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ÜBER DIE TÄUSCHUNGEN

Wer Gott liebt, muß wachsam sein. Wenn du dich deiner Gebetsübung
hingegeben hast und du siehst ein Licht oder einen Feuerschein in dir oder
außerhalb, selbst ein Bild Christi, der Engel und der Heiligen, kümmere
dich nicht darum. Du läufst sonst Gefahr, Schaden zu nehmen. Verbiete
deinem Geist, sich damit weiter zu beschäftigen. Alle diese Bilder wollen
deiner Seele schaden. Die echte Wirkung des Gebetes ist die Glut des
Gemütes, die alle leidenschaftlichen Reize verbrennt, der Seele Freude
und Fröhlichkeit bringt, das Gemüt durch sichere Liebe und das Gefühl von
einem unzweifelhaften Seelenreichtum stärkt.

Alle sinnlichen und geistigen Eindrücke, die nicht von Gott kommen,
bringen dem Gemüt Zweifel und Bedenken, weil sie vom Bösen Feind
erregt wurden. Das ist die Auffassung der Väter. Wenn dein Geist nach
außen oder zum Himmel durch irgendwelche unsichtbare Kräfte gezogen
wird, dann laß dich nicht ziehen, sondern zwinge dich sofort zu einer
Übung. Göttliche Einsprechungen kommen ohne solche
Begleiterscheinungen, und du kennst nicht ihre Stunde, sagt Isaak. Der
innere und natürliche Feind der Verwirrungen verwandelt nach Belieben
die einen geistigen Bilder in die anderen und läßt die einen für die anderen
vorüberziehen. Unter
dem Schein des Eifers bringt er sein Irrlicht, um die Seele irrezuführen.
Statt Freude erregt er sinnliche Lust und schlüpfriges Vergnügen mit
seinem Anhang von Selbstdünkel und Verblendung. Er verbirgt sich schlau
den unerfahrenen Novizen, und er läßt sie sein trügerisches Spiel für
Wirkungen der Gnade halten. Doch Zeit, Erfahrung und geistliches Gespür
bewirken eine Kraft, ihn zu entlarven und um die zu belehren, die wegen
seiner allzu großen Gerissenheit ihn nicht durchschauen.

Die Heilige Schrift sagt: «Der Mund unterscheidet die Speisen» (Ijob 34,3).
Achtet darauf, daß euer geistlicher Geschmack unfehlbar all diese
Erscheinungen unterscheidet.

Bist du körperlich beschäftigt, sagt Johannes von der Leiter, so sei dir
deine Arbeit ein Buch, und diese Lektüre befreit dich von allem anderen.
Greife aber auch immer wieder zu den Schriften, die über das Leben der
Gottversenkten und das Gebet handeln. In der Zeit deiner Lektüre schließe
alles andere aus. Nicht etwa, weil du es verachtest, sondern weil es nicht
dem Ziel entspricht, das du augenblicklich verfolgst, nämlich deine
Lektüre. Dein Geist wird dadurch stark, und er gewinnt neue Kräfte zum
inneren Gebet. Jede andere Lesung wird deinen Geist verdunkeln,
erschlaffen, trüben, dein Verstand wird krank werden, und die
Begeisterung zum Gebet geht verloren.

Wir müssen noch die Beschwernisse unserer Betätigung klar


auseinandersetzen und wie man an diese Tätigkeit herangeht. Jeder, der
uns gehört hat und sich nach dem Gehörten seinen Übungen widmet, aber
keinen Erfolg sieht, könnte uns tadeln, daß wir weder uns selber noch den
anderen die Dinge so gesagt haben, wie sie wirklich sind.
Die Arbeit des Gemütes und die Bemühungen des Körpers bauen
zusammen die echte geistliche Seelen burg. Sie offenbaren die Tätigkeit
des Heiligen Geistes, der dir und jedem anderen Christen in der hl. Taufe
geschenkt wurde. Die Vernachlässigung der Gebote hat sie durch die
Leidenschaften dem Blick entzogen. Die Buße in Verbindung mit der
unaussprechlichen Barmherzigkeit Gottes muß sie wieder dem geistigen
Auge zeigen. Der Aufbau der geistlichen Seelen burg kann nicht vollendet
werden ohne die Mühe des Erbauers· , denn es heißt: «Das Reich Gottes
erleidet Gewalt» (Mt II,I2).

Diese Gewalt ist die dauernde Selbstüberwindung des Körpers. Die in


Nachlässigkeit und Lauheit leben, haben vielleicht den Eindruck, daß sie
viel Unbequemes ertragen; aber sie spüren keine Frucht, weil sie im
Tiefsten ihrer selbst nicht ergriffen werden. Zeuge dafür ist das Wort:
«Wenn wir uns unerer Werke noch so hoch rühmen und es fehlt uns die
Zerknirschung des Herzens, dann bleiben wir unwahr und bauen
Luftschlösser»

(Johannes von der Leiter).

BELEHRUNGEN FÜR DIE GOTTVERSENKTEN

Beharrlichkeit in der Gottversenkung

Trotz der Unbequemlichkeit bleibe beharrlich längere Zeit auf deinem


Schemel sitzen, dann erst strecke dich auf deinem Lager aus, aber nur
selten, so nebenbei, um dich zu entspannen. Du wirst geduldig sitzend
ausharren wegen des Wortes: «Sie verharrten im Gebet» (Apg 1,14). Aus
Bequemlichkeit oder wegen des fühlbaren Schmerzes, den der
ununterbrochene Gebetsruf aus der Tiefe des Gemütes dir verursacht,
darfst du nicht eilen, dich zu erheben. Der Prophet sagt: «Es wird uns
angst und bange werden wie einer Gebärenden» (Jer 6,24). Bist du von
Angst und Weh bedrückt, so sammle deinen Geist in deinem Gemüte; und
wenn du Jesus Christus zu Hilfe rufst, wird dein Geist sogleich aufgeheitert.
Obwohl die Schultern und der Kopf schmerzen, hältst du in deinem
glühenden Verlangen, in der Tiefe deines Gemütes den Herrn zu suchen,
aus.