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Aus der Praxis – für die Praxis

Ein Leben lang zerstreut: «Hans Guck-in-die-Luft»


und «Zappelphilipp» werden erwachsen
ADHS im Kindes- und Erwachsenenalter – Teil 1: Klinik und Diagnostik1

Doris Ryffel, Meinrad Ryffel

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstö- Le trouble déficitaire de l’attention avec hyperac-


rung (ADHS) ist keine gutartige Kinderkrankheit, tivité (TDAH) n’est pas une maladie infantile bé-
die sich spätestens in der Pubertät auswächst [1]. nigne disparaissant d’elle-même à la puberté [1].
Sowohl «Zappelphilipp» wie auch «Hans Guck-in- Selon les circonstances ou l’environnement, les
die-Luft» und «Paulinchen» können bei Nichter- enfants «hypernerveux», «hyperactifs» ou «dans
kennen ihrer Problematik, fehlender Behandlung la lune» peuvent souffrir toute leur vie de pa-
und durch ungünstige äussere Umstände ein thologies secondaires importantes si les symp-
Leben lang an ihrer Primärstörung mit eventuell tômes de leur perturbation primaire ne sont pas
zusätzlichen schwerwiegenden Sekundärerkran- reconnus et traités à temps.
kungen stark leiden. Cependant, il est toujours surprenant de consta-
Immer wieder ist es aber erstaunlich zu sehen, ter l’amélioration notable de la qualité de vie de
wie sich auch bei spät erfassten ADHS-Betroffe- personnes souffrant du TDAH lorsqu’elles reçoi-
nen die Lebensqualität durch eine entsprechende vent un traitement approprié, et ce même lorsque
Diagnostik und Therapie deutlich verbessern le diagnostic intervient tardivement.
kann. Bien que le diagnostic et le traitement précoces
Ob eine frühzeitige Erfassung und Behandlung, du TDAH soient de plus en plus fréquents dans les
wie sie nun zunehmend in kinder- und hausärzt- cabinets pédiatriques ou de médecine générale,
lichen Praxen erfolgt, wirklich den weiteren Ver- une influence positive réelle sur le déroulement
lauf positiv beeinflussen kann, ist wissenschaft- n’est pas encore démontrée scientifiquement.
lich noch nicht erwiesen. Viele Beispiele aus dem Mais de nombreux exemples cliniques et plus de
klinischen Alltag und die Praxiserfahrungen von 25 années d’expérience en cabinet permettent de
über 25 Jahren lassen dies aber vermuten und soll- le supposer et doivent nous encourager à nous
ten uns alle dazu anspornen, uns vermehrt der consacrer à la tâche gratifiante de diagnostiquer,
spannenden und sehr dankbaren Aufgabe der traiter et soigner les personnes touchées par le
Diagnostik, Therapie und Betreuung von ADHS- TDAH (voir à ce sujet en particulier [2–7]).
Betroffenen anzunehmen (vgl. dazu vor allem
auch [2–7]).

Abbildung 1.
Der Zappelphilipp. Aus «Der Struwwelpeter»
von Dr. Heinrich Hoffmann, 1844.

1 Teil 2, «Therapiemöglichkeiten im Kindesalter», erscheint


in der folgenden Nummer von PrimaryCare und Teil 3,
«Therapie der ADHS im Erwachsenenalter», im Heft 10.

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Vom Struwwelpeter zum ADHS In der Folge wurde für die gleiche Symptomatik je
nach Schule eine Vielzahl verschiedener Begriffe
Ob der Autor des berühmten «Struwwelpeters», der (frühkindlicher Hirnschaden, minimale zerebrale
Nervenarzt Dr. Heinrich Hoffmann, realisiert hat, Dysfunktion, infantiles POS usw.) verwendet, die
dass er mit der Beschreibung seiner Figuren die 1980 in der amerikanischen DSM III von der jetzt
Hauptsymptome der ADHS, nämlich Aufmerksam- zunehmend weltweit übernommenen Bezeichnung
keitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität, be- der «Attention Deficit (Hyperactivity) Disorder»,
reits treffend charakterisiert hat, wissen wir nicht. d.h. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
Es ist aber anzunehmen, dass Hoffmann dies so klar (= ADHS), abgelöst wurde. 1994 ist in der DSM IV
darstellen konnte, weil er selbst und wahrscheinlich [10] aufgrund ausführlicher Feldstudien die vorerst
ein Grossteil seiner Familie an dieser häufig ein letzte, bis heute gültige klinische Beschreibung und
Leben lang persistierenden und familiär gehäuften Definition formuliert worden (Tabelle 1). Von gros-
Störung gelitten hat [8]. Die medizinische Erstbe- ser Bedeutung ist, dass die Kriterien von Unaufmerk-
schreibung erfolgte dann 1902 durch den englischen samkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität
Kinderarzt G. Still [9], der bereits damals zu Recht situationsübergreifend auftreten, über mindestens
ausführte, dass nicht vorwiegend Umweltfaktoren 6 Monate andauern, im frühen Kindesalter beginnen
oder eine falsche Erziehung, sondern eine «krank- und zu schwerwiegenden Problemen (Leidensdruck
hafte Veranlagung» zum Bild der so auffälligen Ver- des Betroffenen!) im Alltag führen müssen.
haltens- und Lernschwierigkeiten betroffener Kin-
der führen müsse.
Die ADHS kommt sowohl bei Kindern und
Jugendlichen wie auch bei Erwachsenen vor.
Voraussetzung für die Diagnose ist vor allem
eine umfassende, sorgfältige Anamnese und
die Kenntnis der DSM-IV-Kriterien.

Tabelle 1. ADHS: Amerikanische Einteilung DSM-IV 1994.

A: Diese Kinder oder Erwachsenen zeigen eine minde-


stens 6 Monate andauernde Störung mit Symptomen
gemäss 1 und/oder 2, dies in einem Ausmass, dass sie
zu Problemen mit der Umwelt (Schule, Familie usw.)
führen und nicht mit dem aktuellen Entwicklungsalter
übereinstimmen.
1. 6 oder mehr Kriterien von Unaufmerksamkeit
(«inattention»)
a Hat grosse Mühe, sich auf Details zu konzentrieren, macht
gehäuft Flüchtigkeitsfehler bei Hausaufgaben, vergisst vie-
les zu Hause und bei anderen Aktivitäten.
b Hat Mühe, bei Aufgaben oder Spielen länger aufmerksam
zu sein.
c Scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere mit ihm spre-
chen.
d Hat Schwierigkeiten, Anleitungen (Instruktionen) zu verste-
hen, und wird nicht mit den Aufgaben in der Schule, zu
Hause oder am Arbeitsplatz fertig.
e Hat Schwierigkeiten, sich und anstehende Aufgaben/Akti-
vitäten zu organisieren.
f Zögert, vermeidet bzw. lehnt oft Aufgaben in Schule oder
zu Hause ab, die eine längere geistige Anstrengung erfor-
dern.
g Verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben und Aktivitä-
ten in der Schule oder zu Hause benötigt werden (z.B.
Spielzeuge, Bleistifte, Bücher oder Anweisungen).
h Wird leicht durch äussere Reize abgelenkt.
i Ist im Alltag übermässig vergesslich.
Abbildung 2.
Hans Guck-in-die-Luft. Aus «Der Struwwelpeter»
von Dr. Heinrich Hoffmann, 1844.

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kinetischen Kriterien für die Diagnose als zwingend


2. 6 oder mehr Kriterien von Hyperaktivität
und Impulsivität vorgeschrieben sind, was dazu führt, dass ein gros-
Hyperaktivität: ser Teil von Betroffenen, vor allem im Jugend- und
a Zappelt häufig mit Händen oder Füssen oder windet sich in
Erwachsenenalter, aber auch Mädchen, nicht er-
seinem Sitz. kannt und somit auch nicht behandelt wird. Der
b Kann nur mit Mühe sitzen bleiben, wenn dies von ihm er- kanadische Kinderarzt Falardeau [12] hat für diese
wartet wird. Kinder den zutreffenden Begriff der «enfants luna-
c Rennt und klettert in Situationen herum, wo dies nicht er-
tiques» geprägt, d.h. brave, liebe und träumerische,
wünscht oder möglich ist (bei Jugendlichen und Erwachse-
nen beschränkt sich dies mehr auf ein inneres Empfinden z.T. als «dumm» erscheinende Kinder (häufig zudem
von Rastlosigkeit). Mädchen), die niemandem etwas zuleide tun, selbst
d Kann nur schwer ruhig spielen. aber zunehmend unter ihrer Beeinträchtigung leiden
e Ist oder erscheint häufig «innerlich von einem Motor ange- und nicht selten erst in der Pubertät mit Abhängig-
trieben».
keitsproblemen oder Depressionen auffällig werden.
f Redet häufig übermässig viel.
Die deutsche Kinderneurologin H. Simchen [13]
Impulsivität: schreibt deshalb zu Recht, dass bei Nichterkennen
g Platzt oft mit der Antwort heraus, bevor die Frage voll- der Symptomatik «die Seele eines Kindes schon ge-
ständig gestellt worden ist.
knickt werde, bevor sie sich entfalten könne, und
h Kann in Spiel- und Gruppensituationen nur schwer warten,
bis er an der Reihe ist. niemand bemerke dies».
i Unterbricht oft andere oder drängt sich diesen auf, platzt Beim Benutzen der ICD-10-Klassifizierung erhalten
z.B. ins Spiel anderer, stört eine Unterhaltung. zudem die Verhaltensauffälligkeiten ein ungebühr-
B: Einige dieser Kriterien müssen vor dem 7. Altersjahr liches Gewicht und führen z.T. berechtigt zu Kritiken
vorhanden gewesen sein und zu Problemen geführt an einer allfällig indizierten Medikation («Das Kind
haben.
wird ruhiggestellt», «Pillen für den Zappelphilipp»
C: Probleme aufgrund dieser Störung müssen in verschie-
denen Situationen aufgetreten sein (z.B. in Spiel- usw.), dabei geht es jedoch bei der häufig notwendigen
gruppe, Kindergarten, Schule, bei Freizeitaktivitäten, medikamentösen Behandlung vor allem darum, die In-
zu Hause oder am Arbeitsplatz). formationsverarbeitung der Betroffenen im weitesten
D: Die entstandenen Probleme müssen klar die soziale Sinne zu verbessern, wobei ein aufmerksameres und
Anpassung, die schulische Leistungsfähigkeit oder
später sogar die Berufslaufbahn beeinträchtigen.
auch konzentrierter arbeitendes Kind naturgemäss
E: Kriterien einer anderen tiefgreifenden Entwicklungs- auch ruhiger erscheint (vergleiche das Konzept der
störung oder psychiatrischen Krankheit sind nicht ge- sog. «Exekutiven Funktionen» von Barkley [19]).
geben.

Klinische Einteilung: ADHS gibt es auch im Erwachsenenalter


ADHS, vorwiegend mit Aufmerksamkeitsstörung
Aufgrund eigener (in der kinderärztlichen Praxis seit
(Kriterien A 1) – ADS
über 25 und in der psychiatrischen Praxis seit mehr
ADHS, vorwiegend mit Hyperaktivität, Impulsi- als 10 Jahren) Erfahrungen möchten wir nachfol-
vität (Kriterien A 2) – «HKS» gend versuchen, das auch in den Medien immer
noch kontrovers diskutierte Krankheitsbild zu be-
ADHS in voller Ausprägung (Kriterien A 1 + 2) –
schreiben, Denkanstösse zu vermitteln, auf einige
ADHS
neuere Arbeiten und Bücher hinzuweisen, und un-
ADHS in teilweiser Remission (bei Jugendlichen sere ärztlichen Kollegen dazu aufmuntern, sich ver-
und Erwachsenen, bei denen nur noch einzelne mehrt dieser häufig verkannten Patienten möglichst
Kriterien zutreffen) kompetent anzunehmen.
Lange wurde die ADHS als eine auf das Kindesalter
beschränkte Entwicklungsstörung betrachtet. Je
Die diagnostische Klassifizierung nach Untersuchung wird dabei eine Häufigkeit von
ca. 3–5% aller Kinder angenommen. Schon in den
Da in den USA dieses Störungsbild seit Jahrzehnten 80er Jahren konnte jedoch der amerikanische Psych-
und auch heute noch besonders intensiv erforscht iater Wender [14] zeigen, dass bei etwa 50% die
wird, wird diese amerikanische Einteilung der DSM Störung im Erwachsenenalter weiterbesteht. Die vor
IV nun zunehmend auch in Europa verwendet. In allem bei Knaben anzutreffende hyperkinetische
der ICD 10 [11] wird das Krankheitsbild nämlich Symptomatik verschwindet zwar häufig, die Auf-
weiterhin unter dem Namen «Hyperkinetische Stö- merksamkeitsprobleme halten aber an, die Komor-
rung» (F.90) etwas anders definiert, wobei die hyper- bidität mit anderen psychischen Erkrankungen wie

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Depressionen, Angst-, Sucht- und Zwangserkran- Diagnostische Kriterien


kungen ist hoch und das Auftreten von Dissozialität
und Kriminalität nicht selten [15, 16]. Andererseits Üblicherweise wird die Diagnose bis heute
sind viele ADHS-Betroffene häufig besonders krea- vor allem klinisch, d.h. durch eine genaue
tive, spontane und originelle Persönlichkeiten. und umfassende Erhebung der persönlichen
Krause et al. haben 1998 erstmals über die ADHS im und familiären Anamnese und die Verwen-
Erwachsenenalter eine auch heute noch sehr lesens- dung störungsspezifischer Fragebogen,
werte deutsche Übersichtsarbeit [17] geschrieben gestellt.2
und vor kurzem zudem das erste deutschsprachige
Lehrbuch über ADHS im Erwachsenenalter heraus- Eine somatische und neurologische Untersuchung
gegeben [18]. ist unerlässlich, beim Spezialisten ergänzt durch die
Durchführung spezifischer «Aufmerksamkeitstests»
(z.B. verschiedene Durchstreichverfahren wie der
Vorwiegend genetisch bedingte bp-Test nach Esser, der d2-Test von Brickenkamp
Funktionsstörung im Hirn oder computerisierte Verfahren im Sinne eines
«Continuous Performance Test»).
Als Ursache für die ADHS wird heute aufgrund zahl- Eine entwicklungs- bzw. schulpsychologische und
reicher Untersuchungen eine vorwiegend genetisch neuromotorische Untersuchung im Kindesalter (z.B.
bedingte, neurobiologisch erklärbare andere Funk- nach dem Verfahren von L. Ruf) lässt zudem häufig
tion im Bereich derjenigen Hirnabschnitte im Fron- begleitende Teilleistungsstörungen (Legasthenie,
talhirn, den Stammganglien und Teilen des Cerebel- Dyskalkulie) und eine eventuelle leichte zerebrale
lums angenommen, die übergeordnete Steuerungs- Bewegungsstörung erkennen. Noch wird in der
und Koordinationsaufgaben in der zerebralen Infor- Deutschschweiz für solche Kombinationen der
mationsverarbeitung übernehmen. Neuere funktio- ADHS häufig der unterschiedlich definierte Begriff
nelle Untersuchungen mit «brain-imaging»-Metho- «infantiles POS» verwendet.
den zeigen eine Hypoaktivität und Dysregulation in Im Erwachsenenalter ist sowohl die Diagnosestel-
den in diesen Abschnitten vorhandenen Neurotrans- lung wie auch die Behandlung häufig wesentlich
mittersystemen von Dopamin, Noradrenalin und schwieriger. Nicht selten haben sekundäre Störun-
z.T. auch Serotonin. Vor kurzem konnte sowohl in gen, soziale Auffälligkeiten bis hin zur Delinquenz
den USA wie auch in Deutschland bei erwachsenen oder die Komorbidität mit Depressionen, Angst-,
ADHS-Patienten gezeigt werden, dass das in den be- Sucht- und Zwangserkrankungen das Primärbild
troffenen Synapsen wirkende Dopaminrücktrans- verwischt. Auch hier ist die sorgfältige Anamnese bis
porter-Enzym vermehrt aktiv ist und so die körper- zurück ins Kindesalter unabdingbar, häufig ist es
eigene Dopaminaktivität verkürzt [20]. Die Medika- nötig, Zusatzinformationen von Eltern und/oder an-
tion mit Methylphenidat (Ritalin®) scheint nun diese deren Bezugspersonen wie Lehrern einzuholen. Die
vermehrte Aktivität des Dopamin-Rücktransports im Erwachsenenalter verwendeten störungsspezifi-
zu hemmen und lässt somit das körpereigene Dopa- schen Fragebogen (z.B. WURS [24] und die Brown
min länger wirken, d.h., es «normalisiert» vorüberge- Scales [25]) müssen vorerst noch nach amerikani-
hend das betroffene Neurotransmittersystem. Diese schen Normen ausgewertet werden. Für das Erwach-
postulierte Unterfunktion der verantwortlichen senenalter gibt es auch deutlich weniger Erfahrun-
Neurotransmitter mit entsprechender Hypoaktivität gen mit standardisierten neuropsychologischen
der betroffenen Hirnabschnitte lässt sich neu auch Testverfahren als für das Kindesalter, die klinische
durch quantitativ ausgewertete EEG-Untersuchun- Forschung dazu ist aber in vollem Gange.
gen nachweisen [21]. Überdies zeigen MRI-Untersu- Bei dieser wahrscheinlich zum grossen Teil vererb-
chungen bei Erwachsenen diskrete Struktur- und ten neurobiologischen Störung sind nicht selten
Grössenunterschiede in den betroffenen Abschnit- mehrere Familienmitglieder, z.T. über verschiedene
ten, d.h., die Vernetzung der Nervenzellen könnte in Generationen hinweg, in unterschiedlichem Aus-
diesen Abschnitten weniger intensiv erfolgt sein und mass betroffen, was sich auch in unseren beiden Pra-
so diese Volumenabnahme erklären [22]. Der vor xen niederschlägt. Die Untersuchungen zur Verer-
allem geschäftstüchtige Amerikaner Amen [23] hat bung der ADHS [26] werden gegenwärtig weltweit
in Tausenden SPECT-Untersuchungen charakteristi- in verschiedenen Zentren durchgeführt und glei-
sche funktionelle Aktivitätsunterschiede bei ADHS- chen dabei etwas der Suche nach der berühmten
Betroffenen nachweisen können und benützt als bis-
her einziger solche Untersuchungen routinemässig 2 Bewährt haben sich im Kindesalter z.B. diejenigen von
als Teil seiner Diagnosestellung. M. Döpfner aus dem DISYPS-KJ-System, Hogrefe-Verlag.

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Nadel im Heustock. Im Vordergrund stehen Befunde sammengefasst. Auch hier gilt, dass das Ausmass, die
im Bereich der verschiedenen Dopaminrezeptoren Persistenz und die daraus erfolgende Problematik
und -transportenzyme. bzw. der Leidensdruck des Patienten für die Diagno-
Im Jahre 2000 haben die amerikanischen Kinder- stik entscheidend sind.
ärzte folgende Leitlinien zur Diagnostik einer ADHS
im Kindesalter formuliert:
Klinische Symptomatik
Tabelle 2. Leitlinien der amerikanischen Kinderärzte zur von ADHS-Betroffenen
Diagnostik der ADHS (American Academy of Pediatrics,
Committee on Quality Improvement; Pediatrics 2000;105:
1158). Pränatal
Intrauterin eventuell auffallend unruhig, vor allem
Alle Kinder, die unaufmerksam, hyperaktiv und impulsiv sind, im Vergleich zu anderen Schwangerschaften. Even-
in der Schule versagen oder stark verhaltensauffällig sind, soll-
tuell ist bei ADHS-Müttern die Frühgeburtlichkeit
ten auf ADHS abgeklärt werden.
häufiger! Vermehrt Nikotin und Alkohol während
Für die ADHS-Diagnose sind die DSM-IV-Kriterien massgebend.
Schwangerschaft, möglicherweise ein Zeichen der
Entscheidend sind die Beobachtungen von Eltern in verschie-
denen Situationen, Beginn und Dauer der Symptome und eine
Selbstmedikation einer «ADHS-Mutter»?
starke Beeinträchtigung durch diese.
Zusätzlich sind Beobachtungen von Lehrern/Schule und weite- Säuglingsalter
ren Bezugspersonen ebenfalls äusserst wichtig und immer zu Nicht selten auffallend brav, ruhig und pflegeleicht
berücksichtigen! bis zu Gehbeginn oder seit Geburt unruhiges
Zusätzlich zur ADHS-Diagnostik sollen Begleiterkrankungen ab- Schreibaby mit Koliken, Ess- und Schlafstörungen
geklärt werden: Lernstörungen, wie Legasthenie und Dyskalku- (hohes psychophysiologisches Aktivitätsniveau) und
lie; Störung des Sozialverhaltens; oppositionelles Trotzverhal-
gehäuft Infekte und Allergien. Entweder also extrem
ten; Angststörung; Depression.
«pflegeleicht» oder sehr aufwendig, kein Mittelmass.
Zusätzliche Testuntersuchungen sind in der Regel routinemäs-
sig nicht notwendig.
Kleinkindesalter
Häufig motorisch sehr früh und aktiv mit unzähli-
Diese Leitlinien zeigen deutlich, dass die Kenntnisse
gen Missgeschicken und Unfällen, plan-, ziel- und
der klinischen Symptomatik der ADHS für die Dia-
rastlose Aktivität ist die Regel. Dabei natürlich Pro-
gnose entscheidend sind, wobei das Auslassen ergän-
blematik der Abgrenzung zum lebhaften Kind. Ge-
zender Testuntersuchungen die Gefahr einer Über-
ringe Spielintensität und -ausdauer. Probleme in der
diagnostik beinhaltet und keine Differentialdia-
Gruppe, ausgeprägte und langdauernde Trotzreak-
gnose ermöglicht. Allerdings dürfen die in der Praxis
tionen, oppositionelles und aggressives Verhalten,
durchgeführten Untersuchungen auch nicht überbe-
z.T. deutliche auditorische und visuelle Wahrneh-
wertet werden und sich z.B. nicht nur auf eine neu-
mungsprobleme, evtl. Schwierigkeiten in der Fein-
romotorische Untersuchung beschränken, da diese
und Grobmotorik, Sprachentwicklungsstörungen.
allein für die ADHS-Diagnostik nicht ausreicht. Zu
Durch diese Primärsymptomatik zunehmend ge-
Recht sagen die amerikanischen Kollegen: «Real life
störte Interaktion Mutter–Kind, allgemein ist die Be-
is much tougher than any test», d.h., die Beobachtun-
ziehungsfähigkeit eingeschränkt, somit keine be-
gen und Erfahrungen der Eltern, weiterer Bezugs-
ständigen Freundschaften, zunehmend soziale In-
personen und der Selbstbetroffenen sollten von den
kompetenz und Gefahr der Ausgrenzung von Kind
Fachpersonen ernst genommen werden. Nicht sel-
und häufig auch der Eltern, zunehmende Überforde-
ten erscheint der Patient (vor allem das hyperaktive
rungssituation der Eltern, Gefahr von Kindesmiss-
Kind) in der neuen stimulierenden Umgebung der
handlung. Aber auch extrem brave und ruhige Klein-
Arztpraxis völlig unauffällig.
kinder, die in einer Gruppensituation rasch überfor-
dert sind.
Das Entscheidende für die Diagnostik
ist also vor allem das «richtige Zuhören- Kindergartenalter
können». Keine Ausdauer, grosse Schwierigkeiten, verbale
Aufforderungen umsetzen zu können, kann nicht im
Da also für die Diagnosestellung die klinische Sym- «Kreisli» bleiben, zieht sich zurück oder ist der
ptomatik mit einer über Jahre persistierenden und «Schrecken» aller Kinder, d.h. Quälgeist, spielt häu-
situationsübergreifenden Problematik ausschlagge- fig immer mit den gleichen Spielsachen, «emotio-
bend ist, haben wir die vielfältig zu beobachtenden nal» nicht schulreif, z.T. tolpatschig.
Symptome und Auffälligkeiten synoptisch unten zu-

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lange Frustrationen eventuell Null-Bock-Mentalität


mit Schul- und Leistungsverweigerung, zunehmend
oppositionell-aggressives Verhalten oder z.T. Ent-
wicklung von Ängsten und Depressionen. Kontakte
mit sozialen oder politisch extremen Randgruppen,
Neigung zu Verkehrsunfällen und Delinquenz, früh-
zeitig Probleme mit Alkohol, Drogen (z.T. «Selbst-
medikation») und Nikotinabusus. Eventuell Früh-
schwangerschaften. Gehäuft Verkehrsunfälle bei
amerikanischen Jugendlichen.

Erwachsenenalter
Persistiert in ca. 50% bis ins Erwachsenenalter mit
anhaltenden, z.T. starken Beeinträchtigungen im be-
ruflichen, familiären und sozialen Umfeld und vie-
len sekundären Erscheinungen.
Paul Wender hat für Erwachsene folgende 7 Leit-
symptome als besonders charakteristisch bezeich-
net:
 Aufmerksamkeitsstörung: Gekennzeichnet durch
das Unvermögen, Gesprächen aufmerksam zu fol-
gen, erhöhte Ablenkbarkeit (andere Stimuli können
nicht ausgefiltert werden), Schwierigkeiten, sich auf
Abbildung 3.
Hans Guck-in-die-Luft. Aus «Der Struwwelpeter» schriftliche Dinge oder Aufgaben zu konzentrieren,
von Dr. Heinrich Hoffmann, 1844. Vergesslichkeit, häufiges Verlieren oder Verlegen
von Gegenständen wie Autoschlüssel, Geldbeutel
oder der Brieftasche.
Schulkind  Motorische Hyperaktivität (nicht obligat!): Cha-
Mangelnde Fähigkeit, sich an Regeln in Familie, rakterisiert durch das Gefühl innerer Unruhe, Unfä-
Schule und anderen Gemeinschaften zu halten, higkeit, sich zu entspannen, «Nervosität» (i.S. eines
keine Ausdauer und ausgesprochene Konzentra- Unvermögens, sich entspannen zu können), Unfä-
tionsschwierigkeiten, starke Vergesslichkeit, «Träu- higkeit, sitzende Tätigkeiten durchzuhalten, z.B. am
mer» und/oder zunehmender Störenfried, aggressives Tisch still zu sitzen, Spielfilme am Fernsehen anzu-
Verhalten und Ablehnung durch Gleichaltrige, kom- sehen, Zeitung zu lesen, «stets auf dem Sprung» zu
pensatorischer Klassenclown. Starke Ablenkbarkeit sein, dysphorische Stimmungslage bei Inaktivität.
und emotionale Instabilität, grosse Frustrationsinto-  Affektlabilität: Diese charakteristische Stim-
leranz. Ungesteuertes Schriftbild, chaotisches Ord- mungsstörung wird nicht in der DSM IV beschrie-
nungsverhalten, z.T. ständiges und überhastetes ben. Sie hat gewöhnlicherweise schon vor der Ado-
Sprechen, Dazwischenreden und -rufen. Nicht bega- leszenz bestanden, gelegentlich so lange, wie sich
bungsentsprechende Schulleistungen mit zuneh- der Patient erinnern kann. Gekennzeichnet ist sie
mendem Schulversagen und Klassenrepetition. durch einen Wechsel zwischen normaler und nieder-
Schulverleider und -verweigerung, z.T. depressiver geschlagener Stimmung sowie leichtgradiger Erre-
Rückzug, Mühe mit dauerhaften sozialen Bindungen gung. Die niedergeschlagene Stimmungslage wird
und häufig Aussenseitertum, Mobbingopfer und vom Patienten häufig als Unzufriedenheit oder Lan-
niedriges Selbstwertgefühl. Grosse Probleme mit geweile beschrieben. Die Stimmungswechsel dauern
Hausaufgaben und den vielen «Selbstverständlich- Stunden bis maximal einige Tage, hat das Verhalten
keiten» im Alltag. bereits zu ernsthaften und anhaltenden Schwierig-
keiten geführt, können sie sich ausdehnen. Im
Jugendalter Gegensatz zur «major depression» (endogene De-
Unruhe und hyperaktives Verhalten wird zwar häu- pression) finden sich kein ausgeprägter Interessen-
fig besser, die Unaufmerksamkeit, Konzentrations- verlust oder körperliche Begleiterscheinungen. Die
problematik und Impulsivität bleiben jedoch beste- Stimmungswechsel sind stets reaktiver Art, deren
hen und führen bei höheren kognitiven Anforderun- auslösende Ereignisse zurückverfolgt werden kön-
gen zu steigenden Problemen mit Leistungsversa- nen. Gelegentlich treten sie aber auch spontan auf.
gen, kann nicht mehr kompensieren. Durch jahre-  Desorganisiertes Verhalten: Aktivitäten werden

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unzureichend geplant und organisiert. Gewöhnlich Empfehlung zur weiteren Information:


– ADD and Comorbidities in Children, Adolescents and
schildern die Patienten diese Desorganisation im
Adults. Ein Referat in englisch von Prof. Thomas E. Brown,
Zusammenhang mit der Arbeit, der Haushaltsfüh- als Video zu bestellen bei dar@swissonline.ch,
rung oder mit schulischen Aufgaben. Aufgaben wer- Fax: 031 869 26 94.
den häufig nicht zu Ende gebracht, die Patienten
wechseln planlos von einer Aufgabe zur nächsten Literatur
1 Barkley R, et al. Internationale Konsensus-Erklärung zu
und lassen ein gewisses «Haftenbleiben» vermissen.
ADHS: Deutsche Übersetzung unter www.adhs.ch, Original
Unsystematische Problemlösestrategien liegen vor, unter: www.chadd.org oder in Clinical Child and Family
daneben finden sich Schwierigkeiten in der zeit- Psychology Review 2002;5:89.
lichen Organisation und Unfähigkeit, Zeitpläne 2 Brown T. Attention-deficit disorders and comorbidities in
children, adolescents and adults. Am Pychiatr Press 2000.
oder Termine einzuhalten. 3 Döpfner M et al. Hyperkinetische Störungen. Leitfaden Kin-
 Mangelhafte Affektkontrolle: Der Patient (und der- und Jugendpsychiatrie. Berlin: Hogrefe; 2000.
sein Partner) berichten von andauernder Reizbar- 4 Schlösser C, et al. Devenir à l’âge adulte du trouble déficit de
keit, auch aus geringem Anlass, verminderter Fru- l’attention/hyperactivité: aspects épidémiologiques et clini-
ques. Schweiz Arch Neurol Psychiat 2002;153:29.
strationstoleranz und Wutausbrüchen. Gewöhnlich 5 Menache CC, Urion DK, Hänggeli CA. Hyperactivité avec dé-
sind die Wutanfälle nur von kurzer Dauer. Eine typi- ficit de l’attention. Med Hyg 1999;57:1994–2001.
sche Situation ist die erhöhte Reizbarkeit im Stras- 6 Steinhausen HC. Hyperkinetische Störungen bei Kindern, Ju-
gendlichen und Erwachsenen. Stuttgart: Kohlhammer; 2000.
senverkehr im Umgang mit anderen Verkehrsteil-
7 Stollhoff K et al. Hochrisiko ADHS. Plädoyer für eine frühe
nehmern. Die mangelhafte Affektkontrolle wirkt Therapie. Schmidt-Römhild; 2002.
sich nachteilig auf Beziehungen zu Mitmenschen aus. 8 Krause KH et al. Der Autor des «Zappel-Philipp» – selbst ein
 Impulsivität: Einfache Formen hiervon sind Da- Betroffener? Nervenheilkunde 1998;17:318–21.
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zwischenreden, Unterbrechen anderer im Gespräch, Lancet 1902;1008.
Ungeduld, impulsiv ablaufende Einkäufe, schnell ge- 10 DSM-IV. Diagnostisches und Statistisches Manual Psychi-
fasste, unreflektierte Entschlüsse und das Unvermö- scher Störungen. Berlin: Hogrefe; 1996.
gen, Handlungen im Verlauf zu protrahieren, ohne 11 ICD 10. Internationale statistische Klassifikation der Krank-
heiten, 10. Revision. Bern: Huber; 1994.
dabei Unwohlsein zu empfinden. 12 Falardeau G. Les enfants hyperactifs et lunatiques. Genève:
 Emotionale Überreagibilität: Der Patient ist nicht Transat SA; 1997.
in der Lage, adäquat mit alltäglichen Stressoren um- 13 Simchen H. ADS Unkonzentriert, verträumt, zu langsam und
zugehen, sondern reagiert überschiessend oder un- viele Fehler im Diktat. Hilfen für das hypoaktive Kind.
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angemessen, niedergeschlagen, verwirrt, unsicher, 14 Wender P. Attention-deficit hyperactivity disorder in adults.
ärgerlich oder ängstlich. Die Patienten beschreiben Oxford University Press; 1995.
sich häufig als schnell «belästigt» oder «gestresst». 15 Vertone L et al. Der Zusammenhang zwischen ADHD und
Delinquenz. Kriminologisches Bulletin 2001;27/2:5–32.
16 Rösler M. Eine Herausforderung für die forensische Psychia-
Website für Eltern mit Kindern mit ADS/POS: trie: Das hyperkinetische Syndrom im Erwachsenenalter.
psycho 2001;27:380–4.
Dachverband der regionalen Elternvereine 17 Krause J et al. Das hyperkinetische Syndrom (AD/HS) des Er-
für Kinder und Jugendliche mit leichten wachsenenalters. Nervenarzt 1998;69:543–56.
psychoorganischen Funktionsstörungen 18 Krause J. ADHS im Erwachsenenalter. Stuttgart: Schattauer;
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(ELPOS Schweiz, Postfach 1442,
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4800 Zofingen) – www.elpos.ch The Guilford Press; 1998.
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adult patients with ADHD. Neurosci Letters 2000;285:
Dr. Doris Ryffel 107–10.
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Johanniterstrasse 1 encephalographic scanning process for ADHD. Reliability
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doryffel@bluewin.ch 22 Castellanos et al. Developmental trajectories of brain
Volume in ADHD. JAMA 2002;288:1740–8.
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Kirchgasse 9 24 Retz P, et al. Wender Utah Rating Scale. Nervenarzt
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