You are on page 1of 3

*Umbruch 1-44 18.02.

2008 15:18 Uhr Seite 12

12 WEB 2.0

Die Erfolgsstorys des


Web 2.0 aus den Alpen
Am „Web 2.0“ wird nicht nur in Deutschland oder den USA gebaut. In den letzten
Jahren entstanden auch in Österreich eine Reihe bemerkenswerter Social-Media-
Plattformen – die international auch beachtliche Erfolge feiern.
Ein Blick hinter die Kulissen der sozialen Medien.

Popurls.com lösungen wie Weblife.at, Polylog.tv oder den FatFoogoo weltweit mit Spannung beobachtet.
Popurls („Every URL will be popular for 1.5 Communitybereich von DerWesten.de ent- FatFoogoo, zu Deutsch der „fette Kugelfisch“,
seconds“) präsentiert auf einen Blick die wickelt hat. Siehe das Interview mit Knallgrau- ist eine Gründung der Wiener Software-
Zusammenfassung der in diesem Moment Gründer Dieter Rappold auf Seite 13. spezialisten Martin Herdina und Daniel Petri.
„heißen“ Inhalte von Plattformen wie Digg,
YouTube, Del.icio.us oder Flickr. Es ist ein pri- Bikemap.net Tupalo.com
vates Projekt des Linzer Unternehmers Entwickelt von den Wahlwienern Clemens
Thomas Marban und klar auf englischsprachi- Beer und Mike Borras, gibt Tupalo („Stuff in
ge Märkte ausgerichtet, wo Popurls einen your neighborhood“) dem Benutzer die
relativ hohen Bekanntheitsgrad genießt. Die Möglichkeit, seine Lieblingslokale, -geschäfte
1,5 Millionen monatlichen Page-Impressions – und sonstige Orte in seiner Stadt zu sammeln
ein beachtlicher Wert angesichts der und zu bewerten, wodurch langsam ein Lokal-
Tatsache, dass die Website im Wesentlichen und Stadtführer für die jeweiligen Städte ent-
nur aus einer Seite besteht – werden vom US- steht.
Spezialvermarkter Federated Media bewirt-
schaftet.

Bikemap („Deine
Radrouten im Web“) ist eine
auf Google Maps basierende Anwendung, auf
der Radfahrer ihre Lieblingsrouten sammeln
können. Sie ist aus der Zusammenarbeit des
Wiener Social-Software-Spezialisten Helge
Fahrnberger mit dem deutschen Radreise-
veranstalter Peter Eich entstanden. Die Neben Wien sind
gemeinsame Firma Toursprung.com hat mit hauptsächlich in einigen deutschen
Runmap.de auch eine Variante für Lauf- und amerikanischen Städten starke lokale
sportler entwickelt und arbeitet an der Communities entstanden, in Dutzenden weite-
Erschließung weiterer, auf Werbung im touri- ren werden die Aktivitäten ausgebaut. Beer
Twoday.net stischen Umfeld abzielender Nischen. und Borras arbeiten derzeit daran,
Twoday ist die den deutschsprachigen Markt Bikemap wurde von Medien wie FAZ, WDR, Ö3 Seedfinanzierung und strategische Partner-
dominierende Weblog-Plattform und war vor oder dem Standard begeistert aufgenommen schaften für eine weitere Expansion zu gewin-
fünf Jahren der erste österreichische und ist wenige Monate nach Start bereits die nen.
Gehversuch im Web 2.0. Sie wurde von der größte Radroutensammlung im deutschen
Wiener Webagentur Knallgrau entwickelt, die
auch die internationale Bloggingplattform
Sprachraum. Soup.io
Blogr.com betreibt sowie auf Twoday ba- Soup („Your online scrapbook“) ist ein
sierende Kunden-
FatFoogoo.com Aggregator, mit dem
Auf FatFoogoo können man sich in wenigen
Spieler von Onlinespielen Klicks einen persön-
wie World of Warcraft oder lichen Life-Feed (die
Second Life mit virtuellen „Suppe“) aus allen
Gütern handeln – also etwa Quellen zusammen-
Accounts, Avatare oder stellen kann, in die
Waffen von anderen Spielern man als Web-2.0-
ersteigern. In diesen interna- Junkie täglich publi-
tional kommerziell sehr ziert: Blogs, Social
attraktiven, aber technolo- Bookmarks, Micro-
gisch und rechtlich komplexen blogging, Video- und
Markt haben sich bislang nur Photo-Sharing etc.
wenige Startups vorgewagt, dementspre- Soup ist noch relativ
chend wird die weitere Entwicklung von jung, wurde jedoch
*Umbruch 1-44 18.02.2008 15:19 Uhr Seite 13

WEB 2.0 13

Facebook. 123people erschließt damit die Oliver Olschewski. Er verantwortet gemein-


Suchmöglichkeiten erfahrener Internetnutzer sam mit Daniel Greineder die Finanzierung
auch für weniger erfahrene und nimmt am der Site durch Werbeschaltungen. Alle Inhalte
international sehr heiß umkämpften Wettlauf der Seite sind für die User frei zugänglich –
um den Markt der Personensuche teil. auch ohne Registrierung.

ichkoche.at
ichkoche.at ist eine Rezeptesuchmaschine aus
dem Hause der Styria Medien AG. Die Rezepte
wurden ursprünglich aus den bereits erschie-
nenen Koch- und Kulinarikbüchern der Styria-
Verlage zusammengetragen. Web 2.0 kommt
mit den Usern ins Spiel. Diese können Rezepte
uploaden, einen Blog anlegen, Bilder und
Videos auf ihre Sites stellen. Nachdem man
bereits sein Profil angelegt hat, kann man kulinarisch
von schwergewichtigen Gleichgesinnte finden. Geschäftsführer ist
Branchenblogs aus dem Silicon
Valley wie Techcrunch oder
Mashable mit wohlwollenden
Berichten geadelt. Hinter Soup ste-
hen Christopher Clay und Esad
Hajdarevic aus der Wiener Hacker-
schmiede Metalab.

123people.com
123people – „Finde jeden, den du (noch
nicht) kennst“ – ist eine Personensuch-
maschine des vom 3united-Mitgründer
Markus Wagner aufgebauten Inkubators
i5invest. Sie aggregiert Fundstellen zu
einzelnen Personen wie Texte, Fotos und
Videos aus dem Web, Telefonbucheinträge
oder Profile aus Social Networks wie Xing und

Geschäftsmodelle im Web 2.0: mit Trial and Error leben


Dieter Rappold, Geschäftsführer der auf Social Software fessionell darum zu kümmern. Generell bin ich der
spezialisierten Agentur Knallgrau, im Interview über Ansicht, dass in Österreich weder Kunden noch
kommerzielle Chancen und Herausforderungen des Web Mediaagenturen annähernd bereit sind, das Potenzial von
2.0. Knallgrau hat vor fünf Jahren mit der Weblogplatt- Werbung auf und mit Social Media zu erkennen oder zu
form Twoday.net die erste „Web-2.0-Plattform“ des Landes bewerten. Hier hinken wir international hinterher.
entwickelt. Rappold bloggt selbst unter sierralog.com.
Wo finden sich die tragfähigen Geschäftsmodelle – wie
Verwenden Sie selbst den Begriff „Web 2.0“? kann man mit Social Media Geld verdienen?
Dieter Rappold: Ja, ich akzeptiere den Begriff aus einer Wir müssen hier mit Trial and Error leben, denn es liegen
Vermarktungsperspektive. Er ist der Versuch, eine kom- keine fertigen Antworten am Tisch. Alle bis hin zu
plexe Materie in ein Schlagwort zu verpacken. Da das Facebook sind dabei, Dinge auszuprobieren und aus
Dieter Rappold,
Wissen hier sehr heterogen verteilt ist, erleichtert er den ihnen zu lernen.
Geschäftsführer der
Marktteilnehmern zumindest, glaubhaft von ein und Agentur Knallgrau
demselben Thema zu sprechen. Medienhäuser wie Holtzbrinck oder Burda sind in
Deutschland auf Einkaufstour im Web 2.0 – kann diese
Twoday ist dieser Tage fünf Jahre alt geworden – was sind Strategie aufgehen?
Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit? Was hat funktioniert, Diese Einkaufstouren sind ein schwieriges Konzept, denn
was ging schief? man kann eine Web-2.0-Plattform kaufen, muss aber als
Twoday.net ist der Beweis, dass in Österreich durchaus Organisation auch in der Lage sein, die entsprechende
innovative Webprojekte möglich sind, wenn wir auch mit Offenheit leben zu können. Grundsätzlich sehen wir welt-
der ursprünglichen Zielsetzung, ein kommerziell erfolg- weit eine Granularisierung der Medienmärkte, der Trend
reiches Weblogportal zu machen, gescheitert sind. Die geht zur Nische. Auch in Österreich wird es Nischen-
Plattform hat jedoch einen enorm hohen Wert für produkte geben, die für einen Medienkonzern, der auf-
Knallgrau, sowohl aus Marketingperspektive als auch in merksam genug ist, interessant sein können.
ihrer Funktion als Lernraum für uns.
Wie sehen Sie die diesbezüglichen Aktivitäten der öster-
Wie beurteilen Sie Werbung im Web 2.0 in Österreich? reichischen Verlagshäuser?
Warum kann man auf Twoday nicht werben? Bemüht, aber sehr von Zurückhaltung und Angst
Wir haben Twoday bislang nicht für Onlinewerbung geöff- geprägt. Als positive Ausnahmen fallen mir Styria und
net, weil uns die Zeit und die Kapazität fehlen, uns pro- das Vorarlberger Medienhaus ein.
*Umbruch 1-44 18.02.2008 15:19 Uhr Seite 14

14 WEB 2.0

Filme auf YouTube machen


noch kein Marketing 2.0
Web 2.0 bringt auch die technische Perfektionierung eines uralten Prinzips: Mundpropaganda.
Helge Fahrnberger über die Herausforderung, Marketing mit Rückkanal zu betreiben.

Web 2.0 (seltener auch: Social Media) ist ein missver- Immer bessere Targeting- und Messmöglichkeiten redu-
ständlicher Begriff, mit dem die einen das „Mitmach- zieren unseren Streuverlust – wir müssen jedoch auch
Web“, andere einen neuen Börsenhype und wieder ande- beginnen, in unseren Botschaften darauf zu reagieren,
re einfach den massiven Einsatz von Javascript meinen. was der Konsument sagt (in Kommentaren, Blogs,
Der Begriff wurde vom US-Verleger Tim O'Reilly geprägt Produktbewertungen) und was er tut (was er sucht, kauft
und beschreibt eigentlich die Entwicklung des Internets und sich im Web ansieht). Nicht „der Kunde“ als solcher,
vom Publikationsmedium zur Software-Plattform, unter sondern dieser eine Kunde. Für uns Marketer bedeutet
Nutzung von Netzwerkeffekten durch große das einen Paradigmenwechsel vom Monolog zum Dialog.
Benutzerzahlen („kollektive Intelligenz“). Aus dieser Sind wir selbst zum Dialog über unser Produkt nicht
eher technischen Sicht ergibt sich ein komplett neues bereit, wird er ohne uns stattfinden.
Netzverständnis, das von Offenheit und über organisato-
Helge Fahrnberger ent- rische und technische Grenzen hinausgehender
wickelt Social-Software- Kollaboration geprägt ist.
Pull versus Push
Plattformen im Web und Dieser Paradigmenwechsel betrifft in der Folge fast Glaubwürdigkeit heißt im Social Web, mit einer mensch-
berät Unternehmen in alle Branchen – auch und besonders jene, die mit dem lichen Stimme zu sprechen, auch und gerade als
Web-2.0-Fragen. Er Begriff Web 2.0 wenig anzufangen wissen: Sei es die seit Unternehmen. Wir müssen aufhören, mit unseren
bloggt regelmäßig 200 Jahren bestehende Brockhaus-Enzyklopädie, die Botschaften auf immer neue Art und Weise die immer
unter www.helge.at. 2008 zum letzten Mal in gedruckter Form erscheinen knappere Aufmerksamkeit des Konsumenten erregen zu
wird, da ihr mit Wikipedia eine Web-2.0-Plattform in nur wollen („Push“) – geben wir ihm stattdessen gute
sieben Jahren den Rang abgelaufen hat – oder die klei- Gründe, sich die Botschaften selbst bei uns abzuholen
ne Pension im Wintersportort, deren Gäste ihre („Pull“): Zum Beispiel über Search, E-Mail-Opt-In,
Buchungsentscheidung nicht mehr auf Empfehlung des Weblog-Subscriptions oder gut geführte Onlineauftritte.
Reisebüros, sondern auf Basis von Online-Berichten und „Push“ ist idealerweise persönlichen Empfehlungen
Bewertungen anderer Kunden treffen. unter Konsumenten vorbehalten.
Eine persönliche Produktempfehlung, so sie ohne Die mächtigen neuen Tools des Web 2.0 heißen Web-
Eigeninteresse abgegeben wird, ist seit jeher jeder ande- logs (mit authentischen, persönlichen Meinungen), Wikis
ren Werbeform überlegen. Mit sozialen Medien erreichen (Gruppenkonsens zu bestimmten Themen, zum Beispiel
diese Empfehlungen und Berichte über schlechte anstatt der ohnehin veralteten Hilfeseiten auf unseren
Erfahrungen jetzt eine ungleich größere Zahl an Websites) oder Mashups (geben wir den Menschen da
Menschen. Mehr noch: Sie sind permanent, gehen ins draußen Zugang zu unserer Datenbasis - und lassen wir
ewige Google-Gedächtnis ein. uns überraschen, welche nützlichen Dinge da entstehen).
Je früher wir uns damit abfinden, dass wir die
Der Kunde als Ihr bestes Werbemedium Botschaft nicht mehr kontrollieren und dass nicht wir,
Virales Marketing wird häufig mit lustigen Filmchen auf sondern die Konsumenten die „Brand“ definieren, sie
YouTube verwechselt, tatsächlich bedeutet virales sozusagen der Community gehört, desto schneller kön-
Marketing jedoch, dem Konsumenten einen Grund zu nen wir anfangen, mit einer menschlichen Stimme zu
geben, über das Produkt zu sprechen (und nicht über sprechen. Für einen Einstieg in die Welt des bidirektiona-
das Filmchen). Das Web bietet für solche Empfehlungen len Marketings empfehle ich die Lektüre der 95 Thesen
nun eine ungleich größere Bühne. des Cluetrain Manifests: www.cluetrain.com