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Übergänge Texte und Studien zu Handlung, Sprache und Lebenswelt Thiemo Breyer (Hg.) Grenzen der Empathie

Übergänge

Texte und Studien zu Handlung, Sprache und Lebenswelt

Thiemo Breyer (Hg.)

Grenzen der Empathie

Philosophische, psychologische und anthropologische Perspektiven

begründet von

Richard Grathoff Bernhard Waldenfels

begründet von Richard Grathoff Bernhard Waldenfels herausgegeben von Wolfgang Eßbach Bernhard Waldenfels Band

herausgegeben von

Wolfgang Eßbach Bernhard Waldenfels

von Richard Grathoff Bernhard Waldenfels herausgegeben von Wolfgang Eßbach Bernhard Waldenfels Band 63 Wilhelm Fink

Band 63

Wilhelm Fink

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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© 2013 Wilhelm Fink Verlag, München (Wilheim Fink GmbH & Co. Verlags-KG, Jühenplatz 1, D-33098 Paderborn)

Internet: \V\vw.fink.de

Einbandgestaltung: Evelyn Ziegler, München Primed in Germany. Herstetlung: Ferdinaod Schöningh GmbH & Co. KG, Faderborn

ISBN 978-3-7705-5516-1

Für Elisabeth Breyer

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OLIVER MÜLLER

1 8 2 OLIVER MÜLLER -Von der Theorie zur Praxis der Unbegrifflichkeit. Hans Blumenbergs anthropologische Paraethik,

-Von der Theorie zur Praxis der Unbegrifflichkeit. Hans Blumenbergs anthropologische Paraethik, in: A. Haverkamp & D. Mende (Hg.), Me­

taphorologie. Zur Praxis von Theorie, Frankfurt a.M. 2009, 256-282.

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hgie, Reinbek 1993.

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\Xlaldenfels, B., Das leibliche Selbst.

Vorlesungen zur Phänomenologie des Lei­

bes, hg. von von R. Giuliani, Frankfun a.M. 2000.

Lei­ bes, hg. von von R. Giuliani, Frankfun a.M. 2000. MATTHIAS HATSCHER Grenzen der Einfühlung. Zum

MATTHIAS HATSCHER

Grenzen der Einfühlung. Zum Problem der Alterität bei Busserl und Levinas

Die folgenden Ausführungen unternehmen den Versuch, ausgehend von der klassischen Phänomenologie eine Schneise in das Dickicht de-r Fremderfahrung zu schlagen und sich so den Herausforderungen zu stellen, die mit dem Thema Grenzen der Empathie angezeigt wer­ den.1 Dabei wird der zweifach zu lesende Genitiv leitend für die nachstehenden Überlegungen sein: In einem ersten Schritt soll erör­ tert werden, welche inhärenten Schranken der Einfühlung selbst mitgegeben sind. Um diesem genitivv. subiectivus nachzuspüren, werden die Hinweise Edmund Husserls berücksichtigt, der in einem jahrzehntelangen Ringen gleichermaßen der Reichweite sowie den Grenzen der Einfühlung nachspürte. Ob die von Husserl gegebenen Antworten restlos befriedigend sein können, wird in einem zweiten Schritt auf dem Prüfstand stehen. Im Rückgriff auf Emmanuel Levi­ nas sollen die Grenzen der Empathie- nunmehr als genitivus obiectivus zu lesen - ausgelotet und Argumente angeführt werden, warum er das Konzept der ,Einfühlung' insgesamt als unzureichend empfindet und dafür plädiert, den Begriff gänzlich fallen zu lassen. Seiner Auffassung nach verkennt jeder Versuch einer Einfühlung die Andersheit des Anderen, da diese stets vor dem Hintergrund des eigenen Ausle­ gungshorizontes interpretiert wird. Neben dieser kritischen Abgren­ zung von der klassischen Phänomenologie sollen dabei auch seine ,positiven' Erörterungen einer ,Alterität-im-Plural' - ausgehend von Levinas' Ausführungen zum Dritten (le tiers) in Autrement qu 'etre ou

Beim Terminus ,Empathie' handelt es sich um eine herkunftsverschleiernde Rück­ überserzung des deutschen Wones ,Einftihlung'. Edward B. Titchener, der bei Wilhelm Wundt studierte und mir dem deutschsprachigen Kontext psychologi­ scher Forschungen bestens vertraut war, überträgt den von Tbcodor Lipps promi­ nent in die Diskussion eingeführten Begriff ,Einfühlung' � "as a rendcring" und in Anlehnung an das griechische empdtheia- mit empathy (Titchener 1909, 21; vgl. Gallese 2003, 175; Cop!an & Goidie 20 1 1 , XII). Lipps' Überlegungen zu dieser Thematik bilden bekanntlich auch einen wichtigen Bezugspunkt für Husserls Aus­ einandersetzungen rund um den Themenkomplex der Fremderfahrung (vgl. Där­ mann 2005, 376ff).

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.\1ATTH!AS FLATSCHER

1 8 4 .\1ATTH!AS FLATSCHER au-de!a de l'essence - zu Wort kommen und ihre Anschlussfähigkeit für

au-de!a de l'essence - zu Wort kommen und ihre Anschlussfähigkeit für ethisch-politische Fragestellungen aufgezeigt werden.

1. Husserl und das Problem der Einfühlung

Den sachlichen Ausgangspunkt des Husser!'schen Denkens bildet die Einsicht, dass das Bewusstsein nie allein bei sich venveilt. Bereits in den Logischen Untersuchungen streicht Husserl deshalb hervor, dass Bew-usstsein stets Bewusstsein von etwas sei. Jeder Bewusstseinsvollzug ereignet sich als Gegenstandsbezug: "In der Wahrnehmung wird et\vas wahrgenommen, in der Bildvorstellung etv·las bildlich vorge­ stellt, in der Aussage etwas ausgesagt, in der Liebe etwas geliebt, im Hasse etwas gehaßt, im Begehren etwas begehrt usw." (Hua XIX/1, 380) Mit aller Vehemenz srellt sich Husserl damit gegen die durch den Empirismus weitverbreitete Vorstellung,2 dass das Bewusstsein erst allmählich mit Inhalten zu füllen· sei. Es ist folglich nicht zu­ nächst leer wie eine "Schachtel" (XIX/I, 169), um in einem zweiten Schritt mit weltlichen Daten gespeist zu werden. In dieser reduktioni­ stischen Auffassung w·erden die sinngebende Struktur jedes Erkennt­ nis- bzw. Wahrnehmungsvollzuges sowie die Eigentümlichkeit des Bewusstseins grundlegend verkannt.3 Das Bewusstsein erfährt sich als je schon dem Andrang der Welt ausgesetztes und sich als im Inner­

.} ist zugleich Au­

ßen." (Hua XV, 556) Diese aufgeschlossene Gerichtetheit, die nicht primär als aktives Leisten oder willentliche Absicht verstanden wer­ den darf, sondern vielmehr eine das Bewusstsein auszeichnende Of­ fenheit darstellt, fasst Husserl terminologisch als !ntentionalität.4

sten veräußerlichtes: "Das intentionale Innen [

VgL Husserls kritische Auseinandersetzung mit Locke (Hua VII, 1 OOff.). Man stellt sich in ihr das denkende Bewußtsein wie eine Schachtel vor; durch irgendeine Öffnung dringt von außen ein sich vom Ding etwa ablösendes Bilder� chen hinein. Und nun meint man, ein verständliches Schef\la der Erkenntnis ge­ wonnen zu haben. Aber weiß etwa eine Schachtel, in der eine getreue Photogra­ phie einer Person steckt, etwas von einer Person? Das Sein eines Bildes im Bewußtsein ist doch noch nicht ein Wissen von einem außerbewußten Gegen­ stand? .A.lso muß doch der immanente Inhalt, der als Bild da fungiert, mit dem Wissen verbunden sein, daß er eben als Bild zu gelten hat und daß ihm ein Origi­ nal emspricht. Aber wie kommt uns dieses Wissen zu und was ist dieses Wissen? Nun, eben wieder ein subjektiver Akt." (Hua XXIV, 151; vgl. Hua XI, 319) Schlüssig bringt Depraz diese Einsicht auf den Punkt: "Consciousness is for Hus­ seri inrentional, which docs not mean flrst and foremost deliberate or willful, but

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

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Dieses Verhältnis, dass Bewusstsein stets Bewusstsein von etwas ist, gilt jedoch auch vice versa: Jedem Erscheinen von et\vas ist unweiger­ lich ein Sichzeigen für ein Bewusstsein eingeschrieben. H usserl kann daher behaupten, dass das Bewusstsein aufgrund seiner intentionalen Verfasstheit den Gegenstandsbezug bereits in konstitutiver IX'eise in sich trägt; zugleich enveist sich das Erscheinen von wirklicher, erin­ nerter, phantasiertet etc. Gegenständlichkeit auf die Gerichtetheit des Bewusstseinsvollzuges angewiesen.5 Jedes Erscheinen von etwas ist daher als ein Erscheinen für ein erfahrendes Bewv. stsein aufzufassen. Das Bewusstsein verweilt somit nie nur bei sich und erreicht auch niemals eine in sich ruhende Abgeschlossenheit; stets ist es in seinem Außer-sich-sein mit einer Entfremdung geschlagen, die jede bruchlo­ se Selbstkoinzidenz usurpiert. Dieses Selbstverhälrnis, das jede voll­ ständige Rückkehr zu sich unterbindet, zeichnet das Bewusstsein prinzipiell als ,ver-anderres' - oder anders gewendet- als offenes aus.6 Das Bewusstsein ist in dieser Offenheit immer schon von Bewusst­ seinstranszendentem durchzogen, Es ist daher stets mit dem Anderen seiner selbst konfrontiert. Das Bewusstsein ist nach Husserl zudem dadurch ausgezeichnet, dass es als Ort jedes Erscheinens die unterschiedlichen Gegebenheiten in den jeweiligen Bewusstseinsvollzügen in einem Zusammenhang zum Vorschein kommen lässt; die diversen Erscheinungen werden im Bewusstsein zu einer Einheit gebündelt: "AUe realen Einheiten sind

sinngebendes Be­

wußtsein voraus, das seinerseits absolut und nicht selbst wieder durch Sinngebung ist." (Hua III/1, 120; vgl. 165) Damit einhergehend

Einheiten des Sinnes. Sinneseinheiten setzen [

)

sheerly a directedncss toward.s the external object and an opcnness to the world. In that respect, intentionality can be active or passive, volumary or driven, attentional or affectivc, cognitive or emotional, static or genetic, and open directedness indi­ cares a suong relativization of the subject-object polarity." (200 l, 170) So hält Husserl fest: "Ein Gegenstand, der ist, aber nicht, und prinzipiell nicht

GegenStand eines Bewußtseins sein könnte, ist ein Nonsens." (Hua XI, 19f.)

Explizit hat Merleau-Ponty diese Konsequenz aus der intentionalen Verfassrheit des Bewusstseins gezogen: "Insofern Bewußtsein nur Bewußtsein von erwas ist,

[ ]vollzieht

selbst" (1 966, 166). Dieses Verständnis der "offenen" Subjektivität unterscheidet

sich von dem, was Zahavi mit Husserl als "offene lntersubjektivität" fasst (vgL 1996, 39). Es geht nämlich nicht um die unendliche Vielheit von Wahrneh­ mungshinsichten und damit einer unendlichen Vrelhelt von möglichen anderen Subjekten, die in der stets notwendigen, nie jedoch exklusiven Perspektivität der Dingwahrnehmung aufbricht, sondern um den gebrochen Selbstbezug (als Selbst­ entzug) des Bewusstseins selbst.

sich stets eine Enrpersönlichung des Bewußtseins in dessen Innersten

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MKITHIAS FLATSCHER

1 8 6 MKITHIAS FLATSCHER gewinnen nicht nur Überlegungen zur Verbundenheit der diversen Bewusstseinsvollzüge in ihrer

gewinnen nicht nur Überlegungen zur Verbundenheit der diversen Bewusstseinsvollzüge in ihrer zeitlichen Erstreckrheit sukzessive an Relevanz (vgl. Hua XIII, 184), sondern auch das Problem der Ab­ grenzung "gegen [ein] eingefühltes, gegen [ein] anderes Ich" (Hua XXIV, 421) wird zusehends virulenrer. Die transzendentale Redukti­ on und die Inblicknahme der Konstitutionsleistung des reinen Be­ wusstseins als Identisches führt Husserl folglich nicht in eine solipsi­ stische Sackgasse, sondern die dezidierte Ausarbeitung einer transzendentalen Egologie zwingt Husserl allererst, so paradox das zunächst klingen mag, zur expliziten Auseinandersetzung mit der Intersubjektivität und konfrontiert ihn so mit der Frage nach "einem anderen phänomenologischen Ich" (Hua XIII, 187). Mit der so ge­ nannten egologischen Wende rückt im Denken Edmund Husserls sukzessive das konstituierende Bewusstsein und die Frage nach der Identität einer konkreten transzendentalen Subjektivität in den Mit­ telpunkt der philosophischen Aufmerksamkeit.' Denn mit der Thematisierung der eigenen Identität geht die Ab­ grenzung von anderen ichliehen Identitäten einher. Mit der Proble­ matisierung der Differenz zwischen meinem Bewusstsein und dem des Anderen bricht die Phänomenologie weitgehend mit der philoso­ phischen Tradition, denn hierfür lassen sich keine expliziten Vorläu­ fer innerhalb der abendländischen Geistesgeschichte ausmachen.8 So kann behauptet werden, dass das Problemfeld der Alterität erst durch

Mit aller Deutlichkeit macht Taguchi auf diesen Aspekt aufmerksam: "Dabei ist aber besonders zu berücksichtigen, dass die ,egologische' Wende bei Husserl zu­ gleich eine intersubjektive Wende bedeutet. Das ,Absolute', das in der frühen Zeit non-egologisch aufgefaßt wurde, wird nun ,transzendentales Ich' bzw. ,Ego' ge­ nannt; aber dieses ,Ich' kann nicht als überindividuelles, metaphysisches Prinzip interpretiert werden. Anderenfalls wäre die Pluralität der transzendentalen Ich sinnlos und ausgeschlossen; es gäbe dann keine transzendentale Intersubjektivität; in diesem Fall wäre nur eine Frage nach der Intersubjektivität sinnvoll, nämlich auf welche Weise die empirische Ich-Vielheit aus dem über-individuellen absolu­ ten Ich ,abgeleitet' werden könnte. Husserl spricht dagegef! unter dem Titel der transzendentalen Intersubjektivität >'On dner Vielheit der jeweils abso!uren trans­ zendentalen Ich." (2006, 61). Ohne die kurze Bemerkung näherhin auszuführen, verweist Tengelyi auf Fichte, der in der Philosophiegeschichte auf das Problem der Intersubjektivität gestoßen isr: "Der einzige Denker, der als sein [Husserls] Vorläufer gelten kann, ist bekannt­ lich Fichte." (2007, 146) Vermudich bezieht sich Tengelyi auf Fichres Grundlage

des Naturrechts nach Principien der Wissenschaftslehre von 1796. Inwiefern hier aber

von einem Vorläufer oder gar von einem direkten Einfluss gesprochen werden kann, muss hier offen bleiben.

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

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die Phänomenologie dezidiert in den Blick philosophischer Aufmerk­ samkeit rückt. Dass Husserl selbst mir dieser Einsicht jedoch die größten Schwierigkeiten hatte, dokumentieren nicht nur retrospekti­ ve Reflexionen auf seinen Denkweg,9 sondern auch die diversen "ta­ stenden Überlegungen" (Hua XIII, 224), Verwerfungen sowie Neu­ anläufe rund um den Themenkomplex der Einfühlung.10 Husserl fragt in diesem Zusammenhang nicht, ob es überhaupt andere Subjekte gibt - dieser erkenntnistheoretische Skeptizismus ist ihm fremd -, sondern wie ein anderes Ego gegeben ist. Die Frage nach dem Wie des Gegebenseins von Anderem wird dadurch philo­ sophisch virulent, dass Husserl die Möglichkeit berücksichtigr, dass der Andere einerseits nicht nur Objekt ist, sondern zugleich auch als (leibliches) Subjekt der Welr fungierr, sowie andererseits seine Sub­ jektivität nicht mit meiner einfachhin zusammenfallen darf Mit anderen Worten: Die erste Herausforderung besteht darin, dass der Andere als alter ego nicht nur als Objekt wie ein beliebiges Körper­ ding zu fassen ist, sondern ebenso wie das eigene Ich dadurch ausge­ zeichnet ist, zugleich als Subjekt im Zentrum der Weltkonstitution zu fungieren.11 Husserl skizziert diese Ambiguität wie folgt:

Das fremde Subjekt ist zwar als menschliches Subjekt Objekt, und was dasselbe besagt: Es ist an sich. Das fremde Subjekt ist aber nicht in einem dinglichen Sinn an sich, d.h., es erschöpft sich nicht darin, Objekt zu sein, sondern in dem Sinn, in dem ein Subjekt es ist. Es ist zugleich für sich selbst! (Hua XIII,

463f.)

Bezeichnenderweise rekurriert Husserl wiederholt in den Folgejahren auf die Vorlesung Grundprobleme der Phänomenologie aus dem Jahr 1910/Il (Hua XIII, Nr. 6), wo er erstmals dezidiert auf den Problemkomplex der Intersubjektivität eingegangen isr (vgl.- ohne eine Vollständigkeit der Auflistung zu beanspruchen:

Hua V, ISO; Hua VIII, 433f.; Hua XIII, 245; Hua XIV, 307; Hua XVII, 250). Folgende Sätze dokumentieren dieses Ringen um eine sachgemäße Verständigung

über die Thematik der Einfühlung: "Das Problem der EinfohLung als Konstitution desfremden Ich in meinem Bewusstsein ist durch alle vorangega ngenen Analysen nicht

gellist." (Hua XIII, 44 Anm. 1) "Da tritt nun unter transzendente Sinngebungen, und zwar der Form der ,äusseren Wahrnehmung', neben der Körperu•ahrnehmung auch die Tierwahrnehmung und Menschenwahrnehmung, also das, was ich ei­ gentlich ziemlich schlecht ,Einfühlung', besser ,einfühlende Wahrnehmung' nann­ te. " (Hua XIII, 234; vgl. Hua XIII, 335) 1l Zu Husserls spezifischem Verständnis von Transzendcnta!ität vgl. Landgrebe

(1973) und Espinet (2010).

MATTHIAS FLA.TSCHER
MATTHIAS FLA.TSCHER

1 88

Husserl prazlSlert die zweite Herausforderung dahingehend, dass es eine Erfahrung der Alterität gibt, die nicht differenzlos auf das eigene Ego zurückgeführt werden kann, da ihm ein anderes Ego nicht in unmittelbarer Weise zugänglich ist. Würde es nämlich eine direkte Zugänglichkeit geben, wäre jede Unterscheidbarkeit zwischen dem eigenen und anderen Ich hinfällig. Husserl insistiert jedoch bereits zu Beginn seiner Überlegungen zur Intersubjektivität respektive Einfüh­ lung unmissverständlich auf der Unaufhebbarkeit dieser notwendigen Differenz z\vischen meinen Erlebnissen und derjenigen eines Ande­ ren:

Anderer Empfindungen kann ich nicht empfinden, sondern nur einfühlen. Könnte ich es empflnden, dann wäre sein Leib mein Leib, und es hätte die Sonderung zwischen Ich und Du keinen Sinn. Ich habe Selbstbewusstsein, d.i., ich habe aktuelle psychi­ sche Erlebnisse, von dem Anderen habe ich Einfühlungsbewusst­ sein, sein ,Bewusstsein' ist einfühlungsmässig supponiertes. (Hua XIII, 11)

In gewisser Weise erhält das Fremd-Ich dadurch denselben Status wie das Eigen-Ich, ohne einfachhin gleichgesetzt werden zu dürfen, denn dann wären der Andere und ich unterschiedslos derselbe. Um der Komplexität dieser ,ungleichen Selbigkeit' nachzukommen, streicht Husserl zunächst heraus, was unter Einfühlung nicht zu verstehen sei und markiert damit die inhärenten Grenzen der Einfühlung. Diesen Differenzen soll nun- in Abgrenzung von der originären Wahrneh­ mung (a), aber auch von verschiedenen Formen der Vergegenwärti­ gung nachgegangen werden. Insbesondere die Unterscheidung von Reproduktionsweisen wie Abbildung (b), Phantasie (c) und Erinne­ rung (d) bereitet Husserl aufgrund der strukturellen Affinität in die­ sem Zusammenhang größte Schwierigkeiten.

in die­ sem Zusammenhang größte Schwierigkeiten. a) Wahrnehmungsbewusstsein Die eigenen Wahrnehmungsvollzüge

a) Wahrnehmungsbewusstsein

Die eigenen Wahrnehmungsvollzüge sind laut Husserl dadurch aus­ gezeichnet, dass sie dem jeweiligen Ego immediat gegeben sind. Mit den Attributen ,leibhaftig', ,gegenwärtig' und ,originär' respektive ,originaliter' versucht Husserl diese Unmittelbarkeit präziser zu um­ reißen: "In der Wahrnehmung ist uns der Gegenstand bewusst als

].

sozusagen in leibhaftet Gegenwart

\\�lahrnehmung ist das Bewußtsein, eine Gegenwart sozusagen beim

da, als originaliter gegeben [

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

1 89

Schopf zu fassen, es ist originaliter gegenwärrigendes." (Hua XI, 304) Diese Originarität der gegenwärtigen und leibhaftigen Wahrneh­ mung bildet fur Husserl die "Rechtsquelle der Erkenntnis" (Hua IIIIJ, 51), an der sich alle anderen Weisen der Vergegenwärtigung in unter­ schiedlicher Abgrenzung orientieren.

Wie ist die Wahrnehmung eines Raumdinges genauerhin defi­ niert? Husserl betont, dass uns ein Ding nie vollends, sondern stets in perspektivischen Abschattungen gegeben ist. Die Wahrnehmung eiries Raumdinges ist gerade dadurch ausgezeichnet, dass es niemals vollständig, d.h. adäquat und allseitig, erscheint. Selbst ein vollkom­ menes "göttliches" Subjekt müsste sich, falls es wahrnehmen wollte, auf die perspektivische Gegebenheit einlassen. Alles andere wäre ein fundamentales Verkennen der Wahrnehmung (vgl. Hua lll/1, 89f.). Dennoch sehen wir nicht "halbe" Tische oder "halbe" Häuser, son­ dern die unsichtigen Seiten sind "für das Bewußtsein irgendwie da, ,mitgemeint' als mitgegenwärtig" (Hua XI, 4). Diese notwendige Appräsentation, die nicht durch reproduktive Aspekte kompensiert werden muss, ist der Wahrnehmung inhärent. Husserl spricht in diesem Zusammenhang, um diese Ambiguität der W-ahrnehmung deutlich hervorzukehren, von einem "Widerspruch" (Hua XI, 3), einem "merkwürdigen Zwiespalt" (Hua XI, 4) oder einem "Gemisch

von wirklicher Darstellung [

Der Verweis auf die Leere stellt jedoch keine radikale Unverfüg­ barkeit dar, denn das Bewusstsein verfügt über die "prinzipielle Mög­ lichkeit" (Hua XIII, 51), allen Seiten eines Gegenstandes ansichtig zu

werden. "Zum Wesen der Dingwahrnehmung gehört der Übergang in Mannigfaltigkeiten von Gegebenheiten, in denen sich jeder Teil, jede Seite, jede Beschaffenheit, jede physikalische Bestimmung origi­ när ausweist, bzw. ausweisen könnte." (Hua XIII, 47) So bin ich et\Va - wenn auch nicht immer tatsächlich, so doch zumindest potentiell- in der Lage, mir die Außenansicht meiner Wohnung oder die Unter­ seite meines Laptops originär zu veranschaulichen, irgendwann die Aussicht vom Mount Everest zu genießen oder ein Spiel im Camp Nou zu verfolgen. Die Einfühlung steht im schroffen Gegensatz zum Originaritäts­ anspruch der eigenen Wahrnehmung. Zwar betont Husserl auch hier,

mitaufgefasst und mitgesetzt

(=apprehendiert) [ist] analog wie unsichtbares Physisches mitaufge­ fasst und so mitgesetzt ist" (Hua XIII, 46), doch diese Weise der Mit­ Auffassung unterscheidet sich grundlegend von der der Dingwahr-

]

und leerem Indizieren" (Hua XI, 5).

dass das "Fremdpsychische [

]

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190

MATTHIAS FLATSCHER

191 1 9 0 MATTHIAS FLATSCHER nehmung: Das Vernehmen des Anderen als Anderen i s t

nehmung: Das Vernehmen des Anderen als Anderen ist nämlich prinzipiell durch eine originäre Unzugänglichkeit gekennzeichnet, die

von keiner Potentialität eines ,Ich kann' oder ,Ich könnte' einzuholen ist. Was der Andere erlebt, ist mir offensichtlich nie in derselben Weise zugänglich, wie ich etw-as erlebe. Husserl insistiert daher mit Nachdruck auf diesem unaufuebbaren Wesensunterschied: "Das vergegenwärtigte fremde Sinnesfeld ist für mich prinzipiell nicht '"'ahrnehmbar, es ist nicht mein gegenwärtiges, vergangenes oder

künftiges Sinnesfeld, nicht mein Erlebnis.

nehmbar gewesen und \vird nie wahrnehmbar sein." (Hua XIII, 52) Der Unterschied zwischen dem eigenen und dem fremden Erleben entpuppt sich als Graben, der nicht überwunden werden kann: "In ihr [der Einfühlungj erfährt das einfühlende Ich das Seelenleben, genauer, das Bewußtsein des anderen Ich. Es erfährt es, aber niemand sagen, es erlebt es" (Hua XIII, 187). Jeder Versuch eines unmit­ telbaren Erlebens eines anderen Seelenlebens wird daher zum Schei­ tern verurteilt sein. Der Anspruch auf Öriginarität, der die eigenen Wahrnehmungsvollzüge leitet, muss im Bereich der Einfühlung fallen gelassen werden, sodass Husserl ernüchternd feststellen muss, dass die Gegebenheiten des Anderen "nicht Phänomene im Sinne der Phäno­ menoLogie" (Hua XIII, 433) sind. Die höchst bemerkenswerte Formu­ lierung zeigt an, dass die Fremderfahrung somit das erkenntnistheore­ tische Fundament der Phänomenologie untergräbt und Husserl an den Rand seiner epistemologischen Möglichkeiten drängt. Es muss auf eine originäre Unmittelbarkeit verzichtet werden, da die Selbstge­ gebenheit des Anderen mir niemals in einer direkten Weise zugäng­ lich ist. Als zugänglich zeigt sich der Andere allein in seiner Unzu­ gänglichkeit, sodass Husserl dem Wie dieser eigentümlichen Erfahrung weiter nachspürt und zunächst die Fremderfahrung als miuelbare Reproduktionsweise zu beschreiben versucht. Die fremden Erlebnisse und Empfindungen sind nämlich "nur in der Form von Vergegenwärtigungen setzbar und gesetzt" (Hua XIII, 47). Es stellt sich jedoch die Frage, inwiefern die E!nfühlung als ,,Akt der weitesten Gruppe der Vergegenwär tigu ngen" (Hua XIII, 188) sich von anderen Reproduktionsweisen unterscheidet. Um der Komplexität dieser Annäherungsversuche nachzukommen, sollen nun die von Husserl unternommenen Abgrenzungen zu Bild-, Phantasie- und Erinnerungsbewusstsein als heuristisches Moment herangezogen werden. Im Nachweis, wodurch sich die Einfühlung

.] [E)s ist nicht wahr­

GRENZEN DER EJNFÜHLUNG

von anderen Reproduktionsformen unterscheidet, soll ihre Eigentüm­ lichkeit zum Vorschein kommen.

b) Bildbewusstsein

Für Husserl darf der Akt der Einfühlung nicht als ein Abbildverhält­ nis ausgelegt werden, Im Bild wird ein abwesendes Objekt, das abge­ bildete Bildsujet, mit Hilfe eines materialhaft Vorliegenden, dem physischen Bild (Bildding), in einer spezifischen Weise der Darstel­ lung anschaulich vergegenwärtigt. Husserl spricht in diesem Zusam­ menhang davon, dass eine "Vergegenwärtigung eines Nicht­ Erscheinenden im Erscheinen" (Hua XXIII, 31) vollzogen wird, So weist ein bestimmtes Bild als physisches Ding, etwa eine an der Wand hängende Photographie vom "Wiener Stephansdom", in der spezifischen Weise der photographischen Darstellung auf das Bildsu­ jet, den tatsächlichen Stephansdom in Wien. Husserl versucht, dieses eigentümliche Zusammengehen von Wahrnehmung und Vergegen­ wärtigung im Bild zu verdeutlichen:

Das physische Bild weckt das geistige Bild, und dieses stellt ein anderes: das Sujet vor. Das geistige Bild ist eine erscheinende Gegenständlichkeit, z.B. die in photographischen Farben er­ scheinende Person oder Landschaft, die durch die Plastik er­ scheinende weisse Gestalt u. dgl. Das Sujet aber ist die Land­ schaft selbst, die gemeint ist nicht in diesen winzigen Dimensionen, nicht als grau-violett gefärbt wie die photographi­ sche, sondern in ihren wirklichen Farben, Grössen usf. (Hua XXIll, 29)

In der Wahrnehmung eines vorliegenden Dinges (physisches Bild) wird aufgrund der spezifischen Darstellungsweise ein Abwesendes vergegenwärtigt. Das abgebildete Sujet existiert jedoch für Husserl auch unabhängig vom physischen und geistigen Bild bzw, Bildding und Bildobjekc Den ,Mehrwert', den das Bild beisteuert, liegt in der Vergegenwärtigung eines Abwesenden, das es aber an sich und losge­ löst von dieser Bildbeziehung gibc Unabdingbar für das Aufbrechen dieser Differenzerfahrung ist das physisch vorliegende Bildding, Dieses wird nicht eigens thematisch, denn im Vordergrund steht ganz das Sujet, das im Bildobjekr auf­ bricht. So sehen wir in einer Photographie nicht (in erster Linie) das Photopapier oder die in photographischen Farben erscheinende Per­ son, sondern, insofern das Bildbewusstsein greift, das in der Abbil-

192

dung

abgebildete Sujet:

Es gilt

nun,

die

MATTHIAS FLATSCHER

abgebildete Sujet: Es gilt nun, die MATTHIAS FLATSCHER "Ich sehe das Sujet der Bildobjekt hinein, (Hua

"Ich sehe das

Sujet

der

Bildobjekt hinein, (Hua XXIII, 44).

dem so­

eben skizzierten Abbildungsverhältnis in den Blick zu nehmen. Zwar

zwischen

dieses ist das direkt und eigentlich Erscheinende."

in das

Parallelen

Einfühlung und

ist Fremdpsychisches

ben. Um

für Husserl

durch

das

sich

einem anderen

Ego einfühlen

leibhafte

Gebaren gege­

es

zu können,

braucht

seiner

Auffassung

nach

diesen

konkreten physischen Anhalt, auch

wenn

der

Leib

nicht

mit

einem herkömmlichen Ding

gleichgesetzt

werden

darf: "[D] as

fremde

Psychische

ist durch

das perzeptiv

gege­

bene Physische des

fremden

Leibes

,mitgeforden'

[

.]."

(Hua

XIII,

46)"

Die Einfühlung indiziert jedoch

Appräsenration

-

prinzipiell

nicht gemäß

einer Abbildungsre­

in direkter Weise zugäng­

wie bereits

-

Gegebenheit

daher

lation eine abwesende Gegenwart, die auch

lich wäre. Die oben ausgeführt

überführt

des Fremdleibes wird

nicht in

eine originäre

und Fremdpsychisches

werden können. Leib

stehen

nicht

im selben

Verhältnis

wie Bild

und Abgebildetes.

Das Fremd­

psychische zeigt

sich nicht

analog

einem

Bild, das

eine

dahinterlie­

gende

Ebene -

gleichsam

das Erleben

des Anderen -

repräsentiert

einer abbildenden Weise zugäng­

lich macht. Der Leib des Anderen fungiert nicht als ein zu übersprin­

o-endes Verbinduno-so-lied

direkt einsichtig wäre.

und das ,eigentliche'

Innenleben in

für etwas,

das

auch

o

oo

Irreduzibel bildet der Leib

zum Anderen haben.

Differenz

wusstsein: "Im Bildbewusstsein

hindurch.

durch

Anderen.

Die

des Anderen

den einzigen Bezug,

mit Nachdruck

(Einfühlung)

Bild

den Körper,

bleibt,

Es

den wir

auf dieser

und Bildbe­

und durch das Bild

aber nicht

des

den Körper

Husserl insistiert

zwischen Menschenbewusstsein

sehe ich das

Im Menschenbe\vusstsein

da

er selbst in

sehe

Geltung

ich

ihn hindurch,

Das ist er ja selbst." (Hua XIV, 487)

Dichotomie zwischen

o

daher

äußeren

Gebärden

und innerem Be­

wird nicht

Gestik auf mentale Zustände geschlossen; einem

da-

\vussrseinsleben muss von der Mimik urid

nachträo-lich-intellektualistischen Analeo-ieschluss

zurückgewiesen werden.

.

b

erteilt Husserl

'2

Auch

Anhalt

wirklich

den

tierend indiziert, das nun in

in

den

Cartcsianischen

hin:

ll1editationen

weist

notwendigen

sich fongesetzt

immerfort zusammenstimmen­

Husserl

auf

den

am

als

Fremdleib

Leib

nur

,.Der erfahrene fremde

aber

Leib

bekundet

in

seinem wechselnden,

originaler

Gebaren,

derart, daß dieses seine physische Seite hat, die Psychisches appräsen­

{Hua

Erfahrung crftillend auftreten

muß."

I. 144)

GRENZEN DER EJJ\'FÜHLUNG

193

her eine Absage."

oder die Freude des Anderen-

äußerlichen Ausdruck

Zugang

när zugänglich

Zorn

ren- gleichsam als den darf.

Zorn

und nicht bloß ein Abbild oder einen

der

origi­

dass sein

nicht meiner ist und hier von einer direkten Teilhabe am Ande­

Vielmehr sehen wir leibhaftig die Angst, den

der Gemütsbewegungen,

auch

wenn

sich

mir nicht

zum Anderen nur dadurch bewährt, dass er

ist. Husserl

insistiert

auf dem Unterschied,

Duplikat meiner selbst- nicht ausgegangen wer­

nicht

Denn wenn

selbst zornig, nicht im mindesten, sowenig ich zornig bin, wenn

ich dem

Du einen

Zorn einfühle, bin

ich

ich

mir einen

Zorn phantasiere oder

mich seiner bloss

erinnere,

es sei denn, dass ich im letzteren Falle jetzt von neuem

in einen

Zorn gerate. (Hua XIII, l87f.)

c) Phantasiebewusstsein

Wie

zuvor erwähnt,

kennt Husserl noch

zwei

weitere Formen der

(aktiven)

Vergegenwärtigung: neben der Erinnerung, die im nächsten

Abschnitt

behandelt werden

soll,

berücksichtigt er

noch

in

einem

besonderen Maße die Phantasie. Im

ist der

Phantasie nicht

nur

Gegensatz zum Bildbewusstsein,

festhalten können

eine "Flüchtigkeit, Verschwinden

das sich an einem material vorliegenden "Bildding"

muss,

und

Wiederkehren"

(Hua

XXIII,

62)

eingeschrieben, sondern das

"phantasiemäßig

Erscheinende

ist

[

]

nicht-gegenwärtig"

(Hua

XXIII,

80f.).

Die Phantasie kann

als anschauliches

Bewusstsein

von

abwesenden Gegebenheiten

gefasst werden,

ohne

auf einem dem

Bildträger analogen

Gegenstand angewiesen

zu sein.

Dem

Imaginie­

ren

keinen

vorgegebene

obliegt daher

in

setzung ist

ist der

real

Charakter

dass es

die

Phantasiebe1NUsstsein

-

freier Gegenentwurf zur Welt. Jede Wirklichkeits­

neutralisiert, die damit

der

Irrealität

in

der Weise

mitgegeben,

existierenden Anhaltspunkt braucht

Wirklichkeit gebunden

keiner

als

Vorgegebenheit

ist. Das

der

Realität

und nicht an

und versteht

sich

der Regel-

im Akt der Phantasie ausdrücklich

13 Den Analogieschluss lehnt Husserl und 338).

im

Rückgriff auf Lipps ab (vgl.

Hua XIH

7If.

195

194

MATTH!AS FLATSCHER

nicht im Widerstreit zu wirklichen Gegenständen steht (wie es bei­ spielsweise Trugwahrnehmungen run).14 Diese Möglichkeit des "Hineinphanrasierens" (vgl. Hua Xv, 242) und "Umflngierens" (vgl. Hua XV, 360) eröffnet einen Spielraum, sich der Herausforderung der Fremderfahrung in einer anderen Weise zu stellen und abermals die Grenzen der Einfühlung auszuloten. Das Ich ist durch die Phantasie nicht mehr an die gegenwärtige Wahr­ nehmung gebunden, sondern kann sich in seinen Phantasiewehen selbst alternieren und dadurch andere Standpunkte einnehmen: "Zu

mir O"ehört die Möglichkeit der Selbsrvariation, in Phantasiemodifika­

liegr all das wieder, und jeder Phantasiemodifikation entspricht

ein möcrlicher seiender Anderer in der mitphantasierten (als Horizont mirzug:hörigen) Welt, in der dies Phantasie-Ich vermenschlicht wä­ re." (Hua XV, 640) Husserl bringt mit seinen Ausführungen zur Phantasie abermals

eindrucklieh den Leib mit ins Spiel. Der fungierende Leib - Null·

mögens zu vielfältigen Kinästhesen einen Phantasieraum, "SICh-m­

den-Anderen-hinein[zu]denken" (Hua XV, 250) und andere Stand·

sieima­

?;inativ an den Ort zu bewegen, den der Andere gerade etnnrmmt, :wie wenn ich dort anstelle des fremden Leibkörpers stünde" (Hua I, !48) und "als ob ich von hier dorthin leiblich versetzt wäre und dort

leiblich walten wurde" (Hua XV, 642). leb kann mir ohne weiteres vorstellen, nicht als Autor eines philosophischen Fachartikels zu fun­

, sondern wie Didier Cuche die Streif im Renntempo herunter

b

tion

punkt aller weltlichen Orientierung

eröffnet auf rund sein s V

punkte einzunehmen. Busserl meint damit das Vermögen,

.

o-ieren "

H

Bcrnct weist in seinem instruktiven Beitrag dezidiert darauf hin, dass die Phantasie keinen Setzuno-scharakter besitzt und somit nicht auf die originäre Wahrnehmung

frei er­

b:z.w. 1m Modus

) erlebt werden. J?ic eigentüm­

des ,Als ob' (als ob ich wahrnehmen würde, dass

liche Seinsweise dieses Quasi ergibt sich daraus, dass die im;tginäre Wahrnehmung,

in der der Phamasierende lebt, in \X?ahrheit keine wirkliche Wahrnehmung eines

wirklichen Gegenstandes ist noch überhaupt je war. Die Quasi-Wahrnehmung eines

fikriven Objekts muss also als die Modifikarion einer Wahrnch : nung ve rsrand en

werden, die es unmodifizicrt noch nie gegeben hat. Es handelt s1ch dabet also 1m

roduzi :

s1c ModJfi­

011, 19;

Herv. MF) Dem Zusammenhang von Phantasie und Fremderfahrung JSt Depraz

zierre überhaupt erst dadurch entstehen lässt, dass s1e es modJfiZlert. "

angewiesen ist"Die fiktive Wahrnehmung, die i

schaffen wird, kann durch das ,innere Bewusstsem

, einer reinen

.

bloß ,quast

,

Phanta sie

.

.

.

Gegensatz zu einer \Viedererinnerung um die freie Produktion einer re

ten Quasi-Wahrnehmung, d.h. um eine Modifikati

n, die d d rch

( _2

(1995, 266f.) nachgegangen.

GRENZEN DER EiNFÜHLUNG

zu brettern oder anstelle von Lionel Messi das entscheidende Tor im Champions League-Finale zu erzielen. Husserl stellt sich jedoch die Frage, ob das Phantasieren tatsächlich eine intime Form der Einfüh­ lung wäre, die ein deckungsgleiches Übergleiten zulässt:

Vollziehe ich ein phantasierendes Als-ob-ich-den-zweiten-Kör­ per-don-als-meinen-Leib-hätte, kann ich meinen Leib in diesen andern verwandelt mir phantasieren, als ob ich ihn als Leib hät­ te, diesen in der Tat anderen Körper? Hiesse das nicht, dass ich meinen Körper verlasse und in den zweiten don übergleite? (Hua XV, 250)

Husserl sieht sich gezwungen, diese Überlegungen zurückzuweisen:

Was bei der Dingwahrnehmung unter Umständen noch plausibel erscheinen mag, dass ich nämlich etwas genauso sehen kann, wie es mein Gegenüber wahrnimmt, wenn ich seinen Standpunkt einnäh­ me, stößt spätestens bei der Selbstwahrnehmung schnell an seine Grenzen. Diesem "Als-ob-ich-dort-wäre" (Hua XV, 250) ist neben

der Potentialität, mich leiblich von hier nach dort fortzubewegen, folglich eine Unmöglichkeit eingeschrieben, auf die Husserl ebenso aufmerksam macht und wodurch eine wesentliche Differenz zur Ein­

fühlung in den Anderen markiert wird: Ich stehe nicht in der "Mög­ lichkeit des jetzt zugleich Dorrseins" (Hua XV, 251), da mein Leib und der Leib des Anderen nicht zugleich dort sein können. Dabei wird nicht nur eine temporale Gleichzeitigkeit ausgeschlossen, son­ dern auch die Möglichkeit, in derselben Hinsicht denselben Ort einzunehmen: Selbst wenn ich früher oder später dann doch den Ort des Anderen einnähme, könnte ich mich nie so sehen, wie er mich- von seinem (jetzigen) Dort in meinem (jetzigen) Hier sieht. Die Irre­ versibilität der Betrachtungsweise zwingt Husserl, die freien Variatio­ nen des Eigenen dahingehend zu deuten, dass sie weder der Anders­

heit des Anderen habhaft werden noch eine Außenperspektive auf

sich selbst erhaschen können. Auch hier bleibt der Hiatus bestehen

und die Differenzen zwischen mir und dem Anderen können nicht verwischt werden. So unterstreicht Husserl nachhaltig die inhärenten Grenzen der Phantasie:

Aber wie sehr ich sagen kann, ich bin mit einem Mal ein ganz

anderer geworden, ich habe einen Bruch meiner Persönlichkeit

erfahren, oder wie sehr eine Persönlichkeit sich spalten kann, a!l

diese Spaltungen vollziehen sich als die des identischen und durch sie hindurch verharrenden Ichpols. (Hua XV, 254)

196

MATIHIAS FLATSCHER

   
196 MATIHIAS FLATSCHER     All die möglichen Vervielfaltigungen des Ich in der Phantasie bleiben

All die

möglichen Vervielfaltigungen des Ich in der Phantasie bleiben

Selbst-Variationen

und erlauben

es gerade nicht,

den Anderen m

seiner

Andersheir

einzuholen.

Beinahe

resignativ

hält

Husserl

dieser fundamemalen Unterscheidung fest:

 
 

Damit habe ich aber nur fingiert, und fingiert, dass ich anderes

erlebe als

ich

wirklich erlebe

und

anderes bin

als

ich wirklich

bin.

[

]

Ich kann mich nun auch als mich verändernden in sehr

vielfacher Weise vorstellen und mich als anders seiend vorstellen,

leiblich

und

geistig. Aber mich

als anders seiend

fingieren,

das

heisst nicht, ein

anderes Subjekt,

ein zweites Subjekt, einen

,An­

deren'

mir gegenüber

fmgieren.

Ich bin noch immer, auch in der

Fiktion, Ich. (Hua XIII,

289)

Der

in Fremdwahrnehmung gegebene Leib

des

Anderen ist

jedoch

"nicht im Als-ob der reinen Phantasie"

in seiner Setzung neurralisier­

bar, er ist "wirkliche Adperzeption"

(Hua

X:V,

251)

und damit leiblich

konkret (mit-)wahrgenommen. Der Fremdleib bleibt in Positionalität

bestehen und

kann nicht

in einer

flOttierenden Selbstvariation

des

phantasierenden Ego aufgelöst werden.

 

d) Erinnerungsbewusstsein

 

Die

eröffnet Hus erl

obwohl er

Parallelisierung

von

Einfühlung

eine Reihe

\Viederum

eine Gleichsetzung dieser

und

von

beiden

Erinnerungsbewusstsein

Einsichten,

Reproduktionsformen

heuristischen

abermals zurückweist.15

 
 

Die explizite

Wiedererinnerung ist

das

Vermögen

des

Subjekts,

sich

Vergangenes

aktiv

zu vergegenwärtigen.

in

sich

eine retentionale

Diese

(und

Reproduktion

protentionale)

·weist

selbst nicht

nur

Struktur

auf, sondern

bleibt

als

"Wiedererneuerung

des Wahrge­

nommenen"

(Hua X, 165) auf das Bereits-Vernommenhaben einer­

wenn

auch

nunmehr vergangeneo

-

Gegenwart angewiesen. Sie

un-

 
 

11

Dass diese Para!lelisierung Husserl

späte Notiz aus den

über Jahrzehme beschäfdgr hat, belegt folgende

1930er Jahren: "Im Vollzug der Einfühlung selbsr, der eigent­

lichen

Einfühlung,

vollzieht sich

in

mir eine

Motivation,

in

der ich mich- es ist

schwierig,

sich

da korrekt auszudrücken- gleichsam erinnere, nicht meines

früher

Erfahrenen, GefUhlten,

Getanen erinnere,

überhaupt mich

nicht im gewöhnlichen

Sinn,

also

,meiner' erinnere,

sondern mich

,seiner',

des Anderen

Erfahrenen,

Ge­

aber

fühlten, Gnvol!ren

,erinnere' oder mich seiner erinnere

in seinem

Leben, das

als mit dem meinen simultan gegenwäniges bewussr

isr."

(Hua

XV, 514)

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

197

terscheidet

sich

hierbei

sowohl

vom

Phantasiebewusstsein,

das

in

keinem Abhängigkeitsverhältnis zur

originären Wahrnehmung

be­

steht,

als auch

vom Bildbe-wusstsein, in

dem "Wahrnehmungen und

Vergegenwänigungen"

(Hua

XI,

305)

in einem

intrinsischen Zu­

sammenhang

stehen. Wiederholt

wird somit in

der Wiedererinne­

rung- wenn auch in modifizierter

ohne Rückgebundenheit auf ein materialhaft Vorliegendes.

Form� das vormals Gegenwärtige

Die

gegenüber

muss

und

der originären

Wahrnehmung

an die

sekundäre Erinne­

vergangene Wahrnehmung rekur­

vormals gegenwärtige Wahr­

rung

rieren

entsprechend auf eine

bleibt

so unablässig

nehmung

rückverwiesen.

Erinnerungen

können

zwar

auf

der

Zeitstrecke

an unterschiedlichen

Zeitpunkten-

letztes Jahr,

gestern

oder heure Morgen- einsetzen, doch dann müssen diese Gegebenhei­

ten

Erinnerungen gelten zu können.

um als

so

reproduziert werden, wie sie

original gegeben

waren,

Die

ver angene

Gegenwart

das

wird

in

der

Wiedererinnerung

verge­

ehemals Gegenwärtige in

der

Verge­

genwärtigt.16

Zu Recht weist Hus­

serl darauf hin, dass in der Wiedererinnerung nicht etwas differenzlos

in die Präsenz überführt wird; wäre das der Fall, wäre der Unterschied

zwischen

mehr

dass sie "gleichsam" Vergegenwärtigte so

wäre"

mit einem

einer vorhergehenden

Wahrneh­

insbe­

die

Wieder charakterisiert fUr Husserl gerade die Modifikation

des Als-ob

genwärtigung eine

Dabei erfährt

grundlegende Modifikation.

Wahrnehmung und

die

Wiedererinnerung eingeebnet. Viel­

erläutert Busserl

(Hua

XI,

Wiedererinnerung dahingehend näher,

oder "quasi" eine Wahrnehmung darstellt, die das

erscheinen lässt,

",als

ob' es

wieder gegenwärtig

MF).

Dieser Zusammenhang

Gegebenheitsweise und

sowohl

gegenüber der

streicht

304; Herv.

originären

Eigenheit

der Wiedererinnerung

gegenüber

mung als auch

sondere

Reproduktion

doch anschaulich vergegenwärtigt, zugleich aber als ein "Wieder-sehen

Gegen­

wärtigen

und

Gegensatz zur Phantasie vollzieht

sich

innerte nicht

das Wiederer­

gegenüber anderen Vergegenwärtigungsformen,

der

Phantasie, heraus.

Auch wenn

so

ist es

in der

287)

des

mir einst

(und nicht

perzeptiv gegeben ist,

spezifizieren.

der

Erinnerung

Schon-gesehen-Haben"

näher zu

nämlich

in

(Hua XXIII,

Im

eine setzende

neutralisie-

16

Es

ist auffallend,

dass

Husserl in

den Zeitvorlesungen und

in den

Passiven Synthesen

vornehmlich

chende Wiedererinnerung

306f.), die das aktivische Moment nicht in den Mittelpunkt rückt.

von

bewussten

Reproduktionen

auszuklammern

spricht

(vgl.

und

Hua

eine

spontan aufrau­

und Hua XI,

versucht

X, 37

198

MAlTHLI\$ FLATSCHER

1 9 8 MAlTHLI\$ FLATSCHER rende) Vergegemvärtigung, d.h. das Erinnerte wird nicht m einem freien Als-ob

rende) Vergegemvärtigung, d.h. das Erinnerte wird nicht m einem freien Als-ob der Imagination, sondern - als vormals Wahrgenom­ menes - als wirklich gesetzt: "Sie (die Erinnerung) ist Bewusstsein nicht nur vom vergangenen Gegenstand, sondern Bewusstsein von so vergangenem, dass ich sagen kann: von wahrgenommen gewesenem, von mir wahrgenommen gewesenem, in meinem vergangenen Hier und Jetzt gegeben gewesenem." (Hua XXIII, 286)17 Erst aufgrund dieses nonvendigen Rückbezugs auf eine ehemals gegenwärtige \'\-'ahrnehmung macht es für Husserl Sinn, Erinnerungen auf ihre Bewährung bzw. ihren Wahrheitsgehalt hin abzufragen.18 Mit anderen Wonen: A!s konstitutiv für die Wiedererinnerung erweist sich der Bezug, dass das Erinnerte mir als vormals Gegemvär­ riges gegeben war, das nun ausdrücklich vergegenwärtigt wird, als ob es wieder gegenwärtig wäre. Das Reproduzierte erhält seine Stellung nur durch eine dezidierte Serzung, dass mir das Wiedererinnerte auch v.rirklich (originär) gegeben war und nicht ein freies Phantasieprodukt darstellt. Doch das Vergangene wird iri der Wiedererinnerung nicht einfachhin in die Präsenz überführt, sondern führt mir den Modifika­ tionen ,als ob' und ,wieder' gerade die Differenz zur gegemvänigen \Xlahrnehmung mir sich. Wirklich Vergangenes wird in der Verge­ genwärtigung der Erinnerung nicht als unmittelbar Gegenwärtiges gegeben, sondern es "gibt sich als vergangen" (Hua XXIII, 287) und wird daher in seinem Vergangensein anschaulich wiederholt. Worin besteht nun für Husserl die Nähe zwischen Wiedererinne­ rung und Einfühlung? Konstitutiv für die Wiedererinnerung ist näm­ lich nicht nur die Differenz zwischen vergangenem Jetzt und aktuel­ lem Jetzt, sondern auch der Unterschied zwischen erinnertem Ich und erinnerndem Ich. Husserl macht hier auf unseren Sprachge­ brauch aufmerksam, bei dem die den Erinnerungsvollzügen inhärente

aufmerksam, bei dem die den Erinnerungsvollzügen inhärente Diese Einsicht streicht auch Latz mit aller Deutlichkeit

Diese Einsicht streicht auch Latz mit aller Deutlichkeit heraus: "Der Unterschied zwischen Phantasie und Erinnerung kann nicht mehr in der Vergegen·wärtigung sdbsr gesucht werden. Beidc Bewußtseinsweisen sind Vergegenwänigungen. Zwi­ schen einer Phanrasie und einer Wiedererinnerung gilt es nach Husscrl einen an­ deren Unterschied in Betracht zu ziehen, nämlich deren umerschiedlichen Set­

zungscharakter." (2002, 212)

;s Lotz weist- die Überkgungen Husserls explizierend - auf die Konsequenzen hin, den der setzende Charakter der Wiedererinnerung im Gegensatz zum nicht­ serzenden Charakter der Phantasie in Hinblick auf den Wahrheitsgehair mit sich führt: "Es machr Sinn zu fragen, ob eine Wicdererinnerung, die ich habe, ,wahr' ist, nicht aber, ob die Frau, die ich mir am Strand von Hawaii imaginiere ,wahr' ;,t." (Ebd., 214)

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

199

Vervielfältigung des Ich bereits impliziert ist: "Nicht umsonst drückt unsere Sprache die Wiedererinnerung reflexiv aus: ,Ich erinnere mich'. In jeder Erinnerung liegt in gewisser Weise eine Ichverdoppe­ lung beschlossen" (Hua VIII, 93). Im Vollzug der Wiedererinnerung tritt eine Verdoppelung respektive Spaltung des jeweiligen Ich zu Tage: "Ich bin nicht nur und lebe nicht nur, sondern ein zweites Ich und ein zweites ganzes Ichleben wird bewußt, spiegelt sich gleichsam in meinem Leben, nämlich vergegenwärtigt sich in meinen gegenwär­ tigen Erinnerungen." (Hua XI, 309) Diese Spaltung des Bewusstseins in der Reproduktion impliziert eine Pluralisierung, ja Selbst­ Veranderung des Subjekts, denn erinnertes Ich und erinnerndes Ich sind geschieden und nicht einfachhin einerlei. Hier scheint sich die Möglichkeit zu eröffnen, wie Einfühlung oder "Einverstehen" (Hua XIII, 339) - wie Husserl mitunter auch sagt - nachvollziehbar wird. Das Ich hat es bereits in den Erinnerungsvollzügen mit einer Anders­ heit zu tun. Jedoch insistiert Husserl auch hier wiederum auf einer wesentli­ chen Differenz zur Einfühlung. Während ich im Vollzug der Erinne­ rung mein damaliges Ich und mein jetziges Ich - trotz aller Verände­ rungen und Unterschiede - zur Deckung bringen muss, um überhaupt von meinem Erlebren respektive meinem Erinnerten spre­ chen zu können, fällt in der Einfühlung gerade die Möglichkeit dieser Art der Kongruenz und der Anspruch auf bereits erlebte Originarität weg. Die Wiedererinnerung muss sich daher stets in den Gesamtzu­ sammenhang des einen Bewusstseinsstromes einordnen lassen und obliegt der "Last der Selbstkoinzidenz" (Bernet 20 1 1, 35). Diese Jemeinigkeit ist charakteristisch für die Wiedererinnerung: Das Wie­ dererinnerte rekurriert nicht auf ein beliebiges vergangenes Jetzt, sondern setzt den Bezug zu meiner Vergangenheit voraus. Mein ver­ gangenes Ich muss mit meinem jetzigen irgendwie in Einklang ge­ bracht werden können, ansonsten wäre es nicht möglich, von Wie­ dererinnerung zu sprechen. Bei der leicht missverständlichen Engführung mit dem Erinnerungsbewusstsein muss daher zugleich die Diskrepanz betont werden. Husserl weist auf den Unterschied zunächst behutsam hin:

Genauso wie ich in meiner Vergangenheit [

.] dabei bin, so im See­

lenleben des Anderen, das ich mir in der Einfühlung vergegenwärti­

ge. Dieses Dabeisein ist nun aber nicht verbunden mit der For­ derung der Identifikation wie in der Erinnerung an die Vergangenheit (und jeder Erinnerung): das 'Xfesen der Erinne-

200

MATIHIAS FLATSCHER

rung, das Wesen des Bewusstseinsstromes fordert Identifikation, führt sie notwendig mit sich. (Hua XIII, 319[.)19

Die Differenz von erinnerndem und erinnertem Ich obliegt der be­ ständigen Notwendigkeit der Selbstkoinzidenz und diese Deckung erweist sich als konstitutiv für das Verständnis von einer mit sich selbst identischen Subjektivität. Denn die vergangenen Erlebnisse sind nicht von einem alternativen und damit bezugslosen Ich imagi­ niert, sondern von einem (ehemaligen) Wirklichkeitscharakter und einer Meinigkeir gekennzeichnet. In der unausweichlichen Ver­ Anderung in der Erinnerung ringt das frakturierte Ich stets um eine,

nämlich seine Einheit in den verschiedenen Zeiten: "Das jeweilige Ich ist aber kontinuierlich durch alle diese Reproduktionen hindurch identisch, identisch mein Ich" (Hua XI, 309). Gerade in der Einfüh­ lung erweist sich die Kluft zwischen mir und dem Anderen als un­ überbrückbarer Graben, sodass der Andere auch in der Parallelisie­ rung mit dem Erinnerungsbewusstsein nicht zur kongruenten

Deckung gebracht werden kann, sonde

keit thematisch \vird. Lapidar hält Husserl fest: "Von dem eingefühl­ ten Strom führt kein Kanal in denjenigen Strom, dem das Fühlen selbst zugehört." (Hua XJII, 1 8 9) Husserl zeigr daher mir der ge­ wünschten Deutlichkeit die Differenz zwischen Wiedererinnerung und Einfühlung auf. Beide Vergegenwärtigungsformen sind Setzun­ gen, doch in höchst unterschiedlicher Weise. Während erstere auf eine ehemalige Gegenwart angewiesen bleibt und mit dieser tempora­ len Aufgespanntheit in der Selbstveranderung so umzugehen lernen muss, dass der Forderung der Identifikation Rechnung getragen wird, ist letztere in der konkreten Gegenwart mit der Setzung der Leiblich­ keit des Anderen konfrontiert, die nicht zu einer Einheit zusammen­ gespannt werden kann, sondern von einer Differenzerfahrung ge­ schlagen bleibt: "Die Vergegenwärtigung ist Setzung, ein Analogon der Erinnerung, aber nicht Erinnerung: es ist keine zeitliche Zurück­

schiebung da, es ist das analegisehe Vergegenwärtigte als jetzt seiend

n nur in seiner Uneinholbar­

geserzr." (Hua XIII, 56) 2 0

g e s e r z r . " (Hua XIII, 56) 2 0 ;') "Mein

;') "Mein Bewusstsein, ein zu meinem Selbst gehöriges, ist originär präsentes Be­ wusstsein oder es ist originär erinnertes oder envanctes Bewusstsein. Fremdes Be­

wusstsein ist kompräsente Erlebnisgegenwart oder es ist durch kompräsente Erin­ nerung vergegenwärtigte Vergangenheit oder Zukunft" {Hua XIII, 28). �r, Prägnant bringt Tengdyi diese Differem aufden Punkt: "Worin liegt der gesuchte

] Er besteht darin, daß die Erinnerung

.Identifikation fordert:', die Einfühlung dagegen nicht. Mir ,Identifikation' ist da-

Unterschied? Husserls Annvon ist klar: [

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

201

2. Zwischenresümee

In den Ausführungen zu Husserl wurden bislang seine Überlegungen zur Einfühlung als aktives Vermögen behandelt, anhand derer aber sichtbar werden sollte, dass die ,,Einfühlung" respektive das "Einver­ stehen" bei Husserl niemals zu einer unterschiedslosen "Einsfühlung" (Hua XIV, 527) murierr. Husserl nivelliert daher nichr die Anders­ heit, sondern betont- gerade in der Herausarbeitung der Differenzen zu anderen Formen der Vergegenwärtigung - die unaufhebbare Me­ diation, die weder durch unmittelbare Gegenwänigung noch über den Umweg diverser Reproduktionsweisen direkt zugänglich gemacht werden kann. Im Gegensatz zur Selbstgebung der Dingwahrnehmung wird der Fremdleib ausschließlich in einer "eigentümlichen Mittel­ barkeir" (Breyer 20 1 ] , 269) apperzipiert. In den Cartesianischen Me­ ditationen weist Husserl in Bezug auf die Fremdwahrnehmung darauf hin, dass "das vermöge jener Analogisierung Appräsentierte nie wirk­ lich zur Präsenz gelangen kann" (Hua I, 1 15) und spricht daher in Hinblick auf das fremde Ego konsequent von einer "bewährbare[n] Zugänglichkeir des original Unzugänglichen" (Hua I, 1 17). Die An­ dersheit des Anderen erweist sich gegenüber herkömmlichen Aneig­ nungstendenzen als widerständig. Nicht zur Diskussion gestellt wur­ den in den vorausgehenden Abschnitten Husserls ,positive Annäherung an den Problemkomplex, bei der er- vornehmlich im Spätwerk - für die Rücknahme des aktiven Moments in der Einfüh­ lung plädiert und sich gezwungen sieht, der leiblichen Fremderfah­ rung als ein ,,Ähnlichkeitsbewußrsein ohne aktives Beziehen" (Hua XI, 406) nachzugehen, die er als "paarende Assoziation" (Hua I, 142), "analogische Apperzeption" (Hua I, 138) bzw. "individualrypi­ sche Paarung" (Hua XV, 255) umschreibt und bei der der Leib die tragende Rolle sämtlicher Überlegungen einnimmt: "Jedenfalls, Leib­ lichkeit ist Bedingung der Möglichkeit einer Passivität im Subjekte, durch die sich eine intersubjektive Welt passiv konstituieren und sich aktiv beherrschen lassen kann." (Hua XJV, 73) 21

bei in beiden Fällen die Gleichsetzung des vergegenwärtigten Korrelat-Ich mit dem vergegenwärtigenden Vollzugs-Ich gemeint." (2007, 1 53)

21 Der vielschichtigen Thematik der Inkarnation � der chiasmatischen Verflechtung der Verleiblichung des alter ego und der Verkörperung des eigenen Ich � ist De� praz (1995, 133) in umfassender Weise nachgegangen.

202

MATTHIA_S FL\TSCHER

2 0 2 MATTHIA_S FL\TSCHER Wie sehr Husserl darum ringt, diese passiven Synrhesisleistungen angemessen zu umschreiben,

Wie sehr Husserl darum ringt, diese passiven Synrhesisleistungen angemessen zu umschreiben, sticht in den Cartesianischen Meditatio­ nen ins Auge: "Der Andere vef'Neist seinem konstituierten Sinne nach auf mich selbst, der Andere ist Spiegelung meiner selbst, und doch nicht eigentlich Spiegelung; Analogon meiner selbst, und doch wie­ der nicht Analogon im gewöhnlichen Sinne." (Hua I, 96) Es stellt sich jedoch die Frage, ob Husserl nicht allzu schnell der Tendenz nachgibt, die Differenzen der Alterität auf einem allen Subjekten gemeinsamen objektiven Fundament eines universalen Weltbodens zu verhandeln und die Intersubjektivitätsthematik vor dem Hinter­ grund dieser umfassenden Identität zu erörtern. Aus diesem Grund sieht etwa Theunissen "das Thema ,der Andere' vom universalen Thema ,Welt' sowohl geprägt wie auch eingeengt." (1977, ! 03) 2 2 Zugleich soll auf zwei Punkte hingewiesen werden, die von Levinas aufgenommen und einer Kritik unterzogen werden.

1. Leitendes Paradigma der Fremderfahrung sind gegenstands­ konstitutive Überlegungen rund um die Wahrnehmung. Der Andere begegnet dabei nicht nur in seiner sichtbaren Fremdleiblichkeit, sondern stets als relativ Fremdes, dem immer auch eine gewisse Vertrautheit zugeschrieben werden kann. Letztlich ist es vor dem Hintergrund einer Bekannt­ heit immer identifizierbar und einzuordnen. Das Fremde ist zwar der fremde Mitmensch, die fremde Sprache, die fremde Kultur etc. Das Fremd- und Andersartige erscheint jedoch bereits innerhalb einer getätigten und erfolgreichen Zu­ schreibung: als fremder Mensch, als fremde Sprache, als fremde Kultur etc. Stets wird dem Vertrauten ein Primat zu­ gebilligt, von dem aus Fremdes erschlossen wird. Ausgehend von diesem bereits Bekannten wird das Fremdartige des Un-

·· Zahavi würdigt die Husserlsche Verschränkung von transzendentaler Intersubjek­ tivität und Objektivität, ohne sie in Hinblick auf die AndersQeir des Anderen zu problematisieren: "Daß das spezifisch transzendentale Problem der lntersubjektiuität gerade darin besteht, ihren Beitrag zur Objektivitätskonstitution aufZuklären, kommt ferner zum Ausdruck in Ideen !I!, wo Husserl das Problem der transzen­

dentalen imersubjektivität explizit mit der Wesensbezogenheit der mir gelrenden

objektiven Welt auf die mir geltenden Anderen verknüpft (5/150), und in der fol­ genden Passage aus Fonnale und Transzendentale Logik: ,Versuchen wir nun die

ver-viekelte transzendentale Problematik der Intersubjektivität und damit der Kon­ stitution der kategorialen Form der ,Objektivität' für die Welt, die ja die unsere

ist, zu enrfaltcn' (17/245). " (1 996, 1 1)

unsere ist, zu enrfaltcn' (17/245). " (1 996, 1 1) GRENZEN DER EINFÜHLUNG 2 0 3

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

203

bekannten vernehmbar. So hält Husserl fest: "Freilich, alles noch so Fremde, noch so Unverständliche hat einen Kern von Bekanntheit, ohne den es überhaupt nicht, auch nicht als Fremdes, erfahren werden könnte." (Hua XV, 432)23

2. Die Andersheit des Anderen wird dabei nur als alter ego und somit stets im Ausgang vom eigenen Ich in den Blick ge­ nommen.24 Das heißt: das Fremde kommt allein in einem nachträglichen Akt zur Geltung. Diese Gegenüberstellung von ego und alter ego suggeriert eine dyadische Struktur von Singularitäten, bei der es nur um das Wie der Zusammen­ führung geht.25

3. Levinas und die Störung des Dritten

In diesem zweiten Teil der Ausführungen soll nachgezeichnet werden, warum die Busserlsehen Überlegungen zur Einfühlung für Ernmanu­ d Levinas der Komplexität der Alterität nicht gerecht werden. Im Gegensatz zu Husserl plädiert er nicht mehr dafür, den inhärenten Grenzen der Empathie nachzuspüren, sondern insistiert darauf, das Konzept Empathie insgesamt zu verabschieden. In seinem ersten Hauptwerk Totaliti et infini formuliert er deutlich seine Vorbehalte gegen Husserls Analysen zur Intersubjektivität:

Die Konstitution des Leibes des Anderen in dem Bereich, den Husserl die ,primordiale Sphäre' nennt, die transzendentale ,Paa­ rung', die das so konstituierte Objekc mit meinem Leib eingeht

23 Waldenfels, der Husserls Heimsuchungen vom Fremden in differenzierter Weise nachgeht, versucht dieser allzu harmonisierenden Tendenz Einhalt zu gebieten,

um die produkdven Aspekte dieses Denkens zu vvürdigen: "Wenn also die ,Be­

], zur Sache selbst gehören, käme es

darauf an, sie zu erhalten und zu steigern und nicht zu beheben. Fremderfahrung

wäre keine Abart der Erfahrung, Erfahrung \Väre Fremderfahrung durch und durch bis hin zum Fremdwerden ihrer selbst." (1995, 68)

fremdlichkeiten' , von denen Husserl spricht

24 .,Ich muss schon Erfahrbares haben, um Andere als Andere zu erfahren" (Hua )('V,

61).

25 Husscrls differenzierten Gang durch die diversen \\7eisen der Vergegenwärtigung

konnte ich in dem - gemeinsam mit Virginie Palette - gehaltenen Seminar Hus­ ser/s Phänomenologie im Spann ungsfeld uon Intersubjektiv itiit und ALterität im Win­

tersemester 20 1 1/12 an der Universität Freiburg entwickeln. Ich möchte ihr und den Studierenden an dieser Stelle herzlich flir die Zusammenarbeit und für die

Diskussionen danken.

204

MATTHIAS FLA.TSCHER

2 0 4 MA TTHIAS FLA.TSCHER - wobei mein Leib selbst von Innen als ein ,leb

- wobei mein Leib selbst von Innen als ein ,leb kann' erfahren ist - die Apperzeption dieses fremden Leibes als des Leibes eines alter ego -, all dies verschleiert, daß auf jeder der Stufen, die man für eine Beschreibung der Konstitution hält, die Objekt­ konstitution mit der Beziehung zum Anderen vervv·echselt wird ­ obwohl diese Beziehung ebenso ursprünglich ist \Vie die Konsti­ tution, aus der man sie ableiten möchte. (Levinas 2002 , 90) 26

Aus dem Zitat geht deutlich hervor, dass die Husserlsche Analyse für Levinas den Anderen analog zur Objektkonstitution auffasst. Wie zuvor nachgezeichnet, ringt Husserl darum, die verschiedenen Verge­ o-enwärticruno-smodi in epistemologischer Hinsicht zu differenzieren. Ethische respektive politische Belange spielen in den Uberlegungen rund um die Einfühlung keine Rolle. Auf dieses Defizit wird Levinas mit Nachdruck aufmerksam machen und vor diesem Hintergrund die gesamte abendländische Philosophie aufgrund ihrer einseitigen Orientierung an ontologischen Fragestellungen einer Kritik unterzie­ hen. Sein Verständnis des Ethischen w-ird sich dabei weder auf einen angemessenen Gebrauch von Klugheitsregeln noch auf die Universali­ slerbarkeit handlungsrelevanter Maximen oder auf einen normieren­ den Wertekatalog beziehen. Diese Überlegungen setzen für Levinas zu spät ein, denn der ethische Appell nimmt das Subjekt von jeher in Anspruch und verpflichtet ihn zu einem Antwortenmüssen. Von o-rößter Wichtio-keit in diesem Zusammenhang ist daher Levinas' Einwand, dass Busserl ungebrochen am Vorrang des eigenen Ego festhält und von dort her den Anderen als bloß epistemologisches bz\v. ontologisches Problem in den Blick nimmt. Mit der Zurückwei­ suno- eines primär erkenntnistheoretisch ausgerichteten Zugangs zum Anderen, der für Levinas die ,vor-ursprüngliche' ethische Verstnckung subjektkonstitutiver Fragestellungen verkennt, wird auch ein radika­ les Anderswerden des eigenen Selbstverständnisses einhergehen und umfassende Konsequenzen nach sich ziehen. In seinem Spänverk Autrement qu 'Jtre ou au-de/.a de l'essence bezieht sich Levinas explizit auf den Begriff der ,Einfühlun g; ', der im französi-

o

"

0

n

ö

0

.

r i m f r a n z ö s i - o " 0 n

:(· Levinas, der bei Husserl smdierte und die Cartesianischen A1editationcn ins Franzö­ sische mitüberserzte, äußert sich zur Intersubjektivitätsthematik in einer Rezension der Busserlsehen Ideen Ende der I920er Jahre zunächst wohlwollend (vgL 1929, 263 ff.), bevor er 1940 in seinem Aufsatz "L'ocuvrc d'Edmond Husserl� größere Zurückhaltung walten läSS[ (vg!. 1982, 48f_). Mir Totalität und Unendlichket, das

1963 auf Französisch publiziert wurde, tritt die Abgrenzung von der ldasstschcn

_

Phänomenologie mit aller Deutlichkeit zu Tage.

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

205

sehen Original deutsch belassen und somit als terminus technicus Husserls kenntlich gemacht wird. Levinas bringt hierbei eine deutli­ che Kritik an Husserl an, indem er sich gegen eine erkenntnistheore­ tische Verkürzung ven.vehrr und zugleich für eine ethische Akzentver­ lagerung eintritt:

Die Verantwortung für den Anderen [l'autre], für das, \Vas nicht in mir begonnen hat, Verantwortung in der Unschuld als Geisel - meine Substitution [ma substitution 27 ] unter die Anderen [tl au­ trui] ist ein Zuviel des Sinns [le trop d'un sens], der es nicht bei der Empirie eines psychologischen Geschehens, einer Einfüh­ lung* oder eines Mitgefühls bewenden läßt, die durch iesen Sinn erst ihre Bedeutung haben. (Levinas 1998, 280; Ubers. mod.)

Hier kündigt sich die zuvor angedeutete Verschiebung zu einer fun­ damental ethischen Fragestellung an: Levinas untervvandert mit dem Hinweis, dass die Veranwortung ,für den Anderen' nicht ,in mir begonnen hat, das herkömmliche Verständnis von Responsabiltät:

das herkömmliche Verständnis von Responsabil � tät: Gemeinhin wird angenommen, dass ein zurechnungsfähiges

Gemeinhin wird angenommen, dass ein zurechnungsfähiges SubJekt aus freien Stücken eine Verantwortung für jemanden oder für etwas übernimmt. Hierfür kann es, wenn das Unterfangen nicht gelingt, vor einer dritten und gleichsam unabhängigen Instanz zur Rechen­ schaft gezogen werden. Diese ternäre Struktur der Verantwortung wird von Levinas einer

Revision unterzogen: Das Subjekt entscheidet sich weder aus freien Stücken, dem Anderen ausgesetzt zu werden, noch übernimmt ein bereits mündiges Subjekt diese oder jene Verantwortung; vielmehr ist

es gleichsam als Geisel [otage] - Levinas scheut hier nicht vor für d�n herkömmlichen philosophischen Diskurs ungewöhnlichen Formuhe­ runaen zurück- dem Anderen unterstellt. Obwohl das Subjekt folg­

nie eingewilligt hat, die Verantwortung zu übernehmen, wird

ihm die Last der Responsabilität je schon übertragen worden sein. Der Appell des Anderen ergeht nicht in der Zeit und markiert somt kein innerzeitliches Geschehen. Der Andere entzieht sich einer empi­ rischen Feststellung eines dem Eigenen gegenüberliegenden Fremden, das nachträglich das ego angeht oder in einem zweiten Schritt - gleichsam als Einbruch von Außen - in die Eigensphäre eintritt und

lich

0

,Substitution' wird hier nicht als Stellvertretung, dass man ersatZ\veise eine Positi­

on ansrclle eines Anderen einnehmen kann, sondern wörtlich als .sub-stitucre' � im Sinne von ,jemanden umersrellr werden' � zu lesen sein.

206

.MATTHIAS FLATSCHER

206 .MATTHIAS FLATSCHER so auf ein etwaiges Mitgefühl ,Zuviel des als angegangenes gleichsam immer schon aus­

so auf ein etwaiges Mitgefühl

,Zuviel des

als angegangenes gleichsam immer

schon

aus­

gehend vom anderen Menschen,

-

Anderen

(l'autre) respektive von den Anderen (autrui) spricht.

auch eine

tiefgreifende Revision des Verständnisses der Subjektivität einher, die

einer transzendentalphilosophischen Konzeption

findet sich eine Kritik am phänomenologi­ Levinas' Auffassung nach bleibt der Struk­

tur der Intentionalität ein konstitutives Vermögen des Subjekts einge­

Passivität

absetzt.

schen Subjekrverständnis.

oder Nachsehen hoffen könnte. Als ein

der

Andere

von

vornherein

den Ausle­

genötigt sieht

zu antworten.

Sinns' sprengt

des Ich,

gungshorizont

das sich

im Anklagefall befindet

und sich

Auffallend isr

im Zitat auch, dass Levinas nicht vom Bekannten

der Identifizierung zurückweisend

Berücksichtigung der Alterität

fremden Leib oder alter ego , sondern

-

28

vom

geht

jeden Versuch

Mit dieser

anderen

sich dezidiert von

An diesem Punkt

schrieben.

ein

ihm

Jede Affektion, die

das ego

Phänomenologie durch die imegrati­

inhärente Teleologie des transzendentalen Bewusstseins

Aneig­

scheinbar in

eine

versetzt, wird in der klassischen

ve Kraft und

als

Eigenes anverwandelt.

Diese schier

grenzenlose

nungstendenz unterstellt Levinas der Phänomenologie:

Alle Erfah rung, sei sie noch so passiv,

wandelt sich sofort

so

Sinn,

211)

noch so sehr empfangend,

,Konstitution des Seins', das sie empfangt,

als wäre der

in

als wäre

das Gegebene

aus

mir selbst

gezogen, so

den das Gegebene bei sich trägt, von

mir verliehen.

(1983,

Für

Levinas

hingegen

ist

das Bewusstsein

nicht

mehr

in der

Lage,

einen Primat

für sich

reklamieren

zu können;

durch den

Anspruch

des Anderen wird es nachhaltig herausgefordert:

Das Bewußtsein hört auf, die erste Stelle einzunehmen. Bewußtsein wird durch das Antlitz in Frage gestellt.

Antlitz]

Bewußtseinsinhalt verwandelt

Antlitz

sich um

Bewußtsein der lnfragestellung.

[

[

]

widersteht dem

Bewußtsein

so

sehr,

es

daß nicht

anzielt.

Es

und nicht

sein Widerstand sich in

entwaffnet die

Intentionalität, die

die Infragestellung des

B_ewußtseins

(1983, 223)

Das

[das

einmal

das

handelt

ein

um

]

Es

],

intentionales

Korrelat gefasst werden. Levinas' Überlegungen verwehren sich neben

Der

Anspruch

des

Anderen kann

nicht

mehr als

ein

18

Auf die

bereits auf sprachlicher Ebene

indizierte

autrui

macht Deihorn

(2000, 78-81) aufmerksam.

Unterscheidung

von

!'autre

und

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

207

der Problematisierung der Aktivität

aber zugleich dagegen,

das

stand bzw . aktiv

Inversion der bereits etablierten Symmetrie von Akt

Noema

gesprochen werden. Die von ihm

betrifft nämlich die Struktur der Korrelation

le Infragestellung geht dem daher weder als eine aktive

aktiv und

eines intentionalen Bewusstseins

und Gegen­

Verhältnis

bloß

von Bewusstsein

einer einfachen

und Gegenstand,

mehr

ins Treffen geflihrte Infragestellung

Diese radika­

sie ist

ein bloß

im Sinne einer herkömmlichen innerweltlichen und

innerzeitlichen Erfahrung zu verstehen. Das Subjekt kann somit nicht

mehr

Es

wird

spruch

ohne

kommen und ihn in die Korrelation bergen zu können.

Gänze bei­

auf einen je schon ergangenen An­

passives Erleiden

und passiv

umzukehren. Von

passiv,

und Noesis kann

bei Levinas nicht

insgesam t.

voraus;

Bewusstsein unweigerlich

Leistung eines anderen noch als

Gegenstandsbewusstsein

diesem jemals

zur

als

korrespondierendes

agieren.

sich einzig vom

her verstehen

Antworten

müssen,

Für

Levinas erfahrt

sich

das

Subjekt je

schon

von alterhären An­

ou au-de!it de

im

sprüchen durchfurcht, sodass er in

l'essence

Autrement

qu 'itre

des

konsequenterweise von

einer "Verstrickung

Anderen

Se/ben"

[in trigue

de l'Autre dans le

Meme] (Levinas

1998,

69)

spre­

chen

muss. Mit dieser Wendung wird das Andere

nicht

nur

in seiner

subjektkonstitutiven

träglich

erfahrt sich

und

einem

werden.

Bis dato wurde der Anspruch des Anderen unausdrücklich als Ein­

implizit vorausgesetzte dya­

zahl verhandelt.

dische

Struktur

Plural zu

unter dem Titel des Dritten verhandelt.29 Um dieser komplexen Figur

nicht

Alterität-im-Plural wird

von Ansprüchen im

Dimension

ernst

genommen, da es nicht nach­ Subjekt hinzutritt; vielmehr

zu gewichtenden

erst

Subjekt abgerungen

zu

einem

bereits vorliegenden

das Subjekt stets

von unterschiedlich

durchfurcht,

dessen

dringlichen Ansprüchen

sich

in diesem

Antworten

Vollzug konstituierenden

Levinas unterläuft diese

jedoch,

um die

Heterogenität

einer

zu

betonen. Dieser

ist

Anspruch

nachzukommen,

es wichtig,

zunächst

skizzieren,

was

sie

29

Neben Waldenfels

geht vor

seinem

bietet

(1995), Bernasconi

allem Zeillinger der Figur des Dritten

{1998), Delhom

in

(2000)

und Bedorf(2003)

und

umfassender

Weise

für

nach

mit

Lektüreansarz

de

l'essence,

den

,hermeneutischen'

treffend aufzeigt,

Schlüssel

dass "das gesamte

Autrement

Buch

qu'etre ou

au-de!lt

indem er

mehr oder weniger auf den

Übergang zum

Dritten

hin angelegt ist"

(2010, 239).

Lcvinas'

Verständnis von

einer

,responsiven'

Subjektivität sowie

sein ethisch­

politisches

Verständnis

der

Umgang mit der Alterität im

Vernunft

ist

Zeillingers

PLurat'

(ebd., 245).

Auffassung nach

"bereits

ein

208

MATTHIAS FLATSCHER

2 0 8 MATTHIAS FLATSCHER ist: Sie tauehr nicht als unbeteiligte Beobachterinstanz auf, die nach­ träglich

ist: Sie tauehr nicht als unbeteiligte Beobachterinstanz auf, die nach­ träglich die Konstellation zwischen Zv,.reien verändert.30 Der Dritte ist 1•.:eder als eine numerische Größe innerhalb einer Triangularion noch als später hinzukommender Part gefasst. Es lässt sich nach Levinas beim Anderen und Dritten auch nicht von zwei getrennten Ebenen sprechen und dennoch verschmelzen sie nicht zu einem Konglomerat. Der Drirre wird folglich nicht als der abzählbar Hinzukommende gefasst, der eine Zweierbeziehung bloß additiv ervveitert. Vielmehr muss eingesehen werden, dass die Alrerität je schon einen komplex verschränkten Plural in sich trägt und damit der Anspruch als je schon vervielfäl tigter aufbricht. Der Dritte als der ,,Andere-im­ Plural"31 wird nicht nur die Berechenbarkeit in einer Dringlichkeit allererst ermöglichen und zugleich begrenzen, sondern auch die Kon­ stitution des antwortend-verantwortenden Subjekts konturieren. Die Herausforderung besteht daher nicht mehr darin, sich in die­ ses oder jenes Mir-Subjekt einzufühlen, sondern stets schon einer Pluralität von Ansprüchen nachkommen zu müssen, ohne sie identi­ fizieren und sie einer bestimmten Person zuschreiben zu können. Die Komplexität einer Alrerität-im-Plural zeigt sich folglich darin, dass im Anspruch des Anderen zugleich Miransprüche anderer Anderer auf­ treten, die sich nicht vereinheitlichen oder uniformieren lassen; ihnen bleibt eine widerstreitende Mannigfaltigkeit eingeschrieben.32 Die von Levinas indizierte Alteritär-im-Plural lässt sich nicht als ein Ge­ gensatz verstehen, der aufgelöst oder auf einer Merabene einer Ver­ söhnung überführt werden könnte. Levinas skizziert diese komplexe Relationalität eines ,,Aber-Auch" (mais aussi) folgendermaßen: "Der Dritte ist anders als der Nächste, aber auch [mais aussi] ein anderer Nächster [un autre prochain], aber auch [mais aussi] ein Nächster des Anderen [un prochain de lß utre] und nicht bloß seinesgleichen [non pas simplement son semblable] ." (1998, 343; Übers. mod.) Der hier thematisierte \Xliderspruch besteht in einer irreduziblen Asymmetrie,

�() Prominent wird diese Überlegung innerhalb des phänomenologischen Diskurses von Sartre bei seiner Erörterung des Blicks bzw. des Überraschtwerdens �m Beo­ bachten durch einen Dritten ins Treffen geführt (vgl. 1991, 720ff.). Die sprachlich treffende Wendung ist den Ausführungen Zeillingers entnommen, der sich wiederum auf Waldenfds' Diktum einer "Singularität im Plural" (Wa!­ denfds 1995) bu.\eht {vgl . Zeillinger 2010, 224, Anm. 1). Pointierr bringt Waldenfels diese Ein�icht auf den Punkt: "Der Andere begegnet mir immer schon als Dritter." (1 997, 1 1 6)

begegnet mir immer schon als Dritter." (1 997, 1 1 6) GRENZEN DER EINFÜHLUNG 2 0

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

209

die das gesamte Verhältnis durchzieht und nie zur Ruhe kommen lässt. Das Subjekt wird je schon genötigt sein, nicht nur dem (einen) Anderen, sondern zugleich all den anderen Anderen - dem Dritten - zu antvvorten und sich diesen gegenüber verantworten zu müssen. Erst aus dem Angang einer Unzahl der Ansprüche wird verständlich, warum das Subjekt sich überhaupt zu entscheiden hat und die Frage nach einer gerechten Antwort aufbrechen kann. Levinas hält in Jenseits des Seins lapidar fest, dass es ohne Störung des Dritten ",kein Problem gegeben hätte' [,il n J aurait pas eu de probli:me']" (1 998, 342; Übers. mod.), da in einem dem Anderen restlos Ausgeliefertsein dem Subjekt keine Entscheidungen abverlangt werden können. Es würde in einer vollkommenen Passivität aufgehen und aus dieser Geiselschaft könnten keinerlei Konsequenzen erfolgen. Erst durch die Herausforderung einer Alterität-im-Plural wird ein­ sichtig, dass sich das Subjekt als antwortend-verantwortendes erst konstituiert, indem es dem unmöglichen Unterfangen nachkommen muss, in Anbetracht mannigfacher Ansprüche - die niemals alle und niemals ganz erfüllt werden können - bestimmte Entscheidungen zu treffen und diese zu verantv·mrten. Es wird in den widerstreitenden Ansprüchen dringlich, Antwort(en) zu (er-)finden, die auf den An­ spruch des Anderen und zugleich auf die Mitansprüche des Dritten in gerechter Weise einzugehen haben. Eine Gerechtigkeit freilich, die weder als Berufung auf ein allgemeines Gesetz oder als Umserzung eines vorgefertigten Normenkatalogs verstanden werden kann noch sich in der Art und Weise umsetzen ließe, dass allen Ansprüchen restlos nachzukommen wäre und sie dadurch befriedigt werden könn­ ten. Mit anderen Worten: Die Wendung von der Alterität-im-Plural macht darauf aufmerksam, dass dem unvergleichlichen Anspruch des Anderen das unmögliche und notwendige Unterfangen eingeschrie­ ben ist, zugleich dem Anspruch des Anderen und den Mitansprüchen anderer Anderer in der hybriden Weise nachzukommen, Unver­ gleichliches vergleichen und. damit Gerechtigkeit für alle ins Werk setzen zu müssen, ohne allen Ansprüchen umfassend entsprechen zu können. Die widerstreitenden Ansprüche verlangen nach einer ge­ rechten Entscheidung, die im Namen des Anderen und all der Ande­ ren - des Dritten - gefällt wird, die aber nie vollkommen gerecht sein wird.

210

MATTHIAS FLA.TSCHER

aus­

bei Levinas zu­ Politik bzw. den

Das Subjekt muss -

der Pluralität von Ansprüchen ausgesetzt - seine Entscheidung treffen

und damit abwägen, d.h.

des

der

gleich das

schließlich

Die

Subjekrkonstitution,

über

den

intrinsische

die sich

in dieser

Ethik

und Recht.

forcierten

Lesart

Dritten konfiguriert,

Verhältnis

von

markiert

und

Zusammenhang

von Gerechtigkeit

begründen und

rechtfertigen.

Die Vernunft

Subjekts entspringt dieser

der Unabwendbarkeit

ethisch-politischen

Herausforderung

und

des Sichentscheidenmüssens. Indern

Gerechtigkeit

w·erk gesetzt und Recht gesprochen werden.

nachzukommen versucht

wird,

muss

Gerechtigkeit

ins

Der Gerechtigkeit bleibt

auf eine

vorgegebene

auf einer

die sich

stützen kann

der Universalität nachzukom­

angemessen muss stets allen geantwortet werden. Im

bricht die Not­ Recht auf,

die

um

eine

Prekarität eingeschrieben,

nicht

und dennoch

men sucht, denn

Antworten

wendigkeit einer lnstanziierung von

diese

jedoch entzogene

Ethische

bZ\v.

mit politi­

schen

sen explizit - im institutionenpolitischen Sinne - nachgeht.33

der Alrerität

Fremdwahrnehmung

nicht

verhandelt werden können.

idenrifizierbaren oder alternativen Fremdheit werden der Komplexität

bloß vergleichsweise

plura­

herkömmliche Vorstel­

als Ausgangs­

len

lung

punkt der Frage nach dem

allgemeine Gesetzgebung

anderen Weise

auf den Anspruch

nur

für einen

Werk

des Anderen-im-Plural

Gerechtigkeit als

etwaigeri

Einzelfall,

- nicht

ins

sondern für

all

Anderen -

zu setzen.

Die konstitutive,

Mitte des Rechts

respektive des Politischen bildet daher das

nach Gerechtigkeit.

die Dringlichkeit

Damit kündigt sich bei

ohne dass er die­

dass Fragen

der

Levinas auch die

respektive

Mit

notwendige Verknüpfu.ng des Ethischen

juridischen Zusammenhangen-an,

aufgezeigt

werden,

Problem

Levinas kann

als

ein

epistemologisches

nicht gerecht.

sondern

Die dabei

impliziten Vorstellungen einer

nicht

des Anderen

verschieden,

Der Andere ist

Subjektivität erfahrt sich als je schon von

die

und

Ansprüchen

des Subjekts

durchfurcht. Damit wird

als

Bezugsmitte

alles

Seienden

Fremden erschüttert.

wird als Bezugsmitte alles Seienden Fremden erschüttert. 31 Dem ist Liebsch in luzider Weise nachgegangen. dass

31

Dem

ist Liebsch in luzider Weise nachgegangen.

dass sich

zugestimmt

Zusammenhang bei

bei

Levinas ein

werden

Levinas zwischen dem

Ethischen

und dem

Politischen

Bemerkung,

wird dann

der

die Menschen

Ver­

keiner politischen

Der zunächst irritierenden

PoLitischen"

findet,

dass

[kann],

"das Politische

wenn

es

vielmehr

YOn

"antipoLitisches Moment im

wenn einsichrig

wird,

bewahn werden

wenn

es

können,

nur

restLos

vor

Versuchung des TotaLitären

aumahms&s

bzw.

nicht

pflichtung

Ordnung je aufzuheben sein wird"

erfasst,

einer ethischen

angcsichts jedes

Anderen eingedenk

(Liebsch

2010,

bleibr, die in

l08f.).

GRENZEN DER EINFÜHLUNG

211

muss auch die

Vorstellung fallen lassen, von einem Anderen im Singular zu sprechen

im Anspruch

aller Anderen auf, die

Die

Unmög­

unterschiedlich dringlich

des Anderen

bzw. diesen

Ein

je schon

von

Anderen angegangenes Subjekt

identifizieren zu können. Vielmehr brechen

eine Unzahl

von Mitansprüchen und unterschiedlich

antworten

zu müssen, und

zu gewichten

die inhärente

sind.

Notwendigkeit,

lichkeit,

Levinas die Möglichkeit, das Politische und

Die Pluralisierung der Ansprüche verunmöglicht es, die Ordnung des

Politischen

Politisierung überzuführen. Zugleich bedarf das Ethische einer Kon­

stellation des Politischen, um die Frage nach der Gerechtigkeit singu­

laritätssensibel

eines Anderen-im-Plural ins Werk setzen zu können.

im Sinne

allen

Ansprüchen restlos

bzw.

die

nachkommen

zu

können, eröffnet

Ethische neu zu verorten:

einer totalen

zu schließen

und

mit

ethischen Ansprüche

dem .Anspruch

auf Universalität

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