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11_09_003_Editorial 27.10.

2009 12:18 Uhr Seite 3

editorial

Liebe Leser, Leserbriefe/Impressum 4

Stadtgeschichten 6
ein Samstagabend im 6er-Bus: Auf der Rückbank sitzen fünf junge Tür-
kinnen, alle knapp unter 20. Sie kichern, albern rum, haben Spaß. Ein Titel 8
schwules Paar steigt zu, das Tuscheln und Kichern wird lauter. Als der
Bus schließlich über die Lange Reihe fährt, platzt es aus einer der jun- Hamburg 18
gen Frauen heraus: „Guckt mal da, Schwule!“ Und die anderen antwor-
ten im Chor: „Iiieeehhh!“ Ist das jetzt schon homophob oder einfach nur
Mahlzeit 28
pubertär? Wäre es mit fünf jungen Männern bereits eine bedrohliche
Situation? Hätten die beiden Schwulen auf die Frauen reagieren sollen? Oder die anderen Fahrgäs-
te? Würde man überhaupt darüber reden, wenn sich fünf deutsche Jugendliche so verhalten hät- Kultur 30
ten? Oder ist das alles eine Alltäglichkeit, die wahrscheinlich jeder schon einmal so oder ähnlich erlebt
hat – und die schnell wieder vergessen ist? Wie viel Homophobie kann und muss man ertragen? Wie Beautiful People 36
viel Angst ist angebracht?
Deutschland hat ein massives Integrationsproblem. Es betrifft übrigens nicht nur Ausländer, son-
Szene 38
dern auch den Teil der deutschen Bevölkerung, der sozial abdriftet und so gerne als Unterschicht
bezeichnet wird. Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig sagt: „Teile der Kriminalitätsproblematik,
speziell auch bei Jugendlichen, und die Integrationsproblematik sind auf jeden Fall miteinander ver- Programm 44
zahnt.“ Eine Gettoisierung findet nicht nur bei jungen Arabern oder Türken statt, sondern auch bei
deutschen Jugendlichen mit Perspektivmangel. Wenn sich hier der geballte Frust mit übersteiger- City Guide 58
tem Männlichkeitsgebaren mischt, kann daraus schnell eine gefährliche, weil gewalttätige Gefahr wer-
den. Kleinanzeigen 68
Dafür gibt es in Hamburg, aber auch bundesweit zahlreiche Beispiele, sogar mit tödlichem Ausgang.
Der brutale Überfall auf einen US-amerikanischen Gaststudenten Ende September am Hansaplatz
Portfolio 70
gehört in diese Reihe. Inwieweit er tatsächlich schwulenfeindlich motiviert war, ist nicht abschließend
geklärt. Das ist auch nicht die alles entscheidende Frage. Schwule müssen sich nicht als besondere
Opfergruppe stilisieren, denn Gewalt kann jeden treffen. Daran muss gearbeitet werden, doch bis- Sex 72
lang sind die politischen Reaktionen eher hilflos: Mit Waffenverbotszonen oder endlosen Diskussio-
nen, wieviel Videoüberwachung zumutbar sei, wird lediglich Aktionismus demonstriert – die Ursa- Reise 74
chen bleiben.

Fernsehen 78
Viel Spaß beim Lesen!
Verlosung 80
Stefan Mielchen
Chefredakteur Lange Reihe 82

8 18 30 74
Titel Hamburg Kultur Reise
Ratgeber, Lebensbeichten, Pornos: Der DFB zeigt beim Länderspiel in Er singt über Analverkehr und gilt auch Beirut gilt als Paris des Osten. Es gibt
Über Sex wird viel geschrieben. Auch Hamburg Flagge gegen Homophobie sonst als Schlampe: Joel Gibb von den schwules Leben. doch dem Touristen
uns geht es immer nur um das Eine. – nur die Nationalspieler kneifen. Hidden Cameras im Interview. bleibt so manches davon fremd.

hinnerk 11/09 3