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Zwischen Sein und Setzen: Fichtes Kritik am dreifachen Absoluten der kantischen Philosophie Claudia Bickmann (Bremen)
Zwischen Sein und Setzen:
Fichtes Kritik am dreifachen Absoluten der kantischen Philosophie
Claudia Bickmann (Bremen)
Einführende Vorbemerkungen
Soll Kants Philosophie vollendet, seine Intention gewahrt und seine Kernfrage
durch die Wissenschaftslehre auf ein sicheres Fundament gestellt werden (SW
I, 114; GA IJ2, 275), so wird nicht allein diese Selbsteinschätzung von Fichtes
Versuch einer Erneuerung der Transzendentalphilosophie zu prüfen sein. Viel-
mehr wird neben dieser Idee einer erneuten Grundlegung der kantischen Phi-
losophie auch der Gegenpol zu betrachten sein, auf den sie in erweiternder
und vollendender Absicht bezogen ist. 1
Insofern Fichtes Kantkritik darum nicht allein die Fundamente seines eige-
nen Systemprogramms, sondern die des kantischen Systems gleichermaßen in
ihrem Kern berührt, möchte ich seine Kantkritik im folgenden zum Anlaß
nehmen, im Vergleich beider Systemansprüche über die Geltung eines solchen
Überbietungsversuchs zu entscheiden. Der Vergleich wird seinen Bezugspunkt
im Fundierungsgedanken suchen und dies zugleich so, daß vornehmlich mit
1. Zitatnachweise werden sowohl nach der von Immanuel Hennann Fichte herausgegebenen
eltbändigen Reihe Fichtes Werke (SW) als auch ergänzend durch die Belegstelle der Gesamtaus-
gabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, hrsg. v. R. Lauth (GA) angegeben. - Auch
für Kant, so argumentiert Fichte, sei die Möglichkeit allen Bewußtseins durch das reine Selbst-
bewußtsein bedingt; und insofern alles Bedingende dem Bedingten vorausgesetzt sei, so gelte für
die WL wie für Kant, daß eine systematische Ableitung des gesamten Bewußtseins bzw. des
Systems der Philosophie vom >reinen Ich< auszugehen habe. Für Kant sei der Inhalt jedoch - im
Unterschied zu den Grundsätzen der WL (SW I, 476/77; GA 1/4, 228/29) - durch etwas außer
dem Selbstbewußtsein begründet. Gleichwohl könne es als Kants Hauptverdienst gelten, die Phi-
10sophie zuerst mit Bewußtsein >von den äußeren Gegenständen abgezogen< zu haben. Nur sei er
hierin nicht konsequent verfahren (SW I, 479; GA 11/8, 231).
144 Claudia Bickmann Bezug auf die Wissenschaftslehre von 1804 Fichtes Kritik an der >dreifachen Wurzel
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Claudia Bickmann
Bezug auf die Wissenschaftslehre von 1804 Fichtes Kritik an der >dreifachen
Wurzel des kantischen Absoluten< (SW X, 101-103; GA 11/8, 24-27) zur
Sprache gebracht wird, an deren Vereinigung in einem höchsten einfachen
Prinzip Fichte in diesem Systementwurf gelegen ist (SW X, 96; GA 11/8, 14).
In einem ersten Schritt rückt somit zunächst Fichtes Erneuerungsversuch in
den Mittelpunkt der Betrachtung; im zweiten Schritt wird Kants eigener Ver-
such der Entwicklung und Entdeckung seines systemtragenden Prinzips zur
Sprache gebracht, um die Berechtigung des Fichteschen Deduktionsversuchs
im Horizont von Kants eigener regressiv-analytischer Annäherung an ein sol-
ches Prinzip
zu prüfen. 2
I. Das lichtende Urprinzip jenseits der Urdisjunktion von Denken und Sein in
Fichtes Systementwurf von 1804
1. Fichtes Depotenzierung des absoluten Subjekts (1794) und des absoluten
Wissens (1801) im gründenden Ur-Prinzip des Lichts
Wird mit der Idee des absoluten Ich in Fichtes Wissenschaftslehren von 1794
und von 1797 das Selbstbewußtsein absolut gesetzt und zum Ausgang der
Ableitung der Seinsbestimmungen gemacht, so wird ab 1800 seine Dezentrie-
rung in einer zweifachen Weise vorbereitet: Ist es zunächst in der WL von
1801 das absolute Wissen, das Fichte als gründendes Prinzip aller Seinsgedan-
ken bestimmt; so wird in der Wissenschaftslehre von 1804 die Idee des alles
gründenden Lichtes zum einigen Prinzip und mit diesem ein weiterer Schritt
der Einkehr in einen tieferen Seinsgrund vollzogen: Das sein Sein setzende
absolute Ich wie auch das absolute Wissen werden von diesem bestimmungs-
frei gedachten Absoluten selbst noch umgriffen: Erst in der »Selbstvernich-
tung des sich denkenden Ich« wie der Verneinung des sich wissenden Wis-
sens (SW X, 148; GA W8, 116) leuchtet jener Seinsgrund auf, der Denken
und Sein als lichtende Quelle vereint; erst der Ichverlust macht den Seinsge-
winn Gottes offenbar und erst die Überwindung des Willens zum Wissen läßt
jenes Licht erscheinen, das selbst noch das Wissen auf Gründe zu bringen
2. Vgl. zu dieser für Kants eigenes methodisches Vorgehen zentralen Unterscheidung zwi-
schen einem analytischen und einem synthetischen bzw. progressiven und regressiven Verfahren:
Kant: Logik, AA IX, A 230 ff.; zum Status eines Grundsatzes als Prinzip: Kant: Logik, ebd., A
172.
Zwischen Sein und Setzen 145 vermag (ebd.).3 So ist dieses Absolute nicht mehr durch das
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vermag (ebd.).3 So
ist
dieses Absolute nicht mehr durch das Denken gewiß,
sondern vielmehr nur jenseits der identifizierenden und differenzierenden
Funktionen des Denkens als Licht und Leben offenbar: das Denken nur die
Scheidung und Verbildlichung dieses unerreichbaren wie unerforschlichen Ur-
Prinzips (ebd.). Indem das sich denkende Denken seiner eigenen Grenze ge-
wahr wird, entdeckt es im lichtenden Ursprung des unvordenklichen Seins die
Quelle selbst seiner Seinsgedanken. Die Lichtmetaphorik und die Idee des
Plötzlichen und des
Augenblickes 4 indizieren Fichtes Wende zu einem sy-
sterntragenden Prinzip, das sich nur in einer unio mystica, nicht aber mehr der
begrifflichen Annäherung erschließt. 5 Aus der reflektierenden Abstraktion der
Wissenschaftslehre von 1794 (SW I, 91; GA 1/2, 255) ist eine absolute Ab-
straktion (SW 11, 63; GA 11/6, 195) geworden: Der Weg der Selbstbestim-
mung in Freiheit, mithin also die Idee des moralischen Ich, ist zugunsten der
Gewißheit der Gebundenheit der Freiheit an die Unbedingtheit und Abso-
lutheit des Wissens, bzw. eines unvordenklich Seienden, des göttlichen Lich-
tes, frei geworden. Licht und Begriff treten als >koincidierende Oppositionen<
in eine unauflösliche Spannung: In der WL von 1794 im Verhältnis von Sein
und Form des absoluten Ich der Struktur nach bereits angelegt, wird nun das
materiale, das genetische Prinzip des Lichts zum Bewegungsprinzip der in
sich differenten Einheit des Begriffs; der Begriff des Begriffs zur Form eines
Unbedingten, des Urprinzips, das sich im Lichte zwar zeigen, im Begriffe
aber nur wie in einem Bilde zur Erscheinung bringen läßt. Denn insofern sich
das Licht nur zeigt, wenn der Begriff vernichtet ist, entsteht gleichsam >als
der todte Absatz dieser Äußerung<: das »Sein an sich«, das aufgrund des ver-
nichteten Begriffes selbst »ein Unbegreifliches« wird (SW X, 118; GA 11/8,
59). Diesen Kemgedanken einer rationalen Mystik, mit der Fichte in einer ab
3. Vgl. SW X, 118ft.; GA 11/8, 59. Vgl. zum Kerngedanken der Lichtmetaphorik im Hori-
zont der johanneischen, pl~tonischen-neuplatonischenTradition: Werner Beierwaltes: Das Denken
des Einen, Frankfurt a. M. 1985; Edith Düsing: »Sittliches Streben und religiöse Vereinigung. Un-
tersuchungen zu Fichtes später Religionsphilosophie«, in: Religionsphilosophie und spekulative
Theologie. Der Streit um die göttlichen Dinge 1799-1812, hrsg. v. Walter Jaeschke, Hamburg
1994; Hans Michael Baumgartner: »Die Bestimmung des Absoluten. Ein Strukturvergleich der
Reflexionsfonnen bei 1. G. Fichte und Plotin«, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 34,
1980,321-342.
4. Vgl. SW X, 124; GA 11/8; ferner: SW X, 148; GA 11/8, 116. Und es ist ein »Ergriffen-
und Hingerissenwerden von der Evidenz, die nicht ich mache, sondern die sich selber macht«,
welche Fichte das »erscheinende Bild meines Vernichtetwerdens und Aufgehens in's reine Licht«
nennt (SW X, 148; GA 11/8, 116).
5. SW X, 163; GA 11/8, 143.
146 Claudia Bickmann soluten Reflexion 6 den Schein zu vernichten sucht, »als wäre im Selbstbe-
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Claudia Bickmann
soluten Reflexion 6 den Schein zu vernichten sucht, »als wäre im Selbstbe-
wußtsein die gründende Relation wie das Fundament des Seins zu gewinnen«,
führt er in seinem unvollendet gebliebenen Systementwurf von 1813 konse-
quent fort, indem hier das Wissen wie das Sein »durch und durch zum Bild«
wird; zum Bilde als der Erscheinung des Einen, des göttlichen Prinzips (SW
IX, 508). Gott - oder: das Licht - bleibt in seiner Unbegreiflichkeit allem
begrifflichen Wissen entzogen, auch wenn diese Unbegreiflichkeit sich als
Unbegreiflichkeit allein dem begrifflichen Wissen erschließt: Denn wir begrei-
fen - so sein Gedanke - allein seine Unbegreiflichkeit, nicht aber im Medi-
um des Denkens auch seinen Begriff (SW X, 115; GA 11/8,59).
Und so wie in der Wissenschaftslehre von 1797 dasjenige unmittelbare
Bewußtsein das Unbegreifliche ist, in welchem Subjekt und Objekt schlecht-
hin eines sind (SW I, 527; GA 1/4, 276), so ist in der Wissenschaftslehre von
1804 das Absolute unbegreiflich, »wenn der Begriff an ihm sich versucht«,
denn »diese Unbegreiflichkeit ist seine einzige Qualität« (SW X, 118; GA
II/8, 59). Nur in unmittelbarer Evidenz erschließt sich das Absolute als Expo-
nent und Korrelat des reinen Lichts (ebd.): Gleichwohl aber sind der Begriff
und das reine Sein durch das genetische Prinzip des Lichts in eine unmittelba-
re Verbindung gebracht, denn
»Soll es zur Äußerung und Realisation des absoluten Lichts kommen, so muß
der Begriff gesetzt seyn, um durch das unmittelbare Licht vernichtet zu werden;
denn darin eben besteht die Äußerung des reinen Lichts.« (Ebd.)
Und während die frühe Wissenschaftslehre in der Selbstanschauung des abso-
luten Ich zu einem Seinsgedanken findet, der im genetischen Prinzip der Tat-
handlung die Stelle der spinozanischen Substanz als das Substrat von Ich und
Nicht-Ich, bzw. von Intelligenz und Ausdehnung (SW I, 122; GA 1/2, 282)
eingenommen hat, so wird nun das Licht als dasjenige unbegreifliche Sein
aufgefaßt, als dessen Form der Begriff erscheinen kann (SW X, 119; GA 11/8,
61). Beide Systemorte: das absolute Ich wie das alles gründende Licht haben
somit vergleichbaren Rang und vergleichbare Funktion: Als gemeinschaftliche
Wurzel von Ich oder Nicht-Ich (SW I, 122; GA 1/2, 281/82), als das Substr~t
der Teilbarkeit, das Ich und Nicht-Ich - bzw. Denken und Sein - als seine
Momente (Attribute) in sich vereint, wird entweder vom absoluten Subjekt
oder aber später, vom alles gründenden genetischen Prinzip des Lichtes der
Ausgang genommen, so daß für Fichte gelten kann: Außer dem Einen Prinzip
6. Vgl. W. Janke: Fichte. Sein und Reflexion -
Grundlagen der kritischen Philosophie, Ber-
lin 1970.
Zwischen Sein und Setzen 147 des Lichts ist keines; weil sonst die Absoluten vervielfältigt würden,
Zwischen Sein und Setzen
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des Lichts ist keines; weil sonst die Absoluten vervielfältigt würden, und aus
dem Verhältnis zum Begriff und zum unbegreiflichen Sein ist - wie zuvor
aus dem absoluten Subjekt - als dem unbedingten Einheitspunkte alles ab-
zuleiten (vgl. SW X, 119; GA W8, 60).
2. Fichtes Kritik am dreifachen Absoluten der kantischen Philosophie
Hier nun scheint gewonnen, was Fichte als ein Desiderart der kantischen Phi-
losophie erschienen war: Kant, so lautet seine Kritik, habe sein Urprinzip
nicht eigentlich in »seiner reinen Selbständigkeit an und für sich« (SW X,
102; GA 11/8, 26) entwickelt. Obwohl er die >Einheit der Apperzeption< als
den Ort bezeichnet habe, der die Selbstanschauung des intelligiblen Ich mög-
lich mache, sei diese von Kant nicht zu einem eigenen Grundsatze fortentwik-
kelt worden (SW I, 99; GA 1/2, 262 u. SW I, 472; GA 1/4, 225). Ähnlich nun
gelange die von Kant in seiner Kritik der Urteilskraft behauptete >unerforsch-
liche Wurzel<, durch die die sinnliche mit der übersinnlichen Welt zusammen-
hänge, nicht zu deutlicher Bestimmtheit und für sich seiender Selbständigkeit
(SW X, 104/05; GA 11/8, 32/33). Vielmehr bildeten sich ihm, so seine Kritik
aus dem Jahre 1804, drei völlig getrennte Absolute heraus, von denen das
Letztere die beiden anderen als getrennte Nebenglieder so unerforschlich wie
unbegreiflich hervorgehen ließe (ebd.): Und während ihm in der Kritik der
reinen Vernunft noch die sinnliche Erfahrung als das Absolute gelte; die prak-
tische Vernunft die »moralische Welt« als ihr Absolutes etabliert habe, so
sollte das unerforschliche Absolute der dritten Kritik die Verbindung der bei-
den Nebenglieder aus sich hervorgehen lassen: Wie aber aus dieser uner-
forschlichen Wurzel, als dem Einen vereinigenden Prinzip das Sinnliche und
Übersinnliche in ihrer notwendigen inneren Verbindung abzuleiten sei, diese
- aller Philosophie so wesentliche Deduktionsaufgabe, - bliebe, so Fichtes
Einwände gegen die kantischen Rechtfertigungsversuche eines systemtragen-
den Prinzips -, ungelöst (SW X, 103/104; GA W8, 27-33): Verhindert sei
die Suche nach einem einsichtigen, für sich bestimmten Schlußstein seines
Systems durch solche Abstraktionen, die alle drei Kritiken auf ein je für sich
bestehendes Fundament stellten, aus dem eine innere Verbindung zwischen
den je angesetzten Absoluten nicht mehr herzuleiten sei.
a. Zunächst seien es die Ideen, die in der ersten Kritik eine nur >unempfeh-
lende< Würdigung fänden, indem dort die Empirie das wahre Absolute ver-
trete. Rudimentäre Ansätze zu einer positiven Gewichtung seien nur eine »In-
konsequenz mehr«. (SW X, 103; GA 11/8, 29) Doch habe »die höhere innere
Moralität des Mannes« (ebd.) den Philosophen berichtigt, und
J48 Claudia Bickmann b. in der zweiten Kritik, der moralischen Welt den Vorzug gelassen. War
J48
Claudia Bickmann
b. in der zweiten Kritik, der moralischen Welt den Vorzug gelassen. War
aber über der zuletzt »aufgestellten moralischen Welt, als der Einen Welt an
sich, die empirische verloren gegangen«, so sollte nun
c. zur Vergeltung, »daß sie zu erst die moralische vernichtet« habe, die
Kritik der Urteilskraft diesen Fehler bereinigen, indem diese beide Welten,
die übersinnliche und die sinnliche Welt, »in einer gemeinschaftlichen, aber
völlig unerforschlichen Wurzel, zusammenhängen müßten, welche Wurzel nun
das dritte absolute=y wäre« (SW X, 104; GA W8, 31). So habe Kant »durch
den letzten entscheidenden Schlag an seinem Lehrgebäude dasjenige, dessen
wir ihn beschuldigen, keineswegs verbessert, sondern es nur freimüthig ge-
standen und selbst aufgedeckt.« (SW X, 104; GA 11/8, 32) Es bleibe dem kan-
tischen System darum das Unverbundene eines dreifach angesetzten Absolu-
ten; und es fehle ihm damit ein einsichtiges Prinzip, in welchem die sinnliche
und die übersinnliche Welt zusammenhängen. Fichtes Kritik an dieser dreifa-
chen Wurzel, am Unverbundenen eines dreifach angesetzten Absoluten wird
im folgenden, soll die Kritik nicht ohne ein sachliches Fundament bleiben,
einen Blick auf Kants eigenes systemtragendes Prinzip erforderlich machen.
Dies soll am Leitfaden der Kritik am dreifachen Absoluten in drei Schritten
geschehen: Zunächst wird das methodische Verfahren zu betrachten sein, das
beide Konzeptionen bestimmt: Denn insofern Fichtes Kritik an der bloß fakti-
sche Evidenz der systemtragenden Prinzipien der kantischen Philosophie von
der Idee eines Ableitungsverfahren getragen ist, nach welchem diese Prinzi-
pien zugleich genetisch aus einem höchsten Einheitsglunde abzuleiten seien,
wird zunächst zu betrachten sein, warum Kant es bezogen auf die Annäherung
an sein höchstes Prinzip bei einer regressiv-analytischen Methode beläßt und
warum er dieses Prinzip nicht seinerseits erneut zum Ausgang von Ablei-
tungsbeziehungen nimmt, um aus diesem nach dem Muster einer Grundsatz-
philosophie die Formen des Denkens und des Seins abzuleiten. In einem zwei-
ten Schritt wird dann in einer knappen Schrittfolge nach der Berechtigung der
These von den drei getrennten Absoluten in der Philosophie Kants gefragt,
um drittens auf der Suche nach einem Schlußstein seines Systems auf Kants
Konzeption einer Moraltheologie zu verweisen, um in dieser eine Rechtfer-
tigung für seine regressiv-analytische Betrachtungsart zu finden.
3. Faktische und genetische Evidenz
Fichtes Kritik an der Unerforschlichkeit des systemtragenden Prinzips in
Kants Kritik der Urteilskraft mag zunächst verwundern: war er doch in dieser
Schrift selbst zum Gedanken der Unerforschlichkeit jenes Urprinzips vorge-
Zwischen Sein und Setzen 149 drungen. Der Nerv seiner Kritik kann darum in jener Qualität
Zwischen Sein und Setzen
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drungen. Der Nerv seiner Kritik kann darum in jener Qualität des Unerforsch-
lichen selbst nicht liegen, - wird doch das systemtragende Prinzip - so in
den Wissenschaftslehren ab 1804, - insofern es durch keine Begriffs- und
Theorieform mehr zu erfassen sei, nur mehr der Evidenz, dem unmittelbaren
Erleben offenbar, und damit in den Bereich des Unerforschlichen gerückt.
Fichtes Argument ist jedoch folgendes: Es mag das systemtragende Prinzip
zwar unerforschlich sein; seine Unbegreiflichkeit aber nicht als Unbegreiflich-
keit zu erfassen, heißt aber, nur mehr faktische Evidenz walten zu lassen, wo
genetische Evidenz als philosophische Leistung gefordert wäre (SW X, 11 O~
GA 11/8, 42/43): Und so ist es nicht diese Unbegreiflichkeit selbst, sondern
der Begriff dieser Unbegreiflichkeit, - die Einsicht in die Notwendigkeit und
Unausweichlichkeit in der Annahme eines Gründungsverhältnisses, das den
Begriff depotenziert und ein Vor- bzw. Außerbegriffliches als Ermöglichungs-
grund des Begriffs zur Sprache zu bringen vermag, - das die Grenzbestim-
mung unserer Wissensmöglichkeiten in einer abstrahierenden philosophischen
Reflexion allererst aufzuhellen vermag. Denn nicht der Begriff und die ihm
gemäße Theorieform in der Gestalt einer Grundsatzphilosophie erlauben Ein-
blicke in die Spannung zwischen dem Begriff und dem lichtenden Einheitsort
des Systems, (der sich nur der Evidenz wie dem Augenblick erschließt), son-
dern die Fundamente des philosophischen Wissens werden erst durch eine
Refiexionsfigur erreicht, welche die Entgegensetzung zwischen dem lichtenden
Urprinzip und der >Grunddisjunktion< von Denken und Sein ins Bewußtsein
zu heben vermag (SW X, 148 ff.; GA 11/8, 116), ohne dabei das Unvordenk-
liche des Seinsgrundes aus seiner Opposition und Spannung gegenüber der
Begriffsform zu lösen. Nur auf diese Weise könne es zugleich zum Ausgang
einer genetischen Betrachtung all derjenigen Scheidungen gemacht werden,
deren Urdisjunktion im Verhältnis von Denken und Sein zu finden sei. Das
Argument ist darum folgendes: Indem im Sinne der Wissenschaftslehre alle
Philosophie auf das Wissen an sich gerichtet ist, das Wissen aber nicht bloß
in seinem äußeren Dasein aufgegriffen und beschrieben werden kann, wenn
nicht bloß faktischen Evidenz - im Sinne der kantischen transzendentalen
Bestimmungen - herrschen soll, so wird allein die Beschreibung und Entdek-
kung eines genetischen Prinzips die innere Verbindung der sinnlichen und der
übersinnlichen Welt aus einer gemeinschaftlichen Wurzel begreiflich machen
können. Erst auf diese Weise soll die Vernunft die in ihr herrschenden >be-
wußtlos thätigen Gesetze< (SW X, 110; GA 11/8, 44) aus einem Prinzip ablei-
ten können, das die innere Verbindung von Sinnlichem und Übersinnlichen
begreiflich zu machen vermag. Fichtes Beschreibung einer solchen Verbin-
dung nach dem Muster des Organischen ist der Versuch der Konkretisierung
150 Claudia Bickmann eines solchen genetischen Prinzips, in dem Mechanisches und Zweckmäßiges, Sinnliches und
150
Claudia Bickmann
eines solchen genetischen Prinzips, in dem Mechanisches und Zweckmäßiges,
Sinnliches und Übersinnliches als vereint gedacht werden sollen (SW X, 115;
GA 11/8, 53). Die Einsicht in die zuvor nur bewußtlos tätigen Gesetze der
Vernunft ist dann eine Voraussetzung dafür, >alles Wandelbare aus ihm abzu-
leiten< und so der bloß faktischen Annahme eines Unerforschlichen in der
Beschreibung des systemtragenden Prinzips ein wahres generatives Prinzip an
die Stelle zu setzen. Dann erst könne Klarheit darüber verschafft werden, wie
aus
einer solchen Einheit »zugleich [
] zweien werden« können (SW X,
111;
GA ll/8, 44). Eine solche sich dirimierende Einheit werde allein durch eine
Synthesis apriori zu erreichen sein, die ineins auch Analysis sei, »indem sie
den Grund der Einheit und der Zweiheit zu gleich aufstellt« (ebd.).7
Auch wenn die Grundsatzphilosophie der frühen Wissenschaftslehre im ge-
netischen Prinzip des ursprünglichen göttlichen Lichtes in der WL von 1804
oder in der Liebe - so in der Anweisung zum seligen Leben 1806 - pro-
grammatisch überwunden scheint, indem der >unvordenkliche Seinsgrund< in
>Leben und Licht< keine grundsatztheoretische Fundierung mehr erlaubt, hat
die Suche nach einem systemtragenden Prinzip in dieser späten Fassung der
WL gleichermaßen die Funktion, im Ableitungsgrund des Systems ein geneti-
sches Prinzip zu finden, aus dem das Verhältnis von Denken und Sein, von
Sinnlichem und Übersinnlichem, als seine Urdisjunktionen begreiflich zu ma-
chen seien. Der Systemgrund soll nach dieser Systemkonzeption nicht auf
regressiv-analytischem Wege bloß erschlossen sein, sondern er soll - in ei-
ner umgekehrten Wegerichtung - durch seinen gleichermaßen synthetischen
Charakter die Genesis der Kategorien und mit diesen die logische Entwick-
lung des Verhältnisses von Denken und Sein aus sich heraussetzen können.
Denn während Kant zu den Bestimmungsgriinden unseres Denkens und Han-
delns bloß aufgestiegen sei, wäre es nun erforderlich, das metaphysische Sy-
stem in seinen Umrissen zu deduzieren und damit einen Ableitungsgang zu
versuchen, der vom Prinzip ausgehend das Verhältnis von Denken und Sein
als seine Derivate in den Blick zu nehmen vermag. Auf diese Weise allein
soll Klarheit darüber zu gewinnen sein, wie die Prinzipiate in ihrem Hervor-
gang aus dem höchsten Prinzip auf dieses bezogen sowie auf es zurück-
7. Gewahrt bleibt somit gegenüber der Konzeption von 1794/5 auch um 1804 das Moment
der Tätigkeit, das genetische Prinzip, das bereits im Begriffe der Tathandlung nicht ein bloßes
Faktum, sondern die Genese eines solchen Faktums in den Mittelpunkt rückt. In der Wissen-
schajtslehre von 1804 ist es das Licht, die bewegende Quelle aller Seinsgedanken wie des Seins
selbst, durch welche der Seinsgrund in eine sich entäußernde Bewegung gerät.
Zwischen Sein und Setzen 151 gewandt sind. 8 Für eine solche Idee des Hervorgangs aus
Zwischen Sein und Setzen
151
gewandt sind. 8 Für eine solche Idee des Hervorgangs aus einem höchsten
Prinzip wird darum das methodische Verfahren in der Beschreibung des Ver-
hältnisses von Prinzip und Prinzipiat entscheidend sein, da die Art des ge-
wählten Ableitungsduktus Auskunft darüber zu geben verspricht, ob das
grundsatzphilosophische Programm der frühen Wissenschajtslehre tatsächlich
verlassen ist, oder ob die Lichtmetaphorik der späteren Wissenschajtslehre
dem grundsatztheoretischen Programm von 1794 nur in verändertem Gewande
zu neuer Gestalt verhilft.
11. Kants Suche nach einem systemtragenden Prinzip: Im Rückschluß gewon-
nen
Die Idee des eines genetischen Prinzips, das nicht nur durch An- und Aus-
grenzung im Rückgang erschlossen, sondern das zugleich als Ableitungsgrund
und Ausgang aller Spaltungen dient, wird auf mindestens zweifache Weise
mit Kants Einwänden zu rechnen haben: Der erste betrifft die Möglichkeit, im
Bereiche des Noumenalen zu Erkenntnissen zu gelangen und ist erkenntnis-
theoretischer Natur;9 der zweite ist bezogen auf Fichtes eigenes Anliegen: auf
seine Suche nach einer allein durch Freiheit möglichen moralischen Welt und
ist kombiniert erkenntnistheoretischer/moralphilosophischer Natur. lO Hatte
nicht, so lautet die Frage, der Freiheitsgedanke es Kant gerade unmöglich
gemacht, einen Systementwurf zu konzipieren, in welchem quasi-genetisch
aus einem höchsten Ableitungsgrund auf die Prinzipiate geschlossen werden
kann? Wenn »Ableiten« das Schließen aus Prämissen nach Regeln meint,
müßte der apodiktische Charakter unserer Urteilskraft das Unbedingte und
Unableitbare der Ideen - in möglichen deduktiven Ableitungsgängen - in
eine >Wenn-dann-Relation< einspannen, und auf diesem Wege das Unbedingte
zerstören, das in allem Ausgang von einem Unbedingten begründet liegt. Ab-
leitung aus einem höchsten Prinzip wäre in diesem Sinne als eine nomologi-
sche Beziehung zwischen den Prämissen und einer Conclusio in einem
8. Der Ableitungsweg aus Platons Liniengleichnis scheint die Richtung zu weisen, vgl. Pla-
ton: Pol., 511 b8-c2.
9. Vgl. KrV, A 799 B 828: »Wenn auch drittens das Dasein einer höchsten Intelligenz bewie-
sen wäre; so würden wir uns zwar daraus das Zweckmäßige in der Welteinrichtung und Ordnung
im allgemeinen begreiflich machen, keineswegs aber befugt sein, irgend eine besondere Anstalt
und Ordnung daraus abzuleiten, oder, wo sie nicht wahrgenommen wird, darauf kühnlich zu
schließen«, da wir nicht dasjenige, was wir kennen, aus demjenigen ableiten können, »was wir
nicht kennen«.
10. Vgl.
KrV,
A 818 B 846 ff.
152 Claudia Bickmann Schlußverfahren aufgefaßt, wodurch das höchste Prinzip den Status einer Re- gel erhielte,
152
Claudia Bickmann
Schlußverfahren aufgefaßt, wodurch das höchste Prinzip den Status einer Re-
gel erhielte, deren Prädikate zu den Bedingungen gehören, unter denen das
Prinzipiierte allein gedacht und begriffen werden kann. Und eben darauf zielt
Fichtes Grundsatzphilosophie in seiner Wesensbestimmung der kritischen Phi-
losophie:
»Darin besteht das Wesen der kritischen Philosophie, dass ein absolutes Ich als
schlechthin unbedingt und durch nichts höheres bestiImnbar aufgestellt werde,
und wenn diese Philosophie aus diesem Grundsatze konsequent folgert, so wird
sie Wissenschaftslehre.« (SW I, 119; GA 1/2, 279)
Auf diesem Wege wird das systemtragende Prinzip in der Gestalt eines
Grund-Satzes zur Sprache gebracht und damit ein explizit Vor- oder Außer-
begriffliches (das absolute Ich gilt als schlechthin unbestinnnbar [SW I, 119;
GA 1/2, 279]) - in die Grenzen unseres Wissens eingespannt.!! Gegenüber
diesem Systemanspruch der Wissenschaftslehre, nach welchem die Prinzipien
der theoretischen und der praktischen Vernunft in einem einigen Ableitungs-
gang aus einem systemtragenden Prinzip zu deduzieren seien, wird Kants Su-
che nach einem Schlußstein des Systems nun in einem umgekehrten Wegesinn
vollzogen: Der Rückschluß auf ein Prinzip aller Prinzipien soll auf der Grund-
lage derjenigen Bedingungen vollzogen werden, unter denen ein solches Prin-
zip allein gedacht werden kann; nicht aber wird das solchermaßen im Rück-
gang Gewonnene umgekehrt auch von seinem Ausgang her bestimmt sein
können.!2 Denn läge das Ableitungsmuster der Folgerung aus Sätzen auf mög-
liche Sätze einem solchen Rückschluß auf transzendentale Bedingungen zu-
grunde, so müßte aus einem Kontingenten (den empitischen Sätzen) auf ein
Notwendiges (die apriorischen Formen des Gedachten) zu schließen sein.
Während aber allein logische Schlußverfahren auf notwendigen Verknüpfun-
gen zwischen Sätzen beruhen, ist der Rückschluß auf apriorische Bedingungen
kein Verhältnis zwischen Sätzen. Vielmehr wird in einer transzendentalen
Analyse in der Betrachtung eines Kontingenten dasjenige aufzufinden sein,
was den Grund der Möglichkeit des Kontingenten autbellen kann. Transzen-
dentale Analyse fragt somit in die Gründe der Möglichkeit hinein, ohne diese
selbst mehr als bloße Verhältnisse zwischen Sätzen zu begreifen. Und inso-
11. Im Grundsatzprogramm der frühen Wissenschaftslehre von 1794 wird der Systemgrund
noch innerhalb der Grenzen des Systems selbst zu rechtfertigen versucht, und somit - zirkulär
(SW I, 92; GA 1/2, 255/56) - mit den Mitteln und in denjenigen Formen expliziert, die aus ihm
allererst begreiflich zu machen sind.
12. Vgl. dazu: W. Cramer: Das Absolute und das Kontingente. Untersuchungen zum Sub-
stanzbegriff, Frankfurt a.M. 21976, S. 63 f.
Zwischen Sein und Setzen 153 fern eine transzendentale Analyse mit unseren Seinsgedanken sowie den in
Zwischen Sein und Setzen
153
fern eine transzendentale Analyse mit unseren Seinsgedanken sowie den in
diese eingelagerten apriorischen Formen befaßt ist, - eine logische Analyse
aber allein die Formen und Bestimmungsgründe des Denkens im Blicke hat,
- kann die Sphäre der Logik gegenüber einer transzendentalen Analyse auch
als abgeleitet, als sekundär gelten: Denn es können die Prinzipien der Logik
zwar im Horizonte transzendentaler Analyse betrachtet werden, - so in den
ersten drei Grundsätzen der Wissenschaftslehre von 1794, - nicht aber lassen
sich transzendentale Prinzipien ebenso umgekehrt aus rein logischen Operatio-
nen gewinnen. I3 Eine auf Freiheit gründende Seins- und Sollensordnung wird
im Sinne Kants das Prinzip ihrer Möglichkeit vielmehr in einem Unbedingten
zu suchen haben, durch das allein nur eine ins Offene gehende, je neu sich
entwerfende und bewährende Ordnung begründet, getragen und erhalten wer-
den kann. Soll darum mehr als eine Seinsordnung sich erschließen, die un-
ausgewickelt bereits in einer Ursubstanz - in der Gestalt eines Ur-ich oder
einer Ur-monade - enthalten ist, sondern soll mit dieser zugleich das Prinzip
einer auf Moralität gründenden freien Weltordnung gesetzt sein, so wird das
Genetische eines solchen Urprinzips an die Grenze des Ableitbaren stoßen,
wenn Freiheit möglich und die Welt unter moralischen Gesetzen kontingent
bleiben soll.
1. Das Schema zu einem möglichen Weltbegriff: Antizipation eines unendli-
chen Horizonts zur Bestimmung der>Idee in individuo<
Die Idee eines solchen Weltganzen, die sich das transzendentale Prinzip der
Zweckmäßigkeit in der Verbindung aller sinnlichen und sittlichen Zwecke zu
eigen macht, ist im Sinne Kants in einem Idealgedanken antizipiert, der selbst
wiederum Bestimmungsglund aller durchgängig bestimmten Größen genannt
werden kann. (KrV, 567 B 595) Diese >Idee in individuo< gilt ihm als uni-
versaler Prädikationsgrund in der Beschreibung und Bestimmung des Einzel-
nen wie der Ordnung insgesamt (KrV, A 571 B 599): Denn durchgängige
Bestimmung betrifft nicht allein die Form, sondern den Inhalt des Gedachten
(KrV, A 572 B 600) und wird so - im Idealgedanken - zur Maxime einer
Erkenntnisordnung (KrV, A 665 B 693), in der das Einzelne wie die Ordnung
wechselseitig integriert sind. Ein solches Wechselverhältnis von Teil und Gan-
zem bringt aber die Idee eines Ganzen vor den Teilen (KdU, A 287 B 291)
ins Spiel und mit dieser zugleich die Idee eines unendlichen Seinshorizontes,
der als Grund der Möglichkeit der Bestimmung des Einzelnen fungiert. Denn
13. Vgl. zum Verhältnis von Logik und Wissenschaftslehre: Fichte: SW I, 66; GA 1/2, 137.
154 Claudia Bickmann ein Einzelnes zu bestimmen, setzt die Idee des Alls der Realitäten, mithin
154
Claudia Bickmann
ein Einzelnes zu bestimmen, setzt die Idee des Alls der Realitäten, mithin also
die Idee einer omnitudo realitatis (KrV, A 575/6 B 604/5), voraus, welche als
Grund aller Prädikate nicht nur der wirklichen, sondern ebenso der möglichen
Welten antizipiert werden kann (KrV, A 573 B 601). Die Bestimmungen einer
gegebenen Ordnung werden durch Aus- und Eingrenzung aus jenem All der
Realitäten gewonnen, indem einer Sache diejenigen Prädikate zugesprochen
werden, die von ihr bejaht werden können, während die kontradiktorisch ent-
gegengesetzten zu verneinen sind. (KrV, A 571 B 599) Durch Ein- und Aus-
grenzung aus diesem universellen Prädikationsgrund in der Idee eines Alls der
Realitäten, wird der Begriff eines durchgängig bestimmten Ganzen,zu gewin-
nen sein, so daß mit der Antizipation dieses unendlichen Horizontes der letzte
transzendentale Bestimmungsgrund eines Weltbegriffes erreicht ist, der nicht
allein nur den kategorial bestimmten Formbegriff von einem >Gegenstande
überhaupt<, sondern ebenso die materialen Bestimmungsgründe des Gedachten
antizipiert: Und insofern ein solcher materialer Gegenstandsbegriff in einer
transzendentalen Analyse nicht apriori zu antizipieren ist, kann dieser allein
nur als regulatives Fundament und Leitziel in der Bestimmung eines sinnlich
Gegebenen fungieren. Und darum ist ein solcher unbedingter Sinnhorizont für
die durchgängige Bestimmung von Einzelnem und Ordnung unhintergehbar,
weil sich allein durch seine Antizipation zugleich die materiale Grundlage des
Gedachten erschließt. Der Ideenbegriff hat darum für unsere Erkenntnislei-
stungen die Funktion, als ein materialer Gegenstandsbegriff die Integration
der Verstandesfunktionen zum Begriffe einer durchgängig bestimmten Seins-
ordnung anzuleiten, indem er als integrierendes Prinzip über den verknüpfen-
den und trennenden Verstandesoperationen fungiert, um diese zur Einheit des
Gedachten zu führen. In dieser konstitutiven Funktion für unseren Erfahrungs-
begriff von Welt, wie seiner regulativen Funktion für die Gegenstände der
Erfahrung, ist er darum bereits integraler Bestand der ersten Kritik und er-
laubt so einen Ordnungsgedanken, der von der Idee der Übereinstimmung von
Sinnlichem und Übersinnlichem getragen ist. Insofern ein solches durchgängig
bestimmtes Ganzes aber stets aus zwei Quellen sich herleiten muß, wenn es
als Erjahrungsganzes durch freie Zwecksetzung auf Gründe gebracht werden
soll, so wird der Begriff von einem Weltganzen von der Idee einer Welt unter
moralischen Gesetzen zugleich unabtrennbar sein. 14 Eine solche, durch mora-
lische Zwecke allererst zu vollführende und zu vollendende Vernunftordnung
kann somit nicht eine Ordnung rein nur in und aus Ideen mehr sein, sondern
sie wird einen Weltbegriff erforderlich machen, dem weder die kategoriale
14. Vgl. KrV, A 800 B 828.
Zwischen Sein und Setzen 155 Beschreibung seiner Erscheinungen, noch die Intelligiblität der vernünftigen
Zwischen Sein und Setzen
155
Beschreibung seiner Erscheinungen, noch die Intelligiblität der vernünftigen
Zwecksetzung äußerlich sind. 15 Aus diesem G-runde kann die Idee einer
Zweckordnung nicht erst mit dem >Vemunftwesen Mensch< in Einsatz ge-
bracht werden, sondern ein solches Zweckmäßigkeitsprinzip muß bereits für
die Beschreibung der dynamisch bewegten Erscheinungsmannigfaltigkeit
selbst leitend sein, wenn sich uns die Natur nicht allein nach mechanischen
Gesetzen, sondern als ein zweckmäßig organisiertes Ganzes erschließen soll.16
Eine solche Übereinstimmung kontradiktorisch entgegengesetzter Prinzipien,
macht in einem weiteren Schritt dann die Angabe derjenigen Bedingungen
erforderlich, unter denen intelligible Kausalitäten, wie die auf Freiheit grün-
dende Ideenwelt, mit den Bedingungen der Erscheinungswelt kompatibel sein
können, wenn unsere Erkenntnisse auf Erfahrung gründen und unsere morali-
schen Zwecke in die erfahrbare Welt integrierbar sein
sollen. 17 Und es ist die-
ser Einheitsgedanke der sinnlichen mit der sittlichen, der übersinnlichen Welt,
der bereits den Systemgedanken der ersten Kritik prägt (KrV, A 815 B 843
ff.): Fichtes These, der Ideengedanke sei nur um den Preis einer Inkonsequenz
in Kants erster Kritik zur Sprache gebracht, trifft daher nicht die Intention
dieser ersten kantischen Kritik: In ihr wird der Ideengedanke vielmehr zum
Ausgang und Anhalt genommen, das Systemganze selbst als allein aus Ideen
begreiflich vorzustellen. 18 Und so verkennt Fichtes Kritik an der mangelnden
Verbindung zwischen den beiden Absoluten der ersten und zweiten Kritik -
(SW I, 99 f.; GA 1/2, 262 f.) die in Kants >Dialektik< der reinen Vernunft wie
im >Methodenteil< der ersten Kritik bereits entwickelte innere Verflechtung
von reiner Vemunftidee und operationalisierbarer Verstandesbasis, die ihrer-
seits als Voraussetzung dafür gilt, die Einwirkung auch der moralischen Be-
griffe auf unsere Weltbegriffe, mithin also den konstitutiven Ideengebrauch im
Bereiche der praktischen Vernunft uns begreiflich zu machen. (KrV, A 685 B
713)19 Fichte jedoch behauptet ihre unüberbrückbare Trennung in den zwei er-
sten Kritiken, um ihre nachträgliche Vereinigung am unbegreiflichen Abso-
luten der dritten Kritik scheitern zu sehen.
15. Vgl. KrV, A 809 B 837.
16. Vgl.
KdU,
A 285
B 289 ff.
17. Vgl. KrV, A 807 B 835.
18. Vgl. KrV, A 815 B 843 ff.: »Die Welt muß als aus einer Idee entsprungen vorgestellt
werden, wenn sie mit demjenigen Vernunftgebrauch, ohne welchen wir uns selbst der Vernunft
für unwürdig halten würden, nämlich dem moralischen, als welcher durchaus auf der Idee des
höchsten Guts beruht, zusammenstimmen soll.« (Ferner: KrV, A 645 B 674; A 669 B 698 ff.; A
678 B 706; A 686 B 714; A 697 B 725
ff.).
19. Vgl. auch Fn. 14; sowie: KrV, A 329 B 385/6; A 797 B 825 ff.
156 Claudia Bickmann Die unterschiedlichen Ausgangspunkte in der Bestimmung unserer theoreti- sehen wie unserer
156
Claudia Bickmann
Die unterschiedlichen Ausgangspunkte in der Bestimmung unserer theoreti-
sehen wie unserer praktischen Vernunft hatten Kant veranlaßt, beide Kritiken
in getrennten Argumentationsgängen zu entwickeln: denn insofern die theore-
tische Vernunft ein sich-Bestimmen in der Abhängigkeit von einem je Gege-
benen zum Gegenstande hat, wird sie im Sinnesfundament der Erfahrung den
Zugang zu einer Vermögensbeschreibung suchen, die apriori gewiß die Objek-
tivität des Gedachten garantieren kann. Insofern sie aber bezogen auf unsere
praktische Vernunft - in der Idee einer auf Freiheit gründenden moralischen
Welt - ein freies Sich-bestimmen sittlicher Wesen zum Zwecke hat, wird sie
vom Grundsatz der erstrebten Sollensordnung, dem Sittengebot, ihren Aus-
gang nehmen. 20 Da der Grundsatz der zweiten Kritik nun gleichfalls eine De-
duktion - oder Rechtfertigung aus einem Prinzip - erforderlich macht, wird
das einzige Faktum im Bereiche des Übersinnlichen: das moralische Gesetz,
als ein >Beweisgrund< für die Annahme eines Übersinnlichen gelten: 21 Frei-
heit, mithin also die Idee einer intelligiblen Kausalität, die durch jenen Grund-
satz beweiskräftig geworden ist, fungiert dann als das Nadelöhr zu einer Welt,
die in der Sphäre des Unbedingten, im Übersinnlichen einer Ideenordnung
ihre Wurzeln hat, so daß es zur Begründung der inneren Einheit von sinnli-
cher und intelligibler Welt der Reflexion auf ein Prinzip bedarf, das die Inte-
gration des Übersinnlichen in das Sinnesfundament unserer Erfahrung be-
greiflich machen kann. 22 Ihr genetisches Prinzip wird die Integrierbarkeit der
Ideen in eine durchgängig kausal bestimmte Erscheinungswelt zu rechtfertigen
haben, ohne je eine Seite auf die Bedingungen der anderen zu reduzieren. In
den folgenden Schritten seien kurz die Prinzipien skizziert, welche Kant im
abschließenden Einheitskonzept seiner dritten Kritik zu integrieren sucht:
2. >Deduktion< der Freiheit als Bestimmungsgrund der moralischen Welt
Hatte Kant es als das Ziel seiner ersten Kritik aufgefaßt, die Bedingungen zu
beschreiben, durch welche ein Einzelnes wie die Ordnung insgesamt als
durchgängig bestimmt vorgestellt werden können, so sollte in seinen Grenzen
ein Systemgedanke etabliert werden, der die Zweckbegriffe als seine höchsten
Einheitsbegriffe enthält. 23 Insofern aber die systematische Verbindung aller
Zwecke nur durch eine Idee zu gewinnen sei, die Ganzes und Teil wechselsei-
tig integrierbar macht, so ist mit dieser Zielsetzung der ersten Kritik die Un-
20. Vgl. KpV, A 77 ff.
21. Vgl. KpV, A 80 ff.
22. Vgl. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, BA XV; ferner: KrV, A 815 B 843.
23. Vgl.
KrV,
A
815 B 843
ff.
Zwischen Sein und Setzen 157 terstellung einer teleologisch beschreibbaren Ordnung verbunden, welche die Möglichkeit
Zwischen Sein und Setzen
157
terstellung einer teleologisch beschreibbaren Ordnung verbunden, welche die
Möglichkeit der Integration auch der moralischen Zwecke in die Erschei-
nungswelt zum Maßstab hat. 24 Die zweite Kritik sollte in der Bestimmung und
Beschreibung der Grundsätze, die auf dem Prinzip der Freiheit beruhen, die
konstitutive Funktion des Ideengedankens zur Sprache bringen, und so die
Ordnung auf ein Prinzip gründen, das von einer intelligiblen Kausalität ihren
Ausgang nimmt. Insofern diese aber als Grund und Substrat des höchsten Sit-
tengebotes nur einer, wie Kant es beschreibt, intellektuellen Anschauung zu-
gänglich ist,25 korrespondiert ihr logischer Status dem Rechtfertigungsgrund
der Kategorien: denn so, wie die Existenz des Ich, um Kategorien zu denken,
mit dem Denken bereits >gegeben< sein muß, so daß sich das einfache Ich nur
einer unmittelbaren Wahrnehmung erschließt (KrV, B 423 Anm.), so ist mit
dem höchsten Grundsatz der Sittlichkeit >Freiheit< ganz unmittelbar verbun-
den: Für beide Deduktionsversuche gilt darum analog: Mit der Form des Ge-
dachten - den Kategorien oder dem Sittengebot - ist die Materie - das
Sein des Ich oder der Freiheit - ganz unmittelbar gesetzt: Sie sind, weil sie
durch Akte des Denkens oder der Grundlegung unserer Moralität zugleich
gesetzt sind. 26 Und insofern beide ein Unmittelbares zum Ausdruck bringen,
das sich nur grundsatz- oder kategorienvermittelt erfassen läßt, ist das Vermö-
gen, sich dieser Prinzipien zu vergewissern, an eine unmittelbare Verbindung
von Intelligiblität und Anschauung gebunden, mithin also - wie Fichte es be-
schreibt, - an das Vermögen einer intellektuellen Anschauung, die nur mehr
dem Buchstaben, nicht aber der Sache nach unter die kantische Kritik an der
Möglichkeit intellektueller Anschauung fallen müßte. 27 In beiden Grundle-
24. Vgl. ebd., A 686 B 714 ff.
25. Vgl. KpV, A 55/56; vgl. dazu: Fichte: SW 1,472; GA 1,225; ferner: M. Frank: »Intellek-
tuale Anschauung. Drei Stellungnahmen zu einem Deutungsversuch von Selbstbewußtsein: Kant,
Fichte, Hölderlin/Novalis«, in: E. Behler und J. Hörisch: Die Aktualität der Frühromantik, Pader-
born u.a. 1987,96-127, hier: 105.
26. Vgl. entsprechend Fichte: SW I, 96; GA 1/2, 259: Das Ich ist, weil es gesetzt ist; ähn-
lich: KrV, B 133.
27. Der Sachverhalt, auf den sich Kants Einwände gegen die Möglichkeit einer intellektuellen
Anschauung bezieht, ist gegenüber dieser von Fichte beschriebenen Ineinsbildung eines Unmittel-
baren mit einem Vermittelten (oder der Ineinsbildung von Form und Materie) auf die Idee eines
übersinnlichen Gegenstandes bezogen, der sich - analog zu möglichen Gegenständen in Raum
und Zeit - auch nur einem übersinnlichen Anschauen erschließen würde: insofern wir aber ein
Übersinnliches gar nicht gegenstandsanalog denken können, ohne einer transzendentalen Subrep-
tion zu verfallen, wird es auch kein Organ für einen solchen übersinnlichen Gegenstand geben.
Das einfache Ich (das unseren Verknüpfungen in möglichen Vorstellungen oder Urteilen zugrun-
deliegt), ist aber - ähnlich wie für Fichte - bloß die materiale Seite einer mit dieser unmittelbar
verbundenen Form (d.en Kategorien als den Formen des Denkens). In unserer empirischen Er-
158 Claudia Bickmann gungsarten darum ganz unmittelbar vereint, wird die Suche nach einem Ver- bindungsglied
158
Claudia Bickmann
gungsarten darum ganz unmittelbar vereint, wird die Suche nach einem Ver-
bindungsglied zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem allein die Frage be-
treffen, ob es ein Prinzip gibt, das die Notwendigkeit ihrer Verbindung ein-
sichtig machen kann.
3. Kants Suche nach dem Schlußstein seines Systems: Physische Teleologie
vs. Ethikotheologie
Auch wenn mit dem Gedanken der Zweckmäßigkeit in der Organisation der
gesamten Seins- und Sollensordnung zugleich ein Zweckbegriff verbindlich
geworden ist, so ließ sich die Idee einer aus Zwecken möglichen Ordnung
jedoch nicht hinreichend im Horizont einer physischen Teleologie beschreiben
(KdU, A 403 B 408), da in dieser der Zweckbegriff so heterogen wie vielfal-
tig sein konnte (KrV, A 814 B 842). Die Idee der zweckmäßigen Überein-
stimmung aller in einer Welt unter moralischen Gesetzen machte den Gedan-
ken eines einigen Vernunftwesen - als Garant und Urbiltf 8 in der Bestim-
mung der Willen aller - möglich und notwendig. Daß die Annahme eines
solchen höchsten Urwesen für Kant unausweichlich ist, ist Resultat der Über-
legung, daß die Freiheitsidee, um realisierbar zu sein, auf einen Ordnungs-
gedanken verwiesen ist, in den Freiheit integrierbar sein muß, ohne die Bedin-
gungen der Erfahrungserkenntnis zu zerstören. 29 Kants These von der Freiheit
als dem Schlußsteine des Systems in seiner praktischen Vernunft erhält ihre
zentrale Stellung nicht im Horizont einer Lehre von der Wissenschaft aller
Wissenschaften, sondern vielmehr nur als Konstitutionsgrund einer möglichen
Ethikotheologie,30 die den Freiheitsgedanken an die Idee eines höchsten Urwe-
sens knüpft, nach dessen Urbilde allein eine auf Freiheit gründende Ordnung
zu errichten und vollführen sei. Denn insofern das Freiheitsgebot der prakti-
schen Vernunft nur die eine Seite in der Realisierung des höchsten Gutes dar-
stellen konnte, dessen andere Seite auf die Sphäre des Sinnlichen wie die dort
waltenden Zwecke der höchsten Glückseligkeit bezogen ist, so macht die Be-
kenntnis entstammt der Stoff auch im Sinne der Wissenschaftslehre - einer Erfahrungsquelle, die
Fichte mit >Affektion< bezeichnet. (SW 1,488; GA U4, 241) In der philosophischen Reflexion ist
der Stoff die Form, so daß hier die Form des Denkens zugleich selbst ist, was sie sieht. »Es
kommt sonach dem Inhalte der Philosophie keine andere Realität zu, als die des nothwendigen
Denkens, unter der Bedingung, daß man über den Grund der Erfahrung etwas denken wolle.«
(SW I, 449; GA U4, 207; ferner: SW I, 462; GA U4, 216: »das Denkende und das Gedachte« sind
hier dasselbe).
28. Vgl.
KrV,
A
569
B
597; A 578 B 606; A 673 B 701.
29. Vgl. KrV, A 697 B 725.
30. Vgl.
KrV, A 814 B 843 ff.; ferner:
KdU, A 406 B 411 ff.
Zwischen Sein und Setzen 159 dingung der Integration eines Unbedingten in die gegebene Erscheinungswelt ein
Zwischen Sein und Setzen
159
dingung der Integration eines Unbedingten in die gegebene Erscheinungswelt
ein noch höheres Prinzip erforderlich, wodurch die Einheit unserer höchsten
sittlichen mit unseren höchsten sinnlichen Zwecken allerst die Aussicht auf
ein glückseliges Leben freigeben kann?1 Und so wird der Ursprung des Welt-
ganzen zwar auf eine der unseren vergleichbaren Vernünftigkeit zurückzufüh-
ren sein; insofern wir aber eine solche in der Natur waltende Vernunft nicht
gegenstandsanalog als für sich seiende Wesenheit, oder als Intelligenz an sich,
mehr begreifen können, sondern diese nur in den Bewegungsprinzipien der
Natur selbst auffinden können, wird ihr Bewegungsprinzip nur so zu beschrei-
ben sein, als ob es einer höchst weisen Ursache entsprungen sei.
Die hypostatische Verwendung in der Bestimmung eines solchen Urwesens
ist dann nicht mehr allein aus erkenntniskritischen Erwägungen zu vermeiden,
sondern der Als-ob-Vorbehalt bezogen auf die Annahme eines göttlichen Ur-
prinzips ist im Sinne Kants ebenso dem Freiheitsgrundsatz der sittlich agie-
renden Einzelnen geschuldet: Wenn nämlich >eine Welt in freier Selbstbestim-
mung unter moralische Gesetze zu bringen< bedeutet, sie am Urbilde eines im
höchsten Maße Guten zu entwerfen, so wird ein solches Urbild als Ziel- und
Leitidee unseres HandeIns nicht selbst wiedenIm aus einem solchen ursprüng-
lichen Guten bloß >abzuleiten< sein, sondern es wird eine auf Freiheit grün-
dende Ordnung nur möglich machen, wenn wir die gegebene Welt so betrach-
ten, als sei sie allererst unter der Anleitung und am Maß einer solchen Idee
durch unser eigenes Dazutun zu gestalten und zu vervollkommnen. Aus die-
sem Grunde wird Kants Systemgedanke nicht auf ein Ableitungsprinzip bezo-
gen sein, aus dem quasi-genetisch die Seinsbestimmungen gewonnen werden
könnten, sondern er wird die Idee einer durchgängig bestimmten Weltord-
nung, - in der die höchsten sinnlichen und die höchsten sittlichen Zwecke
nicht einander entgegengesetzt sein müssen, - allein zur Maxime nehmen, sie
in unsren praktischen Weltvollzügen einer Erfüllung näherzubringen. Da eine
solche Zweckordnung in der Idee des höchsten Guts zugleich nur als Idee
antizipiert, nicht aber im Begriffe oder in der gegebenen Erfahrungswelt auch
als Idee realisiert werden kann, so wird sie sich unserer begrifflichen Bestim-
mung ebenso entziehen, wie sich - vergleichbar - auch Fichtes alles lich-
tendes Urprinzip des absoluten Seins oder des göttlichen Wesens (1804) (oder
- der Liebe [1806] -) nur unserem Zugang erschließt, wenn wir unser be-
griffliches Weltverhältnis hinter uns gelassen haben?2 Denn insofern der
Grund ihrer Übereinstimmung nur jenseits der Gegensätze von Sinnlichem
31. VgI.
KrV, A 816 B 844 ff.
32. VgI. SW X, 118; GA 1118, 59.
160 Claudia Bickmann und Übersinnlichem, von Denken und Sein, zu finden ist, so wird auch
160
Claudia Bickmann
und Übersinnlichem, von Denken und Sein, zu finden ist, so wird auch das
Medium des Begriffes für seine Explikation untauglich sein. Als das höchste
Substrat der gegebenen Seins- und Sollensordnung wird er darum auch im
Sinne Kants der erkennenden Vernunft entzogen bleiben, und einen wider-
spruchsfreien Begriff allein dadurch möglich machen, daß er in einem Urbilde
antizipiert, was in unseren praktischen Vollzügen zwar erstrebt, niemals aber
erreicht oder vollendet werden kann?3
III. Schlußbemerkung: Quasi-Deduktion der Vernunjtzwecke
Ein sich selbst genetisch entfaltendes Prinzip aber, an dessen Ausgang der
Grundsatz »Ich bin« (1794) oder aber das sich dirimierende, in die Urdisjunk-
tion von Denken und Sein spaltende Licht gestellt ist, macht gegenüber dieser
Herleitung des höchsten Urwesen im kantischen System von einem Ablei-
tungsverjahren Gebrauch, durch das mit den Kategorien ebenso der materiale
Gehalt des Gedachten auf Gründe zu bringen ist. Kant jedoch, indem er die
Materie des Gedachten aus einer >externen< Erfahrungsquelle herzuleiten
sucht, hat mit unserem perzipierenden Weltbezug ein erkenntnistheoretisches
Fundament geschaffen, durch welches auch das metaphysische System erst als
ein sich ins Offene entwerfendes, - dem ständigen Wandel und Falliblen
unseres Wissens wie dem Unzureichenden unseres sittlichen Wollens gegen-
über kontingentes - denkbar werden kann. Indem unsere Sinnlichkeit als
eine unreduzierbare Quelle unserer Erfahrungserkenntnis mit dem Übersinnli-
chen unseres sittlichen Weltbezugs je neu zu vermitteln ist, wird die Überein-
stimmung unserer sittlichen mit unseren sinnlichen Bestrebungen nur eine.
regulative Idee bleiben können. Und so wird sie für unsere theoretische Ver-
nunft so wenig ableitbar wie antizipierbar sein, wenn Freiheit. nicht ein bloßer
Gedanke und unsere Gedanken nicht bloß Derivate einer in sich verschlosse-
nen Subjektivität bleiben sollen. Ihre innere Verbindung kann aber allein
durch eine Moraltheologie gerechtfertigt werden, die sich am Maß der Frei-
heit aller die Idee des höchsten zu realisierenden Guten zum Leit- und Urbil-
de nimmt, um mit der Realisierbarkeit unserer moralischen Zwecke ihren Ep-
folg in einer Welt zu erhoffen, deren innere Gesetze unseren vernünftigen
Vermögen wie unseren sinnlichen Bestrebungen so unähnlich nicht sein kön-
nen. Da wir eine solche glückende Übereinstimmung unserer höchsten sinn-
33. Vgl. zum bloß negativen Begriff eines solchen Urwesens, dessen Begriff sich unserer
theoretischen Erkenntnis entzieht: KdU, A 474 B 480 ff.; KrV, A 675 B 703 ff.
Zwischen Sein und Setzen 161 lichen mit unseren höchsten sittlichen Zwecken somit nur erstreben und
Zwischen Sein und Setzen
161
lichen mit unseren höchsten sittlichen Zwecken somit nur erstreben und erhof-
fen, nicht aber begrifflich erfassen und rechtfertigen können, so ist die Idee
einer Deduktion der Vernunftzwecke aus einem höchsten Prinzip nur nach
dem Muster einer Als-ob Deduktion berechtigt: Nach dieser können wir den
Erfolg unseres Strebens erhoffen, weil er in einem höchsten Wesen das Sub-
strat der Übereinstimmung aller sinnlichen und übersinnlichen Zwecke finden
kann. Daß ein solches Wesen zwar gedacht, nicht aber erkannt, - geglaubt,
aber nicht gewußt werden kann, nimmt ihm nicht seine Funktion für die not-
wendige Übereinstimmung aller Vernunftzwecke untereinander. Vielmehr
kann umgekehrt gelten: insofern die erstrebte Vernunfteinheit der Zwecke nur
durch ein solches Prinzip eingesehen und gerechtfertigt werden kann, das die
Übereinstimmung unserer Zwecke untereinander auch erlaubt, ist seine An-
nahme für uns zugleich gerechtfertigt und - verbindlich.
Und ähnlich wie es zum Bestreben der späten Wissenschaftslehre Fichtes
gehört, diese Unbegreiflichkeit auf einen Begriff zu bringen, ohne sie in die-
sem zugleich zu neutralisieren, so kann Kants Leitidee im Horizont seiner
Moralphilosophie darin gesehen werden: An den Grenzen des Begriffs den
Blick für ein solches Prinzip zu öffnen, das allein dem Leben, der Liebe oder
dem hoffend-tätigen Weltbezug offensteht: Denn wir kennen nicht seinen Be-
griff, wohl aber begreifen wir seine Unbegreiflichkeit. 34
34. Vgl. Kants analoge Argumentation bezogen auf die praktische unbedingte Notwendigkeit
des moralischen Imperativs: KpV, BA 128.