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Am Beispiel Glyphosat:

Wie belastet ist unser Essen wirklich? Führen uns Industrie und Behörden hinters Licht?

Prof. Dr. Hubert Weiger

Vortrag in Pinneberg am 24. 9. 2013

wirklich? Führen uns Industrie und Behörden hinters Licht? Prof. Dr. Hubert Weiger Vortrag in Pinneberg am

Menschliche Belastung mit Glyphosat in Europa:

Untersuchungen von BUND und FoE I

Was haben wir testen lassen?

Zwischen 8 und 10 Urin-Proben in 18 europäischen Ländern, insgesamt 182

Nur Stadtbewohner, vorwiegend aus der jeweiligen Hauptstadt

Von den Testpersonen hat niemand selber Glyphosat eingesetzt

Wann haben wir testen lassen?

Probennahme zwischen März und Mai 2013

Testergebnisse am 13. Juni 2013 europaweit vorgestellt

Menschliche Belastung mit Glyphosat in Europa:

Untersuchungen von BUND und FoE II

Warum haben wir testen lassen?

Glyphosat ist das weltweit am meisten verkaufte Spritzmittel

Glyphosat ist das in Europa meistverwendete Herbizid

Glyphosat wird in 85 Prozent aller Gentechnik-Kulturen eingesetzt

Unsere Ausgangsthese: In der EU sind bisher keine Glyphosat-

resistenten Gentech - Pflanzen zum Anbau zugelassen; trotzdem

gibt es eine Belastung der Bevölkerung durch den Glyphosat- Einsatz in herkömmlicher Landwirtschaft

Bei Bestätigung der These: Keine Zulassung Glyphosat-resistenter Gentechnik-Pflanzen unverantwortlich, Belastung weiter steigen zu lassen

Worüber ich rede

Was sagen die Ergebnisse?

Was sagt die Bundesregierung?

• Kein Land ohne ‚positiven‘ Befund

44 Prozent aller Proben belastet

Belastung zwischen 0,09 µg und 1, 82 µg

• „Repräsentative Daten zur Belastung der deutschen Bevölkerung mit Glyphosat … liegen der Bundesregierung nicht vor. Die kürzlich veröffentlichte BUND-Studie … liefert jedoch einen Hinweis darauf, dass es

eine allgemeine Hintergrundbelastung europäischer Bürger mit

Glyphosat gibt, die jedoch nach Einschätzung des BfR weit unterhalb des gesundheitlich bedenklichen Bereichs liegt. … Es ist wahrscheinlich, dass Verbraucherinnen und Verbraucher über Lebensmittel Glyphosat- Rückstände aufnehmen. “

Antwort der Bundesregierung auf Kleine Anfrage der Grünen vom 1. Juli 2013 (Drucksache

17/14291)

[BfR: Bundesinstitut für Risikobewertung: ist zuständig für Risikobewertung von Pflanzenschutzmitteln im Hinblick auf menschliche Gesundheit, in D und für die EU]

Was ist Glyphosat? I

Was ist Glyphosat? I

Was ist Glyphosat? II

Glyphosat ist der Wirkstoff Glyphosathaltiger Herbizide

Verkaufsname: Roundup, aber auch Taifun, Clinic, Dominator, Weedkill etc.

Hersteller: Monsanto, aber nach Ablauf des Patentschutzes im Jahr 2000 in den USA auch andere Hersteller wie Schwebda, Nufarm, Syngenta etc.

Einsatzgebiete: Landwirtschaft, Parkanlagen, Bahngleise, Gärten

Breitbandherbizid

Blockiert Enzym, das für Proteinsynthese in Pflanzen zuständig ist

Tötet jede Pflanze, die nicht gentechnisch so verändert ist, dass sie Spritzeinsatz überlebt

Wirkt systemisch: dringt in alle Pflanzenbestandteile ist, ist nicht

abwaschbar, wird weder durch Erhitzen noch durch Erfrieren

abgebaut

Rückstände halten sich bis zu einem Jahr in Lebens- und Futtermitteln

Glyphosat-Einsatz in Deutschland

In Deutschland wird Glyphosat auf 4,3 Millionen Hektar gespritzt, das sind 40 Prozent der Ackerfläche.

Deutschland 2010: 5000 Tonnen reiner Wirkstoff

Weltweit 2011: 650 000 Tonnen

Insgesamt besitzen in Deutschland rund 75 Glyphosat-haltige Mittel eine Zulassung, 44 davon auch für den Haus- und Kleingarten. Die Glyphosat- Menge in den fertigen Produkten ist sehr unterschiedlich und reicht von <10 g/l bis zu 450 g/l.

Anwendungen in der Landwirtschaft:

• vor der Aussaat, um Felder vom ‚Unkraut‘ zu befreien; bevor die neuen Pflanzen auskeimen; Sikkation: sprühen vor der Ernte, um Getreide, Raps, Mais und Sonnenblumen zu trocknen

In Deutschland werden 87 Prozent der Winterrapsflächen, 72 Prozent der

Körnerleguminosen Bohne, Erbsen etc.) und 66 Prozent der

Wintergersteflächen mit Glyphosat gespritzt. (Dickeduisberg et al. 2012, Uni Göttingen)

Gesundheitliche Gefahren durch Glyphosat aktuelle Debatten

Wissenschaftliche Debatte I: Wirkt Glyphosat auf das Hormonsystem? Führt es zu erhöhten Fehlgeburtsraten und Missbildungen bei Embryonen?

Dann wäre jede Aufnahmemenge ein Risiko

• Wissenschaftliche Debatte II: Wirkt Glyphosat „genotoxisch“, d.h. beeinflusst es die Fähigkeit der Zelle, ihre DNS exakt zu kopieren und zu vervielfältigen? Und bewirkt es so ein erhöhtes Krebsrisiko?

Überhaupt nicht untersucht: Langzeitaufnahme in geringen Dosen also die reale alltägliche Belastung, der Menschen ausgesetzt sind

Reprotoxizität und erhöhtes Krebsrisiko sind nach der neuen Pflanzenschutz-Verordnung 1107/2009 Ausschlusskriterien für eine Pestizidzulassung

Studien aus Südamerika, die genau diese Gefahren belegen, werden von den Behörden als „unwissenschaftlich“ abqualifiziert

Umweltauswirkungen von Glyphosat

Glyphosat ist ein Instrument zur Industrialisierung des Ackerbaus

Als Breitbandherbizid tötet Glyphosat alles Grün auf dem Acker Beikräuter sind Nahrungsgrundlage vieler Insekten und Vögel

Giftig vor allem für Frösche und Kröten

Bieten Grenzwerte Schutz?

Es gibt Grenzwerte für die akzeptable tägliche Aufnahme eines Stoffes

durch den Menschen. Für Glyphosat liegt er in der EU bei 0,3 mg pro Kilo

Körpergewicht. Der Grenzwert ist umstritten, im Zulassungsprozess haben vier Hersteller einen deutlich niedrigeren Wert vorgeschlagen; Industrie- unabhängige Wissenschaftler haben einen Grenzwert von 0,025 mg/kg

Körpergewicht gefordert.

Es gibt Grenzwerte für zulässige Rückstände in Lebens- und Futtermitteln. Sie variieren extrem und richten sich nach landwirtschaftlichen Bedürfnissen:

• „Änderungen an Rückstandshöchstgehalten bei Glyphosat sind i.d.R. durch die landwirtschaftliche Praxis bedingt.“ (Drucksache 17/7168, Antwort der

Bundesregierung auf Anfrage der Grünen 2011)

Soja, Sonnenblumen, Hafer, Gerste: 20 mg/kg; Waldpilze 50 mg/kg; Erbsen, Linsen, Weizen, Linsen 10 mg/kg (Grenzwert 2012 auf Antrag von Monsanto angehoben, Ausgangswert war 0,1 mg/kg)

Extrem wenige behördliche Untersuchungen auf Glyphosat-Rückstände in Lebens- und Futtermitteln; auch bei Gentech-Soja gerade sechs (!)

Untersuchungen pro Jahr

Schützt das EU-Pestizid-Zulassungsverfahren VerbraucherInnen?

Firmen wählen Mitgliedstaat aus, der als Berichterstatter Empfehlungen zur Zulassung für die gesamte EU ausgibt

Für Glyphosat ist Deutschland Berichterstatter

Glyphosat ist im EU-Wiederzulassungsprozess, bis Ende des Jahres kommt Zwischenbericht heraus, 2015 steht Wiederzulassung an

Es werden fast ausschließlich Industrie-finanzierte Studien berücksichtigt, die die Ungefährlichkeit eines Stoffes belegen sollen

• Diese bleiben so gut wie immer unpubliziert („vertrauliche

Geschäftsgeheimnisse“) – keine Überprüfung durch unabhängige

Wissenschaftler möglich

Gefahr der Mauschelei zwischen Industrie und Behörden

• Focus der Studien: Gabe hoher Dosen des ‚aktiven Wirkstoffs‘ an Versuchstiere, also von Glyphosat allein reale Bedingungen, wie

Menschen Glyphosathaltigen Mitteln ausgesetzt sind, werden nicht

untersucht

Erst ab 2014 müssen weitere Zutaten in Spritzmitteln untersucht werden (etwa Netzmittel), aber als einzelne Ingredienzien, nicht als die fertige Mischung, wie sie in den Handel kommt

Bisherige politische Konsequenzen

Österreich hat nach FoE-Studie

Sofort gültiges Sikkationsverbot erlassen

Gartencenter etc. verpflichtet, Glyphosathaltige Produkte in den

„Giftschrank“ zu verbannen und nur auf Nachfrage zu verkaufen

Deutschland

Aigner ist abgetaucht, versteckt sich hinter BfR-Bewertung

10 von 16 Bundesländern haben auf der Agrarministerkonferenz Ende August 2013 aufgrund der BUND-Studie ein Sikkationsverbot und ein Verbot in Haus- und Kleingärten gefordert