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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Familienturm

bb22 architekten + stadtplaner


taunusstr. 21, 60329 frankfurt/m
069.9002197-0, fax -69
riedberg@bb22.net, bb22.net
Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Erläuterung
(Kurzversion)

Unter dem Dach der neu gegründeten Genossenschaft Fundament e.G. hat sich
die Gruppe “Frankfurter Familien” gefunden und Ende 2005 einen 2-stufigen
Wettbewerb ausgelobt. Im März 2006 entschied sich die Gruppe für unseren
Entwurf eines “Familienturms” für 8 Familien.

Wichtigster Eckpunkt des Entwurfes ist es, ein Haus mit gemeinschaftlicher
Atmosphäre zu schaffen, dies vor allem durch ein Treppenhaus mit Aufweitungen,
mit „Raucherbalkon“, mit offenen Raumverbindungen sowie mit kleinen,
geschützten Nischen vor den Wohnungen.

Zweiter Entwurfskern war ein optimaler Freiraumbezug durch große, geschützte


und sehr private Balkons in Kombination mit dem Gemeinschaftsgarten, der von
einem Gemeinschaftsraum im Untergeschoss aus für alle BewohnerInnen direkt
erreichbar ist.

Dritte Besonderheit ist zum einen die hohe Planungs- wie auch Umbauflexibilität
der Wohnungen durch den vollkommenen Verzicht auf innere tragende Wände,
zum anderen das von der Gruppe gewünschte Konzept mit großer Wohnküche,
das ein ganzes Zimmer mehr im Vergleich zu konventionellen Wohnungen der
gleichen Größe ermöglicht. Einbauschränke, die von Flur wie Zimmer aus
zugänglich sind machen aus den “kleinen” Zimmern gleichzeitig „große“ Zimmer.

Das Haus verfügt über ein auf das in der Nachbarschaft vorhandene
Kleinkraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung hin optimiertes Energiekonzept
(Standard KFW40) mit kontrollierter Be- und Entlüftung. Um ein stabiles
Raumklima zu sichern sind zudem durchgängige Verschattungselemente an den
Fenstern angebracht, vor allem in Form von Schiebeläden. Ergänzend ist eine
eigene Kleinkläranlage vorhanden.

Ein großer Teil der Innenausbauten wurde in gemeinschaftlicher Eigenleistung


erbracht.

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Lageplan

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Grundriss UG

Massstab 1:200

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Grundriss EG

Massstab 1:200

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Grundriss OG1
und OG2

Massstab 1:200

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Grundriss DG

Massstab 1:200

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Ansicht west

Massstab 1:200

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Axonometrie
Wohntreppe

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Ansicht süd

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Fassadendetail
von Nordwesten

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Eigenleister

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Kleiner Erker

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Wohntreppe

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Südwestecke

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Eingangsraum
und Treppe

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Treppe und
NIschen

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Aufweitung und
Raucherbalkon

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Aufweitung
genutzt

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Treppendetail

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Treppe DG

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Wohnküche und
Erker

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Wohnküche 1

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Wohnküche 2

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Wohnküche 3

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Daten und
Beteiligte

Bauherr:
Fundament bauen wohnen leben eG, Brückenstr. 55, 60594 Frankfurt/M
Projektleitung: Lothar Reininger und Jürgen Thau, Internet: fundament-eg.de

Architekten:
bb22 architekten + stadtplaner, Taunussstr. 21, 60329 Frankfurt/M, bb22.net
Verantwortliche Partner: Aspasia Maheras, Martin Wilhelm
Projektarchitekt: Friedemann Benrath

Photographien: Christof Kraneburg, bb22 (S. 11, 12, 13, 14, 19, 20)

Energieberatung: Energie und Haus, Darmstadt, Ahastr. 9, 64285 Darmstadt


Tragwerksplaner: Nina Hohlfeld, Platz Rueil Malmaison 4, 65812 Bad Soden
Rohbau: Gebrüder Hofmann, Kronberg
Zimmerer und Fassadenbau: Gruhn Holzbau, Frankfurt/M
Fenster, Schiebeläden, Verschattungen: Scheuring Fensterbau, Arnstein-Gänheim

Grundstücksfläche: 1.231 m2
Bruttogeschossfläche (BGFa) gesamt: 1.258 m2
BGFa Vollgeschosse: 738 m2
Geschossflächenzahl: 0,6
Bruttorauminhalt (BRIa): 3.750 m3
Anzahl der Wohneinheiten: 8
Wohnfläche (inkl. Gemeinschaftsraum): 827 m2
Baukosten brutto (Kgr. 300, 400, 500, 700): 1,301 Mio Euro
Baukosten brutto/m2 Wohnfläche: 1.572 Euro / m2
Miete: Basismiete /m2 Wfl.: 8,50 Euro (für kinderreiche Familien bis auf 7,90 Euro
ermässigt), zzgl. Stellplatz und zzgl. anteilig Gemeinschaftsraum
Adresse: Alkmemestrasse 24, 60435 Frankfurt/M

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Erläuterung
(Langversion)

Entstehungsgeschichte

Im Jahr 2005 gründete sich in Frankfurt - erstmals seit Jahrzehnten wieder - die
Baugenossenschaft „Fundament bauen wohnen leben eG“. Ziele der
Genossenschaft für Ihre Projekte umfassen Solidarität, Ökologie, Selbst- und
Gruppenhilfe, neues und anderes Wohnen sowie Investitionsmöglichkeiten für
nachhaltig orientiertes Kapital. Als Besonderheit versteht sich Fundament als
Dachgenossenschaft für relativ autarke und differenzierte Projektgruppen, um damit
basisorientierte Gruppen und professionellen fachlichen wie organisatorischen
Überbau zu kombinieren.

Parallel zur Gründung der Genossenschaft hatten sich 6 junge Familien bereits zur
Gruppe "Frankfurter Familien" zusammen geschlossen, die die Chance nutzen
wollte, die sich mit dem Angebot der Stadt Frankfurt zur Übernehme eines
kommunalen Grundstückes in Erbpacht auftat. Genossenschaft und Gruppe lobten
Ende 2005 einen zweistufigen, eingeladenen Wettbewerb aus und entschieden sich
bereits im März 2006 für den Entwurf des "Familienturms" von bb22.

Standort und Grundstück

Das von der Stadt angebotene Grundstück ist ein ehemaliger Obstgarten und
befindet sich am Rand eines der letzten größeren Entwicklungsbietes Frankfurts,
dem so genannten Frankfurter Bogen im Stadtteil Preungesheim.
Vorsichtig ausgedrückt kann man die Entwicklung des Stadtteils als heterogen
bezeichnen; die Besiedelung erfolgt, wie so häufig, auf Basis eines veralteten
Bebauungsplanes, der vergangene Ausgangslagen (z.B. leistungsfähige kommunale
Wohnungsbaugesellschaften) und Moden (z.B. Raumkantenstädtebau und
aufwendige öffentliche Räume) festschreibt. Um in der Heterogenität ein Zeichen zu
setzen und als Ausdruck eines neuen Verständnisses von der Notwendigkeit des

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Eingreifens der Kommunen in die private Entwicklung wurde hier die Ansiedelung
eines besonderen Wohnprojektes vom Stadtplanungsamt der Stadt unterstützt.

Das eigentliche Baufenster ermöglichte ein Punkthaus mit 3 Vollgeschossen und


Abmessungen von 15 x 15m, in nur 3 m Abstand von der Straße, um hier eine
„städtebauliche Torsituation“ schaffen zu können - eine in der Heterogenität nicht
mehr einlösbare und das Projekt belastende formale Vorschrift. Vorgeschrieben
waren weiterhin die auf die Südseite konzentrierte Anordnung von Balkonen sowie
ein Stellplatz pro WE innerhalb des Baufensters oder unterirdisch.

Die Randlage des Grundstückes ermöglicht, wenn eine vorgelagert kommunale


Sporthalle nicht mehr gebaut wird, dauerhaft einen Weitblick über Obstgärten bis
zur Skyline Frankfurts, führt aber auch zu Lärmbelastung durch einen um das Gebiet
führenden Autobahnring.

Zielgruppe und Bewohnerstruktur

Die BewohnerInnen sind, als Charakteristikum, Patchwork- Familien mit sozial und
politisch engagiertem Hintergrund, akademischer Ausbildung und entsprechenden
Berufen. Die Altersgruppe der 16 Erwachsenen ist um Mitte 30 bis Anfang 40, das
Alter der 11 Kinder (davon 9 dauerhaft im Haus wohnend, 2 zeitweise) liegt
zwischen 1 und 14 Jahren. Die Familien betrachten die Realisierung des
gemeinschaftlichen Projektes, in dem sie als Genossen-MieterInnen leben werden,
wie die Erfüllung des Wunsches nach dem eigenen Häuschen. Ihnen ist die
Kombination von privatem Wohnraum und gemeinschaftlichen Angeboten wichtig.
Die Wünsche für die innere Organisation der Wohnungen wie auch des
Gesamthauses kann man als eine Weiterentwicklung des Wohnens in
Wohngemeinschaften betrachten.

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Frankfurter Familien Preungesheim, Genossenschaftliches 8-Familien-Haus

Für die Kommunikation während der Projektphase erwies sich der politisch
engagierte Hintergrund der Familien insofern als sehr hilfreich, als die Übung in
demokratischen Prozessen und Diskussionen eine sehr konstruktive
Zusammenarbeit ermöglichte und verhinderte, dass der „Meine-Wohnung-
Egoismus“, der viele Gruppenprozesse schwächt, nie in den Vordergrund trat. Unter
anderem einigten sich die Bewohner auf zwei Vertreter, die in der wöchentlichen
Bausitzung anwesend waren und dort auch in gewissen Grenzen entscheiden
konnten, die vor allem aber als wichtige Kommunikationsglieder zwischen „Profis“
und BewohnerInnen fungierten.

Finanzierung

Die Finanzierung der Baukosten des Projektes (Grundstück in Erbpacht) erfolgte


über KfW40 (400.000 Euro)- und Bankkredite bei einer angestrebten
Eigenkapitalquote von 60%. Das Eigenkapitel sollte sich aus
Genossenschaftsanteilen der BewohnerInnen (pro Wohnung 5.000 Euro), aus
freiwilligen so genannten Zinsbausteinen (verzinste Kapitalpakete a 5.000 Euro)
sowie, bei Bedarf, aus Teilen der Genossenschaftseinlagen der übrigen über 100
Genossenschaftsmitgliedern zusammensetzen. Für jede Wohnung musste darüber
hinaus Eigenkapital in Form einer „Muskelhypothek“ von mindestens 200 Stunden
Eigenleistung (angesetzt mit 20 Euro/Stunde) erbracht werden. Eine interessante,
wenn auch kaum eingelöste, Idee der Genossenschaft ist es, dass jedes
Genossenschaftsmitglied Eigenleistung abzuleisten hat, egal in welchem Projekt. Im
Vorhaben „Frankfurter Familien“ leisteten deshalb noch 3 weitere Personen dieses
Konto ab, ohne jedoch im Haus einzuziehen.

Ebenfalls interessant ist, dass die hohe angestrebte Eigenkapitalquote zu Ärger


führte und ein Nachdenken über und Nachjustieren von Solidargemeinschaften in
heutigen Rahmenbedingungen erfordert: Die freiwilligen Zinsbausteine wurden von
den BewohnerInnen kaum gezeichnet, da man durch die verzinste Zeichnung nicht

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mit zusätzlich niedrigeren Mieten belohnt wurde und der damit verbundene
Solidaraspekt (Wohlhabendere können Ärmeren den Einzug ermöglichen) nicht
gesehen wurde. Dadurch zeigten sich aber die übrigen Genossen von Fundament
verärgert, da sie ihre eingelegten Anteile als „verschwendet“ für die Eigenkapitel-
Förderung günstigen Wohnraums für junge Akademiker ansahen - obwohl ja gerade
diese Solidarförderung ursprünglich einer der Grundgedanken genossenschaftlichen
Bauens war.

Das ursprünglich angestrebte Ziel einer für Frankfurter Verhältnisse äußerst


niedrigen Basis-Kaltmiete von 8,50 Euro/m2 Wfl. (teilweise bis unter 8 Euro durch
Erbpachtsubventionierung der Stadt Frankfurt für kinderreiche Familien) wurde
jedoch erreicht, allerdings auch durch teilweise irrwitzigen und nicht auf andere
Projekte übertragbaren Planungs- und Sparaufwand beim Bau sowie durch
ehrenamtliche Bauherrenleistungen.

Architektonisches und gestalterisches Konzept / planerische und entwurfliche


Schwerpunkte

„Vorschrift“ seitens der Bewohner wie auch der Genossenschaft war ein Charakter
des Hauses, der sich von der Normalität der Nachbarschaft deutlich abhebt und das
besondere Konzept nach außen zeigt. Daraus sowie durch Notwendigkeit der Wahl
des preislich günstigsten Fassadenmaterials sowie der Ausbildung des Hauses im
Niedrigstenergiestandard resultierte die Bekleidung mit Welleternit in Kombination
mit farbigen Rockpanel-Flächen an den vorspringenden Bauteilen, den
Parkpositionen der Schiebeläden sowie den Balkonbrüstungen.

Die schlichte Grundvolumen als turmartige Kiste erhält Akzente durch die
Ausbildung des Staffelgeschosses, durch die voll verglasten Erker auf den
Wohnseiten sowie durch das aus dem Gebäude heraus geschobene Treppenhaus
zur Straße, kombiniert mit großen Balkons. Erker und Fenster sind intensiv

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ausgebildet: Die Wohnungen erhalten gegenüber dem Standard nahezu doppelt so


viele Fensterflächen, alle Wohnungen haben mehrere Fenstertüren zu den
Aussenräumen, alle Fenster sind dazu mit Schiebeläden ausgestattet,
Verschattungsbauteilen, die es erlauben, die Räume so zu verschatten, dass
trotzdem im Sommer kein Licht angemacht werden muss (wie z.B. bei der
Verschattung durch Rollläden) und die es, im Falle der Fenstertüren, erlauben, von
außen wieder zugezogen zu werden. Die Erker sind vollflächig mit aussen liegenden
elektrischen Raffstoren verschattbar.

Organisation des Hauses

Das Gebäude ist ein Zweispänner mit 3 Vollgeschossen und einem Staffelgeschoss.
In den 3 Vollgeschossen finden 6 Wohnungen mit jeweils ca. 110 m2 Wohnfläche
Platz, im Staffelgeschoss eine Wohnung mit 80 m2 und eine mit gut 60 m2.
Die Besonderheit der Wohnungen ist, dass sie im Inneren stützenfrei ausgebildet
sind, damit aktuell und auf Wunsch der Gruppe recht nonkonforme Grundrisse
OHNE Wohnraum und OHNE Elternschlafzimmer untergebracht werden können, in
Zukunft aber eine Umrüstung auf „Normalwohnungen“ möglich wäre. Sogar die
Befensterung des Hauses wurde dafür abgestimmt. Aktuell verfügt das Haus also in
jeder Wohnung über „ein Zimmer mehr“ als üblich, dafür sind die Einzelzimmer klein
(um 10 m2) und die allgemeinen Wohnräume sind große Wohnküchen, in den
großen Wohnungen ergänzt durch sehr luxuriöse Wohnerker. Ebenfalls als Resultat
dieser Wohnwünsche mussten die die Wohnungen innen liegende Bäder erhalten,
die allerdings zum einen über die befensterten Eingangstüren etwas Tageslicht
erhalten, andererseits zu einer „Nutzschiene“ im Kern des Hauses ausgebaut
wurden, die aus Bad, separatem WC, einem eigenen Hauswirtschaftsraum in jeder
Wohnung sowie, dann an der Südfassade, dem installierten Küchenbereich besteht.
Jede Wohnung verfügt als Grundausstattung über 2 Einbauschränke im Flurbereich.
Alle Wohnungen haben übergroße und gleichzeitig geschützte Balkons bzw.

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Dachterrassen, im EG als definierte, leicht gegenüber dem Garten abgehobene


Freisitze.
Die beiden Wohnungen im EG sind barrierefrei ausgebildet und lassen sich
behindertengerecht umrüsten; da das Haus ca. 1 m über das Straßenniveau
angehoben wurde, um die EG-Wohnungen so nahe wie vorgeschrieben an der
Straße gut bewohnbar zu halten, wurde das Eingangspodest so ausgebildet, dass
hier bei Bedarf ein Rollstuhllift nachgerüstet werden kann.

Verbindendes Element des Hauses ist die Treppe: Sie ist nicht als reine
Erschliessung konzipiert, sondern als alltäglicher Gemeinschaftsbereich. Sie
beginnt, nach einem großen äußeren Eingangspodest mit Klingeln und Briefkästen,
im Erdgeschoss mit einem lichtdurchfluteten zweigeschossigen Eingangsfoyer mit
Platz für Kinderwägen und einer Benachrichtigungswand. Im 2.OG verfügt die
Treppe über eine Aufweitung, groß genug für die Bar bei einem kleinen Hausfest
sowie mit vorgelagertem „Raucherbalkon“. Dieser Bereich ist raumhaltig mit dem
oberen Abschluss der Treppe im DG, hier z.B. mit kleiner Kinderbank am Fenster.
Die großen Wohnungen verfügen vor der Eingangstür über einen mit einem
Mäuerchen abgetrennten Vorbereich („Schuhanziehplatz“), zudem haben alle
Wohnungen verglaste Eingangstüren, dies alles, um den BewohnerInnen die
Möglichkeit zu geben, in verschiedenen Formen ihren Bezug zur Gemeinschaft
herzustellen.

Im Untergeschoss befindet sich der Gemeinschaftsraum mit Toilette, der vollständig


von der Bewohnerschaft zu einer großen Wohnküche ausgebaut wird. Vorgelagert
ist diesem Raum eine Terrasse mit Außentreppe in den gemeinschaftlichen Garten.

Der Garten wird insgesamt gemeinschaftlich betrieben und gepflegt, mit einem
Bereich für individuelle Gemüsen- und Blumenbeete im Westen sowie einem
gemeinsamen Grillplatz im Südwesten. Der Garten ist, wie nicht anders zu erwarten,
nach wie vor eine Baustelle und wird dies auch noch länger bleiben. Als Geste an
die Nachbarschaft ist im Nordosten vor dem Eingangspodest eine Bank mit Bezug

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zum Bürgersteig angebracht. Diese Bank zeugt von einer ursprünglich angestrebten
intensiven Einbeziehung der Umgebung in das Hauskonzept, die allerdings durch
die Verlegung des Gemeinschaftsraumes in das UG und unsichtbar und kaum
erreichbar von außen im Verlaufe des wirtschaftlichen Optimierungsprozesses wohl
vollkommen verloren ging.

Jede Wohnung verfügt über ein kleines Lagerabteil im UG. Ebenfalls im UG ist die
Technikzentrale untergebracht sowie, sogar in 2 Richtungen über das dafür nicht
geeignete Baufenster überstehend, eine Tiefgarage mit 8 Stellplätzen. Ursprünglich
waren 2 ebenerdige Stellplätze vorgesehen, aber selbst das wurde nicht genehmigt,
ganz abgesehen von der Ablehnung von Vorschlägen der Architekten, durch die
Ansiedelung eines Carsharing-Fahrzeuges auf dem Grundstück Stellplätze
abzulösen und damit die drastischen Kosten für die Parkierung zu reduzieren.
Letztlich führte die vorgeschriebene aufwendige Tiefgarage mit einer komplizierten
Zufahrtsrampe dazu, dass für die eigentliche Aufgabe, die Unterbringung von
insgesamt 42(!) Zweirädern, keine Mittel mehr vorhanden waren. Dies führt zu der
absurden Situation, dass die Bewohner versuchen, ihre meist alten Fahrzeuge
irgendwo auf der Straße abzustellen, damit die hochwertigen Zweiräder im Haus
Platz haben. Gleichzeitig drückte die Tiefgarage den ursprünglich geplanten
Werkstattraum zur Seite, ebenfalls mit dem Resultat, dass die Bewohner versucht
sind, die Tiefgarage für diese Zwecke um zu nutzen. Man kann klar festhalten: Für
die Bewohnerschaft eines solchen Hauses, und wahrscheinlich für viele mehr, wäre
eine Kombinationslösung mit Quartiersgarage, Carsharingkonzepten und lediglich
Unterbringung von Rest-Stellplätzen, etwa für die barrierefreien Wohnungen auf
dem Bau-Grundstück das einzig Richtige.

Technik

Jede Wohnung ist mit einer separaten und für jede Wohnung regulierbaren Anlage
für kontrollierte Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung ausgestattet (Anlage

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ist im Hauswirtschaftssraum untergebracht). Durch die innen liegende


„Nutzschiene“ entstand ein strömungstechnischer Idealgrundriss, bei dem an den
Aussenwänden in jedem Wohn- und Individualraum durch Bodenauslässe unter den
Radiatoren die Luft eingeblasen und im Kern in den Nassräumen und der Küche
unter der Decke abgesaugt wird. Die Bodenverteilung für Lüftung und Heizung
innerhalb der Wohnung zusammen mit einem zentralen Steigschacht führt zu sehr
platzsparender Unterbringung der Haustechnik. Vor allem musste damit z.B. der
Flur nicht abgehängt werden.
Als Besonderheit bei der Wasserinstallation ist zum einen die Entscheidung für eine
Kleinkläranlage für fäkalienfreie Abwässer zusammen mit einem Grauwassersystem
zu nennen, zum anderen wiederum der Hauswirtschaftsraum mit Anschlüssen für
Waschmaschine und Trockner. Auf eine Anbindung der recht großen
Regenwasserzisterne nach innen wurde zu Gunsten einer Tauchpumpe und
ausschliesslicher Nutzung für Gartenwasser verzichtet - eine Entscheidung, die sich
bereits als richtig erwies.
Interessanterweise rückte die Gruppe nach langer Analyse von ihrer ursprünglichen
Forderung eines Passivhauses sowie von Solarthermienutzung ab und entschied
sich für den Standard KfW40: Es stellte sich zum einen heraus, dass es durch die
Versorgung des gesamten Gebietes mit dezentraler Kraft-Wärme-Kopplung unter
Aspekten der Nachhaltigkeit mehr Sinn macht, sich dort an zu koppeln und
ganzjährig konstant thermische Energie abzunehmen. Zum zweiten hätten die
übergroßen Dämmstärken das Grundrisskonzept unmöglich gemacht, eine
Warmmietenberechnung schliesslich unterstrich das gewählte Konzept, auch unter
der Annahme stark steigender Energiepreise.

Bauweise und Ausstattung

Besonderheit der Konstruktion ist die stützenfreie Ausführung der Wohnungen. Die
Tragwände beschränken sich auf die Aussenwände sowie die Mittelwand bzw.
Treppenhauswände, sie sind in 15 cm KS-Mauerwerk in vorgefertigten

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Grossblöcken ausgeführt. Dachgeschoss sowie Treppenhaus sind in vorgefertigtem


Holzrahmenbau auf- bzw. angesetzt, die Erker wurden ebenfalls vorfertigt und vom
Fensterbauer angesetzt. Die Holzfenster sind mit so genannten Dämmkanteln
ausgeführt, um in wirtschaftlicher Art die geforderten Dämmwerte zu erreichen. Die
Schiebeläden wurden aus Stahlrahmen und eingesetzten Lamellen gesondert
gefertigt.
Alle inneren Wände sind in Trockenbau mit sichtbaren gleitenden
Deckenanschlüssen ausgeführt, es wurden keine Tapeten verwendet.
Alle Wohnungsböden, bis auf die Bäder, sind in geöltem Eichenparkett ausgeführt,
alle Aussenflächen mit Riffeldielen in Lärche, die Gemeinschaftsflächen in farblos
behandeltem Sichtbeton. Die Badausstattung ist einfachst, konnte aber mit kleinen
farbigen Fliesenflächen auf Boden und Wänden so gestaltet werden, dass sie als
hochwertig empfunden wird.

Ablauf
Diskussionen über neue Genossenschaft: Ab Anfang 2005
Projektgruppe Frankfurter Familie formiert sich: Mitte 2005
Auslobung Wettbewerb „Frankfurter Familien Preungesheim“: Herbst 2005
Eintragung Genossenschaft: Ende 2005
Entscheidung Wettbewerb: März 2006
Bauantrag: Juli 2006
Baubeginn: November 2006
Einzugstermin: August 2007

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Preise und Veröffentlichungen

Das Haus erhielt 2008 eine besondere Auszeichnung im Rahmen des Programms
"Vorbildliche Bauten in Hessen", dem Architekturpreis des Hessischen
Ministeriums der Finanzen und der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen.
Das Haus wurde in das Programm "Tag der Architektur 2008" in Hessen
aufgenommen und kann am Samstag, 28.6. um 10 Uhr sowie am Sonntag, 29.6.
um 15 Uhr besichtigt werden.
Das Gebäude war "Haus der Woche" im internationalen Nachrichtendienst
worldarchitects.com.
Das Gebäude wurde von der Frankfurter Rundschau am 15.5.2008 ausführlich und
mehrseitig dokumentiert.
Das Gebäude wurde im hr3 in der Sendung "Hauptsache Kultur" am 15.5.2008
vorgestellt.
Das Gebäude und seine Bewohner/Innen wurde in der FAZ am 19.5.2008 im
Rahmen der Serie "Die Stadt geht an die Grenze" ausführlich vorgestellt ("Auf
Solidarität gebaut").
Das Haus wurde in die Architekturgalerie des Bundes Deutscher Architekten
Hessen aufgenommen (BDA).
Das Haus wurde im Deutschen Architektenblatt als eines von 4 profilierten
nationalen Wohnprojekten in Rahmen des Tages der Architektur vorgestellt.
Das Haus wurde in der Bauwelt Oktober 2008 als eines der bundesweit
untersuchten Baugruppenprojekte vorgestellt.

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