Sie sind auf Seite 1von 5

Essay Warum denken Sie, dass „Gay Pride“ Paraden in den letzten Jahren das Ziel von organisierter Gewalt in vielen südosteuropäischen Städten waren?

„Mittlerweile hasse ich mein eigenes Land, weil ich mich in meiner Stadt keinen einzigen Tag, keine einzige Minute frei und stolz bewegen kann.“

Dieses Zitat stammt aus dem serbischen Film Parada von dem Regisseur Srđan Dragojević und handelt von der Gay Pride Parade1 in Belgrad 2010 sowie den täglichen Erniedrigungen die Homosexuelle in Serbien ertragen müssen. Aber nicht nur in Serbien ist Homophobie immer noch weit verbreitet; seit den Gewaltausbrüchen beim CSD in Budva, Montenegro, ist das Thema Homosexualität in Südosteuropa in den Medien wieder aktuell. Am 24. Juli 2013 fand der erste CSD in Budva statt, jedoch musste die Parade unter Angriffen von Hooligans, Homophoben und Anhänger der orthodoxen Kirche leiden. Ungefähr 120 Personen nahmen an diesem CSD teil, für ein Land mit 625.266 Einwohnern und der ersten Parade eigentlich eine gute Quote. Jedoch stellte sich selbst die orthodoxe Kirche auf Seiten der Gegner des CSD; so soll nach der Parade ein orthodoxer Priester einen Platz im Zentrum von Budva geweiht haben, nachdem dort der CSD stattgefunden hatte.3 Er wollte damit das „Böse“ wieder vertreiben: „Auf das Schärfste verurteilen wir die heutige Parade der Schande und der Krankheit. Wir bitten Gott, aus Montenegro alle teuflischen Angriffe zu vertreiben.“ Diese intolerante Haltung findet sich auch bei der orthodoxen Kirche in Serbien wieder, so schreibt Marek Mikus in seinem Essay „State Pride“: Politics of LGBT Rights and Democratisation in „European Serbia“ sein Erlebnis bei dem CSD 2010 in Belgrad: „At the Parade, I witnessed a scene attesting to this relationship. At the gate of the churchyard […] headed by an Orthodox priest holding up a large wooden cross, His dour face, hard look, and pressed lips made the meaning of his gesture clear – he was guarding the holy lands against the immonent contamination by sin.“ Die ablehnende Haltung der orthodoxen Kirche gegenüber homosexuellen Menschen kommt von der Lehre der Kirche, dass jeder Mensch „böse Neigungen“ habe. So wird das Ausleben eines solchen Neigung als Sünde angesehen, denn die Gläubigen sind angehalten diese ihr ganzes Leben lang zu bekämpfen. Zu diesen bösen Neigungen gehöre auch Homosexualität. Daher ist die ablehnende Haltung der orthodoxen Kirche nicht verwunderlich, obwohl der offizielle Ton der Kirche lautet, solche Menschen nicht zu hassen oder zu verachten. Dennoch hetzen serbisch orthodoxe Priester in ihren Predigten gegen Homosexuelle und beeinflussen dadurch die öffentliche Meinung der Bevölkerung in Serbien, aber auch in Montenegro und Bosnien-Herzegowina. Auch wird Homosexualität von ihnen als „Krankheit“ bezeichnet. Aber nicht nur die orthodoxe Kirche hat einen starken Einfluss auf die Menschen, auch

die katholische Kirche und die streng konservative Richtung des Islams, wie die Wahabiten, üben eine beträchtliche Wirkung auf die südosteuropäische Bevölkerung aus. Beide religiöse Richtung verurteilen Homosexualität und teilen die Meinung, dass diese sexuelle Orientierung eine Krankheit sei. Erst der derzeitige Papst Franziskus zeigte einen versöhnlichen Ansatz zum Thema Homosexualität: „Wer bin ich, dass ich urteile?“ Auch wenn sich diese religiösen Strömungen in manchen Dingen (angeblich) unterscheiden, sind sie sich doch in dem Punkt der Homophobie einig. Ein weiterer Grund für die ablehnende Haltung vieler Menschen in Südosteuropa gegenüber Homosexuellen und die damit verbundenen Gewaltausbrüche während der CSD ist der immer noch starke Nationalismus in dieser Gegend. Die Erschaffung einer Nation bedeutet bei einem exklusiven Nationalismus auch immer eine Abgrenzung von bestimmten Personengruppen oder den Nachbarländern. So geht mit einer Überhöhung der eigenen Nation eine Abwertung, Diskriminierung und Ausgrenzung einher. Während des Zerfalls Jugoslawiens wurden in Serbien die Kroaten und Bosniaken als Feindbilder propagiert. Aber auch in Kroatien und Bosnien wurde die jeweilige andere Nation für den Bau einer eigenen als Gegner aufgebaut. So wurde von der nationalistischen Propaganda gezielt die Angst der Menschen bedient, dass sie eine Minderheit in einem der neuen Nationalstaaten sein könnten und damit nicht die gleichen Rechte, wie die Mehrheit der Bevölkerung haben könnten. Diese Angst heizte die Stimmung in der Bevölkerung kurz vor dem Krieg an. Aber auch die Unzufriedenheit wegen des Niedergangs des allgemeinen Lebensstandards und die Verschuldung des jugoslawischen Staates und die damit einhergehende Unsicherheit und Orientierungslosigkeit schürten die Sorgen in der Gesellschaft. Um diese Ängste zu kompensieren, wurden Feinde, die an dieser Entwicklung Schuld trugen, gesucht. Jedoch hat sich die Situation der südosteuropäischen Länder auch nach den Kriegen nicht entspannt, sie ist eher noch schlimmer geworden: So leben viele Menschen in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens unter dem Existenzminimum, die Politiker sind meist korrupt und inkompetent. Daher werden noch immer Feindbilder gebraucht und unter anderem in LGBT gefunden. Ihnen wird vorgeworfen ein Produkt des Westens zu sein und erst durch ihn in Südosteuropa beheimatet zu sein.8 Auch würden durch sie die moralischen Werte „verkommen“.

Jedoch grade dieser Vorwurf, dass sie ein Produkt des Westens seien, hilft den Homosexuellen eine gewisse Unterstützung durch die Regierung zu bekommen. Denn obwohl Homosexualität als „Abfallprodukt des Westens“ angesehen wird, herrscht eine Ambivalenz vor allem in Serbien. Denn gleichzeitig will das Land auch ein Teil Europas sein und in die Europäische Union aufgenommen werden. Die serbischen Politiker werben daher zum Beispiel im Wahlkampf mit Slogans, wie der ehemalige Präsident Tadić 2008 mit „Let´s win Europe together!“ oder „For a European Serbia – Boris Tadić“.

Die Unterstützer der LGBT und die Regierung konnten sich auf den gemeinsamen Nenner der Integration Serbiens in die Europäische Union einigen. Die Europäische Union kann wegen den Bestrebungen Serbiens daher auch Druck auf das Land aufbauen. Der Beauftragte der Europäischen Union warf Serbien zum Beispiel vor, Menschenrechte und Antidiskriminierungsgesetze nicht ernst genug zu nehmen, nachdem 2009 der CSD, wegen Gewaltankündigungen gegenüber den Teilnehmern, abgesagt wurde. Daher musste die Regierung für den Weg einer erfolgreichen EU-Integration die Parade 2010 unterstützen: „I think the motivation of our government was, unfortunately, only to show how it aspires to those European

standards … but that is just an illusion, what we call a shell (školjka). Inside, in principle … i think a bigger part of the government didn´t support it at all.“ Dieses Zitat zeigt das eigentliche Problem der LGBT Gemeinschaft, die fehlende Unterstützung der Regierung bei den alltäglichen Problemen der Homosexuellen. So musste die serbische Regierung für die EU-Beobachter die Parade 2010 zwar mit polizeilichen Kräften unterstützen und beschützen, aber weitere Hilfe blieb aus. Auch rechtlich ist die Situation der LGBT Gemeinschaft schwierig: Erst 1994 ist Homosexualität in Serbien legalisiert worden, in Mazedonien 1996 und in Bosnien-Herzegowina. In Bosnien-Herzegowina wurde 2003 ein Antidiskriminierungsgesetz zum Schutz Homosexueller beschlossen, in Serbien war dies erst 2009 der Fall. So können nun homosexuelle Menschen Diskriminierung der Polizei melden, doch nur die wenigstens tun dies, wie aus folgenden Zitat der Vorsitzenden der Gemeinschaft „Queer Bosnia“ klar wird: "There are problems our community is faced with such as assaults that the victims don’t report to the police. Therefore, we cannot blame the state that the human rights of this population have not been respected, when even our very own members refuse to report this in fear of being bullied. In the end it looks like we don’t have any cases of discrimination at all.” Das Familienmodell in Südosteuropa ist vor allem in ländlichen Regionen noch konservativpatriarchalisch geprägt. So muss eine Familie aus Vater, Mutter und Kindern bestehen. Eine Abweichung von der Norm ist eine Schande für die gesamte Familie. Durch diesen Druck werden viele Menschen gezwungen sich ein Doppelleben aufzubauen, da sie keine Möglichkeit sehen, sich zu outen. Selbst im Film Parada wird das Problem des Doppellebens angesprochen und damit in

hier geht es doch nicht mehr um straight oder gay, dass sind

den öffentlichen Diskurs gebracht. „[

zwei Serbiens. Nur zwingt euch dieses Serbien jeden Tag etwas zu sein, was ihr nicht seid. Es zwingt euch immer sechs verschiedene Rollen zu erfüllen: eine für die Eltern, für die Freunde, für die Straße, für die Arbeit. Es zwingt euch einfach das zu sein, was ihr nicht seid.“ Es ist fragwürdig, wie viele Personen solch ein „Vorzeigeleben“ führen. Aber auch diejenigen, die sich

]

outen, haben Angst in der Öffentlichkeit zu ihrer Homosexualität zu stehen: "There is no acceptance of gay couples in public. It can be dangerous to go even to some of the few gay clubs in the region, because you are at risk of being beaten up when leaving the place." Das Zitat stammt zwar aus einem Bericht über Bosnien-Herzegowina, trifft aber auch auf die anderen südosteuropäischen Länder zu. Zum Beispiel hat sich das Leben von LGBT trotz mehrerer CSD in Serbien nicht verbessert. Die Parade 2010 wurde von sechstausend jungen Männern attackierte und musste daher von fünftausend Polizeibeamten und einem Helikopter begleitet werden. Einhundertfünfzig Menschen, vor allem Polizeibeamte, wurden verletzt. Die Parade wurde von zwei Belgrader NGOs veranstaltet, Gay Straight Alliance (GSA) und Queeria Centre. Interessanterweise finden sich auf den Fotografien des CSD keine serbische Fahnen, sondern nur die Europäischen Flagge, die Regenbogenflagge und sogar die Union Flag. Die serbische Fahne wurde von den Angreifern des CSD gehalten.

Das Essay sollte die Frage „warum denken Sie, dass „Gay Pride“ Paraden in den letzten Jahren das Ziel von organisierter Gewalt in vielen südosteuropäischen Städten waren“ beantworten und hat daher einige Gründe aufgezeigt, warum es in Südosteuropa noch immer eine Abneigung gegenüber homosexuellen Menschen gibt. So sorgt neben der Haltung der orthodoxen und der katholischen Kirche sowie des Islams (vor allem die Wahabiten) für eine starke negative Beeinflussung der Bevölkerung. Aber auch das konservative-patriarchalische Familienmodell und der starke Einfluss der Familie auf das einzelne Familienmitglied sorgen für eine homophobe Umgebung. Dazu kommt ein immer noch vorherrschender Nationalismus, der für seine Legitimation ein Feinbild benötigt. Homosexualität ist daher Schuld an der Verweichlichung der Männer und das „Verkommen“ von moralischen Werten. Auch sorgen homosexuelle Menschen, laut der Meinung einiger Nationalisten, nicht für den Erhalt der eigenen Nation, da sie (in der Regel) keine eigenen Kinder bekommen können. Häufig herrscht in Südosteuropa die Meinung vor, dass Homosexualität eine Krankheit sei oder wenn jemand Homosexuell sei, dann sollte er das bitte nicht öffentlich machen. Mit dieser Meinung zwingt man homosexuelle Menschen in ein Leben voller Lügen und Verstellungen. So sorgt gerade dieser Drang seine sexuelle Orientierung auszuleben und damit öffentlich zu machen, für Zündstoff in der südosteuropäischen Gesellschaft. Gerade weil Sexualität noch immer, vor allem in Bosnien-Herzegowina, ein Tabuthema ist. So ist alleine schon Kondome zu kaufen ein moralisches Verbrechen, für das man von der Supermarkt- Verkäuferin mit Blicken verurteilt wird. Auch spricht man nicht über sein Sexualleben, wenn überhaupt dann nur mit seinen Freunden. Wenn nun diese extreme Verklemmtheit auf eine Parade trifft, die ihre sexuelle Orientierung feiert, kann es nur zu Unverständnis kommen. Diese ganzen Gründe sorgen daher für eine aktive Gewaltbereitschaft bei jungen Menschen, auch weil die breite

Masse in ihrer Meinung hinter den Angreifern und nicht hinter den Opfern steht.

Literaturverzeichnis Bartetzko, Dieter: Über den Wolken, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung

[http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/papst-franziskus-zur-homosexualitaet-ueber-den-wolken-

12312303.html ] (abgerufen am 30.07.2013). Calic, Marie-Janine: Geschichte Jugoslawiens im zwanzigsten Jahrhundert. Jović, Dejan: Fear of becoming minority as a motivator of conflict in the former Yugoslavia.

Mikus, Marek: „State Pride“: Politics of LGBT Rights and Democratisation in „European Serbia“. Plazonic, Mirjana: Queer in the Balkans: Fighting Back. Richter, Simone: Journalisten zwischen den Fronten. Spiegel Online „Montenegro: Orthodoxer Priester weiht Platz nach Parade von Homosexuellen“

[http://www.spiegel.de/politik/ausland/orthodoxer-priester-in-montenegro-weiht-platz-

vonhomosexuellenparade-

a-913086.html ] (abgerufen am 30.07.2013).

Parada, 2011.

6