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Bierprofessors Reisen: Mailand – Italien

Von Bierprofessor Dr. Alexander Jäger

Eigentlich begann das Schreiben dieses Artikels vor mehr als einem Jahr, bei sommerlicher
Hitze. An einer Strandbar in Apulien, bei einem Glas „Nastro Azzuro“, meinte der
Bierprofessor zu seiner Liebsten: „Eigentlich gar nicht so schlecht dieses Bier, da haben die
Italiener seit meinem letzten Besuch (der war vor mehr als 20 Jahren) ins Sachen Bier einiges
dazu gelernt, das schmeckt fast wie bei uns“. Worauf Bierprofessors Liebste mit der
Erfahrung von mehr als 20 Jahren Italienurlaub nur trocken konterte, der Geschmack der
italienischen Bier habe sich kaum verändert, die Veränderung in der Bierqualität seien wohl
nördlich der Alpen zu suchen. Wie so oft scheint auch hier die Wahrheit irgendwo
dazwischen liegen. Ein leichtes, wenig gehopftes Bier, sehr kalt gezapft, lässt den
Geschmacksknospen, nördlich wie südlich der Alpen, wenig Raum zur Entfaltung, die Biere
befinden sich allgemein auf der Weg zur europäischen Geschmacksunion.
Wie sieht es bei kritischer Analyse, ungetrübt von der apulischen Hitze, tatsächlich aus mit
der italienischen Bierversorgung:
Den Österreichern am meisten bekannt und auch durchaus erhältlich: Forst aus Südtirol, mit
immerhin 700.000 hl Ausstoß - nicht gerade eine kleine Brauerei.
Heineken, natürlich auch in Italien aktiv, Pedavena zum Beispiel, wurde schon in den 60iger
Jahren aufgekauft und produziert neben der Marke Heineken auch die traditionsreichen
italienischen Marken Moretti, Dreher und Buckler, ist mit einem Ausstoß von 5,6 Mio hl
Marktführer in Italien.
Birra Peroni in Rom, mit erwähnten Nastro Azzuro und Peroni, produziert 3,8 Mio, Carlsberg
1,2 Mio hl. Alle Brauereien bieten das europäischen Durchschnittsbild bzw. -geschmack. Die
Gesamtproduktion in Italien betrug im Jahr 2006 insgesamt 12,8 Mio. hl in 11 Braustätten.
Importiert wurden zusätzlich 5,2 Mio hl. Macht einen pro Kopf -Verbrauch von doch
immerhin 30 l pro Jahr. Alle Biere, ausnahmslos süffig, Geschmack ohne große Eigenheiten,
zumeist mit wenig Kohlensäure und fast immer sehr kühl gezapft oder serviert.
Bei den empfohlenen Trinktemperaturen scheinen die klassischen Bierländer eher den
Südländern zu folgen. Kalt, kälter am Kältesten, Geschmack, geschmacksneutral,
geschmacklos?
Doch abseits der Massenpfade und jenseits der Massenware hat sich in Italien in den letzten
10 Jahren Erstaunliches entwickelt. Mehr als 120 Klein- und Gasthausbrauereien bieten eine
geschmackliche Vielfalt, die in Österreich wohl kaum zu finden ist. Anlässlich der
Prämierung der Biere der italienischen Gasthausbrauereien konnte bei der Verkostung der
Siegerbiere aus 8 Kategorien sehr erfreuliches festgestellt werden (siehe auch Bericht über
das EBCU Treffen von Jörg Prähauser).
Die Verwendung einer extremen Vielfalt von Hopfensorten, erstaunliche viele davon aus den
USA, sorgte für ein olfaktorisches und geschmackliches Feuerwerk. Nicht ans Reinheitsgebot
gebunden, wird neben den klassischen Zutaten eine Vielfalt von Früchten und Gewürzen
verwendet. Obergäriges aller Art steht gleichwertig neben Untergärigem.
Die Qualität: Ebenso sensationell wie die Vielfalt, nichts jedoch für den teutonischen
Einheitsgeschmack.
Überhaupt scheinen die Gasthausbrauerei in keinster Weise zu versuchen, Massenware
nachzuahmen. Die Birrificio Lambrate, Via Adelchi 5 zum Beispiel, bietet in Mailand übers
Jahr 9 nur obergärige Sorten. Die 2200 hl Ausstoß gehen vorwiegend an die eigene
Kundschaft. Das „Lambrate“ (Strong Scotch Ale) und das Ligèra (American Pale Ale) sind
die Renner in der Birrificio Lambrate, weitere Ales, ein Rauchbier, Altbier, Kölsch und
Weizen komplettieren das Angebot. Wer nennt mir eine Gasthausbrauerei mit ähnlicher
Vielfalt?
Die stets überfüllte Kneipe (wegen des Rauchverbots in Italien trotzdem sehr erträglich) hat
übrigens das Motto: „Hier gibt es keine Fremde, nur Freunde die sich noch nicht getroffen
haben“. Fast ist man gewillt hinzuzufügen: Biertrinker aller Länder, vereinigt Euch. Neben
dem Rauchverbot gibt es in Italien (für Österreicher fast unvorstellbar) weiteres
Überraschendes: Besucher, die zum Rauchen auf die Straße hinausgehen, füllen von alleine,
ganz selbstverständlich ihr Bier in Kunststoffkrüge um. Leidgeplagte Besucher der Linzer
Altstadt, die morgens über Scherbenhaufen nach Hause gehen, wünschen sich Ähnliches.
Ein Besuch der Birrificio Lambrate sollte somit in keinem Mailandbesuch fehlen. Ein weiterer
Tipp: Die Birrificio Ambrosiano, Via Camillo Ugon ist ebenfalls sehenswert.

Absoluter Star der italienischen Bierprämierung des Jahres 2007 und Brauer des Jahres war
Agostino Ariol von der Nuovo Birrificio Italiano (www.birrificio.it) in Lurago, Marinone,
40 km nördlich von Mailand. Die 1500 hl Ausstoß werden nicht nur im dem eher etwas
nüchtern eingerichteten Bierrestaurant mit ausgezeichneter Küche getrunken. Nach der
Vergrößerung der Brauanlage auf eine Kapazität von 22 hl kann Agostino sein Bier auch bis
Mailand liefern.
10 Biere sind im Angebot, 3 werden nur saisonal gebraut, eine übersichtliche Bierkarte zeigt,
in welchen Monaten welches Bier im Angebot ist: Bibock® , Amber Shock®, Cassissona®,
Rossoscura®, Prima®, Negra!® , Tipopils®, Vùdù®, Extra Hop®, B.I.-Weizen®, alle 10
Biere seien namentlich erwähnt und allen österreichischen (und natürlich auch deutschen)
Gasthaus-Brauern ins Sudbuch geschrieben: Biervielfalt hört nicht bei der Verwendung eines
Melanoidinmalzes und der Produktion eines Zwickelbiers auf. Die Namen Cassissona
(Früchtebier, Spontanvergärung!) Rossoscura und Vùdù weisen nicht nur auf
Außergewöhnliches hin, sie sind es auch. Um das Ganze abzurunden gibt es zu fast jedem
besonderen Bier auch ein besonderes Glas.
Fazit: Die independent Bierszene in Italien braucht sich vor niemandem zu verstecken. Die
zumeist in Deutschland handwerklich gut ausgebildeten Brauer leisten in Sachen Kreativität
und Geschmack Außergewöhnliches und dieses Außergewöhnliche wird auch von den Gästen
goutiert.
Überwältigt von der Geschmacksvielfalt blieb dem Bierprofessor am Tag nach dem Besuch
der Birrificio Italiano in einem Touristenlokal nur eines übrig: Die Verweigerung eines EU-
Bieres und der Griff zu einem Vino Rosso.

Adressen:
Birrificio Lambrate, Via Adelchi 5, 20131 Milano, Tel.: +39 02 23 61 719
Birrificio Ambrosiano, Via Camillo Ugoni, 18, 20158 Milan Tel.: +3902/87380668
Nuovo Birrificio Italiano, Via Castello, 51; I-22070 Lurago Marinone. Tel. 39 031 895450
http://www.microbirrifici.org/