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Für und mit Iris

Für und mit Iris

Aharon R. E. Agus

Heilige Texte

Wilhelm Fink Verlag

PVA 99. 4833 • Die Deutsche Bibliothek - e lP Einheitsaufnahme Agus, Aharon R. E.:

PVA

99.

4833

Die Deutsche Bibliothek - e lP Einheitsaufnahme

Agus, Aharon R. E.:

Heilige Texte I Aharon R. E. Agus. -

ISBN ) · 7705 · 3370·<4

München : Fink. 1999

Alle Re~te, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wi~ergabe und der Ubersclzu ng. vorbehalten. Dies betrifft auch die Vervidfähigung und Ubertra - gung ei nz.e1ner Textabschniue, uic hnun gen oder Bilder durch all e Verf:ahren wie Spei- cherung und Übcrtugung 2uf Papier, Transparente, Filme, Bänder, Platten und andere Medien , sowdt es nicht SS 53 und 54 VRG ausdrücklich gestatten.

ISBN 3·7705· 3370·'

0 1999 Wilhdm Fink Verlag, München

r:

Bayarlsdle

~ tthlhlinthMr

')

gestatten. ISBN 3·7705· 3370·' 0 1999 Wilhdm Fink Verlag, München r: Bayarlsdle ~ tthlhlinthMr ')
gestatten. ISBN 3·7705· 3370·' 0 1999 Wilhdm Fink Verlag, München r: Bayarlsdle ~ tthlhlinthMr ')

Inhaltsverzeichnis

Einleit ung

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1. Teil: Kanon und Auslegung

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13

23

1. Primäre und Sekundäre Lesungen

1.1. Die Definition des Midrash. Die Phänomenologie des heiligen Textes

,

2S

25

1.2. Sekundäre Lesung des darshan - primäre Lesung der religiösen

Gemeinde . BT Sanhedrin 90b.

1.3. Theologie des Leidens und Theodizee

27

34

1.4. Der Zusammenbruch der Erlösungsgeschichte. Die gnostische

Auffassung des .Exils" und des

inneren Menschen"

36

2. Zur Regeneration des hebräischen Kanons im Rabbinischen

Midrash

2 . 1. Fetis c histische heilige Texte - kommunikatori sche heilige Texte

• •

• •

• •

• •

43

43

2.2. Sekundäre und primäre Lesungen der Heiligen Schrift:

Zur Frage eines kanonischen Midrash. Theologie aJ s Hermenemik

46

2.3. Rabbinische heilige Schrift und rabbinische Theologie. BT Sanhedrin 9Ob. Auferstehung der Toten und

biblische Auslegung

.

.

52

2.4. Das Moselied und seine Theologie. Erlösungsgeschichte und Gegenwan

54

2.5. Eschatologie. Entfremdung und die Identität Israels. Exil als Kern des Daseins in der Welt der messianisch- religiösen Person

59

2.6. Das Entstehen von heiliger Schrift durch Lesung. Auslegung des Liedes als Grund des messianischen Bewußtseins. Hermeneutik und Geschichte

65

6

I NHALTSVERZEIC HNIS

6 I NHALTSVERZEIC HNIS 3 Zerreiß ihre Herzen und nicht ihre Kleider" - Eine rabbinische Auslegung

3 Zerreiß

ihre Herzen und nicht ihre Kleider" - Eine rabbinische

Auslegung des Joel-Buch

68

3.1. Eine kritisch-analytische Lektüre. Ein "oetisches Modell der israelitisch-jüdischen Geistesgeschichte. Schö pfungstheologie. Eine psalmistische Theologie. Beziehung zwischen Messianismus und Innerlichkeit

73

3.2. Das kanonische Joel -Buch - ei ne ganzheitliche Auslegung .

Intertextualität zwischen

3.3. Eine Mishna-Auslegung.

dem Joel-Bu ch und Dm. 31 und 32

M Ta'anit 2,1, 5-8 . Die rabbinische

74

Ordnung des Fastentages. Vision des Eschaton.

Das Jona-Buch und der

Tag

des Herrn"

78

3.4. Eine amoräische Auslegung . PT Ta 'aniot 65a. Der rabbinische Fastentag als ein Schauspiel der Zerstörung

80

3.5. R. Jo shua be n Levi. Innerli chkeit als Einheit von Vergangenheit und Gegenwart. BT Sukkah 52a. Die apokalyptische Vision - Eine neue Erlösungsgeschichte

84

2. Teil: Hermeneutik der Mensch-Gott-Konstellation

93

1.

Au slegung und P o lem ik: Die Rabbiner und die Gnosis

 

95

1.1.

Genesis Rabba 68. Leviticus Rabbah 8.1. Midrash Samuel, 5. 13

95

1.2. Das Problem der Theodizee. Eine rabbinische Antwort zum Dualismus

 

100

2. Gedächtnis und Wille im Gnostizismus, bei Paulus und

 
 

den Rabbinern

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104

2.1 . Eine vergleichenden Analy se z wisc hen talmudis ch-rab binisc hen u nd gnostischen Quellen. Biblische Hermeneutik in den Nag

Hammadi -Texten. Die

 

Shulamit"

in dem

 

105

2.2 . Hohelied Kap.

5. Die Beziehung zwischen dem re ligi ösen

 

Menschen und Gott in der rabbinischen Lesart des Hoheliedes - eine nichtvollzogene Liebe

108

2.3. Das gnostische Material : Die E rinnerung. Der gnostische

 

Text - die autoritative Lehre. Die Erste Apokalypse Jakobs. Die Exegese über die Seele. Das gnostische Heil

 

11 0

2.4. Römer-Brief 7: Der Wille . Die Gefahr innerer Zerrissenheit

 

.

11 7

2.5. Eine rabbinische Perikope. BT Berachot 7a. Die Entwicklung der Persönli chkeit Moses. Ist die Gleichzeitigkeit des Willen Gottes und des Willen des Menschen möglich?

 

Mekhilta de-R. Shimeon ben Yohai zu Exodus 6,2.

 

Die Psychophänomenologie des Willen

 

.•

120

INHALTSVERZEI C HN IS

7

INHALTSVERZEI C HN IS 7 2.6. Schlußfolgerung: eine rabbinische Perspektive. Wille und Erinneru ng 3. Teil:

2.6. Schlußfolgerung: eine rabbinische Perspektive. Wille und Erinneru ng

3. Teil: Eschatologie als Interpretation und Erfahrung

127

131

1. Messianische Biographie:

Die Eselin von R . Pinchas ben Jair"

133

 

1. 1. Der Messias in der Gosse Rom s. BT Sanhedrin 98a.

 
 

R. Joshua ben Levi als der Messias. »Wo ist dein Gott?"- ,. In der Metrop o le von Rom!" - Mekhüta zu Exodus 12 :41. Entfremdung. Die Zeitdimension der Umkehr (teshuwa) ist die Gegenwart

133

 

1.2. Umkehr - whuwa. (120) BT Sanhedrin 43b. Radikale Umkehr (teshuwa) als ein Bruch in der menschlichen Identität.

 

Eine psalmistische Theologie

138

 

1.3. Die Erlösung R. Jehoshuas ben Levi 's. Umkehr und Erlösung. R. Jeh os hua, der Mess ias, und Gott: ein hermeneutischer Komplex

141

1.4. R.Pinchas ben Jair. PT Shekkalim 3,4. Messianische Biographie. P1' Demai

145

1.5.

Die Eselin von R. Pinchas ben Jair. Entfremdung und Exil. Das me ssianis che Ereignis als eine Form des Daseins . PT Kettubot 77b

148

2.

H ermen eutik und Erfahrung: Innere und apoka lyptische

Zeit

152

2.1.

Messias der Sohn von j ose ph. BT Sukka 52a. Der Tod

 

des Messias. Der chassid 2.2.•Umkehr" (teshuwa) und Martyrium. Die Substanz der

152

 

menschlichen Identität in der rabbinischen Anthropologie - das Handeln. Gegenwart als eine zentrale Kategorie des Seins

158

 

2.3.

Ap okalyptische Zeit. Eine rabbinische Hermeneutik

 
 

z u Sacharja I2

170

3

ich habe eine umgekehrteWeIt gesehen."- eine rabbinische Jenseitslandschaft

173

3.1 . Der.Tod" von R.- jose ph, Sohn R. jehoshua ben Levi 's. BT Pessachim 50a.• Die Oberen waren unten und die Unteren waren oben"

173

3.2. Eine rabbini sche HeAlleneutik zu Hiob 3. Die gnostische Versuchung

.• •••••

175

 

3.3. Die

Ironie der Demut Demut und torah

••

••••• •

181

8

1NHALTSVERZEIC HNIS

8 1 NHALTSVERZEIC HNIS 4. Di e H ermeneutik des Raums : Vo m Ort zum

4. Di e H ermeneutik des Raums : Vo m Ort zum Ereig ni s -

Zur Frage der Delokalisierung des Tempels

4. 1. Die rabbini sc he Int erpretation des Tempelrituals. Ge meinde von Ind ividuen 4.2. Midrashische Interpretatio n und die Wahrnehmung der

Heil ige n Schriften in der rabbini sc hen Les un g

4. Teil: Ikonoplastische Hermeneutik

185

185

191

199

I.• Ro m gegen Jud äa, Judäa gegen Ro m« - Friedrich Nietzsches

Religio nskritik und die Auslegung rabbinischer Quellen

20 1

1.1. Nietzsches Religions-Typologien. Eine H ermeneutik

der eigenen Person

201

1.2. Der biblisc he Hintergrund rabbinisc her Texte. Jeremiah 28 .

Wahre Prophezeiung als die Pro phezeiung von Vernich tun g. Eine rabbinische Lesung von Micha 7

1.3 . BT Avoda Sara 11

b . Das Ringen mit den Engeln-

der hinkende Jako h. BT Megillah 6a. Eine Hermeneuti k des gegenwärtigen Daseins. Die Radikalität der eschatologischen Energie. Genesis Rabba zu Genesis 1,16. H egemo nie und Eschatologie

2. Literarische und vis uelle Herme ne ut ik: Die Unm öglichkeit des ikonographisc hen Gottes

.

2 . 1. Das

2.2 . Eine rab binisc he Literarische und

eines Daseins. Genesis Rabba z u 25,30-32 . Ik o nographi e des Göttlichen - der Thronsluhl Gottes. Diachronische und synchronische Hermeneutik 2.3.• Nur in der eschatologischen • Zukunft wird der vielfä lti ge G ottesname vereint sein.

Feiern R o ms" . BT Avoda Sara 11 b.

. Interpretation eines .heidnisc hen Ritu als". (246) pl as ti sc he Darstellung und die H er me neutik

5. Teil: Hermeneutik der Vernunft und Hermeneutik der Entfremdung

204

207

218

218

223

23 0

235

1. Ein kritischer Dialog mit Hermann Cohen's Religion der

Vernunft aus den Quellen des Judentums

237

J.1. Person und Werk Hermann Cohen's. Cohen und Maimonides:

Philoso phieren aus dem eigenen Dasein

237

I NHALTSVERZEIC H NIS

9

1.2. Cohen's

religi ös es Denken -

Gott

ist Sein".

Cohen's

Interpretatio n rabbinischer Texte

239

1.3. Rabbinisch- biblische Hermeneutik und ein anderes Realitätskonzept. Eine psalmistische Theologie - Psalm 73

24S

1.4. Die Au slegung von Psalm 73 - Die We iterentwi c klung psalmistischer Frömmigkeit bei den Rabbinern. Die rabbinische Auffassung der Andersheit. Cohen's Metapho ri sierung rabbinischer Texte

2S2

I .S. Die Nähe zu Gott. Eine Theo logie Hes eki el's

2S7

1.6. Ein Vergleich des Cohen'schen und rabbinischen Wirklichkeits- konzepts. BT Berachot 32a: Eine Auslegung von Micha 4,6. PT Ta'aniz 3,4. Zwei verschiedene eschatologische Anthropologien

2S9

1.7. Hesekiels Vision vom Tal der Knochen . BT Sanhedrin

92b.

Ethik, Vergänglichkeit und Erlösung. Die Neuschaffung des Menschen durch Gott in der Andersheit endlicher Erlösung . 266

Abkürzungsverzeichnis

 

272

Primärliteratur

• ••• •

 

274

Register der

biblischen Literacur

•••••••••

27S

Register der rabbinischen Literatur

••••••••

278

Personenregister (rabinischer Autoren)

•••

.

280

Al lgemeines Register

•••••

• .

281

In die Stirn des Menschen sind die zweiundzwanzig heiligen Schriftzeichen Aleph, Bet, Gimel usw. eingegraben.

In die Stirn des Menschen sind die zweiundzwanzig heiligen Schriftzeichen Aleph, Bet, Gimel usw. eingegraben. Wenn der Mensch ein gutes Werk tut, dann prägt sich dieses gute Werk in seine Stirn und erleuchtet je nes Schrift- zeic hen, mit dem sic h das vo ll zog ne gute Werk a nh eb t, und dieses leuchtet unaufh örlic h in die Ewigkeit. Wenn aber der Mensch ei ne Sünde begeht, dann hüllt sich das betreffende Zeichen in Dunkelheit. und man sieht nur die Kehrseite.

R. Isaak LUTia

Vorwort

D ie Einh ei t dieses Bu ches liegt in einer, sich stä ndi g ern euernd en Besc häf-

ti gu ng und Auseinandersetzung mit d em Prob lem der

Herme neutik be-

gründet, so daß sich die Diffcrenzienheit und Vielfalt dieses Bandes aus dieser

fortwährenden Arbeit erklärt. Einige, der in diesem Buch dargestellten Kapi-

tel entstanden in Ko nt exten, deren Anliegen nicht direkt

auf die Entstehun g

die ses Ba ndes gerichtet war, un geac hte t d esse n jedoc h ei ne n we se ntli chen Be- standt eil in der ei nh eitli c he n Suche hinsic htli c h ein er Fo rmulie run g, zumin- dest jedoch eines Problems bildeten. Manche Kapitel wurden noch in

engli sc her od er heb räi sc her Sp rach e verfaß t, so d aß s ie für die se n Ba nd ins

Deutsche überse tzt wurden, wofür ich besonders Al exa ndra Rott zo ll und

Mgr. Walburga Zumbroich, beide Abso lventen der H oc hschul e für Jüdi sche Studien in H eidelberg sow ie H . Wro ge mann danken möc hte . Andere Kapit el formulierte und schr ieb ich selbst bereits in deutsc her Sprache nieder. Alex - andra RottzoUübernahm den größten Teil der Korrekturarbeiten sowie die Überprüfung be ziehungswe ise Ü berset zung sä mtl ic her biblischer und tal- mudischer Quellen. Mgr. Walburga Zumbroich unt erstütz te ebe nso di e Kor-

O hne di e Mitarbeit von Dr. Iris Künze! hätt e di e Fo rm und Sprache nic ht erreicht werden kö nnen .

Prof. Dr. H ado Fisc her- Bamicol ermu nterte mich d az u, das Manuskript zu ve rö ffentlichen . Mein beso nderer Dank gi lt jedoch Prof. Dr. Raimar Zons, wel cher die Verö ffentli chun g d es Bandes noc h vor der endgülti gen Fertig - stellun g klar vor Augen hatte, und mich mit bestem Rat ennunterte, die Voll- endung des Bu che s z u unternehmen . Ebenso vo rbildhaft ist seine Vi sion und Befö rderung einer z u leistenden gege nwärtige n ge isteswi sse nschaftlich e n Ent- wicklung. Ich danke den Kollege n der H oc hsc hul e für Jüdis che Studien in H ei d elberg sowie der Universität Heid elberg, welche so wo hl ein akademi - sches Zuhause als auch Anregung und Zuversicht für meine Lehr- und For- schun gsarbe it bedeuten . Oh ne die Partnerschaft und Zusammenarbeit mit Iri s wäre all dies über-

rektur des Manuskr ipts. Ges talt dieses Buches in

haupt nicht möglich.

Aharon R. E. Agu s

Heidclberg, Chanukkah 1998

000-4 11 46

Einleitung

D ie talmudisch-jüdische Religiosität (deren Ursprung im Talmud. eine Sammlung von Texten, wel c he ungefähr vom 1. ]h. bis zum 6. Jh . be-

ziehungsweise 7. Jh . d. Z. rei chen, liegt) im Sinne einer Beschreibung des Da-

seins der religiösen Person und nicht des Dogmas oder Gesetzes der

Religion l , begreift sich m. E. als eine tiefgehende hermeneutische Wahrneh-

mung. Eine jüdische Identität im rabbinischen Verständnis setzt danach so- wohl die Kenntnis der Hebräischen Bibel (des .Alten Testaments· ) als auch

der talmudisch-midraschischen beziehungsweise der rabbinischen Literatur, zumindest jedoch eine Einweihung in diese Texte und deren umfänglichen

Diskurs, voraus. Die

Begriff in als auch der rabbinischen Religiosität. Die Darstellung einer rab-

binisc hen Hermeneutik kann somit auch als ein

hinsichtlich der Phänomenologie des

In einem religiösen Dasein, in welchem die Hermeneutik die Verbindung, ja die Energie zur Entstehung und Entfaltung sowohl der Schrift und Tradition

als auch des Dasein selbst schafft, in welchem die Hermeneutik allgegen- wärtig (in Zeit und Raum) ist und die Behandlung dieser beinahe zu einer Obsession gerät - entsteht ein Kontext, in welchem die Phänomenologie der heiligen Schrift im umfassendsten Sinne wahrgenommen werden kann . Die

Phänomenologie der

fal ten, wodurch deren Wesen entdeckt und radikal formuliert wird .

Zu Beginn dieses Band erfolgt eine Diskussion über den Umgang mit der

Schrift" im Midrash . Anhand einer, auf empirischen Kenntnis se n

Heiligkeit

begründeten. Definition wird der weitreichende Charakter der

der Schrift" als ein Ereignis und nicht als bloßer Gegenstand des Textes ent- wickelt.

Im Sinne des bekannten Verständnisses, sowohl im Kontext der Wissen- sc haft des Judentums , wel che eine Weiterentwicklung jüdischer Religiosität aufgrund einer wesentlich liberalen Interpretation der Rabbiner auf der Basis eigenständiger Überlieferungen leistete, als auch im Zuge einer Aneignung

Heilige Schrift" konstituiert sowohl einen zentralen

heiligen

Auftakt zu einer Diskussion Textes" verstanden werden.

heiligen

Schrift" kann deren Potential umfassend ent -

Heiligen

des

legungspraxis als Abweichung des

Alten

Testaments" durch das Christentums, wurde die rabbinische Aus-

Gehaltes der Hebräischen

eigentlichen"

14

EINLEITUN G

14 EINLEITUN G Bibel interpretiert. Das Studium und die Analyse der rabbinischen Texte verweist jedoch auf

Bibel interpretiert. Das Studium und die Analyse der rabbinischen Texte

verweist jedoch auf die ausgesprochen behutsame, gründ lic he. ja beinahe er- gebene Lesung der H eb räisc hen Bibel durch die Rabbi ne r sowie auf ihr Un -

ve rm öge n , eine Reso nan z d er heiligen Texte z u übersehen, Span nun gen,

Abweichungen oder gar Widersprüchen in diesen auszuweichen, woraus sich

vor allem die Energie der Entwicklung und Transformation ihrer Interpre-

tation erklärt. Es entspri cht einer überzeugenden Einsicht, daß insbesondere reformatorischen Ansätzen eine entsc heidende Veränderung und Neuerung auf der Grundlage einer erneuten Analyse und Interpretation traditioneller

Texte und Überli eferu ngen gelang. Das neu

Entstehende konstituiert sich aus

der Tradition; und es ist keineswegs abwegig, wenn ein ko nseCJ.uentes Lesen

eines Textes auc h im Sinne eines argumemum a comrario die überlieferung derart herausfordert, daß die Geburt des Neuen notwendig wird und zwar

in der Log ik oder

selbst deren innere Notwendigkeit entdeckt.

ge Text" entfa ltet sic h demnach, mitunter sogar bis z u seiner

Selbstauflösung, in dem intensiven, aufmerksamen Studium d es religiösen Le -

se rs. Die

Un

- Iogi k" d es Textes se lbst - lange bevor die Gesc h ichte

Der

heili

Heili gkei t " des Textes faßt deshalb ein .,E reig ni s" und kein bloßes

Vorhandensein; so daß im Verständnis des religiösen Lesers sogar eine neue Lesart in der Stärke seiner religiösen Gemeinde und heilig in der T iefe ihrer Religi os ität überzeugend wird. Die H e iligk ei t des Textes ko nstit u iert sich in Zeit (Geschichte) und Raum (Wahrnehmu ng), und erschöpft sich keineswegs

in der bloßen Gegebenheit oder dem Vorhandensein der überlieferte n Schrift. Die geschichtliche Dimension der Heiligkeit des Textes impliziert we- se ntl ich ei ne geistesgeschichtl ic he Dimension. Wie tief die gege nseitige Wech - selwi rkun g zwischen der Geistesgeschichte und dem Ereignis des Textes

reicht, wie weitge hend der I nhalt des Textes auf dem

sc hi chte" gesc hri eben ist, wird im ers ten Kapitel zum Ausdru ck gebracht.

Die Intens ität der Wechse lwirkung zw ische n dem gcistesgesc hi chdi c he n Pro - zeß sowie dem Ereig nis der Schrift a ls einem heiligen Text, sowie die Dirn -

sion des Inhaltes des Textes auf dem

Pergament der Geschichte" werden im

ersten und zweiten Kapitel analysiert. Auch solche zentralen Themen des

rabbinischen Glaubens, wie di e

Ve rh aft un g des Men sc h en in der Vergäng -

U nsterblichkeit" und die Aufforderung zur Demut,

sind untrennbar mit de r Auseinandersetzung der Schrift in ihrer merkuria - len Autorität sowie ihrer Geschichte verbund en. Au ch in Bezug auf den Kanon gi lt es, die Frage hins ichtli c h der Dynamik des Prozesses der Kanonisierung der Texte zu erörtern. Dies faßt eine Ent- faltu ng, welche oft lange Zeit vor der eigentlichen Entstehung des Textes ein -

sich

die

setzt und welche eine n unwi de rrufli c hen Gang beschreibt, noch bevor

Autoritäten" darüber bewußt werden kön ne n; und dies a ls ei nen Tei l

des geis tesgesc hic htli chen Prozesses. Der Herausbildung der Kanonisierung als einem immer wiederkehrenden, sich erneuernden Ereignis, als einem un -

endlichen Vorgang, ist ei ne derart insistierende und fortwährend sc höp feri-

sc he Kraft inhärent, so daß diese eine Basis für die

Pergament der Ge-

lichkeit"', die F rage de r

U nsterblichkeit der

EINLEITUNG

15

Rel igion", ja der Personen selbst als Teil einer Religi o nsgemeinschaft dar- stellt. Die Überlebenskraft der Letzteren ist sicherlich nur solange gegeben, wie deren Kanosierung sowo hl in der Interpretation al s auch im Dasein le- bendig und authentisch bleibt. Im dritten Kapitel wird deshalb die Unvor- hersehbarkeit dieses Prozesses sowie dessen implizit anspruchsvolle und überzeugende Logik entwickelt. Die Kanonisierung und Auslegung der Texte können nicht von der Geschichte der religiösen Gemeinde, welche die Bewahrer, ja die eigentliche Substanz der Heiligkeit konstituieren, getrennt werden . Ebensowenig ist die Frage der Beziehung zwi sc hen der Innerlich- keit d er Person - nicht allein subjektiv, sondern im Kontext einer inneren

Überzeugung, welche nur als"Wahrheit" interpretiert werden kann, wenn diese von den Mitgliedern einer Gemeinde geteilt wird - sowie der äußeren Realität, von der Frage der Definition d er Religion, al so des religiöse n Seins zu unterscheiden. Im dritten Kapitel wird auf die Frage eingegangen, auf wei- che Weise e in Begriff wie "der Tag des Herrn" , welcher vermutlich der my - thologischen Vergangenheit oder der Phantasie des Eschatons angehön, im rabbinischen Verständnis zum Kernpunkt der gegenwärtigen Erlösungsge- sc hi c hte, zum Ausdru c k des Pro zesses der Auslegungspraxis sowie de r Be- wußtwerdung durch die religiöse Gemeinde wird . Die Frage der Hermeneutik stellt sich demnach als eine Konstellation des In-der-Welt-Seins dar und zumindest im rabbinischen Judentum können die Interpretation und das Dasein der religi öse n Person nicht getrennt werden . Eine Trennung von Interpretation und Dasein entspräche, zumindest in der rabbinischen Uberzeugung, einer dualistischen Auffassung von Körper und Geist, welche, philosophisch formuliert eine Anthropologie beziehungsweise

Me taphy sik

ner als antithetisch z u ihrer Aufass un g begreifen, obwohl auch rabbinische Aut o ren sich ni ch t immer diesem Einfluß, wie im Werk von Maim on ides

sic htb ar,

Denkens ist desha lb, ungeachtet der Überzeugung von Gershom Scho lem

nicht auszuweichen. 2 Die Au se inandersetzung mit d e n unte rsc hiedli c hen Aspekten de s Gnostizismu s im viert en und fünft e n Kapitel di eses Bu ches

sc hließt sich

men euti sc he Argumentation kein eswegs vo n der Diskussion über das Dasein der religiösen Person trennt. So wird die a nthr o po logisc he Fragestellun g in d er hermeneutischen Di- men s ion fortgese t z t, nun jed och al s ein Aspekt d er Bez ie hung z wi sc he n der Person und der Schrift einerseits so wie de r Pe rso n und d er Welt andererseits. In diesem Kontex t mu ß die Besc häftigung mit dem Gedächtni s, als D asei ns - H er meneutik der Verbindung vo n Verga nge nh ei t und Gegenwart so wie de s Willens als eine H ermeneu tik der Gegenwart und Zukunft-Verbindung in-

griechischer

Prägun g", implizieren würde, welche die Rabbi -

de s rabbinischen

entziehen ko nnten . D er anti gnos ti sc he n Natur

deshalb fo lger ichti g an diese Ausführungen an, welche die her -

lObwohl se in Int~ressc hauptsäch lich d~n kabbalslisch~n Übc:rlicf~rung~n ga h. und diese müs-

S~n n icht . wenn ~r R « ht bc:häh. unbroingt r abbinisch s~in, w as ic h jed oc h in Frage mll~n möc hte.

16

EINLEITUNG

16 EINLEITUNG terpretiert werden. Im fünften Kapitel wird diese Fragestellung auf die (.rab- binische") Lesung

terpretiert werden. Im fünften Kapitel wird diese Fragestellung auf die (.rab-

binische") Lesung eines Textes von Paulus übertragen; denn weder ist Pau-

lus vom rabbinischen Judentum abzulösen, noch von einer Teilnahme an

einer Diskussion zur Auslegung des rabbinischen judentums in dessen hi- storischen Kontext auszuschließen - dies gilt sowohl hinsichtlich der Frage

seiner Quellen als au ch seiner Wirkungsgeschichtc. Das Gewicht

gorien

der Kate-

Gedächtnis" und

Wille" beweist die grundlegende Bedeutung der

Beziehung zwischen .Geist" und

hermeneutischen Dimension der Religiosität. welche den Gegenstand die-

ses Bandes ausmacht. Im sechsten Kapitel wird das Beispiel einer konkre-

ten Ausbildung des rabbinischen Messianismus entfaltet, welcher ebenso in

messianischen Biographie" zum

der von mir gefaßten Beschreibung einer

Dasein".

also jener hier entwickelten

Ausdruck kommt. Dabei ist diese Form nicht unbedingt mit dem Messia- nismus in sämtlichen "rabbinischen Kreisen" identisch, ebenso bildet die- ser möglicherweise nicht die hauptsächliche Tradition dieser Erscheinung. Doch ungeachtet dessen beschreibt diese Form des Messianismus ein aut- hentisches Resultat der Logik des hermeneutischen Daseins in der rabbini- schen Frömmigkeit, in welcher die Hermeneutik der heiligen Schrift und des Lebens selbst zusammenfallen, so daß anhand der unausweichbaren Realität des Handelns der religiösen Person dessen Überzeugungskraft er- achtet werden kann.

In der .messinaischen Biographie" wird folglich ein Widersp ru ch sicht- bar, welcher eine Fesselung des M ess iani sc hen in der Wirkli c hkeit inhärent ist, so daß dieser nicht in der gnostischen Aufhebung d er Dim e ns ion des Menschen entgleitet oder dessen Neutralisierung in einer Rhet o rik des Ei- gentlichen-Seins, welches die Wirklichkeit negiert, vorgenommen wird. In diesem Widerspruch wird das Dase in als Person (ni ch t im metaphysisc hen Sinn) zugleich unmöglich und norwendig. Anstatt die Existenz des Menschen durch eine Welt der Natur oder der Gesellschaft in ihrer bloßen Gegeben- heit, nicht im Bewußtsein ihrer Veränderung zu definieren - in einer Di - mension beziehungsweise Wahrn ehmun g de s Individuums, in welcher er per

definitionem zu einem Teil der bloß vorhandenen

mitunter auch zu einem un zugänglichen oder sogar entfremdeten Teil der Geschichte - ist die messiani sc he Anthroplogie viel stärker auf die Existenz des Individuums ausgerichtet, wel chem eine Erfahrung des In-der-Welt-Seins

oder eines Seins-als-Ich und damit eine Erfahrung der Entfremdung zu- grunde liegt. Die Erfahrung das Leiden des Entfremdung konstituiert ein Sein als Ich. Wenn jedoch der philosophischen Konsequenz der Entfremdung als eines Dualismus von absolutem Seins und Wirklichkeit widerstanden

Welt und

wird, wenn das Individuum fordernd zu einem Wesen in

nicht einer anderen, alternativen, verklärten Wirklichkeit erklärt wird - ist das Individuum zugleich entfremdet und nicht entfremdet. Denn wenn die

Tiefe des Leidens, der Entfremdung wahrgenommen wird, ist die Unmög- lichkeit dieses Dasein zugleich gesetzt. Doch diese Unmöglichkeit bildet gleichermaßen die Basis einer radikalen Hermeneutik, welche die Hege-

gegebenen" Welt gerät,

dieser"

EINLEITUNG

17

mo nie der bloßen Gegebenheit. des Vorhandenseins in a11 ihren Aspekten erschüttert. Ja mehr noch: Die Unmöglichkeit des Daseins bildet zugleich eine Notwendigkeit. da das Individuum den eigentlichen Ausgangspunkt für die Erschütterung des Vorhandenen konstituiert. Gerade weil der Mensch (als Indiv id uum ) ein Wesen des In-Der-Welt-Seins ist. muß die Rea-

lität, um Realität zu bleiben (und damit auch der Mensch, um Mensch zu bleiben) radikal, in eine andere Realität verändert werden. Sie ist gleichsam diese", keine abstrakte, transzendente Welt, jedoch nicht jene gleich- bleibende Welt vor der Veränderung. Da diese Frömmigkeit, insofern sie

authentisch ist. die Illusion ei ner vollständi gen und endgültigen Verbesse - run g vermeidet, bleibt die Unmög lichkeit des Daseins notwendig ein Lei- den der Entfremdung, ein Limbus der Erwartung und bildet so die Energie der Veränderung . Es kann nicht genug betont werden, daß sich diese Ver- änderung nicht in der Dimension der Geschichte vollziehen muß; auch eine

Ich " in dessen Beziehung zur Welt,

Veränderung der Wahrnehmung

des

eingeschlossen in ei nem Sein der inneren Landschaft (d em Inneren des In- dividuum) kann einen Ausbruch der messianischen Energie bewirken. Doch eine Entsubstantialisierung des menschlichen Daseins, das sich gegen einen Dualismus von Wesen und Erscheinung wendet - einem Dualismus, wei-

cher in der bloßen Vorhandensein der Welt gegeben ist - wird unverzicht- bar. Danach wird ein Ich-bin-in-der-Welt-Sein begründet. in welchem die Gegebe nheit sowohl einer Wahrnehmung als auch dem Handeln unterliegt

und welcher die Rhetorik von

Mensch",

seitige Welt") immanent ist, Der Widerspruch des Daseins als einzige Dimension des menschlichen

Seins und der Unausweichlichkeit der Entfremdung für die religiöse Person, welcher sic h gegen die Hegemonie des Vorhandenseins richtet, findet hier in einer dreifachen Hermeneutik seine Rechtfertigung:

I, Eine Auslegung der jüdischen Schrift, wobei die eschatologische Di- mension hervortritt und in welcher diese um die Figur eines Messias einer Person mit einer hermeneutischen Biographie gestaltet wird. 2, Eine Aufführung der messianischen Heilsgeschichte in dem eigenen Leben, so daß di e Schrift durch ei ne lebendige Interpretation erweitert wird und das Leben der wirklichen Individuen einer Veränderung unterliegt. 3. Durch Interpretation, das heißt eine Hermeneutik dieses Komplexes in einer erneuten Distanzierung, so daß der Charakter des zu Interpretierenden nochmals in der Hartnäckigkeit de r Hermeneutik und des Seins, in de r wei- teren Entfaltung nach dem Tod sowie nach dem Ende der messianisch ge- deuteten Biographie erscheint. Selbst ein persönliches Phänomen wie die

Konversion'" unterlie gt einer Hermeneutik, so daß

Umkehr",

Freiheit von Sünde", kom mende Welt" (als

neue

dies -

neue Welt",

messianische Zeit",

Transformation"

oder

im Kontext dieses Beispiels von einer

zugehen ist und der Tod des ProtagoniSten zum abschließenden Ereigniss der Interpretation wird. Im siebenten und achten Kapitel wird die Wahrnehmung der Eschatolo-

hermeneutischen

Umwandlung" aus-

18

EIN LE nlJN G

1 8 EIN LE nlJN G gie im Sinne einer Daseins-Hermeneutik entwickelt, wobei die darin impli

gie im Sinne einer Daseins-Hermeneutik entwickelt, wobei die darin impli - zite spannungsvolle Energie zu unterschiedlichen Auswirkungen führt. Das siebente Kapitel stellt das Thema .Der Messias der Sohn vonJoseph" voran. Ich kann oder möchte die Behauptung, wonach .der Sohn von ]oseph" le- diglich ein zufälliges Epitaph für die Person Jesus von Nazarcth darstellt, nicht bestätigen. Diese Fragestellung würde allerdings einen geeigneten Aus- druck für die Brisanz des Kapitels über Rabbinischen Messianismus bieten. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um die Darstellung dieses Themas um

seiner selbst Willen. Vielmehr reflektiert diese Frage die Beziehung zwischen der inneren und äußeren Dimension des Menschen, hinsichtlich seines Han- delns sowie des Ereignisses in der Dimension der Zeit. Die Kontinuität der .inneren und äußeren Landschaft", welche man bereits in der Diskussion

über den

Substanz, in welcher die Hermeneutik immer zu einer Frage des Daseins gerät. Wenn eine Hermeneutik aus der inneren Überzeugung des Menschen erwächst und damit die Realität der Welt mehr als nur tangiert, bildet das Handeln ein Messinstrument für die Umbrüche eines Daseins-in-der-Welt.

des Herrn" im dritten Kapitel verfolgen konnte, bildet eine

Tag

Daß das Problem der Zeit hierbei ebenso reflektiert wird, impliziert, daß die Daseins-Hermeneutik das Sein in der grundlegendsten Form von Zeil und Raum, damit die Substantialität des Seins betrifft. Daß eine Analyse der Frage

Zeit" folgt, verweist auf den Anspruch hinsichtlich der

Seriosität des Eschatologischen, das nur in der Geschichte seine Bestätigung

betont das Gewicht der

menschlichen Entscheidungskraft in der rabbinischen Wahrnehmung der

Realität. Hierdurch wird die Gegenwart zur grund legenden Substanz de s Daseins in der Zeit; und das Apokalyptische rückt gefährlich nahe an die • Wirklichkeit seiner Verwirklichung". Im achten Kapitel wird die Umformung einer herkünftigen Landkarte

versc hiedener

gi ö sen Welt noch ko nsequenter. Nicht nur das

findet . Die zen tr ale Frage vo n teshuwa (

der

apokalyptischen

Umkehr")

Land schaften" in eine hermeneutische Geographie der reli -

Innen" und

Außen" fallen

in der Substanz des Handclns zusammen; sogar das Jenseits" erweist sich ledigli ch als eine anderer Parameter des Daseins, zusätz lic h z um "Diesseits":

Beide zusamme n umreißen ein In-der-Welt-Sein, anstatt einander gegensei-

tig ausschließende Landschaften zu konstituieren. Die Spannung zwischen der Unmöglichkeit und der Notwendigkeit, die innerhalb einer historischen Eschatologie nur unendlich ausgedehnt wird, ist in einer hermeneutischen Auseinandersetzung mit einer so nicht-eschatologisch denkenden Figur wie des biblischen Ijob viel wirkungsvoller, als sterile Endzeit-Phantasien. Die Analyse eines, für den modernen Menschen archaisch anmutenden Themas wie des Tempels in Jerusalem im neunten Kapitel rückt die Bedroh - lichkeit der Gegenwart vor Augen. Der Wahn der Kraft im Auftauchen von

und Macht" (Elias Canetti ) ist immer allgegenwärtig. Der Tempel in

Jerusalem, noc h mehr die phantastischen Projekte seines Wiederaufbaus mögen

in welthistorischen Proportionen von geringer Bedeutung sein; ungeachtet dessen bildet dieses Phänomen einen Moment antihumaner Substantialität.

Masse

EINLElllJN G

19

Was nützt es, wenn "die Mächte di e sind" mit dem eigenen Wahn des Hero- diani sc hen Aufbaus imm e r di e kleineren Egomanen der Lächerli c hkeit preis- geben, welche jedoch eine absolute Ernsthaftigkeit der Bedrohung des Humanistischen darstellt? Der Glaube an eine Hegemonie des Substantiel- len scheint hoffnungslos hartnäckig zu sein. Der englische Philosoph Alfred

Norm Whitehead prägte den Begriff

Vielmehr muß man hier den Irrtum der fälschlich wahrgenommenen Macht betonen, obwohl ich dies bewußt, unter Einschluß des Vorwurfs von Nai-

vität, formuliere. Es ist keine Hermeneutik erforderlich, um gegenüber einer Macht der bloßen Substantialität und Masse kritisch zu sein; aber es sind

außerordentliche hermeneutische Fähigkeiten, und zwar im Handeln

wendig, um einen Tempel errichten zu kö nnen, der genauso wirksam wie die

se und Macht" ist

- ein Tempel des Guten, welcher in das Leben treibt und nicht ein Tempel des Bösen, der in Aufopferung und Vernichtung mündet. Die Frage des Wahnes der Masse a1s einer . Anti -Hermeneutik", eine An - betung des bloßen Vorhandenseins anstatt eines Humanismus führt, wie

Bruta1ität des stummen, erobernden Auftauchens in

fallacy of mi spla ced co nc reteness".

me

no t-

Mas

konnte es anders sein, zum Bereich des Historisch-Mythisc hen, das sich für

Rom gegen Judäa, Judäa gegen

die Rabbiner in der Konfrontation von

Rom" wie Friedrich Nietzsche dies paraphrasierte, herauskristallisierte. Das

eigentliche Interesse für dieses Thema kommt jedoch klarer im zehnten Ka-

pitel zum Ausdruck . Ich denke nicht, daß das Ziel von Nietzsches Religi-

o

nskritik nur als ein Gegengewicht zum Ressentiment, das die religiöse

P

erso n vorgeblich hegt, zu verstehen ist. Die Wirkungsgeschichte Nietzsches

hat allerdings wenig mit einem bloße n Ressentiment zu tun. Seine Typolo- gien bilden historisch formuliert, tatsächliche Kategorien der menschlichen

Katastro ph e. In die se m Sinn erzeugt die s eine Ernsthaftigk eit, welche viel e Theo logen in Verlegenheit bringe n kann. Dieses Kapitel wurde mit unter der

Bezeic hnun g

text se iner Wirkungsgesc hi chte z uglei c h einen Zerstö rer überkommener Ideale und einen Entdecker des Neuen verkö rpert. Die Frage des H erme- neuti sc hen ge riet in den ve rgan genen z wei Jahrhunderten zu einem bewuß - ten Problem; vielleicht markiert diese ebenso das Problem der ausgehenden Epoc he . Die Tragödie der sich herau sbildenden Epoche ist möglicherweise in dem Glauben an eine Welt im bloßen Vo rhandensein, der Gegebenheit. in einem .co mmo n sense" der Wahrnehmung der. Wirklichkeit" begründet,

welche sich überzeugender al s jede Form ei ner .Ideologie" e rwei st; doch zu - gleich eine Abwertung des Humanisti schen, der Daseins- Hermeneutik in

Wirklichkeit" impliziert . Ich hoffe, daß

Ikono klastis che Herm eneutik" gefaßt, da Niet zsc he im Kon-

einem Dualismus von

Idee" und

dieses Buch einen Beitrag zum Verständnis der Hermeneutik als Aspekt des In-der-Welt-Seins leisten und welches die Freiheit des Letzteren zum Aus- druck bringen kann . Nicht di e mens chli che Freiheit ist für die Katastrophen der Geschichte zu verantworten, sondern die Anbetung des Vorhandenen, der Gegebenheit, ohne den Willen und die ethische Herausforderung zur Veränderung der ungerechten Wirklichkeit.

20

EINLErruNG

20 EINLErruNG Dies führt, und die Logik ist unwiderstehbar, zum Thema des elften Ka - pitels

Dies führt, und die Logik ist unwiderstehbar, zum Thema des elften Ka -

pitels

Die

Ikonographie der Unmöglichkeit Gottes", Eigentlich müßte das

Thema

Die

Ikonographie der Unmöglichkeit, des in der Ikonographie dar-

gestellten Gones" lauten. Das Ziel dieser Darstellung besteht in deren

Übersetzung in

und der Macht des Darstellers, also des eigentlichen Auftraggebers. Das alt- testamentliche Gebot gegen die Ikonographie schließt ein Verbot und kei-

nen Ausdruck der Unmöglichkeit der Ikonographie selbst ein. Leider kann man nicht von der Annahme ausgehen, daß das Alttestamentliche immer mit der Machtlosigkeit Gottes in Verbindung steht. Selbstverständlich be- zeichnet der Triumph des Alttestamentlichen im historischen Christentum und im Islam alles andere als eine Absage der Dimension von .Masse und Macht". Vielleicht befanden sich die Juden allzuoft in der fragwürdigen

Lage des

hinkenden Jakob" (siehe zehntes Kapitel), so daß sie dem

verlockenden Wahn der Brutalität widerstehen konnten. Die Analyse des talmudischen Textes im elften Kapitel erweist die Unmöglichkeit einer .Übersetzung" Gottes in die Eindeutigkeit einer plastischen Darstellung; die Ikone muß .zerschellen im Moment ihrer Vollendung" - zumindest in

dem hier gefaßten Sehnen einer Interpretation. Nur der unvollendeten Ikone kann, wenn überhaupt, eine Form von Beständigkeit zukommen. Das Hermeneutische soll seine Überlegenheit gegenüber dem Ikonographi- schen, zumindest dem "heidnisch Ikonographischen", wenn man diese Dif- ferenzierung akzeptiert, erweisen. Der Versuch, eine Form des Nichtentfremdet-Seins und zwar •

den Quellen des Judentums" entwickeln zu können, wird in dem Werk Hermann Cohen's formuliert. Cohen ist kein Denker des "In-der-Welt- Seins", so daß der Frage der Entfremdung in seinem Werk keine zentrale Stellung zukommt. Dies bedeutet jedoch nicht, daß sich Cohen dieser Frage nicht bewußt war. Doch die Intensität, mit welcher Hermann Cohen das Sein-in-der- Zeit in der Dimension des Werdens in die Zukunft umer- suchte, in welcher Gon die Möglichkeit, ja die Berufung des Erhabenen bildet, kommt dem Streben Sisyphus' gleich, das ungewollt, eine Energie des Mitmachens enthält: hätte Sisyphus zurückgeschaut, bevor der Stein zurückrollte, so hätte er die Physiognomie der Liebe - wie Orpheus - viel - leicht verloren, und damit auch seinen Glauben an die Götter, welche ihn zu diesem Schicksal verdammten. Eine Einbeziehung der Frage der Ent- fremdung in das Denken der Welt würde die Wahrnehmung der Substan- tialität der Welt radikal ändern, so wie dies ebenso eine Metamorphose des Seins Gottes impliziert. H. Cohen war in bestimmter Weise dem deutschen Idealismus verpflichtet: Die Versuchung der Metaphysik führte ihn zu einer Erhebung, welche zwar die Welt in ihrer Konkretheit in Frage stellte, sich jedoch nicht überzeugend gegen den Verdacht hinsichtlich der Nich - tigkeit des Menschen in seinem Sein als .bloßer- Person wendete. Der Schmerz der Entfremdung stellt jedoch alles andere als eine bloße Leicht- sinnigkeit im Umgang mit der Welt sowie der Individuen in ihrer Konk-

Masse und Macht": die Masse der Präsens im Künstlichen

aus

EINLElllJN G

21

retheit dar. Cohen's Überzeugung eines Fortschritts in der Entwicklung ist der Charakter des Phantastischen inhärent. Dies verweist auf die tiefe Er- kenntnis hinsichtlich der Grö ße der Entfernung : aber es verbleibt eine Ver- drängung des Wissens aus d em Bewußtsein, wie unentbehrlich die eigene Entschiedenheit auch ist, welche den Abgrund zwischen der Unmöglich- keit und der Notwendigkeit beschreibt. Dabei gehe ich nicht von der Annahme aus, daß sich H . Cohen der Pro- blematik der Hermeneutik existentiell bewußt war. Aber seine Religion der -

schaft des Judentums" eine Jahrhundert-Programm für eine Hermeneutik

der jüdischen Tradition in der Moderne. Cohen plagte keine Skepsis in sei- nem großzügigen Umgang mit den jüdischen Quellen, da er sich wesent-

gründete.

Hermann

Cohen damit selbst zu einem Symbol eines bestimmten In-der-Welt-Seins jüdischer Existenz. so daß eine Auseinandersetzung mit Cohen's Herme- neutik, wie dies im zwölften Kapitel unternommen wird, unvermeidlich wird. Biographie und Lebensgeschichte. selbst wenn dies nicht beabsich- tigt oder gewollt ist. widerspiegeln immer eine Hermeneutik, was letztlich

auch auf die Authentizität des Philosophen und Religionswissenschaftiers Hermann Cohen verweist.

Vernunft aus den Quellen des Judentums bildet im Kontext der

Wissen

lich auf den nicht rabbinischen Geist des Moses Maimonides

Aufgrund seiner

nicht-hermeneutischen Hermeneutik" wird

1. Teil:

Kanon und Auslegung

0004 114B

1. Primäre und sekundäre Lesungen

1.1. Die Definition des Midrash - Zur Phänomenologie des heiligen Textes

D er rabbinische Begriff d~sMidrash bezeichnet die Auslegung der heili- gen Schrift gemäß der Uberzeugung des darshanim (die Autoren des

midrashischen Oeuvre; eine Literatur, welche noch vor der Geburt Jesus von Nazareth's entstand, deren Formulierung und Weiterentwicklung in das Mit-

telalter hineinreicht und die Erneuerung der gesamten Geschichte und Le-

bens des rabbinischen Judentums begleitete) wonach der Kosmos ihres

eigenen religiösen Verständnisses bzw. der Gemeinde vollkommen identisch

mit dem Kosmos des re ligiösen Verständnisses der heiligen Schrift und mit

dem des Abschnittes ist, welchen sie - nach ihrer Auffassung - erklären möchten.

Da gemäß dem Verständnis der darshanim die heilige Schrift eine Ausle- gung erfahren muß, erweist sich die Heiligkeit eines bestimmten Textes nur dann, wenn diesen die "lesende Gemeinde" erfaßt. Mit anderen Worten: der Wert einer heiligen Schrift liegt nicht unbedingt darin, die Struktur und An-

ordnu ng der Worte selbst

Bestreben, daß der Zuhörer die Empfindung erhält, als ob ihm der Text gleich dem Empfänger einer bedeutsamen Botschaft übergeben beziehungsweise vermittelt wird. Das Gelesene, der Text, tritt mit ihm in eine Kommunika- tion, dieser "spricht mit ihm'" Der Hörende nimmt durch sein aufmerksa- mes Zuhören zahlreiche Informationen, deren er bedarf, auf und welche für ihn von allergrößtem Interesse sind. Hierin hebt sich eine heilige Schrift von einem Objekt des Fetischismus ab. Durch letztgenanntes Phänomen wird der

Text als eine Tatsache an sich geheiligt. Wenn dies auf einen Text anwendbar ist - und es soll ja auf ihn zutreffen ( !) - erscheint dies äußerst nützlich und wirkungsvoll. Demgegenüber ist die Heiligkeit eines Textes entsprechend der heiligen Schrift wie eine "torah" (Lehre), welche sich erwiesen hat und kei- neswegs bloß gegeben ist. Die Heiligkeit des Textes zeigt sich nur, wenn man den Text liest, und dessen Inhalt und Aufforderungen aufgreift. Die Ehre, die man den Büchern mitunter erweist, ist hierdurch begründet, dies ist jedoch

aufzugreifen, vielmehr steht im Mittelpunkt das

die Folge und nicht die Ursache der Handlung. Wenn aber in der

gung" des Textes die eigentli che Funktion seines Lesens begründet ist, wird der Weg, den die Gemeinde zurücklegt, also das verstehende Lesen der

Heili-

0004 114~

26

I . T EI L: K A NON U ND A US L EG UN G

Schrift, zum Festsetzen der Heiligkeit dieses Textes. Die .,einfache Er- klärun g" ist also nicht ei ne Auslegung der Schrift für sich genommen, son- dern diese wird immer etwas sich stets (Neu- )Erweisendes implizieren, da die jeweilige glaube"nde Gemeinde als ein von ihr untrennbarer Teil wirke Eine .,Gemei nde" ist für di eses Geschehen unbedingt notwendig, denn nur

in ihr entwickelt sich eine Anschauung von

iese ner Wahrheit", wenn der

erw

Text se lbst bezeugt, daß er eine

he ili ge Schrift" ist. Auch unter einem ent-

wicklungsgeschichtlichen Aspekt - d.h. aus der Entdeckung des Entstehens dieser Tex te , resultiert d er Zusammenhang und di e Notwendigkeit ei ner Ge - meinde von Glaubenden. Wenn das auslegende Lesen der heiligen Schrift im Kosmos des religiösen Verständnisses der Gemeinde geschieht, meint dies die Welt, in der der dars- han als Ausleger wirkt. Möchte man also den Midrash er klären, ist es not- wendig, zu nä chs t diese Welt zu erkennen. Diese Notwendigkeit stellt ein

ernstes Problem für un s dar, da uns die Worte der rabbini sc h en Gelehrten

einem besonders schwer zugänglichen Genre erreichen: Sehr kurze, eine in sich geschlossene Einheit bildende Abschnitte, die durch eine spätere Re- daktion zu größeren Textsammlungen zusammengefaßt wurden. Manchmal fällt es schwer nachzuvollziehen, inwiefern eine bestimmte Anzahl verschie- dener Abschnitte auf einen Gelehrten zurückgeführt werden können. Wie

findet

mos, in dem sich die Texte der rabbini sche n Gelehrten herausbilden? Ist es hi erbei ausreichend, sich auf Analogieschlüsse zwischen den Aussprüchen verschiedener Gelehrter zu beziehen, oder muß man sich auf di e Untersu - chung der Redakteure beschränken? Das midrashi sc he Genre bietet hin ge- gen eine besondere Gelegenheit, den Tex t, welchen man einer Erklärung unterziehen will, zu "erweitern". Das obe n Gesagte erschwert zwar auf der einen Seite die Au slegungsarbe it, da sic h der Te xt, den man zu er klären be- absichtigt. in einer e rw eite rte n Welt, dem Kosmos de s jewe ili gen religi ösen Verständnisses. vollzieht. Aber dieser Aspekt kann ebe nso als Beförderung und Unterstützung angesehen werden; näm lich dann . wenn sic h der Text dank dieser Auslegungsarbeit deutlich erweiterter zeigt. als man ursprüng- lic h annahm. Wie berei ts betont. legt der dar shan die Bibel im Kosmos se ines e ige nen reli giöse n Verständnisses aus. Er ist überzeugt, daß dies jene Welt ist, in der

der Text seine Erklärung findet, und sich so als eine

Der seine Erklärung findende Text ist für den darshan ein Text, in dem Aspekte jenes Kosmos eines religiösen Verständnisses zum Ausdruck kom- men , in dem er als Ausleger wirkt, d.h, er findet sich - ebenso wie ein ande-

rer Angehöriger der religiösen Gemeinde - sel bst im Text. Wenn man nach jen en darshan, seiner Welt und sei ner Gemeinde forscht, dann ist es auch möglich, diese in den biblischen Texten selbst aufzufinden. Wenn man in der Lage ist, die Texte der heiligen Schrift so zu verstehen, wie sie der darshan verstand, dann erweitert sich der Text, den man erklären will, auf das Maß der Bibelverse, über die der darshan spri cht, oder sogar darüber hinaus .

in

man jedoch in ei ner solc hen Situation Zugang zu dem jeweiligen Kos-

heilige

Schrift" erweist.

I.

PRIM Ä RE UND SEK UN DÄRE LE SUNGEN

27

Zunächst ist zu beachten , d aß di e Midrashim nicht über die Versfragmente und auch nicht nur über die in ihn en erwäh nten Verse sp rec hen; im Allge- meinen beziehen sie s ich auf eine seh r große Einheit, auch wenn die überlie - ferten H andsc hriften die Menge der zitierten Worte auf ein Minimum besc hränken, was allein z um Verständnis notwendig ist. Dies soll im Fol- genden an Hand einiger Beispiele veranschaulicht werden, I

1.2. Sekundäre Lesung des darshan - primäre Lesung der religiösen Gemeinde. BT Sanhedrin 90b

Es gilt, zwischen zwei unt ersc hi ed li chen Bestandteilen der midrashischen Auslegung zu unterscheiden. Anfangs stoßen wir auf die Behandlung der Bi-

belverse durch den darshan; er will etwas leh re n, etwas Neues formulieren , verschiedene Veränderungen an den Begriffen vornehmen, um einen Sach- verhalt, welcher ihm insbesondere wichtig erscheint, ausdrücken zu können.

Diese H andlung

werden, weil der darshan anstrebt, die Schrift in der Art zu lesen, als ob man

sich mit dem Midrash beschäftigt. Dies bezeichnet nur ein sekundäres Lesen

- da auch d er darshan davon au sg ehen muß, daß es noc h andere Möglich-

keit en gibt, die Schrift zu lese n. Dem darshan ist aber sei n Vorgehen, das

manchmal wie ein reines Spiel mit Worten erscheint, trotzdem ermöglicht, da er das VerS[ändnis ei ner ganze n biblischen Einheit zugrunde legt. Auch

dies stellt eine Auslegung dar, wenn auch ni cht im eigent lichen Sinn, denn im Allgemeinen handelt es sich um eine Angelegenheit oder Neuerung des dars- han selbs t . Er liest die heili ge Schrift so, weil di e Schrift im Ko smos seines religiösen Verständnisses, dem Kosmos seiner religiösen Gemeinde, durch di ese Au slegung zu einer heiligen Schrift wird, Hier kann tatsächlich von

Lesen" gesprochen werden, da dies di e selbstvers tändli che Er-

aus jener Gemeinde erfaßt; er liest wirklich

klärung für den

dem Begriff

genannt

der Auslegung so ll im Folgenden jedoch

Lesen"

Glaubenden"

so - mitunter ohne darauf zu achten und manchmal sicher auch derart, kein e Notwendigkeit zu verspüren, die Besonderheit dieses Lesens zu fo rmulieren, da es für ihn die "ei nfache Erklärung" des Textes bildet. Dieses Lese n so ll mit dem Begriff primäres Lesen bezeichnet werden.

Das sekundiire Lesen betrifft die Aufgabe des darshan; da s primäre Lesen dagegen ist die Angelegenheit der religiösen Gemeinde - nicht der Gemeinde

1 Das Buc h: A.R . E. Agus . The BinJing of l saac and Messiah: Law , MarryrJ om and Deliver-

anct in Early Rabbinic Religiosity. State Universüy Press New York, 1988, beschäftigt sich mit ei ner ausführlichen Darstellung d er speziellen Frage nach den Texten, auf die sic h d ie Midras -

~twa der nac h dem Verhältnis zwi -

hirn beziehen, sow ie auf die damit verb undene n Fragen,

sc hen den da rshanim und d e r heiligen Sch r ift, und d~r nach den verschiedenen Weisen, auf die ei n Midrash entstehen kann. Während dort aber die Methode im Allgeme inen nur implizit ge -

geben ist, sollen die Dinge hier tigkeit di eser Method e erweis t

in einer methodo logische n Form darges tellt werd en. Die Rich - sic h jedoc h nur an h and vieler gesammelter Textbelege,

0004 114~

28

1. TEil : KAN ON UND A USLEGUNG

im weitesten Sinn, aber jenes Kreises, in dem der da rshan wirkt und ausle-

und geehrt wird,

gen kann , in welchen er verstanden, in dem er empfangen

jener Gemeinde also, dank der sei ne Worte auf einer ersten historischen Stufe bewahrt werden. Aufgrund des Umstandes, daß dieses Lesen in einem Kreis aufgenommen und "geheiligt" wird, kann es auch auf Menschen and erer Kreise überge hen und d ort bewahrt werden. Ein Beispiel für die R ed akti on vo n Midrashsammlungen ist d erjenige, der die Worte eines bestimmten dars- han in seinem Buch sammelt, auch wenn er sie nicht immer versteht. Wenn man das primäre Lesen der Schrift rekonstruieren könnte, a uf d as

sich der darshan bezieht, dann könnte man wirklich davon ausgehen, daß die Worte des darshan mit den Versen d er Bibel im Zus ammenh an g stehen und

so ein e Art Spiegel des primären Lesens darstellen, welcher d en Text in eine r

bestimmten, veränderten Form faßt . Dann ve rstünd e man ni c ht nur d as

se-

kundäre Lesen durch den darshan besser, man wäre auch in der Lage, in die Welt jenes reli giösen Verständnisses einzudringen, innerhalb dessen dieses Lese n der heiligen Schrift vo rgen ommen wird. Und fern er so llen ja ni cht nur die Worte des darshan erörtert, sondern auch das religiöse Verständnis er- gründet werden, der Weg also, welchen die Gemeinde, die sich auf diese Welt bezieht, beschreitet. Es so ll über di e "Wa hrh eit" jener Gemeinde gesp rochen werden, über das r abb inisc he Denken, oder richtiger über das Denken eines der Kreise, die in dem rab binische n Bereic h leben und wirken, d en man im

Allge meinen ve reinfache nd als den

Die Suche nach dem prim ären Lesen ist gerade dann m ögli ch, wenn es sic h um eine n prob lematisc hen Midrash ha ndelt - und daran mangelt es ja kei - neswegs! Wenn das Lesen der Bibel durch den darshan ni cht üb er zeugt, we nn es vö lli g unverbindlich ist, und sich auf Wortspielereien stütz t, weit-

hergeholt z u se in schei nt, dann kann man d as o.g. hinsichtlich des se kundäre Lesen außer acht lasse n . Wenn jedoc h das Kenn ze ic hen d es seku nd ären Le-

se ns durch die man gelnd e Fähigkeit, überze uge nd z u sein, gepräg t ist, stellt

rab b ini sc hen" bezeichnet.

s ich

die Frage, welche Aspekte den darshan sel bs t überzeugten. Di es bietet

eine

Möglichkeit des Z uga ngs z um prim ären Lesen, welches ja das sek undäre

Lesen für den darshan legi tim iert. So kann man sic h ebenso gen, o b di e Umkehr des primären Lesc ns, di e in den Augen

ze ptabel, viell eicht sogar " notwendi g" ersc heint, gerec htferti gt ist . Man er ke nnt hi erbei , daß d as sek undäre und primäre Lesen im Allgemei- nen unterschiedliche Schichten darstellen; die meisten Midrash- Leser jedoch

nehmen nur das sekundäre Lesen wahr, und zum Teil erklären sie dies zum ,.rabbini sc hen Verständnis"; in de m Versuch, irge ndeine "G ram m atik" oder ,.Philo logi e" zu entdecken, welche charakteri sti sc h für die rabbinischen Ge-

leh rten sei, oder irgen de in e

Sachverhalte zu erklären, welche überhaupt keine Bede utung haben - solan ge

di ese allein für sich bleiben . Daher wird das primäre Lese n der heiligen

Schrift zugunsten des sekundären Lesens übergangen, o hne daß an ihm eine Untersuchung auf sync hro ni sc he und di ac hro nische Schichten vo rgenom- men wird. Wenn man jedoch anstrebt, auf der G rundl age des Verständnisses

davon überzeu -

des dar shan ak-

Art

des Denkens". durch d ie es möglich wäre,

I . P RIMÄ.RE UND SEIC UNDÄ.Rt:

LESUNGEN

29

des sekundäre n Lcsens das primäre Lesen zu entdecken und zu bestätigen,

d ann is t es an d ererseits e rl aubt, d as se kund ä re Lesen h era usz u sc häle n (zu sondern), u nd sich auf das prim äre Lesen zu ko nze ntri eren. Wenn man auf de m Weg des se kund äre n Lese ns in d as p r im äre eindrin gt, wird man auf de m Weg zur D eutun g ein es Zeic hens d en r ic htigen Weg beim Suche n nac h de m

rabbini

sc hen D enken " finde n.

Di eses Kapitel so ll a n hand z w eie r Be is pi ele so w o hl di e Ge läufi gke it d er

z

w e i beschr ie be nen Arte n d es Lese ns, al s au ch d en ge dankli chen Hint er -

g

ru nd u nd di e Bedeutu ng des primären L ese ns aufze ige n. Au ßerd em soll d as

ve rb orgene Po ten tia l der h ie r ve rw e nd ete n M eth od e ve ransc hauli c hen, auf

welche We ise de r bi blische Text durch d as prim äre Lese n mit den Wo rten d es darshan einen Zusammenh ang erhält und beide sich zu einem neuen erwei- terten und transpare nteren Tex t ve rb inde n . Es ist mög lich, daß sich aufgrund des Verständnisses und Bewußtwerdens solcher neuer Texte der Z ugang, durch wel chen m an, d as für un s oft du nke l und undurchsic htige rabbini sc he Denken betrachtet, eröffn et .

Römer fragten R. J ehoshua ben Chananja: 2 Woher (ist zu erschließen), daß der Heilige,

gesegnet ist er, (die) Toten (wieder) belebt und weiß, was (in der) Zukunft zu sein (pnegt)? Er spr2ch zu ihnen: Beides (ersieht nun) von diesem Vers, denn es heiSe .Und der Herr

sprach zu Moshe: Siehe, du (wirs t) liegen mit

ses Volk und hu ren" (Dt n 31,16). A ~r wa ru m (heißt es dann ): .Un d aufs tehen w ird dieses Volk und h uren" (D m ) I , 16)? ! Er spr2ch zu ihnen: Ih r hahe t zu mind es t d ie Hä lfte in eu r en H änd en, (nämlich) d aß er (sc. Gott) weiß, was (in d er) Z u k u nft zu sein (pfl eg t).l

deimn Vätern u nd auf(e r)stehen - wird die-

Hie r wu rd e di e Interpunkti o n so geset z t., daß

d ru cks

Mos

he" zum Subjekt d es Aus-

u nd auf(e r)ste hen " w urde; dies ist abe r vo m Standpunkt d er Sy ntax

ve rtre ten . Z un äc hst is t man d a he r vers uc ht , es fü r etwas, was

so d ahingesagt" wu rd e, z u halt en, dessen Q uelle in ei ne r u nre-

aus nich t z u

einfac h nur

ne kti erte n Übe rlie fe run g - in eine r Gedank e nsp iele rei , we nn m an so wi ll - , zu finden ist. D en Tex t mit dieser Begrü ndun g be ise ite z u lege n, läge vielleicht nahe, wen n es ni cht Parall elen zu ihm gäbe , w ie etwa di e Fo lgend e:

Is i ~n J ehuda sagt : Fünf Wöne r gibt es, die in d e r torah kei n Übe r ge w ich t h abe n : .E r he - bung" (Gen 4,7), ~Verflu cht" (Ge n 49,n, . Mo rgen " (Ex 17,9), . Mandelfönnig" Ex 25,34 ) (und) "U nd auf(er)stehen" (Dtn 3 1, 16). Wohe r (begründet sic h diese Aussage über) "E r-

hebung·? ( H eißt es):

Ist es ni cht , wenn du Gutes tuSt , Erhebung (sc. Ehre)· (G en 4,7)

1

Im Werk DiltdHk~iSofrim ( R. Rabbin oviczl H. Ehremreu, Variae leetiorle5 in M ischnam et in Talmud Babylonicum, München 1867- 1897 (N D : New Yo rk, 1960» werden eine Reihe von HS gebracht, die hier die Lesan .ben levi" stau "ben Chanja" aufweisen. Das Lesen des Aus-

druckes .und auf(er).s:tehen" in dem Textbeispid gebrachten Sin n findet sich aber noch öfter in

de r tamitischen Übe r liefe ru ng, SO kommt es in bSa n h 90b Formu lieru ng vor; vgl. h ierz.u die im Folgenden gemachten

au c h noc h einmal in ei n e r anderen Ausfü hrunge n u nd A nmer ku ngen.

)

bSanh 9Gb; vgl. don auch d ie analogen A ussprüche von R. Gamliel un d von R. Joc hana n im

Namen R. Shimon ben Jochajs; vgl. hierzu den oben fo lgenden Q ue ll entex t.

30

J. T EI L: K.ANO N UN D A USLEGUNG

3 0 J. T EI L: K.ANO N UN D A USLEGUNG ni c ht G

ni c ht G Ut es tU $t~ (ebd.)?

( He iß t es): ~Ve rflu c ht (i 51 ) ihr Z o rn , w ei l e r st'uk i st" ( G e n 49 ,7) ode r. " D e nn in i hr em Zorn habtn sie einen Mann getö tet und in ih re m (Mut)wille n ze rsc hnitte n sie (de n) ve r-

od e r ( H eiß t es):

~Erh e bun g (sc.

H

i nri c ht u

ng ) (is t es), da du

nuchtcn Ochsen" (Gen 49.6f. )? ( H eiß t es):

Mo rgen ste he ich auf d em Gipfel des H ü gels "

( Ex 17,9) oder: "Z ie h aus, (u m) mo rge n gegen Amale k zu kämp fen" (ebd .) ? ( H eiß t es);

"Mand eIfö rmig (si nd) seine Knäufe u nd ihre Blü ten ( Ex 25,34 ) ode r: " Am Leuc hte r vier

mand eIfö rmige Kelch e" (ebd .)? ( H eiß t es): "Und aufste hen wird d ieses Vo lk und h u ren"

(Dtn 3 1,16) od er : "Si ehe, du ( wirst ) mi t d eine n Vii te rn liegen und auf(e r)stehen " (e bd .)

D i ese fünf Wön e r gibt es in d e r lorab, d e n e n kein O bt rg~wicht ( zu eig~n) i s t . S

Im Vers a u s d er R ede K aj in z u Go tt is t es tatsäc hl ic h möglich , di e Interpun k - tion z u veränd ern , o hn e d as Ve rs tänd n is p roblema ti scher z u ges tal t en, al s es ohned ies d er Fall ist. 6 Bei de n Wo rten des "J akob-Segens" über die Brüd er Simeo n und Levi ist es z wa r vo m Standpunkt de r Syntax au s sc hwerli ch mö g-

li ch, d en Begriff " ve rflu c ht " m it d em in Vers 6 erwä h nte n "O c hsen" z u ve r-

binden , jedoc h erkl ärt s ich di es au s einem theo logisc h en Z w an g h erau s: Is t es

d e nn m ~g lic h, daß L ev i

rflu c ht " i s t ?! D as W ese n d e r T ex t ze i l e " E s g ib tfü r

es kein

t heo log isc hen Standpu n kt au s ein u nproblem ati sches Lesen z u e rm öglic hen.

Bei d er Beschreibu ng d es Kri eges gegen Am alek

log isc he n U nterschied z w ische n den be id en A rte n d es Lesens - verbund e n mit d er Frage, was z uerSt stattfand , d as Gebe t ode r d er Kri eg. J ed oc h ist das :

E s h at ke in Ü b er gew icht " hi er d er Sy ntax d es Ve rse s ge m äß, un d es is t tatsäc hl ich mögl ich, d iese n auf d ie beid en ge nannten Verst ehe nsart en zu lese n.

Auch bei der Beschreibung des Leuchters eröffnen sich beide Lesarten glei-

cherm aßen. Wel che N o twendi g keit aber best and, d as Wo rt aus de m Ve rs über

d as Sterbe n M os hes herauszu reiße n und in eine e rz wun ge ne Ve rbi nd u ng zu

integr ie re n ? Is t es an zu ne hm e n, d aß das

ha lb zu r A nwe ndun g ko mm t, we il ma n irge ndei ne n Vers in d e r Sc h rift finden

ve

Ub erge wi c ht " ist h ie r d as Bedürf ni s, d en Vers z u befr e ien, um vom

gib t es zwa r auch eine n t heo-

Es h at kei n Übe r ge w ic ht " nu r d es -

wo llte, d er e inen

H inwe is" auf die Wiede r beleb u ng d er To t en liefe rt ? U nd

de n noc h wäre d as "Es hat kein Übe rgewi cht " so seh r im Lese n des darshan

ve rw u r zel t, d aß e r a u c h dies e n Ve r s mit d e n v ie r a nd e r e n aufzäh lt, b ei d e ne n

au ch u ns kl ar is t, d aß

ni cht übe r etw as ges proc he n, d as " nur so d ah ingesag t" w urd e, so nd ern es

h andelt s ich um e in Lese n , de sse n M ög lic hke it für de n darshan vö ll ig kl ar ist;

für sie k ein Ü bergewic ht h aben"?! A be r h ier wi rd

es

in

se in en Wo rten ist der fr agl ich e Vers n u r der Fes tste ll u ng a ngegliedert, d aß

es

Verse gib t,

die ke in Übergewic ht ha ben" - ei n Sachverhal t, welcher au ch

o h ne d iese n Ve rs z utr äfe . M a n kö n n t e d ur chaus sage n, daß d ie Wo rt e des

darshan bezeugen, daß d ie Mö glichkeit dieses Lesens scho n vo r se ine r Zeit ve rbrei t et w ar. Wenn d ies in bSan 90b wirklich z u m A usd r u ck ko mm en so llte, st ellt sic h d ie sofo rt Frage, wa rum d ies so ist. Besc h äfti gt m an sich m it d e m se kund äre n Lese n, gib t es kein en Zwei fel

S M ~c h , dAma l e k I , z u Ex 1 7 ,9

( e d .

H o ro w itz- R ab in , J ~ru sa lem, 1960 , 179; vgl. die do rt i ge n

Anmer kungen); vgl. zu G~nR 80 (~ .Theod o r- Albeck, zu 34 ,7, 95 7f.) abweichende n lesan en.

z u Parall eltexte n und

, Vgl. hierzu etwa Targum On kelos, wo man alle rd ings gez wun ge n war, Wo ne hinzuzufüg r n.

um d en Vers zu v~rstehen.u nd Ibn E sra zu

G en 4,7 (Sta nda rd - Ko mm e nt ar).

I . PRIM ÄRE UND S EKUNDARE L ESUNGEN

31

du (wirst ) li egen

mit d einen Vät ern" (Dtn 31,16) d erart ve rbind et, daß das Gelesene zu einem Ausdruck der Bedeutung des Todes, und dem, was nach ihm kommt, wird.

dann, daß diese s die Wone "und auf(e r)stehen" mit

Siehe,

U nd es sp r2c h H :u he m zu Mose: Siehe, du wirst liegen im Staub mit de inen Vätern und

deine Seelc (

nen Vätern, und (di e) Frevler des Volkes werden dann auferstehen und d en Gö tzen der '

Völ ker nachirren

Dieser Targum beugt die Schrift nicht; jedoch hat man durch ihn noch nicht

wird aufbew ahrt sein am Aufbewahrungso n des ewigen Lebens mit dei -

)

das primäre Lese n entdeckt. Es liegt nicht in de r Kraft dieser zwei Wone, das

Herausreißen ein es Wortes au s

das

seinem Kont ext zu begründen. Man muß

primäre Lesen der ganzen biblischen Einheit, d .h. der Einheit unter dem in-

In dem R . Jehoshua ben C hananja des Wieder be lebens der To ten mit

der des Wissens des Heilige n über das zukünftige Geschehen verbunden.

Warum dies? Das zweite ist d oc h auch ohne das erste möglich. Und ebenso ist es mögl ich, daß der Schöpfer d er Welt dem Menschen die Wiederbelebung der Toten zusichert, auch wenn es nicht mög lic h wäre, Zukünftiges zu wis- sen. Und diese Zusicherung ist gü ltig, und es geschieht, was geschieht, bevor der ,.Zeitpunkt" kommt. Die Mögli c hkeit die se Situation zu rechtfertigen, paßt sehr gut zu einer apokal yptischen Auffassung, in der die Geschichte

haltlichen Gesichtspunkt, untersuchen. zugesc hri ebe nen Dialog wird die Frage

unter der Masse schi chtliche, das

d er Zerstörung unserer Welt, bzw. gegen un sere Welt vollzieht. Daher

sowie die

Wahrhaftigkeit der "ande ren Welt", die nicht mit der Entwi c klung eines hi - storischen Bildes verbunden ist, bzw. des Zukünftigen zu wissen. Diese Fragestellung eröffnet sich, wenn man die Angelegenheiten, die nicht mit ei nem WoTtspiei o der einem ni cht überzeugenden Dialog verbunden sind, behandelt . So erlangen die Worte R. Jeh os hua ben C hananjas und ihre Zu-

Verse liest, auf die der z urü ckführen, in dem

ihre Worte verwurzel t s ind . Vom inh al tli chen Aspekt aus betrac htet verbinden

sammenstellun g ein Ausmaß an Verstand, wenn man die darshan oder die darshanim die Art des prim ären Lesens

des Mißerfolges zusamme nbricht, und sich das Über-Ge-

na ch her" ode r "ans talt ", die soge nannt e

der Errichtung eines

neue Welt", auf

jetzt"

brau c ht Gott nur di e Unmögli chkeit

sich die Kapitel 32, mit dem sogena nnte n "haasinu" - Lied. Im erSten wird in prosaischer Form gesagt, was im zweiten in Form eines Liedes ausgedrückt ist. Die Essenz des Liedes kommt in d en Versen Dtn 32,4f. zum Ausdruck:

Der Fels (ist Gou ), Sein Werk

der Wah rh aftigkeit und es gib t (bei ihm) ke in Unrecht gerecht und aufrec ht is t Er. Der M akel Sei n e r Ni c ht · Söh n e verdarb es e i n G~ sc ht«ht, ve rkehn und falsch .

voll kommen denn alle seine Wege (si nd ) Recht, ein GOtt

Es ergibt sich hier eine große Spannung zwischen dem. vollkommenen Fel- sen" auf der einen und den Söhnen, ein e m Volk, das .nicht sein e Söhne" ist,

auf d er anderen Seite, die Spannung zwisc hen

iner Vollkommenheit", d.h .

se

32

1 . T EIL: KAN ON UND A US LEGUNG

3 2 1 . T EIL: KAN ON UND A US LEGUNG der Vollko mmenheit Gottes,

der Vollko mmenheit Gottes, auf der eine n und dem Mangel an Vollkom~

menheit "seiner Nicht-Söhne" auf der anderen Seit e. Di e Göttlichkeit erweist

ge rec ht

und aufrecht" z u se in, wie er sel bst, und d ie Men sc he n, die daran sc hei tern. Es

Pro phe zei un g" keinen Zweifel daran. daß Is rael t atsäc hli ch

gi bt in diese r

sich in der Spannung seihst - Gott, der den Mens chen daz u aufruft,

sc heit ern wird . Vom mensc hli chen Standpunkt aus betrachtet, gib t es abe r

einen Nutzen im Aufruf Gottes, au ch wenn der Mensch weiß, daß er schei -

terte und bestraft wird , au ch wenn dieser trauri ge Um stand fests teht. Zur Be-

stätigung dieser Tatsac he se i hier auf di e Sendung der Unheil spropheten, etwa Jeremia, verwiesen, die in der Predigt die Rechrfertigung der Aufgabe ihrer Sendun g sahe n, auc h wenn sie es nicht ve rm oc hten, das Volk z ur Umkehr zu bewegen. Oder genauer: Diejenigen, d ie auf die Worte der Prop heten achten, sehen den Wert ihrer Worte in ihrer Au slegung der sc hme rzvo llen Vergangen - heit . Und wenn sich das Unh eil wi ederholt - wa s ni cht geschehen so ll (!) - dann denken sie weiter, daß die Hand Gottes dieses bewirkt. Es gibt hi er keine H offnung auf die Zukunft; selbst bei einer trostvollen Prophezeiung - in dem gleichen Maße, in dem sie Trost bringt, kommt sie, um die Endgültigkeit einer Katastro phe zu verneinen, und nicht um die Sicherheit einer konkreten Erlö- sung auszudrücken, welche eintreffen mu ß. Das Unheil bedeutet nicht unw ei- gerlich d as E nd e der Geschichte - immer ble ibt eine and ere En twi cklung

mögli ch, mu ß etwas sein, gibt es ein Bestehen nac h diesem Ereignis. Es

etwas sei n - denn sonst wäre di e Proble matik (Angelegenheit ) nicht zu ertra-

-zu-E rtragen -

den" stelle n? Der Kern d er Spannun g zwisc hen Gott, dem

und de n Men sc hen wegen

Mensc hen angesichts seines Scheitern s zum Ausdru ck kommt, ind em er die

"- Liedes . Mel od ie" zu

gen. Aber wer so llte die Frage nach der Bee nd igung des

muß"

Nicht

Vo

lkommenen " Sc hm erz de s

ihres Makel s", d ie Spannung die im

haasinu

Sünde empfinde~ ist die Aufgabe und die Se nd u ng des

Es ist jedoc h auch möglich, di eses Lied mit ei ner andere n

lese n, etwa ge mäß d em, was in die sen Art en de s se kundären Lesens z u m Ausdruck kommt:

Er (SC.GolI ) ve rd arb t·s (sc

das Volk). Nt:in - (auf) st:inen Söhnen (ist dt:r MakeIr

(Dm 31. 16); Obwo hl sie \'011 t-.hkel sind, we rdt:n sie

WOr! e R. Mt-irs. d en

söhn

e" gena nnt. (Dies si nd dit:)

n t'S ht'il1l:

(Au

f) seinen Söhnen (ist) ih r M1k el" (ebd .). R. Jt:hud a sagt:

Es gibt auf i hn e n keinen M a ll~cl. d e nn es ht:ißt :

(ebd.).-

Ni c ht (is t auf) seinen

Und du hast GOII. (de r) die h geboren

(hat ) vergessen" (Dm 32.18 ):

Söhnen ih r M a kel"

(D;u meint ): Gott,

der dir alle deine Sünden vert;ibt.' Dt:nn e in Vo lk . (d em es a n) Rat fehl! si nd diese" (Ot n 32,28 )

aus

ge mlß d en Völ ke rn de r Welt

kauft" (Otll 32.30): R. Nechemja legte es gemäß den Völke rn aus. IO

R. Nechemja legte es

Wenn (es) nicht (gesc h ie ht ). daß ih r Fel s s ie ve r-

• 5i/n H~ sinu § 308 zu Otn 32,S ( l. FinkeiSlein, lHg.) SiphrC' ad De-utC'ronomium H .$. H oro- vi tzi i schcdis usus cum variis lenionibus et adnotationibus , Berlin, 1939 ( ND: New Yo rk

1969 ), 34M.).

, A.a.O. § 3 19 zu

10 A.a.O. § 322 z u

Dtn

Dm

32, 18 (cd. Finkdstein, 366 ). 32.2 8 (cd. Fi nke1 stein. 372).

I . P RIMÄRI:. UND S EIWNOÄRI:. L I:.SUNGEN

3J

R . Nechemja legte

es gemäß den Völkern der Welt aus. 1I "Und Gift (d e r ) grausam{'n Otter-: R. Nechcm ja legte es gemäß den Vö lkern dt't" Welt aus. 1l

Und weil di e Frevelh a ftigk ei t Israel s ni ch t so g rundl egend se in kann , wird hi er keine Vora ussage ein er unbeg re nzte n Katastroph e ge tro ffe n:

sehe n, was ihr Ende ( ist)" ( D t n 32,20): ( Dies bedeutet ): Ich sehe ih r Uber -

D e nn ,'om Wein(stock ) S'doms (ist) ihr Wei n(s tock)" (Dt n 32 ,3 2):

Ic h will / werde

liefertwerden in die H and der vier Königtümer. die sie (sc. die Israeliten) unterjoche n.I) .lch werde auslöschen vom Menschen ihren Namen" (Dm 32,26): Ich hän e sagen (kön-

nen): Sie sollen nic ht a uf der We h sein. Aber (d a sie es nun einmal sind ), ~ so ll ich ihnen

IOn? (Es hei ß t ja): _Wenn nie ht der He rr für uns gewesen wäre Mensc hen gegen uns- (Ps 124,1f.)

beim A u fstehen (des)

14

Daher endet das Lied in der Erlösung, der Erlösung der ko mm enden Zu- kunft , der e nd gü lti ge n Er lös ung:

~Ruft laut, Vö lke r, se in Volk~ ( Dtn 32 .43 ): Ba ld, wenn der H eilige. gesegnet ist er, Is rael

di e Erlösung bringt. ( werden) die Völke r

~Denn (das) Blut seine r Diener w ird er räc hen, und Rache w ird er seinem Bedrä nger

zurückzahlen- (Dtn 32,43 ). ( Es werden hier) zwei Arten der Rache genannt. Eine Rach e

wegen des 8 lmes und eine r Ra che wegen der Gewa ltt at. Wohe r (läßt sich ersch lidkn), daß jede Gewahrat, die die Völker der Welt an Israel bqingen, gegen sie (sc. die Völker) (Rac he) heraufsteigen läßt. als ob sie unschuldige5 Blut vergossen hätten ? (Es is t darau5 zu ersehen), daß es heißt: .Und ic h werde alle Vö lker "ersammeln und sie in (d as) Tal Je- hosh afa t hinabführen und mit ihnen rechten w egen meines Vo lkes und mein em Erbe is - rael- Ooel 4,2); .Ägyp ten wird zur Öde und Edom z u r öden Wüste von de r Ge w altta t

(an) d en Sö hnen J ehud as, in de ren Land sic unsc huld iges Blut \'crgosse n" Ooc l 4.19). In

je ner Stunde ( wird sich erfüllen ): Jehuda aber wird i mmer si edeln, und J eru salc m (be-

Stehen) für Geschlecht um Gesc hlecht . Und ich werde ihr Blut rei nigen, das ieh nic ht ger- einigt habe, und der Herr wird in Zio n wohnen- UoeI4,20f.)I'

So ist die Ra che am Ende des Liedes .,haasinu" identi sc h mit dem letz ten Vers des Joelbuches.

~Denn er sah. daß (die) Hand schwand und Verwahrtes und Verlassenes aufhörte- (Dm.32.36): ( D as meint ). wenn er sic ht. daß (d ie letzte) Penlla \'o n der Tasche aufhörteI ' .

der Welt s i c h vor ihm beunruhi ge n .l~

11

A. a.O. § 323

zu

Dtn

32,3 2 (cd. Finkelslei n, 373f.)

U

A.a.O. § 323 zu

Dln

32 ,33 (ed. Fi nk elstcin,

374).

1) A.a. O. § 320 zu Dm 32 ,20 (cd. Finkelslei n, 366).

14

A .a.O. § 322

zu Dm 32,26 (ed. Finke1stein, 370).

1!

A.a.O. § 333

zu

Dill

32,43

(ed. Finkeis lein,

38 2).

14

A .a.O. § 333

zu

Dtn

32,43

(cd. Fin keis lein.

382f.).

11

Eine P arallele hierzu findet sich in bSanh 97

sein Volk richten

aufhörte" (Dm 32 ,36): De r Sohn Da\'id s k om mt nicht sag t wird); Bis (d ie le t zte ) Peru ta von der Tasc he aufh ö

Wo rte .Der Soh n Davids kommt nich t" (siehe D ikduk ej Sofrim, vgl. Anm. 2), und daher re- s ultiert die Formu lie ru ng w o hl d arauf, d aß hie r übe r Katastrop hen gesproc hen wird , die .d as

Es lehrten d ie Rabbanan : .Denn der H er r wird

denn e r sieht, daß (die) H and schwand und Verwahrtes und Verlassenes

Eine andere Sache, (die hierüber ge-

Bei \'i el e n Lesearten feh le n die

1:

rte

Ende" sind , und d er Ja r5/'a n dies mit diesem Ende (sc . d er messianischen Ze il ) id ent ifiz iert .

auc h d ie d o n im Namen R. Nechemjas angefü hne Baraita: " Ein Geschl « ht.

in dem der Sohn [)a vids kommt

sei ne Fru ch te. aber d er We in (ist) in Teuerung

(\'gl. in bSan 97

:k) gibt

1

Und die Teuerun g wird entanen , und der Wein{sto

";

\'gl. die Baraiu am Ende der Mishna Sota.

34

t. TEIL: KAN ON UND A US LEG UNG

34 t. TEIL: KAN ON UND A US LEG UNG wi~ ~$ h~ißt: .Und w enn

wi~ ~$ h~ißt: .Und w enn c r vollen d s zersc hl ägt ( di e ) Hand des heiligen Volkes. werden

alle d iese zuende ge hen . " (o,ln 12,7 ). 11

Diese n Daniel-Vers brin gt R. Jehos hu a

mit R. Elieser ben Hurkan os ein, um des se n Auffassu ng, daß es ke ine and e re

Mög lichkeit gäbe, außer einer zukünftigen Erl ös ung für das Volk Israel, zu

widersprechen. 19

ben C han anja se lbst in d er D eba tt e

1.3. Theologie des Leidens und Theodizee

Gemäß di ese m Lesen d es

zur Theodizee zur Rechtferti gu ng Gottes. Es wurde sc ho n gesagt, daß es im

haasin

u· -Lied es wird die The ologie des Li ed es

haasinu"

eine Spannung zwisc hen dem .,vollko mmenen" Gott, der den

Menschen aufruft, auf der einen und dem sündigen Menschen oder Volk auf

der anderen Seite gibt. Im primären Lesen, in wel chem die Wo rte R. Jehos hu as verwurzelt si nd, wird di ese Spannung ni cht in ei ner ko mpl iz ierten Dialektik des Aufru fens und des Fallens, der Sünde und d es Bereuens, der Strafe und d er Ra che ge löst , sondern als ei ne sic h entwickelnde Geschichte der Erlösung gesehen. Die Erlösung ist das H e rau streten aus dem Kreis d es Mißerfolges. Denn es existiert zwar eine Geschichte - die Entwicklung zum

Besse re n - aber wenn di e Gesc hichte selbst e in

klären muß (um auch in ihm das Sich-Offenbaren Gottes in der Welt z u er-

kennen ), ist

der Glaube, daß es für die Geschichte ein Ende gibt, daß es e in e endgültige E rl ös un g gibt, wird in der Schrift gefunden - w enn au ch e rst in ein er rel ativ spä ten Epoc he . Di e Bestimmung dieses prim äre n Le se ns liegt in der

Bemühun g, daß ge rade das

die P erspektive d es Lesens par excellence eingeschlossen 2o . Auch

T ex t" ist, wel c hen man er -

haasinu

«- Lied auf d iese Art ge lese n wird . In die -

se m Lied gibt es eine n ve rstehbaren To n, ni cht nur des Mißerfolges, sonde rn au c h der Zerstö ru ng: D ie Worte, die sich auf die aktu elle Zerstö rung bezie- hen, die s ich ge rade zu träg t oder z ugetragen hat und ni c ht b itt erer sein

könnte . Mehr noc h, im

Er lösu ng der Welt (al s E rl ös un gsgesc hichte ) in s ich selbst z usam m en. Und

nicht nur dies ; d as Drama üb er di e Völker der Weh und das auserwählte Vo lk

ge hö rt sc hon zu den

u nd er wird dir mitt eile n, d ei ne Alten, und sie werden dir sag en" (Dtn

,.Als (der) H öchste den Völkern Erbe zuteilte, als er die Menschen unter-

te ilte" (Dtn 32,8) - di es ge hö rt a lso sc ho n zu eine r Epoch e, bei d er di e Ver -

suc hung , s ie

sinu" bri cht die Dimen sion d er Gesc hi ch t e a ls

haa

ew ige n Tagen" , von denen es hei ß t:

Frage deinen Vater, 32 ,7 ),

goldene

s Zeitalter" der M yth o log ie z u nennen, im Lied

11 Si/re Haa sinu S]26 zu Dln J2,J6 (cd. Finkelstein, J77f.) 19 Vgl. jTan 6Jd

2 0

Vgl. z . 8 . : G. von R ad, Th eo log i~ d es Ah en T estam~nlS, Bd . 1 , Mün c h en,

Foh~r,Geschic h te der israel iti sc he n Religio n, diese A nsich t ausschließ lich zu ven reten (auch Möglichkei t hinzuweisen.

1958 , 111 - 11 7; G .

Fr e iburg , 1992 . - Es ist h ie r n ic ht beab s ic ht igt, Fo hrer denk t nic ht so), so nd ern darauf als eine

1 . PRIM Ä RE UN D SEK UN D ÄRE L ES U NGEN

35

groß ist. Es gib t h ier weder eine n Ze itraum der Gesch ic hte noch

e in en Raum der Welt; es gib t ein Sollen ins Chaos der regelm äß ige n Wieder-

kehr von Sünde und Strafe . Die Gesc hi chte offe nbart sich als Sackgasse, und die Welt sc hrumpft auf di e Erzäh lu ng eines Volke s z u samme n, da s seine Sünde ni cht überwindet. Aber ge rad e in dieser Welt ersc hüttert dieses primäre Lese n der darshanim, übe r das hier gesp roc he n wird; in ihr ist es

ne uen Welt"', der Welt, in welcher bereits

nicht die Erlösung d er bibl isc hen Welt enthalten sein kann , da d er Mensc h -

sich

ein neu es Modell, durch das die Jude n trotzdem aus de m C haos, aus dem Exil he rausge he n: Die Erzä hlun g de r persö nl ic hen E rl ös un g des Volkes Israel erwe ist sich ni cht durch die Gesc hichte der Welt, sonde rn als eine ",innere",

ö rt lic h begre nzte Geschichte, vielleic ht soga r im Gegensatz z ur Welt ge-

sc hicht e. In dem Maß, da di e Völker d e r Welt noc h in dieser ne uen ",Ge- sc hi c hte'" gefunden werden, werden s ie immer legendenhafter : ",Gog und

Magog"', ",die vier Kö ni gtü mer", ",Esau" , und ähnli ches - be in ahe. wenn auch nich t wirklich , hand el t es sich dab ei um eine Re- M yth o logisierun g.

haasinu'"

wirklich bedeutungsvoll : In di ese r

ode r Israel - bereits zu viel Leid und Sorgen kennen lernten, offenbart

ist ve rbund e n m it d e r Wiederbelebung d e r To ten

und mit dem Wissen des Heiligen um die Zukunft verbunden. Die Angele- ge nh eit d er Wiederbelebung der Toten führt o hne Zweifel zu einem Schau- platz, an welchem jed es Gesc hehen im Leben jedes Einzelnen bedeutungsvo ll ist. Durch das Betonen der Wiederbelebung der Toten geht man bereits von

der bib li schen Welt der Erl ösu ng aus - der Welt, um der die Erzählung über die Völker und über das Volk Israel stattfindet - zu einer vom Ges ichtpunkt der Weite aus seh r beschränkten Welt, die aber vom Gesichtspunkt der Tiefe

Dieses primäre Lesen

aus

bet rachte t, eine sehr we ite Welt darstellt. Man nähert sich einer Situation,

d ere n Dim ensio ne n e her in nerli ch al s äuß erli ch sind. Aber da s Wis sen

des

H

ei li ge n um die Zu kun ft - ni c ht in d e r Bed eutung d er Di vinati on (dem

Er-

hl en vo n Zukü nfti gem ), so nd ern im Zusammenhang von Dtn 31 - 32, wo es

vo r allem das Wi sse n um die z ukün ftige Sünde des Volkes und ni c ht des Ei n- zelnen ist, z.eugt übe r das, was vor dem abgebrochenen Weltlichen von der

We h de r Gesc h ic ht e versc hwand . J en e Welt sc hrumpft e auf di e Welt der Ge-

sc hich te Israel s und auf da s Drama z usamm en, da s von d em Rin ge n de s

Vo lk es mit se in e r Sünde hand elt. Dieses Lesen ist zwa r in d er Th eo logie de s

u "'-Liedes verwu rzelt, aber es enrwi cke lt sich aus dieser, aus d er Zer -

haasin

stö rung, die in ihr ist, ein neuer Schauplatz der H offnun g und der h is tori -

sc he n Erl ösu ng - wenn au ch in ein e m besch ränkter en Maßs tab als in der

biblisc hen Gesch ic ht e. Daher ist es kein Zufall, daß das Schlüsselwort des se-

und auf(e r)s teh en" in Verb indung mit d em Beg riff "liegen

mit de ine n Vätern " gefund en wird. Der biblisc he Begriff ze u gt über den be-

sc hr änkt en Rah men der Familie hin au s - des Stammes - den de s Volkes

einen Rahmen, in dem d ie Überwind un g des Todes stattfinden kann. So kehrt das primäre Lesen tatsächlich von den Mühen der Geschichte zu jenem beschränkten Rah men z urü ck . Dieses Le sen is t wirkl ich prim äres Les en, weil es unter d em geschichtli chen Aspekt betrachtet in der Gedankenwelt von

al s

kundären Les ens

36

1. T EIL: KAN ON UND A USLEGUNG

3 6 1. T EIL: KAN ON UND A USLEGUNG Dm 3 1- 32 verwurzelt ist

Dm 3 1- 32 verwurzelt ist , obwo hl sein e Welt ni cht jene Welt ist, sie ni cht UOl -

faßt und von uns e rem Gesich ts punkt au s ni c ht da s Le sen Schriftsinns" darstellt.

de

s e infa c h en

Auf de r Basis dieses prim ä ren Lesen s ist es ni c ht sc hwer z u ve rs te h en,

warum: "und auf(e r )s t eh cn" als

und auf(e r)s tehcn z ur Wiederbelebun g der

Toten" gelesen werden kann . Man mag di e Übe rze u gun gskraft

d es se kun -

dären Lesens in jenem

kommt ja ebe nso

in a llen P ara llel texten z um Au sdru c k. D o rt ist das " Es gibt für es kein Üb er- gewic ht" mög lich, weil es auf d e r Bas is d es prim ären Lesens übe rh aupt keine

Abw eic hun g

Gege nteil ist der Fall! Das sekundäre Lesen fügt sich in das primäre Lesen und in di e Formuli erung se in e r Th eo logie in se hr konze ntri e rter Form ei n:

Der Schauplatz d e r Erzählung ist di e Zukunft , ni c ht da s J et z t, die be - sc hränkte Gesch ichte des Volkes Israel, a n deren Ende die klare Unters che i- dun g zwisc hen d en Guten und den Sc hle cht en se in wird, zw isc hen Moshe

über den ",und auf(er)stehen" gesagt wird, und die, von denen geglaub t wird,

Di a log m it den Rö mern " zu be zweifeln,

doch mög-

lic h ist ein se kundäre s L esen w ie dieses. Diese r Sachverhalt

von de r Einhe it dar ste llt, auf die sieh der darshan bezie ht. D as

daß sie

mit ihm a ufersteh e n, un d den Schlec hten, deren z ukü nfti ge Übe rtr e-

tungen

nur di e Gelegenheit z um fortgese tzte n Frevel, und deren Ende dahe r

vo n jene m Maß ve rsc hied en iS[o Dies is t d er Aspekt vo n Dan 12,2 : .,Und viele vo n den im Staub der Erde Schl afend en w erden erwac he n, die se zum ew igen Leben und diese z ur Sc hande, z um ewigen Ab sc heu". o d e r ri c hti ger: der

Aspe kt von Dan 12,2 gemäß dem primären Lese n,

un g R. J ehoshua

in d em sic h di e Anschau- e ine ande re Frage.

ben C hanjas absp ielt, aber das ist

1.4. Der Zusammenbruch der Erlösungsgeschichte. Die gno- st isc he Auffass un g des .Ex il s und des .inneren Men sc hen"

Als z wei tes Be ispiel so Uauf einen Text aus amoräischc r Zei l verwiesen werden:

R. J irmja sagu' zu ihm, zu R. Sin: Warum Sl~ht g~schrieben: ~KI~in und groß ist don.

und de r Kn«ht frei \'on sein~m H errn" (ljob 3,19). Wüßt~n wir denn sonsl nicht, daß kl~in und groß don ist? ( D i~ Erklärung hi~rfür iSI ) aber; Jed~r du sich sd b s t ( im H in - blick) auf die Won~ de r torah in dirKr Wd, kl~inrnach " d~r wird fürdi~ k ommende W~h großg~macht.ll Und jede r der sic h selbst in dieser Welt (i n H inblick) auf die torah wie ~in Kn «ht macht. wi rd rr~ifür dic kommcndc Wch . H

rabbinischen Geleh rten, die Verse in H iob hier pas- einfac he n Sinn hält, läßt sic h se hr sc hön an einem

Beispiel im Namen R. Jocha nans aus GrnR 9 zu 1,31 zeigen (cd. Thcodor-Albc-ck, Jerusalem, 1%5,7 1). In jcnem Ton, jcdoch weniger ~sophislisch\ wi rd ebenfalls in s~in~m Nam~n ein weilerer TelU in Plikta de Rat! Kahtlna, VeSoth H a Bracha (cd . Mandelbaum, New York, 1962,450) überlicfcrt.

11 b BM 85b;Jalkul Sh imon; zu Ijob, 896 (vgl. DtnR (cd. Li~bermann,Jerusalem, 1974 ,3 8». Eine

P a r a l1 e1~ fi nd ~ 1 s i c h in RU I R im Namen R . Si mo ns; vgl. Jalkul Shimo n i zu J «hes k e l , 3 62 . I n den Wo rten R. Simons wird d e r Versu ch Ußlern o mmen, dem Meinfa che n Sehrifninn- t re u

II Die Fähigkeit der da rshlm im im Kreis der se nder zu lesen als da s, was man fü r d en

1.

PRIMÄRI:. UND SEK UNDÄRE L ESUNGI:.N

37

D as Sc hwe rge wic ht soll im Fo lge nd e n nur au f ein en Te il des hi er Gesag te n ge ri chtet werden . Im Lesen des R. Jirmj a gibt es e in e An zahl von Prob le men; vo r all e m is t z u beac ht e n:

( I ). Wi e kann er das Wo n "d o rt " in der Wei se les en, al s o b d er Beg riff d er ko mmende Welt them ati siert würde?

(2) Ijob sagt, d aß "klein und groß do rt " in der

d en, in sofern di ese, übe reins timmend mit dem Ko nt ex t, gl eichwe rt ig sind.

Wi e kann es sich der da rshan erlaub en, den Text so ausz ul ege n, al s o b di e-

ser über ein e n wahrhaftigen "Große n" spri cht, de r sich se lb st kl ein ma cht,

in Wirkli chk eit aber e in

(3) Nicht nur, daß die Wo rte R. Jirmj a di e einfac he Bedeutung der Verse

umk e hr en, es zw ingt au c h gä nz li ch di e b iblisc he rec htfertigen "gro ß und kl ein " so auszulegen, al s

Ein Gro ßer, de r si c h selbst kl ein ma cht " ? Man muß sich d e mn ac h mit

dem C harakter diese r se kund ä re n Les un g ausei nand e rse tzen .

Sy nt ax. Wi e kann man o b ges c hri eb en stünde :

Bedeutun g ge br auc ht wer-

G ro ße r" bleibt?

ljob verflucht in seiner erste n Rede (lj o b 3,1 - 10) de n Ta g seiner Ge burt, die s bed eutet eine Ve rfluchun g d es Ge borenw erdens und ni c ht de r Lebe nsze it, denn Hi o b lehnt se in Leben in einer so abso luten und radikalen Fo rm ab, daß

er se in eigen es Sein vern e int. N ac hdem ihm is t , g ibt es selb s t für s ein g Ules Le b e n , da s

strophen führt e, keine R ec ht ferti gung . Sein Ende ri chLCt über se inen Begin n,

und es findet sic h überhaupt kein Sinn

ab e r ist : lj o b them ati siert ni c ht n ur da s Pro bl e m d es

sc hl ec ht geht und des Fre velh aft en, d em es gut gehl " ( Ijo b). Di eses Pro bl e m

is t der Au sdru ck de s Man gel s an Au sge woge nh ei t , ni c ht nur, daß z um Teil gute Tat e n ni c ht entlo h nt w e rden, sondern da ß sc hl ec ht e Tate n sc heinbar keine Au swirkun g haben und mitunt er z ur U ntern ehmun g so lcher geradez u ermut ig t wird . Es s tellt sich so mit das Pro ble m d e r Bede utu ng sei ne r G e- sc hi chte und ni cht der Bede utun g des Lebe ns üb erhaupt. D a raus ist ni c ht

w äre .

Kohelet, 2} ge h e n w e it e r, di e Kl ag en s ind e in Au s dru c k dafür,

in sei ne r Exis te nz. Das Wi c htigste

all d as Besc hr ie ben e z uges toßen er vo r d e m Eintret e n d e r Kata -

Ge rec ht e n, d e m es

zwan gs läufi g die Sc hlußfo lgerun g zu z ie he n, da ß d as Le ben ab surd

Ijo b, wie au c h

zu blei!xn und Iro tzdem den Unterschied zwischen .dieser Weh" und .der kommenden We h"' :t u m ac h en, d a die Kr aft d er Katas trophe Tod auf d ie .I11usio n "' (so k li n gt es bei ihm)

d iese r Weh besc hränk t ist . D ies is t ei n gutes Bei spiel für d ie Gefah r de r Ste rilitä t eines M i·

u nd reic hes primäres Lesen gespeist wird, und zudem d en

dr.uhes, d er ni cht d urch ein w eites biblische n Tex t i nd en .

II In pliku d~ Ra1J Kahana wird die Ijob-Vers " Klein und groß (ist) dort usw." in de.n Worten

R. Joc hanans neben eine n Ve rs aus Koh~/et gestell t ( Koh 8,8): " Kei n M e nsc h herrsch t übe r den

Geis t (und ve rmag) den Geist aufhören z u lasse n , und kei n (M ensc h) he rrsch t ü!x r d en Tag

Obe r d ie Tod ess tu nd e s pr ic ht di e Sc hrift

(h ier,-. D iese Worte ste llen, obwo hl sie d ie Sy n tax de r Bibel n ich t zwingen wie es d ie Wo rte

d es Tod es us w.), zusa m men mi t d e r

Beme rk u n g:

R. J irmjas Nn, u nd es

sinn" s ind, eine Ncu tral isie ru ng der Wo rte (jobs dar, weil sie rei ne Wo n e auf die.Todes· stu nde" besc.h ri nken , oh ne Tiefe und Reic hhaltigkeit hinzu zufüge n. H ier bleibt d ie BotsC haft :

daher die Möglichkeit gibt zu sagen, daß sie näher:un .einfachen Schrift·

38

I . TEIL : K ANO N UND AUS1.EGUNG

3 8 I . TEIL : K ANO N UND AUS1.EGUNG d aß die mit se

d aß

die mit se iner Exis te nz ve rbund e n ist, he rabzu setzen. Die Verfluchu ng des

alles n ichtig" is t . I n den Ver sen 3, 1-1 0 is t "a Ues nichtig" . um je de Sac he .

Ta ges seiner Gebu rt ist ni cht das Verfluchen eines bestimmte n Zeitpunktes

so ndern der Ursac he se ines Seins selbst , welch es

lli g ni chtig" e rsc heint .

Wenn Ij o b in den Versen 3, 10- t 3 sagt, daß er den Tod dem Leben vorz ieht,

beabsichti gt er eigentli ch zu sagen - wenn er sc hon ge bo ren wurde, wa ru m

ko nnte er n icht gleic h wied er ste rben ?! Wi eder sprich t er dem Willen , we -

se ntli c h nicht z u exi stieren, aus. Wenn er jedoc h in d e n " Kö nige und Rat (gebe r) d er Erde" ( 14), "F ürsten , denen

Versen 14 - 19 übe r Gol d (z u eige n ist )

( 15),

(die) Frevler auf, (zu) beunruhigen. und dort ruhen die (an) Kraft Erschöpf· ten" ( 17), dann bezieht er sic h au f Mensc he n, di e bereits auf ein ganzes Leben ve rw eisen kö nnen und danach starbe n. Aber inmitten dieser Worte ve rweist er noc hmal s dar auf: "O de r (warum) bin ic h nic ht wie eine versc harrt e Fehl -

~.eburt, wi e Säuglinge , (die ) nie Uberze ugu ng Ijobs der Tod das

sei ne Bedeutungslos ig kei t ist n ic ht ge rin ger e in z usc hät zen a ls d ie ein es Le-

b ens, welch es nie als solc hes bew ußt wurde . Hi erauf ist die Anfrage l jobs, se in Aufbegehren, gege n das Leben im All ge meinen geric ht et und ni ch t nu r

auf sein eige nes . Es wird t atsäch li ch wie bei

ma n jedoc h beden kt , daß d as Leben als so lch es nicht ig ist und bedeutun gs - los - es aber tro tzdem lo h ne nd e Moment e in ihm gibt, o bwo hl au ch sie e i- gent li ch bedeutungslos sind, d ann fr ag t der Leide nde : "Wa rum gib t er (sc. Gott) dem Betrübt en Li cht und Lebe n den (in ihrer) Seele Bitteren usw." (20 - 26). Ern eu t vernei nt er das Sein als so lches und ni ch t nur se in eige nes, d as de n

Au sdru c k de r Verwund e rung Ij o bs faß t .

es n ic hti g". We n n

Li cht sah en " (16 ). Dies be sagt, da ß in der Leben sc hli eß li c h ad absurdum führt . Und

Frevler" (17) und " Gefangene ( 18) spricht . wenn es heißt: "Dort hö ren

K ohele t

all

Das primäre Lese n, in d em das se kund äre Lesen von R. Jirmj a steht, wird

großer Aufmerksamkeit wah rgenom men, d en n es spri cht über ei ne hei-

mit

Schrifl. Eine hei li ge Schrift jedoch is t es, da di es ein en Teil de s reli gi ö se n

Ko smos' der Gemeinde der Lese r impliziert. In der Ge meind e, im Kreis,

welchen R . Jirm ja an ge hö rt , vo ll z ieht sich das imensive Lesen als ein Teil der We lt, welche G es ic ht sp unkt e emhä h, d eren Beginn sich vo m histo ri sc hen Gesche he n au s in die se m Kap itel de s Buc hes Ijob widerspiegel n . Ihr e E m - wi c klung verä nd ert Ijob jedoch und füh rt ih n in eine andere Welt - in die Welt des Kreises, zu den Kreisen der rabbinisc hen Gele hrten.

dem das se kund äre Lesen vo n R.

Jirmja vorge nomme n wird, ist der Tod in der Tat eine Au sleg un g über da s ga nze Leben . Der Tod besagt, daß d as Leben sic h zum Tod e ntwi ckelt. Und

li ge

Im primären Lesen de s lj o b- Buches, in

wenn er ei n Weiser, Starker und Reicher wäre, kann er sich selbst ni cht errette n von der

Tod esstunde" . ohne übe rh aup t etwas übe r die Absu rd ität des Lebe ns, wie man sie bei Ijob, oder gemäß d er Wone R. J irmjas findet, z u folgern . Die Problematik des Bu ches Kohelet ist fü r die rabbinischen Gelehnen eine klare Sache, und auch sie ist erfüll t vom primären Lesen. Zur Bezugnahme der rabbinischen Gelehnen auf Kob~/~t siehe z.B. Sifr~.KapitelS.

Selbst

I.

PR IMÄRE U ND S EKUND Ä RE LESU N CEN

39

d aher wird d er Tod in

Gefa hr, sich z u entleeren. Die gewö hnli che Unterscheidung von "Groß und klein " ist daher eine U1usio n und ents pricht der An schauung griechisc her Prä-

gun g - a1 s einer wese ntli c h duali s ti sc hen Auffa ss un g. Ge mäß di ese r Ansicht bli c kt der Men sc h als rationales Wese n auf eine unv o llko mmen e Welt u nd in sei ner Kritik be gründet er, a1s Phil oso ph, eine Di stan z z wi sc hen sich und jener Welt. Auf der Grundlage di eses gedachten Abstande s en twi ckeln sich ver - sc hiedene du alistische Lehren . Der Midras h, wel che r jedoc h hier vorliegt, ge hö rt zu r Welt der rabbini sc hen Gelehrten, in der es zwar imm er auch Am - bival enze n gege nüber der Welt aufleuchten, aber nicht derart, daß daraus ei n Bru ch zwische n dem Men sc hen und der Welt resultiert . Exil: Ja (1) - Spaltung:

Nein (1) Im the ologische n Verständnis rabbinischer Gelehrter erreicht der Mensc h das Exil gemäß der Ansicht eini ge r Kreise "zusammen mit GOtt", da

einer dualistis chen Auffas sun g

Exil" des Mens chen als ein Beginn des Weges zu einer wie immer

das Lebe n selb st ein geführt und das Bestehend e ist in

für ihn kein anderer Ausweg bleibt. Im Sinne

Befrei

Weisen"2<4

wird das gearteten

die Kenntni s des Exils de s

tung uminterpretiert. In [job findet sich eine Stellungnahme über den Abstand

gege nüber der unvollkommenen Welt. Doc h es gibt in ihr keine

sheit", der für di e sie

gnosti sche Liebenden

sen, wel che im Mittelpunkt diese r Abhandlung steh en. Hier, da der Tod zwi -

sc hen

des

ung'" au sgel egt. In gnostischer Auffass un g schl ießl ich wird

inneren

Mensc hen'" selbst zum Beginn seiner Ret-

Wei

H offnung, aber gleichwohl den Wert der

eine Quelle der Rettun g werden kann. Nicht so jedoch in den Krei-

Groß" unters cheidet, ist dieser ein Teil der Welt, weil Gott

ihn geschaffen hat . Wenn dieser Umstand sc hlecht sein sollte, dann kann man nur seinetwegen trauern . Doc h e r ist ni c ht sc hlecht ( !) - im Gegenteil: Er wird

- im Gege nsatz zur Meinung von [job und Kohelet - zu einem Ausdru ck der Sitt li chkeit . Der Tod ist ni cht C haos, welcher im Wid erspru ch zum Leben

ste ht, obwo hl di ese r na c h wi e vor a1s eine Tra gödi e g ilt. D e r Tod offe nbart un s in d iese m Fall , daß di e gewöhnliche Wahrheit, der Unterschied zw isc hen

Klein" und

klein", im All ge mein e n irreführend ist . Zwar gibt es

klein" - aber in einem ga nz anderen Sinn als ge meinhin angenommen. Der-

groß"

und

und

groß"

je nig e, der die se Lehre ler nt, wartet nicht auf den au sglei chenden Tod; er

macht sich scho n jetzt klein, er handelt in "Demut"', ni cht unbedingt in

Weis-

heit", er handelt aus

ben die ses Menschen ist nicht das Setzen eines Abstandes durch sei ne

sheit" so ndern liegt darin, sich zur geeigneten Zeit auf die ri chtige Weis e

in der Welt zu verhalten . Er erhebt sich ni cht über seinen Näch sten, er macht

sic h vielmehr selbst klein, weil di e Selbsterh ebung ei n Mangel an Sittlichkeit ist, der Schmerz, der Fakto r ist, durch den er "schlecht" und ein Sünder ist.

D ie Wahrheit ist hier nicht

-. Inhalt der Weisheit

Willen

" und nicht aus

Wi sse n" . Das gei stige Bestre-

Wei

Wei

s heit" sondern

Lehre

l~ Zur gängigen Unterscheidung de r Gelehnen

S. Mowinkel, The Psalm in Isra el's Worship,

nannte l itentur.

baüglich der biblischen Weisheitsliten tur

gL:

VoIlI , Oxford, 1%2 , 104 -106 und die do n ge-

40

1. T EIL: KAN ON U ND A USLEGU N G

40 1. T EIL: KAN ON U ND A USLEGU N G ist di e Erweiterung

ist di e Erweiterung d er Ke nntni s sel bst, di e Lehre hin gegen str ebt die Be-

gründun g e iner Willenshandlun g an , damit wird d as

Überwinden" d es Trie-

bes im Sinne ei ne r Beherrs chun g zum ausschl aggebe nde n Moment und ni cht

die Distanz, der Abstand. Di e Welt ist n ic ht

nichtig", ode r ri c ht ige r: Di e

k leine Welt de s reli giöse n Men sc he n ist ni c ht "n icht ig". wei l für den Tod

sel bst eine sitdichc Bede utun g in je ner kleinen Welt gegebe n ist, wenn er nur

je ne We h

s ic h selbs t und se iner Gemei nd e er kl ärt.

Es soll noch einma l darauf verwiesen werden, daß d am it die Beschäftigung

mü e in em bestimmte n Krei s rab b ini sc her

wird . Es ist

gingen, daß sic h der Mensch selbst

vermuten, daß ni cht aUe leh rten, wonach das Verhalten gemäß

nes, und Deines ist D e ines"2s ein ange messenes ethi sches Verhalten d arstellt.

Diese r Kre is hin gege n vertritt die Lehre des Wene s d er eigenen

Gelehrter zu m Au sdru c k gebrach t rabbinisc hen Gelehnen d avo n aus·

damit ni cht ausgesagt, d aß alle

klein mach en" soll . D enn man muß ebe nso

Meines ist Dei ·

Kle inheit ".

denn die se r Kre is is t

ni c ht daran int eress ie rt, eine Le hre in Hin b lick auf das Leben im Allgemeinen

von Gele hrten ni cht der Wei s·

Kle inheit" einen Wert sehen, kö nnen sie im

als eine heili ge " -

möglichen die Heili gu ng d es Buc hes. D as Lese n des f job - Bu ches durch die Ange hörigen dieses Kre ises findet jedoc h ni cht unter dem Aspe kt einer Id e n -

Sc hrift z u lesen. D iese und äh nl ic he Konta kt e mit dem

heit ge ri chtet ist . D a sie in di ese r

Tod einen

Der Tod wi rd überhaupt k e ine Quelle der

Weisheit";

z u folgern . Es wurd e ja bereits betont, daß dies einen Kreis

meint , dessen Anliegen auf eine Ausarbeitung der

Lehre" und

Beweis"

find e n, und sin d so mit im sta nde, fjob au c h

Weisen

Hiob - e r·

tifikati on mit d en Kreise n bibli sc her Wei s heitsliteratur

um di e E rkl ärun g d es Lesens einer heili gen Sch rift und um die Frage, weshalb

s tatt . Es ge ht vi elm e h r

diese in je nem Kr eis für heilig erac ht et wird . und nicht um ein

sc h es" Lese n . Di eses Lese n ist vom hi s tori sc he n Standpunkt au s betra c ht et

unte r andere m in

jo

urn al isti ·

Ij o b" se lbst verwurzelt und in e in em inten s ive n Lese n d es

Ijo b - Bu c hes. Es bes tehe n u ngeacht et d esse n große Zweifel, ob es e in en

h i·

sto risc he n" Ijob ga b. D oc h selbst wenn man annimmt, es gab ihn, ve rbl e ibt man im Rahmen d er Besc häfti gun g mit sei nem Text. Di e Entwick lun g d er Re-

li

g ion selbs t vo ll z ieht sic h innerha lb ei ne s so lchen Le rnprozess es. Wenn es so mit fü r das sich selbst "Kleinmachen" einen seh r pos itiven Wert

g

ibt , dann ist d e rj en ige , der

sic

h selbs t k lein mac ht " , ein G roße r. H ie r sei er·

n eut darauf h ingewiese n. daß sic h de r Tod hi e r nich t zu einem universe ll en

und " klein " - abe r in ei ne m, vom gewöh nli -

Lehre r wandelt. Es gib t

chen Standpunkt aus betrachtet umge kehrten Sinn. Diese Umkehrung ko mmt

in de r

ko mm e nd en Weh" z um Au sdru ck. 26 D e r Begriff d e r kom mend en

groß"

n m At/ot 5. 10.

2(. Vgl. bPes 5 0a: ~Es geschah , daß R . joser de r Sohn von R . j e hoshua ben Levi sc hwach wur de

u nd lebl os (7.U Bod en ) fiel

habe t'im.' umgekehrlt' Weil gesehe n. D ie Obe ren (ware n ) Unlen , und die Unieren (ware n)

oben . Er (sc. R. jehoshua ben Levi) spl"1lch zu ihm: Mei n Sohn, eine klare Welt has t du gese -

, wo ei ne ähnli che Geschic hte erzähl! wi rd und vgl. dort au ch den Zusam -

men h ang mit dem IJ o b -Vers.

hen

sagte er (se. R. Josef) zu ihm : Ich

Al s er

wieder (zu sic h) kam

vg l. RutR

1 . PRIM Ä RE UND S EKUNDÄRE Lt.S UNGEN

41

Welt ist se hr kompliziert und es ist daher ni cht möglich , sic h im Konte xt die- ser Abhandlung eingehe nd er mit diesem Thema zu beschäftigen. Es so ll in Kürze nur festgehalten werden, daß die kommende Welt als ein Maßstab, als eine ei ndring liche und wirk liche Bewertung dieser Weh fungi ert. Wenn die ei-

d.h. in der kom -

gene Kl ei nheit positi v bewertet wird, e rscheint im

menden Welt, von selbst die Größe desjenigen, der sich sel bst klein macht.

dort",

Auf der Grund lage eines solche n primären Lese ns ergeben sich drei Er-

klärungen , die e inand er nicht widersprechen, für das Wort

Ij o b - Ve rs erwähnt wird:

dort", das im

Dort " is t der e igentlic he Tod, angesicht s dessen

tatsächlich zu erkennen ist, daß ",groß" und "klein" ein und dasselbe sind.

Wenn der Mensch diesen Untergang wie ei ne freie Willens handlun g auf sich

nimmt, dann wird

sich selbst schon jetzt kl ein - vor dem Tod . Und wenn er so handelt, dann

zu einer posi tiven Umstand, dadurch, in -

wird das " dort" des Todes für ihn

hi e r", zu dieser Welt. Der Mensch ma ch t

dort"

auc h zu

so fern dieser ihm si rtli ches Handeln, das Handeln der Größe ermög licht. Es

ist ein Handeln d er Größe, welches

das na ch dem Tod ist, im

wirklich "hier", in dieser Welt existiert, denn es sch ließt sittliches Handeln ein. Das "dort" des Todes - die Lehre des Todes, das "dort" der kommenden Welt - der Ausdruck der Richtigkeit der Lehre und das "dort" des jetzt, in dem diese Kleinheit ei n Willensakt ist, s ie alle fallen in ei ne r Dimensi o n des sittlic hen Handelns zusammen. Desha lb tut sic h der darshan in seine r se- kundären Les un g überhaupt nicht sc hwer, obwoh l es die bib lisc he Syntax zwi ngt. Im Kos mos des religiösen Verständnisses d er Gemeinde des darshan müs sen sich die Worte Ij obs über die Distanz dieser Weh erstrecken - den Tod - die kommende Welt und sich wieder zum guten Handeln vereinigen. Sowohl im Kosmos des religiösen Verständnisses, in welchem sich das Buch Ijob im histori sc hen Kontext vollzieht, als auch im religiösen Verständnis von

bewahrt, ge nau wie der Zu -

sammenhang mit den Begriffen "groß" und " kl ein" usw. Doch der Text, den

R. Jirmja lie st, kennzeichne t e ine vie l größe re Dimension, als der Ausdruck,

den man im Ijob- Buch vorfindet, so daß nur beim erweiterten Lese n von einem tat säc hli c hen Lesen die Rede sein kann.

Noch aber ko nnte nicht zu den Worten des darshan vo rgedrungen wer-

den. R. Jirmja th ematisiert denjenigen, "der sich selbst (im Hinblick) auf die Worte der lorah klein macht" . Man darf an nehmen, daß für ihn nicht viel

Texte klein-

zumachen, weil bei ihnen die Notwendigkeit sich selbst klein zu machen kJar

dort"

im Gefolge des Todes erscheint,

dort", das

dort" der kom menden Welt und im

R. Jirmja wird die Einheit des Wortes

dort"

Wert darin liegt, sic h selbst im Hinblick auf die Worte anderer

genug ist. Es ist überdies zweifelhaft, ob diese Kleinheit den Menschen über-

haupt zu ei nem

läß t. Allein mit der lorah, da diese "wirk- eigenen "K leinrnachen" verbunden, und

läßt den Mensc hen zu einem

werden. Damit betritt man jedoch ein anderes, ausgesprochen kompliziertes

li ch" groß ist, ist ein Wert in dem nur di e Besc häftigung mit dieser

Großen" werden

Großen"

Gebiet, in dem Fragen aufgeworfen werden, wie di e nach dem

der

Standort"

wirklichen

Größe": Liegt diese in der torah oder eher in der Verbindung

OOO. 114~

42

1 . TEIL: KAN ON UN D A USLEGUNG

zum Menschen durch die torah? Zudem wird eine große Ironie in den Wor- ten des darshan selbst offensichtlich und sein Lesen sollte Gegenstand eines eigenen Studiums sein, welches sich aber hier nicht mehr durchführen läßt.

Auch die Erweiterung des sek un däre n Lesens von R. Jirmja ist interessant :

Die Erwe iteru ng auf das "dort", das in anderen Ve rsen in jene m Kapitel

steht , etwa:

Und dort ruhen die (a n) Kraft Erschöpften", wenn man dies

auch auf die Welt. den Tod oder d ie "kommende Welt" bezieht. Zudem wird deren Zusammenfal1en in einem Moment der guten Tat bedeutungsvoll, doch auch das kann nicht weiter entwickelt werden. Es wurde demnach deutlich, daß die Wahrnehmung eines Textes als ei n

"heiliger" nicht von der Interpretation dieses Textes getrennt werden kann . Und trotzdem kann diese Tatsache, insbesondere wenn die Heiligkeit des Textes zu einer Selbstverständlichkeit gerät, allzuleicht außeracht geraten; und der Text selbst degeneriert z u einem "Foss il", obwo hl er weit er ge lesen wird. Im folgenden Kapitel wird ei nersei ts der Unterschied zwisc hen lebendigen Texten, also Text en , die gelesen und ve rstanden werden müs se n und anderer- seits fossilisierten Texten hervorge hobe n, Texte, die im Sinne ihrer "Heilig- keit" ingestiert. anstatt vom Verstand aufgenommen werd e n. Zugleich wird

der Prozess, in welchem sich die

Auflösung in se ine Bed e utungslosigkeit u nd somit dessen Fossilisation vo ll- zieht, woraus zugleich die Energie für ein (Neu-)Verfassen dieses Textes in der Rückkehr zum wirklichen Leben erwächst, erläutert. Im Sinne einer Ver- t iefung der Phänomenologie des Lesens de s Midrash wird eine bereits be- kannte li te rarisc he Que ll e noc hmals, n u n jedoch " neu". gelese n.

Unmögl

ichkeit" eines Textes, die drohende

2. Verurteilt und Auferstanden- Zur Regeneratio n des hebräischen Kanons im rabbinischen Midrash

D as Ziel dieses Kapitels ist es, ein ige all ge meine Anmerkungen im H in-

blick auf das Entstehen heiliger Texte zu entwickeln und diese Erkennt-

nisse im Rahmen des rabbi nischen Midrash z u e rö rt ern , um aufzuze ige n, auf welche Weise d iese eine tiefe rge hende Au seinandersetzung mit ei nem Kapi -

tel der rabbinischen Theologie ermögl ichen - und umgekehrt. Die einleiten-

d en Wort sind - ((otz ih res a ll geme in en Chara kt ers - von der rabbini sc hen

Auffassung der H e il ige n Sc hrift geprägt, und es ist n ich t beab sichtigt, daß

dies e un bedingt auf alle Tradiüo nen heiliger Tex te z utreffe n. Dieses Kapi tel bildet ei ne Fo rtsetzung des vorangega ngene n Tex tes. Die Ne u aufnahm e ei nes Teil s der Definitionen im früh ere n Kapitel so ll e in e Wei- terentwi cklung e rfahre n und das se kundäre Le se n d es d o rt z itierten rabbini - sc hen Textes im Ko ntext di eses Kapitels ve rt iefen . U m das in di ese m Kapitel

z ug runde ge legte Verständni s d e r H e iligen Sc hrift z u verdeutlichen, werde

ic h zwei Arten d es heili ge n Te xtes untersc hei den . Ein kon kret er heili ger Tex t

kann in untersc hi edlichem Maße Eigenschaften beider Tex tt ypen a ufwe ise n.

2.1. Fetischistische heili ge Texte - ko mmunikato rische heilige Texte

H

ei ligkeit hat etw as mit Aufmerksamkeit z u [On - mit ei ner Aufmerksamkeit,

di

e E nergi e ve rze hrt . Es gibt natü rl ic h za hll ose Ab stufungen dieser Aufm erk-

sam keit, und sie kann durc h Faszination und ein em

b is z u eine m Punkt es kaliere n, in d em die in diesem

baren menschl ichen Energien vo llkommen ersc höp ft sind . Bei fetischistischer

Vekto r dieser E ne rgie n auf d en Tex t als Objek t

ausgeric htet. H ie r kann man in gewisser H insic ht von H eiligkeit al s einer An

Zus ta nd darüber hinaus Zusammenhang verfü g-

H eili gkeit des Textes ist de r

ttl icher Präse nz" im Objekt sprechen. Wi chtig h ierbei ist ni cht die Defini -

ti o n dieser

stimmt : Die

gewi ssermaß en z um Text ko mm e n ode r sich auf d en Tex t z ubewege n, und in

di ese r Hinsic ht ist d er Tex t ei n Objekt . Es handelt sic h dabei um ein Pil ge rn ,

unabhängig davo n, wie kurz di e Distanz z um Obje kt ist. Das Entsc heid ende

dabei ist, daß d er Verehrende in seine r menschlichen, körpe rli chen Gestalt (er

ni mm t jedoch die Grenzen diese r Gestalt wahr) das Prob lem der ,.Dis tan z" in

Präse nz", so ndern vielme hr d e r Vektor, der ihre Faszi nat ion be-

Präsenz"

ist

d o rt ".

Das Subje kt, d er Vere hrend e, mu ß

0004 11 4Y

44

1. T EI L: K ANON UN D A USLEGUNG

seine m Wunsch überwind en mu ß, sic h dem he il ige n O bj ekt, das d urch sein D ortse in " gegebe n ist, näherzu ko mm en. Der Verehrend e streb t ei ne Nähe

z u dem fetis chi sti sch heiligen Text an, um ihn mit den Au ge n festzuhalt en,

vie ll eicht um ihn zu berühren , z u streicheln, ihn zu küs sen, mög lic herwe ise u m ihn wie Nahru ng in sich aufz usau ge n, in welcher Form au ch immer sich

di eses Gefühl d er höc hsten Ve reinigung d arstellt. D er Tex t ist gewisse rm aßen

wie Nahrung aufgenommen worden, wen n zum Beis piel seine H eilig ke it da- durch erfa hren wird, daß sein e Wo rte gemurmelt werden, o hn e sie zu ve rste- hen, bz w. o hne das Bed ürfni s z u haben, sie ve rstehe n z u wollen. Natürli ch

kan n der Text auch einfach geschl uckt werd e n, wie im Fall der auf Abw ege ge- ratenen Ehefrau. I W äh rend fetis c histi sche heilige Texte ein Annähern des Verehrend en an

das

lig keit um das

der

kret gege be ne n Objekt -c u m -Tex t, also in

dortige

Gött li che" beinhalten , geht es bei d er ko mmunik at o risc h en H ei -

Näherkommen des Göttli ch en" z um Verehrenden . D as heiß t,

Or t" , an dem das Gö ttli ch e sich vo ll zieht, ist ni cht

d

o rt" - in d em kon - Ort" is t vielmehr

d en Wort en; der

h ie r", a lso di e Person (od er Perso ne n ) d es Verehrenden (der Verehrenden ).

Diese r Ve ktorwandel vo n hier-nach-da z u vo n-d a-h ie rh e r ist ein Wandel in

der

Art der "Substanz" des Heili gen. Bei der fet isch istischen Heili gkei t kann

das

Wo"

des Heili ge n in Fo rm vo n R au m oder in Form vo n Zeit und Raum

gesc hildert werden . Bei der ko mmunikat orisc hen H e ili g kei t ist der Vektor

des "Näherkommens" Ausdru ck der Kommunik ati o n mit dem Verehre nd en, und die Ko mmunikatio n bezi eht sich auf die Person als Persö nlichkeit, nicht

auf die kö rperli che Gestalt als Objekt . In der Ik o nogra phie d es Kö rpers kan n

, eine Id ee

begre ife n" oder e twas ",in seinem Inn ere n" s püren. Da s li egt ab er ni ch t

daran, daß man nur rei n mechan isch funktioniert . Ganz im Gegentei l: In der

E rfa hrun g men sc hli c hen Dase in s w ird auc h da s rein Kö rp e rl iche z u e tw as

Ich" oder Teil

sie teil a n d e r Kommunika ti o n. In d ie- ledi g lic h mit Begriffe n d er Zei t und des

Be-

M etaph o ris c he m . Die Pe rso n is t ei n

ein es

se r Fo rm kan n m an die Perso n ni cht

Raum es, die greifbar sind , be z ei chn en. E s gi bt keine redukt ion isti sc he

tra chtung d er P erso n a ls ein en bes timmt en Teil d es Kö rp ers od e r a ls e ine n bestimmte n Ort; es gib t au c h kei ne redukti o nistische C hronologie der Per-

so n als ein bes timmter Au gen bli ck. Di e Erfahrung des Selbst ode r eines aut -

he nti sc hen Ande re n ist die Erfahrung d es Entstehe ns - das Ents te hen aus

man bes timmte Din ge mit den Augen o der Ohren

aufnehmen"

Du " oder

Ihr" oder

Wir", und in di ese r Fo rm hat

Erinneru nge n h er au s, die s ich auf jed e Art von

strec ken, di e in eine Gege nwart hin einreic hen , in d er se hr viel mehr gegen-

wärtig ist als das

ze rb ersten und auf Bereic he ausdeh ne n kann, die jed er Auffassung von ei nem

einengende n Gefange nse in im Diesse its wid erspre chen . We n n also di e H ei-

li gkeit ei n Ereigni s im Vekt o r z um Selbst ist, dann kann die eigentli c he

Sub-

Hi er- und -J etzt ", in eine Z ukunft , in der di e Pe rso n

dann" und

d o rt" cr-

I Nu m 5,23-24.

2 .: Z U R R EGENE RATION D ES H EBRÄISC H EN K AN ONS

4 5

s t an z" d es H e ili ge n ni c ht m eh r ledi g li c h mit Be g riffe n d er Zeit o d e r d es

t anz" d es Heili ge n muß fo lg li ch die

gleiche Dim ensio n des D asei ns bes it ze n , in d er au ch d as Selbst sein D ase in

hat, e ine Dim ensio n d es zu r- Person - hi n und vo n-der- Perso n- her. So gesehen ist es eige ntli ch unn ö tig, d as b ere its O ffen s ic htli c he noch he rvo rz uheb en:

Wi r s prec hen hi er ni cht von d e r Perso n in ihrer at o mi s ti sc hen Individu alität;

vo n d er Perso n, di e ihr Ents tehen in ein e r Wirklichk e it erfä hrt,

Ra um es beze ichn et we rd e n . Di e

Subs

wir sprec hen

d

ie stark

von

d er Ge meinschaft gepräg t is t. Wir

we rd en noc h au f die Bedeu -

tu

ng d e r Ge m ei nsc haft für d iese Ü be rle gun ge n

z urü ckko mmen.

Di es kö nnte au ch ei ne Erö rterun g d es " Wo" d es G ö ttli c hen in Ko ntexten

se

in , in d e nen Ko mmunikati o n stre ng ge no mm e n gar ni cht unbed ingt statt -

fin d et (z. B. bei d er Erfahrun g d er M ys tik). We nn w ir aber über d as sprec he n,

was ic h ko mmunikatorisc he H eil ig keit vo n Texten ne nn e, wird es sogar noch

d eutli ch er. In der Kommunikati o n is t n icht nur d e r Vekt o r der Fas z ination

veränd e rt und fo lgli ch is t ni c ht nur die "Sub s ta n z" des Heiligen gan z and e -

rer Art, so nd e rn e in we iterer Fakto r ko mmt hin z u, d e r eine se hr groß e Be- deutun g erh ält, und uns zu eine r ganz and eren und sehr um fang reichen

D ar stellung des men sc hli chen Strebens und der men sc hli chen Ko mpl e xität

führt : Die Frage nach der Bedeutun g. Kommunikation findet ni cht s tatt und kann ni c ht stattfinden , o hne da ß Bedeutung vermittelt und empfa nge n wird , obwo hl ihre Aufnahme und Entschlüssel ung durchaus im Unterbewu ßtsein vor sich ge he n kann . D amit ko mmunikato ri sc he Heil ig ke it auf der Ebe ne des Bewu ß tseins stattfindet, mu ß es ein bewu ß tes Empfan ge nN erstehen von Be-

d eutun g geb en (a uc h wenn d er Inhalt die ser Bedeutun g ni cht imm er mit

Hil fe eines Medium s d es Be wu ß tse in s e rkl ä rt we rd en ka nn ). W ir ko mm e n

d am it z um Ge biet de r H erm e neutik, di e SclJleierma cher z u rec ht für un ab - din gbar für d as E rl ebe n und Offe nbare n d er H e il ige n Sc hrift hält. Wenn wir d ie ko nstituti ve n Ele mente d e r ko mmunikatori sc he n H e ili gke it

- Ve kt o r, "Subs ta n z " und Bed eutu ng - al s en tsc h eid end e Fakt o ren bei un se- rer Tex tw ahrne hmun g z ugrund elege n, mü sse n wir so lche Te xte in ihrer H e i-

li gk ei t als ents tehen de Tex t e bezeic hn en, n icht led ig li ch als gegebe ne Tex te. Der vo n m ir so bezei chn ete " Vektor de r H eili gkeit" wird durc h di e Art und Weise, wie sich de r Lese r ode r H ö re r mit dem Te xt befaßt, bes timmt: E r dürft e darum be müht se in, dem Te xt ei ne bed eutun gsvo lle Botsc haft zu ent ne hmen

- d ann ist d ie Ko nfig urati on von Tex t und Pe rso n tatsäc hli ch vo n-dem -Text

zu-d er- Perso n, e in e in d iese Ric htun g ve rlau fend e d y nami sc he Beziehung. D as is t zeit bezogene Dyna mik - w ie G esc hi chte - und besc hrä nkt sich ni cht all ein auf di e rein e P räs en z vo n Tex t und Perso n . Si e hängt von d er pe rsö nli ch en En - ergie d es Empfänge rs ab, und d es h alb hand elt es sich h ie r, wi e be i d e m Emp- fä nger- in -d cr- Welt im all ge m eine n, um di e Fra ge de s E nts te hen s. Das wird noc h dadurch verstärkt, d aß di e e igentli che "Substa nz" d er H eili gkeit hi e r die

Perso n vis- a- vis dem Text is t. Die Katego rie der Bedeutung ist di e Katego rie d es Ent ste hens, im Geg ensat z zu einer Kat ego rie de s rein Gegebenen : Be -

d eutun g ist d ie Funktio n sowo hl vo n der hi sto ri sc hen Entwi cklung (di e her-

meneutisc he Ge mein sc ha ft - di e in d e r G esc hi cht e e ntsteht) al s auch vo n der

46

1 . T Eil : KAN ON UND A US LE GUNG

4 6 1 . T Eil : KAN ON UND A US LE GUNG persönlichen Einstellun

persönlichen Einstellun g

bei der WlrklichkcitScrfahrung, und beid e befinden

sic h stets in einem Prozeß des EntStchens. Die historisc he Entwicklu ng ist, in Bezug auf eine lebende Perso n, eine Strömung in die Zukunft, und die per- sönliche Einstellung in der Erfahrung ist eine Frage des Herauskommens aus der Erin nerung in e ine Gege nwart, die sic h grenzenlos in die Zuk unft er- streckt; erst die Zu kunft macht die Gegenwart zur lebendigen Zeit. Weiterhin ist Bedeutung ers t dann wirklich eine Bedeutung, wenn sie ei nem das Gefühl

der Bestandsaufnahme des bisherigen Dase ins - in-der-Weh ermöglicht - ein

Empfinden in einer Gegenwart, die sich in die Zuku nft hin einstreckt. Die Be-

deutung spricht dem Gegebenen sei ne absolute Vormachtstellung ab, indem

sie die Person zum Partn er dessen macht, was als bedeutungsvoll wahrge- nommen wird; das heißt, ihre Wirksamkeit reicht immer in die lebendige Ge-

Bed eutun g ist die Katego ri e

genwart, andernfalls wäre es des Ents tehens, weil sie di e

hens ) in dem Bewußtsein ist, in dem sich das Dasein -in-der-Welt vollzieht.

gar keine Bedeutung.

Mög lichkeit der F reiheit (eine Frage des Entste-

Daher muß die ko mmunikato ri sche H ei ligkeit eines Textes st ets als ein Er-

Din g" bezeichnen. Sie ist

ei n E reig ni s in den Dimensi o nen Zeit- Raum, Gesch icht e-Gemei nschaft und Person-Welt . Als ein Ereigni s des Entste hens ist es ein se h r kraftvolles Ereig- nis, ein Ereignis, das sei ne Energien ausschöpft und von selbst erlischt, wenn es ni cht stets durch mensc hl ic he Energie neu belebt wird. Diese menschliche Energie ist die Energie der stets erneuerten Auslegung (das heißt, eine Au s- legu ng, die fortwähre nd in der Gege nwart stattfindet, die gegenwärt ig als Be- deutu n g wah rge nommen wird, und ni c ht no twendi gerweise ei ne neue Au slegung) - das sine qua non für die kommunikatoris che H eili gkei t von Tex t.

eignis geschildert werden, man kann sie ni cht als

Die Auslegung ist hi er eine Frage des Individuums -in -c/t'r- Gemeimcbllft.

Damit d ie Au sle gu ng d ie H ei li gkeit des Textes unt erm,w ert , Illul s die se Au s- legung überz eu gend sei n, die Person muß sie als "la ls;1I: h lid, im Text enthal - t e n" empfinden . Au s le gu ngen kö nnen so ko nkn.'1 (' mpfund (,!1 werden, d an sie nur dann der k o mmunikatori sc hen H ei li gke it d es Tl's tl'S Ges talt gebe n kö n - nen , wenn s ie zu d en objek ti vie rten Wahrh l' it e ll d er Gellleinschaft gehö re n,

als heilig wahrni mmt .

in der - und a ls Teil des se n -

An di ese r Ste ll e halte ich es für ang(' mes s('n. zu ('inelll spez ifischeren, rab bi -

das Individulll1l dell Text

ni schen ß e z.ugsrahmen über

z u gehe ll, ~(" l;\lll'r g('S:1g t, zu d e m de s Midrash.

2.2. Sek un däre und primäre Lesungen der H ei li ge n Schrift:

Zur Frage eines kanonischen Midrash - Theologie als Hermeneutik

Midrash ist, wi e bere its im e rsten Kapi te l entw ic kelt, der allgeme ine A u s- druck für die Auslegung der Heil igen Schrift in rabbinischen Kreisen. Wie wir bereits se he n konnten, beinhaltet Midrash bzw. hat Midrash so wo hl mit Auslegungen zu tun, die d er H eil igkei t der Schrift Gestalt geben, als auch mit

2

.: ZUR R EGENERATION DES HEB RÄ ISC H EN KANONS

47

de njeni ge n, die das nich t tun. Z un ächs t aber noch ei nmal ei ni ge Ausführun - gen z u den Begründern des Midrash, den darschanim (Plural) oder dem dar- schan (Singular). Midrash (u nd hi erbe i bez ieh e ic h m ic h haupt säc hli ch auf Midrash - hag- gada, also de r Midrash, der sich mit den nicht-halachischen Teilen der Hei - ligen Schrift befaßt) hat, wie wir bereits gesehen haben, seinen Ursprung im Zusammenhang mit dem Lesen der Heil ige n Schrift in der Öffe ntli chk eit der

und in den Studien im Bet ha-Midrash (Le hr- parallel zu den Ausführungen im ersten Kapi -

tel der Begrü nder ode r Überbri nge r der Midrash - Auslegung ode r Lekti on"

zu e rklären" . Die

relativ umfangreiche Menge an vorhandenem Midrash und ähnlichem Sc hriftmaterial überzeugt eine n rasch davon, wie eng die H eil ige Schrift und

ihre Auslegung in d er rabbinisc hen Reli giosität miteinand er verflochten sind . Man k ann durchaus behaupten, d aß ein sehr großer Teil der rabbinischen Li- teratu r seinen Urspru ng in d er Auslegung der H eilige n Schrift hat. Es wäre

ohne Bezie hun g z u

so lcher Auslegung zu sc hild ern . Die Rabb inen hätten sic h auß erd em keine

H e ili g keit der Sc h rift vo rst ell en kön nen , die ni cht mit einer se hr star ken Bemühung, d iese heilige Schrift auf die eine ode r andere Weise auszulegen und z u vers tehe n, e inherginge. Diese nahezu om nipr äse nte Besc häfti gung mit Midrash ist unt er anderem mit der biblisc hen und rabbinischen Theo lo- gie zu erklären. Ein Go tt, der nicht in ko nkreter Form oder bildlich darge-

ist ein Go tt, dem m an nur sc hwerlich in der

Welt de s Diesse its begeg nen kann . D er We g zur authentischen mystischen

Erfa hrun g ist u nglaubl ich viel länger als ma n sic h im all ge me in e n vorste llt s .

der rabbinischen ein e Sich - in - d c r-

Gemeind e (in der Syna goge)2 haus)}' Der darschan, ist auch

sieh t seine Berufun g in d em Bedürfni s, die Heilige Schrift

in jedem Fall ei n z iem li c hes Unterfangen, den Ta lmud

stellt werden kann ode r darf,

Ich bin der Auffassung , daß die Auslegung der Sc hri ft in Religios it ät ei n Vers u ch sein kann , di e H eil ige Schrift als

!

Siehe die von Y. Komlosh übcrarbciu:ten Quellen in: Th~ 8jb/~ In th~ LIght o[ th~ Amoraic Tran s lationf, Bar- Ilan Universi tät 1973 ( H ebräi sc h), S. 18 - 22 .

1

Im Bet ha -Midrash wurde d ie H e ilige Sc hr ift von den Gelehrten st udicrt. und ein Großtci l

des Mid ra.sh -Haggada hat hier se inen Urs prung (1 B. in dcr Sc hul e dcs Amoräer5 des 3. J ahr . hundertS in Is rael, R. Jochanan, wo einigc dc r größtcn Gclchncn dcr damaligcn Zcit sic h auf Midras h+Aus legungen spczialisiencn, die nicht in unm ittelbarem Zusammenhang mit der ha - lacha standen; (siehc beispielswe ise A. H yman, Toldot h Tannaim VI." 'Amoraim . Lond on 191 0-

1911

und Jerusale m 1964 ( H cbr iiisc h); odc r R. Ji :r.chak I Bd . 2, S. 782 -78 4 \ und R. Lcvi I Bd . },

S. 8S I -8S7J). In der Synagogc wurd e die H cilige Sch ri ft für die Menschen aus al lcn !,;cscl l- schafll ic hen Schichten _erläutert-. d ie am fhabbat und an dcn Feie rt agcn in d ie Synago];c kamen, und daraus entstand cinc An vol ksnahe Mid rash -ha gg ada . Dc n noch si nd bcide An c n cng miteinand cr verbundcn .

W. Ba c her ist dem Ursprung und dcr Bed cutung d es Wonc s darshan und sci n c r Wune! Jrsh

in seinem Werk Eug~tische Tfi711in%g ie J~ j;,dilchen TraJiuo ns/itf7a t"r , 1899 (fcil I ) und

1905

(feil 2) nachgega ngen .

S

St. John of the C ross warme z. B. in sci nem Dark Night o[ th e So ul d ic Novize n vo r dcr Länge, d en Stra pazen und den Irn üme rn auf dem Weg, dcn die Möc hte - ge rn -My stiker wählen - sie he insbesondere Buch I, Kapitel 10.

OOO' II'~

48

1 . TEIL:

K

NON

UNI) A USLEGUNG

Gegenwart-ereignende-Offenbarung zu empfinden, das heißt, Offenbarung

als Erfassen der Botschaft. Das könnte E nergie n sublim ieren, die ei n Streben