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BHAGAVAD-GĪTĀ

wie sie ist

Ausgabe von 1983


mit lateinischen Transliterationen, deutschen Synonymen,
Übersetzungen und ausführlichen Erläuterungen

His Divine Grace


A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda
Übersetzung aus dem Englischen:
Vedavyāsa dāsa adhikārī, Śacinandana dāsa brahmacārī,
Pthu dāsa adhikārī (1974)

© THE BHAKTIVEDANTA BOOK TRUST

Für
ŚRĪLA BALADEVA VIDYĀBHŪ±A¦A
der uns den
"Govinda-bhāya"-Kommentar
zur
Vedānta-Philosophie
gab

Am 487. Erscheinungstag Śrī KŠa Caitanya Mahāprabhus in demütigster Ehrerbietung den Lotoshänden von His Divine
Grace A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda übergeben.

Śrī-Śrī-Rādhā-KŠa-Tempel
Die Übersetzer
Hamburg, 8. März 1974
3

INHALT

VORWORT ............................................................................................................................................. 5
EINLEITUNG ......................................................................................................................................... 7

ERSTES KAPITEL................................................................................................................................. 22
Arjuna beobachtet die Heere auf dem Schlachtfeld von Kuruketra .............................................. 22

ZWEITES KAPITEL .............................................................................................................................. 37


Inhalt der Gītā zusammengefaßt ......................................................................................................... 37

DRITTES KAPITEL............................................................................................................................... 73
Karma-yoga ........................................................................................................................................... 73

VIERTES KAPITEL............................................................................................................................... 94
Transzendentales Wissen...................................................................................................................... 94

FÜNFTES KAPITEL............................................................................................................................ 117


Karma-yoga - Handeln im KŠa-Bewußtsein ................................................................................. 117

SECHSTES KAPITEL.......................................................................................................................... 131


Dhyāna-yoga ........................................................................................................................................ 131

SIEBTES KAPITEL ............................................................................................................................. 153


Wissen vom Absoluten ........................................................................................................................ 153

ACHTES KAPITEL.............................................................................................................................. 173


Wie man den Höchsten erreicht......................................................................................................... 173

NEUNTES KAPITEL ........................................................................................................................... 185


Das vertraulichste Wissen................................................................................................................... 185

ZEHNTES KAPITEL............................................................................................................................ 206


Die Füllen des Absoluten .................................................................................................................... 206

ELFTES KAPITEL ............................................................................................................................... 225


Die universale Form ............................................................................................................................ 225

ZWÖLFTES KAPITEL ........................................................................................................................ 245


Hingebungsvoller Dienst..................................................................................................................... 245

DREIZEHNTES KAPITEL .................................................................................................................. 255


Natur, Genießer und Bewußtsein ...................................................................................................... 255

VIERZEHNTES KAPITEL .................................................................................................................. 272


Die drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur........................................................................ 272

FÜNFZEHNTES KAPITEL ................................................................................................................. 284


Der yoga der Höchsten Person ........................................................................................................... 284

SECHZEHNTES KAPITEL ................................................................................................................. 295


Die göttlichen und die dämonischen Naturen................................................................................... 295

SIEBZEHNTES KAPITEL................................................................................................................... 307


4

Die verschiedenen Arten des Glaubens ............................................................................................. 307

ACHTZEHNTES KAPITEL................................................................................................................. 318


Schlußfolgerung — die Vollkommenheit der Entsagung ................................................................ 318

ANHANG.............................................................................................................................................. 346
Der Autor ............................................................................................................................................. 346
Quellennachweis .................................................................................................................................. 347
Erklärung der wichtigsten Sanskritwörter....................................................................................... 348
Anleitung zur Aussprache des Sanskrit ............................................................................................ 357
Abkürzungen ....................................................................................................................................... 359
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VORWORT

Ursprünglich verfaßte ich die Bhagavad-gītā Wie Sie Ist in der Form, wie sie jetzt vorliegt. Als dieses Buch zum ersten Mal
veröffentlicht wurde, war das Originalmanuskript unglücklicherweise auf weniger als 400 Seiten gekürzt worden, ohne
Illustrationen und Erklärungen zu den meisten der ursprünglichen Verse der Śrīmad Bhagavad-gītā. In all meinen anderen
Büchern - Śrīmad-Bhāgavatam, Śrī Īśopaniad usw. - habe ich folgendes Verfahren angewandt: Ich gebe den
ursprünglichen Vers, seine lateinische Transliteration, Wort für Wort Sanskrit-Englisch-Synonyme, dann Übersetzung und
Erläuterung. Dies macht das Buch sehr authentisch und wissenschaftlich, und die Bedeutung wird augenscheinlich. Ich war
daher nicht sehr glücklich, als ich mein Originalmanuskript kürzen mußte. Doch später, als die Nachfrage nach der
Bhagavad-gītā Wie Sie Ist beträchtlich stieg, wurde ich von vielen Gelehrten und Gottgeweihten gebeten, das Buch in
seiner ursprünglichen Form zu veröffentlichen, und der Verlag Macmillan & Co. war bereit, die vollständige Ausgabe zu
publizieren. Mit der vorliegenden Ausgabe wird daher der Versuch unternommen, das Originalmanuskript dieses
bedeutenden Buches des Wissens mit vollständiger paramparā-Erklärung zu präsentieren, um so die Bewegung für KŠa-
Bewußtsein fundierter und erfolgreicher zu verbreiten.
Unsere Bewegung für KŠa-Bewußtsein ist unverfälscht, geschichtlich autorisiert, natürlich und transzendental, da sie auf
der Bhagavad-gītā Wie Sie Ist gründet. Sie wird allmählich zur populärsten Bewegung auf der ganzen Welt, besonders unter
der jüngeren Generation. Aber auch ältere Menschen zeigen mehr und mehr Interesse, ja viele Väter und Großväter meiner
Schüler fördern uns, indem sie bei unserer großen Gesellschaft, der Internationalen Gesellschaft für KŠa-Bewußtsein,
Mitglieder auf Lebenszeit werden. In Los Angeles pflegten mich viele Väter und Mütter zu besuchen, um mir ihre
Dankbarkeit dafür auszudrücken, daß ich die Bewegung für KŠa-Bewußtsein überall auf der Welt leite. Einige von ihnen
sagten, es sei ein großes Glück für die Amerikaner, daß ich die Bewegung für KŠa-Bewußtsein in Amerika begann. In
Wirklichkeit aber ist der ursprüngliche Vater dieser Bewegung Śrī KŠa Selbst, da sie vor sehr langer Zeit begonnen wurde
und ihre Lehre durch eine Nachfolge von spirituellen Meistern bis in die heutige menschliche Gesellschaft überliefert
worden ist. Wenn ich in diesem Zusammenhang irgendein Verdienst habe, so kommt es mir nicht persönlich zu, sondern
gebührt meinem ewigen spirituellen Meister, His Divine Grace Om ViŠupāda Paramahaˆsa Parivrājakācārya 108 Śrī
Śrīmad Bhaktisiddhānta Sarasvatī Gosvāmī Mahārāja Prabhupāda.
Wenn mir persönlich dennoch in dieser Angelegenheit irgendein Verdienst zukommt, dann nur, weil ich versucht habe, die
Bhagavad-gītā, wie sie ist, ohne Verfälschung, zu präsentieren. Bevor ich die Bhagavad-gītā Wie Sie Ist herausgab, wurden
fast alle ähnlichen Ausgaben der Bhagavad-gītā nur mit dem Ziel veröffentlicht, den persönlichen Ehrgeiz des jeweiligen
Verfassers zu befriedigen. Mit der Herausgabe der Bhagavad-gītā Wie Sie Ist wollen wir nun allen Menschen die Botschaft
KŠas, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, übermitteln. Unsere Aufgabe ist es, den Willen KŠas zu verkünden, und nicht
den irgendeines weltlichen Spekulanten, wie zum Beispiel den eines Politikers, Philosophen oder Wissenschaftlers, denn
diese Menschen besitzen trotz all ihres angesammelten Wissens nur sehr wenig Wissen über KŠa. Wenn KŠa sagt: man-
manā bhava mad-bhakto mad-yājī māˆ namaskuru usw., so behaupten wir nicht, wie die sogenannten Gelehrten, daß
KŠa und Sein inneres spirituelles Wesen voneinander verschieden seien. KŠa ist absolut, und es besteht kein
Unterschied zwischen KŠas Namen, KŠas Gestalt, KŠas Eigenschaften, KŠas Spielen usw. Für einen Menschen, der
kein Geweihter KŠas ist und der nicht dem paramparā-System der Schülernachfolge angehört, ist diese absolute Stellung
KŠas sehr schwer zu verstehen. Wenn die sogenannten Gelehrten, Politiker, Philosophen und svāmīs, die kein
vollkommenes Wissen über KŠa besitzen, Kommentare zur Bhagavad-gītā schreiben, versuchen sie im allgemeinen,
KŠa zu verbannen oder Ihn zu töten. Solche nicht autorisierten Kommentare zur Bhagavad-gītā sind als Māyāvādī-bhāya
bekannt, und Śrī Caitanya hat uns vor diesen unautorisierten Leuten gewarnt. Śrī Caitanya sagt unmißverständlich, daß der,
der die Bhagavad-gītā vom Standpunkt der Māyāvādīs aus zu verstehen versucht, eine große Torheit begeht. Die Folge
dieser Torheit wird sein, daß der fehlgeleitete Schüler der Bhagavad-gītā auf dem Pfad spiritueller Anleitung mit Sicherheit
verwirrt und nicht fähig sein wird, nach Hause, zu Gott, zurückzukehren. Unser einziges Ziel ist es, diese Bhagavad-gītā
Wie Sie Ist zu präsentieren, um den bedingten Schüler zu dem gleichen Ziel zu führen, um dessen Verkündigung willen
KŠa einmal an einem Tag Brahmās, das heißt alle 8 640 000 000 Jahre, auf diesem Planeten erscheint. Auf dieses Ziel
wird in der Bhagavad-gītā hingewiesen, und deshalb müssen wir es akzeptieren; andernfalls ist es sinnlos, die Bhagavad-
gītā oder ihren Sprecher, Śrī KŠa, verstehen zu wollen. Śrī KŠa sprach die Śrīmad Bhagavad-gītā vor Millionen und
Abermillionen von Jahren zum Sonnengott. Wir müssen diese Tatsache anerkennen und so die geschichtliche Bedeutung
der Bhagavad-gītā aufgrund der Autorität Śrī KŠas, ohne falsche Interpretation, verstehen. Es ist das größte Vergehen, die
Bhagavad-gītā zu interpretieren, ohne den Willen KŠas zu beachten. Um sich vor diesem Vergehen zu bewahren, muß
man den Herrn als die Höchste Persönlichkeit Gottes verstehen, so wie es Arjuna, Śrī KŠas erster Schüler, unmittelbar tat.
Ein solches Verständnis von der Bhagavad-gītā ist wirklich nützlich und der autorisierte Weg zum Wohl der menschlichen
Gesellschaft, die so die Mission des Lebens erfüllen kann. Die Bewegung für KŠa-Bewußtsein ist für die menschliche
Gesellschaft von fundamentaler Bedeutung, denn sie bietet die Möglichkeit, die höchste Vollkommenheit des Lebens zu
erreichen. Wie dies zu verstehen ist, wird in der Bhagavad-gītā ausführlich erklärt. Unglücklicherweise haben weltliche
Besserwisser die Bhagavad-gītā dazu benutzt, ihre dämonischen Neigungen zu propagieren und die Menschen hinsichtlich
der einfachsten Grundsätze des Lebens in die Irre zu führen. Jeder soll wissen, auf welche Weise Gott oder KŠa groß ist,
und jeder soll die tatsächliche Stellung des Lebewesens erkennen können. Jeder soll wissen, daß das Lebewesen ewig ein
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Diener ist und daß man, wenn man nicht KŠa dient, gezwungen ist, der Illusion in den verschiedenen Spielarten der drei
Erscheinungsweisen der materiellen Natur zu dienen, und so fortgesetzt im Kreislauf von Geburt und Tod wandern muß.
Selbst der angeblich befreite Māyāvādī-Spekulant ist diesem Vorgang unterworfen. Dieses Wissen stellt eine bedeutende
Wissenschaft dar, von der jedes Lebewesen in seinem eigenen Interesse hören muß.
Die Masse der Menschen ist, besonders im gegenwärtigen Zeitalter des Kali, von der äußeren Energie betört und glaubt
irrtümlich, durch eine Verbesserung materieller Bequemlichkeit werde jeder glücklich werden. Die Menschen wissen nicht,
daß die materielle, äußere Natur sehr stark ist, denn jeder ist durch die unerbittlichen Gesetze der materiellen Natur fest
gebunden. Das Lebewesen ist glücklicherweise ein winziger Bestandteil des Herrn, und daher ist es seine natürliche
Funktion, dem Herrn unmittelbaren Dienst zu leisten. Durch den Zauber der Illusion versucht man, glücklich zu sein, indem
man auf verschiedene Weise seiner persönlichen Sinnenbefriedigung dient, wodurch man jedoch niemals glücklich werden
kann. Statt die eigenen, materiellen Sinne zu befriedigen, muß man die Sinne des Herrn zufriedenstellen. Das ist die höchste
Vollkommenheit des Lebens. Der Herr wünscht dies und fordert es. Diesen Kernpunkt der Bhagavad-gītā muß man
verstehen. Unsere Bewegung für KŠa-Bewußtsein lehrt die gesamte Welt diesen Kernpunkt, und da wir den Inhalt der
Bhagavad-gītā nicht vergiften, sollte jeder, dem ernsthaft daran gelegen ist, aus dem Studium der Bhagavad-gītā einen
Nutzen zu ziehen, die Hilfe der Bewegung für KŠa-Bewußtsein in Anspruch nehmen, um unter der direkten Führung des
Herrn ein praktisches Verständnis von der Bhagavad-gītā zu bekommen. Wir hoffen daher, daß die Menschen den größten
Nutzen gewinnen werden, wenn sie die Bhagavad-gītā Wie Sie Ist studieren, wie wir sie hier vorlegen, und selbst wenn nur
ein einziger Mensch ein reiner Gottgeweihter wird, werden wir unsere Bemühung als erfolgreich betrachten.

A. C. Bhaktivedanta Swami
12. Mai 1971
Sydney, Australien
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Vndāvana ist. Du bist die Tochter König Vabhānus, und


BHAGAVAD-GĪTĀ Du bist Śrī KŠa sehr lieb.

wie sie ist vāñchā-kalpatarubhyaś ca kpā-sindhubhya eva ca


patitānām pāvanebhyo vaiŠavebhyo namo namaƒ

Ich erweise meine achtungsvollen Ehrerbietungen allen


EINLEITUNG VaiŠava-Geweihten des Herrn, die wie Wunschbäume die
Wünsche eines jeden erfüllen können und die großes
om ajñāna-timirāndhasya jñānāñjana-śalākayā Mitleid mit den gefallenen Seelen haben.
cakur unmīlitaˆ yena tasmai śrī-gurave namaƒ
śrī kŠa caitanya prabhu nityānanda
śrī-caitanya-mano 'bhī˜aˆ sthāpitaˆ yena bhū-tale śrī advaita gadādhara rīvāsādi-gaura-bhakta-vnda
svayaˆ rūpaƒ kadā mahyaˆ dadāti sva-padāntikam
Ich erweise meine achtungsvollen Ehrerbietungen Śrī
Ich wurde in finsterster Unwissenheit geboren, und mein KŠa Caitanya, Prabhu Nityānanda, Śrī Advaita,
spiritueller Meister öffnete mir die Augen mit der Fackel Gadādhara, Śrīvāsa und allen, die sich in der Nachfolge
des Wissens. Ich erweise ihm meine achtungsvollen derer befinden, die in Hingabe dienen.
Ehrerbietungen.
Wann wird Śrīla Rūpa Gosvāmī Prabhupāda, der in dieser Hare KŠa, Hare KŠa, KŠa KŠa, Hare Hare
materiellen Welt die Mission gründete, den Wunsch Śrī Hare Rāma, Hare Rāma, Rāma Rāma, Hare Hare
Caitanyas zu erfüllen, mir unter seinen Lotosfüßen Zuflucht
gewähren? Die Bhagavad-gītā ist auch als Gītopaniad bekannt. Sie ist
die Essenz des vedischen Wissens und eine der wichtigsten
vande 'haˆ śrī-guroƒ śrī-yuta-pada-kamalaˆ der zahlreichen Upaniaden in der vedischen Literatur. Es
śrī-gurūn vaiŠavāˆś ca gibt natürlich im Englischen viele Kommentare zur
śrī-rūpam sāgrajātaˆ saha-gaŠa-raghunāthān Bhagavad-gītā. Die Notwendigkeit eines weiteren
vitaˆ taˆ sa-jīvam englischen Kommentars zur Bhagavad-gītā läßt sich wie
sādvaitaˆ sāvadhūtaˆ parijana-shitaˆ folgt erklären: Eine Amerikanerin bat mich, ihr eine
kŠa-caitanya-devaˆ englische Ausgabe der Bhagavad-gītā zu empfehlen, die sie
śrī-rādhā-kŠa-pādān saha-gaŠa-lalitā- lesen könne. Natürlich gibt es in Amerika viele englische
śrī-viśākhānvitāˆś ca Ausgaben der Bhagavad-gītā, doch von keiner, die ich -
nicht nur in Amerika, sondern auch in Indien - bisher
Ich erweise meine achtungsvollen Ehrerbietungen den gesehen habe, kann man strenggenommen sagen, sie sei
Lotosfüßen meines spirituellen Meisters und den autoritativ; denn in fast jeder hat der Verfasser in seinem
Lotosfüßen aller VaiŠavas. Ich erweise meine Kommentar seine persönliche Meinung zum Ausdruck
achtungsvollen Ehrerbietungen den Lotosfüßen Śrīla Rūpa gebracht, ohne dabei dem Geist der Bhagavad-gītā, wie sie
Gosvāmīs und seinem älteren Bruder Sanātana Gosvāmī ist, auch nur annähernd gerecht zu werden.
sowie Raghunātha Dāsa und Raghunātha Bha˜˜a, Gopāla Der wahre Geist der Bhagavad-gītā wird in der Bhagavad-
Bha˜˜a und Śrīla Jīva Gosvāmī. Ich erweise meine gītā selbst deutlich. Dies mag ein Beispiel erläutern: Wenn
achtungsvollen Ehrerbietungen Śrī KŠa Caitanya und Śrī wir ein bestimmtes Medikament einnehmen wollen, müssen
Nityānanda sowie Advaita Ācārya, Gadādhara, Śrīvāsa und wir den Anweisungen folgen, die auf dem Etikett stehen.
anderen Beigesellten. Ich erweise meine achtungsvollen Wir können die Arznei nicht nach unserem Gutdünken oder
Ehrerbietungen Śrīmatī RādhārāŠī und Śrī KŠa sowie nach den Ratschlägen eines Freundes einnehmen, sondern
Ihren vertrauten Gefährtinnen Śrī Latitā und Viśākhā. müssen den Anweisungen auf dem Etikett der Flasche oder
der Verordnung eines Arztes folgen. In ähnlicher Weise
he kŠa karunā-sindho dīna-bandho jagat-pate sollte die Bhagavad-gītā so studiert oder akzeptiert werden,
gopeśa gopikā-kānta rādhā-kānta namo 'stu te wie es ihr Sprecher selbst bestimmt. Der Sprecher der
Bhagavad-gītā ist Śrī KŠa. Er wird auf jeder Seite der
O mein lieber KŠa, Du bist der Freund der Notleidenden Bhagavad-gītā als Bhagavān oder die Höchste
und die Quelle der Schöpfung. Du bist der Herr der gopīs Persönlichkeit Gottes bezeichnet. Natürlich bezieht sich das
und der Geliebte RādhārāŠīs. Ich bringe Dir meine Wort Bhagavān manchmal auf irgendeine mächtige Person
achtungsvollen Ehrerbietungen dar. oder einen beliebigen mächtigen Halbgott; hier bezeichnet
es ohne Zweifel Śrī KŠa als eine große Persönlichkeit,
tapta-kāñcana-gaurā‰gī rādhe vndāvaneśvari doch sollten wir zugleich auch wissen, daß Śrī KŠa die
vabhānu-sute devi praŠamāmi hari-priye Höchste Persönlichkeit Gottes ist, was von allen großen
ācāryas (spirituellen Meistern) wie ŚaŠkarācārya,
Ich erweise meine Achtung RādhārāŠī, deren Körpertönung Rāmānujācārya, Madhvācārya, Nimbārka Svāmī und Śrī
geschmolzenem Golde gleicht und die die Königin von Caitanya Mahāprabhu sowie vielen anderen bestätigt wird.
In Indien gab es viele maßgebliche Gelehrte und ācāryas,
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das heißt Autoritäten des vedischen Wissens, und sie alle, doch zusammenfassend kann man sagen, daß es fünf Arten
sogar ŚaŠkarācārya, haben Śrī KŠa als die Höchste der Beziehung eines Gottgeweihten zur Höchsten
Persönlichkeit Gottes anerkannt. Auch der Herr Selbst hat Persönlichkeit Gottes gibt: (1) Der Geweihte kann eine
Sich in der Bhagavad-gītā als die Höchste Persönlichkeit passive Beziehung haben; (2) er kann eine aktive
Gottes erklärt und wird als solche in der Brahma-saˆhitā Beziehung haben; (3) er kann eine Beziehung als Freund
und allen PurāŠas - besonders im Bhāgavata PurāŠa haben; (4) er kann eine Beziehung als Vater oder Mutter
(kŠa tu bhagavān svayam) - anerkannt. Wir sollten daher haben, und (5) er kann eine Beziehung als vertraute
die Bhagavad-gītā so annehmen, wie es die Persönlichkeit Geliebte haben. Arjuna war ein Gottgeweihter, der zum
Gottes Selbst vorschreibt. Herrn die Beziehung eines Freundes hatte. Der Herr kann
Im Vierten Kapitel der Bhagavad-gītā sagt der Herr: also unser Freund werden, doch besteht zwischen dieser Art
von Freundschaft und der Vorstellung von Freundschaft,
śrī bhagavān uvāca die wir in der materiellen Welt haben, ein gewaltiger
imaˆ vivasvate yogaˆ Unterschied. Wir sprechen hier von transzendentaler
proktavān aham avyayam Freundschaft, und es ist nicht so, daß jeder diese Beziehung
vivasvān manave prāha haben kann. Jeder hat eine bestimmte Beziehung zum
manur ikvākave ‘bravīt Herrn, und diese bestimmte Beziehung wird wiederbelebt,
wenn man im hingebungsvollen Dienst die
evaˆ paramparā-prāptam Vollkommenheit erreicht. In unserem gegenwärtigen
imaˆ rājarayo viduƒ Zustand haben wir nicht nur den Herrn vergessen, sondern
sa kāleneha mahatā auch unsere ewige Beziehung zu Ihm. Jedes einzelne der
yogo na˜aƒ parantapa Millionen und Abermillionen von Lebewesen hat ewig eine
bestimmte Beziehung zum Herrn, die man als svarūpa
sa evāyaˆ mayā te’dya bezeichnet. Durch den Vorgang des hingebungsvollen
yogaƒ proktaƒ purātanaƒ Dienstes kann man diese svarūpa wiederbeleben, und diese
bhakto’si me sakhā ceti Stufe wird svarūpasiddhi oder die Vollkommenheit der
rahasyaˆ hy etad uttamam wesensgemäßen Stellung genannt. Arjuna war also ein
Gottgeweihter und mit dem Höchsten Herrn durch
Der Herr teilt hier Arjuna mit: "Dieses yoga-System, die Freundschaft verbunden.
Bhagavad-gītā, verkündete Ich zunächst dem Sonnengott, Man sollte beachten, in welcher Weise Arjuna die
und der Sonnengott erklärte es Manu. Manu erklärte es Bhagavad-gītā aufnahm. Wie dies geschah, wird im
Ikvāku, und so wurde dieses yoga-System auf dem Weg Zehnten Kapitel, Vers 12-14, beschrieben:
der Schülernachfolge, durch einen Sprecher nach dem
anderen, überliefert, doch ist es jetzt durch den Einfluß der arjuna uvāca
Zeit verlorengegangen. Deshalb verkünde Ich dir erneut das paraˆ brahma paraˆ dhāma
gleiche alte yoga-System der Bhagavad-gītā, denn du bist pavitraˆ paramaˆ bhavān
Mein Geweihter und Mein Freund, und daher ist es dir puruaˆ śāśvataˆ divyam
allein möglich, es zu verstehen." ādi-devam ajaˆ vibhum
Diesen Worten kann man entnehmen, daß die Bhagavad-
gītā eine Abhandlung ist, die vor allem für den Geweihten āhus tvām ayah sarve
des Herrn bestimmt ist. Es gibt drei Arten von devarir nāradas tathā
Transzendentalisten: den jñānī, den - yogī und den bhakta, asito devalo vyāsah
das heißt den Unpersönlichkeitsphilosophen, den svayaˆ caiva bravīi me
Meditierenden und den Gottgeweihten. Der Herr sagt hier
zu Arjuna: "Ich mache dich zum ersten Empfänger einer sarvam etad taˆ manye
neuen paramparā, denn die alte paramparā oder yan māˆ vadasi keśava
Schülernachfolge ist jetzt unterbrochen, und daher möchte na hi te bhagavan vyaktiˆ
Ich eine weitere paramparā im Sinne derjenigen gründen, vidur devā na dānavāƒ
die vom Sonnengott herabgekommen war. Nimm du dieses
Wissen entgegen, und reiche es weiter. Möge das yoga- Nachdem Arjuna die Bhagavad-gītā von der Höchsten
System der Bhagavad-gītā jetzt durch dich weitergegeben Persönlichkeit Gottes vernommen hatte, anerkannte er
werden. Werde du die Autorität im Verstehen der KŠa als paraˆ brahma, als das Höchste Brahman. Jedes
Bhagavad-gītā." Hier wird deutlich, daß die Bhagavad-gītā Lebewesen ist Brahman, doch das höchste Lebewesen, die
Arjuna vor allem deshalb verkündet wurde, weil er ein Höchste Persönlichkeit Gottes, ist das Höchste Brahman.
Geweihter des Herrn war, ein unmittelbarer Schüler KŠas, Paraˆ dhama bedeutet, daß Er der höchste Ruheort allen
und darüber hinaus eine enge Beziehung zu KŠa als Seins ist; pavitram, daß Er rein, ohne eine Spur materieller
Freund hatte. Die Bhagavad-gītā kann daher von jemand Verunreinigung; puruam, daß Er der höchste Genießer;
verstanden werden, der ähnliche Eigenschaften wie Arjuna śāśvatam, daß Er der Uranfang, die erste Person; divyam,
hat, das heißt, er muß ein Gottgeweihter sein und zum daß Er transzendental; ādi-devam, daß Er die Höchste
Herrn eine direkte Beziehung haben. Sobald man ein Persönlichkeit Gottes; ajam, daß Er der Ungeborene, und
Geweihter des Herrn wird, hat man eine unmittelbare vibhum, daß Er der Größte ist.
Beziehung zum Herrn. Dieses Thema ist sehr umfangreich,
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Da KŠa Arjunas Freund war, könnte man denken, Arjuna werden, wenn solche Fragen ihn nicht beschäftigen.
sage dies alles zu Ihm nur aus Freundschaft, doch um die Diejenigen, die zu fragen beginnen, was sie sind, warum sie
Leser der Bhagavad-gītā von Zweifeln dieser Art zu leiden, woher sie gekommen sind und wohin sie nach dem
befreien, erhärtet Arjuna seine Feststellung im nächsten Tode gehen werden, sind daher Schüler, die geeignet sind,
Vers, in welchem er sagt, daß KŠa nicht nur von ihm die Bhagavad-gītā zu verstehen. Der ernsthafte Schüler
selbst als die Höchste Persönlichkeit Gottes anerkannt sollte auch unerschütterliche Ehrfurcht vor der Höchsten
werde, sondern auch von Autoritäten wie Nārada, Asita, Persönlichkeit Gottes haben. Ein solcher Schüler war
Devala und Vyāsa. Sie alle sind große Persönlichkeiten, die Arjuna.
das vedische Wissen verbreiten, das von allen ācāryas Śrī KŠa erscheint insbesondere deshalb, um den
anerkannt wird. Deshalb sagt Arjuna zu KŠa, daß er alles, eigentlichen Sinn des Lebens deutlich zu machen, wenn der
was KŠa sage, als absolut vollkommen anerkenne. Mensch diesen Sinn vergißt. Doch selbst dann gibt es unter
Sarvam etad taˆ manye: „Alles, was Du sagst, akzeptiere vielen erwachenden Menschen vielleicht nur einen, der zu
ich als Wahrheit." Arjuna sagt auch, daß das Wesen des verstehen beginnt, in welcher Lage er sich eigentlich
Herrn sehr schwer zu verstehen sei und daß selbst die befindet, und für ihn wurde die Bhagavad-gītā gesprochen.
großen Halbgötter nicht fähig seien, Ihn zu begreifen. Dies Wir alle werden vom Tiger der Unwissenheit verfolgt, doch
bedeutet, daß der Herr nicht einmal von Persönlichkeiten der Herr ist zu den Lebewesen sehr barmherzig, besonders
erkannt werden kann, die auf einer höheren Ebene stehen zu den Menschen, und deshalb sprach Er die Bhagavad-
als die Menschen. Wie kann also ein Mensch Śrī KŠa gītā und machte Seinen Freund Arjuna zu Seinem Schüler.
verstehen, ohne Sein Geweihter zu werden? Als Gefährte KŠas befand sich Arjuna jenseits aller
Man sollte der Bhagavad-gītā daher in der Haltung eines Unwissenheit. Doch auf dem Schlachtfeld von Kuruketra
Gottgeweihten begegnen. Man darf nicht glauben, man sei wurde Arjuna in Unwissenheit versetzt, um Śrī KŠa
KŠa ebenbürtig oder KŠa sei eine gewöhnliche Fragen über die Probleme des Lebens stellen zu können, so
Persönlichkeit, ja man sollte Ihn nicht einmal nur für eine daß der Herr sie zum Wohl zukünftiger Generationen
außergewöhnliche Persönlichkeit halten. Śrī KŠa ist die erklären und so den Plan des Lebens darlegen konnte. So
Höchste Persönlichkeit Gottes, zumindest theoretisch, hat der Mensch die Möglichkeit, dementsprechend zu
gemäß den Aussagen der Bhagavad-gītā bzw. den Worten handeln und die Mission des menschlichen Lebens
Arjunas, desjenigen, der die Bhagavad-gītā zu verstehen vollkommen zu erfüllen.
sucht. Das Thema der Bhagavad-gītā erfordert die Einbeziehung
Wir sollten daher, zumindest theoretisch, Śrī KŠa als die von fünf grundlegenden Wahrheiten. Zunächst wird die
Höchste Persönlichkeit Gottes anerkennen; in dieser Wissenschaft von Gott und dann die wesensgemäße
hingebungsvollen Haltung können wir dann die Bhagavad- Stellung der Lebewesen oder jīvas erklärt. Es gibt den
gītā verstehen. Solange man die Bhagavad-gītā nicht in īśvara (Herrscher) und die jīvas (Lebewesen), die
einer hingebungsvollen Haltung liest, ist es sehr schwierig, beherrscht werden. Wenn ein Lebewesen behauptet, es
die Bhagavad-gītā zu verstehen, denn sie ist ein großes werde nicht beherrscht, sondern sei frei, ist es von Sinnen.
Geheimnis. Das Lebewesen wird in jeder Hinsicht beherrscht,
Was ist die Bhagavad-gītā nun eigentlich? Es ist das Ziel zumindest in seinem bedingten Leben. Die Bhagavad-gītā
der Bhagavad-gītā, die Menschheit aus der Unwissenheit handelt also hauptsächlich von īśvara, dem Höchsten
des materiellen Daseins zu befreien. Jeder von uns hat mit Herrscher, und von den jīvas, den beherrschten Lebewesen.
so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, ebenso wie Arjuna, Prakti (die materielle Natur), kāla (die Zeit, das heißt die
der in einer schwierigen Lage war, als er in der Schlacht Dauer der Existenz des gesamten Universums bzw. der
von Kuruketra kämpfen sollte. Arjuna ergab sich Śrī Manifestation der materiellen Natur) und karma (Tätigkeit)
KŠa, und da sprach der Herr die Bhagavad-gītā. Nicht werden ebenfalls erörtert. In der kosmischen Manifestation
nur Arjuna, sondern jeder von uns ist aufgrund dieses finden vielerlei Tätigkeiten statt. Alle Lebewesen gehen
materiellen Daseins voller Ängste. Wir leben unsere jetzige verschiedenen Tätigkeiten nach. Von der Bhagavad-gītā
Existenz im Wirkungsbereich der Nichtexistenz; doch müssen wir lernen, was īśvara (Gott) ist, was die jīvas
eigentlich sollten wir uns nicht von Nichtexistenz bedrohen (Lebewesen) sind, was prakti (die kosmische
lassen. Unsere Existenz ist ewig. Auf irgendeine Weise Manifestation) ist, wie sie durch die Zeit beherrscht wird
aber sind wir in asat geraten. Asat bedeutet "das, was nicht und welcher Art die Tätigkeiten der Lebewesen sind.
existiert". Aus diesen fünf Hauptthemen der Bhagavad-gītā wird
Unter den vielen Menschen, die leiden, gibt es einige, die ersichtlich, daß der Höchste Gott, das heißt KŠa oder
tatsächlich durch Fragen ihre Stellung erhellen wollen und Brahman oder Paramātmā oder der Höchste Herrscher - wie
sich daher fragen, was sie sind, warum sie sich in diesem immer man Ihn auch nennen mag -, der Größte von allen
schrecklichen Zustand des Leidens befinden, und so fort. ist. Qualitativ gleichen die Lebewesen dem Höchsten
Solange man nicht aufwacht und sich fragt, warum man Herrscher. Der Höchste Herrscher, der Herr, hat zum
leiden muß, das heißt, solange man nicht erkennt, daß man Beispiel die universalen Geschehnisse, das heißt die
eigentlich nicht leiden will und bisher vergeblich versucht materielle Natur, unter Seiner Herrschaft. Wie in späteren
hat, eine Lösung für alle Leiden zu finden, kann man nicht Kapiteln der Bhagavad-gītā erklärt wird, ist die materielle
als vollkommener Mensch gelten. Menschsein beginnt, Natur nicht unabhängig, sondern handelt nach den
wenn diese Fragen im Geist erwachen. Im Brahma-sūtra Anweisungen des Höchsten Herrn. Śrī KŠa sagt daher:
werden Fragen dieser Art als brahma-jijñāsā bezeichnet. mayādhyakeŠa praktiƒ sūyate sa-carā-caram. "Prakti
Jede Tätigkeit des Menschen muß als Fehlschlag betrachtet arbeitet unter Meiner Führung (mayādhyakeŠa)." Wenn
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wir sehen, daß in der kosmischen Natur wunderbare Dinge Intelligenz schwer gearbeitet und daher ein hohes
geschehen, sollten wir wissen, daß hinter dieser Bankkonto angehäuft habe. Dann kann ich genießen. Wenn
wunderbaren Manifestation ein Lenker steht. Nichts kann ich dagegen mein ganzes Geld bei Geschäften verloren
sich manifestieren, ohne gelenkt zu werden. Es ist kindisch, habe, bin ich der Leidtragende. In ähnlicher Weise
den Lenker nicht in Betracht zu ziehen. Ein Kind zum genießen oder erleiden wir bei allen unseren Handlungen
Beispiel mag denken, ein Auto sei etwas Wunderbares, weil die Ergebnisse unseres Tuns. Das nennt man karma.
es fahren kann, ohne von einem Pferd oder einem anderen Īśvara (der Höchste Herr), jīva (das Lebewesen), prakti
Tier gezogen zu werden, doch ein vernünftiger, (die materielle Natur), kāla (die ewige Zeit) und karma
erwachsener Mensch weiß, wie das Auto angetrieben wird (Tätigkeit) werden alle in der Bhagavad-gītā erklärt. Von
und daß sich hinter dieser Maschinerie ein Mensch, ein diesen fünf sind der Herr, die Lebewesen, die materielle
Fahrer, befindet. In ähnlicher Weise ist auch der Höchste Natur und die Zeit ewig. Die Manifestation der prakti mag
Herr der Lenker (ayaka), die Höchste Persönlichkeit, nach zeitweilig sein, doch ist sie nicht falsch. Einige Philosophen
dessen Anweisungen alles geschieht. Wie wir in späteren behaupten, die Manifestation der materiellen Natur sei
Kapiteln der Bhagavad-gītā sehen werden, werden die jīvas falsch, doch nach der Philosophie der Bhagavad-gītā, der
oder Lebewesen vom Herrn als Seine Bestandteile Philosophie der VaiŠavas, ist dies nicht der Fall. Die
angesehen. Mamaivaˆśo jīva-loke (15.7). Aˆśa bedeutet Manifestation der Welt wird nicht als falsch angesehen; sie
Bestandteile. Ein Körnchen Gold ist ebenfalls Gold, und ein wird als wirklich, wenn auch zeitweilig, anerkannt. Sie
Tropfen Wasser aus dem Ozean ist ebenfalls salzig, und wird mit einer Wolke verglichen, die am Himmel
dementsprechend haben auch wir, die Lebewesen, als vorüberzieht, oder mit dem Eintreten der Regenzeit, die das
Bestandteile des Höchsten Lenkers (īśvaras, Bhagavāns Getreide nährt. Sobald die Regenzeit vorüber ist und die
oder Śrī KŠas) alle Eigenschaften des Höchsten Herrn in Wolke verschwindet, vertrocknen die Ähren, die vom
winzigem Ausmaß, da wir winzige īśvaras oder Regen genährt wurden. In ähnlicher Weise entsteht auch
untergeordnete īśvaras sind. Wir versuchen, die Natur zu die materielle Manifestation in gewissen Zeitabständen,
beherrschen, ebenso wie wir in neuester Zeit versuchen, besteht für eine Weile und verschwindet dann wieder.
auch den Weltraum zu beherrschen und Bhūtvā bhūtvā pralīyate (Bg. 8.19). So arbeitet prakti,
"Imitationsplaneten" im All schweben zu lassen. Diese doch findet dieser Kreislauf ewig statt, und deshalb ist
Neigung zu beherrschen oder etwas zu schaffen ist in uns, prakti ewig sie ist nicht falsch. Der Herr bezieht Sich auf
weil sie in KŠa vorhanden ist. Wir neigen dazu, zu "Meine prakti". Die materielle Natur ist die abgesonderte
beherrschen und uns die materielle Natur untertan zu Energie des Höchsten Herrn, und auch die Lebewesen sind
machen, doch sollten wir wissen, daß wir keineswegs der eine Energie des Höchsten, doch sind sie nicht von Ihm
Höchste Herrscher sind. Dies wird in der Bhagavad-gītā getrennt - sie sind ewig mit Ihm verbunden. Der Herr, das
erklärt. Lebewesen, die materielle Natur und die Zeit sind also alle
Was ist die materielle Natur? Sie wird in der Bhagavad-gītā ewig, karma hingegen ist nicht ewig. Die Auswirkungen
als niedere prakti oder niedere Natur beschrieben. Das des karma können in der Tat sehr alt sein. Wir erleiden
Lebewesen wird als die höhere prakti erklärt. Prakti, ob oder genießen die Ergebnisse von Handlungen aus längst
von niederer oder höherer Natur, wird immer gelenkt. vergangener Zeit, doch können wir die Ergebnisse unseres
Prakti bedeutet weiblich. Sie wird vom Herrn gelenkt, karma oder unseres Tuns verändern, und diese
ebenso wie das Tun der Frau vom Ehemann beaufsichtigt Veränderung hängt von der Vollkommenheit unseres
wird. Prakti ist immer untergeordnet, das heißt, sie wird Wissens ab. Ohne Zweifel gehen wir allerlei Tätigkeiten
vom Herrn, dem Lenker, beherrscht. Die Lebewesen und nach, doch wissen wir nicht, wie wir handeln sollen, um
die materielle Natur werden also beide vom Höchsten uns von den Aktionen und Reaktionen auf all diese
Herrn beherrscht und gelenkt. Der Bhagavad-gītā gemäß Tätigkeiten zu befreien. Auch das wird in der Bhagavad-
müssen die Lebewesen, obgleich sie Bestandteile des gītā erklärt.
Höchsten Herrn sind, ebenfalls als prakti betrachtet Īśvara ist das höchste Bewußtsein. Da die jīvas oder
werden. Dies wird im fünften Vers des Siebten Kapitels der Lebewesen winzige Bestandteile des Höchsten Herrn sind,
Bhagavad-gītā deutlich erwähnt: apareyam itas tv anyām. haben auch sie ein Bewußtsein. Sowohl das Lebewesen als
"Diese prakti ist Meine niedere Natur." Und weiter: auch die materielle Natur werden als prakti, als die
praktiˆ viddhi me parām jīva-bhūtāˆ mahā-bāho Energie des Höchsten Herrn, bezeichnet, aber von diesen
yayedaˆ dhāryate jagat. "Und darüber hinaus gibt es noch beiden hat nur der jīva Bewußtsein. Die andere prakti
eine andere prakti - jīva-bhūtām - das Lebewesen." hingegen hat kein Bewußtsein - das ist der Unterschied.
Prakti besteht aus drei Eigenschaften oder Deshalb bezeichnet man die jīva-prakti auch als
Erscheinungsweisen: der Erscheinungsweise der Tugend, übergeordnet, denn der jīva hat ein Bewußtsein, das dem
der Erscheinungsweise der Leidenschaft und der des Herrn ähnelt. Das Bewußtsein des Herrn jedoch ist das
Erscheinungsweise der Unwissenheit. Über diesen höchste, und daher sollte man niemals behaupten, der jīva,
Erscheinungsweisen steht die ewige Zeit, und durch eine das Lebewesen, sei ebenfalls allbewußt. Das Lebewesen
Verbindung dieser Erscheinungsweisen der Natur und unter kann auf keiner noch so vollkommenen Stufe allbewußt
der Lenkung und Aufsicht der ewigen Zeit kommt es zu sein, und die Theorie, die besagt, das Lebewesen könne
Tätigkeiten, die man als karma bezeichnet. Diese diese Stufe erreichen, ist eine irreführende Theorie. Das
Tätigkeiten werden schon seit undenklicher Zeit ausgeführt, Lebewesen mag ein Bewußtsein haben, aber nicht das
und wir erleiden oder genießen die Fruchte unseres Tuns. höchste Bewußtsein.
Angenommen, daß ich ein Geschäftsmann bin und mit
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Der Unterschied zwischen dem jīva und dem īśvara wird uns glücklich machen. Wir können nicht aufhören, tätig zu
im Dreizehnten Kapitel der Bhagavad-gītā erklärt werden. sein. Vielmehr müssen unsere Tätigkeiten geläutert werden,
Sowohl der Herr als auch das Lebewesen sind ketra-jñaƒ, und solche geläuterten Tätigkeiten bezeichnet man als
das heißt, sie haben ein Bewußtsein; doch das Lebewesen bhakti. Tätigkeiten in bhakti erscheinen wie gewöhnliche
ist sich nur seines jeweiligen Körpers bewußt, während Tätigkeiten, doch sind sie nicht verunreinigt; es sind
Sich der Herr aller Körper bewußt ist: īśvaraƒ sarva- gereinigte Tätigkeiten. Einem unwissenden Menschen mag
bhūtānāˆ hd-deśe’rjuna ti˜hati. Weil Er im Herzen jedes es so vorkommen, als handle und arbeite ein Gottgeweihter
Lebewesens weilt, ist Er Sich der psychischen Vorgänge wie ein gewöhnlicher Mensch, doch solch ein Mensch mit
oder Tätigkeiten jedes einzelnen jīva bewußt. Wir sollten geringem Wissen weiß nicht, daß die Tätigkeiten des
dies nicht vergessen. Es wird auch erklärt, daß der Gottgeweihten oder des Herrn nicht durch unreines,
Paramātmā, die Höchste Persönlichkeit Gottes, im Herzen materielles Bewußtsein befleckt sind, sondern in
eines jeden als īśvara oder Lenker weilt und das Lebewesen transzendentalem Bewußtsein, jenseits der drei
anleitet, seinen Wünschen gemäß zu handeln. Sarvasya Erscheinungsweisen der materiellen Natur, verrichtet
cāhaˆ hdi sannivi˜ho. Das Lebewesen vergißt, was es tun werden. Wir sollten jedoch wissen, daß unser Bewußtsein
wollte. Zunächst entschließt es sich, auf eine bestimmte Art im augenblicklichen Zustand materiell verunreinigt ist.
und Weise zu handeln, und dann wird es in die Aktionen Wenn wir auf diese Weise materiell verunreinigt sind,
und Reaktionen seines eigenen karma verstrickt. Nachdem werden wir als bedingt bezeichnet, und falsches Ego oder
es eine Art von Körper aufgegeben hat, geht es in eine falsches Bewußtsein entsteht, wenn man glaubt, ein
andere Art von Körper ein, ähnlich wie wir ein bestimmtes Produkt der materiellen Natur zu sein. Dies nennt man
Kleidungsstück gegen ein anderes tauschen. In der falsches Ego. Wer in die körperliche Lebensauffassung
Bhagavad-gītā (2.22) finden wir eine ähnliche Erklärung: versunken ist, kann seine Situation nicht verstehen. Die
vāsāˆsi jīrŠāni yathā vihāya. Ähnlich, wie man seine Bhagavad-gītā wurde gesprochen, um die Menschen von
verschiedenen Kleidungsstücke wechselt, so wechseln die der körperlichen Lebensauffassung zu befreien, und so
Lebewesen verschiedene Körper - das nennt man übernahm Arjuna die Rolle des Schülers, um diese
Seelenwanderung - und nehmen die Aktionen und Unterweisungen vom Herrn empfangen zu können. Man
Reaktionen ihrer vergangenen Handlungen mit sich. Diese muß von der körperlichen Lebensauffassung frei werden,
Handlungen können geändert werden, wenn sich das das ist der erste Schritt des Transzendentalisten, der frei
Lebewesen in der Erscheinungsweise der Tugend befindet, werden will. Jemand, der befreit werden möchte, muß als
das heißt, wenn sein Geist geklärt ist und es versteht, in erstes lernen, daß er selbst nicht mit dem materiellen
welcher Weise es tätig sein sollte. Wenn dies geschieht, Körper identisch ist. Wenn wir von materiellem
können alle Aktionen und Reaktionen auf seine Bewußtsein frei sind, bezeichnet man dies als mukti oder
vergangenen Handlungen umgewandelt werden. Karma ist Befreiung. Auch im Śrīmad-Bhāgavatam wird die
also nicht ewig. Deshalb stellten wir zuvor fest, daß īśvara, Definition von Befreiung gegeben: mukti hitvā anyathā
jīva, prakti und kāla ewig sind, wohingegen karma nicht rūpam-svarūpena avastathiƒ. Mukti bedeutet, vom
ewig ist. verunreinigten Bewußtsein der materiellen Welt befreit und
Der allbewußte īśvara ähnelt dem Lebewesen insofern, als im reinen Bewußtsein verankert zu werden. Alle
sowohl das Bewußtsein des Herrn wie auch das des Unterweisungen der Bhagavad-gītā sollen dieses reine
Lebewesens transzendental sind. Bewußtsein wird nicht Bewußtsein erwecken, und daher fragt KŠa am Ende
durch eine Verbindung materieller Elemente erzeugt - diese Seiner Unterweisungen, ob Arjunas Bewußtsein nun
Vorstellung ist falsch. Die Theorie, daß sich Bewußtsein geläutert sei. Geläutertes Bewußtsein bedeutet, in
unter bestimmten Umständen aus materiellen Übereinstimmung mit den Anweisungen des Höchsten
Verbindungen entwickelt, wird in der Bhagavad-gītā nicht Herrn zu handeln. Das ist die vollständige Bedeutung
anerkannt. Bewußtsein mag durch die Bedeckung geläuterten Bewußtseins. Da wir Bestandteile des Herrn
materieller Umstände verzerrt widergespiegelt werden, sind, haben auch wir Bewußtsein; doch wir neigen dazu,
ebenso wie Licht, das sich in farbigem Glas bricht, die von den niederen Erscheinungsweisen beeinflußt zu
Farbe des Glases zu haben scheint, aber das Bewußtsein des werden. Der Herr jedoch wird, weil Er der Höchste ist,
Herrn wird nicht von Materie beeinflußt. Śrī KŠa sagt: niemals beeinflußt. Das ist der Unterschied zwischen dem
mayādhyakeŠa praktiƒ. "Die materielle Natur arbeitet Höchsten Herrn und den bedingten Seelen.
unter Meiner Führung." Wenn der Herr in das materielle Was versteht man nun unter Bewußtsein? Bewußtsein
Universum hinabsteigt, wird Sein Bewußtsein von der bedeutet, daß man denkt: "Ich bin." Und was bin ich? Im
Materie nicht beeinflußt. Würde Sein Bewußtsein unreinen Bewußtsein bedeutet "ich bin": "Ich bin der Herr
beeinflußt werden, wäre Er unfähig, über transzendentale über alles, was ich überblicken kann; ich bin der Genießer."
Themen zu sprechen, wie Er es in der Bhagavad-gītā tut. Die Welt dreht sich, weil jedes Lebewesen sich selbst für
Man kann nichts über die transzendentale Welt sagen, ohne den Herrn und Schöpfer der materiellen Welt hält.
von materiell verunreinigtem Bewußtsein völlig frei zu Materielles Bewußtsein basiert auf zwei Vorstellungen. Die
sein. Der Herr war also nicht von der Materie verunreinigt. eine lautet: "Ich bin der Schöpfer" und die andere: "Ich bin
Unser Bewußtsein dagegen ist gegenwärtig materiell der Genießer." In Wirklichkeit aber ist der Höchste Herr
verunreinigt. Die Bhagavad-gītā lehrt, daß wir dieses sowohl der Schöpfer als auch der Genießer, und als
materiell bedeckte Bewußtsein reinigen müssen. Wenn Bestandteil des Höchsten Herrn ist das Lebewesen weder
unser Bewußtsein geläutert ist, werden unsere Handlungen Schöpfer noch Genießer, sondern jemand, der mit dem
mit dem Willen īśvaras in Einklang stehen, und das wird Herrn zusammenarbeitet. Zum Beispiel arbeitet ein
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Maschinenteil mit der ganzen Maschine zusammen, und ein werden wir sehen, daß die Höchste Persönlichkeit,
Körperteil arbeitet mit dem gesamten Körper zusammen. Puruottama, über der unpersönlichen Brahman-Erkenntnis
Die Hände, Füße, Augen, Beine usw. sind alles Teile des und der Erkenntnis des Paramātmā steht.
Körpers, doch sind sie nicht wirklich die Genießer - der Die Höchste Persönlichkeit Gottes wird als sac-cid-ānanda-
Genießer ist der Magen. Die Beine bewegen sich; die vigraha bezeichnet. Die Brahma-saˆhitā (5.1) beginnt mit
Hände sammeln Nahrung und bereiten diese zu; die Zähne dem folgenden Vers:
kauen, und so sind alle Teile des Körpers damit beschäftigt,
den Magen zufriedenzustellen, da der Magen der īśvarah paramaƒ kŠaƒ sac-cid-ānanda-vigrahaƒ
Hauptfaktor in der Organisation des Körpers ist. Deshalb anādir ādir govindaƒ sarva-kāraŠa-kāraŠam
sollte alles dem Magen gegeben werden: prāŠopahārāc ca
yathendriyāŠām (SB. 4.31.14). Man nährt den Baum, indem "Govinda, KŠa, ist die Ursache aller Ursachen. Er ist der
man die Wurzel bewässert, und man kann sich gesund Urerste Herr, und Er ist die reine Gestalt ewigen Seins,
erhalten, das heißt, die Teile des Körpers - die Hände, ewigen Wissens und ewiger Glückseligkeit."
Beine, Augen, Ohren, Finger usw. - bleiben gesund, wenn Der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, ist also sac-
sie mit dem Magen zusammenarbeiten. In ähnlicher Weise cid-ānanda-vigraha. Die unpersönliche Brahman-
ist das Höchste Lebewesen, der Herr, der Genießer und Erkenntnis ist die Erkenntnis Seines sat- (Ewigkeits-)
Schöpfer, und wir, die untergeordneten Lebewesen, die Aspektes. Paramātmā-Erkenntnis ist die Erkenntnis des
Produkte der Energie des Höchsten Herrn, sind dafür sac-cit- (Ewigkeits- und Wissens-) Aspektes. Doch die
bestimmt, mit Ihm zusammenzuarbeiten. Diese Erkenntnis der Persönlichkeit Gottes als KŠa ist die
Zusammenarbeit wird uns helfen. Wenn zum Beispiel die Erkenntnis aller transzendentalen Aspekte: sat, cit und
Finger etwas Schönes zum Essen nehmen und denken: ānanda (ewiges Sein, Wissen und Glückseligkeit) in
"Warum sollen wir das dem Magen geben? Laßt uns selbst vollkommener vigraha (Gestalt).
genießen!", so ist dies ein Fehler. Die Finger sind nicht Avyaktaˆ vyaktim āpannaˆ manyante mām abuddhayaƒ
imstande zu genießen. Wenn die Finger aus einer (Bg. 7.24): Weniger intelligente Menschen glauben, die
bestimmten Speise Genuß ziehen wollen, müssen sie diese Höchste Wahrheit sei unpersönlich, doch ist Sie eine
dem Magen zuführen. In ähnlicher Weise ist alles so transzendentale Person, und alle vedischen Schriften
angeordnet, daß der Höchste Herr der Mittelpunkt der bestätigen dies, Nityo nityānām cetanaś cetanānām (Kat. U.
Schöpfung und des Genusses ist und daß die Lebewesen 2.2.13). Ebenso, wie auch wir alle Personen, individuelle
einfach mit Ihm zusammenarbeiten sollen. Durch Lebewesen, sind und unsere Individualität haben, so ist
Zusammenarbeit genießen sie. Die Beziehung gleicht der auch die Höchste Absolute Wahrheit letztlich eine Person,
des Dieners zum Meister. Wenn der Meister völlig und die Erkenntnis der Persönlichkeit Gottes bedeutet die
zufrieden ist, dann ist der Diener von selbst zufrieden. In Erkenntnis aller transzendentalen Aspekte, nämlich sat, cit
ähnlicher Weise sollte der Höchste Herr zufriedengestellt und ānanda, in vollkommener vigraha. Vigraha bedeutet
werden - auch wenn die Lebewesen die Neigung haben, Form; also ist das vollkommene Ganze nicht formlos. Wäre
selbst Schöpfer zu werden und die materielle Welt zu der Höchste formlos oder hätte Er irgend etwas anderes
genießen. Diese Neigungen sind in den Lebewesen, weil nicht, könnte Er nicht das vollkommene Ganze sein. Das
auch der Höchste Herr, der die manifestierte kosmische vollkommene Ganze muß alles beinhalten, was innerhalb
Welt erschaffen hat, diese Neigungen besitzt. und außerhalb unserer Erfahrung liegt, denn sonst wäre der
Wir werden daher sehen, daß in der Bhagavad-gītā das Herr nicht vollkommen. Das vollkommene Ganze, die
vollkommene Ganze, das sich aus dem Höchsten Herrscher, Persönlichkeit Gottes, besitzt unermeßliche Kräfte: parāsya
den beherrschten Lebewesen, der kosmischen śaktir vividhaiva śrūyate (Svet. U. 6.8).
Manifestation, der ewigen Zeit und Tätigkeit Auch das wird in der Bhagavad-gītā erklärt, wie nämlich
zusammensetzt, umfassend erklärt wird. All diese Dinge KŠa durch verschiedene Energien wirkt. Diese
zusammengenommen nennt man die Absolute Wahrheit. Erscheinungswelt oder materielle Welt, in die wir gesetzt
Das vollkommene Ganze oder die vollkommene Absolute worden sind, ist ebenso in sich selbst vollkommen. Die
Wahrheit ist daher die vollkommene Persönlichkeit Gottes, vierundzwanzig Elemente, aus denen, der sā‰khya-
Śrī KŠa. Wie erklärt wurde, haben alle Manifestationen Philosophie zufolge, das materielle Universum
ihren Ursprung in Seinen verschiedenen Energien. Er ist vorübergehend manifestiert ist, sind völlig darauf
das vollkommene Ganze. abgestimmt, vollkommene Nachschubquellen
In der Gītā wird ebenfalls erklärt, daß das unpersönliche hervorzubringen, die zur Erhaltung und Versorgung des
Brahman der vollkommenen Person untergeordnet ist. Universums notwendig sind. Keine zusätzliche Bemühung
BrahmaŠo hi prati˜hāham (Bg. 14.27). Das unpersönliche seitens irgendeiner anderen Einheit ist erforderlich, um das
Brahman wird im Brahma-sūtra deutlicher durch den Universum zu erhalten. Es hat seine eigene Zeit, die durch
Vergleich mit den Strahlen der Sonne erklärt. Das die Energie des vollkommenen Ganzen festgesetzt ist, und
unpersönliche Brahman ist die leuchtende Ausstrahlung des wenn diese Zeit abgelaufen ist, werden die zeitweiligen
Höchsten Brahman oder der Höchsten Persönlichkeit Manifestationen durch die vollkommene Einrichtung des
Gottes. Die Erkenntnis des unpersönlichen Brahman und Vollkommenen aufgelöst. Den winzigen vollkommenen
auch die Erkenntnis des Paramātmā sind daher nur Einheiten, nämlich den Lebewesen, sind vollkommene
unvollkommene Erkenntnisse des absoluten vollkommenen Möglichkeiten gegeben, den Vollkommenen zu erkennen,
Ganzen. Auch diese Dinge werden erklärt: puruottama- und alle Arten von Unvollkommenheit werden nur
yoga. Beim Lesen des Kapitels über puruottama-yoga erfahren, weil das Wissen über den Vollkommenen
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unvollkommen ist. Die Bhagavad-gītā beinhaltet das Brahmā gab dieses Wissen an seine Söhne und Schüler so
vollkommene Wissen der vedischen Weisheit. weiter, wie er es ursprünglich vom Herrn empfangen hatte.
Das vedische Wissen ist unfehlbar, und Hindus anerkennen Der Herr ist pūrŠam, in jeder Beziehung vollkommen, und
vedisches Wissen als vollkommen und unfehlbar. Zum daher besteht keine Möglichkeit, daß Er unter den Einfluß
Beispiel ist Kuhdung der Kot eines Tieres, und nach der der Gesetze der materiellen Natur gerät. Man soll daher
smti oder nach vedischer Regel, muß man, wenn man den intelligent genug sein zu verstehen, daß außer dem Herrn
Kot eines Tieres berührt, ein Bad nehmen, um sich zu niemand der Besitzer irgendwelcher Dinge im Universum
reinigen. In den vedischen Schriften heißt es aber, Kuhdung ist, und dies wird in der Bhagavad-gītā (10.8) erklärt:
sei rein; vielmehr werde ein unreiner Ort oder ein unreiner
Gegenstand durch die Berührung mit Kuhdung gereinigt. ahaˆ sarvasya prabhavo
Wenn nun jemand einwendet, wie es zu verstehen sei, daß mattaƒ sarvaˆ pravartate
es an einer Stelle heißt, der Kot eines Tieres sei unrein, und iti matvā bhajante māˆ
an einer anderen Stelle, Kuhdung, der auch der Kot eines budhā bhāva-samanvitāƒ
Tieres ist, sei rein, und daß dies ein Widerspruch sei, so
kann man nur sagen, daß es zwar widersprüchlich Der Herr ist der ursprüngliche Schöpfer, der Schöpfer
erscheinen mag, daß wir es aber, weil es eine vedische Brahmās. Im Elften Kapitel wird der Herr als prapitāmaha
Feststellung ist, aus praktischen Gründen als wahr bezeichnet, da Brahmā als pitāmaha oder Großvater
anerkennen und damit keinen Fehler machen. Ein moderner angesprochen wird, der Herr aber auch der Schöpfer des
Chemiker namens Dr. Lal Mohan Goshan hat Kuhdung Großvaters ist. Niemand soll also behaupten, irgend etwas
einer genauen Analyse unterzogen und festgestellt, daß zu besitzen; man soll nur Dinge annehmen, die einem zur
dieser alle antiseptischen Eigenschaften besitzt. In Erhaltung des Körpers vom Herrn als Anteil beiseite gelegt
ähnlicher Weise hat er auch das Wasser der Ga‰gā sind.
analysiert. Das vedische Wissen ist also vollkommen, denn Es gibt viele Beispiele, wie wir die Dinge verwenden
es ist über alle Zweifel und Fehler erhaben, und die sollen, die für uns vom Herrn beiseite gelegt sind. Auch das
Bhagavad-gītā ist die Essenz allen vedischen Wissens. wird in der Bhagavad-gītā erklärt: Zu Beginn beschloß
Vedisches Wissen hat daher nichts mit Forschung zu tun. Arjuna, nicht zu kämpfen. Diese Entscheidung entsprang
Unsere Forschungsarbeit ist unvollkommen, weil wir die seiner eigenen Überlegung. Arjuna sagte zum Herrn, er
Dinge nur mit unseren unvollkommenen Sinnen könne sich des Königreichs nicht erfreuen, nachdem er
untersuchen. Folglich ist das Ergebnis unserer seine eigenen Verwandten getötet hätte. Diese
Forschungsarbeit ebenfalls unvollkommen. Es kann nicht Betrachtungsweise beruhte auf der körperlichen
vollkommen sein. Wir müssen vollkommenes Wissen Lebensauffassung, denn er dachte, sein Körper sei er selbst
annehmen, das so zu uns herabkommt, wie es in der und seine körperlichen Beziehungen und Erweiterungen
Bhagavad-gītā (4.2) erklärt wird: evaˆ paramparā- seien seine Brüder, Neffen, Schwäger, Großväter usw. Er
prāptam imaˆ rājarayo viduƒ. Wir müssen Wissen von dachte so, um seine körperlichen Bedürfnisse zu
der richtigen Quelle, einer Schülernachfolge von befriedigen. Der Herr verkündete die Bhagavad-gītā, um
spirituellen Meistern, empfangen, die mit dem Herrn Selbst diese Auffassung zu ändern, und am Ende der
beginnt. Die Bhagavad-gītā wurde vom Herrn persönlich Unterweisungen beschloß Arjuna, unter der Führung des
gesprochen, und Arjuna, der Schüler, der die Lehren der Herrn zu kämpfen, als er sagte: kariye vacanaˆ tava. "Ich
Bhagavad-gītā empfing, nahm alles so an, wie es ist, ohne werde ganz nach Deinen Worten handeln." (Bg. 18.73)
etwas auszuklammern. Das ist nämlich ebenfalls nicht In dieser Welt ist es dem Menschen nicht bestimmt, sich
gestattet: einen Teil der Bhagavad-gītā anzunehmen und wie die Hunde und Katzen abzuquälen. Er muß intelligent
einen anderen abzulehnen. Wir müssen die Bhagavad-gītā genug sein, die Bedeutsamkeit des menschlichen Lebens zu
annehmen, ohne zu interpretieren, ohne etwas erkennen, und sich weigern, wie ein gewöhnliches Tier zu
auszuklammern und ohne uns nur launenhaft mit der Sache handeln. Ein Mensch sollte das Ziel seines Lebens
zu befassen. Die Gītā sollte als das vollkommenste erkennen. Diese Anweisung wird in allen vedischen
vedische Wissen angesehen werden. Das vedische Wissen Schriften gegeben, und die Essenz finden wir in der
wird aus transzendentalen Quellen empfangen, da die Bhagavad-gītā. Die vedische Literatur ist für Menschen,
ersten Worte vom Herrn Selbst gesprochen wurden. Vom nicht für Hunde und Katzen, bestimmt. Hunde und Katzen
Herrn gesprochene Worte nennt man apaurueya oder dürfen andere Tiere töten, um sich zu erhalten, und
"nicht von einer Person der irdischen Welt geäußert", die sündigen dabei nicht, doch wenn ein Mensch ein Tier zur
mit vier Unvollkommenheiten behaftet ist. Ein Lebewesen Befriedigung seines unbeherrschten Gaumens tötet, bricht
der materiellen Welt hat vier Mängel: (1) Es begeht mit er die Gesetze der Natur und muß sich dafür verantworten.
Sicherheit Fehler; (2) es hat unvermeidlich falsche In der Bhagavad-gītā wird erklärt, daß es in Entsprechung
Vorstellungen; (3) es hat die Neigung, andere zu betrügen, zu den verschiedenen Erscheinungsweisen der materiellen
und (4) es ist durch unvollkommene Sinne beschränkt. Mit Natur drei Arten von Tätigkeiten gibt: Tätigkeiten in
diesen vier Unvollkommenheiten kann man keine Tugend, in Leidenschaft und in Unwissenheit. In ähnlicher
vollkommene Auskunft über alldurchdringendes Wissen Weise gibt es auch drei Arten von Nahrungsmitteln:
geben. Nahrungsmittel in Tugend, in Leidenschaft und in
Vedisches Wissen wird nicht von solchen unvollkommenen Unwissenheit. All dies wird eingehend erklärt, und wenn
Lebewesen überliefert. Es wurde Brahmā, dem wir die Unterweisungen der Bhagavad-gītā richtig nutzen,
ersterschaffenen Lebewesen, durch das Herz offenbart, und wird unser ganzes Leben geläutert werden, und schließlich
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werden wir imstande sein, den höchsten Bestimmungsort zu Autorität Śrī Rāmanujācāryas davon ausgehen, daß es
erreichen: yad gatvā na nivartante tad dhāma paramaˆ weder Anfang noch Ende hat.
mama (Bg. 15.6). Aus der Bhagavad-gītā erfahren wir, daß Das Wort Religion und der Begriff sanātana-dharma
es jenseits des materiellen Himmels noch einen anderen, unterscheiden sich ein wenig voneinander. Religion
spirituellen Himmel gibt, der als sanātana-Himmel bekannt vermittelt die Idee des Glaubens, und Glauben mag sich
ist. Wir sehen, daß in unserem materiellen Himmel alles ändern. Ein Mensch mag sich zu einem bestimmten
vergänglich ist. Etwas tritt ins Dasein, bleibt eine Zeitlang Glauben bekennen, und er mag diesen Glauben wechseln
bestehen, erzeugt einige Nebenprodukte, zerfällt und und einen anderen Glauben annehmen, doch sanātana-
vergeht schließlich. Das ist das Gesetz der materiellen dharma bezieht sich auf die Tätigkeit, die niemals
Welt, ob wir als Beispiel unseren Körper, eine Frucht oder gewechselt werden kann. Man kann zum Beispiel nicht die
irgend etwas anderes hier Geschaffenes nehmen. Doch Flüssigkeit vom Wasser oder die Wärme vom Feuer
jenseits dieser zeitweiligen Welt gibt es noch eine andere trennen. In ähnlicher Weise kann auch die ewige Funktion
Welt, von der wir Berichte und Beschreibungen haben: des ewigen Lebewesens nicht vom Lebewesen getrennt
paras tasmāt tu bhāvo ’nyo (Bg. 8.20). Es gibt noch eine werden. Sanātana-dharma ist ewig mit dem Lebewesen
andere Natur, die sanātana (ewig) ist, und der jīva wird verbunden. Wenn wir von sanātana-dharma sprechen,
ebenfalls als sanātana beschrieben: mamaivāˆśo jīva-loke müssen wir daher auf der Grundlage der Autorität Śrī
jīva-bhūtaƒ sanātanaƒ (Bg. 15.7). Sanātanaƒ bedeutet Rāmanujācāryas anerkennen, daß sanātana-dharma weder
ewig, und auch der Herr wird im Elften Kapitel als Anfang noch Ende hat. Das, was weder Ende noch Anfang
sanātanaƒ beschrieben. Weil wir eine vertraute Beziehung hat, kann auf keinen Fall sektiererisch sein oder durch
zum Herrn haben und da wir alle qualitativ eins sind - das irgendwelche Begrenzungen eingeschränkt werden.
sanātana-dhāma oder ewige Reich, die sanātana-Höchste- Dennoch werden diejenigen, die einem sektiererischen
Persönlichkeit und die sanātana-Lebewesen -, besteht der Glauben angehören, dieses sanātana-dharma zu Unrecht
Sinn der Bhagavad-gītā darin, unsere sanātana- ebenfalls für sektiererisch halten. Wenn wir es jedoch etwas
Beschäftigung, das heißt unser sanātana-dharma, die ewige eingehender betrachten und mit den Augen echter
Beschäftigung des Lebewesens, wiederzubeleben. Wir sind Wissenschaft sehen, werden wir erkennen können, daß
jetzt vorübergehend mit verschiedenen Tätigkeiten sanātana-dharma die Aufgabe aller Menschen auf der Welt
beschäftigt, doch können diese geläutert werden, wenn wir ist - ja aller Lebewesen im Universum.
alle zeitweiligen Tätigkeiten aufgeben (sarva-dharmān Ein Glaube, der nicht sanātana ist, hat in den Annalen der
parityajya; Bg. 18.66) und nach den Anweisungen des Menschheitsgeschichte einen Anfang, doch sanātana-
Höchsten Herrn handeln. Dann beginnt unser wahres dharma hat keinen Anfang, da er mit den Lebewesen ewig
Leben. verbunden bleibt. Was die Lebewesen betrifft, so heißt es in
Wie oben erwähnt, ist der Höchste Herr sanātanaƒ, und den autoritativen śāstras, daß es für das Lebewesen weder
Sein transzendentales Reich, das jenseits des materiellen Geburt noch Tod gibt. In der Bhagavad-gītā (2.20) heißt es
Himmels liegt, ist ebenfalls sanātanaƒ, und auch die eindeutig, daß das Lebewesen niemals geboren wird und
Lebewesen sind sanātanaƒ. Die Gemeinschaft der niemals stirbt. Es ist ewig und unzerstörbar und lebt selbst
sanātana-Lebewesen mit dem sanātana-Höchsten-Herrn nach der Zerstörung seines zeitweiligen materiellen
im sanātana-Reich ist das endgültige Ziel des Körpers weiter. In bezug auf den Begriff sanātana-dharma
menschlichen Lebens. Der Herr ist zu den Lebewesen sehr müssen wir versuchen, von der Sanskritwurzel des Wortes
gütig, weil sie Seine Söhne sind. Śrī KŠa erklärt in der dharma her die Bedeutung von "Religion" zu verstehen.
Bhagavad-gītā (14.4): sarva-yoniu ... ahaˆ bīja-pradaƒ Dharma bezieht sich auf das, was mit einem bestimmten
pitā. "Ich bin der Vater aller Lebewesen." Natürlich gibt es Gegenstand immer verbunden ist. Wie wir bereits
viele verschiedene Arten von Lebewesen, je nach ihrem erwähnten, lautet unsere Schlußfolgerung, daß Wärme und
unterschiedlichen karma, doch hier erklärt der Herr, daß Er Licht zusammen mit Feuer bestehen; ohne Wärme und
der Vater aller ist. Aus diesem Grund steigt der Herr in die Licht verliert das Wort Feuer seine Bedeutung. In ähnlicher
materielle Welt hinab, um nämlich die gefallenen, Weise müssen wir den wesentlichen Teil des Lebewesens
bedingten Seelen zum sanātana- (ewigen) Himmel entdecken, das heißt den Teil, der es ständig begleitet.
zurückzurufen, auf daß die sanātana-Lebewesen ihre Dieser ständige Begleiter ist seine ewige Eigenschaft, und
sanātana-Stellung in der ewigen Gemeinschaft des Herrn diese ewige Eigenschaft ist seine ewige Religion.
wiedererlangen können. Der Herr kommt entweder Selbst Als Sanātana Gosvāmī Śrī Caitanya Mahāprabhu nach dem
in verschiedenen Inkarnationen oder schickt Seine svarūpa eines jeden Lebewesens fragte, antwortete der
vertrauten Diener als Söhne oder Seine Gefährten oder Herr, das svarūpa oder die wesensgemäße Stellung des
ācāryas, um die bedingten Seelen zurückzurufen. Lebewesens bestehe darin, der Höchsten Persönlichkeit
Sanātana-dharma bezieht sich daher nicht auf irgendeinen Gottes zu dienen. Wenn wir diese Erklärung Śrī Caitanyas
sektiererischen religiösen Vorgang. Es ist die ewige genauer untersuchen, können wir leicht verstehen, daß
Aufgabe der ewigen Lebewesen in Beziehung zum ewigen jedes Lebewesen ständig damit beschäftigt ist, einem
Höchsten Herrn. Sanātana-dharma bezieht sich, wie anderen Lebewesen zu dienen. Ein Lebewesen dient
gesagt, auf die ewige Beschäftigung des Lebewesens. anderen Lebewesen in vielerlei Weise, und indem es sich so
Rāmanujācārya hat das Wort sanātana erklärt als "das, was verhält, genießt es das Leben. Die niederen Tiere dienen
weder Anfang noch Ende hat." Wenn wir also von den Menschen, und Diener dienen ihrem Meister. A dient
sanātana-dharma sprechen, müssen wir aufgrund der dem Meister B; B dient dem Meister C; C dient dem
Meister D, und so fort. So gesehen dient ein Freund seinem
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Freund; die Mutter dient ihrem Sohn; die Frau dient ihrem Hier heißt es eindeutig, daß diejenigen, die von Lust
Mann; der Mann dient seiner Frau und so fort. Wenn wir getrieben werden, die Halbgötter, und nicht den Höchsten
diese Betrachtungsweise weiter fortsetzen, erkennen wir Herrn, Śrī KŠa, verehren. Wenn wir den Namen KŠa
bald, daß niemand in der Gesellschaft lebender Wesen vom erwähnen, beziehen wir uns nicht auf irgendeinen
Dienen ausgenommen ist. Der Politiker präsentiert sein sektiererischen Namen. KŠa bedeutet die höchste Freude,
Programm der Öffentlichkeit, um sie von der Güte seines und es wird bestätigt, daß der Höchste Herr das Behältnis
Dienstes zu überzeugen. Die Wähler geben dann dem oder der Speicher aller Freude ist. Wir alle sehnen uns nach
Politiker ihre wertvollen Stimmen, weil sie glauben, er Freude. Ānandamayo ‘bhyāsāt (Vs. 1.1.12). Die Lebewesen
werde der Gesellschaft guten Dienst leisten. Der sind, genau wie der Herr, von Bewußtsein erfüllt und
Ladenbesitzer dient dem Kunden; der Arbeiter dient dem streben nach Glück. Der Herr ist immer glücklich, und
Kapitalisten; der Kapitalist dient der Familie; die Familie wenn wir mit dem Herrn zusammenkommen, Ihm dienen
dient dem Staat, und all dies geschieht aufgrund der ewigen und mit Ihm zusammenarbeiten, werden wir ebenfalls
Eigenschaft des ewigen Lebewesens. Wir sehen also, daß es glücklich.
kein Lebewesen gibt, das davon ausgenommen ist, anderen Der Herr kommt in diese vergängliche Welt, um Seine
Lebewesen zu dienen, und daher können wir die transzendentalen Spiele, die voller Glück sind, in
Schlußfolgerung ziehen, daß Dienst der ständige Begleiter Vndāvana zu offenbaren. Als Śrī KŠa Sich in Vndāvana
des Lebewesens ist, und so kann man mit Gewißheit sagen, aufhielt, waren alle Seine Spiele mit Seinen Freunden, den
daß Dienen die ewige Religion des Lebewesens darstellt. Kuhhirtenjungen, mit Seinen gopī-Freundinnen, mit den
Aber dennoch bekennt sich ein Mensch zu einer Bewohnern von Vndāvana und mit den Kühen von Glück
bestimmten Glaubensrichtung, die sich von der besonderen erfüllt. Alle Bewohner von Vndāvana kannten nichts
Zeit, den Umständen und seiner Geburt herleitet, und anderes als KŠa. Śrī KŠa brachte Seinen Vater, Nanda
behauptet somit, Hindu, Moslem, Christ oder Buddhist zu Mahārāja, sogar dazu, von der Verehrung des Halbgottes
sein oder irgendeiner anderen Sekte anzugehören. Solche Indra abzulassen, weil Er klarstellen wollte, daß die
Bezeichnungen sind jedoch nicht sanātana-dharma. Ein Menschen keinen Halbgott zu verehren brauchen, sondern
Hindu mag seinen Glauben wechseln und Moslem werden, nur die Höchste Persönlichkeit Gottes, da das endgültige
und ein Moslem mag seinen Glauben wechseln und Hindu Ziel des menschlichen Lebens darin besteht, in das Reich
oder Christ werden, usw.., doch unter allen Umständen des Höchsten Herrn zurückzukehren.
beeinträchtigt der Wechsel des Glaubens nicht die ewige Das Reich Śrī KŠas wird in der Bhagavad-gītā im
Beschäftigung, anderen zu dienen. Der Hindu, Moslem sechsten Vers des Fünfzehnten Kapitels beschrieben:
oder Christ dient unter allen Umständen immer irgend
jemandem. Sich zu einer bestimmten Art von Glauben zu na tad bhāsayate sūryo
bekennen bedeutet daher nicht, sich zu seinem sanātana- na śaśā‰ko na pāvakaƒ
dharma zu bekennen. Der ständige Begleiter des yad gatvā na nivartante
Lebewesens, das heißt Dienen, ist sanātana-dharma. tad dhāma paramaˆ mama
Tatsächlich sind wir mit dem Höchsten Herrn durch eine
Beziehung des Dienstes verbunden. Der Höchste Herr ist "Mein Reich wird weder von der Sonne noch vom Mond,
der Höchste Genießer, und wir Lebewesen sind ewiglich noch von Elektrizität
Seine Diener. Wir sind für Seinen Genuß geschaffen, und erleuchtet. Jeder, der dorthin gelangt, kehrt niemals wieder
wenn wir an diesem ewigen Genuß der Höchsten in die materielle Welt zurück."
Persönlichkeit Gottes teilnehmen, werden wir glücklich Dieser Vers gibt eine Beschreibung des ewigen Himmels.
werden. Wir können nicht auf andere Weise glücklich Natürlich ist unsere Auffassung von einem Himmel
werden. Es ist nicht möglich, unabhängig glücklich zu sein, materiell, und daher denken wir an einen Himmel mit
ebenso wie kein Teil des Körpers glücklich sein kann, ohne Sonne, Mond, Sternen usw., doch in diesem Vers sagt der
mit dem Magen zusammenzuarbeiten. In ähnlicher Weise Herr, daß im ewigen Himmel weder Sonne noch Mond,
ist es für das Lebewesen nicht möglich, glücklich zu sein, noch irgendeine Art von Elektrizität oder Feuer zur
ohne dem Höchsten Herrn in transzendentaler Liebe zu Beleuchtung notwendig sind, da der spirituelle Himmel
dienen. vom brahmajyoti erleuchtet wird, das heißt von den
Verschiedene Halbgötter zu verehren oder ihnen zu dienen Strahlen, die vom höchsten Reich ausgehen. Da heutzutage
wird in der Bhagavad-gītā nicht gutgeheißen. Im die Menschheit versucht, zu anderen Planeten zu gelangen,
zwanzigsten Vers des Siebten Kapitels heißt es: wird es uns nicht allzu schwer fallen, das Reich des
Höchsten Herrn zu verstehen. Dieses Reich liegt im
kāmais tais tair hta-jñānāƒ spirituellen Himmel und wird Goloka genannt. Es wird in
prapadyante ‘nya-devatāƒ der Brahma-saˆhitā sehr schön beschrieben: goloka eva
taˆ taˆ niyamam āsthāya nivasaty akhilātma-bhūtaƒ (Bs. 5.37). Der Herr weilt ewig
praktyā niyatāƒ svayā in Seinem Reich Goloka, aber dennoch ist Er akhilātma-
bhūtaƒ, das heißt, man kann sich Ihm von dieser Welt aus
„Diejenigen, deren Geist durch materielle Wünsche verzerrt nähern, und zu diesem Zweck erscheint der Herr und
ist, ergeben sich Halbgöttern und folgen, ihrem eigenen manifestiert Seine wirkliche Gestalt, sac-cid-ānanda-
Wesen entsprechend, bestimmten Regeln und Vorschriften vigraha, so daß wir nicht über Sein Aussehen zu
zur Verehrung." spekulieren brauchen. Um derartige Spekulationen zu
verhindern, erscheint Er Selbst und offenbart Sich, wie Er
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ist, als Śyāmasundara. Unglückseligerweise verspotten Ihn vratāƒ. In ähnlicher Weise kann man auch den höchsten
weniger intelligente Menschen (avajānanti māˆ mūhā; Planeten, KŠaloka, erreichen. Unter all den vielen
Bg. 9.11), da Er wie ein gewöhnlicher Mensch erscheint Planeten in der spirituellen Welt gibt es einen höchsten
und mit uns in menschlicher Gestalt spielt. Wir sollten Planeten, der Goloka Vndāvana genannt wird; dies ist der
daher nicht denken, der Herr sei ein gewöhnlicher Mensch. ursprüngliche Planet im Reich der ursprünglichen
Durch Seine eigene Kraft erscheint Er vor uns in Seiner Persönlichkeit Gottes, Śrī KŠas. All dies erfahren wir aus
wirklichen Gestalt und entfaltet Seine Spiele, die Urbilder der Bhagavad-gītā, und ihre Unterweisung bietet uns die
jener Spiele sind, die in Seinem Reich stattfinden. Gelegenheit, die materielle Welt zu verlassen und unser
In den leuchtenden Strahlen des spirituellen Himmels ewiges Leben im ewigen Königreich zu erlangen.
schweben unzählige Planeten, ebenso wie in unserem Im Fünfzehnten Kapitel der Bhagavad-gītā wird eine
Universum zahllose Planeten in den Strahlen der Sonne treffende Darstellung der materiellen Welt gegeben. Es
schweben. Das brahmajyoti geht vom höchsten Reich, heißt dort:
KŠaloka, aus, und in diesen Strahlen schweben die
ānandamaya-cinmaya-Planeten, die nicht materiell sind. śrī bhagavān uvāca
Der Herr sagt: ūrdhva-mūlam adhaƒ-śākham
aśvatthaˆ prāhur avyayam
na tad bhāsayate sūryo chandāˆsi yasya parŠāni
na śaśā‰ko na pāvakaƒ yas taˆ veda sa veda-vit
yad gatvā na nivartante
tad dhāma paramaˆ mama Der Höchste Herr sprach: "Es gibt einen Banyanbaum,
dessen Wurzeln nach oben und dessen Zweige nach unten
Wer den spirituellen Himmel erreicht, braucht nicht wieder zeigen, und die vedischen Hymnen sind seine Blätter. Wer
in die materielle Welt zurückzukehren. Selbst wenn wir uns diesen Baum kennt, kennt die Veden." (Bg. 15.1)
im materiellen Himmel dem höchsten Planeten Hier wird die materielle Welt als ein Baum beschrieben,
(Brahmaloka) zuwenden, vom Mond ganz zu schweigen, dessen Wurzeln nach oben zeigen (ūrdhva-mūlam). Auch
werden wir die gleichen Leiden des materiellen Lebens, in unserem Erfahrungsbereich gibt es einen Baum, dessen
nämlich Geburt, Tod, Alter und Krankheiten, vorfinden. Wurzeln nach oben zeigen: Wenn man am Ufer eines
Kein Planet im materiellen Universum ist von diesen vier Flusses oder Gewässers steht, kann man sehen, daß die
Prinzipien des materiellen Daseins frei. Deshalb sagt der Bäume im Wasser umgekehrt gespiegelt werden. Die
Herr in der Bhagavad-gītā (8.16): ābrahma-bhuvanāl lokāƒ Zweige zeigen nach unten und die Wurzeln nach oben. In
punar āvartino'rjuna. Die Lebewesen reisen von Planet zu ähnlicher Weise ist die materielle Welt eine Spiegelung der
Planet, jedoch nicht einfach mit mechanischen Mitteln wie spirituellen Welt. Die materielle Welt ist nichts weiter als
Raumschiffen. Jeder, der zu anderen Planeten reisen ein Schatten der Wirklichkeit. Der Schatten hat keine
möchte, kann dies tun. Es gibt hierfür einen Vorgang: yānti Wirklichkeit oder Substanz, doch können wir anhand des
deva-vratā devān pit n yānti pit-vratāƒ (Bg. 9.25). Wenn Schattens verstehen, daß es die Wirklichkeit gibt. In der
jemand zu irgendeinem anderen Planeten reisen möchte, Wüste gibt es kein Wasser, aber eine Luftspiegelung läßt
sagen wir zum Mond, braucht er dies nicht mit einem darauf schließen, daß so etwas wie Wasser existiert. In der
Raumschiff zu versuchen. Die Bhagavad-gītā unterrichtet materiellen Welt gibt es kein Wasser bzw. kein Glück - das
uns: yānti deva-vratā devān. Den Mond, die Sonne und die wirkliche Wasser tatsächlichen Glücks ist in der spirituellen
höheren Planeten bezeichnet man als svargaloka. Es gibt Welt zu finden.
verschiedene Abstufungen unter den Planetensystemen: Der Herr legt uns nahe, die spirituelle Welt auf folgende
Bhūrloka, Bhuvarloka und Svarloka oder untere,- mittlere Weise zu erreichen:
und obere Planetensysteme. Die Bhagavad-gītā teilt uns
mit, wie wir anhand einer sehr einfachen Formel zu den nirmāna-mohā jita-saŠga-doā
höheren Planetensystemen reisen können: yānti-deva-vratā adhyātma-nitya vinivtta-kāmāƒ
devān. Wenn wir einen bestimmten Halbgott verehren, dvandvair vimuktāƒ sukha-duƒkha-saˆjñair
können wir auch den jeweiligen Planeten erreichen. gacchanty amūhāƒ padam avyayaˆ tat
Auf diese Weise können wir den Mond, die Sonne oder
jeden anderen himmlischen Planeten erreichen, doch die "Wer von Illusion, falschem Prestige und falscher
Bhagavad-gītā empfiehlt uns nicht, zu irgendeinem Gemeinschaft frei ist, wer das Ewige versteht, die
Planeten in der materiellen Welt zu gehen, denn selbst materielle Lust hinter sich gelassen hat und von der
wenn wir mit Hilfe einer Art Rakete Brahmaloka, den Dualität von Glück und Leid befreit ist und wer weiß, wie
höchsten Planeten, nach einer vielleicht vierzigtausend man sich der Höchsten Person ergibt, erreicht dieses ewige
Jahre dauernden Reise erreichten, mußten wir die Königreich." (Bg. 15.5)
Wiederholung von Geburt und Tod erleiden. Natürlich ist Dieses padam avyayam oder ewige Königreich kann
es nicht möglich, vierzigtausend Jahre zu leben und so den jemand erreichen, der nirmāna moha ist. Nirmāna bedeutet,
höchsten Planeten dieses materiellen Universums zu daß wir nach Bezeichnungen streben: Jemand möchte
erreichen, aber wenn man sein ganzes Leben der Verehrung Sohn, ein anderer Herr und wieder ein anderer Präsident
eines bestimmten Halbgottes weiht, kann man auf dessen oder ein reicher Mann oder König oder irgend etwas
Planeten gelangen, wie es in der Bhagavad-gītā anderes werden. Solange wir an solchen Bezeichnungen
beschrieben ist: yānti deva-vratā devān pit n yānti pit- haften, sind wir an den Körper gebunden, denn
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Bezeichnungen gehören zum Körper. Wir sind aber nicht


unser Körper, und diese Erkenntnis bildet die erste Stufe "Wer immer sich im Augenblick des Todes, wenn er seinen
spiritueller Verwirklichung. Jita-sa‰ga-doā: Wir sind mit Körper verläßt, an Mich erinnert, erreicht sogleich Mein
den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur Reich. Darüber besteht kein Zweifel." (Bg. 8.5)
verbunden, müssen uns jedoch durch hingebungsvollen Jeder, der zur Stunde des Todes an KŠa denkt, gelangt zu
Dienst für den Herrn von ihnen lösen. Solange wir uns KŠa. Man muß sich an die Gestalt KŠas erinnern, denn
nicht zum hingebungsvollen Dienst für den Herrn wenn man seinen Körper verläßt und an Seine Gestalt
hingezogen fühlen, können wir uns nicht von den denkt, geht man in das spirituelle Königreich ein. Mad-
Erscheinungsweisen der materiellen Natur lösen. Deshalb bhāvam bezieht sich auf die transzendentale Natur des
sagt der Herr: vinivtta-kāmāƒ. Diese Bezeichnungen und Höchsten Wesens. Wie oben beschrieben wurde, ist das
Anhaftungen sind zurückzuführen auf unsere Lust und Höchste Wesen sac-cid-ānanda-vigraha - ewig, glückselig
unser Begehren, das heißt unser Verlangen, die materielle und voller Wissen. Unser gegenwärtiger Körper jedoch ist
Natur zu beherrschen. Solange wir diese Neigung, die nicht sac-cid-ānanda. Er ist nicht sat, sondern asat - nicht
materielle Natur zu beherrschen, nicht aufgeben, besteht ewig, sondern vergänglich, und er ist nicht cit, voller
keine Möglichkeit, in das Königreich des Höchsten, das Wissen, sondern voller Unwissenheit. Wir haben kein
sanātana-dhāma, zurückzukehren. In dieses ewige Wissen vom spirituellen Königreich - wir besitzen nicht
Königreich, das niemals zerstört wird wie die materielle einmal vollkommenes Wissen von der materiellen Welt, in
Welt, kann jemand eingehen, der von den Verlockungen der uns so viele Dinge unbekannt sind. Auch ist der Körper
falscher Genüsse nicht verwirrt ist (amūhāƒ). Wer im nirānanda - statt voller Glückseligkeit ist er voller Leid.
erhabenen Dienst des Höchsten Herrn verankert ist, kann Alle Leiden, die wir in der materiellen Welt erfahren, haben
sehr leicht in dieses ewige Königreich zurückkehren. ihre Ursache im Körper; doch wer den Körper verläßt und
Dieses ewige Königreich benötigt weder Sonne noch dabei an die Höchste Persönlichkeit Gottes denkt, erlangt,
Mond, noch Elektrizität. Somit haben wir also einen wie uns Śrī KŠa im fünften Vers des Achten Kapitels
kleinen Einblick bekommen, wie man dieses ewige versichert, augenblicklich einen sac-cid-ānanda-Körper.
Königreich erreichen kann. Auf welche Weise man in der materiellen Welt den einen
An einer anderen Stelle in der Bhagavad-gītā heißt es: Körper verläßt und einen neuen bekommt, ist ebenfalls
festgelegt. Ein Mensch stirbt, nachdem entschieden worden
avyakto 'kara ity uktas ist, welche Art von Körper er im nächsten Leben haben
tam āhuƒ paramāˆ gatim wird; aber diese Entscheidung wird von höheren
yaˆ prāpya na nivartante Autoritäten gefällt, ebenso wie wir unseren Tätigkeiten in
tad dhāma paramaˆ mama diesem Leben gemäß aufsteigen oder hinabsinken. Das
gegenwärtige Leben ist eine Vorbereitung auf das nächste
"Dieses höchste Reich wird unmanifestiert und unfehlbar Leben. Wenn wir uns daher in diesem Leben darauf
genannt und ist das höchste Ziel. Geht jemand dorthin, vorbereiten können, zum Königreich Gottes erhoben zu
kehrt er nie wieder zurück. So beschaffen ist Mein höchstes werden, werden wir sicherlich nach dem Verlassen dieses
Reich." (Bg. 8.21) materiellen Körpers einen spirituellen Körper wie der Herr
Avyakta bedeutet unmanifestiert. Nicht einmal in der bekommen.
materiellen Welt ist uns alles sichtbar. Unsere Sinne sind so Wie zuvor erklärt wurde, gibt es verschiedene Arten von
unvollkommen, daß wir nicht einmal alle Sterne und Transzendentalisten (den brahmavādi, den paramātmāvādi
Planeten in diesem einen materiellen Universum sehen und den Gottgeweihten), und wie erwähnt wurde, schweben
können. Die vedischen Schriften geben uns viele Auskünfte im brahmajyoti (im spirituellen Himmel) unzählige
über die verschiedenen Planeten, und es liegt an uns, dieses spirituelle Planeten. Die Zahl dieser Planeten ist weitaus
Wissen anzunehmen oder nicht. Alle wichtigen Planeten größer als die aller Planeten der materiellen Welt. Unsere
werden in den vedischen Schriften, vor allem im Śrīmad- materielle Welt ist auf etwa nur ein Viertel der gesamten
Bhāgavatam, beschrieben; doch die spirituelle Welt, die Schöpfung geschätzt worden. Drei Viertel der Schöpfung
jenseits des materiellen Universums liegt (paras tasmāt tu bildet die spirituelle Welt. In diesem einen Viertel der
bhāvo 'nyo; Bg. 8.20), wird als avyakta (unmanifestiert) Schöpfung gibt es Millionen von Universen, wie das, von
beschrieben, und sie ist das paramaˆ gatim (höchste Ziel). dem wir jetzt Erfahrung haben, und in nur einem dieser
Unser ganzes Wünschen und Sehnen sollte darauf gerichtet Universen schweben schon Millionen und Abermillionen
sein, in dieses höchste Königreich zu gelangen, denn wenn von Planeten, aber diese ganze materielle Welt bildet nur
man es erreicht (yaˆ prāpya), braucht man nicht wieder in ein Viertel der Manifestation der Gesamtschöpfung. Die
die materielle Welt zurückzukehren (na nivartante). anderen drei Viertel der Manifestation befinden sich im
Als nächstes mag man sich die Frage stellen, wie man sich spirituellen Himmel. Kommen wir in diesem
diesem Reich des Höchsten Herrn nähern kann. In der Zusammenhang noch einmal auf die Bedeutung von mad-
Bhagavad-gītā wird in den Versen 5-8 des Achten Kapitels bhāvam zurück. Wer den Wunsch hat, mit der Existenz des
der Vorgang beschrieben. Es heißt dort zum Beispiel: Höchsten Brahman zu verschmelzen, geht in das
brahmajyoti des Höchsten Herrn ein - mad-bhāvam
anta-kāle ca mām eva bedeutet sowohl brahmajyoti als auch die spirituellen
smaran muktvā kalevaram Planeten in diesem brahmajyoti -, und der Gottgeweihte,
yaƒ prayāti sa mad-bhāvaˆ der sich des persönlichen Zusammenseins mit dem Herrn
yāti nāsty atra aˆśayaƒ erfreuen möchte, gelangt auf einen der unzähligen
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VaikuŠ˜ha-Planeten, wo Sich der Höchste Herr, Śrī KŠa, Energie. Zur Stunde des Todes können wir entweder in der
durch Seine vollständigen Erweiterungen als vierarmiger materiellen Welt bleiben oder uns zur spirituellen Welt
NārāyaŠa und unter verschiedenen Namen wie Pradyumna, erheben.
Aniruddha, Mādhava und Govinda zu ihm gesellt. Die Wir denken entweder an die materielle oder an die
Transzendentalisten, die am Ende ihres Lebens entweder an spirituelle Energie. Es gibt viele Schriften, die unsere
das brahmajyoti, den Paramātmā oder die Höchste Gedanken mit materiellen Dingen füllen - Zeitungen,
Persönlichkeit Gottes, Śrī KŠa, denken, gehen in jedem Romane usw. -, doch wir sollten unser Denken, das
Fall in den spirituellen Himmel ein, doch nur der gegenwärtig in solche Literatur vertieft ist, auf die
Gottgeweihte, das heißt derjenige, der eine persönliche vedischen Schriften lenken. Die großen Weisen haben
Beziehung zum Herrn hat, erreicht die VaikuŠ˜ha-Planeten daher viele vedische Schriften, wie zum Beispiel die
oder Goloka Vndāvana. KŠa fügt hinzu: sa mad-bhāvam PurāŠas usw., verfaßt. Die PurāŠas entspringen nicht der
yāti nāsty atra saˆśayah. "Hierüber besteht kein Zweifel." Phantasie irgendwelcher Menschen, sondern sind
Darauf muß man fest vertrauen. Das ist unser Problem. Wir historische Aufzeichnungen.
lesen unser ganzes Leben hindurch die Bhagavad-gītā, aber Im Caitanya-caritāmta finden wir den folgenden Vers:
wenn der Herr etwas sagt, was nicht unserer Vorstellung
entspricht, lehnen wir es ab. So sollte man die Bhagavad- māyā mugdha jivera nāhi svataƒ kŠa-jñāna
gītā nicht lesen. Wir sollten uns an Arjuna ein Beispiel jivere kpāya kailā kŠa veda-purāŠa
nehmen, der sagte: sarvam etad taˆ manye. "Ich glaube
alles, was Du gesagt hast." (Bg. 10.14) Wenn der Herr "Die bedingte Seele kann ihr KŠa-Bewußtsein nicht aus
daher sagt, daß jeder, der zur Stunde des Todes an Ihn eigener Kraft wiederbeleben; doch aus grundloser
entweder als Brahman oder als Paramātmā oder als die Barmherzigkeit verfaßte Śrī KŠa die vedische Literatur
Persönlichkeit Gottes denkt, gewiß den spirituellen Himmel und ihre Zusätze, die PurāŠas." (Cc. M. 20.122)
erreicht und daß hierüber kein Zweifel besteht, sollte man Die vergeßlichen Lebewesen oder bedingten Seelen haben
diesen Worten Glauben schenken. ihre Beziehung zum Höchsten Herrn vergessen und denken
nur an materielle Tätigkeiten. Nur um ihre Denkkraft auf
yaˆ yaˆ vāpi smaran bhāvaˆ den spirituellen Himmel zu lenken, hat uns KŠa-
tyajaty ante kalevaram dvaipāyana Vyāsa eine große Anzahl vedischer Schriften
taˆ tam evaiti kaunteya gegeben. Zunächst unterteilte Er den einen Veda in vier
sadā tad-bhāva-bhāvitaƒ Teile; darauf erklärte Er diese Teile in den PurāŠas, und für
weniger befähigte Menschen schrieb Er das Mahābhārata.
"Den Seinszustand, an dem man sich beim Verlassen seines Im Mahābhārata ist die Bhagavad-gītā enthalten. Dann
Körpers erinnert, wird man ohne Zweifel erreichen." (Bg. faßte Er alle vedischen Schriften im Vedānta-sūtra
8.6) zusammen und gab uns zur zukünftigen Wegweisung einen
Die materielle Natur wird von einer der Energien des natürlichen Kommentar zum Vedānta-sūtra - das Śrīmad-
Höchsten Herrn manifestiert. Im ViŠu PurāŠa werden alle Bhāgavatam. Wir müssen unseren Geist ständig damit
Energien des Höchsten Herrn zusammenfassend beschäftigen, diese vedischen Schriften zu lesen. Ebenso
beschriebene. Es heißt dort: wie Materialisten ständig damit beschäftigt sind, Zeitungen,
Magazine, Erzählungen, Romane, wissenschaftliche
viŠu-śaktiƒ parā proktā Essays, philosophische Abhandlungen und viele andere
ketrajñākhyā tathā parā Arten materialistischer Literatur zu lesen, so müssen wir
avidyā-karma-saˆjñānyā uns dem Lesen der vedischen Schriften widmen, die uns
ttīyā śaktir iyate von Vyāsadeva gütigerweise gegeben wurden; dann wird es
uns durchaus möglich sein, uns zur Stunde des Todes an
"Die Kraft Śrī ViŠus wird in drei Kategorien unterteilt, den Höchsten Herrn zu erinnern. Das ist der einzige Weg,
nämlich die spirituelle Kraft, die Lebewesen und und der Herr garantiert das Ergebnis: asaˆśayaƒ.
Unwissenheit. Die spirituelle Kraft ist voller Wissen; die „Hierüber besteht kein Zweifel." Der Herr rät Arjuna:
Lebewesen, obwohl der spirituellen Kraft zugehörig, tasmāt sarveu kāleu mām anusmara yudhya ca. "Daher, o
unterliegen der Verwirrung, und die dritte Energie, die von Arjuna, solltest du immer an Mich in Meiner Form als
Unwissenheit erfüllt ist, ist immer in fruchtbringenden KŠa denken und zugleich deine vorgeschriebene Pflicht
Tätigkeiten sichtbar." des Kämpfens erfüllen." (Bg. 8.7)
Parāsya śaktir vividhaiva śrūyate (Śvet. U. 6.8). Der Er rät Arjuna nicht, sich einfach nur an Ihn zu erinnern und
Höchste Herr verfügt über unzählige verschiedene seine Tätigkeit aufzugeben. Nein, so lautet der Vorschlag
Energien, die jenseits unseres Vorstellungsvermögens nicht. Der Herr schlägt niemals etwas Unpraktisches vor. In
liegen, doch haben große Weise oder befreite Seelen diese der materiellen Welt muß man arbeiten, um den Körper zu
Energien studiert und sie dreifach unterteilt. Alle Energien erhalten. Die menschliche Gesellschaft wird in
sind viŠu-śakti, das heißt verschiedene Kräfte ViŠus. Entsprechung zu den verschiedenen Beschäftigungen in
ViŠu-śakti ist parā oder transzendental. Die ketrajñas vier soziale Klassen unterteilt: brāhmaŠas, katriyas,
oder Lebewesen gehören ebenfalls zur höheren Energie, vaiśyas und śūdras. Die intelligente Klasse (brāhmaŠas)
wie bereits erklärt wurde. Die andere, materielle Energie ist arbeitet in einer bestimmten Weise; die verwaltende Klasse
avidyā-karma-saˆjñānyā - sie befindet sich in der (katriyas) arbeitet in anderer Weise, und auch der
Erscheinungsweise der Unwissenheit. Das ist die materielle handeltreibenden oder erzeugenden Klasse (vaiśyas) sowie
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den Arbeitern (śūdras) sind bestimmte Pflichten gegeben. cañcalatvāt sthitiˆ sthirām
In der menschlichen Gesellschaft muß man arbeiten, um
seine Existenz zu erhalten, ganz gleich ob man Arbeiter, "Arjuna sagte: O Madhusūdana, das yoga-System, das Du
Kaufmann, Politiker oder Beamter ist oder als gebildeter zusammengefaßt hast, erscheint mir undurchführbar und
Mensch, wie zum Beispiel als Wissenschaftler, der unerträglich, denn der Geist ist ruhelos und unstet." (Bg.
höchsten Klasse angehört. Der Herr sagt daher zu Arjuna: 6.33)
"Du brauchst deine Beschäftigung nicht aufzugeben; aber Doch der Herr sagte:
während du deiner Tätigkeit nachgehst, kannst du dich an
Mich, KŠa, erinnern (mām anusmaran), und das wird dir yoginām api sarveām
helfen, dich auch in der Todesstunde an Mich zu erinnern. mad-gatenāntarātmanā
Wenn du dich nicht darin übst, dich immer an Mich zu śraddhāvān bhajate yo māˆ
erinnern, während du um deine Existenz kämpfst, wird es sa me yuktatamo mataƒ
dir zum Zeitpunkt des Todes nicht möglich sein." Śrī KŠa
Caitanya gibt uns den gleichen Rat: kīrtanīya sadā hariƒ. "Von allen yogīs ist der am engsten mit Mir in yoga vereint,
Er sagt, man solle sich darin üben, sich an den Herrn zu der mit starkem Glauben immer in Mir weilt und Mich im
erinnern, indem man ständig Seine Namen chantet (spricht transzendentalen liebevollen Dienst verehrt, und er ist der
oder singt). Die Namen des Herrn und der Herr Selbst sind höchste von allen." (Bg. 6.47)
nicht voneinander verschieden. Śrī KŠas Unterweisung an Wer also ständig an den Höchsten Herrn denkt, ist
Arjuna "Erinnere dich einfach an Mich" und Śrī Caitanyas gleichzeitig der größte yogī, der hervorragendste jñānī und
Weisung "Chante immer die Namen Śrī KŠas" sind die der größte Gottgeweihte. KŠa teilte Arjuna weiter mit:
gleiche Anweisung. Es besteht kein Unterschied, denn tasmāt sarveu kāleu mām anusmara yudhya ca. "Als
KŠa und KŠas Name sind nicht voneinander katriya kannst du das Kämpfen nicht aufgeben, aber wenn
verschieden. Auf der absoluten Ebene gibt es keinen du dich darin übst, dich zur gleichen Zeit immer an Mich
Unterschied zwischen dem Gesprochenen und dem zu erinnern, wirst du imstande sein, dich auch in der
Sprecher. Deshalb müssen wir uns darin üben, uns immer Todesstunde an Mich zu erinnern." Der Herr sagt, es gebe
(tasmāt sarveu kāleu), vierundzwanzig Stunden am Tag, gar keinen Zweifel, wenn man sich mit völliger
an KŠa zu erinnern, indem wir Seine Namen chanten und Ergebenheit in Seinem transzendentalen liebevollen Dienst
unser Tun in solche Bahnen lenken, daß wir uns ständig an betätige. Denn wir handeln im Grunde nicht mit unserem
Ihn erinnern können. Körper, sondern mit unserem Geist und unserer Intelligenz.
Wie ist dies möglich? Die ācāryas geben das folgende, Wenn also unsere Intelligenz und unser Geist immer in
recht deutliche Beispiel: Wenn sich eine verheiratete Frau Gedanken mit dem Höchsten Herrn beschäftigt sind, dann
zu einem anderen Mann hingezogen fühlt oder ein Mann sind unsere Sinne natürlicherweise ebenfalls in Seinem
eine andere Frau als seine eigene liebt, gilt diese Anziehung Dienst tätig. Das ist das Geheimnis der Bhagavad-gītā.
als sehr stark. In einem solchen Zustand denkt man ständig Man muß diese Kunst erlernen, wie man nämlich mit Geist
an den Geliebten oder die Geliebte. Die Frau, die mit ihren und Intelligenz vierundzwanzig Stunden täglich in
Gedanken ständig bei ihrem Geliebten weilt, denkt immer Gedanken beim Herrn sein kann, und solche Versenkung
daran, mit ihm zusammenzukommen - selbst wenn sie mit wird uns dann, wenn wir den materiellen Körper verlassen,
der Erfüllung ihrer Haushaltspflichten beschäftigt ist, ja sie helfen, uns zum Königreich des Herrn, in die spirituelle
geht ihrer Hausarbeit sogar noch sorgfältiger nach, damit Sphäre, zu erheben.
ihr Ehemann keinen Verdacht schöpft. In ähnlicher Weise Moderne Wissenschaftler haben jahrelang vergeblich
sollten wir uns ständig an den höchsten Gemahl, Śrī KŠa, versucht, den Mond zu erreichen, doch hier erfahren wir
erinnern, doch zur gleichen Zeit unseren materiellen aus der Bhagavad-gītā, daß sich ein Mensch, der vielleicht
Pflichten gewissenhaft nachkommen. Das ist durchaus fünfzig Jahre zu leben hat, besser spirituell erheben sollte.
möglich. Dazu ist nur starke Liebe notwendig. Wenn wir Natürlich versucht heutzutage niemand, sich fünfzig Jahre
für den Höchsten Herrn starke Liebe empfinden, können lang spirituell zu erheben, wenngleich dies ein guter
wir unsere Pflicht erfüllen und uns zur gleichen Zeit an Ihn Gedanke ist; doch selbst wenn man sich nur zehn oder fünf
erinnern. Wir müssen daher diese Liebe entwickeln. Arjuna Jahre ernsthaft in dieser Praxis übt, wird dies einen Nutzen
zum Beispiel dachte immer an den Herrn; er konnte KŠa haben. Der Vorgang der Hingabe besteht aus:
während der vierundzwanzig Stunden des Tages nicht
einmal eine Sekunde vergessen; er war der ständige śravaŠaˆ kīrtanaˆ viŠoƒ
Begleiter KŠas, und gleichzeitig war er Krieger. KŠa smaraŠaˆ pāda-sevanam
gab ihm nicht den Rat, das Kämpfen aufzugeben und in den arcanaˆ vandanaˆ dāsyaˆ
Wald oder den Himalaya zu gehen, um zu meditieren, und sakhyam ātma-nivedanam
als Śrī KŠa Arjuna das yoga-System beschrieb, erklärte
Arjuna, daß es für ihn nicht möglich sei, dieses System zu Dies sind die neun Vorgänge des hingebungsvollen
praktizieren: Dienstes. Der leichteste besteht darin, einfach zu hören.
Wenn man die Bhagavad-gītā oder das Śrīmad
arjuna uvāca Bhāgavatam von einer verwirklichten Seele hört, wird das
yo’yaˆ yogas tvayā proktaƒ dazu führen, daß man vierundzwanzig Stunden am Tag an
sāmyena madhusūdana das Höchste Wesen denken kann, was letztlich bewirken
etasyāhaˆ na paśyāmi wird, daß man sich an den Höchsten Herrn erinnert, und so
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werden wir, wenn wir diesen Körper verlassen, einen niedergelegt sind, kann man sein Leben zur
spirituellen Körper bekommen, der für die Gemeinschaft Vollkommenheit führen und eine endgültige Lösung für
mit dem Höchsten Herrn geeignet ist. Der Herr sagt daher: alle Probleme des Lebens schaffen, die aus dem
vergänglichen Wesen des materiellen Daseins entstehen.
abhyāsa-yoga-yuktena Das ist die Essenz der gesamten Bhagavad-gītā. Die
cetasā nānya-gāminā Schlußfolgerung lautet daher, daß es sich bei der
paramaˆ puruaˆ divyaˆ Bhagavad-gītā um eine transzendentale Schrift handelt, die
yāti pārthānucintayan man sehr sorgfältig lesen sollte (gītā-bhāsyam idaˆ
punyaˆ yat patet vrajata pumān), und wenn man ihren
"O Pārtha, wer sich in diesem Erinnern übt, ohne abzuirren, Anweisungen in rechter Weise nachkommt, so wird dies
und ständig an den Höchsten Gott denkt, erreicht mit zur Folge haben, daß man von allen Leiden, Sorgen und
Sicherheit den Planeten des Göttlichen, der Höchsten Ängsten des Lebens frei wird und im nächsten Leben einen
Persönlichkeit." (Bg. 8.8) spirituellen Körper bekommt.
Ständig nur an den Herrn zu denken - das ist kein allzu
schwieriger Vorgang. Man muß dies jedoch von jemand gitādhyāyana-śīlasya
lernen, der darin bereits erfahren ist. Der Geist wandert prāŠāyama-parasya ca
ständig hin und her; deshalb muß man sich unablässig darin naiva santi hi pāpāni
üben, den Geist auf die Gestalt des Höchsten Herrn, Śrī pūrva-janma-ktāni ca
KŠa, oder den Klang Seines Namens zu richten, wobei
letzteres sehr viel leichter ist. Der Geist ist von Natur aus Ein weiterer Vorteil ergibt sich daraus, daß jemandem, der
ruhelos, doch er kann in der Klangschwingung des Heiligen die Bhagavad-gītā sehr aufrichtig und mit allem Ernst liest,
Namens Ruhe finden. Man muß daher über den paramaˆ durch die Gnade des Herrn die Reaktionen auf seine
puruam, die Höchste Person, meditieren, und auf diese vergangenen Missetaten nichts anhaben können. Im letzten
Weise wird man Ihn erreichen. Die Methoden oder Wege Teil der Bhagavad-gītā versichert Śrī KŠa: ahaˆ tvāˆ
und Mittel zur letztlichen Verwirklichung, zum endgültigen sarva-pāpebhyo mokayiyāmi mā śucaƒ. Der Herr
Ziel, werden alle in der Bhagavad-gītā aufgeführt, und für übernimmt alle Verantwortung für jemand, der sich Ihm
niemand bestehen irgendwelche Schranken. Es ist nicht so, ergibt, und Er nimmt allen Reaktionen auf Sünden die
daß sich nur eine bestimmte Klasse von Menschen an den Wirkung.
Herrn wenden kann. An Śrī KŠa zu denken oder über Ihn
zu hören ist jedem möglich, und der Herr sagt in der
Bhagavad-gītā: maline mocanaˆ puˆsāˆ
jala-snānaˆ dine dine
māˆ hi pārtha vyapāśritya sakd gītāmta-snānaˆ
ye’pi syuƒ pāpa-yonayaƒ saˆsāra-mala-nāśanam
striyo vaiśyās tathā śūdrās
te’pi yānti parāˆ gatim "Man reinigt sich täglich, indem man badet, doch wer nur
einmal ein Bad im heiligen Ga‰gā-Wasser der Bhagavad-
kiˆ punar brāhmaŠāh puŠyā gītā nimmt, wäscht allen Schmutz des materiellen Lebens
bhaktā rājarayas tathā fort."
anityam asukhaˆ lokam Da die Bhagavad-gītā von der Höchsten Persönlichkeit
imaˆ prāpya bhajasva mām Gottes gesprochen ist, braucht man keine andere vedische
Schrift zu lesen. Es genügt, nur die Bhagavad-gītā
"O Sohn Pthās, diejenigen, die bei Mir Zuflucht suchen, aufmerksam und regelmäßig zu hören und zu lesen, und
können das höchste Ziel erreichen - auch wenn sie von man soll sich dieser Methode unter allen Umständen
niederer Geburt sind, wie Frauen, vaiśyas (Kaufleute) oder zuwenden, denn in der heutigen Zeit sind die Menschen so
auch śūdras (Arbeiter). Wieviel vortrefflicher sind dann die sehr von weltlichen Tätigkeiten in Anspruch genommen,
brāhmaŠas, die Rechtschaffenen, die Gottgeweihten und daß es ihnen kaum möglich ist, alle vedischen Schriften zu
die heiligen Könige, die Mir in dieser zeitweiligen, elenden lesen. Aber das ist auch nicht notwendig. Dieses eine Buch,
Welt in Liebe dienen." (Bg. 9.32-33) Bhagavad-gītā, wird ausreichen, denn es ist die Essenz
Der Herr sagt, selbst Menschen auf der untersten aller vedischen Schriften und wurde von der Höchsten
Lebensstufe (Kaufleute, Frauen oder Arbeiter) könnten ihn Persönlichkeit Gottes gesprochen.
erreichen. Kaufleute, Arbeiter und Frauen werden in die
gleiche Kategorie eingereiht, weil ihre Intelligenz nicht so bhāratāmta-sarvasvaˆ
sehr entwickelt ist, doch sagt der Herr, daß auch sie Ihn viŠu-vaktrād viniƒstam
erreichen können. Und nicht nur sie, sondern sogar gītā-ga‰godakaˆ pītvā
Menschen, die noch tiefer stehen, haben diese Möglichkeit. punar janma na vidyate
Jeder, ganz gleich wer es ist, der sich an diesen Grundsatz
des bhakti-yoga hält und den Höchsten Herrn als das Man sagt, wer das Wasser der Ga‰gā trinke, werde
summum bonum des Lebens, das höchste Ziel, anerkennt, ebenfalls erlöst, ganz zu schweigen also von jemand, der
kann den Herrn in der spirituellen Welt erreichen. Wenn den Nektar der Bhagavad-gītā trinkt. Die Gītā ist der
man den Prinzipien folgt, die in der Bhagavad-gītā Nektar des Mahābhārata, das von ViŠu Selbst gesprochen
21

wurde. Śrī KŠa ist der ursprüngliche ViŠu. Die Gītā


stammt aus dem Mund der Höchsten Persönlichkeit Gottes,
und die Ga‰gā geht von den Lotosfüßen des Herrn aus.
Natürlich besteht zwischen dem Mund und den Füßen des
Höchsten Herrn kein Unterschied, doch kommt man bei
einer neutralen Studie zu dem Schluß, daß die Bhagavad-
gītā noch wichtiger ist als die Ga‰gā.

sarvopaniado gāvo
dogdhā gopāla-nandanaƒ
pārtho vatsaƒ su-dhīr bhoktā
dugdhaˆ gītāmtaˆ mahat

Diese Gītopaniad ist genau wie eine Kuh, und Śrī KŠa,
der als Kuhhirtenjunge berühmt ist, melkte diese Kuh. Die
Gītā ist die Essenz aller Upaniaden und wird mit einer
Kuh verglichen, und weil der Herr ein geschickter
Kuhhirtenjunge ist, melkt Er die Kuh; Arjuna (partha-
vatsa), der einem Kalb gleicht, und große Gelehrte und
Gottgeweihte (suri-bhakta) sind dazu ausersehen, die Milch
entgegenzunehmen. Die nektargleiche Milch der
Bhagavad-gītā ist für gelehrte Gottgeweihte bestimmt.

ekaˆ śāstraˆ devakī-putra-gītam


eko devo devakī-putra eva
eko mantras tasya nāmāni yāni
karmāpy ekaˆ tasya devasya sevā
(Gītā-māhātmya 7)

Die Welt sollte aus der Bhagavad-gītā die folgende Lehre


ziehen: ekaˆ śāstraˆ
devakī-putra-gītam. Es gibt nur eine gemeinsame Schrift
für die gesamte Menschheit - die Bhagavad-gītā. Eko devo
devakī-putra eva: es gibt nur einen Gott für die ganze Welt
- Śrī KŠa. Eko mantras tasya nāmāni: Es gibt nur eine
Hymne oder einen mantra, ein Gebet, nämlich Seinen
Namen zu chanten - Hare KŠa, Hare KŠa, KŠa KŠa ,
Hare Hare / Hare Rāma, Hare Rāma, Rāma Rāma, Hare
Hare, und karmāpy ekaˆ tasya devasya sevā: Es gibt nur
eine Tätigkeit - der Höchsten Persönlichkeit Gottes zu
dienen.

DIE NACHFOLGE DER SPIRITUELLEN MEISTER

Evaˆ paramparā-prāptam imaˆ rājarayo viduƒ (Bg. 4.2).


Diese Bhagavad-gītā Wie Sie Ist wird durch die hier
aufgeführte Nachfolge der spiritueller Meister empfangen:

1) KŠa; 2) Brahmā; 3) Nārada; 4) Vyāsa; 5) Madhva; 6)


Padmanābha; 7) Nhari; 8) Mādhava; 9) Akobhya; 10)
Jayatīrtha; 11) Jñānasindhu; 12) Dayānidhi; 13)
Vidhyānidhi; 14) Rājendra; 15) Jayadharma; 16)
Puruottama; 17) BrahmaŠyatīrtha; 18) Vyāsatīrtha; 19)
Lakmīpati; 20) Mādhavendra Purī; 21) Īśvara Purī
(Nityānanda, Advaita); 22) Śrī Caitanya; 23) Rūpa
(Svarūpa, Sanātana); 24) Raghunātha, Jīva; 25) KŠadāsa;
26) Narottama; 27) Viśvanātha; 28) (Baladeva) Jagannātha;
29) Bhaktivinoda; 30) Gaurakiśora; 31) Bhaktisiddhānta
Sarasvatī; 32) His Divine Grace A.C. Bhaktivedanta Swami
Prabhupāda.
22

ERSTES KAPITEL Das Wort dharma-ketra (ein Ort, an dem religiöse Rituale
vollzogen werden) ist bedeutsam, weil auf dem
Schlachtfeld von Kuruketra die Höchste Persönlichkeit
Arjuna beobachtet die Heere auf dem Gottes auf der Seite Arjunas stand. Dhtarā˜ra, der Vater
Schlachtfeld von Kuruketra der Kurus, hatte am endgültigen Sieg seiner Söhne starke
Zweifel, und so fragte er seinen Sekretär Sañjaya: "Was
VERS 1 taten meine Söhne und die Söhne PāŠus?“ Er war sich
sicher, daß sich sowohl seine Söhne als auch die Söhne
dhtarā˜ra uvāca seines jüngeren Bruders PāŠu auf diesem Feld von
dharma-ketre kuru-ketre Kuruketra versammelt hatten, um sich mit
samavetā yuyutsavaƒ Entschlossenheit zu bekriegen. Er wünschte keinen
māmakāƒ pāŠavāś caiva Kompromiß zwischen den Vettern und Brüdern und wollte
kim akurvata sañjaya über das Schicksal seiner Söhne auf dem Schlachtfeld
Gewißheit haben. Da es so arrangiert war, daß diese
dhtarā˜raƒ—König Dhtarā˜ra; uvāca—sprach; Schlacht bei Kuruketra gekämpft werden sollte, das an
dharma-ketre—an der Pilgerstätte; kuru-ketre—an dem einer anderen Stelle in den Veden als eine Stätte der
Ort, der Kuruketra genannt wird; samavetāƒ—versammelt; Verehrung - selbst für die Bewohner der himmlischen
yuyutsavaƒ—kampflustig; māmakāƒ—meine Partei Planeten - erwähnt wird, war Dhtarā˜ra über den Einfluß
(Söhne); pāŠavāƒ—die Söhne PāŠus; ca—und; eva— des heiligen Ortes auf den Ausgang der Schlacht von
gewiß; kim—was; akurvata—taten sie; sañjaya—o großer Furcht erfüllt. Er wußte sehr wohl, daß dies Arjuna
Sañjaya. und dessen Bruder günstig beeinflussen wurde, da sie alle
von Natur aus tugendhaft waren. Sañjaya war ein Schüler
ÜBERSETZUNG Vyāsas, und daher war er durch die Barmherzigkeit Vyāsas
befähigt, das Schlachtfeld von Kuruketra intuitiv vor sich
Dhtarā˜ra sprach: O Sañjaya, was taten meine Söhne zu sehen, obwohl er sich in Dhtarā˜ras Zimmer aufhielt.
und die Söhne PāŠus, als sie sich an der Pilgerstätte Aus diesem Grunde also befragte ihn Dhtarā˜ra über die
von Kuruketra voll Kampflust versammelt hatten? Lage auf dem Schlachtfeld.
Sowohl die PāŠavas als auch die Söhne Dhtarā˜ras
ERLÄUTERUNG gehören zur selben Familie, doch wird hier Dhtarā˜ras
Denkweise enthüllt. Er erhob mit wohlüberlegter Absicht
Bhagavad-gītā ist die vielgelesene, in der Gītā-māhātmya den Anspruch, nur seine Söhne seien Kurus, und schloß die
(Ruhmpreisung der Gītā) zusammengefaßte, theistische Söhne PāŠus vom Familienerbe aus. Man, kann somit die
Wissenschaft. In der Gītā-māhātmya heißt es, man solle die besondere Stellung Dhtarā˜ras in seiner Beziehung zu
Bhagavad-gītā mit der Hilfe eines Menschen, der ein seinen Neffen, den Söhnen PāŠus, verstehen. Schon jetzt
Geweihter Śrī KŠas ist, genau prüfend lesen und Beginn kann man erwarten, daß ebenso, wie in einem
versuchen, sie frei von subjektiv motivierten Reisfeld die nutzlosen Pflanzen ausgerissen werden, auf
Interpretationen zu verstehen. Das Beispiel klaren dem religiösen Feld von Kuruketra, wo der Vater der
Verständnisses findet man in der Bhagavad-gītā selbst, Religion, Śrī KŠa, anwesend war, die unerwünschten
nämlich in der Weise, wie diese Lehre von Arjuna Pflanzen wie Dhtarā˜ras Sohn Duryodhana und andere
verstanden wurde, der die Gīta unmittelbar vom Herrn vernichtet werden und den wahrhaft religiösen Menschen
hörte. Wenn jemand sich so glücklich schätzen kann, die unter der Führung Yudhi˜hiras vom Herrn die Herrschaft
Bhagavad-gītā in dieser Linie der Schülernachfolge, ohne übertragen wird. Dies ist die Bedeutung der Worte dharma-
motivierte Interpretation, zu verstehen, erhebt er sich über ketre und kuru-ketre, wenn man sie einmal abgesehen
alle Studien vedischer Weisheit und alle Schriften der Welt. von ihrer geschichtlichen und vedischen Bedeutung
Man wird in der Bhagavad-gītā all das finden, was in betrachtet.
anderen Schriften enthalten ist, doch wird der Leser auch
Dinge finden, die andernorts nicht zu finden sind. Das ist VERS 2
das Besondere an der Gītā. Sie ist die vollkommene
Gotteswissenschaft, weil sie unmittelbar von der Höchsten sañjaya uvāca
Persönlichkeit Gottes, Śrī KŠa, gesprochen ist. d˜vā tu pāŠavānīkaˆ
Die von Dhtarā˜ra und Sañjaya besprochenen Themen, vyūhaˆ duryodhanas tadā
die im Mahābhārata schrieben sind, bilden das ācāryam upasa‰gamya
Grundprinzip dieser bedeutenden Philosophie. Es wird rājā vacanam abravīt
berichtet, daß diese Philosophie auf dem Schlachtfeld von
Kuruketra offenbart wurde, das schon seit den längst sañjayaƒ—Sañjaya; uvāca—sagte; d˜vā—nachdem er
vergangenen Zeiten der vedischen Kultur eine heilige gesehen hatte; tu—aber; pāŠava-anīkam—die Soldaten der
Pilgerstätte ist. Sie wurde vom Herrn gesprochen, als Er auf PāŠavas; vyūham—in militärischer Ordnung aufgestellt;
diesem Planeten persönlich erschienen war, um die duryodhanaƒ—König Duryodhana; tadā—da; ācāryam—
Menschheit zu unterweisen. der Lehrer; upasa‰gamya—ging zu ihm, da er in der Nähe
war; rājā—der König; vacanam— Worte; abravīt—sprach.
23

ÜBERSETZUNG haben, der fähig war, DroŠācārya zu töten. DroŠācārya


wußte dies sehr wohl, und doch zögerte er als großmütiger
Sañjaya sagte: O König, nachdem König Duryodhana brāhmaŠa nicht, dem Sohn Drupadas, Dh˜adyumna, alle
über die Armee geblickt hatte, die von den Söhnen seine militärischen Geheimnisse anzuvertrauen, als dieser
PāŠus aufgestellt worden war, ging er zu seinem ihm zur militärischen Ausbildung übergeben wurde. Auf
Lehrer und sprach die folgenden Worte: dem Schlachtfeld von Kuruketra wählte Dh˜adyumna die
Seite der PāŠavas, und er war es, der ihre Schlachtordnung
ERLÄUTERUNG aufstellte, nachdem er die Kunst von DroŠācārya erlernt
hatte. Duryodhana machte DroŠācārya auf diesen Fehler
Dhtarā˜ra war von Geburt an blind, und aufmerksam, damit dieser während des Kampfes wachsam
unglückseligerweise mangelte es ihm auch an spiritueller und unnachgiebig sei. Außerdem wollte er hierdurch darauf
Sicht. Er wußte sehr wohl, daß seine Söhne in bezug auf hinweisen, daß DroŠācārya in der Schlacht gegen die
Religion gleichermaßen blind waren, und er war sicher, daß PāŠavas, die ebenfalls seine ihm lieben Schüler waren,
sie sich niemals mit den PāŠavas einigen konnten, die alle nicht ähnlich milde sein solle. Besonders Arjuna war sein
von Geburt an fromm waren. Dennoch kamen ihm wegen liebster und hervorragendsten Schüler. Duryodhana warnte
des Einflusses der Pilgerstätte Zweifel, und Sañjaya konnte auch davor, daß solche Schonung im Kampf zu einer
verstehen, aus welchem Grund er Fragen über die Lage auf Niederlage führen würde.
dem Schlachtfeld stellte. Er wollte den König daher
ermutigen und machte ihn warnend darauf aufmerksam, VERS 4
daß seine Söhne nicht bereit waren, unter dem Einfluß der
heiligen Stätte irgendeinen Kompromiß zu schließen. atra śūrā mahevāsā
Sañjaya teilte dem König weiter mit, daß sein Sohn bhīmārjuna-samā yudhi
Duryodhana sogleich zu seinem Oberbefehlshaber yuyudhāno virā˜aś ca
DroŠācārya ging, nachdem er die militärische Stärke der drupadaś ca mahā-rathaƒ
PāŠavas gesehen hatte, um ihn über die wirkliche Lage zu
unterrichten. Obwohl Duryodhana hier als der König atra—hier; śūrāƒ—Helden; mahevāsāƒ—mächtige
bezeichnet wird, mußte er dennoch, aufgrund der ernsten Bogenschützen; bhīma-arjuna—Bhīma und Arjuna;
Lage, zum Befehlshaber gehen. Er war daher durchaus samāƒ—ebenbürtig; yudhi—im Kampf; yuyudhānaƒ—
geeignet, Politiker zu sein. Aber Duryodhanas Yuyudhāna; virā˜aƒ—Virā˜a; ca—auch; drupadaƒ—
diplomatische Scheinheiligkeit konnte nicht die Furcht Drupada; ca—auch; mahā-rathaƒ—großer Kämpfer.
verbergen, die er verspürte, als er die militärische
Aufstellung der PāŠavas sah. ÜBERSETZUNG

VERS 3 In diesem Heer gibt es viele heldenhafte Bogenschützen,


die Bhīma und Arjuna im Kampf ebenbürtig sind. Auch
paśyaitāˆ pāŠu-putrāŠām sind dort große Kämpfer wie Yuyudhāna, Virā˜a und
ācārya mahatīˆ camūm Drupada.
vyūhāˆ drupada-putreŠa
tava śiyeŠa dhīmatā ERLÄUTERUNG

paśya—betrachte; etām—diese; pāŠu-putrāŠām—die Obwohl Dh˜adyumna angesichts der hervorragenden


Söhne Panus; ācārya—o Lehrer; mahatīm—große; Fähigkeiten DroŠācāryas auf dem Gebiet der Kriegführung
camūm—Streitmacht; vyūhām—aufgestellt; drupada- kein sehr großes Hindernis war, gab es dennoch viele
putreŠa—von dem Sohn Drupadas; tava—deinem; andere, die Anlaß zu Befürchtungen gaben. Sie werden von
śiyeŠa—Schüler; dhīmatā—sehr intelligent. Duryodhana als große Hindernisse auf dem Weg zum Sieg
bezeichnet, denn jeder einzelne von ihnen war ebenso
ÜBERSETZUNG furchterregend wie Bhīma und Arjuna. Er kannte die Stärke
Bhīmas und Arjunas und verglich daher die anderen mit
O mein Lehrer, betrachte das gewaltige Heer der Söhne ihnen.
PāŠus, das dein intelligenter Schüler, der Sohn
Drupadas, so geschickt aufstellte. VERS 5

ERLÄUTERUNG dhtaketuś cekitānaƒ


kāśirājaś ca vīryavān
Duryodhana, ein geschickter Diplomat, wollte auf die purujit kuntibhojaś ca
Fehler DroŠācāryas, des großen brāhmaŠa- śaibyaś ca nara-pu‰gavaƒ
Oberbefehlshabers, aufmerksam machen. DroŠācārya hatte
mit König Drupada, dem Vater Draupadīs, die Arjunas dh˜aketuƒ—Dh˜aketu; cekitānaƒ—Cekitana;
Gattin war, politische Streitigkeiten gehabt. Als Folge kāśirājaƒ—Kasirāja; ca—auch; vīryavān—sehr mächtig;
dieser Auseinandersetzung vollzog Drupada ein großes purujit—Purujit; kuntibhojaƒ—Kuntibhoja; ca—und;
Opfer, durch das er die Segnung empfing, einen Sohn zu
24

śaibyaƒ—Śaibya; ca—und; nara-pu‰gavaƒ—Helden in der


menschlichen Gesellschaft. ÜBERSETZUNG

ÜBERSETZUNG Es gibt dort Persönlichkeiten wie dich selbst, Bhīma,


KarŠa, Kpa, Aśvatthāmā, VikarŠa und den Sohn
Dort sind auch so bedeutende, heldenhafte und Somadattas mit Namen Bhūriśravā, die in der Schlacht
mächtige Kämpfer wie Dh˜aketu, Cekitāna, Kāśirāja, immer siegreich sind.
Purujit, Kuntibhoja und Śaibya.
ERLÄUTERUNG
VERS 6
Duryodhana erwähnte die herausragenden Helden der
yudhāmanyuś ca vikrānta Schlacht, die alle immer siegreich sind. VikarŠa ist der
uttamaujāś ca vīryavān Bruder Duryodhanas; Aśvatthāmā ist der Sohn
saubhadro draupadeyāś ca DroŠācāryas, und Saumadatti oder Bhūriśravā ist der Sohn
sarva eva mahā-rathāƒ des Königs der Bhālīker. KarŠa ist der Halbbruder Arjunas,
da er von Kuntī geboren wurde, ehe sie König PāŠu
yudhāmanyuƒ—Yudhāmanyu; ca—und; vikrāntaƒ— heiratete. Kpācārya heiratete die Zwillingsschwester
mächtig; uttamaujāƒ—Uttamaujā; ca—und; vīryavān—sehr DroŠācāryas.
mächtig; saubhadraƒ—der Sohn Subhadras;
draupadeyāƒ—die Söhne Draupadīs; ca—und; sarve—alle; VERS 9
eva—gewiß; mahā-rathāƒ—große Wagenkämpfer.
anye ca bahavaƒ śūrā
ÜBERSETZUNG mad-arthe tyakta jīvitāƒ
nānā śastra-praharaŠāƒ
Dort stehen der gewaltige Yudhāmanyu, der machtvolle sarve yuddha-viśāradāƒ
Uttamaujā, der Sohn Subhadrās und die Söhne
Draupadīs. All diese Krieger sind große Wagenkämpfer. anye—viele andere; ca—auch; bahavaƒ—in großer Zahl;
śūrāƒ—Helden; mad-arthe—um meinetwillen;
VERS 7 tyakta-jīvitāƒ—bereit, das Leben zu wagen; nānā—viele;
śastra—Waffen; praharaŠāƒ—ausgerüstet mit; sarve—sie
asmākaˆ tu viśi˜ā ye alle; yuddha—Schlacht; viśāradāƒ—in der militärischen
tān nibodha dvijottama Wissenschaft erfahren.
nāyakā mama sainyasya
saˆjñārthaˆ tān bravīmi te ÜBERSETZUNG

asmākam—unser; tu—aber; viśi˜āƒ—besonders mächtig; Es gibt noch viele andere Helden, die bereit sind, um
ye—diejenigen; tān —ihnen; nibodha—beachte bitte, sei meinetwillen ihr Leben zu wagen. Sie alle sind sehr gut
unterrichtet; dvijottama—der beste der brāhmaŠas: mit verschiedenartigen Waffen ausgerüstet, und alle
nāyakāƒ—Hauptleute; mama—meine; sainyasya—der sind in der militärischen Wissenschaft erfahren.
Soldaten; saˆjñāartham—zur Information; tān—ihnen;
bravīmi—ich spreche; te-deiner. ERLÄUTERUNG

ÜBERSETZUNG Was die anderen betrifft - wie Jayadratha, Ktavarmā oder


Śalya -, so sind alle entschlossen, für Duryodhana ihr
O bester der brāhmaŠas, laß mich dir zu deiner Leben zu opfern. Mit anderen Worten: Es ist bereits klar,
Information mitteilen, welche Hauptleute besonders daß sie alle in der Schlacht von Kuruketra sterben werden,
geeignet sind, meine Streitmacht zu führen. weil sie sich der Partei des sündigen Duryodhana
angeschlossen haben. Aufgrund der oben erwähnten
VERS 8 vereinigten Kräfte seiner Freunde war Duryodhana
natürlich von seinem Sieg überzeugt.
bhavān bhīmaś ca karŠaś ca
kpaś ca samitiñjayaƒ VERS 10
aśvatthāmā vikarŠaś ca
saumadattis tathaiva ca aparyāptaˆ tad asmākaˆ
balaˆ bhīmābhirakitam
bhavān—du selbst; bhīmaƒ—Großvater Bhīma; ca—auch; paryāptaˆ tv idam eteāˆ
karŠaƒ—KarŠa; ca—und; kpaƒ—Kpa; ca—und; balam bhīmābhirakitam
samitiñjayaƒ—in der Schlacht immer siegreich;
aśvatthāmā—Aśvatthamā; vikarŠaƒ—VikarŠa; ca—ebenso aparyāptam—unermeßlich; tat—das; asmākam—unsere;
wie; saumadattiƒ—der Sohn Somadattas; tathā—und wie; balam—Stärke; bhīma—von Großvater Bhīma;
eva—gewiß; ca—und. abhirakitam—vollendet beschützt; paryāptam—begrenzt;
25

tu—aber; idam—all diese; eteām—der PāŠavas; balam— anderen Helden ihre strategischen Stellungen nicht
Stärke; bhīma—von Bhīma; abhirakitam—sorghaltig verlassen und so dem Feind gestatten würden, die
beschützt. Schlachtreihe zu durchbrechen. Duryodhana spürte
deutlich, daß der Sieg der Kurus von der Gegenwart
ÜBERSETZUNG Bhīmadevas abhing. Er war sich der vollen Unterstützung
Bhīmadevas und DroŠācāryas in der Schlacht gewiß, da er
Unsere Stärke ist unermeßlich, und wir werden von sehr wohl wußte, daß sie nicht ein einziges Wort gesagt
Großvater Bhīma vollendet beschützt, wohingegen die hatten, als Arjunas Gattin Draupadī sie um Gerechtigkeit
Stärke der PāŠavas, die von Bhīma sorgfältig angefleht hatte, als sie in völliger Hilflosigkeit gezwungen
beschützt werden, begrenzt ist. wurde, sich vor allen großen Generälen in der
Versammlung zu entkleiden. Obwohl er wußte, daß die
ERLÄUTERUNG beiden Feldherren eine gewisse Zuneigung zu den
PāŠavas hegten, hoffte er, sie würden jetzt solche
Hier wird von Duryodhana das Stärkeverhältnis Zuneigung vollständig aufgeben, ebenso wie sie es
abgeschätzt. Er glaubt, die Stärke seiner Streitkräfte sei während gemeinsamer Glücksspiele getan hatten.
unermeßlich, da sie der erfahrenste General, Großvater
Bhīma, besonders beschütze. Demgegenüber seien die VERS 12
Streitkräfte der PāŠavas begrenzt, da diese ein weniger
erfahrener General, nämlich Bhīma, beschütze, der in der tasya sañjanayan haraˆ
Gegenwart Bhīmas wie ein Zwerg erscheine. Duryodhana kuru-vddhaƒ pitāmahaƒ
hatte Bhīma immer schon beneidet, da er sehr genau wußte, siˆha-nādaˆ vinadyoccaiƒ
daß er nur von Bhīma getötet werden würde, falls er śa‰khaˆ dadhmau pratāpavān
überhaupt sterben sollte; aber gleichzeitig war er durch die
Gegenwart Bhīmas, der ein weitaus überlegenerer Feldherr tasya—sein; sañjanayan—anwachsend; haram—
war, von seinem Sieg überzeugt. Seine Schlußfolgerung, Frohlocken; kuru-vddaƒ—der Ahnherr der Kuru-Dynastie
daß er aus der Schlacht siegreich hervorgehen würde, (Bhīma); pitāmahaƒ—der Großvater; siˆha-nādam—
beruhte auf genauen Überlegungen. Dröhnen, wie das Brüllen eines Löwen; vinadya—ertönen
lassend; uccaiƒ—sehr laut; śa‰kham—Muschelhorn;
VERS 11 dadhmau—blies; pratāpavān—der heldenhafte.

ayaneu ca sarveu ÜBERSETZUNG


yathā-bhāgam avasthitāƒ
bhīmam evābhirakantu Darauf blies Bhīma, der große, heldenhafte Ahnherr
bhavantaƒ sarva eva hi der Kuru-Dynastie, der Großvater der Kämpfer, sehr
laut sein Muschelhorn. Es dröhnte wie das Brüllen eines
ayaneu—an den strategischen Punkten; ca—auch; Löwen und erfüllte Duryodhana mit Freude.
sarveu—überall; yathābhāgam—wie sie auf vielerlei
Weise aufgestellt sind; avasthitāƒ—gelegen; bhīmam— ERLÄUTERUNG
Großvater Bhīma; eva—gewiß; abhirakantu—
Unterstützung möge gewährt werden; bhavantaƒ—ihr alle; Der Ahnherr der Kuru-Dynastie konnte verstehen, was im
sarve—jeweilig; eva—gewiß; hi—und genau. Herzen seines Enkels Duryodhana vorging, und aus
natürlichem Mitgefühl versuchte er, ihn anzuspornen,
ÜBERSETZUNG indem er sehr laut in sein Muschelhorn blies, was seiner
löwengleichen Stellung angemessen war. Durch die
Jetzt müßt ihr Großvater Bhīma volle Unterstützung Symbolik des Muschelhorns gab er aber zugleich seinem
gewähren, indem ihr eure jeweiligen strategischen niedergeschlagenen Enkel indirekt zu verstehen, daß er
Punkte an der Heeresfront einnehmt. keine Chance habe, in der Schlacht siegreich zu sein, da der
Höchste Herr, Śrī KŠa, auf der anderen Seite stehe.
ERLÄUTERUNG Nichtsdestoweniger war es seine Pflicht, den Kampf
durchzuführen, und er würde dabei keine Mühen scheuen.
Nachdem Duryodhana die Tapferkeit Bhīmas gepriesen
hatte, bedachte er, andere könnten glauben, sie seien als VERS 13
weniger wichtig angesehen worden, und so versuchte er in
seiner üblichen diplomatischen Art, die Lage mit den tataƒ śa‰khāś ca bheryaś ca
obigen Worten zu bereinigen. Er betonte, Bhīmadeva sei paŠavānaka-gomukhāƒ
zweifellos der größte Held, doch sei er ein alter Mann, und sahasaivābhyahanyanta
daher solle jeder besonders darauf achten, ihm von allen sa śabdas tumulo 'bhavat
Seiten Deckung zu geben. Er mochte in den Kampf
verwickelt werden, und wenn Bhīma auf einer Seite völlig tataƒ—danach; śa‰khāƒ—Muschelhörner; ca—auch;
in Anspruch genommen sei, könne der Feind dies unter bheryaƒ—Signalhörner; ca—und; paŠava-ānaka—
Umständen ausnutzen. Daher sei es wichtig, daß die Trompeten und Trommeln; go-mukhāƒ—Hörner; sahasā—
26

plötzlich; eva—gewiß; abhyahanyanta—sie ertönten pāñcajanyam—das Muschelhorn namens Pāñcajanya;


gleichzeitig; saƒ—daß; śabdaƒ— gemeinsamer Klang; hīkeśaƒ—Hīkeśa (KŠa, der Herr, der die Sinne der
tumulaƒ—stürmisch; abhavat—wurde. Gottgeweihten lenkt); devadattam—das Muschelhorn
namens Devadatta; dhanañjayaƒ—Dhananjaya (Arjuna, der
ÜBERSETZUNG Gewinner von Reichtum); pauŠram—die Muschel namens
PauŠram; dadhmau—blies; mahā-śa‰kham—das
Da ertönten plötzlich alle Muschelhörner, Signalhörner, furchterregende Muschelhorn; bhīma-karmā—jemand, der
Trompeten, Trommeln und Hörner, und der herkulische Taten vollbringt; vkodaraƒ—der unersättliche
gemeinsame Klang war gewaltig. Esser (Bhīma).

VERS 14 ÜBERSETZUNG

tataƒ śvetair hayair yukte Darauf ließ Śrī KŠa Sein Muschelhorn mit Namen
mahati syandane sthitau Pañcajanya erschallen; Arjuna blies in das seine, das
mādhavaƒ pāŠavaś caiva Devadatta, und Bhīma, der unersättliche Esser und
divyau śa‰khau pradadhmatuƒ Vollbringer herkulischer Taten, blies in sein
furchterregendes Muschelhorn namens PauŠram.
tataƒ—danach; śvetaiƒ—von weißen; hayaiƒ—Pferden;
yukte—angespannt; mahati—in dem großen; syandane— ERLÄUTERUNG
Streitwagen; sthitau—so sich befindend; mādhavaƒ—
KŠa (der Gemahl der Glücksgöttin); pāŠavaƒ—Arjuna Śrī KŠa wird in diesem Vers als Hīkeśa bezeichnet, da
(der Sohn PāŠus); ca— auch; eva—gewiß; divyau— Er der Eigentümer aller Sinne ist. Die Lebewesen sind
transzendentale; śa‰khau—Muschelhörner; pradadhma- winzige Bestandteile von Ihm, und daher sind die Sinne der
tuƒ—ließen erschallen. Lebewesen ebenfalls Bestandteile Seiner Sinne. Die
Unpersönlichkeitsphilosophen wissen die Sinne der
ÜBERSETZUNG Lebewesen nicht zu schätzen und sind deshalb immer
bestrebt, die Lebewesen als ohne Sinne oder unpersönlich
Auf der Gegenseite ließen sowohl KŠa als auch zu beschreiben. Der Herr, der in den Herzen aller
Arjuna, die auf einem großen, von weißen Pferden Lebewesen weilt, lenkt ihre Sinne, doch lenkt Er sie je nach
gezogenen Streitwagen standen, ihre transzendentalen dem Grad der Hingabe des Lebewesens, und im Falle eines
Muschelhörner erschallen. reinen Gottgeweihten lenkt Er die Sinne unmittelbar. Hier
auf dem Schlachtfeld von Kuruketra lenkt der Herr die
ERLÄUTERUNG transzendentalen Sinne Arjunas direkt, und so erklärt es
sich, daß Er in diesem Vers als Hīkeśa bezeichnet wird.
Im Gegensatz zu dem von Bhīmadeva geblasenen Der Herr hat verschiedene Namen, je nach Seinen
Muschelhorn werden die Muschelhörner in den Händen verschiedenen Betätigungen. Zum Beispiel trägt Er den
von KŠa und Arjuna als transzendental bezeichnet. Das Namen Madhusūdana, weil Er den Dämon Madhu tötete;
Erschallen der transzendentalen Muschelhörner deutete an, Sein Name ist Govinda, weil Er den Kühen und den Sinnen
daß es für die andere Seite keine Hoffnung auf Sieg gab, da Freude schenkt; Sein Name ist Vāsudeva, weil Er als der
KŠa auf der Seite der PāŠavas stand. Jayas tu pāŠu- Sohn Vasudevas erschien; Sein Name ist Devakī-nandana,
putrāŠāˆ yeāˆ pake janārdanaƒ. "Sieg ist immer mit weil Er Devakī als Seine Mutter annahm; Sein Name ist
solchen Menschen, die den Söhnen PāŠus gleichen, da Śrī Yaśodā-nandana, weil Er mit den Spielen Seiner Kindheit
KŠa bei ihnen ist." Und wann immer und wo immer der Yaodā in Vndāvana beglückte, und Sein Name lautet
Herr gegenwärtig ist, dort findet man auch die Göttin des Pārtha-sārathi, weil er der Wagenlenker Seines Freundes
Glücks, die niemals allein, ohne ihren Gemahl, lebt. Daher Arjuna war. In ähnlicher Weise trägt Er den Namen
erwarteten Arjuna Sieg und Glück, wie der transzendentale Hīkeśa, weil Er Arjuna auf dem Schlachtfeld von
Klang, der aus dem Muschelhorn KŠas erschallte, Kuruketra Führung gab.
andeutete. Außerdem war der Streitwagen, auf dem die Arjuna wird in diesem Vers als Dhanañjaya bezeichnet,
beiden Freunde saßen, ein Geschenk Agnis, des weil er seinem älteren Bruder dabei half, Reichtum zu
Feuergottes, an Arjuna, was bedeutete, daß man mit diesem erlangen, als der König diesen benötigte, um die Ausgaben
Streitwagen, wo immer er in den drei Welten gezogen für verschiedene Opfer zu bestreiten. In ähnlicher Weise ist
werden würde, alle Himmelsrichtungen erobern konnte. Bhīma als Vkodara bekannt, weil er sowohl ungeheure
Mengen essen als auch herkulische Taten vollbringen
VERS 15 konnte, wie zum Beispiel den Dämon Hiimba töten. Der
Klang der verschiedenen Arten von Muschelhörnern, die
pāñcajanyaˆ hīkeśo die verschiedenen Persönlichkeiten auf seiten der PāŠavas
devadattaˆ dhanañjayaƒ bliesen, angefangen mit dem Muschelhorn des Herrn, war
pauŠraˆ dadhmau mahā-śa‰khaˆ für die kampfbereiten Soldaten sehr ermutigend. Auf der
bhīma-karmā vkodaraƒ anderen Seite gab es keine solche Ermutigung; noch waren
der Herr, der Höchste Lenker, oder die Glücksgöttin
gegenwärtig. Es war den Kurus also vorherbestimmt, die
27

Schlacht zu verlieren - das war die Botschaft, die der Klang Die Vorzeichen deuteten schon jetzt klar darauf hin, daß
der Muschelhörner verkündete. die gesamte Kuru-Dynastie in dieser großen Schlacht
vernichtet werden würde. Angefangen mit dem Ahnherrn,
VERS 16-18 Bhīma, bis hinab zu den Enkeln, wie Abhimanyu und
anderen - Könige aus vielen Reichen der Erde nicht
anantavijayaˆ rājā ausgenommen -, waren alle dort Anwesenden dem
kuntī-putro yudhi˜hiraƒ Untergang geweiht. Die ganze Katastrophe war die Schuld
nakulaƒ sahadevaś ca König Dhtarā˜ras, weil er die Pläne seiner Söhne
sughoa-maŠipupakau unterstützte.

kāśyaś ca paramevāsaƒ VERS 19


śikhaŠī ca mahā-rathaƒ
dh˜adyumno virā˜aś ca sa ghoo dhārtarā˜rāŠāˆ
sātyakiś cāparājitaƒ hdayāni vyadārayat
nabhaś ca pthivīˆ caiva
drupado draupadeyāś ca tumulo 'bhyanunādayan
sarvaśaƒ pthivī-pate
saubhadraś ca mahā-bāhuƒ saƒ—diese; ghoaƒ—Schwingung; dhārtarā˜rāŠām—der
śa‰khān dadhmuƒ pthak pthak Söhne Dhtarā˜ras; hdayāni—Herzen; vyadārayat—
zerriß; nabhaƒ-der Himmel; ca—auch; pthivīm—die
anantavijayam—die Muschel namens Anantavijaya; rājā-er Erdoberfläche; ca—auch; eva—gewiß; tumulaƒ—tosend;
König; kuntī-putraƒ—der Sohn Kuntīs; yudhi˜hiraƒ— abhyanunādayan—durch Widerhall.
Yudhi˜hira; nakulaƒ—Nakula; sahadevaƒ—Sahadeva;
ca—und; sughoa-maŠipupakau-die Muscheln namens ÜBERSETZUNG
Sughoa und MaŠipupaka; kāśyaƒ-der König von Kāśī
oder VārāŠasī; ca—und; paramevāsaƒ-der große Der Klang der verschiedenen Muschelhörner wurde
Bogenschütze; śikhaŠī—ŚikhaŠī; ca—auch; tosend, und da er sowohl im Himmel als auch auf der
mahā-rathaƒ—jemand, der allein gegen Tausende kämpfen Erde widerhallte, zerriß er die Herzen der Söhne
kann; dh˜adyumnaƒ—Dh˜adyumna (der Sohn Dhtarā˜ras.
Drupadas); virā˜aƒ—Virā˜a (der Prinz, der den PāŠavas
Zuflucht gewāhrte, als sie sich verbergen mußten); ca— ERLÄUTERUNG
auch; sātyakiƒ—Sātyaki (auch Yuyudhāna genannt, der
Wagenlenker Śrī KŠas); ca—und; aparājitaƒ-die niemals Als Bhīma und die anderen Krieger auf der Seite
zuvor besiegt worden waren; drupadaƒ—Drupada, der Duryodhanas ihre jeweiligen Muschelhörner ertönen
König von Pāñcāla; draupadeyāƒ-die Söhne Draupadīs; ließen, gab es auf der Seite der PāŠavas kein
ca—auch; sarvaśaƒ—alle; pthivī-pate—o König; Herzzerreißen. Vorkommnisse dieser Art werden nicht
saubhadraƒ-der Sohn Subhadrās (Abhimanyu); ca—auch; erwähnt, doch heißt es in eben diesem Vers, daß die Herzen
mahā-bāhuƒ—mächtig bewaffnet; śa‰khān— der Söhne Dhtarā˜ras von den Klängen zerrissen wurden,
Muschelhörner; dadhmuƒ—bliesen; pthak pthak—jeder die die Partei der PāŠavas erzeugte. Dies ist auf die
für sich. PāŠavas und ihr Vertrauen auf Śrī KŠa zurückzuführen.
Jemand, der beim Höchsten Herrn Zuflucht sucht, hat selbst
ÜBERSETZUNG inmitten des größten Unheils nichts zu fürchten.

König Yudhi˜hira, der Sohn Kuntīs, ließ sein VERS 20


Muschelhorn, das Anantavijaya, ertönen, und Nakula
und Sahadeva bliesen das Sughoa und das atha vyavasthitān d˜vā
MaŠipupaka. Der große Bogenschütze, nämlich der dhārtarā˜rān kapi-dhvajaƒ
König von Kāśī, der große Kämpfer ŚikhaŠī, pravtte śastra-sampāte
Dh˜adyumna, Virā˜a und der unbezwingbare Sātyaki, dhanur udyamya pāŠavaƒ
Drupada, die Söhne Draupadīs und die anderen, o hīkeśaˆ tadā vākyam
König, wie der Sohn Subhadrās, ließen ebenfalls, idam āha mahī-pate
mächtig bewaffnet, ihre jeweiligen Muschelhörner
erschallen. atha—darauf; vyavasthitān—sich befindend; d˜vā—
betrachtend; dhārtarā˜rān—die Söhne Dhtarā˜ras;
ERLÄUTERUNG kapi-dhvajaƒ-jemand, dessen Fahne mit dem Zeichen
Hanumāns versehen ist; pravtte-während er gerade daran
Sañjaya gab König Dhtarā˜ra mit sehr viel Feingefühl zu ging; śastra-sampāte—die Pfeile abzuschießen; dhanuƒ—
verstehen, daß seine unkluge Politik, die Söhne PāŠus zu Bogen; udyamya—nachdem er aufgenommen hatte;
betrügen und sich darum zu bemühen, die eigenen Söhne pāŠavaƒ—der Sohn PāŠus (Arjuna); hīkeśam—zu Śrī
auf den Thron des Königreichs zu bringen, nicht sehr KŠa; tadā—da; vākyam—Worte; idam—diese; āha—
lobenswert sei. sprach; mahī-pate—o König.
28

kann, wer hier anwesend ist, wen es zu kämpfen gelüstet


ÜBERSETZUNG und mit wem ich mich in dieser großen Schlacht zu
messen habe.
O König, da nahm Arjuna, der Sohn PāŠus, der auf
seinem Streitwagen saß und dessen Fahne mit dem ERLÄUTERUNG
Zeichen Hanumāns versehen war, seinen Bogen auf und
machte sich bereit, seine Pfeile abzuschießen, während Obwohl Śrī KŠa die Höchste Persönlichkeit Gottes ist,
er nach den Söhnen Dhtarā˜ras blickte. O König, betätigte Er Sich aus Seiner grundlosen Barmherzigkeit im
daraufhin sprach Arjuna zu Hīkeśa [KŠa] die Dienst Seines Freundes. Er fehlt niemals darin, Seine
folgenden Worte. Geweihten zuneigungsvoll zu behandeln, und deshalb wird
Er hier als unfehlbar bezeichnet. Als Wagenlenker mußte
ERLÄUTERUNG Er Arjunas Befehle ausführen, und da Er nicht zögerte, dies
zu tun, wird Er als unfehlbar bezeichnet. Obwohl Er die
Die Schlacht sollte jeden Augenblick beginnen. Man kann Rolle des Wagenlenkers Seines Geweihten angenommen
aus der obigen Darstellung verstehen, daß die Söhne hatte, war Seine Stellung als der Höchste nicht in Frage
Dhtarā˜ras entmutigt waren, als sie die unerwartete gestellt. Unter allen Umständen ist Er die Höchste
Aufstellung der Streitkräfte der PāŠavas sahen, die durch Persönlichkeit Gottes, Hīkeśa, der Herr der Gesamtheit
die direkten Unterweisungen Śrī KŠas auf dem aller Sinne. Die Beziehung zwischen dem Herrn und
Schlachtfeld geführt wurden. Seinem Diener ist sehr süß und transzendental. Der Diener
Das Emblem Hanumāns auf der Fahne Arjunas ist ein ist immer bereit, dem Herrn einen Dienst zu leisten, und in
weiteres Zeichen des Sieges, denn Hanumān stellte sich in ähnlicher Weise sucht auch der Herr immer nach einer
der Schlacht zwischen Rāma und RāvaŠa auf die Seite Śrī Gelegenheit, Seinem Geweihten irgendeinen Dienst zu
Rāmas, und Śrī Rāma war siegreich. Jetzt waren sowohl erweisen. Er findet größere Freude daran, wenn Sein reiner
Rāma als auch Hanumān auf dem Streitwagen Arjunas Geweihter die vorteilhafte Stellung einnimmt, Ihm zu
anwesend, um Arjuna beizustehen. Śrī KŠa ist Rāma befehlen, als wenn Er es ist, der Befehle erteilt. Da Er der
Selbst, und wo immer Śrī Rāma Sich aufhält, dort sind auch Meister ist, muß jeder Seinen Anordnungen nachkommen -
Sein ewiger Diener Hanumān und Seine ewige Gefährtin niemand steht über Ihm, der Ihm Befehle geben könnte -,
Sītā, die Glücksgöttin, anzutreffen. doch wenn Er sieht, daß ein reiner Gottgeweihter Ihm
Es gab daher für Arjuna keinen Grund, irgendwelche befiehlt, erfährt Er transzendentale Freude, obwohl Er der
Feinde zu fürchten. Und vor allem war der Herr der Sinne, unfehlbare Herr aller Umstände ist.
Śrī KŠa, persönlich gegenwärtig, um ihm Weisungen zu Als ein reiner Geweihter des Herrn hatte Arjuna kein
erteilen. Was also die Durchführung der Schlacht betraf, so Verlangen, mit seinen Vettern und Brüdern zu kämpfen,
standen Arjuna alle guten Ratschläge zur Verfügung. In doch durch den Starrsinn Duryodhanas, der niemals
solch glückverheißenden Umständen, die vom Herrn für irgendeinem Friedensangebot zugestimmt hatte, war er
Seinen Geweihten geschaffen worden waren, lagen die gezwungen, auf das Schlachtfeld zu kommen. Voller
Zeichen sicheren Sieges. Erwartung wollte er deshalb sehen, wer die auf dem
Schlachtfeld versammelten führenden Persönlichkeiten
VERS 21-22 waren. Obwohl eine Friedensbemühung auf dem
Schlachtfeld ausgeschlossen war, wollte er sie dennoch
arjuna uvāca wiedersehen und sehen, wie sehr sie danach drängten,
senayor ubhayor madhye diesen unerwünschten Krieg zu führen.
rathaˆ sthāpaya me'cyuta
yāvad etān nirīke'haˆ VERS 23
yoddhu-kāmān avasthitān
kair mayā saha yoddhavyam yotsyamānān aveke'haˆ
asmin raŠa-samadyame ya ete'tra samāgatāƒ
dhārtarā˜rasya durbuddher
arjunaƒ—Arjuna; uvāca—sagte; senayoƒ—der Heere; yuddhe priya-cikīravaƒ
ubhayoƒ—beider Parteien; madhye—zwischen sie;
ratham—den Streitwagen; sthāpaya—bitte lenke; me— yotsyamānān—diejenigen, die kämpfen werden; aveke—
meinen; acyuta—o Unfehlbarer; yāvat—solange wie; laß mich sehen; aham—ich; ye—die; ete—jene; atra—hier;
etān—alle diese; nirīke—betrachten möge; aham—ich; samāgatāƒ—versammelt; dhārtarā˜rasya—der Sohn
yoddhu-kāmān—kampflustig; avasthitān—auf dem Dhtarā˜ras; durbuddheƒ—bösartig; yuddhe—im Kampf;
Schlachtfeld aufgestellt; kaiƒ—mit wem; mayā—von mir; priya—gut; cikīravaƒ—wünschend.
saha—mit; yoddhavyam—zu kämpfen mit; asmin—in
diesem; raŠa—Kampf; samadyame—bei dem Versuch. ÜBERSETZUNG

ÜBERSETZUNG Laß mich diejenigen sehen, die hierher gekommen sind,


um zu kämpfen und so den bösartigen Sohn
Arjuna sagte: O Unfehlbarer, bitte lenke meinen Dhtarā˜ras zu erfreuen.
Streitwagen zwischen die beiden Heere, damit ich sehen
29

ERLÄUTERUNG sarveāˆ ca mahīkitām


uvāca pārtha paśyaitān
Es war ein offenes Geheimnis, daß Duryodhana in samavetān kurūn iti
Zusammenarbeit mit seinem Vater Dhtarā˜ra durch üble
Machenschaften das Königreich der PāŠavas an sich bhīma—Großvater Bhīma; droŠa—DroŠa, der Lehrer;
reißen wollte. Daher mußten all jene die sich Duryodhana pramukhataƒ—vor; sarveām—allen; ca—auch;
angeschlossen hatten, von gleicher Gesinnung sein. Arjuna mahīkitām—Herrscher der Welt; uvāca—sagte; pārtha—o
wollte sie vor Beginn des Kampfes auf dem Schlachtfeld Partha (Sohn Pthās); paśya—betrachte nur; etān—sie alle;
sehen, nur um zu erfahren, um wen es sich handelte; er samavetān—versammelt; kurūn—alle Mitglieder der
hatte nicht die Absicht, ihnen Friedensverhandlungen Kuru-Dynastie; iti—so.
vorzuschlagen. Es war auch eine Tatsache, daß er sie sehen
wollte, um die Stärke abzuschätzen, der er zu begegnen ÜBERSETZUNG
hatte, obgleich er sich des Sieges völlig sicher war, da
KŠa an seiner Seite saß. In Gegenwart von Bhīma, DroŠa und allen anderen
Herrschern der Welt sprach Hīkeśa, der Herr: O
VERS 24 Pārtha, sieh nur all die Kurus, die sich hier versammelt
haben.
sañjaya uvāca
evam ukto hīkeśo ERLÄUTERUNG
guākeśena bhārata
senayor ubhayor madhye Als die Überseele aller Lebewesen konnte Śrī KŠa
sthāpayitvā rathottamam verstehen, was in Arjunas Geist vorging. Der Gebrauch des
Wortes hīkeśa in diesem Zusammenhang weist darauf
sañjayaƒ-Sañjaya; uvāca—sprach; evam—so; uktaƒ— hin, daß Er alles wußte. Und auch das Wort pārtha, was
angesprochen; hīkeśaƒ—Śrī KŠa; guākeśena—von soviel bedeutet wie "Sohn Kuntīs oder Pthās", ist im
Arjuna; bhārata—o Nachkomme Bhāratas [Dhtarā˜ra]; Zusammenhang mit Arjuna ähnlich wichtig. Als Freund
senayoƒ—der Heere; ubhayoƒ—beider; madhye—in der wollte KŠa Arjuna zu verstehen geben, daß Er
Mitte von; sthāpayitvā—indem Er stellte; ratha-uttamam— eingewilligt hatte, sein Wagenlenker zu sein, weil Arjuna
den höchst vortrefflichen Streitwagen. der Sohn Pthās, der Schwester Seines Vaters Vasudeva,
war. Was aber meinte KŠa nun, als Er zu Arjuna sagte
ÜBERSETZUNG "Betrachte nur die Kurus"? Wollte Arjuna jetzt innehalten
und nicht kämpfen? KŠa erwartete niemals so etwas von
Sañjaya sprach: O Nachkomme Bhāratas, so von dem Sohn Seiner Tante Pthā. Die Geisteshaltung Arjunas
Arjuna angesprochen lenkte Śrī KŠa den wurde so vom Herrn in freundschaftlichem Scherzen
vortrefflichen Streitwagen zwischen die Heere beider vorhergesagt.
Parteien.
VERS 26
ERLÄUTERUNG
tatrāpaśyat sthitān pārthaƒ
In diesem Vers wird Arjuna als Guākeśa bezeichnet. pit n atha pitāmahān
Guāka bedeutet „Schlaf“, und jemand, der den Schlaf ācāryān mātulān bhrāt n
bezwingt, wird guākeśa genannt. Schlaf bedeutet auch putrān pautrān sakhīˆs tathā
Unwissenheit. Also bezwang Arjuna dank seiner śvaśurān suhdaś caiva
Freundschaft mit KŠa sowohl Schlaf als auch senayor ubhayor api
Unwissenheit. Als ein großer Geweihter KŠas konnte er
KŠa nicht einmal für einen Augenblick vergessen, da dies tatra—dort; apaśyat—er konnte sehen; sthitān—stehend;
das Wesen eines Gottgeweihten ist. Ob im Wach- oder im pārthaƒ—Arjuna; pit n—Väter; atha—auch; pitāmahān—
Schlafzustand - ein Geweihter des Herrn kann niemals Großväter; ācāryān—Lehrer; mātulān—Onkel
davon frei sein, an KŠas Namen, Gestalt, Eigenschaften mütterlicherseits; bhrāt n—Brüder; putrān—Söhne;
und Spiele zu denken. So kann ein Geweihter KŠas pautrān—Enkel; sakhīn—Freunde; tathā—auch;
sowohl Schlaf als auch Unwissenheit bezwingen, indem er śvaśurān—Schwiegerväter; suhdaƒ—Gönner; ca—auch;
einfach unablässig an KŠa denkt. Das nennt man KŠa- eva—gewiß; senayoƒ-der Heere; ubhayoƒ—beider Parteien;
Bewußtsein oder samādhi. Als Hīkeśa oder der Lenker api—einschließlich.
der Sinne und des Geistes eines jeden Lebewesens konnte
KŠa Arjunas Absicht verstehen, als dieser Ihm befahl, den ÜBERSETZUNG
Streitwagen zwischen beide Heere zu lenken. Er folgte also
dieser Anweisung und sprach dann wie folgt. Da konnte Arjuna, der mitten zwischen den Heeren
beider Parteien stand, seine Väter, Großväter, Lehrer,
VERS 25 Onkel mütterlicherseits, Brüder, Söhne, Enkel, Freunde
und auch seine Schwiegerväter und seine Gönner
bhīma-droŠa-pramukhataƒ erkennen - alle waren dort versammelt.
30

durch Bildung und Kultur auf dem Gebiet materieller


ERLÄUTERUNG Befähigungen auch noch so fortgeschritten sein. Daher
wurde Arjuna, als er seine Familienangehörigen, seine
Auf dem Schlachtfeld konnte Arjuna alle möglichen Freunde und Verwandten auf dem Schlachtfeld gesehen
Verwandten sehen. Er erkannte Persönlichkeiten wie hatte, sogleich von Mitleid mit ihnen überwältigt, die sie
Bhūriśravā, die Altersgenossen seines Vaters waren, sowie sich entschieden hatten, gegeneinander zu kämpfen. Was
seine Großväter Bhīma und Somadatta, Lehrer wie seine eigenen Soldaten betraf, so hatte er von Anfang an
DroŠācārya und Kpācārya, Onkel mütterlicherseits wie Mitgefühl, doch empfand er jetzt auch Mitleid mit den
Śalya und Śakuni, Brüder wie Duryodhana, Söhne wie Soldaten der gegnerischen Partei, da er ihren
LakmaŠa, Freunde wie Aśvatthāmā, Gönner wie unausweichlichen Tod voraussah. Bei diesen Gedanken
Ktavarmā usw. Auch konnte er in den Heeren viele seiner begannen seine Glieder zu zittern, und sein Mund wurde
Freunde erkennen. trocken. Es verwundene ihn eigentlich, sie so kampflustig
zu sehen. Nahezu die gesamte Gemeinschaft, das heißt alle
VERS 27 Blutsverwandten Arjunas, war gekommen, um gegen ihn zu
kämpfen. Dies überwältigte einen gutherzigen
tān samīkya sa kaunteyaƒ Gottgeweihten wie Arjuna. Obwohl es hier nicht erwähnt
sarvān bandhūn avasthitān wird, kann man sich vorstellen, daß nicht nur Arjunas
kpayā parayāvi˜o Glieder zitterten und sein Mund austrocknete, sondern daß
viīdann idam abravīt er auch aus Mitleid weinte. Solche Merkmale Arjunas
beruhten nicht auf Schwäche, sondern auf Weichherzigkeit,
tān—sie alle; samīkya—nachdem er sie gesehen hatte; einem Merkmal eines reinen Gottgeweihten. Deshalb heißt
saƒ—er; kaunteyaƒ—der Sohn Kuntīs; sarvān—alle es:
möglichen; bandhūn—Verwandten; avasthitān—sich
befindend; kpayā—von Mitleid; parayā—hohen Grades; yasyāsti bhaktir bhagavaty akiñcanā
āvi˜aƒ—überwältigt von; viīdan—während er klagte; sarvair guŠais tatra samāste surāƒ
idam—so; abravīt—sprach. harāv abhaktasya kuto mahad-guŠā
mano-rathenāsati dhāvato bahiƒ
ÜBERSETZUNG
"Wer unerschütterliche Hingabe an die Höchste
Als der Sohn Kuntīs, Arjuna, all diese verschiedenen Persönlichkeit Gottes hat, besitzt alle guten Eigenschaften
Grade von Freunden und Verwandten sah, wurde er der Halbgötter. Wer aber kein Geweihter des Herrn ist,
von Mitleid überwältigt und sprach wie folgt. verfügt nur über materielle Fähigkeiten, die von geringem
Wert sind. Dies ist so, weil er sich auf der Ebene des
VERS 28 Geistes bewegt und mit Sicherheit von der flimmernden
materiellen Energie betört wird." (SB. 5.18.12)
arjuna uvāca
d˜vemaˆ svajanaˆ kŠa VERS 29
yuyutsuˆ samupasthitam
sīdanti mama gātrāŠi vepathuś ca śarīre me
mukhaˆ ca pariśuyati roma-haraś ca jāyate
gāŠīvaˆ sraˆsate hastāt
arjunaƒ—Arjuna; uvāca—sagte; d˜vā—nachdem ich tvak caiva paridahyate
gesehen habe; imam—all diese; svajanam—Verwandten;
kŠa—o KŠa; yuyutsum—alle voll Kampflust; vepathuƒ—Zittern des Körpers; ca—auch; śarīre—auf dem
samupasthitam—alle anwesend; sīdanti—zitternd; mama— Körper; me—meinem; roma-haraƒ—Haarsträuben; ca—
meine; gātrāŠi-Glieder des Körpers; mukham—Mund; ca— auch; jāyate—geschieht; gāŠīvam—der Bogen Arjunas;
auch; pariśuyati—austrocknend. sraˆsate—gleitet; hastāt—aus den Händen; tvak—Haut;
ca—auch; eva— gewiß; paridahyate—brennend.
ÜBERSETZUNG
ÜBERSETZUNG
Arjuna sagte: Mein lieber KŠa, beim Anblick meiner
Freunde und Verwandten, die so kampflustig vor mir Mein ganzer Körper zittert, und meine Haare sträuben
stehen, fühle ich, wie mir die Glieder zittern und mein sich. Mein Bogen GāŠīva gleitet mir aus der Hand und
Mund austrocknet. meine Haut brennt.

ERLÄUTERUNG ERLÄUTERUNG

Jeder, der echte Hingabe an den Herrn besitzt, birgt in sich Es gibt zwei Arten des Körperzitterns und zwei Arten des
alle guten Eigenschaften, die man bei göttlichen Menschen Sichsträubens von Haaren. Solche Phänomene treten
oder bei den Halbgöttern findet, wohingegen dem entweder in großer spiritueller Ekstase oder aus großer
Nichtgottgeweihten göttliche Eigenschaften fehlen, mag er Angst unter materiellen Bedingungen auf. Im Falle
31

transzendentaler Erkenntnis gibt es keine Angst. Arjunas na—noch; ca—auch; śreyaƒ—Gutes; anupaśyāmi—sehe
Merkmale in dieser Lage entspringen materieller Angst, ich voraus, hatvā—durch Töten; svajanam—eigene
nämlich der Befürchtung, das Leben zu verlieren. Diese Verwandte; āhave—im Kampf; na—noch; kā‰ke-wünsche
Tatsache ist auch an anderen Merkmalen erkennbar: so ich mir; vijayam—Sieg; kŠa—o KŠa; na—noch; ca—
wurde er zum Beispiel so ungeduldig, daß ihm sein auch; rājyam—Königreich; sukhāni—Glück durch; ca—
berühmter Bogen GāŠīva aus den Händen glitt, und weil auch.
sein Herz im Innern brannte, spürte er ein Brennen auf der
Haut. All diese Dinge rühren von einer materiellen ÜBERSETZUNG
Lebensauffassung her.
Ich kann nicht sehen, wie etwas Gutes entstehen kann,
VERS 30 wenn ich meine eigenen Verwandten in dieser Schlacht
töte; noch kann ich, mein lieber KŠa,
na ca śaknomy avasthātuˆ Folgeerscheinungen wie Sieg, Königreich oder Glück
bhramatīva ca me manaƒ begehren.
nimittāni ca paśyāmi
viparītāni keśava ERLÄUTERUNG

na—noch; ca—auch; śaknomi—bin ich imstande; Ohne zu wissen, daß ViŠu oder KŠa ihr wahres
avasthātum—zu bleiben; bhramati—vergessend; iva—wie; Selbstinteresse ist, fühlen sich bedingte Seelen zu
ca—und; me—mein; manaƒ—Geist; nimittāni—verursacht; körperlichen Beziehungen hingezogen, in der Hoffnung,
ca—auch; paśyāmi—ich sehe voraus; viparītāni—genau das auf diese Weise glücklich zu werden. In ihrer Verblendung
Gegenteil; keśava—o Vernichter des Dämons Keśī (KŠa). vergessen sie, daß KŠa auch die Ursache materiellen
Glücks ist. Arjuna scheint sogar die für einen katriya
ÜBERSETZUNG geltenden Moralgesetze vergessen zu haben. Man sagt, daß
zwei Arten von Menschen in den Sonnenplaneten eingehen
Ich bin jetzt nicht imstande, hier noch länger können, der so mächtig und gleißend ist, nämlich der
stehenzubleiben. Ich vergesse mich, und mein Geist katriya, der in den vordersten Reihen der Schlachtordnung
taumelt. Ich sehe nur Unheil drohen, o Töter des unter KŠas direkten Befehlen fällt, und der Mensch im
Dämons Keśī. Lebensstand der Entsagung, der spiritueller Kultur absolut
hingegeben ist. Arjuna widerstrebt es sogar, seine Feinde zu
ERLÄUTERUNG töten, von seinen Verwandten ganz zu schweigen. Er
dachte, es gäbe kein Glück in seinem Leben, wenn er seine
Aufgrund seiner Unruhe war es Arjuna nicht möglich, Verwandten tötete, und deshalb wollte er nicht kämpfen,
länger auf dem Schlachtfeld zu bleiben, und er vergaß sich, ebenso wie ein Mensch, der keinen Hunger verspürt, nichts
weil sein Geist schwach war. Wenn jemand zu sehr an kochen möchte. Er hat sich jetzt entschlossen, in den Wald
materiellen Dingen hängt, führt ihn dies in einen zu gehen und ein einsames Leben in Enttäuschung zu
verwirrenden Daseinszustand. Bhayam dvitīyābiniveśataƒ: verbringen. Doch als katriya braucht er ein Königreich für
Solche Furcht und der Verlust des geistigen Gleichgewichts seinen Unterhalt, denn katriyas können nicht irgendeiner
treten bei Menschen auf, die zu sehr von materiellen anderen Beschäftigung nachgehen. Aber Arjuna besaß kein
Umständen beeinflußt werden. Arjuna sah vor seinem Königreich. Arjunas einzige Möglichkeit, ein Königreich
geistigen Auge nur Unglück auf dem Schlachtfeld - er wäre zu gewinnen, bestand darin, mit seinen Vettern und
nicht einmal glücklich, wenn er den Feind besiegte. Das Brüdern zu kämpfen und das Königreich zurückzufordern,
Wort nimitta ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. das er von seinem Vater geerbt hatte. Aber das möchte er
Wenn ein Mann in seinen Erwartungen nur Enttäuschung nicht. Deshalb hält er es für das beste, in den Wald zu
sieht, denkt er: "Warum bin ich Überhaupt hier?" Jeder ist gehen, um dort ein zurückgezogenes Leben der
an sich selbst und seinem eigenen Wohl interessiert. Enttäuschung zu fristen.
Niemand interessiert sich für das Höchste Selbst. Von
Arjuna wird erwartet, daß er sein Eigeninteresse VERS 32-35
zurückstellt und sich dem Willen KŠas fügt, der
jedermanns wahres Selbstinteresse ist. Die bedingte Seele kiˆ no rājyena govinda
vergißt dies und erleidet deshalb materielle Schmerzen. kiˆ bhogair jīvitena vā
Arjuna dachte, sein Sieg in der Schlacht werde für ihn nur yeām arthe kā‰kitaˆ no
ein Grund zum Klagen sein. rājyaˆ bhogāƒ sukhāni ca

VERS 31 ta ime'vasthitā yuddhe


prāŠāˆs tyaktvā dhanāni ca
na ca śreyo'nupaśyāmi ācāryāƒ pitaraƒ putrās
hatvā svajanam āhave tathaiva ca pitāmahāƒ
na kā‰ke vijayaˆ kŠa
na ca rājyaˆ sukhāni ca mātulāƒ śvaśurāƒ pautrāƒ
śyālāƒ sambandhinas tathā
32

etān na hantum icchāmi jedoch die entgegengesetzte Richtung einschlägt, das heißt
ghnato'pi madhusūdana versucht, die Sinne Govindas zu erfreuen, ohne dabei nach
eigener Sinnenbefriedigung zu trachten, gehen durch die
api trailokya-rājyasya Gnade Govindas alle Wünsche des Lebewesens in
hetoƒ kiˆ nu mahī-kte Erfüllung.
nihatya dhārtarā˜rān naƒ Hier zeigt sich ein wenig von Arjunas tiefer Zuneigung zu
kā prītiƒ syāj janārdana Gemeinschaft und Familienangehörigen, da er natürliches
Mitleid mit ihnen empfindet. Er ist daher nicht bereit zu
kim—welcher Nutzen; naƒ—für uns; rājyena—ist das kämpfen. Jeder will Freunden und Verwandten seinen
Königreich; govinda—o KŠa; kim—was; bhogaiƒ— Reichtum zeigen, aber Arjuna befürchtet, daß alle seine
Genuß; jīvitena—durch Leben; vā—entweder; yeām—für Verwandten und Freunde auf dem Schlachtfeld getötet
wen; arthe—für; kā‰kitam—begehrt; naƒ—unser; werden und daß er nach dem Sieg seinen Reichtum mit
rājyam—Königreich; bhogāƒ—materieller Genuß; ihnen nicht teilen kann. Dies ist eine typische Überlegung
sukhāni—alles Glück; ca—auch; te—sie alle; ime-diese; im materiellen Leben. Das transzendentale Leben ist jedoch
avasthitāƒ—sich befindend; yuddhe-auf diesem anders. Da ein Gottgeweihter die Wünsche des Herrn
Schlachtfeld; prāŠān—Leben; tyaktvā—aufgebend; erfüllen möchte, kann er, wenn der Herr es will, alle Arten
dhanāni—Reichtümer; ca—auch; ācāryāƒ—Lehrer; von Reichtum für den Dienst des Herrn annehmen, und
pitaraƒ—Väter; putrāƒ—Söhne; tathā—ebenso wie; eva— wenn der Herr es nicht will, sollte er keinen Heller
gewiß; ca—auch; pitāmahāƒ—Großväter; mātulāƒ—Onkel annehmen. Arjuna wollte seine Verwandten nicht töten,
mütterlicherseits; śvaśurāƒ—Schwiegerväter; pautrāƒ— und wenn es aus irgendeinem Grunde notwendig war, sie
Enkel; śyālāƒ—Schwäger; sambandhinaƒ—Verwandte; zu töten, wollte er, daß KŠa sie persönlich tötete. Zu
tathā—ebenso wie; etān—alle diese; na—niemals; diesem Zeitpunkt wußte er noch nicht, daß KŠa sie bereits
hantum—um zu töten; icchāmi—möchte ich; ghnataƒ— getötet hatte, bevor sie auf das Schlachtfeld kamen, und daß
getötet werden; api—sogar; madhusūdana—o Töter des er nur ein Werkzeug KŠas werden sollte. Diese Tatsache
Dämons Madhu (KŠa); api—selbst wenn; trailokya—der wird in späteren Kapiteln deutlich werden. Als ein
drei Welten; rājyasya—der Königreiche; hetoƒ—dafür; natürlicher Geweihter des Herrn wollte sich Arjuna an
kim—geschweige denn; nu—nur; mahī-kte—zum Wohle seinen ruchlosen Vettern nicht rächen; doch es war der Plan
der Erde; nihatya—indem ich töte; dhārtarā˜rān—die des Herrn, daß sie alle getötet werden sollten. Der
Söhne Dhtarā˜ras; naƒ—unsere; kā—welche; prītiƒ— Geweihte des Herrn rächt sich nicht an einem Übeltäter;
Freude; syāt—wird es geben; janārdana—o Erhalter aller aber der Herr duldet kein Unrecht, das Seinem Geweihten
Lebewesen. von Halunken zugefügt wurde. Der Herr kann jemand
verzeihen, wenn es Ihn Selbst betrifft, doch vergibt Er
ÜBERSETZUNG niemandem, der Seinen Geweihten Leid zugefügt hat.
Deshalb war der Herr entschlossen, die Halunken zu töten,
O Govinda, was nützen uns Königreiche, Glück oder obwohl Arjuna ihnen verzeihen wollte.
sogar das nackte Leben, wenn all jene, für die wir diese
Dinge begehren mögen, jetzt auf dem Schlachtfeld in VERS 36
Reih und Glied stehen? O Madhusūdana, wenn Lehrer,
Väter, Söhne, Großväter, Onkel mütterlicherseits, pāpam evāśrayed asmān
Schwiegerväter, Enkel, Schwäger und alle Verwandten hatvaitān atatāyinaƒ
bereit sind, ihr Leben und ihre Besitztümer aufzugeben, tasmān nārhā vayaˆ hantuˆ
und vor mir stehen - warum sollte ich da den Wunsch dhārtarā˜rān svabāndhavān
haben, sie zu töten, wenngleich ich selbst überleben svajanaˆ hi kathaˆ hatvā
mag? O Erhalter aller Geschöpfe, ich bin nicht bereit, sukhinaƒ syāma mādhava
mit ihnen zu kämpfen, nicht einmal, wenn ich dafür die
drei Welten bekäme, geschweige denn diese Erde. pāpam—Sünden; eva—gewiß; āśrayet—muß überkommen;
asmān—uns; hatvā—durch das Töten; etān—alle diese;
ERLÄUTERUNG ātatāyinaƒ—Angreifer; tasmāt-daher; na—niemals;
arhāƒ—verdienend; vayam—uns; hantum—zu töten;
Arjuna sprach Śrī KŠa als Govinda an, weil KŠa für die dhārtarā˜rān-die Söhne Dhtarā˜ras; svabāndhavān—
Kühe und die Sinne der Gegenstand aller Freude ist. Indem zusammen mit Freunden; svajanam—Verwandten; hi—
er dieses bedeutungsvolle Wort gebraucht, deutet Arjuna gewiß; katham—wie; hatvā-durch Töten; sukhinaƒ—
an, was seine Sinne zufriedenstellen wird. Obwohl Govinda glücklich; syāma—werden; mādhava—o KŠa, Gemahl
nicht dafür da ist, unsere Sinne zu befriedigen, ist es doch der Glücksgöttin.
so, daß dann, wenn wir die Sinne Govindas erfreuen,
unsere eigenen Sinne von selbst zufrieden sind. Im ÜBERSETZUNG
materiellen Bewußtsein möchte jeder seine eigenen Sinne
befriedigen, und Gott soll der Lieferant für diese Sünde wird über uns kommen, wenn wir solche
Befriedigung sein. Der Herr wird die Sinne der Lebewesen Angreifer erschlagen. Deshalb ist es nicht richtig, die
in dem Maße befriedigen, wie sie es verdienen, doch nicht Söhne Dhtarā˜ras und unsere Freunde zu töten. Was
in dem Maße, wie es sie vielleicht gelüstet. Wenn man können wir schon gewinnen, o KŠa, Gemahl der
33

Glücksgöttin, und wie können wir glücklich sein, wenn kula-kaya-ktaˆ doaˆ
wir unsere eigenen Verwandten erschlagen? prapaśyadbhir janārdana

ERLÄUTERUNG yadi—wenn; api—gewiß; ete—sie; na—nicht; paśyanti—


sehen; lobha—Gier; upahata—überwältigt; cetasaƒ—die
Vedischen Unterweisungen gemäß gibt es sechs Arten von Herzen; kula-kaya—mit dem Töten der Familie; ktam—
Angreifern: (1) jemand, der andere vergiftet; (2) jemand, getan; doam—Fehler; mitra-drohe—Streiten mit Freunden;
der das Haus in Brand setzt; (3) jemand, der mit tödlichen ca—auch; pātakam—sündhafte Reaktionen; katham—
Waffen angreift; (4) jemand, der Besitztum plündert; (5) warum; na—werden nicht; jñeyam—dies wissen;
jemand, der eines anderen Land besetzt, und (6) jemand, asmābhiƒ—von uns; pāpāt—von Sünden; asmāt—wir
der eines anderen Frau entführt. Solche Angreifer müssen selbst; nivartitum—aufhören; kula-kaya—die Zerstörung
sofort getötet werden, und man begeht keine Sünde, wenn einer Dynastie; ktam—wenn man so handelt; doam—
solche Angreifer das Leben verlieren. Für einen Verbrechen; prapaśyadbhiƒ—von denen, die sehen können;
gewöhnlichen Menschen ist es durchaus angebracht, solche janārdana—o KŠa.
Angreifer zu töten; doch Arjuna war kein gewöhnlicher
Mensch. Dem Charakter nach war er ein Heiliger, und ÜBERSETZUNG
deshalb wollte er sich ihnen gegenüber wie ein solcher
verhalten; aber solche Art von Heiligkeit ist nichts für einen O Janārdana, zwar sehen diese Männer, von Gier
katriya. Obwohl es notwendig ist, daß ein verantwortlicher überwältigt, keinen Fehler darin, die eigene Familie zu
Mensch in der Verwaltung eines Staates heilige töten oder mit Freunden zu streiten, aber warum sollten
Eigenschaften hat, sollte er kein Feigling sein. Śrī Rāma wir, im Wissen um diese Sünde, genauso handeln?
zum Beispiel war so fromm, daß sich alle Menschen
wünschten, in Seinem Königreich (Rāma-rājya) zu leben, ERLÄUTERUNG
aber Śrī Rāma zeigte nie auch nur die geringsten Anzeichen
von Feigheit. RāvaŠa griff Rāma an, da er Rāmas Frau, Ein katriya darf sich eigentlich nicht weigern, an einem
Sītā, raubte, doch Rāma erteilte ihm ausreichende Lehren, Kampf oder Glücksspiel teilzunehmen, wenn er von einer
die in der Geschichte der Welt nicht ihresgleichen finden. rivalisierenden Partei dazu aufgefordert wird. Gemäß dieser
In Arjunas Fall sollte man indes die besondere Art der Verpflichtung durfte sich Arjuna also im Grunde nicht
Angreifer bedenken, nämlich sein eigener Großvater, der weigern zu kämpfen, da er von der Partei Duryodhanas
eigene Lehrer, Freunde, Söhne, Enkel usw. Ihretwegen herausgefordert worden war. In diesem Falle jedoch, so
dachte Arjuna, daß er nicht die schweren Schritte überlegte Arjuna, mochte die andere Seite den
unternehmen sollte, die bei gewöhnlichen Angreifern Auswirkungen einer solchen Herausforderung gegenüber
notwendig sind. Außerdem wird heiligen Menschen blind sein. Arjuna hingegen konnte die üblen Folgen
angeraten zu verzeihen. Solche Anweisungen für heilige voraussehen und wollte die Herausforderung deshalb nicht
Menschen sind wichtiger als jeder politische Notstand. annehmen. Eine Verpflichtung ist erst dann wirklich
Arjuna war der Meinung, es sei besser, seinen Verwandten bindend, wenn die Auswirkung gut ist - wenn aber die
aus religiösen Gründen zu verzeihen und ein heiliges Auswirkung anders geartet ist, kann niemand verpflichtet
Verhalten zu bewahren, als sie aus politischen Erwägungen werden. Indem Arjuna so das Für und Wider in Betracht
zu töten. Er hielt daher solches Töten, nur um zeitweiligen, zog, entschloß er sich, nicht zu kämpfen.
körperlichen Glücks willen, nicht für vorteilhaft.
Schließlich sind Königreiche und andere so gewonnene VERS 39
materielle Freuden nicht beständig; warum sollte er also
sein Leben und seine ewige Erlösung aufs Spiel setzen, kula-kaye praŠaśyanti
indem er seine eigenen Verwandten tötete? Daß Arjuna kula-dharmāƒ sanātanāƒ
KŠa als "Mādhava" oder "Gemahl der Glücksgöttin" dharme na˜e kulaˆ ktsnam
ansprach, ist in diesem Zusammenhang ebenfalls von adharmo'bhibhavaty uta
Bedeutung. Er wollte darauf hinweisen, daß KŠa als
Gemahl der Glücksgöttin ihn nicht dazu verleiten sollte, kula-kaye—wenn man die Familie zerstört; praŠaśyanti—
sich mit etwas zu befassen, das letztlich nur Unglück wird vernichtet; kula-dharmāƒ—die Familientradition;
bringen wurde. KŠa jedoch bringt niemandem Unglück, sanātanāƒ—ewig; dharme—in Religion; na˜e-wenn sie
vor allem nicht Seinen Geweihten. zerstört ist; kulam—Familie; ktsnam—gesamte;
adharmaƒ—irreligiös; abhibhavati—wandelt sich; uta—
VERS 37-38 man sagt.

yadyapy ete na paśyanti ÜBERSETZUNG


lobhopahata-cetasaƒ
kula-kaya-ktaˆ doaˆ Mit der Zerstörung der Dynastie wird die ewige
mitra-drohe ca pātakam Familientradition vernichtet, und so wird der Rest der
Familie in irreligiöse Praktiken verwickelt.
kathaˆ na jñeyam asmābhiƒ
pāpād asmān nivartitum ERLÄUTERUNG
34

natürlicherweise die Freiheit, nach Belieben zu handeln und


Im System der varŠāśrama-Einrichtung gibt es viele sich mit Männern einzulassen; dann steht dem Ehebruch
Prinzipien religiöser Traditionen, die den nichts mehr im Wege, wobei man Gefahr läuft, ungewollte
Familienmitgliedern helfen sollen, in rechter Weise Nachkommenschaft zu zeugen. Auch unverantwortliche
aufzuwachsen und spirituelle Werte zu erwerben. Die Männer begünstigen den Ehebruch in der Gesellschaft, und
älteren Mitglieder sind für solche Läuterungsvorgänge in so überschwemmen ungewollte Kinder die menschliche
der Familie, die mit der Geburt beginnen und bis zum Tode Rasse, und es entstehen Gefahren wie Kriege und Seuchen.
angewandt werden, verantwortlich. Wenn aber die älteren
Mitglieder der Familie sterben, kann es geschehen, daß VERS 41
solche traditionsgemäßen Läuterungszeremonien in der
Familie eingestellt werden und die zurückbleibenden sa‰karo narakāyaiva
jüngeren Familienangehörigen irreligiöse Gewohnheiten kula-ghnānāˆ kulasya ca
entwickeln und dadurch ihre Gelegenheit zu spiritueller patanti pitaro hy eāˆ
Erlösung versäumen. Deshalb dürfen die älteren lupta-piŠodaka-kriyāƒ
Familienangehörigen unter keinen Umständen getötet
werden. sa‰karaƒ—solche ungewollten Kinder; narakāya—für
höllisches Leben; eva—gewiß, kula-ghnānām—von denen,
VERS 40 die die Familie zerstören; kulasya—der Familie; ca—auch;
patanti—kommen zu Fall; pitaraƒ—Vorväter; hi—gewiß;
adharmābhibhavāt kŠa eām— von ihnen; lupta—eingestellt; piŠa—Opferung;
praduyanti kula-striyaƒ udaka—Wasser; kriyāƒ—Durchführung.
strīu du˜āsu vārŠeya
jāyate varŠa-sa‰karaƒ ÜBERSETZUNG

adharma—Irreligiosität; abhibhavāt—wenn sie Wenn ungewollte Bevölkerung zunimmt, entsteht


vorherrschend gewesen ist; kŠa—o KŠa; praduyanti— sowohl für die Familie als auch für diejenigen, die die
werden verunreinigt; kula-striyaƒ—Frauen der Familie; Familientradition zerstören, eine höllische Situation. In
strīu—der Frauen; du˜āsu—weil sie verdorben sind; solchen verdorbenen Familien werden den Vorvätern
vārŠeya—o Nachkomme VŠis; jāyate—so entsteht; weder Speise noch Wasser als Opfer dargebracht.
varŠa-sa‰karaƒ—ungewollte Nachkommenschaft.
ERLÄUTERUNG
ÜBERSETZUNG
Nach den Regeln und Vorschriften für fruchtbringende
O KŠa, wenn Irreligiosität in der Familie vorherrscht, Tätigkeiten muß man den Vorvätern der Familie in
verderben die Frauen der Familie, und wenn die Frauen bestimmten Zeitabständen Speise und Wasser opfern. Diese
entarten, o Nachkomme VŠis, entsteht ungewollte Opferung wird durchgeführt, indem man ViŠu verehrt,
Nachkommenschaft. denn wenn man die Reste der Nahrung zu sich nimmt, die
ViŠu geopfert wurde, kann man von allen Arten
ERLÄUTERUNG sündhafter Handlungen befreit werden. Manchmal mögen
die Vorväter unter vielfachen Arten sündhafter Reaktionen
Eine gute Bevölkerung in der menschlichen Gesellschaft ist leiden, und bisweilen können manche von ihnen nicht
das Grundprinzip für Frieden, Wohlstand und spirituellen einmal einen grobstofflichen Körper annehmen und sind
Fortschritt im Leben. Die Grundsätze der varŠāśrama- gezwungen, in feinstofflichen Körpern als Geister zu leben.
Religion waren so angelegt, daß die gute Bevölkerung in Wenn daher die Nachkommen ihren Vorvätern Überreste
der Gesellschaft überwog und so den allgemeinen von prasāda-Speisen opfern, werden die Ahnen von einem
spirituellen Fortschritt des Staates und der Gemeinschaft Leben als Geist oder anderen leidvollen Umständen befreit.
gewährleistete. Eine solche Bevölkerung hängt von der Es ist eine Familientradition, den Vorvätern auf diese
Keuschheit und Treue ihrer Frauen ab. So wie Kinder sehr Weise zu helfen, und jene, die kein gottergebenes Leben
dazu neigen, irregeführt zu werden, so neigen Frauen sehr führen, müssen solche Rituale vollziehen. Jemand, der ein
leicht zu Erniedrigung. Daher müssen sowohl die Kinder gottergebenes Leben führt, braucht solche Handlungen
als auch die Frauen von den älteren Familienmitgliedern nicht zu verrichten. Indem man einfach hingebungsvollen
beschützt werden. Wenn die Frauen mit verschiedenen Dienst ausführt, kann man Hunderte, ja Tausende von
religiösen Praktiken beschäftigt sind, werden sie nicht zum Vorvätern von allen Arten des Elends befreien. Im
Ehebruch verleitet. Nach CāŠakya PaŠita sind Frauen im Bhāgavatam (11.5.41) heißt es:
allgemeinen nicht sehr intelligent und deshalb nicht
vertrauenswürdig. Folglich sollten die verschiedenen devari-bhūtāpta-nŠāˆ pīt Šāˆ
Familientraditionen religiöser Tätigkeiten sie ständig na ki‰karo nāyamŠī ca rājan
beschäftigen; dann wird ihre Keuschheit und Hingabe eine sarvātmanā yaƒ śaraŠaˆ śaraŠyaˆ
gute Bevölkerung hervorbringen, die geeignet ist am gato mukundaˆ parihtya kartam
varŠāśrama-System teilzunehmen. Wenn solches
varŠāśrama-dharma scheitert, bekommen die Frauen
35

"Jeder, der bei den Lotosfüßen Mukundas, der Befreiung ÜBERSETZUNG


gewährt, Zuflucht gesucht und alle Arten von
Verpflichtungen aufgegeben hat und diesem Pfad mit allem O KŠa, Erhalter aller Menschen, ich habe durch die
Ernst folgt, ist weder den Halbgöttern noch den Weisen, Schülernachfolge gehört, daß diejenigen, die die
noch anderen Lebewesen, noch seinen Familienbräuche zerstören, für immer in der Hölle
Familienangehörigen, noch der Menschheit, noch den leiden.
Vorvätern verpflichtet."
Solche Verpflichtungen sind von selbst erfüllt, wenn man ERLÄUTERUNG
im hingebungsvollen Dienst für die Höchste Persönlichkeit
Gottes tätig ist. Arjuna stützt seinen Einwand nicht auf seine eigene,
persönliche Erfahrung, sondern auf das, was er von
VERS 42 Autoritäten gehört hat. Das ist der Weg, wirkliches Wissen
zu empfangen. Man kann nicht zum wirklichen Punkt
doair etaiƒ kula-ghnānāˆ tatsächlichen Wissens gelangen, ohne daß einem von der
varŠa-sa‰kara-kārakaiƒ richtigen Person geholfen wird, die bereits in diesem
utsādyante jāti-dharmāƒ Wissen verankert ist. In der Einrichtung des varŠāśrama
kula-dharmāś ca śāśvatāƒ gibt es ein System, das vorschreibt, daß man sich vor dem
Tod einer bestimmten Zeremonie unterzieht, um von seinen
doaiƒ—durch solche Fehler; etaiƒ—alle diese; sündhaften Handlungen geläutert zu werden. Wer ständig
kula-ghnānām—des Zerstörers einer Familie; sündigt, muß den als prāyaścitta bezeichneten
varŠa-sa‰kara—ungewollte Kinder; kārakaiƒ—von den Läuterungsvorgang nutzen. Wenn man dies nicht tut, wird
Handelnden; utsādyante-verursacht Verwüstung; man mit Sicherheit zu höllischen Planeten gebracht, um als
jāti-dharmāƒ—Gemeinschaftsvorhaben; kula-dharmāƒ— Folge sündiger Handlungen ein jammervolles Leben nach
Familientradition; ca—auch; śāśvatāƒ—ewig. dem anderen zu erleiden.

ÜBERSETZUNG VERS 44

Durch die üblen Machenschaften derer, die die aho bata mahat-pāpaˆ
Familientradition zerstören, werden alle möglichen kartuˆ vyavasitā vayam
gemeinschaftlichen Vorhaben und Tätigkeiten, die dem yad rājya-sukha-lobhena
Wohl der Familie dienen, zunichte gemacht. hantuˆ svajanam udyatāƒ

ERLÄUTERUNG ahaƒ—ach; bata—wie seltsam es ist; mahat—große;


pāpam—Sünden; kartum—zu begehen; vyavasitāƒ—
Die vier Einteilungen der menschlichen Gesellschaft, entschlossen; vayam—wir; yat—so daß; rājya—Königreich;
zusammen mit Tätigkeiten zum Wohl der Familie, wie sie sukha-lobhena—getrieben von der Gier nach königlichem
von der Einrichtung des sanātana-dharma oder Glück; hantum—zu töten; svajanam—Verwandten;
varŠāśrama-dharma vorgesehen sind, sollen es dem udyatāƒ—versuchen.
Menschen ermöglichen, seine endgültige Erlösung zu
erlangen. Wenn daher unverantwortliche Führer der ÜBERSETZUNG
Gesellschaft die Tradition des sanātana-dharma zerstören,
entsteht ein Chaos in dieser Gesellschaft, und als Folge Ach, wie seltsam es ist, daß wir, getrieben von dem
davon vergessen die Menschen das Ziel des Lebens - Wunsch, königliches Glück zu genießen, uns anschicken,
ViŠu. Solche Führer bezeichnet man als blind, und schwere sündhafte Taten zu begehen.
Menschen, die ihnen folgen, werden unweigerlich in ein
Chaos geführt. ERLÄUTERUNG

VERS 43 Wenn man von selbstsüchtigen Beweggründen getrieben


wird, schreckt man unter Umständen nicht einmal vor solch
utsanna-kula-dharmāŠāˆ sündigen Handlungen wie dem Mord an Bruder, Vater oder
manuyāŠāˆ janārdana Mutter zurück. Es gibt hierfür viele Beispiele in der
narake niyataˆ vāso Weltgeschichte. Arjuna aber ist sich als frommer Geweihter
bhavatīty anuśuśruma des Herrn stets moralischer Grundsätze bewußt und daher
bemüht, solche Tätigkeiten zu vermeiden.
utsanna—verdorben; kula-dharmāŠām—von denen, die die
Familienbräuche haben; manuyāŠām—von solchen VERS 45
Menschen; janārdana—o KŠa; narake—in der Hölle;
niyatam—immer; vāsaƒ—Aufenthaltsort; bhavati—es wird; yadi mām apratīkāram
iti—so; anuśuśruma—ich habe durch die Schülernachfolge aśastraˆ śastra-pāŠayaƒ
gehört. dhārtarā˜rā raŠe hanyus
tan me kemataraˆ bhavet
36

„Arjuna beobachtet die Heere auf dem Schlachtfeld von


yadi—selbst wenn; mām—mir; apratīkāram—ohne Kuruketra".
Widerstand zu leisten; aśastram—ohne voll ausgerüstet zu
sein; śastra-pāŠayaƒ—jene, die eine Waffe in der Hand
halten; dhārtarā˜rāƒ—die Söhne Dhtarā˜ras; raŠe—auf
dem Schlachtfeld; hanyuƒ—mögen töten; tat—das; me—
mich; kemataram—besser; bhavet—werden.

ÜBERSETZUNG

Ich hielte es für besser, wenn mich die Söhne


Dhtarā˜ras unbewaffnet und widerstandslos töteten,
als daß ich mit ihnen kämpfte.

ERLÄUTERUNG

Nach den Kampfregeln der katriyas ist es üblich, einen


unbewaffneten und unwilligen Gegner nicht anzugreifen.
Arjuna aber sah sich in einer solch verzwickten Lage, daß
er beschloß, nicht zu kämpfen, wenn der Feind ihn angriffe.
Er bedachte nicht, wie sehr die Gegenseite zum Kampf
drängte. All diese Merkmale sind darauf zurückzuführen,
daß er ein weiches Herz hatte, was von der Tatsache
herrührte, daß er ein großer Geweihter des Herrn war.

VERS 46

sañjaya uvāca
evam uktvārjunaƒ sa‰khye
rathopastha upāviśat
visjya sa-śaraˆ cāpaˆ
śoka-saˆvigna-mānasaƒ

sañjayaƒ—Sañjaya; uvāca—sagte; evam—so; uktvā—


sprechend; arjunaƒ—Arjuna; sa‰khye-auf dem
Schlachtfeld; ratha—Streitwagen; upasthaƒ—sich
befindend auf; upāviśat—setzte sich wieder hin; visjya—
beiseite legend; sa-śaram—zusammen mit Pfeilen; cāpam-
den Bogen; śoka—Klagen; saˆvigna—leidend; mānasaƒ—
im Geist.

ÜBERSETZUNG

Sañjaya sagte: Nachdem Arjuna diese Worte auf dem


Schlachtfeld gesprochen hatte, warf er Bogen und Pfeile
zur Seite und setzte sich, von Schmerz überwältigt, auf
dem Streitwagen nieder.

ERLÄUTERUNG

Während Arjuna seine Feinde beobachtete, stand er


aufrecht auf dem Streitwagen; doch dann wurde er von
solchem Schmerz überwältigt, daß er sich wieder
niedersetzte und Bogen und Pfeile beiseite legte. Wer so
gütig und weichherzig ist und sich zudem im
hingebungsvollen Dienst des Herrn betätigt, ist geeignet,
Wissen vom Selbst zu empfangen.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum


Ersten Kapitel der Śrīmad Bhagavad-gītā mit dem Titel:
37

ZWEITES KAPITEL
śrī bhagavān uvāca—die Höchste Persönlichkeit Gottes
sprach; kutaƒ—woher; tvā—zu dir; kaśmalam—Unreinheit;
Inhalt der Gītā zusammengefaßt idam—dieses Klagen; viame—in dieser Stunde der
Entscheidung; samupasthitam—kam; anārya—Menschen,
VERS 1 die den Wert des Lebens nicht kennen; ju˜am—ausgeübt
von; asvargyam—das, was nicht zu höheren Planeten führt;
sañjaya uvāca akīrti—Schande; karam—die Ursache von; arjuna—o
taˆ tathā kpayāvi˜am Arjuna.
aśru-pūrŠākulekaŠam
viīdantam idaˆ vākyam ÜBERSETZUNG
uvāca madhusūdanaƒ
Die Höchste Person [Bhagavān] sprach: Mein lieber
sañjayaƒ uvāca—Sañjaya sagte; tam—zu Arjuna; tathā— Arjuna, wie konnten diese Unreinheiten über dich
so; kpayā—von Mitleid; āvi˜am—überwältigt; kommen? Sie ziemen sich in keiner Weise für einen
aśru-pūrŠa—von Tränen erfüllt; ākula—niedergeschlagen; Mann, der die höheren Werte des Lebens kennt. Sie
īkaŠam—Augen; viīdantam—klagend; idam—diese; führen nicht zu höheren Planeten, sondern zu Schande.
vākyam—Worte; uvāca—sprach; madhusūdanaƒ—der
Töter Madhus. ERLÄUTERUNG

ÜBERSETZUNG KŠa und die Höchste Persönlichkeit Gottes sind identisch.


Deshalb wird Śrī KŠa die ganze Gīta hindurch als
Sañjaya sagte: Als Madhusūdana, KŠa, Arjuna voller "Bhagavān" bezeichnet. Bhagavān ist das endgültige in der
Mitleid und sehr betrübt sah, mit Tränen in den Augen, Absoluten Wahrheit. Die Absolute Wahrheit wird in drei
sprach Er die folgenden Worte. Verständnisphasen erkannt, nämlich als Brahman oder die
unpersönliche, alldurchdringende spirituelle Natur; als
ERLÄUTERUNG Paramātmā oder der lokalisierte Aspekt des Höchsten im
Herzen aller Lebewesen und als Bhagavān oder die Höchste
Materielles Mitleid, Klagen und Tränen sind alles Zeichen Persönlichkeit Gottes, Śrī KŠa. Im Śrīmad-Bhāgavatam
dafür, daß man das wirkliche Selbst nicht kennt. Mitleid (1.2.11) wird dieses Verständnis von der Absoluten
mit der ewigen Seele bedeutet Selbstverwirklichung. Das Wahrheit demgemäß erklärt:
Wort "Madhusūdana" ist in diesem Vers von Bedeutung.
Śrī KŠa tötete den Dämon Madhu, und jetzt wollte vadanti tat tattva-vidas tattvaˆ yaj jñānam advayam
Arjuna, daß KŠa den Dämon des Mißverständnisses brahmeti paramātmeti bhagavān iti śabdyate
vernichtete, der ihn während der Erfüllung seiner Pflicht
überwältigt hatte. Niemand weiß, worauf Mitleid gerichtet "Die Absolute Wahrheit wird von demjenigen, der Sie
werden soll. Mitleid mit der Kleidung eines Ertrinkenden kennt, in drei Aspekten wahrgenommen, die alle
ist sinnlos. Ein Mensch, der in das Meer der Unwissenheit miteinander identisch sind. Diese Aspekte der Absoluten
gefallen ist, kann nicht dadurch gerettet werden, daß man Wahrheit werden als Brahman, Paramātmā und Bhagavān
nur sein äußeres Gewand rettet - den groben materiellen bezeichnet."
Körper. Wer dies nicht weiß und um das äußere Gewand Diese drei göttlichen Aspekte können am Beispiel der
klagt, wird als śūdra bezeichnet oder jemand, der Sonne näher erklärt werden, die ebenfalls drei verschiedene
unnötigerweise jammert. Arjuna war ein katriya, und ein Aspekte hat, nämlich den Sonnenschein, die
solches Verhalten wurde nicht von ihm erwartet. Śrī KŠa Sonnenoberfläche und den Sonnenplaneten selbst. Wer nur
kann jedoch das Klagen des unwissenden Menschen den Sonnenschein studiert, befindet sich auf der ersten
vertreiben, und zu diesem Zweck wurde die Bhagavad-gītā Stufe der Verwirklichung; wer die Oberfläche der Sonne
von Ihm gesungen. Dieses Kapitel unterrichtet uns durch versteht, ist weiter fortgeschritten, und wer in den
ein analytisches Studium des materiellen Körpers und der Sonnenplaneten eingehen kann, befindet sich auf der
Seele, das von der höchsten Autorität, Śrī KŠa, höchsten Stufe. Gewöhnliche Schüler, die zufrieden sind,
vorgenommen wird, in Selbstverwirklichung. Diese wenn sie nur den Sonnenschein verstehen, das heißt seine
Verwirklichung wird möglich, wenn das nach universale Ausbreitung und die gleißende Ausstrahlung
fruchttragenden Ergebnissen strebende Lebewesen in einem seines unpersönlichen Wesens, mögen mit denen
gefestigten Verständnis vom wahren Selbst handelt. verglichen werden, die nur den Brahman-Aspekt der
Absoluten Wahrheit erkennen können. Der Schüler, der
VERS 2 weiter fortgeschritten ist, kann darüber hinaus die
Sonnenscheibe erkennen, was mit dem Wissen um den
śrī bhagavān uvāca Paramātmā-Aspekt der Absoluten Wahrheit verglichen
katas tvā kaśmalam idaˆ wird. Und der Schüler, der in das Herz des Sonnenplaneten
viame samupasthitam eingehen kann, wird mit jemandem verglichen, der die
anārya ju˜am asvargyam persönlichen Merkmale der Höchsten Absoluten Wahrheit
akīrti-karam arjuna erkennt. Daher sind die bhaktas oder jene
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Transzendentalisten, die den Bhagavān-Aspekt der Lebens kennen und eine auf spirituelle Erkenntnis
Absoluten Wahrheit erkannt haben, die höchsten gründende Zivilisation haben. Menschen, die sich von der
Transzendentalisten, wenngleich alle Schüler, die sich dem materiellen Lebensauffassung leiten lassen, wissen nicht,
Studium der Absoluten Wahrheit widmen, mit dem daß das Ziel des Lebens die Erkenntnis der Absoluten
gleichen Thema zu tun haben. Der Sonnenschein, die Wahrheit, das heißt ViŠus oder Bhagavāns, ist. Sie lassen
Sonnenscheibe und das Geschehen im Innern des sich von den äußeren Erscheinungen der materiellen Welt
Sonnenplaneten können nicht voneinander getrennt werden, fesseln und wissen deshalb nicht, was Befreiung ist.
und dennoch gehören die Schüler, die diese drei Menschen, die nicht wissen, was Befreiung aus materieller
verschiedenen Aspekte studieren, nicht zur gleichen Knechtschaft bedeutet, werden als Nicht-Āryas bezeichnet.
Kategorie. Obwohl Arjuna ein katriya war, wich er von seinen
Das Sanskritwort Bhagavān wird von der bedeutenden vorgeschriebenen Pflichten ab, als er sich weigerte, zu
Autorität Parāśara Muni, dem Vater Vyāsadevas, wie folgt kämpfen. Ein solch feiges Verhalten wird eher als für
erklärt: "Die Höchste Persönlichkeit, die allen Reichtum, Nicht-Āryas typisch beschrieben. Ein derartiges Abweichen
alle Stärke, allen Ruhm, alle Schönheit, alles Wissen und von der Pflicht hilft einem nicht, im spirituellen Leben
alle Entsagung in Sich birgt, wird Bhagavān genannt." Es fortzuschreiten; noch verschafft es einem die Möglichkeit,
gibt viele Personen, die sehr reich, sehr mächtig, sehr in dieser Welt zu Ruhm zu kommen. Śrī KŠa billigte
schön, sehr berühmt, sehr gelehrt und sehr entsagungsvoll Arjunas sogenanntes Mitleid mit seinen Verwandten nicht.
sind, aber niemand kann behaupten, er besitze allen
Reichtum, alle Stärke usw. in vollem Umfang. Nur KŠa VERS 3
kann diesen Anspruch erheben, denn Er ist die Höchste
Persönlichkeit Gottes. Kein Lebewesen, nicht einmal klaibyaˆ mā sma gamaƒ pārtha
Brahmā, Śiva oder NārāyaŠa, kann Reichtümer in solcher naitat tvayy upapadyate
Fülle besitzen wie KŠa. Deshalb kommt Brahmā in der kudraˆ hdaya-daurbalyaˆ
Brahma-saˆhitā zu dem Schluß, daß Śrī KŠa die Höchste tyaktvotti˜ha parantapa
Persönlichkeit Gottes ist. Niemand kommt Ihm gleich oder
steht über Ihm. Er ist der urerste Herr, Bhagavān, bekannt klaibyam—Schwäche; mā—nicht; sma—nimm an; gamaƒ—
als Govinda, und Er ist die höchste Ursache aller Ursachen. gehe hinein; pārtha—o Sohn Pthās; na—niemals; etat—
wie dies; tvayi—dir; upapadyate—ist angemessen;
īśvaraƒ paramaƒ kŠaƒ sac-cid-ānanda-vigrahaƒ kudram—sehr wenige hdaya—Herz; daurbalyam—
anādir ādir govindaƒ sarva-kāraŠa-kāraŠam Schwäche; tyaktvā—aufgebend; utti˜ha—erhebe dich;
parantapa—o Züchtiger der Feinde.
"Es gibt viele Persönlichkeiten, die die Eigenschaften
Bhagavāns besitzen, aber KŠa ist die höchste, da niemand ÜBERSETZUNG
Ihn übertreffen kann. Er ist die Höchste Person, und Sein
Körper ist ewig, voller Wissen und voller Glückseligkeit. O Sohn Pthās, gib dieser entwürdigenden Schwachheit
Er ist der urerste Herr, Govinda, und die Ursache aller nicht nach. Es ist dir nicht angemessen. Gib diese
Ursachen." (Bs. 5.1) kleinliche Schwäche des Herzens auf und erhebe dich o
Im Śrīmad-Bhāgavatam findet man auch ein Verzeichnis Bezwinger des Feindes.
vieler Inkarnationen der Höchsten Persönlichkeit Gottes,
doch KŠa wird als die ursprüngliche Persönlichkeit ERLÄUTERUNG
Gottes beschrieben, von der viele Inkarnationen und
Persönlichkeiten Gottes ausgehen: Arjuna wurde als "Sohn Pthās" angesprochen, da Pthā die
Schwester von KŠas Vater Vasudeva war. Arjuna war
ete cāˆśa-kalāƒ puˆsaƒ kŠas tu bhagavān svayam also ein Blutsverwandter KŠas. Wenn sich der Sohn eines
indrāri-vyākulaˆ lokaˆ mayanti yuge yuge katriya weigert, zu kämpfen, ist er nur dem Namen nach
ein katriya, ebenso wie des Sohn eines brāhmaŠa, der
"All die hier aufgeführten Inkarnationen Gottes sind gottlos handelt, nur dem Namen nach ein brāhmaŠa ist.
entweder vollständige Erweiterungen oder Teile der Solche katriyas und brāhmaŠas sind unwürdige Söhne
vollständigen Erweiterungen des Höchsten Gottes, doch ihrer Väter; KŠa wollte daher nicht, daß Arjuna zu einem
KŠa ist die Höchste Persönlichkeit Gottes Selbst." (SB. unwürdigen Sohn eines katriya wurde. Arjuna war KŠas
1.3.28) engster Freund, und KŠa lenkte ihn auf dem Streitwagen;
Somit ist KŠa die ursprüngliche Höchste Persönlichkeit aber wenn sich Arjuna von der Schlacht zurückzog, würde
Gottes, die Absolute Wahrheit, der Ursprung sowohl der er damit, trotz all dieser Vorteile, unehrenhaft handeln;
Überseele als auch des unpersönlichen Brahman. deshalb sagte KŠa, eine solche Haltung sei Arjunas
In Gegenwart der Höchsten Persönlichkeit Gottes war Persönlichkeit nicht angemessen. Arjuna mochte erwidern,
Arjunas Klage um seine Verwandten gewiß unangebracht, er wolle an der Schlacht wegen seiner großmütigen Haltung
und daher gebrauchte KŠa das Wort kutas (woher), um gegenüber dem höchst ehrwürdigen Bhīma und seinen
Seine Überraschung zum Ausdruck zu bringen. Solche Verwandten nicht teilnehmen, doch war KŠa der Ansicht,
unmännlichen Gefühle erwartete man niemals von jemand, diese Art von Großmut werde von Autoritäten nicht
der zur zivilisierten Klasse der Männer, den Āryas gehörte. gebilligt. Deshalb sollte solcher Großmut oder sogenannte
Das Wort ārya trifft auf Menschen zu, die den Wert des
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Gewaltlosigkeit von Menschen wie Arjuna unter der sie dennoch Höhergestellte. Wenn sie getötet werden,
unmittelbaren Führung KŠas aufgegeben werden. wird unser Gewinn mit Blut befleckt sein.

VERS 4 ERLÄUTERUNG

arjuna uvāca Den Unterweisungen der Schriften gemäß soll man einen
kathaˆ bhīmam ahaˆ sa‰khye Lehrer, der eine abscheuliche Handlung begeht und sein
droŠaˆ ca madhusūdana Unterscheidungsvermögen verloren hat, aufgeben. Bhīma
iubhiƒ pratiyotsyāmi und DroŠa waren wegen Duryodhanas finanzieller Hilfe
pūjārhāv arisūdana verpflichtet, sich auf seine Seite zu stellen, wenngleich sie
eine solche Stellung, nur aufgrund finanzieller
arjunaƒ uvāca—Arjuna sagte; katham—wie; bhīmam— Überlegungen, nicht hätten annehmen sollen. Unter diesen
gegen Bhīma; aham—ich; sa‰khye—im Kampf; droŠam— Umständen hatten sie ihr Ansehen als Lehrer verloren.
gegen DroŠa; ca—auch; madhusūdana—o Vernichter des Arjuna glaubte jedoch, daß sie trotzdem seine Vorgesetzten
Madhu; iubhiƒ—mit Pfeilen; pratiyotsyāmi—soll blieben und daß daher, materielle Gewinne zu genießen,
bekämpfen; pūjā-arhau—diejenigen, die verehrungswürdig nachdem man sie getötet hätte, bedeuten würde, sich an
sind; arisūdana—o Vernichter der Feinde. einer mit Blut bedeckten Siegesbeute zu erfreuen.

ÜBERSETZUNG VERS 6

Arjuna sagte: O Vernichter des Madhu [KŠa], wie na caitad vidmaƒ kataran no garīyo
kann ich mit Pfeilen in der Schlacht Männer wie Bhīma yad vā jayema yadi vā no jayeyuƒ
und DroŠa bekämpfen, die meiner Verehrung würdig yān eva hatvā na jijīviāmas
sind? te'vasthitāƒ pramukhe dhārtarā˜rāƒ

ERLÄUTERUNG na—noch; ca—auch; etat—dies; vidmaƒ—wissen;


katarat—was; naƒ—uns; garīyaƒ—besser; yat—was; vā—
Achtbare Höhergestellte, wie Bhīma, der Großvater, und entweder; jayema—uns besiegen; yadi—falls; vā—oder;
DroŠācārya, der Lehrer, sind immer verehrenswert. Selbst naƒ—uns; jayeyuƒ—besiegen; yān—diejenigen; eva—
wenn sie angreifen, sollte man sie nicht bekämpfen. Es gilt gewiß; hatvā—durch Töten; na—niemals; jijīviāmaƒ—
das ungeschriebene Gesetz, daß Höherstehende nicht wollen leben; te—sie alle; avastitāƒ—befinden sich;
einmal in einem Wortgefecht bekämpft werden dürfen. pramukhe—an der Front; dhārtarā˜rāƒ—die Söhne
Selbst wenn sie manchmal grob sein mögen, sollten sie Dhtarā˜ras.
nicht grob behandelt werden. Wie soll es also Arjuna
möglich sein, ihnen entgegenzutreten? Würde KŠa ÜBERSETZUNG
jemals Seinen eigenen Großvater, Ugrasena, oder Seinen
Lehrer, Sāndīpani Muni, angreifen? So lauteten einige der Auch wissen wir nicht, was besser ist - die Söhne
Einwände, die Arjuna KŠa gegenüber vorbrachte. Dhtarā˜ras zu besiegen oder von ihnen besiegt zu
werden. Wenn wir sie töteten, wäre es besser, nicht
VERS 5 mehr zu leben. Nun stehen sie vor uns auf dem
Schlachtfeld.
gurūn ahatvā hi mahānubhāvān
śreyo bhoktuˆ bhaikyam apīha loke ERLÄUTERUNG
hatvārtha-kāmāˆs tu gurūn ihaiva
bhuñjīya bhogān rudhira-pradigdhān Arjuna wußte nicht, ob er kämpfen und damit wagen sollte,
unnötig Gewalt anzuwenden, obwohl Kämpfen die Pflicht
gurūn—die Höhergestellten; ahatvā—durch Töten; hi— der katriyas ist, oder ob es besser sei, sich zurückzuziehen
sicherlich; mahā-anubhāvān—große Seelen; śreyaƒ—es ist und von Betteln zu leben. Falls er den Feind nicht
besser; bhoktum—das Leben zu genießen; bhaikyam— bezwänge, wäre Betteln das einzige Mittel, für seinen
bettelnd; api—sogar; iha—in diesem Leben; loke—in Lebensunterhalt zu sorgen. Auch war der Sieg nicht sicher,
dieser Welt; hatvā—tötend; artha—Gewinn; kāmān—so da jede Seite aus der Schlacht siegreich hervorgehen
begehrend; tu—aber; gurūn—Höhergestellte; iha—in dieser mochte. Selbst wenn Sieg sie erwartete (und ihre Sache war
Welt; eva—gewiß; bhuñjīya—muß genießen; bhogān— gerecht), wäre es dennoch sehr schwer, in der Abwesenheit
angenehme Dinge; rudhira—Blut; pradigdhān—befleckt der Söhne Dhtarā˜ras zu leben, wenn diese in der Schlacht
mit. fielen. Unter diesen Umständen wäre dies eine andere Art
von Niederlage. All diese Überlegungen Arjunas beweisen
ÜBERSETZUNG eindeutig, daß er nicht nur ein großer Geweihter des Herrn
war, sondern daß er auch sehr erleuchtet war und
Es ist besser, in dieser Welt durch Betteln zu leben als vollkommene Herrschaft über seinen Geist und seine Sinne
auf Kosten der Leben großer Seelen, die meine Lehrer besaß. Sein Wunsch, sich durch Betteln am Leben zu
sind. Obwohl sie von Habsucht getrieben werden, sind erhalten, obwohl er in einer königlichen Familie geboren
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worden war, ist ein weiteres Zeichen von Loslösung. Er sondern einen spirituellen Meister aufsuchen. Das ist die
war wahrhaft tugendhaft, wie diese Eigenschaften und sein Bedeutung dieses Verses.
Glauben in die unterweisenden Worte Śrī KŠas (seines Wer ist nun eigentlich materiellen Verwirrungen
spirituellen Meisters) zeigen. Man kann hieraus schließen, ausgesetzt? Es ist derjenige, der die Probleme des Lebens
daß Arjuna durchaus geeignet war, Befreiung zu erlangen. nicht begreift. In der Garga Upaniad wird der verwirrte
Solange die Sinne nicht beherrscht sind, besteht keine Mensch wie folgt beschrieben:
Möglichkeit, auf die Ebene von Wissen erhoben zu werden,
und ohne Wissen und Hingabe ist es nicht möglich, befreit yo vā etad akaraˆ gārgy aviditvāsmāl lokāt praiti sa
zu werden. Arjuna besaß also, noch über seine kpaŠaƒ
hervorragenden materiellen Eigenschaften hinaus, auch all
diese wunderbaren Eigenschaften. "Nur ein Geizhals löst die Probleme des Lebens nicht als
Mensch und verläßt daher diese Welt wie die Katzen und
VERS 7 Hunde, ohne die Wissenschaft der Selbstverwirklichung zu
verstehen."
kārpaŠya-doopahata-svabhāvaƒ Die menschliche Form des Lebens ist ein überaus kostbares
pcchāmi tvāˆ dharma-saˆmūha-cetāƒ Gut für das Lebewesen, denn es kann sie zur Lösung der
yac chreyaƒ syān niścitaˆ brūhi tan me Probleme des Lebens nutzen; wer daher diese Gelegenheit
śiyas te'haˆ śādhi māˆ tvāˆ prapannam nicht richtig nutzt, ist ein Geizhals. Auf der anderen Seite
gibt es den brāhmaŠa oder den Menschen, der intelligent
kārpaŠya—geizige; doa—Schwäche; upahata—beeinflußt genug ist, diesen Körper zur Lösung aller Probleme des
durch; svabhāvaƒ— Kennzeichen; pcchāmi—ich frage; Lebens zu nutzen.
tvām—Dich; dharma—Religion; saˆmūha—verwirrt; Die kpaŠas oder Geizhälse verschwenden ihre Zeit mit
cetāƒ—im Herzen; yat—was; śreyaƒ—absolut gut; syāt— übermäßiger Zuneigung zu Familie, Gesellschaft, Land
mag sein; niścitam—im Vertrauen; brūhi—teile mit; tat— usw. in der materiellen Lebensauffassung. Die meisten
das; me—mir; śiyaƒ—Schüler; te—Dein; aham—ich bin; Menschen haften am Familienleben, an Frau, Kindern und
śādhi—unterweise einfach; mām—mich; tvām—Dir; anderen Angehörigen - und diese Anziehung auf der
prapannam—ergeben. körperlichen Ebene wird "Hautkrankheit" genannt. Der
kpaŠa glaubt, er könne seine Familienangehörigen vor
ÜBERSETZUNG dem Tode schützen, oder der kpaŠa denkt, seine Familie
oder Gesellschaft könne ihn vor dem Rachen des Todes
Ich weiß nicht mehr, was meine Pflicht ist, und ich habe retten. Solche Familienanhaftung kann man selbst bei
aus Schwäche meine Fassung verloren. In diesem Tieren finden, die sich ebenfalls um ihre Kinder sorgen. Da
Zustand bitte ich Dich, mir klar zu sagen, was das beste Arjuna intelligent war, konnte er verstehen, daß seine
für mich ist. Jetzt bin ich Dein Schüler und eine Dir Zuneigung zu Familienangehörigen und sein Wunsch, sie
ergebene Seele. Bitte unterweise mich. vor dem Tode zu schützen, die Ursachen seiner Verwirrung
waren. Obwohl er verstehen konnte, daß es seine Pflicht
ERLÄUTERUNG war zu kämpfen, konnte er dennoch aufgrund geiziger
Schwäche seine Pflichten nicht erfüllen. Er bittet daher Śrī
Es liegt in der Natur der Dinge, daß das ganze System KŠa, den höchsten spirituellen Meister, eine endgültige
materieller Tätigkeiten für jeden eine Quelle der Lösung herbeizuführen. Er bietet sich KŠa als Schüler an.
Verwirrung darstellt. Bei jedem Schritt gibt es Verwirrung, Er möchte freundschaftliche Gespräche beenden.
und deshalb ist es angebracht, sich an einen echten Gespräche zwischen dem Meister und dem Schüler sind
spirituellen Meister zu wenden, der einem die richtige ernst, und jetzt will Arjuna vor dem anerkannten
Führung geben kann, den Sinn des Lebens zu erfüllen. Alle spirituellen Meister sehr ernst sprechen. KŠa ist daher der
vedischen Schriften geben uns den Rat, einen spirituellen ursprüngliche spirituelle Meister der Wissenschaft von der
Meister aufzusuchen, um von den Verwirrungen des Bhagavad-gītā, und Arjuna ist der erste Schüler für das
Lebens frei zu werden, die ohne unseren Wunsch auftreten. Verständnis der Gītā. Wie Arjuna die Bhagavad-gītā
Sie gleichen einem Waldbrand, der wütet, ohne von jemand versteht, wird in der Gīta selbst gesagt. Und dennoch
entfacht worden zu sein. In ähnlicher Weise ist die erklären törichte weltliche Gelehrte, es sei nicht notwendig,
Weltlage so beschaffen, daß Verwirrungen im Leben von sich KŠa als Person zu ergeben, sondern vielmehr dem
selbst entstehen, ohne daß wir uns ein solches "Ungeborenen in KŠa". Es besteht kein Unterschied
Durcheinander wünschen. Niemand will, daß es brennt, zwischen KŠas Innerem und KŠas Äußerem. Wer
aber dennoch geschieht es, und wir geraten außer Fassung. keinen Sinn für dieses Verständnis hat, erweist sich bei dem
Die vedische Weisheit ordnet daher an, daß man sich an Versuch, die Bhagavad-gītā zu verstehen, als der größte
einen spirituellen Meister in der Schülernachfolge wenden Narr.
muß, um die Verwirrungen des Lebens zu lösen und die
Wissenschaft von dieser Loslösung zu verstehen. Von VERS 8
einem Menschen mit einem echten spirituellen Meister
kann man erwarten, daß er alles weiß. Man sollte daher na hi prapaśyāmi mamāpanudyād
nicht in materiellen Verwirrungen verstrickt bleiben, yac chokam ucchoaŠam indriyāŠām
avāpya bhūmāv asapatnam ddhaˆ
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rājyaˆ surāŠām api cādhipatyam der Wissenschaft des KŠa-Bewußtseins nicht auskennt.
Jemand aber, der in einer Familie aus einer niederen Kaste
na—nicht; hi—gewiß; prapaśyāmi—ich sehe; mama— geboren wurde, kann ein spiritueller Meister werden, wenn
mein; apanudyāt—sie können vertreiben; yat—das; er ein VaiŠava oder KŠa-bewußt ist."
śokam—Klagen; ucchoaŠam—austrocknend; indriyā- Den Problemen des materiellen Daseins - Geburt, Alter,
Šām—der Sinne; avāpya—erreichend; bhūmau—auf der Krankheit und Tod kann nicht durch Anhäufung von
Erde; asapatnam—ohne Rivalen; ddham—blühendes; Reichtum und durch wirtschaftlichen Fortschritt
rājyam—Königreich; surāŠām—der Halbgötter; api— entgegengewirkt werden. In vielen Teilen der Welt gibt es
sogar; ca—auch; ādhipatyam—Überlegenheit. Staaten, denen alle Annehmlichkeiten des Lebens zur
Verfügung stehen, die sehr reich und wirtschaftlich
ÜBERSETZUNG fortgeschritten sind und die trotzdem immer noch mit den
Problemen des materiellen Daseins zu kämpfen haben. Sie
Ich kann kein Mittel finden, dieses Leid zu vertreiben, suchen auf verschiedenen Wegen nach Frieden, aber sie
das meine Sinne austrocknet. Ich wäre nicht einmal können wirkliches Glück nur dann erreichen, wenn sie sich
fähig, davon frei zu werden, wenn ich ein KŠa zuwenden oder die Bhagavad-gītā und das Śrīmad-
unangefochtenes Königreich auf der Erde mit einer Bhāgavatam zu Rate ziehen die die Wissenschaft von
Oberherrschaft wie die der Halbgötter im Himmel KŠa beinhalten -, oder wenn sie sich an den echten
gewänne. Vertreter KŠas, den Menschen im KŠa-Bewußtsein,
wenden.
ERLÄUTERUNG Wenn wirtschaftlicher Fortschritt und materielle
Annehmlichkeiten das Gejammer um familiäre, soziale,
Obwohl Arjuna so viele Einwände vorbrachte, die auf nationale oder internationale Trugbilder vertreiben könnten,
Kenntnis der Grundsätze von Religion und Moralgesetzen hätte Arjuna nicht gesagt, daß selbst ein unangefochtenes
beruhten, scheint es, daß er seine eigentlichen Probleme Königreich auf Erden oder Oberherrschaft wie die der
ohne die Hilfe des spirituellen Meisters, Śrī KŠa ,nicht zu Halbgötter auf den himmlischen Planeten nicht imstande
lösen vermochte. Er konnte verstehen, daß sein sogenanntes seien, sein Leid zu vertreiben. Er suchte daher Zuflucht im
Wissen nutzlos war, wenn es darum ging, die Probleme zu KŠa-Bewußtsein, und das ist der richtige Weg zu Frieden
meistern, die seine ganze Existenz austrockneten, und es und Harmonie. Wirtschaftlicher Fortschritt oder Herrschaft
war ihm unmöglich, solche Verwirrungen ohne die Hilfe über die Welt können jeden Augenblick durch die
eines spirituellen Meisters wie KŠa zu lösen. Umwälzungen der materiellen Natur beendet werden.
Akademisches Wissen, Gelehrsamkeit, eine hohe Stellung Selbst der Aufstieg zu höheren Planeten, wie zum Beispiel
usw. sind nutzlos, wenn es darum geht, die Probleme des der Versuch des Menschen, Lebensraum auf dem Mond zu
Lebens zu lösen. Hilfe kann nur ein spiritueller Meister wie suchen, kann ebenfalls mit einem Schlag beendet werden.
KŠa geben. Die Schlußfolgerung lautet daher, daß ein Die Bhagavad-gītā (9.21) bestätigt dies: kīŠe puŠye
spiritueller Meister, der zu einhundert Prozent KŠa- martyalokaˆ viśanti. "Wenn die Früchte frommer Werke
bewußt ist, der echte spirituelle Meister ist, da er die aufgezehrt sind, fällt man vom Gipfel höchsten Glücks
Probleme des Lebens lösen kann. Śrī Caitanya sagte, daß wieder auf die niedrigste Stufe des Lebens zurück." Viele
jemand, der Meister in der Wissenschaft des KŠa- Politiker dieser Welt sind auf diese Weise zu Fall
Bewußtseins ist, ungeachtet seiner sozialen Stellung, der gekommen. Solche Stürze werden nur zu weiteren
wahre spirituelle Meister ist. Im Caitanya-caritāmta Ursachen des Klagens.
(Madhya 8.127) heißt es: Wenn wir daher Klagen ein für allemal bezwingen wollen,
müssen wir bei KŠa Zuflucht suchen, wie es auch Arjuna
kibāvipra, kibā nyāsī, śūdra kene naya erstrebt. Arjuna bat also KŠa, seine Probleme endgültig
yei kŠa-tattva-vettā, sei 'guru' haya zu lösen, und das ist der Weg des KŠa-Bewußtseins.

"Es ist gleichgültig, ob jemand ein vipra [ein großer VERS 9


Gelehrter im vedischen Wissen] ist, ob er in einer niedrigen
Familie geboren wurde oder ob er im Lebensstand der sañjaya uvāca
Entsagung steht - wenn er Meister in der Wissenschaft von evam uktvā hīkeśaˆ
KŠa ist, ist er der vollkommene und echte spirituelle guākeśaƒ parantapaƒ
Meister." na yotsya iti govindam
Ohne ein Meister in der Wissenschaft des KŠa- uktvā tūŠīˆ babhūva ha
Bewußtseins zu sein, ist also niemand ein echter spiritueller
Meister. In den vedischen Schriften wird auch gesagt: sañjayaƒ uvāca—Sanjaya sagte; evam—so; uktvā—
sprechend; hīkeśam—zu KŠa, dem Herrn der Sinne;
a˜-karma-nipuŠo vipro mantra-tantra-viśāradaƒ guākeśaƒ—Arjuna, der Meister im Bezwingen von
avaiŠavo gurur na syād vaiŠavaƒ śvapaco guruƒ Unwissenheit; parantapaƒ—der Bezwinger der Feinde; na
yotsye—ich werde nicht kämpfen; iti—so; govindam—zu
"Ein gelehrter brāhmaŠa, der auf allen Gebieten des KŠa, der Freude schenkt; uktvā—sagend; tūŠīm—
vedischen Wissens bewandert ist, eignet sich nicht als schweigsam; babhūva—wurde; ha—gewiß.
spiritueller Meister, wenn er kein VaiŠava ist oder sich in
42

ÜBERSETZUNG Gesellschaft oder Gemeinschaft gedacht, sondern für alle,


und Freunde wie Feinde haben gleichermaßen das Recht,
Sañjaya sagte: Nachdem Arjuna, der Bezwinger der sie zu hören.
Feinde, so gesprochen hatte, sagte er zu KŠa:
"Govinda, ich werde nicht kämpfen!" und verstummte. VERS 11

ERLÄUTERUNG rī bhagavān uvāca


aścoyān anvaśocas tvaˆ
Dhtarā˜ra muß sehr erfreut gewesen sein, als er hörte, daß prajñā-vādāˆś ca bhāase
Arjuna nicht kämpfen wollte und statt dessen beabsichtigte, gatāsūn agatāsūˆś ca
das Schlachtfeld zu verlassen, um ein Bettler zu werden. nānuśocanti paŠitāƒ
Aber Sañjaya enttäuschte ihn eigentlich zugleich, als er ihm
mitteilte, daß Arjuna befähigt war, seine Feinde zu töten śrī bhagavān uvāca-die Höchste Persönlichkeit Gottes
(parantapaƒ). Obwohl Arjuna aus Zuneigung zu seiner sprach; aśocyān-das, was nicht des Klagens wert ist;
Familie zeitweise von falschem Schmerz überwältigt war, anvaśocaƒ-du beklagst; tvam-du; prajñā-vādāƒ-gelehrte
vertraute er sich KŠa, dem höchsten spirituellen Meister, Reden; ca-auch; bhāase-während du sprichst; gata-
als Schüler an. Dies deutete an, daß er bald von falscher verlorenes; asūn-Leben; agata-nicht vergangenes; asūn-
Klage aus Zuneigung zu seiner Familie frei sein und mit Leben; ca-auch; na-niemals; anuśocanti-beklagen;
vollkommenem Wissen um Selbsterkenntnis oder KŠa- paŠitāƒ-die Gelehrten.
Bewußtsein erleuchtet sein und dann gewiß kämpfen
würde. Auf diese Weise würde Dhtarā˜ras Frohlocken in ÜBERSETZUNG
Enttäuschung enden, da Arjuna von KŠa erleuchtet sein
und bis zum Letzten kämpfen würde. Der Höchste Herr sprach: Während du gelehrte Worte
sprichst, betrauerst du, was des Kummers nicht wert ist.
VERS 10 Die Weisen beklagen weder die Lebenden noch die
Toten.
tam uvāca hīkeśaƒ
prahasann iva bhārata ERLÄUTERUNG
senayor ubhayor madhye
viīdantam idaˆ vacaƒ Der Herr nahm sofort die Stellung des Lehrers ein und
rügte den Schüler, indem Er ihn indirekt einen Toren
tam-zu ihm; uvāca-sagte; hīkeśaƒ-der Herr der Sinne, nannte. Der Herr sagte: "Du sprichst wie ein Gelehrter, aber
KŠa; prahasan-lächelnd; iva-so; bhārata-o Dhtarā˜ra, du weißt nicht, daß jemand, der wirklich gelehrt ist - der
Nachkomme Bhāratas; senayoƒ-der Heere; ubhayoƒ-beider weiß, was Körper und was Seele ist - niemals die
Seiten; madhya-zwischen; viīdantam-zu dem Klagenden; Verfassung des Körpers beklagt, weder im lebendigen noch
idam-die folgenden; vacaƒ-Worte. im toten Zustand." Wie in späteren Kapiteln eindeutig
erklärt werden wird, bedeutet Wissen, die Materie, die
ÜBERSETZUNG spirituelle Seele und den Lenker von beiden zu kennen.
Arjuna wandte ein, religiösen Grundsätzen solle mehr
O Nachfahre Bhāratas [Dhtarā˜ra], da sprach KŠa Bedeutung beigemessen werden als Politik oder Soziologie,
in der Mitte zwischen den beiden Heeren zu dem aber er wußte nicht, daß Wissen von der Materie, der Seele
kummervollen Arjuna lächelnd die folgenden Worte. und dem Höchsten sogar noch wichtiger ist als religiöse
Rituale. Und weil es ihm an diesem Wissen fehlte, hätte er
ERLÄUTERUNG sich nicht als großer Gelehrter ausgeben sollen. Da er nun
tatsächlich kein großer Gelehrter war, jammerte er um
Das Gespräch fand zwischen engen Freunden statt, etwas, was des Klagens überhaupt nicht wert war. Der
zwischen Hīkeśa und Guākeśa. Als Freunde befanden Körper wird geboren und hat das Schicksal, heute oder
sich beide auf der gleichen Ebene, doch einer wurde morgen zu vergehen; deshalb ist der Körper nicht so
freiwillig der Schüler des anderen. KŠa lächelte, weil sich wichtig wie die Seele. Wer dies weiß, ist wahrhaft gelehrt,
ein Freund entschlossen hatte, ein Schüler zu werden. Als und für ihn gibt es keinen Grund zu klagen - ungeachtet des
Herr allen Seins nimmt Er als der Meister eines jeden Zustands, in dem sich der materielle Körper befindet.
immer die übergeordnete Stellung ein, und doch nimmt der
Herr auch jemand an, der Freund, Sohn, Geliebte oder VERS 12
Geweihter sein oder Ihn Selbst in einer solchen Rolle sehen
möchte. Als Er aber als Meister akzeptiert wurde, nahm Er na tv evāhaˆ jātu nāsaˆ
sogleich diese Rolle an und sprach mit dem Schüler wie der na tvaˆ neme janādhipāƒ
Meister - mit Ernst, wie es notwendig ist. Es scheint, daß na caiva na bhaviyāmaƒ
das Gespräch zwischen dem Meister und dem Schüler sarve vayam ataƒ param
öffentlich, vor den beiden Heeren, geführt wurde, so daß
alle ihren Nutzen daraus ziehen konnten. Die Gespräche der na—niemals; tu—aber; eva—gewiß; aham—Ich; jātu—
Bhagavad-gītā sind also nicht für eine bestimmte Person, werde; na—niemals; āsam— existierte; na—es ist nicht so;
43

tvam—du; na—nicht; ime—all diese; janādhipāƒ—Könige; Individualität keine Tatsache wäre, hätte KŠa sie nicht so
na—niemals; ca—auch; eva—gewiß; na—nicht wie dies; sehr betont - sogar für die Zukunft. Die Māyāvādīs mögen
bhaviyāmaƒ—werden existieren; sarve—wir alle; vayam— einwenden, die Individualität, von der KŠa spreche, sei
wir; ataƒ param—hiernach. nicht spirituell, sondern materiell, aber selbst wenn man das
Argument akzeptiert, daß Individualität materiell sei, wie
ÜBERSETZUNG ist dann KŠas Individualität zu verstehen? KŠa
bekräftigt, daß Er in der Vergangenheit Seine Individualität
Niemals gab es eine Zeit, als Ich oder du oder all diese hatte, und versichert, daß Er auch in der Zukunft Seine
Könige nicht existierten, noch wird in der Zukunft einer Individualität haben wird. Er hat Seine Individualität auf
von uns aufhören zu sein. vielerlei Weise bestätigt, und es ist erklärt worden, daß das
unpersönliche Brahman Ihm untergeordnet ist. KŠa hat
ERLÄUTERUNG Seine spirituelle Individualität immer bewahrt. Wenn man
Ihn für eine gewöhnliche bedingte Seele mit individuellem
In den Veden, das heißt sowohl in der Ka˜ha Upaniad als Bewußtsein hält, hat Seine Bhagavad-gītā als maßgebende
auch in der Śvetāśvatara Upaniad, steht geschrieben, daß Schrift keinen Wert. Ein gewöhnlicher Mensch mit den vier
der Herr, die Höchste Persönlichkeit, der Erhalter Mängeln menschlicher Unvollkommenheit ist unfähig,
unzähliger Lebewesen ist und sie versorgt - je nach ihren etwas zu lehren, was es wert ist, gehört zu werden. Die Gītā
unterschiedlichen Lebensumständen, die aus individueller steht über solcher Literatur. Kein weltliches Buch ist mit
Arbeit und der Reaktion auf dieses Tun resultieren. Der der Bhagavad-gītā vergleichbar. Wenn man KŠa für
Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, lebt auch durch einen gewöhnlichen Menschen hält, verliert die Gītā ihre
Seine vollständigen Teile im Herzen eines jeden ganze Bedeutung. Die Māyāvādīs argumentieren, die in
Lebewesens. Nur heilige Menschen, die sowohl im Innern diesem Vers angesprochene Pluralität sei im
als auch außerhalb den gleichen Höchsten Herrn herkömmlichen Sinne zu verstehen und beziehe sich auf
wahrnehmen können, sind imstande, wahrhaft den Körper. Aber an früherer Stelle, vor diesem Vers, ist
vollkommenen und ewigen Frieden zu erlangen. eine solche körperliche Auffassung bereits verurteilt
worden. Wie konnte also KŠa, nachdem Er das
nityo nityānāˆ cetanaś cetanānām körperliche Verständnis von den Lebewesen verurteilt
eko bahūnāˆ yo vidadhāti kāmān hatte, eine übliche Vorstellung vom Körper vertreten? Die
tam ātmasthaˆ ye 'nupaśyanti dhīrās Auffassung von der Individualität wird daher auf
teāˆ śāntiƒ śāśvatī netareām spiritueller Grundlage aufrechterhalten, wie es von großen
(Ka˜ha Upaniad 2.2.13) ācāryas wie Śrī Rāmānuja und anderen, bestätigt wird. An
vielen Stellen in der Gītā heißt es eindeutig, daß diese
Die gleiche vedische Wahrheit, die Arjuna verkündet spirituelle Individualität nur von denen verstanden wird, die
wurde, wird allen Menschen auf der Weit offenbart, die Geweihte des Herrn sind. Diejenigen, die KŠa als die
sich als sehr gelehrt hinstellen, aber in Wirklichkeit nur Höchste Persönlichkeit Gottes beneiden, haben keinen
über dürftiges Wissen verfügen. Der Herr sagt eindeutig, Zugang zu diesem großartigen Literaturwerk. Ein
daß Er Selbst, Arjuna und all die auf dem Schlachtfeld Nichtgottgeweihter, der sich mit den Lehren der Gītā
versammelten Könige ewig individuelle Wesen sind und befaßt, gleicht einer Biene, die an einem Honigtopf leckt.
daß Er ewig der Erhalter der individuellen Lebewesen Man kann den Geschmack des Honigs nicht erfahren,
sowohl in ihren bedingten als auch in ihren befreiten solange man nicht den Topf öffnet. In ähnlicher Weise
Situationen ist. Die Höchste Persönlichkeit Gottes ist die kann auch das Geheimnis der Bhagavad-gītā nur von
höchste individuelle Person, und Arjuna, der ewige Gottgeweihten verstanden werden, und niemand sonst kann
Gefährte des Herrn, und all die dort versammelten Könige davon einen Geschmack bekommen, wie im Vierten
sind ebenfalls individuelle, ewige Personen. Es ist nicht so, Kapitel des Buches bestätigt wird. Auch ist die Gītā
daß sie in der Vergangenheit nicht als Individuen existiert Menschen nicht zugänglich, die auf die bloße Existenz des
haben, und es ist nicht so, daß sie nicht ewige Personen Herrn neidisch sind. Deshalb ist die Māyāvādī-Auslegung
bleiben werden. Ihre Individualität existierte in der der Gītā eine höchst irreführende Darstellung der ganzen
Vergangenheit, und ihre Individualität wird in der Zukunft Wahrheit. Śrī KŠa Caitanya hat uns verboten,
ohne Unterbrechung weiterbestehen. Deshalb besteht kein Kommentare der Māyāvādīs zu lesen, und Er weist uns
Anlaß, irgend jemand zu beklagen. darauf hin, daß derjenige, der sich der Philosophie der
Die Theorie der Māyāvādīs, die individuelle Seele, getrennt Māyāvādīs zuwende, die Fähigkeit verliere, das eigentliche
durch die Bedeckung māyās oder der Illusion, werde nach Geheimnis der Gītā zu verstehen. Wenn sich Individualität
der Befreiung mit dem unpersönlichen Brahman auf das empirische Universum bezieht, dann ist es nicht
verschmelzen und ihre individuelle Existenz verlieren, wird notwendig, daß der Herr überhaupt lehrt. Die Pluralität der
hier von Śrī KŠa, der höchsten Autorität, nicht unterstützt. individuellen Seele und des Herrn ist eine ewige Tatsache
Noch wird hier die Theorie untermauert, daß wir uns im und wird, wie oben erwähnt, von den Veden bestätigt.
bedingten Zustand Individualität nur einbilden. KŠa sagt
hier deutlich, daß in der Zukunft auch die Individualität des VERS 13
Herrn und anderer, wie in den Upaniaden bestätigt ist,
fortbestehen wird. Diese Erklärung KŠas ist maßgebend, dehino'smin yathā dehe
denn KŠa kann nicht der Illusion unterliegen. Wenn kaumāraˆ yauvanaˆ jarā
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tathā dehāntara-prāptir zusammen mit dem Herrn, der Persönlichkeit Gottes, ein
dhīras tatra na muhyati ewiges Leben in Glückseligkeit und Wissen. Am Beispiel
der Spiegelung kann man die Überseele verstehen, die in
dehinaƒ-des Verkörperten; asmin—in diesem; yathā—wie; jedem einzelnen individuellen Körper anwesend ist und die
dehe—im Körper; kaumāram—Knabenzeit; yauvanam— man als Paramātmā kennt, der vom individuellen
Jugend; jarā—Alter; tathā—in ähnlicher Weise; Lebewesen verschieden ist. Wenn der Himmel im Wasser
dehāntara—Wechsel des Körpers; prāptiƒ—Erlangung; gespiegelt wird, repräsentieren die Spiegelungen sowohl
dhīraƒ—der Besonnene; tatra—diesbezüglich; na— die Sonne und den Mond als auch die Sterne. Die Sterne
niemals; muhyati—getäuscht. können mit den Lebewesen verglichen werden und die
Sonne oder der Mond mit dem Höchsten Herrn. Die
ÜBERSETZUNG individuelle, fragmentarische Seele wird von Arjuna
repräsentiert, und die Höchste Seele ist die Persönlichkeit
So wie die verkörperte Seele in diesem Körper Gottes, Śrī KŠa. Sie befinden sich nicht auf der gleichen
fortgesetzt von Knabenzeit zu Jugend und zu Alter Ebene, wie zu Beginn des Vierten Kapitels deutlich werden
wandert, so geht die Seele beim Tod in ähnlicher Weise wird. Wenn sich Arjuna auf der gleichen Ebene wie KŠa
in einen anderen Körper ein. Die selbstverwirklichte befindet und KŠa nicht über Arjuna steht, dann wird ihre
Seele ist durch einen solchen Wechsel nicht verwirrt. Beziehung als Lehrer und Schüler bedeutungslos. Wenn
beide von der illusionierenden Energie (māyā) getäuscht
ERLÄUTERUNG sind, ist es nicht notwendig, daß der eine Lehrer und der
andere Schüler ist. Solche Unterweisungen wären nutzlos,
Da jedes Lebewesen eine individuelle Seele ist, wechselt es da niemand in der Gewalt māyās ein maßgebender Lehrer
seinen Körper in jedem Augenblick und manifestiert sich sein kann. Hier jedoch wird Śrī KŠa als der Höchste Herr
so manchmal als Kind, manchmal als Jugendlicher und anerkannt, der Sich in einer höheren Stellung befindet als
manchmal als alter Mann. Dennoch handelt es sich um die das Lebewesen, Arjuna, der eine von māyā irregeführte,
gleiche spirituelle Seele, die sich nicht wandelt. Diese vergeßliche Seele ist.
individuelle Seele wechselt den Körper zum Zeitpunkt des
Todes endgültig und geht in einen anderen Körper ein, und VERS 14
da sie mit Sicherheit bei der nächsten Geburt einen anderen
Körper bekommt - entweder einen materiellen oder einen mātrā-sparśās tu kaunteya
spirituellen -, gab es für Arjuna keinen Grund, den Tod zu śītoŠa-sukha-duƒkha-dāƒ
beklagen, auch den Bhīmas oder DroŠas nicht, um die er āgamāpāyino'nityās
sich so sorgte. Vielmehr sollte er sich freuen, daß sie ihre tāˆs titikasva bhārata
alten Körper gegen neue eintauschen und so ihre Energie
erneuern würden. Solche Körperwechsel bedeuten eine mātrā—sinnliche; sparśāƒ—Wahrnehmung; tu—nur;
Vielfalt von Freuden oder Leiden, die sich je nach der kaunteya—o Sohn Kuntīs; śīta—Winter; uŠa—Sommer;
Handlungsweise im Leben richten. Da Bhīma und DroŠa sukha—Glück; duƒkha-dāƒ—Schmerz bereitend; āgama—
edle Seelen waren, wurden sie in ihrem nächsten Leben mit erscheinend; apāyinaƒ—verschwindend; anityāƒ—
Gewißheit entweder spirituelle Körper oder zumindest ein unbeständig; tān—sie alle; titikasva—versuche einfach zu
Leben in himmlischen Körpern erhalten, in denen ein dulden; bhārata—o Nachkomme der Bhārata-Dynastie.
höherer Genuß des materiellen Daseins möglich wäre. In
beiden Fällen gab es also keinen Grund zu klagen. ÜBERSETZUNG
Jeder Mensch, der über vollkommenes Wissen von der
Beschaffenheit der individuellen Seele, der Überseele und O Sohn Kuntīs, das unbeständige Erscheinen von Glück
der Natur - der materiellen wie auch der spirituellen - und Leid und ihr Verschwinden im Laufe der Zeit
verfügt, wird als dhīra oder ein überaus besonnener gleichen dem Kommen und Gehen von Sommer und
Mensch bezeichnet. Ein solcher Mensch läßt sich niemals Winter. Sie entstehen durch Sinneswahrnehmung, o
durch den Wechsel von Körpern täuschen. Die Māyāvādī- Nachkomme Bhāratas, und man muß lernen, sie zu
Theorie des Einsseins der spirituellen Seele kann nicht dulden, ohne gestört zu sein.
damit begründet werden, daß die Seele nicht in
fragmentarische Teile zerlegt werden kann und daß ein ERLÄUTERUNG
solches Zerlegen in verschiedene individuelle Seelen den
Höchsten teilbar und wandelbar machen würde, was dem Wenn man seine Pflicht richtig erfüllen will, muß man
Prinzip widerspräche, daß die Höchste Seele unwandelbar lernen, das unbeständige Erscheinen und Verschwinden
ist. von Glück und Leid zu dulden. Nach vedischer
Wie in der Gītā bestätigt wird, bestehen die Unterweisung muß man sogar im Monat Māgha (Januar-
fragmentarischen Teile des Höchsten ewig (sanātana) und Februar) früh morgens sein Bad nehmen. Zu dieser Zeit ist
werden kara genannt, was bedeutet, daß sie die Neigung es sehr kalt, aber trotzdem zögert ein Mann, der an den
haben, in die materielle Natur zu fallen. Diese religiösen Grundsätzen festhält, nicht, sein Bad zu nehmen.
fragmentarischen Teile sind ewig so beschaffen, und selbst In ähnlicher Weise zögert eine Frau nicht, während der
nach der Befreiung bleibt die individuelle Seele der gleiche Monate Mai und Juni - dem heißesten Teil der Sommerzeit
fragmentarische Teil. Aber einmal befreit, lebt sie - in der Küche zu kochen. Man muß trotz klimabedingter
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Unbequemlichkeiten seine Pflicht erfüllen. In ähnlicher vierundzwanzig Jahren sannyāsa an, und Seine
Weise ist Kämpfen das religiöse Prinzip der katriyas, und Angehörigen, nämlich Seine junge Frau und Seine alte
auch wenn man mit einem Freund oder Verwandten Mutter, hatten außer Ihm niemand, der sich um sie
kämpfen muß, sollte man nicht von seiner kümmerte. Dennoch nahm Er um einer höheren Sache
vorgeschriebenen Pflicht abweichen. Man muß den willen sannyāsa an und erfüllte mit Beständigkeit höhere
vorgeschriebenen Regeln und Regulierungen religiöser Pflichten. Das ist der Weg, Befreiung aus der materiellen
Prinzipien folgen, um zur Ebene von Wissen aufzusteigen, Knechtschaft zu erlangen.
denn nur durch Wissen und Hingabe kann man sich aus den
Klauen māyās befreien. VERS 16
Die beiden Namen, mit denen Arjuna hier bedacht wird,
sind ebenfalls bedeutsam. Die Anrede "Kaunteya" zeigt nāsato vidyate bhāvo
seine bedeutende Blutsverwandtschaft mit der Familie nābhāvo vidyate sataƒ
seiner Mutter an, und die Anrede "Bhārata" deutet auf seine ubhayor api d˜o'ntas
Größe von seiten seines Vaters hin. Man kann also tv anayos tattva-darśibhiƒ
annehmen, daß er von beiden Seiten ein großes Erbe
mitbrachte. Ein großes Erbe bringt in bezug auf die richtige na—niemals; asataƒ—des Inexistenten; vidyate—gibt es;
Erfüllung von Pflichten Verantwortung mit sich, und daher bhāvaƒ—Beständigkeit; na—niemals; abhāvaƒ—
kann er den Kampf nicht vermeiden. wechselnde Eigenschaften; vidyate—gibt es; sataƒ—des
Ewigen; ubhayoƒ—der beiden; api—wahrlich; d˜aƒ—
VERS 15 beobachtet; antaƒ-Schlußfolgerung; tu—aber; anayoƒ—von
ihnen; tattva—Wahrheit; darśibhiƒ—von den Sehern.
yaˆ hi na vyathayanty ete
puruaˆ puruarabha ÜBERSETZUNG
sama-duƒkha-sukhaˆ dhīraˆ
so'mtatvāya kalpate Die Weisen, die die Wahrheit sehen, haben erkannt, daß
das Inexistente ohne Dauer und das Existente ohne
yam—jemand, der; hi—sicherlich; na—niemals; Ende ist. Zu diesem Schluß sind die Weisen gekommen,
vyathayanti—fügen Leid zu; ete— all diese; puruam— nachdem sie das Wesen von beiden studiert hatten.
einem Menschen; puruarabha—ist der Beste unter den
Menschen; sama—unverändert; duƒkha—Leid; sukham— ERLÄUTERUNG
Glück; dhīram—geduldig; saƒ—er; amtatvāya—für
Befreiung; kalpate—gilt als geeignet. Der sich wandelnde Körper ist nicht von Dauer. Daß sich
der Körper in jedem Augenblick durch die Aktionen und
ÜBERSETZUNG Reaktionen der verschiedenen Zellen verändert, wird von
der modernen medizinischen Wissenschaft bestätigt, und so
O Bester unter den Menschen [Arjuna], wer sich durch finden also im Körper Wachstum und Alter statt. Aber die
Glück und Leid nicht stören läßt, sondern in beiden spirituelle Seele besteht fortwährend und bleibt trotz aller
geduldig ist, eignet sich gewiß dazu, Befreiung zu Wandlungen des Körpers und des Geistes dieselbe. Das ist
erlangen. der Unterschied zwischen Materie und spiritueller Natur.
Von Natur aus wandelt sich der Körper ständig, aber die
ERLÄUTERUNG Seele ist ewig. Zu dieser Schlußfolgerung sind alle Arten
von Weisen, sowohl Unpersönlichkeits- als auch
Jeder, der mit fester Entschlossenheit nach der Persönlichkeitsphilosophen, gekommen. Im ViŠu PurāŠa
fortgeschrittenen Stufe spiritueller Erkenntnis strebt und heißt es, daß ViŠu und Seine Reiche alle von
mit Gleichmut die Angriffe von Leid und Glück duldet, ist selbstleuchtender spiritueller Existenz sind -jyotīˆi viŠur
gewiß geeignet, befreit zu werden. In der varŠāśrama- bhavanāni viŠuƒ. Die Wörter "existent" und "inexistent"
Einrichtung stellt die vierte Stufe des Lebens, nämlich der beziehen sich nur auf die spirituelle Natur und die Materie.
Lebensstand der Entsagung (sannyāsa), ein mühevolles Das ist die Ansicht aller Weisen.
Leben dar. Doch wem es ernst ist, sein Leben zu Hier beginnen die Unterweisungen des Herrn an die
vervollkommnen, der tritt mit Sicherheit trotz aller Lebewesen, die durch den Einfluß der Unwissenheit
Schwierigkeiten in den sannyāsa-Stand des Lebens ein. Die verwirrt sind. Eine Beseitigung der Unwissenheit bedeutet
Schwierigkeiten entstehen im allgemeinen daraus, daß man auch, daß die ewige Beziehung zwischen dem Verehrenden
die Beziehung zu seiner Familie abbrechen, das heißt die und dem Verehrten wiederhergestellt und folglich der
Verbindung zu Frau und Kindern, aufgeben muß. Aber Unterschied zwischen den winzigen, teilhaften Lebewesen
wenn jemand fähig ist, solche Schwierigkeiten auf sich zu und der Höchsten Persönlichkeit Gottes verstanden wird.
nehmen, ist sein Weg zur spirituellen Erkenntnis gewiß Man kann das Wesen des Höchsten anhand eines
vollkommen. Ebenso bekommt Arjuna bei seiner eingehenden Studiums seinerselbst verstehen,
Pflichterfüllung als katriya den Rat, standhaft zu bleiben - vorausgesetzt, daß man den Unterschied zwischen sich
auch wenn es schwierig ist, mit seinen selbst und dem Höchsten als die Beziehung zwischen dem
Familienangehörigen oder anderen nahestehenden Teil und dem Ganzen versteht. In den Vedānta-sūtras und
Menschen zu kämpfen. Śrī Caitanya nahm im Alter von ebenso im Śrīmad-Bhāgavatam ist der Höchste als der
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Ursprung aller Inkarnationen anerkannt worden. Diese keśāgra-śata-bhāgasya śatāˆśaƒ sādśātmakaƒ


Inkarnationen kann man anhand der Folgeerscheinungen jīvaƒ sūkma-svarūpo'yam sa‰khyātīto hi cit-kaŠaƒ
höherer und niederer Natur wahrnehmen. Wie im Siebten
Kapitel offenbart werden wird, gehören die Lebewesen zur "Es gibt unzählige Partikel von spirituellen Atomen, und
höheren Natur. Obwohl kein Unterschied zwischen der jedes von ihnen ist so groß wie der zehntausendste Teil
Energie und dem Ursprung der Energie besteht, wird der einer Haarspitze."
Energieursprung als der Höchste und die Energie oder Hiernach ist das individuelle Partikel, das eine spirituelle
Natur als Ihm untergeordnet anerkannt. Deshalb sind die Seele darstellt, ein spirituelles Atom, das kleiner ist als die
Lebewesen dem Höchsten Herrn immer untergeben - wie materiellen Atome, und solche Atome sind unzählbar.
der Diener dem Meister oder der Schüler dem Lehrer. Dieser sehr kleine spirituelle Funken bildet das
Solch klares Wissen ist unter dem Zauber der Unwissenheit Grundprinzip des materiellen Körpers, und der Einfluß
unmöglich zu verstehen, und um solche Unwissenheit zu eines solchen spirituellen Funkens ist über den ganzen
vertreiben, lehrt der Herr die Bhagavad-gītā zur Körper verbreitet, ebenso wie sich der Einfluß des aktiven
Erleuchtung aller Lebewesen für alle Zeiten. Prinzips eines Medikaments im gesamten Körper verbreitet.
Diese Ausbreitung der Seele wird überall im Körper als
VERS 17 Bewußtsein verspürt, und das ist der Beweis für die
Gegenwart der Seele. Jeder Laie kann verstehen, daß der
avināśi tu tad viddhi materielle Körper ohne Bewußtsein ein toter Körper ist und
yena sarvam idaˆ tatam daß dieses Bewußtsein im Körper durch keine materielle
vināśam avyayasyāsya Bemühung wiederbelebt werden kann. Bewußtsein ist
na kaścit kartum arhati daher auf keinerlei Menge materieller Verbindungen
zurückzuführen, sondern auf die spirituelle Seele. In der
avināśi—unvergänglich; tu—aber; tat—jene; viddhi—wisse MuŠaka Upaniad (3.1.9) wird weiter erklärt, wie man die
es; yena—durch die; sarvam—der gesamte Körper; idam— atomische spirituelle Seele mißt.
dies; tatam—verbreitet; vināśam—Zerstörung; avyayasya—
der unvergänglichen; asya—von ihr; na—niemals; kaścit— eo 'Šurātmā cetasā veditavyo
niemand; kartum—zu tun; arhati—fähig. yasmin prāŠaƒ pañcadhā saˆviveśa
prāŠaiś cittam sarvam otam prajānāˆ
ÜBERSETZUNG yasmin viśuddhe vibhavaty ea ātmā

Wisse, das was den gesamten Körper durchdringt, ist "Die Seele ist atomisch klein und kann durch vollkommene
unzerstörbar. Niemand ist imstande, die unvergängliche Intelligenz wahrgenommen werden. Diese atomische Seele
Seele zu zerstören. schwebt in den fünf Luftarten prāŠa, apāna, vyāna,
samāna und udāna, befindet sich im Herzen und verbreitet
ERLÄUTERUNG ihren Einfluß über den gesamten Körper des verkörperten
Lebewesens. Wenn die Seele von der Verunreinigung
Dieser Vers erklärt noch deutlicher das wirkliche Wesen durch die fünf Arten materieller Luft geläutert ist, entfaltet
der Seele, das über den gesamten Körper verbreitet ist. sich ihr spiritueller Einfluß."
Jeder kann verstehen, was über den ganzen Körper Das ha˜ha-yoga-System ist dazu gedacht, die fünf
verbreitet ist: es ist Bewußtsein. Jeder ist sich der Luftarten, die die reine Seele umkreisen, durch
Schmerzen und Freuden bewußt, die entweder in einem verschiedene Sitzstellungen zu meistern - nicht um
Teil des Körpers oder im gesamten Körper empfunden irgendeines materiellen Gewinns willen, sondern um die
werden. Diese Verbreitung von Bewußtsein beschränkt sich winzige Seele aus der Verstrickung in die materielle
auf den eigenen Körper. Die Schmerzen und Freuden des Atmosphäre zu befreien.
einen Körpers sind einem anderen unbekannt. Daher ist Das Wesen der winzigen Seele wird also in allen vedischen
jeder einzelne Körper die Verkörperung einer individuellen Schriften anerkannt und in der praktischen Erfahrung jedes
Seele, und das Symptom für die Anwesenheit der Seele geistig gesunden Menschen tatsächlich empfunden. Nur ein
wird als individuelles Bewußtsein erfahren. Diese Seele Geistesgestörter kann glauben, die winzig kleine Seele sei
wird als so groß wie der zehntausendste Teil einer das alldurchdringende viŠu-tattva.
Haarspitze beschrieben. Die Śvetāśvatara Upaniad (5.9) Der Einfluß der winzigen Seele kann vollständig über einen
bestätigt dies wie folgt: bestimmten Körper verbreitet werden. Wie es in der
MuŠaka Upaniad heißt, befindet sich die atomische Seele
bālāgra-śata-bhāgasya śatadhā kalpitasya ca im Herzen des Lebewesens, und da die Messung der
bhāgo jīvaƒ sa vijñeyaƒ sa cānantyāya kalpate atomischen Seele jenseits der Reichweite der materiellen
Wissenschaftler liegt, behaupten einige von ihnen
"Wenn eine Haarspitze in hundert Teile und jedes dieser törichterweise, es gebe keine Seele. Es besteht kein Zweifel
Teile in weitere hundert Teile zerlegt wird, dann entspricht darüber, daß die individuelle winzige Seele zusammen mit
eines dieser Teile der Größe der Seele." der Überseele im Herzen weilt, und daher kommen alle
Im Bhāgavatam wird diese Tatsache in ähnlicher Weise Energien, die zur Bewegung des Körpers benötigt werden,
erklärt: aus diesem Teil des Körpers. Die roten Blutkörperchen, die
den Sauerstoff aus der Lunge mit sich tragen, bekommen
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Energie von der Seele. Wenn die Seele diese Stellung gesamte Universum erhält, so erhält das Licht der Seele den
verläßt, kommt die Tätigkeit des Blutes, die die materiellen Körper. Sobald die spirituelle Seele den
Verbrennungsvorgänge anregt, zum Stillstand. Die materiellen Körper verlassen hat, beginnt der Körper zu
medizinische Wissenschaft erkennt die Bedeutung der roten zerfallen; daher ist es die spirituelle Seele, die den Körper
Blutkörperchen an, aber sie kann nicht herausfinden, daß erhält. Der Körper selbst ist unwichtig. Arjuna wurde
die Quelle der Energie die Seele ist. Auf der anderen Seite angewiesen, zu kämpfen und den materiellen Körper um
aber räumt die medizinische Wissenschaft ein, daß das der Religion willen zu opfern.
Herz der Sitz aller Energien des Körpers ist.
Diese atomischen Partikel des Spirituellen Ganzen werden VERS 19
mit den Molekülen des Sonnenscheins verglichen. Im
Sonnenschein gibt es unzählige strahlende Moleküle. In ya enaˆ vetti hantāraˆ
ähnlicher Weise sind die fragmentarischen Teile des yaś cainaˆ manyate hatam
Höchsten Herrn atomische Funken der Strahlen des ubhau tau na vijānīto
Höchsten, die als prabhā oder höhere Energie bezeichnet nāyaˆ hanti na hanyate
werden. Weder das vedische Wissen noch die moderne
Wissenschaft verleugnen die Existenz der spirituellen Seele yaƒ—jeder; enam—dies; vetti—weiß; hantāram—der
im Körper, und die Wissenschaft von der Seele wird Töter; yaƒ—jeder; ca—auch; enam—dies; manyate—denkt;
ausführlich von der Höchsten Persönlichkeit Gottes Selbst hatam—getötet; ubhau—sie beide; tau—sie; na—niemals;
in der Bhagavad-gītā erklärt. vijānītaƒ—im Wissen; na—niemals; ayam—diese; hanti—
tötet; na—noch; hanyate-wird getötet.
VERS 18
ÜBERSETZUNG
antavanta ime dehā
nityasyoktāƒ śarīriŠaƒ Wer glaubt, das Lebewesen töte oder werde getötet,
anāśino’prameyasya befindet sich in Unwissenheit. Wer in Wissen gründet,
tasmād yudhyasva bhārata weiß, daß das Lebewesen weder tötet noch getötet wird.

antavantaƒ—vergänglich; ime—all diese; dehā-materiellen ERLÄUTERUNG


Körper; nityasya— ewig bestehend; uktāƒ—es heißt so;
śarīriŠaƒ—die verkörperten Seelen; anāśinaƒ—können Wenn ein verkörpertes Lebewesen durch tödliche Waffen
niemals zerstört werden; aprameyasya—unmeßbar; verletzt wird, muß man wissen, daß das Lebewesen
tasmāt—deshalb; yudhyasva—kämpfe; bhārata—o innerhalb des Körpers nicht getötet wird. Wie aus den
Nachkomme Bhāratas. vorangegangenen Versen deutlich hervorgeht, ist die
spirituelle Seele so klein, daß es unmöglich ist, sie mit
ÜBERSETZUNG irgendeiner materiellen Waffe zu töten. Allein aufgrund
seiner spirituellen Beschaffenheit kann das Lebewesen
Nur der materielle Körper des unzerstörbaren, niemals vernichtet werden. Das, was vernichtet oder
unmeßbaren und ewigen Lebewesens unterliegt der angeblich zerstört wird, ist nur der Körper. Dies soll aber
Zerstörung. Deshalb kämpfe, o Nachkomme Bhāratas. keineswegs dazu auffordern, den Körper zu töten. Die
vedische Unterweisung lautet: māhiˆsyāt sarva-bhūtāni.
ERLÄUTERUNG "Tu niemals irgend jemand Gewalt an." Auch ermutigt das
Verständnis, daß das Lebewesen nicht getötet werden kann,
Der materielle Körper ist von Natur aus vergänglich. Er nicht dazu, Tiere zu schlachten. Den Körper irgendeines
mag sogleich vergehen oder erst nach hundert Jahren. Es ist Lebewesens zu vernichten, ohne dazu befugt zu sein, ist
nur eine Frage der Zeit. Es gibt keine Möglichkeit, ihn verabscheuungswürdig und wird sowohl vom Gesetz des
unbegrenzt zu erhalten. Die spirituelle Seele aber ist so Staates als auch vom Gesetz des Herrn bestraft. Arjuna
winzig, daß sie von einem Feind nicht einmal gesehen, jedoch soll für das Prinzip der Religion töten - nicht aus
geschweige denn getötet werden kann. Wie im vorherigen einer Laune heraus.
Vers erwähnt wurde, ist sie so klein, daß niemand
irgendeine Vorstellung hat, wie man ihre Dimension VERS 20
messen kann. Von beiden Gesichtspunkten aus betrachtet
gibt es also keinen Grund zu klagen, denn weder kann das na jāyate mriyate vā kadācin
Lebewesen, so wie es ist, getötet noch kann der materielle nāyaˆ bhūtvā bhavitā vā na bhūyaƒ
Körper, der nicht einmal eine Sekunde länger als ajo nityaƒ śāśvato’yaˆ purāŠo
vorgesehen erhalten werden kann, bleibend beschützt na hanyate hanyamāne śarīre
werden. Das winzige Partikel des Spirituellen Ganzen
nimmt seinem Tun gemäß einen materiellen Körper an, und na—niemals; jāyate—wird geboren; mriyate—stirbt
daher soll man die Einhaltung religiöser Grundsätze nutzen. niemals; vā—entweder; kadācit—zu irgendeiner Zeit
In den Vedānta-sūtras wird das Lebewesen (Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft); na—niemals;
eigenschaftsmäßig als Licht eingestuft, da es ein ayam—dies; bhūtvā—wurde geboren; bhavitā—wird
Bestandteil des höchsten Lichts ist. So wie Sonnenlicht das entstehen; vā—oder; na—nicht; bhūyaƒ—oder ist
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entstanden; ajaƒ—ungeboren; nityaƒ—ewig; śāśvataƒ— aufhält, kann man die Gegenwart der Seele einfach durch
immerwährend; ayam—dieses; purāŠaƒ—am ältesten; na— die Anwesenheit von Bewußtsein verstehen. Manchmal
niemals; hanyate—wird vernichtet; hanyamāne—vernichtet finden wir die Sonne am Himmel nicht, weil sich Wolken
wird; śarīre-der Körper. davor geschoben haben oder aus irgendeinem anderen
Grund, aber das Licht der Sonne ist immer da, und wir sind
ÜBERSETZUNG überzeugt, daß es deshalb Tag ist. Sobald frühmorgens ein
wenig Licht am Himmel ist, können wir verstehen, daß die
Für die Seele gibt es weder Geburt noch Tod. Auch hört Sonne am Himmel steht. In ähnlicher Weise können wir
sie, da sie einmal war, niemals auf zu sein. Sie ist auch die Gegenwart der Seele verstehen, da in allen
ungeboren, ewig, immerwährend, unsterblich und Körpern - ob Mensch oder Tier - Bewußtsein vorhanden ist.
urerst. Sie wird nicht getötet, wenn der Körper Dieses Bewußtsein der Seele unterscheidet sich jedoch vom
erschlagen wird. Bewußtsein des Höchsten, da das höchste Bewußtsein
Allwissen ist - es umfaßt Vergangenheit, Gegenwart und
ERLÄUTERUNG Zukunft. Das Bewußtsein der individuellen Seele neigt
dazu, vergeßlich zu sein. Wenn sie ihre wahre Natur
Der Qualität nach ist der winzige fragmentarische Teil des vergißt, empfängt sie aus den erhabenen Lehren KŠas
Höchsten Spirituellen Wesens mit dem Höchsten eins. Er Erziehung und Erleuchtung. Aber KŠa ist nicht mit der
unterliegt keinem Wandel wie der Körper. Manchmal wird vergeßlichen Seele zu vergleichen. Wenn dem so wäre,
die Seele als "die Beständige" oder kū˜astha bezeichnet. würden Seine Lehren in der Bhagavad-gītā nutzlos sein. Es
Der Körper unterliegt sechs Arten von Wandlungen: Er gibt zwei Arten von Seelen. die winzig kleine Seele (aŠu-
wird in der Gebärmutter des mütterlichen Körpers geboren, ātmā) und die Überseele (vibhu-ātmā). Dies wird auch in
bleibt dort einige Zeit, wächst heran, zeugt Nachkommen, der Ka˜ha Upaniad (1.2.20) wie folgt bestätigt:
verfällt allmählich und gerät schließlich in Vergessenheit.
Die Seele aber durchläuft nicht solche Wandlungen. Die aŠor aŠīyān mahato mahīyān
Seele selbst wird nicht geboren, aber weil sie einen ātmāsya jantor nihito guhāyām
materiellen Körper annimmt, wird der Körper geboren. Die tam akratuƒ paśyati vīta-śoko
Seele wird nicht geboren, und die Seele stirbt nicht. Alles, dhātuƒ prasādān mahimānam ātmanaƒ
was geboren wird, muß sterben. Und da die Seele nie
geboren wurde, kennt sie weder Vergangenheit noch "Sowohl die Überseele [Paramātmā] als auch die winzig
Gegenwart, noch Zukunft. Sie ist ewig, immerwährend und kleine Seele [jīvātmā] sitzen auf dem gleichen Baum des
urerst - das heißt, es gibt in der Geschichte keine Spur ihrer Körpers, im gleichen Herzen des Lebewesens, und nur
Entstehung. Unter dem Einfluß der körperlichen jemand, der von allen materiellen Wünschen und Klagen
Vorstellung suchen wir nach dem Zeitpunkt der Geburt frei geworden ist, kann durch die Gnade des Höchsten die
usw. der Seele. Die Seele wird zu keiner Zeit alt, wie es der Herrlichkeit der Seele verstehen."
Körper wird. Daher fühlt der sogenannte alte Mann, daß er KŠa ist auch der Ursprung der Überseele, wie in den
der gleiche ist wie in seiner Kindheit oder Jugend. Die folgenden Kapiteln enthüllt werden wird, und Arjuna ist die
Wandlungen des Körpers beeinflussen nicht die Seele. Die winzig kleine Seele, die ihre wahre Natur vergessen hat und
Seele unterliegt nicht dem Zerfall wie ein Baum oder etwas daher von KŠa oder Seinem echten Vertreter (dem
anderes Materielles. Die Seele hat auch keine spirituellen Meister) erleuchtet werden muß.
Nachkommen. Die Nebenprodukte des Körpers, nämlich
Kinder, sind ebenfalls verschiedene individuelle Seelen, VERS 21
und nur im Hinblick auf den Körper erscheinen sie als
Kinder eines bestimmten Mannes. Der Körper entwickelt vedāvināśinaˆ nityaˆ
sich, weil die Seele anwesend ist; aber weder hat die Seele ya enam ajam avyayam
Abkömmlinge, noch unterliegt sie dem Wandel. Folglich ist kathaˆ sa puruaƒ pārtha
die Seele von den sechs Wandlungen des Körpers frei. kaˆ ghātayati hanti kam
Auch in der Ka˜ha Upaniad (1.2.18) finden wir einen
ähnlichen Abschnitt, in dem es heißt: veda—in Wissen; avināśinam—unzerstörbar; nityam—
immer; yaƒ—jemand, der; enam—diese (Seele); ajam—
na jāyate mriyate vā vipaścin ungeboren; avyayam—unveränderlich; katham—wie; saƒ—
nāyaˆ kutaścin na vibhūva kaścit er; puruaƒ—Person; pārtha—o Pārtha (Arjuna); kam—
ajo nityaƒ śāśvato ‘yaˆ purāŠo jemand; ghātayati—verletzt; hanti—tätet; kam—jemand.
na hanyate hanyamāne śarīre
ÜBERSETZUNG
Die Aussage und Bedeutung dieses Verses ist die gleiche
wie in der Bhagavad-gītā, aber hier in diesem Vers gibt es O Pārtha, wie kann ein Mensch, der weiß, daß die Seele
ein besonderes Wort, nämlich vipaścit, was soviel bedeutet unzerstörbar, ungeboren, ewig und unveränderlich ist,
wie "gelehrt" oder "mit Wissen". jemand töten oder einen anderen veranlassen zu töten?
Die Seele ist voll Wissen oder immer von Bewußtsein
erfüllt. Daher ist Bewußtsein das Merkmal der Seele. Selbst ERLÄUTERUNG
wenn man die Seele nicht im Herzen findet, wo sie sich
49

Alles hat seinen bestimmten Nutzen, und ein Mensch, der Das Überwechseln der atomischen individuellen Seele in
in vollkommenem Wissen gründet, weiß, wie und wo ein einen anderen Körper wird durch die Gnade der Überseele
Ding seine richtige Verwendung hat. In ähnlicher Weise hat ermöglicht. Die Überseele erfüllt den Wunsch der
auch Gewalt ihre Nützlichkeit, und wie Gewalt atomischen Seele, ebenso wie ein Freund den Wunsch
anzuwenden ist, liegt bei demjenigen, der über Wissen seines Freundes erfüllt. Die Veden, wie die MuŠaka
verfügt. Obwohl der Friedensrichter über einen Menschen, Upaniad und die ŚVetāśvatara Upaniad, vergleichen die
der wegen Mordes verurteilt ist, die Todesstrafe verhängt, Seele und die Überseele mit zwei befreundeten Vögeln, die
kann gegen ihn kein Vorwurf erhoben werden, da er auf dem gleichen Baum sitzen. Einer der Vögel (die
Gewalt gegen einen anderen in Übereinstimmung mit dem individuelle atomische Seele) ißt von den Früchten des
Gesetz befiehlt. In der Manu-saˆhitā, dem Gesetzbuch der Baumes, während der andere Vogel (KŠa) Seinen Freund
Menschheit, wird bestätigt, daß ein Mörder zum Tode nur beobachtet. Von diesen beiden Vögeln - obwohl sie
verurteilt werden sollte, damit er in seinem nächsten Leben sich eigenschaftsmäßig gleichen - ist der eine von den
für die große Sünde, die er begangen hat, nicht zu leiden Früchten des materiellen Baumes bezaubert, wohingegen
braucht. Deshalb ist die Strafe des Königs, einen Mörder zu der andere einfach nur Zeuge der Tätigkeiten Seines
hängen, durchaus segensreich. In ähnlicher Weise verhält Freundes ist. KŠa ist der bezeugende Vogel, und Arjuna
es sich mit KŠa: Wenn Er den Befehl gibt zu kämpfen, ist der essende Vogel. Obwohl sie Freunde sind, ist
muß man daraus schließen, daß Gewalt um höchster trotzdem der eine Meister und der andere Diener. Daß die
Gerechtigkeit willen stattfindet. Arjuna sollte der atomische Seele diese Beziehung vergißt, ist die Ursache
Anweisung folgen, da er wohl weiß, daß solche Gewalt, die dafür, daß sie von einem Baum zum anderen oder vielmehr
im Kampf für KŠa angewandt wird, keineswegs Gewalt von einem Körper zum anderen wechselt. Die jīva-Seele
ist; denn der Mensch oder vielmehr die Seele kann auf kämpft sehr schwer auf dem Baum des materiellen Körpers;
keinen Fall getötet werden. Um für Gerechtigkeit zu aber sobald sie sich damit einverstanden erklärt, den
sorgen, ist also sogenannte Gewalt gestattet. Ein anderen Vogel als den höchsten spirituellen Meister
chirurgischer Eingriff soll den Patienten nicht töten, anzuerkennen - wie Arjuna einverstanden war, indem er
sondern heilen. Daher findet der Kampf, den Arjuna im sich KŠa freiwillig unterordnete, um sich von Ihm
Auftrag KŠas austragen soll, in vollem Wissen statt, und unterweisen zu lassen -, wird der untergeordnete Vogel
daher kann keine sündhafte Reaktion folgen. sogleich von allem Klagen frei. Sowohl die Ka˜ha
Upaniad als auch die ŚVetāśvatara Upaniad bestätigen
VERS 22 dies:

vāsāˆsi jīrŠāni yathā vihāya samāne vke puruo nimagno


navāni ghŠāti naro’parāŠi ‘nīśayā śocati muhyamānaƒ
tathā śarīrāŠi vihāya jīrŠāny ju˜aˆ yadā paśyaty anyam īśam asva
anyāni saˆyāti navāni dehī mahimānam iti vīta-śokaƒ

vāsāmsi—Kleidungsstücke; jīrŠāni—alt und abgetragen; "Obwohl die beiden Vögel im gleichen Baum sitzen, wird
yathā—wie es ist; vihāya—aufgebend; navāni—neue der essende Vogel von Angst und Unzufriedenheit geplagt,
Kleidungsstücke; ghŠāti—nimmt an; naraƒ—ein Mensch; weil er die Fruchte des Baumes genießen will. Aber wenn
aparāŠi—andere; tathā—in gleicher Weise; śarīrāŠi— er sich auf diese oder jene Weise seinem Freund, der der
Körper; vihāya—aufgebend; jīrŠāni—alte und nutzlose; Herr ist, zuwendet und dessen Herrlichkeit erkennt, wird
anyāni—verschiedene; saˆyāti—nimmt wahrlich an; der leidende Vogel sogleich von allen Ängsten frei."
navāni—neue Garnituren; dehī—die Verkörperte. Arjuna hat sich jetzt seinem ewigen Freund, KŠa,
zugewandt und läßt sich von Ihm in der Bhagavad-gītā
ÜBERSETZUNG unterrichten. Indem er so von KŠa hört, kann er die
erhabene Herrlichkeit des Herrn verstehen und von aller
Wie ein Mensch alte Kleider ablegt und neue anlegt, so Klage frei werden. Arjuna wird hier vom Herrn
gibt die Seele alt und unbrauchbar gewordene Körper unterwiesen, den Körperwechsel seines alten Großvaters
auf und nimmt neue an. und seines Lehrers nicht zu beklagen. Er sollte vielmehr
froh darüber sein, ihre Körper in einem gerechten Kampf
ERLÄUTERUNG zu töten, so daß sie sogleich von allen Reaktionen auf
verschiedene körperliche Tätigkeiten gereinigt werden
Daß die atomische individuelle Seele den Körper wechselt, mögen. Wer sein Leben auf dem Opferaltar oder auf dem
ist eine anerkannte Tatsache. Selbst einige moderne geeigneten Schlachtfeld läßt, wird auf der Stelle von
Wissenschaftler, die nicht an die Existenz der Seele körperlichen Reaktionen gereinigt und auf eine höhere
glauben, aber zur gleichen Zeit die Energiequelle im Stufe des Lebens erhoben. Es gab also für Arjuna keinen
Herzens nicht erklären können, müssen die fortwährenden Grund zu klagen.
Wandlungen des Körpers von Kindheit zu Knabenzeit, von
Knabenzeit zu Jugend und von Jugend zu Alter VERS 23
anerkennen. Vom Alter aus wird die Wandlung auf einen
anderen Körper übertragen. Dies ist schon im nainaˆ chindanti śastrāŠi
vorangegangenen Vers erklärt worden. nainaˆ dahati pāvakaƒ
50

na cainaˆ kledayanty āpo acchedyaƒ—unzerbrechlich; ayam—diese Seele; adāhyaƒ—


na śoayati mārutaƒ kann nicht verbrannt werden; ayam—diese Seele;
akledyaƒ—unauflöslich; aśoyaƒ—kann nicht getrocknet
na—niemals; enam—diese Seele; chindanti—können in werden; eva—gewiß; ca—und; nityaƒ—immerwährend;
Stücke schneiden; śastrāŠi—alle Waffen; na—niemals; sarva-gataƒ—alldurchdringend; sthāŠuƒ—unwandelbar;
enam—diese Seele; dahati—verbrennt; pāvakaƒ—Feuer; acalaƒ—unbeweglich; ayam—diese Seele; sanātanaƒ—
na—niemals; ca—auch; enam—diese Seele; kledayanti— ewig dieselbe.
benetzt; āpaƒ—Wasser; na—niemals; śoayati—trocknet;
mārutaƒ—Wind. ÜBERSETZUNG

ÜBERSETZUNG Diese individuelle Seele ist unzerbrechlich und


unauflöslich und kann weder verbrannt noch
Die Seele kann weder von Waffen in Stücke geschnitten, ausgetrocknet werden. Sie ist immerwährend,
noch kann sie von Feuer verbrannt, von Wasser benetzt alldurchdringend, unwandelbar, unbeweglich und ewig
oder vom Wind verdorrt werden. dieselbe.

ERLÄUTERUNG ERLÄUTERUNG

Alle Arten von Waffen, wie Schwerter, Flammen, Alle diese Eigenschaften der winzigen Seele beweisen
Regenfälle, Wirbelstürme usw., sind nicht imstande, die eindeutig, daß die individuelle Seele ewig der winzige
spirituelle Seele zu vernichten. Es scheint, daß es damals Bestandteil des spirituellen Ganzen ist und ewig, ohne
außer den modernen Feuerwaffen noch viele andere Arten Veränderung, dasselbe Atom bleibt. Es ist sehr schwierig,
von Waffen gab, die aus Erde, Wasser, Luft, Äther usw. in diesem Falle die Theorie des Monismus anzuwenden,
bestanden. Selbst die Kernwaffen der heutigen Zeit werden denn es ist niemals zu erwarten, daß die individuelle Seele
als Feuerwaffen eingestuft. Vormals gab es noch andere mit allem anderen eins und gleich wird. Nach der Befreiung
Waffen, die aus allen möglichen materiellen Elementen von der materiellen Verunreinigung mag es die winzige
hergestellt waren. Feuerwaffen bekämpfte man mit Seele vorziehen, als ein spiritueller Funken in den
Wasserwaffen, die jetzt der modernen Wissenschaft leuchtenden Strahlen der Höchsten Persönlichkeit Gottes zu
unbekannt sind. Auch wissen moderne Wissenschaftler verbleiben, aber die intelligenten Seelen gehen in die
nichts von Wirbelsturmwaffen. Nichtsdestoweniger kann spirituellen Planeten ein, um mit der Persönlichkeit Gottes
die Seele, ungeachtet wissenschaftlicher Erfindungen, zusammenzusein.
niemals in Stücke geschnitten oder durch irgendeine Das Wort sarva-gataƒ (alldurchdringend) ist bedeutsam, da
Anzahl von Waffen vernichtet werden. kein Zweifel darüber besteht, daß es überall in Gottes
Es war niemals möglich, die individuelle Seele von der Schöpfung Lebewesen gibt. Sie leben auf dem Land, im
ursprünglichen Seele abzutrennen. Die Māyāvādīs Wasser, in der Luft, unter der Erde und sogar im Feuer. Die
versuchen zu beschreiben, wie die individuelle Seele aus Ansicht, Lebewesen würden im Feuer vernichtet werden,
Unwissenheit hervorging und folglich von der täuschenden ist nicht annehmbar, da es hier unmißverständlich heißt,
Energie bedeckt wurde. Weil die Lebewesen ewig daß die Seele durch Feuer nicht verbrannt werden kann.
(sanātana) atomische individuelle Seelen sind, neigen sie Deshalb besteht kein Zweifel darüber, daß es auch im
dazu, von der täuschenden Energie bedeckt zu werden, und Sonnenplaneten Lebewesen gibt, die dort mit einem
so werden sie von der Gemeinschaft des Höchsten Herrn geeigneten Körper leben. Wäre die Sonne unbewohnt, dann
getrennt, ebenso wie die Funken eines Feuers, obwohl der wurde das Wort sarva-gataƒ (überall gibt es Leben) seine
Eigenschaft nach eins mit dem Feuer, zum Verlöschen Bedeutung verlieren.
neigen, wenn sie aus dem Feuer herausfallen. Im Varāha
PurāŠa werden die Lebewesen als abgesonderte winzige VERS 25
Bestandteile des Höchsten beschrieben. Sie sind dies ewig,
wie auch von der Bhagavad-gītā bestätigt wird. Wie aus avyakto’yam acintyo’yam
den Lehren des Herrn zu Arjuna ersichtlich ist, behält das avikāryo’yam ucyate
Lebewesen also, selbst nachdem es von der Illusion befreit tasmād evaˆ viditvainaˆ
ist, seine gesonderte Identität. Arjuna wurde durch das nānuśocitum arhasi
Wissen, das er von KŠa empfing, zwar befreit, doch
wurde er niemals eins mit KŠa. avyaktaƒ—unsichtbar; ayam—diese Seele; acintyaƒ—
unbegreiflich; ayam—diese Seele; avikāryaƒ—
VERS 24 unveränderlich; ayam—diese Seele; ucyate—es wird
gesagt; tasmāt—daher; evam—wie dies; viditvā—es wohl
acchedyo'yam adāhyo’yam wissend; enam—diese Seele; na—nicht; anuśocitum—
akledyo'śoya eva ca magst beklagen; arhasi—du verdienst.
nityaƒ sarva-gataƒ sthāŠur
acalo'yaˆ sanātanaƒ ÜBERSETZUNG
51

Es heißt, daß die Seele unsichtbar, unbegreiflich, Es gibt immer eine Klasse von Philosophen, die fast mit
unveränderlich und unwandelbar ist. Da du dies weißt, den Buddhisten gleichzusetzen ist und die nicht an eine
solltest du um den Körper nicht trauern. vom Körper gesonderte Existenz der Seele glaubt. Als Śrī
KŠa die Bhagavad-gītā sprach, gab es Philosophen dieser
ERLÄUTERUNG Art, die als Lokāyatikas oder Vaibhāikas bekannt waren.
Diese Philosophen vertraten die Auffassung,
Wie zuvor beschrieben wurde, ist die Größe der Seele für Lebenssymptome oder die Seele entstünden in einem
unsere materielle Berechnung so klein, daß sie nicht einmal gewissen Reifestadium materieller Verbindungen. Die
mit dem stärksten Mikroskop gesehen werden kann; modernen materialistischen Wissenschaftler und
deshalb ist sie unsichtbar. Was die Existenz der Seele Philosophen des Materialismus denken ähnlich. Ihrer
betrifft, so kann niemand, über den Beweis von śruti oder Ansicht nach ist der Körper eine Kombination
der vedischen Weisheit hinaus, ihre Existenz experimentell physikalischer Elemente und sie glauben, die
nachweisen. Wir müssen diese Wahrheit akzeptieren, weil Lebenssymptome entwickelten sich auf einer gewissen
es keine andere Quelle gibt, die Existenz der Seele zu Stufe durch sie Wechselwirkung physikalischer und
verstehen, wenngleich sie tatsächlich wahrgenommen chemischer Elemente. Die Wissenschaft der Anthropologie
werden kann. Es gibt viele Dinge, die wir allein auf der stützt sich auf diese Philosophie. In neuerer Zeit gibt es
Grundlage höherer Autorität akzeptieren müssen. Niemand viele Pseudo-Religionen - die jetzt vor allem in Amerika
kann die auf die Autorität der Mutter gestützte Existenz Mode werden -, die sich ebenfalls an diese Philosophie
seines Vaters leugnen. Außer der Autorität der Mutter gibt sowie an die nihilistischen, sich nicht hingebenden
es keine andere Quelle, die Identität des Vaters zu buddhistischen Sekten anschließen.
verstehen. In ähnlicher Weise gibt es keine andere Selbst wenn Arjuna nicht an die Existenz der Seele glaubte
Möglichkeit, die Seele zu verstehen, als die Veden zu - wie es bei den Vertretern der Vaibhāika-Philosophie der
studieren. Mit anderen Worten: Die Seele ist durch Fall ist -, hätte dennoch kein Grund zur Klage bestanden.
menschliches experimentelles Wissen nicht zu begreifen. Niemand jammert um den Verlust einer Masse chemischer
Die Seele ist Bewußtsein und bewußt - so lautet auch die Stoffe und hört auf, seine vorgeschriebene Pflicht zu
Aussage der Veden, und wir haben die zu akzeptieren. erfüllen. In der modernen Wissenschaft und
Anders als der Körper, der sich wandelt, vollzieht sich in wissenschaftlichen Kriegsführung werden so viele Tonnen
der Seele keine Wandlung. Da die Seele unveränderlich ist, chemischer Substanzen verschwendet, um den Feind zu
ist sie im Vergleich zur unendlichen Höchsten Seele immer besiegen. Nach der Vaibhāika-Philosophie vergeht die
atomisch klein. Die Höchste Seele ist unendlich, und die sogenannte Seele (ātmā) mit der Auflösung des Körpers. In
atomische Seele ist unendlich klein. Folglich kann die jedem Fall also - ob Arjuna die vedische Schlußfolgerung
unendlich kleine Seele, da unwandelbar, niemals der akzeptierte, daß es eine winzige Seele gibt, oder ob er nicht
unendlichen Seele oder der Höchsten Persönlichkeit Gottes an die Existenz der Seele glaubte -, hatte er keinen Grund
gleichkommen. Diese Auffassung wird in den Veden auf zu klagen. Da nach der Theorie der Vaibhāikas in jedem
verschiedene Weise wiederholt, nur um die Augenblick unendlich viele Lebewesen aus der Materie
Unveränderlichkeit der Konzeption von der Seele zu erzeugt werden und unendlich viele sterben, braucht man
untermauern. Wiederholung ist notwendig, damit wir etwas um ein solches Ereignis nicht zu trauern. Da nun Arjuna
fehlerfrei und eingehend verstehen. eine Wiedergeburt der Seele nicht in Betracht zog, gab es
für ihn keinen Grund, sich vor sündhaften Reaktionen zu
VERS 26 fürchten, die entstehen würden, wenn er seinen Großvater
und seinen Lehrer tötete. KŠa redete Arjuna hier spöttisch
atha cainaˆ nitya-jātaˆ mit mahā-bāhu (Starkarmiger) an, da zumindest Er die
nityaˆ vā manyase mtam Theorie der Vaibhāikas nicht akzeptierte, die das vedische
tathāpi tvaˆ mahā-bāho Wissen außer acht läßt. Als katriya gehörte Arjuna der
nainaˆ śocitum arhasi vedischen Kultur an, und daher war es seine Pflicht, weiter
ihren Prinzipien zu folgen.
atha—wenn jedoch; ca—auch; enam—diese Seele;
nitya-jātam—immer geboren; nityam—für immer; vā— VERS 27
entweder; manyase—so denkst; mtam—tot; tathāpi—
trotzdem; tvam—du; mahā-bāho-Starkarmiger; na— jātasya hi dhruvo mtyur
niemals; enam—von der Seele; śocitum—zu wehklagen; dhruvaˆ janma mtasya ca
arhasi—verdienst es. tasmād aparihārye'rthe
na tvaˆ śocitum arhasi
ÜBERSETZUNG
jātasya-jemand, der geboren wurde; hi—sicherlich;
Wenn du jedoch glaubst, die Seele werde ständig aufs dhruvaƒ—eine Tatsache; mtyuƒ—Tod; dhruvam—es ist
neue geboren und sterbe immer wieder, gibt es für dich auch eine Tatsache; janma—Geburt; mtasya—des Toten;
dennoch keinen Grund zu klagen, o Starkarmiger. ca—auch; tasmāt—daher; aparihārye—für das, was
unvermeidlich ist; arthe—in der Angelegenheit; na—nicht;
ERLÄUTERUNG tvam—du; śocitum—zu klagen; arhasi—verdienst.
52

ÜBERSETZUNG Weisheit als Atheisten bezeichnet. Selbst wenn wir, um der


Beweisführung willen, die atheistische Theorie akzeptieren,
Einem, der geboren wurde, ist der Tod sicher, und gibt es dennoch keinen Grund zur Klage. Abgesehen von
einem, der gestorben ist, ist die Geburt gewiß. Deshalb der gesonderten Existenz der Seele, bleiben die materiellen
solltest du bei der unvermeidlichen Erfüllung deiner Elemente vor der Schöpfung unmanifestiert. Aus diesem
Pflicht nicht klagen. feinen Zustand der Nichtmanifestation geht Manifestation
hervor, ähnlich wie aus Äther Luft, aus Luft Feuer, aus
ERLÄUTERUNG Feuer Wasser und aus Wasser Erde entsteht. Aus der Erde
gehen viele verschiedene Manifestationen hervor. Nehmen
Die Tätigkeiten im Leben bestimmen die Geburt. Und wir zum Beispiel einen riesigen Wolkenkratzer, der aus
nachdem man einen Kreis von Tätigkeiten beendet hat, Erde besteht. Wenn man ihn zerstört, löst sich die
muß man sterben, um für den nächsten geboren zu werden. Manifestation wieder auf, und letzten Endes bleiben nur
Auf diese Weise dreht sich das Rad von Geburt und Tod, Atome übrig. Das Gesetz der Energieerhaltung gilt immer,
eine Umdrehung nach der anderen, ohne Befreiung. Dieser nur sind die Dinge im Laufe der Zeit einmal manifestiert
Kreislauf von Geburt und Tod rechtfertigt jedoch nicht und ein anderes Mal unmanifestiert - darin liegt der
unnötiges Morden, Schlachten oder Krieg. Aber zugleich Unterschied. Welchen Grund gibt es also, entweder den
sind Gewalt und Krieg in der menschlichen Gesellschaft Zustand der Manifestation oder den der Nichtmanifestation
unvermeidliche Faktoren, um Gesetz und Ordnung zu beklagen? Auf irgendeine Weise sind die Dinge selbst
aufrechtzuerhalten. im unmanifestierten Zustand nicht verloren. Sowohl am
Die Schlacht von Kuruketra war ein unvermeidliches Anfang als auch am Ende bleiben alle materiellen Elemente
Ereignis, da sie der Wille des Höchsten war, und es ist die unmanifestiert, und nur in ihrem Zwischenstadium sind sie
Pflicht des katriya, für die rechte Sache zu kämpfen. manifestiert, und das macht keinen wirklichen materiellen
Warum sollte Arjuna den Tod seiner Verwandten fürchten Unterschied.
oder darüber bekümmert sein, wenn er doch nur seine Wenn wir die vedische Schlußfolgerung akzeptieren, wie
eigentliche Pflicht erfüllte? Es paßte nicht zu ihm, das man sie in der Bhagavad-gītā (2.18) findet, daß nämlich die
Gesetz zu brechen und dadurch den Reaktionen sündiger materiellen Körper im Laufe der Zeit vergehen (antavanta
Handlungen unterworfen zu werden, wovor er sich sehr ime dehāƒ), daß aber die Seele ewig ist (nityasyoktāƒ
fürchtete. Auch wenn er seine eigentliche Pflicht nicht śarīriŠaƒ), dann sollten wir uns immer daran erinnern, daß
erfüllte, könnte er den Tod seiner Verwandten nicht der Körper wie ein Gewand ist und warum sollte man den
verhindern, und da er falsch gehandelt hätte, würde er sein Wechsel eines Kleidungsstücks beklagen? Der materielle
Ansehen verlieren. Körper hat im Verhältnis zur ewigen Seele keine wirkliche
Existenz. Er ist so etwas wie ein Traum. Im Traum glauben
VERS 28 wir vielleicht, daß wir in der Luft fliegen oder als König in
einer Karosse sitzen; doch wenn wir erwachen, sehen wir,
avyaktādīni bhūtāni daß wir weder fliegen noch in einer Karosse sitzen. Die
vyakta-madhyāni bhārata Veden fordern zur Selbstverwirklichung auf, wobei sie
avyakta-nidhanāny eva davon ausgehen, daß der materielle Körper im Grunde
tatra kā paridevanā nicht existiert. Daher gibt es in keinem Fall - ob man an die
Existenz der Seele glaubt oder ob man an die Existenz der
avyaktādīni—am Anfang unmanifestiert; bhūtāni—alle, die Seele nicht glaubt - einen Grund, den Verlust des Körpers
erschaffen worden sind; vyakta—manifestiert; madhyāni— zu beklagen.
in der Mitte; bhārata—o Nachkomme Bhāratas; avyakta—
unmanifestiert; nidhanāni—alle, die vernichtet worden VERS 29
sind; eva—es verhält sich alles so; tatra—daher; kā—was;
paridevanā—Klage. āścaryavat paśyati kaścit enam-
āścaryavad vadati tathaiva cānyaƒ
ÜBERSETZUNG āścaryavac cainam anyaƒ śŠoti
śrutvāpy enaˆ veda na caiva kaścit
Alle erschaffenen Wesen sind am Anfang
unmanifestiert, in ihrem Zwischenzustand manifestiert āścaryavat—wunderbar; paśyati—sehen; kaścit—einige;
und wieder unmanifestiert, wenn sie vernichtet sind. enam—diese Seele; āscaryavat—wunderbar; vadati—
Warum soll man also klagen? sprechen; tathā—dort; eva—gewiß; ca—auch; anyaƒ—
andere; āścaryavat—wunderbar; ca—auch; enam—diese
ERLÄUTERUNG Seele; anyaƒ—andere; śŠoti—hören; śrutvā—gehört
habend; api—selbst; enam—diese Seele; veda—kennen;
Geht man einmal davon aus, daß es zwei Gruppen von na—niemals; ca—und; eva—gewiß; kaścit—irgend jemand.
Philosophen gibt - die einen, die an die Existenz der Seele
glauben, und die anderen, die nicht an die Existenz der ÜBERSETZUNG
Seele glauben -, so gibt es in beiden Fällen keinen Grund
zur Klage. Diejenigen, die nicht an die Existenz der Seele Einige betrachten die Seele als wunderbar; einige
glauben, werden von den Nachfolgern der vedischen beschreiben sie als wunderbar, und einige hören, sie sei
53

wunderbar, wohingegen andere, selbst nachdem sie von vorangegangenen, bevor man fähig ist, KŠa als die
ihr gehört haben, sie überhaupt nicht verstehen können. Höchste Persönlichkeit Gottes anzuerkennen. KŠa kann
jedoch durch die grundlose Barmherzigkeit des reinen
ERLÄUTERUNG Gottgeweihten, und auf keine andere Weise, in dieser
Eigenschaft erkannt werden.
Da die Gītopaniad weitgehend auf den Prinzipien der
Upaniaden beruht, ist es nicht überraschend, in der Ka˜ha VERS 30
Upaniad den folgenden Abschnitt zu finden:
dehī nityam avadhyo’yaˆ
śravaŠāyāpi bahubhir yo na labhyaƒ dehe sarvasya bhārata
śŠvanto 'pi bahavo yaƒ na vidyuƒ tasmāt sarvāŠi bhūtāni
āścaryo vaktā kuśalo 'sya labdhā na tvaˆ śocitum arhasi
āścaryo jñātā kuśalānuśi˜aƒ
dehī—der Besitzer des materiellen Körpers; nityam—ewig;
Die Tatsache, daß sich die winzig kleine Seele im Körper avadhyaƒ—kann nicht getötet werden; ayam—diese Seele;
eines riesigen Tieres, im Körper eines mächtigen dehe—im Körper; sarvasya—von jedem; bhārata—o
Banyanbaums und sogar in winzigen Bakterien befindet Nachkomme Bhāratas; tasmāt—daher; sarvāŠi—alle;
von denen Millionen und Abermillionen nur einen bhūtāni—Lebewesen (die geboren sind); na—niemals;
Zentimeter Raum einnehmen ist zweifellos sehr erstaunlich. tvam—du selbst; śocitum—zu klagen; arhasi—verdienst.
Menschen mit geringem Wissen und Menschen, die nicht
enthaltsam sind, können die Wunder des individuellen ÜBERSETZUNG
winzigen Funkens spiritueller Natur nicht verstehen,
obwohl diese Dinge von der größten Autorität des Wissens O Nachkomme Bhāratas, die Seele, die im Körper
erklärt werden, die sogar Brahma, dem ersten Lebewesen wohnt, ist ewig und kann niemals getötet werden. Daher
im Universum Unterweisung erteilte. Aufgrund einer grob- brauchst du um kein Geschöpf zu trauern.
materiellen Auffassung von den Dingen können sich die
meisten Menschen in diesem Zeitalter nicht vorstellen, wie ERLÄUTERUNG
ein solch kleines Teilchen einmal so groß und ein anderes
Mal so klein werden kann. Sie sehen daher die Seele als Hiermit beschließt der Herr Seine Unterweisungen über die
etwas Wunderbares an, entweder weil sie ihre unveränderliche spirituelle Seele. Indem Śrī KŠa die
Beschaffenheit kennen oder weil sie ihnen beschrieben unsterbliche Seele auf verschiedene Weise beschreibt,
worden ist. Getäuscht von der materielle Energie, befassen erhärtet Er die Tatsache, daß die Seele unsterblich und der
sich die meisten Menschen so sehr mit Dingen für die Körper vergänglich ist. Arjuna war ein katriya, und
Befriedigung ihrer Sinne, daß sie nur sehr wenig Zeit deshalb sollte er nicht aus Furcht, daß sein Großvater und
haben, die Frage nach dem Verständnis des eigenen Selbst sein Lehrer - Bhīma und DroŠa - in der Schlacht sterben
zu begreifen, obwohl es eine Tatsache ist, daß ohne dieses wurden, seine Pflicht aufgeben. Man muß aufgrund der
Selbstverständnis alle Handlungen im Kampf ums Dasein Autorität Śrī KŠas glauben, daß es eine Seele gibt und
letzten Endes zum Scheitern verurteilt sind. Vielleicht weiß daß diese Seele vom materiellen Körper verschieden ist,
niemand, daß man über die Seele nachdenken und und nicht, daß es so etwas wie die Seele nicht gibt oder daß
außerdem eine Lösung für die materiellen Leiden finden Lebenssymptome auf einer gewissen Stufe materieller
muß. Reife aus der Wechselwirkung chemischer Stoffe
Manche Menschen, die daran interessiert sind, etwas über entstehen. Obwohl die Seele unsterblich ist, wird Gewalt
die Seele zu erfahren, mögen Vorträge von autorisierten nicht befürwortet; doch in Kriegszeiten wird davon nicht
Sprechern hören, doch werden sie oft aufgrund von abgeraten, wenn es wirklich notwendig ist. Diese
Unwissenheit irregeführt und glauben, die Überseele und Notwendigkeit muß durch den Willen des Herrn
die winzige Seele seien ohne Größenunterschied eins. Es ist gerechtfertigt sein, nicht durch unser Gutdünken.
sehr schwer, einen Menschen zu finden, der die Stellung
der Seele, die Überseele, die winzige Seele, ihre jeweiligen VERS 31
Funktionen, Beziehungen und alle anderen größeren und
kleineren Einzelheiten vollkommen versteht. Und es ist svadharmam api cāvekya
noch schwieriger, einen Menschen zu finden, der aus dem na vikampitum arhasi
Wissen über die Seele tatsächlich vollen Nutzen gewonnen dharmyāddhi yuddhāc chreyo'nyat
hat und die Stellung der Seele in verschiedenen Aspekten katriyasya na vidyate
beschreiben kann. Aber wenn jemand irgendwie imstande
ist, das Thema Seele zu verstehen, ist sein Leben svadbarmam—die eigenen religiösen Prinzipien; api—
erfolgreich. Der einfachste Vorgang, das Selbst zu auch; ca—tatsächlich; avekya—angesichts; na—niemals;
verstehen, besteht indes darin; die Aussagen der Bhagavad- vikampitum—zu zögern; arhasi—du verdienst; dharmyāt—
gītā die von der größten Autorität, Śrī KŠa, gesprochen von religiösen Prinzipien; hi—tatsächlich; yuddhāt—von
wurde, anzunehmen, ohne sich von anderen Theorien Kämpfen; śreyaƒ—bessere Beschäftigungen; anyat—irgend
ablenken zu lassen. Aber es erfordert auch ein hohes Maß etwas anderes; katriyasya—des katriya; na—nicht;
an tapasya und Opfer, entweder in diesem Leben oder in vidyate—existiert.
54

und befindet sich nicht mehr auf der Ebene des materiellen
ÜBERSETZUNG Körpers. In der körperlichen Auffassung vom Leben gibt es
sowohl für die brāhmaŠas als auch für die katriyas
Im Hinblick auf deine besondere Pflicht als katriya bestimmte Pflichten, und diese Pflichten sind
solltest du wissen, daß es für dich keine bessere unvermeidlich. Sva-dharma ist vom Herrn festgelegt, und
Beschäftigung gibt, als auf der Grundlage religiöser dies wird im Vierten Kapitel näher erklärt werden. Auf der
Prinzipien zu kämpfen. Daher ist es nicht notwendig zu körperlichen Ebene wird sva-dharma als varŠāśrama-
zögern. dharma bezeichnet oder das Sprungbrett des Menschen zu
spirituellem Verstehen. Menschliche Zivilisation beginnt
ERLÄUTERUNG erst auf der Stufe des varŠāśrama-dharma, das heißt dann,
wenn die bestimmten Pflichten erfüllt werden, die sich nach
Von den vier Einteilungen gesellschaftlicher den jeweilige Erscheinungsweisen der Natur richten, die
Administration wird die zweite Stufe, die für eine gute den Körper beeinflussen. Erfüllt man in irgendeinem
Verwaltung zuständig ist, katriya genannt. Kat bedeutet Bereich des Handelns seine jeweilige Pflicht in
verletzen, und jemand, der vor Schaden beschützt, wird als Übereinstimmung mit dem varŠāśrama-dharma, wird man
katriya bezeichnet (trayate bedeutet Schutz gewähren). auf eine höhere Stufe des Lebens gehoben.
Katriyas werden im Wald darin ausgebildet, zu töten.
Früher ging ein katriya in den Wald und forderte einen VERS 32
Tiger zum Zweikampf heraus und kämpfte dann mit dem
Tiger mit dem bloßen Schwert in der Hand. Wenn der Tiger yadcchayā copapannaˆ
getötet war, wurde er auf Anordnung des Königs verbrannt. svarga-dvāram apāvtam
Dieser Brauch wird bis zum heutigen Tage von den sukhinaƒ katriyāƒ pārtha
katriya-Königen des Staates Jaipur gepflegt. Weil religiöse labhante yuddham īdśam
Gewalt manchmal notwendig ist, werden die katriyas
besonders darin ausgebildet, herauszufordern und zu töten. yadcchayā—von sich aus; ca—auch; upapannam—
Deshalb ist es für katriyas niemals vorgesehen, direkt in angekommen an; svarga— himmlischer Planet; dvāram—
den Stand des sannyāsa oder der Entsagung einzutreten. Tor; apāvtam—weit offen; sukhinaƒ—sehr glücklich;
Gewaltlosigkeit mag in der Politik ein diplomatisches katriyāƒ—die Mitglieder des königlichen Standes;
Vorgehen sein, aber sie ist niemals ein entscheidender pārtha—o Sohn Pthās; labhante—erreichen; yuddham—
Faktor oder ein Grundsatz. In den religiösen Gesetzbüchern Krieg; īdśam—wie dieser.
heißt es:
ÜBERSETZUNG
āhaveu mitho 'nyonyaˆ jighāˆsanto mahīkitaƒ
yuddhamamānāƒ paraˆ śaktyā svargaˆ yānty O Pārtha, glücklich sind die katriyas, denen sich
aparāŠmukhāƒ unverhofft solche Gelegenheiten zum Kampf bieten, da
yajñeu paśavo brahman hanyante satataˆ dvijaiƒ sie ihnen die Tore der himmlischen Planeten öffnen.
saˆsktāƒ kila mantraiś ca te 'pi svargam avāpnuvan
ERLÄUTERUNG
"Während ein König oder katriya auf dem Schlachtfeld
mit einem anderen König kämpft, der ihn beneidet, ist er Als höchster Lehrer der Welt verurteilt Śrī KŠa die
geeignet, nach dem Tod die himmlisch Planeten zu Haltung Arjunas, der sagte: "Ich sehe in diesem Kampf
erreichen, ebenso wie die brāhmaŠas ebenfalls die nichts Gutes. Ewiger Aufenthalt in der Hölle wird die Folge
himmlischen Plane erreichen, indem sie Tiere im sein." Solche Äußerungen Arjunas waren nur auf
Opferfeuer opfern." Unwissenheit zurückzuführen. Er wollte bei der Erfüllung
Wenn daher in einer Schlacht auf der Grundlage religiöser seiner bestimmten Pflicht gewaltlos werden. Auf dem
Prinzipien getötet wird oder wenn Tiere im Opferfeuer Schlachtfeld zu stehen und gewaltlos zu werden ist für
getötet werden, gilt dies keinesfalls als Gewalttat; denn einen katriya die Philosophie der Narren. In der Parāśara-
jeder der Beteiligten zieht aus den miteinbezogenen smti, den religiösen Gesetzen, die von Parāśara, dem
religiösen Prinzip seinen Nutzen. Das geopferte Tier großen Weisen und Vater Vyāsadevas, verfaßt wurden,
bekommt augenblicklich die menschliche Form des Lebens, heißt es:
ohne sich dem allmählichen Evolutionsprozeß von einer
Lebensform zur anderen unterziehen zu müssen, und die katriyo hi prajā rakan śastra-pāŠiƒ pradaŠayan
auf dem Schlachtfeld getöteten katriyas erreichen die nirjitya parasainyādi kitiˆ dharmeŠa pālayet
himmlischen Planeten, ebenso wie die brāhmaŠas, die
Opfer darbringen. "Es ist die Pflicht des katriya, die Bürger vor allen
Es gibt zwei Arten von sva-dharmas oder bestimmten auftretenden Schwierigkeiten zu schützen, und aus diesem
Pflichten. Solange man nicht befreit ist, muß man, um Grund muß er in manchen Fällen Gewalt anwenden, um
Befreiung zu erlangen, die Pflichten des jeweiligen Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten. Daher hat er die
Körpers, in dem man sich befindet, in Übereinstimmung Pflicht, die Soldaten feindlicher Könige zu besiegen, um
mit den religiösen Prinzipien erfüllen. Wenn man befreit dann, auf der Grundlage religiöser Prinzipien, die Welt zu
ist, wird der sva-dharma - die bestimmte Pflicht - spirituell regieren."
55

Wenn man alle Gesichtspunkte in Betracht zieht, hatte einen ehrbaren Mann; ca—auch; akīrtiƒ—Schmach;
Arjuna keinen Grund, sich vom Kampf zurückzuziehen. maraŠāt—als der Tod; atiricyate—wird mehr als.
Wenn er seine Feinde besiegte, wurde er sich des
Königreichs erfreuen können, und wenn er in der Schlacht ÜBERSETZUNG
sterben sollte, würde er zu den himmlischen Planeten
erhoben werden, deren Tore ihm weit offenstanden. Zu Für alle Zeiten wird man von deiner Schmach sprechen,
kämpfen würde ihm also in jedem Fall nützen. und für jemand, der einmal geehrt wurde, ist Schande
schlimmer als der Tod.
VERS 33
ERLÄUTERUNG
atha cet tvam imaˆ dharmyaˆ
sa‰grāmam-na kariyasi Sowohl als Freund wie auch als Philosoph fällt Śrī KŠa
tataƒ svadharmam kīrtiˆ ca jetzt Sein endgültiges Urteil über Arjunas Absicht, nicht zu
hitvā pāpam avāpsyasi kämpfen. Der Herr sagt: "Arjuna, wenn du das Schlachtfeld
verläßt, werden dich die Menschen schon vor deiner
atha—daher; cet—wenn; tvam—du; imam—diese; eigentlichen Flucht einen Feigling nennen. Und wenn du
dharmyam—religiöse Pflicht; sa‰grāmam—Kämpfen; na— meinst, daß die Menschen dich ruhig beschimpfen könnten,
nicht; kariyasi—ausführst; tataƒ—dann; svadharmam— du aber lieber dein Leben retten möchtest, indem du vom
deine religiöse pnicht; kīrtim—Ruf; ca—auch; hitvā— Schlachtfeld fliehst, so rate Ich dir, lieber in der Schlacht zu
verlierend; pāpam—sündhafte Reaktion; avāpsyasi— sterben. Für einen ehrbaren Mann wie dich ist Schande
bekommst. schlimmer als der Tod. Deshalb solltest du nicht aus Angst
um dein Leben fliehen, sondern lieber in der Schlacht
ÜBERSETZUNG sterben. Das wird dich vor der Schande bewahren, Meine
Freundschaft mißbraucht zu haben, und dein Ansehen in
Wenn du jedoch in diesem religiösen Krieg nicht der Gesellschaft retten."
kämpfst, wirst du gewiß Sünden auf dich laden, weil du Das endgültige Urteil des Herrn sah für Arjuna also vor, in
deine Pflichten vernachlässigst, und so deinen Ruf als der Schlacht zu sterben, und nicht, sich zurückzuziehen.
Kämpfer verlieren.
VERS 35
ERLÄUTERUNG
bhayād raŠād uparataˆ
Arjuna war ein berühmter Krieger, und er hatte Ruhm maˆsyante tvāˆ mahā-rathāƒ
erworben, indem er mit vielen mächtigen Halbgöttern - yeāˆ ca tvaˆ bahu-mato
selbst Śiva - kämpfte. Als er gegen den als Jäger bhūtvā yāsyasi lāghavam
verkleideten Śiva im Kampf siegreich war, fand der große
Halbgott Wohlgefallen an ihm und gab ihm als Belohnung bhayāt—aus Furcht; raŠāt—von dem Schlachtfeld;
eine Waffe, die als pāśupata-astra bekannt war. Jeder uparatam—beendet; maˆsyante—werden denken; tvām—
wußte, daß Arjuna ein großer Krieger war. Selbst von dir; mahā-rathāƒ—die großen Generäle; yeām—von
DroŠācārya gab ihm seinen Segen und schenkte ihm eine denen, die; ca—auch; tvam—du; bahu-mataƒ—in hoher
besondere Waffe, mit der er sogar seinen Lehrer töten Wertschätzung; bhūtvā—wird werden; yāsyasi—werden
konnte. Er war also von vielen Autoritäten, auch von gehen; lāghavam—an Wert verloren.
seinem Vater, Indra, dem Himmelskönig, mit so vielen
militärischen Auszeichnungen geehrt worden; aber wenn er ÜBERSETZUNG
die Schlacht verließe, würde er nicht nur seine bestimmte
Pflicht als katriya vernachlässigen, sondern er würde auch Die großen Generäle, die deinen Namen und Ruhm hoch
all seinen Ruhm und seinen guten Namen verlieren und so ehrten, werden denken, du habest das Schlachtfeld nur
seinen Abstieg in die Hölle vorbereiten. Mit anderen aus Furcht verlassen, und so werden sie dich für einen
Worten: Nicht wenn Arjuna kämpft, sondern wenn er sich Feigling halten.
von der Schlacht zurückzieht, fährt er in die Hölle.
ERLÄUTERUNG
VERS 34
Śrī KŠa fährt fort, Arjuna Seine Entscheidung zu
akīrtiˆ cāpi bhūtāni erklären: "Glaube nicht, die großen Generäle, wie
kathayiyanti te'vyayām Duryodhana, KarŠa und andere, werden denken, du habest
sambhāvitasya cākīrtir das Schlachtfeld aus Mitleid mit deinen Brüdern und
maraŠād atiricyate deinem Großvater verlassen. Sie werden glauben, du seiest
aus Angst um dein Leben geflohen, und so wird ihrer hohe
akīrtim—Schmach; ca—auch; api—darüber hinaus; Wertschätzung deiner Persönlichkeit ins Gegenteil
bhūtāni—alle Menschen; kathayiyanti—werden sprechen; umschlagen."
te—von dir; avyayām—für alle Zeiten; sambhāvitasya—für
VERS 36
56

avācya-vādāˆś ca bahūn sukha—Glück; duƒkhe—in Leid; same—in Gleichmut;


vadiyanti tavāhitāƒ ktvā—so handelnd; lābhālābhau—sowohl bei Verlust als
nindantas tava sāmarthyaˆ auch bei Gewinn; jayājayau—sowohl bei einer Niederlage
tato duƒkhataraˆ nu kim als auch bei einem Sieg; tataƒ—danach; yuddhāya—um des
Kampfes willen; yujyasva—kämpfe; na—niemals; evam—
avācya—unfreundliche; vādān—ersonnene Worte; ca— auf diese Weise; pāpam—sündhafte Reaktion; avāpsyasi—
auch; bahūn—viele; vadiyanti—werden sagen; tava— du wirst bekommen.
deine; ahitāƒ—Feinde; nindantaƒ—während sie
herabwürdigen; tava—deine; sāmarthyam—Fähigkeiten; ÜBERSETZUNG
tataƒ—danach; duƒkhataram—schmerzlicher; nu—
selbstverständlich; kim—was gibt es. Kämpfe um des Kampfes willen, ohne Glück oder Leid,
Verlust oder Gewinn, Sieg oder Niederlage zu beachten.
ÜBERSETZUNG Wenn du so handelst, wirst du niemals Sünde auf dich
laden.
Deine Feinde werden schlecht über dich reden und deine
Fähigkeit verspotten. Was könnte schmerzlicher für ERLÄUTERUNG
dich sein?
Śrī KŠa sagt jetzt unmittelbar, daß Arjuna um des
ERLÄUTERUNG Kampfes willen kämpfen solle, da Er die Schlacht wünsche.
Bei Tätigkeiten im KŠa-Bewußtsein achtet man nicht auf
Śrī KŠa war zu Anfang über Arjunas ungerufenes Mitleid Glück oder Leid, Verlust oder Gewinn, Sieg oder
verwundert sagte, sein Mitleid sei den Nicht-Āryas Niederlage. Transzendentales Bewußtsein bedeutet, daß
angemessen. Mit vielen Worten hat Er Seine Einwände alles für KŠa getan werden sollte; es folgt dann keine
gegen Arjunas sogenanntes Mitleid erläutert. Reaktion auf materielle Tätigkeiten. Jemand, der um der
Befriedigung seiner eigenen Sinne willen handelt, entweder
VERS 37 in Tugend oder in Leidenschaft, ist der Reaktion
unterworfen, sei diese gut oder schlecht. Aber jemand, der
hato vā prāpsyasi svargaˆ sich völlig den Tätigkeiten im KŠa-Bewußtsein ergeben
jitvā vā bhokyase mahīm hat, ist nicht länger irgend jemand verpflichtet, noch ist er
tasmād utti˜ha kaunteya irgend jemand etwas schuldig, wie man es im
yuddhāya kta niścayaƒ gewöhnlichen Verlauf von Tätigkeiten ist. Es wird gesagt:

hataƒ—getötet sein; vā—entweder; prāpsyasi—du erlangst; devari-bhūtāpta-nnāˆ pit Šāˆ


svargam—das himmlische Königreich; jitvā—indem du na ki‰karo nāyamŠī ca rājan
besiegst; vā—oder; bhokyase—du genießt; mahīm—die sarvātmanā yaƒ śaraŠaˆ śaraŠyaˆ
Welt; tasmāt—daher; utti˜ha—erhebe dich; kaunteya—o gato mukundaˆ parihtya kartam
Sohn Kuntīs; yuddhāya—zu kämpfen; kta—
Entschlossenheit; niścayaƒ—Ungewißheit. "Jeder, der sich KŠa, Mukunda, völlig ergeben und alle
anderen Pflichten aufgeben hat, ist niemandem mehr
ÜBERSETZUNG verpflichtet oder irgend jemandem etwas schuldig - weder
den Halbgöttern noch den Weisen, noch den Mitmenschen,
O Sohn Kuntīs, entweder wirst du auf dem Schlachtfeld noch den Verwandten, noch der Menschheit, noch den
getötet werden und die himmlischen Planeten erreichen, Vorvätern." (SB. 11.5.41)
oder du wirst siegen und so das irdische Königreich Das ist der indirekte Hinweis, den KŠa Arjuna in diesem
genießen. Erhebe dich daher, und kämpfe mit Vers gibt. In den folgenden Versen wird diese Sache
Entschlossenheit. eingehender erklärt werden.

ERLÄUTERUNG VERS 39

Obwohl es nicht sicher war, daß Arjunas Seite siegen eā te'bhihitā sā‰khye
wurde, mußte er dennoch kämpfen; denn selbst wenn er buddhir yoge tv imāˆ śŠu
den Tod fände, konnte er zumindest zu den himmlischen buddhyā yukto yayā pārtha
Planeten erhoben werden. karma-bandhaˆ prahāsyasi

VERS 38 eā—all diese; te—dir; abhihitā—beschrieben; sā‰khye—


durch analytisches Studium; buddhiƒ—Intelligenz; yoge—
sukha-duƒkhe same ktvā Arbeit ohne fruchttragendes Ergebnis; tu—aber; imām-dies;
lābhālābhau jayājayau śŠu—höre einfach; buddhyā—durch Intelligenz; yuktaƒ—
tato yuddhāya yujyasva in Einklang gebracht; yayā—wodurch; pārtha—o Sohn
naivaˆ pāpam avāpsyasi
57

Pthās; karma-bandham—Fessel der Reaktion; materiellen Welt, um ihre Sinne zu befriedigen, und unter
prahāsyasi—du kannst befreit werden von. dem Zauber der materiellen Energie halten sie sich für
Genießer. Diese Geisteshaltung findet ihren Höhepunkt in
ÜBERSETZUNG dem Wunsch nach Befreiung, wenn das Lebewesen mit
dem Höchsten Herrn eins werden will. Das ist die letzte
Bisher habe Ich dir das analytische Wissen der sā‰khya- Falle māyās oder der Illusion, die Sinne befriedigen zu
Philosophie erklärt. Höre jetzt von dem Wissen um können, und nur nach vielen, vielen Leben solcher
jenen yoga, durch den man ohne fruchttragendes sinnenbefriedigender Tätigkeiten geschieht es, daß sich
Ergebnis arbeitet. O Sohn Pthās, wenn du mit solcher eine große Seele Vāsudeva, KŠa, ergibt und so an das
Intelligenz handelst, kannst du dich von der Fessel der Ende ihrer Suche nach der endgültigen Wahrheit gelangt.
Werke befreien. Arjuna hat KŠa bereits als seinen spirituellen Meister
angenommen, als er sich Ihm ergab: śiyas te 'haˆ śādhi
ERLÄUTERUNG māˆ tvāˆ prapannam. Folglich will KŠa ihm jetzt etwas
über die Prinzipien des buddhi-yoga oder karma-yoga
Nach dem vedischen Wörterbuch Nirukti bedeutet sā‰khya sagen, das heißt, mit anderen Worten, über die Praxis
"das, was die Erscheinungen in allen Einzelheiten hingebungsvollen Dienstes ausschließlich für die
beschreibt", während sich sā‰khya auf jene Philosophie Befriedigung der Sinne des Herrn. Im zehnten Vers des
bezieht, die die wahre Natur der Seele beschreibt. Zu yoga Zehnten Kapitels wird klar gesagt, daß buddhi-yoga die
gehört auch die Meisterung der Sinne. Arjunas Entschluß, Gemeinschaft mit dem Herrn bedeutet, der als Paramātmā
nicht zu kämpfen, hatte seine Ursache in dem Verlangen im Herzen eines jeden weilt. Aber solche Gemeinschaft
nach Sinnenbefriedigung. Seine vornehmste Pflicht kommt nicht ohne hingebungsvollen Dienst zustande. Wer
vergessend, wollte er aufhören zu kämpfen, da er glaubte, daher im hingebungsvollen oder transzendentalen
glücklicher zu sein, wenn er seine Familienangehörigen liebenden Dienst des Herrn oder, mit anderen Worten, im
und Verwandten nicht tötete, als wenn er sich des KŠa-Bewußtsein verankert ist, erreicht diese Stufe des
Königreiches erfreute, indem er seine Vettern und Brüder - buddhi-yoga durch die besondere Gnade des Herrn. Der
die Söhne Dhtarā˜ras - tötete. In beiden Fällen würde er Herr sagt deshalb, daß Er nur diejenigen mit dem reinen
mit dem Beweggrund der Sinnenbefriedigung handeln. Wissen der liebenden Hingabe beschenkt, die sich immer
Sowohl Glück, das man erfährt, wenn man die Verwandten aus transzendentaler Liebe im hingebungsvollen Dienst
besiegt, als auch Glück, das man verspürt, wenn man sie betätigen. Auf diese Weise kann der Gottgeweihte Ihn sehr
lebend sieht, befinden sich auf der Ebene persönlicher leicht im ewig-glückseligen Königreich Gottes erreichen.
Sinnenbefriedigung, da man dabei weises Handeln und die Der in diesem Vers erwähnte buddhi-yoga ist also der
Erfüllung der Pflicht aufgibt. KŠa wollte daher Arjuna hingebungsvolle Dienst für den Herrn, und das hier
erklären, daß er die Seele selbst nicht töten würde, wenn er erwähnte Wort sā‰khya hat nichts mit dem atheistischen
den Körper seines Großvaters erschlugen und Er machte sā‰khya-yoga zu tun, den der Betrüger Kapila verkündete.
ihm klar, daß alle individuellen Personen, einschließlich Man sollte daher den sā‰khya-yoga, der hier erwähnt wird,
des Herrn Selbst, ewige Individuen sind. Sie waren auf keinen Fall mit dem atheistischen sā‰khya verwechseln.
Individuen in der Vergangenheit, sie sind Individuen in der Auch hatte diese Philosophie in der damaligen Zeit
Gegenwart, und sie werden auch in der Zukunft Individuen überhaupt keinen Einfluß, und Śrī KŠa hätte niemals
bleiben, denn wir alle sind ewig individuelle Seelen und solch gottlose philosophische Spekulationen erwähnt.
wechseln nur unser körperliches Gewand auf verschiedene Wirkliche sā‰khya-Philosophie wird von Kapila, dem
Weise. Aber selbst nachdem wir von den Fesseln des Herrn, im Śrīmad Bhāgavatam beschrieben, aber selbst
materiellen Körpers befreit sind, behalten wir unsere dieser sā‰khya hat nichts mit den hier behandelten Themen
Individualität. In einem analytischen Studium ist das Wesen zu tun. Hier ist mit sā‰khya die analytische Beschreibung
der Seele und des Körpers von Śrī KŠa bereits sehr des Körpers und der Seele gemeint. Śrī KŠa gab eine
sorgfältig erklärt worden. Und dieses anschauliche Wissen, analytische Beschreibung der Seele, nur um Arjuna zur
das die Seele und den Körper von verschiedenen Stufe des buddhi-yoga oder bhakti-yoga hinzuführen.
Gesichtspunkten aus beschreibt, ist mit Bezugnahme auf Deshalb ist Śrī KŠas sā‰khya und Kapilas sā‰khya, wie er
das Nirukti-Wörterbuch hier als sā‰khya bezeichnet im Bhāgavatam beschrieben wird, ein und dasselbe. Beides
worden. Dieser sā‰khya hat mit der sā‰khya-Philosophie ist bhakti-yoga. KŠa sagte daher, nur die weniger
des Atheisten Kapila nichts zu tun. Lange bevor der intelligenten Menschen unterschieden zwischen sā‰khya-
Betrüger Kapila seine sā‰khya-Philosophie aufstellte, war yoga und bhakti-yoga.
die sā‰khya-Philosophie, wie sie im Śrīmad-Bhāgavatam Natürlich hat atheistischer sā‰khya-yoga nichts mit bhakti-
beschrieben wird, von dem wirklichen Kapila, einer yoga zu tun, aber dennoch behaupten unintelligente
Inkarnation Śrī KŠas, Seiner Mutter Devahūti erklärt Menschen, die Bhagavad-gītā beziehe sich auf den,
worden. Es wird von Ihm eindeutig erklärt, daß der purua atheistischen sā‰khya-yoga. Man soll daher verstehen, daß
oder der Höchste Herr aktiv ist und daß Er erschafft, indem buddhi-yoga bedeutet, im KŠa-Bewußtsein, das heißt in
Er über die prakti oder die materielle Natur blickt. Diese der vollkommenen Glückseligkeit und im allumfassenden
Tatsache wird in den Veden und in der Gīta anerkannt. Die Wissen des hingebungsvollen Dienstes, zu arbeiten. Wer
Beschreibung in den Veden deutet darauf hin, daß der Herr ausschließlich für die Zufriedenstellung des Herrn arbeitet,
über die prakti blickte und sie mit winzigen individuellen ganz gleich wie schwierig solche Arbeit sein mag, arbeitet
Seelen schwängerte. Alle diese Individuen arbeiten in der nach den Prinzipien des buddhi-yoga und ist immer in
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transzendentale Glückseligkeit eingetaucht. Durch solche yatra kva vābhadram abhūd amuya kiˆ
transzendentale Betätigung entwickelt man, dank der ko vārtha āpto ‘bhajatāˆ sva-dharmataƒ
Gnade des Herrn, alle transzendentalen Eigenschaften von
selbst, und so ist die erlangte Befreiung in sich selbst "Wenn jemand es aufgibt, der Befriedigung seiner Sinne
vollkommen, ohne daß man sich gesondert darum bemühen nachzujagen, im KŠa-Bewußtsein arbeitet und dann zu
muß, Wissen zu erwerben. Es besteht ein großer Fall kommt, weil er seine Arbeit nicht vollendet, was
Unterschied zwischen Arbeit im KŠa-Bewußtsein und verliert er dabei? Und was kann jemand gewinnen, wenn er
Arbeit um fruchttragender Ergebnisse willen, insbesondere seine materiellen Tätigkeiten in vollkommener Weise
für Sinnenbefriedigung, wenn man nach Ergebnissen in ausführt?"
Form von Familie oder materiellem Glück strebt. Buddhi- Oder wie es die Christen ausdrucken: "Was nützte es einem
yoga ist daher die transzendentale Qualität der Arbeit, die Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber an seiner
wir verrichten. ewigen Seele Schaden nähme?"
Materielle Tätigkeiten und ihre Ergebnisse enden mit dem
VERS 40 Körper. Arbeit im KŠa-Bewußtsein aber trägt einen
Menschen, selbst nach dem Verlust des Körpers, erneut
nehābhikrama-nāśo'sti zum KŠa-Bewußtsein. Zumindest ist es sicher, daß man
pratyavāyo na vidyate im nächsten Leben eine Möglichkeit hat, entweder in der
svalpam apy asya dharmasya Familie eines hochgebildeten brāhmaŠa oder in einer
trāyate mahato bhayāt reichen aristokratischen Familie wieder als Mensch geboren
zu werden, wodurch man eine weitere Gelegenheit zur
na—es gibt nicht; iha—in dieser Welt; abhikrama—sich Erhebung bekommt. Das ist die einzigartige Qualität der
bemühend; nāśaƒ—Verlust; asti—es gibt; pratyavāyaƒ— Arbeit, die im KŠa-Bewußtsein verrichtet wird.
Minderung; na—niemals; vidyate-es gibt; svalpam—wenig;
api—obwohl; asya—von diesem; dharmasya—von dieser VERS 41
Beschäftigung; trāyate—befreit; mahataƒ—von sehr
großer; bhayāt—von Gefahr. vyavasāyātmikā buddhir
ekeha kuru-nandana
ÜBERSETZUNG bahu-śākhā hy anantāś ca
buddhayo'vyavasāyinām
Bei diesem Bemühen gibt es weder Verlust noch
Minderung, und schon ein wenig Fortschritt auf diesem vyavasāyatmika—entschlossenes KŠa-Bewußtsein;
Pfad kann einen vor der größten Gefahr bewahren. buddhiƒ—Intelligenz; ekā— nur eines; iha—in dieser Welt;
kuru-nandana—o geliebtes Kind der Kurus; bahu-śākhāƒ—
ERLÄUTERUNG verschiedene Zweige; hi—tatsächlich; anantāƒ—
unbegrenzt; ca—auch; buddhayaƒ—Intelligenz;
Handeln im KŠa-Bewußtsein oder zum Nutzen KŠas zu avyavasāyinām—von denen, die nicht KŠa-bewußt sind.
handeln, ohne Sinnenbefriedigung zu erwarten, ist die
höchste transzendentale Art von Arbeit. Selbst ein kleiner ÜBERSETZUNG
Anfang solcher Tätigkeit findet kein Hindernis, noch kann
dieser kleine Anfang auf irgendeiner Stufe verloren gehen. Diejenigen, die diesen Pfad beschreiten, sind
Jede auf der materiellen Ebene begonnene Arbeit muß entschlossen in ihrem Vorhaben, und ihr Ziel ist eins. O
vollendet werden; sonst ist der ganze Versuch ein geliebtes Kind der Kurus, die Intelligenz der
Fehlschlag. Aber jede Arbeit, die man im KŠa- Unentschlossenen jedoch ist vielverzweigt.
Bewußtsein beginnt, hat eine dauernde Wirkung, selbst
wenn sie nicht zu Ende geführt wird. Wer solche Arbeit ERLÄUTERUNG
verrichtet, verliert daher nichts, auch wenn seine Arbeit im
KŠa-Bewußtsein unvollendet bleibt. Selbst wenn man ein Starker Glaube im KŠa-Bewußtsein, daß man zur
Prozent der Tätigkeiten im KŠa-Bewußtsein ausführt, höchsten Vollkommenheit des Lebens erhoben werden
sind bleibende Ergebnisse die Folge, so daß man das sollte, bezeichnet man als vyavasāyātmikā-Intelligenz. Im
nächste Mal bei zwei Prozent weitermachen kann, Caitanya-caritāmta (Madhya 22.62) heißt es:
wohingegen es bei materieller Tätigkeit ohne einen
hundertprozentigen Erfolg keinen Gewinn gibt. Ajāmila ‘śraddhā'-śabde viśvāsa kahe sudha niścaya
erfüllte seine Pflicht zu einem gewissen Prozentsatz im kŠe bhakti kaile sarva-karma kta haya
KŠa-Bewußtsein, aber das Ergebnis, das ihm am Ende
zuteil wurde, war durch die Gnade des Herrn ein
hundertprozentiger Erfolg. In diesem Zusammenhang Glaube bedeutet unerschütterliches Vertrauen in etwas
findet man im Śrīmad-Bhāgavatam (1.5.17) einen schönen Erhabenes. Wenn man die Pflichten im KŠa-Bewußtsein
Vers: erfüllt, braucht man den Verpflichtungen, die man in der
materiellen Weit gegenüber der Familie, der Menschheit
tyaktvā sva-dharmaˆ caraŠāmbujaˆ harer oder der Nation haben mag, nicht nachzukommen.
bhajan na pakko ‘tha patet tato yadi Fruchtbringende Tätigkeiten sind die Handlungen, die aus
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den Reaktionen auf vergangene gute oder schlechte Taten kāmātmānaƒ svarga-parā
hervorgehen. Wenn man im KŠa-Bewußtsein wach ist, janma-karma-phala-pradām
braucht man sich bei seinem Tun nicht länger um gute kriyā-viśea-bahulāˆ
Ergebnisse zu bemühen. Wenn man im KŠa-Bewußtsein bhogaiśvarya-gatiˆ prati
verankert ist, befinden sich alle Handlungen auf der
absoluten Ebene, da sie nicht länger Dualitäten wie gut und yām imām—all diese; puspitām—blumenreichen; vācam—
schlecht unterworfen sind. Die höchste Vollkommenheit Worte; pravadanti—sagen; avipaścitaƒ—Menschen mit
des KŠa-Bewußtseins ist die Entsagung der materiellen einem geringen Maß an Wissen; veda-vāda-ratāƒ—
Auffassung vom Leben. Diese Stufe wird mit vorgebliche Nachfolger der Veden; pārtha—o Sohn Pthās;
fortschreitendem KŠa-Bewußtsein von selbst erreicht. Die na—niemals; anyat—irgend etwas anderes; asti—gibt es;
Entschlossenheit eines Menschen im KŠa-Bewußtsein iti—diese; vādinaƒ—Befürworter; kāmātmānaƒ—begierig
beruht auf der Erkenntnis, daß Vāsudeva oder KŠa die nach Sinnenbefriedigung; svarga-parāƒ-danach strebend,
Wurzel aller manifestierten Ursachen ist (vāsudevaƒ himmlische Planeten zu erreichen;
sarvam iti sa mahātmā sudurlabhaƒ; Bg. 7.19). So wie man janma-karma-phala-pradām—mit dem Ergebnis
den Blättern und Zweigen eines Baumes dient, indem man fruchtbringender Handlungen, einer guten Geburt usw.;
die Wurzel begießt, so kann man jedem - sich selbst, der kriyā-viśea—pompöse Zeremonien; bahulām—
Familie, der Gesellschaft, dem Land, der Menschheit usw. - verschiedene; bhoga—Sinnengenuß; aiśvarya—Reichtum;
den höchsten Dienst erweisen, indem man im KŠa- gatim—Fortschritt; prati—entgegen.
Bewußtsein handelt. Wenn man durch sein Tun KŠa
zufriedenstellt, dann wird jeder zufrieden sein. ÜBERSETZUNG
Dienst im KŠa-Bewußtsein wird jedoch am besten unter
der kundigen Führung eines spirituellen Meisters Menschen mit geringem Wissen hängen sehr an den
ausgeführt, der ein echter Vertreter KŠas ist, der das blumenreichen Worten der Vedas, die ihnen
Wesen des Schülers kennt und der ihn so anleiten kann, daß verschiedene fruchtbringende Tätigkeiten zur Erhebung
er im KŠa-Bewußtsein handelt. Um daher im KŠa- zu himmlischen Planeten empfehlen, wo eine gute
Bewußtsein wirklich fortzuschreiten, muß man fest Geburt, Macht und so fort auf sie warten. Da sie nach
entschlossen handeln und dem Stellvertreter KŠas Sinnenbefriedigung und einem Leben in Hülle und Fülle
gehorchen, und man sollte die Anweisung des echten begehren, sagen sie, es gebe nichts, was darüber
spirituellen Meisters als seine Lebensaufgabe ansehen. Śrīla hinausgehe.
Viśvanātha Cakravartī µhākura lehrt uns in seinen
berühmten Gebeten zum spirituellen Meister: ERLÄUTERUNG

yasya prasādād bhagavat-prasādo Die meisten Menschen sind nicht sehr intelligent, und
yasyāprasādānna gatiƒ kuto 'pi aufgrund ihrer Unwissenheit haften sie sehr stark an den im
dhyāyam stuvams tasya yaśas tri-sandhyam karma-kāŠa-Teil der Veden empfohlenen
vande guroƒ śrī-caraŠāravindam fruchtbringenden Tätigkeiten. Sie wünschen sich nichts
mehr als Vorschläge für Sinnenbefriedigung, wie man das
"Wenn man den spirituellen Meister zufriedenstellt, wird Leben auf himmlischen Planeten genießen kann, wo Wein
die Höchste Persönlichkeit Gottes zufrieden. Und wenn und Frauen zur Verfügung stehen und materieller Reichtum
man den spirituellen Meister nicht zufriedenstellt, ist es sehr üblich ist. In den Veden werden viele Opfer, besonders
nicht möglich, auf die Ebene des KŠa-Bewußtseins die jyoti˜oma-Opferung, für die Erhebung zu den
erhoben zu werden. Ich sollte daher dreimal täglich über himmlischen Planeten empfohlen. Ja, es heißt sogar, daß
meinen spirituellen Meister meditieren, um seine jeder, der zu den himmlischen Planeten erhoben werden
Barmherzigkeit bitten und ihm meine achtungsvollen will, diese Opfer ausführen muß, und Menschen mit
Ehrerbietungen erweisen. " geringem Wissen glauben, dies sei der ganze Sinn und
Der ganze Vorgang hängt jedoch davon ab, daß man Zweck der vedischen Weisheit. Solch unerfahrenen
vollkommen verstanden hat, daß sich die Seele jenseits der Menschen fällt es sehr schwer, sich das entschlossene
körperlichen Auffassung befindet - nicht nur theoretisch, Handeln im KŠa-Bewußtsein zu eigen zu machen. So wie
sondern auch praktisch, indem man nicht mehr versucht, Toren sich zu den Blüten giftiger Bäume hingezogen
seine Sinne durch fruchtbringende Handlungen zu fühlen, ohne die Folgen solcher Reize zu kennen, so
befriedigen. Jemand, der im Geiste nicht wahrhaft gefestigt werden Menschen, die nicht erleuchtet sind, von solch
ist, wird von verschiedenen fruchtbringenden Handlungen himmlischem Reichtum und der damit verbundenen
abgelenkt. Sinnenfreude betört.
Im karma-kāŠa-Teil der Veden heißt es, daß diejenigen,
VERS 42-43 die sich die vier monatlichen Bußen auferlegen, die
Eignung erwerben, den soma-rasa-Trank zu trinken, um für
yām imāˆ pupitāˆ vācaˆ immer unsterblich und glücklich zu werden. Selbst auf der
pravadanty avipaścitaƒ Erde sind einige Menschen sehr begierig, diesen soma-
veda-vāda-ratāƒ pārtha rasa-Trank zu bekommen, um stark und gesund zu werden
nānyad astīti vādinaƒ und Sinnenbefriedigung genießen zu können. Solche
Menschen glauben nicht an die Befreiung aus der
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materiellen Knechtschaft und haften sehr an den pompösen bleibst; niryoga-kemaƒ—frei von (dem Gedanken an)
Zeremonien der vedischen Opfer. Sie sind im allgemeinen Aneignung und Bewahrung; ātmavān—im Selbst verankert.
sinnlich und trachten nach nichts anderem als den
himmlischen Freuden des Lebens. Es ist bekannt, daß es ÜBERSETZUNG
auf den himmlischen Planeten Gärten gibt, nandana-
kānana genannt, in denen sich genügend Gelegenheiten Die Veden handeln hauptsächlich von den drei
bieten, mit engelgleich-schönen Frauen zusammenzusein Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Erhebe dich
und reichlich soma-rasa-Wein zu trinken. Solch über diese Erscheinungsweisen, o Arjuna; Sei
körperliches Glück ist zweifellos sinnlich; daher sind dort transzendental zu ihnen allen. Sei frei von allen
diejenigen anzutreffen, die - als "Herren der materiellen Dualitäten und aller Sorge um Gewinn und Sicherheit,
Welt" - nichts anderem als materiellem, zeitweiligem Glück und sei im Selbst verankert.
verhaftet sind.
ERLÄUTERUNG
VERS 44
Alle materiellen Tätigkeiten beinhalten Aktionen und
bhogaiśvarya-prasaktānāˆ Reaktionen in den drei Erscheinungsweisen der materiellen
tayāpahta-cetasām Natur. Sie werden mit der Absicht ausgeführt,
vyavasāyātmika buddhiƒ fruchtbringende Ergebnisse zu bekommen, die ihrerseits
samādhau na vidhīyate Knechtschaft in der materiellen Welt verursachen. Die
Veden handeln hauptsächlich von fruchtbringenden
bhoga—materieller Genuß; aiśvarya—Reichtum; Tätigkeiten, um die allgemeine Masse der Menschen
prasaktānām—Menschen, die in dieser Weise angehaftet allmählich aus dem Bereich der Sinnenbefriedigung zu
sind; tayā—durch solche Dinge; apahta-cetasām— einer Stellung auf der transzendentalen Ebene zu erheben.
verwirrt im Geist; vyavasāyātmika—feste Entschlossenheit; Arjuna bekommt als Schüler und Freund KŠas den Rat,
buddhiƒ—hingebungsvoller Dienst für den Herrn; sich auf die transzendentale Ebene der Vedānta-Philosophie
samādhau—im beherrschten Geist; na—niemals; vidhīyate- zu erheben, die am Anfang brahma-jijñāsā oder Fragen
findet statt. über die Höchste Transzendenz aufwirft. Alle Lebewesen,
die sich in der materiellen Welt aufhalten, kämpfen sehr
ÜBERSETZUNG schwer um ihre Existenz. Für sie gab der Herr nach der
Schöpfung der materiellen Welt die vedische Weisheit, die
Im Geist derer, die zu sehr an Sinnengenuß und Rat erteilt, wie man leben soll und sich aus der materiellen
materiellem Reichtum haften und von solchen Dingen Verstrickung befreien kann. Wenn die Tätigkeiten für
verwirrt sind, kommt es nicht zu dem festen Entschluß, Sinnenbefriedigung, nämlich das karma-kāŠa-Kapitel,
dem Höchsten Herrn in Hingabe zu dienen. abgeschlossen sind, wird die Möglichkeit spiritueller
Erkenntnis in Form der Upaniaden angeboten, die Teile
ERLÄUTERUNG verschiedener Veden sind, ebenso wie die Bhagavad-gītā
ein Teil des fünften Veda, des Mahābhārata, ist. Die
Samādhi bedeutet "festverankerter Geist". Das vedische Upaniaden beschreiben den Beginn transzendentalen
Wörterbuch Nirukti erklärt hierzu: samyag ādhīyate 'sminn Lebens.
ātmatattva-yāthātmyam. "Wenn der Geist fest darauf Solange der materielle Körper existiert, gibt es Aktionen
gerichtet ist, das Selbst zu verstehen, nennt man dies und Reaktionen in den materiellen Erscheinungsweisen.
samādhi." Samādhi ist niemals möglich für Menschen, Man muß lernen, Dualitäten wie Glück und Leid oder Kälte
denen es um materiellen Sinnengenuß geht, auch nicht für und Hitze zu ertragen, und indem man solche Dualität
diejenigen, die von solch zeitweiligen Dingen verwirrt sind. duldet, wird man frei von aller Sorge um Gewinn oder
Sie sind durch die Wirkungsweise der materiellen Energie Verlust. Diese transzendentale Stellung wird in vollem
mehr oder minder verdammt. KŠa-Bewußtsein erreicht, wenn man völlig von KŠas
Wohlwollen abhängig ist.
VERS 45
VERS 46
traiguŠya-viayā vedā
nistraiguŠyo bhavārjuna yāvān artha udapāne
nirdvandvo nitya-sattva-stho sarvataƒ samplutodake
niryoga-kema ātmavān tāvān sarveu vedeu
brāhmaŠasya vijānataƒ
traiguŠya—sich auf die drei Erscheinungsweisen der
materiellen Natur beziehend; viayāƒ—über das Thema; yāvān—all das; artaƒ—ist dafür bestimmt; udapāne—in
vedāƒ—vedische Schriften; nistraiguŠyaƒ—in einem reinen einem Brunnen; sarvataƒ—in jeder Hinsicht;
Zustand spiritueller Existenz; bhava—sei; arjuna—o sampluta-udake—in einem großen Gewässer; tāvān—in
Arjuna; nirdvandvaƒ—frei von den Qualen der Gegensätze; ähnlicher Weise; sarveu—in allen; vedeu—vedischen
nitya-sattvasthaƒ—indem du immer in sattva (Tugend) Schriften; brāhmaŠasya—von dem Menschen, der das
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Höchste Brahman kennt; vijānataƒ—von jemand, der über Sein spiritueller Meister habe Ihn für einen großen Narren
vollkommenes Wissen verfügt. befunden und Ihn daher angewiesen, den Heiligen Namen
Śrī KŠas zu chanten. Er tat dies und befand sich von da an
ÜBERSETZUNG in ständiger Ekstase, so daß Ihn die Menschen für verrückt
hielten. Im Zeitalter des Kali ist der größte Teil der
Alle Zwecke, die ein kleiner Teich nach und nach erfüllt, Bevölkerung töricht und nicht genügend gebildet, die
können große Gewässer sofort erfüllen. In ähnlicher Vedānta-Philosophie zu verstehen; doch der Sinn und
Weise kann alle Früchte der Veden erreichen, wer das Zweck der Vedānta-Philosophie wird erfüllt, wenn man den
Ziel der Veden kennt. Heiligen Namen des Herrn ohne Vergehen chantet. Der
Vedānta bildet die letzte Stufe des vedischen Wissens, und
ERLÄUTERUNG der Verfasser und Kenner der Vedānta-Philosophie ist Śrī
KŠa Selbst. Und ein Meister des Vedānta ist jene große
Die im karma-kāŠa-Teil der vedischen Literatur Seele, die Freude daran findet, den Heiligen Namen des
erwähnten Rituale und Opfer sollen dazu ermutigen, Herrn zu chanten. Das ist der letztliche Sinn aller vedischen
allmählich Selbstverwirklichung zu erlangen. Und der Sinn Mystik.
von Selbstverwirklichung wird im Fünfzehnten Kapitel der
Bhagavad-gītā (15.15) deutlich erklärt: Der Zweck des VERS 47
Studiums der Veden ist es, Śrī KŠa, die urerste Ursache
aller Dinge, zu erkennen. Selbstverwirklichung bedeutet karmaŠy evādhikāras te
also, KŠa und unsere ewige Beziehung zu Ihm zu mā phaleu kadācana
verstehen. Die Beziehung der Lebewesen zu KŠa wird mā karma-phala-hetur bhūr
ebenfalls im Fünfzehnten Kapitel der Bhagavad-gītā (15.7) mā te sa‰go'stv akarmaŠi
erwähnt. Die Lebewesen sind winzige Teile KŠas;
deshalb ist die Wiederbelebung von KŠa-Bewußtsein karmaŠi—vorgeschriebene Pflichten; eva—gewiß;
durch das individuelle Lebewesen die am höchsten adhikāraƒ—Recht; te—dein; mā—niemals; phaleu—an
vervollkommnete Stufe vedischen Wissens. Dies wird im den Früchten; kadācana—zu irgendeiner Zeit; mā—nie-
Śrīmad-Bhāgavatam (3.33.7) wie folgt bestätigt: mals; karma-phala—auf das Ergebnis der Arbeit; hetuƒ—
Ursache; bhūƒ—werden; mā—niemals; te—von dir;
aho bata śva-paco 'to garīyān sa‰gaƒ—Anhaftung; astu—sei da; akarmaŠi—indem du
yaj-jihvāgre vartate nāma tubhyam nicht tust.
tepus tapas juhuvuƒ sasnur āryā
brahmānūcur nāma gŠanti ye te ÜBERSETZUNG

"O mein Herr, ein Mensch, der Deinen Heiligen Namen Du hast das Recht, deine vorgeschriebene Pflicht zu
chantet, befindet sich auf der höchsten Ebene der erfüllen, aber du hast keinen Anspruch auf die Früchte
Selbstverwirklichung, selbst wenn er in einer niedrigen des Handelns. Halte dich niemals für die Ursache der
Familie wie der eines cāŠāla (Hundeessers) geboren Ergebnisse deiner Tätigkeiten, und hafte niemals daran,
wurde. Ein solcher Mensch muß alle Arten von tapasya deine Pflicht nicht zu erfüllen.
und Opfern in Übereinstimmung mit den vedischen
Ritualen ausgeführt und viele, viele Male die vedischen ERLÄUTERUNG
Schriften studiert haben, nachdem er an allen heiligen
Pilgerstätten gebadet hatte. Daher muß er als der Hier wird von drei Dingen gesprochen, nämlich von
vortrefflichste der Ārya-Familie angesehen werden." vorgeschriebenen Pflichten, launenhafter Arbeit und
Man muß deshalb intelligent genug sein, den Zweck der Untätigkeit. Unter vorgeschriebenen Pflichten versteht man
Veden zu verstehen, ohne nur an den Ritualen zu haften, Tätigkeiten, die ausgeführt werden müssen, solange man
und man darf nicht danach trachten, zu den himmlischen sich unter dem Einfluß der Erscheinungsweisen der
Königreichen erhoben zu werden, um eine höhere Form der materiellen Natur befindet. Unter launenhafter Arbeit
Sinnenbefriedigung zu genießen. Es ist in diesem Zeitalter versteht man Handlungen, die ohne Einwilligung einer
dem gewöhnlichen Menschen nicht möglich, alle Regeln Autorität ausgeführt werden, und Untätigkeit bedeutet,
und Vorschriften der vedischen Rituale und die seine vorgeschriebenen Pflichten nicht zu erfüllen. Der
Anweisungen des Vedānta und der Upaniaden zu Herr gab Arjuna den Rat, nicht untätig zu sein, sondern
befolgen. Es erfordert viel Zeit, Energie, Wissen und seine vorgeschriebene Pflicht zu erfüllen, ohne am
Mittel, die Forderungen der Veden zu erfüllen. Dies ist im Ergebnis zu haften. Wer am Ergebnis seiner Arbeit haftet,
gegenwärtigen Zeitalter kaum möglich. ist auch die Ursache der Handlung und muß daher das
Das höchste Ziel der vedischen Kultur wird jedoch erreicht, Ergebnis genießen oder erleiden.
wenn man den Heiligen Namen des Herrn chantet, wie es Was vorgeschriebene Pflichten betrifft, so können sie in
Śrī Caitanya, der Befreier aller gefallenen Seelen, empfahl. drei Unterteilungen gegliedert werden, nämlich
Als Śrī Caitanya von dem großen vedischen Gelehrten Routinearbeit, Arbeit im Notfall und wunschgemäße
Prakāśānanda Sarasvatī gefragt wurde, warum Er, anstatt Tätigkeiten. Routinearbeit nach den Anordnungen der
die Veden zu studieren, wie ein mentaler Träumer den Schriften wird ohne Verlangen nach Ergebnissen
Heiligen Namen des Herrn chante, entgegnete der Herr, ausgeführt. Obligatorische Arbeit befindet sich in der
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Erscheinungsweise der Tugend, da man zu ihrer selbst zufriedenstellen, wie es in der materiellen Welt die
Ausführung genötigt ist. Arbeit um der Ergebnisse willen Regel ist, sondern man soll KŠa erfreuen. Solange man
wird die Ursache von Bindung; deshalb ist solche Arbeit also nicht KŠa zufriedenstellt, kann man die Prinzipien
nicht vorteilhaft. Jeder hat ein Anrecht auf die Erfüllung des varŠāśrama-dharma nicht richtig befolgen. Indirekt
vorgeschriebener Pflichten, doch sollte er ohne Anhaftung wurde Arjuna nahegelegt, so zu handeln, wie KŠa es ihm
an das Ergebnis handeln. Solch uneigennützige, sagte.
obligatorische Pflichten führen einen ohne Zweifel auf den
Pfad der Befreiung. VERS 49
KŠa gab deshalb Arjuna den Rat, aus reiner
Pflichterfüllung zu kämpfen, ohne am Ergebnis zu haften. dūreŠa hy avaraˆ karma
Würde er an der Schlacht nicht teilnehmen, wäre dies eine buddhi-yogād dhanañjaya
andere Form der Anhaftung. Solches Anhaften führt einen buddhau śaraŠam anviccha
niemals auf den Pfad der Erlösung. Jedes Anhaften - ob kpaŠāƒ phala-hetavaƒ
positiv oder negativ - ist die Ursache für Bindung.
Untätigkeit ist sündhaft. Daher war Kämpfen aus reiner dūreŠa—indem man es bis auf weiteres aufgibt; hi—
Pflichterfüllung der einzig glückverheißende Pfad der sicherlich; avaram—verabscheuenswerte; karma—
Erlösung für Arjuna. Tätigkeiten; buddhi-yogāt—im Vertrauen auf die Stärke des
KŠa-Bewußtseins; dhanañjaya—o Eroberer von
VERS 48 Reichtum; buddhau—in solchem Bewußtsein; śaraŠam—
volle Ergebung; anviccha—Wunsch; kpaŠāƒ—die
yoga-sthaƒ kuru karmāŠi Geizhälse; phala-hetavaƒ—diejenigen, die nach
sangaˆ tyaktvā dhanañjaya fruchtbringendem Handeln streben.
siddhy-asiddhyoƒ samo bhūtvā
samatvaˆ yoga ucyate ÜBERSETZUNG

yoga-sthaƒ—standhaft im yoga; kuru-erfülle; karmāŠi— O Dhanañjaya, befreie dich von allen fruchtbringenden
deine Pflicht; sa‰gam—Anhaftung; tyaktvā—aufgegeben Tätigkeiten durch hingebungsvollen Dienst, und ergib
habend; dhanañjaya—o Dhanañjaya; siddhiasiddhyoƒ—bei dich völlig in dieses Bewußtsein. Diejenigen, die die
Erfolg und Mißerfolg; samaƒ—der gleiche; bhūtvā— Früchte ihrer Arbeit genießen wollen, sind Geizhälse.
geworden seiend; samatvam—Ausgeglichenheit des
Geistes; yogaƒ—yoga; ucyate—wird genannt. ERLÄUTERUNG

ÜBERSETZUNG Wer seine wesensgemäße Stellung als ewiger Diener des


Herrn wirklich verstanden hat, gibt alle anderen
Sei fest im yoga verankert, o Arjuna. Erfülle deine Beschäftigungen außer den Tätigkeiten im KŠa-
Pflicht, und gib alle Anhaftung an Erfolg oder Bewußtsein auf. Wie schon erklärt wurde, bedeutet buddhi-
Mißerfolg auf. Solche Ausgeglichenheit des Geistes wird yoga transzendentaler liebender Dienst für den Herrn.
yoga genannt. Solch hingebungsvoller Dienst ist die richtige
Handlungsweise für das Lebewesen. Nur Geizhälse wollen
ERLÄUTERUNG die Frucht ihrer Arbeit genießen, wodurch sie nur noch
mehr in die materielle Knechtschaft verstrickt werden.
KŠa sagt zu Arjuna, er solle in yoga handeln. Was ist nun Außer Arbeit im KŠa-Bewußtsein sind alle Tätigkeiten
dieser yoga? Yoga bedeutet, den Geist auf den Höchsten zu verabscheuenswert, da sie den Handelnden fortgesetzt an
richten, indem man die ständig störenden Sinne meistert. den Kreislauf von Geburt und Tod binden. Man sollte daher
Und wer ist der Höchste? Der Höchste ist der Herr. Und da niemals den Wunsch haben, selbst die Ursache von Arbeit
Er Selbst Arjuna anweist zu kämpfen, hat Arjuna mit den zu sein. Alles sollte im KŠa-Bewußtsein getan werden,
Ergebnissen des Kampfes nichts zu tun. Gewinn oder Sieg um KŠa zu erfreuen. Geizhälse wissen nicht, wie sie
sind KŠas Sache; Arjuna ist nur angewiesen, nach dem Besitztümer verwenden sollen, die sie durch glückliche
Gebot KŠas zu handeln. Umstände oder harte Arbeit erwerben. Man sollte alle
KŠas Gebot zu folgen ist wirklicher yoga, und dies wird Energien verwenden, um im KŠa-Bewußtsein zu arbeiten;
in dem Vorgang praktiziert, den man KŠa-Bewußtsein das wird unser Leben erfolgreich machen. Unglückselige
nennt. Allein durch KŠa-Bewußtsein kann man die Menschen stellen, wie die Geizhälse, ihre menschliche
Vorstellung, irgend etwas zu besitzen, aufgeben. Man muß Energie nicht in den Dienst des Herrn.
der Diener KŠas oder der Diener des Dieners von KŠa
werden. Das ist der richtige Weg, seine Pflicht im KŠa- VERS 50
Bewußtsein zu erfüllen, das einem helfen kann, in yoga zu
handeln. buddhi-yukto jahātīha
Arjuna ist ein katriya und gehört als solcher zur ubhe sukta-dukte
Einrichtung des varŠāśrama-dharma. Im ViŠu PurāŠa tasmād yogāya yujyasva
(3.8.9) heißt es, daß im varŠāśrama-dharma das ganze Ziel yogaƒ karmasu kauśalam
darin besteht, ViŠu zufriedenzustellen. Niemand soll sich
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buddhi-yaktaƒ—jemand, der im hingebungsvollen Dienst bhāvambudhir vatsa-padaˆ paraˆ padaˆ


tätig ist; jahāti—kann sich befreien von; iha—in diesem paraˆ padaˆ yad vipadāˆ na teām
Leben; ubhe-in beiden; sukta-dukte-in guten und
schlechten Ergebnissen; tasmāt—deshalb; yogāya—um des "Für jemand, der das Boot der Lotosfüße des Herrn
hingebungsvollen Dienstes willen; yujyasva—sei so tätig; bestiegen hat - welcher der kosmischen Manifestation
yogaƒ—KŠa-Bewußtsein; karmasu—in allen Tätigkeiten; Zuflucht gewährt und welcher berühmt ist als Mukunda
kauśalam—Kunst. oder derjenige, der mukti gewährt -, für ihn ist der Ozean
der materiellen Welt wie das Wasser im Hufabdruck eines
ÜBERSETZUNG Kalbes. Paraˆ padam oder VaikuŠ˜ha, wo es keine
materiellen Leiden gibt, ist sein Ziel, und nicht der Ort, an
Jemand, der im hingebungsvollen Dienst tätig ist, dem auf Schritt und Tritt Gefahr lauert."
befreit sich schon in diesem Leben sowohl von guten als Aufgrund von Unwissenheit weiß man nicht, daß die
auch von schlechten Reaktionen. Deshalb strebe nach materielle Welt ein leidvoller Ort ist, wo auf Schritt und
yoga, o Arjuna, der Kunst aller Arbeit. Tritt Gefahren drohen. Nur aus Unwissenheit versuchen
weniger intelligente Menschen, sich durch fruchtbringende
ERLÄUTERUNG Tätigkeiten der Situation anzupassen, in dem Glauben, die
sich ergebenden Handlungen würden sie glücklich machen.
Seit unvordenklicher Zeit hat jedes Lebewesen die Sie wissen nicht, daß ihnen keine Art von materiellem
verschiedenen Reaktionen auf seine gute und schlechte Körper irgendwo im Universum ein Leben ohne Leiden
Arbeit angesammelt. So ist es zu erklären, daß es sich geben kann. Die Leiden des Lebens, nämlich Geburt, Tod,
fortgesetzt in Unwissenheit über seine eigentliche, Alter und Krankheiten, treten überall in der materiellen
wesensgemäße Stellung befindet. Diese Unwissenheit kann Welt auf. Wer aber seine wirkliche, wesensgemäße Stellung
durch die Unterweisung der Bhagavad-gītā beseitigt als der ewige Diener des Herrn versteht und somit die
werden, die uns lehrt, sich Śrī KŠa in jeder Hinsicht zu Position der Persönlichkeit Gottes kennt, betätigt sich im
ergeben und so von der Geburt für Geburt drohenden transzendentalen liebenden Dienst des Herrn. Folglich wird
Preisgabe an Aktion und Reaktion frei zu werden. Arjuna er befähigt, in die VaikuŠ˜ha-Planeten einzugehen, wo es
wird daher der Rat gegeben, im KŠa-Bewußtsein zu weder ein materielles, leidvolles Leben noch den Einfluß
handeln, dem Vorgang, durch den man sich von Reaktionen von Zeit und Tod gibt. Seine wesensgemäße Stellung zu
auf vergangene Handlungen befreien kann. kennen bedeutet, auch die erhabene Position des Herrn zu
kennen. Wer fälschlich glaubt, die Stellung des Lebewesens
VERS 51 und die des Herrn befänden sich auf der gleichen Ebene, ist
von Dunkelheit umgeben und daher nicht imstande, sich im
karma-jaˆ buddhi-yuktā hi hingebungsvollen Dienst des Herrn zu betätigen. Er wird
phalaˆ tyaktvā manīiŠaƒ selbst zu einem "Herrn" und ebnet sich so den Weg zur
janma-bandha-vinirmuktāƒ Wiederholung von Geburt und Tod. Wer aber versteht, daß
padaˆ gacchanty anāmayam es seine Position ist zu dienen, stellt sich in den Dienst des
Herrn und wird sofort geeignet, nach VaikuŠ˜haloka zu
karma-jam—aufgrund fruchtbringender Tätigkeiten; gehen. Dienst im Interesse des Herrn wird karma-yoga
buddhi-yaktāƒ—im hingebungsvollen Dienst ausgeführt; bzw. buddhi-yoga oder, in einfachen Worten,
hi—gewiß; phalam—Ergebnisse; tyaktvā—indem sie hingebungsvoller Dienst für den Herrn genannt.
aufgeben; manīiŠaƒ—Gottgeweihte, die große Weise sind;
janma-bandha—die Fessel von Geburt und Tod; VERS 52
vinirmuktāƒ—befreite Seelen; padam—Stellung;
gacchanti—erreichen; anāmayam—ohne Leiden. yadā te moha-kalilaˆ
buddhir vyatitariyati
ÜBERSETZUNG tadā gantāsi nirvedaˆ
śrotavyasya śrutasya ca
Die Weisen, die im hingebungsvollen Dienst tätig sind,
suchen Zuflucht beim Herrn und befreien sich aus dem yadā—wenn; te—deine; moha—trügerisch; kalilam—
Kreislauf von Geburt und Tod, indem sie den Früchten dichter Wald; buddhiƒ— transzendentaler Dienst mit
des Handelns in der materiellen Welt entsagen. Auf Intelligenz; vyatitariyati—überwindet; tadā—zu dieser
diese Weise können sie jenen Ort erreichen, der jenseits Zeit; gantāsi—du wirst gehen; nirvedam—Gleichgültigkeit;
aller Leiden liegt. śrotavyasya—alles, was noch zu hören ist; śrutasya—alles,
was bereits gehört worden ist; ca—auch.
ERLÄUTERUNG
ÜBERSETZUNG
Die befreiten Lebewesen suchen jenen Ort auf, an dem es
keine mat. Leiden gibt. Im Bhāgavatam (10.14.58) heißt es: Wenn deine Intelligenz aus dem dichten Wald der
Täuschung herausgetreten ist, wirst du gleichgültig
samāśritā ye padapallava-plavaˆ werden gegenüber allem, was gehört worden und was
mahat-padaˆ puŠya-yaśo murāreƒ noch zu hören ist.
64

buddhiƒ—Intelligenz; tadā—zu dieser Zeit; yogam—


ERLÄUTERUNG Selbstverwirklichung; avāpsyasi—du wirst erreichen.

Es gibt viele gute Beispiele aus dem Leben großer ÜBERSETZUNG


Geweihter des Herrn, denen die Rituale der Veden einfach
durch hingebungsvollen Dienst für den Herrn gleichgültig Wenn dein Geist nicht länger von der blumigen Sprache
wurden. Wenn jemand KŠa und seine Beziehung zu der Veden verwirrt ist und fest in der Trance der
KŠa wirklich versteht, werden ihm, selbst wenn er ein Selbstverwirklichung verankert bleibt, dann wirst du
erfahrener brāhmaŠa ist, natürlicherweise die Rituale das göttliche Bewußtsein erreicht haben.
fruchtbringender Tätigkeiten völlig gleichgültig. Śrī
Mādhavendra Purī, ein großer Gottgeweihter und ācārya in ERLÄUTERUNG
der Nachfolge der Gottgeweihten, sagt:
Wenn man sagt, jemand sei in samādhi, bedeutet dies, daß
sandhyā-vandana bhadram astu bhavato bhoƒ snāna er KŠa-Bewußtsein vollständig verwirklicht hat; das
tubhyaˆ namo heißt: Wer völlig in samādhi versunken ist, hat Brahman,
bho devāƒ pitaraś ca tapaŠa-vidhau nāhaˆ kamaƒ Paramātmā und Bhagavān erkannt. Die höchste
kamyatām Vollkommenheit der Selbstverwirklichung ist die
yatra kvāpi niadya yādava-kulottamasya kaˆsa-dviaƒ Erkenntnis, daß man ewig KŠas Diener ist und daß man
smāraˆ smāram aghaˆ harāmi tad alaˆ manye kim nur die eine Aufgabe hat, seine Pflichten im KŠa-
anyena me Bewußtsein zu erfüllen. Ein KŠa-bewußter Mensch, das
heißt ein unerschütterlicher Gottgeweihter, sollte sich nicht
"O Herr, in meinen Gebeten preise ich dreimal täglich durch die blumige Sprache der Veden stören lassen, noch
Deinen höchsten Ruhm. Während ich mein Bad nehme, sollte er fruchtbringenden Tätigkeiten nachgehen, um sich
erweise ich Dir meine Ehrerbietungen. O Halbgötter! O zum himmlischen Königreich zu erheben. Im KŠa -
Vorväter! Bitte entschuldigt meine Unfähigkeit, euch meine Bewußtsein kommt man unmittelbar mit KŠa in
Achtung zu erweisen. Wo immer ich jetzt sitze, kann ich Verbindung, und so können auf dieser transzendentalen
mich an den großen Nachfahren der Yadu-Dynastie Ebene alle Weisungen KŠas verstanden werden. Es ist
[KŠa], den Feind Kaˆsas, erinnern, und so kann ich mich sicher, daß man durch solches Tun Ergebnisse erreicht und
von allen sündhaften Bindungen befreien. Ich denke, daß schlüssiges Wissen erlangt. Man braucht nur die
dies für mich ausreicht." Anweisungen KŠa oder Seines Stellvertreters, des
Die vedischen Riten und Rituale sind für Neulinge spirituellen Meisters, ausführen.
unbedingt erforderlich: dreimal täglich alle möglichen
Gebete sprechen, frühmorgens ein Bad nehmen, den VERS 54
Vorvätern Achtung erweisen usw. Wenn man aber völlig
im KŠa-Bewußtsein verankert und im transzendentalen arjuna uvāca
liebenden Dienst des Herrn tätig ist, werden einem all diese sthita-prajñasya kā bhāā
regulierenden Prinzipien gleichgültig, da man die samādhi-sthasya keśava
Vollkommenheit bereits erreicht hat. Wenn man die Ebene sthita-dhīƒ kiˆ prabhāeta
des Verstehens durch Dienst für den Höchsten Herrn, Śrī kim āsīta vrajeta kiˆ
KŠa, erreichen kann, braucht man nicht länger
verschiedene Arten von tapasya und Opfern auszuführen, arjunaƒ uvāca—Arjuna sprach; sthita-prajñasya—von
wie in den offenbarten Schriften empfohlen wird. Und jemand, der in festem KŠa-Bewußtsein verankert ist; kā—
wenn man auf der anderen Seite nicht verstanden hat, daß was; bhāā—Sprache; samādhi-sthasya—von jemand, der
der Zweck der Veden darin besteht, KŠa zu erreichen, und sich in Trance befindet; keśava—o KŠa; sthita-dhīƒ—
einfach nur Rituale usw. vollzieht, verschwendet man mit jemand, der im KŠa-Bewußtsein gefestigt ist; kim—was;
solchen Beschäftigungen nutzlos seine Zeit. Menschen im prabhāeta—sprechen; kim—wie; āsīta—bleibt; vrajeta—
KŠa-Bewußtsein überschreiten die Grenze des śabda- gehen; kim—wie.
brahma oder des Bereichs der Veden und Upaniaden.
ÜBERSETZUNG
VERS 53
Arjuna sprach: O Keśava, welche Merkmale weist
śruti-vipralipannā te jemand auf, dessen Bewußtsein in die Transzendenz
yadā sthāsyati niścalā eingegangen ist? Wie und worüber spricht er? Wie sitzt
samādhāv acalā buddhis er und wie geht er?
tadā yogam avāpsyasi
ERLÄUTERUNG
śruti—vedische Offenbarung; vipratipannā—ohne von den
fruchttragenden Ergebnissen der Veden beeinflußt zu sein; So wie jeder Mensch seiner jeweiligen Lage gemäß
te—dein; yadā—wenn; sthāsyati—bleibt; niścalā— besondere, ihn kennzeichnende Züge aufweist, so hat in
unbewegt; samādhau—in transzendentalem Bewußtsein ähnlicher Weise auch jemand, der KŠa-bewußt ist, sein
oder KŠa-Bewußtsein; acalā—unerschütterliche; besonderes Wesen - Reden, Gehen, Denken, Fühlen usw.
65

So wie ein reicher Mann bestimmte Merkmale hat, durch betätigen, denn solch hingebungsvoller Dienst wird einem
die man ihn als Reichen kennt; so wie ein Kranker gewisse augenblicklich helfen, auf die Ebene transzendentalen
Symptome hat, die ihn als krank kennzeichnen, oder wie Bewußtseins zu gelangen. Die hochentwickelte Seele bleibt
ein Gelehrter seine Besonderheiten hat, so hat ein Mann im immer in sich selbst zufrieden, da sie sich als der ewige
transzendentalen Bewußtsein von KŠa besondere Diener des Höchsten Herrn erkennt. Eine auf diese Weise
Merkmale in seinen verschiedenen Verhaltensweisen. Man in der Transzendenz verankerte Seele hat keine
kann seine besonderen Merkmale aus der Bhagavad-gītā Sinnenwünsche, die niedrigem Materialismus entspringen;
erfahren. Am wichtigsten ist, wie der Mann im KŠa- vielmehr bleibt sie immer glücklich in ihrer natürlichen
Bewußtsein spricht, denn Sprache ist die wichtigste Stellung, ewig dem Höchsten Herrn zu dienen.
Eigenschaft jedes Menschen. Man sagt, ein Esel bleibe
unentdeckt, solange er nicht rede, und gewiß kann man VERS 56
einen gutgekleideten Esel nicht erkennen, solange er nicht
spricht; doch sobald er den Mund öffnet, zeigt er sein duƒkhev anudvigna-manāƒ
wahres Gesicht. Das unmittelbare Merkmal eines KŠa- sukheu vigata-sphaƒ
bewußten Menschen ist, daß er nur über KŠa und mit vīta-rāga-bhaya-krodhaƒ
KŠa verbundene Themen spricht. Andere Kennzeichen sthita-dhīr munir ucyate
folgen dann von selbst, wie in den folgenden Versen
beschrieben wird. duƒkheu—in den dreifachen Leiden; anudvigna-manāƒ—
ohne im Geist erregt zu sein; sukheu—in Glück;
VERS 55 vigata-sprhaƒ—ohne zu sehr interessiert zu sein; vīta—frei
von; rāga—Anhaftung; bhaya—Angst; krodhaƒ—Zorn;
śrī bhagavān uvāca sthita-dhīƒ—jemand, der stetig ist; muniƒ—Weiser;
prajahāti yadā kāmān ucyate—wird genannt.
sarvān pārtha mano-gatān
ātmany evātmanā tu˜aƒ ÜBERSETZUNG
sthita-prajñas tadocyate
Wer trotz der dreifachen Leiden nicht verwirrt ist, nicht
śrī bhagavān uvāca—die Höchste Persönlichkeit Gottes von Freude überwältigt wird, wenn er Glück erfährt,
sprach; prajahāti—gibt auf; yadā—wenn; kāmān— und frei von Anhaftung, Angst und Zorn ist, wird ein
Wünsche nach Sinnenbefriedigung; sarvān—aller Arten; Weiser mit stetigem Geist genannt.
pārtha—o Sohn Pthās; manaƒ-gatān—gedanklicher
Überlegung; ātmani—im reinen Zustand der Seele; eva— ERLÄUTERUNG
gewiß; ātmanā-durch den geläuterten Geist; tu˜aƒ—
zufrieden; sthita-prajñaƒ—in der Transzendenz verankert; Das Wort muni bezeichnet einen Menschen, der seinen
tadā—zu dieser Zeit; ucyate—man sagt. Geist mit den verschiedensten gedanklichen Spekulationen
aufrührt, ohne zu einer tatsächlichen Schlußfolgerung zu
ÜBERSETZUNG kommen. Man sagt, jeder muni habe eine andere
Betrachtungsweise, und solange sich ein muni nicht von
Der Höchste Herr sprach: O Pārtha, wenn ein Mensch anderen munis unterscheide, könne man ihn
alle Arten von Sinnesbegierden aufgibt, die strenggenommen nicht als muni bezeichnen. Nāsau munir
gedanklicher Überlegung entspringen, und wenn sein yasya mataˆ na binnam. Aber ein sthita-dhī-muni, wie er
Geist im Selbst allein Befriedigung findet, dann sagt hier vom Herrn erwähnt wird, unterscheidet sich von einem
man von ihm, er sei in reinem transzendentalem gewöhnlichen muni. Der sthita-dhī-muni ist immer im
Bewußtsein verankert. KŠa-Bewußtsein verankert, denn seine Versuche kreativer
Spekulation haben sich erschöpft. Er hat die Stufe
ERLÄUTERUNG gedanklicher Spekulationen hinter sich gelassen und ist zu
dem Schluß gekommen, daß der Herr, Śrī KŠa oder
Das Bhāgavatam bestätigt, daß jeder, der völlig im KŠa- Vāsudeva, alles ist. Ihn nennt man einen muni mit
Bewußtsein oder hingebungsvollen Dienst des Herrn gefestigtem Geist. Ein solch völlig KŠa-bewußter Mensch
verankert ist, alle guten Eigenschaften der großen Weisen fühlt sich durch die Angriffe der dreifachen Leiden
besitzt, wohingegen jemand, der nicht auf solch keineswegs gestört, denn er betrachtet alle Leiden als die
transzendentale Weise verankert ist, keine guten Barmherzigkeit des Herrn. Er findet es angemessen,
Eigenschaften hat, weil er sich mit Sicherheit in seine aufgrund seiner vergangenen schlechten Taten mehr
eigenen gedanklichen Überlegungen flüchtet. Folglich wird Unannehmlichkeiten zu bekommen, und er sieht, daß seine
hier ganz richtig gesagt, daß man alle Arten von Leiden durch die Gnade des Herrn bis auf ein Mindestmaß
Sinnenwünschen, die gedanklichen Überlegungen verringert sind. In ähnlicher Weise dankt er, wenn er
entspringen, aufgeben muß. Künstlich kann man solche glücklich ist, dem Herrn für solche Güte und denkt, daß er
Sinnenwünsche nicht einstellen. Wenn man aber im KŠa- dieses Glück nicht verdient habe. Er erkennt, daß er sich
Bewußtsein beschäftigt ist, dann lassen Sinnenwünsche nur durch die Gnade des Herrn in einer solch angenehmen
ohne zusätzliche Bemühungen von selbst nach. Deshalb Lage befindet und imstande ist, dem Herrn besser zu
muß man sich ohne Zögern im KŠa-Bewußtsein dienen. Und um dem Herrn zu dienen, ist er immer
66

unerschrocken und aktiv und läßt sich nicht von Anhaftung


oder Ablehnung beeinflußen. Anhaftung bedeutet, Dinge Wer imstande ist, seine Sinne von den Sinnesobjekten
für seine eigene Sinnenbefriedigung anzunehmen, und zurückzuziehen, so wie die Schildkröte ihre Glieder in
Losgelöstsein bedeutet das Fehlen einer solch sinnlichen den Panzer einzieht, gründet in wirklichem Wissen.
Anhaftung. Wer aber im KŠa-Bewußtsein verankert ist,
kennt weder Anhaftung noch Loslösung, da er sein Leben ERLÄUTERUNG
dem Dienst des Herrn geweiht hat. Folglich ist er niemals
ärgerlich - auch dann nicht, wenn seine Versuche erfolglos Der Prüfstein für einen yogī, einen Gottgeweihten oder eine
sind. Ein KŠa-bewußter Mensch ist in seiner selbstverwirklichte Seele ist die Fähigkeit, die Sinne nach
Entschlossenheit immer beständig. Plan zu beherrschen. Die meisten Menschen jedoch sind
Diener der Sinne und werden vom Diktat der Sinne gelenkt.
VERS 57 Das ist die Antwort auf die Frage nach der Stellung des
yogī. Die Sinne werden mit giftigen Schlangen verglichen.
yaƒ sarvatrānabhisnehas Sie wollen zügellos und ohne Einschränkung tätig sein. Der
tat tat prāpya śubhāśubham yogī oder Gottgeweihte muß daher sehr stark sein, um die
nābhinandati na dve˜i Schlangen - wie ein Schlangenbeschwörer - beherrschen zu
tasya prajñā prati˜hitā können. Er gestattet ihnen niemals, unabhängig zu handeln.
Die offenbarten Schriften beinhalten viele Unterweisungen:
yaƒ—jemand, der; sarvatra—überall; anabhisnehaƒ-ohne einige sind Verbote und andere sind Gebote. Solange man
Zuneigung; tat—dieses; tat—dieses; prāpya—erreichend; nicht fähig ist, den Geboten und Verboten zu folgen und
śubha-Gutes; aśubham—Schlechtes; na—niemals; sich von Sinnengenuß zurückzuhalten, ist es nicht möglich,
abhinandati—frohlockt; na—niemals; dve˜i—beneidet; fest im KŠa-Bewußtsein verankert zu sein. Das beste
tasya—sein; prajñā— vollkommenes Wissen; prati˜hita— Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Schildkröte. Die
gefestigt. Schildkröte kann augenblicklich ihre Sinne zurückziehen
und diese zu jeder Zeit für bestimmte Zwecke wieder nach
ÜBERSETZUNG außen richten. In ähnlicher Weise werden die Sinne KŠa-
bewußter Menschen nur für einen bestimmten Zweck im
Wer frei von Anhaftung ist und nicht frohlockt, wenn Dienste des Herrn benutzt und sind sonst zurückgezogen.
ihm Gutes widerfährt, noch jammert, wenn ihm Übles Wie man die Sinne immer im Dienst des Herrn
geschieht, ist fest in vollkommenem Wissen verankert. beschäftigen kann, wird an dem Vergleich der Schildkröte
deutlich, die ihre Gliedmaßen im Panzer zurückhalten kann.
ERLÄUTERUNG
VERS 59
In der materiellen Welt finden ständig Veränderungen statt,
die gut oder schlecht sein mögen. Wer durch solche viayā vinivartante
materiellen Veränderungen nicht beunruhigt wird, das nirāhārasya dehinaƒ
heißt, wer sich von Gut und Schlecht nicht beeinflussen rasa-varjaˆ raso ‘py asya
läßt, gilt als im KŠa-Bewußtsein gefestigt. Solange man paraˆ d˜vā nivartate
sich in der materiellen Welt befindet, wird es immer Gutes
und Schlechtes geben, denn diese Welt ist voller Dualität. viayāƒ-Objekte für Sinnengenuß; vinivartante—werden
Wer jedoch im KŠa-Bewußtsein gefestigt ist, wird von durch Übung vermieden; nirāhārasya—durch negative
Gut und Schlecht nicht beeinflußt, da es ihm nur um KŠa Einschränkungen; dehinaƒ—für die verkörperte Seele;
geht, der absolut und allgut ist. Ein solches in KŠa rasa-varjam—den Geschmack aufgebend; rasaƒ—der Sinn
ruhendes Bewußtsein versetzt einen in eine vollkommene, für Genuß; api—obwohl es gibt; asya—ihr; param—
transzendentale Stellung, die man technisch als samādhi weitaus höhere Dinge; d˜vā—indem sie erfährt;
bezeichnet. nivartate—läßt ab von.

VERS 58 ÜBERSETZUNG

yadā saˆharate cāyaˆ Die verkörperte Seele mag zwar von Sinnenfreuden
kūrmo'‰gānīva sarvaśaƒ zurückgehalten werden, doch der Geschmack für
indriyāŠīndriyārthebhyas Sinnesobjekte bleibt; wenn sie jedoch solche Neigungen
tasya prajñā prati˜hitā aufgibt, da sie einen höheren Geschmack erfährt, ist sie
im Bewußtsein gefestigt.
yadā—wenn; saˆharate—zurückzieht; ca—auch; ayam—
alle diese; kūrmaƒ—Schildkröte; a‰gāni—Gliedmaßen; ERLÄUTERUNG
iva—wie; sarvaśaƒ—zusammen; indriyāni—Sinne;
indriya-arthebhyaƒ—von den Sinnesobjekten; tasya—sein; Solange man nicht in der Transzendenz verankert ist, ist es
prajñā—Bewußtsein; prati˜hitā—gefestigt. nicht möglich, von Sinnengenuß abzulassen. Den Genuß
der Sinne durch Regeln und Regulierungen
ÜBERSETZUNG einzuschränken, ist so etwas, wie einem Kranken den
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Genuß bestimmter Speisen einzuschränken. Der Patient KŠa-Bewußtsein ist solch eine transzendental-wunderbare
jedoch liebt solche Einschränkungen nicht, noch verliert er Sache, daß materieller Genuß von selbst widerwärtig wird.
seinen Geschmack für diese Speisen. In ähnlicher Weise Es ist so, als hätte ein Hungriger seinen Hunger mit einer
wird die Einschränkung der Sinne durch einen spirituellen ausreichenden Menge nahrhafter Speisen gestillt. Mahārāja
Vorgang wie a˜ā‰ga-yoga, im Sinne von yama, niyama, Ambarīa besiegte ebenfalls einen großen yogī, Durvāsā
āsana, prāŠāyāma, pratyāhāra, dharaŠā, dhyāna usw., Muni, einfach dadurch, daß sein Geist im KŠa-
weniger intelligenten Menschen empfohlen, die über kein Bewußtsein tätig war.
besseres Wissen verfügen. Wer aber im Verlauf seines
Fortschritts im KŠa-Bewußtsein die Schönheit des VERS 61
Höchsten Herrn Śrī KŠa gekostet hat, findet nicht länger
Geschmack an toten materiellen Dingen. Einschränkungen tāni sarvāŠi saˆyamya
sind daher für die weniger intelligenten Neulinge im yukta āsīta mat-paraƒ
spirituellen Leben gedacht, doch sind solche vaśe hi yasyendriyāŠi
Einschränkungen nur gut, wer man tatsächlich den tasya prajñā prati˜hitā
Geschmack am KŠa-Bewußtsein hat. Wenn man
tatsächlich KŠa-bewußt ist, verliert man von selbst den tāni—diese Sinne; sarvāŠi—alle; saˆyamya—unter
Geschmack an faden Dingen. Kontrolle haltend; yuktaƒ—beschäftigt sein; āsīta—so
VERS 60 verankert sein; mat-paraƒ—in Beziehung zu Mir; vaśe—in
völliger Unterwerfung; hi—sicherlich; yasya—jemand,
yatato hy api kaunteya dessen; indriyāŠi—Sinne; tasya—sein; prajñā—
puruasya vipaścitaƒ Bewußtsein; prati˜hitā—gefestigt.
indriyāŠi pramāthīni
haranti prasabhaˆ manaƒ ÜBERSETZUNG

yatataƒ—während er sich bemüht; hi—gewiß; api— Wer seine Sinne zurückhält und sein Bewußtsein fest
trotzdem; kaunteya—o Sohn Kuntīs; puruasya—des auf Mich richtet, ist bekannt als ein Mensch von stetiger
Menschen; vipaścitaƒ—voll unterscheidenden Wissens; Intelligenz.
indriyāŠi—die Sinne; pramāthīni—erregt; haranti—
schleudern gewaltsam; prasabhaˆ—durch Zwang; ERLÄUTERUNG
manaƒ—den Geist.
In diesem Vers wird eindeutig erklärt, daß KŠa-
ÜBERSETZUNG Bewußtsein die höchste Stufe in der Vollendung des yoga
ist. Ohne KŠa-bewußt zu sein, ist es keinesfalls möglich,
Die Sinne sind so stark und ungestüm, o Arjuna, daß sie die Sinne zu meistern. Wie oben erwähnt wurde, fing der
sogar den Geist eines Mannes gewaltsam fortreißen, der große Weise Durvāsā Muni mit Mahārāja Ambarīa einen
Unterscheidungsvermögen besitzt und bemüht ist, sie zu Streit an, und weil Durvāsā Muni aus Stolz unnötigerweise
beherrschen. zornig wurde, konnte er seine Sinne nicht beherrschen. Der
König dagegen, der kein so mächtiger yogī wie der Weise,
ERLÄUTERUNG sondern ein Geweihter des Herrn war, ertrug geduldig alle
Ungerechtigkeiten des Weisen und ging dadurch siegreich
Es gibt viele gelehrte Weise, Philosophen und aus dem Streit hervor. Der König vermochte seine Sinne zu
Transzendentalisten, die die Sinne zu meistern versuchen; beherrschen, weil er die folgenden Qualifikationen besaß,
doch trotz ihrer Bemühungen fallen selbst die größten von die im Śrīmad-Bhāgavatam (9.4.18-20) erwähnt werden:
ihnen manchmal dem materiellen Sinnengenuß zum Opfer,
da ihr Geist erregt wurde. Selbst Viśvāmitra, ein großer sa vai manaƒ kŠa-padāravindayor
Weiser und vollkommener yogī, wurde von Menakā zu vacāˆsi vaikuŠ˜ha-guŠānuvarŠane
sexuellem Genuß verleitet, obwohl er sich bemühte, mittels karau harer mandira-mārjanādiu
schwerer tapasya und durch yoga-Übungen seine Sinne zu śrutiˆ cakārācyuta-sat-kathodaye
beherrschen. Selbstverständlich gibt es noch viele andere,
ähnliche Beispiele in der Weltgeschichte. Es ist also sehr mukunda-liŠgālaya-darśane dśau
schwierig, den Geist und die Sinne zu beherrschen, wenn tad-bhtya-gātra-sparśe '‰ga-sa‰gamam
man nicht völlig KŠa-bewußt ist. Ohne den Geist mit ghrāŠaˆ ca tat-pāda-saroja-saurabhe
KŠa zu beschäftigen, kann man von solch materiellen śrīmat-tulasyā rasanāˆ tad-arpite
Betätigungen nicht ablassen. Ein praktisches Beispiel wird
von Śrī Yāmunācārya, einem großen Heiligen und pādau hareƒ ketra-padānusarpaŠe
Gottgeweihten, gegeben, der sagt: "Seitdem mein Geist im śiro hīkea-padābhivandane
Dienst der Lotosfüße KŠas beschäftigt ist und ich eine kāmaˆ ca dāsye na tu kāma-kāmyayā
immer neue transzendentale Gemütsstimmung genieße, yathottamaśloka-janāśrayā ratiƒ
wende ich mich augenblicklich ab, sobald ich an sexuelle
Beziehungen zu einer Frau denke, und ich speie auf den "König Ambarīa richtete seinen Geist fest auf die
Gedanken." Lotosfüße Śrī KŠas; mit seinen Worten beschrieb er das
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Reich des Herrn; mit seinen Händen reinigte er den Tempel transzendentalen liebenden Dienst des Herrn beschäftigt
des Herrn; mit seinen Ohren hörte er über die Spiele des sind, werden sie sich mit Sicherheit eine Beschäftigung im
Herrn; mit seinen Augen sah er die Gestalt des Herrn; mit Dienst des Materialismus suchen. In der materiellen Welt
seinem Körper berührte er die Körper der Gottgeweihten; ist jeder, selbst Śiva und Brahmā - von anderen Halbgöttern
mit seiner Nase atmete er den Duft der Blumen ein, die den auf den himmlischen Planeten ganz zu schweigen - dem
Lotosfüßen des Herrn geopfert waren; mit seiner Zunge Einfluß der Sinnesobjekte unterworfen, und die einzige
schmeckte er die tulasī-Blätter, die dem Herrn geopfert Möglichkeit, dieser Verwirrung des materiellen Daseins zu
waren; mit seinen Beinen pilgerte er zu den heiligen entkommen, besteht darin, KŠa-bewußt zu werden. Śiva
Stätten, an denen Tempel des Herrn errichtet waren; mit befand sich in tiefer Meditation, doch als Pārvatī ihn reizte,
seinem Haupt brachte er dem Herrn Ehrerbietungen dar, mit ihr Sinnenfreude zu genießen, war er mit dem
und mit seinen Wünschen erfüllte er die Wünsche des Vorschlag einverstanden, und als Ergebnis wurde
Herrn. All diese Qualifikationen machten ihn geeignet, ein Kārttikeya geboren. Als Haridāsa µhākura noch ein junger
mat-paraƒ-Geweihter des Herrn zu werden." Geweihter des Herrn war, wurde er von der Inkarnation
Das Wort mat-paraƒ ist in diesem Zusammenhang von Māyā Devīs in ähnlicher Weise in Versuchung geführt,
größter Bedeutung. Wie man ein mat-paraƒ werden kann, aber Haridāsa bestand die Prüfung mit Leichtigkeit dank
wird am Leben Mahārāja Ambarīas deutlich. Śrī Baladeva seiner unverfälschten Hingabe an Śrī KŠa. Wie in dem
VidyābhūaŠa, ein großer Gelehrter und ācārya in der oben erwähnten Vers von Śrī Yāmunācārya deutlich wird,
Linie der mat-paraƒ, bemerkt hierzu: verabscheut ein aufrichtiger Geweihter des Herrn jeden
materiellen Sinnengenuß, da er durch den spirituellen
mad-bhakti-prabhāvena sarvendriya-vijaya- Genuß der Gemeinschaft des Herrn einen höheren
pūrvikā svātma d˜iƒ sulabheti bhāvaƒ Geschmack erfährt. Das ist das Geheimnis des Erfolges.
Wer daher nicht KŠa-bewußt ist, wird letztlich mit
"Die Sinne können nur durch die Kraft des Sicherheit scheitern - gleichgültig wie er seine Sinne durch
hingebungsvollen Dienstes für KŠa vollständig gemeistert künstliche Verdrängung beherrschen mag -, denn schon der
werden." geringste Gedanke an Sinnenfreude wird ihn dazu treiben,
Manchmal wird auch das Beispiel des Feuers angeführt: seine Begierden zu befriedigen.
"So wie kleine Flammen alles in einem Zimmer
verbrennen, so verbrennt Śrī ViŠu, der im Herzen des yogī VERS 63
weilt, alle Arten von Unreinheiten." Auch das Yoga-sūtra
schreibt die Meditation über ViŠu, und nicht über die krodhād bhavati saˆmohaƒ
Leere, vor. Die sogenannten yogīs, die über etwas anderes saˆmohāt smti-vibhramaƒ
als die Form ViŠus meditieren, verschwenden nur ihre Zeit smti-bhraˆśād buddhi-nāśo
mit der vergeblichen Suche nach einem Trugbild. Wir buddhi-nāśāt praŠaśyati
müssen KŠa-bewußt sein - der Persönlichkeit Gottes
geweiht. Das ist das Ziel des wirklichen yoga. krodhāt—aus Zorn; bhavati-entsteht; saˆmohaƒ—völlige
Illusion; saˆmohāt—aus Illusion; smti—der Erinnerung;
VERS 62 vibhramaƒ—Verwirrung; smti-brahˆśāt—nach
Verwirrung der Erinnerung; buddhi-nāśat—Verlust der
dhyāyato viayān puˆsaƒ Intelligenz; buddhināśat—und durch Verlust der
sa‰gas teūpajāyate Intelligenz; praŠaśyati—kommt zu Fall.
sa‰gāt sañjāyate kāmaƒ
kāmāt krodho'bhijāyate ÜBERSETZUNG

dhyāyataƒ—während er betrachtet; viayān— Aus Zorn entsteht Täuschung, und der Täuschung folgt
Sinnesobjekte; puˆsaƒ—der Mensch; sa‰gaƒ—Anhaftung; die Verwirrung der Erinnerung. Wenn die Erinnerung
teu—an die Sinnesobjekte; upajāyate—entwickelt; verwirrt ist, geht die Intelligenz verloren, und wenn die
sa‰gāt—aus Anhaftung; sañjāyate—entwickelt sich; Intelligenz verloren ist, fällt man wieder in den
kāmaƒ—Begierde; kāmāt—aus Begierde; krodhaƒ—Zorn; materiellen Sumpf zurück.
abhijāyate—entsteht.
ERLÄUTERUNG
ÜBERSETZUNG
Durch die Entwicklung von KŠa-Bewußtsein kann man
Beim Betrachten der Sinnesobjekte entwickelt der erkennen, daß alles seine Verwendung im Dienst des Herrn
Mensch Anhaftung an sie; aus solcher Anhaftung hat. Diejenigen, die kein Wissen vom KŠa-Bewußtsein
entwickelt sich Lust, und aus Lust geht Zorn hervor. haben, versuchen auf künstliche Weise, materielle Objekte
zu vermeiden, und erreichen folglich, obwohl sie nach
ERLÄUTERUNG Befreiung aus der materiellen Knechtschaft streben, nicht
die vollkommene Stufe der Entsagung. Im Gegensatz dazu
Wer nicht KŠa-bewußt ist, wird materielle Wünsche weiß ein KŠa-bewußter Mensch, wie man alles im
entwickeln, während er die Sinnesobjekte betrachtet. Die Dienste KŠas verwenden kann; deshalb fällt er dem
Sinne brauchen richtige Betätigung, und wenn sie nicht im materiellen Bewußtsein nicht zum Opfer. Für einen
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Unpersönlichkeitsphilosophen zum Beispiel kann der Herr Bewußtsein ist die grundlose Barmherzigkeit des Herrn, die
oder das Absolute, da unpersönlich, nicht essen. Während der Gottgeweihte trotz seiner Anhaftung an die sinnliche
ein Unpersönlichkeitsanhänger bemüht ist, Ebene erlangen kann.
wohlschmeckende Speisen zu vermeiden, weiß der
Gottgeweihte, daß KŠa der höchste Genießer ist und daß VERS 65
Er alles ißt, was Ihm mit Hingabe geopfert wird. Nachdem
also der Gottgeweihte dem Herrn schmackhafte Speisen prasāde sarva-duƒkhānāˆ
geopfert hat, ißt er die Überreste, die man prasāda nennt. hānir asyopajāyate
Auf diese Weise wird alles spiritualisiert, und es besteht prasanna-cetaso hy āśu
nicht die Gefahr, zu Fall zu kommen. Der Gottgeweihte ißt buddhiƒ paryavati˜hate
prasāda im KŠa-Bewußtsein, was der Nichtgottgeweihte
als etwas Materielles ablehnt. Der prasāde-wenn man die grundlose Barmherzigkeit des Herrn
Unpersönlichkeitsanhänger kann daher wegen seiner erlangt; sarva—alle; duƒkhānām—materiellen Leiden;
künstlichen Entsagung das Leben nicht genießen, und aus hāniƒ—Zerstörung; asya—seine; upajāyate—findet statt;
diesem Grund zieht ihn schon die geringste Erregung des prasanna-cetasaƒ—des Glücklichen; hi—gewiß; āśu—sehr
Geistes wieder in den Sumpf des materiellen Daseins hinab. bald; buddhiƒ—Intelligenz; pari—ausreichend;
Es heißt, daß eine solche Seele, obwohl sie sogar bis zur avati˜hate—gefestigt.
Stufe der Befreiung aufsteigen mag, wieder zu Fall kommt,
da sie nicht durch hingebungsvollen Dienst gestützt wird. ÜBERSETZUNG

VERS 64 Für jemand, der so im göttlichen Bewußtsein gründet,


existieren die dreifachen Leiden des materiellen Daseins
rāga-dvea-vimuktais tu nicht länger, und in einem solch glücklichen Zustand
viayān indriyaiś caran wird seine Intelligenz sehr bald stetig.
ātma-vaśyair vidheyātmā
prasādam adhigacchati VERS 66

rāga—Anhaftung; dvea—Loslösung; vimuktaiƒ—von nāsti buddhir ayuktasya


jemand, der von solchen Dingen frei gewesen ist; tu—aber; na cāyaktasya bhāvanā
viayān—Sinnesobjekte; indriyaiƒ-durch die Sinne; na cābhāvayataƒ śāntir
caran—handelnd; ātma-vaśyaiƒ—jemand, der Kontrolle aśāntasya kutaƒ sukham
hat über; vidheyātmā—jemand, der geregelter Freiheit folgt;
prasādam—die Barmherzigkeit des Herrn; adhigacchati- na asti—dort kann es nicht geben; buddhiƒ—
erlangt. transzendentale Intelligenz; ayuktasya—von jemand, der
nicht verbunden ist (mit KŠa-Bewußtsein); na—noch;
ÜBERSETZUNG ca—und; ayaktasya—von jemand, der nicht KŠa-bewußt
ist; bhāvanā—in Glück verankerter Geist; na—noch; ca—
Wer seine Sinne meistern kann, indem er den und; abhāvayataƒ—jemand, der nicht gefestigt ist; śāntiƒ—
regulierenden Prinzipien der Freiheit folgt, kann die Frieden; aśāntasya—von jemand, der keinen Frieden hat;
volle Barmherzigkeit des Herrn erlangen und so von kutaƒ—wo ist; sukham—Glück.
aller Anhaftung und Abneigung frei werden.
ÜBERSETZUNG
ERLÄUTERUNG
Wer nicht im transzendentalen Bewußtsein gründet,
Es wurde bereits erklärt, daß man die Sinne durch einen kann weder einen beherrschten Geist noch stetige
künstlichen Vorgang zwar oberflächlich beherrschen mag, Intelligenz besitzen, ohne die keine Möglichkeit zum
daß aber, solange die Sinne nicht im transzendentalen Frieden besteht. Und wie kann es Glück ohne Frieden
Dienst des Herrn beschäftigt sind, immer die Möglichkeit geben?
besteht, wieder zu Fall zu kommen. Auch wenn es so
erscheinen mag, als befinde sich ein völlig KŠa-bewußter ERLÄUTERUNG
Mensch auf der sinnlichen Ebene, ist er dennoch, dank
seines KŠa-Bewußtseins, sinnlichen Tätigkeiten nicht Solange man nicht KŠa-bewußt ist, besteht keine
verhaftet. Dem KŠa-bewußten Menschen geht es nur Möglichkeit zum Frieden. Im neunundzwanzigsten Vers
darum, KŠa zufriedenzustellen, um nichts anderes. des Fünften Kapitels wird bestätigt, daß man nur dann
Deshalb steht er zu aller Anhaftung in transzendentaler wirklichen Frieden finden kann, wenn man versteht, daß
Stellung. Wenn KŠa es wünscht, kann der Gottgeweihte KŠa der einzige Genießer aller guten Ergebnisse von
alles tun, was gewöhnlich unangenehm wäre, und wenn Opfern und tapasya, der Eigentümer aller universalen
KŠa es nicht wünscht, wird er nicht das tun, was er Manifestationen und der wirkliche Freund aller Lebewesen
gewöhnlich zu seiner eigenen Befriedigung getan hätte. ist. Daher kann es, wenn man nicht KŠa-bewußt ist, kein
Deshalb wacht er darüber, was er tut und was er nicht tut, endgültiges Ziel für den Geist geben. Störung ist auf das
denn er handelt nur unter der Führung KŠas. Dieses Fehlen eines endgültigen Ziels zurückzuführen, und wenn
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man die Gewißheit hat, daß KŠa der Genießer,


Eigentümer und Freund jedes Wesens und aller Dinge ist, So wie Feinde nur durch überlegene Stärke bezwungen
kann man mit stetigem Geist Frieden finden. Wer daher werden können, so können die Sinne durch keine
ohne eine Beziehung zu KŠa tätig ist, muß sicherlich menschliche Bemühung bezwungen werden, sondern nur,
immerzu leiden und kennt keinen Frieden, mag er auch indem man sie ständig im Dienst des Herrn beschäftigt.
noch so bemüht sein, Frieden und spirituellen Fortschritt im Wer dies verstanden hat, daß man nämlich nur durch
Leben zur Schau zu stellen. Im KŠa-Bewußtsein KŠa-Bewußtsein auf der Ebene der Intelligenz wirklich
manifestiert sich von selbst ein friedvoller Zustand, der nur gefestigt ist und daß man diese Kunst unter der Führung
in Beziehung zu KŠa erreicht werden kann. eines echten spirituellen Meisters erlernen sollte, wird als
sādhaka bezeichnet oder jemand, der geeignet ist, befreit zu
VERS 67 werden.

indriyāŠāˆ hi caratāˆ VERS 69


yan mano'nuvidhīyate
tad asya harati prajñāˆ yā niśā sarva-bhūtānāˆ
vāyur nāvam ivāmbhasi tasyāˆ jāgarti saˆyamī
yasyāˆ jāgrati bhūtāni
indriyāŠām—der Sinne; hi—gewiß; caratām—während sā niśā paśyato muneƒ
man darüber wacht; yat— dieser; manaƒ—Geist;
anuvidhīyate—wird ständig beschäftigt; tat—das; asya— yā—was; niśā—Nacht ist; sarva—alle; bhūtānām—der
seine; harati—trägt fort; prajñām—Intelligenz; vāyuƒ— Lebewesen; tasyām—in diesem; jāgarti—wach; saˆyamī—
Wind; nāvam—ein Boot; iva—wie; ambhasi—auf dem der Selbstbeherrschte; yasyām—worin; jāgrati— wach;
Wasser. bhūtāni—alle Wesen; sā—das ist; niśā—Nacht; paśyataƒ—
für den nach innen gewandten; muneƒ—Weisen.
ÜBERSETZUNG
ÜBERSETZUNG
Gleich einem Boot auf dem Wasser, das von einem
Sturm hinweggerissen wird, kann die Intelligenz des Was Nacht ist für alle Wesen, ist die Zeit des Erwachens
Menschen schon von einem der Sinne davongetragen für den Selbstbeherrschten, und die Zeit des Erwachens
werden, auf den der Geist sich richtet. für alle Wesen ist Nacht für den nach innen gekehrten
Weisen.
ERLÄUTERUNG
ERLÄUTERUNG
Solange nicht alle Sinne im Dienst des Herrn beschäftigt
sind, kann schon ein einziger von ihnen, der nach seiner Es gibt zwei Arten von intelligenten Menschen. Der eine ist
eigenen Befriedigung trachtet, den Gottgeweihten vom intelligent, soweit es materielle Tätigkeiten für
Pfad des transzendentalen Fortschritts abbringen. Wie am Sinnenbefriedigung betrifft, und der andere ist nach innen
Leben Mahārāja Ambarīas deutlich wurde, müssen alle gewandt und sich der Notwendigkeit bewußt,
Sinne im KŠa-Bewußtsein beschäftigt sein, das ist die Selbsterkenntnis zu kultivieren. Tätigkeiten des nach innen
richtige Methode, den Geist zu beherrschen. gekehrten Weisen oder nachdenklichen Mannes sind
"Nacht" für Menschen, die nur an materielle Dinge denken.
VERS 68 Materialistische Menschen schlafen in einer solchen
"Nacht", da sie von Selbstverwirklichung nichts wissen.
tasmād yasya mahā-bāho Der nach innen gewandte Weise bleibt in der "Nacht" der
nighītāni sarvaśaƒ materialistischen Menschen wach. Der Weise empfindet
indriyāŠīndriyārthebhyas transzendentale Freude bei seinem allmählichen Fortschritt
tasya prajñā prati˜hitā spiritueller Kultur, wohingegen jemand, der
materialistischen Tätigkeiten nachgeht, von Sinnenfreuden
tasmāt—deshalb; yasya—von sich; mahā-bāho—o aller Art träumt, da er seine Selbstverwirklichung verschläft
Starkarmiger; nighītani—so bezwungen; sarvaśaƒ—alle; und sich in seinem Schlafzustand manchmal glücklich und
indriyāŠi—die Sinne; indriya-arthebhyaƒ—um der Sinnes- manchmal unglücklich fühlt. Der nach innen gekehrte
objekte willen; tasya—seine; prajñā—Intelligenz; Mensch steht materialistischem Glück und Leid immer
prati˜hitā—gefestigt. gleichgültig gegenüber. Ungestört von materieller
Reaktion, geht er seinen Tätigkeiten nach, die ihn zur
ÜBERSETZUNG Selbstverwirklichung führen.

Daher, o Starkarmiger, verfügt jemand, dessen Sinne VERS 70


von ihren Objekte zurückgezogen sind, über stetige
Intelligenz. āpūryamāŠam acala-prati˜haˆ
samudram āpaƒ praviśanti yadvat
ERLÄUTERUNG tadvat kāmā yaˆ praviśanti sarve
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sa śāntim āpnoti na kāma-kāmī sa śāntim adhigacchati

āpūryamāŠam—immer gefüllt; acala-prati˜ham— vihāya—nachdem er aufgegeben hat; kāmān—alle


beständig an einem Ort; samudram—der Ozean; āpaƒ— materiellen Wünsche nach Sinnenbefriedigung; yaƒ—der
Wasser; praviśanti—münden; yadvat—wie; tadvat—so; Mensch; sarvān—alle; pumān—ein Mensch; carati— lebt;
kāmāƒ—Wünsche; yam—in jemand; praviśanti—münden; nihphaƒ—wunschlos; nirmamaƒ—ohne einen Anspruch
sarve—alle; saƒ—dieser Mensch; śāntim—Frieden; auf Eigentum; niraha‰kāraƒ—ohne falsches Ego; saƒ—
āpnoti—erreicht; na—nicht; kāma-kāmī—jemand, der alle; śāntim—vollkommenen Frieden; adhigacchati—
Wünsche erfüllen mochte. erreicht.

ÜBERSETZUNG ÜBERSETZUNG

Nur wer durch die unaufhörliche Flut von Wünschen Jemand, der alle Wünsche nach Sinnenbefriedigung
nicht gestört ist - die wie Flüsse in den Ozean münden, aufgegeben hat, der frei von Wünschen ist, allen
der ständig gefüllt wird, doch immer ruhig bleibt -, Anspruch auf Besitz aufgegeben hat und frei von
kann Frieden erlangen, und nicht derjenige, der danach falschem Ego ist - er allein kann wirklichen Frieden
trachtet, solche Wünsche zu befriedigen. erlangen.

ERLÄUTERUNG ERLÄUTERUNG

Obwohl der weite Ozean immer mit Wasser gefüllt ist, wird Wunschlos zu werden bedeutet, nicht das geringste für die
er, vor allem während der Regenzeit, mit noch viel mehr Befriedigung der eigenen Sinne zu begehren. Mit anderen
Wasser gefüllt. Aber der Ozean bleibt der gleiche - Worten: Der Wunsch, KŠa-bewußt zu werden, ist wahre
unbewegt; er wird nicht beunruhigt, noch tritt er jemals Wunschlosigkeit. Seine eigentliche Stellung als der ewige
über seine Ufer. Dieses Beispiel trifft auch auf einen Diener KŠas zu verstehen, ohne sich irrtümlich für den
Menschen zu, der im KŠa-Bewußtsein gefestigt ist. materiellen Körper zu halten und ohne fälschlich auf irgend
Solange man den materiellen Körper hat, werden die etwas in der Welt einen Besitzanspruch zu erheben, ist die
Forderungen des Körpers nach Sinnenbefriedigung vollkommene Stufe des KŠa-Bewußtseins. Wer auf dieser
bestehenbleiben, doch der Gottgeweihte ist durch solche vollkommenen Stufe verankert ist, weiß, daß KŠa der
Wünsche nicht gestört, da er in sich selbst zufrieden ist. Ein Besitzer aller Dinge ist und daß daher alles verwendet
KŠa-bewußter Mensch kennt keinen Mangel, denn der werden muß, um KŠa zufriedenzustellen. Arjuna weigerte
Herr sorgt für all seine materiellen Bedürfnisse. Daher ist er sich zu kämpfen, weil er an seine eigene Befriedigung
wie der Ozean - immer in sich selbst erfüllt. Wünsche dachte, aber als er völlig KŠa-bewußt wurde, kämpfte er,
mögen zu ihm kommen wie das Wasser der Flüsse, die in weil KŠa es von ihm verlangte. Für sich selbst hatte er
den Ozean strömen, doch er bleibt stetig in seinen kein Verlangen zu kämpfen, aber für KŠa kämpfte der
Tätigkeiten und ist durch Wünsche nach gleiche Arjuna nach besten Kräften. Der Wunsch, KŠa
Sinnenbefriedigung nicht im geringsten gestört. Das ist der zufriedenzustellen, ist tatsächlich Wunschlosigkeit; es ist
Beweis dafür, daß jemand KŠa-bewußt ist: daß er alle kein künstlicher Versuch, Wünsche zu verdrängen. Das
Neigungen zu materieller Sinnenbefriedigung verloren hat, Lebewesen kann nicht wunschlos oder sinnenlos sein; aber
obwohl die Wünsche vorhanden sind. Da er im es muß die Qualität seiner Wünsche ändern. Jemand, der
transzendentalen liebenden Dienst des Herrn zufrieden ist, keine materiellen Wünsche mehr hat, weiß zweifellos, daß
kann er stetig bleiben wie der Ozean und daher alles KŠa gehört (īśāvāsyam idaˆ sarvam), und erhebt
vollständigen Frieden genießen. Andere dagegen, die ihre daher nicht fälschlich einen Besitzanspruch auf irgend
Wünsche bis zur Grenze der Befreiung erfüllen, erlangen, etwas. Dieses transzendentale Wissen gründet auf
ganz zu schweigen von materiellem Erfolg, niemals Selbsterkenntnis, nämlich dem unzweifelhaften
Frieden. Die fruchtbringenden Arbeiter, die nach Erlösung Verständnis, daß jedes Lebewesen seiner spirituellen
Suchenden und auch die yogīs, die nach mystischen Kräften Identität nach ein ewiges Teilchen KŠas ist und daß daher
trachten, sind alle unglücklich, weil ihre Wünsche nicht die ewige Stellung des Lebewesens niemals auf der Ebene
erfüllt werden. Der Mensch im KŠa-Bewußtsein hingegen KŠas oder höher als Er ist. Dieses Verständnis vom
ist im Dienst des Herrn glücklich, und er hat keine KŠa-Bewußtsein bildet die Grundlage wahren Friedens.
Wünsche, die zu erfüllen wären. Ja, er wünscht sich nicht
einmal Befreiung aus der sogenannten materiellen VERS 72
Knechtschaft. Die Geweihten KŠas haben keine
materiellen Wünsche, und daher leben sie in eā brāhmī sthitiƒ pārtha
vollkommenem Frieden. naināˆ prāpya vimuhyati
sthitvāsyām anta-kāle’pi
VERS 71 brahma-nirvāŠam cchati

vihāya kāmān yaƒ sarvān eā—diese; brāhmī—spirituelle; sthitiƒ—Situation;


pumāˆś carati niƒsphaƒ pārtha—o Sohn Pthās; na— niemals; enām—dies;
nirmamo niraha‰kāraƒ prāpya—nachdem er erreicht hat; vimuhyati—verwirrt;
72

sthitvā—so verankert; asyām—so seiend; anta-kāle—am


Ende des Lebens; api—auch; brahma-nirvāŠam—das
spirituelle Königreich Gottes; cchati—erreicht.

ÜBERSETZUNG

Das ist der Weg des spirituellen und gottgefälligen


Lebens. Nachdem man es erreicht hat, ist man nicht
mehr verwirrt. Ist man selbst zur Stunde des Todes in
diesem Bewußtsein verankert, kann man in das
Königreich Gottes eintreten.

ERLÄUTERUNG

Man kann KŠa-Bewußtsein oder göttliches Leben


augenblicklich erlangen - innerhalb einer Sekunde - oder
nicht einmal nach Millionen von Geburten. Es hängt nur
davon ab, ob man es versteht und annimmt. Kha˜vā‰ga
Mahārāja erreichte diese Stufe des Lebens erst Minuten vor
seinem Tod, indem er sich KŠa ergab. NirvāŠa bedeutet,
das materialistische Leben zu beenden. Der buddhistischen
Philosophie gemäß gibt es nach Beendigung des
materiellen Lebens nur Leere; aber die Bhagavad-gītā lehrt
etwas anderes. Nach Beendigung des materiellen Lebens
beginnt erst das wirkliche Leben. Für den groben
Materialisten genügt es zu wissen, daß man die
materialistische Lebensweise beenden muß; doch für
Menschen, die spirituell fortgeschritten sind, gibt es nach
diesem materialistischen Leben noch ein anderes Leben.
Wenn man vor Beendigung dieses Lebens das Glück hat,
KŠa-bewußt zu werden, erreicht man sogleich die Stufe
des brahma-nirvāŠa. Es besteht kein Unterschied zwischen
dem Königreich Gottes und dem hingebungsvollen Dienst
des Herrn. Da sich beide auf der absoluten Ebene befinden,
hat man das spirituelle Königreich bereits erreicht, wenn
man im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn tätig
ist. In der materiellen Welt gibt es Tätigkeiten der
Sinnenbefriedigung, wohingegen es in der spirituellen Welt
Tätigkeiten des KŠa-Bewußtseins gibt. KŠa-Bewußtsein
zu erreichen bedeutet, sogar noch während dieses Lebens,
unmittelbar das Brahman zu erreichen. Ein im KŠa-
Bewußtsein verankerter Mensch ist mit Sicherheit bereits in
das Königreich Gottes eingetreten.
Brahman ist genau das Gegenteil von Materie. Daher
bedeutet brāhmī sthitiƒ: "nicht auf der Ebene materieller
Tätigkeiten". Der hingebungsvolle Dienst des Herrn wird in
der Bhagavad-gītā als die befreite Stufe anerkannt. Folglich
bedeutet brāhmī sthitiƒ Befreiung aus der materiellen
Knechtschaft.
Śrīla Bhaktivinoda µhākura hat erklärt, daß dieses Zweite
Kapitel der Bhagavad-gītā die Zusammenfassung des
gesamten Textes ist. In der Bhagavad-gītā werden karma-
yoga, jñāna-yoga und bhakti-yoga behandelt. Im Zweiten
Kapitel sind karma-yoga und jñāna-yoga ausführlich
besprochen worden, und als Zusammenfassung des
gesamten Textes wurde auch bhakti-yoga kurz erwähnt.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum


Zweiten Kapitel der Śrīmad-Bhagavad-gītā mit dem Titel:
"Inhalt der Gītā zusammengefaßt".
73

DRITTES KAPITEL yena śreyo 'ham āpnuyām

vyāmiśreŠa—durch zweideutige; iva—wie; vākyena—


Karma-yoga Worte; buddhim—Intelligenz; mohayasi—verwirrend;
iva—wie; me-meine; tat—deshalb; ekam—nur eines;
VERS 1 vada—bitte sage; niścitya—festlegend; yena—durch was;
śreyaƒ—wirklicher Nutzen; aham—ich; āpnuyām—mag es
arjuna uvāca bekommen.
jyāyasī cet karmaŠas te
matā buddhir janārdana ÜBERSETZUNG
tat kiˆ karmaŠi ghore māˆ
niyojayasi keśava Meine Intelligenz ist durch Deine zweideutigen
Unterweisungen verwirrt. Sage mir deshalb bitte
arjunaƒ—Arjuna; uvāca—sprach; jyāyasī—sehr gehoben eindeutig, was das beste für mich ist.
sprechend; cet—obwohl; karmaŠaƒ—als fruchtbringende
Handlung; te—deine; matā—Meinung; buddhiƒ— ERLÄUTERUNG
Intelligenz; janārdana—o KŠa; tat—daher; kiˆ—warum;
karmaŠi—in Handlung; ghore—abscheulich; mām—mich; Im vorherigen Kapitel wurden als Einleitung zur
niyojayasi—beschäftigst mich; keśava—o KŠa. Bhagavad-gītā viele verschiedene Pfade erklärt, so zum
Beispiel sā‰khya-yoga, buddhi-yoga, die Beherrschung der
ÜBERSETZUNG Sinne durch Intelligenz, Handeln ohne den Wunsch nach
fruchttragenden Ergebnissen und die Stellung des Neulings.
Arjuna sprach: O Janārdana, o Keśava, warum drängst All dies wurde unsystematisch vorgetragen. Um danach zu
Du mich, an diesem schrecklichen Kriegshandwerk handeln und es zu verstehen, wäre eine geordnetere
teilzunehmen, wenn Du glaubst, daß Intelligenz besser Beschreibung der Pfade notwendig. Arjuna wollte daher
sei als fruchtbringende Arbeit? diese offenbar verwirrenden Unterweisungen klären, damit
jeder gewöhnliche Mensch sie ohne Fehlinterpretation
ERLÄUTERUNG annehmen könnte. Obwohl KŠa nicht die Absicht hatte,
Arjuna durch Wortspielereien zu verwirren, vermochte
Der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, Śrī KŠa, hat Arjuna dem Vorgang des KŠa-Bewußtseins nicht zu
im vorangegangenen Kapitel die Beschaffenheit der Seele folgen - weder durch Untätigkeit noch durch aktiven
sehr ausführlich beschrieben, um Seinen vertrauten Freund Dienst. Mit anderen Worten: Durch seine Fragen erhellt er
Arjuna aus dem Ozean des materiellen Elends zu erretten. den Pfad des KŠa-Bewußtseins für alle Schüler, die
Als Pfad der Erkenntnis wurde buddhi-yoga oder KŠa- ernsthaft bemüht sind, das Mysterium der Bhagavad-gītā
Bewußtsein empfohlen. Manchmal wird KŠa-Bewußtsein zu verstehen.
als Untätigkeit mißverstanden, und oft zieht sich jemand,
der einem solchen Irrtum unterliegt, an einen einsamen Ort VERS 3
zurück, um dort durch das Chanten von Śrī KŠas
Heiligem Namen völlig KŠa-bewußt zu werden. Doch śrī bhagavān uvāca
ohne in der Philosophie des KŠa-Bewußtseins geschult zu loke 'smin dvi-vidhā ni˜hā
sein, ist es nicht ratsam, den Heiligen Namen KŠas an purā proktā mayānagha
einem abgelegenen Ort zu chanten, wo man nichts weiter jñāna-yogena sā‰khyānāˆ
als die billige Bewunderung der unschuldigen karma-yogena yoginām
Öffentlichkeit gewinnen mag. Auch Arjuna hielt KŠa-
Bewußtsein oder buddhi-yoga, das heißt Intelligenz, um im śrī bhagavān uvāca—die Höchste Persönlichkeit Gottes
spirituellen Wissen fortzuschreiten, für so etwas wie sprach; loke—in der Welt; asmin—dieser; dvi-vidhā—zwei
Sichzurückziehen vom aktiven Leben und die Auferlegung Arten von; ni˜hā—Glauben; purā—früher; proktā—
von Buße und Enthaltung an einem abgelegenen Ort. Mit wurden gesagt; mayā—von Mir; anagha—o Sündloser;
anderen Worten: Er wollte geschickt den Kampf jñāna-yogena—durch den Verbindungsvorgang des
vermeiden, indem er KŠa-Bewußtsein als Entschuldigung Wissens; sā‰khyānām—der empirischen Philosophen;
benutzte; doch als ernsthafter Schüler brachte er die karma-yogena—durch den Verbindungsvorgang der
Angelegenheit vor seinen Meister und fragte KŠa, wie er Hingabe; yoginām—der Gottgeweihten.
am besten handeln solle. Als Antwort erklärte Śrī KŠa in
diesem Dritten Kapitel ausführlich karma-yoga oder Arbeit ÜBERSETZUNG
im KŠa-Bewußtsein.
Der Höchste Herr sprach: O sündloser Arjuna, Ich habe
VERS 2 bereits erklärt, daß es zwei Gruppen von Menschen
gibt, die den Herrn, das Höchste Selbst, erkennen.
vyāmiśreŠeva vākyena Einige neigen dazu, Ihn durch empirische,
buddhiˆ mohayasīva me philosophische Spekulation zu verstehen, und andere
tad ekaˆ vada niścitya
74

sind geneigt, Ihn durch hingebungsvolle Arbeit zu noch kann man durch Entsagung allein
erkennen. Vollkommenheit erreichen.

ERLÄUTERUNG ERLÄUTERUNG

Im Zweiten Kapitel, Vers 39, erklärte der Herr zwei Den Lebensstand der Entsagung kann man annehmen,
Vorgänge: sā‰khya-yoga und karma-yoga oder buddhi- wenn man durch die Erfüllung der vorgeschriebenen
yoga. Im vorliegenden Vers erklärt der Herr das gleiche Pflichten, die nur festgelegt sind, um die Herzen
etwas deutlicher. Mit sā‰khya-yoga oder dem analytischen materialistischer Menschen zu reinigen, geläutert worden
Studium der spirituellen und materiellen Natur befassen ist. Ohne geläutert zu sein, kann man keinen Erfolg haben,
sich solche Menschen, die geneigt sind, zu spekulieren und indem man unvermittelt die vierte Stufe des Lebens
Dinge durch experimentelles Wissen und Philosophie zu (sannyāsa) annimmt. Nach Meinung der empirischen
verstehen. Die anderen arbeiten im KŠa-Bewußtsein, wie Philosophen wird man dadurch, daß man einfach sannyāsa
in Vers 61 des Zweiten Kapitels erklärt wird. In Vers 39 hat annimmt oder sich von fruchtbringenden Tätigkeiten
der Herr erklärt, daß man von den Fesseln des Handelns zurückzieht, sogleich so gut wie NārāyaŠa. Śrī KŠa
befreit werden kann, wenn man nach den Grundsätzen des jedoch billigt diese Auffassung nicht. Ohne eine Läuterung
buddhi-yoga oder KŠa-Bewußtseins arbeitet; außerdem des Herzens ist sannyāsa nur eine Störung für die soziale
ist dieser Vorgang fehlerlos. Das gleiche Prinzip wird in Ordnung. Wenn sich aber jemand dem transzendentalen
Vers 61 noch deutlicher erklärt, daß nämlich dieser buddhi- Dienst des Herrn widmet, auch ohne seine
yoga bedeutet, vollständig vom Höchsten (oder genauer vorgeschriebenen Pflichten zu erfüllen, nimmt der Herr
von KŠa) abhängig zu sein, und daß auf diese Weise alle entgegen, was immer derjenige imstande sein mag zu tun
Sinne sehr leicht unter Kontrolle gebracht werden können. (buddhi-yoga). Svalpam apy asya dharmasya trāyate
Deshalb sind beide yogas, genau wie Religion und mahato bhayāt. "Auch wenn man diesem Prinzip nur in
Philosophie, voneinander abhängig. Religion ohne geringem Maße nachkommt, wird man befähigt, große
Philosophie ist sentimental oder zuweilen sogar Schwierigkeiten zu überwinden." (Bg. 2.40)
Fanatismus, wohingegen Philosophie ohne Religion nichts
weiter als gedankliche Spekulation ist. Das endgültige Ziel VERS 5
ist KŠa, denn auch die Philosophen, die ernsthaft nach der
Absoluten Wahrheit suchen, kommen letztlich zum KŠa- na hi kaścit kaŠam api
Bewußtsein. Dies wird ebenfalls in der Bhagavad-gītā jātu ti˜haty akarmakt
bestätigt. Der ganze Vorgang besteht darin, die wirkliche kāryate hy avaśaƒ karma
Stellung des Selbst in Beziehung zum Überselbst zu sarvaƒ prakti-jair guŠaiƒ
verstehen. Der indirekte Vorgang ist philosophische
Spekulation, wodurch man allmählich zur Stufe des KŠa- na—noch; hi—gewiß; kaścit—irgend jemand; kaŠam—
Bewußtseins kommen mag, und der andere Vorgang selbst einen Augenblick; api—auch; jātu—selbst; ti˜hati—
besteht darin, durch KŠa-Bewußtsein zu allem eine steht; akarma-kt—ohne etwas zu tun; kāryate-gezwungen
direkte Beziehung herzustellen. Von diesen beiden ist der zu arbeiten; hi—gewiß; avaśaƒ—hilflos; karma—Arbeit;
Pfad des KŠa-Bewußtseins der bessere, da er nicht davon sarvaƒ—alles; prakti-jaiƒ—aus den Erscheinungsweisen
abhängt, die Sinne durch einen philosophischen Vorgang der materiellen Natur; guŠaiƒ—durch die Eigenschaften.
zu läutern. KŠa-Bewußtsein selbst ist der
Läuterungsvorgang, und durch die direkte Methode des ÜBERSETZUNG
hingebungsvollen Dienens ist es einfach und erhaben
zugleich. Alle Menschen sind gezwungen, hilflos nach den
Drängen zu handeln, die von den Erscheinungsweisen
VERS 4 der materiellen Natur hervorgerufen werden; deshalb
kann niemand auch nur für einen Augenblick aufhören,
na karmaŠām anārambhān etwas zu tun.
naikarmyaˆ puruo 'śnute
na ca sannyasanād eva ERLÄUTERUNG
siddhiˆ samadhigacchati
Das Lebewesen ist nicht nur im verkörperten Leben aktiv;
na-ohne; karmaŠām—der vorgeschriebenen Pflichten; vielmehr ist es das Wesen der Seele, immer aktiv zu sein.
anārambhāt—Nichtausführung; naikarmyam—Freiheit Ohne die Gegenwart der spirituellen Seele kann sich der
von Reaktionen; puruaƒ—Mensch; aśnute—erreicht; na— materielle Körper nicht bewegen. Der Körper ist nur ein
noch; ca—auch; sannyasanāt—durch Entsagung; eva— totes Fahrzeug, das von der spirituellen Seele bewegt
einfach; siddhim—Erfolg; samadhigacchati—erlangt. werden muß, die immer aktiv ist und nicht einmal für einen
Augenblick innehalten kann. Infolgedessen muß die Seele
ÜBERSETZUNG mit den positiven Tätigkeiten des KŠa-Bewußtseins
beschäftigt werden; andernfalls wird sie in Tätigkeiten
Nicht dadurch, daß man sich einfach von Arbeit beschäftigt, die ihr die illusionierende Energie diktiert. In
fernhält, kann man Freiheit von Reaktionen erlangen; Berührung mit der materiellen Energie nimmt die
75

spirituelle Seele materielle Erscheinungsweisen an, und um Wirklichkeit nach Objekten der Sinnenbefriedigung
die Seele von diesen Verbindungen zu reinigen, ist es Ausschau hält, muß als der größte Betrüger bezeichnet
notwendig, die in den śāstras niedergelegten werden, auch wenn er manchmal über Philosophie spricht.
vorgeschriebenen Pflichten zu erfüllen. Wenn die Seele Sein Wissen hat keinen Wert, weil dem Wissen eines solch
sich in ihrer natürlichen Funktion des KŠa-Bewußtseins sündigen Menschen von der illusionierenden Energie des
betätigt, ist alles, was sie zu tun imstande ist, gut für sie. Herrn die Wirkung genommen wird. Der Geist eines
Dies wird im Śrīmad-Bhāgavatam (1.5.17) wie folgt solchen Heuchlers ist immer unrein, und daher hat seine
bestätigt: Zurschaustellung yogischer Meditation nicht den geringsten
Wert.
tyaktvā sva-dharmaˆ caraŠāmbujaˆ harer
bhajann apakvo 'tha patet tato yadi VERS 7
yatra kva vābhadram abhūd amuya kiˆ
ko vārtha āpto 'bhajatāˆ sva-dharmataƒ yas tv indriyāŠi manasā
niyamyārabhate'rjuna
"Wenn sich jemand dem KŠa-Bewußtsein zuwendet, karmendriyaiƒ karma-yogam
entsteht niemals für ihn ein Verlust oder Nachteil - selbst asaktaƒ sa viśiyate
wenn er den vorgeschriebenen Pflichten, die in den śāstras
niedergelegt sind, nicht folgt noch seinen hingebungsvollen yaƒ—jemand, der; tu—aber; indriyāŠi—Sinne; manasā—
Dienst richtig ausführt oder sogar von seiner Stufe durch den Geist; niyamya—regulierend; ārabhate—
herabfallen mag. Doch was nutzt es ihm, wenn er zwar alle beginnt; arjuna—o Arjuna; karma-indriyaiƒ—durch die
in den śāstras angegebenen Vorschriften zur Läuterung aktiven Sinnesorgane; karma-yogam—Hingabe; asaktaƒ—
befolgt, aber nicht KŠa-bewußt ist?" ohne Anhaftung; saƒ—er; viśiyate-bei weitem der Bessere.
Der Läuterungsvorgang ist also notwendig, um die Stufe
des KŠa-Bewußtseins zu erreichen. Daher ist sannyāsa ÜBERSETZUNG
oder jeder andere Läuterungsvorgang dafür bestimmt, dem
Menschen zu helfen, das endgültige Ziel zu erreichen, Dagegen ist derjenige, der die Sinne durch den Geist
nämlich KŠa-bewußt zu werden; andernfalls ist das ganze beherrscht und seine aktiven Organe, ohne anzuhaften,
Leben ein Fehlschlag. in Werken der Hingabe beschäftigt, weitaus höher
einzustufen.
VERS 6
ERLÄUTERUNG
karmendriyāŠi saˆyamya
ya āste manasā smaran Anstatt ein Pseudo-Transzendentalist zu werden und nach
indriyārthān vimūhātmā einem ausschweifenden Leben und Sinnengenuß zu
mithyācāraƒ sa ucyate trachten, ist es weitaus besser, in seinem jeweiligen
Aufgabenbereich zu bleiben und den Sinn des Lebens zu
karma-indriyāŠi—die fünf aktiven Sinnesorgane; erfüllen, der darin besteht, aus der materiellen Knechtschaft
saˆyamya—beherrschend; yaƒ—jeder, der; āste-bleibt; frei zu werden und in das Königreich Gottes einzugehen.
manasā—mit dem Geist; smaran—denkend; indriya-ar- Das vornehmlichste svārtha-gati oder Ziel des
thān—Sinnesobjekte; vimūha—törichte; ātmā—Seele; Selbstinteresses besteht darin, ViŠu zu erreichen. Die
mithyā-ācāraƒ—Heuchler; saƒ—er; ucyate-wird genannt. gesamte Einrichtung des varŠa und āśrama ist so angelegt,
daß sie uns hilft, dieses Lebensziel zu erreichen. Auch ein
ÜBERSETZUNG Haushälter kann dieses Ziel durch geregelten Dienst im
KŠa-Bewußtsein erreichen. Um selbstverwirklicht zu
Wer seine Sinne und seine aktiven Organe zurückhält, werden, sollte man ein gezügeltes Leben führen, so wie es
aber in Gedanken bei Sinnesobjekten weilt, betrügt sich in den śāstras vorgeschrieben wird, und fortfahren, seiner
gewiß selbst und ist ein Heuchler. Beschäftigung ohne Anhaftung nachzugehen, um auf diese
Weise Fortschritte zu machen. Ein aufrichtiger Mensch, der
ERLÄUTERUNG dieser Methode folgt, ist weitaus besser als ein falscher
Heuchler, der fadenscheinigen Spiritualismus zur Schau
Es gibt viele Heuchler, die es ablehnen, im KŠa- stellt, um die unschuldige Öffentlichkeit zu betrügen. Ein
Bewußtsein tätig zu sein, aber vorgeben zu meditieren, ehrlicher Straßenfeger ist weitaus besser als ein Scharlatan,
während sie tatsächlich in Gedanken in Sinnengenuß der nur meditiert, um sich seinen Lebensunterhalt zu
schwelgen. Solche Heuchler mögen auch über trockene verdienen.
Philosophie sprechen, um ihre pseudointellektuellen
Anhänger zu bluffen; doch nach der Aussage dieses Verses VERS 8
sind sie die größten Betrüger. Für Sinnengenuß kann man
jeden beliebigen Beruf in der Gesellschaft ausüben, doch niyataˆ kuru karma tvaˆ
kann man, wenn man den Regeln und Regulierungen seines karma jyāyo hy akarmaŠaƒ
bestimmten Standes folgt, seine Existenz allmählich śarīra-yātrāpi ca te
läutern. Wer jedoch vorgibt, ein yogī zu sein, während er in na prasiddhyed akarmaŠaƒ
76

gebunden; o Sohn Kuntīs, erfülle daher deine


niyatam—vorgeschriebene; kuru—tu; karma—Pflichten; vorgeschriebenen Pflichten zu Seiner Zufriedenstellung;
tvam—du; karma—Arbeit; jyāyaƒ—besser; hi—als; auf diese Weise wirst du immer unangehaftet und frei
akarmaŠaƒ—ohne Arbeit; śarīra—körperliche; yātrā— von Knechtschaft bleiben.
Erhaltung; api—selbst; ca—auch; te-deine; na—niemals;
prasiddhyet—bewirkt; akarmaŠaƒ—ohne Arbeit. ERLÄUTERUNG

ÜBERSETZUNG Man muß sogar für die bloße Erhaltung des Körpers
arbeiten. Deshalb muß ein Mensch seiner sozialen Stellung
Erfülle deine vorgeschriebene Pflicht, denn es ist besser und seinen Eigenschaften entsprechend bestimmte Pflichten
zu handeln, als untätig zu sein. Ohne Arbeit kann ein erfüllen, so daß er seinen Körper erhalten kann. Yajña
Mensch nicht einmal seinen physischen Körper bedeutet Śrī ViŠu oder Opferdarbringungen. Alle
erhalten. Opferhandlungen sind auch für die Zufriedenstellung Śrī
ViŠus bestimmt. Die Veden schreiben vor: yajño vai
ERLÄUTERUNG viŠuƒ. Mit anderen Worten: Ob man die vorgeschriebenen
yajñas ausführt oder Śrī ViŠu unmittelbar dient - es wird
Es gibt viele Pseudo-Meditierende, die vorgeben, von einer der gleiche Zweck erfüllt. KŠa-Bewußtsein bedeutet
hohen Familie abzustammen, und überaus berufstüchtige daher, yajñas durchzuführen, wie es in diesem Vers
Personen, die sich den Anschein geben, alles für den vorgeschrieben wird. Die varŠāśrama-Einrichtung hat
Fortschritt im spirituellen Leben geopfert zu haben. Śrī ebenfalls dieses Ziel, um ViŠu zufriedenzustellen.
KŠa wollte nicht, daß Arjuna zum Heuchler wurde, VarŠāśramācāra-vatā purueŠa paraƒ pumān / viŠur
sondern daß er seine vorgeschriebenen Pflichten so erfüllte, ārādhyate ... (ViŠu PurāŠa 3.8.8). Deshalb muß man für
wie sie für katriyas festgelegt sind. Arjuna war Haushälter die Zufriedenstellung ViŠus arbeiten. Jede andere Arbeit,
und General, und deshalb war es für ihn besser, dies zu die man in der materiellen Welt verrichtet, ist die Ursache
bleiben und seine religiösen Pflichten zu erfüllen, wie sie von Knechtschaft, denn sowohl gute als auch schlechte
einem Haushälter-katriya vorgeschrieben sind. Solche Werke haben ihre Reaktionen, und jede Reaktion bindet
Tätigkeiten läutern allmählich das Herz eines weltlichen den Handelnden. Daher muß man im KŠa-Bewußtsein
Menschen und befreien ihn von materieller handeln, um KŠa oder ViŠu zufriedenzustellen, und
Verunreinigung. Sogenannte Entsagung, mit dem Ziel, für während man solchen Tätigkeiten nachgeht, befindet man
den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, wird weder vom sich auf der Stufe der Befreiung. Das ist die große Kunst
Herrn noch von irgendeiner religiösen Schrift gebilligt. des Handelns, und am Anfang erfordert dieser Vorgang
Schließlich muß man Körper und Seele durch irgendeine sehr kundige Führung. Daher sollte man sehr besonnen
Arbeit zusammenhalten. Man sollte seine Arbeit nicht handeln und sich entweder von einem Geweihten KŠas
launenhaft, ohne von materialistischen Neigungen geläutert führen lassen oder direkt den Unterweisungen Śrī KŠas
zu sein, aufgeben. Jeder, der sich in der materiellen Welt folgen (Arjuna hatte die Gelegenheit dazu). Nichts sollte
aufhält, hat mit Sicherheit die unreine Neigung, die für Sinnenbefriedigung, sondern alles sollte für KŠas
materielle Natur zu beherrschen, das heißt, nach Befriedigung getan werden. Diese Handlungsweise wird
Sinnenbefriedigung zu streben. Diese unreinen Neigungen einen nicht nur vor den Reaktionen bewahren, die auf die
müssen geläutert werden. Ohne dies zu tun, und zwar durch eigenen Handlungen folgen, sondern wird einen auch
vorgeschriebene Pflichten, sollte man niemals versuchen, allmählich auf die Ebene des transzendentalen liebevollen
ein sogenannter Transzendentalist zu werden, seiner Arbeit Dienstes für den Herrn erheben. Nur durch
zu entsagen und auf Kosten anderer zu leben. hingebungsvolles Dienen kann man in das Königreich
Gottes zurückkehren.
VERS 9
VERS 10
yajñārthāt karmaŠo'nyatra
loko'yaˆ karma-bandhanaƒ saha-yajñāƒ prajāƒ s˜vā
tad-arthaˆ karma kaunteya purovāca prajāpatiƒ
mukta-sa‰gaƒ samācara anena prasaviyadhvam
ea vo'stv i˜a-kāma-dhuk
yajña-arthāt—nur für Yajna oder ViŠu; karmaŠaƒ—
Arbeit, die getan wird; anyatra—sonst; lokaƒ—diese Welt; saha—zusammen mit; yajñāƒ—Opfern; prajāƒ—
ayam—diese; karma-bandhanaƒ—Knechtschaft durch Generationen; srs˜vā—durch Erschaffen; purā—vor langer
Arbeit; tat—Ihn; artham—für; karma—Arbeit; kaunteya—o Zeit; uvāca—sprach; prajā-patiƒ—der Herr der Geschöpfe;
Sohn Kuntīs; mukta-sa‰gaƒ—befreit von der Gemeinschaft; anena—dadurch; prasaviyadhvam—möget ihr immer
samācara—führe es vollkommen aus. wohlhabender werden; eaƒ—gewiß; vaƒ—eure; astu—es
möge geschehen; i˜a—alles Wünschenswerte; kāma
ÜBERSETZUNG -dhuk—Versorger.

Man muß seine Arbeit ViŠu als Opfer darbringen, ÜBERSETZUNG


denn sonst wird man durch sie an die materielle Welt
77

Am Anfang der Schöpfung sandte der Herr aller


Geschöpfe Generationen von Menschen und kŠa-varŠaˆ tviākŠāˆ sā‰gopā‰gāstra-pāradam
Halbgöttern zusammen mit Opfern für ViŠu aus und yajñaiƒ sa‰kīrtana-prāyair yajanti hi su-medhasaƒ
segnete sie, indem Er sprach: Möget ihr durch diesen
yajña [Opfer] glücklich werden, denn seine "Im Zeitalter des Kali werden die Menschen, die mit
Durchführung wird euch alle wünschenswerten Dinge genügend Intelligenz ausgestattet sind, den Herrn, der von
bescheren. Seinen Gefährten begleitet wird, durch die Ausführung des
sa‰kīrtana-yajña verehren."
ERLÄUTERUNG Andere in den vedischen Schriften vorgeschriebene yajñas
sind in diesem Zeitalter des Kali nicht so leicht
Der Herr aller Geschöpfe (ViŠu) bietet den bedingten durchzuführen, doch der sa‰kīrtana-yajña ist in jeder
Seelen durch die materielle Schöpfung eine Möglichkeit, Hinsicht einfach und erhaben.
nach Hause, zu Gott, zurückzukehren. Alle Lebewesen in
der materiellen Schöpfung sind durch die materielle Natur VERS 11
bedingt, weil sie ihre Beziehung zu KŠa, der Höchsten
Persönlichkeit Gottes, vergessen haben. Die vedischen devān bhāvayatānena
Prinzipien sollen uns helfen, diese ewige Beziehung zu te devā bhāvayantu vaƒ
verstehen, wie es in der Bhagavad-gītā (15.15) heißt: parasparaˆ bhāvayantaƒ
vedaiś ca sarvair aham eva vedyaƒ. Der Herr sagt, daß es śreyaƒ param avāpsyatha
der Zweck der Veden ist, Ihn zu verstehen. In den
vedischen Hymnen heißt es: patim viśvasyātmeśvaram. devān—Halbgötter; bhāvayata—erfreut worden sein;
Daher ist der Herr der Lebewesen die Höchste anena—durch dieses Opfer; te—jene; devāƒ—die
Persönlichkeit Gottes, ViŠu. Auch im Śrīmad-Bhāgavatam Halbgötter; bhāvayantu—werden erfreuen; vaƒ—euch;
(2.4.20) beschreibt Śrīla Śukadeva Gosvāmī den Herrn als parasparam—gegenseitig; bhāvayantaƒ-einander
pati: erfreuend; śreyaƒ—Segnung; param—die höchste;
avāpsyatha—wird euch zuteil werden.
śriyaƒ-patir yajña-patiƒ prajā-patir
dhiyāˆ patir loka-patir dharā-patiƒ ÜBERSETZUNG
patir gatiś cāndhaka-vŠi-sātvatāˆ
prasīdatāˆ me bhagavān satāˆ patiƒ Wenn die Halbgötter durch Opfer zufriedengestellt
sind, werden sie auch euch erfreuen, und wenn somit ein
"Möge Śrī KŠa, der Herr, mit mir Erbarmen haben - Er ist gegenseitiger Austausch stattfindet, wird allgemeiner
der verehrenswerte Herr aller Geweihten, der Schutzherr Wohlstand für alle herrschen.
und Ruhm aller Könige, wie Andhaka und VŠi aus der
Yadu-Dynastie, der Gemahl aller Glücksgöttinnen, der ERLÄUTERUNG
Leiter aller Opfer und daher der Führer aller Lebewesen,
der Lenker aller Intelligenz, der Besitzer aller Planeten, der Die Halbgötter sind bevollmächtigte Verwalter, die sich um
spirituellen sowie der materiellen, und die höchste materielle Angelegenheiten kümmern. Die Versorgung mit
Inkarnation auf Erden (das Höchste Alles-in-Allem)." Luft, Licht, Wasser und allen anderen Segnungen für die
Śrī ViŠu ist der prajā-pati, und Er ist der Herr aller Erhaltung des Körpers und der Seele eines jeden
lebenden Geschöpfe, aller Welten, aller Schönheiten und Lebewesens ist den Halbgöttern anvertraut, die unzählige
der Beschützer eines jeden. Der Herr erschuf die materielle Helfer in verschiedenen Teilen des Körpers der Höchsten
Welt für die bedingten Seelen, damit sie lernen, wie man Persönlichkeit Gottes sind. Ihr Wohlgefallen und ihr
yajñas oder Opfer für die Zufriedenstellung ViŠus Mißfallen hängt davon ab, ob die Menschen yajñas
darbringt, so daß sie während ihres Aufenthalts in der durchführen. Einige der yajñas sind dafür gedacht,
materiellen Welt bequem und sorglos leben können. Dann bestimmte Halbgötter zufriedenzustellen; aber dennoch
können sie nach Verlassen des gegenwärtigen materiellen wird Śrī ViŠu in allen yajñas als der höchste Nutznießer
Körpers in das Königreich Gottes eingehen. Das ist der verehrt. In der Bhagavad-gītā (5.29) wird ebenfalls gesagt,
ganze Plan für die bedingte Seele. Durch die Darbringung daß KŠa Selbst der Nutznießer aller Arten von yajñas ist:
von yajñas werden die bedingten Seelen allmählich KŠa- bhoktāraˆ yajña-tapasām. Deshalb ist die letztliche
bewußt und nehmen so in jeder Hinsicht göttliche Zufriedenstellung des yajña-pati der Hauptzweck aller
Eigenschaften an. Für das jetzige Zeitalter des Kali wird yajñas. Wenn diese yajñas vollendet ausgeführt werden,
von den vedischen Schriften der sa‰kīrtana-yajña (das sind natürlicherweise auch die Halbgötter erfreut, die für
Chanten der Namen Gottes) empfohlen, und Śrī Caitanya die verschiedenen Abteilungen der Versorgung
hat diesen transzendentalen Vorgang zur Befreiung aller verantwortlich sind, und so herrscht keine Knappheit in der
Menschen in unserem Zeitalter eingeführt. Sa‰kīrtana- Versorgung mit Naturprodukten.
yajña und KŠa-Bewußtsein lassen sich gut miteinander Die Ausführung von yajñas hat viele Nebenvorteile, die
vereinbaren. Śrī KŠa in Seiner hingebungsvollen Form letztlich zur Befreiung aus der materiellen Knechtschaft
(als Śrī Caitanya) wird im Śrīmad-Bhāgavatam (11.5.29) führen. Wie es in den Veden heißt, werden durch die
mit einem besonderen Hinweis auf den sa‰kīrtana-yajña Ausführung von yajñas alle Tätigkeiten geläutert:
erwähnt. Es heißt dort:
78

āhāra-śuddhau sattva-śuddhiƒ sattva-śuddhau allmählich auf die transzendentale Ebene zu erheben. Für
dhruvā sˆtiƒ smti-lambhe sarva-granthīnāˆ vipra- gewöhnliche Menschen sind zumindest fünf yajñas
mokaƒ notwendig, die man als pañca-mahāyajña kennt.
Man sollte wissen, daß es die Beauftragten des Herrn, die
Wie in dem folgenden Vers erklärt wird, werden durch die Halbgötter, sind, die für alles sorgen, was für die
Ausführung von yajña die Speisen geheiligt, und wenn man menschliche Gesellschaft zum Leben notwendig ist.
geheiligte Nahrung zu sich nimmt, läutert man sein Niemand kann irgend etwas selbst herstellen. Nehmen wir
gesamtes Dasein; durch eine Läuterung des Daseins werden zum Beispiel die Nahrungsmittel der menschlichen
die feineren Gewebe des Erinnerungsvermögens geheiligt, Gesellschaft; dazu gehören Getreide, Früchte, Gemüse,
und wenn das Gedächtnis geweiht ist, kann man an den Milch, Zucker usw. für die Menschen in der
Pfad der Befreiung denken, und all dies zusammen führt zu Erscheinungsweise der Tugend sowie Fleisch usw. für die
KŠa-Bewußtsein, der großen Notwendigkeit für die Nichtvegetarier, und all dies kann nicht von der
heutige Gesellschaft. menschlichen Gesellschaft hergestellt werden. Oder
nehmen wir beispielsweise Wärme, Licht, Wasser und Luft,
VERS 12 die ebenfalls zum Leben notwendig sind - nichts davon
kann von der menschlichen Gesellschaft produziert werden.
i˜ān bhogān hi vo devā Ohne den Höchsten Herrn kann es kein Sonnenlicht, kein
dāsyante yajña-bhāvitāƒ Mondlicht, keinen Regen und keinen Wind geben, ohne die
tair dattān apradāyaibhyo niemand leben kann. Offensichtlich hängt unser Leben von
yo bhu‰kte stena eva saƒ der Versorgung durch den Herrn ab. Selbst für unsere
Fabriken benötigen wir so viele Rohstoffe, wie Metall,
i˜ān—gewünschte; bhogān—Notwendigkeiten des Lebens; Schwefel, Quecksilber, Mangan und eine Menge anderer
hi—gewiß; vaƒ—euch; devāƒ—die Halbgötter; dāsyante— unentbehrlicher Dinge, die uns alle von den Beauftragten
gewähren; yajña-bhāvitāƒ—da durch Opferdarbringungen des Herrn zur Verfügung gestellt werden, damit wir
zufriedengestellt; taiƒ—von ihnen; dattān—gegebene richtigen Gebrauch davon machen und uns gesund erhalten,
Dinge; apradāya—ohne sie darzubringen; ebhyaƒ—den um Selbsterkenntnis zu erlangen, die zum endgültigen Ziel
Halbgöttern; yaƒ—derjenige, der; bhu‰kte—genießt; des Lebens, nämlich zur Befreiung vom materiellen Kampf
stenaƒ—Dieb; eva—gewiß; saƒ—ist er. ums Dasein, führt. Dieses Ziel des Lebens wird erreicht,
wenn man yajñas ausführt. Wenn wir den Sinn des
ÜBERSETZUNG menschlichen Lebens vergessen und uns von den
Beauftragten des Herrn nur für die Befriedigung unserer
Die Halbgötter, die für die verschiedenen Sinne versorgen lassen und immer mehr in die materielle
Notwendigkeiten des Lebens verantwortlich sind, Existenz verstrickt werden, was nicht der Zweck der
versorgen den Menschen mit allem, was er braucht, Schöpfung ist, werden wir ohne Zweifel zu Dieben und
wenn sie durch yajña [Opfer] zufriedengestellt sind. werden daher von den Gesetzen der materiellen Natur
Wer jedoch diese Gaben genießt, ohne sie zuvor den bestraft. Eine Gesellschaft von Dieben kann niemals
Halbgöttern als Opfer darzubringen, ist gewiß ein Dieb. glücklich sein, denn sie hat kein Ziel im Leben. Die
grobmaterialistischen Diebe haben kein endgültiges Ziel im
ERLÄUTERUNG Leben. Ihr Interesse gilt einzig und allein der Befriedigung
ihrer Sinne; auch wissen sie nicht, wie man yajñas
Die Halbgötter sind eingesetzte Bevollmächtigte, die im darbringt. Śrī Caitanya jedoch führte den einfachsten yajña
Auftrag ViŠus, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, für die ein, den sa‰kīrtana-yajña, der von jedem, der die
Versorgung zuständig sind. Deshalb müssen sie durch Prinzipien des KŠa-Bewußtseins annimmt, ausgeführt
Darbringung vorgeschriebener yajñas zufriedengestellt werden kann.
werden. In den Veden werden verschiedenartige yajñas für
verschiedenartige Halbgötter vorgeschrieben, doch werden VERS 13
alle Opfer letztlich der Höchsten Persönlichkeit Gottes
dargebracht. Jemandem, der nicht verstehen kann, was die yajña-śi˜āśinaƒ santo
Persönlichkeit Gottes ist, werden Opfer zu den Halbgöttern mucyante sarva-kilbiaiƒ
empfohlen. Je nach ihren verschiedenen materiellen bhuñjate te tv agham pāpā
Eigenschaften werden den Menschen in den Veden ye pacanty ātma-kāraŠāt
verschiedene Arten von yajñas empfohlen. Die Verehrung
verschiedener Halbgötter findet ebenfalls auf dieser yajña-śi˜a—Nahrung, die nach der Darbringung eines
Grundlage statt - nämlich gemäß den verschiedenen yajña gegessen wird; aśinaƒ—Esser; santaƒ-die
Eigenschaften. Zum Beispiel wird den Fleischessern Gottgeweihten; mucyante-werden befreit von; sarva—allen
empfohlen, die Göttin Kali, die grausige Form der Arten von; kilbiaiƒ—Sünden; bhuñjate-genießen; te—sie;
materiellen Natur, zu verehren und ihr Tieropfer tu—aber; agham— schwere Sünden; pāpāƒ—Sünder; ye-
darzubringen. Denen aber, die sich in der diejenigen; pacanti—bereiten Essen zu; ātmākāraŠāt—für
Erscheinungsweise der Tugend befinden, wird die Sinnengenuß.
transzendentale Verehrung ViŠus empfohlen. Letztlich
jedoch sind alle yajñas dafür bestimmt, den Menschen ÜBERSETZUNG
79

Śrīla Baladeva VidyābhūaŠa ein großer Kommentator der


Die Geweihten des Herrn werden von allen Arten von Bhagavad-gītā, schreibt: ye indrādy-a‰ga-tayāvasthitaˆ
Sünden befreit, da sie Nahrung essen, die zunächst als yajñaˆ sarveśvaraˆ viŠum abhyarccya taccheam aśnanti
Opfer dargebracht wurde. Andere, die Nahrung für tena taddeha-yāntrāˆ sampādayanti, te santaƒ
ihren eigenen Sinnengenuß zubereiten, essen wahrlich sarveśvarasya bhaktāƒ sarva-kilviair anādi-kāla-
nur Sünde. vivddhair ātmānubhava-pratibandhakair nikhilaiƒ pāpair
vimucyante.
ERLÄUTERUNG Der Höchste Herr, der als yajña-puruaƒ oder der
persönliche Nutznießer aller Opfer bekannt ist, ist das
Die Geweihten des Höchsten Herrn, das heißt diejenigen, Oberhaupt aller Halbgötter, die Ihm dienen wie die
die im KŠa-Bewußtsein leben, werden santas genannt, verschiedenen Teile des Körpers dem Ganzen. Halbgötter
und wie in der Brahma-saˆhitā (5.38) beschrieben wird, wie Indra, Candra und Varuna sind vom Höchsten Herrn
sind sie immer in Liebe mit dem Herrn verbunden: ernannte Verwalter, die materielle Angelegenheiten regeln,
premāñjana-cchurita-bhakti-vilocanena santaƒ sadaiva und die Veden ordnen Opfer an, um diese Halbgötter
hdayeu vilokayanti. Die santas, die mit der Höchsten zufriedenzustellen, damit es ihnen gefallen möge, für
Persönlichkeit Gottes, Govinda (dem Quell aller Freuden) genügend Luft, Licht und Wasser zu sorgen, so daß
oder Mukunda (demjenigen, der Befreiung gewährt) oder Getreide wachsen kann. Wenn man Śrī KŠa verehrt,
KŠa (der allanziehenden Person), immer in Liebe werden die Halbgötter, die verschiedene Glieder des Herrn
verbunden sind, können nichts annehmen, ohne es zuvor sind, von selbst ebenfalls verehrt, und so ist es nicht
der Höchsten Person zu opfern. Daher führen solche notwendig, die Halbgötter gesondert vom Herrn zu
Gottgeweihten ständig yajñas in den verschiedenen verehren. Aus diesem Grunde opfern die Geweihten des
Erscheinungsformen des hingebungsvollen Dienstes aus Herrn, die im KŠa-Bewußtsein leben, ihre Nahrung
wie śravaŠam, kīrtanam, smaraŠam oder arcanam, und zunächst KŠa und essen dann - ein Vorgang, der den
diese Darbringungen von yajñas halten sie stets fern von Körper spirituell ernährt. Auf diese Weise werden nicht nur
allen Arten der Verunreinigung durch sündhaften Umgang alle vergangenen sündhaften Reaktionen im Körper
in der materiellen Welt. Andere, die Nahrung für sich selbst vernichtet, sondern der Körper wird auch vor allen
oder für die Befriedigung ihrer Sinne zubereiten, sind nicht Verunreinigungen der materiellen Natur geschützt. Wenn
nur Diebe, sondern essen auch alle Arten von Sünde. Wie eine ansteckende Krankheit um sich greift, kann man durch
kann ein Mensch glücklich sein, wenn er sowohl ein Dieb einen antiseptischen Impfstoff vor dem Angriff einer
als auch ein Sünder ist? Das ist nicht möglich. Damit daher solchen Epidemie geschützt werden. In ähnlicher Weise
die Menschen in jeder Hinsicht glücklich werden können, macht uns Nahrung, die zuerst ViŠu geopfert und dann
müssen sie darin unterwiesen werden, wie der einfache von uns gegessen wird, gegen alle materiellen
sa‰kīrtana-yajña in vollem KŠa-Bewußtsein ausgeführt Einwirkungen ausreichend immun, und jemand, der sich
werden kann. Sonst kann es keinen Frieden und kein Glück diese Handlungsweise zur Gewohnheit gemacht hat, wird
auf der Welt geben. als ein Geweihter des Herrn bezeichnet. Deshalb kann ein
Mensch im KŠa-Bewußtsein, der nur Nahrung ißt, die
VERS 14 KŠa geopfert wurde, allen Reaktionen auf vergangene
materielle Infektionen entgegenwirken, die den Fortschritt
annād bhavanti bhūtāni auf dem Pfad der Selbsterkenntnis behindern. Ein Mensch
parjanyād anna-sambhavaƒ hingegen, der dies nicht tut, vergrößert weiter die Anzahl
yajñād bhavati parjanyo seiner sündigen Handlungen, und das bereitet den nächsten
yajñaƒ karma-samudbhavaƒ Körper darauf vor, Hunden und Schweinen zu gleichen, um
die resultierenden Reaktionen auf alle Sünden zu erleiden.
annāt—durch Getreide; bhavanti—wachsen; bhūtāni—die Die materielle Welt ist voller Verunreinigungen, und
materiellen Körper; parjanyāt—durch Regen; anna— jemand, der immun geworden ist, da er nur das prasāda des
Getreide; sambhavaƒ—werden ermöglicht; yajñāt— durch Herrn (zu ViŠu geopferte Speise) ißt, wird vor diesen
die Darbringung von Opfer; bhavati—wird ermöglicht; Angriffen bewahrt, wohingegen ein anderer, der kein
parjanyaƒ—Regen; yajñaƒ—Darbringung von yajña; prasāda zu sich nimmt, der Verunreinigung ausgesetzt ist.
karma—vorgeschriebene Pflichten; samudbhavaƒ— Getreide und Gemüse sind wahrhaft Nahrungsmittel. Der
geboren aus. Mensch ißt verschiedene Arten von Getreide, Gemüse,
Früchten usw., und die Tiere fressen die Abfallprodukte des
ÜBERSETZUNG Getreides sowie Gemüse, Gras, Pflanzen usw. Menschen,
die es gewohnt sind, Fleisch zu essen, sind letztlich
Alle lebenden Körper erhalten sich durch Getreide, das ebenfalls von der Erzeugung von Pflanzen abhängig, um
nur wachsen kann, wenn Regen fällt. Regen entsteht Tiere essen zu können. Daher sind wir letzten Endes auf
durch die Darbringung von yajña [Opfer], und yajña das angewiesen, was auf den Feldern wächst, und nicht auf
wird aus vorgeschriebenen Pflichten geboren. das, was in großen Fabriken produziert wird. Die Ernte auf
den Feldern wiederum richtet sich danach, ob ausreichend
ERLÄUTERUNG Regen vom Himmel fällt, und dieser Regen wird von
Halbgöttern wie Indra, der Sonne und dem Mond
beherrscht, die alle Diener des Herrn sind. Der Herr kann
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durch Opfer zufriedengestellt werden; deshalb wird den Schoß der materiellen Natur gezeugt hatte, gab Er
jemand, der Ihm nichts darbringt, Mangel leiden - so lautet Seine Weisungen in Form der vedischen Weisheit, um zu
das Gesetz der Natur. Yajñas, besonders der für dieses zeigen, wie diese bedingten Seelen nach Hause, zu Gott,
Zeitalter empfohlene sa‰kīrtana-yajña, müssen daher zurückkehren können. Wir sollten uns immer daran
ausgeführt werden, um uns zumindest vor erinnern, daß die bedingten Seelen in der materiellen Natur
Nahrungsknappheit zu bewahren. alle nach materiellem Genuß gieren. Aber die vedischen
Weisungen sind so beschaffen, daß man seine pervertierten
VERS 15 Wünsche befriedigen kann, um dann, nachdem man seinen
sogenannten Genuß beendet hat, zu Gott zurückzukehren.
karma brahmodbhavaˆ viddhi Das vedische Wissen bietet den bedingten Seelen eine
brahmākara-samudbhavam Möglichkeit zur Befreiung; deshalb müssen sie versuchen,
tasmāt sarva-gataˆ brahma dem Vorgang des yajña zu folgen, indem sie KŠa-bewußt
nityaˆ yajñe prati˜hitam werden. Selbst jene, die den vedischen Anweisungen nicht
folgen können, mögen die Prinzipien des KŠa-
karma—Arbeit; brahma—Veden; udbhavam—erzeugt aus; Bewußtseins annehmen, und das wird die Durchführung
viddhi—man sollte kennen; brahma—die Veden; akara— vedischer yajñas oder karmas ersetzen.
das Höchste Brahman (die Persönlichkeit Gottes);
samudbhavam—direkt manifestiert; tasmāt—daher; VERS 16
sarva-gatam—alldurchdringende; brahma—Transzendenz;
nityam-ewig; yajñe—in Opfer; prati˜hitam—befindet sich. evaˆ pravartitaˆ cakraˆ
nānuvartayatīha yaƒ
ÜBERSETZUNG aghāyur indriyārāmo
moghaˆ pārtha sa jīvati
Geregelte Tätigkeiten werden in den Veden
vorgeschrieben, und die Veden sind unmittelbar von der evam—so vorgeschrieben; pravartitam—von den Veden
Höchsten Persönlichkeit Gottes manifestiert. Folglich ist festgelegt; cakram—Zyklus; na—nicht; anuvartayati—
die alldurchdringende Transzendenz für ewig in nimmt an; iha—in diesem Leben; yaƒ—jemand, der;
Opferhandlungen gegenwärtig. aghāyuƒ—ein Leben voller Sünde; indriya-ārāmaƒ—
zufrieden mit Sinnenbefriedigung; mogham—nutzlos;
ERLÄUTERUNG pārtha—o Sohn Pthās (Arjuna); saƒ—jemand, der so
handelt; jīvati—lebt.
Yajñārtha karma oder die Notwendigkeit von Arbeit für die
Zufriedenstellung KŠas allein wird in diesem Vers noch ÜBERSETZUNG
deutlicher hervorgehoben. Wenn wir also für die
Zufriedenstellung des yajña-purua oder ViŠus handeln Mein lieber Arjuna, ein Mensch, der diesem
sollen, müssen wir die Anweisung für das Handeln im vorgeschriebenen vedischen System des Opfers nicht
Brahman herausfinden, das heißt, wir müssen die folgt, führt ein Leben der Sünde, da einer, der nur in
transzendentalen Veden zu Rate ziehen. Die Veden sind den Sinnen Freude findet, vergeblich lebt.
also Gesetze, die bestimmen, wie man handeln muß. Alles,
was ohne die Anleitung der Veden getan wird, nennt man ERLÄUTERUNG
vikarma, das heißt unautorisiertes oder sündiges Handeln.
Man sollte sich daher immer von den Veden führen lassen, Die Philosophie jener Menschen, die dem Mammon frönen,
um vor der Reaktion auf sein Handeln bewahrt zu werden. nämlich sehr schwer zu arbeiten und die Befriedigung der
So wie man im gewöhnlichen Leben nach der Weisung des Sinne zu genießen, wird hier vom Herrn verurteilt. Deshalb
Staates handeln muß, so muß man unter der Leitung des ist es für diejenigen, die die materielle Welt genießen
höchsten Staates des Herrn tätig sein. Solche Weisungen in wollen, absolut notwendig, den oben erwähnten Zyklus von
den Veden sind unmittelbar durch den Atem der Höchsten yajñas durchzuführen. Wer sich an solche Vorschriften
Persönlichkeit Gottes manifestiert. Es heißt: asya mahato nicht hält, lebt ein sehr gefährliches Leben, da er mehr und
bhūtasya naśvasitam etad yad g-vedo yajur-vedaƒ sāma- mehr in die Verdammnis geht. Durch das Gesetz der Natur
vedo 'tharvā‰ girasaƒ. "Die vier Veden, nämlich ¬g Veda, ist diese menschliche Form des Lebens besonders zur
Yajur Veda, Sāma Veda und Atharva Veda, sind alles Selbstverwirklichung bestimmt, die auf drei Wegen erreicht
Emanationen aus dem Atem der erhabenen Persönlichkeit werden kann, nämlich durch karma-yoga, jñāna-yoga oder
Gottes. bhakti-yoga. Für die Transzendentalisten, die über Laster
Wie in der Brahma-saˆhitā bestätigt wird, kann der Herr, und Tugend stehen, ist es nicht notwendig, streng die
da allmächtig, sprechen, indem Er ausatmet; denn der Herr vorgeschriebenen yajñas auszufahren, doch diejenigen, die
besitzt die Allmacht, durch jeden Seiner Sinne die ihre Sinne befriedigen, müssen sich durch den oben
Tätigkeiten aller anderen Sinne auszuführen. Mit anderen erwähnten Zyklus von yajña-Darbringungen läutern. Es
Worten: Der Herr kann durch Seinen Atem sprechen, und gibt verschiedene Arten von Tätigkeiten. Menschen, die
Er kann mit Seinen Augen befruchten. In der Tat heißt es, nicht KŠa-bewußt sind, haben mit Sicherheit ein
daß Er über die materielle Natur blickte und so alle sinnliches Bewußtsein, und daher ist die Ausführung
Lebewesen zeugte. Nachdem Er die bedingten Seelen in frommer Werke für sie notwendig. Das yajña-System ist in
81

solcher Weise geplant, daß Menschen mit einem sinnlichen na cāsya sarva-bhūteu
Bewußtsein ihre Begierden befriedigen können, ohne in die kaścid artha-vyapāśrayaƒ
Reaktionen auf sinnenbefriedigende Handlungen verstrickt
zu werden. Der Wohlstand der Welt hängt nicht von na—niemals; eva—gewiß; tasya—seine; ktena—durch
unseren eigenen Anstrengungen ab, sondern von den im Pflichterfüllung; arthaƒ—Zweck; na—noch; aktena—ohne
Hintergrund stattfindenden Vorkehrungen des Höchsten Pflichterfüllung; iha—in dieser Welt; kaścana—was
Herrn, die unmittelbar von den Halbgöttern ausgeführt immer; na—niemals; ca—und; asya—von ihm;
werden. Deshalb sind die yajñas unmittelbar an den sarva-bhūteu—in allen Lebewesen; kaścit—irgendein;
jeweiligen, in den Veden erwähnten Halbgott gerichtet. artha—Zweck; vyapa-āśrayaƒ—Zuflucht nehmend bei.
Indirekt ist auch dies KŠa-Bewußtsein, denn wenn man
die Durchführung der yajñas beherrscht, ist es sicher, daß ÜBERSETZUNG
man KŠa-bewußt wird. Wenn man aber durch die
Darbringung von yajñas nicht KŠa-bewußt wird, sind Ein selbstverwirklichter Mensch verfolgt bei der
solche Prinzipien nichts weiter als moralische Erfüllung seiner vorgeschriebenen Pflichten keine
Verhaltensregeln. Man sollte daher seinen Fortschritt nicht Absicht; weder hat er einen Grund, solche Arbeit nicht
begrenzen und bei moralischen Regeln stehenbleiben, zu verrichten, noch ist es für ihn notwendig, von
sondern diese transzendieren, um KŠa-Bewußtsein zu irgendeinem anderen Lebewesen abhängig zu sein.
erreichen.
ERLÄUTERUNG
VERS 17
Ein selbstverwirklichter Mensch ist nicht länger gehalten,
yas tv ātma-ratir eva syād irgendeine vorgeschriebene Pflicht zu erfüllen - außer
ātma-tptaś ca mānavaƒ Tätigkeiten im KŠa-Bewußtsein. KŠa-Bewußtsein
ātmany eva ca santu˜as bedeutet keineswegs Untätigkeit, wie in den folgenden
tasya kāryaˆ na vidyate Versen erklärt wird. Ein KŠa-bewußter Mensch sucht bei
niemandem Schutz - weder bei einem Menschen noch bei
yaƒ—jemand, der; tu—aber; ātma-ratiƒ—sich erfreut; einem Halbgott. Was immer er im KŠa-Bewußtsein tut,
eva—gewiß; syāt—bleibt; ātma-tptaƒ—im Selbst reicht aus, seine Verpflichtungen zu erfüllen.
erleuchtet; ca—und; mānavaƒ—ein Mensch; ātmani—in
sich selbst; eva—nur; ca—und; santu˜aƒ—völlig VERS 19
zufriedengestellt; tasya—seine; kāryam—Pflicht; na—
nicht; vidyate—existiert. tasmād asaktaƒ satataˆ
kāryaˆ karma samācara
ÜBERSETZUNG asakto hy ācaran karma
param āpnoti pūruaƒ
Wer jedoch im Selbst Freude findet, im Selbst erleuchtet
ist, allein im Selbst erfreut und nur im Selbst befriedigt tasmāt—daher; asaktaƒ—ohne Anhaftung; satatam—
ist - für ihn gibt es keine Pflicht. ständig; kāryam—als Pflicht; karma—Arbeit; samācara—
ausführen; asaktaƒ—ohne Anhaftung; hi—gewiß; ācaran—
ERLÄUTERUNG ausführend; karma—Arbeit; param—das Höchste; āpnoti—
erreicht; pūruaƒ—ein Mensch.
Ein Mensch, der völlig KŠa-bewußt und durch seine
Handlungen im KŠa-Bewußtsein vollauf zufrieden ist, hat ÜBERSETZUNG
keine Pflicht mehr zu erfüllen. Da er KŠa-bewußt ist, ist
alle Unreinheit in seinem Innern augenblicklich Daher sollte man, ohne an den Früchten der Tätigkeiten
fortgewaschen - eine Wirkung, die sonst nur durch viele zu haften, aus Pflichtgefühl handeln; denn wenn man
Tausende von yajñas erzielt werden kann. Durch eine ohne Anhaftung arbeitet, erreicht man das Höchste.
solche Klärung des Bewußtseins entwickelt man starkes
Vertrauen in seine ewige Stellung in Beziehung zum ERLÄUTERUNG
Höchsten. Durch die Gnade des Herrn wird daraufhin die
Pflicht von innen her deutlich, und daher hat man nicht Das Höchste ist die Persönlichkeit Gottes für die
länger irgendwelche Verpflichtungen den vedischen Gottgeweihten und Befreiung für den
Unterweisungen gegenüber. Ein solcher KŠa-bewußter Unpersönlichkeitsanhänger. Daher wird jemand, der unter
Mensch ist nicht mehr an materiellen Tätigkeiten der richtigen Führung und ohne am Ergebnis der Arbeit zu
interessiert und findet keine Freude mehr an materiellen haften, für KŠa bzw. im KŠa-Bewußtsein handelt, mit
Genüssen wie Wein, Frauen und ähnlichen Verlockungen. Sicherheit Fortschritte auf dem Pfad zum höchsten Ziel des
Lebens machen. Arjuna ist gesagt worden, er solle in der
VERS 18 Schlacht von Kuruketra für KŠas Interesse kämpfen,
weil KŠa wollte, daß er kämpfte. Ein guter Mensch oder
naiva tasya ktenārtho ein gewaltloser Mensch zu sein ist eine persönliche
nākteneha kaścana Anhaftung; wenn man aber im Auftrag des Höchsten
82

handelt, handelt man, ohne am Ergebnis zu haften. Das ist


vollkommenes Handeln; es befindet sich auf der höchsten VERS 21
Stufe und wird deshalb von Śrī KŠa, der Höchsten
Persönlichkeit Gottes, empfohlen. Vedische Rituale, wie yad yad ācarati śre˜has
zum Beispiel vorgeschriebene Opfer, werden vollzogen, tat tad evetaro janaƒ
um sich von gottlosen Tätigkeiten zu reinigen, die im sa yat pramāŠaˆ kurute
Bereich der Sinnenbefriedigung ausgeführt wurden. Aber lokas tad anuvartate
Handeln im KŠa-Bewußtsein ist transzendental zu den
Reaktionen auf gute oder schlechte Werke. Ein KŠa- yat—was immer; yat—und welche auch immer; ācarati—er
bewußter Mensch haftet nicht am Ergebnis, sondern handelt; śre˜haƒ—angesehener Führer; tat—das; tat—und
handelt nur für KŠa. Er verrichtet die unterschiedlichsten das allein; eva—gewiß; itaraƒ—gewöhnlicher; janaƒ—
Tätigkeiten, bleibt aber völlig unangehaftet. Mensch; saƒ—er; yat—welchen auch immer; pramāŠam—
Beweis; kurute—erbringt; lokaƒ—alle Welt; tat—diesem;
VERS 20 anuvartate—folgt den Fußspuren.

karmaŠaiva hi saˆsiddhim ÜBERSETZUNG


āsthitā janakādayaƒ
loka-sa‰graham evāpi Was immer ein bedeutender Mensch tut - gewöhnliche
sampaśyan kartum arhasi Menschen folgen seinen Fußspuren. Und welche
Maßstäbe auch immer er durch sein beispielhaftes
karmaŠā—durch Arbeit; eva—sogar; hi—gewiß; Verhalten setzt - alle Welt folgt ihm nach.
saˆsiddhim—Vollkommenheit; āsthitāƒ—befindlich;
janaka-ādayaƒ—Könige wie Janaka; loka-sa‰graham—um ERLÄUTERUNG
die Menschen zu erziehen; eva—auch; api—für;
sampaśyan—überlegend; kartum—zu handeln; arhasi— Die Masse der Menschen braucht immer einen Führer, der
verdienst es. die Öffentlichkeit durch praktisches Verhalten lehren kann.
Ein Führer kann die Öffentlichkeit nicht lehren, mit dem
ÜBERSETZUNG Rauchen aufzuhören, wenn er selbst raucht. Śrī Caitanya
sagte, ein Lehrer solle sich schon richtig verhalten, bevor er
Selbst Könige wie Janaka und andere erreichten die zu lehren beginnt. Wer auf diese Weise lehrt, wird als
Stufe der Vollkommenheit, indem sie vorgeschriebene ācārya oder beispielhafter Lehrer bezeichnet. Deshalb muß
Pflichten erfüllten. Daher solltest du, nur um die ein Lehrer den Prinzipien der śāstras (Schriften) folgen, um
Allgemeinheit zu erziehen, deine Arbeit verrichten. den gewöhnlichen Menschen zu erreichen. Er darf keine
Regeln aufstellen, die gegen die Prinzipien der offenbarten
ERLÄUTERUNG Schriften verstoßen. Die offenbarten Schriften, wie die
Manu-saˆhitā und ähnliche andere, gelten als die
Könige wie Janaka und andere waren alle maßgebenden Bücher, denen die menschliche Gesellschaft
selbstverwirklichte Seelen, und so waren sie nicht folgen sollte. Somit sollte die Lehre des Führers auf die
verpflichtet, die in den Veden vorgeschriebenen Pflichten Grundsätze der Standardregeln gestützt sein, wie sie von
zu erfüllen. Dennoch führten sie alle vorgeschriebenen den großen Lehrern praktiziert werden. Auch das Śrīmad-
Tätigkeiten aus, um der Allgemeinheit ein Beispiel zu Bhāgavatam bestätigt, daß man den Fußspuren großer
geben. Janaka war der Vater Sītās und der Schwiegervater Gottgeweihter folgen sollte, und das ist der Weg,
Śrī Rāmas. Als großer Geweihter des Höchsten Herrn war Fortschritte auf dem Pfad der spirituellen Erkenntnis zu
er in der Transzendenz verankert, doch weil er zur gleichen machen. Der König oder das Oberhaupt eines Staates, der
Zeit König von Mithilā war (einem Bezirk der Provinz Vater und der Schullehrer werden alle als natürliche Führer
Behar in Indien), mußte er seine Untertanen lehren, wie der unschuldigen Menschen im allgemeinen angesehen. All
man in einer Schlacht ehrenhaft kämpft. Er und seine diese natürlichen Führer tragen eine große Verantwortung
Untertanen kämpften, um die Menschen im allgemeinen zu für ihre Abhängigen; daher müssen sie mit den
lehren, daß in einer Situation, wo gute Argumente nichts maßgebenden Büchern der moralischen und spirituellen
nutzen, Gewalt ebenfalls notwendig ist. Vor der Schlacht Gesetze vertraut sein.
von Kuruketra war, selbst von der Höchsten Persönlichkeit
Gottes, jede Anstrengung unternommen worden, die VERS 22
Schlacht zu vermeiden, doch die Gegenseite war
entschlossen zu kämpfen. In solch einem Fall ist es also na me pārthāsti kartavyaˆ
notwendig, für die gerechte Sache zu kämpfen. Obwohl triu lokeu kiñcana
jemand, der sich im KŠa-Bewußtsein befindet, kein nānavāptam avāptavyaˆ
Interesse an der materiellen Welt hat, arbeitet er dennoch, varta eva ca karmaŠi
um die Öffentlichkeit zu lehren, wie man leben und
handeln soll. Erfahrene Menschen im KŠa-Bewußtsein na—keine; me—Meine; pārtha—o Sohn Pthās; asti—es
können in einer Weise handeln, daß andere ihnen folgen gibt; kartavyam—irgendeine vorgeschriebene Pflicht;
werden, und dies wird im folgenden Vers erklärt. triu—in den drei; lokeu—Planetensystemen; kiñcana—
83

irgend etwas; na—keine; anavāptam—benötigen; jātu karmaŠy atandritaƒ


avāptavyam—zu erlangen; varte—beschäftigt; eva—gewiß; mama vartmānuvartante
ca—auch; karmaŠi—in seiner vorgeschriebenen Pflicht. manuyāƒ pārtha sarvaśaƒ

ÜBERSETZUNG yadi—wenn; hi—gewiß; aham—Ich; na—nicht;


varteyam—in dieser Weise Mich beschäftige; jātu—jemals;
O Sohn Pthās, in allen drei Planetensystemen gibt es karmaŠi—in der Erfüllung vorgeschriebener Pflichten;
keine Arbeit, die Mir vorgeschrieben ist. Weder mangelt atandritaƒ—mit großer Sorgfalt; mama—Meinem;
es Mir an etwas, noch muß Ich irgend etwas erreichen - vartma—Pfad; anuvartante—würde folgen; manuyāƒ—
und dennoch bin ich mit Arbeit beschäftigt. alle Menschen; pārtha—o Sohn Pthās; sarvaśaƒ—in jeder
Hinsicht.
ERLÄUTERUNG
ÜBERSETZUNG
Die Höchste Persönlichkeit Gottes wird in den Veden wie
folgt beschrieben: Denn würde Ich keine Arbeit verrichten, o Pārtha,
folgten gewiß alle Menschen Meinem Pfad.
tam iśvarāŠāˆ paramaˆ maheśvaraˆ
taˆ devatānāˆ paramaˆ ca daivatam ERLÄUTERUNG
patiˆ patīnāˆ paramaˆ parastād
vidāma devaˆ bhuvaneśam īyam Um den sozialen Frieden für den Fortschritt im spirituellen
Leben aufrechtzuerhalten, gibt es traditionelle
na tasya kāryaˆ karaŠaˆ ca vidyate Familiengebräuche, die für jeden zivilisierten Menschen
na tat-samaś cābhyadhikaś ca dśyate bestimmt sind. Obwohl solche Regeln und Vorschriften nur
parāsya śaktir vividhaiva śrūyate für die bedingten Seelen, und nicht für Śrī KŠa, gelten,
svā-bhāvikī jñāna-bala-kriyā ca folgte Er dennoch diesen vorgeschriebenen Regeln, da Er
erschien, um die Prinzipien der Religion festzulegen.
"Der Höchste Herr ist der Herrscher aller anderen Andernfalls würden gewöhnliche Menschen Seinen
Herrscher, und Er ist der größte von all den verschiedenen Fußspuren folgen, da Er die größte Autorität ist. Aus dem
planetarischen Führern. Jeder untersteht Seiner Herrschaft. Śrīmad-Bhāgavatam erfahren wir, daß Śrī KŠa sowohl zu
Alle Lebewesen werden allein vom Höchsten Herrn mit Hause als auch außerhalb Seines Hauses alle religiösen
bestimmter Macht ausgestattet; sie sind nicht selbst die Pflichten erfüllte, die einem Haushälter vorgeschrieben
Höchsten. Er ist auch für alle Halbgötter verehrenswert und sind.
ist der höchste Lenker unter allen Lenkern. Deshalb steht
Er in transzendentaler Stellung zu allen Arten von VERS 24
materiellen Führern und Herrschern und ist für alle
verehrenswert. Es gibt niemanden, der größer ist als Er, und utsīdeyur ime lokā
Er ist die höchste Ursache aller Ursachen. Er besitzt keine na kuryāˆ karma ced aham
körperliche Form wie die eines gewöhnlichen Lebewesens. sa‰karasya ca kartā syām
Es besteht kein Unterschied zwischen Seinem Körper und upahanyām imāƒ prajāƒ
Seiner Seele. Er ist absolut. All Seine Sinne sind
transzendental. Jeder Seiner Sinne kann die Funktion jedes utsīdeyuƒ—würde zugrunde richten; ime—alle diese;
anderen Sinnes erfüllen. Daher ist niemand größer als Er lokāƒ—Welten; na—nicht; kuryām-erfülle; karma—
oder kommt Ihm gleich. Seine Kräfte sind mannigfaltig, vorgeschriebene Pflichten; cet—wenn; aham—Ich;
und so werden all Seine Taten in einem natürlichen Ablauf sa‰karasya—unerwünschte Bevölkerung; ca—und; kartā—
von selbst ausgeführt." (Śvetāśvatara Upaniad 6.7-8) Schöpfer; syām—werde sein; upahanyām—zerstören;
Da alles in vollem Reichtum in der Persönlichkeit Gottes imāƒ—all diese; prajāƒ—Lebewesen.
vorhanden ist und in voller Wahrheit existiert, gibt es für
die Höchste Persönlichkeit Gottes keine Pflicht zu erfüllen. ÜBERSETZUNG
Jemand, der die Ergebnisse der Arbeit empfangen muß, hat
eine bestimmte Pflicht, aber jemand, für den es innerhalb Würde Ich aufhören zu arbeiten, gingen alle Welten
der drei Planetensysteme nichts zu erreichen gibt, hat gewiß zugrunde. Auch wäre Ich die Ursache für die
keine Pflicht. Und trotzdem tritt Śrī KŠa auf dem Entstehung unerwünschter Bevölkerung und würde
Schlachtfeld von Kuruketra als Führer der katriyas auf, dadurch den Frieden aller fühlenden Wesen zerstören.
da die katriyas verpflichtet sind, die Leidenden zu
beschützen. Obwohl Er über allen Regulierungen der ERLÄUTERUNG
offenbarten Schriften steht, tut Er nichts, was die
offenbarten Schriften verletzt. VarŠa-sa‰kara ist unerwünschte Bevölkerung, die den
Frieden der allgemeinen Gesellschaft stört. Um diese
VERS 23 soziale Störung zu vermeiden, gibt es vorgeschriebene
Regeln und Regulierungen, durch die die Gesellschaft von
yadi hy ahaˆ na varteyaˆ selbst friedlich und geordnet werden kann, so daß
84

spiritueller Fortschritt im Leben möglich ist. Wenn Śrī


KŠa erscheint, richtet Er Sich natürlich nach solchen saktāƒ-angehaftet sein; karmaŠi-vorgeschriebenen
Regeln und Regulierungen, um das Ansehen und die Pflichten; avidvāˆsaƒ-die Unwissenden; yathā-soviel wie;
Notwendigkeit dieser wichtigen Vorschriften zu erhalten. kurvanti-tun es; bhārata-o Nachkomme Bhāratas; kuryāt-
Der Herr ist der Vater aller Lebewesen, und wenn die müssen tun; vidvān-die Gelehrten; tathā-so; asaktaƒ-ohne
Lebewesen irregeführt werden, fällt die Verantwortung Anhaftung; cikīruƒ-wünschend zu; loka-sa‰graham-die
indirekt auf den Herrn. Wann immer daher regulierende Masse der Menschen zu führen.
Prinzipien allgemein mißachtet werden, erscheint der Herr
Selbst und berichtigt die Gesellschaft. Wir sollten jedoch ÜBERSETZUNG
sorgsam zur Kenntnis nehmen, daß wir, obwohl wir den
Fußspuren des Herrn folgen müssen, uns dennoch stets Im Gegensatz zu den Unwissenden, die ihre Pflichten
daran zu erinnern haben, daß wir Ihn nicht nachahmen mit Anhaftung an Ergebnisse erfüllen, sollten die
können. Folgen und Imitieren befinden sich nicht auf der Gelehrten ohne jede Anhaftung handeln, um somit die
gleichen Ebene. Wir können den Herrn nicht nachahmen, Menschen auf den rechten Pfad zu führen.
indem wir den Govardhana-Hügel hochheben, wie es der
Herr in Seiner Kindheit tat. Das ist für jeden Menschen ERLÄUTERUNG
unmöglich. Wir müssen Seinen Anweisungen folgen, doch
dürfen wir Ihn niemals imitieren. Das Śrīmad-Bhāgavatam Ein KŠa-bewußter Mensch und jemand, der nicht KŠa-
(10.33.30) bestätigt dies: bewußt ist, unterscheiden sich durch ihre unterschiedlichen
Wünsche. Ein KŠa-bewußter Mensch tut nichts, was nicht
naitat samācarej jātu manasāpi hy anīśvaraƒ für die Entwicklung von KŠa-Bewußtsein förderlich ist.
vinaśyaty ācaran mauhyād yathā 'rudro 'bdhijaˆ viam Er mag sogar genauso handeln wie der Unwissende, der zu
sehr an materiellen Tätigkeiten haftet, aber der eine
īvarāŠāˆ vacaƒ satyaˆ tathaivācaritaˆ kvacit verrichtet solche Tätigkeiten, um seine Sinne zu
teāˆ yat sva-vaco yuktaˆ buddhimāˆs tat samācaret befriedigen, während der andere tätig ist, um KŠa zu
erfreuen. Folglich muß der KŠa-bewußte Mensch seinen
"Man sollte einfach den Anweisungen des Herrn und Seiner Mitmenschen zeigen, wie man handelt und die Ergebnisse
ermächtigten Diener folgen. Ihre Anweisungen sind für alle des Tuns für den Zweck des KŠa-Bewußtseins verwendet.
gut, und jeder intelligente Mensch wird sich genau nach
ihnen richten. Man sollte sich jedoch vor dem Versuch VERS 26
hüten, ihre Taten nachzuahmen. Man sollte nicht
versuchen, einen Ozean von Gift zu trinken, weil man Śiva na buddhi-bhedaˆ janayed
imitieren will." ajñānāˆ karma-sa‰ginām
Wir sollten immer die Stellung der īśvaras oder derjenigen, joayet sarva-karmāŠi
die tatsächlich die Bewegung der Sonne und des Mondes vidvān yuktaƒ samācaran
lenken können, als uns übergeordnet betrachten. Ohne
selbst solche Macht zu besitzen, kann man die īśvaras, die na-tun nicht; buddhi-bhedam-die Intelligenz zerspalten;
übermächtig sind, nicht nachahmen. Śiva trank einen janayet-tun; ajñānām-der Törichten; karma-sa‰ginām-
ganzen Ozean von Gift, aber wenn ein gewöhnlicher fruchtbringender Arbeit verhaftet; joayet-verbunden;
Mensch versucht, auch nur eine kleine Menge solchen sarva-alle; karmāŠi-Arbeit; vidvān-die Gelehrten; yuktaƒ-
Giftes zu trinken, wird er den Tod finden. Es gibt viele alle beschäftigt; samācaran-zu praktizieren.
Pseudo-Geweihte Śivas, die gāñjā (Marihuana) und
ähnliche berauschende Drogen rauchen, jedoch dabei ÜBERSETZUNG
vergessen, daß sie den Tod sehr nah zu sich rufen, wenn sie
so Śivas Taten imitieren. In ähnlicher Weise gibt es einige Die Weisen sollten den Geist der Unwissenden, die an
Pseudo-Geweihte Śrī KŠas, die mit Vorliebe den Herrn in fruchtbringendem Tun haften, nicht verwirren. Sie
Seinem rāsa-līlā, Seinem Liebestanz, nachahmen, aber sollten nicht dazu ermutigt werden, sich von ihrer
vergessen, daß sie unfähig sind, den Govardhana-Hügel Arbeit zurückzuziehen, sondern Arbeit im Geist der
hochzuheben. Es ist daher das beste, nicht zu versuchen, Hingabe zu verrichten.
die Mächtigen nachzuahmen, sondern einfach ihren
Anweisungen zu folgen; auch sollte man nicht versuchen, ERLÄUTERUNG
ohne Qualifikation ihre Posten zu besetzen. Es gibt so viele
"Inkarnationen" Gottes, die die Macht des Höchsten Herrn Vedaiś ca sarvair aham eva vedyaƒ: Das ist das Ziel aller
nicht besitzen. vedischen Rituale. Alle Rituale, alle Opferdarbringungen
und alles, was sonst noch in den Veden niedergelegt ist,
VERS 25 einschließlich aller Anleitungen zu materiellen Tätigkeiten,
sollen dazu beitragen, KŠa, das endgültige Ziel des
saktāƒ karmaŠy avidvāˆso Lebens, zu verstehen. Weil aber die bedingten Seelen nichts
yathā kurvanti bhārata außer Sinnenbefriedigung kennen, studieren sie die Veden
kuryād vidvāˆs tathāsaktaś mit dieser Absicht. Durch Regulierung der Sinne wird man
cikīrur loka-saŠgraham jedoch allmählich auf die Stufe des KŠa-Bewußtseins
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erhoben. Deshalb sollte eine verwirklichte Seele im KŠa- der Sinne bekannt ist, denn durch den langen Mißbrauch
Bewußtsein andere bei ihren Tätigkeiten oder in ihrem seiner Sinne für Sinnenbefriedigung ist er einfach verwirrt
Verständnis nicht stören, sondern sie sollte handeln, um zu durch das falsche Ego, das ihn seine ewige Beziehung zu
zeigen, wie die Ergebnisse aller Arbeit in den Dienst KŠa vergessen läßt.
KŠas gestellt werden können. Der gelehrte, KŠa-
bewußte Mensch sollte so handeln, daß der unwissende VERS 28
Mensch, der für die Befriedigung seiner Sinne arbeitet,
lernen kann, wie man handeln und sich verhalten soll. tattvavit tu mahā-bāho
Wenn auch der Unwissende bei seinem Tun nicht gestört guŠa-karma-vibhāgayoƒ
werden soll, so kann doch jemand, der ein wenig KŠa- guŠā guŠeu vartanta
Bewußtsein entwickelt hat, unmittelbar im Dienst des Herrn iti matvā na sajjate
beschäftigt werden, ohne anderen vedischen Vorschriften
folgen zu müssen. Für einen solchen, vom Glück tattvavit-der Kenner der Absoluten Wahrheit; tu-aber;
begünstigten Menschen ist es nicht notwendig, die mahā-bāho-o Starkarmiger; guŠa-karma-Arbeiten unter
vedischen Rituale zu beachten, denn in direktem KŠa- materiellem Einfluß; vibhā-gayoƒ-Unterschiede; guŠāƒ-
Bewußtsein kann man alle Ergebnisse bekommen, indem Sinne; guŠeu-mit Sinnenbefriedigung; vartante-
man einfach seine jeweiligen vorgeschriebenen Pflichten beschäftigt; iti-so; matvā-denkend; na-niemals; sajjate-wird
erfüllt. angehaftet.

VERS 27 ÜBERSETZUNG

prakteƒ kriyamāŠāni Wer die Absolute Wahrheit kennt, o Starkarmiger,


guŠaiƒ karmāŠi sarvaśaƒ befaßt sich nicht mit den Sinnen und mit
aha‰kāra-vimūhātmā Sinnenbefriedigung, da er sehr wohl den Unterschied
kartāham iti manyate zwischen Arbeit in Hingabe und Arbeit für
fruchtbringende Ergebnisse kennt.
prakteƒ—von der materiellen Natur; kriyamāŠāni—werden
alle ausgeführt; guŠaiƒ-durch die Erscheinungsweisen; ERLÄUTERUNG
karmāŠi—Tätigkeiten; sarvaśaƒ—alle Arten von;
aha‰kāra-vimūha—durch falsches Ego verwirrt; ātmā— Wer die Absolute Wahrheit kennt, ist sich seiner
die spirituelle Seele; kartā—Handelnder; aham—ich; iti— fürchterlichen Lage in der materiellen Welt bewußt. Er
so; manyate-denkt. weiß, daß er ein winziger Teil der Höchsten Persönlichkeit
Gottes, KŠas, ist und daß er sich eigentlich nicht in der
ÜBERSETZUNG materiellen Schöpfung aufhalten sollte. Er kennt seine
wirkliche Identität als ein Teilchen des Höchsten, der ewige
Die verwirrte Seele hält sich, unter dem Einfluß der drei Glückseligkeit und ewiges Wissen ist, und er erkennt, daß
Erscheinungsweisen der materiellen Natur, für den er auf irgendeine Weise von der materiellen
Ausführenden von Tätigkeiten, die in Wirklichkeit von Lebensauffassung gefangen ist. In seinem reinen
der Natur verrichtet werden. Seinszustand ist er dafür bestimmt, seine Tätigkeiten in den
hingebungsvollen Dienst der Höchsten Persönlichkeit
ERLÄUTERUNG Gottes, KŠas, zu stellen. Er beschäftigt sich daher mit den
Tätigkeiten des KŠa-Bewußtseins und löst sich so auf
Zwei Menschen, die die gleiche Arbeit verrichten - der eine natürliche Weise von den umstandsbedingten und
im KŠa-Bewußtsein und der andere im materiellen zeitweiligen Tätigkeiten der materiellen Sinne. Er weiß,
Bewußtsein -, scheinen auf der gleichen Ebene zu handeln, daß seine materiellen Lebensumstände der höchsten
doch liegt zwischen ihren jeweiligen Positionen ein Kontrolle des Herrn unterstehen, und folglich fühlt er sich
gewaltiger Unterschied. Der Mensch im materiellen durch materielle Reaktionen, gleich welcher Art, nicht
Bewußtsein ist aufgrund von falschem Ego davon gestört, da er sie als die Barmherzigkeit des Herrn
überzeugt, alles selbst zu tun. Er weiß nicht, daß der betrachtet. Dem Śrīmad-Bhāgavatam zufolge wird jemand,
Mechanismus des Körpers ein Produkt der materiellen der die Absolute Wahrheit in Ihren drei verschiedenen
Natur ist, die unter der Aufsicht des Höchsten Herrn Aspekten kennt, nämlich als Brahman, als Paramātmā und
arbeitet. Der Materialist weiß nicht, daß er letztlich unter als die Höchste Persönlichkeit Gottes, tattvavit genannt, da
KŠas Kontrolle steht. Der Mensch unter dem Einfluß des er auch seine eigene tatsächliche Stellung in Beziehung
falschen Ego bildet sich ein, alles unabhängig zu tun, und zum Höchsten kennt.
daran erkennt man seine Unwissenheit. Er weiß nicht, daß
sein grob- und feinstofflicher Körper auf Anordnung der VERS 29
Höchsten Persönlichkeit Gottes von der materiellen Natur
geschaffen wurden und daß er daher seinen Körper und prakter guŠa-saˆmūhāƒ
seinen Geist im Dienste KŠas, im KŠa-Bewußtsein, sajjante guŠa-karmasu
beschäftigen sollte. Der Unwissende vergißt, daß die tān aktsna-vido mandān
Höchste Persönlichkeit Gottes als Hīkeśa oder der Meister ktsna-vin na vicālayet
86

nirāśīr nirmamo bhūtvā


prakteƒ—getrieben von den materiellen yudhyasva vigata-jvaraƒ
Erscheinungsweisen; guna-saˆmūhāƒ—getäuscht durch
Identifizierung mit der Materie; sajjante-werden beschäf- mayi—Mir; sarvāŠi—alle Arten von; karmāŠi—
tigt; guŠa-karmasu—mit materiellen Tätigkeiten; tān—all Tätigkeiten; sannyasya—vollständig hingebend;
jene; aktsna-vidaƒ— Menschen mit einem geringen Maß adhyātma—mit vollkommenem Wissen vom Selbst;
an Wissen; mandān—zu träge, um Selbstverwirklichung zu cetasā—Bewußtsein; nirāśīƒ—ohne Verlangen nach
verstehen; ktsna-vit—jemand, der in wahrem Wissen Gewinn; nirmamaƒ—ohne Besitzanspruch; bhūtvā—so
gründet; na—sollen nicht; vicālayet—versuchen zu erregen. seiend; yudhyasva—kämpfe; vigata-jvaraƒ—ohne
gleichgültig zu sein.
ÜBERSETZUNG
ÜBERSETZUNG
Verwirrt durch die Erscheinungsweisen der materiellen
Natur, gehen die Unwissenden ausschließlich Deshalb kämpfe, o Arjuna, indem du all deine
materiellen Tätigkeiten nach und entwickeln somit Handlungen Mir hingibst und deinen Geist auf Mich
Anhaftung. Aber der Weise sollte sie nicht beunruhigen, richtest, ohne Verlangen nach Gewinn und frei von
obwohl diese Pflichten aufgrund des Mangels an Wissen Egoismus und Gleichgültigkeit.
seitens der Ausführenden von niederer Natur sind.
ERLÄUTERUNG
ERLÄUTERUNG
Dieser Vers deutet klar den Zweck der Bhagavad-gītā an.
Menschen, die nicht intelligent sind, identifizieren sich Der Herr unterweist uns, daß man, um völlig KŠa-bewußt
fälschlich mit dem groben materiellen Bewußtsein und sind zu werden, seine Pflichten wie in militärischer Disziplin
voller materieller Bezeichnungen. Unser Körper ist ein erfüllen muß. Eine solche Unterweisung mag die Dinge ein
Geschenk der materiellen Natur, und jemand, der zu sehr wenig schwierig machen; aber trotzdem müssen Pflichten
am körperlichen Bewußtsein haftet, wird als mandān in Abhängigkeit von KŠa ausgeführt werden, weil das die
bezeichnet oder einer, der träge ist und kein Verständnis wesensgemäße Stellung des Lebewesens ist. Das
von der spirituellen Seele hat. Unwissende halten den Lebewesen kann nicht unabhängig von der
Körper für das Selbst; körperliche Verbindungen mit Zusammenarbeit mit dem Höchsten Herrn glücklich sein,
anderen werden für Verwandtschaft gehalten, das Land, in da es die ewige, wesensgemäße Stellung des Lebewesens
dem der Körper geboren wurde, ist das Objekt der ist, sich den Wünschen des Herrn unterzuordnen. Arjuna
Verehrung, und die formellen religiösen Rituale werden als bekam daher von Śrī KŠa den Befehl zu kämpfen, als
Selbstzweck betrachtet. Sozialarbeit, Nationalismus und wäre der Herr sein militärischer Befehlshaber. Man muß
Altruismus sind einige der Tätigkeiten für solche Menschen alles opfern, um das Wohlwollen des Höchsten Herrn zu
mit materiellen Bezeichnungen. Im Banne solcher erlangen, und zur gleichen Zeit muß man seine
Bezeichnungen sind sie auf der materiellen Ebene immer vorgeschriebenen Pflichten erfüllen, ohne irgendwelchen
sehr geschäftig; für sie ist spirituelle Verwirklichung ein Besitzanspruch zu erheben. Arjuna brauchte sich über den
Mythos, und daher sind sie nicht daran interessiert. Befehl des Herrn keine Gedanken zu machen; er brauchte
Verwirrte Menschen dieser Art mögen sich sogar mit solch Seinen Befehl nur auszuführen. Der Höchste Herr ist die
grundlegenden Moralprinzipien wie Gewaltlosigkeit und Seele aller Seelen; wer sich daher voll und ganz, ohne
ähnlichen, in materieller Hinsicht wohltätigen Werken persönlichen Vorbehalt, vom Höchsten Herrn abhängig
beschäftigen. Diejenigen, die dagegen im spirituellen macht, oder mit anderen Worten, wer völlig KŠa-bewußt
Leben erleuchtet sind, sollten nicht versuchen, solche von ist, wird als adhyātma-cetasā bezeichnet. Nirāśīƒ bedeutet,
der Materie gefesselten Menschen zu beunruhigen. Besser, daß man nach der Anweisung des Meisters handeln muß.
man geht seinen eigenen spirituellen Tätigkeiten in aller Auch sollte man niemals fruchttragende Ergebnisse
Stille nach. erwarten. Der Kassierer mag für seinen Arbeitgeber
Menschen, die unwissend sind, können Tätigkeiten im Millionen von Mark zählen, doch beansprucht er keinen
KŠa-Bewußtsein nicht wertschätzen, und daher rät uns Śrī einzigen Pfennig für sich selbst. In ähnlicher Weise muß
KŠa, sie nicht zu stören und damit kostbare Zeit zu man erkennen, daß nichts auf der Welt einem bestimmten
verschwenden. Aber die Geweihten des Herrn sind gütiger Menschen gehört, sondern daß alles das Eigentum des
als der Herr Selbst, weil sie die Absicht des Herrn Höchsten Herrn ist. Das ist die wirkliche Bedeutung von
verstehen. Folglich nehmen sie alle möglichen Wagnisse mayi oder "Mir". Wenn man in solchem KŠa-Bewußtsein
auf sich und gehen sogar so weit, daß sie unwissende handelt, beansprucht man sicherlich nichts als sein
Menschen ansprechen, um zu versuchen, sie in den Eigentum. Dieses Bewußtsein nennt man nirmama oder
Tätigkeiten des KŠa-Bewußtseins zu beschäftigen, die für "nichts gehört mir". Und wenn gegen einen solch strengen
den Menschen absolut notwendig sind. Befehl, der keine Rücksicht auf sogenannte Verwandte
oder körperliche Beziehungen nimmt, irgendein Widerwille
VERS 30 besteht, sollte man diese Abneigung von sich werfen; auf
diese Weise kann man vigata-jvara, das heißt frei von
mayi sarvāŠi karmāŠi fiebriger Mentalität oder Lethargie werden. Jeder muß,
sannyasyādhyātma-cetasā seinen Eigenschaften und seiner Stellung gemäß, eine
87

bestimmte Tätigkeit ausüben, und all diese Pflichten tān—sie sind; viddhi—wisse wohl; na˜ān—alle zugrunde
mögen, wie oben beschrieben wurde, im KŠa-Bewußtsein gerichtet; acetasaƒ—ohne KŠa-Bewußtsein.
erfüllt werden. Das wird einen auf den Pfad der Befreiung
führen. ÜBERSETZUNG

VERS 31 Diejenigen aber, die aus Neid diese Lehren mißachten


und nicht regelmäßig danach handeln, sind allen
ye me matam idaˆ nityam Wissens beraubt, getäuscht und zu Unwissenheit und
anuti˜hanti mānavāƒ Knechtschaft verdammt.
śraddhāvanto'nasūyanto
mucyante te'pi karmabhiƒ ERLÄUTERUNG

ye-diejenigen; me—Meine; matam—Unterweisungen; Der Fehler, nicht KŠa-bewußt zu sein, wird hier klar zum
idam—diese; nityam—ewige Funktion; anuti˜hanti— Ausdruck gebracht. So wie Ungehorsam gegenüber einer
regelmäßig ausführen; mānavāƒ—Menschheit; Verfügung des Staatspräsidenten bestraft wird, so wird
śraddhāvantaƒ—mit Glauben und Hingabe; anasūyantaƒ- auch mit Gewißheit Ungehorsam gegenüber der Anordnung
ohne Neid; mucyante—werden frei; te-sie alle; api—sogar; der Höchsten Persönlichkeit Gottes bestraft. Ein
karmabhiƒ—von der Fessel an das Gesetz fruchtbringenden ungehorsamer Mensch - er mag noch so bedeutend sein -
Tuns. weiß nichts von seinem Selbst, vom Höchsten Brahman,
vom Paramātmā und von der Persönlichkeit Gottes, weil
ÜBERSETZUNG sein Herz leer ist. Daher gibt es für ihn keine Hoffnung,
sein Leben zur Vollkommenheit zu führen.
Wer seine Pflichten nach Meinen Unterweisungen
erfüllt und dieser Lehre mit Glauben und Hingabe folgt, VERS 33
ohne neidisch zu sein, wird von der Fessel
fruchtbringender Werke befreit. sadśaˆ ce˜ate svasyāƒ
prakter jñānavān api
ERLÄUTERUNG praktiˆ yānti bhūtāni
nigrahah kiˆ kariyati
Die Unterweisung der Höchsten Persönlichkeit Gottes,
KŠas, ist die Essenz aller vedischen Weisheit und ist sadśam—entsprechend; ce˜ate—versucht; svasyāƒ—nach
daher ausnahmslos ewiglich wahr. So, wie die Veden ewig seiner eigenen Natur; prakteƒ—Erscheinungsweisen;
sind, so ist auch diese Wahrheit des KŠa-Bewußtseins jñānavān—der Gelehrte; api—obwohl; praktim— Natur;
ewig. Man sollte festes Vertrauen in diese Unterweisung yānti—unterziehen sich; bhūtāni—alle Lebewesen;
haben und den Herrn nicht beneiden. Es gibt viele nigrahaƒ—Unterdrückung; kim—was; kariyati—kann tun.
Philosophen, die Kommentare zur Bhagavad-gītā
schreiben, aber nicht an KŠa glauben. Sie werden niemals ÜBERSETZUNG
von der Fessel des fruchtbringenden Tuns befreit werden.
Aber ein gewöhnlicher Mensch mit festem Glauben an die Selbst ein Mensch des Wissens handelt seinem Wesen
ewigen Unterweisungen des Herrn wird, selbst wenn er gemäß, denn jeder folgt seiner Natur. Was kann
unfähig ist, solchen Anweisungen zu folgen, von der Fessel Unterdrückung ausrichten?
des Gesetzes des karma befreit. Zu Beginn des KŠa-
Bewußtseins mag man die Anweisungen des Herrn nicht ERLÄUTERUNG
vollständig ausführen, aber weil man sich diesem Prinzip
nicht widersetzt und ernsthaft handelt, ohne Niederlage und Solange man sich nicht auf der transzendentalen Ebene des
Hoffnungslosigkeit zu beachten, wird man mit Sicherheit KŠa-Bewußtseins befindet, kann man nicht vom Einfluß
auf die Ebene des reinen KŠa-Bewußtseins erhoben der Erscheinungsweisen der materiellen Natur frei werden,
werden. wie vom Herrn im Siebten Kapitel (7.14) bestätigt wird.
Daher ist es selbst dem gebildetsten Menschen auf der
VERS 32 weltlichen Ebene unmöglich, durch theoretisches Wissen
oder durch Unterscheidung der Seele vom Körper aus der
ye tv etad abhyasūyanto Verstrickung māyās herauszukommen. Es gibt viele
nānuti˜hanti me matam sogenannte Spiritualisten, die nach außen hin so tun, als
sarva-jñāna-vimūhāˆs tān seien sie in dieser Wissenschaft fortgeschritten, aber
viddhi na˜ān acetasaƒ innerlich oder im stillen völlig unter dem Einfluß der
jeweiligen Erscheinungsweisen der Natur stehen, die sie
ye-diejenigen; tu—jedoch; etat—dieses; abhyasūyantaƒ— nicht überwinden können. Akademisch mag man sehr
aus Neid; na—nicht; anuti˜hanti—regelmäßig ausführen, gelehrt sein, doch aufgrund der langen Gemeinschaft mit
me—Meine; matam—Unterweisung; sarva-jñāna—alle der materiellen Natur lebt man in Gefangenschaft. KŠa-
Arten von Wissen; vimūhān—vollkommen getäuscht; Bewußtsein hilft einem, sich aus der materiellen
Verstrickung zu lösen, auch wenn man weiter seinen
88

vorgeschriebenen Pflichten nachkommen mag. Deshalb materieller Gemeinschaft schon seit sehr, sehr langer Zeit
sollte niemand, ohne völlig KŠa-bewußt zu sein, plötzlich in uns. Es besteht daher trotz geregelten Sinnengenusses
seine vorgeschriebenen Pflichten aufgeben und künstlich immer die Möglichkeit, zu Fall zu kommen; deshalb muß
ein sogenannter yogī oder Transzendentalist werden. Es ist auch jede Anhaftung an geregelten Sinnengenuß unter allen
besser, in seiner Position zu bleiben und zu versuchen, Umständen vermieden werden. Aber das Handeln im
unter höherer Anleitung KŠa-Bewußtsein zu erreichen. So liebevollen Dienst für KŠa löst einen von allen Arten
mag man aus der Gewalt māyās befreit werden. sinnlicher Tätigkeiten. Niemand sollte daher auf
irgendeiner Stufe des Lebens versuchen, vom KŠa-
VERS 34 Bewußtsein losgelöst zu sein. Der ganze Sinn der
Loslösung von allen Arten der sinnlichen Anhaftung
indriyasyendriyasyārthe besteht letztlich darin, auf der Ebene des KŠa-
rāga-dveau vyavasthitau Bewußtseins verankert zu werden.
tayor na vaśam āgacchet
tau hy asya paripanthinau VERS 35

indriyasya—der Sinne; indriyasya arthe—in den śreyān sva-dharmo viguŠaƒ


Sinnesobjekten; rāga—Anhaftung; dveau—auch in para-dharmāt svanu˜hitāt
Loslösung; vyavasthitau—unter Regulierungen gestellt; sva-dharme nidhanaˆ śreyaƒ
tayoƒ—von innen; na—niemals; vaśam—Herrschaft; para-dharmo bhayāvahaƒ
āgacchet—man sollte kommen; tau—diejenigen; hi—sind
gewiß; asya—seine; paripanthinau—Hindernisse. śreyān—weit besser; sva-dharmaƒ—seine
vorgeschriebenen Pflichten; viguŠaƒ-sogar fehlerhaft;
ÜBERSETZUNG para-dharmāt—von Pflichten, die für andere bestimmt
sind; svanu˜hitāt—als vollkommen ausgeführt;
Verkörperte Wesen empfinden gegenüber sva-dharme—in seinen vorgeschriebenen Pflichten;
Sinnesobjekten Anziehung und Abneigung, doch sollte nidhanam—Zerstörung; śreyaƒ—besser; para-dharmaƒ—
man nicht unter die Herrschaft von Sinnen und Pflichten, die anderen vorgeschrieben sind;
Sinnesobjekten geraten, denn sie sind Hindernisse auf bhaya-āvahaƒ—gefährlich.
dem Pfad der Selbstverwirklichung.
ÜBERSETZUNG
ERLÄUTERUNG
Es ist weit besser, die eigenen vorgeschriebenen
Denen, die KŠa-bewußt sind, widerstrebt es Pflichten zu erfüllen, auch wenn sie fehlerhaft sein
natürlicherweise, sich materieller Sinnenbefriedigung zu mögen, als die Pflichten eines anderen. Es ist besser, bei
ergeben. Aber diejenigen, die nicht mit diesem Bewußtsein der Erfüllung der eigenen Pflicht ins Verderben zu
leben, sollten den Regeln und Regulierungen der stürzen, als den Pflichten eines anderen
offenbarten Schriften folgen. Ungezügelter Sinnengenuß ist nachzukommen; denn dem Pfad eines anderen zu folgen
die Ursache für Gefangenschaft in der Materie, doch wird ist gefährlich.
jemand, der den Regeln und Regulierungen der offenbarten
Schriften folgt, durch die Sinnesobjekte nicht verstrickt. ERLÄUTERUNG
Sexueller Genuß zum Beispiel ist ein Bedürfnis der
bedingten Seele, und in einer ehelichen Verbindung ist Man sollte daher lieber seine vorgeschriebenen Pflichten in
Sexualität gestattet. Die Anweisungen der Schriften völligem KŠa-Bewußtsein erfüllen, als Pflichten
verbieten beispielsweise sexuelle Beziehungen mit jeder nachzukommen, die anderen vorgeschrieben sind.
Frau außer der eigenen. Jede andere Frau sollte man als Vorgeschriebene Pflichten ergänzen unseren
seine Mutter ansehen. Aber trotz solcher Vorschriften neigt psychosomatischen Zustand im Bann der
ein Mann dazu, sexuelle Beziehungen mit anderen Frauen Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Spirituelle
zu unterhalten. Diese Neigungen müssen bezwungen Pflichten sind Pflichten, die der spirituelle Meister für den
werden; sie werden sonst zu Hindernissen auf dem Pfad der transzendentalen Dienst KŠas anordnet. Aber ganz gleich,
Selbstverwirklichung. Solange der materielle Körper da ist, ob im materiellen oder spirituellen Bereich, man sollte
dürfen die Bedürfnisse des materiellen Körpers befriedigt selbst angesichts des Todes lieber zu seinen Pflichten
werden, jedoch nach Regeln und Vorschriften. Dennoch stehen als die Pflichten eines anderen nachahmen. Pflichten
sollten wir nicht auf die Kontrolle solcher Bewilligungen auf der materiellen Ebene und Pflichten auf der spirituellen
bauen. Man muß diesen Regeln und Regulierungen folgen, Ebene mögen voneinander verschieden sein, doch das
ohne an ihnen zu haften, denn auch Sinnenbefriedigung Prinzip, der autorisierten Weisung zu folgen, ist für den
unter Regulierungen kann einen vom rechten Weg Ausführenden immer vorteilhaft. Wenn man im Bann der
abbringen, ebenso wie selbst auf Hauptstraßen immer die Erscheinungsweisen der materiellen Natur steht, sollte man
Möglichkeit eines Unfalls besteht. Obwohl solche Straßen den für bestimmte Situationen vorgeschriebenen Regeln
sorgsam in gutem Zustand gehalten werden, kann doch folgen, und nicht andere imitieren. Zum Beispiel ist ein
niemand garantieren, daß nicht auch auf der sichersten brāhmaŠa, der sich in der Erscheinungsweise der Tugend
Straße Gefahr lauert. Der Geist des Genießens ist aufgrund befindet, gewaltlos, wohingegen es einem katriya, der sich
89

in der Erscheinungsweise der Leidenschaft befindet, erlaubt VERS 37


ist, Gewalt anzuwenden. Für einen katriya ist es daher
besser, getötet zu werden, während er den Regeln der śrī bhagavān uvāca
Gewalt folgt, als einen brāhmaŠa nachzuahmen, der den kāma ea krodha ea
Prinzipien der Gewaltlosigkeit folgt. Jeder muß sein Herz rajoguŠa-samudbhavaƒ
durch einen allmählichen Vorgang läutern, nicht abrupt. mahā-śano mahā-pāpmā
Wenn jemand jedoch die Erscheinungsweisen der viddhy enam iha vairiŠam
materiellen Natur transzendiert und völlig im KŠa-
Bewußtsein verankert ist, kann er unter der Führung des śrī bhagavān uvāca—die Persönlichkeit Gottes sprach;
echten spirituellen Meisters alles und jedes tun. Auf dieser kāmaƒ—Lust; eaƒ—all diese; krodhaƒ—Zorn; eaƒ—all
vollkommenen Stufe des KŠa-Bewußtseins mag ein diese; rajo-guŠa—die Erscheinungsweise der Leidenschaft;
katriya als brāhmaŠa oder ein brāhmaŠa als katriya samudbhavaƒ—geboren aus; mahā-śanaƒ—
handeln. Auf der transzendentalen Ebene gelten die alles-verschlingend; mahāpāpmā—überaus sündig;
Unterschiede der materiellen Welt nicht. Zum Beispiel war viddhi—wisse; enam—dieses; iha—in der materiellen Welt;
Viśvāmitra ursprünglich ein katriya, doch handelte er vairiŠam—größter Feind.
später als brāhmaŠa, während Paraśurāma ein brāhmaŠa
war und später als katriya handelte. Da sie in der ÜBERSETZUNG
Transzendenz verankert waren, konnten sie dies tun, doch
solange man sich auf der materiellen Ebene befindet, muß Der Segenspendende Herr sprach: Es ist Lust allein,
man seine Pflichten in Entsprechung zu den Arjuna, die aus Berührung mit den materiellen
Erscheinungsweisen der materiellen Natur erfüllen. Zur Erscheinungsweisen der Leidenschaft geboren und
gleichen Zeit muß man sich über KŠa-Bewußtsein voll im später in Zorn umgewandelt wird. Sie ist der alles-
klaren sein. verschlingende, sündige Feind dieser Welt.

VERS 36 ERLÄUTERUNG

arjuna uvāca Wenn ein Lebewesen mit der materiellen Schöpfung in


atha kena prayukto’yaˆ Berührung kommt, wird seine ewige Liebe zu KŠa durch
pāpaˆ carati pūruaƒ die Verbindung mit der Erscheinungsweise der
anicchann api vārŠeya Leidenschaft in Lust umgewandelt. Oder mit anderen
balād iva niyojitaƒ Worten: Die Empfindung der Liebe zu Gott wird in Lust
umgewandelt, ebenso wie Milch in Berührung mit saurer
arjunaƒ uvāca—Arjuna sagte; atha—hiernach; kena— Tamarinde zu Yoghurt wird. Wenn dann die Lust
durch was; prayuktaƒ—getrieben; ayam—man; pāpam— unbefriedigt bleibt, wandelt sie sich in Zorn; aus Zorn
Sünden; carati—handelt; pūruaƒ—ein Mensch; entsteht Illusion, und aufgrund von Illusion ist man
anicchan—ohne es zu wollen; api—obwohl; vārŠeya—o gezwungen, das materielle Dasein weiter fortzusetzen.
Nachkomme VŠis; balāt—durch Gewalt; iva—als ob; Folglich ist Lust der größte Feind des Lebewesens. Und es
niyojitaƒ—beschäftigt. ist Lust allein, die das reine Lebewesen veranlaßt, in der
materiellen Welt verstrickt zu bleiben. Zorn ist eine
ÜBERSETZUNG Manifestation der Erscheinungsweise der Unwissenheit -
diese Erscheinungsweise äußert sich durch Zorn und andere
Arjuna sagte: O Nachkomme VŠis, durch was wird Folgeerscheinungen. Wenn man daher nach der
man getrieben, sündig zu handeln - sogar wider Willen, vorgeschriebenen Methode lebt und handelt und somit von
wie unter Zwang? der Erscheinungsweise der Leidenschaft zur
Erscheinungsweise der Tugend erhoben wird, anstatt zur
ERLÄUTERUNG Erscheinungsweise der Unwissenheit abzusinken, kann man
durch spirituelle Anhaftung vor der Entartung durch den
Ein Lebewesen ist, als winziger Teil des Höchsten, Zorn gerettet werden.
ursprünglich spirituell, rein und frei von allen materiellen Der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, erweiterte
Verunreinigungen. Deshalb ist es von Natur aus den Sich in viele, um Sich Seiner ewig anwachsenden
Sünden der materiellen Natur nicht ausgesetzt. Doch wenn spirituellen Glückseligkeit zu erfreuen, und die Lebewesen
es mit der materiellen Natur in Berührung ist, begeht es, sind Teile dieser spirituellen Glückseligkeit. Auch besitzen
ohne zu zögern, viele Sünden - manchmal sogar gegen sie eine bedingte Unabhängigkeit, doch durch den
seinen Willen. Deshalb ist Arjunas Frage an KŠa nach der Mißbrauch ihrer Unabhängigkeit - wenn die dienende
pervertierten Natur der Lebewesen sehr dringlich. Obwohl Haltung in die Neigung zu Sinnengenuß umgewandelt wird
das Lebewesen manchmal nicht sündig handeln will, ist es -, geraten sie unter die Herrschaft der Lust. Die materielle
dennoch dazu gezwungen. Sündhafte Handlungen werden Schöpfung ist vom Herrn geschaffen worden, um den
jedoch nicht von der Überseele im Innern veranlaßt, bedingten Seelen die Möglichkeit zu geben, diese
sondern haben eine andere Ursache, wie der Herr im lustvollen Neigungen zu befriedigen, und wenn sie von
nächsten Vers erklärt. ihren anhaltenden lustvollen Tätigkeiten völlig enttäuscht
90

sind, beginnen die Lebewesen, nach ihrer eigentlichen der Bäume verglichen werden. Die Bäume sind ebenfalls
Stellung zu fragen. Lebewesen, aber aufgrund ihrer sehr starken Äußerung von
Mit dieser Frage beginnen die Vedānta-sūtras, wo es heißt: Lust sind sie in einen solchen Lebensumstand versetzt
athāto brahma-jijñāsā. "Man soll nach dem Höchsten worden, daß sie beinahe ohne jedes Bewußtsein sind. Der
fragen." Und das Höchste wird im Śrīmad Bhāgavatam bedeckte Spiegel wird mit den Vögeln und Säugetieren und
definiert als janmādyasya yato 'nvayād itarataś ca, das das von Rauch bedeckte Feuer mit dem Menschen
heißt: "Der Ursprung allen Seins ist das Höchste Brahman." verglichen. In der Form eines Menschen mag das
Folglich hat auch die Lust ihren Ursprung im Höchsten. Lebewesen sein KŠa-Bewußtsein ein wenig
Wenn deshalb die Lust in Liebe zum Höchsten wiederbeleben, und wenn es sich weiter entwickelt, kann
umgewandelt wird, das heißt in KŠa-Bewußtsein, oder das Feuer des spirituellen Lebens in der menschlichen Form
mit anderen Worten, wenn man alle Wünsche auf KŠa entfacht werden. Wenn man mit dem Rauch im Feuer
richtet, dann können sowohl Lust als auch Zorn sorgfältig umgeht, kann das Feuer zum Lodern gebracht
spiritualisiert werden. Hanumān, der große Diener Śrī werden. Deshalb ist die menschliche Lebensform eine
Rāmas, richtete seine Zorn gegen seine Feinde, um den Gelegenheit für das Lebewesen, der Verstrickung des
Herrn zu erfreuen. Deshalb werden Lust und Zorn, wenn materiellen Daseins zu entkommen. In der menschlichen
sie im KŠa-Bewußtsein beschäftigt werden, zu unseren Lebensform kann man den Feind, die Lust, besiegen, indem
Freunden statt zu unseren Feinden. man unter kundiger Führung KŠa-Bewußtsein kultiviert.

VERS 38 VERS 39

dhūmenāvriyate vahnir āvtaˆ jñānam etena


yathādarśo malena ca jñānino nitya-vairiŠā
yatholbenāvto garbhas kāma-rūpeŠa kaunteya
tathā tenedam āvtam dupūreŠānalena ca

dhūmena—von Rauch; āvriyate—bedeckt; vahniƒ—Feuer; āvtam—bedeckt; jñānam—reines Bewußtsein; etena—


yathā—so wie; ādarśaƒ—Spiegel; malena—von Staub, durch dieses; jñāni-naƒ—des Kenners; nitya-vairiŠā—
ca—auch; yathā—so wie; ulbena—vom Mutterleib; ewige Feindin; kāma-rūpeŠa—in Form von Lust;
āvtaƒ—ist bedeckt; garbhaƒ—Embryo; tathā—so; tena— kaunteya—o Sohn Kuntīs; dupūreŠa—niemals zu
von dieser Lust; idam—dieses; āvtam—ist bedeckt. befriedigen; analena—durch das Feuer; ca—auch.

ÜBERSETZUNG ÜBERSETZUNG

Wie Feuer von Rauch, ein Spiegel von Staub und ein So wird das reine Bewußtsein eines Menschen von seiner
Embryo vom Mutterleib bedeckt ist, so wird das ewigen Feindin in der Form von Lust bedeckt, die
Lebewesen von verschiedenen Graden dieser Lust niemals befriedigt werden kann und die wie Feuer
bedeckt. brennt.

ERLÄUTERUNG ERLÄUTERUNG

Es gibt drei Grade von Bedeckung des Lebewesens, durch In der Manu-smti heißt es, daß Lust durch kein noch so
die sein reines Bewußtsein verfinstert wird. Diese großes Ausmaß an Sinnengenuß befriedigt werden kann,
Bedeckung ist nichts anderes als Lust in verschiedenen ebenso wie Feuer niemals durch eine ständige Zufuhr von
Manifestationen und wird mit Rauch im Feuer, Staub auf Öl gelöscht wird. In der materiellen Welt ist der
dem Spiegel und dem Mutterleib über einem Embryo Mittelpunkt aller Tätigkeiten Sex, und daher wird die
verglichen. Wenn Lust mit Rauch verglichen wird, bedeutet materielle Welt als maithuŠya-āgāra oder die Ketten des
dies, daß das Feuer des lebendigen Funkens ein wenig Geschlechtslebens bezeichnet. In einem gewöhnlichen
wahrgenommen werden kann. Mit anderen Worten: Wenn Gefängnis werden Verbrecher hinter Gittern festgehalten;
das Lebewesen sein KŠa-Bewußtsein ein wenig entfaltet, in ähnlicher Weise werden die Verbrecher, die gegen die
mag es mit dem von Rauch bedeckten Feuer verglichen Gesetze des Herrn verstoßen, durch Sexualität in Ketten
werden. Obwohl dort, wo Rauch ist, notwendigerweise gelegt. Fortschritt der materiellen Zivilisation auf der
Feuer sein muß, gibt es auf der frühen Stufe keine Grundlage von Sinnenbefriedigung bedeutet, die Dauer der
offenkundige Manifestation von Feuer. Diese Stufe materiellen Existenz eines Lebewesens zu verlängern.
entspricht dem Beginn des KŠa-Bewußtseins. Der Staub Daher ist die Lust das Symbol der Unwissenheit, durch die
auf dem Spiegel bezieht sich auf einen Reinigungsvorgang das Lebewesen in der materiellen Welt gehalten wird.
des Spiegels des Geistes durch vielfältige spirituelle Während des Genusses sinnlicher Befriedigung mag es so
Methoden. Der beste Vorgang ist das Chanten der Heiligen etwas wie ein Glücksgefühl geben, doch in Wirklichkeit ist
Namen des Herrn. Der vom Mutterleib bedeckte Embryo ist dieses sogenannte Glücksgefühl der eigentliche Feind des
ein Vergleich, der eine hilflose Lage illustrieren soll, denn Sinnengenießers.
das Kind im Mutterschoß ist so hilflos, daß es sich nicht
einmal bewegen kann. Dieser Lebenszustand kann mit dem VERS 40
91

gewiß; enam—dieses; jñāna—Wissen; vijñāna—


indriyāŠi mano buddhir wissenschaftliches Wissen der reinen Seele; nāśanam—
asyādhi˜hānam ucyate Zerstörerin.
etair vimohayaty ea
jñānam āvtya dehinam ÜBERSETZUNG

indriyāŠi—die Sinne; manaƒ—der Geist; buddhiƒ—die Deshalb, o Arjuna, bester der Bhāratas, bezwinge gleich
Intelligenz; asya—der Lust; adhi˜hānam—Aufenthaltsort; zu Anfang dieses große Symbol der Sünde [die Lust],
ucyate—genannt; etaiƒ—von all diesen; vimohayati— indem du die Sinne regulierst, und erschlage diese
verwirrt; eaƒ—von diesem; jñānam—Wissen; āvtya— Zerstörerin des Wissens und der Selbstverwirklichung.
bedeckend; dehinam—des Verkörperten.
ERLÄUTERUNG
ÜBERSETZUNG
Der Herr gab Arjuna den Rat, die Sinne von Anfang an zu
Die Sinne, der Geist und die Intelligenz sind die regulieren, so daß er die größte sündige Feindin, die Lust,
Wohnstätten dieser Lust, die das wirkliche Wissen des bezwingen könne, die den Drang nach
Lebewesens verschleiert und das Lebewesen verwirrt. Selbstverwirklichung und besonders das Wissen vom Selbst
zerstört. Jñānam bezieht sich auf das Wissen, das das Selbst
ERLÄUTERUNG vom Nicht-Selbst unterscheidet, oder mit anderen Worten,
auf das Wissen darum, daß die spirituelle Seele nicht der
Der Feind hat verschiedene strategische Punkte im Körper Körper ist. Vijñānam bezieht sich auf spezifisches Wissen
der bedingten Seele besetzt, und daher weist Śrī KŠa auf von der spirituellen Seele, ihrer wesensgemäßen Stellung
diese Stellen hin, damit derjenige, der den Feind besiegen und ihrer Beziehung zur Höchsten Seele. Dies wird im
will, weiß, wo er ihn finden kann. Der Geist ist das Śrīmad Bhāgavatam wie folgt erklärt:
Zentrum aller Tätigkeiten der Sinne, und somit ist der Geist
das Behältnis aller Pläne für Sinnenbefriedigung; als Folge jñānaˆ parama-guhyaˆ me
werden Geist und Sinne zu Sammelplätzen der Lust. Als yad-vijñāna-samanvitam
nächstes wird die Intelligenz-Abteilung zum Hauptort solch sarahasyaˆ tad-a‰gaˆ ca
lustvoller Neigungen. Die Intelligenz ist die unmittelbare ghāna gaditaˆ mayā
Nachbarin der Seele. Die lustvolle Intelligenz beeinflußt die
Seele, das falsche Ego anzunehmen und sich mit Materie "Das Wissen vom Selbst und vom Höchsten Selbst ist sehr
und folglich mit Geist und Sinnen zu identifizieren. Die vertraulich und geheimnisvoll, da es von māyā verschleiert
Seele verfällt dem Genuß der materiellen Sinne und hält wird, doch solches Wissen und besonders die
dies fälschlich für wahres Glück. Diese falsche Verwirklichung können verstanden werden, wenn sie vom
Identifizierung der Seele wird sehr schön im Śrīmad- Herrn Selbst erklärt werden."
Bhāgavatam erklärt. Die Bhagavad-gītā gibt uns dieses Wissen, besonders
Wissen vom Selbst. Die Lebewesen sind winzige Teile des
yasyātma-buddhiƒ kuŠāpe tri-dhātuke Herrn, und daher besteht ihre Aufgabe einfach darin, dem
sva-dhīƒ kalatrādiu bhauma idyadhīƒ Herrn zu dienen. Dieses Bewußtsein nennt man KŠa-
yat-tīrtha-buddhiƒ salite na karhicij Bewußtsein. Man muß also vom Beginn des Lebens an
janev abhijñeu sa eva gokharaƒ dieses KŠa-Bewußtsein erlernen, und so mag man völlig
KŠa-bewußt werden und dementsprechend handeln.
"Ein Mensch, der den Körper, der aus drei Elementen Lust ist nur die verzerrte Spiegelung der Liebe zu Gott, die
geschaffen ist, mit seinem Selbst identifiziert, die für jedes Lebewesen natürlich ist. Wenn man aber gleich
Nebenprodukte des Körpers für seine Verwandten hält, sein von Anfang an im KŠa-Bewußtsein erzogen wird, kann
Geburtsland als verehrungswürdig betrachtet und einen diese natürliche Gottesliebe nicht zu Lust entarten. Wenn
Pilgerort besucht, um dort nur ein Bad zu nehmen, statt Gottesliebe zu Lust entartet, ist es sehr schwierig, zum
Weise mit transzendentalem Wissen aufzusuchen, muß als normalen Zustand zurückzukehren. Nichtsdestoweniger ist
Esel oder Kuh betrachtet werden." KŠa-Bewußtsein so mächtig, daß sogar ein Mensch, der
spät beginnt, lernen kann, Gott zu lieben, indem er den
VERS 41 regulierenden Prinzipien des hingebungsvollen Dienstes
folgt. Man kann also von jeder Stufe des Lebens aus, bzw.
tasmāt tvam indriyāŠy ādau dann, wenn man die dringende Notwendigkeit einsieht,
niyamya bharatarabha beginnen, seine Sinne im hingebungsvollen Dienst des
pāpmānaˆ prajahi hy enaˆ Herrn zu regulieren, und so die Lust in Liebe zu Gott
jñāna-vijñāna-nāśanam umwandeln - der höchsten Vollkommenheit des
menschlichen Lebens.
tasmāt—deshalb; tvam—du; indriyāŠi—Sinne; ādau—am
Anfang; niyamya—durch Regulierungen; bharatarabha— VERS 42
o Oberhaupt unter den Nachkommen Bhāratas; pāpmānam-
das große Symbol der Sünde; prajahi—bezwinge; hi— indriyāŠi parāŠy āhur
92

indriyebhyaƒ paraˆ manaƒ KŠa-Bewußtsein beschäftigt, indem man sich völlig der
manasas tu parā buddhir Höchsten Persönlichkeit Gottes ergibt, dann wird der Geist
yo buddheƒ paratas tu saƒ von selbst stärker, und obwohl die Sinne sehr stark sind,
wie Schlangen, werden sie nicht wirksamer sein als
indriyāŠī—Sinne; parāŠi—höher; āhuƒ—man sagt; Schlangen mit herausgebrochenen Giftzähnen. Aber
indriyebhyaƒ—mehr als die Sinne; param—höher; manaƒ— obwohl die Seele Herr über die Intelligenz und den Geist
der Geist; manasaƒ—mehr als der Geist; tu—auch; parā— und auch die Sinne ist, besteht doch immer die Gefahr,
höher; buddhiƒ—Intelligenz; yaƒ—einer, der; bhuddheƒ— durch den in Erregung geratenen Geist zu Fall zu kommen,
mehr als die Intelligenz; parataƒ—höher; tu—aber; saƒ— solange die Seele nicht durch Gemeinschaft mit KŠa im
er. KŠa-Bewußtsein gestärkt ist.

ÜBERSETZUNG VERS 43

Die aktiven Sinne sind der leblosen Materie überlegen; evaˆ buddheƒ paraˆ buddhvā
der Geist steht über den Sinnen; die Intelligenz steht saˆstabhyātmānam ātmanā
über dem Geist, und sie [die Seele] steht sogar noch jahi śatruˆ mahā-bāho
über der Intelligenz. kāma-rūpaˆ durāsadam

ERLÄUTERUNG evam—so; bhuddheƒ—der Intelligenz; param—höher;


buddhvā—dies wissend; saˆstabhya-durch Festigen;
Die Sinne sind verschiedene Ventile für die Tätigkeit der ātmānam—den Geist; ātmanā—durch überlegende
Lust. Die Lust sammelt sich im Körper, aber durch die Intelligenz; jahi—besiege; śatrum—den Feind;
Sinne ist ihr ein Ventil geschaffen. Daher stehen die Sinne mahā-bāho—o Starkarmiger; kāmarūpam—in Form von
über dem Körper als Ganzes. Diese Ventile sind nicht in Lust; durāsadam—furchtbar.
Gebrauch, wenn ein höheres Bewußtsein, das heißt KŠa-
Bewußtsein, vorhanden ist. Im KŠa-Bewußtsein stellt die ÜBERSETZUNG
Seele eine direkte Verbindung mit der Höchsten
Persönlichkeit Gottes her. Deshalb enden die Wenn man also weiß, daß man transzendental zu den
Körperfunktionen, wie hier beschrieben wird, letztlich in materiellen Sinnen, dem Geist und der Intelligenz ist,
der Höchsten Seele. Mit körperlicher Tätigkeit sind die sollte man das niedere Selbst durch das höhere Selbst
Funktionen der Sinne gemeint, und die Funktionen der beherrschen und so - kraft spiritueller Stärke - diese
Sinne einzustellen bedeutet, alle körperlichen Tätigkeiten unersättliche Feindin, die Lust, bezwingen.
zu beenden. Aber weil der Geist tätig ist, wird er auch dann
handeln, wenn der Körper still und in Ruhe ist, wie es ERLÄUTERUNG
während des Träumens geschieht. Über dem Geist aber
steht die Entschlossenheit der Intelligenz, und über der Dieses Dritte Kapitel der Bhagavad-gītā lenkt schlüssig
Intelligenz befindet sich die Seele. Wenn daher die Seele zum KŠa-Bewußtsein hin, indem man sich als der ewige
direkt mit dem Höchsten beschäftigt ist, werden Diener der Höchsten Persönlichkeit Gottes erkennt, ohne
natürlicherweise alle anderen Untergeordneten, nämlich die die unpersönliche Leere als das endgültige Ziel zu
Intelligenz, der Geist und die Sinne, von selbst beschäftigt betrachten. Im materiellen Leben wird man mit Sicherheit
sein. In der Ka˜ha Upaniad gibt es einen Abschnitt, wo es von Neigungen zu Lust und dem Wunsch nach Herrschaft
heißt, daß die Objekte der Sinnenbefriedigung den Sinnen über die Schätze der materiellen Natur beeinflußt. Das
überlegen sind und daß der Geist über den Sinnesobjekten Begehren nach Herrschaft und die Begierde nach
steht. Wenn daher der Geist ständig direkt im Dienst des Sinnenbefriedigung sind die größten Feinde der bedingten
Herrn tätig ist, gibt es für die Sinne keine Möglichkeit, in Seele; doch durch die Stärke des KŠa-Bewußtseins kann
anderer Weise aktiv zu werden. Diese Geisteshaltung man die materiellen Sinne, den Geist und die Intelligenz
wurde schon erklärt. Wenn der Geist im transzendentalen beherrschen. Man sollte seine Arbeit und seine
Dienst des Herrn beschäftigt ist, hat er keine Möglichkeit, vorgeschriebenen Pflichten nicht plötzlich aufgeben, doch
niedrigen Neigungen nachzugehen. In der Ka˜ha Upaniad wenn man allmählich KŠa-Bewußtsein entwickelt, kann
wurde die Seele als mahān oder die Große beschrieben. man durch stetige Intelligenz, die auf die reine Identität
Folglich steht die Seele über allem, das heißt den gerichtet ist, in einer transzendentalen Stellung verankert
Sinnesobjekten, den Sinnen, dem Geist und der Intelligenz. werden, ohne von den materiellen Sinnen und dem Geist
Die wesensgemäße Stellung der Seele zu verstehen ist beeinflußt zu sein. Das ist die Essenz dieses Kapitels. Auf
daher die Lösung des ganzen Problems. der unreifen Stufe materieller Existenz können
Mit Intelligenz muß man die wesensgemäße Stellung der philosophische Spekulationen und künstliche Versuche, die
Seele herausfinden und dann den Geist immer im KŠa- Sinne durch die sogenannte Übung von yoga-Stellungen zu
Bewußtsein beschäftigen. Das löst das ganze Problem. kontrollieren, einem Menschen nicht helfen, spirituelles
Einem Spiritualisten, der neu ist, wird im allgemeinen Leben zu erlangen. Er muß durch höhere Intelligenz im
geraten, sich von den Objekten der Sinne fernzuhalten. KŠa-Bewußtsein geschult werden.
Man muß den Geist stärken, indem man die Intelligenz
benutzt. Wenn man kraft seiner Intelligenz den Geist im
93

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum


Dritten Kapitel der Śrīmad Bhagavad-gītā mit dem Titel:
"Karma-yoga".
94

VIERTES KAPITEL "Laßt mich", sprach Brahmā, "Govinda [KŠa], die


Höchste Persönlichkeit Gottes, verehren, der die
ursprüngliche Person ist und unter dessen Anweisung die
Transzendentales Wissen Sonne, der König aller Planeten, unermeßliche Kraft und
Hitze annimmt. Die Sonne repräsentiert das Auge des
VERS 1 Herrn und folgt, Seinem Befehl gehorchend, ihrem Lauf."
Die Sonne ist der König aller Planeten, und der Sonnengott
śrī bhagavān uvāca (zur Zeit ist es Vivasvān) regiert den Sonnenplaneten, der
imaˆ vivasvate yogaˆ alle anderen Planeten beherrscht, indem er sie mit Wärme
proktavān aham avyayam und Licht versorgt. Die Sonne rotiert unter dem Befehl
vivasvān manave prāha KŠas, und Śrī KŠa machte ursprünglich Vivasvān zu
manur ikvākave'bravīt Seinem ersten Schüler, der die Wissenschaft von der
Bhagavad-gītā verstehen sollte. Die Gītā ist daher keine
śrī bhagavān uvāca—die Höchste Persönlichkeit Gottes spekulative Abhandlung für den unbedeutenden weltlichen
sprach; imam—dieses; vivasvate-den Sonnengott; yogam— Gelehrten, sondern ein Standardbuch des Wissens, das uns
die Wissenschaft von der Beziehung zum Höchsten; seit unvordenklichen Zeiten überliefert wird. Im Mahā-
proktavān—unterwies; aham—Ich; avyayam— bhārata (Śānti-parva 348.5l-52) können wir die
unvergängliche; vivasvān— Vivasvān (der Name des Geschichte der Gītā zurückverfolgen:
Sonnengottes); manave—dem Vater der Menschheit
(namens Vaivasvata); prāha—teilte mit; manuƒ—der Vater tretā-yugādau ca tato vivasvān manave dadau
der Menschheit; ikvākave-zu König Ikvāku; abravīt— manuś ca loka-bhty-arthaˆ sutāyekvākave dadau
sagte. ikvākuŠā ca kathito vyāpya lokān avasthitāƒ

ÜBERSETZUNG „Zu Beginn des Tretā-yuga wurde diese Wissenschaft von


der Beziehung zum Höchsten von Vivasvān an Manu
Der Segenspendende Herr sprach: Ich unterwies den weitergegeben. Manu, der Vater der Menschheit, lehrte sie
Sonnengott, Vivasvān, in dieser unvergänglichen seinem Sohn, Mahārāja Ikvāku, dem König der Erde und
Wissenschaft des yoga; Vivasvān unterwies Manu, den Vorvater der Raghu-Dynastie, in der Śrī Rāmacandra
Vater der Menschheit, darin, und Manu seinerseits erschien. In der menschlichen Gesellschaft gab es die
unterwies Ikvāku. Bhagavad-gītā also seit der Zeit Mahārāja Ikvākus."
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind erst 5 000 Jahre von
ERLÄUTERUNG den insgesamt 432 000 Jahren des Kali-yuga vergangen.
Vor diesem Zeitalter gab es das Dvāpara-yuga (864 000
Hier finden wir die Geschichte der Bhagavad-gītā, die sich Jahre) und davor das Tretā-yuga (l 296 000 Jahre). Manu
bis in ferne Zeiten zurückverfolgen läßt, als sie dem sprach die Bhagavad-gītā also vor etwa 2 165 000 Jahren
königlichen Stand, das heißt den Königen aller Planeten, zu seinem Sohn und Schüler Mahārāja Ikvāku, dem König
verkündet wurde. Diese Wissenschaft ist besonders für den des Planeten Erde. Das Zeitalter des gegenwenigen Manu
Schutz der Bevölkerung bestimmt, und daher sollte der wird auf eine Länge von etwa 305 300 000 Jahre geschätzt,
königliche Stand sie verstehen, um fähig zu sein, die von denen bisher 120 400 000 vergangen sind. Wenn man
Bürger zu regieren und vor der materiellen Fessel der Lust akzeptiert, daß die Gītā vor der Geburt Manus vom Herrn
zu beschützen. Das menschliche Leben ist dafür bestimmt, zu Seinem Schüler, dem Sonnengott Vivasvān, gesprochen
spirituelles Wissen in ewiger Beziehung zur Höchsten wurde, dann wurde die Gītā, nach einer groben Schätzung,
Persönlichkeit Gottes zu kultivieren, und die Oberhäupter vor mindestens 120 400 000 Jahren verkündet, und in der
aller Staaten und aller Planeten sind dazu verpflichtet, menschlichen Gesellschaft gab es sie für 2 000 000 Jahre.
dieses Wissen den Bürgern durch Erziehung, Kultur und Vor 5 000 Jahren sprach der Herr die Bhagavad-gītā erneut
Hingabe zu vermitteln. Mit anderen Worten: Die zu Arjuna. Das ist in groben Zügen die Geschichte der
Oberhäupter aller Staaten sollten die Wissenschaft des Gītā, nach den Aussagen der Gītā selbst und nach der
KŠa-Bewußtseins verbreiten, so daß die Menschen diese Version Śrī KŠas, des Sprechers. Sie wurde zum Sonnen-
große Wissenschaft nutzen und einem erfolgreichen Pfad gott Vivasvān gesprochen, da dieser ebenfalls ein katriya
folgen, indem sie die Gelegenheit der menschlichen Form und der Vater aller katriyas ist, die Nachkommen des
des Lebens wahrnehmen. Sonnengottes und damit sūrya-vaˆśa-katriyas sind. Weil
In diesem Zeitalter ist der Sonnengott als Vivasvān die Bhagavad-gītā den Veden gleichwertig ist, da sie von
bekannt, der König der Sonne, die der Ursprung aller der Höchsten Persönlichkeit Gottes gesprochen wurde,
Planeten im Sonnensystem ist. In der Brahmasaˆhitā wird ihr Wissen als apaurueya oder übermenschlich
(5.52) heißt es: bezeichnet. Und da die vedischen Unterweisungen ohne
menschliche Interpretation so akzeptiert werden, wie sie
yac-cakur ea savitā sakala-grahāŠāˆ sind, muß auch die Gītā ohne weltliche Interpretation
rājā samasta-sura-mūrttir aśea-tejāƒ akzeptiert werden. Weltliche Streithähne mögen über die
yasyājñayā bhramati sambhta-kālacakro Gītā in ihrer eigenen Weise spekulieren, aber was dabei
govindam ādi-puruaˆ tam ahaˆ bhajāmi herauskommt, ist nicht die Bhagavad-gītā, wie sie ist.
Daher muß die Bhagavad-gītā so akzeptiert werden, wie
95

sie ist, von der Schülernachfolge, und es ist hier VERS 3


beschrieben, daß der Herr zum Sonnengott sprach; der
Sonnengott sprach zu seinem Sohn Manu und Manu sprach sa evāyaˆ mayā te'dya
zu seinem Sohn Ikvāku. yogaƒ proktaƒ purātanaƒ
bhakto'si me sakhā ceti
VERS 2 rahasyaˆ hy etad uttamam

evaˆ paramparā-prāptam saƒ—die gleiche uralte; eva—gewiß; ayam—dieses;


imaˆ rājarayo viduƒ mayā—von Mir; te—zu dir; adya—heute; yogaƒ—die
sa kāleneha mahatā Wissenschaft des yoga; proktaƒ—gesprochen; purātanaƒ—
yogo na˜aƒ parantapa sehr alt; bhaktaƒ—Geweihter; asi—du bist; me—Mein;
sakhā—Freund; ca—auch; iti—daher; rahasyam—
evam—so; paramparā—Schülernachfolge; prāptam— Mysterium; hi—gewiß; etat—dieses; uttamam—
empfangen; imam—diese Wissenschaft; rājarayaƒ—die transzendentale.
heiligen Könige; viduƒ—verstanden; saƒ—dieses Wissen;
kālena—im Laufe der Zeit; iha—in dieser Welt; mahatā— ÜBERSETZUNG
von großen; yogaƒ—die Wissenschaft von der Beziehung
zum Höchsten; na˜aƒ—verstreut; parantapa—o Arjuna, Diese uralte Wissenschaft von der Beziehung zum
Bezwinger der Feinde. Höchsten wird dir heute von Mir mitgeteilt, weil du
Mein Geweihter und auch Mein Freund bist; deshalb
ÜBERSETZUNG kannst du das transzendentale Mysterium dieser
Wissenschaft verstehen.
Diese erhabene Wissenschaft wurde so durch die Kette
der Schülernachfolge empfangen, und die heiligen ERLÄUTERUNG
Könige verstanden sie auf diese Weise. Aber im Laufe
der Zeit wurde die Nachfolge unterbrochen, und daher Es gibt zwei Klassen von Menschen, nämlich den
scheint die Wissenschaft, wie sie ist, verloren zu sein. Gottgeweihten und den Dämon. Der Herr wählte Arjuna
zum Empfänger dieser großen Wissenschaft, weil Arjuna
ERLÄUTERUNG auf dem Wege war, ein Geweihter des Herrn zu werden;
für einen Dämonen ist es nicht möglich, diese große
Es heißt hier eindeutig, daß die Gītā besonders für die Geheimwissenschaft zu verstehen. Es gibt zahlreiche
heiligen Könige bestimmt war, da diese durch die Ausgaben dieses großen Buches des Wissens; einige sind
Herrschaft über die Bürger den Zweck der Gītā zu erfüllen von Gottgeweihten kommentiert und andere von Dämonen.
hatten. Die Bhagavad-gītā war niemals für dämonische Die Kommentare der Gottgeweihten sind autorisiert und
Menschen bestimmt, die ihren Wert zu niemandes Nutzen daher vorteilhaft, wohingegen die Kommentare der
zerstören und alle möglichen Interpretationen je nach Dämonen wertlos sind. Arjuna erkennt Śrī KŠa als die
Laune erfinden würden. Sobald der ursprüngliche Sinn Höchste Persönlichkeit Gottes an, und jeder Kommentar
durch die Motive skrupelloser Kommentatoren entstellt zur Gītā, der in die Fußstapfen Arjunas tritt, ist wirklicher
war, entstand die Notwendigkeit, die Schülernachfolge zu hingebungsvoller Dienst im Interesse dieser bedeutenden
erneuern. Vor 5000 Jahren bemerkte der Herr Selbst, daß Wissenschaft. Dämonische Menschen dagegen erfinden
die Schulernachfolge unterbrochen war, und erklärte daher, etwas über KŠa und bringen die öffentlichen und
daß der Zweck der Bhagavad-gītā verloren zu sein schien. allgemeinen Leser vom Pfad der Unterweisungen KŠas
In ähnlicher Weise gibt es auch heutzutage so viele ab. Man sollte versuchen, der von Arjuna ausgehenden
Ausgaben der Gītā (besonders im Englischen), aber fast Schülernachfolge zu folgen, und so einen großen Nutzen
alle stimmten nicht mit den Lehren der autorisierten gewinnen.
Schülernachfolge überein. Es gibt zahllose Interpretationen
der verschiedensten weltlichen Gelehrten, doch fast alle VERS 4
akzeptieren die Höchste Persönlichkeit Gottes, KŠa,
nicht, wenngleich sie mit den Worten Śrī KŠas ein gutes arjuna uvāca
Geschäft machen. Dieser Geist ist dämonisch, denn aparaˆ bhavato janma
Dämonen glauben nicht an Gott, aber genießen das paraˆ janma vivasvataƒ
Eigentum des Höchsten. Da für eine Ausgabe der Gītā, so katham etad vijānīyāˆ
wie sie durch das paramparā-System (die tvam ādau proktavān iti
Schülernachfolge) empfangen worden ist, eine dringende
Notwendigkeit besteht, wird hiermit der Versuch arjunaƒ uvāca—Arjuna sagte; aparam—jünger;
unternommen, diesem großen Mangel abzuhelfen. Die bhavataƒ—Deine; janma—Geburt; param—älter; janma—
Bhagavad-gītā — so akzeptiert, wie sie ist — ist ein großer Geburt; vivasvataƒ—des Sonnengottes; katham—wie;
Segen für die Menschheit; wenn sie aber als eine etat—dieses; vijānīyām—soll ich verstehen; tvam—Du;
Abhandlung philosophischer Spekulationen verstanden ādau—am Anfang; proktavān—unterwiesest; iti—so.
wird, ist sie nur eine Zeitverschwendung.
ÜBERSETZUNG
96

Arjuna sagte: Der Sonnengott Vivasvān ist von Geburt śrī bhagavān uvāca
her älter als Du. Wie ist es zu verstehen, daß Du ihn am bahūni me vyatītāni
Anfang in dieser Wissenschah unterwiesen hast? janmāni tava cārjuna
tāny ahaˆ veda sarvāŠi
ERLÄUTERUNG na tvaˆ vettha parantapa

Arjuna ist ein anerkannter Geweihter des Herrn, wie śrī bhagavān uvāca—die Persönlichkeit Gottes sprach;
konnte er also KŠas Worten keinen Glauben schenken? bahūni—viele; me—Meiner; vyatītāni—sind vergangen;
Tatsache ist, daß Arjuna nicht für sich selbst fragte, janmāni—Geburten; tava—deiner; ca—und auch; arjuna—
sondern für diejenigen, die nicht an die Höchste o Arjuna; tāni—all diese; aham—Ich; veda—weiß;
Persönlichkeit Gottes glauben, oder die Dämonen, denen sarvāŠi—alle; na—nicht; tvam—du selbst; vettha—weißt;
die Vorstellung nicht behagt, daß KŠa als die Höchste parantapa—o Bezwinger des Feindes.
Persönlichkeit Gottes anerkannt werden soll. Nur für sie
fragt Arjuna so, als wäre er sich selbst nicht der ÜBERSETZUNG
Persönlichkeit Gottes oder KŠas bewußt. Wie im Zehnten
Kapitel deutlich wird, wußte Arjuna sehr wohl, daß KŠa Der Segenspendende Herr sprach: Viele, viele Geburten
die Höchste Persönlichkeit Gottes, der Urquell allen Seins haben sowohl du als auch Ich hinter uns. Ich kann Mich
und das höchste Prinzip in der Transzendenz ist. Natürlich an sie alle erinnern, doch du kannst es nicht, o
erschien KŠa auch als der Sohn Devakīs auf dieser Erde. Bezwinger des Feindes.
Wie KŠa dieselbe Höchste Persönlichkeit Gottes, die
ewige, ursprüngliche Person, blieb, ist für einen ERLÄUTERUNG
gewöhnlichen Menschen sehr schwer zu verstehen. Um
daher diesen Punkt zu klären, stellte Arjuna KŠa diese Die Brahma-saˆhitā gibt uns über sehr viele Inkarnationen
Frage, so daß der Herr Selbst als Autorität darüber des Herrn Auskunft. Es heißt dort (Bs. 5.33):
sprechen konnte. Daß KŠa die höchste Autorität ist, wird
von der ganzen Welt akzeptiert — nicht nur heute, sondern advaitam acyutam anādim ananta-rūpam
seit unvordenklichen Zeiten —, und nur die Dämonen ādyaˆ purāŠa-puruaˆ nava-yauvanaˆ ca
lehnen Ihn ab. Wie dem auch sei, da KŠa die von allen vedeu durllabham adurllabham ātma-bhaktau
anerkannte Autorität ist, stellte Arjuna Ihm diese Frage, govindam ādi-puruaˆ tam aham bhajāmi
damit KŠa Sich Selbst beschreiben konnte, ohne von den
Dämonen beschrieben zu werden, die Ihn so zu verzerren "Ich verehre Govinda [KŠa], die Höchste Persönlichkeit
versuchen, daß Er den Dämonen und ihren Anhängern Gottes, der die ursprüngliche Person ist — absolut,
verständlich ist. Es ist für jeden in seinem eigenen unfehlbar, ohne Anfang, obwohl in unzählige Formen
Interesse notwendig, die Wissenschaft von KŠa zu erweitert, dennoch der gleiche Ursprüngliche, der Älteste
kennen. Es ist daher für alle Welten segensreich, wenn und die Person, die immer in blühender Jugend erscheint.
KŠa Selbst über Sich spricht. Den Dämonen mögen Solch ewige, glückselige, allwissende Formen des Herrn
solche Erklärungen von KŠa Selbst fremd erscheinen, da werden gewöhnlich nicht einmal von den besten vedischen
die Dämonen KŠa immer nur von ihrem eigenen Gelehrten verstanden, doch reinen, unverfälschten
Standpunkt aus betrachten; aber die Gottgeweihten Gottgeweihten sind sie immer sichtbar."
begrüßen die Erklärungen KŠas, wenn sie von Ihm Selbst
gesprochen werden, mit großer Freude. Die Gottgeweihten In der Brahma-saˆhitā (5.39) heißt es auch:
werden solche autoritativen Aussagen KŠas stets
verehren, weil sie immer begierig sind, mehr und mehr rāmādi mūrttiu kalā-niyamena ti˜han
über Ihn zu erfahren. Die Atheisten, die KŠa für einen nānāvatāram akarod bhuvaneu kintu
gewöhnlichen Menschen halten, mögen auf diese Weise zu kŠaƒ svayaˆ samabhavat paramaƒ pumān yo
dem Verständnis kommen, daß KŠa übermenschlich ist, govindam ādi-puruaˆ tam ahaˆ bhajāmi
daß Er sac-cid-ānanda-vigraha ist — die ewige Gestalt der
Glückseligkeit und des Wissens —, daß Er transzendental "Ich verehre Govinda [KŠa], die Höchste Persönlichkeit
ist und daß Er über dem Herrschaftsbereich der Gottes, der Sich immer in vielfachen Inkarnationen wie
Erscheinungsweisen der materiellen Natur und über dem Rāma und Nsiˆha und auch vielen Sub-Inkarnationen
Einfluß von Raum und Zeit steht. Ein Geweihter KŠas; befindet, der aber die ursprüngliche Persönlichkeit Gottes,
wie Arjuna, steht zweifellos über jedem Mißverständnis bekannt als KŠa, ist und der Sich auch persönlich
der transzendentwen Stellung KŠas. inkarniert."
Daß Arjuna dem Herrn diese Frage stellt, ist nichts weiter Auch in den Veden wird gesagt, daß Sich der Herr, obwohl
als ein Versuch des Gottgeweihten, der atheistischen Einer ohne einen Zweiten, in unzähligen Formen
Haltung jener Menschen zu begegnen, die KŠa für einen manifestiert. Er ist wie der vaidurya-Stein, der seine Farbe
gewöhnlichen Menschen halten, der den wechselt, aber dennoch der gleiche bleibt. All diese
Erscheinungsweisen der materiellen Natur unterworfen ist. vielfaltigen Formen werden von den reinen, unverfälschten
Gottgeweihten verstanden, jedoch nicht durch ein
VERS 5 einfaches Studium der Veden: vedeu durllabham
97

adurllabham ātmabhaktau. Gottgeweihte wie Arjuna sind ajaƒ—ungeboren; api—obwohl; san—so beschaffen sein;
ständige Gefährten des Herrn, und wann immer Sich der avyaya—ohne Verfall; ātmā—Körper; bhūtānām—all jene,
Herr inkarniert, inkarnieren sich auch Seine Ihm die geboren sind; īśvaraƒ—der Höchste Herr; api—
beigesellten Geweihten, um dem Herrn in verschiedenen obwohl; san—so beschaffen; praktim—transzendentale
Eigenschaften zu dienen. Arjuna ist einer dieser Gestalt; svām—von Mir; adhi˜hāya—weil Ich so bin;
Gottgeweihten, und aus diesem Vers läßt sich ersehen, daß sambhavāmi—Ich inkarniere Mich; ātma-māyayā—durch
vor einigen Millionen von Jahren, als Śrī KŠa die Meine innere Energie.
Bhagavad-gītā zum Sonnengott Vivasvān sprach, auch
Arjuna, in einer anderen Form, gegenwärtig war. Der ÜBERSETZUNG
Unterschied zwischen dem Herrn und Arjuna besteht darin,
daß der Herr Sich an dieses Ereignis erinnerte, wohingegen Obgleich Ich ungeboren bin und Mein transzendentaler
Arjuna sich nicht daran erinnern konnte. Das ist der Unter- Körper niemals vergeht und obwohl Ich der Herr aller
schied zwischen dem winzigen, teilhaften Lebewesen und fühlenden Wesen bin, erscheine Ich in jedem Zeitalter
dem Höchsten Herrn. Obwohl Arjuna hier als mächtiger in Meiner ursprünglichen transzendentalen Gestalt.
Held bezeichnet wird, der die Feinde bezwingen konnte,
vermag er sich nicht an das zu erinnern, was sich in seinen ERLÄUTERUNG
verschiedenen vergangenen Geburten ereignet hatte. Ein
Lebewesen kann daher, ganz gleich, wie bedeutend es nach Der Herr hat über die Besonderheit Seiner Geburt
materiellen Maßstäben sein mag, dem Höchsten Herrn gesprochen: Obwohl Er wie ein gewöhnlicher Mensch
niemals gleichkommen. Jeder, der ein ständiger Begleiter erscheinen mag, erinnert Er Sich an alles, was während
des Herrn ist, ist gewiß eine befreite Seele, doch kann er Seiner vielen, vielen vergangenen "Geburten" geschah,
dem Herrn nicht ebenbürtig sein. In der Brahma-saˆhitā wohingegen sich ein gewöhnlicher Mensch nicht einmal an
(5.33) wird der Herr als unfehlbar (acyuta) beschrieben, das erinnern kann, was er vor ein paar Stunden getan hat.
was bedeutet, daß Er Sich Selbst niemals vergißt, auch Wenn jemand gefragt wird, womit er vor einem Tag zu
dann nicht, wenn Er mit der Materie in Berührung kommt. genau der gleichen Zeit beschäftigt war, würde es einem
Deshalb können der Herr und das Lebewesen niemals in gewöhnlichen Menschen sehr schwerfallen, sofort eine
jeder Hinsicht gleich sein, selbst wenn das Lebewesen so Antwort zu geben. Er müßte sicherlich sein Gedächtnis
befreit ist wie Arjuna. Obwohl Arjuna ein Geweihter des durchforschen, um sich zu erinnern, was er vor einem Tag
Herrn ist, vergißt er manchmal das Wesen des Herrn; aber zu genau der gleichen Zeit getan hat. Und dennoch wagen
durch die göttliche Gnade KŠas kann ein Gottgeweihter viele Menschen zu behaupten, sie seien Gott bzw. KŠa.
sogleich das unfehlbare Wesen des Höchsten verstehen, Man sollte sich von solch bedeutungslosen Behauptungen
wohingegen ein Nichtgottgeweihter oder Dämon dieses nicht irreführen lassen.
transzendentale Wesen nicht verstehen kann. Folglich Als nächstes erklärt der Herr Seine prakti oder Gestalt.
können diese Beschreibungen in der Gītā von dämonischen Prakti bedeutet sowohl Natur als auch svarūpa oder
Gehirnen nicht verstanden werden. KŠa erinnerte Sich an Gestalt. Der Herr sagt, daß Er in Seinem Ihm eigenen
Handlungen, die von Ihm vor Millionen von Jahren ausge- Körper erscheint. Er wechselt Seinen Körper nicht wie das
führt wurden, doch Arjuna konnte es nicht, obgleich gewöhnliche Lebewesen, das von einem Körper zum
sowohl KŠa als auch Arjuna dem Wesen nach ewig sind. anderen wandert. Die bedingte Seele mag im jetzigen
Hieraus können wir ebenfalls ersehen, daß ein Lebewesen Leben eine bestimmte Form des Körpers haben, doch hat
alles vergißt, weil es seinen Körper wechselt, der Herr Sich sie im nächsten Leben einen anderen Körper. In der
jedoch an alles erinnert, weil sich Sein materiellen Welt besitzt das Lebewesen keinen festen
sac-cid-ānanada-Körper niemals wandelt. Er ist advaita, Körper, sondern wandert von einem Körper zum anderen.
was bedeutet, daß kein Unterschied zwischen Seinem Der Herr jedoch tut dies nicht. Wann immer Er erscheint,
Körper und Ihm Selbst besteht. Alles mit Ihm Verbundene erscheint Er durch Seine innere Kraft in dem gleichen
ist spirituell, während die bedingte Seele von ihrem ursprünglichen Körper. Mit anderen Worten: KŠa
materiellen Körper verschieden ist. Und weil der Körper erscheint in dieser materiellen Welt in Seiner
und das Selbst des Herrn identisch sind, unterscheidet sich ursprünglichen, ewigen Gestalt, mit zwei Händen, eine
Seine Stellung immer von der des gewöhnlichen Flöte haltend. Er erscheint genau so, wie Er ist, in Seinem
Lebewesens, auch wenn Er auf die materielle Ebene ewigen Körper, unberührt von der materiellen Welt.
herabsteigt. Die Dämonen können sich auf dieses Obwohl Er in dem gleichen transzendentalen Körper
transzendentale Wesen des Herrn nicht einstellen, wie der erscheint und der Herr des Universums ist, scheint es
Herr im folgenden Vers erklärt. dennoch, als werde Er wie ein gewöhnliches Lebewesen
geboren. Trotz der Tatsache, daß Śrī KŠa vom Kind zum
VERS 6 Knaben und vom Knaben zum Jüngling heranwächst, wird
Er doch erstaunlicherweise niemals älter als ein Jüngling.
ajo'pi sann avyayātmā Als die Schlacht von Kuruketra stattfand, hatte Er daheim
bhūtānām īśvaro'pi san viele Enkel, das heißt, nach materieller Berechnung hatte
praktiˆ svām adhi˜hāya Er bereits ein hohes Alter erreicht. Dennoch sah Er aus wie
sambhavāmy ātma-māyayā ein Jüngling von zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren.
Wir sehen niemals ein Bild, das KŠa als alten Mann
zeigt, da Er niemals alt wird wie wir, obwohl Er — in
98

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft — der Älteste in


der ganzen Schöpfung ist. Weder Sein Körper noch Seine Wann immer und wo immer das religiöse Leben verfällt
Intelligenz vergehen oder wandeln sich jemals. Daher ist es und Irreligiosität überhandnimmt, o Nachkomme
klar, daß Er, obwohl in der materiellen Welt, immer Bhāratas, zu der Zeit erscheine Ich.
dieselbe ungeborene, ewige Gestalt der Glückseligkeit und
des Wissens ist, unwandelbar in Seinem transzendentalen ERLÄUTERUNG
Körper und Seiner transzendentalen Intelligenz. Er ähnelte
in Seinem Erscheinen und Fortgehen der Sonne, die Das Wort sjāmi ist hier von Bedeutung. Sjāmi kann nicht
aufgeht, vor uns am Himmel wandert und dann wieder im Sinne von "Schöpfung" verstanden werden, denn dem
unserer Sicht entschwindet. Wenn die Sonne außer Sicht vorherigen Vers zufolge wird die Form oder der Körper
ist, denken wir, daß die Sonne untergegangen sei, und des Herrn niemals erschaffen, da all Seine Formen ewig
wenn die Sonne unseren Augen sichtbar wird, denken wir, bestehen. Deshalb bedeutet sjāmi, daß Sich der Herr so
die Sonne erscheine am Horizont. In Wirklichkeit jedoch manifestiert, wie Er ist. Obwohl der Herr nach Plan
befindet sich die Sonne immer in ihrer festen Position, aber erscheint, nämlich am Ende des Dvāpara-yuga des
weil unsere Sinne fehlerhaft und unzureichend sind, glau- achtundzwanzigsten Zeitalters des achten Manu, das heißt
ben wir, die Sonne am Himmel erscheine und verschwinde. einmal an einem Tag Brahmās, ist Er nicht verpflichtet,
Weil sich nun das Erscheinen und Fortgehen KŠas von solche Regeln und Regulierungen einzuhalten, denn es
dem eines gewöhnlichen Lebewesens grundsätzlich steht Ihm völlig frei, nach Seinem Willen in vieler Weise
unterscheidet, ist es offensichtlich, daß Er durch Seine zu handeln. Er erscheint daher nach Seinem Willen immer
innere Kraft ewiges, glückseliges Wissen ist — Er wird dann, wenn Irreligiosität zunimmt und wahre Religion
daher niemals von der materiellen Natur verunreinigt. verschwindet. Die Prinzipien der Religion sind in den
Auch die Veden bestätigen, daß der Herr, die Höchste Veden festgelegt, und jede Abweichung von der richtigen
Persönlichkeit Gottes, ungeboren ist, aber dennoch Ausführung der vedischen Regeln macht einen Menschen
erscheint es, als werde Er in vielfältigen Manifestationen irreligiös. Im Bhāgavatam wird erklärt, daß solche
geboren. Auch die Schriften, welche die Veden ergänzen, Prinzipien die Gesetze des Herrn sind. Allein der Herr
bestätigen, daß der Herr niemals Seinen Körper wechselt, kann ein System der Religion schaffen. Es wird ebenfalls
obwohl Er anscheinend geboren wird. Im anerkannt, daß der Herr die Veden ursprünglich Brahmā
Śrīmad-Bhāgavatam wird beschrieben, wie Er vor Seiner durch dessen Herz offenbarte. Deshalb sind die Prinzipien
Mutter als NārāyaŠa erscheint, mit vier Händen und den des dharma oder der Religion die direkten Anweisungen
Schmuckstücken der sechs Arten umfassender Reichtumer. der Höchsten Persönlichkeit Gottes (dharmaˆ tu
Nach dem Viśvakośa-Wörterbuch ist Sein Erscheinen in sākāt-bhagavat-praŠītam; SB. 6.3.19). Auf diese
Seiner ursprünglichen ewigen Gestalt Seine grundlose Prinzipien wird überall in der Bhagavad-gītā klar
Barmherzigkeit. Der Herr ist Sich all Seines hingewiesen. Es ist der Zweck der Veden, solche
vorangegangenen Erscheinens und Fortgehens bewußt, Prinzipien nach Anweisung des Herrn festzulegen, und der
während ein gewöhnliches Lebewesen alles vergißt, was Herr erklärt am Schluß der Gītā, daß das höchste Prinzip
mit seinem vergangenen Körper zu tun hat, sobald es einen der Religion darin besteht, sich Ihm allein zu ergeben. Die
neuen Körper bekommt. Er ist der Herr aller Lebewesen, vedischen Prinzipien führen einen zur Ergebung gegenüber
weil Er wunderbare und übermenschliche Taten vollbringt, dem Herrn, und wann immer diese Prinzipien von
während Er auf dieser Erde weilt. Daher ist der Herr immer dämonischen Menschen gestört werden, erscheint der Herr.
die gleiche Absolute Wahrheit, und es besteht kein Aus dem Bhāgavatam erfahren wir, daß Buddha eine
Unterschied zwischen Seiner Gestalt und Ihm Selbst oder Inkarnation KŠas ist, die erschien, als der Materialismus
zwischen Seinen Eigenschaften und Seinem Körper. Es überhandnahm und die Materialisten die Autorität der
mag sich nun die Frage stellen, weshalb der Herr in dieser Veden zum Vorwand nahmen, unschuldige Tiere zu
Welt erscheint und wieder fortgeht. Dies wird im nächsten schlachten. Obwohl es in den Veden gewisse
Vers erklärt. einschränkende Regeln und Vorschriften gibt, die sich auf
Tieropfer beziehen, die nur für bestimmte Zwecke
VERS 7 durchgeführt werden, brachten Menschen mit dämonischen
Neigungen diese Tieropfer dar, ohne sich nach den
yadā yadā hi dharmasya vedischen Prinzipien zu richten. Buddha erschien daher,
glānir bhavati bhārata um diesem unsinnigen Tun ein Ende zu bereiten und die
abhyutthānam adharmasya vedischen Grundsätze der Gewaltlosigkeit einzuführen.
tadātmānaˆ sjāmyaham Jeder einzelne avatāra (Inkarnation des Herrn) hat also
eine bestimmte Mission, und sie werden alle in den
yadā—wann immer; yadā—wo immer; hi—gewiß; offenbarten Schriften beschrieben. Niemand sollte als
dharmasya—der Religion; glāniƒ—Abweichung; bhavati— avatāra anerkannt werden, wenn er nicht in den Schriften
sich manifestiert; bhārata—o Nachkomme Bhāratas; erwähnt wird. Es ist nicht so, daß der Herr nur in Indien
abhyutthānam—Vorherrschaft; adharmasya—der erscheint. Er kann überall und zu jeder Zeit erscheinen. In
Irreligiosität; tadā—dieser Zeit; ātmānam—Selbst; jeder Inkarnation offenbart Er so viel über Religion, wie es
sjāmi—manifestiert; aham—Ich. von bestimmten Menschen unter ihren bestimmten
Umständen verstanden werden kann. Aber die Mission ist
ÜBERSETZUNG immer dieselbe, nämlich die Menschen zum
99

Gottesbewußtsein und zum Gehorsam gegenüber den vernichten, wie Er es bei den Dämonen Rāvana und Kaˆsa
Prinzipien der Religion zu führen. Manchmal steigt der tat. Der Herr hat viele Helfer, die durchaus imstande sind,
Herr persönlich herab, und manchmal schickt Er Seinen Dämonen zu töten. Er steigt jedoch besonders herab, um
echten Stellvertreter in der Form Seines Sohnes oder Seinen reinen Geweihten, die immer von den dämonischen
Dieners, und manchmal erscheint Er Selbst in einer Menschen verfolgt werden, Erleichterung zu verschaffen.
verkleideten Form. Der Dämon verfolgt den Gottgeweihten, selbst wenn der
Die Prinzipien der Bhagavad-gītā wurden Arjuna und letztere ein naher Verwandter ist. Obwohl Prahlāda
damit auch anderen hochstehenden Menschen verkündet, Mahārāja der Sohn HiraŠyakaśipus war, wurde er von
weil Arjuna, im Vergleich zu gewöhnlichen Menschen in seinem Vater verfolgt, und obwohl Devakī, KŠas Mutter,
anderen Teilen der Welt, weit fortgeschritten war. Daß die Schwester Kaˆsas war, wurden sie und ihr Ehemann
zwei und zwei gleich vier ist, ist ein mathematisches Vasudeva verfolgt, nur weil KŠa von ihnen geboren
Prinzip, das sowohl beim einfachen Rechnen als auch in werden sollte. Śrī KŠa erschien also hauptsächlich, um
der höheren Arithmetik gilt; dennoch gibt es höhere und Devakī zu retten, und weniger, um Kaˆsa zu töten, doch
niedere Mathematik. Alle Inkarnationen des Herrn lehren tat Er beides gleichzeitig. Deshalb heißt es hier, daß der
daher die gleichen Prinzipien, doch den verschiedenen Herr in verschiedenen Inkarnationen erscheint, um die
Umständen entsprechend erscheinen ihre Lehren auf einer Gottgeweihten zu erretten und die dämonischen Halunken
höheren oder niederen Ebene. Wie später noch erklärt zu vernichten.
werden wird, beginnen die höheren Prinzipien der Im Caitanya-caritāmta von KŠadāsa Kavirāja fassen die
Religion, wenn man die vier Unterteilungen und Stufen des folgenden Verse diese Grundsätze hinsichtlich der
sozialen Lebens akzeptiert. Die einzige Aufgabe einer Inkarnationen zusammen:
Inkarnation besteht darin, überall KŠa-Bewußtsein zu
erwecken. Daß dieses Bewußtsein einmal sichtbar und ein s˜i-hetu yei mūrti prapañce avatare
anderes Mal nicht sichtbar ist, liegt allein an den jeweiligen sei īśvara-mūrti 'avatāra' nāma dhare
Umständen.
māyātita paravyome savāra avasthāna
VERS 8 viśve 'avatāri' dhare 'avatāra' nāma

paritrāŠāya sādhūnāˆ "Eine Form des Herrn, die in die materielle Welt
vināśāya ca duktām hinabsteigt, um zu erschaffen, wird als avatāra oder
dharma-saˆsthāpanārthāya Inkarnation bezeichnet. Alle Erweiterungen Śrī KŠas sind
sambhavāmi yuge yuge eigentlich Bewohner der spirituellen Welt. Wenn sie
jedoch in die materielle Welt hinabsteigen, nennt man sie
paritrāŠāya—zur Errettung; sādhūnām—der Inkarnationen [avatāras]." (Cc. Madhya 20.263-264)
Gottgeweihten; vināśāya—zur Vernichtung; ca—auch; Es gibt verschiedene Arten von avatāras, wie zum Beispiel
duktām—der Schurken; dharma—Prinzipien der purua-avatāras, guŠa-avatāras, līla-avatāras,
Religion; saˆsthāpana-arthāya—um zu erneuern; śaktyāveśa-avatāras, manvantara-avatāras und
sambhavāmi—Ich erscheine; yuge—Zeitalter; yuge—nach yuga-avatāras, die alle in einer bestimmten Reihenfolge
Zeitalter. überall im Universum erscheinen. KŠa aber ist der urerste
Herr, der Ursprung aller avatāras. Śrī KŠa erscheint mit
ÜBERSETZUNG der besonderen Absicht, die begierige Erwartung der
reinen Gottgeweihten zu erfüllen, die sich sehr danach
Um die Frommen zu erretten und die Schurken zu sehnen, Ihn bei Seinen ursprünglichen Spielen in
vernichten und um die Prinzipien der Religion wieder Vndavana zu sehen. Daher ist es der Hauptzweck des
einzuführen, erscheine Ich Zeitalter nach Zeitalter. KŠa-avatāra, Seine reinen Geweihten zu erfreuen.
Der Herr sagt, daß Er Sich in jedem Zeitalter inkarniert.
ERLÄUTERUNG Dies deutet darauf hin, daß Er Sich auch im Zeitalter des
Kali inkarniert. Wie es im Śrīmad-Bhāgavatam heißt, ist
Nach den Lehren der Bhagavad-gītā ist ein sādhu oder die Inkarnation im Zeitalter des Kali Śrī Caitanya
Heiliger ein Mensch im KŠa-Bewußtsein. Ein Mensch Mahāprabhu, der die Verehrung KŠas durch die
mag irreligiös erscheinen, doch wenn er voll und ganz die sa‰kīrtana-Bewegung predigte und KŠa-Bewußtsein in
Qualifikationen eines KŠa-bewußten Menschen hat, muß ganz Indien verbreitete. Er sagte voraus, daß sich die
er als sādhu angesehen werden. Duktam bezieht sich auf Kultur des sa‰kīrtana überall auf der Welt, von Stadt zu
jemand, der für KŠa-Bewußtsein nichts übrig hat. Selbst Stadt und von Dorf zu Dorf, verbreiten werde. In den
wenn solche Halunken (duktam) mit weltlicher Bildung vertraulichen Teilen der offenbarten Schriften, wie den
dekoriert sein mögen, werden sie als Dummköpfe und die Upaniaden, dem Mahābhārata und dem Bhāgavatam, ist
Niedrigsten der Menschheit bezeichnet, wohingegen Śrī Caitanya geheim, nicht direkt als die Inkarnation
jemand anders, der hundertprozentig im KŠa-Bewußtsein KŠas, der Persönlichkeit Gottes, beschrieben. Die
tätig ist, als sādhu angesehen wird, auch wenn ein solcher Geweihten Śrī KŠas fühlen sich zur
Mensch weder gelehrt noch sehr gebildet sein mag. Was saŠkīrtana-Bewegung Śrī Caitanyas sehr hingezogen.
die Atheisten betrifft, so ist es für den Höchsten Herrn Dieser avatāra des Herrn tötete die Halunken nicht,
nicht notwendig, persönlich zu erscheinen, um sie zu
100

sondern erlöst sie durch die grundlose Barmherzigkeit des Diese vedische Aussage wird in dem vorliegenden Vers
Herrn. der Gīta vom Herrn persönlich bestätigt. Wer diese
Wahrheit aufgrund der Autorität der Veden und der
VERS 9 Höchsten Persönlichkeit Gottes akzeptiert und seine Zeit
nicht mit philosophischen Spekulationen verschwendet,
janma karma ca me divyam erreicht die am höchsten vervollkommnete Stufe der
evaˆ yo vetti tattvataƒ Befreiung. Indem man diese Wahrheit einfach
tyaktvā dehaˆ punar janma vertrauensvoll akzeptiert, kann man ohne Zweifel
naiti mām eti so'rjuna Befreiung erlangen. In diesem Falle läßt sich das "tat tvam
asi" der Veden wirklich anwenden. Jeder, der versteht, daß
janma—Geburt; karma—Tun; ca—auch; me—von Mir; Śrī KŠa der Höchste ist, oder zum Herrn sagt "Du bist
divyam—transzendental; evam—wie dieses; yaƒ—jeder, das Höchste Brahman, die Persönlichkeit Gottes", ist gewiß
der; vetti—kennt; tattvataƒ—in Wirklichkeit; tyaktvā— augenblicklich befreit, und folglich ist sein Eintritt in die
beiseite lassend; deham—diesen Körper; punaƒ—wieder; transzendentale Gemeinschaft des Herrn garantiert. Mit
janma—Geburt; na—niemals; eti—erlangt; mām—zu Mir; anderen Worten: Solch ein gläubiger Geweihter des Herrn
eti—gelangt; saƒ—er; arjuna—o Arjuna. erreicht die Vollkommenheit, und das wird durch die
folgende vedische Erklärung bestätigt:
ÜBERSETZUNG
tam eva viditvātimtyumeti nānyaƒ panthā vidyate ayanāya
Wer die transzendentale Natur Meines Erscheinens und
Meiner Taten kennt, wird nach Verlassen des Körpers Man kann die vollkommene Stufe der Befreiung von
nicht wieder in dieser materiellen Welt geboren, Geburt und Tod erreichen, indem man einfach den Herrn,
sondern gelangt in Mein ewiges Reich, o Arjuna. die Höchste Persönlichkeit Gottes, kennt. Es gibt keine
andere Möglichkeit, denn jeder, der Śrī KŠa nicht als die
ERLÄUTERUNG Höchste Persönlichkeit Gottes versteht, befindet sich mit
Sicherheit in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.
Das Herabkommen des Herrn aus Seinem transzendentalen Folglich wird er keine Erlösung erlangen, wenn er nur
Reich wurde schon im sechsten Vers erklärt. Wer die sozusagen von außen am Honigtopf leckt, das heißt die
Wahrheit des Erscheinens der Persönlichkeit Gottes Bhagavad-gītā im Licht weltlicher Gelehrsamkeit
verstehen kann, ist damit bereits aus der materiellen interpretiert. Solche empirischen Philosophen mögen in der
Knechtschaft befreit und kehrt daher sogleich nach materiellen Welt sehr wichtige Rollen spielen, doch macht
Verlassen dieses gegenwärtigen materiellen Körpers in das sie das noch lange nicht geeignet, befreit zu werden. Solch
Königreich Gottes zurück. Eine solche Befreiung des blasierte weltliche Gelehrte müssen auf die grundlose
Lebewesens aus der materiellen Gefangenschaft ist Barmherzigkeit des Gottgeweihten warten. Man sollte
keineswegs einfach. Die Unpersönlichkeitsphilosophen daher KŠa-Bewußtsein mit Glauben und Wissen
und die yogīs erreichen Befreiung nur nach vielen kultivieren und auf diese Weise die Vollkommenheit errei-
Schwierigkeiten und vielen, vielen Geburten. Aber selbst chen.
dann ist die Befreiung, die sie erreichen — sie
verschmelzen mit dem unpersönlichen brahmajyoti des VERS 10
Herrn — nur teilhaft, und es besteht die Gefahr, daß sie
wieder in die materielle Welt zurückkehren. Der vīta-rāga-bhaya-krodhā
Gottgeweihte jedoch gelangt nach Verlassen des man-mayā mām upāśritāƒ
materiellen Körpers in das Reich des Herrn, indem er bahavo jñāna-tapasā
einfach die transzendentale Natur des Körpers und der pūtā mad-bhāvam āgatāƒ
Taten des Herrn versteht, und so läuft er nicht Gefahr,
wieder in die materielle Welt zurückzukehren. In der vīta—befreit von; rāga—Anhaftung; bhaya—Angst;
Brahma-saˆhitā (5.33) wird gesagt, daß der Herr zahllose krodhāƒ—Zorn; mat-mayā— völlig in Mir; mām—Mich;
Formen und Inkarnationen hat: advaitam acyutam anādim upāśritāƒ—völlig verankert; bahavaƒ—viele; jñāna—
ananta-rūpam. Obwohl es viele transzendentale Formen Wissen; tapasā—durch tapasya; pūtāƒ—geläutert;
des Herrn gibt, sind sie alle ein und dieselbe Höchste mat-bhāvam—transzendentale Liebe zu Mir; āgātāƒ—
Persönlichkeit Gottes. Man muß diese Tatsache mit erlangten.
Überzeugung verstehen, obwohl sie weltlichen Gelehrten
und empirischen Philosophen unbegreiflich ist. In den ÜBERSETZUNG
Veden heißt es:
Befreit von Anhaftung, Angst und Zorn, völlig in
eko devo nitya-līlānurakto bhakta-vyāpī hdy antarātmā Gedanken an Mich versunken und bei Mir Zuflucht
suchend, wurden viele, viele Menschen in der
"Der eine Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, tauscht Vergangenheit durch Wissen über Mich geläutert —
ewig in vielen, vielen transzendentalen Formen mit Seinen und so erlangten sie alle transzendentale Liebe zu Mir.
reinen Geweihten Beziehungen aus."
ERLÄUTERUNG
101

tato 'nartha-nivttiƒ syāt tato ni˜hā rucis tataƒ


Wie oben beschrieben, ist es für einen Menschen, der zu athāsaktis tato bhāvas tataƒ premābhyudañcati
sehr an materiellen Dingen hängt, sehr schwierig, das sādhakānām ayaˆ premŠaƒ prādurbhāve bhavet kramaƒ
persönliche Wesen der Höchsten Absoluten Wahrheit zu
verstehen. Im allgemeinen sind Menschen, die an der "Am Anfang muß ein vorbereitender Wunsch nach
körperlichen Auffassung vom Leben haften, so sehr in Selbstverwirklichung vorhanden sein. Dies wird einen auf
Materialismus versunken, daß es für sie fast unmöglich ist die Stufe führen, den Versuch zu unternehmen, mit
zu verstehen, daß es einen transzendentalen Körper gibt, spirituell fortgeschrittenen Menschen zusammenzusein.
der unvergänglich, voller Wissen und ewig glückselig ist. Auf der nächsten Stufe wird man von einem echten
Der materialistischen Auffassung zufolge ist der Körper spirituellen Meister eingeweiht, und unter seiner Leitung
vergänglich, voller Unwissenheit und voller Leid. Deshalb beginnt der neue Gottgeweihte mit dem Vorgang des
behalten die Menschen im allgemeinen diese gleiche hingebungsvollen Dienstes. Durch die Ausübung
Vorstellung vom Körper bei, wenn sie über die persönliche hingebungsvollen Dienstes unter der Führung des
Gestalt des Herrn hören. Für solch materialistische spirituellen Meisters wird man von aller materiellen
Menschen ist die Form der gigantischen materiellen Anhaftung frei, erreicht Beständigkeit in der
Manifestation das Höchste. Folglich halten sie das Höchste Selbstverwirklichung und findet Geschmack daran, über
für unpersönlich. Und weil sie zu sehr in Gedanken an Śrī KŠa, die Absolute Persönlichkeit Gottes, zu hören.
materielle Dinge versunken sind, erschreckt sie die Dieser Geschmack führt einen weiter vorwärts zur
Vorstellung, auch nach der Befreiung von der Materie ihre Anhaftung ans KŠa-Bewußtsein, was im gereiften
Persönlichkeit zu behalten. Wenn sie darüber informiert Zustand zu bhāva oder der Vorstufe transzendentaler Liebe
werden, daß spirituelles Leben ebenfalls individuell und zu Gott wird. Wirkliche Liebe zu Gott nennt man prema
persönlich ist, bekommen sie Angst, erneut Personen zu oder die am höchsten vervollkommnete Stufe des Lebens."
werden, und so ziehen sie es vor, mit der unpersönlichen Auf der prema-Stufe ist man ständig im transzendentalen
Leere zu verschmelzen. Im allgemeinen vergleichen sie die liebevollen Dienst des Herrn tätig. Durch den allmählichen
Lebewesen mit den Schaumbläschen im Ozean, die sich im Vorgang des hingebungsvollen Dienstes kann man unter
Ozean auflösen. Dies ist die höchste Vollkommenheit der Führung eines echten spirituellen Meisters die höchste
spiritueller Existenz, die ohne individuelle Persönlichkeit Stufe erreichen, frei von allen materiellen Anhaftungen,
erreicht werden kann. Es ist ein angstvoller Lebenszustand, von der Angst vor einer individuellen spirituellen
in dem es an vollkommenem Wissen über spirituelle Persönlichkeit und frei von den Frustrationen, die aus der
Existenz mangelt. Darüber hinaus gibt es viele Menschen, Philosophie von der Leere entstehen. Dann kann man
die spirituelles Dasein überhaupt nicht verstehen können. letztlich in das Reich des Höchsten Herrn gelangen.
Verwirrt durch so viele Theorien und durch Widersprüche
verschiedener Arten philosophischer Spekulation, fühlen VERS 11
sie sich abgestoßen oder werden ärgerlich und kommen
törichterweise zur Schlußfolgerung, es gebe keine höchste ye yathā māˆ prapadyante
Ursache und letztlich sei alles leer. Solche Menschen tāˆs tathaiva bhajāmy aham
befinden sich in einem krankhaften Zustand des Lebens. mama vartmānuvartante
Manche Menschen haften zu stark an materiellen Dingen manuyāƒ pārtha sarvaśaƒ
und schenken daher dem spirituellen Leben keine
Aufmerksamkeit; andere wollen mit der höchsten ye—sie alle; yathā—wie; mām—Mir; prapadyante—sich
spirituellen Ursache verschmelzen, und wieder andere ergeben; tān—ihnen; tathā—so; eva—gewiß; bhajāmi—
zweifeln an allem, weil sie aus Hoffnungslosigkeit über vergelte Ich; aham—Ich; mama—Meinem; vartma—Pfad;
jede spirituelle Spekulation ärgerlich sind. Letztere nehmen anuvartante—folgen; manuyāƒ—alle Menschen; pārtha—
bei einer bestimmten Art von Rauschmittel Zuflucht, und o Sohn Pthās; sarvaśaƒ—in jeder Hinsicht.
ihre Gefühlshalluzinationen werden manchmal für
spirituelle Visionen gehalten. Man muß sich von diesen ÜBERSETZUNG
drei Stufen der Anhaftung an die materielle Welt lösen:
von Gleichgültigkeit gegenüber spirituellem Leben, von Alle belohne Ich in dem Maße, wie sie sich Mir ergeben.
Angst vor einer spirituellen persönlichen Identität und von Jeder folgt Meinem Pfad in jeder Hinsicht, o Sohn
der Vorstellung der "Leere", die zu Frustration im Leben Pthās.
führt. Um von diesen drei Stufen der materiellen
Lebensauffassung frei zu werden, muß man unter der ERLÄUTERUNG
Leitung eines echten spirituellen Meisters beim Herrn
vollständige Zuflucht suchen und den Vorschriften und Jeder sucht KŠa in den verschiedenen Aspekten Seiner
regulierenden Prinzipien des hingebungsvollen Dienstes Manifestationen. KŠa, die Höchste Persönlichkeit Gottes,
folgen. Die letzte Stufe des hingebungsvollen Lebens wird wird teilweise in Seiner unpersönlichen
prema (transzendentale Liebe zu Gott) genannt. Im brahmajyoti-Ausstrahlung erkannt und teilweise als die
Bhakti-rasāmta-sindhu (1.4.15) wird die Wissenschaft alldurchdringende Überseele, die in allem, einschließlich
vom hingebungsvollen Dienst wie folgt erklärt: der Atome, gegenwärtig ist. Vollständig kann KŠa jedoch
nur von Seinen reinen Geweihten erkannt werden. Folglich
ādau śraddhā tataƒ sādhu-sa‰go 'tha bhajana-kriyā ist KŠa das Objekt der Erkenntnis eines jeden, und daher
102

ist jeder — je nach seinem Wunsch, Ihn zu haben — kā‰kantaƒ karmaŠāˆ siddhiˆ
zufrieden. Auch in der transzendentalen Welt tauscht yajanta iha devatāƒ
KŠa mit Seinen reinen Geweihten Beziehungen aus in kipraˆ hi mānue loke
der transzendentalen Haltung, in der der Gottgeweihte sich siddhir bhavati karmajā
Ihn wünscht. Ein Gottgeweihter mag sich KŠa als
höchsten Meister wünschen, ein anderer als seinen kā‰kantaƒ—sich wünschend; karmaŠām—von
persönlichen Freund, wieder ein anderer als seinen Sohn fruchtbringenden Tätigkeiten; siddhim—Vollkommenheit;
und noch ein anderer als seinen Geliebten. KŠa belohnt yajante—Verehrung durch Opfer; iha—in der materiellen
alle Gottgeweihten in gleichem Maße, das heißt Welt; devatāƒ—die Halbgötter; kipram—sehr schnell;
entsprechend ihrer verschiedenen Intensitäten der Liebe zu hi—gewiß; mānue—in der menschlichen Gesellschaft;
Ihm. In der materiellen Welt gibt es die gleichen loke—in dieser Welt; siddhiƒ bhavati—wird erfolgreich;
Erwiderungen von Gefühlen, und sie werden vom Herrn karmajā—der fruchtbringende Arbeiter.
mit den verschiedenen Arten von Verehrern in gleichem
Maße ausgetauscht. Die reinen Gottgeweihten sind sowohl ÜBERSETZUNG
hier als auch im transzendentalen Reich mit Ihm persönlich
zusammen und sind fähig, dem Herrn persönlich zu Menschen dieser Welt wünschen sich Erfolg in
dienen; auf diese Weise erfahren sie transzendentale fruchtbringenden Tätigkeiten, und daher verehren sie
Glückseligkeit in Seinem liebevollen Dienst. Was die die Halbgötter. Schon nach kurzer Zeit bekommen
Unpersönlichkeitsphilosophen betrifft, die spirituellen solche Menschen natürlich die Ergebnisse ihrer
Selbstmord begehen wollen, indem sie die individuelle fruchtbringenden Arbeit in dieser Welt.
Existenz des Lebewesens vernichten, so hilft KŠa auch
ihnen, indem Er sie in Seinen Strahlenglanz aufnimmt. ERLÄUTERUNG
Diese Unpersönlichkeitsanhänger sind nicht bereit, die
ewige glückselige Persönlichkeit Gottes anzuerkennen; Es herrscht ein großes Mißverständnis bezüglich der
folglich können sie die Glückseligkeit des transzendentalen Halbgötter oder Götter dieser materiellen Welt, und
persönlichen Dienstes für den Herrn nicht kosten, da sie Menschen mit weniger Intelligenz, obwohl als große
ihre Individualität ausgelöscht haben. Einige von ihnen, die Gelehrte angesehen, halten diese Halbgötter für
nicht einmal in der unpersönlichen Existenz verankert sind, verschiedene Formen des Höchsten Herrn. In Wirklichkeit
kehren wieder zu diesem materiellen Feld zurück, um ihre sind die Halbgötter nicht verschiedene Formen Gottes,
schlummernden Wünsche nach Betätigung zu erfüllen. sondern Gottes verschiedene Bestandteile. Gott ist Einer,
Ihnen wird kein Zutritt zu den spirituellen Planeten und die Teile sind viele. Die Veden sagen: nityo nityānām.
gewährt, sondern ihnen wird erneut eine Möglichkeit gege- Gott ist Einer. Und: īśvaraƒ paramaƒ kŠaƒ. Der Höchste
ben, auf den materiellen Planeten zu handeln. Den Herrscher ist KŠa. Der Höchste Gott ist Einer — KŠa
fruchtbringenden Arbeitern gewährt der Herr die —, und die Halbgötter sind mit verschiedenen Kräften
gewünschten Ergebnisse ihrer vorgeschriebenen Pflichten versehen, um die materielle Welt zu verwalten. Diese
in Seiner Eigenschaft als yajñeśvara, und auch den yogīs, Halbgötter sind alles Lebewesen (nityānām) mit
die nach mystischen Kräften trachten, werden solche unterschiedlichen Graden von Macht. Sie können dem
Kräfte gewährt. Mit anderen Worten: Um erfolgreich zu Höchsten Gott — NārāyaŠa, ViŠu oder KŠa — nicht
sein, ist jeder allein von Seiner Barmherzigkeit abhängig, gleichgestellt werden. Jeder, der glaubt, Gott und die
und alle Arten von spirituellen Vorgängen sind nichts Halbgötter befänden sich auf der gleichen Ebene, ist ein
anderes als verschiedene Stufen des Erfolges auf dem Atheist oder pāaŠī. Selbst so mächtige Halbgötter wie
gleichen Weg. Solange man daher nicht zur höchsten Brahmā und Śiva können nicht mit dem Höchsten Herrn
Vollkommenheit des KŠa-Bewußtseins gelangt, bleiben, verglichen werden. Vielmehr wird der Herr von
wie im Śrīmad-Bhāgavatam (2.3.10) gesagt wird, alle Halbgöttern wie Brahmā und Śiva verehrt (śiva-viriñci-nu-
Versuche unvollkommen. tam). Aber seltsamerweise gibt es dennoch verblendete
Menschen, die ihre Führer aus anthropomorphischen oder
akāmaƒ sarva-kāmo vā zoomorphischen Mißverständnissen verehren. Iha devatāƒ
moka-kāma udāradhīƒ bezieht sich auf einen mächtigen Menschen oder Halbgott
tīvreŠa bhakti-yogena der materiellen Welt. Aber NārāyaŠa, ViŠu, oder KŠa,
yajeta puruaˆ param die Höchste Persönlichkeit Gottes, gehört nicht zu dieser
Welt. Der Herr steht über oder vielmehr in transzendentaler
"Ob man keinerlei Wünsche hat [der Zustand der Stellung zu der materiellen Schöpfung. Sogar Śrīpāda
Gottgeweihten] oder ob man nach fruchtbringenden Śa‰karācārya, der Führer der
Ergebnissen trachtet oder nach Befreiung strebt — man Unpersönlichkeitsphilosophen, ist der Meinung, daß Sich
sollte mit seiner ganzen Kraft versuchen, die Höchste NārāyaŠa oder KŠa jenseits der materiellen Schöpfung
Persönlichkeit Gottes zu verehren, um die höchste befindet. Dennoch verehren törichte Menschen (ht-añja-
Vollkommenheit zu erreichen, die im KŠa-Bewußtsein na) die Halbgötter, weil sie sofortige Ergebnisse möchten.
gipfelt." Sie bekommen die Ergebnisse auch, wissen aber nicht, daß
die so erhaltenen Ergebnisse zeitweilig und für weniger
VERS 12 intelligente Menschen gedacht sind. Der intelligente
Mensch befindet sich im KŠa-Bewußtsein, und er hat es
103

nicht nötig, für einen sofortigen und zeitweiligen Nutzen Erscheinungsweise der Tugend befinden. Als nächstes
die armseligen Halbgötter zu verehren. Die Halbgötter der kommt die verwaltende Klasse, die man als katriyas
materiellen Welt samt ihren Verehrern werden mit der bezeichnet, da sie sich in der Erscheinungsweise der
Vernichtung der materiellen Welt vergehen. Die Leidenschaft befinden. Die gewerbetreibenden Menschen,
Segnungen der Halbgötter sind materiell und zeitweilig. vaiśyas genannt, befinden sich in den gemischten
Sowohl die materiellen Welten als auch ihre Bewohner — Erscheinungsweisen der Leidenschaft und Unwissenheit,
einschließlich der Halbgötter und ihrer Verehrer — sind und die śūdras, die Arbeiterklasse, befinden sich in der
wie Blasen im kosmischen Ozean. In dieser Welt jedoch unwissenden Erscheinungsweise der materiellen Natur.
trachtet die menschliche Gesellschaft wie von Sinnen nach Obwohl Śrī KŠa die vier Einteilungen der menschlichen
zeitweiligem Besitz wie materiellem Reichtum, Land, Gesellschaft geschaffen hat, gehört Er zu keiner dieser
Familie und anderen Annehmlichkeiten. Um solche Einteilungen, denn Er ist nicht eine der bedingten Seelen,
vergänglichen Dinge zu bekommen, verehren sie von denen ein Teil die menschliche Gesellschaft bildet. Die
Halbgötter oder mächtige Männer in der menschlichen menschliche Gesellschaft gleicht jeder anderen Tiergesell-
Gesellschaft. Wenn ein Mann einen Ministersessel schaft, doch um die Menschen von der tierischen Stufe zu
bekommt, da er einen politischen Führer verehrt hat, glaubt erheben, sind die oben erwähnten Einteilungen zur
er, etwas Großes erreicht zu haben. Daher kriechen sie alle systematischen Entwicklung von KŠa-Bewußtsein vom
vor den sogenannten Führern oder "hohen Tieren", um Herrn geschaffen worden. Die Neigung eines bestimmten
zeitweilige Vorteile zu erlangen, und sie bekommen Menschen zu einer bestimmten Arbeit ist durch die
tatsächlich solche Dinge. Solch törichte Menschen haben Erscheinungsweisen der materiellen Natur festgelegt, die er
kein Interesse am KŠa-Bewußtsein, das eine bleibende erworben hat. Solche Lebenssymptome, in Entsprechung
Lösung für die Beschwerlichkeiten des materiellen Daseins zu verschiedenen Erscheinungsweisen der materieüen
anbietet. Sie trachten alle nach Sinnengenuß, und um Natur, werden im Achtzehnten Kapitel dieses Buches
Möglichkeiten zum Sinnengenuß zu bekommen, zieht es beschrieben. Ein Mensch im KŠa-Bewußtsein jedoch
sie zur Verehrung ermächtigter Lebewesen, die als steht sogar noch über den brāhmaŠas, da von einem
Halbgötter bekannt sind. Dieser Vers deutet darauf hin, daß brāhmaŠa der Eigenschaft nach erwartet wird, Wissen über
Menschen nur selten am KŠa-Bewußtsein Interesse das Brahman, die Höchste Absolute Wahrheit, zu besitzen.
finden. Sie sind meistens an materiellem Genuß interessiert Die meisten von ihnen wenden sich der unpersönlichen
und verehren daher irgendein mächtiges Lebewesen. Brahman-Manifestation Śrī KŠas zu; doch nur ein
Mensch, der das begrenzte Wesen eines brāhmaŠas
VERS 13 transzendiert und Wissen über die Höchste Persönlichkeit
Gottes, Śrī KŠa, erlangt, wird im KŠa-Bewußtsein
cātur-varŠyaˆ mayā-s˜aˆ verankert oder, mit anderen Worten, ein VaiŠava.
guŠa-karma-vibhāgaśaƒ KŠa-Bewußtsein umfaßt Wissen von allen vollständigen
tasya kartāram api māˆ Erweiterungen KŠas wie Rāma, Nsiˆha und Varāha.
viddhy akartāram avyayam Jedoch so, wie KŠa zu diesem System der vier
Einteilungen der menschlichen Gesellschaft in
cātur-varŠyam—die vier Einteilungen der menschlichen transzendentaler Stellung steht, so steht auch ein Mensch
Gesellschaft; mayā—von Mir; s˜am—geschaffen; guŠa— im KŠa-Bewußtsein zu allen Einteilungen der
Eigenschaft; karma—Arbeit; vibhāgaśaƒ—im Sinne von; menschlichen Gesellschaft, ob auf Gemeinschaft, Nation
tasya—von diesem; kartāram—der Vater; api—obwohl; oder Lebensform bezogen, in transzendentaler Stellung.
mām—Mich; viddhi—du sollst kennen; akartāram—als der
Nicht-Handelnde; avyayam—da unwandelbar. VERS 14

ÜBERSETZUNG na māˆ karmāŠi limpanti


na me karma-phale sphā
In Entsprechung zu den drei Erscheinungsweisen der iti māˆ yo 'bhijānāti
materiellen Natur und der Arbeit, die ihnen zugeordnet karmabhir na sa badhyate
ist, wurden die vier Einteilungen der menschlichen
Gesellschaft von Mir geschaffen. Und obwohl Ich der na—niemals; mām—Mich; karmāŠi—alle Arten von
Schöpfer dieses Systems bin, solltest du wissen, daß Ich Arbeit; limpanti—beeinflussen; na—auch nicht; me—
dennoch der Nichthandelnde bin, denn Ich bin Meine; karma-phale—bei fruchtbringender Handlung;
unwandelbar. sphā—Streben; iti—so; mām—Mich; yaƒ—jemand, der;
abhilānāti—kennt; karmabhiƒ—durch die Reaktion solcher
ERLÄUTERUNG Arbeit; na—niemals; saƒ—er; badhyate—wird verstrickt.

Der Herr ist der Schöpfer alles Existierenden. Alles ist von ÜBERSETZUNG
Ihm geboren; alles wird von Ihm erhalten, und alles ruht
nach der Vernichtung in Ihm. Folglich ist Er auch der Es gibt keine Arbeit, die Mich beeinflußt; auch strebe
Schöpfer der vier Einteilungen der Gesellschaftsordnung, Ich nicht nach den Früchten des Handelns. Wer diese
angefangen mit der intelligenten Klasse von Menschen, die Wahrheit über Mich versteht, wird ebenfalls nicht in
man als brāhmaŠas bezeichnet, da sie sich in der die fruchttragenden Reaktionen des Tuns verstrickt.
104

unterworfen. Wer das transzendentale Wesen des Herrn


ERLÄUTERUNG nicht kennt und glaubt, die Werke des Herrn hätten
fruchttragende Ergebnisse zum Ziel, wie es bei den
Wie es in der materiellen Welt konstitutionelle Gesetze Tätigkeiten der gewöhnlichen Lebewesen der Fall ist,
gibt, die besagen, daß der König unfehlbar ist oder daß der verstrickt sich mit Sicherheit in fruchttragende Reaktionen.
König nicht den Gesetzen des Staates untersteht, so wird Jemand aber, der die Höchste Wahrheit kennt, ist eine
auch der Herr, obwohl Er der Schöpfer der materiellen befreite, fest im KŠa-Bewußtsein verankerte Seele.
Welt ist, von den Tätigkeiten der materieüen Welt nicht
beeinflußt. Er erschafft und bleibt unberührt von der VERS 15
Schöpfung, wohingegen die Lebewesen aufgrund ihrer
Neigung, über die materiellen Reichtümer zu herrschen, in evaˆ jñātvā ktaˆ karma
die fruchttragenden Ergebnisse materieller Tätigkeiten pūrvair api mumukubhiƒ
verstrickt werden. Der Besitzer eines Unternehmens ist für kuru karmaiva tasmāt tvaˆ
die richtigen und falschen Tätigkeiten der Angestellten pūrvaiƒ pūrvataraˆ ktam
nicht verantwortlich, sondern die Angestellten sind selbst
verantwortlich. Die Lebewesen gehen ihren jeweiligen evam—so; jñātvā—wohl wissend; ktam—ausgeführt;
Tätigkeiten für Sinnenbefriedigung nach, doch sind ihnen karma—Arbeit; pūrvaiƒ—von vergangenen Autoritäten;
diese Tätigkeiten nicht vom Herrn aufgetragen worden. api—obwohl; mumukubhiƒ—die Befreiung erlangten;
Um Fortschritte auf dem Gebiet der Sinnenbefriedigung zu kuru—führen einfach aus; karma—vorgeschriebenen
machen, gehen die Lebewesen der Arbeit dieser Welt nach Pflicht; eva—gewiß; tasmāt— deshalb; tvam—du;
und erstreben himmlisches Glück nach dem Tod. Weil der pūrvaiƒ—von den Vorfahren; pūrvataram—Urahnen;
Herr in Sich Selbst vollkommen ist, verspürt Er keinerlei ktam—wie sie ausführten.
Anziehung zu sogenanntem himmlischem Glück. Die
himmlischen Halbgötter sind nur Seine beauftragten ÜBERSETZUNG
Diener. Der Besitzer begehrt niemals das niedrige Glück,
wie es die Arbeiter erstreben mögen. Der Herr bleibt von Alle befreiten Seelen in längst vergangenen Zeiten
den materiellen Aktionen und Reaktionen unberührt. Zum handelten mit diesem Verständnis und erlangten so
Beispiel ist der Regen für die verschiedenen Arten der Befreiung. Daher solltest du, wie die Alten, deine Pflicht
Vegetation, die auf der Erde erscheinen, nicht in diesem göttlichen Bewußtsein erfüllen.
verantwortlich, obwohl es ohne Regen keine Vegetation
geben kann. Die vedische smti bestätigt diese Tatsache ERLÄUTERUNG
wie folgt:
Es gibt zwei Klassen von Menschen. Einige von ihnen
nimitta-mātram evāsau haben ihr Herz voll vergifteter materieller Dinge, und
sjyānāˆ sarga-karmaŠi manche sind frei von materieller Verunreinigung.
pradhāna-kāraŠī-bhūtā KŠa-Bewußtsein ist für beide gleichermaßen segensreich.
yato vai sjya-śaktayaƒ Diejenigen, die voll schmutziger Dinge sind, können sich
dem KŠa-Bewußtsein zuwenden, um einen allmählichen
"In den materiellen Schöpfungen ist der Herr nur die Läuterungsvorgang zu beginnen, in dem sie den
höchste Ursache. Die unmittelbare Ursache ist die regulierenden Prinzipien des hingebungsvollen Dienstes
materielle Natur, durch welche die kosmische Mani- folgen, und diejenigen, die bereits von allen Unreinheiten
festation sichtbar wird." frei sind, mögen fortfahren, im gleichen KŠa-Bewußtsein
Die geschaffenen Wesen sind von großer Vielfalt, wie zum zu handeln, so daß andere Menschen ihrem beispielhaften
Beispiel die Halbgötter, Menschen und niederen Tiere, und Verhalten folgen und daraus ihren Nutzen ziehen. Törichte
sie alle sind den Reaktionen ihrer vergangenen guten oder Menschen oder Neulinge im KŠa-Bewußtsein wollen
schlechten Tätigkeiten unterworfen. Der Herr gibt ihnen sich oft von allen Tätigkeiten zurückziehen, ohne
nur die geeigneten Möglichkeiten für solche Tätigkeiten KŠa-Bewußtsein zu kennen. Arjunas Wunsch, sich von
und dazu die Regulierungen der Erscheinungsweisen der Taten auf dem Schlachtfeld zurückzuziehen, wurde vom
Natur, doch Er ist niemals für ihre vergangenen und gegen- Herrn nicht gutgeheißen. Man muß nur wissen, wie man zu
wärtigen Handlungen verantwortlich. In den handeln hat. Sich von den Tätigkeiten des
Vedānta-sūtras wird bestätigt, daß der Herr niemals KŠa-Bewußtseins zurückzuziehen, abseits zu sitzen und
irgendein Lebewesen bevorzugt oder benachteiligt. Das KŠa-Bewußtsein vorzutäuschen, ist weniger bedeutsam
Lebewesen ist für seine Handlungen selbst verantwortlich. als sich für KŠa tatsächlich im Bereich der Tätigkeiten zu
Der Herr gibt ihm nur mit Hilfe der materiellen Natur, der beschäftigen. Arjuna wird hier der Rat gegeben, im
äußeren Energie, die Möglichkeiten zum Handeln. Jemand, KŠa-Bewußtsein zu handeln und den Fußspuren
der mit all den Kompliziertheiten dieses Gesetzes des vorangegangener Schüler des Herrn zu folgen, wie zum
karma oder der fruchtbringenden Tätigkeiten vertraut ist, Beispiel dem Sonnengott Vivasvān, von dem bereits zuvor
wird von den Ergebnissen seines Tuns nicht beeinflußt. die Rede war. Der Höchste Herr kennt sowohl Seine
Mit anderen Worten: Wer das transzendentale Wesen des eigenen vergangenen Taten als auch die derjenigen, die in
Herrn versteht, ist ein im KŠa-Bewußtsein erfahrener der Vergangenheit im KŠa-Bewußtsein handelten. Des-
Mensch und wird daher niemals den Gesetzen des karma halb empfiehlt Er die Handlungsweise des Sonnengottes,
105

der diese Kunst vom Herrn vor einigen Millionen von Selbstverwirklichung ist. Deshalb erklärt der Herr aus
Jahren erlernte. Alle Schüler Śrī KŠas, die die Pflichten Seiner grundlosen Barmherzigkeit mit Seinen Geweihten
erfüllten, die ihnen von KŠa gegeben wurden, werden Arjuna direkt, was Handeln und was Nichthandeln ist. Nur
hier als befreite Seelen erwähnt. Handeln im KŠa-Bewußtsein kann einen Menschen aus
der Verstrickung des materiellen Daseins befreien.
VERS 16
VERS 17
kiˆ karma kim akarmeti
kavayo'py atra mohitāƒ karmaŠo hy api boddhavyaˆ
tat te karma pravakyāmi boddhavyaˆ ca vikarmaŠaƒ
yaj jñātvā mokyase'śubhāt akarmaŠaś ca boddhavyaˆ
gahanā karmaŠo gatiƒ
kim—was ist; karma—Handlung; kim—was ist; akarma—
Nichthandeln; iti—so; kavayaƒ—die Intelligenten; api— karmaŠaƒ—Gesetze des Handelns; hi—gewiß; api—auch;
auch; atra—in dieser Angelegenheit; mohitāƒ—verwirrt; boddhavyam—sollten verstanden werden; boddhavyam—
tat—dieses; te—dir; karma—Arbeit; pravakyāmi—Ich sind zu verstehen; ca—auch; vikarmaŠah—verbotenes
werde erklären; yat—was; jñātvā—wissend; mokyase—sei Handeln; akarmaŠaƒ—Nicht-Handeln; ca—auch;
befreit; aśubhāt—von Unglück. boddhavyam—sollte verstanden werden; gahanā—sehr
schwer; karmaŠaƒ—Gesetze des Handelns; gatiƒ—genau
ÜBERSETZUNG zu verstehen.

Selbst die Intelligenten sind verwirrt, wenn sie ÜBERSETZUNG


bestimmen sollen, was Handeln und was Nichthandeln
ist. Ich werde dir jetzt erklären, was Handeln ist, und Die Kompliziertheit des Handelns ist sehr schwer zu
wenn du dies weißt, wirst du von allen Sünden befreit verstehen. Deshalb sollte man genau wissen, was
sein. Handeln, was verbotenes Handeln und was
Nichthandeln ist.
ERLÄUTERUNG
ERLÄUTERUNG
Handeln im KŠa-Bewußtsein muß mit den Beispielen
vorangegangener echter Gottgeweihter in Einklang stehen. Wenn es einem mit der Befreiung aus der materiellen
Dies wird in Vers 15 empfohlen. Warum solches Handeln Knechtschaft ernst ist, muß man die Unterschiede
nicht unabhängig sein soll, wird im Folgenden erklärt. zwischen Handeln, Nichthandeln und unautorisiertem
Um im KŠa-Bewußtsein zu handeln, muß man sich der Handeln verstehen. Man muß Handeln, Reaktion und
Führung autorisierter Personen anvertrauen, die einer pervertiertes Handeln eingehend analysieren, denn dies ist
Schülernachfolge angehören, wie zu Beginn dieses ein sehr schwieriges Thema. Um KŠa-Bewußtsein und
Kapitels erklärt wurde. Das System des KŠa-Bewußtseins Handeln gemäß den Erscheinungsweisen der materiellen
wurde zuerst dem Sonnengott gelehrt; der Sonnengott Natur zu verstehen, muß man seine Beziehung zum
erklärte es seinem Sohn Manu; Manu gab es an seinen Höchsten verstehen lernen; das heißt, jemand, der
Sohn Ikvāku weiter, und seit dieser fernen Zeit ist dieses vollkommen gelernt hat, weiß, daß jedes Lebewesen der
System auch auf unserem Planeten bekannt. Deshalb muß ewige Diener des Herrn ist und daß man folglich im
man in die Fußstapfen vorangegangener Autoritäten in der KŠa-Bewußtsein handeln muß. Die gesamte Bhagavad-
Linie einer Schülernachfolge treten. Andernfalls werden gītā ist auf diese Schlußfolgerung ausgerichtet. Alle
selbst die intelligentesten Menschen hinsichtlich der anderen Schlußfolgerungen, die sich gegen dieses
Standard-Handlungen im KŠa-Bewußtsein verwirrt sein. Bewußtsein und seine Begleiterscheinungen richten, sind
Aus diesem Grund beschloß der Herr, Arjuna unmittelbar vikarma, oder verbotene Handlungen. Um all das zu
im KŠa-Bewußtsein zu unterweisen. Dank der verstehen, muß man mit Autoritäten im KŠa-Bewußtsein
unmittelbaren Unterweisung des Herrn an Arjuna wird Gemeinschaft pflegen und von ihnen das Geheimnis
jeder, der Arjunas Fußspuren folgt, mit Sicherheit nicht lernen; das ist so gut, wie vom Herrn direkt zu lernen.
verwirrt werden. Andernfalls wird selbst der intelligenteste Mensch verwirrt
Es heißt, daß man nicht einfach durch unvollkommenes, sein.
experimentelles Wissen bestimmen kann, was Religion ist.
Im Grunde können die Grundsätze der Religion nur vom VERS 18
Herrn Selbst festgelegt werden: dharmaˆ tu
sākāt-bhagavat-praŠītam (SB. 6.3.19). Niemand kann karmaŠy akarma yaƒ paśyed
durch unvollkommene Spekulation ein religiöses Prinzip akarmaŠi ca karma yaƒ
schaffen. Man muß den Fußspuren großer Autoritäten sa buddhimān manuyeu
folgen wie Brahmā, Śiva, Narada, Kumāra, Kapila, sa yuktaƒ ktsna-karma-kt
Prahlāda, Bhīma, Śukadeva Gosvāmī, Yamarāja, Janaka
und Bali Mahārāja. Durch gedankliche Spekulation kann karmaŠi—in Handeln; akarma—Nichthandeln; yaƒ—
man nicht herausfinden, was Religion oder jemand, der; paśyet—sieht; akarmaŠi—in Nichthandeln;
106

ca—auch; karma—fruchtbringendes Handeln; yaƒ—


jemand, der; saƒ—er; buddhimān—ist intelligent; ERLÄUTERUNG
manuyeu—in der menschlichen Gesellschaft; saƒ-er;
yuktaƒ—befindet sich in der transzendentalen Stellung; Nur ein Mensch in vollem Wissen kann die Tätigkeiten
ktsna-karma-kt—obwohl mit allen möglichen Tätigkeiten eines Menschen im KŠa-Bewußtsein verstehen. Weil der
beschäftigt. Mensch im KŠa-Bewußtsein frei von allen Arten
sinnenbefriedigender Neigungen ist, kann man verstehen,
ÜBERSETZUNG daß er die Reaktionen seiner Arbeit durch vollkommenes
Wissen um seine wesensgemäße Stellung als ewiger
Wer Nichthandeln in Handeln und Handeln in Diener der Höchsten Persönlichkeit Gottes verbrannt hat.
Nichthandeln sieht, ist intelligent unter den Menschen, Wer diese Vollkommenheit des Wissens erlangt hat, ist
und er steht in der transzendentalen Stellung, obgleich wahrhaft gelehrt. Die Entwicklung dieses Wissens, der
er allen möglichen Tätigkeiten nachgehen mag. ewige Diener KŠas zu sein, wird mit Feuer verglichen. Ist
ein solches Feuer einmal entzündet, kann es alle Arten von
ERLÄUTERUNG Reaktionen verbrennen.

Jemand, der im KŠa-Bewußtsein handelt, ist VERS 20


natürlicherweise von den Fesseln des karma frei. Seine
Tätigkeiten werden alle für KŠa ausgeführt, und daher tyaktvā karma-phalāsa‰gaˆ
genießt oder erleidet er nicht die Auswirkungen der Arbeit. nitya-tpto nirāśrayaƒ
Folglich zählt er zu den Intelligenten der menschlichen karmaŠy abhipravtto'pi
Gesellschaft, obwohl er alle möglichen Tätigkeiten für naiva kiñcit karoti saƒ
KŠa verrichtet. Akarma bedeutet "Arbeit, auf die keine
Reaktion folgt“. Der Unpersönlichkeitsphilosoph hört mit tyaktvā—nachdem er aufgegeben hat;
fruchtbringenden Tätigkeiten auf, weil er befürchtet, die karma-phala-āsa‰gam—Anhaftung an fruchtbringende
entstehenden Reaktionen könnten Hindernisse auf dem Ergebnisse; nitya—immer; tptaƒ—zufrieden; nirāśrayaƒ—
Pfad der Selbstverwirklichung sein, doch der Anhänger des ohne einen Mittelpunkt zu haben; karmaŠi—beim
Persönlichen kennt sehr wohl seine Stellung als der ewige Handeln; abhipravttaƒ—voll beschäftigt; api—trotzdem;
Diener der Höchsten Persönlichkeit Gottes. Aus diesem na—nicht; eva—gewiß; kiñcit—irgend etwas; karoti—tut;
Grund geht er den Tätigkeiten des KŠa-Bewußtseins saƒ—er.
nach. Weil alles für KŠa getan wird, genießt er bei der
Ausführung dieses Dienstes nur transzendentales Glück. ÜBERSETZUNG
Von denen, die in dieser Weise beschäftigt sind, weiß man,
daß sie keinen Wunsch nach persönlicher Indem er alle Anhaftung an die Ergebnisse seiner
Sinnenbefriedigung haben. Das Bewußtsein, der ewige Tätigkeiten aufgibt, immer zufrieden und unabhängig
Diener KŠas zu sein, macht einen immun gegen alle ist, führt er keine fruchtbringende Handlung aus,
Arten reaktionsbringender Elemente des Handelns. obwohl er mit allen möglichen Unternehmungen
beschäftigt ist.
VERS 19
ERLÄUTERUNG
yasya sarve samārambhāƒ
kāma-sa‰kalpa-varjitāƒ Diese Freiheit von der Fessel der Handlungen ist nur im
jñānāgni-dagdha-karmāŠaˆ KŠa-Bewußtsein möglich, wenn man alles für KŠa tut.
tam āhuƒ paŠitaˆ budhāƒ Ein KŠa-bewußter Mensch handelt aus reiner Liebe zur
Höchsten Persönlichkeit Gottes, und daher verspürt er
yasya—jemand, dessen; sarve—alle Arten von; keinerlei Anziehung zu den Ergebnissen des Handelns. Er
samārambhāƒ—bei allen Versuchen; kāma—Wunsch nach sorgt sich nicht einmal um seinen Unterhalt, denn alles ist
Sinnenbefriedigung; sa‰kalpa—Entschlossenheit; varji- KŠa überlassen. Er ist auch nicht bestrebt, sich Dinge an-
tāƒ—sind ohne; jñāna—vollkommenes Wissen; āgni— zueignen oder Dinge zu behüten, die bereits in seinem
Feuer; dagdha—verbrannt durch; karmāŠam—den Besitz sind. Er tut seine Pflicht nach besten Kräften und
Ausführenden; tam—ihn; āhuƒ—erklären als; paŠitam— überläßt alles KŠa. Solch ein unangehafteter Mensch ist
gelehrt; budhāƒ—diejenigen, die wissen. immer frei von allen guten und schlechten Reaktionen; es
ist, als handle er überhaupt nicht. Das ist das Merkmal von
ÜBERSETZUNG akarma oder Handlungen ohne fruchttragende Reaktionen.
Jede andere Handlung, die nicht im KŠa-Bewußtsein
Jemanden, der im vollem Wissen gründet, erkennt man ausgeführt wird, bindet den Handelnden, und wie zuvor
daran, daß jede seiner Handlungen frei ist von dem erklärt wurde, ist das die eigentliche Bedeutung von
Wunsch nach Sinnenbefriedigung. Von ihm sagen die vikarma.
Weisen, er sei ein Handelnder, dessen fruchtbringendes
Tun durch das Feuer vollkommenen Wissens verbrannt VERS 21
sei.
107

nirāśīr yata-cittātmā
tyakta-sarva-parigrahaƒ yadcchā—von sich aus; lābha—Gewinn; santu˜aƒ—
śārīraˆ kevalaˆ karma zufrieden; dvandva—Dualität; atītaƒ—überwunden;
kurvan nāpnoti kilbiam vimatsaraƒ—frei von Neid; samaƒ—stetig; siddhau—bei
Erfolg; asiddhau—Mißerfolg; ca—auch; ktvā—tuend;
nirāśīƒ—ohne Verlangen nach den Ergebnissen; yata— api—obwohl; na—niemals; nibadhyate—wird beeinflußt.
beherrscht; citta-ātmā— Geist und Intelligenz; tyakta—
aufgebend; sarva—jeden; parigrahaƒ—Anspruch auf alles ÜBERSETZUNG
Eigentum; śārīram—um Körper und Seele
zusammenzuhalten; kevalam—nur; karma—Arbeit; Wer mit Gewinn zufrieden ist, der von selbst kommt;
kurvan—so tuend; na—niemals; āpnoti—lädt nicht auf wer frei von Dualität ist und keinen Neid kennt und wer
sich; kilbiam—sündhafte Reaktionen. sowohl bei Erfolg wie auch Mißerfolg stetig ist, wird
niemals verstrickt, obwohl er handelt.
ÜBERSETZUNG
ERLÄUTERUNG
Ein Mensch mit einem solchem Verständnis handelt mit
vollkommen beherrschtem Geist und vollkommen Ein KŠa-bewußter Mensch unternimmt nicht einmal
beherrschter Intelligenz, gibt jeden Anspruch auf Besitz große Anstrengungen, um seinen Körper zu erhalten. Er ist
auf und handelt nur für die zum Leben mit Gewinnen zufrieden, die ihm von selbst zufallen. Er
allernotwendigsten Dinge. Aus diesem Grunde wird er bettelt und borgt nicht, sondern arbeitet ehrlich, soweit es
von sündhaften Reaktionen nicht berührt. in seinen Kräften steht, und ist mit dem zufrieden, was er
durch seine eigene ehrliche Arbeit verdient. Er ist daher,
ERLÄUTERUNG was seinen Lebensunterhalt betrifft, unabhängig. Er läßt es
nicht zu, daß der Dienst für jemand anders seinen Dienst
Ein KŠa-bewußter Mensch erwartet bei seinen im KŠa-Bewußtsein behindert. Doch um dem Herrn zu
Tätigkeiten keine guten oder schlechten Ergebnisse. Sein dienen, kann er in jeder Weise handeln, ohne dabei von der
Geist und seine Intelligenz sind völlig beherrscht. Er weiß, Dualität der materiellen Welt gestört zu sein. Die Dualität
daß er ein winziger Teil des Höchsten ist und daß deshalb der materiellen Welt wird als Hitze und Kälte, Leid und
die Rolle, die er als Teil des Ganzen spielt, nicht in seiner Glück oder ähnliche Gegensätze erfahren. Ein
Wahl liegt, sondern vom Höchsten für ihn gewählt wurde KŠa-bewußter Mensch steht über der Dualität, da er nicht
und nur mit Seiner Hilfe gespielt werden kann. Wenn sich zögert, auf jede nur erdenkliche Weise für die
die Hand bewegt, so bewegt sie sich nicht nach ihrem Zufriedenstellung KŠas zu handeln. Deshalb ist er
eigenen Willen, sondern nach dem Willen des ganzen sowohl bei Erfolg als auch bei Mißerfolg stetig. Diese
Körpers. Ein KŠa-bewußter Mensch steht immer in Zeichen werden sichtbar, wenn man völlig im
Einklang mit dem höchsten Wunsch, denn er hat kein transzendentalen Wissen verankert ist.
Verlangen nach eigener Sinnenbefriedigung. Er bewegt
sich genau wie ein Teil einer Maschine. So wie ein VERS 23
Maschinenteil geölt und gereinigt werden muß, um
funktionsfähig zu bleiben, so erhält sich ein gata-sa‰gasya muktasya
KŠa-bewußter Mensch durch seine Arbeit, nur um fähig jñānāvasthita-cetasaƒ
zu bleiben, im transzendentalen liebevollen Dienst des yajñāyācarataƒ karma
Herrn zu handeln. Er ist daher gegen alle Reaktionen seiner samagraˆ pravilīyate
Bemühungen gefeit. Wie ein Tier hat er nicht einmal ein
Besitzrecht auf seinen eigenen Körper. Ein grausamer gata-sa‰gasya—unangehaftet gegenüber den
Tierhalter tötet manchmal das Tier in seinem Besitz, doch Erscheinungsweisen der materiellen Natur; muktasya—von
das Tier protestiert nicht. Es hat auch keine wirkliche demjenigen, der befreit ist; jñāna-avasthita—in der
Unabhängigkeit. Ein KŠa-bewußter Mensch, der voll mit Transzendenz verankert; cetasaƒ—von solcher Weisheit;
Selbstverwirklichung beschäftigt ist, hat sehr wenig Zeit, yajñāya—für Yajña (KŠa); ācarataƒ—so handelnd;
irgendeinen materiellen Gegenstand fälschlich zu besitzen. karma—Arbeit, samagram—in ihrer Gesamtheit; pravi-
Um für Körper und Seele zu sorgen, hat er es nicht nötig, līyate—verschmilzt vollständig.
durch üble Machenschaften Geld anzuhäufen. Folglich
wird er auch nicht durch solch materielle Sünden ÜBERSETZUNG
verunreinigt. Er ist frei von allen Reaktionen auf seine
Handlungen. Die Arbeit eines Menschen, der unangehaftet gegenüber
den Erscheinungeweisen der materiellen Natur ist und
VERS 22 der völlig in transzendentalem Wissen verankert ist,
geht vollständig in die Transzendenz ein.
yadcchā-lābha-santu˜o
dvandvātīto vimatsaraƒ ERLÄUTERUNG
samaƒ siddhāv asiddhau ca
ktvāpi na nibadhyate
108

Wenn man völlig KŠa-bewußt wird, ist man von allen Versenkung spiritualisiert. Brahman bedeutet spirituell.
Dualitäten befreit und daher frei von den Der Herr ist spirituell, und die Strahlen Seines
Verunreinigungen der materiellen Erscheinungsweisen. transzendentalen Körpers werden brahmajyoti oder Seine
Man kann befreit werden, weil man seine wesensgemäße spirituelle Ausstrahlung genannt. Alles, was existiert,
Stellung in Beziehung zu KŠa kennt, und so kann der befindet sich in diesem brahmajyoti. Aber wenn das
Geist nicht vom KŠa-Bewußtsein abgelenkt werden. Was brahmajyoti von Illusion (māyā), das heißt
immer man daher tut, tut man für Śrī KŠa, den Sinnenbefriedigung, bedeckt ist, wird es als materiell
ursprünglichen ViŠu. Deshalb sind alle Werke eigentlich bezeichnet. Dieser materielle Schleier kann durch
Opfer, denn Opfer bedeutet, die Höchste Person, KŠa, zu KŠa-Bewußtsein augenblicklich entfernt werden; das
erfreuen. Die Reaktionen auf solche Werke gehen mit Opfer für die Sache des KŠa-Bewußtseins, das Mittel zur
Gewißheit in der Transzendenz auf, und man erleidet keine Ausführung eines solchen Opfers oder Beitrags, der
materiellen Auswirkungen. Vorgang der Ausführung, der Beitragende und das
Ergebnis — sie alle zusammengenommen sind Brahman
VERS 24 oder die Absolute Wahrheit. Die Absolute Wahrheit, die
von māyā bedeckt ist, wird Materie genannt. Materie, die
brahmārpaŠaˆ brahma havir in den Dienst der Absoluten Wahrheit gestellt wird,
brahmāgnau brahmaŠā hutam gewinnt ihre spirituelle Eigenschaft zurück. KŠa--
brahmaiva tena gantavyaˆ Bewußtsein ist der Vorgang, das verblendete Bewußtsein
brahma-karma-samādhinā in Brahman, das Höchste, umzuwandeln. Wenn der Geist
völlig im KŠa-Bewußtsein verankert ist, befindet er sich
brahma—spirituelle Natur; arpaŠam—Beitrag; brahma— in samādhi oder Trance. Alles, was man in solch
das Höchste; haviƒ—Butter; brahma—spirituell; agnau— transzendentalem Bewußtsein tut, wird als yajña oder
im Feuer der Vollziehung; brahmaŠā—von der spirituellen Opfer für das Absolute bezeichnet. In diesem Zustand
Seele; hutam—dargebracht; brahma—spirituelles spirituellen Bewußtseins wird der Beitragleistende, der
Königreich; eva—gewiß; tena—von ihr; gantavyam— Beitrag, die Ausführung, der Vollzieher oder Leiter des
erreicht zu werden; brahma—spirituelle; karma— Opfers und das Ergebnis oder der letztliche Gewinn eins
Tätigkeiten; samādhinā—durch vollständige Versenkung. im Absoluten, dem Höchsten Brahman. Das ist der
Vorgang des KŠa-Bewußtseins.
ÜBERSETZUNG
VERS 25
Jemand, der völlig im KŠa-Bewußtsein vertieft ist,
erreicht mit Sicherheit das spirituelle Königreich, denn daivam evāpare yajñaˆ
er widmet sich voll und ganz spirituellen Tätigkeiten, yoginaƒ paryupāsate
bei denen die Ausführung absolut ist und das, was brahmāgnāv apare yajñaˆ
dargebracht wird, von der gleichen spirituellen Natur yajñenaivopajuhvati
ist.
daivam—bei der Verehrung der Halbgötter; eva—wie
ERLÄUTERUNG dieses; apare—einige; yajñam—Opfer; yoginaƒ—die
Mystiker; paryupāsate—verehren in vollkommener Weise;
Hier wird beschrieben, wie Tätigkeiten im brahma—die Absolute Wahrheit; agnau—im Feuer von;
KŠa-Bewußtsein einen Menschen letztlich zum apare—andere; yajñam—Opfer; yajñena—durch Opfer,
spirituellen Ziel führen können. Es gibt verschiedene eva—somit; upajuhvati—verehren.
Tätigkeiten im KŠa-Bewußtsein, die alle in den
folgenden Versen beschrieben werden. Zunächst wird ÜBERSETZUNG
jedoch nur das Prinzip des KŠa-Bewußtseins erklärt. Eine
bedingte Seele, die in materielle Verunreinigung verstrickt Einige yogīs verehren die Halbgötter in vollendeter
ist, handelt mit Sicherheit in der materiellen Atmosphäre; Weise, indem sie ihnen verschiedene Opfer darbringen,
sie muß sich aber aus einer solchen Umgebung befreien. und manche von ihnen bringen Opfer im Feuer des
Der Vorgang, durch den die bedingte Seele aus der Höchsten Brahman dar.
materiellen Atmosphäre herausgelangen kann, ist
KŠa-Bewußtsein. Ein Patient zum Beispiel, der an einer ERLÄUTERUNG
Darmkrankheit leidet, weil er zu viele Milchprodukte zu
sich genommen hat, kann durch ein anderes Milchprodukt, Wie oben beschrieben wird, nennt man einen Menschen,
nämlich Quark, geheilt werden. Wie hier in der Gītā erklärt der seine Pflichten im KŠa-Bewußtsein erfüllt, einen
wird, kann die in die Materie versunkene Seele durch vollkommenen yogī oder erstklassigen Mystiker. Doch es
KŠa-Bewußtsein geheilt werden. Dieser Vorgang ist im gibt auch andere, die ähnliche Opfer zur Verehrung von
allgemeinen bekannt als yajña (Opfer) oder Tätigkeiten, Halbgöttern darbringen, und noch andere, die dem
die einfach für die Zufriedenstellung ViŠus oder KŠas Höchsten Brahman, dem unpersönlichen Aspekt des
ausgeführt werden. Je mehr die Tätigkeiten der materiellen Höchsten Herrn, opfern. Es gibt also verschiedene Arten
Welt im KŠa-Bewußtsein oder nur für ViŠu verrichtet von Opfern im Sinne unterschiedlicher Kategorien. Solch
werden, desto mehr wird die Atmosphäre durch völlige verschiedene Kategorien von Opfern seitens verschiedener
109

Arten von Ausführenden zeugen nur oberflächlich von Einige opfern den Vorgang des Hörens und die Sinne
einer Vielfalt von Opfern. Wirkliches Opfer bedeutet, den im Feuer des beherrschten Geistes, und andere bringen
Höchsten Herrn, ViŠu, der auch als Yajña bekannt ist, die Sinnesobjekte, wie zum Beispiel Klang, im Feuer des
zufriedenzustellen. All die verschiedenen Arten von Opfers dar.
Opfern können in zwei Hauptkategorien unterteilt werden,
nämlich Opfer weltlicher Güter und Opfer, die ausgeführt ERLÄUTERUNG
werden, um transzendentales Wissen zu erlangen.
KŠa-bewußte Menschen opfern alle materiellen Die vier Abschnitte des menschlichen Lebens, nämlich
Besitztümer für die Zufriedenstellung des Höchsten Herrn, brahmacarya, ghastha, vānaprastha und sannyāsa, sollen
wohingegen andere, die nach zeitweiligem, materiellem den Menschen helfen, vollkommene yogīs oder
Glück streben, ihren materiellen Besitz opfern, um Transzendentalisten zu werden. Weil das menschliche
Halbgötter wie Indra und den Sonnengott zu befriedigen. Leben nicht dafür bestimmt ist, Sinnenbefriedigung wie die
Unpersönlichkeitsphilosophen opfern ihre Identität, indem Tiere zu genießen, sind die vier Stufen des menschlichen
sie mit dem unpersönlichen Brahman verschmelzen. Die Lebens so eingerichtet, daß man im spirituellen Leben die
Halbgötter sind mächtige Lebewesen, die vom Höchsten Vollkommenheit erreichen kann.
Herrn beauftragt sind, für alle materiellen Funktionen wie Die brahmacārīs, das heißt die Schüler unter der Obhut
Beheizung, Bewässerung und Beleuchtung des Universums eines echten spirituellen Meisters, beherrschen den Geist,
zu sorgen und darüber zu wachen. Diejenigen, die an indem sie sich von Sinnenbefriedigung fernhalten. Sie
materiellen Vorteilen interessiert sind, verehren die werden in diesem Vers als diejenigen erwähnt, die den
Halbgötter durch verschiedene Opfer, wie sie den Vorgang des Hörens und die Sinne im Feuer des
vedischen Ritualen gemäß vollzogen werden. Solche beherrschten Geistes opfern. Ein brahmacārī hört nur
Menschen bezeichnet man als bahv-īśvara-vādī (oder Worte, die mit KŠa-Bewußtsein zu tun haben. Hören ist
solche, die an viele Götter glauben). Andere, die den das Grundprinzip des Verstehens, und daher beschäftigt
unpersönlichen Aspekt der Absoluten Wahrheit verehren sich der reine brahmacārī voll im harer nāmānukīrtanam
und die Formen der Halbgötter als zeitweilig betrachten, — im Chanten und Hören von der Herrlichkeit des Herrn.
opfern ihr individuelles Selbst im höchsten Feuer und Er hält sich von materiellen Klangschwingungen fern und
beenden so ihr individuelles Dasein, indem sie mit der ist ständig damit beschäftigt, die transzendentale
Existenz des Höchsten verschmelzen. Solche Klangschwingung Hare KŠa, Hare KŠa zu hören.
Unpersönlichkeitsanhänger verbringen ihre Zeit mit In ähnlicher Weise führen die Haushälter, die eine gewisse
philosophischen Spekulationen, um das transzendentale Erlaubnis zu Sinnenbefriedigung haben, solche
Wesen des Höchsten zu verstehen. Mit anderen Worten: Handlungen mit großer Einschränkung aus. Sexualität,
Die fruchtbringenden Arbeiter opfern ihre materiellen Berauschung und das Essen von Fleisch sind allgemeine
Besitztümer für materiellen Genuß, wohingegen die Tendenzen der menschlichen Gesellschaft, doch ein
Unpersönlichkeitsanhänger ihre materiellen Namen und regulierter Haushälter gibt sich nicht einem zügellosen
Beziehungen opfern, mit dem Ziel, in die Existenz des Geschlechtsleben und anderen Sinnenfreuden hin. Eine
Höchsten einzugehen. Für den Unpersönlichkeitsanhänger eheliche Gemeinschaft nach den Grundsätzen religiösen
ist der Feueraltar des Opfers das Höchste Brahman, und als Lebens ist daher in jeder zivilisierten menschlichen Ge-
Opfer bringen sie ihr Selbst dar, das vom Feuer des sellschaft üblich, da dies der Weg zu gezügelter Sexualität
Brahman verzehrt wird. Der KŠa-bewußte Mensch wie ist. Diese gezügelte, unangehaftete Sexualität ist auch eine
Arjuna jedoch opfert alles für die Zufriedenstellung Art von yajña, denn der regulierte Haushälter opfert seine
KŠas, und so werden sowohl all seine materiellen Güter allgemeine Neigung zur Sinnenbefriedigung für ein
als auch sein Selbst — alles — für KŠa geopfert. Damit höheres, transzendentales Leben.
ist er der yogī ersten Ranges, jedoch verliert er nicht seine
individuelle Existenz. VERS 27

VERS 26 sarvāŠīndriya-karmāŠi
prāŠa-karmāŠi-cāpare
śrotrādīnīndriyāŠy anye ātma-saˆyama-yogāgnau
saˆyamāgniu juhvati juhvati jñāna-dīpite
śabdādīn viayān anya
indriyāgniu juhvati sarvāŠi—alle; indriya—Sinne; karmāŠi—Funktionen;
prāŠa-karmāŠi—Funktionen des Lebensatems; ca—auch;
śrotra-ādīni—der Vorgang des Hörens; indriyāŠi—Sinne; apare—andere; ātmā-saˆyama—indem sie den Geist
anye—andere; saˆyama—der Zurückhaltung; agniu—im beherrschen; yoga—Verbindungsvorgang; agnau—im
Feuer; juhvati—opfern; śabda-ādīn— Klangschwingung Feuer des; juhvati—opfert; jñāna-dīpite—aufgrund des
usw.; viayān—Objekte der Sinnenbefriedigung; anye— Dranges nach Selbstverwirklichung.
andere; indriya—der Sinnesorgane; agniu—im Feuer;
juhvati—opfern. ÜBERSETZUNG

ÜBERSETZUNG Diejenigen, die an Selbstverwirklichung durch


Meisterung von Geist und Sinnen interessiert sind,
110

bringen sowohl die Funktionen all ihrer Sinne wie auch Wohlfahrtseinrichtungen wie dharmaśālā, anna-ketra,
ihre Lebenskraft [Atem] als Opfergaben im Feuer des atithi-śālā, anathalaya und vidyāpī˜ha. Auch in anderen
beherrschten Geistes dar. Ländern gibt es viele Krankenhäuser, Altersheime und
ähnliche gemeinnützige Stiftungen, die dafür bestimmt
ERLÄUTERUNG sind, den Armen durch freies Essen, kostenlose, Erziehung
und freie ärztliche Behandlung zu helfen. All diese
Hier wird auf das von Patañjali entworfene yoga-System wohltätigen Bemühungen werden dravyamaya-yajña
Bezug genommen. Im yoga-sūtra des Patanjali wird die genannt. Es gibt andere, die freiwillig verschiedene Arten
Seele als pratyag-ātmā und parag-ātmā bezeichnet. von tapasya wie candrāyana und cāturmāsya auf sich
Solange die Seele an Sinnengenuß haftet, wird sie nehmen, um eine höhere Stufe im Leben zu erlangen oder
parag-ātmā genannt. Die Seele ist den Wirkungsweisen zu höheren Planeten im Universum erhoben zu werden.
von zehn Luftarten ausgesetzt, die im Körper wirken und Diese Vorgänge beinhalten strenge Gelübde, unter denen
durch den Atemvorgang erfahren werden. Das man sein Leben nach bestimmten strikten Regeln führt.
yoga-System des Patañjali unterweist uns, wie man die Wenn sich jemand zum Beispiel das cāturmāsya-Gelübde
Funktionen der Körperluft auf technische Weise meistern auferlegt, rasiert er sich vier Monate lang nicht (Juli -
kann, so daß letztlich alle Funktionen der Luft im Innern Oktober), ißt nur einmal am Tag bestimmte Speisen und
dazu benutzt werden können, die Seele von materieller verläßt das Haus nicht. Ein solcher Verzicht auf die
Anhaftung zu reinigen. Nach diesem yoga-System ist Annehmlichkeiten des Lebens wird tapomaya-yajña
pratyag-ātmā das endgültige Ziel. Dieses pratyag-ātmā genannt. Wieder andere beschäftigen sich mit
bedeutet, sich von Tätigkeiten in der Materie verschiedenen Arten mystischen yogas. wie dem Patañjali-
zurückzuziehen. Die Sinne stehen mit den Sinnesobjekten System, um mit der Existenz des Absoluten zu
in einer Wechselbeziehung, das heißt, die Ohren hören, die verschmelzen, oder ha˜ha-yoga bzw. a˜ā‰ga-yoga, um
Augen sehen, die Nase riecht, die Zunge schmeckt, die bestimmte Vollkommenheiten zu erlangen. Und manche
Hand berührt, und so sind alle Sinne mit Tätigkeiten reisen zu allen heiligen Pilgerorten. All diese Praktiken
außerhalb des Selbst beschäftigt. Das sind Funktionen der bezeichnet man als yoga-yajña oder Opfer, um eine
prāna-vāyu. Die apāna-vāyu strömt nach unten; die bestimmte Art von Vollkommenheit in der materiellen
vyāna-vāyu hat die Aufgabe, zusammenzuziehen und zu Welt zu erreichen. Noch andere widmen sich dem Studium
erweitern; die samāna-vāyu sorgt für Ausgeglichenheit, verschiedener vedischer Schriften, besonders den
und die udāna-vāyu strömt nach oben. Wenn man Upaniaden und den Vedānta-sūtras oder der sā‰khya-
erleuchtet ist, benutzt man all diese Luftarten auf der Suche Philosophie. All dies nennt man svādhyāya-yajña oder
nach Selbstverwirklichung. Opfer durch das Studieren der Veden. All diese yogīs
beschäftigen sich gläubig mit verschiedenen Arten von
VERS 28 Opfern und streben nach einer höheren Stufe des Lebens.
KŠa-Bewußtsein jedoch unterscheidet sich von all diesen
dravya-yajñās tapo-yajñā Opfern, denn es ist direkter Dienst für den Höchsten Herrn.
yoga-yajñās tathāpare KŠa-Bewußtsein kann man nicht durch eines der oben
svādhyāya-jñāna-yajñāś ca erwähnten Arten von Opfern erlangen, sondern allein
yatayaƒ saˆśita-vratāƒ durch die Barmherzigkeit des Herrn und Seines reinen
Geweihten. Daher ist KŠa-Bewußtsein transzendental.
dravya-yajñāƒ—seine Besitztümer opfernd; tapo-yajñāƒ—
Opfer in tapasya; yoga-yajñāƒ—Opfer in achtfacher VERS 29
Mystik; tathā—so; apare—andere; svādhyāya—Opfer im
Studium der Veden; jñāna-yajñāƒ—Opfer im Fortschritt apāne juhvati prāŠaˆ
transzendentalen Wissens; ca—auch; yatayaƒ—erleuchtet; prāŠe’pānaˆ tathāpare
saˆśita—auf sich nehmend strenge; vratāƒ—Gelübde. prāŠāpāna-gatī ruddhvā
prāŠāyāma-parāyaŠāƒ
ÜBERSETZUNG apare niyatāhārāƒ
prāŠān prāŠeu juhvati
Es gibt andere, die — erleuchtet durch das Opfer ihrer
materiellen Besitztümer in schwerer tapasya — strenge apāne—Luft, die nach unten strömt; juhvati—opfert;
Gelübde auf sich nehmen und den yoga der achtfachen prāŠam—Luft, die nach außen strömt; prāŠe—in der Luft,
Mystik praktizieren, und wieder andere studieren die die nach außen strömt; apānam—Luft, die nach unten
Veden, um im transzendentalen Wissen Fortschritte zu strömt; tathā—wie auch; apare—andere; prāŠa—Luft, die
machen. nach außen strömt; apāna—Luft, die nach unten strömt;
gatī—Bewegung; ruddhvā—Anhalten; prāŠāyama—
ERLÄUTERUNG Trance, die dadurch hervorgerufen wird, daß man den
Atem anhält; parāyaŠāƒ—dazu neigen; apare—andere;
Diese Opfer können in verschiedene Gruppen eingeteilt niyata—beherrscht; āhārāƒ—Essen; prāŠān—Luft, die
werden. Es gibt Menschen, die ihren Besitz in Form nach außen strömt; prāŠeu—in die nach außen strömende
verschiedener Spenden opfern. In Indien eröffnen reiche Luft; juhvati—opfert.
Kaufleute oder Prinzen verschiedene
111

ÜBERSETZUNG vertraut; yajña—Opfer; kapita—vom Ergebnis solcher


Ausführungen gereinigt sein; kalmaāƒ—sündhafte
Und es gibt sogar noch andere, die dazu neigen, den Reaktionen; yajña-śi˜a—als Ergebnis solcher
Vorgang der Atembeherrschung zu praktizieren, um in Ausführungen von yajña; amta-bhujaƒ—diejenigen, die
Trance zu bleiben. Sie üben sich darin, den solchen Nektar gekostet haben; yānti—nähern sich;
ausströmenden Atem im einströmenden und den brahma—der höchsten; sanātanam—ewigen Atmosphäre.
einströmenden Atem im ausströmenden anzuhalten,
und bleiben so letztlich in Trance, indem sie alles ÜBERSETZUNG
Atmen einstellen. Einige von ihnen bringen, indem sie
das Essen einschränken, den ausströmenden Atem sich Diejenigen, die diese Opfer ausführen und deren
selbst als Opfer dar. Bedeutung kennen, werden von sündhaften Reaktionen
gereinigt, und weil sie den Nektar der Überreste solcher
ERLÄUTERUNG Opfer gekostet haben, gelangen sie in die höchste ewige
Sphäre.
Dieses yoga-System, durch das man die Atmung
beherrschen kann, nennt man prāŠāyāma, und es wird zu ERLÄUTERUNG
Beginn im ha˜ha-yoga-System durch verschiedene
Sitzstellungen geübt. All diese Vorgänge werden Aus der vorangegangenen Erklärung verschiedener Arten
empfohlen, um die Sinne zu meistern und in der von Opfern (nämlich Opfer des Besitzes, Studium der
spirituellen Verwirklichung fortzuschreiten. Zu dieser Veden oder philosophischer Lehren und Ausübung des
Technik gehört, daß die Luft im Körper beherrscht wird, yoga-Systems) kann man ersehen, daß es das gemeinsame
um ein gleichzeitiges Strömen in entgegengesetzte Ziel aller ist, die Sinne zu beherrschen. Sinnenbefriedigung
Richtungen zu ermöglichen. Die apāna-Luft strömt nach ist die eigentliche Ursache des materiellen Daseins;
unten, und die prāŠa-Luft strömt nach oben. Der solange man sich daher nicht auf einer Ebene befindet, auf
prāŠāyāma-yogī übt solange, in entgegengesetzter der es keine Sinnenbefriedigung gibt, ist es nicht möglich,
Richtung zu atmen, bis sich die beiden Luftströme auf die ewige Ebene allumfassenden Wissens,
gegenseitig aufheben und pūraka oder Ausgeglichenheit vollkommener Glückseligkeit und vollkommenen Lebens
herrscht. Wenn man den ausströmenden Atem im erhoben zu werden. Diese Ebene liegt in der ewigen der
einströmenden Atem opfert, wird das recaka genannt, und Brahman-Sphäre. Alle obenerwähnten Opfer helfen einem,
wenn beide Luftströme völlig zur Ruhe kommen, nennt von den sündhaften Reaktionen des materiellen Daseins
man dies kumbhaka-yoga. Durch kumbhaka-yoga geläutert zu werden. Durch diesen Fortschritt wird man
verlängern die yogīs ihre Lebensdauer um viele Jahre. Ein nicht nur in diesem Leben glücklich und reich, sondern
KŠa-bewußter Mensch jedoch wird dadurch, daß er geht auch letztlich in das ewige Königreich Gottes ein,
immer im transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn indem man entweder mit dem unpersönlichen Brahman
verankert ist, von selbst der Meister seiner Sinne. Da seine verschmilzt oder mit der Höchsten Persönlichkeit Gottes,
Sinne immer in KŠas Dienst tätig sind, gibt es für sie KŠa, zusammenkommt.
keine Möglichkeit auf andere Weise beschäftigt zu werden.
Am Ende seines Lebens wird er natürlicherweise auf die VERS 31
transzendentale Ebene Śrī KŠas versetzt; folglich
versucht er nicht, seine Lebensdauer zu verlängern. Er wird nāyaˆ loko'sty ayajñasya
sogleich auf die Ebene der Befreiung gehoben. Ein kuto'nyaƒ kuru-sattama
KŠa-bewußter Mensch beginnt auf der transzendentalen
Stufe, und er befindet sich ständig in diesem Bewußtsein. na—niemals; ayam—dieser; lokaƒ—Planet; asti—es gibt;
Er kommt daher nicht zu Fall, und letztlich geht er ohne ayajñasya—der Toren; kutaƒ—wo es gibt; anyaƒ—das
Verzug in das Reich des Herrn ein. Das Verfahren, das andere; kuru-sattama—o Bester der Kurus.
Essen einzuschränken, wird von selbst praktiziert, wenn
man nur KŠa-prasāda ißt, das heißt Speise, die zuerst ÜBERSETZUNG
dem Herrn geopfert wurde. Um die Sinne zu beherrschen,
ist es sehr hilfreich, das Essen einzuschränken. Und ohne O Bester der Kuru-Dynastie,ohne Opfer kann man auf
die Sinne zu beherrschen, ist es nicht möglich, sich aus der diesem Planeten oder in diesem Leben niemals glücklich
materiellen Verstrickung zu lösen. leben — vom nächsten ganz zu schweigen.

VERS 30 ERLÄUTERUNG

sarve'py ete yajña-vido In welcher Form des materiellen Daseins man sich auch
yajña-kapita-kalmaāƒ befinden mag, man weiß jedenfalls nichts von seiner
yajña-śi˜āmta-bhujo wirklichen Situation. Anders ausgedrückt: Das Dasein in
yānti brahma sanātanam der materieüen Welt hat seine Ursache in den vielfachen
Reaktionen auf unser sündhaftes Leben. Unwissenheit ist
sarve—alle; api—obwohl offensichtlich verschieden; ete— die Ursache eines sündigen Lebens, und ein sündiges
all diese; yajña-vidaƒ—mit dem Zweck der Ausführung Leben ist die Ursache dafür, daß man sich weiter im
112

materiellen Dasein dahinschleppt. Die menschliche Form Weil die Menschen so tief in die körperliche Auffassung
des Lebens ist das einzige Schlupfloch, durch das man vom Leben versunken sind, sind diese Opfer so
dieser Verstrickung entkommen kann. Die Veden geben eingerichtet, daß man entweder mit dem Körper, mit dem
uns deshalb eine Möglichkeit zur Flucht, indem sie uns die Geist oder mit der Intelligenz tätig sein kann. Aber sie alle
Pfade der Religion, des wirtschaftlichen Wohlstands und werden empfohlen, um letztlich Befreiung vom Körper
der regulierten Sinnenbefriedigung zeigen und schließlich herbeizuführen. Dies wird hier vom Herrn aus Seinem
das Mittel, aus diesem erbärmlichen Zustand gänzlich eigenen Mund bestätigt.
herauszukommen. Der Pfad der Religion, das heißt die
verschiedenen Arten von Opfer, die oben empfohlen VERS 33
wurden, löst von selbst unsere wirtschaftlichen Probleme.
Wenn yajñas oder Opfer ausgeführt werden, können wir śreyān dravyamayād yajñāj
genug Nahrungsmittel, genug Milch usw. bekommen — jñāna-yajñaƒ parantapa
auch wenn die Bevölkerung in starkem Maße zunimmt. sarvaˆ karmākhilaˆ pārtha
Wenn der Körper mit allem versorgt wird, ist jñāne parisamāpyate
natürlicherweise die nächste Stufe, daß man seine Sinne
befriedigt. Die Veden schreiben daher eine heilige Heirat śreyān—größer; dravyamayād—als das Opfer materieller
vor, um die Befriedigung der Sinne zu regulieren. Auf Besitztümer; yajñāt— Wissen; jñāna-yajñaƒ—Opfer in
diese Weise wird man allmählich zu der Ebene gehoben, Wissen; parantapa—o Bezwinger des Feindes; sarvam—
auf der man aus der materiellen Knechtschaft befreit ist, alle; karma—Tätigkeiten; akhilam—in ihrer Gesamtheit;
und die höchste Vollkommenheit des befreiten Lebens pārtha—o Sohn Pthās; jñāne—im Wissen;
besteht darin, mit dem Höchsten Herrn zusammenzusein. parisamāpyate—endet in.
Diese Vollkommenheit wird durch die Darbringung von
yajña (Opfer) erreicht, wie schon oben erklärt wurde. ÜBERSETZUNG
Wenn nun jemand nicht geneigt ist, yajñas nach den Un-
terweisungen der Veden auszuführen, wie kann er dann ein O Bezwinger des Feindes, das Opfer in Wissen ist
glückliches Leben erwarten? Es gibt verschiedene Grade größer als das Opfer materieller Besitztümer. O Sohn
materieller Annehmlichkeiten auf verschiedenen Pthās, letztlich gipfelt das Opfer von Arbeit in
himmlischen Planeten, und in jedem Fall erwartet transzendentalem Wissen.
diejenigen, die verschiedene Arten von yajñas darbringen,
unermeßliches Glück. Aber das höchste Glück, das ein ERLÄUTERUNG
Mensch erreichen kann, besteht darin, durch das
Praktizieren von KŠa-Bewußtsein zu den spirituellen Der Zweck aller Opfer besteht darin, die Stufe
Planeten zu gelangen. Ein Leben im KŠa-Bewußtsein ist vollständigen Wissens zu erreichen, sodann von allen
daher die Lösung für alle Probleme des materiellen materiellen Leiden frei zu werden und schließlich sich im
Daseins. liebevollen transzendentalen Dienst des Herrn
(KŠa-Bewußtsein) zu beschäftigen. Trotzdem liegt in all
VERS 32 diesen verschiedenen Opferhandlungen ein Geheimnis, und
man sollte dieses Geheimnis kennen. Opfer nehmen
evaˆ bahu-vidhā yajñā manchmal je nach dem Glauben des Ausführenden
vitatā brahmaŠo mukhe unterschiedliche Formen an. Wenn der Glaube die Stufe
karma-jān viddhi tān sarvān transzendentalen Wissens erreicht, sollte der Ausführende
evaˆ jñātvā vimokyase von Opfern als weiter fortgeschritten betrachtet werden als
diejenigen, die nur materielle Besitztümer ohne solches
evam—so; bahu-vidhāƒ—verschiedene Arten von; Wissen opfern; denn ohne Wissen bleiben Opfer auf der
yajñaƒ—Opfern; vitatāƒ—weitverbreitet; brahmaŠaƒ—der materiellen Ebene und bringen keinen spirituellen Nutzen.
Veden; mukhe—angesichts; karma-jān—aus Arbeit Wirkliches Wissen gipfelt in KŠa-Bewußtsein, der
geboren; viddhi—du solltest wissen; tān—sie; sarvān—alle; höchsten Stufe transzendentalen Wissens. Ohne durch
evam—so; jñātvā—kennend;