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Unerkannte Erreger / (opportune) Infektionen Wilfried P. Bales HIV: Nutzen und Schaden antiretroviraler Therapie (ART)

Unerkannte Erreger / (opportune) Infektionen

Wilfried P. Bales

HIV: Nutzen und Schaden antiretroviraler Therapie (ART)

Teil 3: Aspekte und Erfahrungen complementärer Therapie bei HIV-Patienten ergänzend zur ART

Antiretrovirale Medikamente ermöglichen vielen Aids-Kranken ihre Aids definieren- den Krankheiten und den geschwächten Immunzustand zu überwinden. Sie helfen ebenso vielen HIV-Patienten ein nahezu normales Leben zu führen und die Entwick- lung Aids definierender Krankheiten zu verhindern. Hinsichtlich des richtigen Zeit- punkts des Beginns einer ART gibt es aber selbst unter HIV-Ärzten Kontroversen im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen und Folgekrankheiten. Complementäre The- rapien könnten in starkem Maße dazu beitragen, trotz HIV und antiretroviraler The- rapie mit weniger oder gar ohne Nebenwirkungen und Folgekrankheiten zu leben.

Auch wenn Vertreter der HIV/Aids-Kritik bis zum heutigen Tage gegen den Einsatz von HIV- Medikamenten polemisieren und behaupten, dass Aids-Patienten weiterhin wegen der To- xizität der HIV-Medikamente sterben, ist nicht zu übersehen, dass seit Einführung der Pro- teasehemmer 1995 die Aids-Todesrate dras- tisch zurückgegangen ist. Allerdings um den Preis, dass ein Teil der HIV-Patienten auch un- ter der neuen Generation von Medikamenten noch unter erheblichen Nebenwirkungen und Folgekrankheiten leidet, die seitens der HIV- Medizin lediglich symptomatisch behandelt werden. Sie wären allerdings zum großen Teil durch (frühzeitige) complementäre Therapien ursächlich behandelbar oder vermeidbar. [1]

Der richtige Zeitpunkt für ART

Nach den negativen Erfahrungen mit dem ers- ten HIV-Medikament (hochdosiertes AZT bis 2.000 mg/Tag), das erhebliche Nebenwir- kungen und extrem viele Todesfälle nach sich zog, war man bei den späteren HIV-Medika- menten deutlich zurückhaltender und emp- fahl HIV-Patienten erst dann die Medikamen- te, wenn die Helferzellen unter 200/µl abfie- len. Inzwischen schlägt das Pendel wieder zum früheren Einsatz der Medikamente aus:

ART wird bei Helferzellen zwischen 350– 500/µl und einer Viruslast über 100.000/ml empfohlen. Im Einzelfall spielen hinsichtlich der Verordnung auch Symptome wie Durchfall, Müdigkeit, Fieberschübe, Nachtschweiß, häu- fige Erkältungen usw. eine Rolle.

In den Deutsch-Österreichischen Leitlinien zur Therapie der HIV-1-Infektion heißt es: „Ziel der antiretroviralen Therapie (ART) ist es, durch

die Hemmung der HIV-Replikation infektions- bedingte Symptome zu unterdrücken, die Krankheitsprogression zu vermindern, eine Rekonstitution der zellulären Immunität zu er- reichen und die chronische Immunaktivierung mit ihren resultierenden Entzündungsprozes- sen zu reduzieren.“ [2]

Unnötig früher Beginn der ART?

Dennoch kann man in ausschließlich schul- medizinisch orientierten HIV-Selbsthilfe-Foren beobachten, dass HIV-Patienten zunehmend aufgrund eigener Motivation und / oder ärzt- licher Empfehlung aus m. E. fraglichen Grün- den bei noch guten Helferzellen und geringer HI-Viruslast und / oder allgemeinen Sympto- men wie Lymphknotenschwellung, Durchfall, Nachtschweiß, rezidivierenden Infekten, Mü- digkeit usw. zu den HIV-Medikamenten grei- fen. So beginnen beispielsweise HIV-Patienten mit noch guten Helferzellen (HZ) von 415/

22 %/µl und HI-Viruslast (VL) von 21.000/ml

und HZ 436/31 %/µl, VL 1.200/ml mit der ART. Diese Patienten haben zweifelsohne ei- ne Immunschwäche, die aber bereits vor der HIV-Infektion bestanden haben dürfte und mit biologischen Therapien ursächlich besser zu behandeln wäre.

Andere HIV-Patienten mit grenzwertigen Hel- ferzellen (210/µl) und einer unbedeutenden VL (200/ml) oder HZ von 300/µl und einer VL von 1.000/ml würden ebenfalls besser daran tun, eine biologische Therapie zu nutzen, die die Ursachen der Immunschwäche aufdeckt und grundlegend behandelt.

Höchst fragwürdig wird es, wenn HIV-Patien- ten mit HZ 600/µl und VL 27.000/ml oder HZ 700/µl und VL 5.000/ml oder HZ 590/

32 %/µl und VL 750/ml glauben, dass die ART-

Medikamente notwendig sind und einen HIV- Arzt finden, der ihnen diese verordnet. Auch diese Patienten hätten gute Chancen, mit ei- ner kompetenten alternativen, immunauf- bauenden Therapie die Zeit ohne Kombime- dikamente um viele Jahre oder sogar dauer- haft zu verlängern. 1 [3]

Mögliche Nachteile des frühen Therapiebeginns

Prof. Stoll erläuterte vor wenigen Jahren die möglichen Nachteile des frühen Therapiebe- ginns. Als wichtiges Argument führte er an, dass der Nutzen der frühen antiretroviralen Therapie nicht belegt und daher nicht ge- rechtfertigt sei. Auch dürfe die Lebensquali- tät für einen asymptomatischen Patienten durch die dann notwendige jahrelange, regel- mäßige Einnahme von Medikamenten sinken. Es werde vermeidbare Toxizität auftreten, die heute schon die Prognose der (spät) Behan- delten bestimme. Dazu zählten Nierenschä- digungen, Osteopenie, kryptogene Leber- zirrhosen, Demenz, Myopathien, Kardiomyo- pathien, Diabetes, Hyperlipidämien, kardio- vaskuläre Risiken u. a. m.

„Falls dem so sein sollte, ist jeder Tag früherer Beginn einer HAART 2 potenziell ein Tag Verlust an Lebenserwartung und Lebensqualität.“ [4]

In der Zwischenzeit weisen Studien darauf hin, dass die Helferzellen sich deutlich besser und schneller erholen, je früher die antiretro- virale Therapie begonnen wird. Allerdings gibt es noch keinen Beleg für einen besseren Nut- zen des Beginns der ART bei Helferzellen > 500/µl.

1 Zur Bewertung der Viruslast verweise ich auf Teil 2 mei- nes Artikels in CO’MED 02/2012.

2 HochAktiveAntiRetroviraleTherapie

Unerkannte Erreger / (opportune) Infektionen

Wilfried P. Bales Heilpraktiker, Dipl.-Sozialarbeiter, Yogaleh- rer, Naturheilpraxis seit 1999. BioImmu- nologische
Wilfried P. Bales
Heilpraktiker, Dipl.-Sozialarbeiter, Yogaleh-
rer, Naturheilpraxis seit 1999. BioImmu-
nologische Schwerpunktpraxis, insbeson-
dere für Patienten mit HIV, Immunschwäche,
CFIDS, CFS, Borreliose, Burnout. Seine we-
sentlichen Methoden sind: BioImmuntherapie, Mitochondriale
Therapie, Ausgleichstherapie n. Dr. Kremer, Nährstoffmedi-
zin, Homöopathie, Darmsanierung, Infusionstherapie, Ener-
giemedizin.
Kontakt:
Thielenstr. 29, D-50825 Köln
Tel.: 0221-5504040
info@heilpraxis-bales.de
www.heilpraxis-bales.de, www.helferzelle.de

HIV-Medikamente

Inzwischen gibt es rund 25 HIV-Medikamente aus den Gruppen der Nukleoside Reverse Tran- skriptase-Hemmer (NRTI), der nicht Nukleo- sidartigen RT-Hemmer (NNRTI), Protease-Inhi- bitoren (PI), Integrase-Inhibitoren (INI) sowie CCR5-Inhibitoren. Letztlich können alle HIV-Me- dikamente Nebenwirkungen auslösen. Nach meiner Überzeugung entstehen aber viele Ne- benwirkungen sowie Folgekrankheiten, weil bereits vor ART-Beginn erhebliche Mikro- und Makronährstoffdefizite sowie Stoffwechsel- und Immundysregulationen vorhanden waren und diese sich durch die Medikamente noch verstärken oder ausgelöst werden.

Krebs. Die Immunaktivierung bessert sich unter ART, be- steht aber weiterhin auf re- duziertem Niveau. Sie kann erfahrungsgemäß durch Ein- satz von biologischen an- tientzündlichen Präparaten bis auf Normwerte gebes- sert werden. [5]

Lebensqualität unter HIV-Therapie

Im Jahr 2010 wurden 472 HIV-Patienten aus Österreich zu ihrer Lebensqualität be- fragt, davon 396 Männer und 76 Frauen. Ca. 34 % der Männer und rund 53 % der

Frauen nahmen vier bis 17 Tabletten. Ca.

70

% hatten die Therapie umgestellt, davon

13

% wegen Resistenzentwicklung, 37 % zur

Vereinfachung der Einnahme (Kombinations- präparate mit einer Tablette wie Truvada, Atri- pla) und rund 32 % wegen Nebenwirkungen. Nur 7 % der Männer und rund 7 % der Frauen schilderten überhaupt keine Nebenwirkungen. Ca. 33 % hatten ein bis drei, 59 % der Teil- nehmer vier bis elf unterscheidbare Neben- wirkungen. Die häufigsten Nebenwirkungen waren: Müdigkeit / Energiemangel (71 %), Ver- dauungsprobleme (57 %), Depressionen (56 %), Ängste (52 %), Schlafstörungen (46 %), Fettverteilungsstörungen (41 %), Schwindel (40 %), Sexuelle Störungen (35 %), Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen (33 %).

HIV-Patienten, die mit alternativer Therapie gut vorbereitet sind, haben in der Regel keinerlei Nebenwirkungen, insbesondere wenn begleitend eine complementäre Therapie genutzt wird.

Auch eine 2011 veröffentliche Befragung aus Großbritannien zeigt die Dimension der Nebenwirkungen bei 265 HIV-Positiven auf. Die Mehrheit der Teilnehmer gab mindestens eines der folgenden Symptome an: Er- schöpfung (57 %), Depression / Angstzu- stände (55 %), Magen-Darm-Probleme (48 %), Schlaflosigkeit / -störung (46 %), Neuropathie (33 %). [7]

Immunrekonstitution

Durch den Einsatz der antiretroviralen Medi- kamente werden zunächst reife CD4-Zellen aus dem lymphatischen Gewebe mobilisiert, wodurch die Helferzellen rasch ansteigen. In der zweiten Phase wird der weitere langsamere Anstieg der CD4-Zellen durch im Thymus neu geprägte naive Zellen gespeist. Durch die Sen- kung der Viruslast wird das überaktive Im- munsystem generell beruhigt. Die sekundäre Wirkung der ART-Medikamente ist die Immun- rekonstitution, d. h. die Erholung und Besse- rung der zellulären Immunkompetenz (Helfer- zellen, Suppressorzellen, aktivierte Immun- zellen, NK-Zellen). Aber nicht bei jedem Pa- tienten steigen damit allein die Helferzellen ausreichend, so dass eine gezielte biologi- sche Immunmodulation und antientzündliche Therapie angezeigt ist. Je länger sich die Hel- ferzellen auf niedrigem Niveau befinden, des- to größer ist die Gefahr der Entwicklung von

Mitochondriale Toxizität

Mit zunehmender Dauer der HAART können Stoffwechselveränderungen auftreten, die auf eine Mitochondrien-Schädigung vor allem durch NRTIs zurückgeführt werden.

Schon 1999 hieß es, dass alle antiretroviralen Medikamente mehr oder minder in den Stoffwechsel der Mitochondrien eingreifen (!).

Als Langzeitfolge treten bei einem Teil der Pa- tienten Muskelschwäche, Polyneuropathie, Le- bersteatose (Fettleber), Laktatazidose (Über- säuerung durch Milchsäure) auf. In früheren Jah- ren auch verstärkt Lipodystrophie, insbeson- dere Lipoatrophie.

Neuere HIV-Medikamente gelten als weniger toxisch. Dennoch wird erst nach langjähriger Anwendung sichtbar werden, ob tatsächlich weniger mitochondriale Schäden auftreten. [8, 9, 10]

Lebenserwartung

Die Lebenserwartung hat sich seit Einführung der HAART ab 1996 entscheidend gebessert. So sank die Mortalitätsrate um 52 %. Patien- ten mit CD4-Zellzahlen < 100/µl hatten vor der HAART-Ära nur eine geringe Lebenserwartung. Seit HAART ist die Sterblichkeit um 71 % ge- sunken. Die Sterblichkeit von Patienten, die fünf Jahre oder länger medikamentös behandelt wurden, ist um 79 % gesunken. Ein 20-jähri- ger HIV-Infizierter soll derzeit eine Gesamtle- benserwartung von 69,4 Jahren haben. Die ak- tuelle Lebenserwartung verringere sich auf 52,4 Jahre, wenn die HIV-Infektion erst spät erkannt wurde und die CD4-Zellzahlen zu The- rapiebeginn bereits auf < 100 Zellen/µl ab- gefallen waren. [11, 12]

Zentrale complementäre Themen

Bei complementärer Therapie ergänzend zur ART sind zum großen Teil die gleichen Themen zu beachten wie bei alternativer Therapie ohne ART. Insbesondere geht es um kurative und / oder präventive Therapie bezüglich:

Magen, Darm, Bauchspeicheldrüse

Erfahrungsgemäß zeigen sich insbesondere folgende Störungen: sekretorisches IgA $ (Darm-Immunität), ß-Defensin 2 $, Darmmy- kose, Darmparasiten, exokrine Pankreas-Elas- tase $, pH-Wert #, Darmbakterien $, intesti- nale Entzündung, Diarrhoe. Ferner Laktose-, Gluten-, Fruktose-, Sorbit-, Histamin-Intoleranz, Helicobacter, Nahrungsmittelallergien, -unver- träglichkeiten, psychovegetative Störungen, Malabsorption, erhöhte Permeabilität, Leaky- Gut-Syndrom. Auch IL-17 sollte im Zusam- menhang mit den Lipopolysachariden (LPS) be- achtet werden 3 . Insbesondere bei Einnahme von Kaletra und Norvir kann Kuhmilch der Hauptgrund für Durchfall sein.

Besonders häufig sind Störungen der Darm- schleimhautpermeabilität sowie der exokrinen Pankreas-Insuffizienz. Das führt oftmals zu Völ- legefühl, Blähungen, Durchfall usw. Die Bauch- speicheldrüse scheint sowohl mit als auch oh- ne ART eine besondere Affinität zu HIV zu ha- ben. Der Normwert der exokrinen Pankreas- Elastase von > 200 µg/g ist erfahrungsgemäß viel zu niedrig und sollte insbesondere bei jun- gen Menschen > 400 liegen. Bei Gesunden liegt der Wert meist bei mindestens 600 µg/g.

3 Zum Thema Lipopolysacharide (LPS) verweise ich auf Teil 2 meines Artikels in CO’MED 02/2012.

µg/g. 3 Zum Thema Lipopolysacharide (LPS) verweise ich auf Teil 2 meines Artikels in CO’MED 02/2012.
Unerkannte Erreger / (opportune) Infektionen Blutgefäße, Blutlipide Unter der ART sinkt in der Regel die

Unerkannte Erreger / (opportune) Infektionen

Blutgefäße, Blutlipide

Unter der ART sinkt in der Regel die Gamma- globulin-Konzentration. Es kommt allerdings bei manchen HIV-Patienten, insbesondere mit zunehmendem Alter, zum Anstieg von Choles- terin, LDL, Triglizeriden. Manche Patienten ha- ben zusätzlich noch mäßig bis stark erhöhtes Lipoprotein(a), welches schwer zu behandeln ist. Hier gilt es regelmäßig auch Homocystein und ggf. ADMA zu untersuchen.

Müdigkeit, Energiemangel, Mitochondriendysfunktion

Viele Patienten leiden unter Müdigkeit und Ener- giemangel. Ca. 50 % meiner aktuellen HIV-Pa- tienten haben bei Erstuntersuchung ein ATP-De- fizit, orientiert am Normwert von > 2,0 µM. [13] Bei diesen Themen sollte eine Klärung erfolgen bezüglich: Nitrostress [14], Oxidativer Stress, Psychostress, Arbeits- und Erholungszeiten, ATP, LDH, Schwermetalle, Vitamine B2, B3, B5 und B12 sowie Eisen, Coenzym Q10 und L-Car- nitin.

Nährstoffsituation

Wichtig sind Mineralien wie Zink und Selen so- wie die Vitamine B6, B12, Folsäure, D3, Co- enzym Q10, L-Carnitin (v. a. bei Vegetariern) sowie Aminosäuren. Neue Forschungen zei- gen, dass Vitamin D3 die HIV-Replikation in Ma- krophagen mittels Autophagie / Autophagozy- tose hemmen kann. 4 Vitamin-D-Defizite wurden vor allem bei Patienten festgestellt, die Susti- va (PI) oder Viread (NRTI) einnahmen. Viread ist auch in Atripla und Truvada, Sustiva auch in Atri- pla enthalten.

Vitamin D3 sollte kurzfristig hochdosiert auf einen optimalen Normwert von > 50 ng/ml angehoben und regelmäßig kontrolliert werden. [15]

Glutathion bleibt auch unter ART ein zentrales Thema. Insbesondere bei langjähriger Einnah- me von HIV-Medikamenten, mit zunehmendem Alter und unter Stress scheint die Eigensynthese von Glutathion beeinträchtigt zu sein. Die wich- tigsten biologischen Funktionen beziehen sich auf die Entgiftung und Immunstimulation. Bei einem Glutathion-Defizit lässt sich dies kurz- fristig durch Substitution von S-Acetyl-Gluta- thion anheben. Die Eigensynthese kann durch Gabe von Glutamin, N-Acetyl-Cystein (NAC) und Glyzin unterstützt werden. [16]

Depressionen, Schlafstörungen

Bei Schlafstörungen und Depressionen sollte immer ein Neurotransmitter-Status erfolgen. Häufig sind Serotonin, Dopamin und Melatonin erniedrigt. Dies kann insbesondere dann der

Fall sein, wenn eine HIV-Infektion lange Jahre unbehandelt geblieben ist. Durch die Immun- aktivierung steigt der Bedarf an supprimieren- den (hemmenden) Kynureninen, wodurch es zum Abfall von Tryptophan, Serotonin und Me- latonin kommen kann. Serotonin spielt eine we- sentliche Rolle bei Problemen wie Stress, Angst, Depression, Schlafstörungen, Antriebsschwä- che, Müdigkeit, Immunschwäche, Allergien, Muskel- und Gelenkschmerzen, Rheuma, Os- teoporose usw. [17]

Hormonbalance

Hierbei sollte vor allem auf Testosteron, FSH, DHEA und TSH geachtet werden. Testosteron steht im Zusammenhang mit Müdigkeit, De- pressionen, Libidoabnahme, sexueller Dys- funktion sowie Muskelverlust. In der Regel bes- sern sich der Testosteronlevel und die sexuel- le Dysfunktion sehr schnell durch orale Gabe von Testosteron oder Stärkung der Ne- bennieren durch Einsatz von biomolekularen Ho- möopathika.

DHEA ist das Mutter- bzw. Vorläuferhormon für Testosteron und Östrogen und der Gegenspieler von Cortisol. Es hat Einfluss auf Depressionen, Angstzustände und Gefühle, verbessert das Ge- dächtnis, hat eine virustatische und antioxida- tive Wirkung, erhöht Interleukin-2, stimuliert T-Zellen, natürliche Killerzellen und den Thymus. Bei DHEA-Defizit sollte DHEA substituiert wer- den. Eine Normalisierung kann auch durch Stär- kung der Nebennieren und durch längere Er- holungszeiten erreicht werden. [18]

Nerven, Knochen, Gelenke

In diesem Bereich geht es um Themen wie Po- lyneuropathie, Osteopenie, Osteoporose, Kno- chendichte etc. Wenn neuropathische Be- schwerden eindeutig durch ein ART-Medika- ment ausgelöst werden, sollte dies möglichst abgesetzt werden. Ansonsten lassen sich nach meiner Erfahrung solche Beschwerden durch orale Gabe von B-Vitaminen, Liponsäure, MSM (Methylsulfonylmethan) und / oder durch Injek- tionen / Infusionen mit zusätzlichen Homöo- pathika beheben.

Bezüglich der Knochendichte fanden Forscher heraus, dass die ART-Medikamente keinen sig- nifikanten Risikofaktor für Knochenbrüche dar- stellen, auch wenn Viread (in Truvada und Atri- pla) sowie Kaletra mit einem moderat erhöhten Risiko verbunden sind. Eine wichtigere Rolle spielten: Kaukasische Rasse 5 , höheres Alter, Rauchen, BMI <20, Diabetes Typ 2, HCV, chro- nische Nierenerkrankung. [19] Verantwortlich für Knochenbrüche könnte vor allem auch die mi- tochondriale Toxizität durch ART-Medikamente sein.

4 Autophagozytose / Autophagie ist eine Zellfunktion, bei der ähnlich einer Phagozytose Bestandteile einer Zelle abgebaut werden wie Viren, Bakterien, Fremd- eiweiße, was damit auch der Immunantwort dient.

5 Europäer, hellhäutige Menschen

Unerkannte Erreger / (opportune) Infektionen

Nach Angaben der Europäischen Klinischen Aids-Gesellschaft (EACS) lässt sich eine Ver- ringerung der Knochendichte bei bis zu 60 % der Menschen mit HIV feststellen, bei 10 bis 15 % eine krankhafte Abnahme der Knochen- substanz und -struktur (Osteoporose). [20]

Kalziumräuber sind Alkohol, Nikotin, Milch, cof- feinhaltige Limonade, Amphetamine, Inhalati- on von Poppers oder Klebstoff Positiv wirken gesunde Ernährung und regelmäßige Bewe- gung.

In jedem Fall sollte Vitamin D3 regelmäßig und in größeren Abständen auch die Knochendichte untersucht werden. Bei Vitamin D3 sollte wie oben beschrieben ein Wert von > 50 ng/ml angestrebt werden, eventuell mit der vorüber- gehenden Zugabe von Kalzium.

Praxisbeispiele

(komplementäre Therapie zur ART)

Keine Nebenwirkungen durch ART

Der Patient lebt seit 25 Jahren mit der HIV- Infektion, davon die ersten 18 Jahre ohne HIV- Medikamente. Bei Helferzellen unter 200/µl begann er mit der medikamentösen Therapie.

Trotz ART entwickelte sich ein Jahr später stressbedingt eine Gürtelrose, die wegen des Befalls eines Auges zunächst stationär be- handelt wurde. Da die Aciclovir-Infusionen nicht vertragen wurden, verließ der Patient nach drei Tagen und vier schlaflosen Nächten die Uniklinik auf eigene Verantwortung.

Er suchte daraufhin einen Geistheiler auf, der erklärte, dass keine allopathischen Medika- mente mehr notwendig seien. 14 Tage später konnte der Patient auf dem betroffenen Auge kaum mehr sehen und begab sich in die Uni- Augenklinik. Nach weiteren 14 Tagen mit allo- pathischen Salben und verträglichen Aciclovir- Tabletten war das Auge wieder in Ordnung. Mit der begleitenden complementären Therapie

mit homöopathischen Mitteln und Vitamin-C- Hochdosis-Infusionen heilte die Gürtelrose aus und flammte seitdem nicht wieder auf.

Nach einem weiteren Jahr erlitt der Patient – wiederum stressbedingt – einen Herzinfarkt, obwohl keinerlei sonstige Risikofaktoren vor- lagen und auch die Blutfette normwertig wa- ren. Wie in solchen Situationen üblich, erhielt der Patient dennoch einen Statin-Senker (Sim- vastatin), der zum Ende der Reha zu erhöhten CK- und Leberwerten führte. Der Patient hat- te zuvor schon Muskelschmerzen in den Ober- armen bemerkt. Das Statin-Präparat wurde erst auf seine Forderung hin abgesetzt. (Spä- ter wurde festgestellt, dass es bei der HIV-Me- dikation des Patienten absolut kontraindiziert war – dies war bereits sechs Monate zuvor in der Ärztezeitung veröffentlicht worden.) Nach sieben Monaten setzte der Patient alle allopa- thischen Herzmedikamente ab und wird seit- her nur mit biologischen Mitteln unterstützt.

Es zeigt sich, dass es wichtig ist, regelmäßig Glutathion, Coenzym Q10, L-Carnitin, ATP und den Darm zu untersuchen und die auffälligen Parameter zu behandeln.

Die Helferzellen stiegen bis auf 550/25 %. Der Patient achtet jetzt bewusst auf seine Stress- belastungsgrenze und bemüht sich um regel- mäßige Entspannung. Er hat ansonsten seit fast sechs Jahren weder körperliche Probleme noch Nebenwirkungen und kann seiner Arbeit nachgehen.

Negative Folgen langjähriger ART

Zum Zeitpunkt des Erstkontakts nahm der Pa- tient bereits seit 24 Jahren ART-Medikamente, darunter auch das seinerzeit hochdosierte AZT. Er hatte bereits eine heftige Krankheits- geschichte hinter sich: Unverträglichkeit mit flüssigem Durchfall durch Viracept, Polyneu- ropathie durch Zerit, drei Mal Nierensteinzer- trümmerung und eine Nierenarterie-PTA wegen Crixivan, ferner Lipodystrophie, Diabetes, Blut- hochdruck. Aktuell bestand der länger anhal- tende Durchfall durch Norvir und seit drei Mo-

naten eine Harnwegsentzündung. Neben den HIV-Medikamenten nahm der Patient ca. acht zusätzliche allopathische Medikamente.

Meine Untersuchungen ergaben: Erythrozy- ten, Selen, Folsäure, Eisen $, Coenzym Q10, Darmbakterien, Pankreas-Elastase (22,3 µg/g), sIgA (<0,01 mg/g) $$$, BSG, CRP, TNF, CD3, CD8, HLA DR #, Oxidative Belastung, Ho- mocystein, Neopterin ##, Candida ###, Glu- tathion, Uridin, grenzwertig, IFN-γ, ADMA nor- mal. Zum damaligen Zeitpunkt konnte man ATP noch nicht im Blut untersuchen.

Aufgrund meiner Empfehlung wurde Norvir sei- tens des Arztes abgesetzt, wodurch sich der Durchfall deutlich besserte, und Uridin (Kelti- can) verordnet. Bei der ersten Kontrollunter- suchung hatte sich die Pankreas-Elastase auf 125 µg/g (Norm >200 µg/g, optimal > 400 µg/g) und das sIgA auf 0,36 mg/g (Norm >7,0 mg/g) verbessert.

Aufgrund der vielen biologischen Präparate, die zusätzlich zur bereits hohen Medikamenten- Einnahme notwendig waren, fühlte der Patient sich nach einigen Monaten überfordert. Zudem gab es wegen notwendiger Reparaturen in sei- ner Wohnung finanzielle Probleme. Der Patient setzte die Therapie nicht fort.

Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, mit wel- chen schwerwiegenden Problemen HIV- Patienten früherer Zeit unter den ersten HIV- Medikamenten konfrontiert waren. Ebenso sind die negativen Folgen insbesondere hinsichtlich Darmpilzen, Darm-Immunsystem, Pankreas- Elastase sowie der Gefäß- und Energiesituati- on unter langjähriger ART sichtbar.

Gute Helferzellen trotz hohem Alter

Bereits ein Jahr vor Bekanntwerden der HIV-In- fektion im Alter von 58 Jahren trat der erste Herpes zoster auf. Kurz darauf Nierenstau und ein hochmalignes Non-Hodgkin-Lymphom so- wie eine Herpes-Ösophagitis. In diesem Zu- sammenhang erfuhr die Patientin 1991 von ih-

so- wie eine Herpes-Ösophagitis. In diesem Zu- sammenhang erfuhr die Patientin 1991 von ih- 03/2012 89
Unerkannte Erreger / (opportune) Infektionen rer HIV-Infektion. Bei Helferzellen unter 200/µl begann sie mit der

Unerkannte Erreger / (opportune) Infektionen

rer HIV-Infektion. Bei Helferzellen unter 200/µl begann sie mit der ART und entwickelte sechs Monate später erneut einen Herpes zoster. Be- gleitend nutzte sie complementäre Therapien bei HIV/Aids-kritisch orientierten Heilprakti- kern.

Seit 2003 kommt sie zu mir in die Praxis. Wich- tige Themen der Behandlung waren seither:

Post-Zoster-Neuralgie, Darm-pH-Wert, Darm- bakterien, Darmpilze (Geotrichum), Glutathion, Darm-Immunsystem (sIgA), Pankreas-Elasta- se. Die Patientin kannte die Theorien von Dr. Kremer und setzte die ART-Medikamente vorübergehend und ohne mein Wissen ab. Erst als die Helferzellen stark abgefallen waren, er- fuhr ich davon. Seither nimmt die Patientin ih- re Medikamente regelmäßig. Die Helferzellen waren lange Zeit zwischen 190-230/µl. Erst durch zielgerichtete biologische Immunthera- pie stiegen diese enorm an bis aktuell auf 670/41 %/µl.

Heute sind besonders behandlungsbedürftig:

Cholesterin, Glutathion, Dysbakterie, Darm- Immunsystem, Darm-pH-Wert, ATP, INF-γ, IL-2, IL-17 sowie Vitamin D.

Durch die kontinuierliche complementäre The- rapie und eine optimale Zusammenarbeit be- findet die Patientin sich nach 20 Jahren HIV-

Infektion trotz ihrer 78 Jahre in einem guten Gesundheitszustand und kann noch eine frei- berufliche Tätigkeit ausüben. Darüber hinaus hat sie keine akuten Krankheiten entwickelt.

Fazit

Ohne Frage geht es nicht ohne antiretrovirale Medikamente. Ohne Frage ist es ratsam, eine HIV-Infektion frühestmöglich zu entdecken und rechtzeitig die medikamentöse Therapie zu be- ginnen. Doch wegen der guten Argumente für einen frühzeitigen Beginn der Therapie schei- nen Argumente für den spätmöglichsten Ter- min vielfach in den Hintergrund zu treten. Hel- ferzellen von 300-350/µl und HI-Viruslasten <100.000/ml sind nach meiner Erfahrung noch gute Voraussetzungen für eine HIV-kom- petente alternative Therapie (ohne ART).

Nur ein geringer Teil der HIV-Patienten ist mo- tiviert, vorbeugend zur ART-Medikation eine complementäre Therapie zu nutzen. Oftmals wird diese erst dann in Angriff genommen, wenn sich bereits starke Beschwerden oder Krankheiten manifestiert haben. Ärzte neigen naturgemäß dazu, vorwiegend allopathische Medikamente einzusetzen, die zwar Sympto- me beseitigen, aber nicht die Ursachen behe-

ben. Hier liegt es in erster Linie an den Patienten selbst, sich entsprechendes Wissen anzueig- nen hinsichtlich kurativer und präventiver Un- terstützung durch complementäre Therapien, die den Körper nicht mit weiterer Chemie be- lasten. Complementäre Therapie kann die Le- bensqualität aller Erfahrung nach entschei- dend positiv beeinflussen.

Eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Naturheilmedizin wäre zu- gunsten der Patienten sehr wünschenswert. [21] Ganz im Sinne von:

Schulmedizin: so viel wie nötig – Naturheilmedizin:

so viel wie möglich.

viel wie nötig – Naturheilmedizin: so viel wie möglich. Damit es nicht erst kommt zum Knaxe,

Damit es nicht erst kommt zum Knaxe, erfand der Mensch die Prophylaxe.

Doch lieber beugt der Mensch, der Tor, sich vor der Krankheit, als ihr vor.

Eugen Roth

erfand der Mensch die Prophylaxe. Doch lieber beugt der Mensch, der Tor, sich vor der Krankheit,

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