme,
trolle, emotionale Intelligenz, soziale Kompe- welche eine positive Wirkung nachweisen
tenz, positive Beziehungen unter den Schülern können, ein ausgearbeitetes Konzept zur Ver-
sowie Fähigkeiten zur konstruktiven Problem- mittlung von Verhaltensregeln auf verschie-
lösung zu vermitteln. Von diesen Kompeten- denen Ebenen des schulischen Alltags sowie
zen wird erwartet, dass durch sie emotionale von Mechanismen zur Qualitätskontrolle der
Störungen und Verhaltensprobleme gemin- Umsetzung. Oft sind solche Programme mit
dert werden können. Mit PFAD lernen Kinder, Massnahmen verbunden, welche bezwecken,
Gefühle zu erkennen, einzuordnen, auszu- die Entscheidungsprozesse und Autoritäts-
drücken und mit ihnen umzugehen. Weitere strukturen in einem Schulhaus so zu verbes-
Elemente des Programms betreffen die Unter- sern, dass schulische Probleme eher gelöst
scheidung zwischen Fühlen und Verhalten, werden, die Kommunikation zwischen Schule,
den Aufschub von Belohnungen, Impulskon- Eltern und Kindern verbessert wird, und schu-
trolle, und Stressreduktion. Kinder lernen da- lische Regeln klarer gefasst und besser durch-
bei auch Andeutungen und nonverbale Kom- gesetzt werden. Im weitesten Sinne fallen
munikation zu verstehen, die Perspektive derartige Projekte also in den Bereich der
anderer einzunehmen sowie Probleme Schritt SCHULENTWICKLUNG.
um Schritt zu lösen. Die Lehrpersonen werden

19
Für eine Übersicht vgl. http://www.colorado.edu/cspv/blueprints/model/programs/PATHS.html
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 46

schulische prävention
Prävention von Jugendgewalt
46

Auch bei diesen Programmen gilt, dass Das Anti-Bullying-Programm zeigt aufgrund Wirkungen
sich positive Wirkungen nur bei einem klar von Evaluationen, welche den Ansprüchen
über den schulischen Alltag hinausgehenden eines «model programs» genügen, folgende
Engagement und einer kontinuierlichen Qua- Wirkungen:
litätskontrolle feststellen lassen.
Substantielle Verminderung selbstberichteten
Beispiel III: Das bekannteste und international am besten aktiven Bullyings sowie entsprechender Opfer-
Anti-Bullying evaluierte Programm in diesem Bereich ist das erfahrungen
Programm A N T I - B U L LY I N G P R O G R A M M V O N D A N
von Olweus O L W E U S . 2 0 Das in Norwegen während der Signifikante Reduktion von anderen Formen
frühen 1980er Jahre entwickelte Programm selbstberichteten Problemverhaltens (andere
wurde inzwischen mehrfach in Norwegen Gewalttätigkeiten, Vandalismus, Diebstahl,
selbst, in den USA, in England, sowie in Schwänzen)
Deutschland evaluiert. Es ist in der Schweiz
zwar relativ gut bekannt, wurde aber noch nie Signifikante Verbesserung des Schul- und
als Programm umgesetzt und hinsichtlich sei- Klassenklimas (positive Beziehungen in der
ner Wirkung evaluiert. Klasse, positivere Einstellungen zur Schule und
zu Hausaufgaben, verbesserte Ordnung und
Angebot Das Interventionsprogramm richtet sich an sämt- Disziplin)
liche Schüler in der obligatorischen Schulzeit
(1. bis 9. Klasse). Wie es sein Titel andeutet, hat Ein anderer Ansatz, der Klasse, Schule, und Beispiel IV:
es zum Ziel, das Plagen und körperliche und Familie miteinander verbindet, ist das Pro- Skills, Opportu-
psychische Drangsalieren im schulischen Kon- gramm S K I L L S , O P P O R T U N I T I E S , A N D nities, and
text zu vermindern und damit verbundene R E C O G N I T I O N S O A R von John Hawkins Recognition
Probleme zu reduzieren. Spezifischer werden und Richard Catalano, welches jedoch nicht SOAR
vier Ziele verfolgt: 1) Sensibilisierung und För- kommerziell vertrieben wird. Es basiert auf um-
derung des Wissens um das Bullying-Problem, fangreicher Grundlagenforschung der beiden
2) aktiver Einbezug von Eltern und Lehrern, Programmentwickler. Auf der Klassenebene
3) Entwicklung von Regeln zur Prävention von absolvieren die Lehrpersonen ein Trainings-
Bullying, 4) Hilfe und Schutz für Bullying-Opfer. modul, welches interaktives Unterrichten,
kooperatives Lernen sowie die klare Durchset-
Das Anti-Bullying-Programm setzt auf drei zung von Regeln im Klassenzimmer unterstützt.
Ebenen an. Zudem enthält das Programm für alle Alters-
stufen der Grundschule Unterrichtseinheiten,
Schulhausebene: in denen altersgerecht Kompetenzen wie
Bildung von Anti-Bullying-Arbeitsgruppen Kommunikation, Konfliktlösung, Verhandeln,
Anonymer Fragebogen zur Erhebung des Verständnis und Nein-Sagen vermittelt werden.
Ist-Zustandes
Ausbildung des gesamten Schulhauspersonals Parallel dazu erhalten die Eltern auf frei-
Entwicklung und Durchsetzung von Schul- williger Basis ein Programm zur Unterstützung
hausregeln von Erziehungskompetenzen angeboten, wel-
Supervisionssitzungen ches ebenfalls altersgerecht ausgestaltet ist.
Einbezug der Eltern Während beispielsweise im ersten Schuljahr
sieben Kurseinheiten zur besseren Unterstüt-
Klassenebene: zung des Kindes und für besseren Umgang mit
Umsetzung der Schulhausregeln im Klassen- Problemen angeboten werden, wird im sechs-
zimmer ten Schuljahr ein Kurs von fünf Einheiten zum
Reflexionssitzungen mit Schülerinnen und Umgang mit Drogenproblemen vermittelt.
Schülern
Informationssitzungen mit Eltern Das Programm SOAR kann inzwischen signifi-
kante kurz- und langfristige Effekte nachwei-
Individuelle Ebene: sen (Hawkins, Catalano, und Arthur 2002).
Interventionen bei Kindern, die plagen Obwohl das Programm im sechsten Schuljahr
Interventionen bei Kindern, die Opfer von endet, wiesen teilnehmende Schüler im elften
Plagen sind Schuljahr weniger gewalttätiges Verhalten,
Gespräche mit allen direkt betroffenen Eltern weniger Problemverhalten an der Schule, we-
niger exzessiven Alkoholkonsum und weniger
Trunkenheit am Steuer auf.

20
Für eine Übersicht vgl. http://www.colorado.edu/cspv/blueprints/model/programs/BPP.html
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 47

schulische prävention
Prävention von Jugendgewalt
47

Schulische Gewaltprävention In den sechs Jahren seit der Publikation Neuere


in der Schweiz des Berichtes hat sich die schulische Gewalt- Entwicklungen
prävention in der Schweiz dynamisch weiter
Stand der Prä- Im Jahr 1999 gab die SCHWEIZERISCHE entwickelt. Aus unserer Perspektive sind drei
vention Ende KONFERENZ DER KANTONALEN ERZIE- Entwicklungen hervorzuheben.
der 1990er Jahre HUNGSDIREKTOREN eine Studie in Auftrag,
um Aktivitäten der Kantone gegen Gewalt an In mehreren Kantonen, bzw. Städten wurden
Schulen auf der Primar- und der Sekundarstu- inzwischen gross angelegte Pilotversuche mit
fe zu beschreiben (Stauffer 1999). Obwohl die neuen Ansätzen begonnen, welche wissen-
Studie festhält, dass sie nur auf Informationen schaftlich begleitet und auf ihre Wirkung
der kantonalen Stellen beruht und Projekte hin evaluiert werden. Beispiele hierfür sind
einzelner Schulen und Gemeinden nicht sys- das Projekt R E S E A U R E S P E C T in Genf
tematisch erfasst, vermittelt sie einen guten (1999–2004), das B E R N E R P R Ä V E N T I O N S -
Überblick über den Stand der Dinge gegen P R O G R A M M G E G E N G E W A LT I M K I N -
Ende der 1990er Jahre. Die Studie hält unter D E R G A R T E N (Francoise Alsaker, Universität
anderem folgende Kernaussagen fest: Bern), das P R O G R A M M Z U R F Ö R D E R U N G
A LT E R N AT I V E R D E N K S T R AT E G I E N ( P FA D )
Die meisten Kantone verfügen über M E R K - in der Stadt Zürich (Manuel Eisner, University
B L Ä T T E R U N D B R O S C H Ü R E N zum Thema of Cambridge und Universität Zürich), die Ent-
Gewalt und Gewaltprävention an der Schule. wicklung und praktische Überprüfung eines
Sie enthalten oft Informationen darüber, wie FORTBILDUNGSPROGRAMMS FÜR LEHR-
bei Gewaltvorkommnissen zu reagieren ist, PERSONEN ZUM ABBAU VON RECHTS-
welche Ansprechpartner in Krisensituationen E X T R E M E R G E W A LT U N D E T H N I S I E R T E N
zur Verfügung stehen, welche Grundprinzi- KONFLIKTEN AN SCHULEN DER SEKUN-
pien zu berücksichtigen und bei welchen D A R S T U F E (Fritz Oser, Universität Fribourg),
Beratungsstellen weitere Informationen ver- sowie das Forschungs- und Entwicklungs-
fügbar sind. Bei der Durchsicht einiger dieser projekt E LT E R N U N D S C H U L E S T Ä R K E N
Dokumente fällt auf, dass die vorgeschlage- K I N D E R , E S S K I (Pädagogische Hochschulen
nen Präventionsaktivitäten in der Regel sehr Zürich und Aargau zusammen mit Universität
allgemein beschrieben sind. Durchgehend Fribourg).
betont wird die Bedeutung von internen Klas-
senregeln, Schulhausreglementen und Richtli- Zweitens lassen sich in verschiedenen Kanto-
nien, welche sich auf Gewalt und Plagen be- nen Ansätze zu einer verbesserten finanziellen
ziehen und Regeln des Zusammenlebens und infrastrukturellen Ausstattung sowie einer
definieren. Professionalisierung der schulischen Gewalt-
prävention beobachten. Hierzu gehört bei-
Es besteht in der Schweiz ein breites Angebot spielsweise die verbreitete Einführung von
von W E I T E R B I L D U N G S K U R S E N für Lehre- Schulsozialarbeitern – oft mit einem ausdrück-
rinnen und Lehrer zum Thema Gewalt an Schu- lichen Präventionsauftrag, der Aufbau von
len. Kurse werden vor allem von pädagogi- kantonalen oder städtischen Fachstellen sowie
schen Fachhochschulen und privaten Anbietern die Erweiterung von Aus- und Weiterbildungs-
mit entsprechender Spezialisierung angebo- angeboten.
ten. Die Art der vermittelten Information vari-
iert stark zwischen den Angeboten. Schliesslich hat das Feld der schulischen Ge-
waltprävention in den letzten Jahren wichtige
Die Gewaltproblematik wird in erster Linie mit Impulse aus den Bemühungen um die Förde-
den bestehenden Mitteln und im Rahmen der rung einer «gesunden Schule» erhalten, wobei
bestehenden Strukturen angegangen. Zusätz- die Stützung der psychischen und körperlichen
liche Mittel stehen kaum zur Verfügung. Gesundheit über alle Altersstufen zu einem
wichtigen Anliegen geworden ist.
Vier Fünftel der Kantone verwiesen auf kon-
krete Präventionsprojekte. Im Mittelpunkt
standen I N F O R M AT I O N S K A M PA G N E N
U N D M E D I A T I O N S P R O J E K T E . Allerdings
gibt es kaum ein Projekt, das hinsichtlich seiner
Wirkungen evaluiert wurde.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 48

schulische prävention
Prävention von Jugendgewalt
48

Informations- und nen zur Reduktion von Gewalt nicht geeignet


Sensibilisierungskampagnen sind. Dies scheint unabhängig von der Inten-
sität, der Darreichungsform und auch des In-
Informations- Die Rückmeldungen auf unsere kleine haltes der Kampagnen zu gelten. Informa-
und Sensibilisie- Umfrage bei den Kantonen zeigen, dass In- tionskampagnen können Wissen vermitteln
rungskampag- formations- und Sensibilisierungskampagnen und auf Probleme aufmerksam machen, eig-
nen dominieren nach wie vor zu den häufigsten Präventions- nen sich aber kaum dazu, langfristige Verhal-
ansätzen gehören. Solche Massnahmen kön- tensänderungen herbeizuführen.
nen sehr unterschiedlich gestaltet sein. In der
einfachsten Form bestehen sie aus dem Ver- Ein Projekt, das Komponenten der her-
teilen von Broschüren (z.B. Broschüre G E - kömmlichen Erziehung enthält, aber in seiner
M E I N S A M G E G E N G E W A LT ) , einzelnen Intensität und didaktischen Komplexität klar
Vorträgen von Aussenstehenden (z.B. Vortrag über einen blossen Ansatz der Wissensver-
GEMEINSAM FÜR EINE G E W A LT F R E I E mittlung hinausgeht, ist die laufende Studie
SCHULE, Kantonspolizei Zürich in Kloten) von Oser zur P R Ä V E N T I O N V O N R E C H T S -
oder Filmvorführungen. Umfangreichere Mass- E X T R E M I S M U S U N D E T H N I S C H E R G E W A LT
nahmen können aus Intensivtagen oder gan- I N S C H U L E N D E R O B E R S T U F E N (15- bis 17-
zen Themenwochen (z.B. F R I E D E N S W O C H E Jährige).22 In dem Projekt wird zunächst ein
der Kantonspolizei Bern, vielerorts Aktionen Lehrerbildungsprogramm entwickelt, welches
der Kampagne G E M E I N S A M G E G E N G E - auf Prinzipien der Friedenserziehung basiert.
W A LT ) unter Einschluss von Ausstellungen, Es wird anschliessend über einen Zeitraum von
Exkursionen, Theatergruppen, oder Postern 3 bis 4 Monaten vermittelt. Die Anlage der
und Erkennungszeichen (z.B. R U B A N V E R T – Studie mit einem Kontrollgruppendesign wird
L E R E S P E C T, Ç A C H A N G E L’ É C O L E , Bulle) es erlauben zu beurteilen, ob sich die Wahr-
bestehen. Keine dieser reinen Informations- nehmungsmuster und die Gewaltbereitschaft
kampagnen wurde unseres Wissens hinsicht- von Jugendlichen durch eine qualitativ hoch-
lich ihrer Wirksamkeit evaluiert. wertige und gut umgesetzte Friedenserzie-
hung positiv verändern lassen. Erste Ergeb-
Hingegen gibt es zwei Evaluationen nisse sind im Herbst 2006 zu erwarten.
von erzieherisch-informierend ausgerichteten
Unterrichtseinheiten. Die Studie von Eser- Mediations- und Konflikt-
Davolio F R E M D E N F E I N D L I C H K E I T, R A S S I S - lösungsprogramme
M U S U N D G E W A LT – E I N S T E L L U N G S V E R -
ÄNDERNDES SCHULPROJEKT MIT BERUFS- Seit etwa 10 Jahren haben MEDIA- Schulmediation
SCHÜLERN prüfte mit einem quasi-experi- TIONS-, PEACEMAKER-, UND STREIT- ist in der Schweiz
mentellen Design, inwiefern ein 2-tägiges S C H L I C H T E R P R O G R A M M E in der Schweiz beliebt – die
erlebnispädagogisches Programm Vorurteile grosse Verbreitung gefunden.23 Der Grundge- Wirkung ist
gegen Asylbewerber abbauen und Antisemi- danke ist, ältere und vorbildliche Schüler da- unsicher
tismus entgegenwirken kann (Eser Davolio rin auszubilden, bei Konflikten einzugreifen,
2000). Die Ergebnisse unmittelbar nach der schwächere Schüler zu schützen, und wenn
Durchführung waren positiv. Ein Jahr nach nötig Hilfe bei Lehrpersonen zu suchen. Me-
dem Programm waren aber bezüglich Vorur- diations- und Peacemakerprojekte werden in
teilen gegen Ausländer keine Effekte und be- allen Altersstufen vom Kindergarten bis zur
züglich Antisemitismus ein negativer Effekt zu Oberstufe angeboten. In der deutschsprachi-
beobachten. Eine weitere Evaluation des von gen Schweiz handelt es sich meist um lokale
der Schweizerischen Flüchtlingshilfe ange- Projekte in einzelnen Schulen. In der französi-
botenen Sensibilisierungsprogramms S O L I - schen und italienischen Schweiz wurde zwi-
D A R I T Ä T I S T L E R N B A R zeigte zwar einen schen 2001 und 2003 ein interkantonales Pro-
Wissenszuwachs, aber keine Verbesserung jekt zur Förderung einer Mediationskultur
hinsichtlich Empathie und Vorurteilen.21 umgesetzt.24

Diese Befunde entsprechen den Ergeb- In der Schweiz wurden bisher keine me-
nissen der internationalen Forschung, welche thodisch abgestützten Ergebnisevaluationen
generell feststellt, dass Informationskampag- von Mediationsprogrammen durchgeführt –

21
http://www.bebi.ch/webseiten/seminare/sfh/Schlussb.pdf
22
Vgl. die Kurzbeschreibung im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 40+: http://www.nfp40plus.ch
23
Beispielsweise angeboten durch das National Coalition Building Institute Schweiz (www.ncbi.ch) oder das Programm Peace-Force von Roland Gerber (www.heureka-beratung.ch/peace.htm)
24
Das réseau respect, vgl. www.reseau-respect.ch
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 49

schulische prävention
Prävention von Jugendgewalt
49

es gibt keine Kenntnisse, ob diese Programme In der Stadt Zürich wird seit Herbst 2005 im
wirksam sind. Die internationale Forschungs- Rahmen eines randomisierten Feldversuchs das
literatur kommt bezüglich der Wirksamkeit erstmals ins Deutsche übertragene Sozialkom-
dieser Programme zu unterschiedlichen Be- petenzprogramm PATHS (deutsch: P F A D ) bei
funden. Eine 1989 durchgeführte systemati- 60 Schulklassen des zweiten Schuljahrganges
sche Analyse von 14 evaluierten Studien fand während eines Jahres erprobt. Aufgrund des
bei keinem Projekt positive Auswirkungen auf grossen Anteils von ausländischen Kindern in
Gewalt und Konflikt (Lam 1989). Keine Wirkung vielen Primarschulen der Stadt Zürich wird die-
wurde auch in den meisten jüngeren Studien ses Projekt auch darüber Auskunft geben, ob
gefunden (vgl. z.B. Orpinas, Kelder, Frankowski, sich solche Programme in ethnisch-kulturell
Murray, Zhang, und McAlister 2000). heterogenen Quartieren bewähren. Die Um-
setzung von PFAD wird im Sinne einer Quali-
Hingegen gibt es positive Evaluationser- tätssicherung intensiv begleitet.
gebnisse für Programme, welche intensiv be-
treut werden und mit Elementen des Sozial- Schliesslich wird im Rahmen des Forschungs-
kompetenztrainings ergänzt sind. Dies gilt projektes E S S K I – E LT E R N U N D S C H U L E
beispielsweise für das Programm R I P P ( R E - S T Ä R K E N K I N D E R der Fachhochschule
SPONDING IN PEACEFUL AND POSITIVE Aargau Nordwestschweiz, FHA, dem Institut
W AY S ) , das in multikulturellen Schulen in den für Familienforschung und Beratung der Uni-
USA bei 6. bis 8. Klassen geprüft wurde.25 Es ist versität Fribourg, der Pädagogischen Hoch-
zu beachten, dass das Programm eine 5-tägi- schule Zürich, PHZH, und der Fachstelle für
ge Ausbildung der Vermittler sowie wöchent- Alkohol- und andere Drogenprobleme, SFA,
lich eine 45-minütige Unterrichtslektion in eine Ausbildung der Lehrpersonen in der Um-
Sozialkompetenzen voraussetzt – eine Inten- setzung des Programms F I T U N D S T A R K
sität, die kein Mediationsprogramm in der F Ü R S L E B E N realisiert.
Schweiz erreicht.
Diese drei Forschungsprojekte werden in
Sozialkompetenzprogramme den nächsten Jahren erstmals empirisch abge-
stützte Folgerungen darüber zulassen, inwie-
Versuche zur Eine Neuerung der letzten Jahre ist die fern Sozialkompetenzprogramme auf ver-
Förderungen versuchsweise Einführung von Programmen schiedenen Altersstufen positive Wirkungen
von Sozialkom- zur Förderung von Sozialkompetenzen im erzielen.
petenz in der Kindergarten- und Grundschulalter. Unseres
Schweiz Wissens sind gegenwärtig in der Schweiz drei
Feldversuche im Gang, welche solche Pro-
gramme wissenschaftlich evaluieren.

An 60 Kindergärten in Bern wird gegenwärtig


unter Leitung von Francoise Alsaker eine über-
arbeitete und verbesserte Version des B E R -
NER PRÄVENTIONSPROGRAMMS GE-
GEN MOBBING IN KINDERGARTEN UND
S C H U L E überprüft. Das Programm basiert auf
einem Training von Lehrkräften, welche ihrer-
seits die einzelnen Präventionsschritte mit ih-
ren Schülerinnen und Schülern erarbeiten. Im
Verlauf von 5 bis 6 Sitzungen werden Themen
eingeleitet, welche in den jeweiligen Klassen
von den Lehrkräften umgesetzt werden. Zu die-
sen Themen gehören: Früherkennung, Thema-
tisieren, Verhaltensverträge, konsequentes (po-
sitives und negatives) Sanktionieren sowie
Stärkung von sozialen Fertigkeiten.

25
Vgl. http://modelprograms.samhsa.gov/pdfs/FactSheets/RiPP.pdf
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 50

schulische prävention
Prävention von Jugendgewalt
50

Fazit

Eine frühe – d.h. im 3. bis 5. Altersjahr – Förderung der kognitiven


und sozialen Entwicklung von Kindern aus benachteiligten Verhält-
nissen und mit einer Belastung durch Risikofaktoren in vorschuli-
schen Programmen und unter Einbezug der Eltern stellt ein wirksa-
mes Mittel dar, ihre psychosoziale Entwicklung zu fördern, ihre
schulischen Chancen zu verbessern und langfristig Problemverhalten
vorzubeugen. In den Niederlanden und Grossbritannien existieren
bereits solche Programme in ethnisch-kulturell heterogenen, be-
nachteiligten Stadtkreisen. Entsprechende Programme in der
Schweiz sind in Erwägung zu ziehen.

Programme zur Förderung kognitiver und sozialer Kompetenzen,


welche das Einüben solcher Kompetenzen im schulischen Alltag ein-
schliessen, haben sich in vielen Evaluationen als wirksam erwiesen.
Es scheint sinnvoll, dass zukünftige Massnahmen vermehrt solche
Programme berücksichtigen sollten.

Besondere Herausforderungen stellen sich in Schulen, welche durch


einen hohen Anteil von Kindern mit erhöhten Risikofaktoren
gekennzeichnet sind. Dies sind oft Schulen in unterprivilegierten
städtischen Quartieren mit einer hohen Fluktuation der Wohn-
bevölkerung und einem hohen Anteil von Familien mit Migrations-
hintergrund. In solchen Schulen ist es oft schwieriger, Eltern für
eine Unterstützung schulischer Prävention zu gewinnen. Diesem
Problem sollte vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 51

prävention in nachbarschaft und freizeitbereich


Prävention von Jugendgewalt
51

6
Prävention in Nachbarschaft und
Freizeitbereich
In allen Schweizer Städten bestehen zwi- sind solche Risikofaktoren heute in der Schweiz
schen Wohnquartieren erhebliche Unterschie- in Quartieren mit einem überdurchschnitt-
de in der Häufigkeit von Jugendgewalt. Sie lichen Ausländeranteil höher ausgeprägt.
sind mit einer Reihe von sozialen Merkmalen
verknüpft. Hierzu gehören vor allem das Aus- Nachbarschaftsorientierte Präventions-
mass S O Z I A L E R B E N A C H T E I L I G U N G (z.B. programme können zum einen darauf ausge-
gemessen durch Arbeitslosenquote, Sozial- richtet sein, als M U LT I Z E N T R I S C H E P R O -
hilfeempfänger, unqualifizierte Berufe), eine G R A M M E mehrere Ebenen von Risikofaktoren
H O H E E T H N I S C H E H E T E R O G E N I T Ä T (d.h. (Familie, Schule und Freizeit) gleichzeitig an-
ein hoher Anteil verschiedener ethnisch-kul- zusprechen und derart die Entwicklung von
tureller Gruppen) sowie eine H O H E F L U K T U - Kindern und Jugendlichen zu fördern. Zum
A T I O N D E R W O H N B E V Ö L K E R U N G (d.h. eine anderen können Präventionsprogramme be-
hohe Frequenz von Umzugsbewegungen). müht sein, K O L L E K T I V E W I R K S A M K E I T in
Oft kommen in Quartieren mit einer hohen einem Quartier zu stärken und Prozesse in
Gewalthäufigkeit mehrere belastende Risiko- Gang zu setzen, durch die eine effektivere
faktoren zusammen. Nachbarschaftsbasierte Problemlösung ermöglicht wird.
und multizentrische Prävention setzt bei dieser
Ausgangslage an. Typen nachbarschaftlicher
Prävention
Nachbarschaften und Gewalt
Das Feld von quartierbasierten Präven-
Kollektive Zu einem beträchtlichen Teil rührt die tionsmassnahmen ist ausserordentlich vielfäl-
Wirksamkeit in erhöhte Belastung davon, dass in diesen Quar- tig. Gleichzeitig ist über die Wirksamkeit
Wohnquartieren tieren mehr Familien wohnen, bei denen nachbarschaftlicher Prävention weniger gesi-
individuelle und familiäre Probleme bestehen. chertes Wissen vorhanden als bei familiären
Das Quartier hat hier eigentlich keine direkte oder schulischen Massnahmen. Im Folgenden
Bedeutung, es widerspiegelt bloss die Auswir- werden fünf Programme beschrieben, welche
kungen des Wohnungsmarktes. Viele For- relativ gut erforscht sind und für weitere
schungsbefunde weisen aber darauf hin, dass Überlegungen in der Schweiz von Interesse
Nachbarschaften auch als ursächliche Risiko- sein könnten (Tabelle 12).
faktoren eine Rolle spielen. Der wichtigste
neuere Ansatz zur Erklärung dieses Zusammen- Mobilisierungsmodelle –
hanges stammt von Sampson, Raudenbush Communities that Care
und Earls (1997; 1999). Sie argumentieren,
dass K O L L E K T I V E W I R K S A M K E I T im Sinne Wir haben im Kapitel «evidenzbasierte
des gegenseitigen Vertrauens und der Bereit- Prävention» die Grundprinzipien der Zu-
schaft, sich aktiv für geteilte Anliegen einzu- sammenarbeit zwischen Forschung und Praxis
setzen, der zentrale Mechanismus ist, der zu bei der Auswahl und Realisierung von wirksa-
unterschiedlichen Raten von Jugendgewalt in men Präventionsprogrammen beschrieben.
städtischen Quartieren führt. Geringe kollek- Für Gemeinden, Quartiere oder Städte stellt
tive Wirksamkeit eines Wohnviertels kann bei- sich das Problem, diese Ideen konkret umzu-
spielsweise bedeuten, dass die Netzwerke setzen und auf ihre Bedürfnisse anzupassen.
zwischen Eltern weniger intensiv sind, dass Dies gilt vor allem in Quartieren mit einer ho-
sich Eltern weniger für schulische und quar- hen Belastung durch Risikofaktoren, wo eine
tierbezogene Aktivitäten einsetzen, dass Er- Mobilisierung der Gemeinschaft für geteilte
wachsene Anzeichen von Problemverhalten Anliegen oft sehr schwierig ist.
weniger Beachtung schenken, oder dass das
Vertrauen zwischen verschiedenen Gruppen
einer Nachbarschaft gering ist. In der Regel
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 52

prävention in nachbarschaft und freizeitbereich


Prävention von Jugendgewalt
52

Beispiel I: Das weltweit wohl am besten erprobte und in kation der Probleme und der Planung und Um-
Communities 500 amerikanischen Nachbarschaften sowie in setzung von Massnahmen. Zu diesem Zweck
that Care England, Australien und neun holländischen wird in der Regel eine Steuerungsgruppe von
Städten erfolgreich umgesetzte Instrument, 15 bis 25 Mitgliedern eingesetzt, in der alle Be-
um dieses Problem zu lösen, ist das Programm völkerungsgruppen eines Quartiers (z.B. Min-
C O M M U N I T I E S T H A T C A R E von David derheiten, Eltern, Schule, Polizei, Unternehmer,
Hawkins und Richard Catalano (Hawkins, Kirchen) repräsentiert sind. Zentral ist hierbei,
Catalano, und Arthur 2002). 26 dass sie zunächst in einem rund 30-stündigen
Ausbildungsprogramm lernen, relevante Infor-
Angebot Communities that Care ist kein Präventionpro- mationen über ihr Quartier zu verarbeiten, sich
gramm, sondern ein Modell, wie lokale Gemein- mit evidenzbasierten Präventionsprogrammen
schaften zusammen arbeiten können, um auseinanderzusetzen und die Probleme einer
qualitativ guten Umsetzung zu erkennen. Com-
ein gemeinsames Vorgehen unter Einschluss munities that Care stellt hierfür relevantes
aller relevanten Gruppen zu entwickeln, Fachwissen zur Verfügung, hilft bei der Mobili-
zu bestimmen, welche Risiko- und Schutzfak- sierung von finanzieller und organisatorischer
toren in ihrem Umfeld die Entwicklung von Unterstützung und begleitet den Prozess mit
Kindern und Jugendlichen beeinflussen, ausgebildeten Fachpersonen.
sich besonders jenen Faktoren zuzuwenden,
wo der grösste Handlungsbedarf besteht, Da Communities that Care kein Präven- Wirksamkeit
die bestehenden lokalen Ressourcen und all- tionsprogramm, sondern ein Modell der Iden-
fällige Lücken zu ermitteln, tifikation und Umsetzung von verschiedenen
ein Präventionskonzept zu entwickeln, das evi- Massnahmen ist, kann seine Wirksamkeit kaum
denzbasierte Programme den lokalen Bedürf- bestimmt werden. Evaluationen in Grossbri-
nissen angepasst umsetzt, tannien und den Niederlanden zeigen, dass
die Massnahmen umzusetzen und zu evaluieren. der Erfolg sehr unterschiedlich sein kann
(France and Crowe 2005; Jonkman, Junger-Tas
Ein zentrales Element von Communities that und van Dijk, 2005). Er hängt unter anderem
Care ist die aktive Beteiligung von Quartieror- davon ab, wie gut die Steuerungsgruppe zu-
ganisationen und -mitgliedern bei der Identifi- sammenarbeitet und tatsächlich Zeit in das

Tabelle 12: Grundmodelle der nachbarschaftsorientierten Prävention

Art des Programms Alter Bemerkungen

Communities that Care alle Altersstufen Kein Programm, sondern Prozessmodell für
wirksame Prävention

Multizentrische 6-18 Universell, selektiv und indiziert


Präventionsprogramme einzelne Programme mit gutem Wirkungsnachweis

Multisystemische Therapie 14 bis 18 Indiziert; guter Wirkungsnachweis

Erwachsene Mentoren 6 bis 18 Selektiv und indiziert


(«Göttis»)

Programme zur 10 bis 18 Universell und selektiv


Strukturierung von
Freizeitaktivitäten

Problemorientiertes 10 bis 18 Universell und selektiv


Community Policing

26
Für weitere Informationen vgl. z.B. http://www.communitiesthatcare.org.uk
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 53

prävention in nachbarschaft und freizeitbereich


Prävention von Jugendgewalt
53

Programm investiert wird, ob finanzielle und Für die zwischen 1991 und 1993 begon-
organisatorische Ressourcen für die Realisie- nene Studie liegen inzwischen zahlreiche Eva-
rung von Massnahmen gefunden werden kön- luationsergebnisse vor.28 Sie zeigen, statistisch
nen und ob die Steuerungsgruppe durch an- abgesichert,
dere Institutionen (Schule, Gemeinde, etc.)
unterstützt wird. eine erhebliche Verbesserung von sozialen
und kognitiven Kompetenzen,
Multizentrische Präventions-
programme weniger aggressives Verhalten zu Hause, in
der Schule und in der Freizeit,
Auf mehreren Zwei wichtige Erkenntnisse der lebens-
Ebenen gleich- lauforientierten Gewaltforschung sind, dass dass weniger Kinder in Sonderklassen unter-
zeitig ansetzen Gewalt oft das Ergebnis des Zusammenwir- richtet werden müssen,
kens von familiären, schulischen und nach-
barschaftlichen Risikofaktoren ist und dass weniger Festnahmen im Jugendalter,
je nach Ausmass des Problemverhaltens unter-
schiedlich intensive und der Situation ange- deutlich weniger Diagnosen von Verhaltens-
passte Interventionen am ehesten Erfolg ver- störungen.
sprechen.
Positive Effekte können für Knaben und
Von diesen Erkenntnissen ausgehend, Mädchen sowie für Angehörige aller ethni-
wurden in den letzten 20 Jahren Ansätze ent- schen Gruppen beobachtet werden. Aufgrund
wickelt, welche mehrere Ebenen gleichzeitig dieser Ergebnisse wurde das Grundmodell von
ansprechen. Das grösste und ehrgeizigste dieser Fasttrack in verschiedenen Schulen der USA,
Studien ist das Projekt F A S T T R A C K der Con- Grossbritanniens und Kanadas übernommen.
duct Problems Prevention Research Group,
einem Zusammenschluss von renommierten Multisystemische Therapie
Entwicklungs- und Präventionsforschenden von
vier amerikanischen Universitäten.27 Im Rahmen Ein zweiter Ansatz, der auf mehreren Beispiel II:
des Projektes erhalten die Kinder in der Inter- Wirkungsebenen einschliesslich der Nachbar- Multisystemische
ventionsgruppe ab der ersten Klasse der Grund- schaft ansetzt und einen wissenschaftlich gut Familientherapie
schule über einen Zeitraum von 10 Jahren ein abgestützten Wirkungsnachweis hat, ist die
umfassendes Präventionsprgramm, das nach M U LT I S Y S T E M I S C H E T H E R A P I E . 2 9 Sie
altersspezifischen Bedürfnissen abgestuft ist. Im wurde in den späten 1970er Jahren von Scott
Primarschulalter erhalten alle rund 3500 Kinder Henggeler (Medical University of South Caro-
das Sozialkompetenzprogramm PATHS (siehe lina) vor dem Hintergrund der Beobachtung
oben). Für Kinder, bei welchen nach einer sorg- entwickelt, dass bestehende therapeutische
fältigen Abklärung von einem erhöhten Risiko Massnahmen für jugendliche Straftäter in der
für externalisierendes Problemverhalten ausge- Regel wirkungslos und teuer sind.
gangen werden kann, kommen gruppenbasier-
te Elternbildungsprogramme, Hausbesuche, so- Multisystemische Therapie ist eine intensive Theoretischer
wie Kurse zur Förderung von Lesefähigkeiten familien- und kontext-basierte Behandlung, Hintergrund
und sozialen Kompetenzen hinzu. welche die verschiedenen Ebenen von schwe-
rem antisozialem Verhalten bei Jugendlichen
Im Jugendalter (6. bis 10. Klasse) verla- (12 bis 17 Jahre) gleichermassen berücksich-
gert sich der Schwerpunkt zu Präventions- tigt. Sie basiert auf dem sozialökologischen
massnahmen, welche ausschliesslich in der Modell von Bronfenbrenner. Der multisystemi-
Hochrisikogruppe angeboten werden und auf sche Ansatz betrachtet Jugendliche als Indivi-
individuelle Bedürfnisse abgestimmt sind. duen, welche in ein Netzwerk von Wirkungs-
Hierzu gehören schulische Förderungspro- ebenen eingebunden sind, welches Familie,
gramme, erwachsene Mentoren, die Unter- Gleichaltrige, Schule und Quartier umfasst.
stützung strukturierter Freizeitaktivitäten im Multisystemische Therapie ist darauf angelegt,
Quartier, Bewältigung von familiären Proble- Risikofaktoren auf allen in Kapitel 2 erwähn-
men, sowie das Vermitteln von Kontakten zu ten Ebenen wirksam anzugehen.
Institutionen in der Nachbarschaft (Ämter,
weiterführende Schulen, etc).

27
Für weiterführende Informationen vgl. die Website http://www.fasttrackproject.org
28
Vgl. die Publikationsliste unter http://www.fasttrackproject.org/publications.htm
39
Für weiterführende Information vgl. http://www.mstservices.com
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 54

prävention in nachbarschaft und freizeitbereich


Prävention von Jugendgewalt
54

Multisystemische Therapie verbindet fol- In den USA ist dieser Ansatz als B I G B R O - Beispiel III:
gende Ebenen: T H E R S – B I G S I S T E R S , B B B S , bekannt. Es Big Brothers –
ist ein auf seine Wirksamkeit hin mehrfach Big Sisters
familienbezogene Interventionen (Erziehungs- evaluierter Ansatz. Er richtet sich an Kinder und
praktiken, Paarbeziehung, psychische Störun- Jugendliche von Alleinerziehenden im Schul-
gen, Substanzmittelmissbrauch der Eltern) alter (6 bis 18 Jahre). Ziel des Programms ist es,
Veränderung der Beziehung zu Gleichaltrigen Alleinerziehenden eine Erziehungsbeihilfe zu
Förderung der leistungsbezogenen und sozia- gewähren und den betroffenen Kindern und
len Kompetenz in der Schule Jugendlichen sinnvolle Freizeitbeschäftigun-
Durchführung von individuellen Interventionen gen zu eröffnen.30
Unterstützung der Familie durch staatliche Ins-
titutionen BBBS zeichnet sich durch rigorose Standards Angebot und
bei der Zusammenführung von Mentor und Umsetzung
Implemen- Um die Zugangsschwelle zum Behandlungs- betreutem Kind aus. Zunächst werden poten-
tierung und angebot möglichst tief zu halten und den Ver- tielle Freiwillige über das Programm orientiert,
Zugang bleib in der Therapie zu optimieren, wird Mul- wonach sie auf ihre Eignung hin untersucht
tisystemische Familientherapie üblicherweise werden. Der Eignungstest umfasst eine schrift-
bei der Familie des Jugendlichen zu Hause an- liche Bewerbung, ein ausführliches Bewer-
geboten. Eine Therapie beinhaltet mehrere bungsgespräch, eine Überprüfung des biogra-
Hausbesuche pro Woche und dauert in der Re- fischen Hintergrunds sowie ein Augenschein
gel 4 Monate. Sie ist damit ein intensives aber beim Bewerber zu Hause. Hierdurch sollen Be-
relativ kurz dauerndes Programm. werber abgehalten werden, die ihren Schütz-
ling psychisch oder physisch gefährden könn-
Bei der Umsetzung der Therapie wird ein gros- ten, sowie Bewerber, die nicht in der Lage sind,
ses Gewicht auf systematische und umfassende eine nachsichtige Beziehung aufzubauen oder
Qualitätssicherung gelegt. die nötige Zeit aufzubringen. Voraussetzung
der Teilnahme der Kinder und Jugendlichen ist
Nachgewiesene Multisystemische Therapie wurde bisher in eine schriftliche Bewerbung, worauf sie, wie
Effekte acht randomisierten Kontrollgruppenversu- auch ihr erziehender Elternteil, zu einem per-
chen auf seine Wirksamkeit geprüft. Zu den sönlichen Gespräch eingeladen werden. Auch
wissenschaftlich dokumentierten Ergebnissen hier nimmt der Fallbearbeiter, dem der ge-
gehören samte Selektions- und Zusammenführungs-
prozess obliegt, einen Augenschein vor. Damit
Rückgang von Verhaltensproblemen unmittel- wird sichergestellt, dass die für das Kind am
bar nach der Therapie besten geeignete Vertrauensperson gefunden
Langfristiger Rückgang von erneuten Festnah- werden kann. Bei der eigentlichen Zusammen-
men durch die Polizei um 20 bis 70 Prozent im führung werden neben den Bedürfnissen des
Vergleich zur Kontrollgruppe Kindes, bzw. Jugendlichen und den Fähigkei-
Reduktion um 47 bis 64 Prozent von Platzie- ten des Freiwilligen auch die Wünsche des
rungen in Pflegefamilien oder Heimen Elternteils berücksichtigt.
Verbesserung des Familienklimas und des fa-
miliären Zusammenlebens Mentor oder Mentorin und Schützling treffen
Reduktion psychischer Auffälligkeiten der ju- sich in der Regel 3 bis 5 Stunden pro Woche
gendlichen Straftäter während mindestens eines Jahres. Spezifische
Ziele und Tätigkeiten werden zusammen mit
Erwachsene Mentoren dem Fallbearbeiter besprochen. Es wird fest-
gelegt, worauf besonders geachtet werden
Das Fehlen einer erwachsenen Vertrau- muss, damit die Beziehung für beide (nicht nur
ensperson, welche einen Heranwachsenden für das Kind) bereichernd und befriedigend
begleitet und unterstützt, gehört zu den zen- verläuft. Spezifischer kann es auch darum ge-
tralen Risikofaktoren für problematische Ent- hen, schulisch voranzukommen, den Horizont
wicklungen. Hierauf basieren selektive Prä- zu erweitern, Beziehungen zu anderen Kin-
ventionsprogramme, welche Kinder in einer dern oder Jugendlichen aufzubauen etc.
instabilen Familiensituation mit sorgfältig
ausgewählten und motivierten erwachsenen
Mentoren oder «Göttis» zusammenführen.

30
Die Website des Programms findet man unter: http://www.bbbsa.org. Eine Übersicht über die Forschungsergebnisse findet man unter McGill, D.E., Mihalic, S.F., & Grotpeter, J. K. (1998).
Blueprints for Violence Prevention, Book Two: Big Brothers Big Sisters of America. Boulder, CO: Center for the Study and Prevention of Violence (www.colorado.edu/cspv/blueprints/model/
programs/BBBS.html).
prävention in nachbarschaft und freizeitbereich
Prävention von Jugendgewalt
55

Wirksamkeit Für das BBBS-Programm liegen Evaluations- Zur Wirksamkeit dieser strukturierten
ergebnisse aufgrund eines Kontrollgruppen- Aktivitätsprogramme liegen mehrere positive
designs vor (1000 Programmteilnehmende; Evaluationen mit einem guten Forschungs-
1992 / 93 realisiert). Nach 18 Monaten wiesen design vor (Schinke, Orlandi, und Cole 1992).
Programmteilnehmende eine 46% tiefere Rate Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche, welche
von Drogengebrauch auf (bei Jugendlichen an den Programmen teilnahmen, ihren Dro-
aus ethnischen Minderheiten betrug dieser genkonsum reduzierten, bessere Schulleistun-
Unterschied gar 70%) als die Kontrollgruppe, gen aufwiesen, verbesserte Kontakte mit ih-
bei Alkohol betrug der Unterschied 27%. Sie ren Eltern hatten und weniger häufig von der
neigten zu rund 30% weniger zu Gewalt, er- Polizei festgenommen wurden.
zielten dafür bessere schulische Leistungen
und waren der Schule gegenüber auch positi- Problemorientiertes «community
ver eingestellt. Die Qualität ihrer Beziehung zu policing»
ihren Eltern (oder einem Elternteil) aber auch
zu Gleichaltrigen erwies sich als signifikant Auf der Ebene von nachbarschaftsorien-
besser im Vergleich zur Kontrollgruppe. tierter Prävention von Jugendgewalt ist die
Polizei ein wichtiger Partner. Zwar hat nach ei-
Strukturierte Freizeitaktivitäten ner Welle des Enthusiasmus in den 1990er Jah-
ren die Begeisterung für C O M M U N I T Y P O L I -
Reine Freizeit- Eine weitere Gruppe von Programmen, C I N G als Modell für nachbarschaftsorientierte
programme sind die als vielversprechend eingestuft werden Polizeiarbeit eher wieder nachgelassen. Aber
nicht wirksam – können, sind Massnahmen zur Strukturierung es gibt nachbarschaftsorientierte Ansätze,
ein klarer Bezug von Freizeitaktivitäten bei Kindern und Ju- welche auf theoretischen Überlegungen zu
zu Erziehungs- gendlichen in benachteiligten und ethnisch Risiko- und Schutzfaktoren basieren und alles
zielen ist wichtig heterogenen Stadtquartieren. in allem als vielversprechend beurteilt werden.

Programme, die in diesem Bereich eva- Ein wichtiger Ansatz geht von der Beob- Vertrauen
luiert wurden und positive Ergebnisse vorwei- achtung aus, dass Jugenddelinquenz in Quar- zwischen Bevöl-
sen können, sind durchwegs für Kinder und tieren hoch ist, in denen die Bereitschaft der kerung und
Jugendliche attraktive, aber auf klare E R Z I E - Bevölkerung tief ist, sich an Recht und Ord- Polizei aufbauen
H E R I S C H E Z I E L E ausgerichtete, S O Z I A L E nung zu halten, die Neigung zur Zusammen-
K O M P E T E N Z E N S T Ä R K E N D E und D I E E L - arbeit mit der Polizei gering ist und die Poli-
T E R N E I N B E Z I E H E N D E Programme. zei wenig Vertrauen geniesst. In der Schweiz
wie in allen westlichen Gesellschaften ist das
Nach bisherigem Kenntnisstand ohne Misstrauen gegenüber der Polizei unter im-
sind dem-
G E W A LT P R Ä V E N T I V E N N U T Z E N migrierten Minderheiten besonders hoch und
gegenüber Programme, die sich weitgehend die Bereitschaft zu einer gemeinsamen Prob-
auf das Anbieten von Freizeitaktivitäten be- lembewältigung tief. Daher scheint es vielver-
schränken. Auch hier ist der Forschungsstand sprechend, in ethnisch durchmischten und
jedoch spärlich. wirtschaftlich benachteiligten Stadtquartie-
ren eine verbesserte V E R T R A U E N S B A S I S
BOYS AND GIRLS CLUBS OF AMERICA, zwischen Bevölkerung und Polizei zu schaf-
ein Programm zur ausserschulischen Förde- fen. Hierbei ist es nach Ergebnissen von Sko-
rung von Kindern und Jugendlichen in margi- gan (Skogan und Hartnett 1999) wichtig, alle
nalisierten Stadtteilen der USA, ist relativ gut Bevölkerungsgruppen in den Prozess der Prob-
evaluiert.31 Als Jugendzentren konzipiert, bie- lemidentifikation und der Problemlösung ein-
ten diese Programme Kurse in sechs Bereichen zubinden und zu beteiligen. Derartige Pro-
an: künstlerische Aktivitäten, Weiterbildung gramme zur Bildung von Vertrauen haben
und Unterstützung bei Schulaufgaben, frei- sich inzwischen in einigen Evaluationen als
willige Hilfe im Quartier und demokratische wirksame Massnahmen zur Reduktion von
Willensbildung, soziale und kognitive Kom- Kriminalität erwiesen, obwohl die Evidenzen
petenzen, Sportaktivitäten sowie technologi- keineswegs eindeutig sind (Parternoster,
sche Kompetenzen. Brame, Bachman, und Sherman 1997).

31
Für einen Eindruck vgl. z.B. http://www.bgcb.org
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prävention in nachbarschaft und freizeitbereich


Prävention von Jugendgewalt
56

Quartierbezogene Prävention lischer Förderungsmassnahmen an, wobei sich


in der Schweiz die Intensität des Angebotes zwischen Zentren
unterscheidet. Zu den Angeboten gehören
Nutzung beste- In vielen Schweizer Städten haben Quar-
hender Quartier- tiere eine alte und lebendige Tradition von Stützunterricht
strukturen historisch verankerten Vereinen, lokalen öf- Aufgabenhilfe
fentlichen Institutionen und Freizeitangebo- Sprachförderung
ten. Jedoch ist nicht zu übersehen, dass in den Kommunikations- und Sozialtraining
vergangenen 30 Jahren viele Quartiere eine Gruppengespräche
massive Veränderung der Bevölkerungsstruk- Einzelberatung
tur erfahren haben, welche die lokalen Struk- gemeinsames Mittagessen
turen vor neue Herausforderungen stellen. So Freizeitgestaltung
weisen viele Indikatoren darauf hin, dass
innerhalb der Städte das Ausmass von räum- Die Massnahmen unterscheiden sich in den
licher Segregation zugenommen hat und eth- verschiedenen Zentren je nach Bedürfnislage.
nisch-kulturelle Minderheiten stärker in ein- Das Projekt V E R T. I G O in Zürich, beispiels-
zelnen Wohnquartieren konzentriert sind. weise, richtet sich an Jugendliche und junge
Bisherige Erfahrungen im Ausland und in der Erwachsene zwischen 13 und 20 Jahren aus
Schweiz zeigen, dass es in solchen Quartieren dem Quartier Grünau, die ohne Ausbildungs-
besonders schwierig ist, die Anwohner für Prä- oder Arbeitsplatz sind, Schul- oder Ausbildungs-
ventionsprogramme zu gewinnen. schwierigkeiten haben, andauernde Verhaltens-
auffälligkeiten zeigen (aggressives Verhalten,
Wir glauben allerdings, dass es wichtig Ziel- und Orientierungslosigkeit, Delinquenz
ist, nachbarschaftsbasierte Prävention mit in etc.) und / oder straffällig geworden sind. Das
die Überlegungen einzubeziehen. Es werden Zentrum bietet ein sozial und ökonomisch
im Folgenden vier Projekte geschildert, welche orientiertes Arbeits- und Integrationsprojekt
aus unserer Perspektive interessante Ansätze mit geschützten, sozialpädagogisch begleite-
verfolgen. ten Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, die in
eine Tagesstruktur eingebettet sind.
supra-f – ein multisystemischer
evidenzbasierter Ansatz der indizierten Unter den als gefährdet eingestuften und der
Prävention supra-f-Studie zugewiesenen Jugendlichen
sind knapp die Hälfte ausländischer Nationalität.
Beispiel IV: Das bei Weitem grösste und wichtigste Prä-
supra-f ventionsprojekt mit einer multizentrischen Die ersten Ergebnisse weisen auf eine gute Wirkungen
Ausrichtung in der Schweiz ist das Forschungs- Wirksamkeit der Massnahmen hin. Im Ver-
programm S U P R A - F D E S B U N D E S A M T E S gleich zur Kontrollgruppe hatten die Teilneh-
F Ü R G E S U N D H E I T. Supra-f ist ein Pro- menden ein besseres aktives Bewältigungsver-
gramm zur Suchtprävention und Gesundheits- halten. Zudem zeigte sich eine merkliche
förderung bei gefährdeten Jugendlichen im Reduktion von delinquentem Verhalten. Die
Alter von 11 bis 20 Jahren in Gemeinden und Verbesserung konnte sowohl bei der jüngeren
basiert auf Prinzipien der evidenzbasierten als auch bei der älteren Teilnehmergruppe be-
Prävention. obachtet werden.

Angebot Es besteht aus 12 ambulanten supra-f-Zentren Nachbarschaftliche Konfliktlösung


in der deutschen und französischen Schweiz.
Hier sollen die Jugendlichen in schwierigen Ein interessantes Mehrebenenprojekt, das chili – das heisse
Lebenssituationen mit schulischen, sozialpäda- auch die Quartierebene einschliesst, ist das Konflikttraining
gogischen und psychologischen Interventio- Präventionsprojekt C H I L I – D A S H E I S S E für coole Köpfe
nen so unterstützt werden, dass sich ihre Situ- KONFLIKTTRAINING FÜR COOLE KÖPFE,
ation in Schule oder Berufslehre stabilisiert. welches vom Schweizerischen Roten Kreuz seit
Gleichzeitig werden eine Verbesserung des 2000 angeboten wird. 1999 wurde chili erar-
psychischen Befindens und eine Abnahme des beitet und mit verschiedenen Pilotgruppen ge-
Substanzkonsums angestrebt. testet. Anfänglich war es als einwöchiges Kon-
flikttraining für 13- bis 20-Jährige konzipiert.
Entsprechend der oft mehrfachen Belastung Während des Trainings sollen sich Jugendliche
von gefährdeten Jugendlichen bieten supra-f- ihrer Verhaltensmuster vor und in Konfliktsi-
Zentren in Koordination mit anderen Fachstel- tuationen bewusst werden und ihre Hand-
len eine Vielzahl sozialpädagogischer und schu- lungskompetenzen im Umgang mit Konflikten
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prävention in nachbarschaft und freizeitbereich


Prävention von Jugendgewalt
57

erweitern. Das Training besteht aus verschie- Auch die Angebote des Vereins TA S K F O R C E Taskforce
denen Modulen: Konfliktbearbeitung, Selbst- I N T E R K U LT U R E L L E KONFLIKTE TIKK interkulturelle
wahrnehmung sowie Kommunikation bilden zielen darauf ab, Konflikte im öffentlichen Konflikte –
die Themenschwerpunkte. Raum zu bearbeiten. TikK ist eine Beratungs- TikK
und Fachstelle für interkulturelle Konflikte
Inzwischen wurde das Kernprogramm durch und Gewalt im öffentlichen Raum. Es leistet
ein Programm für Kinder ( C H I L I F Ü R K I N - vor Ort unmittelbare Hilfe und bietet Gemein-
D E R ) , ein Programm für Schulen und Schul- den, Schulen und anderen Organisationen
gemeinden sowie ein Programm auf der Ebe- neben direkter Unterstützung bei der Präven-
ne von Stadtquartieren ergänzt. Am ersten tionsarbeit auch Weiterbildungskurse an.
umfassenden Schulhaus-Projekt nahmen im Thematisch reicht das Spektrum von Gewalt
aargauischen Dottikon 650 Kinder und Ju- zwischen meist jugendlichen, gemischt-ethni-
gendliche sowie alle Lehrkräfte teil. Im kultu- schen Gruppierungen, über Vandalismus, Dro-
rell durchmischten Quartier Tscharnergut im hungen und Tätlichkeiten unter Annahme
Westen von Bern wurde erstmals C H I L I F Ü R eines kulturellen Hintergrundes bis hin zu
Q U A R T I E R E umgesetzt. Es existieren aller- Übergriffen auf Ausländerinnen und Auslän-
dings bisher keine Wirkungsevaluationen des der, z.B. von Seiten der Polizei. Über die Wirk-
Programms. samkeit liegen keine wissenschaftlich gesi-
cherten Kenntnisse vor.

Fazit

In sozial wenig privilegierten und ethnisch-kulturell stark durch-


mischten Quartieren ist die Mobilisierung der Wohnbevölkerung für
Präventionsanliegen, der Aufbau von Vertrauen und die aktive
Beteiligung aller Gruppen eine wichtige Voraussetzung für die Um-
setzung von Präventionsmassnahmen. Gut umgesetzte Modelle der
gemeinsamen Problemlösung nach dem Ansatz von Communities
that Care können helfen, solche Prozesse in Gang zu setzen.

Es ist gerade in ethnisch-kulturell durchmischten Quartieren anzu-


streben, dass Migrantinnen und Migranten sowie die Polizei gemein-
sam in Präventionsprojekte, aber auch in Massnahmen der problem-
orientierten Polizeiarbeit einbezogen werden.

Ein quartierbezogenes «Götti»-Programm, bei dem gefährdete


Jugendliche mit Migrationshintergrund einen Mentor erhalten, ist
eine in der bestehenden Forschung abgestützte Strategie, die weiter
zu bedenken wäre.

Angebote im Freizeitbereich sind nach aktuellem Wissensstand als


Präventionsmassnahmen nur sinnvoll, wenn ihnen ein klarer und
attraktiv umgesetzter pädagogischer Auftrag zugrunde liegt.
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erkenntnisse und folgerungen


Prävention von Jugendgewalt
58

7
Erkenntnisse und Folgerungen
Im Folgenden werden die wichtigsten Bundesebene, welche Informationen über
Erkenntnisse und Folgerungen dieses Berich- Forschungsergebnisse für die Praxis aufberei-
tes zusammengefasst. tet und beratend bei der Umsetzung und Eva-
luation von Prävention tätig ist.
Kernaussagen zu evidenzbasierter
Gewaltprävention Qualitativ hochwertige Umsetzung ist
entscheidend dafür, dass die Ergebnisse von
Es gibt kaum Individuen, die im Jugend- Programmen, welche sich in der Forschung als
alter unvermittelt anfangen, sich gewalttätig wirksam erwiesen haben, auch in die Praxis
zu verhalten. Karrieren aggressiven Verhal- übertragen werden können. Eine gute Quali-
tens beginnen meist in der Kindheit. Daher ist tätskontrolle von Gewaltprävention erfordert
Prävention sinnvoll, die in frühen Lebenspha- allerdings finanzielle und organisatorische
sen einsetzt und sich am langfristigen Aufbau Ressourcen.
von Lebenskompetenzen orientiert.
Jugendliche mit Migrations-
Gewalt und Aggression sind ein Teilaspekt hintergrund
eines Bündels von externalisierendem Problem-
verhalten. Viele Risikofaktoren und Schutz- Jugendliche mit Migrationshintergrund
faktoren, welche die Wahrscheinlichkeit von haben bei einer Reihe von familiären, schuli-
Gewalt beeinflussen, gelten in ähnlicher Weise schen, nachbarschaftlichen und individuellen
für viele andere Formen von externalisieren- Risikofaktoren eine erhöhte durchschnittliche
dem Problemverhalten. Die Prävention von Ju- Belastung. Wirksame Prävention sollte auf
genddelinquenz, von Drogenkonsum und von diese Risikofaktoren einwirken.
Gewalt sollten als Einheit im Rahmen einer
Förderung von Lebenskompetenzen betrach- Insgesamt erfordert wirksame Gewalt-
tet werden. prävention mit und für immigrierte Minder-
heiten nicht grundsätzliche andere inhaltliche
Um die Prävention von Jugendgewalt in Ansätze oder Programme als diejenigen, wel-
der Schweiz nachhaltig wirksamer zu gestal- che sich nach bisherigem Forschungsstand ins-
ten, empfehlen wir in diesem Bericht einen gesamt als wirksam erwiesen haben.
Public-Health-Ansatz, der auf Prinzipien der
evidenzbasierten Prävention beruht. Evidenz- Allerdings sind Gruppen mit Migrations-
basierte Gewaltprävention erfordert eine enge hintergrund und wenig Bildungsressourcen in
Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und der Regel für die Beteiligung an Präventions-
Praxis sowie einen internationalen Austausch anliegen schwer zu motivieren. Viele bisherige
über Erfahrungen und Wissen. Ansätze zum Erreichen immigrierter und bil-
dungsferner Minderheiten sind enttäuschend
Gewaltprävention, wie wir sie in diesem verlaufen.
Bericht vorgestellt und empfohlen haben, ist
Teil einer allgemeineren Gesundheitsförde- Eine sorgfältige Abklärung der besonde-
rung und fügt sich ein in Zielsetzungen im ren Bedürfnisse und Ressourcen, Überlegun-
Bereich der Prävention von Substanzkonsum gen zur allfälligen Anpassung von Program-
und der Förderung von psychischer und kör- men auf kulturelle Besonderheiten, sowie die
perlicher Gesundheit. Bei der Umsetzung von Vorbereitung einer Präventionsmassnahme
Gewaltprävention sollte auf allen Altersstu- durch frühe Information und Einbezug von
fen und in allen Interventionsbereichen auf Minderheitenorganisationen können entschei-
mögliche Synergien mit anderen Präventions- dend helfen, eine Massnahme erfolgreich
zielen geachtet werden. umzusetzen.

Ein Weg zum Aufbau einer Kultur von Präventionsbemühungen benötigen im-
evidenzbasierter Prävention in der Schweiz mer die aktive Unterstützung der jeweiligen
wäre die Schaffung einer Fachstelle auf Gemeinschaft. Bei bildungsfernen und kultu-
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erkenntnisse und folgerungen


Prävention von Jugendgewalt
59

rell wenig assimilierten immigrierten Gruppen Im Sinne einer breiten Frühförderung


muss besonderes Gewicht darauf gelegt wer- sollten zusätzliche Anstrengungen unternom-
den, langfristig ein Verständnis und eine men werden, durch eine intensive nicht-me-
aktive Unterstützung von Präventionsanlie- dizinische Unterstützung während und nach
gen aufzubauen. der Schwangerschaft gesundheitliche Risiken
von gefährdeten Müttern zu reduzieren und
Ausserdem unterscheiden sich viele Mig- Erziehungskompetenzen aufzubauen.
rantengruppen von der Schweizer Bevölke-
rung sowohl bezüglich Überzeugungen und Angebote der Elternbildung, deren Wirk-
Werthaltungen, welche für Gewaltprävention samkeit wissenschaftlich geprüft wurde und
relevant sind (z.B. Erziehungsfragen, Erwar- deren Umsetzung einer strengen Qualitäts-
tungen an die Schule, Vertrauen in staatliche kontrolle unterliegt, sollten in der Schweiz
Instanzen), wie auch hinsichtlich ihrer durch- breiter gefördert werden.
schnittlich geringeren Bildung und wirtschaft-
lichen Situation. Bei der Umsetzung von Universelle Prävention erreicht im fami-
Gewaltprävention muss vermehrt auf diese liären Bereich immer nur einen Teil der Ziel-
Unterschiede Rücksicht genommen werden. gruppen. Sie sollte daher durch Angebote
Wo geboten, sind Präventionsprogramme an der selektiven und indizierten Prävention
die jeweils spezifischen Bedürfnisse und Rah- ergänzt werden. Beispielsweise ist darüber
menbedingungen anzupassen. nachzudenken, in welchem Masse Eltern von
straffälligen oder aggressiven Kindern und
Integration von Präventions- Jugendlichen zum Besuch relevanter Elternbil-
massnahmen dungsangeboten verpflichtet werden können.

Wir haben in diesem Bericht gezeigt, Für Eltern mit Migrationshintergrund


dass evidenzbasierte Prävention auf drei Ach- besteht eine klare Unterversorgung im Bereich
sen unterschieden werden kann: (1) Auf der der Elternbildung. Es ist geboten, mehr An-
Zeitachse der individuellen Entwicklung vom strengungen zu unternehmen, so dass diese
Säugling zum Jugendlichen nach der Alters- Gruppen erreicht werden. Insbesondere be-
stufe, in der sie ansetzt; (2) auf der Achse der deutet dies, Elternbildungkurse in den ver-
zu beeinflussenden Faktoren entsprechend breitetsten Migrantensprachen anzubieten.
der Ebene (d.h. Familie, Schule, Nachbar-
schaft), auf der Risikofaktoren reduziert oder Viele bestehende Angebote der Eltern-
Schutzfaktoren aufgebaut werden sollen; und bildung wenden sich an Eltern von Kindern im
(3) entlang der Achse der ins Auge gefassten Kindergarten oder Primarschulalter. Eltern-
Zielgruppen nach universeller, selektiver und bildung für Eltern von Jugendlichen sollte
indizierter Prävention. vermehrt gefördert und hinsichtlich ihrer
Wirkungen evaluiert werden.
Wir sind der Auffassung, dass darauf hin
gearbeitet werden sollte, Prävention entlang Teilbereich Schule
aller drei Achsen aufeinander abzustimmen,
um möglichst optimale Wirkungen zu erzie- Eine frühe – d.h. im 3. bis 5. Altersjahr
len. So legt etwa die bisherige Forschung erfolgende – Förderung der kognitiven und
nahe, dass sich mit zunehmendem Alter auch sozialen Entwicklung von Kindern aus benach-
zunehmend selektive und indizierte Massnah- teiligten Verhältnissen und mit einer Belas-
men eignen. Auch bei der präventiven Er- tung durch Risikofaktoren in vorschulischen
schliessung der Lebenssphären empfiehlt sich Programmen und unter Einbezug der Eltern
ein nach Alter gestuftes Vorgehen, indem stellt ein wirksames Mittel dar, ihre psychoso-
Frühprävention auf der Ebene der Familie ziale Entwicklung zu fördern, ihre schulischen
ansetzt, während Schule und Nachbarschaft Chancen zu verbessern und langfristig Prob-
erst später erschlossen werden. lemverhalten vorzubeugen. In den Niederlan-
den und in Grossbritannien existieren bereits
Teilbereich Familie solche Programme in ethnisch-kulturell hetero-
genen benachteiligten Stadtkreisen. Wir regen
Die Förderung von elterlichen Erzie- an, entsprechende Programme in der Schweiz
hungskompetenzen in allen Lebensphasen ist in Erwägung zu ziehen.
ein wirksamer Beitrag zur universellen Prä-
vention von Problemverhalten bei Kindern Programme zur Förderung kognitiver
und Jugendlichen. Sie sollte in der Schweiz und sozialer Kompetenzen, welche das Ein-
systematischer unterstützt werden. üben solcher Kompetenzen im schulischen
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erkenntnisse und folgerungen


Prävention von Jugendgewalt
60

Alltag einschliessen, haben sich in vielen Eva-


luationen als wirksam erwiesen. Wir sind der
Auffassung, dass zukünftige Massnahmen
vermehrt solche Programme berücksichtigen
sollten.

Besondere Herausforderungen stellen


sich in Schulen, welche durch einen hohen An-
teil von Kindern mit erhöhten Risikofaktoren
gekennzeichnet sind. Dies sind oft Schulen in
unterprivilegierten städtischen Quartieren
mit einer hohen Fluktuation der Wohnbevöl-
kerung und einem hohen Anteil von Familien
mit Migrationshintergrund. In solchen Schu-
len ist es oft schwieriger, Eltern für eine Unter-
stützung schulischer Prävention zu gewinnen.
Diesem Problem sollte vermehrt Aufmerk-
samkeit geschenkt werden.

Teilbereich
Nachbarschaft / Quartier

In sozial wenig privilegierten und eth-


nisch-kulturell stark durchmischten Quartie-
ren ist die Mobilisierung der Wohnbevölke-
rung für Präventionsanliegen, der Aufbau von
Vertrauen und die aktive Beteiligung aller
Gruppen eine wichtige Voraussetzung für die
Umsetzung von Präventionsmassnahmen. Gut
umgesetzte Modelle der gemeinsamen Prob-
lemlösung nach dem Ansatz von Communi-
ties that Care können helfen, solche Prozesse
in Gang zu setzen.

Es ist gerade in ethnisch-kulturell durch-


mischten Quartieren anzustreben, dass Mig-
rantinnen und Migranten sowie die Polizei
gemeinsam in Präventionsprojekte, aber auch
in Massnahmen der problemorientierten Poli-
zeiarbeit einbezogen werden.

Ein quartierbezogenes «Götti»-Programm,


bei dem gefährdete Jugendliche mit Migra-
tionshintergrund einen Mentor erhalten, ist
eine in der bestehenden Forschung abge-
stützte Strategie, die weiter zu bedenken wäre.

Angebote im Freizeitbereich sind nach


aktuellem Wissensstand als Präventionsmass-
nahmen nur sinnvoll, wenn ihnen ein klarer
und attraktiv umgesetzter pädagogischer
Auftrag zugrunde liegt.

Im Bereich der selektiven Prävention


scheinen besonders Ansätze der multisystemi-
schen Therapie vielversprechend, welche ver-
schiedene Lebensbezüge von Jugendlichen
berücksichtigen und sozialpädagogische, fami-
liäre und schulisch-berufliche Interventionen
miteinander verbinden.
präv.jugendgewalt 8.5.2006 15:27 Uhr Seite 61

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