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Das Wissen der

Wildnis

Botschaften der Hoffnung und Harmonie


für eine lebenswerte Zukunft

Lehrjahre eines spirituellen Kriegers

Zweite Auflage

Scanned by Jingshen

Ansata-Verlag
Rosenstraße 24
CH-3800 Interlaken
Schweiz
1994
Aus dem Amerikanischen übertragen von Thomas Lindquist
Lektorat: Elisabeth Hämmerling

Titel der Originalausgabe:


THE JOURNEY A Message of Hope and Harmony
for our Earth and our Spirits
Originally published by The Berkley Publishing Group
200 Madison Avenue, New York, N. Y. 10016, USA
Copyright © 1992 by Tom Brown

Deutsche Ausgabe: Copyright © 1993 by Ansata-Verlag, Interlaken


Alle Rechte vorbehalten
Umschlagbild: Robert Wicki
Satz: Jung Satzcentrum GmbH, Lahnau
Druck: Kösel GmbH & Co., Kempten/Allgäu
ISBN 3-7157-0170-6
Inhalt

Einleitung 7

1. Geheimnisse des Visionärs 15

2. Suche nach der inneren Vision 35

3. Suche nach der Läuterung 65

4. Geistige Kommunikation: Ruf und Antwort 81

5. Geist-Reisen in die andere Wirklichkeit 103

6. Was die Zukunft wahrscheinlich bringen wird 127

7. Zeitreisen in die Vergangenheit und Zukunft 153

8. Die Kraft des Geistes und ihre Wirkung 175

9. Dualität: Grenzgänger zwischen zwei Welten 201

10. Wasser – das kostbare Blut des Lebens 229

11. Vier warnende Visionen vom Ende der Menschheit 257

12. Giftige Luft und verseuchte Erde 269

13. Einkehr in die Höhle der Ewigkeit 283


Einleitung

Großvater kam aus dem südlichen Westen des Landes; nie hatte er ein dauerhaftes
Zuhause gehabt. Er war ein Wanderer, ein Pilger der Wildnis, ein Lehrer und Sucher
nach Wahrheit. Er war geschult in den physischen Fähigkeiten des Überlebens, des
Spurenlesens und auch der tiefen Bewußtheit, denn er lebte sie jeden Tag. Er hatte
kein anderes Zuhause als die Wildnis, und diese Fähigkeiten gaben ihm Freiheit —
Freiheit von Stamm und Gesellschaft, denn sie erlaubten ihm, durch stoffliche und
durch geistige Welten zu wandern, ohne Einschränkung. Großvaters Leben war eine
einzige, anhaltende Suche nach Wahrheit, jener gemeinsamen Wirklichkeit, die alle
Philosophien und Religionen verbindet. Und was er suchte, das war der reine, lautere
Mensch — frei von Sitten und Bräuchen, von Zeremonien und Dogmen, die nur die
Wahrheit verzerren oder entstellen. Die Wildnis war sein Tempel und sein Lehrer,
und dort regiert nur der Schöpfer und unser Herz. In dieser Lauterkeit der Wildnis, wo
Großvater alles lernte und alles erprobte, fand er die Wahrheit. Hier fand er auch
Einfachheit, und diese Einfachheit war es, die er lehrte — zusammen mit der
Wahrheit.
Aufgewachsen war er bei einem Volk, das bis heute keine Grenzen, keine
Einschränkung des Lebens kennt. Als er noch ein Kind war, flohen seine Leute in die
Berge und Wüsten des nördlichen Mexiko. Hier lernte er zu überleben, Spuren zu
lesen und sich des Lebens nicht nur auf physischer Ebene bewußt zu sein, sondern
auch auf einer höheren geistigen Ebene. Anfangs war Großvater ein Pfadfinder und
Kundschafter seines Volkes gewesen; er konnte mühelos überleben, wo andere
zugrunde gegangen wären. Seine Fähigkeiten bewahrten sein Volk vor Unfreiheit
und Hunger, und sein Können war legendär. Seine Kenntnisse im Spurenlesen und
seine Kraft der Wahrnehmung waren beispiellos, noch bevor er seinen zwanzigsten
Winter erlebte. Dennoch wußte er, auch in den Jahren seiner intensiven Schulung,
daß seine Bestimmung im Reich des Geistigen lag.
Großvater hatte in seiner Jugend viele Visionen, doch keine war so eindringlich wie
die Vision des Kriegergeistes und des Weißen Koyoten. Die Vision führte ihn zur
Meisterschaft in allen physischen Fertigkeiten des Überlebens, des Spurenlesens
und des bewußten Lebens, so daß er in einem harmonischen Gleichgewicht mit der
Schöpfung leben konnte. Er war Kundschafter seines Volkes. Auch wurde ihm in der
Vision kundgetan, daß er alle die alten Traditionen lernen und weiterführen solle, auf
daß sie den Enkeln vermittelt werden und nie verloren gehen können. Nur durch
solche physischen Fähigkeiten kann man wahre Freiheit finden, die es dem
Suchenden erlaubt, in die Welt des Geistigen einzutreten, ohne Beschränkung durch
die Gesellschaft. Die Vision gebot ihm auch, er müsse lernen, ohne Mühsal oder
Ablenkung in den Tempeln der Schöpfung zu leben.
Es gab auch einen traurigen Teil seiner Vision. Großvater erhielt den Befehl, sein
Volk zu verlassen und mehr als sechzig Winter lang nach spiritueller Wahrheit zu
suchen. Seine Vision gebot ihm die Suche nach Einfachheit in der Weisheit des
Geistes, und nach solcher Einfachheit sollte er suchen. Er sollte die gemeinsame
Wahrheit in allen Religionen, Glaubensrichtungen, Philosophien und Lehren finden
und die menschlichen Gebräuche und Zeremonien ablegen, um die fundamentale
Wahrheit zu finden, die lautere Wahrheit, die alle Dinge verbindet. Es war ein
lebenslanges Ringen für ihn, diese Wahrheit zu finden, diese Lauterkeit - ein Ringen,
für das er sein Leben hingab. Er legte vor dem Schöpfer ein Gelübde ab, daß er sich
gänzlich der Aufgabe widmen und all jene Dinge aufgeben wollte, an denen die
Menschen - gewiß auch er - selbstsüchtig hingen. So wanderte er mehr als sechzig
Jahre lang durch die Landstriche Nordamerikas und bis hinunter nach Südamerika,
stets auf der Suche nach Wahrheit. Er blickte hinter die Fassade der Menschen, um
die fundamentale Wahrheit zu finden.
Großvater glaubte, der Mensch müsse alle Religionen, alle Philosophien, alle Lehren
und Dogmen hinter sich lassen und einen lauteren Weg beschreiten, ohne die
Entweihungen, Entstellungen und Ablenkungen der Menschen. Nur wer kein
religiöses Spielzeug mehr braucht, hat die Freiheit, zur Lauterkeit geistigen Lebens
zu finden. Alles andere sind nutzlose Krücken, Ballast und Fesseln, die unsere
spirituelle Entwicklung hemmen. Großvater sagte: «Die Bräuche und Rituale der
Alten sind nur eine Richtschnur für künftige Generationen. Sie zeigen, wohin der
Mensch gegangen ist und wohin er gehen wird. Sie sind Lehrer, aber sie dürfen
niemals Krücken sein, sie dürfen uns niemals versklaven. Die Schwierigkeit ist, daß
wir leicht Sklaven des Rituals werden. Die Leute beginnen die Zeremonie anzubeten,
sie glauben an den Schamanen statt an den Großen Geist. Die alten Riten und
Zeremonien sollten also als Wegweiser genutzt werden, sie sollten erlernt,
abgewandelt, weitergegeben -und dann aufgegeben werden. Rituale sind etwas für
die Schwachen im Geiste, die etwas brauchen, woran sie sich klammern können;
etwas, das ihnen das Gefühl gibt, würdig und heilig zu sein. Für Menschen von
spiritueller Lauterkeit ist es nicht nötig, sich dem Schöpfer zu nähern, beladen mit
Dingen des Körperlichen, des Intellekts und der Emotionen; sie sollen lauter und rein
zum Schöpfer kommen, ohne solche Krücken.»
Großvater sagte auch: «Vergiß nicht, daß all diese machtvollen Dinge, besonders die
Zeremonien - Worte, Lieder und Hymnen — größere Macht haben, solange sie vom
Herzen kommen und reinen Herzens dargebracht werden. Sobald du anfängst, den
Pfad des Geistigen zu wandeln, wird die Macht der Zeremonie dich lehren und leiten,
wie es die Visionssuche tut. Sobald die Zeremonie dir aber den Weg zeigt und du die
Krücken nicht mehr brauchst, sollst du die Zeremonie aufgeben. Eine Zeremonie
brauchst du dann nur noch, wenn Menschen in deiner Umgebung das Bedürfnis
haben, etwas Heiliges zu erleben.» Großvater ließ es nicht an Respekt fehlen vor
Zeremonien oder religiösen Dingen, denn er glaubte, sie könnten den Weg zur
Wahrheit lehren. War der Weg aber klar, dann sollte man diese Dinge aufgeben,
sonst würden sie zu behindernden Krücken des Fleisches. Auch glaubte er, daß die
wahren Tempel jene der Wildnis seien. Denn die Wildnis sei vom Schöpfer
geschaffen und befolge alle seine Gebote.
Großvater kam als alter Mann zu mir, oder ich kam zu ihm, wie auch immer. Ich weiß
nur, daß er sagte, unsere Begegnung erfülle seine Vision des Weißen Koyoten. Ich
war ein bereitwilliger Schüler, und er war ein bereitwilliger Lehrer. Beide rangen wir
die zehn Jahre lang, die wir zusammen waren. Er rang darum, die Wahrheiten zu
lehren, die nicht mit Worten erklärbar sind; und ich rang darum, diese Wahrheiten zu
lernen. Ich wünschte mir verzweifelt, diese Wahrheiten zu erfahren; und er wünschte
sich verzweifelt, sie weiterzugeben, bevor er ganz vom Körper zum Geist überging.
Es fiel ihm leicht, mir die Kenntnisse des Überlebens, des Spurenlesens und der
bewußten Aufmerksamkeit zu vermitteln, doch gleichzeitig war es schwer, mich die
Weisheit des Geistes zu lehren.
Wohl war ich noch sehr jung, aber wir kamen aus zwei verschiedenen Welten, zwei
verschiedenen Kulturen und konnten uns anfangs kaum verständigen. Die
Wahrheiten des Geistes waren zunächst nicht leicht für mich zu verstehen. Doch in
dem Maß, wie meine inneren Einsichten sich entwickelten und meine alten Werte
und Überzeugungen von mir abfielen, wurde die Wahrheit leichter verständlich für
mich. Wenn ich auf unsere erste Begegnung zurückblicke, weiß ich, daß ich - auch
wenn ich erst sieben Jahre alt war - bereits durch die Vorstellungen und Ideen dieser
Gesellschaft verdorben war. Erst als ich in der Wildnis zu leben und im Geist der
Wildnis zu denken begann, konnte ich endlich diese alten Überzeugungen ablegen.
Und dennoch gab es manchmal Widersprüche in mir, denn während die Gesellschaft
das eine tat, lehrte Großvater mich ein anderes, und oft gerade das Gegenteil. Es
dauerte nicht lange, bis dieser Konflikt endete, denn die Bräuche und Dogmen der
Gesellschaft waren Lügen; nur die Wildnis birgt die lautere Wahrheit.
Bei all dem, was ich von Großvater lernte, über das Überleben, das Spurenlesen,
das Leben im Einklang mit der Erde, war dies doch nur ein kleiner Teil seiner
gesamten Lehren. Diese Fertigkeiten wurden zur Pforte zu höheren Dingen. Den
größten Anteil an dem, was Großvater lehrte, hatten geistige Dinge. Der größere Teil
des menschlichen Lebens, so glaubte Großvater, liege im Reich des Geistigen, und
das Körperliche sei nur ein kleiner Teil des menschlichen Lebens. Er glaubte an die
Dualität aller Dinge, wobei wir zugleich im Körper und im Geiste wandeln. Er glaubte
auch an die Einheit alles Bestehenden und sah uns als einen Teil der Schöpfung und
gleichzeitig die Schöpfung als einen Teil von uns; unser Leben fließt durch das
Leben dieses Planeten Mutter Erde, und zugleich fließt die Erde durch uns hindurch.
Diese «Lebenskraft» nannte er den «Geist, der sich in allen Dingen bewegt». Es gab
also keine innere oder äußere Dimension, kein getrenntes Ich, nur eine beseligende
Einheit.
Seine spirituellen Lehren waren sehr einfach; ja, so einfach, daß die meisten
Menschen sie nicht glauben oder akzeptieren wollten. Er hatte gesagt: «Der moderne
Mensch kann die Welten nicht erkennen, diese Universen jenseits seines eigenen
Ich. Nie wird das logische Denken dem Menschen erlauben, sich über das Ich oder
das Körperliche zu erheben, denn nur hier fühlt das logische Denken sich sicher. Das
moderne Denken ist ein Gefängnis der Seele; es steht zwischen dem Menschen und
seinem spirituellen Geist. Das logische Denken kennt keinen absoluten Glauben;
auch kennt es kein reines Denken, denn die Logik lebt von der Logik und kann nichts
akzeptieren, was nicht zu erkennen und zu beweisen ist. So hat der Mensch ein
Gefängnis für sich und seinen Geist geschaffen, weil es ihm an Glauben und
Reinheit des Denkens fehlt. Der Glaube braucht weder Beweise noch Logik, aber der
Mensch braucht Beweise, bevor er glauben kann. Der Mensch hat sich also einen
Teufelskreis geschaffen. Denn wo Beweise nötig sind, kann es keinen Glauben
geben.»
Zehn Jahre lang blieb ich bei Großvater und lernte, was immer er zu lehren bereit
war. Zehn Jahre lang wanderte ich in die Wildnis und versuchte, noch mehr dieser
einfachen Wahrheiten herauszufinden. Je mehr ich suchte, je länger ich in der
Wildnis lebte, desto mehr Kraft fand ich in den Lehren Großvaters. Heute, aus der
Wildnis in die Welt der Gesellschaft zurückgekehrt, stelle ich fest, daß diese Lehren
noch stärker der Wirklichkeit entsprechen. Ich sehe eine Gesellschaft, die zerbricht,
eine Gesellschaft, die nur für das Materielle lebt und nichts vom Geistigen weiß. Ich
sehe Menschen, die sich verirrt haben, die nach sich selber suchen, ohne zu wissen,
wohin sie sich wenden sollen, um einen spirituellen Lebensweg zu finden. Und ich
sehe eine Welt, die sich rasch ihrem letzten Winter nähert, wo das Leben auf diesem
Planeten, wie wir es heute kennen, bald zu Ende sein wird. Ich weiß nur, daß eine
physische Veränderung nicht genügen wird. Die globale Gesellschaft braucht eine
tiefgreifende Veränderung, und dazu gehört ein Bewußtseinswandel - zum
spirituellen Bewußtsein. Der Mensch muß zur Erde zurückkehren und bald begreifen,
daß er nicht außerhalb der Gesetze der Schöpfung leben kann, denn die Zeit wird
knapp.
Viele Religionen und Philosophien ersticken heute in überalterten Bräuchen und
Zeremonien; Sie sind durch Dogmen gefesselt und können wegen all dieser
spirituellen Vergiftung und Verzerrung nicht mehr wirksam sein. Für eine so verirrte
Gesellschaft bringen diese versklavenden Dogmen nichts als Verwirrung. Darum
erleben wir heute die Hinwendung zu anderen, nicht-traditionellen Religionen; wir
pendeln von einer zur ändern und hoffen, eine zu finden, die uns die Wahrheit bringt.
Zudem erleben wir, wie die Gesellschaft Teile der einen Religion herausgreift und sie
mit Teilen von anderen Religionen kombiniert, in der Hoffnung, das Ergebnis werde
uns Erkenntnis schenken und Antworten geben. Solche Kombinationen bringen
leider nur Komplikationen und Verwirrungen, die verhängnisvoller sind als die
ursprünglichen Formen. Was Großvater und mich betrifft, so sollte jede Philosophie
auf Einfachheit, Hingabe und Erhobenheit zielen, auf für alle nachvollziehbare
Erfahrungen.
Wie oft sagte mir Großvater, ich solle solche Dinge getrost in den Tempel der
Schöpfung bringen und dort erproben. Wenn sie wahr sind, wenn sie für jeden gültig
sind, wenn sie einfach sind - dann sind sie eine universelle Wahrheit. Wenn diese
Dinge im Tempel der Schöpfung erprobt werden und sich als ungeeignet erweisen,
dann sollten wir sie aufgeben; dann sind sie nur Produkte einer lebhaften Phantasie
des Menschen. Der Mensch ist es, der die einfache Wahrheit kompliziert macht und
verzerrt. Und das Bedürfnis des Menschen nach Komplikationen hat den Niedergang
vieler Religionen verursacht. Es gibt heute kaum zwei Religionen, die
Übereinstimmung erzielen; es wird über Dogmen gestritten, und die trennende Kluft
wird immer breiter. Auch die Kluft zwischen der Religion und ihren Anhängern
vergrößert sich. Warum? Die Religionen erfüllen nicht mehr die Bedürfnisse der
Gesellschaft; sie sind nicht mehr wahr und lebensfähig. Sie sind im wesentlichen
gescheitert; sie weigern sich, ihr kompliziertes Beiwerk aufzugeben und ihre Fehler
zu berichtigen, um wieder wirksam zu werden.
Darum war es Großvaters Anliegen, diese Komplikationen und Verzerrungen
abzustreifen, um zur einfachen, wirksamen Wahrheit zu gelangen, jenem roten
Faden von Wahrheit und Wirklichkeit, der alle Philosophien und Religionen der Welt
durchzieht. Es wäre falsch zu behaupten, Großvater hätte mir nur die Bräuche,
Traditionen und Zeremonien der amerikanischen Ureinwohner vermittelt. Er
verwendete diese Dinge, aber nur als Pforte: als Zugang zu höheren Wahrheiten.
Darum geht meine Suche noch heute weiter, selbst jetzt, da ich diese einfache
Wahrheit in vielen Kursen lehre. Ich führe die Suche fort, wo Großvater sie aufgeben
mußte, aber ich weiß, daß Großvater gar nicht aufgegeben hat, denn er fand die
letzte Wahrheit, und seine Suche war damit beendet. Die tiefste Wahrheit ist, daß die
Erde und mit ihr die Gesellschaft geheilt werden muß. Die Menschheit muß ein
Gleichgewicht mit der Natur finden, in Harmonie mit ihr leben, und dabei ist die
Suche nach dem Geist wesentlich wichtiger als das Streben nach materiellen
Götzen. Wenn es uns nicht gelingt, uns zu verändern, und zwar uns schnell zu
verändern, auf der physischen und spirituellen Ebene, dann wird uns bald der Letzte
Winter bevorstehen.
1
Geheimnisse des Visionärs

Beinah vom ersten Augenblick an, als Rick und ich Großvater begegneten, wußten
wir, daß er geheimnisvolle Fähigkeiten hatte. Wir wußten: er konnte mehr, als sich
die meisten Menschen auch nur erträumen. Es waren nicht nur seine Fähigkeiten im
Überleben und Spurenlesen, obwohl auch diese erstaunlich genug waren. Vor allem
zeigte sich dies in seiner bewußten Aufmerksamkeit. Diese erstaunliche Bewußtheit
war es, die uns den ersten Hinweis gab, daß es mit ihm etwas Wunderbares auf sich
hatte. Er wußte nicht nur, was in seiner unmittelbaren Umgebung vor sich ging,
sondern ebenso, was sich in weiter Ferne ereignete. Seine Fähigkeit, das sahen wir
deutlich, überstieg das normale Spektrum menschlicher Sinneswahrnehmung und
übertraf sogar die der wachsamsten Tiere. Und nicht nur über seine Bewußtheit
wunderten wir uns, sondern auch über etwas, das wir gar nicht benennen konnten.
Mit unserem jugendlichen Verstand begriffen wir zweifelsfrei, daß er offensichtlich all
das verkörperte, was Wildnis für uns bedeutete; alles Geheimnisvolle, das wir wissen
wollten.
Daß Großvater von Dingen jenseits dessen wußte, was die meisten Menschen
erkennen können, merkten wir schon am zweiten Tag unseres Zusammenseins. Rick
und ich, zutraulich wie junge Hunde, folgten Großvater durch ein Sumpfgelände
hinter dem Haus meiner Eltern. Den ganzen Vormittag lang erforschten wir die
Wunder der Natur, und wir erlebten ein Abenteuer nach dem andern. Großvater
schien alles zu wissen. Er sprach zu uns von Pflanzen und Tieren, auf die wir trafen,
erzählte uns von ihrem geheimen Leben und führte uns auch an Dinge heran, die wir
noch nie gesehen hatten. So deutete Großvater auf eine bestimmte Pflanze und
sagte, daß sie zu Pfeilschäften verwendet werde, oder er zeigte uns einen Baum,
aus dessen Holz Bögen geschnitzt würden. Solche Lektionen und Abenteuer waren
vermischt mit Geschichten über die Ureinwohner Amerikas, die einst in dieser
Gegend lebten.
Am stärksten fesselten uns Geschichten von den Indianern. Großvater konnte sie
lebendig machen, und seine Erzählungen von ihrer Lebensweise fesselten uns.
Während wir mit Großvater zusammensaßen und mit ihm sprachen, zog er ein Stück
Feuerstein aus der Tasche und begann, mit einem Hornmeißel kleine Steinsplitter
von der Oberfläche des Steins zu schlagen. Im Handumdrehen, so schien es,
überreichte er uns eine wunderbar gezackte Pfeilspitze und sagte, dies sei genau die
Form, wie die Ureinwohner dieser Gegend sie benutzt hätten. Wir konnten nur
staunen, denn nie im Leben hatten wir etwas so Wunderbares gesehen. Wir hatten
nicht gewußt, daß es noch jemanden gab, der Pfeilspitzen herstellen konnte, und
baten Großvater, uns zu zeigen, wie man es machte. Er aber meinte nur, wir müßten
vorher noch vieles andere lernen, doch eines Tages würde er es uns beibringen,
wenn wir dann noch immer daran Interesse hätten.
Wir bedrängten ihn und fragten, wie er denn wissen könne, daß die amerikanischen
Ureinwohner, die einst hier in der Gegend lebten, genau solche Pfeilspitzen
benutzten. Soviel wir wußten, waren die Indianer vor langer Zeit aus dieser Gegend
fortgezogen. Großvater lächelte uns an, ein verschmitztes Lächeln, das uns zu
weiteren Fragen anstachelte, und sagte: «Ich habe die Geister dieser vergangenen
Zeit gefragt, und sie haben es mir verraten.» Rick und ich lachten; wir wußten, daß
Großvater nur Spaß machte. Wir meinten, es gäbe doch keine Geister und keine
Gespenster. Er sah uns ausdruckslos an und stellte ganz sachlich fest: «Die Geister
haben mir eben gesagt, wo eine alte Pfeilspitze vergraben liegt. Wenn ihr wollt, könnt
ihr sie haben und behalten.» Wieder glaubten wir, er mache Spaß. Wir erwarteten, er
würde in die Tasche greifen und noch eine Pfeilspitze hervorziehen, die er gemeißelt
hatte.
In spöttischem Ton warf ich ein, wie gerne ich eine von Geisterhand angefertigte
Pfeilspitze besäße. Großvater deutete auf eine glatte Sandfläche neben einem alten
Baumstumpf - ein Platz, den wir noch nicht erforscht hatten. Er sagte: «Ein paar
Zentimeter von dem Baumstumpf entfernt, auf der uns zugewandten Seite, wirst du
deine Pfeilspitze finden. Sie liegt nicht obenauf, darum mußt du eine Handbreit tief
graben.» Unmöglich konnte er wissen, dachte ich mir, daß die Pfeilspitze dort lag,
und ich zögerte nicht, ihm dies zu sagen. Er lächelte nur und sagte: «Na, wenn du
die Pfeilspitze nicht haben willst, soll's mir recht sein.» Er stand auf, als wollte er
fortgehen. Ich bat ihn zu warten und meinte, daß ich die Pfeilspitze zwar gern haben
möchte, aber doch wüßte, daß ich sie dort nicht finden würde. Ich dachte bei mir,
Großvater sei womöglich ein bißchen verrückt im Kopf, und ich sollte ihn besser nicht
herausfordern.
Rick und ich liefen hinüber zum alten Baumstumpf und fingen an zu graben und
kicherten über Großvaters greisenhaften Starrsinn. Unser Kichern verstummte,
nachdem wir ein paar Zentimeter tief gegraben hatten und eine Pfeilspitze in der
Hand hielten, genau wie Großvater es uns gesagt hatte. Plötzlich wurde mir ganz
mulmig und unheimlich, aber auch meine Neugier erwachte. Wir liefen zu Großvater
und hielten ungläubig unseren Fund empor. Großvater blickte gleichgültig auf. Wir
fragten ihn, wie er den Geist kennen, wie er mit dem Geist sprechen könne, und er
antwortete: «Genauso, wie ich mit dir spreche, mein Enkel.» Die Antwort verblüffte
mich. Und noch mehr verblüffte es mich, daß er mich seinen Enkel nannte. Ich
wunderte mich, wie er zu einem unsichtbaren Wesen sprechen konnte. Außerdem
fragte ich mich, ob er vielleicht nicht richtig im Kopf sei, da er mich für seinen Enkel
hielt, und gleichzeitig fühlte ich mich auch geehrt durch seine Art, wie er es sagte. Ich
wünschte mir, ich wäre wirklich sein Enkel.
Großvater wollte nicht mehr über die Pfeilspitze sprechen; statt dessen spielten wir
einfach drauflos und erkundeten den Rest dieses Tages die Gegend. Als Rick und
ich an diesem Abend endlich zu ihm nach Hause kamen, saßen wir da und sprachen
noch stundenlang, bis es dunkel wurde, über die Pfeilspitzen. Großvater verschwand
wie immer über Nacht im Wald. Er hatte wenig übrig für Häuser wie für die Zivilisation
im allgemeinen. Auch wenn wir ihn eben erst kennengelernt hatten, wußten wir, daß
er am nächsten Tag wieder auftauchen würde. Es fiel ihm nicht schwer, uns zu
finden - oder vielmehr, sich von uns finden zu lassen. Ich hatte den Verdacht, er
arrangiere dies alles, um uns glauben zu machen, daß wir ihm zufällig begegneten.
Dennoch war es unheimlich, daß er stets wußte, was wir zu tun beabsichtigten und
wohin wir gehen wollten, noch bevor wir selbst es beschlossen hatten. Ich hatte
zudem das Gefühl, daß er Lektionen für uns arrangierte zu dem Zweck, daß wir ihn
um weitere Belehrung bitten sollten; denn niemals erzwang er etwas. Stets hielt er
uns in Lernbereitschaft, so daß wir nicht nur etwas wissen wollten, sondern es
geradezu wissen müßten. Diese Pfeilspitze war ein gutes Beispiel dafür, denn wir
hungerten nach solchen Erlebnissen.
Bald aber gerieten Rick und ich in Streit, wer von uns beiden die Pfeilspitze behalten
durfte. Schließlich beschlossen wir, uns in dem Besitz abzuwechseln. Rick sollte für
ein paar Tage die alte Pfeilspitze nehmen und ich die neue, und dann wollten wir
tauschen. Die Schwierigkeit war, daß wir nicht entscheiden konnten, wer als erster
welche Pfeilspitze bekommen sollte -und wieder brach Streit aus. Und bei diesem
Streit stießen Ricks Bruder und ein älterer Freund von ihm zu uns. Sie hörten sich
unsere Geschichte an, und ich merkte, daß der ältere Junge sie ziemlich skeptisch
aufnahm, obwohl er die Pfeilspitze in der Hand hielt. Er sagte, daß Großvater - «der
Alte», wie er ihn nannte - wahrscheinlich die Pfeilspitze dort vergraben und uns dann
in ein Gespräch über sie verwickelt hätte, damit wir glauben sollten, er könne
zaubern. Falls er wirklich mit Geistern gesprochen habe, so sagte er, sollten wir ihn
anderntags ersuchen, noch einmal mit dem Geist zu sprechen und nochmals um
eine Pfeilspitze zu bitten. Auf diese Weise könnten wir schließlich beide eine besitzen
- oder zumindest beweisen, daß alles ein Schwindel sei.
Ricks Bruder und der ältere Junge zogen schließlich ab, und Rick und ich blieben
zurück und überlegten uns, ob das eine gute Idee war. Wir beschlossen also,
Großvater auf die Probe zu stellen und ihn in eine Gegend zu führen, wo er noch
nicht gewesen war; eine Gegend, die wir selbst aussuchen wollten. Dann wollten wir
ihn bitten, noch einmal eine Pfeilspitze zu finden. Falls es ihm nicht gelingen sollte,
würden wir wissen, daß alles ein Schwindel war und es keine Geister gibt. Falls es
ihm aber gelang, würden wir nie wieder an ihm zweifeln. Im Stillen hoffte ich, daß es
klappt, denn ich hatte Großvater wirklich gern und nahm ernst, was er uns lehrte.
Am nächsten Tag spielten wir am Fluß, als wir plötzlich auf Großvater stießen, der
auf einer kleinen Hügelkuppe saß, anscheinend im Gebet begriffen. Wir liefen hin -
begeistert, ihn dort zu sehen. Sofort sagte er: «Die Geister haben mir euren Plan
verraten, und daß ihr mir nicht wirklich glauben wollt.» Seine Worte schockierten uns,
aber Rick flüsterte mir zu, daß er sich wahrscheinlich letzten Abend in der Nähe
versteckt und unser Gespräch belauscht habe. Großvater ließ das Thema offenbar
fallen, und wir zogen weiter, den Fluß hinauf zu der Stelle, wo wir am Vortag
gewesen waren. Und nun fand Rick, es sei Zeit, Großvater auf die Probe zu stellen.
Wir wanderten zu einem Sandplatz, setzten uns dort und erwarteten, Großvater
würde sich zu uns setzen. Statt dessen deutete er auf den Sandfleck und befahl uns,
die Oberfläche genauer anzusehen. Dann forderte er Rick auf, über den Sand zu
gehen und sich umzuschauen. Ricks Füße sanken tief ein und hinterließen große,
unübersehbare Spuren. Großvater fragte ihn, ob er noch weitere Spuren sähe, und
Rick, der sich peinlich durchschaut fühlte, mußte verneinen.
Großvater deutete nun auf eine Stelle, keinen Meter von Rick entfernt, etwa im
Mittelpunkt der Sandfläche, und befahl ihm, dort ein paar Zentimeter tief
nachzugraben. Rick musterte den Boden vor seinen Füßen; er war frei von
irgendwelchen Spuren. Leicht verlegen und wohl wissend, was nun kommen würde,
grub Rick nach und fand eine weitere Pfeilspitze. Rick und ich waren so außer uns,
daß wir in einen großen Jubel ausbrachen. Immerhin hatte Großvater nicht versagt!
Wir besaßen jetzt beide eine echte Pfeilspitze — und was das beste war: die Geister
waren echt. Oder zumindest das, was sie Großvater sagten. Wir beide waren
glücklich, fühlten uns aber auch schuldbewußt, weil wir an ihm gezweifelt hatten.
Immerhin hatte er so viele magische Dinge vor unseren Augen getan, zum Beispiel
die Anfertigung jener ersten Pfeilspitze, oder wenn er mit Bogen und Drillstab Feuer
machte, daß wir nicht hätten zweifeln dürfen. Doch ich vermutete, daß Großvater an
solche Zweifel gewöhnt war.
Großvater hieß uns niedersitzen bei dem Loch, das die Pfeilspitze enthalten hatte,
und sagte: «Ich nehm's euch nicht übel, daß ihr mich auf die Probe gestellt habt.
Vieles, was ich tue, ist von mancherlei Leuten überprüft worden, denn so ist's nun
einmal, so denkt die Gesellschaft. Die Leute glauben heute nicht mehr an
Unsichtbares und Ewiges, und sie verlangen immer Beweise. Selbst wenn dann
Beweise geliefert werden, wollen sie diese nicht zur Kenntnis nehmen, so wie ihr
beide gestern abend. Auch jetzt noch habt ihr gewisse Zweifel, ich könnte diese
Pfeilspitze vergraben und meine Spuren verwischt haben. Der Glaube ist aber die
stärkste Kraft auf Erden, und wahrer Glaube braucht keine Beweise. Ihr stellt euch
vor, ihr würdet gern mit den Geistern sprechen, aber ihr könnt das nicht, solange ihr
nicht glaubt. Wenn ihr keinen Glauben habt, wenn ihr nicht ohne Beweise glauben
wollt, dann könnt und werdet ihr sie nicht sehen. Doch wenn ihr glaubt, auch wo es
keine Beweise gibt, dann wird euch die Welt der Geister aufgetan.»
Noch in derselben Woche, in der wir die Pfeilspitzen gefunden hatten, machten wir
wieder Bekanntschaft mit Großvaters Magie, wie wir es jetzt schon nannten. Wir
befanden uns in seinem Camp, tief im Walde, nicht weit vom Haus meiner Eltern,
und packten unsere Sachen zusammen, um nach Hause zu gehen. Großvater
wandte sich an Rick und sagte: «Tut mir leid, daß dein Bruder einen Unfall hatte.»
Rick guckte erschrocken und sagte zu Großvater, sein Bruder habe doch keinen
Unfall gehabt. Großvater achtete nicht darauf und vertiefte sich wieder in seine
Arbeit. Rick und ich kicherten wieder mal, weil wir glaubten, Großvater sei nicht recht
bei Verstand. Immerhin war es Ricks Bruder noch gut gegangen, als wir vor ein paar
Stunden zu Hause waren, und überhaupt hatten wir zu Großvater kein Wort über
Ricks Bruder verloren. Den ganzen Heimweg lang kicherten wir und überlegten, ob
Großvater vielleicht ganz gut die Stimmen der Geister, nicht aber menschliche
Stimmen verstehen konnte.
Nach einem Marsch von zweieinhalb Stunden kamen wir endlich bei Rick zu Hause
an - um festzustellen, daß Ricks Bruder vor zwanzig Minuten vom Fahrrad gestürzt
war und sich den Knöchel gebrochen hatte. Wir waren erschüttert, gelinde gesagt,
aber auch fasziniert. Großvater hatte gesagt, der Unfall täte ihm leid, den Ricks
Bruder gehabt habe: aber dies war vor zweieinhalb Stunden gewesen! Während wir
bei Rick zu Hause warteten, bis seine Mutter und sein Bruder aus dem Krankenhaus
wiederkamen, diskutierten wir darüber, was Großvater da getan haben mochte.
Konnte es sein, fragten wir uns, daß Großvater nicht nur mit Geistern sprach,
sondern auch die Zukunft vorhersagte? Ein furchtbarer Gedanke beschlich uns: Wie,
wenn Großvater seinen Geistern aufgetragen hätte, sie sollten Rick vom Fahrrad
stürzen lassen? Aber wir wußten sofort, daß Großvater viel zu freundlich und
liebevoll war, um so etwas zu tun.
Und plötzlich merkten wir, daß es uns diesmal genauso erging wie das letztemal: Wir
hatten Zweifel und brauchten Beweise.
Kurz bevor die beiden aus dem Krankenhaus zurück waren, trat Großvater aus dem
Wald und begann über Ricks Bruder zu sprechen. Er sagte uns, daß die erste
Röntgenaufnahme einen Knochenbruch zeigen würde, doch bei der zweiten
Aufnahme wäre kein Bruch mehr feststellbar. Ricks Bruder würde keinen
Gipsverband brauchen. Er habe nur eine Prellung. Rick wandte mit Nachdruck ein,
die Sanitäter hätten den Knochensplitter durch die Haut ragen sehen; folglich sei es
unmöglich, daß kein Bruch vorliege. Großvater lächelte uns wortlos zu und
verschwand im Wald. Gerade als er verschwunden war, bogen Ricks Mutter und sein
Bruder in die Einfahrt. Während Rick und ich aufsprangen, um dem Bruder aus dem
Auto zu helfen, stellten wir verblüfft fest, daß er keinen Gipsverband trug. Sein Fuß
war nur bandagiert. Seine Mutter sagte uns, es handle sich nur um eine Prellung;
aber ich schaute recht verblüfft, als sie dies sagte.
Niemand war verblüffter als Rick und ich. Wir verstanden einfach nicht, wie
Großvater mit solcher Leichtigkeit die Zukunft vorhersagen konnte. Wir wußten auch
nicht, wieso er das Resultat der Röntgenuntersuchung wissen konnte. Lange
spekulierten wir an diesem Abend, er könne vielleicht sogar mit der Heilung des
Knöchels etwas zu tun haben; aber was, konnten wir uns nicht vorstellen. Wir wußten
nur, daß Großvater Heilkräuter sammelte, und wir wußten, daß solche Heilkundigen
bei den amerikanischen Ureinwohnern als Medizinmänner bezeichnet wurden.
Darum kamen wir zu dem Schluß, daß Großvater einer von diesen Medizinmännern
sein müsse. Diese Annahme hüllte Großvater in eine Aura des Geheimnisvollen, und
wir beide begeisterten uns für die Idee. Wir verstanden allmählich auch, warum
Großvater so oft Männer und Frauen besuchte, die draußen im Wald lebten. Er war
irgendwie ihr Heiler.
Wieder sprachen Rick und ich bis tief in die Nacht und dachten uns viele Fragen aus,
die wir Großvater stellen wollten. Er war nicht allzu freigebig mit Informationen über
die Geister gewesen, darum beschlossen wir mehr in ihn zu dringen, um mehr zu
erfahren. Gleich am nächsten Tag, noch bevor wir Großvater begrüßt hatten, ließen
wir ein Trommelfeuer von Fragen auf ihn los. Er lächelte nur und nickte unbestimmt
zu jeder Frage, antwortete aber nicht. Im großen und ganzen sagte er nur, er habe
einfach gewußt, daß Ricks Bruder keine Komplikationen haben würde, und deutete
an, daß er vielleicht etwas mit der raschen Heilung des Knöchels zu tun habe. Sonst
aber sagte er nichts. Dies machte Rick und mich um so neugieriger, wie all dies
geschehen konnte. So neugierig, daß wir den ganzen Tag nichts anderes taten, als
unsere Vermutungen zu diskutieren.
Wochen vergingen und wurden zu Monaten, aber Großvater verlor kein Wort mehr
über Geister, Heilungen oder das Vorhersagen zukünftiger Ereignisse. Doch beinahe
jeden Tag erlebten wir neue Wunder, die unseren Schatz an unerklärlichen
Erfahrungen vermehrten. Mit jedem neuen Tag und mit jedem neuen Wunder lernten
wir Großvaters Welt und seine Fähigkeiten besser verstehen. Er tat Dinge, die die
meisten verblüffen und in Erstaunen versetzen würden, aber wir nahmen solche
Dinge allmählich für selbstverständlich. Unser Glaube an die Geisterwelt wuchs
täglich, auch wenn wir keine wirklich greifbaren Beweise hatten. Wir akzeptierten
dies einfach, ohne zu wissen warum. Und immer dann, wenn wir alles gesehen zu
haben glaubten, tat Großvater ein weiteres Wunder, das uns noch mehr verblüffte.
Wir wußten es damals nicht, daß Großvater versuchte, Schritt für Schritt unseren
Glauben zu festigen. Dieser Glaube mußte fest verankert sein, bevor wir den ersten
Schritt unserer spirituellen Reise tun konnten.
Erst im Herbst des Jahres, in dem wir Großvater kennenlernten, erhielten wir unsere
ersten Lektionen in geistiger Schulung. Auch wenn wir Großvater noch kaum sechs
Monate kannten, waren wir schon ganz tüchtig in manchen Fertigkeiten des
Spurenlesens, der Überlebenstechniken und der Wahrnehmung. Wir glaubten fest an
die Welt des Geistigen und an die Möglichkeiten, die diese Welt für uns bereithielt.
Wir fanden es prima, daß unsere Eltern nichts dagegen hatten, wenn wir weit von zu
Hause im Walde ein Camp aufschlugen, und dies für mehrere Tage. Dies gab uns
öfter Gelegenheit, mit Großvater zusammen zu sein, und wir hatten mehr Zeit,
unsere Fähigkeiten in einer Umgebung reiner Wildnis zu üben. Unsere Freunde
beneideten uns, weil ihre Eltern ihnen nur erlaubten, ihr Zelt über Nacht im Garten
aufzustellen. Doch schon im Garten bekamen sie Angst, und die meisten schafften
es nicht bis zum Morgen. Sie konnten nicht verstehen, wieso es uns so weit von zu
Hause so gut ging. Ein großes Plus war es für uns, glaube ich, daß meine Leute
instinktiv Großvater zutrauten, daß er sich gut um uns kümmerte.
Während eines der ersten Wochenenden, die wir draußen campierten, empfingen wir
unsere erste Lektion in spiritueller Wahrheit. Vier Wochen waren vergangen, seit wir
Großvater zu irgendwelchen spirituellen Dingen befragt hatten, und wir wußten, daß
wir ihn nicht zu Antworten drängen durften, besonders wenn er uns nicht für bereit
hielt. So erschraken wir, als Großvater von sich aus darauf zu sprechen kam und
sagte, wir seien nun bereit für unseren ersten Schritt in die Spiritualität. Als wir das
hörten, waren Rick und ich begeistert - und erschraken gleichzeitig. Für mich war es,
als sollte ich einem Geist begegnen. Bis dahin hatten wir beide geglaubt, daß Geister
so etwas wie Gespenster wären, und Gespenster waren beängstigend, besonders
nachdem wir manche Märchen über den sagenhaften und gefürchteten «Jersey-
Teufel» gehört hatten. Einerseits konnte ich es kaum erwarten, diesen ersten
Schritt zu tun, andererseits wußte ich nicht, ob ich das bewältigen könnte, was dabei
herauskäme.
Ironischerweise kam alles ganz anders, und es hatte wirklich nichts mit Geistern zu
tun, so wenigstens dachte ich. Großvater begann die Lektion, indem er uns ruhig am
Bach sitzen ließ, der durch unser Camp floß. Nach einer Weile verlangte er, wir
sollten den Blick auf irgendeinen Gegenstand vor uns richten und alle anderen
Gedanken dabei ausblenden, so daß es nichts gäbe außer uns und dem
Gegenstand. Damals begriff ich nicht, was all dies mit der Geisterwelt zu tun haben
sollte, aber ich folgte seinen Anweisungen, ohne zu zweifeln. Es war schwierig
genug, längere Zeit alle Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand zu konzentrieren,
ganz zu schweigen vom langen Stillsitzen. Rick und ich steckten einfach so voller
Energie, daß wir nicht lange sitzen bleiben konnten, auch wenn wir erschöpft waren.
Nach einer Weile begann ich anzunehmen, daß Großvater diese Lektion irgendwie
als Bestrafung einsetzte, denn es war wie «Eckenstehen» in der Schule, wenn man
etwas ausgefressen hatte. Es war eine unmögliche Geduldsprobe, und je mehr ich
mich anstrengte, desto schwerer wurde es.
Endlich, nach zwei Stunden inneren Kampfes um das reglose Sitzen und die
Konzentration, sagte Großvater: «Hör auf mit dem Kampf! Streng dich nicht an! Laß
es einfach passieren! Mach es wie damals, als du die Vögel füttertest! Es war ein
Kampf, bis die Vögel anfingen, dir aus der Hand zu fressen, doch dann war aller
Kampf vorbei. So mußt du's hier und jetzt machen.» Ich erinnerte mich daran, wie
Großvater einmal, vor einem Monat, Rick und mir befohlen hatte, Vögel zu füttern.
Was uns damals nicht klar sein konnte: dies war unsere erste Lektion über den
geistigen Weg. Es hatte uns gelehrt, unser Denken und schließlich auch unseren
Körper zur Ruhe zu bringen. Wir hatten im Gras gelegen, tagelang, und hatten
Vogelfutter in den Händen gehalten und es auch über den ganzen Körper verstreut.
Es war mühsam gewesen, weil wir absolut reglos liegen müßten. Immer wenn wir
eine Bewegung machten, flatterten die Vögel auf, und unser Warten verlängerte sich.
Als wir endlich ganz reglos lagen, begannen die Vögel zu picken. Sobald sie uns
über den Körper zu trippeln begannen, war die Erregung so stark, daß sie das
Zeitgefühl und alle Unannehmlichkeit vertrieb.
Und jetzt verlangte Großvater, wir sollten es genauso machen. Es erwies sich jedoch
als schwieriger, weil die Dinge, auf die wir unsere Aufmerksamkeit zu richten
versuchten, nicht so erregend waren, uns nicht so beanspruchten wie Vögel, die uns
über Arme und Brustkorb trippelten. Ich strengte mich an, mich nicht anzustrengen,
ich bemühte mich, nicht zu zappeln, und bemühte mich auch noch, mich nicht zu
langweilen, aber es ging nicht. Dann, als ich wieder einmal meine Aufmerksamkeit
auf den alten Baumstrunk fixierte, den ich als Blickpunkt benutzte, hatte ich irgendwie
genug davon oder gab auf oder ließ los - ich weiß nicht, was es war. Plötzlich sahen
die Dinge ringsumher anders aus, ich hörte auf zu zappeln, die Langeweile war
verflogen so wie damals, als ich die Vögel fütterte. Für einen Moment, nur einen
kurzen Moment, konnte ich dieses Gefühl festhalten und spürte, wie Dinge sich
außerhalb meiner physischen Sinneswahrnehmung bewegten. Es war, als hätte ich
einen kurzen Blick von einer anderen Welt erhascht, die ich noch nicht verstehen
konnte.
Was ich als einen kurzen Moment in diesem veränderten Bewußtseinszustand
empfand, dauerte — wie sich zeigte — länger als eine Stunde. Ich war verblüfft, als
ich schließlich wieder zu mir kam, denn die Sonne war ein ganzes Stück
weitergewandert. Es schien, als hätte ich jedes Gefühl für Ort und Zeit verloren. Wo
immer ich gewesen sein mochte, es war ein wunderbares Gefühl gewesen, obwohl
ich nicht ahnte, woher das Gefühl kam. Ich wußte nur, daß ich etwas Tieferes berührt
hatte als nur die physische Realität meines Jetzt — eine seltsame neue Welt, eine
Welt, die ich mit meinem Verstand nicht beschreiben konnte. Großvaters Stimme
rüttelte mich aus meiner Träumerei. Er sagte: «Versuche nicht, solche Dinge mit dem
Verstand zu beschreiben, die unerklärlich sind. Die Geisterwelt spricht nicht in den
Sprachen der Menschen, sondern durch die Sprache des Herzens. Du mußt lernen
zu wissen, ohne zu wissen. Lerne zu verstehen ohne Worte! Manche Dinge bleiben
besser unerklärt, denn sie zu erklären, würde nur Verwirrung stiften.»
Das war leichter gesagt als getan, fand ich. Mein Verstand brauchte einfach
Antworten, damit ich verstehen konnte, was ich erlebt hatte. Ohne auf meine Fragen
zu warten, fuhr Großvater fort: «Die Geisterwelt kennt weder Ort noch Zeit, auch
kommuniziert sie nicht in menschlicher Sprache mit uns. Sie spricht zu uns durch
Träume, Visionen, Zeichen, Symbole und Gefühle. Darum kannst du mit Worten nicht
beschreiben, was du eben empfunden hast. Darum war ein kurzer Moment in der
Geisterwelt tatsächlich eine lange Zeitspanne in der Realität. Es ist dir gelungen,
auch wenn du's nicht erklären kannst, die Welt der Geister zu berühren. Du hast
gespürt, wie sich die Dinge außerhalb deiner selbst regen, und doch magst du sie
noch nicht akzeptieren, weil sie in der Realität nicht beweisbar sind, weil sie mit
Worten nicht beschreibbar sind. Verzichte darauf, mit deinem physischen Verstand
denken zu wollen, dann wirst du die Lauterkeit des spirituellen Verstandes verstehen,
die keiner Worte oder Beschreibungen bedarf.»
Großvater fuhr fort: «Ich weiß, dies alles ist neu für dich, und du verstehst noch nicht.
Aber vertraue mir, daß dein Geist es völlig versteht. Es ist nicht deine Schuld, denn
die Gesellschaft und die Schule haben euch gelehrt, daß man nur mit dem rationalen
Verstand verstehen könne. Ihr seid es noch nicht gewohnt, mit eurem spirituellen
Verstand zu verstehen. Vergeßt nicht: der Mensch ist eine Dualität, er lebt im Fleisch
und im Geist zugleich. Auch alles andere existiert in solcher Dualität. Zwei Körper,
zwei Arten von Verstand - alles in ein- und demselben Menschen. Ihr habt gelernt zu
glauben ohne sichere Beweise, darum müßt ihr auch ohne Erklärung glauben, daß
diese spirituellen Realitäten wahr sind. Ob ihr versteht oder nicht, jedenfalls hattet ihr
Kontakt mit diesen geistigen Welten; und dies schon seit langem, aber ihr versteht
ihre Sprache noch nicht. Diese spirituellen Realitäten, diese immateriellen Welten
versuchen schon lange zu euch zu sprechen; ihr kennt ihre Stimmen, aber ihr wißt
nicht, wann und wie sie zu euch sprechen.»
Soviel ich verstand von dem, was Großvater nur mitteilte, hatte die Geisterwelt seit
langem versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen, aber ich wußte nicht, wie man ihr
zuhört. Ich fragte ihn, wieso er dies wisse, denn ich hatte niemals den Versuch zu
solcher Kommunikation wahrgenommen. Großvater lächelte und sagte: «Du weißt es
nur allzu gut. Aber du kannst diese Welt nicht erkennen oder mit ihr in Verbindung
treten.» Nun war ich wirklich verblüfft, denn ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach,
und dies — glaube ich — war mir anzusehen. Großvater schmunzelte und sagte:
«Wie ich euch sagte, kommuniziert die Geisterwelt nicht mit menschlichen Worten,
sondern durch Träume, Visionen, Zeichen, Symbole und Gefühle oder Emotionen.
Du hast dies oft erlebt, aber nicht erkannt. Du weißt nicht, was diese Dinge
bedeuten.»
Ich war immer noch verblüfft, denn ich hatte nichts dergleichen erlebt, wovon
Großvater sprach. Ohne auf meine Fragen zu warten, fuhr er fort und sagte: «Hast
du noch nie das Gefühl gehabt, daß du beobachtest wirst, oder daß etwas, was du
gerade tust, oder ein Ort, an dem du dich befindest, sich irgendwie falsch anfühlt?
Hattest du nicht schon einmal das Gefühl, daß zu Hause etwas nicht stimmte, und
später stelltest du fest, daß da wirklich etwas nicht stimmte? Wenn du Menschen
über ihre Intuition oder ihr Gefühl in der Magengrube sprechen hörst - das ist die
Kommunikation des tieferen Selbst und der jenseitigen Welten. Das ist es, was wir
als Innere Vision bezeichnen, durch die unser Geist und viele andere Geister mit uns
zu kommunizieren versuchen. Jetzt müßt ihr erkennen, wie eure Innere Vision, die
Stimme des Geistes, empfunden wird, wenn sie mit euch zu kommunizieren
versucht. Darum muß ich euch zeigen, wie es ist, wenn diese Stimme euch
antwortet. Für mich ist es die Stimme der Schöpfung, die Stimme der geistigen
Welten, sogar die Stimme des Schöpfers; und ich gehorche allen ihren Befehlen.
Wenn ihr gelernt habt, was diese Stimme ist und wie sie zu euch spricht, müßt ihr
lernen, sie zu läutern, damit sie niemals durch euren logischen Verstand entstellt
wird.»
Großvater setzte sich dann zu mir und erzählte mir eine Geschichte. In dieser
Geschichte, sagte er, sei ich derjenige, über den er spreche, und er selbst spiele die
Rolle meiner inneren Vision, die alles über mich wisse. Er sagte: «Stell dir vor, du
gehst einkaufen für deine Mutter, und sie hat dir aufgetragen, verschiedene Dinge zu
holen. Du kommst in den Laden und legst all die Sachen in den Korb, an die du dich
erinnern kannst. Aber als du bezahlen sollst, hast du das Gefühl, etwas vergessen zu
haben. Während du zwischen den Ladenregalen hin und her wanderst, beschleicht
dich dieses Gefühl und erzeugt eine Enge in deiner Brust, wie sie auch bei einem
Konflikt zustande kommt. Du strengst dich an, aber du kannst dich nicht mehr
erinnern, was es war. Du weißt, du hast es vergessen. Es ist ein nagendes Gefühl,
genauso, wie du es jetzt empfindest. Manchmal scheint es ein allgemeines
Unbehagen zu sein, manchmal nur ein allgemeiner Eindruck, daß etwas nicht stimmt;
aber meistens ist es wie ein Druck in der Magengrube, ein Wissen, daß etwas nicht
zutrifft, daß etwas vergessen wurde.»
Großvater machte eine Pause, bis das Gefühl, etwas vergessen zu haben, in meiner
Magengrube bemerkbar wurde. Dann fuhr er fort: «Und nun, mein Junge, bezahlst du
all die Dinge, die du für deine Mutter eingekauft hast. Noch immer sitzt tief in dir das
Gefühl, etwas vergessen zu haben, aber du weißt noch immer nicht, was es ist. Du
bezahlst all die Dinge, die du gekauft hast, und hast immer noch das Gefühl, etwas
vergessen zu haben, und so schickst du dich an, das Geschäft zu verlassen. Du
blickst auf und siehst eine Schachtel voll Glühbirnen, und plötzlich fällt dir ein, daß es
ein Dutzend Eier sind, die du für deine Mutter kaufen solltest. Du hast ein
erhebendes Gefühl der Erleichterung, da dir endlich die Eier eingefallen sind. Jetzt
fühlst du dich gut, bist endlich im reinen mit dir.»
Großvater sprach weiter: «Die Spannung, die du in der Magengrube spürtest, das
unbehagliche Gefühl, daß etwas nicht stimmte - das war deine Innere Vision, die dir
zu sagen versuchte, daß du etwas vergessen hast. Bedenke, die Innere Vision ist
nicht nur die Stimme der Geisterwelt, sondern auch deines tieferen Selbst, das alle
Dinge weiß. Deine Innere Vision kann nicht mit Worten zu dir sprechen, sie muß
Symbole verwenden - Zeichen, Gefühle, Träume und vieles andere. Plötzlich siehst
du diese Glühbirnen, ordentlich verpackt in eine abgeteilte Schachtel. Genauso
werden Eier verpackt, und endlich erkennt dein logischer Verstand das Symbol, das
dein spiritueller Verstand dir gesendet hat, und du erinnerst dich an die Eier. Sobald
du dich erinnerst, ist deine Innere Vision, dein spiritueller Verstand zufrieden, und es
gibt keine Spannung mehr. Wenn die Spannung verschwunden ist, lautet die
Antwort: ja. Wenn die Spannung da ist, lautet die Antwort: nein.»
Ich war mehr als verwundert, nicht nur wegen der Klarheit, mit der ich dies alles
empfand, sondern vor allem über die Einfachheit dieser Erklärung. Wie oft schon
hatte ich dieses Gefühl gehabt, aber bislang wußte ich nicht, was es bedeuten sollte.
Dennoch war ich verwirrt, weil ich nicht begriff, was ein Dutzend Eier mit der
Geisterwelt zu tun haben sollten — oder mit der Kommunikation mit Geistern.
Großvater ließ mir Zeit, meine Gedanken zu ordnen, und sagte dann: «Mein Enkel,
beruhige dich jetzt und frage diese Stelle in dir, genau die Stelle, wo du die
Spannung wegen der vergessenen Eier spürtest, ob es Geister gibt.» Ich fragte mich
also im Stillen, aber da war keine Spannung, nichts war im Konflikt. Dann forderte
Großvater mich auf, die Geisterwelt zu fragen, ob sie mir in diesem Moment etwas zu
sagen habe. Das tat ich, und die Spannung war wieder da. Anscheinend wollte die
Geisterwelt in diesem Moment nicht mit mir kommunizieren. Großvater sagte: «Du
mußt noch viel lernen, bevor du den nächsten Schritt tun kannst. Du wirst die Suche
nach deiner Inneren Vision bald fortsetzen - aber vorher mußt du lernen, was es in
dieser spirituellen Welt alles gibt und woher es kommt. Es geht um viel mehr, als dir
nur zu sagen, daß du ein Dutzend Eier vergessen hast.»
Am Abend, als die Lektion dieses Tages hinter uns lag, stellten Rick und ich fest, daß
wir beinah die gleichen Erlebnisse gehabt hatten - auch wenn wir die Dinge auf
unterschiedliche Art gelernt hatten. Beide wollten wir mehr über die Innere Vision
erfahren, doch Großvater blieb unerbittlich und sagte, wir müßten noch sehr viel
lernen, bevor wir noch einen Versuch machen durften, sie zu erreichen. Was mich
betraf, so war ich sehr neugierig auf diese Innere Vision. Sie ging mir dauernd durch
den Kopf und floß diesen Abend in alle meine Gespräche ein. Ich wollte mich nicht
mit der Tatsache abfinden, daß ich ihre Macht noch nicht kennen lernen durfte. Ich
spürte einen Durst, ein Gefühl der Entbehrung, und trotzdem war das Entbehrte
vorläufig noch unerreichbar. Rick und ich fragten uns, was die Innere Vision
erreichen könnte, welche neuen Erkenntnisse sie uns bieten würde. Ich wollte alles
wissen. Besonders jetzt, da ich glaubte, daß sie Antworten auf viele Fragen enthielt.
Am nächsten Tag führte Großvater uns wieder zum Fluß und forderte uns auf, uns
auf einen einzelnen Gegenstand zu konzentrieren. Es würde uns nichts nützen,
sagte er, die Innere Vision zu erfahren, solange wir nicht die reine Stille
kennengelernt hatten, doch weder Rick noch ich verstanden, wovon er sprach.
Wieder befielen mich quälende Zerstreutheit und Langeweile, bis ich aufgab und
losließ und mir jene Welt wieder offenbart wurde. Diesmal aber geschah noch mehr,
denn die Spannung in meiner Magengrube begann zu mir zu sprechen. Allerdings in
einer Sprache, die ich nicht verstand. Den größten Teil des Vormittags verbrachten
wir damit, immer wieder in diese Welt einzutreten. Ob Wirklichkeit oder Phantasie,
sie machte doch einen anhaltenden Eindruck auf uns beide. Wie ich dort so saß und
nachdachte, fielen mir Großvaters Worte ein: «Die Ergebnisse, die wiederholbaren
Endergebnisse sind das Entscheidende, Durch sie wird all das wirklich.»
Am Abend saßen Rick und ich dann mit Großvater zusammen und sprachen über
unsere Erfahrungen, obwohl wir sie noch nicht richtig verstanden. Großvater sagte:
«Ihr plagt euch noch immer mit der Frage, ob dies alles wirklich sei. Ihr fragt flieh, ob
es Einbildung oder Realität sei, doch wie ich euch sagte, sind es die Ergebnisse, die
zählen, und es ist nicht die Art, wie ihr zu diesen Ergebnissen kommt. Wenn ein
Geist mit euch Kontakt aufnimmt und dieser Geist zu euch von Dingen spricht, die ihr
unmöglich mit euren diesseitigen Sinnen erkennen könnt — welchen Unterschied
macht es da, ob ihr die Begegnung für eingebildet oder real haltet? Was einzig zählt,
ist das Wissen, das euch geschenkt wird.» Noch immer verstand ich nicht, wovon
Großvater sprach. Anscheinend hielt er die Frage nach der realen Existenz dieser
Dinge für unwichtig. Obwohl ich nicht verstand, spürte ich doch, wie etwas in mir sich
verschob, sich unmerklich veränderte. Ich hatte nur eine schwache Ahnung von
dieser phantastischen neuen Welt, und dies schien mir genug.
Ich fragte Großvater, ob wir wissen könnten, was in der Zukunft passieren wird. Denn
ich verstand nicht, welche Rolle die Zukunft in der Geisterwelt spielt. Er antwortete:
«Es gibt nicht nur eine einzige Zukunft, sondern viele Möglichkeiten der Zukunft.
Gäbe es nur eine Zukunft, dann hätte der Mensch keine freie Entscheidung im
Leben. Aber weil wir die freie Entscheidung haben, gibt es viele
Zukunftsmöglichkeiten. Es ist nicht schwer, die Möglichkeiten der Zukunft mit Hilfe
der geistigen Wirklichkeit vorherzusagen; denn man sieht die Ereignisse, die mit
Sicherheit zusammentreffen werden, um die wahrscheinliche Zukunft zu bilden.»
Verblüfft schaute ich Großvater an. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Ich
verstand nicht, wie es möglich sein sollte, die Zukunft vorherzusagen. Großvater
lächelte mir zu - ein Lächeln, das mir verriet, daß er meine Gedanken lesen konnte.
Dann sagte er: «Es ist ganz leicht, die Zukunft vorherzusagen, wenn man in der
Lauterkeit des Geistes lebt. Du selbst könntest in diesem Moment leicht die Zukunft
vorhersagen.»
Immer noch verständnislos meinte ich, daß ich unmöglich die Zukunft vorhersagen
könne. Großvater führte Rick und mich hinüber zu einem fernen Wäldchen. Einer der
größeren Bäume war abgestorben, seine Borke blätterte ab, und auf einer Seite des
Stammes klaffte ein Loch. Großvater stemmte sich leicht gegen den riesigen Baum,
und dieser schwankte hin und her. Dann sagte Großvater: «In der geistigen Welt die
kommende Zukunft vorhersagen, ist nicht schwerer, als die Zukunft dieses Baumes
vorherzusagen. Seht nur, wie leicht der Baum sich bewegen läßt; also wißt ihr auch,
daß der nächste Sturm aus dem Norden diesen Baum stürzen wird. Die Schwäche
des toten Baumes, im Zusammenwirken mit einem starken Wind, wird die Zukunft
dieses Baumes bilden und ihn fällen. Genauso mache ich es in der Geisterwelt. Zwei
Ereignisse wirken zusammen, um etwas geschehen zu lassen. Zwei Möglichkeiten
bilden zusammen eine Wahrscheinlichkeit.»
Nichts mehr wurde an diesem Tag über die geistige Welt oder die Zukunft
gesprochen. Großvater sagte, wir müßten noch sehr viel lernen, bevor wir die
Geisterwelt, die Stimme der Inneren Vision und das Vorhersagen der Zukunft auch
nur annähernd verstehen könnten. Jeden Tag erfuhr ich mehr über diese fremdartige
Welt, aber es sollte noch Jahre dauern, bis mir das Wesentliche gesagt wurde.
Gewiß, wir lernten viele Lektionen in der Kunst des Überlebens, des Spurenlesens
und der Bewußtheit und übten uns in der inneren Stille und Meditation. Aber erst, als
ich die fundamentalsten Wahrheiten ganz verstanden hatte, sollte ich mehr über die
geistige Wirklichkeit erfahren. Als es so weit war - drei Jahre später - geschah es als
eine Lawine neuer Erkenntnisse und brauchte nur knapp einen Monat.
2
Suche nach der Inneren Vision

Ende Juni, im dritten Jahr meines Zusammenseins mit Großvater, machte ich wieder
Bekanntschaft mit den Kräften der Inneren Vision. Gewiß hatte ich Großvater oft über
diese erstaunlichen Kräfte sprechen hören, aber er gab keine Anleitung, sie zu
gebrauchen, noch nicht einmal nachvollziehbare Erklärungen, was dies für Kräfte
waren und woher sie kamen.
Jahrelang hatten wir miterlebt, wie das Wunder der Inneren Vision sich immer aufs
Neue ereignete. Großvater verblüffte uns mit Vorhersagen von Dingen, die in der
Zukunft geschehen würden, mit Kommunikationen aus der Welt der Natur oder des
Geistes. Er schien sich mehr seiner Inneren Vision zu bedienen als seiner
physischen Sinne oder gar seines logischen Verstandes. Instinktiv wußte ich, daß es
die wichtigste führende Kraft seines Lebens war. Er bezeichnete die Innere Vision als

* « Suche» - amerikan. «quest» - ist in der indianischen Tradition ein fester Begriff: Mann oder Frau
gehen für meistens vier Tage und Nächte allein in die Wildnis, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, oft
auch ohne Wasser. Abgesondert von allen sozialen Kontakten, suchen sie das Gespräch mit der
Natur, mit ihrer eigenen Tiefe, ihrem Selbst. Diese «Suche» oder «Quest» gehört zum Archetyp der
«Heiligen Reise» oder inneren Reise zu sich selbst. In unserer europäischen Tradition kennen wir die
Quest der mittelalterlichen Ritter, z. B. Parzivals. Anm. d. Lekt.
die Innere Vision als Brücke zwischen dem Fleisch und dem Geist, als das Vehikel,
durch das wir mit Welten jenseits des Stofflichen in Verbindung treten können.
Manchmal hörte ich ihn diese Innere Vision als Stimme des Schöpfers selbst
bezeichnen. Für ihn konnte sie niemals irren, selbst wenn logischer Verstand und
stoffliche Realität anderer Meinung waren. Der Inneren Vision konnte man immer
vertrauen, in allen Dingen der stofflichen und der geistigen Existenz.
Der Mensch, sagte Großvater, sei eine Dualität, teils Fleisch und teils Geist. Der
Mensch habe zwei Arten von Verstand, einen logischen Verstand, diesen übermäßig
geschulten und übermächtigen Teil unseres Denkens, und einen spirituellen
Verstand - eine Fähigkeit, die viel subtiler, aber auch viel mächtiger sei als alles, was
Logik uns bieten könne. Großvater sagte, daß das logische Denken und das
spirituelle Denken immer im Streit lägen. Das logische Denken wolle herrschen und
nicht die Kontrolle an das spirituelle Denken abgeben, das wiederum nicht logisch zu
begreifen oder zu erklären sei. Laut Großvater sollte das spirituelle Denken im
Vordergrund stehen, denn dieses enthalte die Visionen, Kommunikationen und
Geheimnisse des Universums.
Vor langer Zeit hatte Großvater uns erklärt, der Mensch sei eine Insel, eingesperrt in
sein logisches Denken, in sein Ich, in seine stoffliche Existenz: «Der Mensch ist wie
eine Insel, ein Kreis innerhalb von Kreisen. Er ist von diesen äußeren Kreisen
getrennt durch sein Denken, seine Glaubensvorstellungen und die Begrenzungen,
die ihm durch ein Leben ohne den Kontakt zur Erde auferlegt sind. Der Kreis des
Menschen, diese Insel des Selbst, ist der Ort der Logik, das Ich, das physische
Selbst. Dieses Inselgefängnis hat starke Mauern, bestehend aus Zweifel und
mangelndem Glauben. Die Isolation des Menschen von jenen weiteren Kreisen engt
ihn ein und hindert ihn daran, das Leben klar zu erkennen. Er lebt in einer Welt der
Unwissenheit, in der das Fleisch die einzige Wirklichkeit, der einzige Gott ist.»
Großvater fuhr fort: «Jenseits dieser Insel des Ich, die den Menschen gefangen hält,
liegt die Welt des Geistes, der sich in allen Dingen regt, jene Kraft, die sich in allem
findet. Es ist eine Welt, die mit allen Wesen und Dingen der Schöpfung kommuniziert
und in Verbindung mit dem Schöpfer steht. Es ist ein Lebenskreis, der alle Instinkte
des Menschen umfaßt, seine tiefsten Erinnerungen, seine Fähigkeit, Körper und
Geist zu beherrschen, und er ist zudem eine Hilfe, die es dem Menschen ermöglicht,
sich über das Fleisch zu erheben. Diese Welt erweitert das Universum des
Menschen und hilft ihm, mit der Erde zu verschmelzen. Vor allem führt sie ihn zu
seinem tieferen Selbst und zu spiritueller Ekstase.»
«Es gibt noch einen weiteren Kreis, eine Insel jenseits des Kreises der Lebenskraft»,
fuhr Großvater fort. «Dies ist die Welt des Geistes. Der Mensch lebt auch in dieser
Welt, sein Geist wandelt in diesem Land der Geister. Dort findet der Mensch eine
Dualität seines Selbst, er kann einmal im Fleisch, einmal im Geiste wandeln. Es ist
eine Welt des Unsichtbaren und Ewigen, wo Leben und Tod, Zeit und Raum nur
Märchen sind. Hier ist alles möglich. Hier kann der Mensch sein Selbst überwinden
und mit allen Dingen der Erde und allen geistigen Wesen verschmelzen. Diese Welt
steht den grenzenlosen Kräften der Schöpfung ganz nahe. Jenseits dieser Welt liegt
das Bewußtsein aller Dinge, der letzte Kreis der Macht vor dem Schöpfer.
Der Mensch, der auf der Insel seines Selbst lebt, erfährt nur einen kleinen Teil
dessen, was das Leben sein könnte. Er muß die Schranken seines Ich-Gefängnisses
und seines Denkens durchbrechen und mit dem Schöpfer in Verbindung treten. Alle
Inseln, alle Machtkreise müssen überwunden werden. Jede Welt muß völlig
verstanden und schließlich zu einem absoluten und reinen <Eins-Sein>
verschmolzen werden. Es kann keine inneren und äußeren Dimensionen geben,
keine Trennung des Selbst, nur reines Eins-Sein, wo der Mensch eine Absolutheit
von Geist und Fleisch zugleich ist. In dieser Verschmelzung der Welten wird der
Mensch alles erkennen, den tieferen Sinn des Lebens erfahren. Der Mensch bewegt
sich in allen Dingen, und alle Dinge bewegen sich im Menschen. Dann, nur dann
kann der Mensch hoffen, mit Gott in Berührung zu kommen.
Der moderne Mensch kann diese Welten nicht erkennen, diese Kreise jenseits
seines eigenen Ich. Das logische Denken wird ihm niemals erlauben, sich über das
Ich und das Fleisch hinaus zu erweitern, denn nur in diesen Grenzen fühlt sich das
logische Denken sicher. Das moderne Denken ist ein Gefängnis der Seele, es steht
zwischen dem Menschen und seinem spirituellen Verstand. Das logische Denken
erlaubt keinen absoluten Glauben, auch kein reines Denken, denn Logik lebt von
Logik und akzeptiert nichts, was das Fleisch nicht erkennen und beweisen kann. So
hat der Mensch ein Gefängnis für sich und seinen Geist geschaffen; was ihm fehlt, ist
Glaube und reines Denken. Der Glaube braucht weder Beweise noch Logik, aber der
Mensch braucht Beweise, bevor er zum Glauben finden kann. Der Mensch hat also
einen Kreislauf geschaffen, den er nicht mehr unterbrechen kann. Wo Beweise nötig
sind, kann es keinen Glauben geben.»
Großvater beschloß das Gespräch mit den Worten: «Die Innere Vision ist das
spirituelle Denken, das Vehikel, die Brücke, die den Menschen mit jenen weiteren
Welten verbindet, mit den weiteren Kreisen und Zyklen der Macht. Die Innere Vision
ist es, die dem Menschen hilft, Fleisch und Logik zu transzendieren und mit den
Welten jenseits des Fleisches zu kommunizieren. Die Innere Vision ist das reine
Denken, das reine Selbst, sie muß geläutert und gepflegt werden, mehr als das
logische, stoffliche Denken. Die Innere Vision ist es, die uns hilft, unsere Dualität zu
erkennen und diese Dualität zu leben. Für mich ist es das wahre Denken, die einzige
Wahrheit.»
Obwohl ich diese Lehren vor mehr als einem Jahr in mich aufgenommen hatte,
waren sie in meiner Erinnerung so frisch und aufregend wie am ersten Tag, als ich
ihre Wahrheit erkannt hatte. Seit damals war kein Tag vergangen, an dem ich nicht
an Großvaters Innere Vision dachte. Immer wurde ich an ihre Wahrheit erinnert,
wenn ich beobachtete, wie Großvater täglich so wunderbaren Gebrauch von ihrer
Kraft machte. Und in diesem dritten Jahr, das ich mit Großvater zusammen war,
begann ich diese Kraft endlich zu verstehen. Es sollte eine der wichtigsten Lehren
meines Lebens werden.
Seit zwei Tagen hatten wir unser Camp bei der Medizinhütte aufgeschlagen und
freuten uns auf die kommende Zeit, bevor wir Jungen wieder nach Hause müßten.
Es war unser erster längerer Ausflug in die Wildnis in diesem Sommer, und wir
wollten die Tage voll genießen. Die Schule war nur noch ferne Erinnerung, und die
Endlosigkeit der vor uns liegenden Ferien schien uns das kostbarste Geschenk auf
Erden. Doch am Morgen des dritten Tages im Camp, während Rick und ich den
benachbarten Sumpf erforschten, bestürmten mich wieder viele Fragen nach der
Inneren Vision.
Wohl kannten wir die Fähigkeit Großvaters, mit den Welten jenseits des Stofflichen
zu kommunizieren. Nach drei Jahren, in denen wir solche Wunder erlebten, hatten
wir gelernt, auf seine Worte und Vorhersagen zu hören und sie als Wahrheit
anzunehmen, auch wenn es keine logische oder materielle Erklärung gab. Wir
konnten noch keinen Gebrauch von der Inneren Vision machen, aber wir lernten,
Großvaters Fähigkeit zu vertrauen, denn er irrte niemals. In der letzten Nacht,
während wir am Lagerfeuer saßen und sprachen, hatte Großvater uns erzählt, daß
wir am nächsten Morgen von fünf verwilderten Hunden überfallen würden. Darum
sollten wir auf der Hut sein. Wir hatten gelernt, niemals an Großvaters Worten zu
zweifeln, und darum wußten wir, daß es so kommen würde. Während wir diesen
Sumpf erforschten, warteten wir auf die Ankunft der Hunde.
Irgendwann unterbrachen Rick und ich unsere Erkundung; wir machten Rast, und ich
lag im Gras und dachte an die Ereignisse des letzten Abends. Lebhaft erinnerte ich
mich daran, wie Großvater irgendwann zu sprechen aufhörte, wie er in die Dunkelheit
schaute mit seinem typischen, in die Ferne gerichteten Blick. Sofort wußte ich: er
lauschte auf Dinge, die der normale menschliche Verstand nie verstehen würde.
Sobald Rick und ich ihn in jene andere Welt eintreten sahen, verstummte unser
Gespräch, und bebend vor Erwartung harrten wir dann der Dinge, die er dort
vernehmen würde. Nachdem wir dies all die Jahre beobachtet hatten, wußten wir,
daß etwas Wunderbares stattfinden würde, und stellten bei solchen Gelegenheiten
nie eine Frage.
Während Großvater in verzücktem Schweigen saß, dachte ich zurück an jenes erste
Mal, als ich ihn «entschweben» sah, wie wir diesen Vorgang anfangs nannten. Rick
und ich waren an diesem Wochenende ins Camp gekommen, um Großvater zu
sehen und eine Weile bei ihm zu bleiben. Unterwegs hatten wir beschlossen, uns in
den Überlebenskünsten zu üben und ein paar Fallen zu stellen. Nur ein paar Meilen
vom Camp entfernt hatten wir einen brauchbaren Wildwechsel gefunden und dort
unsere Fallen gestellt. Ich stellte eine Schlagfalle, und Rick legte eine Schlinge.
Rasch beendeten wir die Arbeit und eilten weiter in Großvaters Camp. Während wir
unsere Reisighütten bauten, kam Großvater endlich ins Camp zurück.
Wir begrüßten ihn, und er überraschte uns damit, daß wir diesmal ein spirituelles
Camp erleben sollten, ohne Jagd, nur mit Fasten und Meditation. Rick und ich
tauschten Blicke und bauten wortlos unsere Schutzhütten fertig. Keiner von uns
wagte Großvater zu erzählen, daß wir Fallen gestellt hatten. Doch wir beschlossen,
daß wir, wenn er eingeschlafen wäre, zurücklaufen und die Fallen abbauen wollten.
Nach dem Abendbrot saßen wir am Feuer und sprachen bis in den späten Abend
von spirituellen Dingen. Als das Gespräch schließlich verebbte, begann ich einen
Talking stick zu schnitzen, Rick bestickte einen Pfeifenbeutel mit Perlen, und
Großvater saß an einen Baumstamm gelehnt — anscheinend schlief er. Langsam
beugte sich Großvater vor, öffnete aber nicht die Augen. «Mein Enkel», sagte er und
sah mich an, «ein Kaninchen hat deine Schlagfalle ausgelöst, aber es ist
entkommen.» Nach kurzem Schweigen sprach er, nun an Rick gewandt, weiter:
«Deine Schlinge hat es erwischt.» Er sank zurück gegen den Baumstamm und
schlief wieder ein — oder was immer er nachts tun mochte.
Rick und ich waren höchst verwirrt. Wie konnte er wissen, daß wir Fallen gestellt
hatten? Er befand sich viele Meilen südlich von uns, als wir sie aufbauten, und keiner
von uns hatte die Fallen erwähnt. Wie konnte er wissen, wann sie ausgelöst wurden
und daß es dasselbe Kaninchen war? Wir hatten die Fallen weit entfernt vom Camp
aufgestellt, zwei Sümpfe lagen dazwischen, und es hätte lange gedauert, bis die
konzentrischen Ringwellen einer Bewegung zu Großvater gelangten. Rick warf einen
Blick auf seine Taschenuhr, und dann schlichen wir uns aus dem Camp und liefen zu
dem Platz, wo die Fallen waren. Ich kam als erster bei meiner Falle an, und zu
meiner Bestürzung war sie von einem Kaninchen ausgelöst worden. Wir folgten den
Spuren, die unter Ricks Falle endeten. Dort hing das Kaninchen, hoch über unseren
Köpfen. Damals konnten wir eine zwei Wochen alte Fährte nicht nur bestimmen,
sondern auch auf die Minute feststellen, wann sie entstanden war. Diese Spuren
waren genau zu der Zeit entstanden, als Großvater von den Fallen gesprochen hatte.
Es war unmöglich, in so kurzer Zeit irgendwelche konzentrischen Wellen einer
Bewegung aufzufangen, die ihm die Beute verraten hätten.
Großvater erwartete uns im Camp. Erklärungen waren überflüssig, denn er hatte die
ganze Situation vorausgesehen. Leicht beschämt, so erinnere ich mich, fragte ich
ihn, wie er so genau hatte wissen können, zu welchem Zeitpunkt die Fallen ausgelöst
wurden, was für Fallen es waren und daß es dasselbe Kaninchen war, das beide
zuschnappen ließ. Was Großvater damals sagte, erklärte nicht nur die Innere Vision,
sondern hing auch mit dem «Eins-Sein» zusammen, von dem er so oft sprach. Er
sagte: «Wenn ein Kaninchen dir über den Rücken liefe, würdest du es nicht spüren?
Es gibt keine Trennungen in der Kraft der Natur, keine innere und äußere Dimension.
Wir sind Teil der Natur und die Natur ist Teil von uns.» Dies war meine erste
Begegnung mit Großvaters Innerer Vision, und unzählige sollten folgen.
Jetzt wanderten meine Gedanken zurück zu dem Sumpf, an dem ich saß. All die
Ereignisse des letzten Abends, Großvaters Prophezeiung und seine Innere Vision,
wirbelten mir durch den Kopf. Ich fragte mich, warum er niemals versucht hatte, uns
diese Innere Vision zu lehren — vor allem, da sie für ihn das wahre und reine
Denken war, die spirituelle Brücke? Möglicherweise, so dachte ich, war ich irgendwie
unwürdig; oder vielleicht glaubte Großvater, ich sei noch nicht bereit. Auch erwog ich,
daß sie vielleicht nicht gelehrt werden konnte. War es vielleicht eine Gabe, die nur
wenige Sterbliche besitzen durften? Wie bereitwillig war ich, diese Innere Vision zu
lernen, schon seit ich Großvater zum erstenmal davon hatte sprechen hören! Aber
aus irgendwelchen Gründen war er noch nicht bereit, sie mich zu lehren — wenn
überhaupt.
Rick und ich erforschten dann weiter den Sumpf, all unsere Sinne geschärft und
regsam, und niemals länger bei einer Sache verweilend. Wir wollten sicher sein, daß
wir es merkten, wenn die verwilderten Hunde kämen, so daß wir genügend Zeit
hätten, uns kletternd auf Bäume zu retten. Rick und ich sprachen über das künftige
Zusammentreffen mit diesen Hunden, als sei es ein unumstößliches Faktum. Wir
hatten nicht die Spur eines Zweifels. Lachend stellten wir uns vor, wie wir
Außenstehenden solche Dinge erklären sollten. Unsere Freunde, alle Menschen in
dieser Gesellschaft, würden uns für verrückt halten. Dies galt solange, bis die Hunde
endlich da waren. Aber auch dann, so glaubten wir, würde niemand wirklich
verstehen, was wir seit vielen Jahren erlebten.
Während wir weiter den unteren Sumpf erforschten, beschlich mich ein sonderbares
Gefühl. Es war nicht unähnlich dem Gefühl, beobachtet zu werden, vermischt mit
banger Ahnung und Furcht. Wenngleich unbegründet durch die äußere Realität, war
es doch eine deutliche Spannung, irgendwo tief in meinem Inneren. Ohne Zögern rief
ich Rick zu, er solle den nächsten Baum erklettern. In meiner Stimme lag soviel
Furcht und Erregung, daß Rick nicht säumte, und schnell kletterten wir zwei hohe
Fichten hinauf, nicht weit von dem kleinen Bach. Wortlos klammerten wir uns an die
oberen Äste und suchten beide die Landschaft ab - auf Zeichen von streunenden
Hunden. Doch es war keine Bewegung zu sehen, keine Veränderung im Ablauf der
Dinge, die uns die Anwesenheit von Hunden verraten hätte.
Ich wunderte mich allmählich, warum ich so plötzlich in Panik geraten war und uns
beide auf die Bäume hinaufgejagt hatte. Nach langem, forschendem Schweigen rief
Rick zu mir herüber und erkundigte sich, wo ich die Hunde eigentlich gesehen hätte.
Ich wußte keine Antwort und konnte ihm nur sagen, daß ich aus irgendeinem Grund
eine unbehagliche Panik empfunden hätte. Mit einer hübschen Sammlung frischer
Kratzer von den rauhen Ästen verziert, fühlte ich mich wie ein Idiot. Die Vorahnung
vom Kommen der Hunde hatte mich ganz nervös gemacht, so glaubte ich, und so
war ich in Panik geraten. Rasch entschuldigte ich mich bei Rick für meine Dummheit
und ließ mich den Baumstamm hinabgleiten. Rick verstand, glaube ich, denn er
sagte kein Wort, und ich wußte, daß er selbst schon viele Male den gleichen Fehler
gemacht hatte. Ja, wir beide! Angst kann eine ganze Menge sonderbarer Gefühle
und wunderlicher Handlungen auslösen.
Beinah am Boden angekommen, überfielen mich wieder Angst und Panik. Wieder
schrie ich zu Rick hinüber, ohne an meinem Gefühl zu zweifeln, wie in blinder
Reaktion auf einen inneren Zwang. Und wieder kletterten wir hinauf, ohne Zögern
und ohne Fragen. Das heißt, bis wir den Wipfel erreicht hatten. Nachdem wir noch
einmal die Landschaft abgesucht und nichts entdeckt hatten, blickte Rick spöttisch zu
mir herüber und fragte: «Habe ich dir schon mal die Geschichte von dem Jungen
erzählt, der <Wolf! Wolf!> schrie?» Am Ton seiner Stimme merkte ich, daß er nicht
wütend war, sondern nur leicht belustigt. Während wir wieder hinunterkletterten,
fühlte ich mich in meinem Stolz und meiner Glaubwürdigkeit getroffen. Gewiß, so
dachte ich, war ich schon früher in ähnlichen Situationen in Panik geraten, doch nie
in so extremer Form.
Als wir den Boden erreicht hatten, stiegen wiederum Furcht und Panik in mir auf,
irgendwo ganz tief innen. Diesmal bekämpfte ich dieses Gefühl, denn schon zweimal
hatte ich mich benommen wie ein Idiot und wollte es nicht ein drittesmal tun. Wir
waren nur ein paar Schritte von unseren Bäumen entfernt, als mich wieder dieses
Gefühl packte - diesmal mit unglaublicher Macht. Ich blieb so plötzlich stehen, daß
Rick sich unwillkürlich nach mir umdrehte — eine Mischung von Spott und
Verachtung in seinen Zügen. Ich lauschte hinaus in die Landschaft und spähte nach
Zeichen für irgendwelche konzentrischen Ringe, die eine Bewegung verrieten - doch
da war nichts. Dennoch war ich starr vor Furcht, gelähmt von Gefühlen, die ich nicht
ganz verstand, nicht mal genau erkannte. Diesmal mußte ich mich mit Gewalt
zwingen, meine Lähmung zu überwinden und mich in Bewegung zu setzen.
Wir lösten uns von den Bäumen, die wir erklettert hatten, und wollten wieder
hinauswandern in die geheimen Winkel des Sumpfes. Genau in diesem Moment
passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Erstens kehrten Furcht und Panik zurück, und
zweitens wurde mir klar, daß die einzigen beiden Bäume, die man erklettern konnte,
mehrere Meter entfernt waren. Es waren die einzigen höheren Bäume in diesem Teil
des Sumpfes, zumindest leicht erreichbar. Jetzt machte Rick endlich den Mund auf.
Mit bebender Stimme sagte er: «Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl, seit wir die
Bäume verlassen haben.» Und ohne zu zögern, rannten wir beide zurück zu den
Bäumen am Bach.
Kaum unter den Bäumen angekommen, hörten wir ein Knacken im Gebüsch und
heftige Bewegungen, kaum drei Meter entfernt von der Stelle, wo wir gestanden
hatten. Dann folgten wütendes Knurren und Kläffen, und wir konnten uns gerade
noch auf die Bäume schwingen, als die Hunde schon an den Stämmen
hinaufsprangen und wütend nach unseren Fersen schnappten. Dann klammerten wir
uns mit letzter Kraft an die Äste der Wipfel, zitternd, nachdem wir mit knapper Not
entkommen waren. Lange sprachen wir kein Wort - starrten nur hinunter auf die fünf
Hunde, die unsere Bäume umkreisten. Wir wunderten uns nicht, daß die Hunde
gekommen waren, denn wir hatten sie erwartet. Noch bevor ich hinunterschaute,
wußte ich, daß es fünf waren. Für mich gab es keinen Zweifel. Aber ich glaube, wir
waren beide froh, hoch in den Bäumen zu sitzen, denn wären wir einen Schritt
weitergegangen, hätten eine Sekunde länger gezögert, hätten wir es nicht mehr
rechtzeitig geschafft.
Eine Ewigkeit schien es zu dauern, bis die Hunde sich endlich entfernten. Aber
jedesmal, wenn wir hinunterklettern wollten, empfanden wir wieder Furcht und Panik
- und kletterten wortlos wieder hinauf. Jedesmal kehrten die Hunde sofort zurück, als
beobachteten sie uns von irgendwoher. Rick und ich sprachen kein Wort
miteinander, denn aus jahrelanger Erfahrung mit solchen Hunden wußten wir, daß
der Klang menschlicher Stimmen sie noch stärker reizte. Besonders Stimmen, in
denen Furcht mitschwang. Tatsächlich sollte es lange dauern, bevor wir auch nur
einen Blick wechselten. Ich vermute, daß Rick seinen Gedanken nachhing, genau
wie ich — über die Ereignisse bis zu dem Moment, als wir den Hunden mit knapper
Not entkamen. Uns beiden war rätselhaft, wieso wir gewußt hatten, daß die Hunde
da waren, wo doch alle physischen Beweise für das Gegenteil sprachen.
Endlich sank die Sonne zum Horizont, und sofort überkam mich ein Gefühl tiefer
Erleichterung. Ich sah zu Rick hinüber und erkannte an seinem Gesichtsausdruck,
daß es ihm genauso erging. Es war, als sei ein unsichtbarer Schleier von meinem
Körper gelüftet, als könne ich wieder frei atmen. Alle Furcht und Panik waren
verschwunden, und irgendwie wußte ich, daß die Hunde nicht mehr wiederkommen
würden. Ich forschte in mir nach einer logischen Erklärung für dieses Gefühl, aber es
gab keine. Ich wußte nur, ich war sicher, daß die Hunde uns verlassen hatten, daß
sie fortgelaufen waren und uns nicht mehr gefährden konnten. Fast konnte ich sie
noch in der Ferne spüren.
Wortlos kletterten Rick und ich hinunter, dabei in die Landschaft horchend nach
irgendwelchen Geräuschen, die uns die Rückkehr der Hunde verraten hätten.
Diesmal aber gab es keine bösen Ahnungen, kein Gefühl der Furcht oder Panik. Ich
fühlte mich in Sicherheit. Als ich nach Ricks Baum hinüberspähte, war ich überrascht,
ihn schon unten am Boden stehen zu sehen. Auch er schien zufrieden mit seiner
Entscheidung. Ohne uns abzusprechen, pirschten wir uns dann vorsichtig aus dem
Sumpf, immer die dunkle Landschaft im Auge behaltend und den Geräuschen der
Natur lauschend. Meine Sinne waren angespannt bis zum Zerspringen, aber kein
Zeichen verriet, daß etwas nicht stimmte. Ich war sehr wachsam und fühlte mich
dennoch sicher und frei, besonders als wir endlich den Weg aus dem Sumpf und die
hohen Bäume am Rand erreichten.
Wir liefen noch ein paar Meilen, ohne daß einer von uns ein Wort sprechen konnte.
Nachdem wir uns endlich zu einer kurzen Rast niedergelassen hatten, brachen wir
unser langes, intensives Schweigen. Zuerst sahen wir uns nur staunend an. Wir
wußten nicht, was wir sagen sollten, wie wir es sagen sollten. Irgendwie waren wir
mit einer höheren Bewußtheit in Verbindung getreten, von der wir bis dahin nichts
wußten. Aber keiner von uns konnte es erklären, zumindest nicht mit Worten. Endlich
sagte Rick: «Du hattest von Anfang an recht. Hast du gesehen, wie nah diese Hunde
waren? Hast du gesehen, wie lange sie im Gebüsch lagen, bevor sie uns angriffen?
Nach den Lagerspuren, die wir gesehen haben, sind sie länger als eine halbe Stunde
dort gewesen. Du hast gewußt, daß sie kommen würden — mindestens eine Stunde,
bevor sie sich auf die Lauer legten. Wie, zum Teufel, konntest du das wissen? Nichts
Ungewöhnliches zeigte sich in der Umgebung, und ihre Spuren verraten, daß sie sich
langsam in diese Gegend pirschten. Na, ich hätte auf dich hören sollen.» Ich dachte
lange nach über Ricks Worte. Ich hatte die Spuren der Hunde gesehen, die zu ihrem
Versteck führten. Darum wußte ich, sie hatten sich angepirscht zu der Zeit, als mich
dieses sonderbare Gefühl beschlich, beobachtet zu werden, verbunden mit tiefer
Furcht und Panik. Doch hatte ich nicht gewußt, wieso ich dieses Gefühl gehabt hatte
oder woher es kam. Ich wußte nur, daß ich mit Worten nicht erklären konnte, was ich
empfunden hatte. Ich wußte, es gab keine konzentrischen Ringe irgendeiner
Bewegung, denn die Hunde hatten sich leise angepirscht und sich dann auf die
Lauer gelegt. Allerdings wußte ich, daß meine Gefühle sehr real gewesen waren —
so real, daß ich ihnen fraglos gehorchen mußte. Sie waren wirklicher gewesen als
alles, was ich mit meinen physischen Sinnen hätte aufnehmen können. Zu Rick sagte
ich, daß ich vermutlich nur Glück gehabt hätte, und ließ es dabei bewenden.
Es war schon dunkel, als wir das Camp erreichten. Beide waren wir müde von
unserer Anstrengung, aber so voller Fragen, daß wir uns nicht recht entspannen
konnten. Zum Glück hatte Großvater ein Feuer gemacht, und ein Topf mit Fleisch
und Kräutern stand zum Essen bereit. Ich wollte ihn gleich mit Fragen überfallen, die
mir im Kopf herumgingen. Aber Großvater wollte nichts davon wissen, bevor wir
gegessen und uns ein Weilchen ausgeruht hatten. Schweigend verzehrten Rick und
ich unser Abendbrot. Von außen betrachtet, sah es vielleicht so aus, als ob wir in uns
hineinschwiegen. In unserem Innern aber brodelten Fragen und Gefühle, wir waren
in das Wirken unseres Selbst vertieft und gleichgültig gegen die äußere Welt.
Großvaters Stimme holte mich wieder in die bewußte Realität. Er sagte: «Ich mußte
warten, bis ihr das Gefühl der Inneren Vision ganz und gar erfahren würdet. Vorher
war sie nicht geläutert, nicht wahrnehmbar für euch, also konnte ich sie euch nicht
lehren. Nun ist euch beiden heute dies passiert. Es war schon lange fällig, aber ihr
hättet die Lehre nicht ganz verstanden und die Weisheit der Inneren Vision nicht eher
aufnehmen können, bevor sie so tief und mächtig zu euch sprach, wie ihr es heute
erlebt habt. Wie hätte ich euch etwas lehren können, was ihr nur vage verstehen
könnt? Obgleich es schon immer in euch steckte, bedurfte es eines mächtigen
Anstoßes, um den Keim dieses Wissens in euch zu pflanzen. Und daraus wird die
reine Innere Vision wachsen.»
Ich war nicht im mindesten überrascht, daß Großvater genau wußte, welche Fragen
mich bewegten, noch wunderte ich mich darüber, daß er wußte, was uns in diesem
Sumpf widerfahren war. Ich war ebenso wenig erstaunt, daß er meine Fragen
kannte, wie ich mir ja auch sicher gewesen war, daß die Hunde kommen würden, wie
er es vorhergesagt hatte. Überrascht war ich allerdings darüber, daß er sagte, Rick
und ich seien mit unserer Inneren Vision in Verbindung getreten. Mir war nicht klar
gewesen, daß dies der Ursprung meiner unangenehmen Gefühle war. Aber ich
verstand vor allem nicht, wieso er meine Innere Vision als ungeläutert und
unwahrnehmbar bezeichnete. Hatte sie mich nicht auf den Baum klettern lassen und
mich vor den Hunden gerettet? Hatte sie nicht nachgelassen, als die Gefahr
schließlich verschwand? Wieso war sie also ungeläutert oder unwahrnehmbar, fragte
ich mich?
Wieder unterbrach Großvaters Stimme meine Gedanken. Er sagte: «Wäre die Innere
Vision geläutert gewesen, dann hättet ihr genau gewußt, wo die Hunde euch finden
würden, und zwar lange, bevor ihr heute morgen aus dem Camp aufgebrochen seid.
Ihr hättet genau gewußt, wo sie sich befanden, als ihr zum ersten Mal auf die Bäume
geklettert seid; und ihr hättet auch gewußt, wann es Zeit war, wieder
herunterzuklettern. Die reine Innere Vision braucht kein logisches Denken. Ihr hättet
nicht nur gewußt, daß die Hunde da sind, sondern ihr hättet sie auch im Kreislauf des
Geistes gesehen, der sich in allen Dingen bewegt — und in dem weiteren Kreis, der
Insel der Geisterwelt. Wie ich euch sagte, habt ihr seit jeher diese Gabe; sie ist euer
Geburtsrecht, wie auch alle anderen diese Gabe besitzen. Nun müßt ihr lernen, diese
Gabe zu läutern und euch von ihr führen zu lassen.»
«Was meinst du damit, ich hätte die Gabe seit jeher gehabt?» fragte Rick.
Großvater sah uns lange an, musterte unsere fragenden Gesichter und sagte
verschmitzt: «Ihr kennt eure Gabe ganz gut. Aber sie ist noch schwach und
ungenutzt. Sie wird gefangen gehalten von eurem logischen Verstand, der sie ihrer
Macht beraubt.»
«Aber ich hatte noch nie Gefühle, wie ich sie heute erlebte», warf ich ein.
«Vielleicht nicht mit solcher Intensität», sagte Großvater. «Aber du hattest schon
solche Gefühle. Du wußtest nur nicht, wie du sie deuten oder bezeichnen solltest.
Darum hast du sie beiseite geschoben.»
Rick und ich schwiegen lange. Wir staunten über Großvaters Worte. Ich wußte, noch
nie hatte ich Gefühle gehabt wie an diesem Tag mit den Hunden. Wenn ich früher
einmal in Panik geriet, war sie niemals berechtigt, und nichts kam dabei heraus.
Großvater riß mich aus meinen Gedanken und sagte: «Hattest du nie das Gefühl,
beobachtet zu werden, und fandest dann heraus, daß dich tatsächlich jemand
beobachtete? Oder bist du niemals einen Weg entlang gewandert mit einem
unbehaglichen Gefühl und merktest später, daß du an einem vergessenen Friedhof
vorbeigekommen warst? Wie oft hast du mir erzählt, daß du glaubtest, du würdest zu
Hause gebraucht, und es war dann tatsächlich so?»
Wir konnten beide zustimmen, daß solche Dinge uns bereits früher passiert waren.
Dann sagte Großvater schlicht: «Dies also ist die ungeläuterte Form der Inneren
Vision.»
Ich beobachtete Großvater, wie er aufstand und sich vom Feuer entfernte, und meine
Augen folgten ihm in die Dunkelheit der Nacht. Es war Großvaters Art, uns ein Stück
neuen Wissens zu vermitteln und sich dann zu entfernen, um uns Zeit zum
Nachdenken zu geben, bevor er seine Unterweisung fortsetzte. Manchmal konnte es
Wochen dauern, ja Monate und sogar Jahre, bevor er weitere Einzelheiten
hinzufügte. Denn er wollte uns genügend Zeit lassen, um zu verstehen und unsere
Kenntnisse zu üben, bevor er fortfahren konnte. Niemals übereilte er etwas, immer
breitete er seine Lektionen langsam aus. Manchmal ging er sogar so weit, uns nur
einen Teil des Wissens zu vermitteln, so daß wir scheitern müßten, sobald wir es in
der Praxis erprobten. Auf diese Weise konnten wir, wenn die abschließende Lektion
erfolgte, aufgrund der Erfahrung unseres Scheiterns verstehen, wie und warum
etwas auf eine bestimmte Weise getan werden mußte. Viele Lektionen konnten nur
nach erheblicher Übung abgeschlossen werden und manchmal erst nach solchem
Scheitern. Ich hoffte nur, daß es sich diesmal nicht so verhielt. Weder war mir klar,
was ich eigentlich üben sollte, noch wo ich anfangen sollte, und ganz gewiß wollte
ich nicht versagen. So aber war Großvaters Art, und wie ich aus Erfahrung wußte,
war seine Art der Unterweisung die beste.
So beschloß ich, mich um Erfolg oder Scheitern nicht weiter zu sorgen, sondern
nachzudenken über all das, was Großvater uns gefragt hatte. Ja, ich hatte oft das
Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. Auch kannte ich diese unbehagliche
Gewißheit, daß zu Hause etwas nicht stimmte. Es gab solche und andere Dinge, die
mir widerfahren waren - nie aber so mächtig wie die Gefühle, die ich heute mit den
Hunden erlebt hatte. Noch immer verstand ich nicht ganz, was Großvater meinte, als
er unsere Innere Vision als ungeläutert bezeichnete. Ich verstand nur, daß die Innere
Vision, die wir erfahren hatten, uns nicht verraten konnte, wo die Hunde sich
befanden. Dennoch hatte sie uns rechtzeitig gewarnt, und zwar sehr deutlich. Zu
meinem Bedauern wußte ich immer noch nicht, woher diese Innere Vision kam, noch
war mir klar, wie sie mit mir kommuniziert hatte. Zumindest konnte ich dies nicht
logisch begreifen.
Die halbe Nacht schien vergangen, bis Großvater zum Camp zurückkehrte und sich
ans Feuer setzte. Ohne meine Fragen abzuwarten, fing er an zu sprechen: «Die
Innere Vision kommuniziert mit uns nicht mit menschlichen Wörtern oder Begriffen,
sondern durch die Sprache des Herzens. Sie spricht zu uns nur durch Gefühle,
Symbole, Zeichen, Träume und Wach-Visionen. Schwierig wird es nur, wenn wir
versuchen, solche Mitteilungen in Worten auszudrücken, wie das logische Denken
sie versteht. Wenn aber diese Dinge interpretiert werden, geschieht es oft, daß sie
entstellt oder gänzlich mißverstanden werden, weil der logische Verstand sie nicht
akzeptieren kann. Der logische Verstand, dieser über-trainierte Teil des Selbst, baut
ein Gefängnis für den menschlichen Geist und zerstört oder erstickt damit die reine
Innere Vision.»
Großvater wartete ein Weilchen und ließ uns Zeit, seine Worte aufzunehmen und zu
verstehen. Dann fuhr er fort: «Bei eurer Begegnung mit den Hunden war eure Innere
Vision deshalb so stark und fühlbar, weil euer logischer Verstand abgelenkt war
durch Furcht und Wachsamkeit. Durch diese Ablenkung konnte sich die Innere Vision
stark und deutlich bemerkbar machen. Sie sprach zu euch nicht in Worten, sondern
durch Gefühle und Emotionen, und ihr wußtet genau, auch ohne physische Beweise,
wodurch diese Gefühle hervorgerufen wurden. Da gab es keinen Zweifel, nur ein
unmittelbares Wissen, dessen Grund ihr nicht kanntet. Hätte euer Verstand
geschwiegen, wäre eure Innere Vision geläutert gewesen, dann hättet ihr all dies von
Anfang an gewußt. Ihr hättet Klarheit gehabt, ohne daß Worte oder Erklärungen nötig
gewesen wären.» Großvater stand auf, warf uns schmunzelnd einen Blick zu und
verschwand in der Dunkelheit. Während ich langsam zu unserem «heiligen Platz»
ging, um dort zu beten, und mich dann schlafen legen wollte, erinnerte ich mich
wieder an meine zweite Visionssuche, die mich lehrte, das geläuterte Denken
einzusetzen.
Drei Tage lang hatte ich damals an meinem Quest-Platz gesessen, als ich eine der
wertvollsten Lektionen meines Lebens erfuhr. Bis dahin hatte ich geglaubt, meine
Visionssuche wäre zum Scheitern verurteilt. Ich wußte noch nichts vom
Zusammenhang zwischen physischer und geistiger Welt. Ich verstand einfach nicht,
wie ich mit der geistigen Welt umgehen sollte. Ich konnte nicht richtig kommunizieren
mit dieser Welt, weil ich viel zu wenig von ihr wußte. Großvater hatte gesagt, ich
müsse reinen Glaubens sein. Mir fehle es an solcher Reinheit, und mein logisches
Denken dränge sich zu stark in den Vordergrund. Damals verstand ich nicht, was er
damit meinte.
Am ersten Morgen meiner Visionssuche geschah es, daß ich mich unabsichtlich von
meinem Quest-Platz entfernte, ohne zu bedenken, daß ich eigentlich am Platz hätte
bleiben sollen. Die Frage nach jener Reinheit ließ mir keine Ruhe. Es zog mich zu
einem Fluß in der Nähe, als führte mich eine äußere Kraft dorthin. So saß ich am
Ufer, starrte in das stille Wasser und dachte an das Problem der Reinheit. Jetzt sah
ich das reine Abbild der Natur auf der spiegelblanken Wasseroberfläche, dazu auch
mein eigenes Spiegelbild. Dann kam eine leichte Brise auf, und das Wasser begann
sich zu kräuseln. Das reine Bild schwankte und zitterte, und dann war jegliche
Spiegelung verschwunden. In diesem Moment kam mir das Wort «Gedanken» in den
Sinn — ich hatte die Antwort auf das Problem der Reinheit gefunden!
An diesem Tag hatte ich gelernt, daß unser Verstand ähnlich dem Wasser ist. Wenn
uns Gedanken, Analysen und Definitionen bewegen, rühren wir die
Gemütsoberfläche auf, und es kann keine reinen Bilder geben. Alles verliert sich in
der Bewegung der Gedanken. Nur wenn das Denken still und rein ist, ohne Bedürfnis
nach Definitionen, erhalten wir ein reines Spiegelbild. Jetzt wurde mir endlich klar,
daß ein Zusammenhang zwischen der natürlichen Welt und der geistigen Welt
bestehen muß. Endlich verstand ich die Reinheit des Denkens und wie ich auf reine,
wahrhafte Art kommunizieren konnte. Ich hatte damals gelernt, daß man jene Welten
in der Stille verstehen muß, um mit ihnen zu kommunizieren. Ich wußte nun, daß
unser logischer Verstand solche wahre Kommunikation nur behinderte, solch
wirkliches Sehen und Verstehen. Es war eine meiner größten Entdeckungen
gewesen.
Den nächsten Vormittag und den größeren Teil des Nachmittags nach unserem
Abenteuer mit den Hunden verbrachte ich mit Arbeiten im Camp. Die Ereignisse des
letzten Tages schienen mir fern, aber noch immer glühte in mir das Verlangen, die
Innere Vision besser kennen zulernen. Mit Gewalt mußte ich mir jeden Gedanken an
sie aus dem Kopf schlagen, sonst hätte ich mich auf nichts anderes konzentrieren
können. So zerstreut war ich manchmal, daß ich sogar die einfachsten Arbeiten
verpfuschte. Großvater sah meine Zerstreutheit und kicherte jedesmal vor sich hin,
wenn ich wieder einen Patzer machte. Ich glaube, er wußte, wie mir zumute war,
denn er meinte: «Konzentriere dich jetzt auf das, was du tust. Heute abend sprechen
wir wieder von der Weisheit der Inneren Vision. » Nachdem die Last fruchtlosen
Nachdenkens von mir genommen war, fand ich wieder Spaß an meinen Aufgaben.
Doch war mir klar, daß ich den ganzen Tag mit überflüssigen Gedanken
verschwendet hatte.
Nach dem Abendbrot machte ich Ordnung im Camp und versuchte noch ein paar
Arbeiten zu verrichten, die bei Dunkelheit nicht mehr getan werden konnten.
Großvater hielt sich etwas abseits vom Camp auf an der Stelle, wo er nach dem
Essen oft saß. Er bewegte sich nicht, sondern schien vielmehr auf etwas zu warten,
wie seine Haltung verriet. Von Neugier überwältigt, lief ich zu ihm hinüber und fragte,
ob alles in Ordnung sei. Er musterte mich aufmerksam und fragte: «Hast du nicht
etwas vergessen?» Seine Frage erschreckte mich, und im Kopf überprüfte ich all die
Dinge, die ich während des Tages getan hatte. Ein nagendes Gefühl machte sich in
meiner Magengrube breit, während seine Augen mich fragend musterten.
Wortlos stand Großvater auf und ging fort, anscheinend unzufrieden mit mir. Wohl
erinnerte ich mich, daß Großvater mich gebeten hatte, irgend etwas für ihn zu
besorgen. Aber mir wollte nicht einfallen, was es gewesen sei. Während mein Kopf
um Antworten rang, legte sich ein Druck auf meine Magengrube, und das Gefühl,
etwas vergessen zu haben, überwältigte mich. Stundenlang grübelte ich nach. Doch
was er verlangt hatte, wollte mir nicht einfallen. Bis weit in die Nacht ging ich im
Camp auf und ab.
Es war spät geworden, und es wurde still im Lager. Rick schlief schon, und ich blieb
allein in der Stille mit meinen bohrenden Gedanken. Diese wanderten rastlos durch
die Ereignisse des Tages und zu allen Gesprächen, die ich mit Großvater gehabt
hatte, aber noch immer fiel mir nichts ein. Dabei wußte ich ganz gut, daß er mich
gebeten hatte, irgend etwas für ihn zu tun. Und wenn ich etwas für Großvater zu tun
vergaß, so war das für mich eine Todsünde. Solch ein Vergessen plagte mich bis ins
Innerste meiner Existenz, und mein Herz lechzte nach Antworten.
Irgendwie gab ich mein grübelndes Nachdenken schließlich auf und starrte nur noch
ins Feuer, eingehüllt in die Reinheit meines Alleinseins. Dabei spielte ich
gedankenlos mit einem Stöckchen. Ich begann damit in der Asche zu stochern, so
daß das Feuer hell in die Nacht loderte. Noch immer verzehrte ich mich nach einer
Antwort, was ich vergessen haben könnte, aber ich hatte den Kampf mit meinen
Gedanken längst aufgegeben. Ich hob den Stock aus dem Feuer und hielt ihn empor,
scharf abgezeichnet gegen die Schwärze des nächtlichen Himmels. Plötzlich sah ich
das Bild einer Fackel vor mir, und eine riesige Last war mir vom Herzen genommen.
Ich hatte vergessen, eine Fackel auf Großvaters heiligen Platz zu bringen!
Die Erleichterung, als ich mich endlich erinnerte, war überwältigend. Auf einmal
konnte ich wieder atmen. Ich sprang auf und rannte zum Vorratslager hinter meiner
Hütte, um eine der Fackeln zu holen, die ich Anfang der Woche angefertigt hatte.
Auch wenn es spät geworden war, konnte ich die Fackel hinübertragen zu
Großvaters heiligem Platz, um sie dort für ihn hinzulegen. Vielleicht würde er uns
morgen das Wissen der Inneren Vision lehren - jetzt, da ich mich erinnert hatte, ihm
die Fackel zu bringen. Ich konnte nur hoffen, daß er mir nicht böse war, weil ich sie
so spät brachte. Aber andererseits schien Großvater nie böse zu sein wegen solcher
Dinge. Jedenfalls war ich froh und glücklich, daß ich mich erinnert hatte. Denn nie
wollte ich Großvater enttäuschen.
Ich lief hinüber zu Großvaters Lager, das eine knappe Meile entfernt war. Vorsichtig
bahnte ich mir meinen Weg durch die Dunkelheit und schlich langsam näher. Ich
wollte ihn nicht stören, falls er ins Gebet vertieft saß, aber andererseits gab es ja
kaum etwas, das Großvater nicht merkte. Ich kicherte bei der Vorstellung, daß
Großvater längst von meinem Kommen wußte, noch bevor ich aus meinem Camp
aufgebrochen war. Ich pirschte mich an den Platz heran, aber es war zu dunkel, um
zu erkennen, ob er sich dort befand. Leise schob ich mich durchs Gebüsch und legte
die Fackel neben den alten Baumstamm am Rand seiner heiligen Stätte. Als ich
gerade gehen wollte, drang seine Stimme durch die Stille der Nacht. Er sagte: «Setz
dich, mein Enkel. Ich habe dich erwartet. »
Ich war so überrascht und erschrocken, daß ich beinah stolperte. Nicht oft geschah
es, daß Großvater an seinem heiligen Platz zu uns sprach. Aber wenn er es tat, war
es immer eine besondere Lektion. Meine Stimme bebte vor Aufregung, als ich mich
dafür entschuldigte, daß ich die Fackel so spät gebracht hatte. Großvater lachte nur
und hieß mich sitzen. Er deutete auf eine Strohmatte neben ihm. Es war offenkundig,
daß er mich erwartet hatte. Ich fragte ihn, wie er habe wissen können, daß ich
kommen würde. Ich hätte gar nicht daran gedacht, in sein Camp zu kommen, bevor
mir die Fackel eingefallen sei. Er meinte lachend: «Ich wußte, du würdest dich an die
Fackel erinnern - wie ich auch wußte, daß du sie zunächst vergäßest. Ich habe dir
diesen Gedanken eingepflanzt, damit du ihn vergessen und dich später erinnern
solltest. »
Ich war verwirrt, gelinde gesagt. Wie konnte er mir einen Gedanken einpflanzen, den
ich — wie er wußte — vergessen würde, nur um mich später daran zu erinnern?
Gerade als ich ihn fragen wollte, fiel er mir ins Wort. In spielerischem Ton, aber
keineswegs spöttisch, sagte er: «Ich bat dich um die Fackel, als du in Gedanken mit
etwas anderem beschäftigt warst. Ich brachte meine Bitte so vor, daß du sie zwar
hören, nicht aber bewußt wahrnehmen konntest. So hast du sie einfach vergessen.
Du konntest dich zwar erinnern, daß du etwas vergessen hattest, aber du wußtest
nicht, was es war. Dies tat ich nur, um dich das Wissen der Inneren Vision zu lehren.
Jetzt, da du dich an die Fackel erinnert hast, kann ich mit der Lektion anfangen.
Vorher war dies nicht möglich - zuerst mußtest du diesen Punkt erreichen.
Diese Spannung in deiner Magengrube, als du dich erinnern wolltest, aber nicht
konntest, war deine Innere Vision, die sich verzweifelt bemühte, zu dir zu sprechen.
Wie ich schon sagte, haben die Welten des Geistes und jener weiteren Kreise
genaue Kenntnis von allen Dingen. Tief in deinem Innern wußtest du genau, was du
vergessen hattest. Weil deine Innere Vision mit deinem logischen Verstand
kommunizieren wollte, aber nicht konnte, spürtest du diese Spannung. Diese
Spannung, dieses Gefühl in der Magengrube zeigen uns, daß unsere Innere Vision
zu uns zu sprechen versucht. Darum lockert sich die Spannung in der Magengrube,
sobald die Antwort auf mentaler Ebene gefunden ist. Dein höheres Selbst ist
erleichtert, daß du eine Antwort gefunden hast - eine Antwort, die es während der
ganzen Zeit schon wußte.»
«Ich weiß aber noch immer nicht, wie die Innere Vision schließlich mit mir
kommunizieren konnte», sagte ich. Großvater entgegnete: «Erinnere dich, daß die
Innere Vision nicht mit Worten zu uns spricht, sondern durch Gefühle, Symbole,
Wach-Visionen, Träume und Ahnungen. Als du den brennenden Stock emporhobst,
war dies ein Symbol für die Fackel, und mit Hilfe deiner Inneren Vision konnte dein
logisches Denken dieses Symbol verstehen. Es ist die gleiche innere Spannung, wie
du sie empfindest, wenn du das Gefühl hast, beobachtet zu werden, oder immer
dann, wenn etwas aus der natürlichen oder Geisterwelt mit dir kommunizieren will.
Durch diese innere Spannung teilt die Innere Vision uns mit, daß sie kommunizieren
will, und das Nachlassen der Spannung sagt uns, daß wir die Antwort gefunden
haben.»
Großvater machte eine Pause, um mir wie immer Gelegenheit zu geben, alles in
mich aufzunehmen, was er gesagt hatte. Bislang war mir nicht klar gewesen, daß
dies die Art war, wie die Innere Vision mit mir kommunizierte. Ich hatte schon häufig
dieses Gefühl gehabt, aber nicht begriffen, woher es kam. Auch das Nachlassen
dieser Spannung in der Magengrube kannte ich wohl, aber jetzt endlich verstand ich,
woher es kam und was es bedeutete. Noch immer war mir sehr unklar, wie ich mit
diesen Dingen tatsächlich und in verständlicher Form kommunizieren sollte. Ich
wußte, es war das Symbol der Fackel gewesen, das meiner Erinnerung half- aber
wie funktionierte dies in der natürlichen und Geisterwelt? Falls der brennende Stock
tatsächlich das Symbol war - warum konnte ich es nicht früher finden? Ich dachte, es
müsse einen besseren Weg geben, die Innere Vision zu befragen, um sofort klare
und verständliche Antworten zu bekommen.
Großvater fuhr fort: «Solange du nicht gelernt hast, die Mitteilungen der Inneren
Vision zu läutern, wird diese Kommunikation stets etwas unbestimmt und schwer
verständlich sein. Ohne Läuterung der Inneren Vision sind die Antworten manchmal
schwach und unklar, und der Erfolg bleibt uns versagt. Zuerst mußt du lernen, eine
starke Verbindung zu den Mitteilungen der Inneren Vision herzustellen; dann mußt
du lernen, sie vollkommen zu läutern. Du kannst dich auch mit den schwierigen,
ungeläuterten Formen dieser Kommunikation begnügen. Doch um Vollkommenheit
zu erreichen, muß alles geläutert sein. Ohne solche Läuterung könnten die
Antworten unvollständig und sehr gefährlich sein. »
«Wie kann ich diese Kommunikation einüben?» fragte ich. «Das Fackel-Symbol war
doch Zufall, und ich kann nicht erkennen, wie ich mit dieser Kommunikation arbeiten
könnte, selbst wenn sie geläutert wäre. » Großvater sagte: «Alle Geschöpfe haben
doch einen Überlebensinstinkt. Jedes Lebewesen weiß genau, wie es auf die Jagd
gehen und was es fressen soll und wo es Unterschlupf findet. Wenn eine Hirschkuh
stirbt, stirbt dann ihr Kitz ebenfalls? Natürlich nicht. Denn es weiß, was es fressen
soll, wie es am Leben bleiben kann. Selbst wenn die Kuh noch da ist, bringt sie dem
Kitz nur wenig bei. Die Instinkte sind da, und die Hirschkuh kann diese Instinkte
bestenfalls fördern. Auch du hast solche Instinkte. Tief in deiner Inneren Vision weißt
du alles, was du zum Überleben wissen mußt. Du weißt, welche Pflanzen du essen
kannst, welche heilsam und welche giftig sind, auch wenn du die betreffende Pflanze
noch nie gesehen hast. »
Ich war begeistert von der Aussicht, den Umgang mit Heilkräutern zu lernen. Denn
allzu lange hätte ich Bestimmungsbücher wälzen oder Großvater fragen müssen,
wenn ich etwas über die Pflanzen wissen wollte. Jetzt aber sagte er, daß ich solche
Kenntnisse in mir hatte, so sicher wie jedes andere Geschöpf auf Erden. Großvaters
Stimme riß mich aus meinen Gedanken und sagte: «Diese Form der Kommunikation,
die du zuerst lernen wirst, also die ungeläuterte Form, kann sehr gefährlich sein, vor
allem im Umgang mit dem Volk der Pflanzen. Wenn die Kommunikation abreißt oder
vom logischen Verstand irgendwie verzerrt wird, kannst du womöglich einen Fehler
machen. Aus diesem Grunde ist Läuterung so wichtig. Bedenke auch, daß diese
Innere Vision nicht nur mit deinen Instinkten und Erinnerungen verbunden ist,
sondern auch mit den äußeren Welten von Geist und Natur. »
Bei diesen Worten zog Großvater eine Pflanzenwurzel aus seinem Hirschlederbeutel
und zeigte sie mir. Noch nie hatte ich solch eine Wurzel gesehen. Ich wußte nicht
mal, ob sie aus der Gegend der Pine Barrens stammte. Großvater sammelte viele
Pflanzen außerhalb dieser Gegend, und auch diese hier stammte vielleicht von
außerhalb. Sogar in der Dunkelheit sah ich ihn lächeln, und in Erwartung des
Kommenden zitterte ich vor Erregung. Großvater meinte nur: «Nimm die Wurzel in
die Hand, schließe die Augen und entspanne dich. » Ich befolgte seine Anweisung
und unterdrückte meine Erregung. Indem ich mich körperlich entspannte und meine
Gedanken klärte, verband ich mich mit dem «Heiligen Schweigen», wie Großvater es
nannte.
Lange hielt ich dieses Heilige Schweigen ein, aber nichts geschah. Da war keine
Spannung in der Magengrube, wie ich sie früher am Abend erlebt hatte. Enttäuscht
erzählte ich Großvater, daß ich nichts empfand. Er sagte: «Natürlich empfindest du
nichts! Du hast deiner Inneren Vision noch keine Frage gestellt. Jetzt aber», sagte er,
«sollst du auf dein tieferes Selbst achten, jene Region des Selbst, in der du die
Innere Vision heute abend spürtest. » Ich konzentrierte mich und lauschte auf diese
Region tief innen, wo ich früher jene Spannung empfunden hatte, aber wieder
geschah nichts. Ich hatte wohl einen Seufzer ausgestoßen, denn Großvater hörte
mich und sagte mir noch einmal, daß kein Gefühl sich einstellen könne, solange ich
keine Fragen stellte.
Ich horchte nach innen und wartete. Dann sagte Großvater: «Frage dich, während du
die Pflanze in der Hand hältst, ob es eine eßbare Pflanze ist. » Kaum hefteten sich
meine Gedanken an diese Frage, als sich mein Magen zusammenzog, wie schon
früher an diesem Abend, obwohl es diesmal etwas stärker und deutlicher war. Nun
verlangte Großvater, ich solle mich fragen, ob es eine Heilpflanze sei. Sofort ließ die
Spannung nach, und ich wußte irgendwie, daß es sich um eine Heilpflanze handelte.
Dann sollte ich mich fragen, ob die Pflanze giftig sei, und wieder zog sich mein
Magen zusammen. Dann forderte er mich auf, mich der Führung der Inneren Vision
zu überlassen und jene Stelle an meinem Körper zu finden, wo die Pflanze mir ein
gutes Gefühl vermittelte. Sobald ich an meine Augen dachte, verschwand die
Spannung der Inneren Vision wieder.
Wieder aufgetaucht aus dem Reich des «Heiligen Schweigens», war ich verblüfft und
konnte nichts sagen. Großvater kicherte leise und sagte: «Jetzt verstehst du also
deine Innere Vision zu befragen, und du hast die Wahrheit gefunden. Du weißt, was
für eine Wurzel das war, denn sie stammt aus meiner Heimat im Westen. Du weißt,
daß es keine eßbare Wurzel ist, sondern eine Heilpflanze. Du weißt auch, daß sie
giftig ist, wenn sie nicht richtig zubereitet wird, und vor allem weißt du, daß sie bei
Entzündungen der Augen hilft. Du kennst nicht den Namen der Pflanze, doch sonst
weißt du alles über sie. Du kennst ihren Geist. » Ich konnte nicht glauben, daß mir
dies wirklich gelungen sei, und mußte gleichzeitig lachen und weinen. Auch
Großvater lachte, lange und herzlich.
Nachdem wir uns beide beruhigt hatten, fuhr Großvater fort: «Ich muß dich abermals
warnen, dich nicht gänzlich auf deine Innere Vision zu verlassen, bevor du gelernt
hast, ihre Botschaften zu läutern. Ein Fehler mit dieser Wurzel, und du wärst
vergiftet. Diese Art der Kommunikation darfst du ruhig bei weniger gefährlichen
Dingen einsetzen, bis du gelernt hast, die Verbindung zwischen deinem Selbst und
der Inneren Vision zu läutern. » Die Ruhe in seiner Stimme verriet mir, daß er es
tödlich ernst meinte, und ich nahm die Warnung mit dem gleichen Ernst auf. Dann
aber fuhr er fort: «Ich will dir zeigen, was die Innere Vision noch vermag. Du hast
durch die Innere Vision eine Botschaft deines Instinkts erfahren. Jetzt also sollst du
mit der Welt der Natur kommunizieren, mit einer Region jenseits deiner physischen
Sinne. »
Großvater befahl mir, aufzustehen und auf den Sumpf hinauszublicken, dabei meine
Gedanken und mein Selbst loszulassen und mich mit dem Heiligen Schweigen zu
vereinen. Dann sagte er: «Frage dich, wo jenseits des Sumpfes ein Hirsch im Gras
liegen könnte. » Kaum hatte die Frage meinen Verstand erreicht, spannte sich mein
Magen wieder an. «Jetzt dreh dich langsam im Kreis, bis die Spannung nachläßt. »
Wieder befolgte ich seine Anweisung, und nachdem ich eine Vierteldrehung gemacht
hatte, war die Spannung verschwunden. «Jetzt aber», sagte er, «wie weit ist die
Stelle? Laß deine Gedanken über den Sumpf schweifen, hinaus in die Nacht. »
Wieder befolgte ich seine Anweisungen, und als meine Gedanken über dem anderen
Ende des Sumpfes schwebten, verschwand die Spannung. In Gedanken sah ich
genau, wo die Hirsche sich niedergelegt hatten. Unverzüglich befahl Großvater mir,
die Tiere dort anzupirschen, und ohne Widerrede machte ich mich auf den Weg.
Also stapfte ich durch den Sumpf. Alle möglichen Gedanken, vor allem Zweifel,
zogen mir durch den Kopf. Es war jetzt Mitternacht, und Hirsche legten sich doch um
diese Zeit nicht nieder. Außerdem kannte ich den Platz, wohin ich unterwegs war,
und es war kein üblicher Lagerplatz für Hirsche. Außerdem verstand ich nicht, wie ich
mit meiner inneren Vision deren Anwesenheit gespürt haben sollte. Sie waren zu weit
entfernt, als daß ich konzentrische Ringe hätte fühlen können, die von ihrem Standort
ausgingen. Es hätte eine sehr heftige Bewegung sein müssen, die sich über den
ganzen Sumpf hinweg bemerkbar machte, und so etwas hatte es nicht gegeben.
Dennoch kämpfte ich mich weiter durch den Sumpf, nur in der vagen Hoffnung, ich
könnte Recht behalten.
Als ich die Stelle erreichte, die ich in Gedanken gesehen hatte, pirschte ich mich
leise heran. Falls dort Hirsche standen, wollte ich sie nicht in die Flucht jagen, bevor
ich angekommen war. Als ich genau den Platz erreichte, den meine innere Vision mir
gezeigt hatte, bewegte ich mich noch langsamer und pirschte noch leiser. Zu meiner
großen Enttäuschung fand ich nichts an dieser Stelle. Ich war niedergeschlagen. Ich
hatte nicht nur versagt, sondern ich hatte auch einen dummen Fehler gemacht. Ich
wußte ganz gut, daß Hirsche sich zu dieser Nachtzeit nicht niederlegen, besonders
nicht an einer solchen Stelle. Ich war wütend, fluchte laut und stampfte auf den
Boden. Knapp einen Meter hinter mir rauschte es im Gebüsch, und zwei Hirsche
sprangen von ihrem Lager auf. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, so daß ich
nach hinten fiel.
Ich landete mit einem harten Schlag auf dem Hintern. Es schmerzte natürlich, aber
ich mußte so lachen, daß ich es kaum spürte. Ich hatte es geschafft, ich hatte recht
gehabt - oder vielmehr meine Innere Vision hatte recht gehabt, auch wenn mein
logischer Verstand mir einreden wollte, daß ich mich irrte. Ich kroch ins Gebüsch zu
der Stelle, wo die Hirsche gelegen hatten. Ich wollte mich vergewissern, daß sie sich
tatsächlich niedergelegt hatten und nicht nur zufällig hier vorbeigekommen waren. Mit
gehöriger Skepsis tastete ich den Boden ab, und zu meiner Freude fand ich ihre
Lagerstellen. Unzweifelhaft hatten sie dort gelegen, sogar ein paar Stunden lang,
nach der Tiefe der Abdrücke zu urteilen. Ich konnte noch immer nicht glauben, was
mir da gelungen war.
Ich lief nicht - nein, ich rannte zurück durch den Sumpf, den Kopf voller Fragen. Wie
konnte solch ein Wunder geschehen, dachte ich? Da waren keine Geräusche
gewesen jenseits des Sumpfes, die ich hätte auffangen können. Es gab keine
logischen Gründe oder Beweise dafür, daß Hirsche an diesem Platz stehen sollten.
Aber ich hatte recht gehabt, trotz aller Zweifel meines Verstandes. Vielleicht hatte ich
einfach Glück gehabt, vielleicht war es ein sonderbarer Zufall gewesen. Ich wußte, es
war spät geworden, aber ich hoffte, daß Großvater mich an seinem heiligen Platz
erwartete. Mein Gefühl in der Magengrube sagte mir zweifelsfrei, daß er dort sei, und
diesmal war ich mir sicher, mich nicht zu irren.
Kaum hatte ich mich gesetzt, als Großvater zu sprechen anfing: «Du fragst dich also,
wie du mit diesen Hirschen kommunizieren konntest; wieso du wissen konntest, daß
sie dort waren, auch wenn es keinen logischen Grund oder physischen Beweis dafür
gab. Wie oft habe ich dir gesagt, daß alle Dinge dieser Erde miteinander verbunden
sind! Diese Verbindung aber nennen wir den Geist, der sich in allen Dingen bewegt.
Durch die Innere Vision konntest du mit diesem Geist kommunizieren. Als du die
Verbindung spürtest, wurdest du eins mit der Kraft. Auf ähnliche Weise wußte ich
auch, daß ihr die beiden Fallen gestellt hattet, in denen sich das Kaninchen verfing.
Genauso hast du es gemacht. Nun mußt du noch lernen, diese Art der
Kommunikation zu läutern, damit sie klar und stark wird, damit du keine Fehler
machst. » Und Großvater fuhr fort: «Schon einmal hast du einen Teil der Antwort
erfahren, nämlich durch die Weisheit des stillen Wassers, durch das reine Spiegelbild
der Gedanken, das durch die Wirbel und Ablenkungen des logischen Denkens
gestört wird. Jetzt aber mußt du über diese Weisheit hinausgehen und lernen, deine
Innere Vision zu läutern. Dies kann erst geschehen, wenn du einige Zeit mit dem
Problem der Läuterung allein geblieben bist. Nur du allein kannst die Lösung finden,
denn ich kann dich nicht zu ihr hinführen. » Damit ging Großvater fort, und ich
wanderte zurück in mein Camp.
Ich ging langsam, fast wie betäubt. So vertieft war ich in Gedanken, daß ich häufig
gegen das Buschwerk stieß und stolperte. Ich war verblüfft, was mir da gelungen war
und wie leicht es gewesen war. Endlich aber verstand ich, warum Großvater so lange
gewartet hatte, mir dieses Geheimnis zu offenbaren. Ich mußte so vieles lernen vor
dieser Nacht, sonst hätte ich niemals verstanden. Während ich mich dem Lager
näherte, tief in Gedanken versunken, spürte ich eine Spannung in der Magengrube
und hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Statt das Gefühl zu verdrängen, blieb
ich stehen und gab mich ihm hin. Ich ließ die Bilder aller möglichen Tiere an meinem
inneren Auge vorüberziehen, doch keines lockerte meine Spannung. Dann dachte
ich an Rick, und plötzlich war dieses Gefühl verschwunden. Ich rief seinen Namen.
Überrascht rief er aus dem Gebüsch: «Wie, zum Teufel, konntest du wissen, daß ich
da bin?» Ich lachte und sagte nur: «Geh und frage Großvater!» Bald danach war ich
eingeschlafen.
3
Suche nach Läuterung

Lange saß ich am Sumpf und versuchte zu verstehen, was Großvater meinte, wenn
er von der Reinheit der Inneren Vision sprach. Ich wußte, es gab drei mögliche
Antworten. Es mochte sein wie die Reinheit des Denkens, die ich bei meiner zweiten
Visionssuche gelernt hatte, oder es konnte die Lauterkeit sein, die man im Heiligen
Schweigen fand, oder es war die Reinheit, die man fand, wenn man allein und ohne
Ziel dahinwanderte. Es mochte auch eine Kombination von allen dreien sein.
Stundenlang wanderte ich ziellos umher, machte irgendwann halt und legte mich hin,
um mich zu entspannen, wann immer mir danach zumute war. Schließlich setzte ich
mich für ein Weilchen, aber ich hatte ein falsches Gefühl. Plötzlich war mir, als
brauchte ich Anleitung, wohin ich gehen sollte - aber ich wußte es nicht. Ich
beschloß, meinen zweifelnden Verstand zu beruhigen. Ich versuchte mich mit der
Reinheit des stillen Wassers zu verbinden, die so notwendig ist für das Öffnen von
Seele und Geist. Jede Richtung, in die ich zu gehen gedachte, fühlte sich falsch an.
Ich überlegte, ob ich bis zum Ende des Sumpfes weitergehen sollte, hatte aber ein
überwältigendes Gefühl dabei, daß das falsch sei. Vielleicht, so dachte ich, sollte ich
weiter ziellos dahinwandern, aber auch dies machte es nicht besser. Dann kam mir
das stille Wasser in den Sinn.
Ich begriff nicht warum, doch der Gedanke, zum stillen Wasser zu gehen, gab mir
das gute Gefühl, und mehr brauchte ich nicht. Endlich konnte ich die Tatsache
akzeptieren und erlaubte mir nicht mehr den Luxus, warum zu fragen. Oftmals,
besonders in Großvaters Gegenwart, brauchte man nicht zu wissen, warum etwas
richtig war; man konnte sich darauf verlassen. So viele Dinge, so viele Wunder
entzogen sich der analytischen Beschreibung. Jede Art von Analyse verzerrt nur die
Ereignisse, und wie immer war das aktive Denken eine gewaltige Ablenkung. Doch
Ablenkung brauchte ich jetzt am allerwenigsten, denn ich mußte meinen Sinn frei und
offen halten, um Antworten zu finden. Dies mochte der Grund sein, so dachte ich,
warum Großvater verlangte, ich solle allein und ganz ohne Ablenkung bleiben.
Schließlich kam ich genau an der Stelle heraus, wo ich an jenem dritten Tag meiner
zweiten Visionssuche gesessen hatte doch nichts geschah. Ich wußte, es war ein
gutes Gefühl, an dieser Stelle zu sitzen, und für den Augenblick genügte dies.
Wieder versuchte ich in das stille Wasser zu starren, wie ich es bei der Visionssuche
getan hatte, und spürte die Weisheit des Wassers in mich einfließen, aber es kamen
keine neuen Einsichten. Ja, ich verstand die reinen Spiegelungen des reinen
Denkens, aber über diese Lektion hinaus erfuhr ich nichts. Ich wußte nur, daß es
mich aus irgendeinem Grund hierher gezogen hatte, und dieser Grund mußte sich
irgendwo in der spiegelnden Oberfläche des Wassers finden oder im Wissen des
reinen Denkens. Dies zumindest, so dachte ich, war der einzige Grund, warum ich
wieder zu diesem Platz geführt worden war.
Wie ich dort saß und aufs Wasser starrte, hatte ich das Gefühl, daß mehr
dahinterstecken mußte als diese Reinheit der Spiegelung. Es mußte etwas sein, das
über alles hinausging, was ich auf meiner zweiten Visionssuche gelernt hatte.
Möglicherweise, dachte ich, enthielt jene Lektion noch etwas, das ich übersehen
hatte; etwas, das ich bereits besaß, aber noch nicht verstand. Immer wenn meine
Aufmerksamkeit vom Wasser abgelenkt war
oder ich den Blick von der Oberfläche hob, hatte ich das Gefühl, daß dies falsch sei,
und blickte rasch wieder auf das Wasser. Dies war mein sicherstes Zeichen dafür,
daß ich auf der Suche nach etwas war; doch wußte ich nicht, wo ich es finden sollte.
So starrte ich einfach auf das Wasser, manchmal fast unbewußt, dann wieder
forschend, mit gesteigerter Aufmerksamkeit. Mit einem Schimmer unmittelbarer
Einsicht und ohne Erklärung hatte ich das Gefühl, daß da mehr zu finden sei als nur
die Spiegelung an der Oberfläche: denn das Wasser hatte Tiefe.
Tiefe, dachte ich. Das Gefühl bei diesem Wort «Tiefe» überfiel mich so plötzlich und
mit solcher Wucht, daß ich wußte: in dieser Richtung mußte die Antwort liegen oder
zumindest ein Teil der Antwort. Ich blickte durch die Wasseroberfläche hindurch,
vorbei an der Spiegelung und in die dunkle Tiefe. Ich sah winzige Strömungen
flimmern, Erdkrumen schwammen vorbei, und eine Unzahl von Gegenströmungen,
Wirbeln und Strudeln bewegten sich unter der Oberfläche. Alle diese Bewegungen in
der Tiefe schienen im Widerstreit miteinander, und doch eine aus der anderen
geboren. Manche waren verursacht durchs Ebben und Fluten der Strömung, durch
Stellen rascher Strömung, die auf Stellen langsamer Strömung stießen, durch
Strömungen, die gegen die Ufer schwappten und sich an Erdklumpen, Stöcken und
Steinen brachen. All dies lag im Widerstreit, bewegte sich aber letztlich in der
allgemeinen Richtung der Strömung. Mir war, als schaute ich die Bewegung meiner
eigenen Seele und meines Geistes.
Wieder überwältigte mich das Gefühl, die Antwort gefunden zu haben, während mein
Verstand sich noch bemühte, dies alles in Worten auszudrücken. Die Wirbel des
logischen Denkens und des spirituellen Denkens im tieferen Selbst - dies entsprach
genau den Unterströmungen im Fluß, dachte ich. Während ich losließ und in die
Wassertiefe starrte, stellte ich mir vor, ich blicke hinauf zur Oberfläche, so, als sei ich
unter Wasser. Auch der Blick von dort unten zur Außenwelt hinauf ist verzerrt, wenn
es Bewegung und Gegenbewegung gibt. Es kann also nicht genügen, die Oberfläche
des Wassers zu beruhigen; man muß auch die tieferen Wasser des Geistes selbst
beruhigen, sonst kann es keine vollkommene Reinheit geben. Wie aber, dachte ich,
kann ich zu solcher inneren Reinheit gelangen? Und plötzlich war das Gefühl, aufs
Wasser zu schauen, nicht mehr wichtig.
Ich begann über dieses Gefühl nachzudenken — und dann wurde es mir klar. Was
mich vorantrieb, war meine Innere Vision, und plötzlich hatte ich das Empfinden, ich
könne diesen Platz verlassen. Diese absolut sichere Erkenntnis überraschte mich. Im
Grunde war ich nicht nur durch meine Innere Vision in diese Gegend geführt worden,
sondern auch zum Platz des stillen Wassers. Ich dachte mir, daß meine Innere
Vision mich zu den tieferen Antworten führen konnte, die ich brauchte, ja, noch mehr:
daß sie sich tatsächlich irgendwie selbst läutern konnte. Bis dahin hatte ich gelernt,
daß ich nicht nur die Oberfläche des Geistes beruhigen mußte, sondern auch die
tieferen Wasser der Seele. Zudem hatte ich gelernt, daß die Innere Vision zu
Antworten und schließlich zur Läuterung führte. Bis dahin war alles nur zufälliges
Umhersuchen gewesen, aber nun hatte ich in meiner Vision eine starke Verbündete.
Da meine Innere Vision mir bis hierher geholfen hatte, beschloß ich, mich sogleich
hinzusetzen und mich mit ihr in Verbindung zu bringen. Ich ließ mich nieder, wo ich
gerade stand, und versenkte mich in das Heilige Schweigen; ich versuchte meinen
Geist zu klären, so gut es ging. Ich glaube, ich war dabei zu aufgeregt, denn diese
Versenkung, die normalerweise nur einen Moment gedauert hätte, brauchte fast eine
Stunde. Schließlich fühlte ich mich leidlich frei von Körper und Geist und fragte meine
Innere Vision, was ich als nächstes tun solle. Zwei Bilder standen vor meinem
inneren Auge. Eines war Großvater, der wartend in seinem Camp saß; das andere
war ich selbst, auf meinem Platz der Visionssuche. Sofort verwarf ich diese Bilder,
denn ich wußte bereits, daß die Innere Vision sich mir durch eine Spannung in der
Magengrube anzukündigen pflegte. Frustriert beschloß ich, einen anderen Weg
auszuprobieren. Ich versenkte mich ins Heilige Schweigen und fragte meine Innere
Vision, in welcher Richtung ich wohl die Antworten finden würde. Während ich die
Landschaft vor meinem inneren Auge vorbeiziehen ließ, fand ich schließlich eine
Richtung, bei der ich mich völlig entspannt fühlte. Wieder fragte ich, und wieder
antwortete die Innere Vision auf die gleiche Weise. Ohne Zögern marschierte ich los,
ohne auf Weg oder Zeichen zu achten. Immer wenn ich die Richtung verlor,
beschlich mich das Gefühl «falsch», wie ich es bei mir zu nennen begann. Die
Wanderung zog sich hin, und die Innere Vision wurde immer stärker, so fordernd
sogar, daß ich meinen Schritt beschleunigte. Ich mußte dem Drängen folgen, denn
jedesmal, wenn ich langsamer ging, wurde ich von jenem Gefühl überwältigt. So
gelangte ich zu einer Stelle, wo das Gebüsch so dicht war, daß ich über kleine
Wildwechsel und Steigspuren kriechen mußte. Endlich sah ich vor mir im Gebüsch
eine Öffnung und kroch rasch dorthin. Wie aus einem Gefängnis befreit, stürzte ich
aus dem Gebüsch und stolperte direkt auf Großvaters Lagerplatz.
Ich war verblüfft, denn ich hatte nicht geglaubt, mich in der Nähe seines Camps zu
befinden. Ich war auf einem Weg in sein Lager gekommen, den ich noch nie
gegangen war, auch wenn es mich kaum hätte überraschen sollen. Ich erschrak, als
Großvater sagte: «Komm, setz dich zu mir. Ich habe dich erwartet. » — «Mich
erwartet?» sagte ich staunend. «Bis jetzt habe nicht mal ich mich erwartet. » Und wir
beide lachten. Großvater fuhr fort: «Dein Weg wäre viel einfacher gewesen, wärst du
einfach deiner Inneren Vision gefolgt. Statt dessen hast du den längeren,
beschwerlicheren Umweg gewählt. » «Aber ich folgte doch meiner Inneren Vision»,
sagte ich. «Nein», sagte Großvater. «Du folgtest deiner Inneren Vision in ihrem
verzweifelten Bemühen, dich zurück in mein Camp zu führen. Denn beim erstenmal
wolltest du nicht hören. »
Ich überlegte mir, was er gemeint haben könnte, verstand es aber nicht. Meine
Innere Vision hatte mich nur einmal geführt, nicht zweimal. Ohne auf meine Frage zu
warten, sagte Großvater. «Na, zumindest hat sie dich hierher geführt, nicht wahr?»
Noch immer verwirrt, fragte ich Großvater, was er meinte. «Du hattest zwei Bilder, als
du zum erstenmal deine Innere Vision befragtest. Zum einen das Bild von mir, zum
anderen das Bild einer Visionssuche. » Ohne zu zögern und völlig verblüfft fragte ich
Großvater, wie er das wissen könne. Er lachte und sagte: «Weil ich zur gleichen Zeit,
als du deine Innere Vision befragtest, die meine befragte — nach dir, und wie es dir
ginge. Ich hatte ein Bild von dir, hier im Camp im Gespräch mit mir, und ein Bild von
dir auf Visionssuche. Wie, glaubst du, kenne ich deine Fragen, bevor du sie stellst?»
Ich wollte nicht länger bei diesem Thema verweilen. Es gab so viel anderes, was auf
Antwort harrte, und einstweilen brauchte ich keine weiteren Fragen. »Du willst also
sagen, daß diese Bilder gar keine Bilder waren, sondern eine Botschaft meiner
Inneren Vision?« sagte ich. Großvater antwortete: «Weißt du noch, wie ich dir sagte,
daß die Innere Vision durch Gefühle, Emotionen, Symbole, Zeichen, Träume und
Wach-Visionen zu uns spricht? Nun, deine Innere Vision hatte wohl beschlossen,
durch eine Wach-Vision mit dir zu kommunizieren — oder durch ein Bild dessen, was
du tun solltest. » Großvater machte eine Pause, um mir Zeit zum Nachdenken zu
geben, und dann sagte er. «Du weißt jetzt, was du zu tun hast. Zuerst müssen wir
miteinander sprechen, und dann mußt du auf Visionssuche gehen. Wo sie stattfindet
und wie lange sie dauern soll, das wird deine Innere Vision entscheiden. Jetzt soll
deine Innere Vision dich führen und lehren, nicht mehr ich. »
Großvaters letzte Worte erschreckten mich, denn ich fürchtete, er wolle nicht mehr
mein Lehrer sein. Er kam mir zuvor und sagte: «Die Innere Vision ist nur der Anfang
eines langen Weges. Wenn du sie gemeistert hast, gibt es noch immer sehr viel zu
lernen. Ich werde noch lange dein Lehrer sein. Jetzt aber brauchst du einen
Verbündeten, der dir bei deinem Bemühen hilft. » Bis dahin hatte ich die n
I nere
Vision für die höchste Form von Bewußtheit gehalten und mußte jetzt feststellen, daß
ich eben erst meinen spirituellen Weg ins Leben beginnen sollte. Mir war, als ob
jedesmal, wenn ich etwas gelernt hatte und glaubte, mehr könne ich nicht lernen,
eine ganze Welt neuer Dinge vor mir aufgetan würde, die es zu lernen galt.
Großvaters Stimme unterbrach meine Grübelei. «Du hast gelernt, in die Tiefe des
reinen, stillen Wassers zu blicken, und du bist einer Antwort recht nahegekommen.
Jetzt verstehst du, daß die Innere Vision dein Führer ist. Und bevor man sich in die
Innere Vision versenken kann, muß das Heilige Schweigen einsetzen, wie du weißt.
Aber du weißt noch nicht, wie du diese Innere Vision läutern könntest. Du weißt, was
dazu notwendig ist, was die wichtigsten Voraussetzungen sind; aber du weißt nicht,
was danach kommt - weißt nichts von jener Läuterung, die du noch kennenlernen
mußt. Und aus diesem Grund befiehlt deine Innere Vision dir jetzt, eine Visionssuche
zu unternehmen, um die letzten Antworten, die höchste Reinheit zu finden. Was aber
sagt dir die Innere Vision? Wie sollst du die Visionssuche anfangen?»
Großvaters Frage überraschte mich so sehr, daß ich mit meiner Antwort zögerte. Bis
dahin war ich nicht mal auf die Idee gekommen, meine Innere Vision zu Rate zu
ziehen. Wortlos schloß ich die Augen und versenkte mich in die Stille und dann in die
Innere Vision. «Die Innere Vision befiehlt mir, jetzt zu gehen», sagte ich. «Und wie
lange wirst du fort sein?» fragte Großvater. «So lange, wie es dauern wird», sagte
ich. «Dann hast du gut zugehört», sagte Großvater. Lächelnd erhob er sich und
machte sich in seinem Camp zu schaffen. Sofort überfiel mich ein unbehagliches
Gefühl, und ich verließ das Camp ohne ein weiteres Wort, nicht aus mangelnder
Höflichkeit, sondern weil wir beide wußten, daß unser Gespräch zu Ende war. Ich
wußte, was ich zu tun hatte, und weitere Diskussionen waren überflüssig.
Ich beschieß, in mein Lager zurückzukehren und ein paar Sachen zu holen, die ich
für meine Visionssuche benötigte. Da solch eine Suche meist vier Tage dauerte,
brauchte ich Wasser. Meine Innere Vision aber sagte mir etwas anderes, und so
machte ich mich auf den Weg — wohin, das wußte ich nicht. Ich wußte nur, daß ich
auf Visionssuche gehen mußte, um weitere Antworten zu erhalten. Mehr brauchte ich
nicht zu wissen. In Gedanken suchte ich nach einem Platz für meine Visionssuche,
aber nichts überzeugte mich, nichts gab mir ein gutes Gefühl. Es dauerte auch nicht
lange, bis ich erkannte, daß ich gar nicht über diese Frage nachdenken sollte. Also
suchte ich die Antwort in meiner Inneren Vision. Ich versenkte mich ins Heilige
Schweigen, dann in die Innere Vision und fragte, wo meine Suche stattfinden sollte.
Schnell und überraschend erschien mir ein Bild vom Platz des stillen Wassers.
Ohne weiter über dies Bild nachzudenken, ja, ohne es mir logisch erklären zu wollen,
lief ich einfach weiter - im Vertrauen darauf, daß meine Innere Vision genau wisse,
was mir gut tut. Das Wort «Vertrauen» fiel mir ein, mit überwältigender Wucht. Nicht
einfach Vertrauen, sondern blinder Glaube; und da wußte ich, daß ich einen weiteren
Teil der Antwort erhalten hatte. Es war nicht nötig, dieses Gefühl in Frage zu stellen.
Denn ich wußte, es war absolut richtig. Ich wußte aber nicht, wie dies alles
zusammenpaßte, und so lief ich weiter zum stillen Wasser.
Die Sonne war eben untergegangen, als ich am Ufer ankam. Wieder setzte ich mich
an dieselbe Stelle, wo ich vorher an diesem Tag gesessen hatte, an denselben Platz,
wo ich damals meine zweite Visionssuche unternommen hatte, aber diesmal hatte
ich kein gutes Gefühl. Die Gegend gab mir ein gutes Gefühl, nicht aber die Stelle, wo
ich saß. Den größten Teil des Abends suchte ich mit meinem Herzen nach dem
richtigen Platz, fand aber keinen. Und nun erweckten mir Frustration und
Erschöpfung erste Zweifel. Ich glaubte sogar, ich hätte nicht auf meine Innere Vision
hören sollen - ich sollte besser nicht hier an diesem Platz sein. Vielleicht aber
täuschte mich meine Innere Vision, weil sie noch nicht geläutert war. Auch bei
solchen Erklärungen hatte ich kein gutes Gefühl. Völlig erschöpft nach diesem
langen Tag und den Kopf voller Zweifel, streckte ich mich aus und schlief bald ein.
Mein Schlaf war unruhig und voller Unterbrechungen. Mein Unterbewußtsein träumte
viel - meist von Vögeln, die umherflatterten oder auf Bäumen hockten. Manchmal
gingen die Träume in seltsame Alpträume über, wobei ich einmal hoch über einer
großartigen Landschaft schwebte, dann wieder plötzlich zur Erde stürzte. Jedesmal,
wenn ich mich im Sturz dem Erdboden näherte, erwachte ich mit einem Schreck —
mein Körper zitterte vor Angst, mein Herz pochte heftig. Bald schlief ich wieder ein,
und erneut begann das Schweben. Und dauernd spürte ich die Freiheit des Fliegens,
wie losgelöst von allen Problemen des Körpers. Im Schweben war alles vollkommen,
ich blickte hinunter und sah das Chaos der Welt nur von weitem, auf distanzierte,
geläuterte Art.
Wieder stürzte ich herab und erwachte mit einem Schreck. Diesmal war das
Erwachen ganz anders. Nicht nur sah ich alles im Dämmerlicht, sondern ich starrte in
den Wipfel einer riesigen alten Fichte, die am Platz des stillen Wassers stand. Die
Spannung in meiner Magengrube ließ nach, und ich hatte ein gutes Gefühl. Ich
mußte hinlaufen und auf den Baum klettern, denn dort, sagte mir meine Innere
Vision, sollte ich jetzt sein. Es gab keine Zweifel mehr. Auch die Innere Vision meiner
Träume handelte von Vögeln, vom Fliegen, von erhabenen Höhen. Aus diesem
Grund hatte ich ein gutes Gefühl dort beim stillen Wasser, auch wenn der Platz, den
ich mir ausgesucht hatte, mir kein gutes Gefühl gab. Wahrscheinlich deshalb, weil ich
hoch oben auf dem Baum sein sollte! Meine Erleichterung war unbeschreiblich,
obwohl ich nicht wußte, wie ich die ganze Zeit einer Visionssuche in einem
Baumwipfel hängend überstehen sollte.
Während ich hinaufkletterte, wirbelten mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf.
Ich überlegte mir verschiedene Möglichkeiten, die nächsten vier Tage oben auf dem
Baum zu bleiben. Wie aber, wenn ich einschlief, wenn ich den Halt verlor und
abstürzte? War das die Botschaft meiner Träume dieser letzten Nacht — immer
wieder dieses Gefühl des Stürzens? Vielleicht war es so, aber meine Innere Vision
war stärker als alle negativen Bedenken. Ich beschloß, mir erst wieder Sorgen zu
machen, wenn die Nacht gekommen war und ich müde wurde. Meine Innere Vision
sagte mir, ich solle mir überhaupt keine Sorgen machen.
Es war mühsam, mich zwischen den Ästen hindurchzuschieben, doch kaum war ich
oben, fühlte ich mich ganz angenehm und sicher, auch wenn ich noch immer
zweifelte. Der Ausblick auf die Landschaft war atemberaubend. Ich fühlte mich
tatsächlich wie ein Vogel, der hoch über allen Problemen der Welt schwebte. Mein
Traum schien Wirklichkeit geworden, in voller Lebensgröße.
Ich schaute mich um und sah hinunter zur Basis des Baumes. Dort strömte das
Wasser wie ein silbern spiegelndes Band über den grünen Teppich von Torfmoos.
Ich überblickte den Fluß und erkannte die Harmonie, mit der er sich in die Landschaft
einfügte. Durch die Zweige hindurch spähte ich nach dem Platz des stillen Wassers.
Da sah ich die absolut schönste Spiegelung auf der Oberfläche. Mehr denn je schien
mir das Wasser wie ein Spiegel. Ich sah mich hoch auf dem Baum sitzen und
hinunterschauen, und ich staunte über die Reinheit der Spiegelung. Alle Details
schienen sich zu spiegeln. Dann versuchte ich in die Tiefe des Wassers zu schauen.
Und nun bemerkte ich, daß ich die Turbulenzen und Wirbel dort nicht mehr erkennen
konnte - zumindest nicht aus dieser Höhe. Damit war das Gefühl, hier auf dem Baum
sein zu müssen, verschwunden.
Verwundert bemerkte ich, daß ich nicht mehr das Bedürfnis hatte, hoch im
Baumwipfel zu sitzen. Ich staunte, wie schnell dies Gefühl mich verlassen hatte. Ich
konnte mich nicht erinnern, irgendwelche Einsichten oder Antworten zum Problem
der Läuterung empfangen zu haben; und dennoch glaubte ich, etwas bekommen zu
haben. So kletterte ich hinunter und kehrte zurück zu der Stelle, wo ich anfangs
gesessen hatte. Jetzt war es ein gutes Gefühl, hier zu sein. Ich dachte an das
Wasser und was es mir zu sagen hatte, aber es kam keine klare Botschaft. Während
ich über meine Fragen nachgrübelte, drängten sich wieder die Träume der Nacht in
mein Denken - und da hatte ich die Antwort. Ganz einfach: Aus der Ferne betrachtet,
ist das Denken klarer und reiner, die Probleme verschwinden, es gibt keine Unruhe
und keine Wirbel. Aus der Nähe betrachtet, gibt es Unruhe. Die Schwierigkeit war,
daß ich diese Erkenntnis nicht in meine Vorstellung von Reinheit und Läuterung
einfügen konnte.
Wohl verstand ich, daß das Heilige Schweigen und die Führung der Inneren Vision
notwendige Voraussetzungen waren. Eindeutig erkannte ich die Notwendigkeit eines
Glaubens an die Innere Vision und sah auch das Erfordernis, all dies zu läutern, l
)och konnte ich nicht einsehen, warum es dazu einer erhabenen Höhe bedurfte.
Allenfalls, so dachte ich, sollten wir uns irgendwie über uns selbst, über unsere
Probleme erheben, um alles aus der Ferne oder von oben zu betrachten. Wie die
Vögel uns lehren, müssen wir manchmal über die Dinge hinwegfliegen, um sie in
richtiger Perspektive zu sehen und zu verstehen, wie alles zusammenpaßt. Vielleicht
müssen wir, um zur Reinheit der Inneren Vision zu finden, uns über alles erheben.
Immerhin hatte ich mich in meinen Träumen heil und ganz gefühlt, irgendwie
geläutert, als ich so hoch schwebte. Nur wenn ich zur Erde zurückstürzte, empfand
ich die Unruhe.
Diese Antwort gab mir doch teilweise ein gutes Gefühl. Ich wußte aber, daß es nicht
die vollständige Antwort war, denn wie bei jener anderen konnte ich nicht
voraussehen, wie alles zusammenpaßte. Ich wußte nicht, wie ich diese erhabene
Position erreichen konnte, ohne auf Bäume zu klettern. Ich mußte lachen, als ich mir
vorstellte, es müsse doch eine Möglichkeit geben, auf einen Baum in uns selbst zu
klettern. Den ganzen Tag, bis die Sonne unterging, dachte ich über dieses Problem
nach, ohne mich von der Stelle zu rühren.
Ich sah die Sonne untergehen, bis sie hinter fernen Baumwipfeln verschwand. Mit
ihrem Verschwinden spürte ich, wie die Hitze in Wellen verebbte, während kältere
Nachtluft heranwehte und sie verdrängte. Bald stiegen Nebelbänke vom Sumpf und
vom Wasser auf und schwebten umher wie eine Schar von Gespenstern aus der
Geisterwelt. Die Geräusche der Nacht, besonders die Insektenstimmen schwollen an
zu einer großartigen Symphonie. Die Nacht war ein herrliches Schauspiel von Leben,
Nebel und Wasser, im Einklang mit der Symphonie von Geräuschen - wie ein gut
einstudierter Tanz. Nebel sammelten sich zu wehenden Schleiern und segelten über
den Sumpf, getragen auf den Schwingen der kühleren Luft. Jedesmal, wenn der
Nebel über meinen Platz strich, brachte sein kühler Hauch die Insekten zum
Schweigen, und manchmal verstummte jedes Geräusch. In solchen Augenblicken
schien die Welt stillzustehen, alles hielt den Atem an — da war Reinheit.
Dann überfiel mich mit Macht eine weitere Erkenntnis. Die Nebel waren ganz wie die
«Schleier» des Heiligen Schweigens. Wenn wir durch diese Schleier eintreten, so
hatte Großvater oft erläutert, erreichen wir einen tieferen Teil unseres Selbst. Wir
gehen über unser Selbst hinaus, in die weiteren Kreise der Natur und der
Geisterwelt. Und diese Schleier des Heiligen Schweigens sind es, die uns schließlich
Läuterung bringen. Darum ließ Großvater mich in das Heilige Schweigen eintreten,
bevor ich versuchen durfte, mit der Inneren Vision zu kommunizieren. Das Heilige
Schweigen also, dachte ich, muß das Vehikel zu weiteren Welten und Kreisen sein,
und die Innere Vision kommuniziert mit diesen weiteren Welten. Je reiner und tiefer
das Heilige Schweigen, je mächtiger die Innere Vision, desto reiner und klarer die
Kommunikation. Vor allem der absolute Glaube verleiht ihr dann Kraft.
Ich floh von meinem Platz der Visionssuche und kümmerte mich wenig darum, daß
es schon spät geworden war und ich nur einen Tag dort verbracht hatte statt vier. Ich
mußte Großvater finden und ihm sagen, was ich entdeckt hatte. Ich war der Antwort
so nahe gekommen, und alles wirbelte mir durch den Kopf. Wenn ich wartete bis zum
Morgen, fürchtete ich, meine Hinsichten nicht mehr in Worte fassen zu können.
So lief ich los in die Nacht hinaus, aber plötzlich bremste mich eine unbekannte Kraft
in meinem Innern. Es war jenes Gefühl, das sich wieder einstellte und mir nicht nur
anzuhalten befahl, sondern mich zurücktrieb an meinen Platz der Visionssuche. Ich
wollte mich auflehnen, doch das Gebot der Inneren Vision war noch mächtiger.
Widerstrebend ging ich zurück zu meinem Platz und setzte mich. Ich war verwirrt,
denn ich wußte, daß eine Kraft außerhalb meiner selbst mich gedrängt hatte, mit
Großvater zu sprechen: dieses Gefühl war unleugbar. Während ich mich setzte,
fühlte ich Spannung und Unbehagen und fürchtete, wenn ich nicht in derselben
Nacht mit Großvater sprach, würden sich die Einsichten verwirren oder verwischen,
die ich empfangen hatte. Schon wieder schwirrten mir Fragen durch den Kopf, mehr,
als ich ertragen konnte.
Lange blieb ich dort sitzen und versuchte noch einmal zusammenzufassen, was ich
gelernt hatte. Mein Verstand begann schon wieder, jene Einsichten zu verzerren,
darum versenkte ich mich - im verzweifelten Bemühen um Läuterung - in das Heilige
Schweigen und dann in die Innere Vision. Kaum war ich in Verbindung mit meinem
tiefsten Inneren, als ein Bild vor mir auftauchte. Ich sah Großvater neben mir sitzen,
hier am Platz des stillen Wassers, und ich sprach mit ihm. Beinah unbewußt, mehr
aus Gewohnheit als aus freiem Entschluß, fing ich in Gedanken ein Gespräch mit
Großvater an. Das Gespräch kam mir wirklich echt vor, und die Antworten, die er mir
gab, erschienen mir wichtig und praktikabel. Große Erleichterung überkam mich, und
dann schwand Großvaters Bild vor meinem inneren Auge. Noch einmal hallte seine
Stimme als Echo in meine Gedanken. Er sagte: «Na, warum hast du mich gerufen,
mein Enkel?» Erschrocken öffnete ich die Augen — und sah ihn direkt vor mir sitzen!
Verblüfft hielt ich die Luft an, als sei er ein Geist oder Gespenst. «Nein, mein Enkel»,
sagte er, «ich bin es wirklich. »
«Aber wie konntest du wissen, daß ich mit dir sprechen wollte?» sagte ich. Großvater
lächelte mich an — ein langes, freundliches Lächeln, bis ich seine Zähne im Dunkel
schimmern zu sehen glaubte. Dann sagte er: «Wolltest du mich nicht sprechen? Hast
du mich nicht gerufen durch die universelle Stimme der Inneren Vision?» - «Ich sah
dich, als ich mich in die Innere Vision versenkte, aber ich dachte, es sei nur ein Bild,
das mir eingegeben wurde», antwortete ich. «Ist es denn nicht das, was du
wolltest?» erwiderte er. «Doch», sagte ich - aber er fiel mir ins Wort: «Vergiß nicht,
mein Enkel, daß die Innere Vision nach beiden Seiten wirkt. Nicht nur empfangen wir
Botschaften aus der weiteren Welt, sondern wir übermitteln auch unsere Stimme und
unsere Wünsche an diese. Also wußte ich, daß du mit mir sprechen wolltest. Du
kommuniziertest mit mir durch die Stimme der Inneren Vision. »
Wieder machte Großvater eine Pause, um seine Worte auf mich einwirken zu lassen.
Ich zitterte buchstäblich vor Erregung. Ich hatte nicht gewußt, daß wir unsere
Wünsche durch die Stimme der Inneren Vision übermitteln konnten. Diese
Vorstellung begeisterte mich, denn nun konnte ich mit allen stofflichen und geistigen
Wesen der Welt kommunizieren! Das bedeutete, daß ich nicht nur zu lauschen
brauchte. Ich war außer mir vor Begeisterung. Bevor ich aber eine Frage stellen
konnte, sagte Großvater: «Warum überrascht dich dies alles? Hattest du deiner
Inneren Vision denn keine Frage gestellt, bevor sie antwortete? Manchmal schickte
die Innere Vision dir Botschaften aus dem tieferen Selbst, manchmal aus der Welt
des Geistes, der sich in allen Dingen bewegt, manchmal auch aus der Welt der
Menschen, die ebenfalls Teil der natürlichen Welt sind. »
Wieder sann ich nach über seine Worte. »Warum aber», fragte ich, «habe ich nie
eine Botschaft von dir empfangen?» — «Doch, du hast, und zwar gestern, als ich dir
durch die Innere Vision befahl, in mein Lager zu kommen», sagte er. «Wenn du mich
bislang nie gehört hast, so deshalb, weil du nicht auf deine Innere Vision hören
konntest. Auch heute nacht habe ich dir eine Botschaft gesandt, aber deine Innere
Vision war noch ungeläutert und schwach. Nun ist sie stärker geworden — durch
alles, was du bislang auf dieser Visionssuche gelernt hast. Du hast gelernt, daß du
Vertrauen haben mußt, daß du, um Läuterung zu finden, die Schleier des Heiligen
Schweigens aufsuchen mußt, und daß du dich über dein Selbst erheben mußt, damit
deine Innere Vision stark und lauter sei. Jetzt aber sagt dir deine Innere Vision, daß
du die Suche fortsetzen und die Weisheit der Kommunikation erfahren mußt, damit
Botschaften in beiden Richtungen übermittelt werden können. »
Damit ging Großvater fort in die Nacht, und ich blieb wie betäubt und sehr erregt
zurück. Es war genauso gekommen, wie ich es mir vorgestellt hatte: Eben noch
glaubte ich die Dinge zu verstehen, und schon wurden mir neue Aufgaben gestellt.
Die Innere Vision überragte alles, was ich mir je erträumt hatte. Wohl begann ich die
Läuterung der Inneren Vision zu verstehen, aber ich war mir nicht sicher, wie ich mit
den weiteren Welten kommunizieren sollte, so daß sie meine Stimme hören. Ich war
mir nicht sicher, wie es mir gelingen konnte, Großvater in dieser Nacht hierher zu
rufen. Ich wußte nur, daß mir viel Arbeit bevorstand, nicht nur zur Läuterung der
Inneren Vision, sondern auch mit der beidseitigen Kommunikation, von der Großvater
gesprochen hatte. Mit solchen Gedanken streckte ich mich aus und schlief rasch ein,
so erschöpft war ich.
4
Geistige Kommunikation: Ruf und Antwort

Ich erwachte bei strahlendem Sonnenaufgang. Jubilierende Vögel vereinigten ihre


Stimmen zu einer Symphonie, vermischt mit dem Plätschern und Murmeln zahlloser
Bäche und Quellen im Sumpf. Der Zauber dieses Morgens zusammen mit den
Aufregungen der letzten Nacht brachte mich sofort zu hellwachem Bewußtsein. Alle
geistige und körperliche Erschöpfung war verschwunden. Ich hatte so tief geschlafen,
daß ich mich nicht einmal an einen Traum erinnerte. Mir fiel ein, was Großvater über
Träume gesagt hatte: «Träume sind nur für diejenigen wichtig, die nicht täglich mit
ihrer Inneren Vision zu kommunizieren wissen. Träume sind nur für jene gut, die nicht
bewußt auf die Welten jenseits des eigenen Selbst lauschen. Dann nämlich versucht
die Innere Vision, durch Träume mit ihnen zu kommunizieren. Für jene, die auf die
weiteren Welten lauschen, sind Träume nicht nötig — außer in Zeiten von Not und
Gefahr. » Solche Gedanken machten mir klar, warum ich nichts Wichtiges geträumt
hatte. Wahrscheinlich deshalb, weil ich in den letzten Tagen so oft in Verbindung mit
meiner Inneren Vision gewesen war. In der Nacht zuvor hatte ich von fliegenden
Vögeln und erhabenen Höhen geträumt, aber da war es notwendig gewesen, weil ich
keine lautere Kommunikation mit der Inneren Vision gehabt hatte. Wie gut tat mir das
jetzt, nicht nur die Erquickung des Schlafes, sondern auch das Gefühl, irgendwie mit
allen Dingen verbunden zu sein, auch mit Großvater. Während mir die Ereignisse der
letzten Tage durch den Kopf gingen, vor allem meine Kommunikation mit Großvater,
traten wieder alle möglichen Fragen und Überlegungen in den Vordergrund. Ich
mußte die höchste Reinheit der Inneren Vision entdecken, und ich mußte lernen, mit
den weiteren Welten zu kommunizieren und nicht nur zu lauschen.
Ich wußte, daß diese Visionssuche, wie lange sie auch dauern würde, nicht mit dem
Kopf bewerkstelligt werden konnte. Schon in der damaligen Zeit, und besonders
nach all den Lektionen, die ich in den vergangenen Tagen gelernt hatte, war mir klar,
daß es nicht ausreichte, Seele und Geist zu beruhigen. Es brauchte viel mehr. Alles
mußte lauter sein, geführt von der Inneren Vision. Vor allem wußte ich, daß mir noch
immer entscheidende Teile der Wahrheit fehlten, und diese mußte ich finden.
Zunächst beschloß ich, mich in das Heilige Schweigen zu versetzen und Kontakt mit
der Inneren Vision aufzunehmen, um mich von ihr führen zu lassen. Ich wußte, mir
blieb keine andere Wahl, denn ich konnte mir keine logische Lösung meines
Problems denken. Diese Visionssuche durfte nicht unter der Führung der Logik
stehen, sondern ich mußte meinem Herzen folgen.
So betete und meditierte ich, bevor ich etwas anderes anfing. Sonnenaufgang und
Sonnenuntergang waren stets eine Zeit des Gebets, der Entspannung, des
Nachdenkens und Plänemachens. Dann versenkte ich mich in den Platz der Stille
und fragte meine Innere Vision, was ich tun solle. Was ich empfing, war nur ein Bild
von mir selbst, wie ich an dieser Stelle saß und auf den Sumpf hinaus starrte. Der
Platz war also der richtige, aber die Kommunikation gab mir keinen Rat, was ich tun
sollte. Als erstes, so glaubte ich, sollte ich mich der Läuterung der Inneren Vision
widmen. Auf logischer Ebene wußte ich wohl, daß diese geläutert sein mußte, bevor
ich mit anderen Wesen der weiteren Ebenen kommunizieren konnte. Doch wußte ich
noch immer nicht, wie ich diese Reinheit finden sollte. Meine Innere Vision empfahl
mir, einfach zu bleiben und abzuwarten, dort wo ich war.
So blieb ich den ganzen Tag sitzen, und mein Kopf wirbelte von Gedanken und
Fragen. Linderung fand ich nur, wenn ich in das stille Wasser schaute, und selbst
dann ließen mir meine Fragen keine Ruhe. Meine Gedanken kreisten um das Heilige
Schweigen. Ich wußte, es war ein Vehikel, ein Werkzeug der Läuterung, aber ich
wußte nicht warum. Großvater sprach häufig vom «Schleier des Heiligen
Schweigens», erwähnte auch Schleier jenseits dieses Schweigens. Bis jetzt aber
hatten wir nichts weiter gelernt, als diesen ersten Schleier zu erreichen und uns in
das Schweigen zu versenken. Dennoch wußte ich, daß es jenseits dieses ersten
Schleiers noch etwas geben mußte. Beinah glaubte ich es zu fühlen, sogar zu sehen,
und doch konnte ich diese Kraft weder verstehen noch erreichen. Es war wie die
Nebelschleier über dem Sumpf in der letzten Nacht. Ich mußte den nächsten Schleier
erreichen, aber wie? Während meine Gedanken rasten, erinnerte ich mich an meine
erste Lektion über das Heilige Schweigen in diesem letzten Sommer.
Ich saß damals nackt und allein auf einem kleinen Hügel und beobachtete, wie
spätsommerliche Regenschauer über die Fichten peitschten und auf den See
niederprasselten, dessen Oberfläche sie in einen dunstigen Schleier hüllten. Kein
Windhauch bewegte die kleineren Eichen, und nur die lederigen Blätter bebten im
Takt der Regentropfen. Die Vögel waren verstummt bis auf vereinzelte Rufe, mit
denen sie ihren Kameraden einen guten Ruheplatz für die Nacht verrieten. Während
dunkleres Grau den Himmel färbte, erhob sich ein Chor von Fröschen in der
würzigen, dunstigen Luft und läutete die kommende Nacht ein. Die meisten Tiere
schienen in ihrem Unterschlupf zu bleiben und lieber das Unwetter abzuwarten, als
sich in den endlos rauschenden Wasserguß hinauszuwagen. Ich war verbittert, wie
ich dort saß, ohne Verbindung zur Natur, ungeschützt und naß, fröstelnd in der Kälte
der aufziehenden Nacht. Ich unterdrückte das Schaudern, das mir über den Rücken
lief, und blieb reglos sitzen. Still und stumm saß ich da, äußerlich wie ein alter
Baumstamm.
Meine inneren Rhythmen und Gedanken aber waren in Aufruhr, versuchten es dem
Körper gleichzutun und eine ähnliche Ruhe und Reglosigkeit zu erreichen. Mein
Geist lehnte sich auf gegen die Kälte, versuchte sich über die schweifenden
Gedanken zu erheben, versuchte sich zu erinnern, warum ich hier war. Monatelang
hatte ich beim Beobachten von Tieren die äußere Ruhigstellung des Körpers gelernt,
doch nun verlangte Großvater von mir, die innere Ruhe und Stille zu lernen. Auf
bewußter Ebene war es leicht, jede Körperbewegung zu unterdrücken, Atem und
Herzschlag zu kontrollieren und die Elemente durch mich hindurchfließen zu lassen,
statt mich gegen sie aufzulehnen. Doch die innere Ruhe, das Abstellen aller
Gedanken und das Eingehen in die Leere des Nichts und des Eins-Seins, schien
ganz unmöglich.
Diese innere Ruhigstellung nannte Großvater «das Eintreten in den Schleier»; für ihn
war es die wichtigste Übung, die Rick und ich bislang absolviert hatten. Die
Beherrschung dieser Fähigkeit war für ihn so etwas wie eine Durchgangspforte, ein
Rite de passage zu spirituellen Welten. Auch wenn ich erst knapp neun Jahre alt war,
fand er es an der Zeit, daß ich die Schleier des Geistes und ihre weitere Anwendung
verstehen solle. Anfangs war es mir schwergefallen, meinen Körper zu kontrollieren,
und dies sogar bei der Vereinigung mit der inneren Stimme, doch im Vergleich mit
dem, was ich hier und jetzt zu erreichen versuchte, war das eher leicht gewesen.
Sonst konnte ich bei allem, was er mich lehrte, die Gründe einsehen, doch für die
Schleier, diese Übung tiefer Ruhe, gab er mir keine eindeutige oder verständliche
Erklärung. Großvater sagte nur, daß die Ruhigstellung des Körpers von selbst
komme, wenn die Stille des Schleiers erreicht sei. Es war ein vollkommenes
Gleichgewicht im Nichts, ein absolut reiner und fruchtbarer Boden, aus dem alles
Spirituelle erwachsen sollte.
Lebhaft kann ich mich an unser abendliches Gespräch am Feuer erinnern, bevor ich
aufbrach zu diesem Hügel. Großvater versuchte mir die Welt der Geister zu erklären
und wie man dorthin gelange, aber es war nicht logisch zu begreifen. Man konnte es
nur verstehen, indem man mit dem Herzen lauschte und den Verstand völlig beiseite
ließ. Großvater lebte in einer ganz anderen Welt als jener oberflächlichen Welt, in der
die meisten Menschen leben. Immer schien er auf ferne Stimmen zu lauschen, auf
Dinge, die wir nicht hören oder verstehen konnten. Seine Vision war tief mit dem
Leben verflochten, mit Ebenen, die wir uns nicht im Traum vorstellen konnten. Rick
und ich wünschten sehr, in dieser Welt leben zu können. Großvater sah über die
physischen Landschaften hinaus, in Vergangenheit und Zukunft, und kommunizierte
wirklich mit Geistern. Es lag etwas in all seinem Tun, das uns zu verstehen gab, daß
er niemals allein war, sondern in einer Welt lebte, viel tiefer und weiter, als wir
ahnten. An seiner Sprache und seinem Verhalten erkannten wir, daß es weit mehr
geben mußte als die Welten physischer Realität: eine höhere Ordnung der Dinge,
eine Kraft, einen Raum und eine Zeit jenseits all dessen, was wir uns bislang
vorstellen konnten.
Großvater hatte oft das Los der modernen Gesellschaft beschrieben - eine
Gesellschaft, durch ihre eigene Oberflächlichkeit zu verwirrendem Besitzdenken
verleitet und dennoch frustriert durch ihr bedrückendes Gefühl des Mangels. Es gibt
eine geistige Welt jenseits der materiellen Existenz des modernen Menschen, eine
Welt des Unsichtbaren und Ewigen, eine Welt, die die meisten Menschen niemals
verstehen oder anstreben würden. Gewiß, sagte er, gäbe es schwache Versuche des
modernen Menschen, sich mit diesen spirituellen Welten in Verbindung zu setzen,
doch solche Versuche seien meist oberflächlich und allzu schwer befrachtet mit
Sitten und Traditionen, die offenbar nicht mehr wirksam wären. Großvater war der
Meinung, daß der Mensch, auch wenn er die Annehmlichkeiten des Materiellen und
den Gipfel der Gelehrsamkeit erreicht hat, sich dennoch verloren fühlt und nach
einem tieferen Sinn des Lebens sucht. Verzweifelt verlangt er nach immer
ausgefalleneren Formen der Zerstreuung und Spielerei, und nichts kann seine
verzweifelte Sehnsucht stillen, nichts die Leere in ihm füllen,
Großvater glaubte, daß die Gesellschaft irgendwann in der Geschichte ihre
Verbindung mit der spirituellen Welt verloren habe, vor allem mit dem Geist, der sich
in allen Dingen bewegt der Lebenskraft. Großvater wußte, daß der Mensch eine
Dualität ist, teils in der Logik und teils im Körper lebend, vor allem aber dem
Spirituellen angehörig. Die Schwierigkeit ist jedoch, daß der Mensch nur sein
logisches Denken weiterentwickelt hat, während er sein spirituelles Bewußtsein
verkümmern ließ. Großvater glaubte, daß es dem Menschen schwer falle, sich in
spirituellen Welten zu bewegen, und daß er deshalb nach Logik strebe, weil sie
praktischer und weniger anstrengend sei. Dieses Streben nach logischem Denken
habe die Menschheit durch die Jahrhunderte begleitet, bis in die heutige Zeit. Und
heute glaubt der Mensch nur noch an Dinge, die durch die Wissenschaft erwiesen
sind und hat keine Ahnung mehr von der Bedeutung des Glaubens. Folglich begann
der logische Mensch all jene zu verfolgen und zu vernichten, die in der spirituellen
Welt lebten, und erklärte sie zu Heiden, Verrückten und Traumtänzern. Denn das
Leben im Geist untergräbt die wissenschaftlichen Erklärungen des modernen
Menschen — es zeigt die Oberflächlichkeit aller Bemühungen der Gesellschaft um
Religion.
Großvater führte uns deutlich vor Augen, wie einseitig die heutige Gesellschaft in
ihrer Logik geworden ist und wie schwach und ohnmächtig in spirituellen Dingen. Die
Welt des heutigen Menschen ist oberflächlich und unbefriedigend. Seine
Verzweiflung hat ihn bereits an den Rand der Zerstörung getrieben. Sein Hunger
nach Erfüllung durch Logik, Wissenschaft und Technik hat die Erde in einen Friedhof
für seine Enkel verwandelt. Er hat sich von der Erde abgewandt und ist zum
Fremden geworden auf seinem eigenen Planeten. Ohne Verbindung zur Erde und
ihren Gesetzen kann er die spirituellen Welten nie kennen lernen. Darum wollte
Großvater uns fortlenken von der oberflächlichen Spiritualität dieser Gesellschaft und
hin zur größeren Welt des Geistes und der Lebenskraft, und darum hatte er mich zu
diesem Hügel geschickt, wo ich nun saß und mich verzweifelt bemühte, mich von
den fesselnden Forderungen der Gesellschaft zu befreien.
Der moderne Mensch würde das, was ich da unternahm, als Meditation bezeichnen.
Aber es war viel größer als das, was er Meditation nannte. Zu meditieren hatte mich
Großvater vor vielen Monaten gelehrt. Anfangs lehrte er mich die Meditation der
Bewegung. Ein vorsichtiges Dahinschreiten, zusammen mit ungerichtetem, weitem
Blick und leichten Bewegungen, bei absoluter Konzentration auf die Natur - dies
bewirkte eine wunderbare Meditation. Dann wieder hieß er uns sitzen und
aufmerksam eine Fährte betrachten, bis es nichts anderes mehr gab als uns selbst
und diese Fährte, bis jedes Bewußtsein für äußere Dimensionen geschwunden war.
Die Tierfährte war im Grunde unser Mandala geworden, und die Nähe zur Erde
bewirkte eine tiefe Meditation. Solche Meditationen kannten wir gut, denn sie standen
im Zentrum der Kraft, der wir dienten - der Kraft der Inneren Vision, des
ursprünglichen Bewußtseins und der absoluten Körperkontrolle. Doch was Großvater
jetzt verlangte, war viel schwerer und größer als diese Art von Meditation. Es war die
Abwesenheit aller Gedanken, allen Bewußtseins für Zeit, Ort, Schwerkraft oder
Körperempfindung. Es war ein absolutes Nichts, ein Gleichgewicht, eine grenzenlose
Leere. Der Schleier war die Abwesenheit des Selbst, die absolute Reinheit der
Existenz und Nicht-Existenz.
In dieser Leere, diesem Schleier, so sagte Großvater, sei alle Spiritualität enthalten.
Dort würden wir absolutes Verstehen finden und die physische Ebene der
menschlichen Existenz überwinden. Dort sei das ursprüngliche Selbst zu finden; dort
war die Stätte der Lebenskraft, des Geistes, der sich in allen Dingen bewegt, und
aller Geister, die unsere Welten bewohnen, Dort würden wir auch alles Wissen
finden, neue Wirklichkeiten schaffen und mit dem Schöpfer in Verbindung treten. In
diesem Schleier sei alle Kraft und Herrlichkeit enthalten — und auch die Welt der
Schamanen. Dies war die Welt, in der wir leben sollten, denn sie ist der beste und
großartigste Teil menschlicher Existenz. Hier und nur hier kann der Mensch völlige
Ruhe und den tieferen Sinn des Lebens finden.
So verzweifelt war ich bemüht, in diesen Schleier einzutreten, daß ich nun zitternd
auf diesem Hügel saß. Ich fühlte mich der Realität entrückt, doch mein Verstand
wollte nicht gänzlich loslassen. Etwas war immer noch da — etwas, das mir im Weg
stand und mich vom Rande des Nichts zurückriß. Mit jedem Rückfall in die Realität
strengte ich mich noch mehr an, in den Schleier vorzudringen, und je mehr ich mich
anstrengte, desto schwieriger wurde es. Während der Nachthimmel sich schwarz
herabsenkte, verlor ich alle Kontrolle über meinen Körper und fing unbeherrscht an
zu zittern. Unmöglich jetzt, zu mir selbst zurückzukehren - und so trieb es mich fort
von dem Hügel.
Nun erinnerte ich mich, wie ich damals ganz niedergeschlagen ins Camp
zurückgewandert war, weil mir nicht gelungen war, was Großvater von mir erwartet
hatte. Lebhaft erinnerte ich mich an seine Worte: «Anstrengung führt zur
Unmöglichkeit, nur Loslassen führt zum Erwünschten. Du glaubst, es sei unmöglich,
in den Schleier vorzudringen, denn dies zu glauben hat man dich gelehrt. Du hast dir
selbst diese Realität geschaffen, beruhend auf der Überzeugung anderer Leute, daß
es keine geistige Welt geben könne. Irgendwie glaubst du, daß es sehr schwierig sei,
diese Welt zu betreten und daß du leiden und dich anstrengen müßtest, dorthin zu
gelangen. Diese Realität hast du dir selbst geschaffen. Wenn du aber absoluten
Glauben hast und lernst, in völliger Lauterkeit loszulassen, dann — und nur dann —
wirst du den Schleier erreichen. » Auf dem Rückweg zu meinem Platz der
Visionssuche bedrückten mich vielerlei Gedanken, die alle um das Wort
«Anstrengung» kreisten.
Ich dachte gründlich nach über alles, was Großvater gesagt hatte. Während ich mich
forschend auf die offenkundigen und tieferen Bedeutungen seiner Worte
konzentrierte, verlor ich ganz das Bewußtsein für Raum und Körper. Nichts gab es
mehr in meiner Welt, als diese Worte und meine Überlegungen dazu, Endlich
schwanden auch sie aus meinem Bewußtsein, und ich fand mich schwebend in einer
Leere von absoluter Finsternis, ohne Bewußtsein für Raum und Zeit, ja ohne
Existenz in der Außenwelt. Auch wenn es nur einen Augenblick dauerte, glaubte ich
eine Ewigkeit lang dort zu sein, wo die Zeit stillstand. Und als ich in der Dunkelheit
die Augen öffnete, erfaßte mich ein tiefes Gefühl der Entspannung. Ich fühlte mich
geläutert, mein Geist war völlig frei und klar. Ich war körperlich da, aber zugleich war
ich auch nicht da - zumindest nicht in dem Sinn, wie ich es sonst empfand. Während
ich über die fichtenbestandene Landschaft zum See schaute, verstand ich viele
Dinge, die ich niemals mit meinen physischen Sinnen allein hätte begreifen können.
Ich sah Rhythmen und Zyklen, und die Schattierungen der Natur wirkten zusammen
zu herrlicher Kraft. Ich wurde Teil dieser Kraft. Ich bewegte mich in der Wildnis, und
die Wildnis bewegte sich in mir. Zugleich wußte ich, wo alle Dinge waren, die
physischen und die spirituellen, Gestalt und Raum, Aktion und Reaktion. Ich war
wirklich da, und zum erstenmal war ich mir des Geistes, der sich in allen Dingen
bewegt, ganz real bewußt. Mein Bewußtsein kehrte zurück zu meinem
gegenwärtigen Ort in der Zeit, zu diesem stillen Wasser, zu dieser Visionssuche. Seit
damals habe ich so viel erfahren von dieser Welt des Schleiers, die wir heute das
Heilige Schweigen nennen. Ich begriff, daß es der Schleier war, durch den wir
hindurchgehen müßten, wenn wir in die Welt des Schweigens eingingen. Dieser
Schleier war im Grunde ein Transzendieren des physischen Selbst, des logischen
Denkens und unserer stofflichen Verbindung zur Welt. Gewiß gab es dort Reinheit,
aber nun wußte ich, daß es noch tiefere Bereiche geben mußte, tiefere Schleier, wie
Großvater mir vor langer Zeit gesagt hatte. Die Wörter «loslassen» und «nicht
anstrengen» hallten mir noch immer durch den Kopf. Was damals gegolten hatte, so
dachte ich, müsse auch jetzt gelten.
Trotz all dieser Erlebnisse in der Vergangenheit, an die ich mich erinnerte, sah ich
keine Möglichkeit, mich tiefer in das Schweigen zu versenken. Jetzt mußte ich
versuchen, über alles hinauszugehen, was ich im letzten Jahr gelernt und geübt
hatte. Mich nicht anzustrengen, das wußte ich, würde eine wichtige Rolle dabei
spielen, wie auch der Glaube und die Überwindung des Selbst. Irgendwie mußte ich
tiefer in die Turbulenzen des tiefen Wassers einsteigen, und der einzige klare
Anhaltspunkt schien sich aus meinem Blick aus der Höhe des Baumwipfels zu
ergeben. Ich mußte mich über mich selbst erheben, um mein Selbst zu
transzendieren. Irgendwie mußte ich diesen inneren Baum erklettern, falls es einen
solchen Baum gab. Ich mußte einen Weg nach innen finden, auf dem ich wirklich
nach außen über das Selbst hinausgelangen konnte, um mein spirituelles
Bewußtsein zu läutern und zu erweitern.
An diesem Punkt glaubte ich mich verloren, ohne Richtung und ohne Ort, wohin ich
gehen könnte. Die Logik sagte mir nicht, was ich tun sollte, und auch meine Innere
Vision wollte nicht antworten. Ich wußte nur, daß ich jedesmal, wenn ich die Innere
Vision befragte, mich hier sitzen sah — wie ich auf den Sumpf hinausblickte.
Zwischen Innerer Vision und stofflicher Realität konnte ich nur einen Unterschied
erkennen: daß es damals, als ich dies Bild von mir selbst gesehen hatte, Nacht
gewesen war. Ich wußte genau, daß mein Platz, jetzt so düster und neblig, am
Rande des stillen Wassers gelegen war, denn das Wasser und die Umrisse der
Landschaft konnte man gut sehen. Möglicherweise bedeutete dies, daß ich bis zum
Anbruch der Nacht warten mußte, bevor mir mehr offenbart werden sollte.
Die Nacht war noch nicht gekommen, da sah ich ein deutliches Spiegelbild meiner
selbst und des dunkler gewordenen Wolkenhimmels auf der Wasseroberfläche. Und
nun hatte ich ein sehr sonderbares Gefühl — keineswegs geweckt, sondern sehr
spontan. Für einen Moment nur vergaß ich Raum und Ort und konnte nicht mehr
unterscheiden, ob ich tatsächlich mein Spiegelbild im Wasser sah oder ob ich aus
dem Wasser mein körperliches Selbst anschaute. Die Erfahrung wurde so intensiv,
daß ich einen Moment die Balance verlor und beinah ins Wasser fiel. Das
aufspritzende Wasser brachte mich in mein physisches Bewußtsein zurück.
Ich empfand Angst und Faszination zugleich. Nie im Leben hatte ich einen solchen
Konflikt der Dualität erlebt: nicht zu wissen, wo ich mich eigentlich befand. Alles
wirkte so real und gültig und schien doch so zufällig. Ich wußte, daß das Erlebnis,
wenn ich es zu wiederholen versuchte, hinter der Realität zurückbleiben würde. Und
nun beschloß ich, mich wieder hinzusetzen und alles noch einmal zu überdenken. Ich
ließ all die Ereignisse an mir vorbeiziehen, die unmittelbar zu diesem Erlebnis geführt
hatten, doch nichts schien mir Sinn zu machen. Dann aber wurde mir klar, daß ich
schon vor dem Erlebnis in das Heilige Schweigen eingetreten war, zwar eher zufällig
als aus freier Entscheidung. Ob dies die einzige Voraussetzung war, um die
phantastische Erfahrung zu wiederholen, so daß ich sie als real empfand?
Also beschloß ich, mich tief in das Heilige Schweigen zu versenken und mir Zeit zu
nehmen, um mich möglichst von meinem Selbst zu befreien. Danach wollte ich mich
zurückerinnern an die Erlebnisse und feststellen, ob ich diese bizarre Realität noch
einmal wiedergewinnen konnte. Ich stellte mich also geistig auf das reine Spiegelbild
ein, frei von allen Gedanken, genau wie die Spiegelung auf dem Wasser. Ich verlor
mich in eine tiefe Stille, in der alles Stoffliche überwunden war. Jetzt sprach meine
Innere Vision auf sehr deutliche und reale Art zu mir. Ich sah mich in meiner inneren
Vorstellung über die sumpfigen Ebenen streichen, die jenseits des stillen Wassers
lagen. Ich kam in Gegenden, wo ich nie gewesen war, und fand den Schädel eines
Hirsches mit deformiertem Geweih, dessen eine Stange abwärts gerichtet war. Es
war kein vorgestelltes Dahinwandern, als sähe ich mich vor meinem inneren Auge,
sondern tatsächliches Wandern in seiner Realität.
Da überkam mich ein Gefühl der Freiheit und Loslösung von der Welt. Unermeßliche
Sphären schienen sich aufzutun, und die Wälder und Sümpfe waren belebt von
Tieren und Geistern, die meine Wanderung beobachteten. Ich fühlte mich so frei und
geläutert, und die führende Kraft der Inneren Vision war rein und klar. Nun begann
ich durch dunstige Schleier hindurchzuwandern, und mit jedem Schleier, den ich
durchschritt, fühlte ich mich noch freier und klarer. Hier gab es keine
Beschränkungen, weder durch Raum noch Zeit, und hier schien alles möglich. Die
Kommunikation zwischen Körper und Geist, zwischen Natur und Mensch, wurde
umfassend und mächtig. Es gab keinen Zweifel an dieser Kommunikation, denn sie
war wirklich und wechselseitig zugleich. Ich wanderte weiter und kam schließlich in
eine Gegend des Sumpfes, wo mich ein schlechtes Gefühl befiel - und sofort kehrte
ich mit einem Ruck in mein physisches Bewußtsein zurück.
Ohne nachzudenken, sprang ich aus meiner sitzenden Haltung auf, mein Körper
erstarrt und schmerzend vom langen Sitzen in dieser Stellung. Was ich erlebt hatte,
war ganz unglaublich, denn ich hatte dabei ein starkes Gefühl von Realität gehabt.
Ich war außer mir vor Freude, weil ich erreicht hatte, was ich suchte - die Läuterung
der Inneren Vision. Auch wenn die ganze Reise in meiner Vorstellung vonstatten
ging, verstand ich wohl, was sie mir sagen wollte. Ich mußte mich tief in das Heilige
Schweigen versenken, ganz tief unter die Oberfläche, noch tiefer als alle Wirbel und
Turbulenzen, wo die Wasser des Geistes in ruhiger Stille flössen. Ich fühlte mich gut,
fühlte mich erleuchtet und wollte zu Großvater laufen, um ihm davon zu erzählen,
aber meine Innere Vision befahl mir zu schlafen. Kaum hatte ich meinen Kopf auf
den Körper der Erde gebettet, als ich schon einschlief.
Ich erwachte in grauer Morgendämmerung. Der Wolkenhimmel verhieß zwar keinen
Regen, sah aber dennoch bedrohlich aus, und der Tag versprach heiß zu werden.
Kein Windhauch war zu spüren. Ich fühlte mich so gut, so im Frieden mit mir, daß ich
mich einfach hinsetzte und die dämmerige Landschaft genoß, in ihrem ewigen Auf
und Ab des Lebens. Dann stand ich auf, um meinen Platz zu verlassen und ins
Camp zurückzukehren, aber wieder hielt meine Innere Vision mich zurück. Es schien
nicht richtig, jetzt fortzugehen. Richtig schien es hingegen, den Sumpf und die
Schlammflächen jenseits zu erkunden. Dort war ich noch nie gewesen — außer in
meiner Vorstellung —, und ich wollte wirklich gern wissen, wie es dort aussah. Es tat
mir gut, endlich den Platz des stillen Wassers zu verlassen — aber es war dennoch
wie ein Abschied von einem alten Freund.
Während ich das jenseitige Sumpfland durchquerte, hatte ich eindeutig das Gefühl,
als sei ich schon einmal hier gewesen. Auch wenn die Landschaft mir sehr vertraut
war, wußte ich doch genau, daß ich noch nie über den Platz des stillen Wassers
hinausgekommen war. Je weiter ich kam, desto klarer wurde mir, daß ich diese
Landschaft bestimmt kannte. Ich wußte sogar, wo die gestürzten Baumstämme
lagen, bevor ich dort ankam.
So wanderte ich munter drauflos. Diese Landschaft sah genauso aus, wie ich sie in
der Nacht vor meinem inneren Auge gesehen hatte. Es gab keinen Unterschied
zwischen dieser Landschaft in ihrer stofflichen Realität und jener, die ich mir
vorgestellt hatte. Dann kam mir der Gedanke, daß ich vor ein paar Tagen, als ich
hoch auf dem Baum saß, ohne weiteres diese Schlammflächen überblicken konnte.
Ich wußte ja, daß das Bewußtsein niemals etwas vergißt, und sicherlich hatte ich den
Blick über diese Ebene schweifen lassen, auch wenn ich mich nicht an Einzelheiten
erinnerte. Allmählich akzeptierte ich diese Erklärung als einzige Möglichkeit. Das
heißt, bis ich die kleinen Inseln und Dickichte am anderen Ende erreichte. Genau wie
in meiner vorgestellten Wanderung in der Nacht kroch ich auf allen Vieren auf eine
dieser Inseln, und dort, teilweise im Gebüsch versteckt, fand ich den Hirsch-Schädel
mit der nach unten gebogenen Geweihstange.
Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Ich war so aufgeregt, daß ich nicht mehr klar
denken konnte. Rasch drehte ich mich um und schaute hinüber in Richtung des
stillen Wassers, aber der Tümpel lag gut versteckt hinter einer Mauer von hohen
Büschen. Dann suchte ich nach der riesigen alten Fichte, doch dieser Baum war am
Horizont verdeckt von anderen hohen Fichten. Unmöglich, daß ich den Schädel von
jenem Baum aus gesehen haben konnte. Kaum kann ich mich noch erinnern, was
von jetzt an passierte - nur, daß ich zurückwanderte durch den Sumpf, den Schädel
mit dem Geweih unter den Arm geklemmt. Ich war wie benebelt, beinah bewußtlos
vor Fragen und Zweifeln. Auf dem Rückweg zum stillen Wasser spähte ich immer
wieder nach jenem hohen Baum, aber er wurde erst sichtbar, als ich in die Nähe des
Tümpels kam. Nein, es war unmöglich, daß ich von dort oben den Sumpf überblicken
konnte. Als ich endlich wieder am Platz meiner Visionssuche saß, hatte ich das
überwältigende Gefühl, im Gespräch mit Großvater zu sein. Ich war überzeugt, er
wußte bereits alles.
Nun rastete ich an meinem Platz und hatte dabei das Gefühl, beobachtet zu werden.
Es war, als sei irgendein Wesen hinter mir, das jede meiner Bewegungen verfolgte.
In meiner Vorstellung sah ich Großvater hinter mir stehen — und wandte den Kopf.
Ja, hinter mir stand Großvater, um seine Lippen dieses vertraute Lächeln, das mir
verriet, er wisse genau, was ich empfand. Er sprach nur: «Ja, die Innere Vision
erlaubt uns auch, solche Geist-Reisen zu unternehmen. Doch dies ist nicht die
richtige Zeit noch der richtige Ort, um solche Fragen zu diskutieren - dies wollen wir
später tun. Denn jetzt mußt du deine Kommunikation mit den Welten der Inneren
Vision vervollkommnen, so daß deine Stimme und deine Wünsche deutlich und stark
vernehmbar sind. Ja, mein Enkel, du hast den Schädel gesehen, als dein Geist über
den Sumpf wanderte. Es war keine Einbildung. Aber auch dies wollen wir
aufschieben, denn du hast viel Arbeit vor dir. » Mit diesen Worten entfernte er sich
und ließ mich allein mit meinen quälenden Gedanken.
Was mag er wohl meinen, dies sei nicht die richtige Zeit noch der richtige Ort, dachte
ich? Wie sollte ich mich auf die Kommunikation konzentrieren, wo er mir eben sagte,
daß ich eine Geist-Reise unternommen hatte? Meine erste Geist-Reise, und sie
wurde ein mächtiger Erfolg! Was Großvater mir eben gesagt hatte, bestätigte meine
tiefsten Überzeugungen und Befürchtungen - und so überwältigt war ich, daß ich
weinte wie ein kleines Kind. Ja, sicher, jetzt war weder die richtige Zeit noch der
richtige Ort, denn ich fühlte mich einfach zu erregt, zu überwältigt durch die ganze
Erfahrung. Während ich all die Ereignisse in Gedanken an mir vorüberziehen ließ,
drängte sich wieder das «falsch-Gefühl» in mein Bewußtsein - so stark, daß ich nicht
einmal mehr an die Geist-Reise zu denken vermochte. Frustriert beschloß ich, mich
aufmerksam auf jene Kommunikation zu konzentrieren, wie Großvater mir empfohlen
hatte.
Die wenigen Botschaften, die ich in den letzten Tagen empfangen hatte, waren mehr
Zufall als Absicht gewesen. Jedesmal, wenn ich durch die Innere Vision mit
Großvater kommunizierte, geschah es ganz spontan, fast ohne mein Zutun. Es war,
als würde ich von einer äußeren Kraft geleitet. Ich hatte die Kommunikation nicht
bewußt gewollt, und darin bestand mein Problem. Wie aber könnte ich die
Verbindung mit bewußtem Willen herstellen, und welche Reihe von Ereignissen
konnte schließlich zu solcher Kommunikation führen? Dies waren die Fragen, die
mich beschäftigten. Wieder wußte ich nicht, wo ich nach Antworten suchen sollte.
Doch konnte es nicht durch den bewußten Verstand geschehen, sondern nur durch
die Innere Vision.
Großvater hatte mir gesagt, daß die Innere Vision in Verbindung mit dem tieferen
Selbst stehe, mit der Sphäre des Geistes, der sich in allen Dingen bewegt, überhaupt
mit der geistigen Welt. So beschloß ich, es einmal zu versuchen und mit jener
riesigen alten Fichte zu kommunizieren, die am Ufer des stillen Wassers stand. Ich
fühlte mich diesem Baum irgendwie verbunden, denn ich war hinaufgeklettert, und er
hatte mich so vieles gelehrt. So ging ich hinüber zu dem Baum, setzte mich vor
seinen Stamm und schaute hinauf in den Wipfel. Aber mein Hinaufschauen und -
starren führte zu keiner Art von Kommunikation. Aus irgendeinem Grund hatte ich
nicht das richtige Gefühl.
Ich ignorierte das «falsch-Gefühl» und versuchte es noch einmal, aber wieder gab es
keine Kommunikation über die physische Schönheit des Baumes hinaus. Enttäuscht
ging ich hinüber zum Ufer des Tümpels und schaute auf das stille Wasser. Das
Wasser war schön und ruhig wie immer, doch abgesehen davon gab es auch hier
keine tiefere Kommunikation. Sicherlich hätte das Wasser mich noch mehr zu lehren,
denn es war doch der Mittelpunkt so vieler Belehrungen. Ich schob mein «falsch-
Gefühl» beiseite und versuchte es noch einmal, aber vergebens. Das Wasser blieb
stumm, beinah spöttisch-stumm.
Vielleicht klappte es nicht, weil ich versäumt hatte, mich in den Schleier des Heiligen
Schweigens zu versenken. Überzeugt, daß dies der Ursprung meines Problems sei,
kehrte ich zu dem Baum zurück und lehnte mich gegen seinen Stamm. Ich
entspannte mich und versenkte mich in die Stille, beinah so tief wie in der Nacht, als
ich meine Geist-Reise antrat. Die Landschaft und besonders der Baum fühlte sich
jetzt ganz anders an, aber sonst gab es keine Kommunikation. Da war nichts, bis auf
die reine und stumme Erwartung der Seele. Ich versuchte es abermals, versenkte
mich diesmal noch tiefer, doch ich empfing nichts als die reine Stille des Geistes. Ich
war frustriert, beinah wütend.
Nun kehrte ich zurück zu dem Platz am stillen Wasser, aber ich war fast am Ende
meiner Geduld. Allmählich glaubte ich, daß alles, was ich gelernt hatte, noch immer
nicht ausreiche. Entweder machte ich etwas nicht richtig, oder es fehlte ein Stück zu
dem Puzzle, das ich bislang übersehen hatte. Ich konnte nicht verstehen, warum es
früher so gut gelungen war und ich nun überhaupt nicht mehr kommunizieren konnte.
Um alles noch komplizierter zu machen, war auch meine Innere Vision wenig
hilfreich. Sie sagte mir nur, daß alles, womit ich zu kommunizieren versuchte, nicht
das Richtige sei. Ich glaubte bereits, dass die Dinge mir tatsächlich nichts zu sagen
hätten, weil ich ihrer Mühe unwürdig wäre.
Den ganzen Tag versuchte ich weiter, mit geistigen und stofflichen Welten zu
kommunizieren, aber ergebnislos. Ich war nun wirklich frustriert, beinah wütend auf
mein vielfaches Scheitern, und zunehmend war ich enttäuscht von meiner Inneren
Vision und ihren Möglichkeiten, mir zu helfen. In meiner Verzweiflung fragte ich
endlich die Innere Vision, womit ich eigentlich kommunizieren sollte, statt ihr
vorzuschreiben, was ich wollte. Kaum hatte ich die Frage gestellt, stand deutlich
Ricks Bild vor meinem inneren Auge.
Das Bild tauchte so plötzlich auf, daß ich ganz überrascht war. Tatsächlich hatte ich
die letzten Tage überhaupt nicht an Rick gedacht, weil ich so von meiner Suche
beansprucht war. Nun fragte ich mich, was er wohl tun mochte, nachdem auch er am
Problem der Inneren Vision arbeitete. Unbewußt versenkte ich mich in die Stille und
lauschte der Stimme meiner Inneren Vision. Wieder dachte ich an Rick, und sein
Bild, wie er dort weiter unten am Fluß sitzt, stand mir klar vor Augen. Ich stellte mir
vor, ich säße neben ihm und spräche mit ihm. Wie gut wäre es, dachte ich, jetzt mit
ihm zu sprechen und zu erfahren, wie es ihm geht! Möglicherweise könnten wir sogar
unsere Erfolge und unsere Fehler diskutieren und unsere geistigen Kräfte vereinigen,
um Antworten zu finden. Jedenfalls wäre es eine gute Sache, einen Freund zur
Gesellschaft zu haben.
Hinter mir neben dem Weg raschelte es im Gebüsch, und als ich mich umwandte,
tauchte Rick bei mir auf. Wortlos setzte er sich zu mir. Dann fragte er, wie es mir
ginge. Nachdem ich mir so verzweifelt gewünscht hatte, mit jemandem zu sprechen
und meine Zweifel loszuwerden, erzählte ich ihm von meinen letzten Tagen, vor
allem von meiner Geist-Reise, doch auch von meinem Scheitern und meiner
Verwirrung an diesem Tag. Rick sah den Hirsch-Schädel und erzählte mir von seiner
Reise in die Innere Vision. Witzigerweise hatten wir nicht nur ganz ähnliche
Erlebnisse, sondern standen auch beide vor der gleichen Schranke, die uns den
Zugang zu neuen Erfahrungen versperrte. Auch er war damit beschäftigt, jene
Kommunikation zu erproben, und wunderbarerweise hatte er vor kaum einer Stunde
versucht, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Er habe von seinem Platz der Stille
her meinen Namen gerufen, erzählte er mir, habe jedoch keine Antwort gehört. Er
wünschte mich zu treffen, und dann habe ihm ein Bild von uns beiden vor Augen
gestanden, wie wir im Gespräch beieinander saßen. Seine Innere Vision hatte ihm
befohlen, mich aufzusuchen.
Ich erzählte ihm, daß ich ihn zwar nicht meinen Namen hatte rufen hören, daß ich
aber die bildliche Vorstellung gehabt hätte, mit ihm sprechen zu wollen. So redeten
wir bis spät in die Nacht und versuchten zu verstehen, warum meine Innere Vision
mir erlaubte, Rick herbeizurufen, während Rick mich nicht rufen konnte. Im Gespräch
untersuchten wir die Ereignisse, analysierten die eingesetzten Techniken und halfen
uns gegenseitig, Antworten auf unsere Fragen zu finden. Dennoch konnten wir nicht
entscheiden, wieso ich mit Rick hatte kommunizieren können, er aber nicht mit mir.
Eine aufschimmernde Ahnung brachte mir endlich die Antwort: Es lag nicht an der
Inneren Vision, sondern an der Art, wie wir zu kommunizieren versucht hatten. Ich
hatte mir die Kommunikation vorgestellt, sie visualisiert, während Rick nur Worte
eingesetzt hatte.
So einfach war es! Großvater hatte gesagt, daß die Innere Vision nicht mit Worten
kommuniziert, sondern mit Zeichen, Symbolen, Gefühlen und Wach-Visionen.
Warum ich Erfolg hatte und Rick nicht, lag wohl daran, daß ich mit Bildern arbeitete
und er mit Worten. Wir waren uns einig, daß die Kommunikation nicht mit Worten
stattfinden konnte, sondern durch eine Art von kontrollierter Phantasie. Großvater
hatte oft davon gesprochen, daß man Dinge vor seinem geistigen Auge sehen
könne. Er hatte diesen Vorgang als Visualisierung bezeichnet, und jetzt wurde er uns
verständlich. An diesem Punkt beschlossen wir, es beide nochmals zu versuchen
und mit dem stillen Wasser zu kommunizieren. Wir setzten uns also nebeneinander
ans Ufer. Beide versenkten wir uns in den Platz der Stille und begannen mit dem
Wasser zu kommunizieren, wobei wir alle möglichen geistigen Bilder wachriefen.
Beide scheiterten wir.
Dann nahmen wir unser Gespräch wieder auf und versuchten herauszufinden, was
wir falsch machten. Beinah gleichzeitig hatten wir beide das Gefühl, daß wir mit
Großvater sprechen müßten. Er würde Antworten wissen. Ohne mich mit Rick zu
verständigen, stellte ich mir vor, daß Großvater zu uns käme — aber ich wußte nicht,
daß Rick dasselbe tat. Ich fühlte die Spannung aus meiner Magengrube weichen,
und das «falsch-Gefühl» verschwand; an seine Stelle trat das Gefühl, meine Sache
richtig gemacht zu haben. Ich spähte zu Rick hinüber, und sein Gesicht verriet mir,
daß er es genauso gemacht hatte. Wir grinsten uns an, drehten uns nach dem
Waldweg um und warteten auf Großvaters Ankunft. Kaum hatten wir uns umgedreht,
als Großvater auch schon auftauchte.
Er setzte sich zu uns, anfangs ohne ein Wort zu sprechen. Aber er hatte so einen
bestimmten Zug im Gesicht, der uns sagte, daß wir die Wirkungsweise der
Kommunikation verstanden hätten. Es verging eine Weile, bis er zu uns sprach. «Ihr
beide habt nun gelernt, eure Innere Vision zu läutern, so daß die Botschaften klar
und deutlich ankommen. Aber die Ablenkung von Körper und Geist könnte die
Botschaft abschwächen. In solchen Zeiten der Unruhe und Ablenkung muß man wohl
darauf achten, sich tief in den Platz der Stille zu versenken, sonst wird die Botschaft
unklar. Ihr habt auch gelernt, daß das Heilige Schweigen die Brücke zu weiteren
Welten ist, eine Brücke, die den läutert, der sie betritt. Und ihr habt gelernt, daß die
Kommunikation in beiden Richtungen vonstatten geht; ihr habt auch gelernt, daß ihr,
um durch die Innere Vision eine Botschaft in die Außenwelt zu senden, die Botschaft
visualisieren müßt, also nicht mit Worten, denn die Sphären jenseits des Selbst
sprechen nicht in Menschenzungen. »
Großvater machte eine Pause, duldete aber keine Fragen. «Nun wollt ihr wissen, wie
die Kommunikation vonstatten geht. Wie ihr herausgefunden habt, genügt nicht der
Wunsch, mit den natürlichen und geistigen Welten zu kommunizieren. Euer Wunsch
mag stark sein, aber das heißt noch nicht, daß irgendwelche Wesen mit euch
kommunizieren wollen. Es ist spirituelle Überheblichkeit anzunehmen, daß jedes
irdische oder geistige Wesen euch etwas zu sagen hätte. Solange ihr euch bei der
Kommunikation nicht von eurer Inneren Vision leiten laßt, wird alles andere stumm
bleiben. Botschaften werden dann nicht übermittelt. Doch wenn eure Innere Vision
euch leitet, dann ist die Kommunikation klar und stark. Dies ist der Grund, warum ihr
beide gescheitert seid, als ihr mit dem Wasser kommunizieren wolltet. Im Augenblick
hat das Wasser euch nichts mehr zu lehren. Vielleicht später einmal, aber nur dann,
wenn ihr euch durch die Kraft der Inneren Vision zum Wasser leiten laßt, wird es zu
euch sprechen. »
Wieder machte Großvater eine Pause und ließ uns Zeit, geistig aufzunehmen, was er
gesagt hatte. Ich wußte genau, wovon Großvater sprach. Die Kommunikationen, die
mir gelungen waren, kamen ganz leicht und spontan - und durch Führung der
Inneren Vision. Keine Anstrengung war dazu nötig, denn es geschah einfach.
Großvater aber fuhr fort: «Ihr braucht nur durchs Leben zu laufen wie immer, ohne zu
suchen, nur müßt ihr euch offen halten für alle Stimmen der Erde und des Geistes.
Dann werdet ihr von selbst zur Kommunikation geführt, wenn die Zeit gekommen ist
und eines der Wesen euch lehren will. Doch ihr müßt immer offen sein und lauschen
auf die Stimme der Inneren Vision. »
Großvater fuhr fort: «Jetzt ist die Zeit gekommen, die Welt der Geister zu erforschen,
wo ihr im Fleisch und zugleich im Geist wandeln könnt. Es gibt zwei Arten der Reise
dorthin: eine im stofflichen Bereich, die andere im Geist. Ihr beide habt das
Unmögliche wahr werden sehen. Ihr habt in der Vorstellung Reisen unternommen
und dann festgestellt, daß diese Reisen irgendwie doch in der Realität stattfanden.
Der Beweis ist der Schädel, den ihr gefunden habt, als ihr die Reise mit eurem
Körper wiederholtet. Nein, diese Reise ist nicht Einbildung, sondern Wirklichkeit, wie
ihr euch überzeugen konntet. Jetzt geht die Woche zu Ende, und ihr müßt immer
noch die Sphäre der Geist-Reisen erkunden. Ihr müßt noch einmal für eine Weile
allein sein — und den Pfad der Geister wandeln. »
Damit verließ Großvater das Camp, und bald danach wanderte ich den Fluß hinauf.
Mein Herz sagte mir, daß Rick dort am Platz des stillen Wassers bliebe. Es würde ihn
lehren, genau wie es mich gelehrt hatte. Er würde andere Lektionen lernen, denn das
stille Wasser spricht zu jedem einzelnen so, wie er es verstehen kann. Ich hatte
keine Ahnung, wohin ich unterwegs war, aber ich machte mir keine Sorgen. Meine
Innere Vision würde mich zu meiner nächsten Lektion führen und noch weiter - zu
einem Wissen, das es irgendwo schon gab, wenn auch vorläufig für mich
unerreichbar.
5
Geist-Reisen in die andere Wirklichkeit

Ich marschierte bis weit in die Nacht, ohne auf meine Richtung zu achten - auch nicht
auf meine Müdigkeit, die mir die Beine so schwer machte, daß ich stolperte. Mein
Kopf schwappte förmlich über von Gedanken, Fragen und Erwartungen. Bevor ich
erneut anfing, die geistigen Welten zu erforschen, wollte ich sichergehen, daß ich die
Dinge verstand, die ich gelernt hatte. Ich wollte keine Fehler mehr machen. Die Zeit
wurde knapp, und in ein paar Tagen mußte ich auf eine Woche nach Hause. Es fiel
immer so schwer, geistige Dinge in einer Welt fern der Wildnis zu üben. Es gibt keine
Klarheit in der Welt der Menschen, nur Zerstreuung und Verunreinigung - auch
geistige Verunreinigung. Ich hatte es jetzt eilig, denn ich wollte das Reisen im Geist
verstehen, bevor ich wieder nach Hause mußte. Ich war der Erkenntnis nah - und
wollte nicht das Risiko eingehen, doch noch zu verlieren, was ich begriffen hatte.
So dachte ich nach über die Kraft der Inneren Vision. Jetzt verstand ich, warum
Großvater gesagt hatte, sie sei nicht nur die Stimme der geistigen und natürlichen
Welten, sondern auch die Stimme des Schöpfers selbst. Durch die vielen Erfolge und
Mißerfolge der letzten Tage hatte ich erkannt, daß die Innere Vision niemals irren
konnte. Ja, manchmal war sie schwach und unklar
gewesen, und manchmal hatte ich die Botschaften falsch interpretiert, aber letzten
Endes hatte sie nie geirrt. Nach all dem wußte ich jetzt, warum Großvater immer die
Innere Vision befragte, bevor er etwas tat. Sie war die führende Kraft seines Lebens,
und ich wollte sie auch zu der meinen machen. Ich konnte nun endlich verstehen,
warum man immer der Inneren Vision folgen sollte, auch wenn alle Beweise auf
stofflicher Ebene das Gegenteil nahelegten. Das logische Denken war fehlbar, aber
das spirituelle Bewußtsein, die Innere Vision, irrte nie — sie war nur manchmal
unzugänglich durch unser ungeläutertes Denken.
Nachdem ich gebetet und dem Schöpfer die Ehre erwiesen hatte, beschloß ich, das
Reisen im Geist zu erproben. Jetzt war ich mehr als bereit, in der Praxis zu üben,
was Großvater von mir verlangte. Ich versenkte mich tief ins Heilige Schweigen, wie
ich es vorher schon getan hatte, und wanderte weiter durch den Sumpf. Irgendwie
kam mir die Sache unwirklich vor, denn ich wanderte nicht in der inneren Vorstellung,
sondern sah mich dahin wandern - wie von außen. Es gelang mir nicht wirklich, mein
Bewußtsein ins Innere meines vorgestellten spirituellen Körpers zu verlagern. Es
blieb eine gewisse Fremdheit dieser inneren Vorstellung, und je mehr ich mich
konzentrierte, desto fremder fühlte ich mich. Das Bild war einfach nicht real, und die
Innere Vision bot mir keine Hilfe.
Also verließ ich den Ort der Stille und tauchte wieder auf in i mein physisches
Bewußtsein. Nun wanderte ich weiter durch den Sumpf auf demselben Weg, den ich
mir vorgestellt hatte. Nichts war so, wie ich es mir ausgemalt hatte, nicht einmal
annähernd. Enttäuscht, aber unverzagt lief ich zurück zu der Stelle, wo ich gesessen
hatte, und machte noch einen Versuch. Diesmal achtete ich darauf, wirklich den Ort
der Stille zu erreichen, und konzentrierte mich ganz auf die Visualisierung. Auch
wenn es jetzt besser war, etwas wirklicher als das letztemal, fehlte immer noch
etwas. Ich war einfach nicht im Bild. Die physische Wanderung, die meine Geist-
Reise bestätigen sollte, brachte wieder nur einen Mißerfolg, und jetzt war ich ziemlich
frustriert. Noch immer bot mir die Innere Vision keine Hilfe, denn sie sprach weder
pro noch contra: Sie blieb einfach wohlwollend gleichgültig. Ich glaubte schon, es
liege ihr nichts mehr an der Kommunikation, nichts daran, ob ich scheiterte oder
nicht.
Als ich zurückkehrte an meinen Platz, war die Sonne untergegangen. Wolken waren
am fernen Horizont aufgezogen — wie Rauchfahnen trieben sie über dem riesigen
Feuerball der untergehenden Sonne. Wieder brachte die aufziehende Nacht mir ein
Gefühl der Erleichterung, denn in der letzten Nacht war mir so vieles gelungen. Jetzt
hoffte ich, die Dunkelheit würde wieder helfen. Und wieder unternahm ich Geist-
Reisen in meiner Vorstellung, die ich anschließend durch physische Wanderungen
zu bestätigen suchte, doch jedesmal war es ein Fehlschlag. Es kam so, wie es
tagsüber gewesen war: Je mehr ich mich anstrengte, desto fremder blieb mir das
vorgestellte Bild. Diese Reisen erschienen mir noch unwirklicher als jene während
des Tages. Ich war sehr frustriert, weil es mir vorkam, als sei meine Innere Vision
unaufmerksam oder eingeschlafen.
Großvater trat aus dem Gebüsch und setzte sich neben mich. Er sagte: «Ich weiß,
mein Enkel, daß du frustriert und wütend bist auf dich selbst, aber du hast nicht recht
auf das gehört, was ich dir sagte. Wenn du etwas erreichen willst, muß zuerst deine
Innere Vision es dir befohlen haben. Wie du es selbst erlebt hast, als du vergeblich
mit den verschiedenen Wesen der natürlichen und geistigen Welten zu
kommunizieren versuchtest, muß zuerst die Innere Vision die Führung übernehmen.
So auch, wenn wir durch geistige Sphären reisen. Auch dabei brauchen wir Führung
durch eine Instanz außerhalb unseres Selbst.»
«Aber», sagte ich, «meine Innere Vision schweigt oder schläft. Jedesmal, wenn ich
im Geist zu reisen versuche, ist es ein Fehlschlag.»
Großvater antwortete: «Die Innere Vision schläft nie. Der Grund, warum sie bei
deinen Geist-Reisen nicht mit dir kommunizieren wollte, liegt darin, daß es noch nicht
an der Zeit ist, eine solche Reise zu unternehmen. Es gibt keine Absicht,
gegenwärtig ruft dich nichts auf eine solche Reise.»
Großvater hatte recht, meine Geist-Reisen standen nicht unter der Führung der
Inneren Vision, und wie meine Bemühungen um Kommunikationen waren diese
Reisen gescheitert, weil kein Befehl von innen vorlag. Doch was meinte Großvater
mit Absicht? Dieses Wort war schon oft gefallen. Während wir schwiegen und
Großvater mir Zeit ließ, seine Worte in mich aufzunehmen, erinnerte ich mich an den
letzten Winter, als Großvater von der Absicht gesprochen hatte. Damals hatten wir
versucht, das Wandern im Geist zu verstehen - eine Art des Wanderns, bei der wir
geschützt waren vor allem Stofflichen. Wir hatten versucht - und waren dabei
gescheitert -, eine lange Fußwanderung zu machen, die nur in spirituellem
Bewußtsein zu schaffen war. Damals hatte Großvater zum erstenmal von der Absicht
gesprochen - eine Situation und eine Belehrung, an die ich mich nun lebhaft
erinnerte.
Wir hatten Großvater gefragt, wie der Eintritt in die geistige Welt vonstatten ginge,
und er hatte gesagt: «Ich habe euch gelehrt, in die geistige Welt einzutreten. Jetzt
aber muß ich euch zeigen, wie man in dieser Welt arbeiten und diese Welt in sich
arbeiten lassen kann. Der Zyklus menschlicher Existenz ist so beschaffen, daß das
Ich wie ein Gefängnis ist. Daneben aber gibt es die Welt der Lebenskraft, die ihr
bereits kennt. Jenseits dieser Welt liegt die Welt der Geister, und wir müssen lernen,
die Kraft dieser Welt zu nutzen. Ihr seid nun in die Welt der Lebenskraft, des
ursprünglichen Bewußtseins und der primären Instinkte gelangt durch Konzentration
auf diese Welt, durch Loslassen allen logischen Denkens und durch den Glauben. Es
war eine bewußte Anstrengung, eine dynamische Meditation, die euch in die Sphäre
des Heiligen Schweigens führte. Dieses Heilige Schweigen wurde zum Vehikel, das
euer Leben erweiterte und euch teilnehmen ließ an der Welt des Geistes, der in allen
Dingen lebt.
Jetzt aber müßt ihr lernen, in die Welt der Geister einzutreten und mit ihrer Kraft zu
arbeiten. Es ist eine Welt, die euch dem heiligen «Eins-Sein» näherbringt. Denn
wenn ein Mensch teilhat an allen Zyklen und Kreisen, dann ist er eins mit allen
Dingen. Es genügt nicht, nur einzutreten in diese Sphären, sondern ihr müßt lernen,
mit diesen Kräften zu arbeiten, damit ihr eins werdet mit der Kraft. Was nützt es,
lediglich in eine andere Sphäre einzutreten? Dorthin zu gelangen, ist nur der Anfang,
nur ein Vehikel. Erst das, was man dort tut, eröffnet den Zyklus der Kraft. Diese
geistige Welt steht dem Schöpfer näher; es ist die Welt, von der alle Heilung ausgeht,
in der es weder Raum noch Zeit gibt - eine Welt, wo der Körper nicht mehr existiert
und wo man das Fleisch transzendiert. Wenn wir im Geist wandeln, dann fällt der
Körper von uns ab, und alles ist grenzenlos. Dann ist der Körper geschützt durch den
Geist, und der Geist verschmilzt mit dem Körper.
Um in diese Welt des Geistes zu gelangen, müßt ihr zuerst wissen, wohin ihr
unterwegs seid. Sodann müßt ihr glauben, daß ihr dorthin gelangen könnt. Der
unbedingte Glaube ist es, der euch als Pforte dient, und dieser Glaube gibt uns
Macht in der Welt der Geister. Um in die geistige Welt einzutreten, braucht ihr eine
Absicht — eine Absicht, die das Selbst übersteigt. Wenn die Absicht selbstsüchtig ist,
dann könnt ihr die Sphäre des Geistigen nicht betreten.»
Damals hatte ich lange über Großvaters Worte nachgedacht. Ich verstand, daß man,
um in die geistige Welt einzudringen, Führung und Anweisung braucht. Die Führung
lag in der Weisheit der Inneren Vision. Zudem bedurfte man des reinen Glaubens,
denn ohne solchen Glauben konnte man nichts außerhalb des eigenen Selbst
erreichen. Was ich damals nicht verstand, war die Absicht — die selbstlose Absicht.
Dies also verbot alle Erforschung der geistigen Welt zu nur praktischen Zwecken, um
etwas zu lernen; denn man lernt doch für sich selbst.
Ich hatte Großvater gefragt, ob wir nur mit der Absicht zu lernen die Welt der Geister
betreten dürften. Damals antwortete er:
«Wenn du versuchst, die Geisterwelt zu betreten, um zu persönlichen Zwecken zu
lernen, dann wirst du nicht in diese Welt eintreten können. Wenn du die geistige Welt
aber mit der Absicht betrittst, von dort mitzubringen, was du erfahren hast, um dieses
Wissen anderen mitzuteilen, dann wäre dies eine lautere Absicht. Wenn es dir nur
um dich selbst geht und nicht um das Teilen, dann ist dies nicht deine Welt. Die
Geister wissen, ob deine Motive und dein Herz lauter sind. Deshalb muß man wohl
darauf achten, seine Absicht zu klären, bevor man versucht, in diese Welt
einzutreten. Auf diese Weise können wir, wenn unsere Absicht stark und klar ist, mit
Leichtigkeit unser Vorhaben ausführen.»
Ich erinnere mich, daß ich Großvater damals fragte, wie ich den Eintritt in die
Geisterwelt rechtfertigen könne, wenn ich doch nur lernen wollte, eine so lange
Wanderung zu unternehmen? Ich hatte gefragt, ob nicht auch dies eine
selbstsüchtige Absicht wäre. Und er hatte geantwortet: «Wäre diese Wanderung
deine einzige Absicht, dann könntest du nicht eintreten. Willst du sie aber
unternehmen, um anderen zu helfen, dann soll diese Welt dir gehören.»
Wieder mußte ich nachdenken über die Absicht. Wie konnte ich sicher sein, ob
meine Absicht wirklich lauter und frei von selbstsüchtigen Motiven war? Und wie
konnte ich sie nutzen, um andere zu belehren? Konnte ich denn etwas im Leben
erreichen, wenn ich so etwas lernte? Oder täuschte ich mich nur selbst? Ich sah nicht
ein, wie der Erfolg einer so unglaublichen Fußwanderung jemandem nützen sollte -
außer mir selbst. Damals hatte Großvater meine Grübelei unterbrochen und gesagt:
«Wenn du jemandem helfen wolltest, der viele Meilen weit entfernt wohnt, und wenn
du nur durch einen solchen Fußmarsch zu ihm gelangen könntest - würdest du den
Weg schaffen? Wahrscheinlich nicht; falls ja, wärst du wohl zu erschöpft, um noch
Hilfe zu leisten. Das Leben im Geist aber hilft uns, die Grenzen unserer körperlichen
Existenz zu überwinden, damit wir uns nicht durch Schmerz und Erschöpfung
ablenken lassen.
Letzten Endes lernst du diese Dinge - auch in der Praxis - nur, um anderen zu helfen.
Dann wird deine Absicht klar und lauter sein. Dann transzendiert deine Absicht das
Selbst.»
Ich fragte Großvater damals, ob wir die Verschmelzung mit dem Geist nutzen
dürften, um uns in einer schwierigen Situation, wenn es ums Überleben ginge, zu
retten, oder ob dies schon zu selbstsüchtig wäre. Er hatte geantwortet: «Doch, es
wäre eine lautere Absicht. Denn sie schützt den Tempel des Schöpfers. Vergiß nicht,
du bist der Tempel des Schöpfers, wie alle Wesen es sind. Der Schöpfer wohnt in
allen Dingen gleichermaßen.»
Damals fragte ich Großvater, warum früher so viele Menschen ihre Zuflucht zur
Wildnis nahmen? Er hatte geantwortet: «Jeder kann in die Welt des Geistes
eintreten, besonders in der Lauterkeit der Wildnis. Dort spricht die Geisterwelt zu
jedem Einzelnen und mit besonderer Kraft zu jenen, die die geistige Welt zur
Erleuchtung anderer aufsuchen. Wenn es also die Absicht des Menschen ist,
spirituelle Erleuchtung um seiner selbst zu suchen, dann wird die Geisterwelt ihm
nicht viel Kraft geben. Aber denjenigen, die diese Welt in lauterer und hoher Absicht
aufsuchen, wird Kraft reichlich zuteil werden.»
Rick richtete damals an Großvater die Frage, wozu es gut sei, in der Wildnis zu
leben, wenn doch jemand, der in der Welt der Menschen lebte, mehr Kraft bekomme.
Großvater hatte geantwortet: «In der Lauterkeit der Wildnis müssen wir lernen, dort,
wo wir frei sind von den Zerstreuungen des Menschen. Die Wildnis ist es, die uns
dem Schöpfer und der Wirklichkeit des Lebens näherbringt. Hier am Herzen der
Schöpfung wird alles Spirituelle geboren, denn die Schöpfung ist unser Tempel, und
sie gehorcht dem Gebot des Großen Geistes. Dies ist keine von Menschenhänden
erbaute Welt; sie wird nicht beeinflußt von den Gesetzen der Gesellschaft. Wenn
aber das Lernen in der Wildnis vorbei ist, muß man sich oft in die Welt der Menschen
begeben, um das zu übermitteln, was die Lauterkeit der Wildnis einen gelehrt hat;
denn in der Wildnis wird das Feuer der Geistigkeit geboren. Dort also wird der
Mensch vor die Entscheidung gestellt. Wenn er sich dafür entscheidet, spirituelle
Erleuchtung nur für sich selbst zu suchen, dann ist seine Ausbildung beendet oder
bestenfalls begrenzt. Doch für denjenigen, der die Wildnis verläßt, um großzügig sein
Wissen weiterzugeben, gibt es keine Grenzen.»
Nach einem langen Schweigen ging Großvater nochmals auf diese Frage ein: «Die
Macht des Schamanen, die Kraft der Geisterwelt wird nur denjenigen zuteil, die stark
in der Liebe zu ihren Mitmenschen sind. Wer den Geist erkannt hat, der sich in allen
Dingen bewegt, der weiß: Wenn ein Teil dieses Geistes krank ist oder fehlt, dann ist
alles krank und verloren. Wer nur für das eigene Selbst arbeitet, der weiß nichts vom
Geist, der in allem lebt. Wer diesen Geist nicht kennt, der kennt die Liebe nicht, und
kann daher sein Selbst nicht transzendieren.»
Meine Gedanken flogen zurück ins Jetzt, an diesen Ort, als Großvaters Worte mein
stummes Grübeln unterbrachen. Leise flüsterte er: «Mein Enkel, jetzt ist es Zeit für
dich zu erkennen, daß deine Absicht nur dann lauter ist, wenn der Befehl aus der
Lauterkeit der Inneren Vision kommt. Denn die Stimme der Inneren Vision erreicht
dich aus Sphären außerhalb des Selbst -und hat daher keinen Raum für das Selbst.
Darum mußt du warten, bis deine Innere Vision zu dir spricht und dir sagt, wann eine
spirituelle Reise notwendig ist. Alle anderen Versuche werden scheitern, denn ein
Versuch, der sich gegen die Innere Vision richtet, bleibt unlauter und dem Selbst
verhaftet. Wie ich dir schon gesagt habe, ist es schwierig, in die Geisterwelt
einzutreten, wenn man nur selbstsüchtige Motive hat. Du mußt warten, bis die Innere
Vision dich zu solch einer Reise führt. Dann, und nur dann wird dir gelingen, was du
begehrst.»
Mit diesen Worten verschwand Großvater in die Nacht. Jetzt verstand ich auch meine
Schwierigkeit. Es war wie bei meinen mißlungenen Versuchen, mit den Wesen der
Natur zu kommunizieren: Solange die Innere Vision nicht die Führung übernahm,
müßten sie fehlschlagen - und so schlugen sie immer wieder fehl. Doch es war gut
zu wissen, daß die Innere Vision mir eine selbstlose Absicht eingeben würde, denn
mit diesem Problem hatte ich mich seit dem letzten Winter auseinandergesetzt. Jetzt
endlich hatte ich Hilfe gefunden, dieses Problem zu lösen. Denn oft fiel es mir bei
meinen spirituellen Unternehmungen schwer, das Selbst aus dem Spiel zu lassen.
Nun brauchte ich nur, wie Großvater gesagt hatte, stillzusitzen und abzuwarten, bis
die Innere Vision mir das Motiv zu einer Reise durch geistige Welten gab.
Die Nacht war fortgeschritten, es war schon spät, und ich gab alle Anstrengung auf
und entspannte mich. Ich brauchte wohl eine Pause bei all dem Lernen, darum
versenkte ich mich in die Stille, um meinen Kopf von allen Gedanken zu befreien.
Kaum hatte ich den Ort der Stille erreicht, als ein eindringliches Bild vor meinem
inneren Auge auftauchte. Es war das schreckliche Bild einer Meute verwilderter
Hunde, die beim stillen Wasser umherschlichen, wo Rick saß. Sogleich empfing ich
das Bild Ricks, der nichts vom Kommen der Hunde ahnte. So sehr erschreckte mich
dieses Bild, daß ich schlagartig aus der Stille in die bewußte Realität
zurückwechselte - Bild und Angst in mir. Ich wollte sofort zu Rick laufen und ihn
warnen. Also versuchte ich aufzuspringen, aber diesmal hielt meine Innere Vision
mich fest, hielt mich buchstäblich am Boden. Ich geriet in Panik, konnte mich aber
nicht von der Stelle rühren. Es war, als sei ich am Boden festgenagelt.
Ich mühte mich trotzdem weiter, bis mir endlich klar wurde, daß dies meine Chance
war, eine Geist-Reise zu unternehmen. Es war eine riskante Chance, denn wenn ich
versagte, konnte Rick schlimmen Schaden nehmen. In meiner Verzweiflung befragte
ich meine Innere Vision, die sehr klar zu mir sprach: Ich mußte gehen, aber nicht im
Körper, sondern im Geist. Entschlossen zu diesem riskanten Schritt, setzte ich mich
wieder an meinen Platz, und endlich ließ mich die Erde los. Rasch versenkte ich
mich in das Heilige Schweigen, was mir trotz des inneren Druckes leicht gelang.
Normalerweise ist es unter Streß recht schwer, das Heilige Schweigen zu erreichen.
In meiner Vorstellung verließ ich meinen Körper und lief eilig zu der «Stelle, wo Rick
saß.
Diesmal war die Visualisierung ganz real. Ich mußte mich gar nicht anstrengen, denn
alles geschah von selbst, wie getrieben von einer äußeren Kraft. Ich war nicht mehr
dort in meinem physischen Körper, sondern fest verankert im geistigen Leib meiner
Vorstellung. Ich war ganz und gar da. Ich spürte die Erde unter mir, hörte die
Geräusche der Nacht, atmete die würzige Luft und ahnte Bewegungen um mich her;
all dies erzeugte ein Gefühl der Realität, stärker noch, als wäre ich in meinem
stofflichen Körper dort gewesen. Rasch und leicht ging die Geist-Reise vonstatten.
Wie ein Windhauch glitt ich durchs Gebüsch, ohne ein einziges Blatt zu streifen.
Lautlos bewegten sich meine Füße, und die Tiere an meinem Weg ergriffen nicht die
Flucht. So lebendig fühlte ich mich, so frei und so klar. Es war, als sei alles möglich
geworden ohne die Begrenzungen des Fleisches.
Rasch hatte ich Ricks Platz am stillen Wasser erreicht, doch er war nirgends zu
sehen. Verzweifelt suchte ich überall, aber ich fand nur meinen Tierschädel mit dem
verbogenen Geweih an einem Ast. Ich spürte die Nähe der Hunde, doch Rick fand
ich nirgends. Er hatte sich wohl in Sicherheit gebracht. Darum wanderte ich im Geist
zurück zu meinem Platz. Wieder ging die Reise schnell und ohne Aufenthalt
vonstatten. Aber ich machte mir immer noch Sorgen um Rick und die streunenden
Hunde. Während ich in meiner Vorstellung den Weg zu meinem Meditationsplatz
zurückflog, spürte ich jemanden kommen. Ich stellte mir vor, daß ich stehenblieb und
am Wegrand wartete, als Rick plötzlich vor mir auftauchte - mit sehr besorgter Miene.
Sofort sprach er mich an: «Ich konnte dich an deinem Platz nicht finden. Hunde
kommen vom anderen Ende des Sumpfes, und ich glaubte, du wärst in Gefahr.» Nun
erzählte ich Rick, daß auch ich solche Hunde an seinem Platz hätte umherschleichen
sehen, daß ich ihn aber dort nicht angetroffen hätte. Rick sagte: «Natürlich nicht, weil
ich zum anderen Ufer des stillen Wassers hinübergegangen bin.» Ich sagte ihm, daß
auch ich mich nicht an meinem ursprünglichen Meditationsplatz befunden hätte,
sondern weiter draußen im Sumpfgelände. Ich schlug dann vor, wir beide sollten
wohl besser in unsere Körper zurückkehren, um sie zu schützen. Meine eigenen
Worte erschreckten mich, denn ich wußte nicht, woher sie kamen. Irgendwie machte
meine Phantasie wohl Überstunden — und ließ sich Dinge einfallen, die ich mir nie
hätte träumen lassen?
Ich stellte mir vor, wie ich in Panik zurücklief zu meinem Platz. Ich sah die Hunde, die
mich anschlichen. Ich lief so schnell, daß ich förmlich in meinen Körper flüchtete -
und mein Körper reagierte sofort, indem er auf einen Baum kletterte, ohne lange zu
fragen, ob dieser Zwischenfall nun Realität oder Phantasie sei. In den Wipfel des
Baumes geschmiegt, brauchte ich einige Zeit, bis ich mein physisches Bewußtsein
vom spirituellen Bewußtsein meiner Imagination trennen konnte. Endlich wieder in
der physischen Realität zu Hause, kehrte auch mein logischer Verstand zurück, und
jetzt erst konnte ich sehen, daß dort eine Meute von Hunden den Stamm meines
Baumes umkreiste. Ihr knurrendes Gebell war deutlich genug, um mir begreiflich zu
machen, daß ein Teil meiner Vorstellung durchaus wahr gewesen sein mußte. cI h
fragte mich nicht mehr, ob Rick tatsächlich zu mir gesprochen hatte oder nicht —
denn er hatte mich gerettet, und irgendwie hoffte ich, daß auch ich ihn gerettet hatte.
Die Realität dieses Augenblicks verbot alle anderen Überlegungen.
Fast zwei Stunden lang blieben die Hunde, bis sie endlich in die Nacht
verschwanden, und allmählich verklang ihr Gebell in der Ferne. Ich blieb noch auf
dem Baum sitzen, bis meine Innere Vision mir sagte, daß ich ungefährdet
heruntersteigen konnte. Bis ich am Boden angekommen war, ging auch die
Morgensonne auf. Nun setzte ich mich erst einmal und versuchte zu verstehen, was
eigentlich passiert war. Ich wußte noch immer nicht, ob diese Reise in Wirklichkeit
oder in der Phantasie stattgefunden hatte.
Also beschieß ich, zu Rick hinüberzulaufen und zu sehen, wie es ihm ging. Immerhin
war er es, der mein Leben gerettet hatte. Unterwegs begann ich ernstlich die Echtheit
meines Erlebnisses zu bezweifeln. Es mochte wohl eher ein Traum gewesen sein als
eine innere spirituelle Erfahrung. Tatsächlich kommt die Symbolik der Träume aus
der Inneren Vision, und wahrscheinlich hatte die Innere Vision mir diese Botschaft
gesandt und nicht Rick. Mit solchen Gedanken näherte ich mich Ricks
Meditationsplatz — vorsichtig, falls mein Traum doch echt war. Ich erreichte den
Platz, aber Rick war nirgends zu sehen. Als ich mich umschaute, entdeckte ich
meinen Tierschädel, der im Geäst eines Baumes hing — genauso, wie ich ihn in
meiner Reise visualisiert hatte. Dies erschütterte nun doch meine anfänglichen
Zweifel, alles wäre nur ein Traum gewesen.
Hoch über mir raschelte es in den Zweigen, und Rick schaute zu mir herunter.
«Danke für die Warnung, alter Freund!» Als er wieder am Boden stand, dankte auch
ich ihm dafür, daß er mir das Leben gerettet hatte. Stundenlang sprachen wir dann
über unser Erlebnis, beinah den ganzen Tag, und erst bei Sonnenuntergang verließ
ich seinen Meditationsplatz. Wir stellten fest, daß wir beide dasselbe visualisiert
hatten. Alle Details, sogar das Gespräch, stimmten überein. Auch erfuhr ich, daß
Rick diesen Schädel früher an diesem Tage an einen Ast gehängt hatte, genau wie
ich es in meiner Vorstellung gesehen hatte. Und beide waren wir nicht an unserem
Platz gewesen, wo wir eigentlich sein sollten, als der andere kam, um vor der Gefahr
zu warnen. Das Ganze war zu geheimnisvoll, um es weiter zu diskutieren, und
gleichzeitig wußten wir beide, daß wir zu Großvater gehen und mit ihm sprechen
müßten.
In dunkler Nacht erreichten wir Großvaters Camp und fanden ihn am Feuer sitzen
und auf uns warten. Endlich verstand ich nach all den Erlebnissen der letzten Tage,
wieso er wissen konnte, was mit uns vorging und sogar die Fragen kannte, die wir
ihm stellen wollten. Für ihn war es ganz einfach, da er dauernd mit seiner Inneren
Vision in Verbindung stand. Tröstlich zu wissen, daß Großvater immer für uns da
gewesen war — seit dem ersten Tag unserer Begegnung. Ob körperlich oder im
Geist, das machte kaum einen Unterschied, denn die Kraft war dieselbe. So viele
Dinge wurden mir jetzt bewußt, so viele Fragen, die mich seit Jahren bewegt hatten,
fanden endlich Antwort. Doch wieder gab es neue Fragen, und wieder gab es Neues
zu lernen. In diesem Moment aber hatte ich endlich eine der größten Gaben des
Lebens verstanden und angenommen: die Gabe der Inneren Vision.
Wir setzten uns zu Großvater und warteten darauf, daß er spräche. Wir zweifelten
nicht, daß er wußte, was wir brauchten. Lange sah er uns an, mit einem Lächeln und
einem Blick, der uns verriet, daß er mit unseren Fortschritten sehr zufrieden sei.
Dann strafften sich seine Züge, und er sagte: «Wieder habt ihr nicht richtig auf eure
Innere Vision gehört. Beide wart ihr so begeistert von eurem Erfolg, daß ihr die
Mahnung der Inneren Vision überhört habt, die euch empfahl, weiterzumachen. Jetzt
kann ich euch nichts weiter lehren. Bevor ihr nicht vollendet habt, was eure Innere
Vision euch vorschrieb, könnt ihr nicht verstehen, was ich euch zu sagen habe. Geht
also beide zurück zum stillen Wasser und findet heraus, was es denn sei, das ihr
übersehen habt. Und Vergeßt nicht, daß Freude über einen Erfolg manchmal auch
eine Zerstreuung sein kann, die von der Inneren Vision ablenkt und sie schwächt.»
Also war es falsch gewesen, Großvater aufzusuchen? Rick und ich hatten uns so
gefreut über unseren Erfolg, über die vielen neuen Fragen, daß wir die Innere Vision
ignorierten, die uns beide ermahnte. Schweigend kehrten wir also zum stillen Wasser
zurück, und beide erforschten wir unser tieferes Selbst, um zu finden, was unsere
Innere Vision hatte sagen wollen. Erst als wir wieder beim stillen Wasser saßen,
regte sich etwas in uns. Noch bevor ich ein Wort herausbrachte, sagte Rick: «Meine
Innere Vision sagt mir, wir sollten zusammen eine Geist-Reise unternehmen. Aber
Großvater hat nichts über gemeinsame Reisen gesagt, und ich fürchte, es könnte
das Falsche sein.» Ich konnte Ricks Worte nur bestätigen, denn auch ich hatte
dasselbe Gefühl; aber wie Rick wollte ich nicht glauben, es könne richtig oder gar
möglich sein.
So diskutierten wir die Möglichkeit einer gemeinsamen spirituellen Reise, aber wir
hatten keine Ahnung, wie uns dies gelingen sollte. Es war für mich schwierig genug
gewesen, die bisherigen Reisen allein zu unternehmen, doch hier waren die
Vorstellungsbilder so eindringlich, daß sie keine Ablenkung duldeten. Aber das
einzige Mal, daß wir uns wirklich auf spirituellen Wegen begegneten, war mehr Zufall
als freie Entscheidung. Es kostete keine Anstrengung, denn es geschah ganz
spontan. Wenn es aber zufällig geschehen konnte, meinten wir, konnte es sich doch
auch wiederholen. Beide hatten wir ein gutes Gefühl bei der Idee, diese Geist-Reise
gemeinsam zu unternehmen, und so war die Sache schon halb gewonnen. Wir
wußten ja, wenn die Innere Vision etwas verlangte, dann war es leicht zu
verwirklichen.
Wieder verging eine Stunde, während wir redeten, überlegten und in die Nacht
starrten. Unser Zögern, gemeinsam auf die Geist-Reise zu gehen, kam daher, daß
wir nicht wußten, wohin wir reisen sollten - oder wie wir zusammen reisen könnten.
Wir besprachen alle Möglichkeiten. Dann beschlossen wir, daß jeder sich die Reise
allein vorstellen sollte, beide aber ins selbe Zielgebiet. Falls dann der andere im
Vorstellungsbild auftauchte, wäre es ja Zufall. Nachdem diese Frage gelöst war,
müßten wir uns nur noch einigen, wohin wir reisen sollten - ein Ort, der uns beiden
ein gutes Gefühl gab.
Es war der Ort, den ich in meiner Vorstellung aufgesucht hatte, kurz nachdem ich
den Hirsch-Schädel gefunden hatte dieser Ort, der mich zu Tode erschreckt und in
mein physisches Bewußtsein zurückgeworfen hatte. Ich ahnte nicht, warum meine
Innere Vision mich wieder an einen unbehaglichen Ort führen sollte, der Böses
ausstrahlte. Auch Rick hatte diesen Ort gewählt. Dorthin war er am Vortag in seiner
Vorstellung gegangen und war mit der gleichen Panik und Furcht vor dem Bösen
vertrieben worden. Wir wußten, wir sollten der Inneren Vision gehorchen, aber aus
Furcht schoben wir die Reise hinaus. Je länger wir zögerten, desto stärker drängte
uns unsere Innere Vision, die Reise anzutreten. Schließlich beschlossen wir, die
Sache hinter uns zu bringen, denn die Nacht war weit fortgeschritten, und bald
dämmerte der Morgen.
Wir setzten uns nebeneinander ans Ufer des stillen Wassers und starrten in die
Richtung unserer vorgestellten Reise. Ich fühlte zwar schlimme Ahnungen in mir
aufsteigen, aber stärker war doch das Motiv meiner Inneren Vision, den Weg
fortzusetzen. Beide versetzten wir uns an den Ort der Stille und beschwichtigten
unseren logischen Verstand. Beinah sofort fand ich mich weit draußen im Sumpf
wandern. Es war so real, daß ich jedes Gefühl für meinen physischen Körper verlor.
Während ich zu der bestimmten Stelle wanderte, spürte ich vor mir eine Bewegung.
Anfangs hatte ich Angst, fand aber bald zu meiner Überraschung, daß es Rick war,
der vor mir herging. Ich rief ihn an und begab mich an seine Seite. Im Weitergehen
sprachen wir kaum ein Wort - nur verständigten wir uns über die Tatsache, daß
unsere imaginierte Reise bei hellem Tageslicht stattfand, während es in der
physischen Realität noch immer Nacht war.
Wir kamen zu dem Schluß, daß es gleichgültig sei, welche Tageszeit uns die
Vorstellung eingab, und so marschierten wir weiter. Im Verlauf unserer Reise stellte
sich ein Realitätsgefühl ein, wie ich es auf früheren Geist-Reisen niemals erlebt
hatte. Wohl machte ich mir manchmal Sorgen um die Sicherheit meines physischen
Körpers, aber dies ging bald vorbei. Während wir weiterwanderten, fiel mir auf, daß
die Landschaft ein sonderbares Aussehen hatte und ein befremdliches Gefühl
vermittelte. Ja, sie war der realen Landschaft ganz ähnlich und dennoch irgendwie
anders. Ich spürte etwas dort in der Ferne sich bewegen, doch es waren keine Tiere,
sondern eigenartige Lichter, Geräusche, schemenhafte Erscheinungen, die ich am
Rande wahrnahm. Wenn ich aber direkt hinschaute, verschwanden sie — nur das
Gefühl ihrer Gegenwart blieb. Es war faszinierend und gleichzeitig sonderbar
beängstigend. Zwei Landschaften, die eine real, die andere imaginiert - ähnlich und
doch verschieden.
Wir wanderten schweigend weiter und verlangsamten unseren Schritt, als wir dem
Ziel näherkamen. Beide spürten wir unser Herz vor Angst pochen, während die
Empfindung des Bösen sich verstärkte. Doch abgesehen von diesem schlimmen
Gefühl trieb uns die zunehmende Kraft unserer Inneren Vision vorwärts. Manchmal
strauchelten wir und stützten uns gegenseitig - wir wollten beides: fortrennen und
dennoch weitergehen. Wir pirschten uns an den Ort heran, als könne dies lautlose
Pirschen jenes Böse hindern, uns zu entdecken, und uns vor der vorgestellten
Gefahr bewahren. Wir sahen eine Lichtung dort am ändern Ende des Sumpfes, und
sofort wußte ich, daß dies der Ort war, den ich aufsuchen sollte. Bis dahin hatten wir
nur die Richtung gekannt und die Gegend im allgemeinen; jetzt kannten wir den
exakten Ort.
Vorsichtig traten wir auf die Lichtung hinaus, und jetzt pochte die Ahnung des Bösen
förmlich in unseren Köpfen. Trotz meiner Panik hielt mich meine Innere Vision
aufrecht. Wir musterten die Lichtung. Nichts wuchs dort, keine einzige Pflanze. Es
war, als habe die Natur diesen kreisrunden Platz vergessen, denn hier gab es nur
Sand und Kies. Nicht einmal die Geräusche der Natur schienen an diesen Ort
vorzudringen. Im Mittelpunkt des Kreises saß, mit dem Rücken uns zugekehrt, ein
männliches Wesen. Es saß vornüber gebeugt und schlief offensichtlich. Tief innen
wußte ich, daß dieser Mann, dieses Wesen kein Mensch war, sondern eine Art böse
Erscheinung. Ich sah Rick an und merkte an seinem Ausdruck, daß er genauso
darüber dachte wie ich.
Während wir voll Grauen zu diesem Wesen hinüberstarrten, drehte es sich plötzlich
nach uns um - als habe es eben erst gemerkt, daß wir da waren. Das Gesicht des
Ungeheuers war so schrecklich, daß ich den Anblick nicht ertrug. Wir sahen kaum
mehr als den Kopf- verwestes, von Maden zerfressenes Fleisch, das kaum den
Knochen bedeckte, ähnlich einem Totenschädel. Es begann zu schnaufen und zu
knurren, wie ich es noch nie gehört hatte. Plötzlich sprang es uns an wie eine wilde
Katze, fauchend und knurrend. Wir hielten es nicht mehr aus und flohen in Panik
zurück zum stillen Wasser. Anfangs glaubten wir, daß uns das Wesen verfolge, doch
als wir uns umschauten, schien es, als sei es an jene Lichtung gebannt. Sein
Knurren und Kreischen aber hallte über den ganzen Sumpf und heizte unsere
hemmungslose Panik erst recht an.
Plötzlich tauchten Rick und ich aus unseren Phantasien auf, mit einem Schrei aus
unserem physischen Körper. Die Panik hatte uns bis in die Realität verfolgt. Ich sah
mich um und hielt Ausschau nach diesem Wesen, aber das Licht der aufziehenden
Dämmerung verriet mir, daß dies alles nur Phantasie oder Traum gewesen war. Der
Sumpf und die ganze Gegend lagen friedlich wie immer. Jetzt erinnerte ich mich an
Ricks ängstlichen Schrei, als ich aus meinem Traum aufgetaucht war. Sein Schrei
war Realität und nicht nur Vorstellung. Lange saßen wir da, keuchten und müßten
erst langsam zu Atem kommen, bevor wir ein Wort wechseln konnten. Die ganze
Erfahrung war so beängstigend real gewesen, daß wir einige Zeit brauchten, bis wir
uns wieder in dieser Realität zurechtfanden.
Wir begannen über unser Erlebnis zu sprechen, zögernd zuerst, denn Angst und
Furcht waren noch nicht geschwunden. Beide stellten wir verblüfft fest, daß wir das
gleiche erlebt hatten. Wir erinnerten uns an unsere wenigen Gespräche unterwegs
und erinnerten uns sogar an den Weg, den wir genommen hatten. Die Lichtung stand
uns beiden lebhaft vor Augen, und Rick beschrieb jenes Wesen genauso, wie ich es
erlebt hatte - bis hin Zu unserer panischen Flucht. So sprachen wir, während die
Sonne aufging und das Tageslicht unsere Furcht zerstreute. Wir fühlten uns jetzt
wohler, aber neue Fragen drängten sich in unser Gespräch. Warum hatten wir uns
die Reise bei Tageslicht vorgestellt und nicht bei Nacht? Warum hatte unsere Innere
Vision uns überhaupt dorthin geführt?
Als wir aufstanden, um den Meditationsplatz am stillen Wasser zu verlassen und zu
Großvater zurückzukehren, überfiel uns beide das falsche Gefühl. Wir sahen uns an,
und ohne ein Wort zu wechseln, wußten wir beide, was wir zu tun hatten. Wir müßten
unsere Reise in der physischen Realität wiederholen, denselben Weg noch einmal
abschreiten. Dies wollte uns beiden gar nicht gefallen. Falls es den Ort dort draußen
wirklich gab, dann mußte es auch dieses Wesen wirklich geben. Wir hätten zwar
lieber mit Großvater gesprochen, wanderten dann aber doch hinaus in den Sumpf,
um die Lichtung zu suchen, die wir in unserer Vorstellung gefunden hatten.
Langsam bahnten wir uns einen Weg durch den Sumpf. In der Phantasie zu reisen
ist so viel leichter als im stofflichen Körper. Wir brauchten Stunden für eine Strecke,
für die wir in der Vorstellung oder im Traum nur Minuten brauchten. Noch immer
wußte ich nicht, war es Traum oder Wirklichkeit gewesen oder was sonst? So
stießen wir in Gegenden vor, die wir in der materiellen Wirklichkeit noch nicht
kannten, in Gegenden, die wir uns bislang nur vorgestellt hatten. Wir redeten viel. Es
war genau dieselbe Landschaft, nur daß wir diesmal nicht die Gegenwart von Tieren
und anderen Wesen spürten. Je näher wir der Lichtung kamen, desto langsamer
schritten wir aus. Meine Angst machte mich so nervös, daß ich am ganzen Körper zu
zittern anfing.
Wir traten auf die Lichtung hinaus, wie wir es vorher getan hatten, und genau wie in
unserer Vorstellung gab es dort keinen Pflanzenwuchs. Es war nur eine unbestimmte
Kreisfläche von Sand und Kies, ohne daß irgendwelche Spuren oder Fährten zu
erkennen waren. Es schien, als habe sich die Natur zurückgezogen von diesem Ort.
Vorsichtig schoben wir uns am Rand der Büsche entlang, bis wir die ganze Lichtung
überblicken konnten. Als wir einen guten Ausblick hatten, fanden wir zu unserer
Erleichterung kein solches Wesen im Mittelpunkt. Das einzige dort war ein alter,
geschwärzter Baumstumpf, der die Stelle bezeichnete, wo wir das Wesen gesehen
hatten. Ganz vorsichtig näherten wir uns dem Stubben, und beide spürten wir das
Böse. Als wir uns auf Zehenspitzen an den Baumstumpf herangeschlichen hatten,
klopfte uns das Herz bis zum Halse; ich wurde von Angst überwältigt. Beide verloren
wir den Kontakt zur Inneren Vision, und blindlings flohen wir von der Stelle - genau
wie wir's in der Nacht zuvor getan hatten. Wir machten nicht mal am Platz des stillen
Wassers halt, sondern liefen gleich weiter zu Großvaters Camp.
Großvater war an seinem heiligen Gebetsplatz, als wir ihn fanden. Wir wagten nicht,
ihn zu stören, denn dies war ein ungeschriebenes Gesetz. Ganz gleich, wie wichtig
ein Problem sein mochte - niemand durfte an seinem heiligen Platz gestört werden.
Ohne die Augen zu öffnen oder den Kopf zu wenden, winkte er uns zu sich heran.
Dann vertiefte er sich erneut ins Gebet, eine Ewigkeit lang, wie es uns schien.
Während er betete, wurde uns klar, daß er uns damit sagte, was wir tun sollten. In
unserer Ungeduld, unsere Geist-Reise und unser Gelingen aufzuklären, hatten wir
ganz unser Morgen- und Abendgebet vergessen. Auch dies war ein allgemeines
Gesetz: Ganz gleich, was wir taten und wo wir waren, stets nahmen wir uns die Zeit,
den Schöpfer zu ehren. Es gab keine Ausnahme von diesem Gesetz, und jetzt war
nicht der Zeitpunkt, darüber zu streiten.
Endlich vollendete Großvater sein Gebet und blickte auf. Er sah uns an und
überzeugte sich, daß auch wir zu Ende gebetet hatten. Tatsächlich hatte ich, wie ich
glaube, nur Sekunden lang beten können. Großvater sagte ganz beiläufig: «Na, also.
Der Schöpfer schenkt euch die Gabe der Inneren Vision, der Reisen im Geist, und ihr
beide wollt euch nicht die Zeit nehmen, ihn zu ehren. Gewiß, die Innere Vision ist
euer Geburtsrecht, wie sie das Geburtsrecht jedes Menschen ist, aber wir verstehen
diese Stimme nur durch die Liebe des Schöpfers. Wenn wir uns keine Zeit nehmen,
den Schöpfer zu ehren und ihm zu danken für all diese Gaben - wie könnten wir dann
hoffen, er werde uns helfen in Zeiten der Not und Verwirrung?» Wortlos schlossen
Rick und ich die Augen und versenkten uns tief ins Gebet. Wir dankten aus vollem
Herzen, und einen Moment gelang es uns, all unsere dringenden Fragen beiseite zu
schieben.
Endlich sprach Großvater wieder und sagte: «Jetzt begreift ihr die Weisheit der
Geist-Reisen. Obwohl ihr noch immer an euren Zweifeln festhaltet, könnt ihr nicht
leugnen - weil ihr es selbst erlebt habt —, daß die Landschaften, die ihr in eurer
inneren Vorstellung gesehen habt, auch in der Realität existieren. Doch ihr versteht
nicht, warum und wieso all dies möglich ist. Ihr glaubt, ihr hättet euch diese Reise
vorgestellt oder sie geträumt. Als ihr den Weg dann aber im stofflichen Körper noch
einmal erforscht habt, konntet ihr feststellen, daß es beinah derselbe war, wenn auch
etwas anders. Dies hat euch verwirrt, ich weiß, aber so muß es sein - bis ihr die
Geisterwelt ganz verstanden habt. Vorläufig ist es nicht so wichtig, ob ihr glaubt, ihr
hättet die Reise in der Realität oder nur in der Vorstellung erlebt, denn es kommt nur
auf das Endergebnis an: Das Resultat macht schließlich alles real. Denn ihr habt
Dinge erfahren, die ihr auf stofflicher Ebene nicht erkennen konntet.»
Und Großvater fuhr fort: «Der Mensch ist, wie ich euch oft gesagt habe, eine Dualität.
Er lebt in der stofflichen Welt und gleichzeitig in der spirituellen Welt. Der Mensch ist
nur dann eins mit allen Dingen, wenn er im Geist wie im Fleisch zugleich wandelt,
wenn er in beiden Welten zu Hause ist. Die Welt, die ihr gesehen habt, ist nicht nur
stoffliche Realität, sondern auch deren geistiges Gegenstück. Darum habt ihr all die
Wesen dort in der Landschaft gespürt. Deshalb habt ihr den Dämon gesehen, als ihr
in der spirituellen Welt weiltet. Für einen Augenblick in Zeit und Raum seid ihr in der
Dualität gewandelt, habt ihr beide Wirklichkeiten gesehen. So sollt ihr immer leben:
zwischen beiden Welten wandeln und mit beiden eins werden.»
Großvater versank in tiefes Schweigen und schloß die Augen. Ich war überzeugt, er
wollte uns Gelegenheit geben, alles in uns aufzunehmen, was er gesagt hatte. Ja, ich
verstand all dies, was er uns lehrte; doch warum hatte uns unsere Innere Vision zu
einem Ort des Bösen geführt? Ich sah nicht ein, was dies uns hätte lehren können.
Ohne die nächste so offenkundige Frage abzuwarten, sprach Großvater wieder:
«Wenn ihr in die Welt des Geistes eintretet, so besteht nur eine gewisse Ähnlichkeit
zu unserer stofflichen Welt. Es gibt einen seltsamen, interessanten Unterschied: Sie
ist nämlich nicht nur eine Welt der Abbilder unserer stofflichen Realität, sondern dort
gibt es auch eine unermeßliche spirituelle Sphäre, wo die Wesen der Geisterwelt
leben. Ihr habt sie gespürt, wie sie sich bewegten, und habt gewußt, daß sie real
sind. Also existierte auch die Welt des Bösen an diesem Ort, wie der Dämon euch
lehrte, der euch von diesem Ort des Todes vertrieb. In der Geisterwelt gibt es sowohl
das Gute wie das Böse. Zeit und Ort, wie wir sie kennen, existieren dort nicht, und
der Mensch muß, genau wie im Körper, eine Wahl zwischen Gut und Böse treffen.»
Wieder machte Großvater eine Pause und ließ mir Zeit, seine Worte und Lehren zu
verarbeiten. Immer noch gab es drei Dinge, die ich nicht ganz verstand. Erstens,
warum wurde ich zu dem Dämon geführt? Ich begriff nicht, was meine Innere Vision
und die Geisterwelt mich damit zu lehren versuchten. Zweitens: Warum habe ich die
Landschaft bei Tageslicht gesehen, während dies alles in meiner stofflichen Realität
doch in der Nacht stattfand? Mir war klar, daß die Geisterwelt, wie Großvater gesagt
hat, weder Raum noch Zeit kennt, doch wenn es sich so verhielt - in welchem Raum
und in welcher Zeit hatte meine Geist-Reise dann stattgefunden? Und schließlich
verstand ich wohl, wenn Großvater uns sagte, wir müßten in der Dualität von Fleisch
und Geist wandeln: Aber ich sah nicht ein, wie dies gleichzeitig geschehen konnte.
Gewiß müßten stofflicher Leib und Verstand zur Ruhe kommen, in tiefes Schweigen
eingehen, bevor der Geist hervortreten konnte.
Großvater fuhr fort: «Die Welt der Geister und die Stimme der Inneren Vision haben
euch zu diesem Ort des Bösen geleitet und zu diesem Dämon, um euch zu lehren,
daß all dies existiert.
Sie lehrten euch, daß man sehr vorsichtig sein muß, wenn man sich in spirituelle
Sphären vorwagt, denn dort kann das Böse einen verletzen. Wenn man sich auf der
Reise nicht von der Inneren Vision leiten läßt, dann wird der Geist sehr anfällig für die
Dämonen des Bösen. Doch wenn ihr euch leiten laßt und wenn eure Absicht lauter
ist, dann seid ihr weniger verletzlich und stark. Ihr habt das Böse dieses Dämons
gesehen, und bald werdet ihr auch das Gute der Geisterwelt wahrnehmen. Diese
Geister, denen ihr auf eurer Reise begegnet, werden euch lehren und führen, wie ich
euch führe - in Körper und Geist. Denn auch das Böse kann, wie ihr schon oft erlebt
habt, ein Lehrer sein, wenn man die Weisheit der bösen Macht zu erkennen sucht.»
Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach Großvater weiter: «Ihr fragt euch, wie es sein
kann, daß ein Mensch in der Dualität von Fleisch und Geist gleichzeitig wandelt. Bis
jetzt war es schwierig für euch, in die spirituelle Realität zu gelangen, ohne Körper
und Geist vorher zur Ruhe zu bringen. Auch habt ihr gesehen, daß es für eine Weile
schwierig war, das logische Bewußtsein vom spirituellen Bewußtsein zu scheiden,
nachdem ihr wieder in die stoffliche Realität eingetreten wart. Es braucht einige Zeit,
bis das logische Bewußtsein voll wiedererlangt ist. Während dieser Zeit lebt man im
Fleisch und im Geist zugleich. Ihr habt nun eure stoffliche Realität mit jener der
weiteren Kreise verschmolzen. Mit jedem Übergang werdet ihr die Mauern weiter
abbauen, bis ihr eines Tages in der Dualität wandeln könnt. Bis dahin müßt ihr euch
weiterhin zuerst in das Heilige Schweigen versenken, bevor eine spirituelle Reise
beginnen kann.»
«Und schließlich», sagte Großvater, «hat es euch am meisten verblüfft, daß ihr die
spirituelle Realität eurer Reise bei vollem Tageslicht erlebt habt, während es Nacht
war in der stofflichen Realität eurer Existenz. Doch wie ich euch sagte, kennt die
Geisterwelt weder Raum noch Zeit. Alles, was jemals existiert hat, besteht weiter in
der spirituellen Realität. Jedes Lied, das je gesungen, jedes Wort, das je gesprochen
wurde, jede Tat – all dies lebt weiter dort, irgendwo. Zum Glück haben die Wege und
Irrwege normaler Menschen keine wirkliche Macht in der Geisterwelt. Darum könnt
ihr in vergangene Zeiten zurückkehren und lernen, wie es damals war. Und darum
kehrt ihr manchmal von dort zurück und singt Lieder, die seit Jahrhunderten nicht
mehr gesungen wurden. Alles, was jemals war und ist, existiert weiter im Land der
Geister.»
Er machte eine Pause, eine lange Pause, und fuhr dann fort: «Außerdem enthält die
Welt der Geister alle mögliche und wahrscheinliche Zukunft. Wie ich euch sagte, gibt
es nicht eine Zukunft, sondern nur Zukunftsmöglichkeiten. Wenn der Mensch eine
freie Wahl haben soll, im Leben wie im Geistigen, dann kann es kein Gesetz der
Zukunft geben. Das Jetzt ist wie eure offene Hand, und jeder Finger weist in die
Richtung einer möglichen Zukunft. Doch einen Finger gibt es, der anscheinend der
stärkste ist: der Finger, in dem der Fluß des Lebens sich zu versammeln scheint, und
dies ist die Zukunft, die wir die wahrscheinliche Zukunft nennen. Oft warnt die
Geisterwelt uns vor der wahrscheinlichen Zukunft, davor, wie der Gang der Dinge
uns verschlingen könnte. Der Mensch kann aber jederzeit seine wahrscheinliche
Zukunft ändern und sie eintauschen gegen eine andere wahrscheinliche Zukunft -
ganz als deutete er mit einem anderen Finger. Was ihr dort im hellen Tageslicht
eurer geistigen Reise gesehen habt, war die wahrscheinliche Zukunft. Wie ihr dann
sehen konntet, als ihr den Weg noch einmal im Fleisch gegangen seid, habt ihr
begonnen, die wahrscheinliche Zukunft zu leben - und so wurde sie euer Jetzt. Die
einzige Möglichkeit, wie ihr die Zukunft hättet ändern können, wäre gewesen, heute
morgen nicht in den Sumpf hinauszugehen.»
Lange saß ich in tiefem Schweigen und dachte nach - über alles, was Großvater mir
gesagt hatte. Mir war, als fließe mein Kopfüber von Informationen, mehr, als ich
aufnehmen konnte. So viele Fragen waren beantwortet worden, und jetzt spürte ich
noch weitere Fragen aufsteigen. Der Gedanke, mit Geistern sprechen zu können,
fesselte mich tatsächlich; so auch die Möglichkeit von Zeitreisen in die
Vergangenheit. Was mich aber wirklich faszinierte, war die Fähigkeit, der Zeit
vorauszureisen, um die möglichen Zukünfte und die wahrscheinliche Zukunft zu
erforschen. Die Idee mutete mich phantastisch an - aber wie man dorthin gelangen
konnte, wie man die Zukunft oder die Geister heraufbeschwören sollte, das war mir
immer noch ein Rätsel. Ich wußte ja: Die Voraussetzung all dessen, was wir taten,
lag in der Führung der Inneren Vision und in der Lauterkeit der Absicht. Ich glaubte
nicht mehr daran, daß man irgend etwas zum Spaß tun konnte oder nur um des
Lernens willen. Und irgendwie wußte ich, daß künftig alles von der Kraft der Inneren
Vision geleitet würde.
Großvater brach sein Schweigen und sprach noch einmal zu uns: «Jetzt ist die Zeit
gekommen, euch voneinander zu trennen und dann in die Welt der Geister
zurückzukehren. Diese Welt hat euch noch so vieles zu lehren, bevor ihr wieder nach
Hause geht. Denn von nun an sollt ihr in eurem Leben all das verwirklichen, was ihr
gelernt habt. Darum müßt ihr die Wesen der Geisterwelt und das Problem der
möglichen und wahrscheinlichen Zukunft verstehen. Was ihr in den letzten Wochen
gelernt habt, ist wichtig genug — es darf nicht aufhören oder durch eine lange
Trennung von der lauteren Wildnis unterbrochen werden. Wieder einmal wird die Zeit
knapp, und ihr müßt eure Reise in die Welt der Geister vollenden. Ihr müßt sogleich
zurückkehren.» Mit diesen Worten stand Großvater auf, gab Rick ein Zeichen und
deutete in die Richtung des Waldes. Mich schickte er zurück in den Sumpf.
6
Was die Zukunft
wahrscheinlich bringen
wird

Wir sprachen kein Wort mehr mit Großvater oder miteinander. Rick zog davon hinauf in den
Wald, und ich kehrte zurück in den Sumpf. Mein Kopf schwappte förmlich über von
Informationen. All das, was in den letzten Tagen passiert war, was ich bis jetzt gelernt hatte,
überwältigte mich. Es war so viel, daß ich es gar nicht bewußt verarbeiten konnte. Das
Aufregende und Faszinierende all der neuen Möglichkeiten erschütterte mich. Ich weinte wie
ein kleines Kind - im Laufen betete ich zum Schöpfer und dankte ihm für diese Gabe: daß er
mir mein Geburtsrecht wiedergegeben hatte. Wenn meine Lehrzeit damit zu Ende gewesen
wäre, so hätte es, was mich betrifft, vollauf genügt für ein ganzes Leben. Mehr konnte ich mir
einfach nicht vorstellen -und doch hatte Großvater gesagt, wir stünden erst am Anfang.
Stundenlang wanderte ich dahin und machte mir keine Sorgen, wohin der Weg mich führte.
Aber sonderbar, aus irgendeinem Grund schienen jetzt alle Gedanken aus meinem Kopf
verflogen, alle Fragen verschwunden, und ich durchforschte mit wachen Augen den Sumpf.
So ließ ich mich durch die Landschaft treiben, folgte verschiedenen Fährten, ließ meine
Aufmerksamkeit von den Blumen im saftig grünen Moosteppich zu den hohen Wipfeln der
Fichten hinüberschweifen. Mein Kopf hallte wider vom Schnattern und Zirpen der Vögel; und
überall waren Leben und Natur in ständiger Bewegung. Nie hatte ich den Sumpf so herrlich
erlebt, nie hatte er mir so wunderbare Ablenkung meines Bewußtseins geboten und meine
ganze Seele mit seiner Schönheit durchtränkt. Es war wirklich der Tempel der Schöpfung, ein
Ort der Erleuchtung, wo Mensch und Natur verschmolzen, wo man Gott erreichen konnte.
In der Natur lebt ein wunderbares Bewußtsein, das jede Seele tief zu durchdringen
scheint. Sie schenkt uns Reinigung, Heilung und Erweckung, als würden Hast und
Trubel des Lebens von uns abfallen, als gäbe es nichts als lautere Reinheit. Ich kann
mir kaum vorstellen, daß man durch die Natur wandern könnte, ohne daß alle Bürden
des Lebens von einem abfallen. Jeder von uns kann wahrhaft im Geist der Natur
wandeln, und hier findet sich alle Wahrheit und alles Entzücken. Denn nirgendwo bist
du dem Schöpfer näher als in den Tempeln, die seine Hände geschaffen haben.
Diese Wanderung an diesem Tag, in diesem sommerlichen Sumpf war so notwendig
für mich, denn sie befreite mich von allen lastenden Sorgen, und endlich vermochte
ich klar zu denken. Stundenlang verlor ich mich in Entzücken. Auf einer unbewußten
Reise durch reine Bewußtheit wurde ich neu geboren.
Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß mir Arbeit bevorstand, bis ich die Sonne am
fernen Horizont sinken sah. Großvater hatte mich in den Sumpf geschickt, doch er
hatte mir keinen Hinweis gegeben, welche Übungen ich hier verrichten oder wie ich
diese Übungen anfangen sollte. Die drei Fragen, die mich bewegt hatten, waren
beantwortet worden; aber ich glaubte, daß Großvater von mir erwartete, sie noch
tiefer zu erforschen. Da gab es die Kommunikation mit den Geisterwesen, die
mögliche und wahrscheinliche Zukunft, und es galt alles noch einmal zu überdenken,
was ich gelernt hatte. Aber im Augenblick zu später Stunde blieb mir nichts anderes,
als mich von meiner Inneren Vision zum nächsten Ort, zur nächsten Lektion führen
zu lassen. Hier und jetzt war meine Innere Vision es zufrieden, daß ich nur so
dahinwanderte, direkt ins Herz der Nacht. Es war zu schön!
Endlich erreichte ich eine Stelle am anderen Ende des Sumpfes, wo ich noch nie
gewesen war. Die kleine Anhöhe am nördlichen Rand des Sumpfes, wo ich mich
niederließ, bot mir weiten Ausblick über das ganze Gebiet. Die Sterne schienen
herabzuregnen auf die Wipfel der hohen Fichten in der Ferne, während die kleineren
Bäume in der Nähe in einem dunklen Teppich zu versinken schienen, der nur so vor
Leben wimmelte. Hier hatte meine Innere Vision mir befohlen, mich hinzusetzen, zu
warten und zu lauschen. Ich saß erst einen kurzen Moment, als ich mich auch schon
ins Gras streckte und einschlief. Es gab keinen Widerspruch dagegen, weder von
meinem Verstand noch vom Herzen, denn ich war in jeder Hinsicht jenseits aller
Erschöpfung. Die Nacht war warm und schön, so tröstlich und friedvoll, daß ich tief
und traumlos schlief.
Mit jähem Ruck erwachte ich, als ich ein kleines Rudel Hirsche näherkommen hörte,
die durch den Sumpf zogen. Zuerst hatte ich keine Ahnung, was da im Gebüsch
raschelte. Angst legte sich mir auf die Brust, und unbewußt hielt ich den Atem an,
während das gestrige Bild des Dämons vor meinem inneren Auge aufblitzte. Aber im
nächsten Moment konnte ich das Geräusch identifizieren, und schon war alle Furcht
von mir gewichen. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich geschlafen hatte, aber es
war immer noch dunkle Nacht. Nach der Stellung der Sterne am Himmel zu urteilen
fehlten noch etliche Stunden bis Zum Morgengrauen. Ich hätte gut noch ein Weilchen
schlafen können, doch meine Innere Vision erlaubte es nicht, und das jähe Erwachen
hatte meine Energien mobilisiert. Ich war nicht müde, sondern fühlte mich sehr
erfrischt.
Jetzt war es Zeit, an die Arbeit zu gehen, denn meine Innere Vision machte sich
pochend bemerkbar - und dies war die Kraft, die mich am Schlafen hinderte. Lange
blieb ich nun sitzen und schaute hinaus auf den Sumpf, zwischendurch betete ich
und bat um Führung. Ich glaube, ich zögerte irgendwie, denn die Furcht vor dem
Dämon belastete noch mein Herz, obwohl ich ihr nicht nachgeben mochte. Irgendwie
ahnte ich, daß ich noch einmal in die Geisterwelt eingehen mußte, um dort meine
nächste Lektion zu lernen. Während ich also betete und immer wieder zauderte,
gewahrte ich das leise Schwirren von Insektenflügeln, aber es war gar kein Insekt.
Eher klang es wie eine ferne Kettensäge, aber irgendwie unwirklich, denn der Sumpf
sang noch immer sein nächtliches Lied. Nun hatte ich es lange genug
hinausgeschoben, jetzt mußte ich meiner Inneren Vision folgen — zu meiner
nächsten Lektion.
Wieder dachte ich an die spirituelle Reise, und wieder stieg Furcht vor dem Dämon in
mir auf. Ja, ich erinnerte mich, daß Großvater gesagt hatte, die Dämonen hätten
keine Macht über mich, solange ich mich von meiner Inneren Vision führen ließe und
meine Absicht lauter wäre. Aber irgendwie half mir das nicht. Die Begegnung mit
diesem Dämon tat ihre Wirkung: Sie vermittelte mir einen gesunden Respekt vor der
Welt jenseits des Stofflichen. Ich war mir verdammt sicher, daß ich kein Risiko mehr
eingehen und nur zum Spaß diese Welt erforschen würde. Dorthin wollte ich nur
gehen, wenn meine Innere Vision es mir so eindringlich befahl, daß ich nicht mehr
zweifelte. Bei dieser Überlegung machte meine Innere Vision sich so stark
bemerkbar, daß sie förmlich mein Herz überflutete und ich gehorchen mußte - ohne
Rücksicht auf meine Angst.
Wieder blickte ich über den Sumpf; die Schönheit der Landschaft war überwältigend.
Ich betete um Führung und versenkte mich tief in die Welt der Stille. Ich brauchte
nicht lange, um wirklich in das Heilige Schweigen einzutreten, und in blitzartiger
Klarheit waren Körper und Geist verschwunden. Da stand ich bei vollem Tageslicht in
der blendenden Helle der Sumpflandschaft. In meiner Vorstellung gab der Sumpf mir
ein neues Gefühl - ein Gefühl, das mein Bewußtsein und meine Seele reinigend und
heilend durchströmte. Ringsumher floß das Leben in breiter Bahn, anders als alles,
was ich bislang erlebt hatte. Grüne Moosteppiche, ein Chor von Vogelstimmen und
emsig flatternde Flügel, andres Getier, das zum Rhythmus der Erde tanzte, und eine
Schönheit, wie ich sie noch nie erlebt hatte.
Stundenlang, so schien es mir, streifte ich durch dies Wunderland meiner inneren
Vorstellung, aber die Zeit stand still - denn Zeit spielte hier keine Rolle. Ich begann im
Sumpf herumzuspielen, sprang über gefallene Baumstämme und tanzte durchs
Moos wie ein menschlicher Phantasievogel. Tiere pirschte ich an, bis ich sie
anfassen und streicheln konnte. Sie wölbten den Rücken, Streckten sich und
genossen das Kraulen. Vögel landeten auf meinen Schultern, meinem Kopf, und ich
verstand die Sprache der Reiher, der Fische, der Schildkröten. Der Sumpf war zum
Paradies geworden, zu einem Garten Eden, wo meine Welt vollkommen wurde. Es
gab keine Krankheit mehr, keinen Schmerz, keine Verletzung, nur Reinheit und Kraft
und vor allem Frieden, Liebe und grenzenlose Freude. Ich fühlte mich heil, ganz und
geläutert.
Ich ließ mich zurückfallen auf den smaragdgrünen Moosteppich und ließ die Natur in
mich einströmen. Ich spürte die Geister um mich her, als ob sie abwarteten und mich
beobachteten, aber ich hatte keine Angst. Ich spürte keine anklagenden oder
prüfenden Blicke der Geistwesen. Es war, als beobachteten sie nur, als warteten sie,
während auch sie über die Ruhe und Reinheit der Sumpflandschaft jubelten. Ich
konnte sie nicht sehen, aber ich spürte sie - mächtig, abwartend, beobachtend und
liebevoll. Nie im Leben hatte ich mich so gut, so geläutert gefühlt. Das war es, so
sollte der Mensch auf Erden leben. Ich empfand keinen Hunger und keinen Durst, ich
war nicht müde und fühlte mich auch nicht einsam. Es gab keinen Tod und keine
Krankheit, nur die Lauterkeit der Schöpfung und die allgegenwärtige Liebe des
Schöpfers.
Wieder wurde meine Welt erschüttert durch den knarrenden, summenden Laut, den
ich gehört hatte, bevor ich in geistige Welten reiste. Zuerst klang es wie zornige
Bienen oder Moskitos, dann aber wurde mir klar, daß es das Dröhnen von
Motorsägen sein mußte. Ich war mir ganz sicher, nachdem die Tiere vor dem
Geräusch zu fliehen begannen. Der splitternde Tod von Bäumen hallt hörbar über
den Sumpf, und der Aufprall ihrer Körper, die zu Boden stürzten, machte die Erde
zittern. Plötzlich gab es keinen Frieden mehr, keine Freude, keine Lauterkeit, denn
alles versank im Chaos, und Tod und Furcht waren überall. Ich spürte, wie Fichten
ringsum zitterten vor Angst, und ihre Furcht teilte sich allen Pflanzen, Tieren und
Geistern mit in diesem eben noch so schönen und reinen Paradies. Auch ich
versuchte zu fliehen, zusammen mit Tieren und Geistern, doch ich wurde am Boden
festgehalten, unfähig zu flüchten oder mich zu bewegen, an die Erde gefesselt und
wehrlos wie die Bäume.
Ringsumher krachten die sterbenden Körper der Bäume zur Erde, während ich eine
kleine Gruppe von Männern mit Motorsägen näherkommen sah. Anfangs dachte ich,
sie wollten mich von der Erde losschneiden, aber sie zogen an mir vorbei und
schnitten die Bäume hinter mir um. Sie sahen mich gar nicht und fällten weiter
Bäume, während ich verzweifelt versuchte, ihnen Einhalt zu gebieten. Aber sie
hörten meine Stimme nicht, und ich fühlte mich so hilflos wie die Bäume, die sie
fällten. Die dröhnenden Kettensägen entfernten sich tiefer in den Sumpf.
Stundenlang, so schien es, ging das Bäumefällen weiter, während der Sumpf
widerhallte vom Splittern der Stämme, vom Stürzen der Fichtenriesen. Ich sah die
Bäume ringsumher sterben, ihr Leben langsam aus offenen Wunden versickern.
Bäume sterben nicht gleich, wenn sie gefällt werden, sondern in langsamer Agonie -
und das bedeutet Leiden.
Der Lärm der Kettensägen hörte endlich auf, und Ruhe lag über dem einst so
schönen Sumpf. Ich stellte mir vor, wie ich durch ein Gewirr gestürzter Bäume
wanderte und ein Gebiet überblickte, das mehrere Quadratmeilen umfaßte. Wo einst
riesige Fichten im saftgrünen Sumpf aufragten, gab es jetzt offenes Land, wirres
Buschwerk, tote Tiere und sterbende Bäume. Nicht länger war es das spirituelle
Paradies, das ich mir vorgestellt hatte, sondern die sprichwörtliche Hölle.
Verschwunden waren die Tiere, die Ruhe, die Reinheit, verschwunden die
Kathedrale Gottes. Was blieb, war nur eine offene Wunde, schwärend im Fleisch der
Erde. Verschwunden waren auch Liebe und Leidenschaft, die ich empfunden hatte,
und damit alle Hoffnung. Ich hatte keine Ahnung, warum diese Menschen den Wald
hier fällten, denn es war Staatsforst, und der durfte nicht gerodet werden. In mir
kochte eine Wut, wie ich sie nie empfunden hatte. Alles war jetzt verloren, alle
Hoffnung dahin, und ich hatte es nicht verhindern können.
Lange blieb ich auf dem Stamm eines sterbenden Baumriesen sitzen und überblickte
das Massaker. Mir war übel. So schnell war all dies geschehen, schneller, als es
normalerweise gedauert hätte, einen Wald zu roden. Es war, als ob diese Leute sich
vorsätzlich beeilten, doch warum? Dann drangen neue Menschenlaute durch den
Wald. Diesmal war es das Surren von Seilen und Seilwinden, die die Bäume
fortschleiften. Das Pochen hackender Äxte erfüllte die Luft, begleitet vom Poltern
riesiger Raupenschlepper. Wütende Männerstimmen waren zu hören, hin und her
schallten sie mit einer hektischen Intensität, die mir sagte, daß sie in Eile sein
müßten. Stundenlang ging es in meiner inneren Vorstellung weiter, bis nach
Sonnenuntergang und weit in die Nacht. So plötzlich, wie alles begonnen hatte,
rumpelte dann der letzte Lastwagen davon, und Stille zog wieder ein -eine tödliche
Stille. Kein Tier und kein Blatt mochte sprechen, denn alle waren geflohen, viele
waren tot.
Ich reckte mich und brüllte vor Wut, meine Schreie kamen jetzt aus meinem
physischen Körper. Aus einem schrecklichen Traum war ich erwacht - doch der Wald
lebte noch. So außer mir war ich vor Freude, daß ich den nächsten Wildwechsel
entlangrannte, hinein in die Tiefen des Sumpfes. Noch immer standen die Fichten
dort, noch nicht gefällt, und überall waren die Stimmen der Tiere. Ich streifte durch
den Sumpf, streichelte die Bäume und umarmte sie, dankbar dafür, daß sie noch
lebten. Es war wie ein Wiedersehen, eine Zusammenkunft lieber alter Freunde. Als
die ersten Strahlen des Tageslichts die Bäume am Horizont erreichten, fiel ich auf die
Knie und betete inbrünstig. Mein Herz war voll Dankbarkeit. Traum oder nicht, all dies
war mir so real erschienen! Ich zweifelte nicht, daß alles ein Traum gewesen war,
denn der Wald war unversehrt und lebendig geblieben.
Langsam schlendernd verließ ich den Sumpf. Mein Herz sagte mir, ich solle zu
Großvaters Camp zurückkehren, aber mir war, als hätte ich noch Arbeit vor mir.
Immerhin war ich noch nicht in die mögliche Zukunft eingekehrt, wie Großvater es
verlangt hatte. Ich wollte nicht zu ihm zurückkehren, bis ich etwas zu berichten hätte.
Während ich den Sumpf hinter mir ließ, wo noch Morgennebel hingen, umarmte ich
die letzte große Fichte. Währenddessen frischte der Wind auf, und alle Bäume des
Waldes begannen zu tanzen und zu winken. Ganz fest umarmte ich diesen Baum,
als ich plötzlich eine leise Stimme hörte, wie ein schwaches Flüstern an meinem Ohr.
Sie schien zu sagen: «Waldfrevler. Darum haben sie's eilig.» Dann war alles wieder
still. Ich warf den Kopf zurück, um diese Stimme abzuschütteln. Tatsächlich war die
Trennlinie zwischen der stofflichen Realität und der geistigen Realität nur schmal.
So verließ ich den Sumpf und wanderte weiter bis zum Spätnachmittag. Da beschieß
ich, auf einen Hügel zu steigen, der südlich unseres Lagerplatzes gelegen war, um
dort zu beten. Großvater hatte diesen Hügel immer den «Gebetshügel» genannt. Ich
liebte den Aufenthalt dort, denn er war nicht sehr hoch, bot aber einen herrlichen
Ausblick über die Pine Barrens. Während ich zur Kuppe hinaufstieg, empfand ich im
Magen das falsche Gefühl, allerdings nicht sehr stark. Fast während meiner ganzen
Wanderung hatte ich vergessen, meine Innere Vision zu befragen, denn mein
Bewußtsein kreiste noch immer um den Traum der letzten Nacht. Jetzt an diesem Ort
der Stille und des Gebets machte sich meine Innere Vision bemerkbar. Noch immer
lag Arbeit vor mir, und dieser Hügel war gut geeignet, meine Suche fortzusetzen. Ich
wollte jetzt nicht zu Großvater zurückkehren, obgleich meine Innere Vision mir etwas
anderes gebot.
Noch lange nach Sonnenuntergang blieb ich auf dem Hügel sitzen, bis tief in die
Nacht. Ich hatte alles verfehlt, was ich in geistigen Welten suchte, sogar im Gebet,
und ich war sehr frustriert. Nichts wollte gelingen; nur daß meine Innere Vision mir
eindringlich gebot, Großvater aufzusuchen. Je mehr ich mich dagegen sträubte, der
inneren Stimme zu lauschen, desto mächtiger wurde sie, bis ich nachgeben mußte
und zurückkehrte zu Großvaters Camp.
Es war schon spät, als ich endlich an seinem Lagerplatz eintraf. Mehr als ein Tag
war vergangen seit meinem Traum von dem herrlichen Sumpf, und er war jetzt nur
noch ferne Erinnerung, ohne die Eindringlichkeit, die er gehabt hatte. Bevor ich zu
Großvater kam, hatte ich beschlossen, daß es vielleicht nicht so wichtig wäre, von
meinem Erlebnis zu sprechen. Es war mir Sogar etwas peinlich, da ich nichts
anderes als diesen Traum zu berichten hatte. Während ich mich seinem heiligen
Platz näherte, war ich fast überzeugt, ich sollte ihm einfach sagen, daß meine Innere
Vision nicht zu neuen Lektionen geführt hätte was ja, was mich betraf, der Wahrheit
entsprach. Endlich fand ich ihn. Er saß nicht an seinem Platz, sondern abseits am
Rande des Sumpfes. Ohne aufzublicken, winkte er mich heran. Kein Wort wurde
gesprochen, und ich spürte, daß ihn etwas traurig machte. An den Spuren am Boden
erkannte ich, daß er schon lange hier saß.
Wir schwiegen noch eine Weile, dann stand er auf, und ich folgte ihm. Er stieg die
Böschung hinunter und ging hinaus in die Weite des Sumpfes. Schließlich kamen wir
in die Gegend des stillen Wassers und gingen weiter - auf demselben Weg, den ich
tags zuvor genommen hatte. Es war eine beschwerliche Wanderung für mich, nicht
wegen des schwierigen Terrains, sondern weil ich darauf brannte, mit ihm zu
sprechen. Ich hatte das Gefühl, daß er mir böse sei, auch wenn er mir dies nicht
durch Taten zu verstehen gab, sondern nur durch sein Schweigen. Oft blieb er
stehen und lauschte, nicht mit seinem physischen Gehör, sondern mit einem tieferen,
umfassenderen Sinn. Dann ging er weiter, noch immer ohne ein Wort. Ich wußte, er
suchte etwas jenseits des Stofflichen und lauschte hinein mit seiner Inneren Vision.
Doch meine innere Stimme blieb diesmal stumm.
Als wir uns jener Stelle im Sumpf näherten, wo ich gesessen hatte, hörte ich plötzlich
das ferne Poltern eines großen Lastwagens, und Bilder aus jenem Traum der letzten
Nacht stürzten wieder in meine Realität. Gleichzeitig überfiel mich ein schmerzliches
Verlustgefühl, das ich nicht benennen konnte. Ich wußte nur, daß es aus den Tiefen
der Inneren Vision kam. Fast wurde mir übel, aber nicht aus körperlichen Gründen.
Ich folgte Großvater bis zum Ausgangspunkt des Wildwechsels, der zu der Stelle
führte, wo ich gesessen hatte. Jetzt wußte ich, daß Großvater mich an dieselbe
Stelle zurückführte, wo ich den Traum gehabt hatte. Ich spürte, daß mit dem Walde
etwas nicht stimmte — ein Gefühl, das ich in der Nacht zuvor nicht gehabt hatte. Es
war, als hätte ich irgendwie versagt, und weder die Bäume noch die Tiere wollten zu
mir sprechen.
Wir schritten noch ein paar Meter weiter - und kamen an einer breiten Schneise
heraus, an die ich mich nicht erinnern konnte. Anfangs fühlte ich mich desorientiert,
wußte nicht, wo wir eigentlich waren. Dann aber trat Großvater zur Seite und
bedeutete mir, ich solle auf die Lichtung hinaustreten. Erst jetzt erkannte ich, daß es
eine Bresche der Zerstörung war. Alle Bäume waren gefällt, und der Wald stand nicht
mehr. Es war derselbe Wald, den ich im Traum gesehen hatte, doch die Zerstörung
war frisch - die Bäume abgeschlachtet erst an diesem Tag. Mir -wurde furchtbar
schlecht, und das Gefühl meines Versagens erdrückte mich. Zu traurig, um etwas
sagen zu können, folgte ich Großvater zu dem Platz, wo ich die Nacht zuvor
gesessen hatte. Es wirkte alles so wirklich wie im Traum, doch es war ganz und gar
kein Traum! Dies war die wahrscheinliche Zukunft, nunmehr Wirklichkeit geworden.
Lange saßen wir und schwiegen, während ich auf die kahle Rodung hinausblickte.
«Waldfrevler», dachte ich. «Darum hatten sie es so eilig.» Mir war übel, denn ich
hatte die mögliche Zukunft vorausgesehen — und nichts getan, um ihre Wirklichkeit
zu verhindern. Nein, ich wußte nicht, was ich hätte tun sollen, denn ich war nur ein
kleiner Junge. Aber wenigstens hätte ich die Behörden alarmieren können. Vielleicht
wäre der Wald nicht gerodet worden, wenn ich meiner Inneren Vision gehorcht hätte
und hier geblieben wäre. Immerhin konnten sie keine Zeugen brauchen, und wenn
sie mich dort entdeckt hätten, wären sie vielleicht geflohen. Trotz allem fühlte ich
mich grauenhaft, fühlte mich verantwortlich, als hätte auch ich Teil an der Zerstörung
des Waldes. Indem ich nicht versucht hatte, ihnen Einhalt zu gebieten, hatte auch ich
mich schuldig gemacht. Aber ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen, Um
auf andres zu achten als auf mich selbst.
Großvaters Stimme drang in meine Grübelei, aber sie klang Weder vorwurfsvoll noch
böse. Er sagte: «Seit vielen Sonnenkreisen hast du gelernt, deine Innere Vision zu
befragen und auf sie zu hören. In dieser letzten Nacht aber hast du es versäumt.
Dein logisches Bewußtsein erkannte keinen Beweis dafür, daß das Traumbild real
sein könnte, weil der Wald noch ungerodet dastand. Hättest du auf die inneren
Stimmen gehört, dann hättest du gewußt, daß es die Realität der wahrscheinlichen
Zukunft war, die du miterlebtest. Du hörtest die Stimme des Haimi-Geistes, die dir
sagte, daß es Waldfrevler seien. Aber wieder verkanntest du es als Einbildung, als
Geflüster des Windes. Du bist dem Wald nichts schuldig geblieben, denn ich
bezweifle, ob du etwas hättest tun können, um den Holzeinschlag zu verhindern.
Was du aber versäumt hast, war, die Stimme der möglichen oder wahrscheinlichen
Zukunft zu erkennen. Jetzt kennst du sie wohl. Ich glaube nicht, daß du sie wieder
mit Launen oder Phantasien verwechseln wirst, denn jetzt sieht drin Vorstand das
Ergebnis.»
Ich antwortete nicht, nein, ich konnte nicht antworten. Ich fühlte mich dennoch
verantwortlich, ganz gleich, was Großvater sagte. Wie recht er hatte! Ich hatte
angenommen, dies alles sei nur ein Traum, und als ich erwachte, gab es keinen
physischen Beweis dafür, daß der Wald gefällt worden sei. Ich hatte nur auf mein
physisches Denken gehört, nicht auf mein spirituelles Bewußtsein, und die Stimme
als Traum verkannt. Und dann sagte Großvater: «Wie du gesehen hast, gibt es oft
keine physischen Beweise für das, was die Innere Vision uns sagt. Was mich betrifft,
so folge ich immer meiner Inneren Vision, ganz gleich, was mein physisches
Bewußtsein denken oder wissen mag. Die Innere Vision des spirituellen Bewußtseins
weiß Dinge, die sich das stoffliche Bewußtsein nicht mal erträumen kann. Allerdings
hast du eine wertvolle Lektion gelernt. Höre also auf das spirituelle Bewußtsein,
wann immer es zu dir spricht, denn es spricht die Wahrheit.»
Wieder schwiegen wir. Nach einer Weile sprach Großvater weiter: «Indem du nach
Erklärungen suchtest, nach Beweisen, um deinem physischen Bewußtsein zu
schmeicheln, hast du das spirituelle Bewußtsein geschwächt und verzerrt. Wie du
jetzt siehst, kann das stoffliche Bewußtsein unser größter Feind wie auch unser
stärkster Verbündeter sein. Wie oft müssen wir einfach akzeptieren, was die Innere
Vision uns als Wahrheit verkündet, und unseren Wunsch nach Erklärungen und
Beweisen beiseite schieben. Denn der Glaube, vergiß es nicht, ist ein Teil der Kraft.»
Wieder machte Großvater ein Pause, und dann sagte er: «Du hast es noch nicht
vollendet. Wenn du auf deine innere Stimme hörst, wird sie dir sagen, daß du
hierbleiben und lernen sollst. Noch immer gibt es so vieles, was du verstehen mußt,
bevor die Nacht vorbei ist.» Damit verließ Großvater den Platz, wo wir saßen, und
wanderte zurück durch den hingemetzelten Wald. Ich blieb sitzen, ganz gedemütigt
durch mein Versagen. Ich hatte mich von meinem physischen Bewußtsein
beherrschen lassen, hatte den Glauben vergessen und nicht meiner inneren Vision
gehorcht. Jetzt mußte ich den Preis bezahlen. Der Wald war verloren, der Tempel
zerstört, und ich trug die Schuld.
Taub war ich gegen die Laute der Nacht, während ich auf den Sumpf blickte, der
einst so schön war. Ich wußte, es würde Jahre dauern, bis der Wald wieder
nachwüchse, so, wie er einmal gewesen war. Die Natur bemüht sich, die vom
Menschen geschlagenen Wunden zu heilen, aber es ist ein langsamer Prozeß. Ich
war so bedrückt, so enttäuscht von mir selbst, daß ich glaubte, ich hätte nicht nur die
Zerstörung der Sumpflandschaft zugelassen, sondern auch vor dem Schöpfer
versagt. Ich hatte es nicht verhindert, daß einer seiner Tempel zerstört wurde. So
betete ich um Führung, aber ich fühlte mich unwürdig, zum Schöpfer zu sprechen.
Dann aber, im Augenblick meiner tiefsten Trauer und Selbstkritik, schien mein
Bewußtsein sich zu klären, und ich versenkte mich in tiefe Stille. Wieder fühlte ich
Frieden, fühlte mich frei von aller Trauer. Ich fühlte mich geliebt.
Ich blickte hinaus auf den kahlen, gerodeten Sumpf. Die Stille war überwältigend,
aber nicht anklagend. Dann aber nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung
wahr. Es war nur ein kurzer Moment, aber es war kein Tier; es war eher etwas -wie
ein Mensch, auch wenn ich kein Geräusch hörte. Ich schaute genauer hin, versuchte
die Dunkelheit zu durchdringen, und ja, jetzt sah ich etwas, das mir zuerst wie ein
dichtes Gebüsch erschien. Sofort befahl mir meine Innere Vision, dorthin zu gehen,
und ich gehorchte ohne Zögern. Ich wollte die Stimme nicht mehr verleugnen und
wieder den gleichen Fehler begehen.
Während ich zur Mitte der Rodungsfläche vordrang, sah ich etwas, das gar kein
Busch war, sondern irgend jemand, der über einen gefällten Baum gebeugt lag wie
im Gebet. Ich empfand keine Angst, wie ich sie einst vor dem Dämon auf jener
Lichtung empfunden hatte; vielmehr spürte ich eine eigenartige Ruhe. Ich wußte, daß
dieser Mann, falls es ein Mann war, nicht von dieser Welt stammte, sondern aus der
geistigen. Ich war verwirrt, denn ich konnte mich nicht erinnern, zu einer Reise in
spirituelle Welten aufgebrochen zu sein. Ich war hellwach und in meinem physischen
Bewußtsein.
Ich ging näher heran, hatte aber keine Furcht. Ich sah, daß er oder sie oder es -
damit beschäftigt war, ein kleines Fichtenbäumchen einzupflanzen und liebevoll
dabei betete. Langsam erhob sich das Wesen und drehte sich zu mir - auf eine Art,
die mir verriet, daß es die ganze Zeit von meiner Anwesenheit gewußt hatte. Wie es
dort stand und mich ansah, war ich noch zu weit entfernt, um sein Gesicht zu
erkennen, aber es winkte mich wortlos heran. Aus der Nähe sah ich, daß es ein alter
Mann war, in eine sehr alte, zerschlissene Decke gehüllt. Ich dachte sofort, er könne
einer der Ureinwohner sein, auch wenn seine Gesichtszüge keine rassische
Zuordnung erlaubten. Allerdings zeigte er das Verhalten eines Menschen aus alter
Zeit, als er nun auf einen Baumstumpf zeigte und mir bedeutete, mich zu setzen.
Es folgte ein langes Schweigen, während er mich mit seinen traurigen, großen Augen
zu mustern schien. Das erinnerte mich daran, wie Großvater uns beide manchmal
ansah. Sein Mund war ausdruckslos, und mir wurde etwas unbehaglich. Dann sprach
er zu mir in sehr freundlichem und liebevollem Ton: «Ich bin nicht die Stimme des
Volkes der Bäume, die heute morgen zu dir gesprochen hat, sondern ich bin die
Stimme der Geisterwelt, der Hüter dieses Waldes und vieler Wälder. Du bist nicht
verantwortlich für die Zerstörung des Waldes, denn du hättest nichts tun können, um
seinen Tod zu verhindern. Diese Männer, die lieblos und unwissend Bäume fällten,
hätten dich verletzt, denn sie haben auch andere verletzt, die sich ihnen in den Weg
stellten. Du hast eben erst gelernt, auf die Möglichkeiten der Zukunft und auf die
Stimmen der Geister zu hören. An dir ist kein Makel.»
Er machte eine Pause und setzte sich feierlich auf einen Baumstamm. Ich zögerte
zuerst, dann sagte ich zu ihm: «Das ist nicht wahr. Wäre ich hier gewesen, dann
hätte ich sie in ihr Lager verfolgen und sie dann bei der Polizei oder den Waldhütern
anzeigen können.» Sein vorher ausdrucksloser Mund lächelte jetzt liebevoll, als er
sagte: «Du hättest ihnen nicht folgen können, denn ihr Versteck ist viele Meilen
entfernt. Die Waldhüter fahnden schon seit Monaten nach ihnen, doch ohne Erfolg.
Ich kenne sie gut, denn sie haben viele meiner Wälder vernichtet. Jetzt aber kannst
du helfen, denn ich weiß, wo ihr Versteck sich befindet, und du sollst die Leute
führen, die nach ihnen fahnden.» - «Aber was könnte ich ausrichten? Und wer wird
mir glauben?» fragte ich. Wieder sprach der Geist und sagte: «Sie verstecken sich
am alten Teich, nicht weit von dort, wo die zerstörte Mühle steht. Dort schlachten sie
Bäume für den Markt, und dort sind sie zu finden.»
Plötzlich erwachte ich wieder in meinem stofflichen Leib, und der Geist war
verschwunden. Ich scherte mich nicht darum, ob es Traum oder Wirklichkeit
gewesen war. Jetzt wußte ich, was ich zu tun hatte. Ich wollte meinem Verstand
keine Chance geben, wegzudiskutieren, was ich eben gehört hatte - oder was ich zu
hören mir vorgestellt hatte. Immerhin hatte ich bereits einen Fehler gemacht, und ich
durfte nicht riskieren, diese Mitteilung zu ignorieren, sei sie real oder nicht. Meine
Innere Vision hatte mich noch nie getäuscht, und jetzt sagte sie mir, daß die
Vorstellung und die Mitteilung auf Wahrheit beruhten. Dennoch wußte ich nicht, was
ich tun sollte. Es wäre schwierig, die Behörden - oder wen immer - davon zu
überzeugen, daß ich von illegal operierenden Holzfällern wußte, die meilenweit von
unserem Camp ihr Geschäft betrieben.
Ich zögerte aber nicht, sondern machte mich gleich auf den Weg zum Camp.
Unterwegs ließ ich mir alles durch den Kopf gehen, was mir zugestoßen war. Falls es
sich so verhielt und nicht nur Einbildung war, dann hatte ich nicht nur in die mögliche
Zukunft geblickt, sondern auch ganz real mit einem Geist kommuniziert. Schon früher
hatte ich Begegnungen mit der Welt der Geister gehabt, aber sie waren nicht von mir
gewollt. Solche Begegnungen fanden eher in Träumen statt, eher aus Zufall als aus
freier Entscheidung. Wie ich dahinschritt, erinnerte ich mich, wie ich zum erstenmal
eine Botschaft von einem Geist empfangen hatte. Wir befanden uns auf einer langen
Wanderung, als dieser Geist im Traum zu mir kam. In der ersten Nacht unserer
Wanderung hatten wir Reisighütten gebaut und waren in lange ersehnten Schlaf
versunken. Und dann war der Geist mir erschienen.
Irgendwann in der Nacht hatte ich einen lebhaften Traum. Er ragte heraus unter all
den ändern, weil er mir so wirklich vorgekommen war, so eindringlich. Zuerst kamen
Bilder, wie wir dahinwanderten auf dem Weg, den wir anderntags einschlagen
wollten. Die Landschaften, durch die ich kam, waren sehr deutlich, das Fortkommen
war leicht, und es war viel wärmer als am vorhergehenden Tag. Ich erkannte alle
Einzelheiten der Landschaft, auch daß Großvater und Rick sich dort befanden. Dann
träumte ich, daß ich mich einem Bach näherte - ein Bach, aus dem ich zu trinken
pflegte, und der erste, an dem wir seit Beginn unseres Marsches vorbeikommen
sollten. Tiefe Erleichterung überkam mich, als ich ans Ufer trat. Ich freute mich
darauf, meinen Durst zu stillen - nach solch langer, beschwerlicher Wanderung. Der
Bachlauf bot Ansichten von unverfälschter Schönheit, tröstlicher Kraft und
lebensspendender Schöpfung.
Als ich mich im Traum niederbeugte, um aus dem Bach zu trinken, erschrak ich über
das Bild eines alten Indianers im Spiegel des Wassers. Ich hob den Kopf, ich blickte
hinüber - und dort stand derselbe alte Indianer und schaut zu mir herüber. Er schien
sehr alt, älter als Großvater, und doch stand er sehr aufrecht, stolz und stark. Er
schwenkte die flache Hand vor der Brust als grüßende Geste und sprach dann mit
ernster Stimme seine Warnung: «Trinke nicht mehr von diesem Wasser von heute
an. Und übermittle diese Warnung auch deinen Enkeln und Enkelkindern.» Damit
deutete er den Bach hinauf und sagte: «Der Bach ist vergiftet worden. Laß dich nicht
täuschen durch die Klarheit des Wassers.» Bevor ich weitere Fragen stellen konnte,
war er verschwunden, und dann war ich wieder in tiefen, traumlosen Schlaf
versunken. So lebhaft erinnerte ich mich jetzt, wie ich am ändern Morgen erwachte.
Der Traum war mir noch bewußt, aber ich wollte Großvater und Rick nichts davon
erzählen und nicht riskieren, als Narr dazustehen, ganz gleich, wie wichtig der Traum
mir vorgekommen war.
Wie ich damals den Fehler begangen hatte, von einer spirituellen Begegnung nichts
zu erzählen, so hatte ich ja auch jetzt den Fehler gemacht, die bevorstehende
Zerstörung des Fichtensumpfes zu verschweigen — und folglich den Tempel
verloren: aus Furcht, als Narr dazustehen, genau wie bei meiner ersten Begegnung
mit einem Geist. Jetzt war ich daher entschlossen, den Fehler nicht zu wiederholen.
Und darum schob ich meinen Stolz beiseite wie auch meine Furcht zu versagen.
Wie lebhaft erinnerte ich mich, während ich weiterwanderte, was dann passierte,
nachdem wir an diesem Morgen nach meiner ersten Begegnung mit einem Geist
vom Camp aufgebrochen waren. Schon früh war es heiß geworden, viel heißer als
am Vortag. In der Klarheit der Morgendämmerung zeichnete sich der Wald deutlich
ab, und jenes Gefühl der Eindringlichkeit, das ich im Traum gehabt hatte, verstärkte
sich wieder. Als wir zu diesem Bach kamen, wollte ich Großvater von meinem Traum
erzählen, aber ich zögerte immer noch - und ließ die Gelegenheit verstreichen. Ich
trat an den Bach und beugte mich über das Wasser. Rick und Großvater taten es
ebenso. Als ich das klare Wasser vor mir sah, wirkte es so rein, unverdorben und
schön. Doch als ich dann mit der Hand schöpfen und trinken wollte, spiegelte sich
einen Moment lang das Bild jenes alten Indianers auf der Oberfläche, genau wie ich
es im Traum gesehen hatte. Ohne nachzudenken, rief ich Großvater und Rick zu, sie
sollten nicht von dem Wasser trinken.
Rick hatte kurz aufgeblickt, dann ignorierte er mich und hob die Hand an den Mund,
um zu trinken. Ich hechtete hinüber zu ihm und stieß ihn vom Ufer zurück, während
das Wasser spritzte. Sofort sprang er auf und ging auf mich los, und wir verstrickten
uns in einem erbitterten Ringkampf. Großvater trat sofort dazwischen, er beruhigte
uns und fragte mich, was dies alles auf sich hätte. Zögernd hatte ich ihm dann von
dem Traum erzählt und die Vorgänge ausführlich geschildert, wie sie sich an diesem
Tag wiederholt hatten, und wie das Gesicht des alten Indianers sich wieder auf dem
Wasser gespiegelt hätte. Ich fügte hinzu, daß ich nichts hatte erzählen wollen, weil
ich glaubte, es wäre nur meine Phantasie. Rick lachte versöhnlich und trat wieder an
den Bach, um zu trinken. Großvater hielt ihn zurück und sagte: «Laß uns zuerst am
Oberlauf nachsehen.» Widerstrebend hatte Rick eingewilligt, er hatte mir einen
bösen Blick zugeworfen und im Vorbeigehen gezischt: «Na, du mit deiner
Phantasie.» Jetzt erinnerte ich mich, wie dumm ich mir vorgekommen war, als er dies
sagte.
Dann waren wir bachaufwärts gewandert und Rick hatte den ganzen Weg lang
gejammert, das Wasser komme ihm doch gut vor. Ich erinnere mich auch, daß
Großvater auf die verwelkten Pflanzen deutete und meinte, das Wasser müsse wohl
krank sein. Endlich fanden wir am Oberlauf mehrere Blechtonnen, illegal dort
ausgekippt, aus denen eine durchsichtige chemische Flüssigkeit über die Böschung
ins Wasser floß. Erst jetzt fand ich meinen Traum bestätigt und kümmerte mich nicht
mehr darum, ob ich als Narr dastand. Mir war auch klar, daß Großvater längst von
meinem Traum gewußt hatte - und auch, daß das Wasser vergiftet war. Er wollte
mich nur auf die Probe stellen, um zu sehen, ob ich ihm oder Rick davon erzählen
würde. Er wollte sehen, ob ich zu stolz wäre, die Wahrheit anzuerkennen. Doch es
hätte auch geschehen können, daß wir uns, hätte ich nichts gesagt, alle drei vergiftet
hätten - vielleicht gar gestorben wären an diesem Wasser. Meine Furcht hatte uns
schon den Schöpfungstempel des Fichtensumpfes gekostet!
Endlich kam ich an den Weg, der zu Großvaters Lager führte, ging aber einfach
daran vorbei. Ich hatte keine Angst, es ihm zu sagen, sondern wollte auf direktem
Weg die Einöde der Pine Barrens verlassen und die Behörden benachrichtigen. Ich
glaubte fest genug an meine Begegnung mit dem Geist, so daß ich es nicht nötig
fand, zuerst Großvater davon zu berichten. Möglichst rasch wollte ich die Pine
Barrens verlassen und jemanden alarmieren, denn je eher ich dies tat, desto
schneller konnte etwas gegen die Waldfrevler unternommen werden. Meine Innere
Vision war einfach zu stark und eindringlich und erlaubte keinen anderen Gedanken,
als in die Stadt zu laufen und den Banditen das Handwerk zu legen.
Ich wußte, daß gleich am Stadtrand ein kleines Haus stand, wo einer der Wildhüter
wohnte. Und ich fand, wenn ich ihn informierte, dann bestand die beste Aussicht, daß
etwas unternommen werden würde. Endlich kam ich dort an und klopfte an die Tür.
Erst als ich den Mann herauskommen hörte, überlegte ich mir, was ich ihm eigentlich
sagen wollte.
Der Wildhüter öffnete die Tür - aber auf eine Art, die mir verriet, daß er wütend war
über die Störung. Ich verstand nicht, warum er sich an einem so schönen Tag nicht
draußen im Walde aufhielt. Er war ein stämmiger Mann mit dickem Bauch und schien
mir wirklich schlecht in Form zu sein. Sein Gesicht war gerötet, und Schweiß tropfte
unter der Hutkrempe hervor. In der Hand hielt er etwas, das nach den Resten eines
Schweineschnitzels aussah, und seine Hände glänzten vor Fett. Er musterte mich mit
einem Blick, irgendwie zwischen Arroganz und Autorität, als sei ich ein hergelaufener
Lump und seiner Aufmerksamkeit nicht würdig. Bevor ich ein Wort - oder auch nur
Hallo - sagen konnte, knurrte er mich an: «Was, zum Teufel, willst du hier, Junge?»
Ich war so entsetzt über seine Art und seine Worte, daß ich zu stottern anfing.
Schließlich brachte ich den Mut auf, ihm zu sagen, was ich gesehen hatte. Er glotzte
mich gleichgültig an und verriet mit keiner Miene, ob es ihn interessierte, was ich zu
sagen hatte. Tatsächlich schien er sich mehr für sein Schweineschnitzel zu
interessieren als dafür, das Wald-Morden zu beenden. Zu meiner Erleichterung aber
fragte er nicht, woher ich meine Information hätte. Nur gab er mir deutlich zu
verstehen, daß er Wildhüter sei und nichts mit den Bäumen zu tun habe; daß er noch
nicht mal ein hauptberuflicher Wildhüter sei. Außerdem meinte er, daß sich
unmöglich jemand verstecken konnte dort bei der alten Mühle, weil nämlich die
Straße dorthin seit Jahren verfallen sei. Und jeder wisse von dem illegalen
Holzeinschlag, sagte er, doch niemand sei bereit, etwas dagegen zu unternehmen.
Ich solle mich davonscheren und lieber spielen, statt ihn mit Dingen zu belästigen,
die ihn nichts angingen. Damit schlug er mir die Tür vor der Nase zu - und sagte nicht
einmal Goodbye.
Ich war schockiert über seine Worte. Wie konnte dieser Mann ein Wildhüter sein und
sich nicht um die Bäume kümmern? Bäume sind doch so wichtig für das Wild und für
vieles andere. Er schien viel zu schlecht in Form zu sein für den Beruf eines
Wildhüters, und selbst seine Stiefel verrieten nicht, daß er im Wald umhergelaufen
wäre. Auf Bürgersteigen und Straßen hatte er sich die Absätze schiefgetreten, nicht
aber im Wald. Seine harten Worte und daß ihm die Bäume egal waren, machte mich
wirklich traurig. Ich begriff nicht, wie der Wald jemandem egal sein konnte. Jedenfalls
wußte ich nicht, wohin ich mich nun wenden sollte. Dieser Mann würde gewiß nichts
unternehmen.
Ich wollte schon wieder in den Wald zurückkehren, als das Bild eines alten Freundes
unserer Familie wie aus dem Nichts vor meinem inneren Auge auftauchte. Dieser
Freund war ein alter Angehöriger der Staatspolizei namens Joe. Anfangs verwarf ich
das Bild, weil die staatliche Polizei nur die Autobahnen kontrolliert und sich nicht um
den Wald kümmert. Aber das Bild stand hartnäckig vor mir. Allerdings wußte ich, daß
Joe den Wald liebte - vielleicht wollte meine Innere Vision mich zu ihm führen, weil er
irgendwie helfen konnte. An diesem Punkt hätte ich alles versucht. Ich mußte die
Bäume retten, ich mußte alle Möglichkeiten ausschöpfen, bevor ich ins Camp
zurückkehren konnte. Und damit lief ich zurück in die Stadt zu Joes Haus hinüber
und hoffte, er sei zu Hause.
Ich klopfte an seine Tür, und noch vor dem dritten Klopfen flog sie auf. Anders als der
dicke Wildhüter begrüßte mich Joe mit seinem herzlichen breiten Lächeln und bat
mich, hereinzukommen und Platz zu nehmen. Er war ein hochgewachsener Mann,
hager und kräftig, sogar einschüchternd irgendwie, aber sehr herzlich und offen. Er
fragte mich, wie es mir ginge, was meine Leute wohl machten, und schließlich fragte
er auch, was ich von ihm wollte. Ohne Zögern erzählte ich ihm die Geschichte der
Bäume, wobei ich wieder den Teil mit dem Geist überging und nur sagte, ich hätte
jemanden davon erzählen gehört. Er hörte aufmerksam zu und zeigte großes
Interesse. Und als das Telefon klingelte, sagte er dem Teilnehmer am ändern Ende
der Leitung, er würde zurückrufen, weil er damit beschäftigt sei, eine Zeugenaussage
aufzunehmen. Das machte mich zuversichtlich. Wollte er mir nur gefällig sein, oder
interessierte er sich wirklich für den Fall? Meine Innere Vision sagte mir, daß er es
ehrlich meinte.
Mehrmals fragte er mich, woher ich die Nachricht über das Lager der Waldfrevler
wisse, und jedesmal tischte ich ihm dieselbe Geschichte auf - oder wich der Frage
aus. Er sagte, er werde mich nicht weiter ausfragen. Mir war klar, daß er glauben
mußte, ich wolle jemanden schützen. Er hatte recht. Doch nicht den Geist wollte ich
schützen, sondern mich selbst, um nicht in Schwierigkeiten zu kommen. Joe führte
mehrere Telefonate und kam dann zu mir zurück. Er sagte, er habe von seiner
zentralen Dienststelle erfahren, daß die Polizei bereits gegen die Waldfrevler ermittle;
niemand könne aber ihr Lager finden, und niemand wisse, wer diese Männer seien.
Es gäbe Verdachtsmomente, aber es sei noch niemand verhaftet worden, weil die
Beweise fehlten. Falls es stimmte, was ich ihm erzählt hatte, sagte er, dann wäre
dies ein echter Fortschritt in dem Fall. Ich erschrak allerdings, als er mir sagte, ich
solle mit ihm hinausfahren, um das Gelände bei jener alten Mühle zu kontrollieren.
Fast eine Stunde lang waren wir unterwegs dorthin, wo wir nach dem Hinweis des
Geistes die Waldfrevler finden würden. Wir parkten den Wagen am Waldrand und
gingen auf der verfallenen Straße weiter. Die Straße war so überwachsen, daß wir
uns immer wieder unter Ästen bücken müßten. Als wir endlich bei der alten Mühle
ankamen, war nichts zu finden. Gewiß hatte niemand diese verfallene Straße
benutzt, außerdem gab es keine Spuren von Lastwagen oder zersägten Stämmen.
Mir schwindelte, denn nicht nur schien sich der Geist als meine Einbildung zu
erweisen, sondern ich hatte Joe auch um einen Teil seines dienstfreien Tages
gebracht. Ohne Vorwurf sagte er nur, die Information, die ich gehört hätte, müsse
falsch gewesen sein. Doch er hielt mir zugute, daß ich wenigstens zu helfen versucht
hatte. Ich wußte es damals noch nicht, aber dies war der Anfang einer langen
Freundschaft, und Joe war der Mann, der mich nur zwei Jahre später als
Fährtensucher in den Polizeidienst brachte. Joe nahm mich noch ein Stückchen mit,
soweit es sein Wagen auf diesen schlechten Straßen zuließ, dann sagte er Goodbye
und ließ mich im Wald aussteigen. Ich war zu traurig, um gleich ins Lager
zurückzukehren, und schämte mich, Großvater gegenüberzutreten. Irgendwie waren
die Innere Vision und der Blick in die Zukunft wohl ein Irrtum gewesen, vielleicht auch
fehlerhaft, und ich wollte herausfinden, warum. Hatte meine Innere Vision mich
getäuscht? Dauernd hatte sie mir doch gesagt, daß ich meine Sache richtig mache.
Ich fürchtete, nicht mehr kommunizieren zu können mit meiner Inneren Vision, und
führte es auf den mißglückten Trip in die Zivilisation zurück. Möglicherweise, so
dachte ich, wollte ich Wiedergutmachung leisten für die Zerstörung des Sumpfes, die
ich zugelassen hatte, und hatte in diesem verzweifelten Bemühen das Ganze
zusammengeträumt.
Meine Wanderung führte mich dann irgendwie zurück zu der Stelle, wo alles
angefangen hatte. Ich blickte auf den öden, kahlgeschlagenen Sumpf hinaus und fing
an zu weinen. Ich weinte nicht nur um den Sumpf und meine Unfähigkeit, ihn zu
retten, sondern ich weinte auch um mich selbst, denn ich fürchtete, ich hätte die
Lauterkeit der Inneren Vision verloren. Ich schämte mich so sehr. Nicht nur hatte ich
irrtümlich meiner Phantasie geglaubt, sondern ich hatte auch vor Joe als Narr
dagestanden. Selbst wenn es schien, als ob er meine Bemühungen anerkannte,
hatte ich den Verdacht, daß er in Wahrheit über mich lachte. Als ich aufblickte über
die zerstörte Sumpflandschaft vor mir, nahm ich seitlich eine Bewegung wahr.
Schnell wandte ich den Kopf und sah wieder den Geist, der mir von den Waldfrevlern
erzählt hatte. Bevor ich nachdenken oder auch nur reagieren konnte, sagte er
schlicht: «Danke, Krieger», und verschwand.
Seine Worte überraschten mich tatsächlich. Ja die ganze Erscheinung überraschte
mich. Nachdem mein erster Schreck abgeklungen war, schob ich die ganze
Begegnung beiseite. Immerhin war dieser Geist ein Irrtum, eindeutig eine Phantasie,
denn wäre er Wirklichkeit gewesen, dann hätten wir das Lager der Waldfrevler
gefunden. Und nun beschloß ich, kein Wort darüber Großvater zu sagen, wenn ich
ins Camp zurückkehrte. Ich wollte ihn einfach nicht wissen lassen, daß ich versagt
hatte. Statt dessen wollte ich noch einmal das Weistum der möglichen Zukunft
suchen - doch erst, nachdem ich eine gute Mütze voll Schlaf gefunden hatte. Spät
schlüpfte ich also ins Camp und kroch schnell in meine Reisighütte.
Am nächsten Morgen erwachte ich, als Rick meinen Namen rief. Ich kroch aus der
Hütte und sah Rick mit seinem Hirschlederbeutel vor mir stehen; er sah aus, als sei
er im Begriff, sich auf den Weg zu machen. Er sagte mir, er wolle einen Tag früher
nach Hause gehen, um einen Tag früher wieder in der Wildnis zu sein, und fragte, ob
ich mitkommen wolle. Das wollte ich und meinte, ich müsse erst Großvater
benachrichtigen, wohin wir gingen. Rick aber sagte, das täte er lieber nicht - wobei er
leicht sorgenvoll und verlegen dreinschaute. Rick machte ein Gesicht, als quäle ihn
irgend etwas. Es war ganz untypisch für ihn, auch nur eine Sekunde früher als nötig
das Camp zu verlassen, um nach Hause zu gehen. Ich vermutete, daß er etwas vor
mir verbergen wollte, und dachte, es müsse mit Großvater zusammenhängen.
In diesem Moment hatte auch ich das Gefühl, daß ich Großvater lieber nicht
begegnen sollte - besonders nicht nach meinem Scheitern. Wortlos liefen wir aus
dem Camp und schlenderten zu dem breiten Waldweg, der uns nach Hause bringen
sollte. Unterwegs sprachen wir kein Wort über das, was uns bewegte. Einmal fragte
ich, wie es ihm auf seiner Reise in die mögliche Zukunft ergangen sei, aber wir
wechselten rasch das Thema. Irgendwie war ich froh darum, denn ich fürchtete, Rick
könne mir die gleiche Frage stellen. Dann sprachen wir nur noch über
Belanglosigkeiten.
Endlich erreichten wir die Teerstraße und wollten sie überqueren, als wir am andern
Straßenrand einen Wagen der Staatspolizei parken sahen, direkt vor dem Weg, der
zu mir nach Hause führte. Als wir näher kamen, flog die Tür auf, und heraus sprang
Joe. Er lief uns entgegen, die Hand freundschaftlich ausgestreckt. Er begrüßte mich
und Rick und dankte uns beiden für den wichtigen Hinweis, der zur Verhaftung der
Waldfrevler geführt habe. Wir waren beide sprachlos vor Staunen. Verwirrt fragte ich
Joe, wo man die Kerle denn geschnappt habe, und er sagte: «Genau an der Stelle,
wohin du mich gestern geführt hast.» - «Aber dort waren sie gestern nicht», sagte
ich. Das wisse er, sagte Joe, doch als Rick dann eine Stunde später kam und ihm die
gleiche Geschichte erzählte, sei er der Sache ernsthafter nachgegangen. Er sei zu
dem Schluß gekommen, die Gegend dort überwachen zu lassen - und kurz nach
Anbruch der Dunkelheit seien die Banditen gekommen und hätten mehrere Fuhren
Holz abgeladen. Sie seien vorher noch niemals dort gewesen, aber dies sollte ihr
neuer Standort werden, sagte Joe. Wer immer uns von der Sache benachrichtigt
hätte, meinte Joe, müsse genau gewußt haben, daß sie diesen Platz bald nutzen
würden. Er dankte uns noch einmal überschwenglich, stieg in sein Auto und fuhr
davon.
Wir beide starrten dem Polizeiwagen nach, noch immer sprachlos über das, was
passiert war. Dann aber tanzten wir herum wie zwei Narren, fielen uns in die Arme
und gratulierten einander. Wir lachten, bis uns die Seiten schmerzten. Wir hatten nun
wirklich nicht mehr viel zu besprechen, aber sofort machten wir kehrt und liefen
zurück zum Camp. Jetzt wußte ich, warum Rick nach Hause gehen wollte! Als wir
nun erkannten, daß der Geist recht gehabt und wir weiteren Waldfrevel verhindert
hatten, konnten wir Großvater entgegentreten — ohne das Gefühl, ihn und uns selbst
enttäuscht zu haben. Im Laufschritt flogen wir den Weg zurück zum Camp und
gönnten uns keine Atempause. Wir waren viel zu aufgeregt.
Dann entdeckten wir, daß wir beide denselben Geist gesehen hatten, obwohl wir uns
an weit getrennten Stellen des Waldes befunden hatten. Ich war am Sumpf gewesen,
und Rick saß auf dem Hügel. Auch er hatte in seiner Vorstellung die Fichten stürzen
sehen, und dann war ihm der Geist erschienen und hatte ihm gesagt, daß ich seine
Hilfe brauche. Der Geist hatte ihn sogar zu Joe geführt, allerdings hatte er genau
vorgeschrieben, um welche Zeit Rick dorthin gehen sollte. Rick hatte sich als
Versager gefühlt, als Joe ihm erzählte, daß er die Sache bereits überprüft und nichts
festgestellt habe. Mich hatte Joe dabei nicht erwähnt. Wir versprachen uns feierlich,
einander künftig alles zu sagen, ganz gleich, wie absurd es scheinen mochte - damit
solche Dinge nicht wieder passierten.
Am späten Nachmittag erreichten wir Großvaters Lager, doch er war nirgends zu
finden. So beschlossen wir, uns hinzusetzen und auf seine Rückkehr zu warten -
noch immer sehr aufgeregt über alles, was uns passiert war. Wie wir dort saßen und
redeten, platzte Großvaters Stimme in unser Gespräch: «Der einzige Grund für eure
Verlegenheit war, daß ihr glaubtet, versagt zu haben, daß ihr nicht wahrhaben
wolltet, was ihr erlebt habt. Ihr habt beide die Kraft der Inneren Vision am Werk
gesehen, auch wenn alle stofflichen Beweise dagegen zu sprechen schienen. Aber
diesmal konntet ihr die Wahrheit nicht akzeptieren. Laßt ihr euch denn noch immer
von eurem körperlichen Bewußtsein vorschreiben, was ihr glauben sollt und was
nicht? Ihr müßt doch inzwischen erkannt haben, daß das Herz niemals irrt, sondern
nur unsere Deutung dessen, was das Herz uns sagt!»
Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr Großvater fort: «Ihr solltet das Weistum der
möglichen und der wahrscheinlichen Zukunft suchen. War euch denn nicht klar, daß
der Hüter der Wälder euch die Zukunft weissagte, nicht die jetzige Gegenwart? Ihr
müßt doch verstanden haben, daß euch ein Weistum aufgetan wurde, das nur
wenige je erfahren, geschweige denn glauben werden. Nicht nur habt ihr einen Blick
in die Zukunft geworfen, sondern die Zukunft wurde euch von Geistern kundetan.
Jetzt, da der Geist euch beiden gedankt hat, erkennt ihr wohl, daß die Trennlinie
zwischen Fleisch und Geist sehr schmal geworden ist. Die Dualität eurer
Wahrnehmung und eurer Existenz wird nun für euch Wirklichkeit. Der Geist hat euch
beide Krieger genannt, weil ihr euch und euren Stolz geopfert habt, um den Wald zu
retten. Ein Krieger wird immer als letzter zur Lanze greifen, aber als erster sein
Leben hingeben für die Liebe.»
Lange und gründlich dachte ich nach - in der Stille, die Großvaters Worte
hinterlassen hatte. Ich fühlte mich geehrt, aber auch etwas traurig, weil ich meiner
Inneren Vision nicht absolut geglaubt hatte. Wieder hatte ich meinem Verstand die
Entscheidung überlassen, was er für wahr halten wollte und was nicht. Ich hatte
zugelassen, daß physische Beweise und die jetzige Gegenwart meine Meinung
beeinflußten - und damit die Wahrheit der Inneren Vision verzerrten. Hätte ich nur
gewußt, daß der Geist von der Zukunft sprach, dann hätte ich abwarten und Joe an
dem Tag benachrichtigen können, als es passierte. Großvater unterbrach meine
Grübelei und sagte: «Ihr beide müßt noch Zuhören lernen, bevor ihr nach Hause
geht. Erstens müßt ihr lernen, den richtigen Zeitpunkt der möglichen Zukunft zu
wählen, und dann müßt ihr anfangen, in der Dualität von Fleisch und Geist zu leben.
Erst dann werdet ihr all dies verstehen. Geht jetzt, denn es bleiben euch nur noch
zwei Sonnenkreise.» Wir liefen ein Stück gemeinsam, dann ging jeder für sich auf die
Suche.
7
Zeitreisen in die Vergangenheit und Zukunft

Ich wanderte zurück in den Sumpf, ein ganzes Stück den Bach hinunter. Mir blieb
knapp ein Tag, um die letzte Lektion zu lernen. Ich mußte herausfinden, wie ich der
Inneren Vision genau Zeit und Ort in der möglichen Zukunft mitteilen könnte, die ich
aufsuchen wollte. In den letzten Tagen hatte ich so viel gelernt, daß ich mir kaum
vorstellen konnte, noch mehr zu lernen. Mein Kopf schwappte über von neuem
Wissen, und ich war in Gefahr, vieles zu vergessen, was ich schon wußte. Großvater
mußte Gründe haben, so viel von uns zu verlangen. Immerhin hatte ich binnen einer
Woche mehr gelernt als in den letzten sechs Monaten.
Im Dahinwandern dachte ich daran, wie ich früher einmal mit Zeit und Datum meine
Schwierigkeiten hatte. Es war Ende des letzten Sommers gewesen, als Rick und ich
zum erstenmal die Weisheit des «Schleiers» entdeckten, der, wie wir jetzt wußten,
der Eingang zum Ort der Stille war. Großvater hatte mir damals gesagt, daß der
Schleier die Geheimnisse des Universums enthülle. In dem Schleier gab es weder
Raum noch Zeit, noch einen bestimmten Ort, nur die Reinheit aller Dinge. Damals
entdeckte ich, daß ich Schwierigkeiten beim Gebrauch eines bestimmten Jagdgeräts
hatte, und so fragte ich Großvater, wie ich es gebrauchen sollte. Er antwortete:
«Wenn du wissen willst, wie man eine Fähigkeit gebrauchen soll, dann geh hin und
sie zu, wie die Alten es machten. Dann weißt du es aus erster Hand.» Damals fragte
ich ihn, wie so etwas möglich wäre. Und ich erinnere mich, wie er lachte und sagte:
«Ach, durch den Schleier natürlich! Dort gibt es keine Zeit.»
Damals war ich verblüfft über seine Auskunft. War es denn möglich, konnten wir
denn mit Hilfe des Schleiers durch die Zeit reisen? Oder war dies wieder eine von
Großvaters Koyote-Lehren? Nicht direkt ungläubig, aber doch scherzhaft hatten Rick
und ich über die Möglichkeit gesprochen, einen Blick in die Zukunft zu tun. Wir
hofften wohl, daß es möglich wäre, doch es schien uns allzu weit hergeholt, um es
ganz glauben zu können. Stundenlang malten wir uns kühne Phantasien aus; wir
sprachen von Dinosauriern und Menschen der Urzeit, von Mythen und längst
vergessenen Geschichten. Schließlich überredeten wir uns doch selbst zum Glauben
und beseitigten viele Zweifel. Wir beschlossen, ein Datum in der Vergangenheit
auszusuchen und vor dem Eintreten in den Schleier über dieses Datum zu
meditieren. Wir wollten beide das gleiche Datum wählen, damit die Chance bestand,
daß wir zum gleichen Datum am gleichen Ort landeten. Wir wählten den 15. Mai
1700, eine Zeit, als die Eingeborenen noch in den Wäldern lebten, vor der Invasion
der Weißen.
Wir hatten uns einen geeigneten Platz ausgesucht und setzten uns dort, ein paar
Meter voneinander entfernt, mit Blick über einen kleinen Sumpf. Stundenlang hatten
wir versucht, in den Schleier einzutreten oder an jenes Datum zu denken, aber nichts
geschah — bei keinem von uns beiden. Wieder versuchten wir, das Datum durch den
Schleier mitzunehmen, doch jedesmal, wenn wir den Schleier berührten, verloren wir
das Datum und alle anderen Gedanken. Ich weiß noch, wie ich dann zu Großvater
lief und ihn fragte, warum ich nicht mit dem gewünschten Datum unbeschädigt durch
den Schleier gelangen könne. Großvater sagte nur: «Erstens brauchst du absoluten
Glauben, und zweitens darfst du nicht versuchen, Zeit oder Ort mitzunehmen. Du
kannst den Schleier nicht mit irgendwelchem Gepäck durchschreiten. Sage ihm
lieber, wohin und in welche Zeit du gehen möchtest, und laß den (allwissenden)
Schleier für alles andere sorgen.» Rick und ich waren sehr froh um die Auskunft, die
Großvater uns gegeben hatte. Denn wir erinnerten uns, wie schwer es gewesen war,
sich beim Eintritt in den Schleier auf das Datum zu konzentrieren. Jetzt brauchten wir
kein Gepäck mitzuschleppen, sondern konnten mit lauterem Sinn in den Schleier
eintreten. Wir beschlossen, es gleich am nächsten Tag zu versuchen.
Es war gegen Ende dieses Tages, als ich kurz vor Sonnenuntergang zum Beten
hinausgegangen war. Nicht weit von mir sah ich Rick, der ebenfalls seine
Abendandacht und sein Gebet verrichtete. Ich entspannte mich und dachte an
Großvaters Worte und versuchte sie in mich aufzunehmen - in allen Einzelheiten, um
sie nie mehr zu verlieren. Schon hatte ich ein Weilchen gebetet, dann glitt ich in eine
Phase absoluter Gedankenlosigkeit, eine Phase der Meditation. Ich erwachte von
Stimmen, die durch den Wald schallten. Das Geräusch erschreckte mich, weil ich es
nicht verstand. Ich erinnere mich, wie ich die Augen aufschlug und sah, daß die
ganze Landschaft sich so verwandelt hatte, daß ich sie kaum noch wiedererkannte.
Riesige Fichten standen dort, wo vorher keine gewesen waren. Die Vegetation war
dichter, doch die Konturen des Geländes waren genauso wie immer. Nur ein paar
Meter vor mir war ein schmaler, ausgetretener Pfad, den ich nie vorher gesehen
hatte.
Wieder hörte ich Stimmen, die näher kamen, und deutliche Schritte, ganz ähnlich wie
Großvaters Gang, aber offensichtlich von vielen Menschen. Aus dem dichten
Gebüsch, das am Rand des Sumpfes stand, tauchte ein Indianer auf - jung, stark und
sehnig. Er trug eine Keule in der Hand und über dem Rücken einen entspannten
Langbogen. Bald folgten ihm andere mit federndem Schritt, lächelnd und
aufmerksam in die Runde spähend. Viele trugen Bündel im Arm oder auf dem
Rücken. Am Ende der Reihe war ein alter Mann aufgetaucht, der etwas gemächlicher
ging als die anderen und auf die leiseren Stimmen der Wildnis horchte. Ich wußte
sofort, dies war ein Mann von geistiger Macht, und als er auf dem Pfad an mir
vorbeiging, nickte er und lächelte mir zu. Die übrigen beachteten mich nicht, denn sie
hatten mich nicht gesehen.
Noch ein paar andere folgten dem Alten, und ich erinnerte mich lebhaft, daß ganz am
Ende ein junges Mädchen ging. Sie trug ein Bündel im Arm und ein noch größeres
Bündel auf dem Rücken. An einer Schnur hing von ihrem Rucksack ein kleiner
Beerenstößel herab — eine Steinkugel mit einem hölzernen Handgriff. Als das
Mädchen am Wegrand stehenblieb und am Stamm eines hohen Baumes
hinaufschaute, fiel der Beerenstößel zu Boden und landete am Rand des Pfades.
Unwillkürlich rief ich sie an und deutete auf den Beerenstößel, doch niemand
beachtete mich oder schien mich zu hören; das heißt, nur der alte Mann hörte mich,
der sich umwandte und herüberlächelte. Ich erinnere mich, wie ich auf die Stelle
blickte, wo der Stößel heruntergefallen war — und sobald ich eine Bewegung
machte, fing die Landschaft an zu schwanken. Es war, als ob alles flimmerte, dann
verschwommen wurde und in dunkler Schwärze versank.
Ich tat die Augen auf und fand mich an meinem ursprünglichen Platz wieder, und
Rick ganz in der Nähe. Die Landschaft war dieselbe, wie ich sie immer schon
gekannt hatte. Ich war verblüfft über die Intensität meiner Phantasie oder meines
Tagtraums, denn alles war mir so wirklich, so lebendig vorgekommen. Ich lief hinüber
zu Rick, doch er rührte sich nicht, als ich näherkam. Er saß da und betrachtete einen
großen Baum in der Ferne. Ich mußte lachen und sagte: «Du suchst die Indianer?»
Rick aber sah mich kühl an und sagte nur: «Der Beerenstößel.» Mir verging das
Lachen, und ich erstarrte. Dann saßen wir lange und sprachen darüber, was jeder
von uns gesehen hatte. Bald war uns klar, daß wir beide dasselbe gesehen hatten
oder wenigstens den gleichen Traum gehabt hatten. Damals kam es nicht selten vor,
daß wir den gleichen Gedanken hatten, da wir so viel zusammen waren, und wir
übten eine Form von Telepathie, die Großvater uns gelehrt hatte. Da beschlossen
wir, Großvater von unserem Erlebnis zu erzählen.
Beide erzählten wir Großvater sehr ausführlich unsere Geschichte. Wir schilderten
die Landschaft, die Indianer, ihre Kleidung, den alten Mann, sogar das Herabfallen
des Beerenstößels. Wir sagten ihm auch, daß das Ganze wohl eine Art von
Tagtraum sein müsse, den wir beide geträumt hätten, und daß wir ganz begeistert
wären, so gut miteinander kommunizieren zu können. Ich hatte erwartet, daß
Großvater uns sagen würde, wie Zufrieden er mit unserer gemeinsamen
Gedankenverbindung sei, aber statt dessen sagte er: «Geht hin und grabt den
Beerenstößel aus.» Rick und ich sahen uns an, beide nicht wenig verwundert über
seine Antwort.
Ohne weitere Fragen und in großer Eile, weil es bald dunkel wurde, liefen wir zu dem
Platz, wo wir den Beerenstößel gesehen hatten. Wir fanden eine längliche,
wannenförmige Vertiefung im Boden - vielleicht einmal eine alte Pfadspur. Ich zog
eine Linie von dort, wo ich gesessen hatte, zu der Stelle, wo ich den Beerenstößel
fallen sah, und Rick zog eine von seinem ursprünglichen Platz. Am Schnittpunkt der
beiden Linie begannen wir zu graben.
Wir hatten erlebt, als wir die Szene sahen, daß es dort am Weg keine Bäume gab.
Aber dort, wo wir graben wollten, stand jetzt eine riesige alte Fichte. Fieberhaft
gruben wir bis zum Anbruch der Dunkelheit, fanden aber keinen Beerenstößel. Als
wir schon aufgeben wollten, beschieß ich, unter einer großen abgestorbenen Wurzel
der Fichte nachzugraben. Mein Grabstock stieß hart und klirrend gegen etwas unter
der Wurzel. Es war ein Geräusch, als berührte man mit sondierendem Pflanzstab
den Panzer einer Schnappschildkröte, ein Geräusch wie von festem Stein. Schnell
scharrte ich die Erde unter der Wurzel weg, und heraus fiel ein Beerenstößel. Er war
ordentlich aus einem glatten Flußkiesel gehauen in der Art, wie man es am Delaware
River findet. Dies war eindeutig ein Werkzeug, wie die einheimischen Indianer dieser
Gegend es einst benutzten und häufig auf ihren Wanderungen zur Bucht und zur
Küste mitnahmen.
Ich war damals sehr erstaunt, nicht nur, weil ich noch nie ein so großes Werkzeug
gefunden hatte, sondern vor allem über die Umstände dieses Fundes. Aufgrund
meiner topographischen Kenntnisse wußte ich, daß es in dieser Gegend keine
Indianersiedlungen gegeben hatte. Und hier war ein Faustkeil, meilenweit entfernt
von jedem bekannten Lagerplatz. Wir liefen zu Großvater zurück und legten ihm den
Beerenstößel auf den Schoß. Er lächelte und sagte: «Warum seid ihr so überrascht?
Hat das, was ihr gesehen habt, eure Überzeugungen geändert?»
Rick und ich redeten damals bis zum Morgengrauen, abwechselnd unser Fundstück
in Händen haltend, während wir uns an jede Einzelheit unseres Erlebnisses zu
erinnern versuchten. Unsere aufgeregte Begeisterung erlaubte uns keinen Schlaf.
Als unser Gespräch dann mit aufgehender Sonne verebbte, gaben wir uns das
feierliche Versprechen, niemandem zu erzählen, wie wir den Keil gefunden hatten.
Niemand würde uns glauben oder gar verstehen, denn jenseits des Wildnistempels
lebten die Menschen ungläubig in ihrer materiellen Wirklichkeit.
Wie ich nun meine Wanderung stromabwärts fortsetzte bis weit in die Nacht, da sah
ich ein, daß ich viel gelernt hatte aus dem Erlebnis mit dem Beerenstößel — meiner
ersten Reise in die Zeit. Manches, was ich noch nicht verstanden hatte, wurde mir
jetzt klar. Jetzt erkannte ich, daß der alte Mann aus der Indianergruppe in der
Dualität lebte. Er wandelte in der stofflichen Realität, aber er sah zugleich das Leben
im Geist. So kam es, daß er mich dort sitzen sah, was keiner der anderen vermochte.
Das hieß aber auch, daß unsere Anwesenheit, wenn wir zurück in andere Zeiten
reisten, von spirituellen Menschen wie diesem Alten wahrgenommen werden konnte.
Er brauchte anscheinend keine umständliche Technik einzusetzen, um die Kluft
zwischen Fleisch und Geist zu überbrücken, sondern dies war für ihn ganz natürlich!
Was der alte Mann damals in seiner Zeit und an seinem Ort tat, war im Grunde nichts
anderes als eine Geistreise in die Zukunft - genau wie Großvater es uns vor Tagen
gelehrt hatte.
Jetzt verstand ich auch, daß uns beiden, als wir den Beerenstößel fallen sahen, nicht
weniger gelungen war als eine spontane Form der Geist-Reise. Zwar wußten wir in
jenem Augenblick nichts davon, doch jetzt kannte ich den Vorgang. Was uns damals
unbewußt und zufällig gelungen war, konnte ich jetzt willkürlich tun - vorausgesetzt,
daß es nicht meiner Inneren Vision widersprach. Es bedurfte einer selbstlosen
Absicht. Nun wußte ich auch, warum die Landschaft geschwankt hatte und dann
verschwunden war, als ich die junge Indianerin aufmerksam zu machen versuchte,
daß sie ihren Stößel verloren hätte. Denn ich hatte noch nicht gelernt, mich in der
Geisterwelt zu bewegen, sondern nur, sie von Ferne zu schauen. Jetzt war mir klar,
daß die gleichen Prinzipien, die bei einer Rückkehr in die Zeit galten, auch auf das
Vorwärtsgehen in die Zeit - in die mögliche und wahrscheinliche Zukunft - gelten
müßten.
Ich wanderte also weiter, und da war noch etwas, was mich beunruhigte. Wohl
verstand ich, daß man sich für einen Tag in der Vergangenheit entscheiden und dann
in diese Zeit und an diesen Ort gelangen konnte. Doch wie gelangte man in eine
Zukunft, die noch nicht gelebt war? Es gab zu viele Möglichkeiten, aus denen man
wählen konnte. Nicht nur mußte ich lernen, eine bestimmte Zeit und einen Ort in der
Zukunft auszuwählen, sondern ich mußte auch alle Möglichkeiten der Zukunft
kennen, um dann eine dieser Möglichkeiten auszuwählen und zu erforschen. Dies
alles war so erstaunlich und verwirrend. Ich hatte eine gewisse Ahnung, wie all dies
geschehen könnte, aber keinen klaren Weg, es geschehen zu lassen. Es war immer
noch eine unbestimmte Theorie - eine Theorie ohne richtige Anweisung.
Ich hatte verstanden, daß e
j des Ereignis, jeder Gedanke, jede Tat und jedes Lied
und jede Kunstfertigkeit der Vergangenheit für alle Zeiten überliefert werden. Manche
dieser Überlieferungen waren eindeutiger als andere, und manche schwammen nur
ziellos und zufällig im Strom der Zeit. Diese letzteren Überlieferungen waren wie
nebensächliche Gedanken, denen die Kraft fehlte, tatsächlich etwas Reales zu
bewirken. All dies war so kompliziert, daß mein Verstand überfordert schien - und ich
mußte mich setzen und ausruhen.
Stundenlang erforschte ich die Weisheit der Inneren Vision, aber es kam keine
Antwort. Ich versuchte es mit logischer Vernunft, aber dies führte zu weiteren Fragen
und machte alles noch komplizierter. Dann aber überfiel mich plötzlich und ohne
Vorwarnung ein überwältigendes Bedürfnis, umzukehren und mit Großvater zu
sprechen. Obwohl die Innere Vision mich zwang, ihn aufzusuchen, hatte ich keine
Ahnung, was ich ihn eigentlich fragen wollte. Immerhin war ich mir nicht mal sicher,
was ich selbst glauben sollte. Sicher war nur, daß ich nun vor einer Mauer stand,
einer Schranke, die ich nicht umgehen konnte. Ich mußte Großvater sehen. Vielleicht
konnte er mir helfen, diese Mauer zu überwinden.
Als ich endlich Großvaters Camp erreichte, traf witzigerweise auch Rick dort ein. Wir
schauten uns lange an - und erkannten beide, daß wir gleichzeitig hierher gerufen
worden waren; doch keiner von uns wußte den Grund. Es war seltsam, aber wir
brauchten kein Wort miteinander zu wechseln, um zu begreifen, daß wir beide vor
der gleichen Mauer gestanden hatten. Großvater war nirgends zu sehen, darum
setzten wir uns und kamen ins Gespräch. Es war seltsam, daß wir beide die gleiche
Erfahrung hatten, die wir «die Mauer» nannten. Beinah gleichzeitig hatten wir beide
auch das Gefühl gehabt, wir müßten Großvater aufsuchen, und doch wußten wir
nicht, was wir ihm erzählen, was wir ihn fragen sollten. Es war offenbar da ein
größerer Zusammenhang, den wir noch nicht verstanden. Aber wir hatten Vertrauen,
daß wir schließlich dort ankommen würden - auch wenn wir nicht wußten, wo dieses
dort war.
Großvaters Stimme unterbrach unser Gespräch; er sagte, wir sollten uns zu ihm
setzen. Er winkte uns zum Feuer heran und sprach: «Ihr habt beide einen Ort in euch
erreicht, wo ihr ohne Hilfe nicht weiterzukommen glaubt. Das stimmt nur zum Teil.
Denn falls ihr euch unbegrenzt Zeit nehmen könntet, um zu suchen, würdet ihr
schließlich einen Weg über diese Mauer finden. Zum Teil ist die Mauer ein Produkt
eures logischen Denkens, eurer Unfähigkeit, die Idee der Zukunft mit eurem
physischen Bewußtsein zu begreifen. Ihr versteht nicht, wie es ist, wenn etwas noch
nicht gelebt wurde - wieso es dennoch in der geistigen Welt existieren kann. Ihr wollt
verstehen, wie dies auf physischer Ebene sein kann, bevor ihr es auf spiritueller
Ebene verstanden habt. Aber wie ich euch sagte, sind manche Dinge der geistigen
Sphären nicht mit dem logischen Verstand, mit dem stofflichen Bewußtsein zu
verstehen.»
Nach einer Pause fuhr er fort: «In der Geisterwelt existiert der Ort der möglichen
Zukunft nicht auf dieselbe Weise wie die Vergangenheit. Die Zukunftsmöglichkeiten
sind wie unfertige Gedanken, die ziellos umherschweben; und dennoch enthalten sie
eine eigene Energie. Wenn die Ereignisse im Jetzt stärker werden, werden diese
Möglichkeiten der Zukunft eindeutiger, sie wirken mit dem Jetzt zusammen, bis sie
schließlich zur wahrscheinlichen Zukunft werden und danach zur Realität des Jetzt.
Einmal gelebt, werden sie für alle Zeiten in der geistigen Welt überliefert. Was aber in
der Zukunft außerdem hätte sein können, wird ebenfalls überliefert, wenn auch nicht
so eindeutig. Dies sind die niemals gelebten, höheren Gedanken und Träume der
gewöhnlichen Menschen. Sie sind gleichwohl da wie Wegweiser, um uns zu zeigen,
was der Mensch hätte werden können.»
Großvater machte eine lange Pause, um seine Worte nachwirken zu lassen. Ich
verstand alles, was er gesagt hatte - nur begriff ich nicht, woher die Möglichkeiten der
Zukunft kamen. Es mußte komplizierter sein als «zwei plus zwei gleich vier».
Großvater unterbrach meine Überlegungen und sagte: «Die Zukunftsmöglichkeiten
werden aus dem Bewußtsein des Jetzt geboren. Sie sind wie die ungelebten
Gedanken der Menschen.
Die Energien des jeweiligen Jetzt bringen diese Möglichkeiten hervor — im
Zusammenwirken mit dem gesamten Bewußtsein der Geisterwelt, mit dem Geist, der
sich in allen Dingen bewegt, und mit der Weisheit des Schöpfers. Durch diese
Möglichkeiten hat der Mensch eine freie Entscheidung. Ohne diese Möglichkeiten
hätte er nicht die Freiheit der Wahl. Die Zukunft ist kein Gesetz. Nur Wahlfreiheit und
Wandel sind Gesetz. Kümmert euch also nicht darum, wo und wie diese
Möglichkeiten der Zukunft existieren, denn euer Herz weiß es, und eure Innere Vision
wird euch dorthin führen. Auch wird eure Innere Vision die lautere Absicht kennen.
Gebt also euer Bedürfnis auf, mit dem logischen Denken etwas verstehen zu wollen,
das man so nicht verstehen kann.»
Mit diesen Worten gab Großvater Rick und mir ein Zeichen, wir sollten das Camp
verlassen und dorthin zurückkehren, wo wir gewesen waren. Wir gingen also
schweigend davon, bis wir an einen Bach kamen, der durch den Sumpf floß. Lange
saßen wir dort und dachten nach über alles, was Großvater gesagt hatte. Doch
anfangs sprach keiner von uns ein Wort. Beide müßten wir zuerst verstehen, was
Großvater uns lehren wollte, bevor wir hoffen durften, es miteinander zu diskutieren.
So viele Gedanken flogen mir durch den Kopf, so viele unausgesprochene Fragen,
auch wenn ich irgendwie begriff- allerdings auf tieferer Ebene, einer Ebene, die
jenseits gewöhnlicher Logik lag. Wie sehr wünschte ich mir, die Möglichkeiten der
Zukunft auch logisch zu begreifen, um wenigstens meinen Wissensdurst zu stillen.
Aber das konnte nicht sein. Wie oft hatte Großvater gesagt, daß manche Dinge,
denen wir in der spirituellen Welt begegnen, sich nicht erklären ließen. Unsere jetzige
Situation war ärgerlich, aber ein gutes Beispiel dafür.
Ich beschieß weiterzuwandern, immer den Bach entlang. Seltsamerweise empfand
ich kein Bedürfnis mehr, viel nachzudenken. Der leidenschaftliche Wunsch, die
Möglichkeiten der Zukunft mit meinem logischen Verstand zu begreifen, war
verschwunden - und ich fühlte mich erleichtert. Meine innere Vision führte mich; ich
konnte nur folgen und brauchte keine Fragen zu stellen. Ich fühlte mich gut beim
Dahinwandern, trotz aller Erschöpfung des Körpers. Ich wanderte eigentlich nicht,
sondern ließ mich ziellos umhertreiben - und ebenso meine Gedanken. Tief im Innern
spürte ich eine Reinigung vor sich gehen, wie ein Prozeß der Läuterung oder
Offenbarung. Irgendwie war mir, als sei ich unterwegs auf einer langen Visionssuche,
doch es war keine Suche von Körper und Seele, sondern es hatte etwas mit
Geistigem zu tun. Irgendwo auf meinem Weg hatte ich mein Ich überwunden, und
jetzt gab es keine Müdigkeit mehr. Es war, als ob etwas mich vorantriebe, eine
befreiende l Energie, geschöpft aus unsichtbaren äußeren Kräften. Es war, als sei ich
beflügelt vom Geist, der sich in allen Dingen bewegt, jener Lebenskraft, die mich jetzt
stärkte.
Ich war ein gutes Stück gewandert, die Sonne stand schon hoch am Himmel. Vorbei
war jenes unstillbare Bedürfnis zu lernen und zu verstehen. Doch gleichzeitig wußte
ich, daß ich zu einem höheren Verstehen geführt wurde. So weit war ich gewandert,
daß ich schon den fernen Autoverkehr dröhnen hörte, was mir eindeutig verriet, daß
ich mich wieder der Zivilisation näherte. In diesem Augenblick wollte ich der Welt
dieser Gesellschaft nicht nahe kommen, aber genau dorthin führte mich meine Innere
Vision. Ich konnte mir nicht vorstellen, warum die Innere Vision mich aus der Wildnis
hinausführen sollte. Wie kann die Gesellschaft mich etwas über die Zeit und die
mögliche Zukunft lehren? Aber vielleicht stand mir mehr bevor als nur ein Ausflug
zum Rande der Zivilisation.
Ich wußte, mein Hauptziel war nicht, die Welten der möglichen Zukunft zu suchen,
sondern zu verstehen, wie Zeit, Ort und Datum mit dem Eingehen in diese Zukunft
zusammenhingen. Immerhin war ich schon an Orten der Zukunft gewesen; jetzt sollte
ich genau herausfinden, wie ich mich in eine bestimmte Zeit in der Zukunft versetzen
und dies irgendwie selbst entscheiden konnte. Dies war, schätze ich, mein Problem
hier und jetzt. Noch immer sah ich nicht, wie ich eine bewußte, logische
Entscheidung treffen und gleichzeitig diese Entscheidung völlig vom Ich freihalten
konnte. Wenn die Innere Vision mich tatsächlich in eine bestimmte mögliche oder
wahrscheinliche Zukunft führte, so war dies eine ichlose lautere Absicht, aber dies
mit dem Bewußtsein erreichen zu wollen, würde die Sache nur irgendwie verzerren.
Dies war die Schwierigkeit, mit der ich zu kämpfen hatte, während ich weiter dem
Bachlauf folgte, hinaus in die Zivilisation.
Stunden verstrichen, und ich hörte das Dröhnen des Straßenverkehrs immer
deutlicher. Der Gestank der Gesellschaft drang bereits in die Reinheit der Wälder.
Manchmal wurden diese Gerüche beinah erstickend; sie überdeckten selbst die
stärksten Düfte der Natur. Die Tiere schienen wachsamer und unruhiger. Der Wald
und die natürliche Ordnung waren aus dem Gleichgewicht. Ich wußte, daß dieser
Bach zwei große Autobahnen kreuzte, aber dort standen keine Häuser, denn dieser
Teil der Pine Barrens war noch von Siedlungsprojekten verschont geblieben.
Schließlich kreuzte der Bach die Autobahnen und ergoß sich in das Marschland der
Bucht, das wieder unberührt war. Zumindest war es ein tröstlicher Gedanke, daß die
einzige Art von Zivilisation, der ich begegnen würde, nur aus Schnellstraßen
bestünde. Leute, die so schnell reisten, nahmen sich nicht die Zeit, auch nur aus dem
Fenster zu schauen. Für sie waren die Wälder am Straßenrand fremd, und sie
schienen nichts andres zu wünschen, als sie möglichst schnell hinter sich zu lassen.
Endlich kam ich zur ersten breiten Fahrbahn. Wie ein Messer schnitt sie durch den
äußeren Rand der Pine Barrens, eine riesige, klaffende und entzündete Wunde im
Leib der Erde. An Straßenrändern dehnten sich die üblichen Müllhalden, wo
Menschen seit Jahren achtlos ihre Abfälle aus dem Fenster geworfen hatten.
Stellenweise bedeckte der Schutt buchstäblich die Erde. Es war wie ein
Krebsgeschwür, auswuchernd von der Wunde der Fahrbahn. Noch störender waren
die Auspuffgase, die tief in den Wald fluteten und sogar die Rinden der Bäume mit
ihrem Gestank infizierten. Die einzige Möglichkeit, auf die andere Straßenseite zu
kommen, bestand darin, im Wasser unter der Brücke hindurchzuschwimmen. Denn
ein Versuch, die Fahrbahn zu überqueren, wäre Selbstmord gewesen. Ohnehin
haßte ich es, Teer unter meinen Füßen zu spüren.
So beschloß ich, lieber zu schwimmen als oben hinüberzugehen. Ich bahnte mir
einen Weg durch Abfälle aller Art, Autoschrott und Drahtverhau, die ins Wasser
geworfen worden waren. Die Pflanzen am Bachufer waren welk und kränklich, ganz
anders als am Oberlauf des Bächleins, das durch unser Camp floß. Selbst das
Wasser war scharf und ätzend, und stellenweise, besonders über den Wirbeln,
schwamm eine schillernde Ölschicht. Wie krank machte mich der Gedanke, daß ein
so schöner Fluß von der Gesellschaft vergiftet und beinah vernichtet worden war! Ich
wußte, daß die Menschen sich nicht wirklich um die reine Welt der Natur kümmerten.
Alles, was dem Fortschritt der Gesellschaft im Wege stand, wurde zerstört, mochte
es noch so schön sein. All die Leute auf dieser Straße hatten nur eines im Sinn, eilig
woandershin zu rasen, blind für eine der schönsten Wildnisregionen in diesem Land.
Es war, als reisten sie von einer Insel der Zivilisation zur anderen und müßten alles
dazwischen schnell hinter sich bringen.
Ich beschloß, im Wasser zu bleiben, bis ich auch unter der Zweiten Straße hindurch
wäre. Die Wildwechsel, denen ich bachabwärts durch den Wald gefolgt war,
bestanden nicht mehr. Tiere gab es nicht mehr auf dem Landstreifen zwischen den
beiden Straßen, und ein Vorwärtskommen zu Fuß wäre ohne jene Wildwechsel
schwierig gewesen. Also schwamm ich lieber und ließ mich die nächsten Meilen
treiben- in dem jetzt dunklen und trüben Wasser. Je weiter ich mich treiben ließ,
desto schmutziger und ätzender wurde das Wasser. Müll und Unrat hatten so
zugenommen an den Ufern, daß ich fürchten mußte, mich an Glasscherben und
scharfen Metallkanten zu verletzen. Es war tatsächlich eine Prüfung, sich durch
solche stark verunreinigten Strecken hindurchzuquälen. Oft wollte ich schon
aufgeben und ins Camp zurückkehren, doch meine Innere Vision trieb mich weiter
bachabwärts. Mir graute vor dem Gedanken, meinen letzten Tag draußen im Wald in
einer so verschmutzten Region zu verbringen. Ja, ich fühlte mich sogar betrogen.
Unter der zweiten Straße hindurchzukommen war noch ekelhafter. Diese
Schnellstraße bestand schon seit Jahrzehnten, und die Müllhalde rundherum sah
entsprechend aus. Auf der anderen Straßenseite, teils im Wasser, lagen die Reste
eines alten Autowracks, das jemand hier abgekippt hatte. Der Gestank des
ölverschmutzten Wassers und der Auspuffgase wurde so stark, daß es mich würgte.
Mir war, als badete ich in einem Pfuhl menschlicher Ignoranz. Zum Glück war das
Wasser an dieser Stelle des Bachlaufs etwas tiefer, und so konnte ich schwimmen,
ohne den Grund zu berühren und Verletzungen zu riskieren. Ich achtete aber darauf,
mein Gesicht nicht unterzutauchen - aus Angst, Öl in den Mund zu bekommen.
Darum schaute ich mich nach einer Stelle um, wo ich an Land steigen und wieder zu
Fuß gehen könnte, nicht nur, um dem widerlichen Wasser zu entkommen, sondern
weil ich zu frieren anfing.
Endlich, eine Meile bachabwärts, fand ich eine Stelle, wo ich aus dem Wasser
steigen konnte. Zwar stank der Bach noch immer nach Müll und Abfällen, doch die
Uferstreifen und der Wald dahinter waren wieder saftig grün und voll tierischen
Lebens. Bald darauf entdeckte ich einen Wildwechsel, dem ich folgte, und jetzt war
das Fortkommen leichter als bisher. Aber selbst hier, weit entfernt von den
Schnellstraßen, gab es noch Müll und Ölschlieren, die auf dem Wasser schaukelten.
Auch die Tiere schienen das Wasser zu meiden, denn nirgends gab es Tränken am
Bach, die sie aufgesucht hätten. Ihre Wasserstellen lagen vielmehr an Rinnsalen und
kleinen Quellen, die sich überall am Bachlauf fanden. Hier sogar, meilenweit entfernt
von dem Straßensystem, hatte der Mensch in den natürlichen Ablauf des Lebens
eingegriffen. Alles hier war verunreinigt durch sein Wirken.
Der Wald hörte plötzlich auf, und ich fand mich am Rand eines weiten Marschlandes,
an dessen Horizont die Bucht sich dehnte. Wie gut fühlte ich mich hier in der Marsch,
denn sie war so voll Leben und herrlicher Pflanzen! Nur im Bach gab es noch den
Müll der menschlichen Zivilisation; alles andere war rein und natürlich. Abgesehen
vom fernen Lärm der Motorboote und dem Anblick schimmernder Segel in der Bucht
gab es keine Spuren von Zivilisation. Stets hatte ich dieses Marschland geliebt, das
so voll Leben war, und jedesmal, wenn ich hierher kam, überfiel mich die
Abenteuerlust. Für mich barg diese Marsch viele Geheimnisse und einen Reichtum
an Leben. Auch Großvater liebte dies unberührte Gebiet genauso wie wir. Es war
immer eine willkommene Abwechslung, die offene Weite der Marsch zu erforschen,
sich von Fischen und Muscheln zu nähren und all das zu tun, was die
amerikanischen Ureinwohner einstmals taten, wenn sie alljährlich zu den Buchten
der Küste wanderten.
Lange blieb ich am Waldrand sitzen und schaute hinaus auf die Marsch mit ihren
Grasflächen, Rieden und Schilfinseln. Wieder spürte ich meine Erschöpfung, stärker
noch als zuvor, und so streckte ich mich aus, um ein Weilchen zu schlafen. Dort in
der warmen Sonne und würzigen Meerluft der Bucht versank ich bald in tiefen Schlaf-
aber der Schlaf sollte nicht lange dauern. Kaum war ich in einen Traum entschwebt,
da erwachte ich von einem mächtigen saugenden Geräusch, wie ich es nie zuvor
gehört hatte. Sofort fuhr ich auf und schaute mich um, versuchte den Ursprung
dieses Geräusches zu finden und meine Schläfrigkeit abzuschütteln. Einen Moment
hatte ich jedes Gefühl für Raum und Zeit verloren und wußte nicht, wo ich war. Erst
als ich die Bucht sah, fiel mir schlagartig alles ein. Das saugende Geräusch war noch
stärker geworden und ließ sogar die Erde beben.
Von dort, wo ich saß, konnte ich die Quelle des Lärms nicht erkennen, aber ich
wußte, er kam von jenseits eines kleinen Wäldchens, das sich wie eine Landzunge
ins Marschland zog. Als ich mich zu dieser Halbinsel vorgearbeitet hatte und mich
nun durch dichteren Pflanzenwuchs schob, sah ich die Spitze eines sehr hohen
Baukrans. Auf der anderen Seite des Wäldchens angekommen, hielt ich die Luft an -
so schrecklich war der Anblick dort. Ein riesiges Baggerschiff pumpte das
Marschwasser ab und vertiefte den Kanal, indem es hohe Sand- und Schlickwälle
aufwarf, wo einst blühendes Marschland gewesen war. Bulldozer wühlten sich durch
den Schlamm und schoben Uferböschungen auf. Weiter draußen im Marschland sah
ich ein Netz von Straßen und Lagunen, eingekeilt in die Marsch und sogar in die
Wälder. Häuser und Docks waren in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung,
und der Geruch frischer Asphaltbahnen hing in der Luft.
Ich war entsetzt, mir wurde übel von dieser Schlächterei. Alles Leben in der Marsch
war vernichtet, und ich konnte nichts dagegen tun. Ich wollte fliehen vor diesem
Zerstörungswahn und rannte davon. Doch nach den ersten Schritten begann die
Landschaft zu schwanken, und ich erwachte genau an der Stelle, wo ich mich vorhin
ausgestreckt hatte. Dies alles war ein Traum gewesen, furchtbar und tödlich real,
aber doch nur ein Traum. Ich seufzte erleichtert auf, denn die Marsch war noch
unberührt. Weil mich der Traum aber beunruhigte und ich mich an die Vorkommnisse
im Fichtenwald erinnerte, beschieß ich, zu jener Waldinsel hinüberzulaufen, die ich
im Traum gesehen hatte. Ich schob mich also durch das Unterholz und trat hinaus
auf den jenseitigen Teil der Marsch, wo ich die Bauarbeiten gesehen hatte. Zu
meiner Erleichterung war es dort wie immer, reine Unberührtheit, vibrierend vor
Leben. Ich war überwältigt vor Freude und mußte weinen. Alles war nur ein Traum
gewesen! Ich wollte mich abwenden - blieb aber starr vor Schreck auf der Stelle
stehen. Zu meinem Entsetzen entdeckte ich keine drei Meter vor mir eine
Landvermesserstange im Boden, mit einem Wimpel an der Spitze. Als ich mich
umschaute und herauszufinden suchte, woher sie kam, entdeckte ich noch Hunderte
mehr, jede mit einem Wimpel gekennzeichnet. Als ich das ganze Gebiet dann
überblickte, erkannte ich deutlich, daß diese Stangen ungefähr das Baugelände
absteckten, das ich in meinem Traum gesehen hatte. Obwohl noch keine Bau- oder
Baggerarbeiten im Gang waren, war die Struktur künftiger Straßen, Bauplätze und
Lagunen deutlich abgezeichnet. Wieder wurde mir übel, als ich erkennen mußte, daß
mein Traum ein Schritt in die Zukunft war. Ich konnte diese Zukunft nicht abwenden,
alles war ganz legal. Diese Leute wußten offenbar nicht, was das Marschland für
laichende Fische und alle möglichen Tiergattungen bedeutete. Für sie war es nur
eine riesige Brutstätte der Moskitos - und letztlich ein Platz, wo sie mit ihren
Freizeitbooten vor Anker gehen konnten.
Ich setzte mich hin, erschüttert und keines Gedankens fähig. Dieses ganze herrliche
Marschland würde eines Tages zerstört sein wie so vieles andere. Rick, Großvater
und ich würden einen anderen Platz suchen müssen, eine Marsch weiter unten im
Süden, für unsere Aufenthalte im Sommer. Wir müßten immer weiter ziehen, bevor
wir die Lauterkeit der Natur und die Magie finden konnten, die einst so nah war. Ich
wußte ja, etwas weiter nördlich von dort, wo ich saß, befand sich unser Lagerplatz
vom letzten Jahr, und nach den Meßlatten der Geodäten zu urteilen, lag er genau in
der Mitte des ganzen Projekts. Ich konnte nur noch entsetzt auf die Bescherung
starren. Obwohl die Landschaft noch schön und ursprünglich war, markierten die
Stangen den Anfang vom Ende. Nie wieder würde ich in diesem Teil der Wildnis
spielen und forschen dürfen. Ach, wäre mir doch noch ein Sommer in dieser
Landschaft vergönnt! Dann könnte ich dem Ort zum letztenmal Ehre erweisen. Ich
könnte meinen Geist mit diesem Land verschmelzen, so daß es immer ein Teil von
mir und immer in meinen Gedanken lebendig bleiben würde.
Flüsternd fragte ich mich, fragte eine unsichtbare Kraft dort draußen, wann dies
geschähe? Wann würde all diese Schönheit verschwinden? Und wieder schien die
Landschaft zu schwanken, als wolle sie antworten auf meine Fragen. Zuerst
erschreckte mich das Gefühl, aber dann faszinierten mich diese unmerkliehen
Veränderungen, die ich direkt vor mir vor sich gehen sah. Es war, als rollte die Zeit
beschleunigt ab, und die Tage flimmerten vorbei wie Blätter eines Buches. Ich sah
diesen Frühsommertag, an dem ich hier saß, in die wabernde Hitze des Sommers
übergehen, gleich darauf abgelöst vom leuchtenden Spätsommer und frühen Herbst.
Die Pflanzen färbten sich braun und verdorrten. Stürme fegten über das Land, und
Schnee bedeckte die Erde. Die kleinen Wasserrinnen froren ein und tauten. Es kam
der Schnee, der sich wieder verzog, bis die Landschaft sich erneut in
frühsommerliches Grün hüllte. Wie faszinierend war dieses Schauspiel — und auch
verwirrend!
Plötzlich hörte ich das gleiche saugende Geräusch wie im Traum. Die
Frühlingslandschaft hatte sich in Trubel und Aktivität verwandelt. Bagger, Bulldozer,
Lastwagen und Preßlufthämmer - der ganze Wahnsinn hektischer Betriebsamkeit.
Und dann, so plötzlich alles begann, schwankte die Landschaft und kehrte abermals
zurück zu diesem Raum in der Zeit. Ich war so erschüttert durch mein Erlebnis, daß
ich anfangs keinen Gedanken fassen konnte. Ich konnte nur staunen über all das,
was ich hatte geschehen sehen. Ich hatte eine Antwort bekommen auf meine Frage,
wann dies alles passieren würde. Diese Antwort entsprach auch meiner inneren
Vision, und ich wußte, es war die Wahrheit. Trotz der Tatsache, daß ich krank war
vor Trauer über die kommende Zerstörung der Marsch, wußte ich ohne Zweifel, daß
mir wenigstens noch ein Jahr bleiben sollte, bevor ich all dies aufgeben mußte.
Zumindest durfte ich dem Land ein letztes Mal die Ehre erweisen.
So begann ich hinauszuwandern in die offene Marsch, indem ich mir einen Weg
suchte von Insel zu Insel, und forschte nach dem Lagerplatz, den wir im letzten
Sommer benutzt hatten. Es war nicht schwer, unser einstiges Camp zu finden, aber
für jeden Außenstehenden hätte der Platz ausgesehen wie die übrige Landschaft.
Kein Zeichen verriet, daß hier Menschen gelagert hatten, denn so verließen wir stets
unser Camp. Wie ich vermutet hatte, steckte auch hier eine Meßlatte - genau in der
Mitte unseres einstigen Camps, und nach der Farbe des Wimpels zu urteilen, würde
hier bald eine Straße hindurchführen. Nun war es spät geworden, und ich mußte
aufbrechen zurück zu Großvaters Camp. Doch ich beschloß, noch ein Weilchen an
unserem alten Platz sitzenzubleiben und nachzudenken über die Konsequenzen der
bevorstehenden Baumaßnahmen. Ich konnte nur hoffen, sie würden nicht die ganze
Marsch einbeziehen und die äußeren Ränder unberührt lassen, doch es gab wenig
Chancen dafür.
Tagträumend stellte ich mir vor, wie dieser Ort in ein paar Jahren aussehen würde.
Sobald diese Frage in mein Bewußtsein drang, hörte ich das Motorengeräusch eines
Autos und sah mich am Rand einer Straße sitzen. Das Auto raste vorbei, und ich
schleppte mich vom Straßenrand fort zu einem kleinen Baum. Wie ich dort stand und
mich umschaute, fand ich mich mitten in einem Meer von Häusern, Straßen und
Lagunen. Ich war wie gebannt und konnte mich nicht bewegen. Alles war so schnell
geschehen, daß ich die Orientierung verlor. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich
befand. Eben noch war ich an unserem alten Lagerplatz gewesen, und nun stand ich
mitten in einem Siedlungsprojekt. Wie betäubt wanderte ich umher. Nichts machte
Sinn. Nun rannte ich los, versuchte mich in den Wald zu retten wie ein Tier, das sich
auf einen Parkplatz verirrt hat. Schließlich fand ich Zuflucht im Wald hinter einem der
Häuser und lief, so weit ich konnte. Wieder schwankte die Landschaft, aber ich
bemerkte es kaum.
Ich lief weiter, aber ich spürte, daß etwas sich verändert hatte. Ich blieb stehen,
schaute mich um - und alle Bilder des Siedlungsprojekts waren verschwunden. Also
beschloß ich, daß ich jetzt genug gesehen hatte, und machte mich auf den Rückweg
zu Großvaters Camp, beinah im Laufschritt und auf anderen Wegen. Ich glaubte,
schneller voranzukommen, wenn ich dem alten, Indianerpfad durch die Pine Barrens
folgte - dem gleichen Pfad, auf dem wir immer das Marschland erreichten. Der
Nachteil dieser Route war, daß ich beide Straßen überqueren mußte, aber
wenigstens würde ich vor Anbruch der Dunkelheit zurück sein. Ich wollte Großvater
viele Fragen stellen, bevor der Tag vorbei war. Morgen wäre keine Gelegenheit
mehr, denn ich mußte zu Hause sein, bevor mein Daddy zur Arbeit ging. Mir
schwindelte vor Schlafmangel und Furcht, und tausend Fragen schwirrten mir durch
den Kopf.
Als ich mich anschickte, die erste Fahrbahn zu überqueren, bemerkte ich eine riesige
Reklametafel. Oben verkündeten große Buchstaben: «DEMNÄCHST
ERSCHLOSSEN», und darunter war von Künstlerhand eine Feriensiedlung am
Rande der Bucht dargestellt. Kein Zweifel, dies war das Bild der Siedlung, aus der
ich gerade kam. Es waren die gleichen Häuser, die gleichen Straßen, die gleichen
Lagunen. Eine Landkarte zeigte all das, was zerstört werden würde, denn die
Ausläufer der Siedlung reichten bis ans Gestade der Bucht. Es würde kein
Marschland mehr geben im folgenden Jahr! Ich wollte zu Großvater laufen und ihm
erzählen, daß wir die Marsch noch einmal aufsuchen müßten, denn bald wäre sie für
immer verloren. Diese Reklametafel gab mir die Gewißheit, daß alles so käme, wie
ich es gesehen hatte. Ich hatte nach der Zukunft gefragt, auch das Datum
angegeben, und das war die Antwort.
Ich hatte mich sehr beeilt, und so erreichte ich Großvaters Camp, als eben das letzte
Licht vom Himmel wich. Schon bevor ich mich seinem Lager näherte, wußte ich, daß
er mich an seinem heiligen Platz erwartete. Und sofort hieß er mich niedersitzen. Ich
brauchte auch gar keine Frage zu stellen, denn er begann zu sprechen und sagte:
«Ja, mein Enkel, ich weiß, was dem Marschland bevorsteht. Vor vielen Jahren habe
ich die gleiche Vision der möglichen Zukunft empfangen. Jetzt hast du selbst
gesehen, daß es die wahrscheinliche Zukunft sein wird - und wir können nichts
dagegen tun, wenigstens jetzt noch nicht. Wir werden ins Marschland gehen, wenn
du nächste Woche von zu Hause wiederkommst. Wir werden dem Land die Ehre
erweisen und es in unserem Herzen bewahren, damit wir seine Schönheit an unsere
Enkel weitergeben können. Dieses Land wird für immer in uns lebendig bleiben.»
«Aber warum habe ich die Vision dieser wahrscheinlichen Zukunft empfangen? Ich
hatte doch keine Absicht - außer meiner Neugier», sagte ich. Großvater antwortete:
«Mag sein, daß du keine lautere Absicht hattest, wie du sagst, doch die Stimme
deiner Inneren Vision hatte solch eine Absicht. Du hast die erste Vision der
möglichen Zukunft empfangen, damit du weißt, daß nur noch ein Sommer bleibt, um
dem Land die Ehre zu erweisen, bevor es hingemordet wird. Die zweite Vision
dessen, was erst nach vielen Jahre kommen wird, hatte ebenfalls eine Absicht. Das
Wissen, was mit diesem Land geschehen soll, wird die Glut in dir anfachen. Der Tod,
den dieses Land sterben muß, wird dich lehren, daß du in Zukunft andere
Landschaften vor solcher Zerstörung bewahren sollst. Du sollst den Menschen
helfen, das empfindliche Gleichgewicht solcher Regionen zu begreifen, denn sie sind
Quelle des Lebens für Buchten und Meere. Die Geisterwelt hat dir einen Blick in die
Zukunft gewährt, damit du die Zukunft verändern kannst. Das Opfer dieser
Landschaft soll dir als Lehre dienen - als Lehre für alle Zukunft. Das ist die Absicht,
ja, das ist deine Absicht.»
«Wie kann ich denn verhindern, daß solche Dinge in Zukunft passieren? Die Leute,
die dieses Land zerstören, sind sehr mächtig, und ich bin ein Kind», sagte ich.
Großvater antwortete: «Man kann auf verschiedene Art etwas bewirken und die
mögliche Zukunft verändern. Es ist die gleiche Macht, die wir benötigen, um andere
zu heilen. Nur daß wir in diesem Fall die menschliche Dummheit heilen müssen. Man
kann durch die physische Realität etwas verändern was aber schwierig und sehr
begrenzt ist. Man kann aber auch durch den Geist etwas verändern - durch den
Geist, der allmächtig ist und keine Grenzen kennt. Denn die geistige Kraft wird die
Veränderung bewirken. Aber, mein Enkel, jetzt mußt du ausruhen. Nutze die
kommende Woche, um zu verstehen, was du erfahren hast! Wenn du dann
wiederkommst und wir das todgeweihte Marschland besuchen, werde ich dich die
Weisheit der geistigen Kraft lehren, der größten Macht auf Erden.» Wortlos und ohne
weitere Fragen kroch ich in meine Reisighütte und sank in tiefen, traumlosen Schlaf.
8
Die Kraft des Geistes und ihre Wirkung

Die Woche zu Hause war, gelinde gesagt, ereignislos. Rick und ich begnügten uns
damit, in unmittelbarer Umgebung unserer Stadt durch die Wälder zu streifen, doch
diese Wälder waren der Zivilisation zu nah, um noch rein und unberührt zu sein.
Auch die Natur hatte sich schon verändert, aber was uns betraf, so war dies besser
als nichts. Die ganze Woche lang dachte ich ununterbrochen an die vielen Lektionen,
die ich über die Innere Vision gelernt hatte, über die Welt der Geister, die
Möglichkeiten der Zukunft und vieles andere. Dauernd hing ich meinen Gedanken
nach, war in Tagträumen versunken, und meine Familie glaubte bereits, ich sei
krank. Dennoch war ich entschlossen, meine Pflichten zu Hause in bester Form zu
erfüllen, denn nichts sollte mich daran hindern, eine weitere Woche mit Großvater
und Rick in der Wildnis zu verbringen. Nicht nur wollte ich noch einmal das
Marschland aufsuchen, sondern ich hatte auch viele Fragen, die einer Antwort
bedurften. Obwohl Großvater mehrmals in dieser Zeit auf Besuch kam, hielten Rick
und ich uns mit Fragen zurück — besonders mit Fragen zu spirituellen Dingen.
In, dieser Zeit zu Hause sprachen Rick und ich oft miteinander, besonders über die
spirituellen Erfahrungen der letzten Woche. Seltsamerweise hatten Rick und ich ganz
ähnliche Erfahrungen gemacht, was den Zeitpunkt der möglichen Zukunft betraf.
Ähnlich wie ich hatte auch Rick in seiner Vision einen Wald gesehen, der von einer
Erschließungsgesellschaft zerstört wurde. Er war am selben Tag bachaufwärts
gewandert, als auch ich dem Bachlauf hinauf in die Marschen folgte, und dort am
Oberlauf sah er ein Baugelände, wo meilenweit der Wald geschlagen worden war. In
Wirklichkeit standen die Bäume zwar noch, aber aus der Zeitung hatte Rick erfahren,
daß dieses Land tatsächlich eine Baugesellschaft gekauft hatte und daß noch im
gleichen Jahr die Bulldozer kommen sollten. Ricks Vision der wahrscheinlichen
Zukunft hatte sich bewahrheitet.
Also war auch Rick mit der Frage zu Großvater gekommen, was wohl die Absicht
seiner Vision gewesen sei, und Großvater sagte ihm ungefähr dasselbe, was er mir
gesagt hatte. Rick sollte sich diese Naturzerstörung immer vor Augen halten, damit
er andere Landschaften davor bewahren könne, der Bauspekulation zum Opfer zu
fallen. Der drohende Tod dieses Waldes wie auch die Vernichtung meiner Marsch
waren eine wertvolle Lektion, die uns wieder einmal die Dummheit des Menschen
vorführte, seine gedankenlose Zerstörungswut. Auch mit Rick hatte Großvater, wie
ich dann hörte, über die Macht der geistigen Welt gesprochen: davon, wie unsere
stoffliche Realität durch den Geist verändert werden könne, denn die spirituelle Welt
sei mächtig und frei von den Grenzen des Materiellen. Dies beflügelte unsere
Phantasie, und während der Zeit zu Hause hatten wir viel nachzudenken.
Dann aber ging auch diese Woche zu Ende, und unsere Vorfreude wurde
unerträglich. Der geplante Ausflug ins Marschland war ein Traum, dessen Erfüllung
bevorstand, und die Aussicht auf tiefere spirituelle Lehren erschien uns als großes
Geschenk. Kaum wollten wir glauben, was wir in so kurzer Zeit lernen durften. Aber
zurückblickend wurde uns klar, daß Großvater Jahre gebraucht hatte, um uns an
diesen Punkt des Verstehens heranzuführen. So viele Dinge hatten wir gelernt, daß
wir sie kaum zu ordnen vermochten. Und so bemühten wir uns stundenlang, unser
ganzes Wissen in Form einer kurzen Liste zusammenzufassen. Wir müßten aber
feststellen, daß die Gesamtheit unseres Wissens nicht in der Summe seiner Teile
lag, sondern in einer umfassenderen und mächtigeren Philosophie, die wir
einstweilen noch nicht verstehen konnten. Einen Zwischenfall hatte es während
meiner Zeit zu Hause gegeben, der mich wirklich beunruhigte. Ich mußte Großvater
in dieser Sache befragen, denn ich befürchtete, ich hätte ein spirituelles (lesetz
gebrochen und könnte die Fähigkeit verlieren, mit meiner Inneren Vision zu arbeiten.
Meine Mutter und ich waren mit unserem alten Auto zur Stadt gefahren, als dieser
Zwischenfall sich zutrug. Die Ampel vor uns sprang auf Grün, und trotzdem hatte ich
das unabweisbare Gefühl, wir müßten sofort anhalten. Aber warum, das wußte ich
nicht. Ich wußte nur, daß meine Innere Vision sich drängend bemerkbar machte: Ich
solle meine Mutter bitten, sofort den Wagen anzuhalten. In meiner Not erzählte ich
ihr, mir sei schlecht und ich müsse mich übergeben. Ich fing schon an zu würgen,
und sie trat auf die Bremse und fuhr an den Rand - keine fünfzig Meter vor der
Ampel, die eben Grün zeigte. Im nächsten Moment kam ein Sattelschlepper mit
erhöhtem Tempo auf einer Querstraße angebraust. Mit kreischenden Bremsen schoß
er über die Ampel hinaus, mitten auf die Kreuzung, wo er sich querstellte und beide
Fahrbahnen blockierte. Zum Glück wurde niemand verletzt, und der Lastzug fuhr
weiter. Hätten wir aber nicht angehalten, dann wären wir mitten auf der Kreuzung
gewesen, als der Schlepper das rote Licht überfuhr! Meine Mutter sah mich an und
sagte: «Gott sei Dank, daß dir übel geworden ist. Sonst wären wir jetzt tot.» Dabei
musterte sie mich argwöhnisch und fragte: «Oder hast du vorausgewußt, daß er
kam?» Bislang hatte ich mich gehütet, versehentlich allzuviel über die spirituelle Welt
zu verraten, doch nun wurden meine Eltern mißtrauisch, weil ich manchmal Dinge
vorhersagen konnte, bevor sie eintrafen. Jetzt machte ich mir Sorgen, ich könnte
gegen ein spirituelles Gesetz verstoßen haben, indem ich meine Fähigkeiten verriet
und zudem meine Innere Vision benutzte, um meine Mutter und mich zu retten. Ich
hatte das sonderbare Gefühl, daß man, wenn man die Innere Vision benutzte, um
sich selbst zu helfen, sie irgendwie zu selbstsüchtigen, also falschen Zwecken
gebrauchte. Diese Frage konnte nur Großvater beantworten.
Schließlich war das Wochenende gekommen, und wir befanden uns unterwegs zu
Großvaters Camp. Die letzte Woche hatte sich hingezogen wie ein Monat, auch
wenn es kaum sechs Tage gewesen waren. Unsere Vorfreude auf den Ausflug ins
Marschland war gewaltig und steigerte sich noch, als wir uns Großvaters Camp
näherten. Als wir den Weg erreichten, der zum Lagerplatz in der Marsch führte,
sahen wir Großvater am Ufer eines kleinen Süßwassertümpels sitzen. Er hatte sein
Camp aufgeschlagen, doch nicht am einstigen Platz, sondern näher am Teich.
Wir setzten uns zu Großvater, und sofort begann er zu sprechen: «Mein Enkel»,
sagte er, «du hast keine schlechte Medizin gemacht, als du die Innere Vision
gebrauchtest, um dich und deine Mutter zu retten. Was uns durch die Innere Vision
zuteil wird, besonders jene Dinge, die zu uns kommen, ohne daß wir darum bitten,
kann nur von lauterer Absicht sein. Auf diese Art warnen die Geisterwelt und der
Schöpfer uns vor Gefahren und bevorstehenden Dingen, die uns betreffen. Du mußt
aber besser aufpassen, um dein Wissen zu verbergen. Du mußt immer auf der Hut
sein und demütig bleiben. Jetzt aber an die Arbeit», schloß Großvater. Ich war sehr
erleichtert, und dann waren wir bis zum Abend damit beschäftigt, unser Camp
aufzubauen, bis wir schließlich zum Schlafen in unsere Reisighütten krochen, tief
erschöpft von den Mühen des Tages. Es tat so gut, sich in den Abgrund des Schlafs
zu flüchten.
Die nächsten zwei Tage erforschten Rick, Großvater und ich das Marschland. Es war
herrlich, die Marsch vibrierte vor Leben, die warmen Sommertage verwöhnten uns
mit ihren lebenspendenden Kräften. Wir schwammen jeden Tag in der Bucht, gruben
Austern aus dem Sand und sammelten Muscheln und dürres Treibholz. Es war ein
Naturparadies, und nie gab es einen Moment ohne Abenteuer, ohne neue und
wunderbare Entdeckungen. Wir freundeten uns sogar mit einem Entenvölkchen an.
Anfangs tarnten wir uns mit Schilfgras, schmierten uns Schlamm ins Gesicht und
ließen uns wie schwimmende Inseln zu den Vögeln hinübertreiben. Schließlich
brauchten wir die Tarnung nicht mehr und konnten nach Belieben mit ihnen
umherschwimmen. Wir konnten uns sogar ihren Rastplätzen auf der Sandbank
nähern, und sie hoben kaum den Kopf. Am zweiten Tag durften wir ihnen sogar den
Rücken streicheln, ohne daß sie aufschreckten, wenn wir die Hand ausstreckten. Wir
waren sozusagen vom Volk der Enten adoptiert worden.
Nicht nur von den Enten wurden wir akzeptiert, sondern wir lebten im Einklang mit
allen Tieren. Wir schwammen mit Schildkröten, sammelten mit Bisamratten unsere
Nahrung und konnten die Fische am Bauch kitzeln. Es war tatsächlich ein Paradies,
ein vibrierender Lebensquell für die Bucht und das Meer. Hier fanden kleine Fische
ihre Nahrung, bis sie herangewachsen waren, um schließlich hinauszuschwimmen
ins Meer. Hier stand alles mit allem in engem Zusammenhang - eine Kette, aus der
kein Glied herausgebrochen werden durfte, ohne folgenschweres Unheil auszulösen.
Während ich in der Sonne spielte und immer wieder im klaren Wasser der Bucht
badete, war ich abgelenkt von dem Gedanken an die drohenden Katastrophe, die
bald dieses Lebenszentrum heimsuchen sollte. Unendlich schienen die Tage. Wie
reich war die Zeit für uns! Wir fühlten uns verwandelt, indem wir Teil dieses
Marschlandes wurden; und als Teil der Marsch wurden wir Teil aller Meere und aller
Lebewesen der Welt. Dies war der Ort, von dem soviel Leben seinen Ausgang nahm
- ein wimmelnder Kindergarten des Lebens, und wir waren akzeptiert und
angenommen.
Am Morgen des dritten Tages, als ich am äußeren Rand der Marsch saß und die
Sonne aufgehen sah, erschreckte mich der Motorenlärm eines näherkommenden
Fahrzeugs. Wie alle Tiere dort lief auch ich fort, verbarg mich in einem größeren
Rohrkolben-Dickicht und legte mich auf die Lauer, um abzuwarten, was kommen
würde. So sehr war ich Teil der Natur geworden, hatte beinah vergessen, daß ich ein
Mensch war - ich fühlte mich fast •wie ein Tier. Genau wie die Tiere erschrak ich über
das Dröhnen des näherkommenden Motorfahrzeugs. Horchend und ängstlich
kauerte ich im Ried und sah den fliehenden Tieren nach. Vögel flatterten auf,
Bisamratten tauchten ab in ihre Tunnels unter Wasser, Schildkröten glitten von den
Sandbänken, und alle Tiere versteckten sich. Es war, als habe sich eine Giftwolke
über das Land gelegt, und mir schien es, als ob sogar die Pflanzen sich unter ihr
duckten. Mehr denn je fühlte ich mich mit der Marsch verbunden, denn jetzt war ich
einer ihrer Bewohner, die sich vor dem Lärm des zivilisierten Fortschritts verbargen.
Das Motorengeräusch kam vom fernen Waldrand, der das Marschland abgrenzte. Es
hörte auf, dann setzte es wieder ein. Jedesmal, wenn es aussetzte, hörte ich eine
Kettensäge starten, dann das knirschende Splittern eines Baumstamms und zuletzt
den krachenden Sturz auf die Erde. Jedesmal wurde ich wütender und verzweifelter,
denn es schien, als würde der Wald selbst vergewaltigt und ermordet. Jedesmal,
wenn ein Baum stürzte, reagierten die Tiere der Gegend mit hektischer Unruhe, als
sei der Baum ein Teil ihres Lebens und Körpers. Auch mich erfaßte das Entsetzen.
Der Wald war eine Barrikade vor der Marsch, und jetzt wurde dieser Schutzwall
abgetragen, Stück für Stück, um dem Krebsgeschwür der Gesellschaft Platz zu
schaffen und dieses Paradies zu vernichten. Mir würde übel, denn alle Schönheit, die
ich in den letzten Tagen erlebt hatte, wurde jetzt besudelt. Vor meinen Augen wurde
das Heiligtum zerstört, und ich konnte nichts tun.
Ich mußte zuschauen, wie ein Mann die letzten Bäume am Rande des Marschlandes
fällte. Kaum lagen sie am Boden, als ein riesiger Lastwagen über die Wiese
geholpert kam. Mehrere Männer und eine Frau kletterten heraus und begannen
einen Klapptisch aufzustellen. Sie holten Landkarten und anderes Gerät aus dem
Wagen und versammelten sich um den Tisch, um wieder das Land im Umkreis
überblickend. Ihre Körpersprache war mir leicht verständlich, während sie mit der
Hand auf die Bucht deuteten, auf verschiedene Punkte der Marschwiesen. Daher
wußte ich, daß sie über einen Schiffskanal sprachen, den sie von der Bucht ins
Binnenland bauen wollten, und daß sie sich schlüssig zu werden versuchten, wo die
Gebäude stehen sollten. Anschließend wurde geodätisches Gerät herangeschafft,
und zwei der Männer und die Frau wanderten über die Maisch, um ihre Geräte
aufzustellen und all das zu tun, was Landvermesser eben tun mit solchen
Instrumenten.
Der ganze Vorgang machte mich wütend. Die Natur kennt keine imaginären
Grenzen, die die Erde unterteilen. Nur der Mensch in seiner Habgier muß Dinge
trennen, das Land in Parzellen aufteilen, die er dann sein eigen nennen kann. In der
Natur gibt es nur natürliche Grenzen wie die Grenze zwischen Land und Meer,
zwischen Marschland und Wald, zwischen Bergen. Wäldern und Wüsten. Niemand
darf das Land sein eigein nennen, denn das Land ist Eigentum des Schöpfers. Nur
im Herzen kann der Mensch das Land besitzen, und dann auch; mir, wenn er alles
andere hingibt, um selbst Teil des Landes zu werden. Nur wenn der Mensch ganz
aufgeht im Land, mit dem er lebt, wird er es als sein eigen bezeichnen dürfen. Diese
Landvermesser oder Techniker oder was immer sie waren, kannten das Land nicht;
denn hätten sie es gekannt, dann hätten sie es nicht zerstören können. Ihre
Anwesenheit stieß mich zurück in die rauhe Wirklichkeit der drohenden Zerstörung
dieser Marschen.
Fast den ganzen Vormittag sah ich sie arbeiten. Eine Ente, die wir «Gimpy» getauft
hatten, kam herangewatschelt, hockte sich neben mein Bein und stieß mich immer
wieder fragend mit ihrem Schnabel an. Es schien, als wollte sie mich überreden,
endlich etwas zu tun gegen diese Schlächterei, die am anderen Ende der Marsch
stattfand. Flüsternd und mehr mit mir selbst sprechend als mit Gimpy, erzählte ich
ihr, daß ich nichts dagegen tun könne. Ich sei zwar ein Mensch, sagte ich, aber ein
ohnmächtiger. Immerhin, so erzählte ich der Ente, hatten diese Leute amtliche
Dokumente. Sie waren Besitzer des Landes, und sie besaßen das nötige Geld. Sie
konnten sich das Recht herausnehmen, das Land zu töten. Und Menschen wie ich
könnten nichts dagegen tun. Das Land sei bedeutungslos für diese Leute. Sie sähen
darin nur Geld und Profit — nicht aber die Mutter allen Lebens. Durch ihre
Unwissenheit würde nicht nur das Land sterben, sondern auch Buchten und Meere
zugrunde gehen.
Inzwischen hatten die Landvermesser allerlei Geräte aufgestellt, wie ich noch
niemals welche gesehen hatte. Sie schienen eher wissenschaftlichen Zwecken zu
dienen als der Bautechnik. Dieser Umstand weckte meine Neugier, und ich begann
mich über die Marschwiesen anzuschleichen, um mir die Sache aus der Nähe
anzusehen. Zuerst fand ich ausreichend Deckung, so daß ich rasch vorwärts kam.
Als ich mich aber dem Standort der Techniker näherte, war die Vegetation spärlicher
geworden, und ich mußte mich auf dem Bauch heranrobben. Manchmal mußte ich
sogar durch den Schlamm schwimmen, um die nächste Schilfinsel zu erreichen, und
bald war ich von Kopf bis Fuß bedeckt von Schilf und Pflanzenteilen. Für die letzten
fünfzig Meter bis zu den Leuten dort brauchte ich fast zwei Stunden. Endlich aber
war ich so nah herangekommen, daß ich nicht nur ihre Gespräche verstehen,
sondern sie beinah berühren konnte. Menschen anzupirschen, das war nicht schwer,
denn sie waren so unvorsichtig in der Wildnis. Selbst Jäger und Naturfreunde,
obwohl besser als die breite Masse, wußten nichts von den Lebensrhythmen des
Waldes. Mir schien es, als lebten die meisten Menschen in einem Vakuum, gefühllos
für alles, was sie umgab. Anfangs, als Rick und ich Pirschen lernten, hatten wir unser
Können an Menschen erprobt; bald aber fanden wir heraus, daß der
Durchschnittsmensch für uns keine Herausforderung war. Meist konnte ich direkt vor
die Leute hintreten, ohne daß sie mich sahen. Doch hier in der Marsch wollte ich kein
Risiko eingehen. Ohnehin fühlte ich mich inzwischen eher den Tieren verwandt als
den Menschen - und diese Lebewesen dort waren Fremdlinge nicht nur im
Marschland, sondern auch für mich. Dies wäre eine gute Gelegenheit, dachte ich mir,
meine Mitgliedschaft im Verein der Menschheit zu kündigen und künftig ein Tier zu
bleiben. Ich wollte einfach nichts mit diesen Lebewesen gemein haben. Meinetwegen
hätten sie eben sogut von einem anderen Planeten stammen können.
Ohne daß ich es wußte, war Gimpy mir leise den ganzen Weg gefolgt. Fast wäre ich
aus der Haut gefahren vor Schreck, als ich ihren Schnabel an meiner Wade
knabbern spürte. Zum Glück hatte ich genügend Selbstbeherrschung, erst mal
herauszufinden, wer da an mir knabberte. Denn hätte ich eine Bewegung gemacht,
dann hätten die Techniker mich unweigerlich bemerkt. Derweil war die Ente unbeirrt
auf meinen Rücken geklettert und hatte sich, dort häuslich niedergelassen. Ich
versuchte sie abzuschütteln, aber sie war beharrlich und richtete sich anscheinend
auf ein langes Nickerchen ein. Na, mochte sie bleiben, dachte ich mir: Als Tier der
Wildnis war sie ohnehin bestens getarnt, und auch ich war mit Schlamm und Erde
bedeckt und sah aus wie ein Teil der Landschaft. Wir beide waren in Sicherheit, und
so beschieß ich, diesen Arbeitstrupp weiterhin beim Aufstellen seiner Geräte zu
belauschen und zu beobachten.
Bald darauf merkte ich, daß zwei Mitglieder der Gruppe in einen hitzigen
Wortwechsel gerieten. Die junge Dame, eine Landkarte in der Hand, stritt sich mit
einem der Techniker. Dieser Mann, so vermutete ich, mußte der Boß der ganzen
Gruppe sein, denn er trug teure Kleidung und half nicht mit beim Aufstellen der
Geräte. Auch sprach er mit Autorität und kommandierte die anderen Arbeiter hin und
her, die ihm ohne Widerrede zu gehorchen schienen. Die Dame schaute immer
wieder auf die Landkarte und sagte dem Mann, der wie ein Boß aussah, daß die
Behauung an dieser Stelle enden müsse — dabei stets über die Marsch deutend.
Der Boß schüttelte jedoch den Kopf und redete von notwendiger Wirtschaftlichkeit. Er
mußte alles herausholen aus dem Areal, sagte er, und der schmale Landstreifen, den
sie verschonen wolle, mache kaum einen Unterschied. Die Auseinandersetzung
zwischen den beiden wogte geräuschvoll hin und her. Manchmal schienen sie sich in
einem Punkt zu einigen, meist aber waren sie geteilter Meinung. Derweil versprühte
der Boß wie auch alle anderen Männer seines Trupps dauernd Insektengift aus der
Dose und schimpfte mächtig über den Schlick-Geruch, die Aasfliegen und die
Moskitos. Immer wenn die Frau verlangte, den äußeren Rand der Marsch zu
bewahren, sagte der Boß, dies sei doch nur eine Brutstätte für Moskitos, und dieser
Schlick-Gestank werde bei seinen Kunden wenig Anklang finden. Sie wandte
dagegen ein, daß die Bewahrung des äußeren Marschenstreifens dem Areal einen
gewissen Reiz der Ursprünglichkeit verleihen und somit den Käufern das Gefühl
geben würde, als lebten sie wirklich am Meeresstrand. Der Streit wurde hitziger, die
Standpunkte unversöhnlicher, und so ging es weiter — noch gut eine Stunde lang.
Schließlich wurde die Frau ganz böse, feuerte die Landkarte auf den Boden und
stapfte direkt zu mir herüber. Mir schlug das Herz bis zum Halse. Ich spürte, wie
Gimpy den Kopf hob und erschreckt nach der Frau starrte, die rasch näherkam.
Flucht war unmöglich. Ich mußte bleiben, wo ich war, und konnte nur hoffen, sie
werde an mir vorbeilaufen und nicht über mich stolpern. Und dann, welch ein Pech,
entdeckte sie Gimpy auf meinem Rücken. An ihrer Stimme erkannte ich, daß sie
mich noch nicht entdeckt hatte. Für sie war ich nichts als ein Hügel im Schlamm.
Ganz langsam ging sie auf Gimpy zu und sprach leise auf das Entchen ein. Ich war
überrascht, daß Gimpy sich nicht von der Stelle rührte. Vielmehr blieb sie einfach
sitzen, anscheinend beschwichtigt durch die Stimme der Frau. Sie kam bis auf
Zentimeter an mich heran, immer noch auf die Ente einredend und ohne zu merken,
daß sie auf meinen Fingern stand. Ich versenkte mich an den Ort der Stille, um
meinen Atem zu kontrollieren und um den Schmerz ihres Stiefels auf meiner Hand zu
vergessen.
Die Frau sprach weiter auf Gimpy ein, die jetzt genau auf meinem Hintern stand.
Noch immer ahnte die Frau nicht, daß der Hügel, auf dem die Ente saß, tatsächlich
ein Mensch war. Sie sagte: «He, kleiner Kumpel du. Ich weiß, du bist traurig, weil wir
dein Marschland stehlen wollen. Aber ich will mich bemühen, den äußeren
Landstreifen an der Bucht zu retten. Das Problem ist nur, der Eigentümer und
Bauherr verlangt das ganze Areal. Nur aus einem Grund wollen diese Leute auch
den äußeren Streifen haben: Nämlich um den Geruch von Schlick und Seetang
während der Ebbe loszuwerden und um die Moskitos auszurotten. Ihre Kunden
begreifen nicht, daß dieses Land ein wichtiger Lebensraum für viele Tiere ist. Ich
versuche mein Bestes zu tun, aber ich bin nur eine angestellte Beraterin, und der
Boß braucht nicht auf mich zu hören. Trotzdem will ich sehen, was ich für dich tun
kann!» Ohne zu überlegen — und da war es schon zu spät - sagte ich: «Danke.»
Die junge Dame fiel rückwärts in den Schlamm und stieß einen markerschütternden
Schrei aus, der über die ganze Marsch hallte. Gimpy schwang sich flügelschlagend
in die Luft, und ich stand auf, ohne nachzudenken. Dadurch geriet die Frau noch
mehr in Panik, sie kreischte wieder und flehte mich an, ihr kein Leid anzutun. Ich
muß sonderbar ausgesehen haben, wie ein Ungeheuer der Sümpfe, mit Schlamm
bedeckt und in eine äußere Schicht von Reisig und Schilfstreu gehüllt, was mich
gewiß noch schrecklicher erscheinen ließ. Ich versuchte die Frau zu beruhigen - aber
je länger ich sprach, desto lauter kreischte sie, rückwärts durch den Schlamm
kriechend, um sich vor mir zu reiten. Nach langem, gütlichem Zureden beruhigte sie
sich ein wenig und brach endlich in hysterisches Lachen aus. Auch ich mußte lachen,
und spielerisch warf sie mir dann eine Handvoll Schlamm ins Gesicht. Sie lachte so
hemmungslos, daß ihr beihah Tränen über die Wangen kugelten.
Ich setzte mich neben sie und erzählte ihr, was ich hier im Marschland machte und
daß die Ente tatsächlich eine Freundin war, die hier wohnte. Die junge Frau hörte
aufmerksam zu, alles schien sie zu interessieren. Dann sagte sie mir genau dasselbe
wie vorhin der Ente, daß sie so gerne den äußeren Rand der Marschen bewahren
wolle. Sie heiße Nancy und sei eigentlich von ihrem Großvater hierher geholt worden
in die Bucht. Sie hatte am College studiert, und jetzt plante sie, sich hier
niederzulassen. Diesen Job als Umwelt-Beraterin hatte sie mit der geheimen Absicht
angenommen, doch einen Teil des Landes zu retten. Aber sie mußte zugeben, daß
die Eigentümer nichts davon wissen wollten. Nancy war jetzt an dem Punkt
angelangt, wo sie ihren Job riskierte, wenn sie sich weiterhin widersetzte. Sie habe
schon alle legalen Mittel eingesetzt, um die Bauarbeiten zu verzögern. Aber die
Leute begriffen einfach nicht, warum diese Landschaft so wichtig sei. Sie sähen nur
Geld und Siedlungsraum.
Zwei Männer, die zu dem Arbeitstrupp gehörten, hatten jenseits der Marsch das
Geschrei gehört - und jetzt kamen sie in Panik gerannt, weil sie fürchteten, Nancy
könnte verletzt sein. Kaum hatten die Arbeiter mich entdeckt, blieben sie stehen. Ja,
sie erschraken so sehr, daß einer von ihnen ausglitt und fluchend in den Schlamm
stürzte. Endlich kam auch der Boß angestampft, und nachdem er mich von oben bis
unten gemustert hatte, begann er mich anzuschreien. Er befahl mir, von seinem Land
zu verschwinden - und fand, ich hätte ein Tracht Prügel verdient, weil ich die junge
Dame so erschreckt habe. Dann klaubte er einen Knüppel auf, ein Stück Treibholz,
das er jetzt über dem Kopf schwang, während er näherkam. Die Dame versuchte ihn
aufzuhalten, sie packte ihn am Arm, als er an ihr vorbeiging. Er aber stieß sie
beiseite, und sie fiel platschend in den Schlamm. Der Mann kam immer näher,
wütend und angriffslustiger noch als vorhin, während sich eine Flut von Flüchen und
Schimpfwörtern aus seinem Mund ergoß.
Als ich Nancy rückwärts in den Schlamm stürzen sah, wurde ich wütend. Ich war nur
ein kleiner Junge, halb so groß wie der Boß, aber ich wußte mich zu behaupten.
Großvater hatte mich vor langer Zeit die Kampftechnik des Vielfraß gelehrt, und ich
konnte es leicht mit diesem Mann aufnehmen. Er war übergewichtig und untrainiert
und rang keuchend nach Atem, während er sich auf mich stürzte. Er war verblüfft, als
ich meinen Platz behauptete. Doch als er hörte, wie seine Männer über ihn lachten,
führte er einen Schlag gegen meinen Oberkörper. Ich konnte mit Leichtigkeit
ausweichen, und der Schwung seiner Bewegung warf ihn fast aus dem
Gleichgewicht. Wieder holte er aus, diesmal gegen die Beine, und noch wütender
jetzt, weil sein erster Schlag fehlgegangen war. Wieder konnte ich leicht ausweichen,
und diesmal warf die aggressive Wucht seines Angriffs ihn auf die Knie. Schäumend
vor Wut, versuchte er mich am Kopf zu treffen. Ich aber verlor die Geduld mit ihm,
denn jetzt versuchte er mich ernstlich zu verletzen.
Das Tier in mir bäumte sich auf, ich parierte den Stock, packte den Mann am Arm
und warf ihn über die Schulter - in ein tiefes Schlammloch hinter mir. Diesen
Selbstverteidigungsgriff hatten wir so oft geübt, daß ich nicht nachzudenken
brauchte. Der Boß flog mit dem Kopf voran in den Tümpel und versank bis über die
Hüften. Jetzt hielt ich den Stock in der Hand, und als einer der Männer mich
angreifen wollte, schleuderte ich das Stück Holz und traf den Kerl unter den Knien,
was ihn bäuchlings in den Schlamm schickte. Der andere Mann wich mit
ausgestreckten Händen zurück, mit einer beschwörenden Geste, als wolle er nichts
mit dem Kampf zu tun haben. Nancy saß im Schlamm und grinste nur. Der Boß
befahl seinen Männern jetzt fluchend, mich einzufangen. Ich glitt aber lautlos in den
Schlamm und verschwand in der Marsch. Mein rasches und müheloses
Verschwinden brachte den Mann erst recht in Rage, und aus der Ferne noch hörte
ich Nancy schadenfroh kichern.
Der Boß und zwei seiner Arbeiter suchten wohl eine gute Stunde nach mir, bevor sie
aufgaben und zu ihrem Auto zurückkehrten. Ich sah sie davonfahren und wußte, daß
der Boß wirklich wütend und beschämt war, weil ihn ein kleiner Jungen besiegt hatte.
Und erst recht, weil ich so leicht entkommen konnte. Nancys Job war nach diesen
Ereignissen sicher ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Es würde ihr nicht mehr
möglich sein, den äußeren Rand der Marsch zu retten. Dieser Boß schien nicht
bereit, noch eine weitere Schlacht zu verlieren. Und während ich die Sonne
untergehen sah, begann ich den Mann zu hassen - und alles, wofür er einstand. Ich
haßte seine Habgier, seine Dummheit und seine Arroganz. Er verkörperte alles, war
mir verhaßt war an der Gesellschaft, und je länger ich darüber nachdachte, desto
wütender wurde ich. Diesen belanglosen Kampf hatte ich gewonnen, doch er würde
den größeren und wichtigeren gewinnen. Er würde die ganze Landschaft zerstören,
nur aus Dummheit und Habgier.
Während ich aber solchen Haß auf den Mann verspürte, fühlte ich mich auch
schuldig. Großvater, der uns die Kampftechnik eines Vielfraß-Kriegers lehrte, hatte
uns auch ermahnt, daß ein wahrer Krieger immer als letzter zur Lanze greift. Ein
Krieger, so hatte Großvater uns gelehrt, mußte alle Möglichkeiten ausschöpfen, um
den Kampf zu vermeiden. Nur als letztes Mittel durfte er den tödlichen Schlag des
Vielfraß führen. Ich aber hatte nicht versucht zu verhandeln; ich war nicht dem Weg
des Herzens gefolgt, sondern der bösen Medizin des Hasses. Ich hatte
zugeschlagen und einen Mann durch Zorn und Haß gedemütigt. Dies waren nicht die
Tugenden eines Kriegers, und ich wußte, daß ich mehr Schaden als Gutes bewirkt
hatte. Ich hatte Wut und Aggression mit Wut und Aggression beantwortet, und in
solch einem Fall kann keiner gewinnen. Mir war klar, daß ich versagt und Großvater
verraten hatte; daß ich mich seines Vertrauens nicht würdig erwiesen hatte, indem
ich die Kunst eines Kriegers mißbrauchte. Wie oft war ich in der Schule vor einem
Gegner zurückgewichen, nur um dem Weg des Kriegers zu folgen. Nun aber hatte
ich gegen dieses geheiligte Gesetz verstoßen. Ich mußte Großvater finden und ihm
erzählen, was mir passiert war.
Großvater lag abseits von seinem Camp und starrte hinauf in den leuchtenden
Sternenhimmel. Er wartete nicht, bis ich das Wort an ihn richtete, sondern sprach
unvermittelt: «Ich habe die ganze Szene gesehen.» Dann schwieg er, und mir wurde
so klamm im Magen, daß ich mich fast übergeben hätte. Obwohl seine Stimme nicht
vorwurfsvoll oder böse klang, machte ich mir doch Sorgen, was er von dem, was er
gesehen hatte, nun halten mochte. Endlich sagte er: «Du hast keinen Fehler
gemacht, mein Enkel, denn du wärst schlimm verletzt worden, Der Mann hätte nicht
auf dich gehört, auch wenn du versucht hättest, vernünftig mit ihm zu verhandeln.
Seine Vernunft wurde von seinem Zorn beherrscht. Auch du hast den Fehler
begangen, dein Herz durch deinen Zorn beherrschen zu lassen. Es war nicht unrecht
von dir, ihm die Waffe zu nehmen. Sehr unrecht aber war dein Haß, der darauf folgte.
Wie oft habe ich dir gesagt, du mußt alle Lebewesen lieben, auch Menschen und
Situationen, die du normalerweise hassen würdest.»
Großvater machte eine Pause, und ich hing im Stillen meinen Gedanken nach. Wie
schwer war es doch, jemanden zu lieben, der für all das Böse verantwortlich war, das
ich ablehnte. Doch solchem Haß mit Haß zu begegnen, konnte nur die Macht des
Verhalten stärken. Wenn Liebe den Haß ersetzte, dann gab es Hoffnung. Dies war
leichter gesagt als getan, besonders im Umgang mit einem so starken Gefühl wie
dem Haß. Wieder sprach Großvater und sagte: «Ich weiß, mein Enkel, daß Lieben
manchmal schwerfällt. Dieser Mann ist von Habgier beherrscht, und er wird bald
diesen Ort zerstören, den wir so lieben. Aber eigentlich trägt nicht er die Schuld. Du
mußt die Sache auch von »einer Seite betrachten, um ihn zu verstehen und ihn
schließlich im Herzen zu lieben. Er ist von den Werten dieser Gesellschaft beherrscht
und weiß nicht, was er dem Land wirklich antut. Seine Unwissenheit ist es, die ihn
antreibt und ihn hassenswert macht. Du sollst aber den Mann nicht hassen, sondern
seine Unwissenheit korrigieren.»
Wieder entstand eine Pause, während Großvater mir Zeit ließ, alles aufzunehmen,
was er gesagt hatte. Jetzt erkannte ich, daß es wahrscheinlich nicht die alleinige
Schuld dieses Mannes war. Er war nichts andres als das Produkt dieser
Gesellschaft, die das Land nur als Profitquelle sieht. Auch die Gesellschaft hatte
nicht ausschließlich Schuld, denn bislang hatte noch niemand versucht, die breiten
Massen die Wahrheit zu lehren. Doch die moderne Gesellschaft, so fand ich, ist eine
starke Bestie; man mußte sehr stark sein und große Geldsummen einsetzen, um
jeden zu erreichen. Auch war es jetzt zu spät, das Marschland noch zu retten. Und
wie der Boß sich benahm, schien es unmöglich, seine Haltung zu ändern. Für mich
gab es keine Hoffnung mehr, auch nur einen kleinen Teil des Areals zu retten. Nancy
hatte es schließlich versucht, und sie war gescheitert. Immerhin hatte sie diese Dinge
am College studiert. Je mehr ich darüber nachdachte, desto hoffnungsloser erschien
mir die ganze Sache.
Großvaters Stimme unterbrach wieder mein Grübeln, und er sagte: «Nichts ist
hoffnungslos. Du fragst dich, wie wir die Haltung und Überzeugung dieses Menschen
ändern können, der das Land zerstören will. Du hast recht, wir sind machtlos - nach
den Maßstäben dieser Gesellschaft; nur durch Logik und materielle Argumente wird
er sich niemals ändern. Es gibt aber, mein Enkel, ein anderes Mittel - ein Mittel, das
machtvoll und grenzenlos ist. Das ist die Macht des Geistes. Wenn dieser Mann
durch das stoffliche Bewußtsein nicht erreicht werden kann, so ist er vielleicht
erreichbar durch den Geist. Es ist ähnlich wie eine Geistheilung durch die Macht des
Geistes, nur daß wir jetzt die Dummheit der Seele zu heilen versuchen und nicht den
Leib. Solange uns aber nicht befohlen ist, die Macht des Geistes einzusetzen,
können wir nichts unternehmen. Doch jetzt, mein Enkel, mußt du schlafen. Morgen
bei Aufgang der Sonne müssen •wir diesem Marschland die Ehre erweisen, wie wir
es dem Geist des Landes gelobt haben.»
Lange konnte ich nicht einschlafen. Alles, was Großvater mir gesagt hatte, wirbelte
mir durch den Kopf. Bis dahin hatte ich nicht glauben wollen, daß dieser Boß
irgendwie zu erreichen sei. Jetzt sagte mir Großvater, daß es wohl ein höheres Mittel
gäbe als alle Mittel des körperlichen Bewußtseins. Ich wußte, die Geisterwelt kannte
keine Grenzen, und doch verstand ich nicht, wie ihre Macht dazu dienen konnte,
jemanden zu erreichen, jemanden zu heilen, der nicht einmal die Erde verstand,
geschweige denn die Welt des Geistes. Die Aussicht verblüffte mich, aber sie
faszinierte mich auch. Wo es keine Hoffnung mehr gab, hatte Großvater mir neue
Hoffnung geschenkt. Nachdem ich alle Gedanken an diesen Mann beiseite
geschoben hatte, stellte ich mir vor, wie wir am ändern Morgen diesem Land die Ehre
erweisen würden - wahrscheinlich zum letzten Mal. Ach, welch ein Verlust! Mit
Tränen in den Augen schlief ich endlich ein.
Es war noch dunkel, als Großvater Rick und mich weckte. Wir brachen gleich auf und
begaben uns zum Mittelpunkt des Areals, wobei wir uns einen Weg zwischen
Rinnsalen und Schlammlöchern bahnen müßten. Als wir endlich im Mittelpunkt der
Marsch anlangten, verkündete ein heller Streifen am Horizont die nahe Dämmerung.
Wir standen da und harrten der .mischenden Sonne. Großvater, hoch aufgerichtet
vor seinem Schöpfer, begann die Gebete zu sprechen, während Rick und ich
andächtig den Kopf neigten. Obwohl ich nur wenig von Großvaters Sprache
verstand, wußte ich, daß er Gott dankte für dieses Lind, für das Wasser und für den
Sonnenaufgang. Und während die Sonne am Horizont aufstieg, verweilten wir im
stillen Gebet. Großvater begann seine kleine Trommel leise zu schlagen. Dann
wurden Lob- und Preislieder gesungen, gefolgt von Hymnen des Dankes und der
Freude. Die ganze ehrende Zeremonie war sehr schön, aber auch sehr traurig. Es
war wie ein Lebewohl an einen alten, vertrauten Freund — ein Freund, der seinen
letzten Weg in den Tod antreten sollte. Ich weinte wie ein Kind, Rick weinte, und
auch Großvaters Augen waren von Tränen gerötet. Nur mit Mühe konnte ich den
Haß niederkämpfen, den ich auf jene empfand, die diesen Ort vernichten wollten.
Endlich, als die Gebete gesprochen waren und die Sonne hoch um Himmel stand,
hörte Großvater auf zu trommeln, und die Zeremonie war beendet. Nun wußten wir,
daß dieses Land immer m unseren Herzen und unseren Gedanken lebendig sein
würde. Nur taten mir die Kinder nach uns leid, die niemals die Kraft dieser Landschaft
kennenlernen sollten. Da gelobte ich, daß ich eines Tages die Geschichte dieser
Marschen, dieses Tempels der Schöpfung erzählen würde. Langsam drehte
Großvater sich herum und schaute zum fernen Rand der Marschen hinüber, zur
Waldgrenze. Dann lächelte er, als wolle er jemanden willkommen heißen. Überrascht
fuhr ich herum; ich spähte in die Richtung, in die Großvater grüßend genickt hatte —
und anfangs dachte ich, ich sähe Geister. Zu meiner großen Verwunderung stand
dort in der Ferne ganz deutlich der Boß, der uns beobachtete. Auch er winkte
Großvater zu, dann verschwand er im Wald. Nun wandte sich Großvater an uns
beide und sagte — mit einer Stimme, aus der absolutes Vertrauen sprach: «Der
äußere Rand des Marschlandes wird gerettet werden.» Damit drehte er sich um und
ging in sein Camp.
Lange saß ich, in Schweigen vertieft. Auch Rick hatte sich entfernt, und zum
erstenmal an diesem Morgen war ich allein. Ich konnte nicht glauben, was Großvater
gesagt hatte. Wie konnte er es wissen, besonders mit solcher Zuversicht, daß der
Rand der Marschen bewahrt werden würde? Er hatte den Boß nie persönlich
kennengelernt und konnte nicht viel von ihm wissen. Und doch schimmerte aus
seinen wenigen Worten eine Vertrautheit mit diesem Mann, als ob er ihn dennoch
kannte; auch wenn es mir völlig unbegreiflich war. Noch mehr aber beschäftigte mich
die Frage, warum dieser Mann so früh morgens ins Marschland herausgekommen
war. Es überraschte mich nicht, daß Großvater wußte, er würde kommen. Doch was
mich wirklich überraschte, war dies Einverständnis zwischen Großvater und dem
Mann. Ich beschloß, zum Waldrand hinüberzulaufen und nachzusehen, was ich über
den Aufenthalt des Mannes dort herausfinden könnte.
Ich kam zu dem Platz, wo der Boß in der Morgenfrühe gestanden hatte. Die Sonne
stand bereits hoch am Himmel, doch hier war kein Mensch zu sehen. Keine Spur von
der Mannschaft und ihrem Boß! Ich bildete mir schon ein, daß es gar nicht der Boß
gewesen sei, den ich am Morgen gesehen hatte, sondern sein Geist. Aber ich wußte
nicht, wie das zugehen sollte. Nach längerem Suchen fand ich endlich die Spuren
des Mannes - Spuren von stofflicher Realität, also kein Geist! Seltsamerweise waren
die Spuren noch vor dem ersten Morgenlicht entstanden, wahrscheinlich zur selben
Zeit, als wir den Mittelpunkt der Marschen erreichten, um für das Land zu beten. Ich
folgte der Spur bis hinaus zu dem Platz, wo sein Lastwagen an diesem Morgen
geparkt hatte, und stellte fest, daß er mit hohem Tempo hierher gefahren sein mußte,
mit einer Vollbremsung aus dem Wagen springend, dann aber ganz gemächlich zum
Waldrand schlendernd, wo er mehr als zwei Stunden gestanden hatte. Das ganze
Szenario erzählte von einem Mann, der wie getrieben hierher geeilt war, offenbar in
größter Eile. Gewiß war er nicht zum Spazierengehen gekommen, sondern
offensichtlich in einer Mission.
Eigenartig, wie früh und wie eilig er hierher gekommen war; trotzdem hatte er am
Waldrand alle Eile vergessen und einfach dagestanden! Nichts deutete daraufhin,
daß er etwas anderes getan hätte, als herzukommen, zu schauen, und dann wieder
fortzufahren. Auch verriet nichts seine Wut, die ihn am Vortag beherrscht hatte;
vielmehr wirkte er sehr freundlich, als er Großvaters Gruß erwiderte. Ich begann
schon zu ahnen, daß Großvater etwas damit zu tun hatte! Aber was — und wie?
Einen guten Teil des Tages verbrachte ich damit, forschend durchs Marschland zu
streifen, besonders durch den Teil am Gestade der Bucht. Dies war die Stelle, um die
der Streit ausgebrochen war. Und dieser Teil, sagte Großvater, würde gerettet
werden. Jetzt sah ich auch, warum es für Nancy so wichtig war, gerade dies äußere
Areal zu retten, denn hier in den saftigen Marschwiesen zwischen den Schilfstauden
wimmelte es förmlich vor Leben. Hier tummelten sich Schwärme von jungen Fischen
im Wasser der Priele, hier gab es riesige Kolonien von Seevögeln und anderen
Tiergattungen. Wenn dieser Teil der Marsch erhalten blieb, dann waren zahlreiche
Lebensformen gerettet, und die Zerstörung der Binnenmarsch wäre nicht so
verheerend. Unter allen Gebieten der Marsch, die ich besucht hatte, war dieses
Randgebiet das aufregendste; es bot Abenteuer und reiche Möglichkeiten der
Erforschung. Es wurde sogleich mein Lieblingsplatz.
Ein Weilchen blieb ich am Ufer liegen, die Augen geschlossen und ganz entspannt.
Die würzige Seeluft der Marsch, das Rauschen der Wellen, die Vogelrufe und die
Intensität der Nachmittagssonne wirkten fast berauschend auf mich. Welch
ursprüngliches Lebensgefühl war es doch, einfach hier zu sitzen! Sogar die
Pfeilkrabben waren Boten der Urzeit, die einem unergründlichen Schöpfungsmorgen
entstammten. Hier war es, wo alles Leben einst begonnen haben mochte; hier, an
den Küsten der Buchten und Meere, der Großmutter allen Lebens. Friede und
Reinheit erfaßten mein Bewußtsein, als habe die Intensität des Augenblicks alle
Sorgen von mir abgestreift. Noch immer fürchtete ich um dieses schöne Land, aber
ich haßte nicht mehr den Boß, besonders nach der Begegnung an diesem Morgen.
Irgend etwas in mir hatte sich verändert, und es war gut. Ich wäre vollauf zufrieden
gewesen, wenn ich im ganzen Leben nur einmal diesen einen Nachmittag hier liegen
durfte. Auch dann würde die Marsch in meine Seele eindringen und immer ein Teil
von mir bleiben.
Meine Tagträumerei wurde plötzlich gestört, als ich Stimmen hörte. Ich drehte mich
vorsichtig auf den Bauch und spähte über die Marsch in die Richtung, aus der die
Geräusche kamen. Wieder war dieser Arbeitstrupp gekommen, Nancy und auch der
Boß, und sie taten dasselbe, was sie tags zuvor getan hatten. Diesmal gab es keinen
Streit, wie ich sah, sondern Nancy und der Boß schienen gut zusammenzuarbeiten.
Lachen hatte die dauernden Sticheleien von gestern abgelöst. Ich war verwundert,
aber auch leicht beklommen, weil ich mir keine Wiederholung des Kampfes
wünschte, den ich bestanden hatte. Noch immer fürchtete ich den Jähzorn des
Mannes; immerhin hatte sich eigentlich nichts geändert. So beschloß ich, an Ort und
Stelle zu bleiben und mich nicht zu rühren, bis sie fortgingen — oder notfalls, bis die
Dunkelheit mir Deckung böte. Dann würde ich davonschleichen, ohne entdeckt zu
werden. Es war besser so, vor allem im Sinne des wahren Kriegers, nicht den Kampf
zu suchen, sondern ihn zu fliehen.
Der Nachmittag zog sich hin, und es wurde heißer. Aber die Mannschaft arbeitete
weiter. Meist blieben sie nah beisammen, sie zogen hierhin und dorthin, entfernten
sich aber niemals weit von meinem Versteck. Schließlich am Spätnachmittag kamen
sie dorthin, wo ich im Schilf lag, und wollten wahrscheinlich auf direktem Weg zum
Strand der Bucht hinuntergehen. Gewiß würde ich entdeckt werden, dachte ich,
darum glitt ich ins Wasser hinaus, schob mich am Rand des Dickichts zu einem
Kanal und schwamm lautlos zurück zu meinem Lagerplatz. Und wieder fühlte ich
mich wie ein Tier, als ich dem Arbeitstrupp so leicht entschlüpfte. Großvater sagte
manchmal, daß der Verfolgte immer im Vorteil ist, und diese Gelegenheit zeigte,
warum das stimmt. Ich schwamm weiter den Priel entlang und bemühte mich, kein
Geräusch und keine Wellen zu machen. Irgendwann war ich keine zwei Meter von
diesen Leuten entfernt, doch nach den Stimmen zu urteilen, hatte mich keiner
bemerkt. Auch gelang es mir, die Vögel und andere Tiere am Ufer nicht
aufzuscheuchen.
Während ich weiterglitt, fast wie ein Alligator, hörte ich die Stimmen der Leute immer
weiter hinter mir. Jetzt in Sicherheit, kroch ich ans Ufer - und blickte direkt auf zwei
menschliche Füße. Ich ließ mich zurück in den Priel fallen und ging in
Verteidigungsstellung, als Nancy schallend lachte: «Na, endlich hab ich's dir
heimgezahlt», sagte sie. «Jetzt bist du an der Reihe, vor Schreck rückwärts in den
Schlamm zu fallen.» Ich konnte es gar nicht fassen, daß ich sie, wie sie dort am Ufer
saß, übersehen hatte. Das war dumm von mir, denn solcher Mangel an
Aufmerksamkeit hätte zu anderer Zeit und an anderem Ort gefährlich sein können.
Ich hatte geglaubt, sie wären alle unten am Strand der Bucht, aber ich hatte mich
getäuscht. Es war mir direkt peinlich, daß ein menschliches Wesen mich so leicht
entdeckt hatte. Es war demütigend, kein Zweifel. Rick und Großvater würden sich
schieflachen, wenn ich es ihnen erzählte.
Ich spülte den Schlamm ab, spähte mißtrauisch nach dem Arbeitstrupp in der Ferne
und kroch wieder die Uferböschung hinauf. Ich war noch ein wenig verlegen, als ich
mich zu Nancy ins Gras setzte, aber dann müßten wir beide lachen. Bald darauf
begann sie, über das Marschland zu sprechen - diesmal aber mit großer Hoffnung in
der Stimme. Sie erzählte mir, daß der Boß — er hieß Bill — beschlossen hatte, die
äußere Marsch nicht zu zerstören. Ja, sie erzählte mir, daß er noch mehr bewahren
wollte, als sie verlangt hatte, und daß dieses unberührte Land so ins Kataster
eingetragen werden sollte, daß niemand dort jemals ein Haus bauen durfte. Es sollte
für immer ein Reservat bleiben. Und dann sagte Nancy: «Ich weiß nicht, was mit ihm
geschehen ist. Es ist wie eine Bekehrung, ein Wunder! Gestern noch wollte er alles
haben, und heute, besonders nach seinem Ausflug in die Marsch heute morgen, will
er einen Großteil des Landes bewahren. Er selbst erwähnte, daß er in der Nacht
einen Traum gehabt habe, in dem ihm ein alter Indianer erschienen sei und ihn
gebeten habe, das Land zu retten.»
Ich war sprachlos vor Staunen — nicht nur, weil es die beste Nachricht war, die ich
seit Tagen gehört hatte, sondern weil ich verdammt genau wußte, wer dieser
Indianer in seinem Traum war. Die äußere Marsch -würde gerettet werden, und das
war die Hauptsache! Wirklich ein Wunder. Ich war so glücklich und aufgeregt, daß ich
aufsprang und einen Freudenschrei ausstieß. Und dann weiß ich nur noch, daß
Nancy und ich uns wie Kinder im Schlamm wälzten. Wir lachten jubelnde Tränen.
Plötzlich aber hörten wir Bills Stimme, und als ich erschrocken aufblickte, sah ich ihn
stehen — kaum einen Meter von uns entfernt. Ich erstarrte vor Schreck und vor
Befangenheit, denn wieder spürte ich, wie das Tier sich in mir regte. Im nächsten
Moment aber hechtete Bill zu uns in den Priel und kugelte durch den Schlamm,
juchzend wie ein Kind.
Am Schluß waren wir ganz erschöpft, alle drei waren wir schlammverkrustet, und
dann zeigte ich den anderen, wie man sich abwaschen konnte, ohne sich wieder
schmutzig zu machen, wenn man ans Ufer stieg. Während wir in der Sonne saßen
und uns wärmen und trocknen ließen, sah ich verblüfft, wie Gimpy, die Ente, über
den Priel zu uns herübergeschwommen kam. Sie watschelte ans Ufer, kam zu mir
her und ließ sich vor meinen Füßen nieder. Ich hob sie vorsichtig auf und setzte sie
auf den Schoß. Als ich den Kopf hob und Bill ansah, schaute er ganz verwundert.
Auch wenn wir noch kein Wort über die Rettung der Marsch gesprochen hatten und
keiner sich für die gestrige Rauferei entschuldigt hatte, bestand ein gewisses
Einvernehmen zwischen uns. Ich sah ihm lange in die Augen, dann nahm ich Gimpy
und setzte sie Bill auf den Schoß. Staunend streichelte er die Ente. Ich sah ihn an,
stand auf und sagte: «Auch sie ist eine von denen, die Sie retten werden.» Ich
deutete auf die Ente und entfernte mich rasch. «Sag dem alten <Indianer>, ich lasse
ihn herzlich grüßen», rief Bill, und dann verschwand ich im Priel und schwamm
lautlos davon.
Auf meinem Rückweg zu Großvaters Camp schwirrten mir tausend Fragen durch den
Kopf. Ich wußte jetzt ohne Zweifel, daß Großvater eine wichtige Rolle bei diesem
Wunder gespielt hatte, Doch wie war es ihm gelungen, eine so plötzliche und
wunderbare Veränderung bei dem Mann zu bewirken? Im Grunde hatte Großvater
irgendwie sein Herz erreicht, und folglich war das Marschland gerettet. Nicht nur dies
hatte Großvater geschafft, sondern er hatte ihn auch an diesem Morgen zum Rande
der Marsch geführt. So außer mir war ich vor Freude über die Rettung der äußeren
Marsch und über das Wunder, das mit Bill geschehen war, daß ich Freudentränen
weinte, als ich in Großvaters Camp ankam. Dies alles hatte mich zu tief berührt. Eine
einst aussichtslose Situation war jetzt voller Hoffnung.
Großvater schien mich nicht zu beachten, als ich ins Lager spazierte und mich
hinsetzte. Ohne den Kopf zu heben, sagte er:
«Ich hatte euch doch gesagt, daß die äußere Marsch gerettet werden würde. Wieso
bist du so erstaunt? Oder hast du nicht geglaubt, daß ich die Wahrheit sprach?» Jetzt
schämte ich mich ein wenig, denn anfangs hatte ich Großvater tatsächlich nicht
geglaubt. Auch nachdem ich Bills Spuren entdeckt hatte, gab es noch Zweifel. Ohne
eine Antwort abzuwarten, sagte Großvater: «Du fragst dich, wie all dies geschehen
konnte, und noch dazu so rasch. Die Antwort kennst du bereits, denn wie ich dir
sagte, gibt es viele Wege, das Herz eines Menschen zu erreichen — und viele Mittel,
einen Menschen zu heilen. Auch im Fleisch können wir solche Dinge tun, aber das
Fleisch ist schwach und ohnmächtig. Jedoch durch die Kraft des Geistes, die
grenzenlos ist, wird alles möglich. Wenn die Mittel des Körpers erschöpft sind, rufen
wir die Kräfte des Geistes an.»
Großvater machte eine Pause und versenkte sich in sich selbst. Er schloß die Augen,
als sei das Gespräch beendet. Mir war bewußt, was er gesagt hatte — daß nämlich
Heilungen und vieles andere durch die Kraft des Geistes bewirkt werden konnten.
Aber wie geschah das? Nun sprach Großvater wieder, ohne die Augen zu öffnen:
«Wie ich dir schon vor langer Zeit sagte, mein Enkel, wird alles, was in der
physischen Welt geschieht - ob Taten, Gedanken, Worte oder Träume — auch in der
Geisterwelt geschehen und dort bewahrt bleiben. Unsere Taten hier wirken zurück
auf die Taten im Geisterreich. Jede Tat verändert also die Welt der Geister. Auch
sagte ich dir, daß Taten und Mächte in der Geisterwelt die Taten der physischen
Realität beeinflussen und verändern können. Was für die einen gilt, muß auch für die
anderen gelten.
Du siehst also, mein Enkel», fuhr Großvater fort, «wir können Veränderungen in der
physischen Welt bewirken, die auch die Realität in geistigen Sphären verändern
werden. Hätten •wir diesen Bill auf physischer Ebene herausgefordert, dann hätten
•wir ihn auch auf spiritueller Ebene beeinflußt. Aber diesen Mann durften wir nicht auf
physischer Ebene ansprechen; wir müßten seinen Geist ansprechen. Wenn wir also
zuerst eine geistige Veränderung bei ihm bewirken können, dann wird diese
Veränderung sich auch in seinem physischen Selbst manifestieren. Wenn wir uns
wünschen, daß etwas sich verändere, und wir diese Veränderung nicht auf
physischer oder verstandesmäßiger Ebene erreichen können, so können wir die
Veränderung bewirken, indem wir die Macht des Geistes einsetzen, um die geistige
Realität zu verändern. Die Ergebnisse werden noch eindrucksvoller, dauerhafter und
umfassender sein. Aber dies muß, wie bei allen geistigen Dingen, von der Inneren
Vision geleitet sein, denn sonst gibt es keine Macht.»
«Aber wie willst du eine solche Veränderung in der spirituellen Wirklichkeit bewirken?
Und wie wird sie sich physisch manifestieren? Wie hast du Bill erreicht und ihn heute
morgen hinaus in die Marsch geführt?» fragte ich nun. Großvater antwortete:
«Gestern abend, als du schon schliefst, unternahm ich eine Geistreise und suchte
Bills Geist auf. Ich nahm ihn mit auf eine Wanderung durch die Marsch und zeigte
ihm, wie wichtig dies Land für alle Lebewesen sei. Und dann setzte ich mich
zusammen mit seinem Geist und sprach mit ihm über alles, was er im Leben
versäumte: Wie er sich gefangen fühle in dieser Gesellschaft, und daß er eigentlich
kein Leben mehr habe, da er sich so versklavt fühle durch materielle Dinge und die
Fesseln des Erfolgs. Ich sagte ihm, das heißt seinem Geist, daß er uns diesen
Morgen im Marschland besuchen könne, um selbst zu sehen, wie Menschen, die
dieses Land lieben, mit ihm umgehen. Dann würde er wissen, daß sein Traum doch
Wirklichkeit werden könnte. Auf diese Weise sprach ich ihn an, und zwar durch den
Geist.»
«Aber», sagte ich, «Bill scheint mir kein sehr spiritueller Mensch zu sein, und ich bin
sicher, daß er keine Ahnung hat von dem Geist, von dem du sprichst. Wie kannst du
also einen Mann erreichen, der nichts von geistigen Dingen weiß?»
Da sagte Großvater: «Niemand, kein Lebewesen ist ohne Geist. Der Geist eines
Menschen, der nichts von geistigen Dingen weiß, existiert gleichwohl, auch wenn er
nur in der geistigen Realität zu Hause ist und darauf wartet, erweckt und eingesetzt
zu werden. Wir brauchen nichts anderes zu tun, als uns der Führung der Inneren
Vision anzuvertrauen und diesen Geist zu finden, um ihn dann zu erwecken. Auch
diejenigen, die einst kein spirituelles Wissen besaßen, sind sich dessen bewußt,
wenn ihr Geist angesprochen wird. Wenn du den Geist darin heilen kannst, ihn heilen
durch Glauben und geistige Macht, transzendiert diese Macht den Geist und
manifestiert sich im Fleisch. Aber vergiß nicht: wir sind nur eine Brücke, ein Fahrzeug
im Dienste des Schöpfers; wir sind es nicht, die entscheiden, diese Macht zu
gebrauchen.»
Ich begriff nur ungefähr, gelinde gesagt, wovon Großvater sprach. Aber es reichte
doch, um mich manche Werke des spirituellen Bewußtseins besser verstehen zu
lassen. Bei allem, was ich in den letzten Wochen gelernt hatte, fehlte immer noch die
Kraft, und noch immer war ich in spirituellen Dingen ein kleines Kind. Noch immer
fehlte etwas, noch immer war das Puzzle unvollständig, aber ich wußte nicht, was es
sei. Noch immer glaubte ich allzu sehr, in meinem physischen und logischen
Bewußtsein zu leben statt in den Sphären des Geistes. Selten nur wagte ich
Ausflüge in die Geisterwelt, und solche Ausflüge waren noch immer kraftlos und
unverständlich. Großvaters Stimme unterbrach meine Grübelei: «Um all dies zu
begreifen, was ich dich gelehrt habe, mußt du die Dualität von Fleisch und Geist
verstehen; du mußt anfangen, in der Dualität zu leben, wo beide Welten zu einer
einzigen verschmelzen. Diese letzten Tage an diesem Ort sollst du lernen, in der
Dualität zu wandeln.» Mit diesen Worten wandte Großvater sich ab, um zu beten,
und auch ich sprach ein Gebet - in Erwartung der Morgenröte der Dualität.
9
Dualität:
Grenzgänger zwischen zwei Welten

Ich erwachte beim ersten Schimmer des Morgenlichts, das die Nebelschatten über
der Marsch noch vertiefte und die Landschaft in ein Wunderland weicher Farben und
dunkler Nuancen verwandelte. Irgendwann in der Nacht war ich eingeschlafen an
derselben Stelle, die ich aufgesucht hatte, um zu beten und zu meditieren. Es war ein
sonderbares Gefühl, denn ich konnte mich kaum an meine Gebete erinnern, und jetzt
brauchte ich ein Weilchen, um wieder mit der Realität in Verbindung zu kommen. Ich
erinnerte mich nur noch an das Gespräch mit Großvater am letzten Abend; alles
andere schien so verschwommen und unbestimmt. Es war alles zuviel für mein
Bewußtsein, und ich halte noch viel Arbeit vor mir. Am wichtigsten war es, jene
Dualität zu verstehen und sie zu leben, da Großvater so oft von ihr gesprochen hatte.
Doch wo sollte ich anfangen?
So dachte ich nach über diese Dualität von Körper und Geist, Diese Dualität, so
vermutete ich, sei eine Art Pforte, und wenn man schließlich durch diese Pforte
hindurchging, war es ähnlich wie ein Rite de passage. Doch in solcher Dualität zu
wandeln, im Heisch und im Geist zugleich, war leichter gesagt als getan. Für mich
war der Durchgang zu geistigen Realitäten immer schwierig gewesen. Ich mußte
mich zuerst an den Ort der Stille versezen, wo alle Wasser tief und ruhig waren, wo
das physische Bewußtsein und der Körper transzendiert wurden. Erst danach konnte
ich in diese Welt eintreten, aber auch dann nur mit wenig Kraft und nicht sehr
wirksam. Ich mußte durch die Stille gehen, jedesmal, wenn ich meine Innere Vision -
oder überhaupt jede Kommunikation — läutern wollte. Wenn ich dieser Dualität nahe
kam, geschah es selten und nur zufällig, und darum fiel es mir schwer, bewußt
Fleisch und Geist zu trennen.
Wohl sah ich, wie wichtig es war, in der Dualität zu wandeln, denn es brachte einen
in dauernde Verbindung mit der Welt des Geistes, während man noch in der
stofflichen Welt lebte. Wie oft entgingen mir wichtige spirituelle Botschaften, weil ich
zu sehr im Stofflichen existierte. Dann konnten nur die stärkeren Stimmen der
Geister zum physischen Bewußtsein durchdringen. Wenn aber die Dualität erreicht
war, dieses vollkommene Gleichgewicht, dann entging mir nichts. Allerdings
vermochte Großvater jederzeit in der Dualität zu leben, denn er bemerkte alles in den
stofflichen und geistigen Welten; er war dauernd und gänzlich verbunden mit den
Welten jenseits des Fleisches. Wie oft sagte er, wir sollten in beiden Welten leben,
doch ich vermutete, daß Großvater mehr im Geist als im Fleisch lebte. Tatsächlich
geschah das meiste dessen, was er tat, in geistigen Sphären.
Ich stellte mir vor, daß es eine Schranke zwischen Fleisch und Geist gab, ähnlich
einem dichten Schleier, denn wenn ich selbst in die Geisterwelt ging, sah ich mich
durch einen Schleier hindurchgehen. Großvater hatte dies stets den «Schleier»
genannt, und darum vermutete ich, daß man, um gleichzeitig im Fleisch und im Geist
zu leben, in diesem Schleier verweilen und Teil seiner Macht werden mußte. Selbst
wenn meine Vermutungen richtig waren, wußte ich aber nicht, wie man in diesen
Schleier gelangen und in seiner Macht verweilen sollte. Jedesmal, wenn ich den
Schleier, die Pforte erlebte, ging ich hindurch, ohne dies selbst kontrollieren zu
können. Ich stand erst am Anfang meiner Suche im Bereich des Schleiers. Diese
Vermutung jedenfalls gab meiner Inneren Vision ein gutes Gefühl.
Irgendwie mußte ich einen Weg finden, um in diesen Schleier zu gelangen. Auf diese
Weise konnte ich noch mein physisches Selbst festhalten, aber auch im spirituellen
Selbst leben. Indem ich die Bewußtseinsebene wechselte, konnte ich eine Sache im
Stofflichen betrachten und dann im nächsten Moment dieselbe Sache auf geistiger
Ebene erfahren. Auch glaubte ich, daß es in diesem Fall nicht nötig wäre, all die
Techniken der Stille einzusetzen, die ich jeweils brauchte, um Körper und physisches
Bewußtsein zu transzendieren. Bis jetzt kannte ich nur ein ausschließlich physisches
oder ein ausschließlich geistiges Leben -und nichts dazwischen.
Im Grunde könnte dies ein lebendes Beispiel dafür sein, was Großvater «die Brücke»
nannte. Alle Heiler, sagte er, alle Schamanen, spirituellen Führer und Visionäre seien
Brücken zwischen Fleisch und Geist, und über diese Brücke müsse alle Kraft (ließen.
Jetzt verstand ich auch, daß es nicht die Macht der Spirituellen war, sondern die
Macht der Schöpfung, und daß es der Geist war, der diese Brücke schuf.
Fast den ganzen Vormittag vergeudete ich mit solchen Auseinandersetzungen im
Kopf. Aber ich schaffte nichts weiter, als mir Dinge bewußtzumachen, die ich bereits
wußte. Wie ich dort saß, noch immer in meine Betrachtung versunken, fiel mir eine
Bewegung in der Ferne auf; doch als ich genauer hinschaute, war da nichts.
Anscheinend hatte sich dort ein Mensch bewegt, und ich hatte seine Anwesenheit
gespürt, ohne etwas zu sehen. Dann wurde mir plötzlich klar, was ich dort gesehen
hatte oder vielmehr, welche Antwort ich da bekommen hatte. Wenn ich schon nicht
herausfinden konnte, wie solche Dualität auf physischer Ebene zu erreichen war,
dann sollte ich vielleicht noch einmal die Führer der Geisterwelt fragen. Sie würden
mir sicherlich helfen, und womöglich versuchten sie bereits, mich zu erreichen - mit
jener Bewegung, die ich eben gespürt hatte.
Mehr vom Instinkt als von der Inneren Vision geleitet, war mir deutlich, daß ich
diesen Platz verlassen mußte, bevor ich etwas anderes unternehmen konnte. Ich
begann durch die Marsch zu streifen, erforschte Stellen, die ich noch nie gesehen
hatte, und ließ mich unbewußt von meiner Inneren Vision dorthin führen, wo ich sein
sollte. Es war ein sonderbares Gefühl, das eine zu tun und auf tieferer Ebene genau
zu wissen, daß man gleichzeitig etwas anderes tat - etwas, das dem physischen
Bewußtsein noch nicht ganz klar war. Es war so ähnlich wie das Wissen, daß alles,
was ich auf physischer Ebene tat, auch in den spirituellen Sphären geschah. Gewiß,
es war ein sonderbares, aber sehr schönes Gefühl — und dennoch auch verwirrend.
Erstaunlicherweise kam ich, nachdem ich eine Stunde ziellos umhergestreift war,
genau an der Stelle im Marschland heraus, wo der Bach, der an unserem Camp
vorbeifloß, in die Bucht mündete. Es war derselbe Bach, dem ich letzte Woche
gefolgt war und der mich zur Vision über die Zukunft der Marschen geführt hatte. Für
mich gab es keinen Zweifel mehr, daß ich hier sein mußte — an derselben Stelle wie
vorige Woche. Ich setzte mich und entspannte mich ein Weilchen. Ich horchte nach
innen, um sicher zu sein, daß meine Innere Vision mich wirklich hier an dieser Stelle
haben wollte.
Wie ich dort saß und über das Marschland schaute, glitt ich unmerklich an den Ort
der Stille. Meine Gedanken kamen zur Ruhe, und ich konnte meinen Körper
transzendieren. Ich spürte den Nebelschleier vorbeistreichen, fast unbemerkt, und
wußte, daß ich ganz in die spirituelle Realität eingegangen war. Ganz zufällig
schwebte ein weiterer Schleier vorbei - und das Marschland war völlig verändert. Als
ich durch den ersten Schleier ging, hatte die Marsch sich nicht verändert - bis auf die
Tatsache, daß ich eine Vielzahl spiritueller Erscheinungen spürte, die ich nicht
definieren konnte. Als ich aber den zweiten Schleier ganz zufällig passierte, hatte
sich alles verändert. Die Sonne ging unter, und jetzt sah ich sogar dort Geister, wo
vorher keine gewesen waren. Ich hatte das absurde Gefühl, als sei ich von einem
Zimmer ins andere gegangen, und nochmal in ein anderes, ohne zu wissen, wie dies
geschehen konnte.
Anfangs fürchtete ich mich, denn so etwas war mir erst zwei mal passiert, und beide
Male rein zufällig. Dies aber war die umfassendste Veränderung, die ich jemals
empfunden hatte, und dies ängstigte mich. Das Unbekannte in der Geisterwelt kann
beängstigend und gefährlich sein, wenn man nicht weiß, was man tut. Ich saß also in
spiritueller Ehrfurcht und schaute auf diese weite geistige Landschaft, wo
verschiedene Gestalten und Wesen umherschritten. Es waren keine Wesen in
Gestalt von Menschen, Tieren oder anderer mir bekannter Dinge, sondern eher so
etwas wie Empfindungen nebelhafter Energie, die ich mehr fühlte als sah. Was sollte
ich tun? Ich versuchte zu kommunizieren, aber vergeblich. Ich konnte nur
sitzenbleiben, schauen und staunen über das, was sich vor mir abspielte. Ich
verstand nicht, was da geschah oder wo ich eigentlich war.
Plötzlich, ohne Vorwarnung, glitt wieder ein Nebelschleier vorbei. Die spirituellen
Gestalten, die ich vorher nur gespürt hatte, schienen jetzt deutlicher sichtbar zu
werden. Es war, als sähe ich Wesen in dichtem Nebel umherschreiten, wo alle klaren
Konturen verwischt und nur unbestimmte graue Umrisse zu erkennen waren. Dies
ängstigte mich ungeheuer, aber ich gab meiner Furcht nicht nach. Wieder versuchte
ich zu kommunizieren, traf aber auf Schweigen bei diesen Wesen, die an mir
vorbeischwebten. Schließlich sah ich im Nebel eine Gestalt näherkommen, und ich
spürte, sie wußte, daß ich da war. Ich konnte nicht feststellen, ob diese Gestalt
männlich oder weiblich sei, aber es war eindeutig eine menschliche Gestalt. Noch
immer in dichten Nebel gehüllt, konnte ich klar erkennen, daß sie mir zuwinkte — mit
jener altüberlieferten Geste, mit Großvaters Geste —, und da war es klar: Dieses
Wesen war der Geist eines amerikanischen Ureinwohners.
Ohne an der Erscheinung zu zweifeln, stand ich auf und ging dem nebligen Bild
entgegen. Alle Furcht war verschwunden, denn dieses Wesen würde mir kein Leid
tun. Ich trat näher, und wieder fühlte ich einen Schleier vorüberstreichen. Und dann
stand ich plötzlich in strahlendem Sonnenlicht. Es war, wie wenn man die Tür eines
dunklen Zimmers aufstößt und in den hellen Tag tritt. Zuerst war ich geblendet, aber
bald sah ich wieder deutlich. Dort vor mir stand aufrecht diese Erscheinung, die mir
zuwinkte. Jetzt war es kein nebelhaftes Bild mehr, sondern ein junger Indianer,
bekleidet mit dem Gewand eines Kriegers. Er hieß mich mit einer Handbewegung
willkommen und gebot mir, mich zu setzen. Anfangs wurde zwischen uns kein Wort
gewechselt, denn er musterte mich nur, und ich war so verblüfft, daß ich nicht
sprechen konnte.
Endlich, nach einer langen Pause, sprach er: «Willkommen! Du bist einen weiten
Weg gegangen, mein Enkel. Und doch hat deine Reise erst angefangen.» Er hielt
kurz inne, vielleicht um mich die Fassung wiederfinden zu lassen, und dann sprach
er wieder, ohne eine Antwort abzuwarten: «Deine Reise wird dein ganzes physisches
Leben lang andauern. Soeben hast du den ersten Schritt getan. Alles, was du in den
vergangenen Wochen und Monaten gelernt hast, hat dich an diesen Ausgangspunkt
geführt, und jetzt mußt du die Reise antreten. Es ist der Anfang eines langen,
beschwerlichen Weges, denn nur wenige, die im Fleisch wandeln, verstehen wirklich.
Als erstes mußt du lernen, in der Dualität zu leben und zur Brücke zu werden, wie
Großvater lehrte. Erst dann, wenn du gelernt hast, in der Dualität zu leben, wird
deine Reise wirklich beginnen. Es gibt nur wenige, die diesen ersten Schritt schaffen,
denn die Masse scheint sich mit der Stille zu begnügen, mehr nicht. Du hast über
den Ort der Stille hinausgeblickt, und jetzt weißt du in deinem Herzen, daß da noch
mehr ist.»
Wieder schwieg er, und auch ich sagte nichts. Mir war plötzlich bewußt geworden,
daß dieser Geist in einer Sprache redete, die ich klar verstand, nur mit ganz leichtem
Akzent. Ich war überwältigt, als ich ihn sagen hörte, dies sei nur der Anfang eines
sehr langen Weges. Wieviel er von mir wußte! Nun sprach er wieder: «Du mußt ins
Innere der Schleier eingehen und die alte Frau suchen, die Körbe flicht. Diese
Großmutter, die du suchen sollst, wird dich das Weistum der Schleier lehren - aller
Schleier, die du durchschritten hast, um hierher zugelangen.» Damit stand er auf,
blickte auf die einstige Marsch hinaus, wandte sich wieder mir zu und sagte: «Ich
muß jetzt gehen. Du hast viel Arbeit zu tun.» Und er verschwand, die ganze
Schöpfung geriet ins Schwanken, und ich fand mich wieder in meiner stofflichen
Realität, in meinem Körper.
Ich hatte keine Ahnung, ob ich dies alles geträumt hatte oder ob es eine Vision von
geistiger Realität war. Alles war so real gewesen! Aber was meinte der Geist, als er
sagte, ich müsse die Großmutter aufsuchen, die Körbe flicht? Außer Großvater
kannte ich niemanden, der Körbe flocht, und der Geist hatte mir keine Anweisung
gegeben, wohin ich mich wenden sollte. Er hatte mir nicht mal angedeutet, wo ich
diese Großmutter finden könne. Er hatte nur gesagt, ich müsse mich ins Innere der
Schleier versetzen, und ich verstand nicht, was er damit gemeint hatte. Jedenfalls
glaubte ich bislang, es gebe nur einen Schleier in der spirituellen Welt, nicht mehrere.
Auch verwirrte mich die Tatsache, daß ich auf dieser Reise mehrere Gebilde
durchschritten hatte, die irgendwie nach Schleiern aussahen. Ich mußte Großvater
finden, denn meine Verwirrung ängstigte mich, und mir war klar, daß sie weitere
Fortschritte verhindern konnte.
Am Spätnachmittag endlich erreichte ich Großvaters Camp. Er saß am Rande der
Marsch, und als ich zu ihm trat, sagte er, ohne aufzublicken: «Ich habe mit dem Geist
des jungen Kriegers gesprochen.» Die Worte fielen wie Hammerschläge in mein
Bewußtsein. Wie konnte er wissen, daß ich einem Geist begegnet war? Konnte es
sein, daß er im Geiste ebenfalls dort war, wo ich gewesen war? Und falls ja, warum
hatte Großvater nicht versucht, mir zu helfen? Wieder sprach Großvater und sagte:
«Du bist hierhergekommen, um zu erfahren, was der Geist meinte mit der Suche
nach der Großmutter, die in der Welt des äußeren Schleiers Körbe flicht.» Und er
gebot mir, mich zu ihm zu setzen.
Großvater sagte: «Der Geist hat dir keine weiteren Anweisungen zu deiner Reise
gegeben. Der Grund dafür war, daß er bei dir eine gewisse Unsicherheit und Furcht
spürte. Er wußte, du würdest zu mir kommen, um deine Angst und Verwirrung
loszuwerden. Aber deine Innere Vision hat dir doch gesagt, dieser Geist würde dir
kein Leid antun. Hätte deine Innere Vision dir das Gefühl schlechter Medizin
vermittelt, dann wüßtest du, daß das Wesen, mit dem du sprachst, böse Absichten
hatte. Dies war aber nicht der Fall. Du weißt doch, was der Geist meinte, als er dir
von den äußeren Schleiern sprach. Als du die vielen Schleier zu durchschreiten
begannst, um den Geist zu finden, hättest du sehen und im Herzen -wissen sollen,
daß es nicht nur einen Schleier gibt, sondern viele.»
Viele Schleier, dachte ich. Dabei fiel es mir schon schwer, mir nur einen Schleier
vorzustellen und ihn zu verstehen. Und jetzt behaupteten Großvater und der
Kriegergeist, daß es deren viele gäbe. Dies machte die Dinge tatsächlich sehr
kompliziert. Wieder sprach Großvater: «Die Geisterwelt ist eine bestimmte Region —
und zugleich viele Regionen. Sie ist ein Land von vielen Dimensionen, jede durch
einen Schleier von den anderen getrennt. Mit den ersten Schleiern, die du
durchschreitest, betrittst du die spirituelle Realität des physischen Gegenstücks
dieser Dimensionen. Dann aber mußt du noch weitere Schleier durchschreiten, und
du erreichst die Schleier der Vergangenheit und der Zukunft — jenseits davon gibt es
unermeßliche Sphären voll mächtiger Geister und Regionen. In diesen Sphären gibt
es das Gute wie das Böse. Je weiter du vordringst in diese Schleier, desto mächtiger
werden die Geister und die Regionen dort.»
Und Großvater fuhr fort: «Wenn du deine geistige Reise durch dieses Leben
beginnst, werden diese Regionen und diese Schleier deine Lehrer sein. Du wirst
lange und kurze Reisen in diese Schleierwelten machen und lernen, was diese
Geister dich zu lehren haben. Sie werden dir Führer und Lehrer sein und dich zu
weiteren Lehrern und Führern geleiten, wie der Geist des jungen Kriegers es eben
mit dir getan hat. Wie immer muß deine Reise dann unter der Führung der Inneren
Vision stehen, denn diese Welt kannst du nicht aufs Geratewohl erkunden. Ohne
klare Absicht dort einzugehen würde heißen, deinen Geist allen möglichen Angriffen
auszusetzen. Mit diesen Regionen darf man nicht spielen, denn ein Geist, der ohne
Führung in diese Schleier eintritt, ist in Gefahr, sich für immer im Bodenlosen zu
verlieren. Es gibt kein Spiel dort, nur Weisheit und Erkenntnis, und der Weg ist sehr
lang und schwierig. Auch kann das Ringen dort unwiderruflich physische
Auswirkungen auf dein Leben haben. Achte also bei deiner spirituellen Suche immer
darauf, daß du deinem Herzen folgst!»
Mit diesen Worten war Großvater verschwunden, und ich fand mich wieder an dem
Ort, wo ich dem jungen Krieger begegnet war. Bei allem, was ich in meinem kurzen
Leben bislang erlebt hatte, war ich nicht vorbereitet auf einen so raschen Wechsel
der Bewußtseinsebene, wie ich ihn eben durchgemacht hatte. Es kam so
überraschend, daß ich buchstäblich am ganzen Leib zitterte. Ich brauchte einige Zeit,
um meine Fassung wiederzufinden und mir klarzumachen, wo ich war. Noch länger
brauchte ich, um die Furcht loszuwerden, die in mir steckte und die mich lahmte.
Großvaters mahnende Worte über die Macht der Schleier machten mir wirklich angst,
und ich wollte sicher sein, daß meine Innere Vision unversehrt war, bevor ich mich
weiter vorwagte. Als ich mich umdrehte, war der Geist des jungen Kriegers nirgends
zu sehen. Ich spürte Wesen in diesem einstigen Marschland umherschreiten, doch
keines der Wesen wollte sich manifestieren. Plötzlich entdeckte ich den Kriegergeist,
weit entfernt von mir und wieder teilweise verborgen von einem dunstigen Schleier.
Er winkte mir, und ich ging ohne Zögern hinüber, dabei bemüht, meine Furcht zu
unterdrücken.
Während ich zu ihm hintrat, in dichten Nebel gehüllt, hörte ich seine Stimme:
«Beginne jetzt deine Reise zur Großmutter, sie wohnt gleich jenseits dieser Region.»
Und schon war die Stimme verstummt. Gleich beim Durchschreiten des Schleiers
wurde ich in eine andere Dimension versetzt. Wieder tauchte die Marsch in ihrem
einstigen Zustand vor mir auf, doch jetzt hörte ich Stimmen von Menschen, die
jedoch nicht Englisch sprachen. Ich wandte mich dorthin, woher die Stimmen kamen,
zurück in Richtung des Schleiers, den ich eben durchschritten hatte. Zu meiner
Verwunderung lag dort ein ganzes Dorf von amerikanischen Ureinwohnern. In dem
Dorf gab es allerlei Aktivitäten — Männer und Frauen arbeiteten, und Kinder spielten.
Ohne nachzudenken, lief ich zu diesem Dorf, aber du meiner Verwunderung
bemerkte mich niemand; alle widmeten sich weiter ihren Tätigkeiten. Ich wußte, daß
dieses Dorf, weil es am Rande der Marsch gelegen war, ein Dorf der Lenni-Lenape
sein mußte.
Als ich mich umschaute, um ihre Lebensgewohnheiten und Kunstfertigkeiten aus
erster Hand kennen zulernen, sah ich am anderen Ende des Dorfes eine alte Frau
sitzen, die einen Korb flocht. Dies war zweifellos die Großmutter, die ich aufsuchen
sollte. Sie blickte auf und lächelte mir zu, doch ich begriff nicht, wieso sie mich sehen
konnte, während alle anderen im Dorf mich offenbar nicht bemerkten. Ohne zu
zögern, sagte sie: «Sei unbesorgt wegen der Leute im Dorf. Denn nur mich bist du
besuchen gekommen. Die anderen aber betrifft es nicht. Ich bin die Korbflechterin
und Kräuterkundige dieses Volkes, und meine Medizin erlaubt mir, dich zu sehen. Du
wirst vielen Geistern begegnen auf deinen Reisen durch die Schleier, aber nicht alle
werden dich sehen können. Nur solche Geister, die ein sehr spirituelles Leben
führten, solange sie im Fleisch wandelten, werden mit dir kommunizieren. Den
anderen wird deine Gegenwart verborgen bleiben.» Sie machte eine Pause, dann
fuhr sie fort und sagte: «Sieh mal, mein Enkel, in der Welt der Geister ist es wie in
der Welt der Körper. Es gibt solche, die ruhig schlafen und ihr spirituelles Leben
genauso verbringen, wie sie ihr Leben verbrachten, solange sie im Fleisch lebten.
Ihre Existenz in diesen geistigen Welten ist harmlos und hat keine Konsequenzen
irgendwelcher Art. Anders bei uns anderen, die wir im Leben nur nach Geistigem
strebten; unsere Existenz hier ist voller Macht - aber einer Macht von sehr
unterschiedlicher Art. Jetzt suchen wir die Reinheit der Leere, wie wir einst nach der
Lauterkeit des Geistes strebten, als wir im Stofflichen lebten. Unsere Welt hat sich
zwar verändert vom Fleisch zum Geist, aber die Suche ist dieselbe geblieben. Wahre
Erleuchtung wird uns nur zuteil, wenn wir die Leere erreichen, die sich zwischen uns
und dem Schöpfer befindet, bevor wir ihn selbst erreichen. Wir wechseln vom
physischen Leben zum geistigen Leben, aber es ist dasselbe Ringen, und es gibt
kein Ausruhen hier, mein Enkel. Sei also bereit für einen langen und schwierigen
Weg — ein Weg, der zu Gott führt.»
Mein Verstand - oder mein spirituelles Bewußtsein, ich wußte nicht, welches von
beiden — befand sich in Aufruhr und war überwältigt von ihren Worten. Was sie mir
eben gesagt hatte, hieß nichts anderes, als daß der Kampf weitergeht, wenn wir auf
die «andere Seite» wechseln. Die Kämpfe in der physischen Welt finden auch in der
geistigen Welt statt, und der Kampf wird nicht enden, bis wir Gott erreichen. Es kam
mir vor wie ein endloser Pfad der Tränen, von dem ich Großvater so oft hatte
sprechen hören: ein langer und schwerer Weg, der niemals zu enden schien. Doch
das eigene Leben hinzugeben für die Rettung der Erde, für die zahllosen
Enkelkinder, das sollte genügen als Belohnung, wenn wir genug Liebe haben. Ich
fand, daß es das Selbstopfer wohl wert sei: Das Ich mußte hingegeben werden,
wenn wir die spirituelle Grenze erreichen wollten, wo es keine Grenzen mehr gab.
Die alte Frau fuhr fort und sagte: «Wenn du nun deine Reise beginnst, wirst du
sehen, daß diese geistige Welt viele Schleier hat, viele Länder, viele geistige Wesen.
Doch wenn du alt geworden bist und weise im Geist, dann werden diese Schleier zu
einem einzigen verschmelzen, und die spirituelle Welt wird nicht mehr durch Schleier
abgeteilt sein. Dies wird erst dann geschehen, wenn du die Schleier nicht mehr als
Wegweiser brauchst, die die verschiedenen Regionen der geistigen Welt
bezeichnen. Nutze also die Schleier auf deiner geistigen Reise, denn sie helfen dir zu
erkennen, wohin du gehst — wie topographische Punkte in der Wildnis. Vorläufig
brauchst du nur zu wissen, daß sie da sind - mehr nicht. Aber ich warne dich:
manche Schleier verwehren anfangs den Zutritt, solange du nicht die Macht und die
Weisheit hast, die man braucht, um in sie vorzudringen, um zu verstehen, was auf
der anderen Seite ist.»
Und die Großmutter, die Körbe flocht, fuhr fort: «Deine Suche, mein Enkel, gilt
vorläufig nur dem Verständnis, was wirklich mit Dualität gemeint ist. Wenn du dies
verstanden hast, dann mußt du in der Dualität leben; denn in der Dualität beginnen
wir wahrhaft unsere spirituelle Reise durchs Leben. Wer nicht unentwegt in der
Dualität lebt, der wird nur unvollständige Botschaften empfangen, und das nur
gelegentlich. Das Leben ist nicht nur eindimensional, sondern hat zwei Dimensionen,
und beide müssen gelebt werden. Diese Dimension wird für dich eine Pforte sein,
und vorläufig sei Selbstbeherrschung das wichtigste bei deiner Suche. Um jene
Dualität zu finden, mußt du sogleich auf Visionssuche gehen. Hier muß es
geschehen, am Rande dieser Marsch, wo ich jetzt sitze.» Sie stand auf und deutete
auf den Boden, wo sie gesessen hatte. Ich rückte auf ihren Platz und blieb dort, ohne
ein Wort zu sagen. Ich wußte nicht, ob ich diese Visionssuche in der geistigen
Dimension antreten sollte oder in der physischen. Ich gehorchte einfach ohne weitere
Frage.
Als ich nun auf das Land hinausblickte, war die Alte verschwunden, das Tageslicht
war verschwunden - und ich fand mich wieder in meiner körperlichen Realität sitzen,
spät nachts am Rande der Marsch. Anfangs wunderte ich mich weniger über die
Geschwindigkeit dieses Wechsels, sondern mehr über den Ort, an dem ich nun saß.
Es war mitnichten der Platz am Bach, wo ich tagsüber gesessen hatte. All dies war
erstaunlich.
Denn das einzige, woran ich mich noch erinnern konnte, war mein Weg von dem
Platz am Bach, wo ich dem Geist des jungen Kriegers begegnet war, zurück zu
Großvaters Camp. Wie ich aber von Großvaters Camp zu dem Dorf der alten Frau
und dann zu diesem Ort und in diese Zeit gelangt war, daran erinnerte ich mich nicht.
Eins wußte ich: Jetzt war ich hier in meinem physischen Körper und meinem
stofflichen Bewußtsein, aber an einem völlig anderen Ort — und ohne Erinnerung,
wie ich hierher gelangt war. Ob ich vielleicht unbewußt zu diesem Ort hier gewandert
bin, während ich im spirituellen Bewußtsein lebte? Obwohl es noch ganz dunkel war,
kroch ich auf Händen und Knien über das ganze Areal und suchte nach
Fußabdrücken von mir, die dorthin geführt haben könnten. Dies hätte meine
Vermutung eines bewußtlosen Wanderns bestätigt. Normalerweise konnte ich eine
Fuchsfährte im Laub ausmachen und mit verbundenen Augen dieser Fährte folgen,
aber in dieser Nacht fand ich überhaupt keine Spur. Tierfährten schon, aber gewiß
keine menschlichen Spuren! Dies gab mir ein Rätsel auf, weil es sich jeder logischen
Erklärung widersetzte. Doch ich nahm an, daß ich nur müde und zu unaufmerksam
für das Spuren lesen sei. Ich war sehr erschöpft — geistig wie körperlich. Ich st
reckte mich also aus, um klarer denken zu können, sank aber schnell in den lange
versäumten Schlaf.
Ich erwachte beim herrlichsten Sonnenaufgang, tief erquickt und mit mir im reinen.
Bald aber übermannte mich die Neugier, warum ich keine Spuren von mir gefunden
hatte — dorthin, wo ich saß. Ich entfernte mich von dem Platz und suchte nach
Anhaltspunkten für mein Kommen, konnte aber nichts finden. Also lief ich zu meinem
ursprünglichen Lagerplatz am Bach. Dort gab es Spuren von mir - nur führten diese
Spuren in das Gebiet, wo ich am Vortag gewesen war, aber nicht weiter. Ich fand
keine Spuren, die wieder hinausgeführt hätten, aber auch keine, die zu Großvaters
Camp führten. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte; ich erinnerte mich
nur, daß ich zu Großvaters Camp gelaufen und schließlich an jenem neuen Platz
gelandet war. Den Weg zu Großvaters Camp konnte ich mir allenfalls als Geistreise
erklären. Aber ich vermochte mir nicht zu erklären, wie mein Körper an den Platz
gelangt war, den die alte Frau mir angewiesen hatte.
So begann ich in weiten Kreisen meinen ursprünglichen Platz am Bach zu umrunden,
wie ich's getan hätte, wenn ich nach Spuren eines verirrten Jägers oder Kindes
gesucht hätte. Auch dort fand ich nichts, und je länger ich suchte, desto verwirrter
wurde ich. Auf einmal hatte ich das Gefühl, daß jemand mich beobachtete, während
ich meinen Platz umkreiste. Zu meiner Verwunderung stand dort die Körbe
flechtende Großmutter und sah mich ernst an. Sie war aber nicht an ihrem Ort und in
ihrer Zeit, sondern in meiner. Sie sagte: «Mein Enkel, ich hab' dir gesagt, du hast
Arbeit zu tun. Du solltest dort sein, wo ich dir stillzusitzen befahl, und eine Vision
suchen. Warum verschwendest du deine Zeit mit Dingen, die du später lernen wirst,
jetzt aber noch nicht erklären kannst? Kehre also zurück zu deiner Visionssuche.
Antworten auf diese Fragen wirst du erst erhalten, wenn du sie verstehen kannst.»
Damit war sie verschwunden.
Ich war beschämt, denn irgendwie hatte ich sie enttäuscht, und folglich war ich mir
selbst untreu geworden. Ich hatte erlaubt, daß mein Verstand nach Antworten gierte
und mich von der spirituellen Aufgabe entfernte, die mir gestellt war. Am vorigen
Abend, als ich vergeblich nach meinen Spuren suchte, hätte ich erkennen müssen,
daß ich aus einem bestimmten Grund auf diesen Platz gestellt worden war. So
wanderte ich zurück, leicht deprimiert über die ganze Sache, beschieß aber dann,
alle Fragen beiseite zu schieben, bis ich meine Visionssuche vollendet hätte und
Großvater wiedersah. Vorläufig mußte ich dorthin zurück, wo die alte Frau mich
hingeschickt hatte, und mich der Aufgabe widmen, die Dualität zu verstehen. Alles
andere würde sich schon finden, wenn ich endlich die Dualität verstand. Auch alle
meine anderen Fragen würden dort wahrscheinlich Antworten finden.
Wieder zurück auf meinem Platz, richtete ich mich auf einen langen Aufenthalt ein.
Mir blieben nur noch fünf Tage, bis ich wieder nach Hause mußte, und vier Tage
brauchte man für eine traditionelle Visionssuche. Ich hatte schon zuviel Zeit
verschwendet mit Schlafen und anschließendem Suchen nach Spuren und
Antworten; noch mehr Zeit durfte ich nicht vergeuden.
Wie vor einer Visionssuche üblich, betete ich zum Schöpfer und flehte um Segen und
Erleuchtung. Nur durch die Liebe des Schöpfers wird uns die Welt der Natur und die
Welt des Geistes geschenkt. Nur durch unser Geburtsrecht, das uns vom Schöpfer
verliehen wurde, kommen wir diesen Gaben näher.
Nach langer Meditation blickte ich auf das Marschland hinaus und dankte dem
Schöpfer für all die Schönheit, die ich schaute, und all das Wissen, das ich
aufnehmen durfte. Die lautere Schönheit dieser Region mit all ihrem vibrierenden
Leben versetzte mich in einen Zustand der Euphorie. All dies schien mir so
vollkommen - ein vollkommenes Geschenk des Lebens an einem vollkommenen
Tag. Mehr konnte ich nicht erwarten. In diesem Zustand ließ ich alle meine Fragen
und Bedenken fallen - zufrieden damit, einfach zu sitzen und mich zu entspannen,
während meine Visionssuche begann. Es tat gut, ein Weilchen loszukommen von
meinem angespannten Gedankenleben im Kopf, und ich konzentrierte all meine
Aufmerksamkeit auf die Natur. Immerhin war es die Wildnis, der ich all dies
verdankte und die ich zu retten versuchte, und es tat so gut, sich noch einmal in ihre
Schönheit zu verlieren. Das war das Beste, was die stoffliche Realität zu bieten hatte.
Nicht lange danach schwand dieser Zustand von Ruhe und Euphorie, und ich kehrte
zurück in das Bewußtsein meiner Gedanken und konzentrierte mich auf die Dinge,
die ich zu verstehen suchte. Die Dualität schien mir so schwierig, und doch hatte ich
in den letzten Tagen so viel erfahren. Auf jede nur mögliche Weise versuchte ich
Antwort zu finden. Ich versuchte meine Gedanken zu klären, mich an den Ort des
stillen Wassers zu versetzen, wo es nichts mehr gab als reines Denken, das nichts
hervorbrachte. Dann versuchte ich stundenlang, mich von der Inneren Vision fuhren
zu lassen. Aber es kam keine eindeutige Antwort von der Art, die ich brauchte. Ich
versuchte in die Stille der Schleier einzudringen, und obgleich ich mit Leichtigkeit
durch die tieferen Schleier eintreten konnte, wollten die Wesen nicht kommunizieren.
Ich hoffte nur, meine Absicht beim Suchen nach Antwort sei lauter genug, damit ich
ungefährdet durch diese spirituellen Sphären wandern konnte; aber einstweilen blieb
meine Furcht noch überwältigend.
Ich hatte es oft erlebt, besonders bei früheren Visionssuchen, daß keine irdischen
oder geistigen Wesen mit mir kommunizieren wollten. Ich glaubte, das Ausbleiben
solcher Verbindung sei durch meine Unwürdigkeit bedingt, durch irgend etwas, was
ich falsch gemacht hatte und wofür ich nun bestraft wurde. Wieder glaubte ich, wie
immer, ich würde aufmerksam beobachtet und geprüft. Ich fühlte mich sehr
verletzlich — in einem Maß, das manchmal an Panik grenzte. Je mehr ich mich
anstrengte, Antworten oder Aufklärung über das Weistum der Dualität zu finden,
desto mehr — so schien es - stieß ich auf Widerstand, desto stärker hatte ich das
Gefühl, beobachtet zu werden. Trotz äußersten Bemühens erreichte ich nichts. Ich
war lediglich frustriert und wütend auf mich selbst. Ich glaubte zu versagen bei
meiner Visionssuche und wußte nicht, warum.
Dann kam ich spät abends an einen Punkt, wo ich so verzweifelt und geistig
erschöpft war, daß ich das ganze Bemühen um ein Verständnis der Dualität einfach
aufgab. Ich fühlte mich unwürdig und wollte nicht mehr um Antworten ringen. Noch
nie im Leben hatte ich auf einer Visionssuche so viele spirituelle Techniken
angewandt, und nie zuvor hatte ich so wenig Wissen empfangen. Mir war, als sei ich
gescheitert, und nun war ein weiterer Tag der Visionssuche vergeudet. Doch hatte
ich nicht schon viel von der Geisterwelt erfahren? Immerhin erfuhren die meisten
Menschen nicht annähernd so viel, wie ich bereits wußte. Vielleicht war meine
spirituelle Erziehung nun abgeschlossen, und mehr sollte es für mich nicht geben?
Oder vielleicht müßten noch viele Jahre vergehen, bevor ich den nächsten
entscheidenden Schritt zur Dualität tun konnte? Was ich in den letzten Wochen
gelernt hatte, war mir so rasch zuteil geworden; und nun schien es mir, als habe die
geistige Welt sich ein Weilchen zurückgezogen - als habe sie mich im Stich
gelassen. Damit versank ich in tiefen Schlaf.
In dieser Nacht hatte ich viele Träume, auch Alpträume, die mich manchmal, in
kalten Schweiß gebadet, aus dem Schlaf fahren ließen. Ich träumte von
Baugesellschaften und Siedlungsprojekten, von abgeholzten Wäldern und von den
verschmutzten, vergifteten Wassern der Erde. Ich träumte von schrecklichen Wesen,
halb Mensch und halb Geist, die mich ins Genick bissen und meinen Körper
zerstückelten. Vor allem träumte ich von den Schleiern, die sich zu
undurchdringlichen Mauern von Dickicht und Fels verbanden, oder ich saß gefangen
in solchen Mauern, erstickt und eingezwängt, ohne mich befreien zu können. Ich
schrie nach den Geistern um Hilfe, aber sie wandten sich ab, spotteten meiner sogar,
bis ich weinte. Manchmal vermischten sich diese Träume und erzeugten noch
schrecklichere, qualvollere Bilder. Endlich, bevor der Morgen graute, träumte mir, ich
hätte mich zu Großvater geschleppt, ihn um Hilfe zu bitten. Er sah mich an und
sagte: «Nenne mir einen Grund, warum ich dir helfen sollte.» Damit wandte er sich
ab und ging fort.
Ich erwachte in Panik und in Schweiß gebadet und weinte wie ein Kind. Die ganze
Nacht war ein einziger langer Kampf gewesen, und als ich zum Morgenhimmel
hinaufschaute, der schon heller wurde, seufzte ich vor Erleichterung. Einen Moment
befürchtete ich, meine Träume könnten daher rühren, daß ich während des Tages
nicht in Kontakt mit meiner Inneren Vision gewesen sei und daß sie nun eine tiefere
Botschaft enthielten. Von dieser Botschaft hatte ich keine Ahnung - nur davon, daß
ich Qualen gelitten hatte und alles sich von mir abzuwenden, ja, mich anzugreifen
schien. Selbst die Wesen, denen ich vertraute — und sogar Großvater - hatten sich
von mir abgewandt, und ich fühlte mich so allein, so unwürdig. Nun fing ich an,
eindringlich zu beten. Ich schrie zum Schöpfer und sagte laut: «Bitte, ich muß die
Weisheit der Dualität finden. Ich muß wissen, was es heißt, jene Brücke zu sein. Ich
kann nicht weiterleben ohne dieses Wissen. Ich kann niemandem helfen und nichts
bewirken, auch der Erde nicht helfen, ohne die Fähigkeit, in der Dualität zu leben. Ich
will diese Brücke sein. Zeige mir bitte den Weg!»
Ich blickte auf aus meinem tiefen Gebet, mein Herz war gepeinigt, und Tränen der
Verzweiflung standen in meinen Augen. Als ich den Kopf hob und über das
Marschland schaute, war ich sehr überrascht, Nancy und einen älteren Mann am
äußeren Rand der Bucht Spazierengehen zu sehen. Ich wurde neugierig, denn ich
hatte diesen Mann noch nie gesehen und fragte mich, ob er etwas mit dem
Bauprojekt zu tun habe. Auch beunruhigte mich der Gedanke, er könne Nancy davon
abbringen, sich für die Bewahrung der Marschen einzusetzen. Ohne viel
nachzudenken und einem Impuls folgend beschloß ich, zu ihnen hinüberzulaufen -
vergaß aber, daß ich am Platz meiner Visionssuche bleiben sollte. Im Näherkommen
sah ich, daß der Mann etwas älter war als Nancy, und nahm daher an, daß er
vielleicht ihr Freund sei. Er schien auf sie einzureden, aber sie achtete nicht auf ihn,
als ob sie ihn absichtlich und im Zorn ignorierte. Ich sprang auf und winkte; die
beiden grüßten zurück, und Nancy rief mich zu sich herüber. Ich sprach sie an und
fragte, wie es um die Rettung des Marschlandes stände; dabei erwartete ich, sie
würde mich ihrem Freund vorstellen. Sie wirkte traurig und besorgt. Ich erfuhr von
Nancy, daß der äußere Streifen der Marsch bereits ins Grundbuch eingetragen und
besiegelt sei und daß alles zum Besten stände. Dann fragte ich sie, warum sie so
deprimiert aussähe.
Bevor sie antworten konnte, sagte ihr Freund: «Weil sie eine Beziehung mit Bill hat,
der aber zu alt für sie ist. Und weil sie ihn nicht verlassen will, um ans College
zurückzukehren und ihr Diplom zu machen. Sie liebt ihn eigentlich gar nicht, aber sie
will es sich nicht eingestehen.» Nancy ignorierte ihn einfach und sagte zu mir, sie
fühle sich etwas krank. Ich antwortete: «Na, das ist wohl ein Grund! Kein Wunder,
daß du Sorgen hast.» An ihrer verwunderten Reaktion merkte ich, daß sie keine
Ahnung hatte, wovon ich sprach. Nancy sah mich bestürzt an. Dann sagte der Mann:
«Wie konntest du wissen, was ihr Sorgen macht? Kannst du mich sehen?» In diesem
Moment wurde mir klar, daß es gar kein Mensch war, sondern ein Geist. Instinktiv
gehorchte ich dem Befehl meiner Inneren Vision, seine Anwesenheit nicht zu
verraten; darum versuchte ich schnell abzuschwächen, was ich zu Nancy gesagt
hatte, und meinte wie beiläufig, sie wirke einfach irgendwie frustriert. Mehr sagte ich
nicht. Insgeheim hoffte ich, daß ich nicht allzuviel verraten hatte. Gleichzeitig aber
war ich sprachlos vor Staunen, denn ich sah jetzt beide Welten, die stoffliche und die
geistige! Dies wurde mir schlagartig klar, und ich war außer mir vor Freude, weil ich
jetzt auf der Brücke zwischen Fleisch und Geist stand. Auch der Geist war außer sich
vor Freude. Nancy dagegen trat einen Schritt zurück, einen bestürzten Ausdruck in
ihren Zügen.
Nun stellte der Geist sich vor als ihr Vater und sagte mir, sein Name sei Mike. Er
habe sich immer verzweifelt bemüht, so erklärte er, Kontakt mit Nancy aufzunehmen
- seit er und seine Frau Vorjahren bei einem Autounfall starben. Er war begeistert
davon, daß er endlich mit Nancy sprechen konnte - das heißt, durch mich sprechen
konnte. Und während wir miteinander sprachen, seufzte Nancy plötzlich und begann
mir ihr Problem zu erläutern. Mike gab ihr väterliche Ratschläge, die ich weitergab,
so gut ich konnte. Nachdem wir ein Stündchen miteinander geredet hatten, sagte
Nancy schließlich: «Na, schön. Na, schön. Ich weiß nicht warum, aber ich will deinen
Rat befolgen. Ich werde mein Studium abschließen und mein Diplom machen. Meine
Güte, du bist nicht mein Vater, weißt du?» In diesem Moment aber drehte sie sich zu
mir um, als habe sie Antwort auf eine Frage bekommen, die sie gar nicht gestellt
hatte. Und sie fuhr fort: «Irgend etwas an dir ist mir vertraut. Aber ich kann mir nicht
schlüssig werden, was.» Dann umarmte sich mich rasch, dankte mir für den guten
Rat und verschwand aus meinem Leben. Auch Mike dankte mir und wandte sich ab,
um Nancy zu folgen.
Ich blieb sitzen und dachte an Nancy, wie glücklich sie gewesen war, als sie ging.
Wie stark und beherrscht hatte sie gewirkt, als ich sie kennen lernte, und nun hatte
ich sie tief verstört erlebt. Wenigstens einen Moment, glaubte ich, war ich eine
Brücke für sie gewesen.
Ich machte mir klar, daß ich zum Platz meiner Visionssuche zurückkehren sollte, um
endlich nach Antworten zu forschen. Mein größtes Problem war, überhaupt in das
Bewußtsein der Dualität zu gelangen. Eben noch hatte ich an meinem Visionsplatz
gesessen, und im nächsten Moment sah ich Nancy mit diesem Geist daherkommen!
Absolut sicher war ich mir nur darüber, daß ich, bevor ich die beiden sah, in ein tiefes
Gebet versunken war - hatte dies womöglich als Katalysator gewirkt? Doch wie sollte
das zugehen?
So kam ich zu dem Schluß, daß die Antwort irgendwie im Gebet beschlossen liegen
mußte, oder zumindest in den Umständen, unter denen ich mein Gebet verrichtete.
Ich versenkte mich wieder ins Gebet und sprach fast die gleichen Worte wie vorhin,
diesmal nur mit noch tieferem Ernst. Ich schlug die Augen auf, wie vorhin, aber
anders als vorhin blieb das Marschland stumm und unverändert. Nichts geschah, und
keine Wesen gaben mir ihre Anwesenheit kund. So versuchte ich es immer wieder,
hatte aber keinen Erfolg. Frustriert versuchte ich in den Schleier einzutreten und
langsam und vorsichtig den Ort der Stille zu erreichen; aber zu meinem Leidwesen
passierte nichts, ja es gab nicht mal einen Schleier. Ich mußte den Platz verlassen,
um Großvater zu benachrichtigen — als wüßte er nicht längst, was passiert war!
Also verließ ich den Platz meiner Visionssuche und lief zu Großvaters Camp. Es war
eine Qual für mich, dieser Weg, denn ich wollte Großvater nicht unter die Augen
treten - aber ich wußte, mir blieb keine andere Wahl. Nur in einem Punkt hatte ich ein
gutes Gefühl, nämlich daß ich fähig gewesen war, Nancy mit ihrem Problem zu
helfen. Ja, es war ein gutes Gefühl wie schon lange nicht mehr, und irgendwie war
ich stolz auf mich. Aber ich verhielt mich auch demütig gegenüber der Macht, die
über meine «Brücke» floß, und fühlte mich geehrt, daß ich der Geisterwelt dienen
durfte. Verzweifelt wünschte ich mir, noch einmal so etwas tun zu dürfen, um
anderen Menschen zu helfen.
Bei Anbruch der Dunkelheit kam ich in Großvaters Lager und fand ihn vor einem
erloschenen Feuer sitzen. Er hob den Kopf, sah mich an und lächelte. Dann sagte er:
«Es ist die Pflicht eines wahren Heilers, eine Brücke zu sein für jene, die nicht sehen
können. Du wirst ein Licht in der Dunkelheit sein, im Dienste des Schöpfers und der
Geisterwelt, um anderen zu helfen.» Großvater machte eine Pause, und ich spürte,
wie ein Lächeln über mein Gesicht flog. Dann fuhr er fort: «Aber, mein Enkel, du
hättest beinah die Macht verraten, ohne daß deine Innere Vision es dir erlaubte. Man
muß solche Fähigkeiten sehr achtsam verbergen, und jede Situation wird dir
vorschreiben, was du zu tun hast. Ich spüre aber in deinem Herzen, daß du wissen
wirst, was du zu sagen hast, denn deine Innere Vision ist stärker geworden; sie ist
geläutert. Schon bevor du zu mir kamst, hättest du auf die Stimme deiner Inneren
Vision hören sollen, die dir sagte, daß du recht getan und keine Gesetz gebrochen
hast. Auch hat dein Herz dir gesagt, daß es gut war, was du getan hast, und du
freutest dich über das Gefühl, jemand anderem helfen zu können. Eins der besten
Gefühle, die du je hattest! Irgendwie ist es wie eine Belohnung für Nancy, denn die
Schöpfung belohnt sie dafür, daß sie geholfen hat, das Marschland zu retten.»
Er fuhr fort und sagte: «Jetzt aber mußt du zurückkehren und deine Visionssuche
vollenden — und die übrigen Antworten finden, die du brauchst. Du hast nichts
verloren von dem, was du bislang gefunden hast. Wenn du glaubst, die Dualität habe
dich verlassen, so deshalb, weil du im Augenblick nicht vom Geist oder vom
Schöpfer gebraucht wirst. Im Moment gibt es nichts zu tun, aber du lebst trotzdem
noch immer in der Dualität. Auch wenn diese noch nicht stark ist in dir, bist du fähig,
beide Welten zu sehen, wenn der Geist es dir gebietet. Deine Innere Vision wird dich
rufen, wenn du von einer Welt zur anderen wechseln oder beide Welten gleichzeitig
sehen sollst. Erst wenn wir das letzte Gelübde abgelegt haben, ist es uns gestattet,
in der stofflichen und in der spirituellen Welt gleichzeitig zu leben. Du hast dich
bereits dem Schöpfer und dem Geist angelobt, doch eines Tages mußt du ein volles
Gelübde ablegen.» Damit schickte Großvater mich zurück an den Platz meiner
Visionssuche, und ich ging fort, ohne an weitere Fragen zu denken.
Als ich an meinen Visionsplatz zurückgekehrt war, herrschte dunkle Nacht. Nur noch
ein Tag war mir geblieben für meine Suche, und immer noch gab es so viel Arbeit zu
tun. An diesem Punkt konnte ich kaum noch wach bleiben, nicht nur wegen der tiefen
Erschöpfung, die ich spürte, sondern auch aus Erleichterung, weil ich nun wußte,
daß ich die Dualität nie verloren hatte. Es war, als sei mir das Leben zum zweitenmal
geschenkt •worden. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn diese Gaben mir
genommen worden wären, denn ich war noch sehr jung und konnte mir nicht
vorstellen, den Rest meines Lebens nur noch in der fleischlichen Realität zu
verbringen. Für mich wäre dies überhaupt kein Leben gewesen, und ich verstand
nicht, wie die meisten Menschen in dieser Welt sich damit begnügen können,
ausschließlich in stofflicher Materialität zu leben. Spiritualität ist für die meisten
etwas, dem sie sich an einem Tag der Woche nicht länger als eine Stunde widmen.
Spiritualität ist in Wirklichkeit aber unentwegte Huldigung an den Schöpfer.
Nicht lange danach versank ich in tiefen Schlaf, den ich sehr nötig hatte. Anders als
in der Nacht zuvor gab es keine quälenden Träume oder Gedanken, die mich
geweckt hätten. Vielmehr erwachte ich im Morgengrauen genau an der Stelle, wo ich
eingeschlafen war. Ich fühlte mich erquickt und bereit, den letzten Tag meiner
Visionssuche mit klarem Sinn und gestärktem Körper anzugehen! Als ich nun auf die
Marsch hinausblickte und mich auf meine Morgenandacht vorbereitete, bemerkte ich
einen Mann, der direkt zu mir herüberkam. Als er näherkam, stellte ich verwundert
fest, daß es Mike war.
An meinem Visionsplatz setzte er sich etwas abseits und schenkte mir ein liebevolles
Lächeln. Schnell sah ich mich um in der Gegend und stellte begeistert fest, daß ich
auch die physische Welt sehen konnte. Ich war wieder in der Dualität — und fast
außer mir vor Freude. Wieder lächelte Mike und sagte: «Ich möchte dir danken für
das, was du für mich und meine Tochter getan hast. So lange schon versuche ich
Kontakt mit ihr aufzunehmen. Aber sie konnte und wollte nicht auf mich hören. Wärst
du nicht gewesen, dann hätte sie einen furchtbaren Fehler gemacht. Ich kann dir
nicht genug danken.»
Ich wußte nicht gleich, was ich ihm sagen sollte. Mir war nicht klar gewesen, daß ich
nicht nur Nancy geholfen hatte, sondern auch ihrem Vater. Es war eine gute Lektion,
fand ich, denn ich hatte vorher geglaubt, ich könne nur jemandem in der physischen
Welt helfen, nicht aber in der spirituellen. Ich hatte nicht gewußt, daß die Macht der
Brücke in beide Richtungen fließen konnte. Nun sprach der Geist wieder und sagte:
«Da du mir so sehr geholfen hast, möchte auch ich dir einen Gefallen tun und dir
helfen. Aber du mußt verstehen, daß ich nicht viel Macht habe, weil ich, solange ich
im Fleisch wandelte, kein sehr spirituelles Leben geführt habe. Und hier habe ich zu
kämpfen.» Darauf versicherte ich Mike, daß es nicht auf eine Belohnung für
irgendeine geleistete Hilfe ankäme. Dies sei nicht der Grund, warum ich ihm oder
Nancy helfen wollte.
Schließlich sagte er: «Großvater hat dir gesagt, daß du dich eindeutiger für den
Schöpfer und die Geisterwelt entscheiden mußt, bevor die Dualität für dich stärker
werden kann und bevor du in beiden Welten gleichzeitig leben kannst. Was er damit
sagen wollte, ist etwas ganz Einfaches, doch sehr Fundamentales: Diese
Entscheidung bedeutet, daß du dein Leben für den Schöpfer hingeben mußt. Alle
deine Hoffnungen und Träume, dein Ich und alles andere mußt du ihm widmen, alles,
was du bist, bis zur Hingabe des eigenen Lebens. Aber du bist noch zu jung, um
solch ein Gelübde abzulegen, und es gibt so vieles, was du noch lernen mußt. Ich
wünschte nur, ich hätte solch ein Gelübde ablegen können, als ich jung war. Dann
könnte ich jetzt mehr Gutes tun. Ganz gleich, welcher Philosophie, geistigen Lehre
oder Religion wir anhängen — wir können nur dann Werkzeuge des Schöpfers sein,
wenn wir diese totale Verpflichtung eingehen. Bis dahin kann die Macht und Klarheit
der Dualität nicht für uns wirklich werden.»
Er dankte mir noch einmal und ging davon über die Marsch, und dann verschwand er
in den Morgennebeln. Ich war zu erschrocken, um Lebewohl zu sagen. Totale
Verpflichtung, dachte ich, absolute Hingabe des eigenen Lebens im Dienste des
Schöpfer! Wie schwer wäre es, solch ein Gelübde jetzt abzulegen, denn ich liebte die
Wildnis über alles und wollte sie nicht verlieren. Ich wollte nicht zurückkehren in die
Gesellschaft. Meine Innere Vision pochte an mein Herz und sagte mir, daß ich recht
habe - aber nur für den jetzigen Augenblick.
Den größten Teil des Tages blieb ich dort sitzen und grübelte über die Dinge, die der
Geist mir verkündet hatte. Nein, es quälte mich nicht, was er gesagt hatte. Eher war
ich voll Ehrfurcht. Die endgültige und absolute Verpflichtung sollte die letzte
Glaubensprobe sein — und ein feierliches Gelübde, den Rest des Lebens für diese
Verpflichtung einzustehen. Auf logischer und spiritueller Ebene kam ich zu dem
Schluß, daß Mikes Geist recht gehabt hatte: daß ich noch nicht bereit war, jetzt ein
solcher Gelübde abzulegen. Nicht, weil ich nicht gekonnt hätte, sondern weil ich nicht
genug wußte. Dies wenigstens gab mir einige Herzensruhe und beflügelte meinen
Geist. Auch Großvater mußte ein ähnliches Gelübde getan haben, und nur noch
dafür lebte er. Ich verstand, warum er das tat, was er tat: weil sein Leben nicht mehr
ihm selbst gehörte, sondern unter der Führung des Schöpfers stand. Ich weinte um
ihn, lange und schweren Herzens.
Ich blieb noch ein Weilchen und versuchte Tränen und leidvolle Ahnung
abzuschütteln. Den Rest der Nacht verharrte ich im Gebet und dankte dem Schöpfer
und der Geisterwelt für all die wunderbaren Gaben. Beim ersten Lichtstrahl der
aufgehenden Sonne war ich wieder unterwegs zu Großvaters Lagerplatz. Obwohl ich
wußte, daß ich am nächsten Morgen nach Hause zurückkehren mußte, machte es
mir nichts aus. Zu viel Neues hatte ich in mein Bewußtsein aufnehmen müssen, und
nun brauchte ich eine Pause nach all der Suche. Dieser letzte Monat war eine
gewaltige Lektion über die Macht des Geistigen gewesen, und jetzt fand ich es an
der Zeit, mich ein Weilchen unbeschwert zu tummeln. Endlich erreichte ich
Großvaters Camp, kurz nachdem die Sonne am Himmel aufgestiegen war.
Ich erzählte Großvater alles, was mir widerfahren war, und ließ nur die Tränen aus,
die ich um ihn geweint hatte. Nach einer Pause sagt er mit einem Lächeln um seinen
Mund: «Weine nicht um mich, Enkel, ich habe mein Gelübde vor langer Zeit
abgelegt, und ich möchte kein anderes Leben führen. Ich tue, was der Schöpfer von
mir verlangt, und meine Seele schwebt himmelhoch. Es gibt keine größere
Befriedigung im Leben, als selbstlose Arbeit zu tun, besonders zur Heilung der Erde
und aller Menschen. Ich tue, wie es meine Vision und mein Herz mir gebieten. Denn
ein Mensch, der nicht seiner Vision lebt, der lebt dem Tod. Für mich, mein Enkel, gibt
es kein anderes Leben. Alles andere ist nur Stoff und Fleisch — und nichts mehr.
Entweder fühlst du dich verpflichtet — oder nicht. Denn niemand kann halb
verpflichtet sein. Auch du wirst es eines Tages wissen und dann vor der letzten
Entscheidung stehen.»
Und Großvater fuhr fort: «Vorhin beschäftigte dich die Frage, wie du so rasch und
leicht von meinem Lagerplatz zu dem der alten Frau gelangen konntest, zum Platz
der Korbflechterin. Wenn du in der Dualität wandelst, dann kannst du mühelos von
einer Welt zur anderen wechseln, denn die Innere Vision befähigt dich, dorthin zu
gehen, wo du sein mußt oder gebraucht wirst.
Du fragst dich vielleicht auch, wie du von deinem Platz am Bach zum Platz deiner
Visionssuche gelangen konntest, ohne Spuren zu hinterlassen. Es kommt daher,
mein Enkel, daß dein Geist am Meditationsplatz stark genug war, um deinen Körper
durch den Schleier hindurchzutragen. So brauchte der Körper sich nicht
fortzubewegen, sondern nur dort zu erscheinen, wo er gebraucht wurde. Diese Dinge
verstehst du noch nicht, denn du mußt noch viel lernen. Die Zeit aber wird kommen,
die Zeit wird bald kommen.»
Unsere restliche Zeit in der Marsch verging ohne weitere Gespräche über spirituelle
Dinge. Vielmehr gingen Rick, Großvater und ich einfach unbeschwert auf Erkundung
und spielten, solange wir konnten. Es tat so gut, ein Weilchen frei zu sein von der
unentwegten Suche und einfach zu schwelgen in all dieser Herrlichkeit.
Bei Sonnenaufgang am anderen Morgen verließ ich das Camp und machte mich auf
den Weg nach Hause. Ein letztesmal wandte ich mich um und blickte hinaus auf die
Marsch; und dort, im Licht der aufgehenden Sonne, stand Mike und winkte mir zu. Zu
meiner Verblüffung stand Großvater neben ihm, und beide winkten. Endlich begann
ich zu verstehen - ohne aber wirklich zu verstehen, was ich verstand. Es sollte mir
aber genügen.
Ich hatte geschaut, was einst war und was einmal sein könnte. Endlich war ich in
eine Welt eingetreten, die nur wenige Menschen im Fleisch jemals kennen- oder gar
zu verstehen lernten. Ich gab mich aber damit zufrieden, daß alle Menschen, wie
sehr sie auch der materiellen Gesellschaft verhaftet waren, mit ihren Sinnen spürten,
daß es eine höhere Welt gab, die sich ihrem Verständnis entzog. Mochten sie noch
so sehr die Existenz dieser Welt leugnen, mochten sie noch so sehr versuchen, sich
mit erdrückend rationaler Skepsis zu rechtfertigen, so gab es doch tief im Innern
eines jeden von uns einen schlummernden Geist, einen Geist, den ich so verzweifelt
erwecken wollte. Während ich auf der Schotterstraße nach Hause wanderte, spürte
ich, daß ich dem Zeitpunkt der totalen Verpflichtung unmerklich nähergekommen
war. Und jetzt verstand ich Großvater.
10
Wasser - das kostbare Blut des Lebens

Es war Mitte August - staubig, heiß und still. Kein Windhauch bewegte die drückende
Luft. Die Feuchtigkeit wirkte wie ein Vergrößerungsglas, und die Sonne sengte mit
solcher Intensität, daß selbst schattige Plätze keine Erleichterung boten. Ich plagte
mich diesen Weg entlang, den wir «die Plackerei» nannten, durch eine Gegend der
Pine Barrens, die «die Hölle» hieß. Die Hölle, das war eine gute Bezeichnung für
diesen Landstrich, denn hier gab es meilenweit keine Quellen oder Bäche, und
dieser Teil des Waldes war immer trocken. Wir vermieden es stets, die Hölle direkt
zu durchqueren, besonders im heißen Sommer, denn es konnte mörderisch heiß
werden. Oft machten wir Umwege von vielen Meilen, nur um das Innere dieser
Landschaft zu meiden. Obwohl wir Stunden brauchten, um außen herumzugehen,
wurden die zusätzlichen Meilen aufgewogen durch ausreichend Wasser am Weg.
Mir blieb keine andere Wahl, als mitten durch dieses Gebiet zu gehen. Denn ich
suchte einen Ort, den wir «den Kessel» nannten, wo ich ein paar Tage bleiben sollte.
Der Kessel lag beinah im Zentrum der Hölle, und dorthin gab es keinen anderen Weg
als die «Plackerei». Der Kessel war ein Ort, der im Sommer stets gemieden wurde:
eine alte Kiesgrube, nicht größer als dreißig Meter im Durchmesser, aber so tief, daß
man von unten nicht mehr die Bäume sah. Nichts wuchs in dieser Grube, keine
einzige Pflanze, denn es gab kein Wasser und keine Sickerquellen, und der Boden
bestand nur aus Steinen und hartgebackenem Sand. Im Sommer war es hier wie in
einer Esse, die sengende Hitze wurde verstärkt durch weißen Sand und
undurchlässige Steine.
Seit dem ersten Tageslicht war ich diesen Pfad entlanggewandert, und jetzt
verbrannte die Sonne mir die Haut und zerriß mir die Lippen. Ich hatte kein Wasser -
ich hätte aber auch nicht getrunken, wenn ich welches gehabt hätte. Ich sollte
bestraft werden, gewissermaßen bestraft durch meine eigene Gleichgültigkeit und
dafür, daß ich das Geschenk des Wassers für selbstverständlich genommen hatte.
Großvater hatte mich hierher geschickt oder vielmehr verlangt, daß ich hierher
kommen sollte, und seine Bitte war für mich Befehl. Wenn ich lernen wollte, mußte
ich mich anstrengen bis an die Grenze meiner Kräfte und wenigstens versuchen zu
tun, was er verlangte, sonst würde ich in meinem Wissen und meiner Erkenntnis
stagnieren. Jede Lektion, jede Bitte war wie eine Sprosse an einer Leiter und führte
mich mit jedem Schritt, den ich höher stieg, näher zum letztlichen «Eins-Sein».
Großvater war überzeugt, dies würde eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens
werden.
Wie ich den Pfad der Plackerei entlang trottete, kehrten meine Gedanken zurück zu
den Ereignissen des Vortages — eines Tages, der jetzt in der erstickenden Hitze so
weit entfernt schien. Dieser gestrige Tag schien anzufangen wie manche andere
Tage, doch in dem Maß, wie die Augusthitze immer drückender wurde, schien auch
unser Tun immer langsamer, unsere Stimmung immer bedrückter zu werden - alles
vollzog sich wie in Zeitlupe. Jede Aufgabe fiel uns schwer, das Denken war ein
Affront gegen die Realität. Die täglichen Pflichten im Camp wurden in der Hitze des
Nachmittags zu einer wahren Ausdauerprüfung. Aber ich wußte, daß ich auch in
dieser Hitze voll leistungsfähig sein mußte, denn nur dann würden Körper und Geist
so gestärkt, daß ich mich bei jeder Witterung behaupten konnte. Wir waren es
gewöhnt, unser tägliches Routinetraining unter den schlimmsten
Witterungsverhältnissen zu absolvieren, die wir finden konnten. Auf diese Weise
würden wir nicht vor widrigen Bedingungen kapitulieren, wenn eine
Überlebenssituation uns das Höchste abverlangte.
Am Spätnachmittag aber begannen für mich die Schwierigkeiten. Wir waren eben
von einer langen Wanderung zurückgekehrt, die uns - ohne Wasser am Weg - von
unserem Lagerplatz zum Sandsteinbruch führte und wieder zurück zum Camp. Nicht
nur war die Hitze gewaltig, sondern es gab auch keinen Schatten am Weg. Dies alles
wurde mir noch schwerer, denn ich mußte zwei riesige Sandsteinblöcke schleppen,
den ganzen Weg vom Steinbruch zum Camp. Wir brauchten die Blöcke zum
Schleifen, um unsere Pfeile zu glätten, die wir in den letzten Tagen angefertigt
hatten. Zu sagen, daß ich erschöpft war, als wir den Lagerplatz erreichten, wäre eine
Untertreibung gewesen. Ich war so müde, so verschwitzt und durstig, als ich im
Camp ankam und die schweren Sandsteinblöcke absetzte, daß mir fast schwarz vor
den Augen wurde. Großvater schien wie immer völlig unbeeindruckt von der ganzen
Qual, obwohl er die doppelte Anzahl von Steinblöcken geschleppt hatte.
Kaum hatte ich die Blöcke abgestellt, rannte ich auf schnellstem Weg zur
Wasserstelle, wo wir zu schwimmen pflegten, und stürzte mich sofort hinein. Ich
schwamm und trank gleichzeitig und stellte mir vor, daß mein Körper im Wasser
zischte wie wenn man die glühenden Steine der Schwitzhütte mit Wasser begoß. Ich
trank so gierig, daß ich mich beinahe verschluckte. Langsam fühlte ich meine Kraft
und Energie wiederkehren, und mein Kopf wurde klar, während das Wasser sein
Wunder wirkte. Es wusch alle Müdigkeit ab von Körper und Geist, und ich fühlte mich
wieder heil und ganz, erquickt und gestärkt. Nun erst bemerkte ich, daß Großvater
am Ufer sä K und auf das Wasser schaute, reglos und mit feierlichem Blick.
Ich wußte, gewiß war er genauso ausgedörrt und durstig wie ich, aber er ging nicht
ins Wasser. Statt dessen betete er wie immer und strich mit der Hand über das
Wasser. Irgendwann zitterte er vor Verzückung. Dann erst ging er ins Wasser,
langsam und gelassen, beinahe wie beim Taufritual. Und erst viel später sah ich ihn
trinken. Zuerst berührte er nur das Wasser mit der Fingerspitze, dann hob er diesen
einen Tropfen an seine ausgedörrten Lippen. Er hielt eine Handvoll empor, als
Dankopfer an den Schöpfer, und wieder schaute er auf das Wasser, schöpfte mit
hohl gewölbter Hand, hielt es empor zur Sonne und atmete tief seinen Duft. Dann
erst begann er zu trinken. Zuerst einen langen, bedächtigen Schluck, wie ein
Weintester, der einen kostbaren Jahrgang prüft; dann wieder ein Gebet und
schließlich die lang ersehnte Labsal.
Ich schaute ihm zu, wie immer voll Staunen. So tat er es jedesmal, wenn er ins
Wasser ging oder trank - aber warum, fragte ich mich, wenn er doch so verdammt
durstig war, von der Hitze ganz zu schweigen? Er hatte immer dem Wasser die Ehre
erwiesen, aber manchmal hätte er sich dennoch sofort hineinstürzen können, wie ich
es tat, besonders an einem so heißen Tag. Ich bin sicher, der Schöpfer und der Geist
des Wassers hätten Verständnis gehabt, daß er gleichwohl die Gabe ehrte. Ohne
mich anzusehen, sprach Großvater: «Ganz gleich, wie brennend unser Durst auch
sein mag, müssen wir uns doch immer Zeit nehmen, die Gabe des Wassers zu
ehren, denn sie ist heilig. Sie ist das Geschenk des Lebens. Gerade bei brennendem
Durst, wenn der Körper am meisten nach Wasser verlangt, sollten wir uns Zeit
nehmen für Gebet und Dank. Indem wir dies tun, opfern wir dem Wasser einen Teil
unsres Selbst, oh, nur ein kleines Opfer, und zügeln unseren Durst, bis wir die Gabe
geehrt haben. So weiß der Schöpfer, daß uns die Dankbarkeit für das Wasser
•wichtiger ist als der Durst, wichtiger als unser körperliches Wohlbefinden.»
Es schockierte mich nicht mehr, daß Großvater genau wußte, was ich dachte. Denn
immer schien er es zu wissen. Im Laufe der Jahre hatte ich dies fraglos zu
akzeptieren gelernt. Ich sagte ihm aber, ich könne nicht einsehen, warum der
Schöpfer oder der Geist des Wassers kein Verständnis haben sollten, daß wir ihre
Gaben ehrten, auch wenn wir es nicht mit einem Dankgebet ausdrückten. Ich fand,
der richtige Zeitpunkt, das Wasser zu ehren, sei dann gekommen, wenn wir nicht
mehr unseren brennenden Durst stillen müßten; wir ehrten das Wasser doch immer
mit den Zeremonien der Schwitzhütte. «Ist das nicht genug?» fragte ich. Großvater
sah mir in die Augen und sagte: «Es kann niemals genug sein. Die Massen ehren
das Wasser nicht mehr. Sie sprechen nicht mehr zum Wasser, denn sie benutzen es
und infizieren es mit ihrer Gleichgültigkeit. Sie nehmen das Wasser, dies Blut unserer
Mutter Erde, als Selbstverständlichkeit. Darum müssen wir darauf achten, die Gabe
zu ehren, damit wir sie nicht für selbstverständlich halten. Wir müssen erkennen, daß
das Blut der Erde auch unser Blut ist und das Blut aller unserer Ahnen.»
«Du behauptest also, daß wir das Wasser jedesmal ehren müssen, wenn wir es
benutzen, damit wir nicht so denken wie die Massen», sagte ich. «Aber ich glaube
nicht, daß ich das jemals tun könnte, denn ich bin immer dankbar für die Gabe des
Wasser.» - «Nein, bist du nicht», sagte Großvater. «Du bist bereits gleichgültig und
undankbar geworden, sonst hättest du das Wasser geehrt, bevor du deinen durstigen
Körper labtest.»
Ich dachte gründlich nach und versuchte Worte zu finden, um mich zu rechtfertigen.
«Aber wieso darf ich das Wasser nicht ehren, nachdem mein Durst gestillt und mein
Körper erquickt ist?» fragte ich. «Weil es dann», sagte Großvater feierlich, «kein
Selbstopfer mehr ist. Schon wenn du einen Moment dankbar stehen bleibst, bevor du
zu trinken anfängst, zeigt diese symbolische Handlung dem Schöpfer, daß du bereit
wärst, dich für das Blut deiner Mutter zu opfern.»
Noch einmal dachte ich nach über das, was Großvater sagte, und war jetzt
verzweifelt bemüht, mein Verhalten zu rechtfertigen. Auch wenn kein Vorwurf und
kein Tadel in Großvaters Stimme lag, mußte ich tief in mir eine Antwort finden. «Ich
sehe trotzdem nicht ein, warum wir jedesmal das Wasser ehren müssen», sagte ich
trotzig.
Großvater antwortete: «Du kannst es nicht verstehen, mein Enkel, weil du den Geist
des Wassers nicht kennst. Du glaubst, es sei zuviel verlangt, deinen Durst auch nur
einen Augenblick zurückzustellen, um das Wasser zu ehren. Du weißt nichts vom
Wasser. Wie kann ich also annehmen, du wärst bereit, für das Wasser zu sterben?
Solange du nicht das Wasser kennst und damit die Bestimmung des Bluts deiner
Mutter, wirst du es nicht nötig finden, das Wasser zu ehren, jedesmal, wenn du die
Gabe empfängst. Solange du nicht in der Weisheit des Wassers lebst, kann ich dir
nicht begreiflich machen, wovon ich spreche.»
Ich war verletzt, wußte aber, daß Großvater recht hatte mit dem, was er sagte. Ich
verstand das Wasser nicht, wie er es tat. Wo konnte ich Antworten finden — oder
jene Weisheit des Wassers? Wie konnte ich jemals die Weisheit des Wassers lernen
und auch erfahren, was ich versäumte? Seine Stimme unterbrach meine
Überlegungen: «Wenn du vom Wasser lernen willst, dann mußt du eine spirituelle
und physische Reise zum Wasser unternehmen, eine Reise in der Dualität, wobei du
das Wasser auf physischer und spiritueller Ebene zugleich kennenlernen sollst. Wohl
kennst du das Wasser auf der physischen Ebene von Durst und Bedürfnis, aber dein
Wissen ist unvollständig. Du mußt das Blut unserer Mutter auch auf spiritueller
Ebene kennenlernen, bevor du verstehen kannst, und eins werden mit der Weisheit
des Wassers.»
«Und wie soll ich diese Reise antreten?» fragte ich. Großvater antwortete: «Wandere
zu jenem Ort, den wir den Kessel nennen, und nimm kein Wasser mit. Begib dich an
diesen Ort, als "wolltest du dich für die Visionssuche opfern, und warte auf
Antworten. Triff keine Vorbereitungen, und versage dir unterwegs jeden Gedanken
daran, Wasser zu suchen. Geh einfach hin mit lauterer Absicht, und gib dich der
Weisheit des Wassers hin.»
Diese Worte hallten noch immer durch meinen Kopf, während ich diesen endlosen
Pfad entlang trottete, den wir die Plackerei nennen und der sich wie ein glühender
Amboß unter meinen Füßen anfühlte. Aber wie kann ich mich dem Wasser opfern
und hingeben, wenn es in der Gegend, wo ich sein werde, kein Wasser gibt? Mein
Durst brannte mir Löcher ins Gehirn, während kleine Staubwolken hinter meinen
schleppenden Füßen aufstiegen.
Am frühen Nachmittag erreichte ich den Rand der Grube, und die Sonne brannte
noch heißer herab als den ganzen Tag schon. Wie ich nun in die Grube
hinunterschaute, war deutlich zu sehen und zu spüren, warum sie «der Kessel» hieß.
Die Hitze brodelte aus der Tiefe herauf. Alles wirkte öde und konturlos, nicht anders
als eine becherförmige Vertiefung in der Erde. Die Wände waren meist sehr steil und
zernarbt von tiefen Erosionsrinnen. Keine Pfade führten hinein oder heraus aus der
Grube, und falls es welche gegeben hatte, waren sie längst durch die tiefen
Erosionsrillen zerstört worden. Sogar der Waldweg, der vom Pfad der Plackerei zum
Kessel führte, war völlig überwachsen.
Ich sprang ab von der Kante und hangelte mich über steile felsige Böschungen
hinunter zur Mitte der Grube. Bei dieser Visionssuche konnte wahrhaftig von Komfort
keine Rede sein, denn der Boden war mit Felsbrocken übersät, vermischt mit
weißem Sand, zusammengebacken und hart wie Beton. Es gab kaum Spuren
tierischen Lebens bis auf ein paar Vögel, die im Sand nach Insekten pickten oder
kleinen Kieseln, die sie für ihre Verdauung brauchten. Dort vom Grunde der Grube
sah man nichts als Himmel. Die Bäume rings um die Grube standen so weit vom
Rand entfernt, daß sie nicht zu sehen waren. Hier am Grund dieser heißen Grube
bestand die Welt aus glühend kahler Erde und einem konturlosen Himmel. Es war
ein Extrem der Verschmelzung von Erde und Himmel, die eins wurden und in ihrer
Fusion einen Feuerofen schufen.
Allein am Boden der Grube zu sitzen wurde schon zur Prüfung. Ich trug nur ein
Lendentuch, das kaum mein Hinterteil bedeckte. Die Erde verbrannte meine
Fußsohlen, versengte mir die Hinterbacken und glühte unter den Händen. Es dauerte
eine Ewigkeit, bis ich mich hinsetzen und von dem anstrengenden Marsch erholen
konnte. So blieb ich stundenlang sitzen, bis der Schatten, den mein Körper warf,
dann die Erde abkühlte. Endlich konnte ich mich ausstrecken, ohne mir den Rücken
zu verbrennen. Wie gut tat es, einfach dazuliegen und sich zu entspannen. Die
Sonne verschwand hinter dem Rand der Grube, und endlich wurde es kühler. Bald
war ich fest eingeschlafen, ein dringend notwendiger Schlaf. Mir schmerzten alle
Glieder vor Erschöpfung, und der Schlaf brachte eine zeitweilige Linderung meiner
Qual.
Ich erwachte in tiefdunkler Nacht, hemmungslos zitternd. Mein glühender
Sonnenbrand bewirkte, daß die kühle Nachtluft sich auf der Haut noch kälter
anfühlte. Kaum zu glauben, daß ich mir trotz meiner tiefen Bräune einen
Sonnenbrand geholt hatte. Ich konnte nicht schlucken, so trocken war mein Mund,
und Speichel wäre ein Luxus gewesen. Unruhig schlief ich dann für den Rest der
Nacht. Immer wieder erwachte ich von schlotternder Kälte oder brennendem Durst.
Meine Träume waren qualvoll und sinnlos und handelten stets von Wasser. Es gab
aber keine Linderung für meine körperliche und seelische Qual. Wie oft erwachte ich,
ohne zu wissen, wo ich war, und jedesmal brauchte ich länger, bis ich mich
orientieren konnte und mich erinnerte, warum ich hier war.
In Panik erwachte ich mit dem Gefühl, daß die Sonne mein Fleisch auf den Knochen
kochte und ich nicht wußte, wo ich mich befand. Ich hatte bis in den hohen Morgen
geschlafen, als die Sonne schon ihren flammenden Weg über die Sandgrube antrat.
Ich konnte nicht mehr klar denken, auch nicht mehr längere Zeit stehen bleiben, ohne
umzufallen. Jedesmal, wenn ich es versuchte, spürte ich eine wirbelnde Schwärze im
Kopf, und ich mußte mich schnell wieder setzen, um einer Ohnmacht
zuvorzukommen. Endlich erhob ich mich mit letzter Kraft auf Hände und Knie.
Mühsam hielt ich mich im Gleichgewicht, bis ich langsam aufstehen konnte und zu
gehen versuchte. Jeder Schritt versengte mir die Fußsohlen, und ich war
gezwungen, mich wieder vorsichtig hinzusetzen.
Der Tag war lang und qualvoll. Keine Wolke belebte die Monotonie des dunstigen
Himmels, kein Windhauch kühlte dort unten meine glühende Haut. Der Durst wurde
so stark, daß ich mich danach sehnte, der Feuergrube zu entrinnen und ins Lager
zurückzukehren. Blasen bildeten sich auf meinen Schultern, auf meinem Rücken und
meinen Schenkeln, und ich spürte tiefe Risse in meinen Lippen klaffen. Meine Stirn,
meine Nase, Wangen und Kinn waren mit wäßrigen Pusteln bedeckt, die bei
Berührung näßten. Die Augen brannten mir vom unentwegten Zwinkern, bis die
ganze Sandgrube in der flimmernden Hitze verschwamm. Vor allem rumorten
schreckliche Kopfschmerzen unter meiner Schädeldecke, und trotz der hämmernden
Hitze fiel ich abwechselnd in Phasen von Schüttelfrost oder Überhitzung. Der
entsetzliche Durst aber blockierte jeden klaren Gedanken.
Bis heute kann ich mich kaum erinnern, wie ich den Nachmittag und den Abend des
zweiten Tages überstand. Ich erinnere mich nur noch an die brütende Hitze und den
gnadenlosen Durst. Es gab nichts mehr in meinem Leben als diesen dauernden
Durst und die Trugbilder von glitzerndem Wasser in all der flimmernden Hitze. Immer
wieder versagten meine Kräfte, wenn ich aufzustehen versuchte, und ich konnte
nicht mehr klar denken. Nichts unterbrach die Monotonie dieser Folter, nicht mal die
Ablenkung der Gedanken war mir vergönnt in dieser Feuerhölle von Himmel und
Erde — von logischem Denken ganz zu schweigen.
Am Nachmittag des dritten Tages, als ich kaum noch konnte» versuchte ich
mehrmals, aus dem Kessel zu fliehen, um ins Camp zurückzukehren. Ich war außer
mir vor Angst, denn ich wußte, lange würde ich es nicht mehr aushaken ohne
Wasser«r Unmöglich schien es, die endlosen Meilen zum Camp ohne Wasser zu
schaffen — doch meine einzige Hoffnung war, das Lager zu erreichen. So versuchte
ich immer wieder aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen, aber jedesmal wurde
mir schwarz vor den Augen. Ich war am Ende meiner Kräfte. Meine Haut war
stellenweise aufgesprungen und blutete, meine Lippen von tiefen Spalten zerrissen
und überzogen von angetrocknetem Blut. Ich war dabei, die Schlacht zu verlieren, ja,
mein Leben zu verlieren. Ich brauchte Wasser, und ich brauchte es bald — sonst
mußte ich sterben. Jetzt wurde mir klar: Wenn ich keine Hilfe fand, würde ich
verdursten.
In blinder Panik und unter Aufbietung aller Kraft, die noch in mir steckte, versuchte
ich den Grubenrand zu erklimmen. Ein paar schwache, von Panik getriebene Schritte
— dann brach ich zusammen. Wie ich dort im Staub lag, versuchte ich zu beten.
Aber nur ein paar schwache, tonlose Worte kamen hervor, kaum verständlich. Ich
dachte an Wasser, ich hörte Wasser und roch und schmeckte sogar Wasser. Ich sah
Bilder des Wassers vor mir und ringsumher, doch wenn ich die Lippen an dieses
Wasser führte, um zu trinken, warf mich die Berührung staubiger Erde zurück in die
Realität. Stundenlang mußte ich dort gelegen sein, irgendwo zwischen Qualen und
Schlaf und halluzinierend in todähnlicher Starre.
Wieder hörte ich Wasser, diesmal aus großer Höhe herabstürzend. Ich schüttelte
immer wieder den Kopf, aber das Bild eines Wasserfalls wollte nicht vergehen. Und
nun hörte ich eine schwache Stimme aus dem Wasserfall dringen. Da schien sich
das nebelhaft verschwommene Bild einer Gestalt in der Gischt zu bewegen. «Rette
mich, rette mich», flehte sie. Verwundert hob ich den Kopf und sagte: «Dich retten?
Wie könnte ich dich retten. Ich bin am Verdursten. Du mußt mich retten, bevor ich dir
helfen kann.» Es folgte ein Schweigen, unterbrochen nur vom Rauschen des
Wasserfalls. Dann kam die Stimme wieder und sagte: «Die Zeit, als ich noch zu
retten gewesen wäre, ist lange vorbei. Jetzt erleidest du das Los der Enkel, die nach
dir kommen werden. Du kommst zu spät.» Die Stimme verschwand im Brausen des
Wassers und schwieg auf mein beschwörendes Rufen.
Das Wasser brauste weiter, wirbelnde Wassermassen in aufgelöster Gischt, wogend
und tosend wie tausend brüllende Stimmen, die mich jetzt wieder anflehten, etwas zu
tun, irgend etwas, um die Ermordung der Enkelkinder zu verhindern. Aus der
schäumenden Gischt trat der Geist einer Frau hervor, weiß wie die wirbelnden
Wasser. Sie stand ungerührt mitten im Sturm der stürzenden Wassermassen. Ich
winkte ihr, angezogen von ihrer Schönheit, und berührte ihre Hand, und für einen
Moment war mein Durst nur noch ferne Erinnerung. Ich empfand Frieden, und meine
Kräfte kehrten zurück. Jetzt, dachte ich, kann ich ihr wirklich helfen, kann ich den
Geist des Wassers retten.
Aber plötzlich verwandelte sich ihre Schönheit in das häßliche und entstellte Bild
eines Dämons. Ihre zarte Haut verging, abgelöst von Wunden und Narben, aus
denen Blut und Eiter tropften. Vergiftet und würgend, giftige Dämpfe und
menschlichen Unrat in großen Massen ausstoßend, fiel sie vor mir auf die Knie und
flehte um Rettung, flehte mich wieder an, etwas zu tun. Irgend etwas, um ihr Leiden
zu lindern. Ich stand starr vor Schreck, hilflos und unfähig, etwas zu tun. Nach einem
qualvollen Moment war sie verschwunden, der Wasserfall war verschwunden, und
ich befand mich wieder im Feuerofen, mein Durst noch schlimmer denn je zuvor, und
ich spürte, wie der Tod mich umkreiste. Viel früher hätte ich etwas tun sollen; Reue
und Bedauern lasteten auf meinem Gewissen, und ich sank auf den staubigen
Körper der Erde.
Mein Kopf wirbelte. Einen Augenblick hatte ich Linderung verspürt, aber jetzt war
alles vorbei. Ich weinte, ich schrie, aber meine Klage blieb tränenlos, jetzt, da mein
Körper jeden Tropfen Flüssigkeit zu behalten suchte. Was hätte ich tun können? In
meinem Zustand von Schwäche und Durst war ich ohnmächtig, konnte nicht helfen.
Ich wußte nicht, was ich tun sollte, um das Wasser zu retten; und selbst wenn ich's
gewußt hätte, war ich zu spät gekommen, wie der Geist des Wassers gesagt hatte.
Wieder heulte ich und schrie: «Wäre ich doch gewarnt worden, wäre ich doch früher
gewarnt worden!» Damals, als ich noch bei Kräften war, hätte ich etwas tun können.
Und wieder stürzte ich in den Staub, und mir schwindelte vor Durst und Qual. Hätte
ich doch gewußt...
Dann erwachte ich wieder vom Duft und Geräusch frischen Wassers — ein Bach in
den Pine Barrens. Ich hob den Kopf und sah ein winziges Rinnsal sich durch den
Dom des Fichtenwaldes schlängeln. Leuchtende Sonnenstrahlen drangen durch den
Dunst des Fichtentempels und fielen auf die weichen Moosteppiche, frisch wie
smaragdgrüne Tümpel. Wasser plätscherte murmelnd unter gestürzten Baumriesen
und suchte sich einen Weg in den Sumpf. Dieser Ort wirkte so frisch und rein und
heilig, ein Ort, wo man gewiß den Großen Geist erreichen konnte. Und jetzt sah ich
Großvater, der am Ufer des Bächleins saß und aufs Wasser schaute, und mein Herz
tat vor Freude einen Sprung. Ich war gerettet.
Ich lief zum Wasser und stürzte am Ufer auf die Knie. Unter mir spürte ich den kühlen
Moosteppich und sah die Klarheit des Wassers vor meinen Augen. Im gleichen
Moment hörte ich Großvater weinen und schaute mich nach ihm um. Seine Augen
standen voll Tränen, während er auf das Wasser starrte, und seine Lippen bewegten
sich im Gebet. Ich fragte ihn, was ihm . fehle, und vergaß meinen Durst — mehr in
Sorge um sein Leid. Er sah mich an, sah mir direkt in die Augen und sagte: «Das
Wasser hier stirbt. Es ist vergiftet, du kannst es nicht trinken. Der Geist des Wassers
hat mich gerufen und mir sein Leid geklagt, er müsse bald sterben.» - «Aber das
Wasser scheint rein und klar», sagte ich, ungläubig auf das Wasser starrend.
«Du siehst es nicht, was den Geist des Wassers mordet», sagte Großvater. «Es ist
der unsichtbare Mörder, der von der Gesellschaft kommt und in dieses Wasser
einsickert. Bald wird alles hier tot sein. Dieser Tempel wird sterben, und die hohen
Fichten werden weiß gebleichte Skelette sein, ein Monument menschlicher Habgier
und Gleichgültigkeit.» Wieder starrte ich ungläubig auf das Wasser, und mein Durst
flammte auf wie Feuer in der Seele. «Siehst du, mein Enkel, die Fische und
Schildkröten sterben, und manche sind bereits tot», fuhr Großvater fort. «Selbst die
Blumen und Moospflanzen am Ufer sind schon farblos und welk.» Jetzt erst sah ich
im Wasser die schlaffen, weiß gedunsenen Leichen von Fischen schweben.
Schildkröten schwammen vorbei, schwach und farblos und entstellt durch
schwärende Wunden. «Trink nicht davon, Enkel», sagte Großvater. «Du bist
gewarnt, das Wasser wird dir den Tod bringen. Du bist gewarnt.»
Ich schrie auf vor Qual, so heftig bohrte mein Durst. Plötzlich aber war alles vorbei,
und ich befand mich wieder im Kessel, in meinem Grab. Und ich erinnerte mich, dies
war kein Traum. Vor ein paar Jahren war es geschehen, daß Großvater mich warnte,
kein Wasser aus einem Bach zu trinken, der ein paar Meilen südlich von unserem
Camp vorbeifloß. Er hatte recht gehabt, denn heute hier im Staub wußte ich, daß
dieser Bach längst gestorben war wie auch der Fichtenwald. Dort gab es keine
Fische und Schildkröten mehr, und nur wenige Tiere kamen noch zu dem Bach, um
zu trinken. Wahrlich, ich war gewarnt worden, hatte aber nichts getan. Genau wie der
Geist des Wasserfalls gesagt hatte: Ich war gewarnt worden.
Fröstelnd erwachte ich in sternklarer Nacht. Ich wußte, es war ein günstiger
Zeitpunkt, um es noch einmal zu versuchen: um mich aus der Sandgrube zu retten
und ins Camp zurückzukehren. Wenn ich den Weg in der Nacht zurücklegte,
brauchte ich nicht mit Hitze und sengender Sonne zu kämpfen. Mi konnte das
bißchen Flüssigkeit sparen, das sich noch in meinem Körper befand. Das nächste
Wasser war kaum mehr als acht Meilen von der Grube entfernt, und bis zum
Morgengrauen konnte ich diesen kleinen See erreichen. Dort an seinen Ufern würde
ich mich einen Tag lang erholen, bevor ich zum Lagerplatz zurückkehrte. Ich wußte
zwar, daß auch das Wasser des Sees kaum noch trinkbar war, aber wenn ich nicht
allzu viel trank, dürfte es mir nicht schaden. Ich hatte vor, nur soviel zu trinken, daß
ich die Kraft für den Rückweg ins Camp fände. Und wenn ich es bis zum See
schaffte, konnte ich dort schwimmen und mir Linderung verschaffen für meine
verbrannte Haut.
Schon die Böschung des Kessels hinaufzuklettern schien eine Ewigkeit zu dauern.
Bis ich oben war und mich über den Rand zog, hatte ich kaum noch Kraft in mir. Ich
mußte mich hinlegen und mich ausruhen, bevor ich wagen konnte, mich auf den Weg
zu machen. Mir war klar, daß die Fortbewegung viel langsamer und mühsamer sein
würde, als ich angenommen hatte. Nach dem Stand der Sterne zu urteilen, glaubte
ich immer noch ein paar Nachtstunden vor mir zu haben, die mich vor Sonne und
Hitze bewahren würden, bis der See nicht mehr weit wäre. Ich zweifelte nicht, daß
ich es versuchen mußte, denn unten im Kessel zu bleiben hätte den sicheren Tod
bedeutet.
Bei meinem Weg durch die Nacht spürte ich meine Haut brennen und meinen Durst
lodern. Jeder Schritt war harte Mühe, denn oft stolperte und stürzte ich. Manchmal
verlor ich die Orientierung und den Weg, der vom Kessel zum Pfad der Plackerei
führte. Es dauerte viel länger, als ich gedacht hatte, bis ich endlich die Plackerei
erreichte, und bereits nach der ersten Meile wurde es hell am Himmel. Ich lief aber
weiter, und eine schreckliche Ahnung beschlich mich. Ich hatte nichts gewonnen aus
meinem Aufenthalt in der Sandgrube. Ja, ich war dankbarer denn je für das Wasser,
doch die Lektion, die ich gelernt hatte, war längst nicht so großartig, wie Großvater
es mir verheißen hatte. Es fehlte etwas, aber ich war zu nah am Verdursten, um jetzt
noch einmal umzukehren.
Ich schleppte mich weiter und ignorierte das aufziehende Tageslicht. Wirre
Gedanken, durch die surrealistisch nächtliche Landschaft noch gesteigert, wurden
abgelöst von Phasen der Desorientierung und Panik. Ich war so niedergeschlagen,
denn ich hatte in meiner Vision versäumt, den Geist des Wassers zu suchen. Ich
hatte ihn nicht kennengelernt, und bis auf ein tieferes Gefühl der Dankbarkeit für das
Wasser war meine Einstellung dazu dieselbe wie immer geblieben. Gewiß hatte ich
eine Lektion gelernt durch meine körperlichen wie inneren Qualen, aber ich war nicht
in die spirituelle Sphäre des Wassers eingetreten. Lange schwankte ich, ob ich zur
Sandgrube zurückkehren oder mich weiter zum See schleppen sollte. Nur mein
quälender Durst trieb mich weiter zur ersehnten Linderung am See.
So marschierte ich durch den Morgen, meine Schritte gehemmt jetzt durch glühende
Sonne und drückende Hitze. Normalerweise hätte es viele Tiere am Weg gegeben,
aber nun verbargen sich alle vor der Sonne. Mir schien, als sei ich das einzige
Lebewesen, der einzige Narr, der in knallender Sonne marschierte. Der einzige Narr,
der am Verdursten war. Ich fühlte mich so im Widerspruch zur Harmonie des Lebens
und zu den Gesetzen der Natur. Auch meine Verletzlichkeit bekam ich zu spüren, da
die Natur mich wieder einmal zur Vernunft brachte, meinen Stolz brach und mich
demütigte. Und immer peinigte mich der Gedanke, daß ich dort in der Sandgrube im
spirituellen Sinn nichts gewonnen hatte. Ich hatte versagt, aber zum Umkehren fehlte
mir die Entschlußkraft.
Kurz nach dem Höchststand der Sonne sah ich endlich das ferne Ufer des Sees.
Losrennen konnte ich nicht mehr, denn meine Kräfte waren am Ende. Doch
ungeheure Erleichterung überkam mich, als ich mich näherschleppte und eine Weile
stehenblieb, um lange auf das Wasser zu starren, Wasser, das mir das Leben
wiederschenken sollte. Was mich aber beunruhigte, war ein dichter Nebel, der den
See verhüllte. Nebel zu dieser Tageszeit — das war nicht normal. Aber ich überlegte
nicht lange und watete sofort in das dunstverhüllte Wasser. Ich dachte nur noch an
die Linderung, die ich beim Trinken und Schwimmen finden würde.
Kaum war ich im Wasser, da fingen meine Augen und meine Kehle heftig zu jucken
an. Es war ein ätzendes Jucken, als atmete ich den Dunst eines aggressiven
Putzmittels. Ich konnte kaum Luft holen, kaum noch sehen, und mir schwindelte.
Auch meine Füße und Beine fingen an zu jucken. Jeder Körperteil, der mit dem
Wasser in Berührung kam, begann zu jucken. Zuerst dachte ich, es sei nur eine
Reaktion meiner sonnenverbrannten Haut auf das Wasser, und ohne zu zögern,
stürzte ich mich ganz hinein. Im selben Moment war mir, als stünde mein ganzer
Körper in Flammen, und es benahm mir den Atem. Das Wasser, das mir in den Mund
drang, schmeckte nach Terpentin, und während ich aus dem Wasser floh, schüttelte
mich ein unkontrollierbares Würgen. Noch ahnte ich nicht, was hier los war. Mein
Kopf schien wie betäubt von chemischen Dünsten.
Als ich das Ufer erreichte und die Böschung hinaufstürzte, heraus aus dem Wasser
und diesem Nebel, konnte ich wieder Luft holen. Ich schaute an mir herunter und
stellte entsetzt fest, daß ich am ganzen Leibe Verbrennungen hatte und offene
Wunden, wo ich mit dem Wasser in Kontakt gekommen war. Ungläubig schaute ich
mich um - und entdeckte am anderen Ufer des Sees etliche Dutzend rostiger
Blechtonnen liegen; viele waren aufgeplatzt, und chemische Gifte strömten hervor.
Der Inhalt der Tonnen hatte sich über die ganze Wasserfläche ausgebreitet.
Gedunsene und verweste Fischleiber trieben im Wasser, und die Vegetation am Ufer
war welk oder abgestorben. Der See war tot, mein Körper von Chemikalien verbrannt
und zerfressen, ich litt höllische Schmerzen, und meine Kehle war so abgeschnürt,
daß ich nicht mehr atmen konnte. Verzweifelt rang ich nach Luft - und erwachte am
glühenden Grund des Kessels.
Alles war nur ein Traum gewesen, ein schrecklicher Traum. Ich mußte mich
vorsichtig aufrichten und den Kopf schütteln, um mich aus seinem lähmenden Griff
zu befreien. Mein Durst drang mir wieder bohrend ins Bewußtsein, und alles drehte
sich vor mir, als ich aufrecht zu sitzen versuchte. Ich brauchte eine Weile, um zu
erkennen, daß dieser glühende Horizont nicht das Ende des Tages bedeutete,
sondern den Anfang eines neuen. Ich hatte jedes Gefühl für Zeit und Ort verloren,
und mein Bewußtsein war verzweifelt bemüht, die physische Realität
wiederzugewinnen. Traum und Wirklichkeit flössen ineinander, so daß eine
Unterscheidung fast unmöglich wurde. Als ich jetzt im weichen Morgenlicht den
Kessel überblickte, hatte ich das Gefühl, daß irgend jemand oder irgend etwas mich
beobachtete.
Ich suchte mit den Augen den Grubenrand ab, aber dort an der dämmerhellen Seite
der Grube war nichts zu sehen. Die östliche Seite lag noch im Dunkel des
nächtlichen Himmels. Ein paar Sterne schimmerten aus dem tiefdunklen Firmament.
Und jetzt gewahrte ich seine Gestalt. Anfangs glaubte ich, es sei Großvater, aber
dann sah ich, er war zu hager und gebrechlich, als daß es Großvater hätte sein
können. Und nun erkannte ich, daß es der Alte aus meiner Vision war, mein Enkel,
der mich wieder mit seiner Gegenwart heimsuchte.*
Die Erinnerung an diese Vision gemahnte mich auch daran, daß ich noch immer
nichts getan hatte.
Abwartend blickte ich der dunklen Gestalt entgegen und wartete auf diese Worte, die
mir die Seele zerreißen würden. Er sagte nichts, schüttelte nur den Kopf und ging
fort.

* Diese Vision mit dem Alten, seinem Enkel, erzählt der Autor in Kap. 11, S. 262ff. Anm. d. Lekt.
Sehnsucht und Einsamkeit überfielen mich. Nicht mal mein Durst konnte mich vom
Bild dieses Alten ablenken, vom Gedanken an seine quälende Botschaft, die er mir
immer brachte. Ich hatte noch immer nichts getan. Noch immer sollte ich Zerstörung
und Leid als Vermächtnis für meine Kinder und Enkel hinterlassen. Ich lag mit dem
Rücken auf dem staubigen Körper der Erde und weinte ohne Tränen. Ich hatte nichts
getan, und ringsumher ging der Mord an der Erde weiter. Ich wußte nicht, was ich tun
sollte. Meine Stimme würde kein Gehör finden in all dem Trubel und all den
Zerstreuungen der Gesellschaft.
Wie ich dort flach auf der Erde lag, eng angeschmiegt, hörte ich wieder das Wasser
plätschern und tröpfeln und sickern. Anfangs wußte ich nicht, woher das Geräusch
kam, und als ich spähend den Kopf hob, war es verschwunden. Verwirrt ließ ich den
Kopf wieder zur Erde sinken, und das Geräusch fließenden Wassers war wieder da.
Mir dämmerte, daß dieses Geräusch tief aus dem Innern der Erde kommen mußte.
Ich wußte, daß unter mir ein riesiges Wasserreservoir lag. Die Pine Barrens waren
nichts andres als ein riesiges Sandbecken voll klaren Wassers, das wußte ich wohl.
Aber es war befremdlich, das Wasser tatsächlich zu hören. Ich erinnere mich, daß
Großvater sagte, man könne das Blut der Mutter Erde in der Tiefe rauschen und
pochen hören, wenn man das Ohr an den Boden legte. Ich lauschte lange in einem
Zustand irgendwo zwischen Traum und Phantasie und war schließlich fest
eingeschlafen.
Und da träumte mir, daß ich in der Erde versank. Ich spürte das Erdreich ringsumher,
es war wie Schwimmen in flüssiger Erde, ähnlich dem Gefühl, im Schlamm zu liegen.
Immer tiefer sank ich hinunter, bis ich festen Boden erreichte — in einer riesigen
unterirdischen Höhle. Überall sah ich nassen Fels, von dem Wasser tropfte. Das
Murmeln und Plätschern von Rinnsalen hallte durch die riesigen Kavernen, und ich
stand zitternd vor diesem gewaltigen Bild. In der Mitte der Höhle unter einer hohen
Felswand floß ein tiefer, kristallklarer Bach - von einer Reinheit, desgleichen ich nie
gesehen hatte. Mir wurde klar, daß ich träumte, doch aufwachen konnte ich nicht, so
intensiv und real waren die Bilder. Ich spürte förmlich, wie ich am ganzen Leib zitterte
in dieser klaren und feuchten Kühle.
Ob es spirituelle Wirklichkeit war oder traumhafte Einbildung - jedenfalls begann ich
durch die Kavernen zu wandern, immer dem Fluß entlang. Dort wo der Fluß gegen
die feste Felsmauer stieß, sprang ich hinein und ließ mich schwimmend dahintreiben.
Der Fluß schien mich meilenweit von der ersten Höhle fortzuführen, dabei immer
heftiger wogend und rauschend. Mir war, als schwimme ich in einem gewaltigen
Blutstrom der Erde; ich trieb ohne Widerstand dahin und überließ mich ganz dem
Fluß lauf. Nie vorher war ich in solcher Reinheit geschwommen. In diesem
lindernden, heilenden Wasser fühlte ich mich wieder heil und ganz.
Manchmal blickte ich unterwegs auf und sah Bäume über mir, sah sie durch Sand
und Felsen hindurch. Es war, als sei ich ein Fisch und blickte durch unbewegtes
Wasser nach oben. Ich fühlte die Wurzeln der Bäume, die sich ins Wasser hinunter
streckten. Über mir sah ich Quellen aus dem Boden sprudeln, und Tiere tranken aus
stillen Teichen. Ich schwamm im Lebensblut des Planeten und beobachtete alle
Lebewesen, die sich am Wasser labten. Hier schaute ich die Reinheit der
unterirdischen Wasser, zugleich sah ich all das, was vom Wasser lebte.
Plötzlich wich diese ursprüngliche Schönheit verflochtenen Wurzelwerks und stiller
Teiche über mir zurück, ersetzt durch ein Labyrinth von Rohren. Teils waren sie alt
und rostig, teils waren sie neu — und größer als alle ändern. Rohre traten nun an die
Stelle der Wurzeln, und ich fühlte den Wasserspiegel sinken, während die Rohre das
Wasser in großen Mengen einsaugten. Nicht länger sah ich Bäume dort oben; jetzt
traten die zementierten Fundamente von Bauten und Häusern an ihre Stelle. Das
Wasser war trüb und roch nach Jauche und Chemikalien. Ich sah riesige
Sickergruben ihre faulige Flüssigkeit ins Grundwasser abgeben, und ich schwamm
im Unrat.
Während ich weiterschwamm, wurde das Wasser dunkel und farblos. Nicht länger
war es durchsichtig, sondern durchsetzt von einem trüben Schleim aufgelöster
Fäkalien. Gestank und Fäulnis wurden immer ekelhafter und aggressiver. Plötzlich
hörte ich über mir ein gleichmäßiges Tröpfeln ätzender Chemikalien, die das Wasser
vergifteten und die Kavernen mit stechenden chemischen Dünsten erfüllten. Ich
blickte auf und entdeckte vergrabene Fässer, die aufgeplatzt waren und ihren
aggressiven Inhalt ins Wasser verströmten. Das unentwegte Tröpfeln und Sickern
verstärkte sich dann gewaltig, als ich unter einem großen Siedlungsprojekt
hindurchschwamm. Ich konnte nicht aufwachen, konnte aus meinem Traum nicht
auftauchen. Meine Haut brannte von dem chemischen Gift, und die Luft raubte mir
den Atem.
Plötzlich wurde ich in ein mächtiges Rohr eingesaugt, und Schwärze herrschte in
meiner visionären Traumwelt. Ich spürte aber, daß ich in dieser ätzenden Mischung
aus Abwässern, Fäkalien und Chemikalien schwamm. Dann wieder draußen am
Licht, sah ich viele Rohre, die noch mehr scheußlichen Schmutz ins Wasser
entließen, während ich schwimmend mitgerissen wurde von einem gewaltigen Strom
voll Unrat. Ich schwamm an großen Fabriken und ankernden Schiffen vorbei, die alle
den Tod ins Wasser entließen. Je weiter der Strom mich mitriß, desto schlimmer
brannten meine Haut und meine Kehle. Ich konnte nicht mehr schwimmen, mich
nicht mehr bewegen. Ich war hilflos, genau wie das Wasser. «Hilflos wie das
Wasser», rief eine schwache Stimme, und ich spähte zum fernen Ufer, wo ich den
Alten stehen sah, der seinerseits zu mir herüberschaute.
Und jetzt wurde ich ein Spielball von Gefühlen und Bildern. Ich fühlte mich körperlich
hochgehoben, dann wieder mächtig hinuntergestoßen, schwankend in rhythmischem
Auf und Ab. Der ätzende Gestank ließ etwas nach, ersetzt jetzt durch würzigen
Salzgeruch, und ich wußte, ich war in die Arme der See, unserer Großmutter,
geschwemmt worden. Hier war das Wasser nicht ganz so hilflos, wie der Alte gesagt
hatte. Ich spürte die Kraft der wogenden Brandung und sah die Wellen gegen die
menschlichen Bollwerke rollen, gegen die Kaimauern vieler Küsten. Eine Art
Machtgefühl stieg in mir auf, als ich die Kraft des alten Ozeans spürte, der den
Menschen in die Knie zu zwingen vermochte. Ich schöpfte Hoffnung - ja Hoffnung
darauf, daß die Sünden des Menschen ab gewaschen würden durch die Macht der
Meere, der endlich wieder gereinigten Wasser.
Etwas stieß krachend mit mir zusammen, etwas Großes und Schweres. Entsetzt fuhr
ich herum und sah den Kadaver eines riesigen, aufgedunsenen Wels.
Verwesungsgeruch drohte mich zu ersticken, und verzweifelt versuchte ich
fortzuschwimmen. Panisch wirbelte ich das Wasser auf, aber vergeblich. Ich konnte
nicht loskommen. Das Meer war voll von treibendem Müll, dazwischen gedunsene
tote Fische. Ihre Haut war verbrannt und farblos, eiternde Wunden entstellten die
Kadaver. Tote Möwen und viele andere Vögel trieben an der Oberfläche. Der
Salzgeruch wurde wieder verdrängt vom scharfen Geruch chemischer Abwässer.
Das Gefühl der Hilflosigkeit war wieder da, die Macht des Ozeans schwand, und ich
wurde mit dem Treibgut an Land gespült.
Dort lag ich lange auf dem Sand, bevor ich mich regen konnte. Am ganzen Körper
war ich mit Seetang bedeckt, mit Fetzen von alten Netzen und toten Fischen. Ich
stand auf und sah, daß der Strand mit fauligem Müll aller Art und toten Fischen
bedeckt war. Die Wellen der See waren schwarz von Öl, und Hunderte toter
Delphine, verwest und stinkend, lagen am Strand verstreut. Ich floh von dem Strand,
von dem ätzenden Wasser und wollte nur fort von hier. Stolpernd und stürzend
rettete ich mich in die Dünen und brach zusammen. Dort über mir stand der Alte aus
meiner Vision. «Dies wird kommen, Großvater. Dies wird eines Tages kommen, weil
du nichts getan hast.» Und ich begrub mein Gesicht im Sand, um seinen Worten zu
entfliehen.
Wieder erwachte ich im Kessel und hörte mich schreien, und während ich mein
Gesicht tief in den glühenden Sand drückte, hallten seine Worte mir noch im Kopf. In
die Realität zurückgekehrt, setzte ich mich auf, entsetzt über den Traum oder die
Vision, die ich eben erlebt hatte. All dies war zu grauenhaft, um es sich auch nur
vorzustellen. Aber es würde eintreten. Ich wußte, es begann sogar schon, während
ich in dieser Höllengrube saß. Der Alte hatte recht, das Wasser war hilflos, all dies
konnte kommen, aber noch immer hatte ich nichts getan. Wenn die Vision oder der
Traum recht hatten, würde ich diese Schreckensvision nicht mehr in der Realität
erleben, wohl aber meine Kinder und Enkelkinder. Und all dies, weil ich nichts getan
hatte und mich noch immer auf die Ausrede berief, ich wisse nicht, was ich tun sollte.
Ich fühlte mich so hilflos wie das Wasser. Ich wußte, das Wasser war hilflos — aber
ich nicht. Vielleicht konnte ich es irgendwie schützen. Aber wie?
Ich rang um Antworten, aber mir fiel nichts ein. Und wieder verlor ich den Sinn für
Zeit und Ort. Ich merkte nichts von dem Gewitter, das sich über mir
zusammenbraute. Letzten Endes, so dachte ich, würden Verdampfung und Regen
gewiß die Verpestung des Wassers reinigen. Vielleicht würden unsere Kinder
glücklich leben, reichlich versorgt mit Wasser, das durch den Regen gereinigt war.
Wie zur Bestätigung meiner Gedanken rollte ein Donnerschlag durch den Kessel,
lauter noch hier unten in der Grube, die den Knall verstärkte wie eine große, zum
Himmel gerichtete Ohrmuschel. Regen, dachte ich erlöst; endlich ein Aufschub von
der sengenden Sonne; endlich Linderung für meinen Durst. Und wieder rollte der
Donner über den Himmel, ein Windstoß kam auf, und die ersten Regentropfen
prasselten in den Staub.
Es wurde kühl, ich spürte die Feuchtigkeit, die sich ausbreitete und Linderung
brachte, erquickender als das Naß, das mich gequält hatte. Der Himmel geriet in
Bewegung, die Wolken brodelten, der Wind frischte auf. Staubwolken wirbelten durch
die Sandgrube und verkündeten die nahe Rettung. Bald würde das Wasser vom
Himmel meinen Durst stillen, und mein Körper und Geist zitterten vor Erwartung.
Weitere Regentropfen fielen auf die verdorrte Erde, und stechend spornten sie
meinen verbrannten, von Blasen bedeckten Körper zu neuem Leben. Schmerzhaft
war es, aber erquickend, und weit öffnete ich den Mund, um jeden Tropfen Linderung
aufzufangen, so sehr gierte ich nach dem Naß.
Als nun der Regen ernstlich einsetzte und Donner den Himmel erschütterte,
schwankte die Landschaft, und plötzlich war ich nicht mehr in der Grube. Verzweifelt
versuchte ich mich an der Wirklichkeit des Regens festzuhalten, um nicht das
Bewußtsein zu verlieren. Wenn ich mich in einen Traum verlor, konnte ich das
Regenwasser nicht auffangen, und der Durst würde mich töten. Ich wälzte mich auf
den Rücken, sperrte den Mund weit auf und betete zum Himmel, ich möge - auch
wenn ich ohnmächtig würde - genügend Wasser auffangen können, um meinem
Leben noch eine Frist zu geben. Stechend prasselten die Regentropfen auf meine
Haut und füllten meinen Mund. Gierig ließ ich das Wasser in die Kehle rinnen, vergaß
zu atmen, verschluckte mich und erbrach das kostbare Naß, gefolgt von der bleichen
Galle eines leeren Magens.
Wieder hob ich den Kopf, versuchte erneut Wasser aufzufangen, aber es versengte
mir den Mund. Es schmeckte mehr nach Säure als nach Regen. Kopfschüttelnd
setzte ich mich auf und schaute mich in der Sandgrube um, aber sie war
verschwunden. Statt dessen starrte ich nun auf einen immergrünen Wald, gebadet in
dunstige Regenschleier. Der Nebel machte den Wald zur surrealistischen Kulisse,
und die vorderen Bäume zeichneten sich scharf gegen ihre im Dunst
verschwimmenden Nachbarn ab. Und weiter schüttete es, wie aus Eimern, der
Regen badete mich und das Land mit lebensspendender Kraft. Mein Durst war
verschwunden, ich fühlte mich eingebettet in die Macht der Natur.
Es regnete jetzt stärker, meine Augen schmerzten von der Wucht der Tropfen.
Zunächst war der Regen sehr kalt, dann begann er wie vom Himmel fallendes Feuer
die Landschaft zu versengen. Die Bäume verdorrten und färbten sich braun, Äste
wurden von glühenden Regenschleiern geknickt. Seen schwollen und schwappten
über, sie brodelten kochend und trieben Fische, Schildkröten und Frösche ans Ufer,
wo sie sterbend liegen blieben, ohne der zerstörenden Einwirkung des Regens auf
ihre Haut entfliehen zu können. Auch meine Haut brannte wieder, es gab keine
Flucht vor dem flüssigen Feuer vom Himmel. Keine überhängenden Zweige von
Bäumen boten mehr Schutz, und ich kauerte mich an die Stämme kahler Skelette.
Der Wald war verbrannt, alles Leben zerstört — und verbrannt nicht vom Feuer der
Schöpfung, sondern von sengenden Säuren der Menschen.
Meine Schmerzen überstiegen alles Maß; ich wälzte mich auf der heißen Erde und
war verzweifelt bemüht, die schwärenden Feuer auf meiner Haut zu löschen. Aber es
gab keine Linderung.
Nur die quälende Folter glühender Schmerzen, unvorstellbar selbst in der Hölle. Der
Regen schien sich durch die Haut hindurchzufressen, meine schmerzenden Lungen,
ja meine Seele zu versengen. Ich schrie und brüllte und schlug mit den Händen um
mich, als wollte ich ein unsichtbares Feuer löschen. In meiner Qual suchte ich nach
einem Versteck, doch überall tobte der Alptraum. Tierkadaver und tote Pflanzen
lagen auf der Erde verstreut, ihr Fleisch noch blubbernd vom Gas und den Dämpfen
der Glut. Da war kein Ort, um dorthin zu fliehen und sich zu verstecken, nichts als
Folter und Qual, und ich krümmte mich am Boden, unfähig, mich noch zu wehren.
In einem aufblitzenden Moment von Bewußtheit sah ich, daß es aufgehört hatte zu
regnen. Die Landschaft lag in sauren Nebel gehüllt. Nichts regte sich, da war kein
Geräusch zu hören bis auf das unaufhörliche Zischen aus giftigen Pfützen, die
Löcher in Erde, Bäume und lebendes Fleisch brannten. Ich zog mich an einem
versengten Baumstamm hoch, meine Haut voller Blasen und Schwären, und flehte
den Schöpfer an, mein Leben zu beenden. Niemand antwortete; da war nichts, und
meine Worte fielen in die Stille tauber Ohren. Alles war verschwunden, das
Physische wie das Geistige, und ich war allein in meinem Elend. Die Einsamkeit
brannte wie Salz in der Wunde, verstärkte noch meine Pein. Ich kam mir vor wie das
letzte Geschöpf auf Erden. Der Mensch mit seinen giftigen Chemikalien hatte endlich
die Erde zerstört. Ich hatte die Erde zerstört durch meine Gleichgültigkeit, meine
Ausreden, meine Unwissenheit — ich war schuld wie jeder andere. Ich wollte weinen,
aber da gab es keine Tränen in meinen Augen, nur einen sengenden Schmerz, denn
die giftigen Säuren des Menschen hatten sogar meine Tränen zerstört.
Eine Stimme rief meinen Namen, und als ich aufblickte, sah ich eine Bewegung im
sauren Nebel menschlicher Zerstörung. Es war eine Gestalt, die durch die Schatten
eines verbrannten Waldes glitt. Ich hatte keine Angst, aber tief in meinem Innern
regte sich eine schlimme Ahnung. Ich hätte nicht sagen können, was es war, und
obwohl ich keine Angst spürte, war mir doch sehr unbehaglich zumute. Wieder kam
diese Stimme und flüsterte heiser: «Nicht mal der Regen vermag die Sünden der
Menschen zu läutern, Großvater.» Da wußte ich, daß es der Alte aus meiner Vision
war, der mich wieder heimsuchte.
Ich konnte seine Vorwürfe nicht mehr ertragen, nicht mehr das Leid, das ich ihm
angetan hatte. Blindlings rannte ich durch die verkohlten Reste des nebligen Waldes,
stolperte und stürzte in einen giftigen Regentümpel. Aggressive Chemikalien
erstickten mich, würgten mich, ich konnte nicht mehr atmen und versank im fauligen
Sud verdorbenen Wassers. Keuchend reckte ich den Kopf — und erwachte am
Grunde des Kessels. Unter meinem Gesicht lag eine Pfütze frischen Wassers, und
sofort begann ich zu trinken. Kaum konnte mein Magen das Wasser behalten, aber
ich zwang es hinunter, während der Donner über den Himmel rollte und der Regen
noch dichter fiel. Lange blieb ich so liegen, versuchte das kostbare Wasser nicht zu
erbrechen, versuchte, mich in der Wirklichkeit der Kesselgrube zu orientieren.
Endlich schien mein Bewußtsein zurückgekehrt, und ich stemmte mich zitternd hoch,
in eine sitzende Haltung. Mein Kopf schwindelte, mir wurde wieder schlecht, und ich
erbrach das Wasser über Brust und Beine. Raum und Zeit wirbelten unaufhörlich,
unbegreiflich, und wieder brannte der Durst in mir. Donner hallte abermals über den
Himmel, und jetzt regnete es stark, daß der Grubenrand nicht mehr zu sehen war.
Ich reckte den Kopf zum Himmel, versuchte noch einmal Wasser im Mund
aufzufangen und hoffte nur, das Gewitter möge lange genug andauern, damit ich
Wasser — damit ich Leben in meinen Körper bekommen konnte. Doch der Regen
endete so plötzlich, wie er angefangen hatte, und der Donner rumorte nur noch am
fernen Horizont. Entsetzt sah ich, wie die Wasserpfützen im porösen Boden der
Grube versickerten.
Ich saß im dunstigen Nachspiel des Regens, und mein Kopf wirbelte vor Panik und
Ängsten. Gewiß, dachte ich, würde ich sterben. Ich hatte das Wasser verloren, meine
letzte Chance.
Verzweifelt stürzte ich mich auf die letzte verbliebene Pfütze, ich saugte das kostbare
Naß aus dem Sand, aber ich verschluckte mich an dem Sand, der mir in die Kehle
geriet. Alles war verloren, alle Hoffnung dahin, und ich konnte nicht mehr. Ich gab
auf, fand mich ab mit einem langsamen Sterben, denn ich hatte auch nicht mehr die
Kraft zu gehen. Der alte Mann aus meiner Vision hatte recht: Ich hatte nichts getan,
und jetzt konnte ich nichts mehr tun. Das Wasser war mir genommen, so sicher, wie
es auch meinen Kindern und Enkelkindern verwehrt sein würde.
Dann regte sich etwas am dunstigen Horizont des Grubenrandes, und der Alte aus
meiner Vision sprach wieder zu mir, diesmal mit einer bohrenden Frage. Seine
Stimme war noch älter und schwächer geworden, und er sagte: «Glaubst du nicht,
Großvater, daß du nicht mir etwas angetan hast, sondern dir selbst? Verstehst du
nicht, daß du das Wasser nicht trinken kannst, wenn du es nicht ehrst, jedesmal,
auch wenn dich noch so dürstet? Wenn du das Wasser nicht ehrst und begrüßt, wie
kannst du erwarten, daß andre es tun werden? Wie kannst du hoffen, etwas zu
retten, das du für selbstverständlich hältst, etwas, das du nicht ehrst und begrüßt?
Das du nicht wirklich kennst? Wie konntest du jemals hoffen, andre zu lehren, wenn
du selbst nicht ein Beispiel gibst - das Beispiel, das dein spiritueller Großvater dir
gegeben hat?»
Ich saß wie zu Stein erstarrt und lauschte den Worten, die von den Lippen des alten
Mannes, meines Enkels, kamen. «Du hältst es nicht für nötig, das Wasser jedesmal
zu ehren», fuhr er fort, «weil du den Geist des Wassers nicht kennst. Jetzt aber hast
du die mögliche Zukunft der Menschheit gesehen, und du verstehst, wie kostbar und
gefährdet das Wasser, das Blut unserer Erde ist. Du hast gesehen, wie leicht es
zerstört werden kann von jenen, die es nicht zu ehren wissen. Das Wasser ist
Lebensblut, es ist das Blut deiner Ahnen und aller lebenden Wesen, die auf der Erde
wachsen. Es ist das Blut deines Lebens und deiner Seele. Darum fließt der Geist des
Wassers auch in dir. Ehre ihn also, wie brennend dein Durst auch sei, denn nur dann
wirst du diesen Geist kennen.» Und der Alte verschwand im Nebel.
Der Dunst wurde dichter, und leichter Regen setzte ein. Ich starrte zum Himmel
hinauf, doch nicht mehr mit aufgerissenem Mund. Vielmehr betete ich, betete zum
Schöpfer und ehrte aus tiefem Herzen das Wasser. Ich spürte Regentropfen über
meine Lippen rinnen; sie flössen durch meine verdorrte Kehle in meinen sterbenden
Leib. Ich spürte Linderung wie eine Woge durch meinen Körper rieseln; ich war
demütig und erleuchtet. In diesem Augenblick der Verzückung, des Wissens und der
Ekstase hörte ich wieder eine Stimme, aber es war eine andere Stimme als die des
alten Mannes. Halb erkannte ich sie, denn ich hatte sie schon vorher vernommen. Es
war die Frau aus dem Wasserfall. Mit freundlicher, liebevoller Stimme sagte sie
schlicht: «Rette mich, wie ich dich gerettet habe.» Und es regnete wieder stärker. Ich
war gerettet.
Wieder zu Kräften gekommen, machte ich mich auf den langen Weg zu unserem
Camp. Die Wolken blieben auch noch am folgenden Tag und sandten immer wieder
erfrischende Schauer und kühle Winde herab. Jedesmal, wenn Regen fiel, jedesmal,
wenn ich Wasser am Weg fand, betete ich voll tiefer Dankbarkeit. Endlich kannte ich
den Geist des Wassers und verstand diese kostbare, aber gefährdete Gabe des
Lebens. Als ich am Lagerplatz ankam, brauchte ich kaum noch mit Großvater über
meine Reise zu sprechen, denn er wußte bereits alles. Ich setzte mich einfach zu ihm
ans Wasser und betete.
11
Vier warnende Visionen vom Ende der
Menschheit

In meinem Leben gibt es vier Visionen, die mir auf meinem Weg zur stärksten
führenden Kraft wurden. Gewiß gibt es noch viele Visionen, die mich belehrt und
geführt haben und mir Kraft gaben, aber diese vier betreffen die wahrscheinliche
Zukunft des Menschen. Sie sind oft beängstigend und überwältigend und treiben
mich an zu arbeiten, so hart ich nur kann, um zu retten, was wir noch von der Erde
übriggelassen haben. Zwei dieser vier Visionen habe ich selbst gehabt, und zwei
wurden Großvater zuteil, der sie mir schließlich vermittelte. Ich weiß, daß eine Vision,
wenn sie einem vermittelt wird, auch Teil der eigenen Vision wird. Doch das
Erschreckende daran war Großvaters unheimliche Fähigkeit, die Zukunft
vorherzusagen. In allen Prophezeiungen, die er mir mitteilte, hat er niemals geirrt.
Seine Prophezeiungen haben sich immer bewahrheitet, nicht nur, was Zeit und Ort,
sondern auch, was die Ereignisse betrifft.
Die erste Prophezeiung, die er mir über die Zerstörung der Welt des Menschen
vermittelte, nannte er die Vier Prophezeiungen der Zerstörung. Gewiß hatte er oft die
Zukunft vorhergesagt, bevor er mir diese Prophezeiung mitteilte, und das ist es, was
die Sache so erschreckend machte. Er irrte sich nie. Daher hatten die Vier
Prophezeiungen der Zerstörung eine beschwörende Wirkung auf mein Leben. Es
gab keinen Zweifel daran, daß sie eintreffen würden, wenn nichts getan wurde, um
die mögliche Zukunft zu ändern. Wie ich es heute sehe, war dies mein erster Schritt,
um Großvaters Botschaft in diese Gesellschaft zu tragen. Auch wenn ich mir damals
auf keinen Fall wünschte, die Wildnis zu verlassen, war seine Vision ganz klar. Ich
durfte einfach nicht fortlaufen und mich verstecken. Denn sich verstecken heißt,
verantwortlich für die Zerstörung der Erde zu sein. Gleichgültigkeit macht einen so
schuldig wie jene, die diese Erde zerstören.
Rick und ich waren seit fünf Jahren mit Großvater zusammen, als uns die Vier
Prophezeiungen der Zerstörung zuteil wurden. Den ganzen Tag lang hatte Großvater
uns erklärt, wie notwendig es sei, die Botschaft zu den Menschen zu bringen - diese
Botschaft, daß der Mensch in engerer Verbindung zur Erde leben müsse, in
Harmonie und Gleichgewicht. Er glaubte, was auch ich heute glaube, daß der einzig
wahre Weg, die Erde zu retten, in der Erziehung liegt. Gesetze und Petitionen haben
in der Vergangenheit niemals gut funktioniert. Was wir brauchen, ist ein globales
Bewußtsein, und niemand kann es sich mehr leisten, davonzulaufen und sich in der
Wildnis zu verstecken. Wir waren damals ein wenig aufsässig, denn weder Rick noch
ich hatten Lust, jemals die Wälder zu verlassen. Wir glaubten, daß die Gesellschaft
uns nichts zu bieten habe und daß es nicht fair sei, uns , dorthin zurückzuschicken.
Wir sagten ihm, wir sähen die Notwendigkeit nicht ein. Und da hämmerte er uns
diese peinigende Vision ein, die für immer mein Leben verändert hat.
Großvater war schon über vierzig Jahre alt, als er die Vision der Vier
Prophezeiungen empfing. Er war auf Visionssuche gegangen am Eingang zu einer
Höhle, die er die «Höhle der Ewigkeit» nannte. In dieser Höhle, so sagte er uns,
werde jenen, die Visionen suchen, ein Blick in die Zukunft gewährt. Es ist die Höhle
aller Vergangenheit und aller möglichen Zukunft. Am Eingang zu dieser Höhle
geschah es, daß ihm der Geist eines Kriegers erschien und ihm die mögliche Zukunft
der endgültigen Vernichtung der Menschheit enthüllte. Der Geist sagte Großvater,
daß ihm Vier Visionen von der Zerstörung der Menschheit zuteil werden würden.
Wenn der Mensch, nachdem die ersten beiden wahr geworden wären, die Warnung
nicht hören wolle, dann könne die Erde auf physischer Ebene nicht mehr geheilt
werden. Nachdem die zweite Vision eingetroffen sei, könne die Erde nur noch
spirituell geheilt werden. Dann warnte der Geist davor, daß es, nachdem die dritte
Vision wahr geworden, überhaupt keine Hoffnung mehr gäbe. Nur die «Kinder der
Erde» würden überleben.
Die Art, wie Großvater mir die Bezeichnung «Kinder der Erde» erklärte, war ganz
einfach. Es waren diejenigen, die in vollkommenem Gleichgewicht und in Harmonie
mit der Erde lebten und nichts benötigten, was von der Gesellschaft fabriziert oder
produziert wurde. Außerdem brauchten sie nicht nur physische Fähigkeiten zum
Überleben, sondern auch eine tiefe Verpflichtung gegenüber der Erde und den
spirituellen Dingen. Alle anderen, ganz gleich, wie gut sie die Wildnis zu kennen
meinten, würden in der Wildnis und in den Städten umkommen. Seit langem schon
hätten sie die Wahl gehabt, und jetzt könnte die Wildnis sie nicht mehr akzeptieren.
Die Kinder der Erde hingegen benötigten nichts, denn die Wildnis sei ihr Zuhause,
die Erde würde ihnen alles geben. Alle anderen müßten sterben.
Der Geist des Kriegers offenbarte Großvater die erste Vision der Zerstörung, indem
er ihn in ein afrikanisches Dorf führte. l her sah Großvater den Hunger der Massen,
das Leiden der Kinder und eine Welt ohne Hoffnung. Ein Ältester begegnete ihm, der
ihm sagte, daß die Welt dieses erste Zeichen erleben würde, diese Hungersnot ohne
Beispiel. Aber die Welt würde nicht erkennen, daß sie selbst Schuld daran trug. Und
dann kehrte der Krieger wieder und sagte Großvater, daß eine Seuche das Land
heimsuchen würde. Diese Seuche würde jede Krankheit zu tödlichem Leiden
machen, und lange gäbe es keine Hoffnung, keine Heilung. Und der Krieger
weissagte Kriege auf den Straßen, wo Drogen die Stadt und das Land regierten.
Dann kam das zweite Zeichen: die Löcher im Himmel. Dies wurde Großvater
offenbart, als der Himmel aufriß und einen üblen Gestank absonderte. Er sah
Müllhalden, himmelhoch aufgetürmt, schwimmenden Abfall im Wasser und Leichen
von Delphinen. Es kamen schreckliche Stürme und gewaltige Erdbeben. Das Land
wurde dürr und öde, Tiere und Menschen starben, und überall gab es
Veränderungen am Himmel und1 auf der Erde. Die Erde fieberte und bäumte sich
auf gegen die" Krankheit menschlicher Habgier. Und wieder wurde Großvater
mitgeteilt, daß die Erde nach diesem Zeichen nicht mehr physisch geheilt werden
könne. Das Bewußtsein der Menschen müsse sich verändern, und die Gesellschaft
müsse nach geistigen Gütern streben und den falschen Göttern des Fleisches
entsagen.
Viele Tage verstrichen, bis Großvater die Macht des dritten Zeichens erfuhr. Dieses
Zeichen besagte, daß die Gesellschaften der Welt keine Hoffnung mehr hätten und
daß der Mensch sterben müsse. Nun würde offenbar werden, daß es keine Umkehr
mehr gab, daß nur die Kinder der Erde überleben. Das dritte Zeichen zog donnernd
am Himmel auf, und plötzlich färbte der Himmel sich rot. Selbst die Sterne glühten
blutrot in der Nacht, und alle Schöpfung schien ohnmächtig auf einen geheimen
Befehl zu warten. Die Sterne und der Himmel, sagte Großvater, blieben die
folgenden sieben Tage rot. Und während dieser Zeit tat der Krieger-Geist Großvater
kund, daß die Kinder der Erde nur noch ein Jahr hätten, um zu fliehen. Sie müßten
die Wildnis aufsuchen und Schutz suchen vor dem Letzten Winter der Menschheit.
Und dann sprach die Stimme eines Kindes zu Großvater und verkündete ihm das
vierte und letzte Zeichen - das Zeichen, das den Letzten Winter einläuten sollte. Das
Kind verkündete ihm, daß die Ernten und Tiere des Menschen sterben, das Wasser
vergiftet sein würde, sogar die Wasser tief in der Erde. Das Kind kündete Großvater
von Kriegen und Krankheiten, die das Antlitz der Erde verwüsten. Er sprach von
Hunger, Krieg und Gewalt. Das Kind sprach von plündernden Banden, die andere
Menschen verfolgten und umbrachten, um sie aufzufressen. Und das Kind sprach
von Enkelkindern, die sich von den verwesten Resten anderer Kinder nährten. Nur
eine Hoffnung konnte das Kind Großvater schenken: daß es eine neue Gesellschaft
geben werde, getragen von den Kindern der Erde. Und diese Gesellschaft werde
blühen wie einst, eng verbunden mit der Wirklichkeit der Erde und des Geistes.
Als ich von diesen prophetischen Visionen erfuhr, erschrak ich sehr, wollte aber nicht
glauben, daß solche Dinge je wahr werden könnten. Ich erinnere mich, wie ich lachte
über die Löcher im Himmel. Niemand glaubt mir, wenn ich so etwas erzähle, spottete
ich. Wie kann man Löcher in der Luft sehen? Wie unmöglich erschien doch das
Ganze. Doch in derselben Nacht, als ich die Vier Prophezeiungen erfuhr, hatte auch
ich eine Vision oder einen Traum. In diesem Traum sah ich den Himmel von großen
Löchern zerrissen, und die Sterne färbten sich rot. Ein Geist sprach zu mir und fragte
mich, warum ich diese Prophezeiungen nicht glauben wolle? Wie könne ich diese
Visionen leugnen, nachdem ich so oft Zeuge so vieler Wunder gewesen sei? Und
genau in diesem Augenblick wurde mir Großvaters Vision der Vier Prophezeiungen
übermittelt und wurde für immer Teil meiner Vision.
Nicht lange, nachdem ich die Vier Prophezeiungen erfahren hatte, empfing ich eine
der stärksten Visionen meines Lebens. Während meiner ersten Visionssuche von
vierzig Tagen wurde sie mir offenbart und ist seither eine der mächtigsten Triebkräfte
meines Lebens. Vorher und sicherlich auch nachher hatte ich viele Visionen von der
Vernichtung der Menschheit, aber diese eine blieb die nachhaltigste, die mächtigste,
die bewegendste. Den Auftrag, eine Visionssuche von vierzig Tagen zu
unternehmen, hatte ich während einer anderen Quest erhalten. Während dieser
ersten Suche hatte ich dauernd das Gefühl, beobachtet und auf die Probe gestellt zu
werden, doch nichts und niemand sprach zu mir. Am letzten Tag erhielt ich
schließlich den Befehl, eine Quest von vierzig Tagen zu unternehmen, sie bald zu
unternehmen. Als diese Visionssuche vorüber war, fühlte ich mich, als hätte ich eine
Prüfung bestanden, und doch wußte ich nicht warum.
Diese Visionssuche von vierzig Tagen fand am Rande einer alten Kiesgrube statt.
Anfangs sträubte ich mich gegen diesen Platz für meine Quest, weil ich es nicht
ertragen konnte, vierzig Tage lang auf die von Menschen in den Körper der Erde
geschlagenen Wunden zu blicken. Aber der Ort rief mich immer wieder zu sich,
während ich andere Visionsplätze suchte, und so fand ich mich ab mit diesem Platz.
Ich hatte den größten Teil dieser vierzig Tage schon hinter mir, als mir die
schrecklichste Vision zuteil wurde. Ich spähte über den Rand der Kiesgrube - und
sah dort haufenweise Leichen verstreut: Menschen, die aussahen, als wären sie
Hungers gestorben. Kinder fraßen von diesen Leichen wie eine Meute wilder Hunde
auf einer Müllhalde. Diese Kinder wurden schließlich von Männern gejagt und
getötet, ausgeweidet und aufgefressen — wie ein Jäger mit einem Stück Wild
umgehen würde. Der Mensch - nichts anderes als Fleisch, ein Tier, das als Nahrung
dient. Diesen Jägern machte es wenig aus, daß sie Kinder aßen. Und den Kindern
machte es wenig aus, daß sie verweste menschliche Leichen aßen.
Noch immer in meiner Vision folgte ich einem der Jäger in die Ruinen einer Stadt.
Hier sah es aus wie in einer ausgebombten und ausgebrannten Stadt. Menschen
lagen tot und sterbend am Rinnstein. Hunger war überall, menschliche Arme und
Beine wurden auf improvisierten Fleischmärkten feilgeboten, und plündernde Horden
schienen die einzigen Herrscher der Straße. In diesem Land spürte ich keine
Hoffnung. Alles, was rein und natürlich gewesen, war jetzt tot, und es schien, als
hätte sich die Geisterwelt von diesem Ort abgewandt. Ein alter Mann trat mir aus den
Ruinen der Stadt entgegen. Er war hager, halb verhungert und krank. Er sah mich an
und fragte: «Warum hast du nichts getan? Warum hast du mich verurteilt, in dieser
Hölle zu leben? Ist dies das Vermächtnis, das du mir hinterlassen hast, Großvater?»
Seine Worte erschütterten mich in tiefster Seele, denn ich erkannte in diesem
Augenblick, daß dieser alte Mann mein Enkel hätte sein können - und ich hatte nichts
getan. Ich wußte ihm nichts zu antworten.
Nicht lange, nachdem der Geist meines Enkels mir erschienen war, erschien mir ein
weiterer Geist. Während er sprach, rollte Donner am fernen Horizont, und die Erde
bebte. Er ließ mich nicht zu Wort kommen, sondern sagte: «Du hast die blutenden
Sterne gesehen und hast die Zerstörungen der möglichen Zukunft erlebt. Du hast die
kranke und öde Erde gesehen, den Haß, die Zerstörung und das Bild deiner
sterbenden Enkel. Du hast Kinder gesehen, die sich von Kinderleichen nährten, und
du erlebtest eine Erde ohne Geist und ohne Hoffnung. Dies ist nicht die mögliche
Zukunft, sondern die wahrscheinliche Zukunft, und alles, was du gesehen hast, wird
eintreffen. Du bist verantwortlich für diese Zukunft, genau wie alle anderen. All jene,
die in die Berge und in die Wildnis geflohen sind, um sich zu verstecken, sind
verantwortlich — wie all jene, die den falschen Göttern des Fleisches nachjagen. Es
gibt keine Unschuldigen - bis auf die Kinder, die hier für die Sünden ihrer Großmütter
und Großväter sterben.»
Und der Geist fuhr fort: «Jener Alte hat dich gefragt, was du getan hast, um all dies
zu verhindern, und du konntest ihm nicht antworten. Nicht im Traum konntest du ihm
antworten, denn du hattest nichts getan. Für dich, der du dies Land des Todes
gesehen hast, kann es keine Antworten geben, denn es gibt nur eine Frage: Wann
wirst du etwas tun, um diesen Tod zu verhindern? Erst wenn du gearbeitet hast, um
die Erde und die Enkel zu retten, wirst du Antwort bekommen. Erst wenn du nicht
mehr fortläufst und dich versteckst, kann es Hoffnung geben. Fortlaufen und sich in
der Wildnis verstecken heißt, verantwortlich sein für den Tod der Welt. Es darf kein
Fortlaufen geben für jene, die Liebe haben.»
Ich fragte den Geist, was ich denn tun könne, und berief mich auf die Ausrede, ich
sei noch ein Kind, und niemand würde auf mich hören. Der Geist antwortete und
sprach: «Du kannst etwas verändern, indem du daran denkst, etwas zu verändern.
Du mußt etwas tun, nicht nur reden und träumen. Die einzigen Antworten liegen
darin, die Leute zu lehren und sie zurückzuführen zur Erde und zum Geist. Alle
anderen Methoden der Veränderung sind nur provisorisch und unwirksam. Du kannst
die Dinge nur ändern, indem du das Herz der Menschen änderst. Jeder einzelne
muß sich verändern, bevor die Gesellschaft sich verändern kann, denn der einzelne
ist es, der zur Gesellschaft beiträgt, zum Krieg und zum Haß und zur Zerstörung der
Erde. Wenn also genügend Menschen erreicht werden, wird sich die Richtung und
auch das Schicksal der Menschenherde verändern. Lehren und Führen heißt
Lieben.»
Der alte Mann, der mich in jener Vision als Großvater angesprochen hatte, sucht
mich noch heute in allen Träumen und Visionen heim. Anfangs kam er nur selten,
beobachtete mich sozusagen, während ich heranwuchs und lernte. Jetzt aber ist er
immer da und beobachtet und wartet. Die Frage bleibt, wenn auch unausgesprochen,
immer dieselbe: Was hast du inzwischen getan? Er ist mein dauernder Mahner, daß
ich nicht ausruhen darf, denn seine Zukunft und die Zukunft so vieler anderer Kinder
liegt in unseren Händen. Er lebt in der wahrscheinlichen Zukunft, unserem
Vermächtnis, unserer Habgier und unserem Haß. Er leidet an den Sünden seiner
Großväter und Großmütter, die heute leben. Er wird unser Erbe sein — und unser
Opfer, solange wir nicht die mögliche Zukunft verändern.
Als ich im neunten Jahr mit Großvater zusammen war, offenbarte er mir eine zweite
Vision über die kommende Vernichtung des Menschen. Wie die Vision der Vier
Prophezeiungen der Zerstörung drang auch diese Vision in mein Herz und beflügelte
meinen Geist. Ihre anhaltende Wirkung verfolgt mich noch bis zum heutigen Tag, und
es gibt Teile, die ich noch immer nicht ganz verstehe. In dieser Zeit geschah es auch,
daß Großvater mir mitteilte, er werde bald zu seinem Volk zurückkehren, und dann
müsse ich allein weiterwandern. Sein Weg hier sei beinah vollendet, so sagte er, und
die Vision des Weißen Koyoten werde sich erfüllen. Er sagte auch Ricks frühen Tod
voraus und betonte, daß ich andere Menschen lehren werde. All dies bedrückte mein
Herz, aber die Vision, die darauf folgte, war unerhört.
Großvater sagte, nachdem die Prophezeiung der Löcher am Himmel eingetreten sei,
aber noch bevor Blut vom Himmel ströme, werde eine Zeit kommen, da noch weitere
Warnungen gegeben würden. Es gäbe eine Zeit der Hoffnung und des Friedens,
sagte er, wiewohl nur vorübergehend und vergänglich, denn diese Hoffnung und
dieser Friede werde von den falschen Göttern des Fleisches getragen. Die Völker
würden sich in Frieden begegnen, Grenzen würden niedergerissen, und ein neuer
Morgen -würde anbrechen. Doch diese Epoche des Friedens, sagte er, würde auf
ökonomischen und politischen Profiten beruhen statt auf der Hoffnung, die Erde zu
retten. Und Hoffnung und Friede würden schließlich vergehen. Er warnte davor, daß
die Völker der Welt nicht ihr Schicksal auf die falschen Götter des Fleisches gründen
dürften. Damit diese Prophezeiung sich nicht erfüllte, müßten die Völker der Welt hier
und jetzt nach dem Geistigen streben.
Und dann erzählte mir Großvater, seine Vision habe verkündet, daß viele Menschen
in diesem Land nach einer neuen Idee von Leben suchen würden. Viele, sagte er,
würden der Sinnlosigkeit und Leere überdrüssig werden, wie sie die falschen Götter
des Fleisches verleihen. Viele würden nach neuen spirituellen Wahrheiten suchen,
und viele würden zurückkehren zur Philosophie der Erde. Die Vision habe Großvater
auch offenbart, sagte er, daß es Menschen geben werde, die die Erde schützen
wollten, denn das Bewußtsein der Gesellschaft würde sich allmählich verändern.
Doch warnte er davor, daß die Menschen, die zur Erde zurückstrebten, Fremdlinge
bleiben und ihren Rückweg verfehlen können. Sie könnten nur dann zurückkehren,
wenn sie Kinder der Erde würden. Großvater sorgte sich, daß jene, die geistige
Pfade erstrebten, nutzlose spirituelle Krücken gebraucht, um alles noch komplizierter
zu machen und damit die Reinheit des Geistes zu entstellen. Und er sorgte sich, daß
die Bewegung zur Rettung der Erde nicht ernsthaft genug sein könnte, mehr eine
Mode als eine Realität.
Nachdem der Geist, der diese Botschaft überbrachte, in Großvaters Vision
erschienen war, wurde der Fortgang der Vision unwirklich und nur schwer
verständlich. Großvater sprach vom schwarzen Blut der Erde, das brennend und
unstillbar über das Antlitz der Großmutter Ozean fließen würde. Er sprach von
riesigen Fischen, die Feuer und Menschenleiber erbrachen. Er sprach von weißen
Schlangen am Himmel, von unsichtbarem Tod. So gewaltig würde die Hitze im
Treibhaus werden, daß den Menschen das Fleisch von den Knochen gesotten
würde. Explosionen würden die Erde erschüttern und sie in die Zeit vor allem Leben
zurückwerfen. Nichts würde mehr sicher sein vor den weißen Schlangen am Himmel,
denn ihr Gift würde sich über Himmel und Erde verbreiten. Auch sprach er von einem
endlosen Winter, da nicht einmal mehr die Kinder der Erde überleben könnten. Dies,
sagte er, sei die andere wahrscheinliche Zukunft.
An diesem Punkt seiner Vision angelangt, machte Großvater mir noch einmal klar,
daß es viele Möglichkeiten der Zukunft gebe. Die stärkste, so betonte er, sei die
Zukunft des blutenden Himmels und der menschenfressenden Menschen. Doch die
mögliche Zukunft der weißen Schlangen am Himmel, wenngleich nicht so mächtig,
sei ebenfalls eine starke Möglichkeit. Wenn das Ringen in der Welt der Geister so
gewaltig würde, daß die physischen Kämpfe in Vergessenheit gerieten, so warnte er,
dann würden die weißen Schlangen erscheinen. Dann würde der Schöpfer sich
abwenden von Mensch und Natur. Dann wäre auch die Schlacht der Geisterwelt
verloren. Erde und Geist würden zerstört durch menschliche Habsucht, durch
menschliche Bosheit, und nichts mehr würde existieren. Nur noch das Nichts würde
bleiben.
Diese Vision Großvaters entsetzte mich. Die Vision der Vier Prophezeiungen der
Zerstörung war schlimm genug, aber zumindest erlaubte sie einige Hoffnung. Die
Vision der weißen Schlangen am Himmel ließ absolut keine Hoffnung mehr zu.
Großvater hatte auch davor gewarnt, daß die beiden Visionen zusammenwirken und
zu noch grausamerer Wirklichkeit werden könnten. Großvater hatte gesagt, daß
diese Vision ihm kurz nach den Vier Prophezeiungen der Zerstörung zuteil geworden
sei. Tatsächlich sei sie ihm von der Stimme einer weißen Schlange verkündet
worden. Auch sprach er von Sternen, die vom Himmel fielen, weite Funkenschweife
nach sich ziehend, von brodelndem Wasser und sengendem Regen. Niemand könne
sich verstecken, niemand könne davonlaufen, denn nirgends werde es Hoffnung
geben. Menschen aller Nationen würden sterben, und die Geisterwelt werde sich vor
dem Schöpfer dafür verantworten müssen. Dies wäre das Erbteil des Menschen,
seine Hölle.
Für mich war dies eine der eindringlichsten Visionen, denn falls ich noch Zweifel
hegte, daß ich die Wildnis verlassen und Menschen lehren sollte, so sagte mir diese
Vision, daß ich mich nirgends verstecken konnte. Ich durfte nicht gleichgültig werden,
noch durfte ich mich weiter verstecken. Mir blieb keine Wahl - ich mußte arbeiten auf
jede nur mögliche Art, um zu verhindern, daß diese Visionen der Zukunft eintrafen.
Dennoch hatte ich damals keine Ahnung, was ich tun könnte. Ich hatte versucht, ein
paar Menschen zu lehren, die mir begegneten doch ohne großen Erfolg. Manchmal
verspotteten die Leute mich. Manchmal wieder hörten sie zu, gingen dann aber hin
und taten das Gegenteil. Die Probleme der Weltgesellschaft schienen unlösbar. Ich
sah immer noch nicht, was ein einzelner tun könnte. Ich sah nicht, was Heerscharen
von einzelnen tun könnten. Die Menschen verstanden einfach nicht, und meine
schwache Stimme schien nicht viel zu bewirken.
12
Giftige Luft und verseuchte Erde

Es war lange her, daß ich zum letztenmal in den Pine Barrens gewesen war. Meine
Wanderungen hatten mich in den letzten Jahren weit durch das Land geführt, bis
hinauf nach Kanada, und es tat gut, wieder den Ort meiner spirituellen Geburt
aufzusuchen. Ich schlug mein Camp an einem unserer alten Lagerplätze auf und
bereitete mich vor, zumindest den ganzen Sommer dort zu verbringen. Wie schwer
fiel es mir, dort zu lagern, wo Großvater, Rick und ich so oft unser Camp
aufgeschlagen hatten! Aus vielen Gründen war diese Gegend für mich so besonders.
Während ich meine Reisighütte baute und Feuerholz sammelte, überwältigten mich
die Erinnerungen. Großvater pflegte zu sagen, daß Einsamkeit etwas ganz anderes
sei als Alleinsein, aber immer noch fehlte er mir so sehr.
Gewiß genoß ich mein Alleinsein, aber wenn ich in solchen Gegenden lebte, die in
den frühen Tagen meines Lebens eine so wichtige Rolle spielten, wurde es
unerträglich. Zum Glück sollte die Einsamkeit nicht lange dauern. Immer spürte ich
Großvaters Gegenwart, ganz gleich, wo ich war oder was ich tat. Es gab ja keinen
Tod, und solange ich mich von der Inneren Vision führen ließ und eine lautere
Absicht hatte, eine Absicht über das eigene Ich hinaus, konnte ich jederzeit
Großvater in der Geisterwelt besuchen. Manchmal kam auch er zu mir im Geist, und
seine Besuche waren stets ein Fest; stundenlang sprachen wir miteinander und
erinnerten uns. Ich hatte das Gefühl, daß ich ihm fehlte, genau wie er mir, und dies
zu wissen tat gut. Aber es war doch etwas anderes, als ihn allezeit in körperlicher
Wirklichkeit um mich zu haben. Beide hatten wir Arbeit zu tun - er in . geistigen
Welten und ich in der Welt zwischen Fleisch und Geist. Darum dauerten unsere
Besuche nie so lange, wie ich es gewünscht hätte.
Damals, als ich so intensiv mit Großvater und unserem heiligen Platz verbunden war,
geschah es, daß der Wind leicht umschlug. Die Augen juckten und tränten mir vom
Dunst scharfer Chemikalien. Die Luft, obgleich in Bewegung, schien mir die Kehle zu
versengen und abzuschnüren. Ich wußte nicht, woher es kam, aber der Ursprung der
giftigen Dämpfe mußte ganz in der Nähe sein. Der Wind wechselte hin und her, und
es war schwer, eine allgemeine Richtung auszumachen. Ich fragte mich, ob jemand
gerade illegal chemischen Müll abkippte oder ob der Geruch von einer Fabrik in der
Ferne kam, die ihr Gift in die Umwelt spuckte. Ich suchte den Himmel ab und spähte
nach Rauch oder anderen Zeichen für den Ursprung der ätzenden Dämpfe, doch
außer der Monotonie der Wolkendecke war nichts zu sehen.
Wieder schlug der Wind um, und der Chemiegestank verschwand, auch wenn meine
Augen noch ein Weilchen brannten. Ich legte die Hand ans Ohr und lauschte in die
Richtung, aus der die Dämpfe gekommen waren, aber ich hörte nichts
Ungewöhnliches. Der Geruch kam für den Rest des Tages nicht wieder. Und da mich
auch keine Botschaft aus spirituellen Welten über die Herkunft des Giftes erreichte,
genoß ich jetzt unbeschwert die Ruhe und erinnerte mich an Großvater und all die
Dinge, die ich hier gelernt hatte. Während die Sonne allmählich versank, führte der
Abendwind erneut die ätzenden Chemiedünste heran. Diesmal waren sie stärker und
aggressiver und verbrannten beinah die Haut. Inzwischen war ich beunruhigt und
besorgt und wußte nicht, ob ich meinen Visionsplatz verlassen und der Sache
nachgehen oder lieber am Ort bleiben sollte. Meine Hauptsorge war, daß jemand
tatsächlich ganz in der Nähe chemischen Müll abkippen mochte, auch wenn ich
nichts Ungewöhnliches feststellen konnte. Die konzentrischen Ringe tierischer
Bewegung verrieten, daß im Wald alles in Ordnung war. Mich beunruhigte aber, daß
ich kaum Vogellaute oder Tierstimmen aus der Richtung vernahm, aus der die
Chemiedünste kamen. Noch spät in der Nacht lange nach Sonnenuntergang war ich
unschlüssig, ob ich nachschauen oder hierbleiben sollte, bis meine Visionssuche
beendet wäre.
Die Nacht hindurch wurde ich immer wieder geweckt durch den scharfen
Chemiegeruch. Jedesmal, wenn der Wind umschlug und in meine Richtung wehte,
mußte ich würgen, und meine Augen tränten. Die drückende Nachtluft machte die
Gerüche noch schlimmer — so schlimm, daß ich es kaum noch aushielt an meinem
heiligen Platz. Ich wurde wütend, fast unbeherrscht wütend, denn jetzt war ich sicher,
daß diese Dünste aus einer Giftmülldeponie kamen, aus einer illegalen Müllkippe,
der das Handwerk gelegt werden mußte. Mir graute bei dem Gedanken, wo sie sich
befinden mochte. Jeder Teil dieser Gegend war mir heilig, war Großvater heilig
gewesen. Wenn ich die Chemikalien so stark roch, dann müßten sie irgendwo in der
Nähe des Camp liegen. Was mich besonders aufregte, war die Tatsache, daß der
Geruch aus der Gegend von Großvaters altem Camp herüberwehte. Dies machte
mich sehr wütend und besorgt.
Der Schlaf in dieser Nacht war qualvoll. Wieder träumte ich von Leuten, die die Erde
zerstörten und mich ermordeten. Die ganze Nacht kochte die Wut in mir, bis ich es
nicht mehr aushielt. Ich verließ meinen heiligen Platz, um nach dem Ursprung dieser
Gerüche zu suchen. In der Dunkelheit war die Suche beschwerlich, und der ständig
wechselnde Wind erschwerte es, den Dunstwolken längere Zeit zu folgen. Nach ein
paar Stunden fruchtlosen Suchens beschloß ich, nach Großvaters altem Lagerplatz
aufzubrechen. Es war die Richtung, aus der die Dämpfe zuletzt gekommen waren.
So war es wohl die vernünftigste Entscheidung. Den ganzen Weg lang betete ich
darum, Großvaters Camp möge nicht zur illegalen Müllkippe geworden sein.
Ein erstes Licht zeigte sich am Himmel, als ich Großvaters altes Camp erreichte. Zu
meiner Erleichterung war der Platz so, . wie ich ihn in Erinnerung hatte. Zwar war die
Lichtung teilweise zugewachsen, aber der Platz war so schön und so friedlich wie
immer. Ich durfte die Augen schließen und Großvaters Gegenwart spüren. Aber ich
fühlte mich auch einsam und deprimiert. Ich mußte mich setzen und gegen die
Tränen ankämpfen. Ich hatte den alten Lagerplatz eigentlich nicht besuchen wollen,
weil dieses mir von Anfang an so vertraute Camp alle alten Erinnerungen aufrühren
würde. Als ich den Platz überblickte, konnte ich mir vorstellen, wo Großvaters
Reisighütte gestanden hatte, wo seine Feuerstelle war, auch die Stelle, wo er so oft
in Gedanken versunken saß. Ich glitt hinüber zu dieser Stelle und setzte mich dorthin
- doch fühlte ich mich irgendwie unwürdig, an seinem Platz zu sitzen. Hier spürte ich
ihn noch viel stärker, und die Einsamkeit nagte an meiner Seele.
Der Morgenwind frischte auf. Ich sah ihn wirken am zitternden Laub der Eichenwipfel.
Ich hob den Kopf und schnupperte in den Wind — und wieder überfiel mich der
strenge Chemiegeruch. Meine Augen tränten, und es würgte mich. Diesmal war der
Geruch noch aggressiver und durchdringender als zuvor. Ich blickte in die Richtung,
aus der der Wind kam, und; stellte zu meinem Entsetzen fest, daß es nicht weit von
Großvaters altem Meditationsplatz war. In wildem Zorn rannte ich los, entschlossen,
diesen Platz zu suchen, und befürchtete das Schlimmste. Bald aber wurde ich
aufgehalten durch dichtes Gebüsch und den immer drückenderen Gestank
chemischer Abfälle. Ich konnte kaum atmen, und meine Augen tränten so' stark, daß
ich wenig sehen konnte. Ich mußte die Augen zusammenkneifen und meinen Mund
mit der Hand bedecken.
So stolperte ich auf Großvaters einstigen Platz der Vision, ohne ihn gleich
wiederzuerkennen. Ich war entsetzt. Die Bäume ringsum waren abgestorben, nichts
wuchs auf der Erde, und keine Spuren von lebenden Wesen konnte man sehen. Die
Stämme der kleineren Bäume sahen aus wie von Säure versengt. Stellenweise sah
ich giftige Dünste aus den Poren der verseuchten Erde aufsteigen. Deutlich erkannte
ich die Reifenspur eines großen Lastwagens, aber es war sichtlich kein
Sattelschlepper. Der Lastwagen war offenbar tief in den Wald gefahren und hatte
dort seine ganze Ladung abgekippt. Da ich den Sandboden der Pine Barrens kannte,
konnte ich vorhersehen, daß die Chemikalien bald ins Grundwasser eindrängen. Erst
als ich zum Himmel schaute, um mich zu orientieren, dämmerte mir, daß dies doch
Großvaters Platz der Visionen war — oder das, was davon übrig-geblieben war.
Wieder merkte ich, daß meine Fußsohlen brannten und stachen, weil die Erde mir
die Haut zerfraß.
Ich zog mich aus dieser Gegend zurück, die Füße im Sand nachschleifend, aber
Gestank und brennender Schmerz blieben nicht zurück, sondern wurden noch
schlimmer. In blinder Panik lief ich zum Fluß, denn ich fürchtete, daß die chemischen
Substanzen meine Füße so schlimm versengen könnten, daß ich nicht mehr laufen
konnte. Ich mußte meine Füße waschen und schleunigst loswerden, was immer an
ihnen kleben mochte. Mir kam es vor, als fräßen die Chemikalien sich durch die
Hornhaut meiner Sohlen — Hornhäute, die so dick waren, daß ich ohne •weiteres die
Glut eines Lagerfeuers austreten konnte, ohne etwas zu spüren. Jetzt aber war der
brennende Schmerz so stark daß ich auf glühenden Kohlen zu laufen glaubte.
Endlich am Fluß angekommen, stürzte ich mich hinein und rieb mir die Füße mit
Torfmoos ab. Es dauerte fast eine Stunde, bis meine Füße nicht mehr brannten, und
als ich nachschaute, stellte ich fest, daß fast die ganze Hornhaut von meinen Sohlen
abgeätzt war. Nie im Leben hatte ich so etwas gesehen.
Voll schlimmer Ahnungen und Wut ging ich vorsichtig zurück zu Großvaters
einstigem Platz und nahm eine Schüssel voll Wasser mit. Ich wollte sehen, was
passierte, wenn ich das Wasser auf die Erde goß; ich hoffte, es würde mir einen
Hinweis geben, was für Chemikalien das waren. Als ich das Wasser dann auf die
verseuchte Erde goß, gab es ein leises Zischen, und dann stieg eine giftige
Rauchsäule aus dem Sand auf. Was immer hier abgekippt worden war, eines war
klar: Es mußte eine Art Säure sein, nach dem Geruch der Dämpfe zu urteilen. Halb
fühlte ich mich sogar erleichtert, daß es nichts Gefährlicheres war, denn meine Füße
waren schon bis auf die rosige Haut verbrannt. Ich hätte viel schlimmer verletzt
werden können — auch jedes Tier, das diese Gegend durchquerte. Kein Wunder
also, daß die Stämme der Bäume hier so verbrannt aussahen.
Ich zog mich wieder von dem Platz zurück, denn ich fürchtete, daß der Wind mir die
giftigen Dämpfe entgegentreiben könnte. Ich konnte mir leicht vorstellen, wie das
Zeug auf meine Lungen wirken würde, besonders nachdem ich gesehen hatte, wie
es meine Füße zugerichtet hatte. Mein Zorn flammte auf, und ich begann die
Umgebung des Müllplatzes abzusuchen nach Hinweisen, wer dies getan haben
könnte. Das Zeug war nach dem letzten Regen abgekippt worden und war offenbar
immer noch stark konzentriert, da es seither nicht mehr geregnet hatte. Wieder sah
ich die Reifenspuren des Lastwagens und folgte ihnen, hinaus zur Hauptschneise
durch den Wald. Wer immer den Lastwagen gesteuert hatte, wußte anscheinend,
was. er tat und wo er seine Ladung abkippen wollte. Kurz bevor ich die Schneise
erreichte, entdeckte ich noch eine Stelle, die chemisch stark verätzt war. Diese
Verseuchung war frisch, und die gleichen Reifenspuren führten auch hierher.
Als ich diese Stelle absuchte, fand ich wieder die Fußabdrücke des Mannes, der die
Chemikalien hier abgekippt hatte. Diese Spuren führten vom Lastwagen fort in eine
andere Gegend der Landschaft. Selbst in der Dunkelheit war es nicht schwer, die
Spur zu verfolgen, denn der Boden war vom Lastwagen tief aufgewühlt. Junge
Bäume waren niedergewalzt, und die Reifen hatten tiefe Rinnen im Boden
hinterlassen, die ich leicht mit dem Fuß ertasten konnte. Ich wurde unvorsichtig,
während ich diesen Spuren folgte, murmelte vor mich hin und ließ mich wieder vom
Zorn mitreißen. Zum Glück fiel mir auf, daß die Tierstimmen schwiegen, und ich
spürte, daß irgend etwas sich vor mir bewegte, auch wenn ich nicht sehen konnte,
was es war. Dann entdeckte ich das Aufflammen einer Zigarette in der Nacht, und
meine Sinne -wurden hellwach. Möglicherweise war es der Mann, der eine neue
Stelle zum Abkippen aussuchte. Das wäre ein tödlicher Fehler! Ich spürte das
wütende Tier in mir aufspringen, es schien fast unkontrollierbar.
Ich mußte mich näher heranpirschen und darauf achten, nicht das leiseste Geräusch
zu machen. Ebenso mußte ich mich hüten, Tiere aufzuschrecken, die dem Kerl
meine Anwesenheit verraten hätten. Im Näherkommen sah ich, schwach vor dem
Himmel abgezeichnet, die Umrisse seines Lastwagens. Es war so, wie ich vermutet
hatte. Es war ein kleinerer Tankwagen, der aussah, als sei er für illegales Abkippen
von Chemikalien umgerüstet. Deutlich sah ich die weiße Beschriftung auf der Seite
des Tanks, die besagte: Diesel-Öl. Ich entdeckte, daß die Nummernschilder
sorgfältig mit Brettern verdeckt waren. Soviel ich sah, gab es sonst keine
Beschriftung auf dem Wagen. Leise glitt ich an den Wagen auf der Beifahrerseite
heran und ließ mich fallen. Flink zog ich das Zündkabel aus der Verteilerkappe und
vereitelte damit jegliche Flucht. Der Mann stapfte weiter vorne durch den Wald und
achtete überhaupt nicht auf seinen Lastwagen.
Ich kroch wieder unter dem Wagen hervor und spähte durchs Fenster, um zu sehen,
ob es dort Waffen gab. Es war schwer festzustellen, aber am hinteren Fenster
befand sich ein leerer Ständer für eine Schrotflinte. Ich mußte annehmen, daß der
Mann das Gewehr bei sich trug. Außerdem bemerkte ich, daß Schrotmunition im
offenen Handschuhfach lag. Jetzt durfte ich kein Risiko eingehen, denn es hätte für
mich den sicheren Tod bedeutet. Wie leicht konnte er mich niederschießen und
meine Leiche ins Gebüsch zerren. Man würde mich niemals finden. So glitt ich näher
an den Mann heran, jeden Schritt berechnend, und wartete auf die Gelegenheit, ihn
von hinten anzuspringen und ihm das Gewehr zu entreißen - vorausgesetzt, daß er
es bei sich trug. Als ein Streichholz aufflammte, um eine neue Zigarette anzuzünden,
sah ich ganz deutlich, daß er eine Schrotflinte trug. Ich spürte ein Beben tief im
Innern, und mein Körper nahm die Herausforderung an. Meinen Zorn mußte ich
niederkämpfen, denn Zorn würde zu Fehlern führen, die ich mir nicht leisten konnte.
Schließlich hatte ich mich bis auf wenige Meter an ihn herangearbeitet. Ich bewegte
mich nur, wenn er sich bewegte, und erstarrte, wenn er innehielt. Er ahnte nicht, daß
ich da war, obwohl er nach seinem Verhalten zu urteilen mehr war als ein
gewöhnlicher Waldgänger. Fast mußte ich lachen, wenn ich mir vorstellte, wie nah
ich war. Ich hätte ihn mit einem Stöckchen berühren können. Jeder Apache-
Kundschafter hätte längst meine Annäherung gespürt. Dieser Mann schien mir in
einem Vakuum zu existieren, isoliert von allen Vorgängen außerhalb seiner Welt.
Mittlerweile war ich unvorsichtig geworden und knackte versehentlich einen Ast. Der
Mann fuhr herum, und ich ließ mich lautlos zu Boden fallen. Er kam näher, um
nachzusehen, woher das Geräusch gekommen sein mochte, blieb aber •wenige
Zentimeter vor meinem Kopf stehen. Ich sah den Lauf seiner Schrotflinte, keine
Handbreit entfernt.
Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, bis er sich wieder bewegte. Er war sehr nervös
und schien bereit, die Schrotflinte abzudrücken, ohne viel nachzudenken. Wieder
folgte ich ihm, während er seine Suche nach einer neuen Müllkippe fortsetzte. Ich
durfte mein Leben nicht nochmal aufs Spiel setzten - durch eine Dummheit wie einen
knackenden Zweig. Ich wußte, ich mußte ihm die Schrotflinte wegnehmen, und
hoffte, er werde sie abstellen. Wenn ich mich auf ihn stürzte und sie ihm zu entreißen
suchte, würde ich nur mein Leben gefährden, und ich konnte mir nicht leisten,
daneben zu greifen. Ich konnte nichts anderes tun, als ihn weiter zu verfolgen - in der
Hoffnung, er werde irgendwann einen Fehler machen. Es dauerte auch nicht lange,
bis der Mensch einen Augenblick stehenblieb, seine Zigarette wegwarf und die
Schrotflinte gegen einen Baum lehnte. Dann entfernte er sich ein paar Schritt, und
ich hörte seinen Reißverschluß knistern - er wollte also urinieren.
Als ich seinen Urin auf den Boden prasseln hörte, glitt ich hinter dem Baum hervor
und nahm rasch die Flinte. Ich wußte, das Pinkelgeräusch konnte eine blitzschnelle
Bewegung tarnen. Dann ging ich auf Abstand zu dem Mann. Vermutlich würde er die
ganze Gegend absuchen, wenn er merkte, daß sein Gewehr verschwunden war.
Während ich überlegte, hörte ich den Mann zu jenem Baum tappen — und tonlos
fluchen. Aus seiner Flucherei war ersichtlich, daß er keinen Verdacht geschöpft
hatte, jemand könnte das Gewehr entwendet haben. Vielmehr ermahnte er sich
immer wieder, er müsse vorsichtiger sein, wenn er in dunkler Nacht sein Gewehr
abstellte. Je länger er aber nach der Waffe suchte, desto wütender wurde er, und
desto schwerer fiel es mir, das Lachen zu verbeißen. Der Mann stampfte wütend auf
und lief zurück zu seinem Wagen. Ich nahm an, er wollte eine Taschenlampe holen,
darum nutzte ich die Gelegenheit, mich tiefer in den Wald zurückzuziehen und mich
zur anderen Seite des Lastwagens vorzuarbeiten.
Jetzt sah ich den flackernden Schein seiner Taschenlampe in der Ferne, während er
nun hektisch nach seiner Flinte suchte. Ich versteckte die Waffe im Wald und kehrte
zurück zum Lastwagen. Die Tür hatte er offengelassen in seiner Eile, die
Taschenlampe zu finden. Ich durchsuchte die Fahrerkabine und hoffte, irgendein
Schriftstück zu finden, das Informationen über ihn oder die Herkunft der Chemikalien
enthalten hätte, aber der Wagen war sauber. Sauber, was verräterische Papiere
betraf — ansonsten aber war er vollgestopft mit leeren Bierdosen und allem
möglichen Schrott. Die Taschenlampe flackerte jetzt gefährlich nah vor der Kabine;
ich ließ mich wieder zu Boden fallen und verschwand unter dem Wagen. Der Mann
kehrte zum Wagen zurück, fluchend, was das Zeug hielt; er warf die Taschenlampe
auf den Beifahrersitz, knallte die Tür zu und stapfte hinüber zur anderen Seite. Kaum
war er hinter dem Wagen, glitt ich hervor, schnappte durchs offene Fenster die
Taschenlampe und verschwand im Gebüsch. Der Mann sprang auf den Fahrersitz,
stieß den Schlüssel ins Zündschloß und versuchte den Motor zu starten. Daß seine
Taschenlampe verschwunden war, merkte er nicht. Aber er tobte, als der Wagen
nicht anspringen wollte, stieß die Tür auf und verfluchte den Wagen, indem er nach
seiner Taschenlampe griff— ins Leere, denn sie war verschwunden. Er sprang
heraus, rannte zur Beifahrerseite hinüber und suchte den Fußboden der Kabine ab,
auch den Boden draußen vor der Tür. Plötzlich dämmerte ihm, daß das
Verschwinden seines Gewehrs und seiner Taschenlampe, dazu noch die
Motorpanne seines Wagens bestimmt kein Zufall sein konnten. Beinah spürte ich die
Veränderung seiner gefährlichen Stimmung, als ihm diese Zusammenhänge zu
dämmern begannen. Er stellte sich vor den Wagen und spähte nervös in die Runde,
während er die Motorhaube öffnete. Ich sah ein Zündholz aufflackern, während er in
den Motorraum schaute, und hörte ihn ungläubig stöhnen. Er rannte zur Fahrertür,
voller Wut jetzt auf all die Pannen. Er benahm sich wie ein Tier, das man in die Ecke
getrieben hat — ein gänzlich aus seinem Element gerissenes Tier. Ohne die
Sicherheit seines Lastwagens, seines Gewehrs und seiner Taschenlampe, das
wußte er, saß er in der Klemme. Die einzige Art, wie er auf sein Problem noch
reagieren konnte, war Gewalttätigkeit. Er zog einen großen Schraubenschlüssel
unter der Sitzbank hervor und schwang ihn drohend gegen den nächtlichen Wald. Er
brüllte in jede Richtung außer in meine -, er schüttelte seinen Schraubenschlüssel
nach dem Unbekannten und forderte den «Feigling» heraus, sich zu zeigen. Anfangs
fiel es mir schwer, mir ein Lachen zu verkneifen; dann aber machte es anscheinend
«Klick» in mir. Die Wut packte mich, als ich ihn dort so frech stehen sah. Er sollte
bescheidener sein, dachte ich! Wie wagt es der Kerl, mich herauszufordern — nach
allem, was er mit meinem Wald und mit Großvaters Meditationsplatz angestellt hatte!
Ganz ruhig stand ich da, packte meinen Stock und schob mich langsam vorwärts in
die Nacht zu ihm hinüber. Ich spürte, wie meine Hand sich um den Stock spannte
und die Muskeln in meinem Arm und meiner Schulter hart wurden vor Wut. Da war
wieder das Tier in mir. Jetzt merkte ich auch, daß meine rationale Vernunft mich
verließ. Zurück blieb nur unkontrollierbare Gewalt. Ich schlich von hinten an ihn heran
und ließ meinen Stock so kräftig niedersausen, daß sein Zischen im Wald
wiederhallte. Ich traf seinen Schraubenschlüssel knapp vor der Hand und ließ ihn
hoch durch die Luft segeln. Wie betäubt stand der Mann vor mir. Mein Stock
schwebte schon wieder in der Luft, hochgereckt wie ein Baseballschläger und bereit,
auf seinen Körper niederzusausen. Ich merkte, wie das tobende Tier in mir außer
Kontrolle geriet. Der Kerl flehte mich an, ihm nichts zu tun; er fiel zitternd auf die Knie
und hob schützend die Hände über den Kopf. Ich konnte sein Flehen nur mit einem
tiefen Knurren beantworten — und mit einem gewaltigen Stockhieb auf den
Erdboden, während das Tier in mir alle Fesseln sprengte. Ich konnte nur noch
hervorpressen, er werde mir teuer bezahlen müssen für die Zerstörung meines
Waldes.
Jetzt sah ich eine Bewegung hinter dem Mann, und anfangs glaubte ich, es könne
ein Komplize sein. Dann aber wurde mir klar, daß die Bewegung zu präzise gewesen
war, um etwas andres zu sein als ein Geist. Wieder fiel mir eine rasche Bewegung
ins Auge, und dort am Rande der Schneise stand ein alter Mann. Es war Großvater.
Ohne den Zitternden vor mir zu beachten und immer noch von der Bestie in mir
beherrscht, fragte ich Großvater unfreundlich, was zum Teufel er von mir wolle. Er
sagte: «Nicht du bist es, mein Enkel, der aus dir spricht, sondern die Gewalt. Was
glaubst du zu erreichen, indem du diesen Mann schlägst? Allzu oft versuchst du,
unsere Mutter Erde mit Zorn und Gewalt zu verteidigen. Und wie oft hast du erlebt,
daß dies nicht geht? Unsere Zahl wird sich nicht vermehren, wenn du fortfährst, jene
zu schlagen, die unsere Verbündeten werden könnten. Warum fragst du den Mann
nicht, warum er solche Dinge tut? Hättest du ihn gefragt, dann hättest du erfahren,
daß ihn nicht allein die Schuld trifft.» Während ich dies Gespräch mit Großvaters
Geist führte, sah der Mann zu mir auf, als sei ich verrückt. Er schaute sich um, mit
wem ich wohl sprechen mochte, und als er niemanden sah, verlor er vor Angst die
Beherrschung.
Schluchzend flehte er mich an, ihn nicht zu töten. Jetzt, da die Bestie in mir sich
beruhigt hatte, verlangte ich von ihm zu wissen, warum er die Chemikalien im Wald
abkippte. Er schluchzte, er habe keine andere Wahl. Sein Boß, sagte er, habe seine
Familie bedroht, und ein Freund von ihm sei ermordet worden, weil er den Befehlen
nicht gehorcht habe.
Ich hatte mich inzwischen ganz beruhigt und warf meinen Stock mit einer
Friedensgeste weg. Endlich nannte er mir seinen Namen - David —, und dann
erklärte er, daß er von einer Firma im Norden des Staates als Hilfsarbeiter angestellt
worden sei. Er sei darauf angewiesen, und man verlange von ihm, Dinge zu tun, die
— wie er wohl wisse — gegen das Gesetz verstießen. Die Bezahlung aber sei gut,
und er könne endlich seine Familie durchbringen. Bald darauf habe sein Boß von ihm
verlangt, chemische Abfälle in die Pine Barrens zu fahren, wo er sie nun seit zwei
Monaten abkippe. Er sagte mir, er habe versucht, aus dieser Firma auszusteigen,
aber man habe ihn und seine Familie bedroht, und nun müsse er tun, was von ihm
verlangt würde. Er sei ausgesucht worden für diesen Job, weil er sich gut im Wald
auskenne. Schon als Elfjähriger sei er mit seinen Eltern hier in die Gegend gezogen,
er sei hier auf die Jagd gegangen - und er sei selber entsetzt, was die Chemikalien
hier anrichteten. Noch einmal beteuerte er, daß ihm nichts anderes übrigbliebe.
Er tat mir wirklich leid, der arme Kerl, denn tatsächlich blieb ihm nichts andres übrig,
als seinem Chef zu gehorchen. Ich sagte ihm, es müsse doch wirklich schlimm für
ihn sein, daß seine Kinder und Enkel nie mehr hierher kommen könnten, nachdem
das Land nun verseucht und vergiftet sei. Ich zeigte ihm meine Fußsohlen, und er
war erschüttert. Um ihn nicht weiter unter Druck zu setzen - denn ich wußte wohl,
daß er verstand —, sagte ich ihm, daß ich ihm aus seiner Zwangslage heraushelfen
könnte. Ich verschwand rasch im Wald hinter dem Lastwagen, gab ihm seine
Taschenlampe und das Zündkabel zurück und befahl ihm, den Wagen zu starten.
Dann drückte ich ihm seine geladene Waffe in die Hand, ohne zu überlegen, ob er
sie benutzen würde oder nicht. Als er das Gewehr entgegennahm, sahen wir uns in
die Augen, und beide verstanden wir.
Dave fuhr mich aus den Pine Barrens auf direktem Weg zu Joe. Ich hatte ihm erzählt,
daß ich diesen alten Polizisten kannte, der helfen würde, wie er mir schon so oft
geholfen hatte. Obwohl es gerade erst dämmerte, wußte ich, daß Joe mehr als
glücklich wäre, sich Daves Geschichte anzuhören. Ich brauchte nicht lange, um die
Situation zu erklären, und dann überließ ich es Dave und Joe, die Sache ins reine zu
bringen. Ich wußte, wenn jemand Dave helfen konnte, dann war es Joe; ich sagte
den beiden, sie wüßten, wo sie mich finden könnten, falls sie mich brauchten, und
kehrte zurück in die Pine Barrens. Dort angekommen, fiel ich rasch in den bitter
nötigen Schlaf. Gleichzeitig begann es zu regnen, und schon im Einschlafen stellte
ich mir vor, wie all das chemische Zeug in die Erde gespült wurde. Schließlich
würden Daves Kinder und Enkelkinder dies Wasser trinken müssen. Kurz vor
Anbrach eines neuen Tages erwachte ich von Großvaters Worten. Er sagte: «Hättest
du Unwissenheit und Angst mit Gewalt beantwortet, dann hättest du einen
unschuldigen Menschen verletzt. Das Verhängnis menschlicher Habgier übersteigt
manchmal die Schuld derer, die beim Zerstören der Erde ertappt werden. Durch dein
Mitleid hast du mehr erreicht, als du mit Gewalt hättest erreichen können. Nun siehst
du, wenn du einem anderen die Hand reichst und seine Unwissenheit zu verstehen
suchst, kannst du Wunder wirken. Durch Gewalt und Aggression werden keine
Probleme gelöst. Ich kenne dein Leid, mein Enkel, denn man hat besudelt, was dir
heilig ist. Doch was du für diesen Mann und seine Familie getan hast, ist noch viel
heiliger. Du hast einen Teil von dir selbst für ihn hingegeben.» Damit verklang
Großvaters Stimme im Morgennebel.
Ich blieb noch einen ganzen Tag in der Gegend, aber ich wußte, daß ich nun keinen
Grund mehr hatte hierzubleiben. Ich hatte viel aus dieser Lektion gelernt. Etwa, was
es heißt, ein Krieger zu sein. Ein Krieger war keine Bestie, die mit Gewalt um sich
schlug, sondern ein mitleidender und liebevoller Mensch.
Jetzt wußte ich ohne allen Zweifel, daß die Probleme der Gesellschaft nicht durch
Zorn oder Gewalt zu lösen waren. Freundlich und liebevoll müßten die Menschen zur
Erde zurückgeführt werden. Die meisten wußten es ja nicht besser und sollten nicht
bestraft werden für ihre Unwissenheit und Angst. Für jene aber, die es besser
wußten, für jene, die sich nicht belehren lassen wollten, blieben immer noch Zorn und
Gewalt. Zumindest wußte ich jetzt Bescheid über den Unterschied, und wo diese
Grenze zu ziehen war, wie schmal sie auch sein mochte. Die Grenze zwischen Zorn
und Mitleid war mir klargeworden. Zumindest konnte ich die Menschen jetzt etwas
besser verstehen, sie etwas mehr lieben trotz ihrer Unwissenheit und Angst. Ich
mußte Großvaters Lehre zu den Menschen bringen!
13
Einkehr in die Höhle der Ewigkeit

Ziellos wanderte ich durch den Südwesten des Landes, als ich wieder einmal die
Höhle der Ewigkeit aufsuchte. Bewußt hatte ich das nicht geplant, noch hatte meine
innere Vision mir befohlen, auf Visionssuche zu gehen. Damals war ich eher damit
beschäftigt, Gegenden zu erforschen und Abenteuer zu suchen — an denselben
Orten, wo Großvater wahrscheinlich einst wanderte. Ich hatte ganz den Bezug zu
Raum und Zeit verloren und merkte nicht einmal, daß ich mich in der Nähe der Höhle
befand. Als ich um den Fuß eines Berges bog, lag sie direkt vor mir, ihr Eingang
hoch unter einer Klippe. Sie hatte sich nicht verändert in all den Jahren, und ich war
verwundert und fast erschreckt, sie hier zu sehen. Nie hatte ich mich aus dieser
Richtung genähert, und deshalb wohl war ich so überrascht, sie wiederzusehen.
Beinah im gleichen Moment, als ich zu der Höhle hinaufschaute, überwältigte mich
das Gefühl, daß ich sie wieder einmal aufsuchen mußte. Auch wenn dies Gefühl
nicht aus meiner Inneren Vision kam, auch wenn es mir nicht sagte, daß ich eine
Visionssuche unternehmen solle, glaubte ich einfach, ich müsse hingehen und
herausfinden, ob sie sich im Lauf der Jahre verändert habe. Ich glaube, zum Teil kam
dieses Gefühl daher, dass diese Höhle ein so wichtiger Teil meines Lebens und
meiner Vision war und noch immer ist. Auch bildete die Höhle einen wichtigen Teil
von Großvaters Leben. Hier war etwas, das uns gemeinsam gehörte, und obwohl es
nicht zur gleichen Zeit geschah, hatte die Höhle doch zu mir auf dieselbe Weise
gesprochen, wie sie zu Großvater gesprochen haben mochte. Die Visionen der
möglichen und wahrscheinlichen Zukunft waren es, die uns beide auf unseren
Wegen geführt hatten.
Ich brauchte fast den ganzen Vormittag, um auch nur den Fuß der Klippe zu
erreichen. Dann dauerte es ein paar Stunden, die Klippe hinaufzuklettern zum
Eingang der Höhle. Manchmal spürte ich Großvaters Gegenwart so, als klettere er
neben mir, denn der Weg, den ich nahm, war einer der wenigen, die dorthin führten.
Ich konnte nur ahnen, wie viele Menschen in der Vergangenheit diese Felswand
erstiegen hatten, und fragte mich, ob auch in Zukunft jemand das Weistum der Höhle
suchen wurde. Gewiß, wenn jemand die Gegend erforschte, würde er schließlich die
Höhle finden; aber die Höhle sprach nicht zu jenen, die nicht spirituell von ihr
angezogen wurden. Für sie wäre sie nichts als eine kleine Felsenhöhle. Doch für
jene, die vom Geist zu ihr geführt wurden, barg sie das Weistum der Vergangenheit
und alle mögliche Zukunft.
Die Höhle war einer der stärksten Plätze in diesem Teil des Landes. Sogar im
Stofflichen schien sie die umgebende Wildnis zu beherrschen. Ihre Stimme
veränderte sich mit Wind und Wetter. Manchmal war es ein beschwörendes Heulen,
dann •wieder ein leises Flüstern, manchmal ein tiefes Brummen. Auch Singen und
Jubel waren zu hören. Es fiel schwer, reale Geräusche von den zahllosen Stimmen
der Höhle zu unterscheiden, die aus ihrer Tiefe drangen. Des Nachts veränderten
sich die Geräusche der Höhle abermals; dann klang es, als flüstere die Höhle so nah,
daß ich sie mehr fühlte als hörte. Auch fühlte ich die Welt der Geister mit der Welt
des Fleisches verschmelzen, besonders wenn ich durch den Eingang eintrat. Ich
konnte nicht vor ihr stehen, ohne ein tiefes spirituelles Beben zu empfinden, das sich
körperlich als unkontrollierbares Zittern zeigte.
Als ich diesmal den Eingang der Höhle erreichte, war ihre Macht ungebrochen. Ich
zitterte so stark, daß es beinah unmöglich war, mich über den Sims zu ziehen, der
ihren Eingang bildete. Wieder einmal starrte ich in ihre dunklen Tiefen, wie ich es vor
vielen Jahren getan hatte. Die Stimmen der Höhle schienen mächtig und
beschwörend und zwangen mich, ins Dunkel einzutreten. Noch immer hatte ich keine
Ahnung, warum ich hierhergerufen worden war, denn meine Innere Vision sandte
keine klare Botschaft. Ich wußte nur, daß ich hier sein mußte und daß ich nicht
zufällig hierhergekommen war. Als ich an die letzten Tage zurückdachte, erkannte
ich, daß mein scheinbar richtungsloses Umherwandern mich tatsächlich auf direktem
Weg zu der Höhle geführt hatte. Jetzt wußte ich, daß die Höhle mich die ganze Zeit
gerufen hatte, aber warum? Noch immer hatte ich nicht das Gefühl, ich mußte hier
auf Visionssuche gehen.
Näher am Eingang überwältigte mich die Intensität der Erwartung so stark, daß ich
kaum einen Schritt tun konnte. Ich erinnerte mich daran, was Großvater mir einmal
gesagt hatte: Wenn die Höhle riefe, ob zur Visionssuche oder nicht, lernte man
immer etwas. Solche Macht hatte die Höhle, daß die Visionssuche selbst — außer
bei jenen, die unwürdig waren — fast eine sekundäre Rolle spielte. Kein Zweifel
bestand bei mir, daß die Höhle mich nun gerufen hatte, um mich wieder etwas zu
lehren. Ich hatte nicht mehr die Wahl, denn das Gefühl drängender Erwartung
hinderte mich fast am nächsten Schritt. Irgendwie machte dies Gefühl mir angst,
auch das unerklärliche Gefühl der Dringlichkeit. Ich fragte mich, als ich dort stand wie
erstarrt, ob die Botschaft, die sie mir offenbaren würde, von einem Verhängnis
künde. Immerhin sprach die Höhle von möglicher Zukunft, und möglicherweise war
es eine häßliche Zukunft, die sie bereithielt.
Jetzt fürchtete ich mich noch mehr, denn bis dahin hatte ich noch immer nicht meiner
Vision gelebt. Ich war nur jahrelang durch die Wildnis gewandert und hatte wenig
getan, um Leute zu lehren. Gewiß hatte ich einige unterwiesen, doch unsere
Begegnungen waren kurz, und die Leute schienen leicht ablenkbar durch die
falschen Götter des Fleisches. Vielleicht rief die Höhle mich hierher, um mir zu
sagen, daß meine Vision nun erstorben sei und der Erde ein Letzter Winter der
Menschheit bevorstand? Schuldgefühl packte mich heftig, denn ich hatte nicht
wirklich versucht, Menschen zu lehren oder etwas zu tun. Selbstsüchtig war ich
gewesen auf meinen Wanderungen und hatte mir gesagt, ich hätte noch so vieles zu
lernen, bevor ich die Wildnis verlassen durfte, um Menschen zu lehren. Wie oft hatte
ich mir eingeredet, ich müsse zuerst Großvaters Alter erreichen, bevor ich genug
Wissen hätte, um Gutes zu tun.
Ich wußte auch, daß meine Vision in dieser Höhle die einzige meiner Visionen war,
die mir Hoffnung für die Zukunft gegeben hatte. Dort hatte ich jene wunderbare
Möglichkeit geschaut: den Tunnel des Friedens. Obwohl er nicht groß und nicht
mächtig war, enthielt er doch Hoffnung. Nun fragte ich mich, ob diese mögliche
Zukunft noch da sei. Vielleicht rief die Höhle mich hierher, um mir zu zeigen, daß die
Zukunft für immer verloren war und keine Hoffnung mehr bestand? Dieser Gedanke
machte mich wirklich krank, denn diese Hoffnung war es gewesen, die mich so lange
aufrecht hielt. Diese Hoffnung war es gewesen, die mir über die schlimmsten Zeiten
meines Lebens hinweggeholfen hatte. Jetzt rechnete ich mit der Möglichkeit, daß die
Hoffnung wahrscheinlich dahin war, weil ich tatsächlich nichts getan hatte. Aber ich
fand einen kleinen Trost in der Tatsache, daß ich doch wenigstens versuchte, etwas
zu tun, um die Erde zu retten. Es war nur so schwer, Menschen zu finden, die
zuhören wollten.
Ich wußte, daß ich Ausreden für mich gefunden hatte, und diese Ausreden wurden
hier nicht akzeptiert. Während ich nun tiefer in die Kammer eindrang, fühlte ich, daß
hier die Zeit stillstand, und die Stimmen der Höhle wurden noch intensiver.
Manche dieser Stimmen schienen mich anzuklagen, manche mich zu verspotten und
andere schrien nur vor Schmerz. Die Hauptkammer war aus solidem Fels, der den
Zutritt zu den inneren Kammern und Stollen verwehrte. Es war eine äußere
Felsenkulisse, die sich jenen entgegenstellte, die ohne spirituelle Berufung in die
Höhle eindrangen. Ich wußte aber, daß es so sein mußte, wenn man nur mit den
Augen des Körpers sah, denn die Felswände im Innern bewahrten die Geheimnisse
vor dem Zugriff des Stofflichen. Ich ging tiefer hinein, jedoch langsamer, um meine
Augen an das Dunkel zu gewöhnen. Die Intensität der Tiefe wurde so mächtig, daß
ich mich ein Weilchen setzen mußte, um meine Fassung wieder zufinden. Ich schloß
die Augen, um deren Anpassung an die Dunkelheit zu beschleunigen und um in
meinem Innern nach Antworten zu suchen. Ich spürte den Höhlenboden schwanken.
Im nächsten Moment hörte ich ein Weinen und hob erschrocken den Kopf. Als ich in
die Tiefe der Kammer blickte in die Richtung, aus der das Weinen kam, sah ich, daß
der Haupttunnel der menschlichen Existenz sich abzuzeichnen begann. Die feste
Felswand hatte sich aufgetan, und die Stimmen der Vergangenheit drangen hallend
hervor. Am Eingang saß auf einem Felsblock ein alter Mann. Er hielt den Kopf
gesenkt und schluchzte, während er in den Tunnel hinunterblickte. Ich trat zu ihm hin
und wollte ihn trösten, doch als ich näherkam, deutete er in die Tiefe des Tunnels
und sagte: «Sie ist verschwunden.» Als ich nähergekommen war, hob er den Kopf,
und voll entsetzen trat ich zurück. Es war der alte Mann aus meiner Visionssuche
von vierzig Tagen, mein Enkelsohn. Tränen strömten über seine Wangen, und mit
fordernder Geste deutete er in den Tunnel hinab.
Ohne Zögern schritt ich dem Hauptstollen entgegen und stieß plötzlich gegen eine
Felsmauer. Ich stürzte zu Boden, mein Kopf blutig vom Stoß gegen die Mauer. Der
alte Mann war verschwunden wie auch der Tunnel, und ich saß in der Hauptkammer
der Höhle. Die spirituellen Tunnels und Stollen waren weg, und ich konnte es mir
nicht erklären. Ich war entsetzt über die Worte des Alten, daß alle Zukunft
verschwunden sei und mit ihr die Höhle. Plötzlich kam mir Großvaters Vision der
weißen Schlangen am Himmel in den Sinn. Nur dies konnte der einzige Grund dafür
sein, daß alle Zukunft dahin war, und voll Grauen bei diesem Gedanken rannte ich
aus der inneren Kammer hinaus. Ich konnte mir nur noch vorstellen, daß auch die
ganze Welt bald verschwinden würde. Nicht nur die Welt des Stofflichen, sondern
auch die spirituelle Welt, wie Großvaters Vision es angekündigt hatte. Ich stürzte aus
dem Eingang der Höhle hinaus in die Nacht.
Zuerst erschrak ich, als ich den Nachthimmel sah, denn ich war, wie mir schien, nur
einige Minuten in der Höhle gewesen. Dann erinnerte ich mich, daß es immer so war
in der Höhle, was die Zeit des Stofflichen betraf. Man konnte in die innere Kammer
eintreten und glauben, es seien nur wenige Minuten, um dann hinaus in die
materielle Welt zu gehen und festzustellen, daß man sich mehrere Tage dort
aufgehalten hatte. So war es mir früher schon ergangen, als ich die Höhle zum
erstenmal aufsuchte. Jetzt wußte ich nicht, ob dies noch der Abend des Tages war,
an dem ich die Höhle erreicht hatte, oder ob mittlerweile mehrere Tage verstrichen
waren. Es war zu dunkel, um festzustellen, wie alt meine Fußspuren waren, die in die
Höhle führten. Wären es Spuren in weicher Erde gewesen, dann hätte ich tastend ihr
Alter bestimmen können. Aber es handelte sich um Spuren auf glattem Fels, darum
mußte ich bis zur Dämmerung warten.
Das Alter der Spuren spielte auch keine Rolle mehr, denn ich war zu sehr erschüttert
über die Worte des alten Mannes wie auch über das Verschwinden der Tunnels und
Kammern. Befürchtungen aller Art schössen mir durch den Kopf, bis mein Denken
fast außer Kontrolle geriet. Schier unerträglich wurde das Auf und Ab von Furcht und
Qual. Ich glaubte nun, der Alte habe mir nicht sagen wollen, daß die inneren
Kammern der Zukunft gänzlich an den Letzten Winter verloren wären, sondern nur
verloren für mich. Vielleicht war ich nicht mehr würdig, die Geheimnisse der Höhle zu
entschlüsseln. Ich hatte nicht voll meiner Vision gelebt, und möglicherweise entzog
mir die Höhle ihr Weistum als eine Art der Bestrafung. Schon der Gedanke daran
jagte mir Schauder über den Rücken, denn dies bedeutete, daß sich die ganze
Geisterwelt von mir abgewandt hätte. Zorn stieg in mir auf bei dem Gedanken, daß
mir die Geisterwelt genommen sein sollte. Immerhin hatte ich alles getan, was ich tun
konnte. Ich vermochte doch die Leute nicht zu zwingen, mich anzuhören oder den
richtigen Umgang mit der Erde zu lernen! Alle, die ich zu lehren versucht hatte,
waren zu tief verwickelt in Dinge außerhalb der Wildnis, sie waren nicht bereit, Zeit
und Mühe aufzuwenden, um zu lernen. Ich wollte doch nicht umherziehen wie ein
Sektenprediger in den Hallen der Gesellschaft! Es gab genügend Vertreter aller
möglichen Philosophien, die dies versuchten, und das fruchtete gar nichts. Ich wußte
nicht, wie ich es hätte anders machen sollen, wie ich mehr Menschen hätte erreichen
können. Schon der Gedanke daran erbitterte mich. Nach all den Jahren, die ich
geopfert hatte, nach all den Leiden, die ich auf mich genommen hatte, schien es mir,
daß die Geisterwelt mir doch ein wenig helfen könnte.
Obwohl ich in die Höhle zurückkehren mußte, war ich noch nicht bereit. Ich mußte
zuerst alle Selbstzweifel klären, bevor ich mich der Höhle noch einmal nähern
konnte. Ich mußte herausfinden, was ich falsch gemacht und was ich übersehen
hatte im Bestreben, meiner Vision zu folgen. Zudem mußte ich entscheiden, ob es
nun an mir lag oder ob dies wirklich ein Zeichen für die Vernichtung von Fleisch und
Geist war, wie die Vision der weißen Schlangen vorausgesagt hatte. Ich merkte jetzt,
daß ich sehr erschöpft war; daß ich Antworten brauchte; daß nichts und niemand mir
zu helfen schien. Ich sah auch, daß ich eine Bürde von Schuldgefühlen und Wut mit
mir herumschleppte, die ich loslassen mußte, bevor ich etwas tun konnte.
Damals durchschaute ich nicht, auf wen ich überhaupt wütend war: auf mich selber
oder auf die Welt der Geister, weil sie mir so wenig geholfen hatte? Welche Vision
ich im Leben auch immer gesucht hatte - die Geister weit machte alles, so schien es,
oft noch schwieriger. Ich hatte wirklich genug davon, genug von allem, und so leid
war ich es, die Bürde der möglichen Zerstörung der Erde auf meinen Schultern zu
tragen! Besonders schlimm war, nicht zu wissen, was ich dagegen tun konnte, wie
ich die Vision erfüllen konnte, die ich in mir trug. Möglicherweise hatte ich mich nach
all den Jahren doch nicht meiner Vision würdig erwiesen. Sonst hätte sich doch ein
Weg gezeigt, sie irgendwie zu leben! Es gab einfach zu viele unbeantwortete Fragen
in meinem Leben, und ich brauchte wirklich jemanden, mit dem ich sprechen konnte.
Ich lag vor dem Höhleneingang und fühlte mich sehr allein. Seit Monaten hatte ich
mich nicht so allein gefühlt. Mein Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen, wurde fast
unerträglich. Aber nicht Großvater war es, mit dem ich sprechen wollte. Ich empfand
das Bedürfnis, mein Leben mit jemandem zu teilen. Wie oft erlebte ich etwas
Wunderbares, konnte es aber mit niemandem teilen, denn wie immer war ich allein.
Ich sehnte mich danach, jemanden zu berühren, jemanden in den Armen zu halten,
sehnte mich nach Vertrautheit. Ich spürte ein Verlangen, eine Sehnsucht, wie ich es
nie empfunden hatte. So verwirrt und allein fühlte ich mich! Ich brauchte Schlaf,
bevor ich mich weiter mit meinen Gedanken und Fragen herumschlagen konnte, vor
allem, bevor ich noch einmal in die Höhle einzudringen versuchte. Wenn ich mich ihr
stellen sollte, dann mußte ich in jeder Hinsicht ausgeruht sein.
Im Morgengrauen erwachte ich von rollenden Donnerschlägen. In der Ferne sah ich
Blitze in die Berggipfel einschlagen und wußte, es würde nicht lange dauern, bis das
Gewitter über mir war. Ich wollte mich aber nicht in der Höhle in Sicherheit bringen,
denn noch immer konnte ich mich nicht überwinden, dem Resultat ins Auge zu
blicken. Lange saß ich dort und beobachtete das näherkommende Gewitter. Der
Wind steigerte sich zu einem böigen Tanz von Staub und wirbelndem Laub
ringsumher. Die Stimmen der Höhle wurden zu einem Inferno des Heulens, das sich
mit jedem Windstoß steigerte. Dann kamen Blitze und ohrenbetäubende
Donnerschläge. Blitze schlugen ins Tal unter mir und trafen schließlich die Felsklippe
hoch über meinem Kopf. Während ich zum Höhleneingang rannte, brachen
Schuttbrocken aus der Höhe herab. Es hatte mich ins Innere der Höhle getrieben, ich
hatte keine Wahl mehr.
Lange blieb ich im Eingang der Höhle stehen und versuchte nicht allzu tief
hineinzugehen. Der Eingangsstollen war wie ein Schalltrichter und verstärkte das
Krachen von Donner und Blitz in unerträglichem Maß. Während ich mich ins Innere
zurückzog, schlug draußen ein Blitz ein, der mir fast das Trommelfell sprengte. Ich
stürzte hinein in die Höhle und in die Dunkelheit. Ich hatte keine andere Wahl, und
die Angst vor der Höhle spielte keine Rolle mehr. Ich konnte mich nur noch gegen die
hintere Höhlenwand kauern und schauen, wie die Wölbung des Eingangs mit jedem
Blitz aufflammte. Ich mußte die Ohren mit meinen Händen bedecken, so mächtig
waren die Donnerschläge. Und während sich Blitz und Donner noch steigerten, lag
ich am Fuß der Mauer am Boden, zusammengekauert wie ein geprügeltes Kind. Ich
spürte, wie sehr ich zitterte, und konnte mich nicht mehr beherrschen. Es war, als
bestraften der Schöpfer und die Höhle mich für die Sünde des Zauderns.
Plötzlich war blendende Helle um mich, und ein Blitz prallte von den Höhlenwänden,
zerstob dann am Boden in einer Staubwolke und schoß wieder zum Eingang hinaus.
Der Höhlenboden schwankte mächtig, und dann kam ein Poltern von oben.
Felsbrocken krachten herab und füllten den Höhleneingang mit der Gewalt eines
Erdbebens. Staub wallte auf und füllte die innere Kammer. Es wurde stockdunkel,
und ich preßte mich gegen die Felsenwand. Ich wußte nur, ich mußte sterben —
wenn nicht sofort unter der einbrechenden Höhlendecke, so doch, weil ich in der
Höhle gefangensaß. Ich spürte das Poltern der Blöcke, die draußen vor der Höhle
herabrollten. Felsbrocken und kleinere Steine prasselten in der Kammer herab,
manche gefährlich nahe daran, mich zu zerquetschen. Die Höhle sollte vom Antlitz
der Erde gewischt werden, und ich mit ihr. Ich tröstete mich damit, daß dies ein viel
besseres Grab wäre als alles, was ich mir vorstellen konnte - und plötzlich war alle
Furcht gewichen.
So rasch, wie es begonnen hatte, verstummte der Lärm. Bis auf einen letzten Stein,
der vor den blockierten Eingang kollerte, herrschte jetzt Stille in der Höhle. Manchmal
hörte ich noch das tiefe Grollen des Donners von draußen, sonst aber nichts zur
Bezeichnung von Zeit und Raum in dem ewigen Dunkel und Schweigen, das mich
nun umgab. Ich tastete mich dorthin, wo der Höhleneingang gewesen war, traf aber
auf eine feste Mauer von Schutt und Gestein. Fast bis zur Mitte der inneren Kammer
reichte sie, und ich schätzte sie mindestens zehn Meter stark. Die schreckliche
Erkenntnis, gefangen zu sein, wurde nur noch durch die Aussicht auf einen
langsamen, qualvollen Tod übertroffen. Nicht mal in einem Monat wäre es möglich
gewesen, mich ins Freie zu graben. Manche der Blöcke waren so groß, daß zehn
Männer von meiner Statur sie nicht hätten bewegen können. Die Höhle und der
Schöpfer hatten mich eingesperrt, und ich wußte, ich war zum Tod verurteilt.
Nun durchlief ich die ganze Skala der Gefühle, von Zorn bis zu Resignation. Ich war
wütend, weil ich all die Jahre mit einem Training verbracht hatte, das jetzt wertlos
war. Jetzt konnte ich nicht mehr meiner Vision leben, und mein Leben war vergeudet.
Mein einziger Trost war, daß ich es nicht anders gewollt hatte. Ich wollte nichts von
dem, was die Gesellschaft zu bieten hatte; nichts von dem, wonach meine Freunde
jagten. Wenn ich jetzt starb, hätte ich mein Leben genauso gelebt, wie ich es leben
wollte. Nichts hätte ich daran geändert. Dennoch grenzte meine Wut an Raserei,
denn jetzt blieb mir nur noch der Tod. Ich konnte nicht mehr für meine Vision leben,
und ich würde die Wildnis nie Wiedersehen. Dies also war mein Vermächtnis, und nie
würde ich die Chance bekommen, etwas zu bessern auf dieser Welt - für die Kinder,
die nach mir kommen. Ich fühlte mich unendlich betrogen, doch wenn es dies war,
was der Schöpfer mit meinem Leben vorhatte, dann wollte ich mich nicht auflehnen.
Ich wollte den Tod akzeptieren wie ein Krieger.
Plötzlich schwankte der Boden, ich verlor den Halt und stürzte lang hin. Ich wußte
nicht, kam die Erschütterung von. einem einschlagenden Blitz, von einem Erdbeben
oder von einem spirituellen Beben? Meine Angst steigerte sich ins Grenzenlose.
Noch ein paarmal bebte die Erde, bis wieder Stille einkehrte. Als ich die Fassung
wiederfand, war mir, als hätte ich eine Ewigkeit den Atem angehalten. Dichter
Steinstaub hing in der Luft, nirgends ein Lichtfunken. Klaustrophobische Angst
schnürte mich ein, und ich konnte nicht atmen. Finsternis erdrückte mich wie in einer
Gruft, und meine Gedanken rasten. Verzweifelt suchte ich einen Ausweg aus der
Schwärze. Es war eine Art von sensorischer Deprivation, die all meine Ängste
verstärkte. Ich wußte, der Tod würde durch Ersticken eintreten, ich würde verdursten
oder an Unterkühlung sterben wegen der Kälte im Innern der Höhle. Jedenfalls wäre
es ein langsamer, qualvoller Tod.
Ich weiß nicht, wie lange ich auf dem Boden der Höhle gelegen hatte. Hier in der
Dunkelheit wurden Raum und Zeit unwirklich. Es gab keinen Anhaltspunkt für die
Bestimmung von Zeit und Ort, nur diese Dunkelheit. Langsam kroch ich zur
Höhlenwand, um mich zum Fuß der gestürzten Gesteinsmassen zu tasten. Auch die
Entfernungen verwischten sich, und mir war, als krieche ich schon eine Ewigkeit,
ohne die Mauer zu erreichen. Vielleicht, dachte ich, bewegte ich mich im Kreis; denn
je länger ich kroch, desto weniger kam ich vorwärts. Die innere Kammer der Höhle
war gewiß nicht groß, und doch fand ich noch immer nicht die rückwärtige Wand.
Alles war so verwirrend, und ich mußte mich hinlegen, um mich zu sammeln.
Angestrengt starrte ich in die Finsternis und hoffte auf einen Lichtschimmer, der mir
verraten hätte, wo ich mich befand. Aber die Schwärze wurde nur noch
undurchdringlicher.
Bald konnte ich nicht mehr feststellen, ob ich die Augen offen oder geschlossen
hatte. Auch tanzten mir alle möglichen Bilder und Vorstellungen durch den Kopf, bis
ich nicht mehr entscheiden konnte, wo die Wirklichkeit anfing und der Traum endete.
Tatsächlich, ich wußte manchmal nicht mehr, ob ich schlief oder wachte. Immer
wieder versuchte ich die Höhlenmauer zu finden, aber vergebens. Mir war, als sei ich
wohl in der kleinen Kammer, gleichzeitig aber in einem riesigen Felsendom. Ob ich
dies alles träumte? Ob es Wirklichkeit war? Falls es ein Traum sein sollte, konnte ich
nicht erwachen. Die Angst war plötzlich verschwunden, und ich war eher neugierig
denn in Sorge, ich könnte sterben. Hier ging etwas Höheres vor, als ich mir vorstellen
konnte, und nun wollte ich es herausfinden.
Wieder versuchte ich zur Höhlenwand zu kriechen, diesmal entschlossen, nicht
aufzugeben, bis ich sie gefunden hatte. Ich streckte beim Kriechen nicht mehr die
Hände vor, sondern kroch nur noch, so schnell ich konnte. Es war mir egal, ob ich
mir dabei den Kopf anstieß. Ich mußte etwas Reales und Faßbares finden, etwas
anderes als den Höhlenboden und die ewige Dunkelheit. Ich wußte, wenn ich die
Mauer erreichte, dann hätte ich etwas, um mich zu orientieren — um von diesem
Ausgangspunkt alle Wände der Höhle abzutasten und vielleicht einen Ausweg zu
finden. Wenn ich schließlich doch sterben sollte, hätte ich wenigstens um mein
Leben gekämpft, statt mich einfach hinzulegen und auf den Tod zu warten.
Schon eine gute Stunde, so schien es mir, war ich umhergekrochen, hatte aber keine
Felswände entdeckt. Als ich mich wieder einmal hinlegte und ausruhte, wurde mir
klar, daß die Höhle sich für mich geöffnet haben mußte, wie früher schon einmal vor
vielen Jahren. Meine Gedanken klärten sich, und ich verstand allmählich, was mir
widerfahren war; und da begann ich im Dunkel nach einem Lichtpunkt zu suchen, der
mir das Ende des Tunnels bezeichnen könnte. Wie ich im Dunkeln tastete, fühlte ich
eine leichte Brise über meinen Rücken wehen. Nachdem ich schon zahllose Höhlen
erforscht hatte, wußte ich, daß solch eine Brise mich zu einem äußeren Stollen
führen konnte, und darum folgte ich ihr. Die Brise war aber so schwach, daß ich
immer wieder anhalten mußte, um sie über meine Haut streichen zu fühlen, denn
solange ich mich bewegte, war dieser Windhauch nicht zu spüren. Je weiter ich
kroch, desto stärker wurde die Brise, bis ich sie sogar durch den Tunnel streichen
hörte wie einen tiefen Atem des Berges.
Endlich sah ich einen schwachen Lichtschimmer von oben, der durch die Dunkelheit
drang. Anfangs glaubte ich, daß meine Augen mich täuschten, doch als ich
näherkam, wurde das Lichtlein stärker. Wohl war es nur schwach, grau und
schleierhaft, aber es war Wirklichkeit. Ich kroch dem Licht entgegen und empfand
namenlose Erleichterung; Tränen stiegen mir in die Augen, weil ich nun wieder
Hoffnung hatte auf eine Chance, meiner Vision zu leben. Das Licht wurde immer
stärker, je näher ich kam, doch es beleuchtete nichts in der Höhle. Es war nur ein
Lichtschein, der langsam stärker wurde, während ich ihm entgegenkroch, aber er
blieb konturlos. Ich wußte nicht, woher das Licht kam, aber es war meine einzige
Hoffnung.
Näher herangekommen an das Licht, entdeckte ich wieder die Gestalt des alten
Mannes, der gebeugt und weinend vor dem Licht saß. Ich hörte sein Schluchzen,
und wieder deutete er auf das Licht und sagte: «Es ist verschwunden.» Zutiefst
erschrok-ken fragte ich ihn mit heiserer Stimme, was er wohl meine. Was war
verschwunden? Schwach hallte seine Stimme von den Höhlenwänden, als er nun
sagte: «Die mögliche Zukunft der Hoffnung ist verschwunden oder wird bald
verschwunden sein, denn niemand hat versucht, sie zu retten. Wenn nichts getan
wird, wenn deine Vision ungelebt bleibt, dann bleibt als einzige Zukunft der
Menschheit das Sterben der Kinder und Enkelkinder, wie du es einmal gesehen hast.
Du darfst es nicht mehr lange aufschieben, deine Vision zu leben. Du hast zu viele
Entschuldigungen gefunden, und jetzt ist es vielleicht zu spät.» Während die Worte
verhallten, verschwand der alte Mann, und ich trat ins Licht.
Im nächsten Moment befand ich mich in der Kammer der Jetzt-Zeit in dieser Welt: Es
war dieselbe Kammer, in der ich vor vielen Jahren gewesen war. Dort vor mir lag der
riesige Tunnel der wahrscheinlichen Zukunft: die wahrscheinliche Zukunft endgültiger
Vernichtung der Menschheit. Ich begann die Höhlenwände nach allen anderen
Möglichkeiten der Zukunft abzusuchen und suchte verzweifelt nach jener Zukunft der
Hoffnung. Ich fand die Stelle, wo ich vor Jahren den kleinen Tunnel möglicher
Zukunftshoffnung gesehen hatte, aber er existierte nicht mehr. Vielmehr war an der
Stelle, wo ich nun stand, nur noch ein kleines dunkles Loch, in dem es kaum noch
schimmerte. Das Licht dort flackerte, ähnlich wie eine ersterbende Kerzenflamme.
Ich schaute und schaute, ich fühlte den Druck der Verzweiflung in mir, aber der
winzige Tunnel wollte sich nicht mehr öffnen. Nur ein paar flüchtige Bilder
schwankten vor meinen Augen, verschwanden dann aber bald.
Ich wich zurück von dem Tunnel mit einem unstillbaren Gefühl des Verlusts. Diese
Zukunft der Hoffnung, die ich einst gesehen hatte, starb oder war schon tot. Ich hatte
sie sterben lassen, weil ich so lange meine Vision verraten hatte. Nein, ich hatte nicht
mit aller Kraft versucht, sie zu leben. Sicher, ich wußte nicht, was ich tun oder wie ich
die Vision leben sollte, aber dafür gab es keine Entschuldigung. Ich fühlte mich
verantwortlich für die verlorene Zukunft der Hoffnung. Meine Qual war erdrückend,
denn in meiner Gleichgültigkeit und Verweigerung war ich ebenso schuldig wie die
aggressivsten Umweltverschmutzer, die die Erde zerstörten. Weinend und zornig
schleuderte ich der Höhle die Frage entgegen, warum ich nicht früher gewarnt
worden war, daß die Zukunft der Hoffnung sterben würde. Doch meine Stimme hallte
von tauben Felsmauern wider, und ich war allein.
Dann aber regte sich in der Höhle ein Wind, und ich hörte Schritte. Ich schaute mich
um, doch ich war immer noch allein in der Leere einer toten Zukunft. Plötzlich hallte
eine Stimme durch die innere Höhlenkammer, und ich wußte, es war Großvater. Er
sagte: «Du warst mehr in Sorge, deine Vision nicht mehr leben zu können, als
besorgt darüber, du könntest sterben.
Ohne deine Vision, das hast du nun festgestellt, ist dein Leben tatsächlich der Tod.
Höre also, mein Enkel, der Letzte Winter der Menschheit auf dieser Welt kommt
rasch. Geh jetzt und lebe deiner Vision, und der Weg soll dir gezeigt werden. Wie du
gesehen hast, liegt die mögliche Zukunft der Hoffnung bereits im Sterben. Auf dich
kommt es an! Geh nach Hause und finde den Waschbär, er wird dich zu der Frau
bringen, die dich zu deiner Vision führen soll. Der Letzte Winter steht bevor.»
Großvaters Stimme schwand, und es blieb nur noch ein Echo vom Letzten Winter.
Da erwachte ich wieder aus tiefem Schlaf draußen vor der Höhle. Der Eingang war
unverändert - aber meine Knie waren von all dem Umherkriechen im Traum arg
zerschrammt und blutig. Ich hatte keine Ahnung, was Großvater meinte, als er von
diesem Waschbären sprach - oder wer jene Frau sein mochte. Ich wußte nur: Jetzt
mußte ich kämpfen, damit die Prophezeiung des Letzten Winters nicht Wirklichkeit
wird. Ohne Zögern brach ich auf und kehrte zurück in die Zivilisation. Ich hatte den
Glauben gefunden, daß der Schöpfer mir einen Weg weisen würde, und ich hatte
keinen Zweifel mehr: Entweder werde ich meine Vision leben - oder ich werde gar
nicht leben.
Über den Autor

Tom Brown begegnete seinem Lehrer Stalking Wolf, einem Schamanen vom Stamm
der Apachen, bereits mit acht Jahren. Seine ersten Erfahrungen beschrieb er in
seinem Bestseller «The Tracker» (Der Fährtensucher) sowie den Folgebänden «The
Search» und «The Vision». Dazu verfaßte er noch eine Reihe von praktischen
Naturführern und Büchern zum Thema des Überlebens in der Wildnis. Seine
weltbekannte Überlebensschule vermittelte Tausenden von Teilnehmern eine neue
Sicht der Natur und unseres ganzen Planeten.
Auf der Höhe seines Ruhms zog er sich für ein Jahr in die Wildnis zurück und
vertraute - nur ein Messer mit sich tragend — den erworbenen Fähigkeiten, die er in
seiner Überlebensschule und in seinen Büchern lehrt.
Das vorliegende Buch ist das zweite einer Trilogie über die geistige Suche. Weitere
Bücher von Tom Brown in deutscher Übertragung im Ansata-Verlag sind
vorgesehen.
Wenn Sie mit Tom Brown in Kontakt treten oder an einem seiner Kurse teilnehmen
möchten, hier seine Anschrift: Tom Brown, Tracker, Inc. P. O. Box 173 Asbury, N.J.
08802-0173, USA